Choi, Soon-Young: Friedrich Nietzsches Moralkritik. Versuch einer Metakritik

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Kapitel 3. Moral als passiver Nihilismus

Was heißt Nihilismus überhaupt bei Nietzsche?

„Es handelt sich ganz und gar nicht um die beste oder die schlechteste Welt: Nein oder Ja, das ist hier die Frage. Der nihilistische Instinkt sagt Nein; seine mildeste Behauptung ist, daß Nicht-sein besser ist als Sein, daß der Wille zum Nichts mehr Werth hat als der Wille zum Leben; seine strengste daß, wenn das Nichts die oberste Wünschbarkeit ist, dieses Leben, als Gegensatz dazu, absolut werthlos ist- verwerflich wird.“ <18>

In Kürze bedeutet der Nihilismus diesen Wille zum Nichts, der sich von ‚nicht wollen’ unterscheidet: „lieber will noch der Mensch das Nichts wollen, als nicht wollen.“ (G. M, S. 339, 412) Warum hat Nietzsche den gleichen Satz, den wir zweimal, im ersten und letzten Aphorismus, finden können, wiederholt? Was er damit hervorheben wollte, soll hier erklärt werden: der Unterschied zwischen ‚nicht wollen’ und ‚Nichts Wollen’. In welchem Zustand erfahren wir das ‚nicht wollen’? Wenn wir z.B. strapaziert sind, sind wir in kurzer Zeit in dem Zustand des ‚nicht wollen’. Aber nach der Erholung setzt der Mensch als ein Lebewesen seine Handlung, die immer mit einem bestimmten Zweck verbunden ist, wieder in Kraft. Nietzsches Analyse des Nihilismus betrifft nicht diesen Fall, weil der nur kurzfristige Pause bedeutet. Deswegen kann dieses ‚nicht wollen’ nicht als ‚Nichts wollen’ interpretiert werden. Seine Analyse zielt auf die pessimistische Philosophie Schopenhauers und den Buddhismus, die nach dem ‚nicht wollen’ auf Dauer als endliches Ziel trachten, z.B die ´Verneinung des Willens` und die daraus folgende ‚Erlösung vom Leiden’ bei Schopenhauer und das ‚Nirvana’ im Buddhismus. Warum hat Nietzsche das ‚nicht wollen’ auf Dauer als ‚Nichts wollen’ interpretiert? Nach Nietzsches Ansicht, ist das ‚nicht wollen’ auf Dauer dem Menschen, der als ein Lebewesen immer einen Stoffwechsel haben muß, wie ein Protoplasma, unmöglich, weil der Lebenstrieb sich in jedem Fall als Wollen durchsetzt (ewig ‚nicht wollen’ ist nur im Tod möglich), und dieser Trieb, etwas zu wollen, ist so stark, daß er sich auch dann noch durchsetzt, wenn es sich bei diesem etwas um das Nichts handelt. Jetzt wird klar, daß ‚Nichts wollen’ nicht ein Gegenteil des Willens (=‚nicht wollen’) ist, sondern eine Art des Willens, d.h. des Willens zum Nichts. <19> Der Nihilismus bedeutet diesen ‚Wille zum Nichts’: „der letzte Wille des Menschen, sein Wille zum Nichts, der Nihilismus.“ <20>

Nietzsche wollte durch die Kritik des ‚Willens zu Nichts’ den Willen befreien, den der Nihilismus verneint hat. Schopenhauer verneint den Willen, weil er diesen Willen für die Ursache des menschlichen Leidens gehalten hat. Um sich von diesem sinnlosen Leiden zu befreien, mußte Schopenhauer den Willen verneinen. (Nietzsches Kritik am Leiden wird in Kapitel 7.3 gründlich behandelt, wobei das unterschiedliche Verständnis des Leidens zwischen Nietzsche und dem Nihilismus vorgestellt wird.) Nietzsche wollte den Willen vom moralischen Joch Schopenhauers befreien. Nietz


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sche meint, daß die verneinende moralische Verurteilung den Willen verkrüppelt hat. Er wollte den Willen von dem moralischen Urteil befreien, damit er ihn regenerieren kann. Nietzsche Meinung nach steht der Wille jenseits von Gut und Böse. Der Wille soll jedenfalls als Natur bejaht werden. Er existiert unabhängig von moralischem Urteil. In diesem Sinne könnte seine Philosophie eine Art Vitalismus genannt werden. (Nietzsches härtester Gegner war das Christentum, das den Willen mit dem Begriff „Sünde“ eingeschränkt habe. Dies wird in Kapitel 5.4 und 5.5 gründlich behandelt.) Nietzsche kritisiert auch den Buddhismus als eine Verherrlichung des Nichts, der den asiatischen Nihilismus prägt. Aber er hat die Bedeutung des Nichts in der asiatischen Geisteswelt mißverstanden. Im Gegensatz zu Nietzsches Verständnis ist das Nichts kein negatives Moment im Buddhismus und Daoismus, sondern es ist ein wichtiges Moment der Welt. Es ist ein kosmologisches Prinzip, das mit dem menschlichen Willen nicht zu tun hat. Es darf deshalb nicht als ein ‚Wille zum Nichts’ unterschätzt werden.

„Da, wo es Gestalt gibt, gibt es die Leere, und da, wo es die Leere gibt, gibt es Gestalt. Leere und Gestalt sind nicht verschieden. “ <21>

„ >>Nichtsein<< nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.

>>Sein<< nenne ich die Mutter der Einzelwesen.

Darum führt die Richtung auf das Nichtsein

zum Schauen des wunderbaren Wesens,

die Richtung auf das Sein

zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.

Beides ist eins dem Ursprung nach

und nur verschieden durch den Namen.

In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.

Des Geheimnis noch tieferes Geheimnis

ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.“ <22>

Die Leerheit und das Nichts sind der wichtigste Anfang des Verstehens der Welt und des Ichs im Buddhismus und Daoismus. In diesem Fall hat die Leerheit und das Nichts keine Negativität im Sinne Nietzsches, wie der ‚Willen zum Nichts’. Nietzsches Kritik am asiatischen Nihilismus basiert auf einer begrifflichen Voraussetzung, wie den ‚Willen zum Nichts’, die fragwürdig ist. Und Nietzsche begreift den europäischen Nihilismus als eine geschichtliche Bewegung, die einige Vorbedingungen für ihre Erscheinung hat, z.B. den Untergang christlicher Werte. Dagegen sind die buddhistische Leerheit und das daoistische Nichts ein kosmologisches Prinzip, das mit Geschichtlichkeit nicht zu tun hat. Im vorliegenden Fall ist Nietzsches Begriff des Nihilismus, der auf die europäische Geschichte bezogen ist, unpassend angewendet. „Das Gefühl der Wertlosigkeit von Welt und Dasein entspringt bei Nietzsche einer historischen Erfahrung. Es setzt die europäische Metaphysik (und das Christentum) als seine Vorgeschichte voraus. Das Vergänglichkeitsgefühl im Buddhismus ist dagegen als geschichtsunabhängig zu sehen. Es drückt ein kosmologisches Grundprinzip der Welt und des Daseins aus, es kann zu jeder Zeit erfahen werden.“ <23>


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Woher kommt Nietzsche zufolge dieser unheimlichste aller Gäste (= Nihilismus)? Wie entsteht der Nihilismus? Was ist die Ursache des Nihilismus?

„1. Ausgangspunkt: es ist ein Irrthum, auf „sociale Nothstände“ oder „physiologische Entartung“ oder gar auf Corruption hinzuweisen als Ursache des Nihilismus. Diese erlauben immer noch ganz verschiedene Ausdeutungen, in der christlich-moral(lischen) steckt der Nihilismus“ <24>

Also sind nicht die obersten Werte, die das menschliche Sein im Ganzen auslegen, von irgend einer Gegenbewegung im Außen entwertet worden, sondern wurden von sich selbst her entwertet und aufgelöst. Darum erwähnt Nietzsche oft die Begriffe ‚Selbstaufhebung’ oder ‚Selbstüberwindung’ (vgl. G.M, S. 410). Nietzsches Verkündigung des Nihilismus können wir schon bei der Proklamation von ‚Gottes Tod’ in der Fröhlichen Wissenschaft, Aphorismus 125, begreifen, wenn wir diese Proklamation nicht bloß als die atheistische Erklärung, daß es keinen Gott gibt, wahrnehmen, sondern als die Entwertung aller bisherigen Werte der modernen Kultur im breiteren Sinne verstehen.

In Kapitel 3 wird die Moral eine passive Moral genannt. Damit wird schon eine andere Art des Nihilismus angedeutet, die des aktiven Nihilismus. Welcher Zustand ist der Nihilismus? Zeichnet er einen riesigen Untergang, eine Übergangsphase oder einen kommenden Aufgang vor?

„1. Der Nihilism ein normaler Zustand. Nihilism: es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das „Warum“ was bedeutet Nihilism?-daß die obersten Werthe sich entwerten.

Er ist zweideutig

A)) Nihilism als Zeichen der gesteigerten Macht des Geistes: als activer Nihilism.

Der Nihilism stellt einen pathologischen Zwischenzustand dar.

B)) Nihilism als Niedergang und Rückgang der Macht des Geistes: der passive Nihilism “ <25>

Nietzsche betrachtet den Nihilismus als zweideutig. Er kann eine Steigerung oder einen Niedergang der Macht andeuten. Aber warum wird die Moral im Gegensatz zum aktiven Nihilismus als passiver Nihilismus bezeichnet?

„Dies ist die Antinomie: so fern wir an die Moral glauben, verurtheilen wir Dasein....

Resultat: die moralischen Werthurtheile sind Verurtheilungen, Verneinungen, Moral ist die Abkehr


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vom Willen zum Dasein.“ <26>

Nietzsches Meinung nach schließt die Moral an sich die Möglichkeit der Steigerung des Lebens aus. (Ein anderer Grund, daß ich die Moral als passiven Nihilismus definiere, ist, daß die Moral eine Widernatur ist. Dies behandle ich in Kapitel 5.1 genauer.) Deswegen kann die Moral als ein ‚passiver Nihilismus’ begriffen werden.

Nietzsche benutzt neben dem Begriff ‚Nihilismus’ auch die Begriffe ‚Dekadenz’ und ‚Pessimismus’. Diese drei Begriffe scheinen sich zu ähneln. Ihr Unterschied soll hier klar untersucht werden, damit eine Verwechslung dieser Begriffe vermieden wird. Die begriffliche Beziehung zwischen décadence und Nihilismus soll als erstes erklärt werden.

„Begriff „décadence“

Der Abfall, Verfall, Ausschuß ist nichts, was an sich zu verurtheilen wäre: er ist eine notwendige Consequenz des Lebens, des Wachsthums am Leben. Die Erscheinung der décadence ist so nothwendig, wie irgend ein Aufgang und Vorwärts des Lebens: man hat es nicht in der Hand sie abzuschaffen.“ <27>

Nach Nietzsches biologischer bzw. physiologischer Auffassung des Lebens ist die Dekadenz ein normales Phänomen wie das Wachstum des Lebens. So wird uns noch klarer, warum der Nihilismus ein normaler Zustand ist, denn der Nihilismus ist nach Nietzsche die Logik der Dekadenz: „4. der Nihilism ist keine Ursache, sondern nur die Logik der décadence “ ( N1888, 14[86];13, 264-265). Der Nihilismus ist eine phänomenale Form der Dekadenz. Er ist ein Phänomen des dekadenten Lebens. Darum müssen wir, wenn wir den Sinn des Nihilismus Nietzsches deutlich interpretieren möchten, nach dem Sinn der ‚décadence’ bei Nietzsche fragen. Décadence ist Nietzsche zufolge eine phänomenale Form des degenerierten Lebens. Im Begriff ‚décadence’ findet man Nietzsches physiologisches Verständnis des Lebens, das vom Standpunkt des ‚Willen zur Macht’ menschliches Leben interpretiert. Aber es ist möglich, diesen Standpunkt Nietzsches in Frage zu stellen, da er auf einer Annahme über die menschliche Natur beruht, die durchaus nicht selbstverständlich ist. Der christliche Standpunkt hat z.B. eine ganz andere Prämisse, mit der er den Menschen und das Leben interpretiert. Im Gegensatz zu Nietzsche faßt der christliche Standpunkt den Menschen wesentlich als ein seelisches Lebewesen auf. Darum hat Jesus Christus seine Jünger gelehrt: „Der Geist ist‘s, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.“ (Johannes 6:63). Dagegen betont Nietzsche das Philosophieren am Leitfaden des Leibes (N 1885, 36[35];11, 565). Hier findet man eine Form des Kampfes ‚Judäa gegen Rom’ (G.M S. 286): Geist gegen Fleisch oder Seele gegen Leib. Nietzsche hält eine voraussetzungslose Wissenschaft für unsinnig und unmöglich. (G.M, S. 400) Philosphie soll Nietzsche zufolge der Wissenschaft, die sich nicht selbst einen Sinn und eine Richtung geben kann, Orientierung geben: „eine Philosophie, ein Glaube muss immer da sein, damit aus ihm die Wissenschaft eine Richtung, einen Sinn, eine Grenze, eine Methode, ein Recht auf Dasein gewinnt.“ <28> Nietzsches physiologisches Verständnis des Lebens basiert auf der philosophischen Prämisse, daß der Mensch ein leibhaftes Lebewesen ist. Nietzsches physiologisches Verständnis des Lebens begreift deshalb décadence als Krankheit des degenerierten Lebens. „Denn der Mensch ist kränker, unsicherer, wechselnder, unfestgestellter als irgend ein Thier sonst, daran ist kein Zweifel, - er ist das kranke Thier.“ <29> Die Krankheit liegt in seinem Leib. Der leibhafte Mensch wird hier als Tier geschildert.

Jesus Christus sieht auch ein, daß der Mensch krank ist. Um diese Krankheit zu heilen, ist er ge


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kommen: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.“ (Lukas 5:31) Aber er findet, daß die Heilung dieser Krankheit auf der seelischen Ebene liegt. (vgl. Johannes 6:63) Im Gegenteil findet Nietzsche, daß die Heilung auf der physiologischen Ebene liegt. Jesus und Nietzsche stellen total gegensätzliche Diagnosen. Im Grunde verstehen die beiden die Krankheit des Menschen gegensätzlich. Jener: Der Mensch als seelisches Lebewesen. Das Fleisch ist ihm unwesentlich. Dieser: Der Mensch als leibhaftes Lebewesen. Die Seele existiert nicht. Sie ist bloß eine religiöse Dichtung. Nietzsche hat deshalb so stark die Existenz der Seele verneint. Nietzsches Begriff der ‚décadence’ gründet sich auf das physiologische Verständnis des Lebens. Wenn man diese Prämisse nicht annimmt, verliert der Begriff der ‚décadence’ seine Geltung.

Wie im Vorliegenden gezeigt, hat Nietzsche in der Genealogie der Moral der irrationalen, voraussetzungsvollen Religion nicht eine rationale, voraussetzungsfreie Wissenschaft (=Physiologie) entgegengestellt, sondern eine Philosophie, die ebenso voraussetzungsreich ist wie ihr Gegner und die man mit guten Gründen bezweifeln kann. Gründsätzlich stehen die Philosophie und die nihilistische Religion im Gegensatz, nicht die Wissenschaft und die nihilistische Religion. Aber man kann auch die umgekehrte Meinung von Nietzsche im Antichrist finden. „Eine Religion, wie das Christentum, die sich an keinem Punkte mit der Wirklichkeit berührt, die sofort dahinfällt, sobald die Wirklichkeit auch nur an Einem Punkte zu Rechte kommt, muss billiger Weise der ,Weisheit der Welt’, will sagen der Wissenschaft, todfeind sein....Der Glaube als Imperativ ist das Veto gegen die Wissenschaft.“ <30> Hier stehen die Wissenschaft, die die Wirklichkeit berührt und die Religion, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat, im Gegensatz. Hier erscheint die Religion als eine große Lüge: „Der Christ, diese ultima ratio der Lüge.“ (A.C, 219). Wissenschaft ist hier selbstständig, so daß sie ohne Hilfe der Philosophie einen Sinn haben kann. Sie scheint eine wichtige Aufgabe gegen die Religion zu haben, damit sie gegen die religiöse Lüge eine wirkliche Wahrheit stellen kann. Wissenschaft wird hier so vorgestellt, daß sie mit dem Glauben nichts zu tun ist. Wissenschaft gegen Religion bedeutet damit wirkliche Wahrheit gegen religiöse Lüge. Aber in der Genealogie der Moral findet man eine andere Gegenüberstellung: Philosophie gegen Religion. Wissenschaft ist hier nicht selbstständig, weil sie nicht selbst einen Sinn schaffen kann. Darum braucht sie die Hilfe einer Philosophie, derer Grundsätze selbst nicht mehr wissenschaftlich gerechtfertigt werden können. Nietzsche hat keine klare Meinung von der Wissenschaft. Seine Gedanken schwanken zwischen einer anti-positivistischen Stellung in der Genealogie der Moral und einer positivistischen Stellung im Antichrist. Es wird in Kapitel 5.3 noch ausführlicher diskutiert, wie man diesen Widerspruch im Gesamtkontext von Nietzsches Philosophie verstehen soll.

Bisher habe ich versucht, den Begriff ‚décadence’ zu analysieren. Dieser Begriff soll von dem philosophischen Standpunkt Nietzsches: der physiologischen Aufffassung des Lebens interpretiert werden. Aber Nietzsches scharfsinniger Zweifel stoppt hier, wie Descartes Zweifel an einem Punkt gestoppt hat. Der Begriff ‚décadence’ und der darauf basierende Begriff ‚Nihlismus’ gründen sich auf eine fragwürdige Basis.

Nun soll die begriffliche Beziehung zwischen ‚Nihilismus’ und ‚Pessimismus’ erklärt werden. Welche Bedeutung hat der ‚Pessimismus` im Vergleich zum ‚Nihilismus`?

„Man hat nicht begriffen, was doch mit Händen zu greifen: daß Pessimismus kein Problem, sondern ein Symptom ist, - daß der Name ersetzt werden <müsse> durch Nihilismus.“ <31>

Im Gegensatz zu dem Begriff ‚décadence’ können wir ‚Pessimismus’ oder ‚Pessimist’ in den Werken Nietzsches von Anfang seines Schaffens an, z.B. G.T, sehr häufig finden. Dagegen können wir den Begriff ‚Dekadenz’ fast am Ende seines Schaffens finden <32> - aber natürlich bedeutet das nicht, daß Nietzsche das menschliche Leben nicht physiologisch betrachtet hat, bevor er den Be


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griff ‚Dekadenz’ verwendete. Es ist nicht einfach zu begreifen, mit welcher Absicht Nietzsche die Begriffe ‚Pessimismus’ und ‚Pessimist’ in einem konkreten Satz benutzt hat. Trotzdem, wenn ich es wage, die Bedeutung des ‚Pessimismus’ Nietzsches in Bezug auf das Nihilismusproblem unter Gefahr der Vereinfachung zusammenzufassen, könnte seine Anwendungsweise des ‚Pessimismus’ in zwei Richtungen zusammengefaßt werden. Vor Nietzsche gab es viele Pessimisten, die unter dem ‚Umsonstgefühl’ gelitten und nihilistische Phänomene gespürt haben, z.B. Schopenhauer. Den ‚Pessimismus’ des Vorgängers hat Nietzsche als eine Vorform des ‚Nihilismus’ bezeichnet: „der Pessimismus als Vorform des Nihilismus.“ (N1887, 10[58];12, 491) <33> Denn sie haben nicht die ganze Konsequenz des ‚Pessimismus’ zum vollständigen ‚Nihilismus’ nachvollzogen, sondern sie haben nur das Symptom des ‚Nihilismus’ gespürt. Aus diesem Grund wollte Nietzsche den ‚Pessimismus’ durch den ‚Nihilismus’ ersetzen, damit er noch klarer seine Ansichten zu den Pessimismus- und Nihilismusphänomenen darstellen konnte. Aber trotzdem erscheint das Wort ‚Pessimismus’ oft in Nietzsches Werken, z.B: ‚Pessimismus der Stärke’. <34> In diesem Fall könnte der Ausdruck ‚Pessimismus’ gleichbedeutend mit dem ‚Nihilismus’ betrachtet werden. Aber es ist doch klar, daß Nietzsche mit dem Abschied von dem unvollendeten Begriff ‚Pessimismus’ seiner Vorgänger seine Aufgabe und Fragestellung noch deutlicher formuliert hat <35>


Fußnoten:

<18>

Friedrich Nietzsche, N1888, 17[7]; 13, 528

<19>

„>>....oder selbst das Losgehen auf einen allgemeinen Nichts-Zustand<<, denn auch dieses Losgehen auf dieses Ziel hat noch einen >>Sinn<<. So sagt Nietzsche:>> ein Ziel, und selbst wenn es nur das Nichts ist, ist doch immer noch ein Sinn<<. Weshalb? Weil es einen Zweck hat, bzw. selbst der Zweck ist. Das Nichts ist ein Ziel? Gewiß, denn das Nichts-Wollen verstattet dem Willen immer noch zu wollen. Der Wille zur Zerstörung ist immer noch Wille. Und da Wollen ist sich-selbst-Wollen, verstattet selbst der Wille zum Nichts dem Willen immer noch: er selbst-der Wille-zu sein....Nicht das Nichts ist das, wovor der Wille zurückschreckt, sondern das Nichtwollen, die Vernichtung seiner Wesensmöglichkeit“, Martin Heidegger, Gesamtausgabe Bd. 48: Nietzsche: Der europäische Nihilismus, S. 56-57

<20>

Friedrich Nietzsche, a.a.O., S. 368

„...kann ja Nihilismus im Grunde nichts als anders als Wille zum Nichts, und in der Tat wird er von Nietzsche auch immer wieder so charakterisiert“, Wolfgang Müller-Lauter, Nietzsche: seine Philosophie der Gegensätze und die Gegensätze seiner Philosophie, S. 74

<21>

M. Percheron, Buddha, S.98

<22>

Laotse, Tao te King, S. 41

<23>

Kogaku Arifuku, Der aktive Nihilismus Nietzsches und der buddhistische Gedanke von _unyata (Leerheit), in Josef Simon (Hrsg.), Nietzsche und philosophische Tradition, S. 111-112

<24>

Friedrich Nietzsche, N 1885/86, 2[127]; 12, 125 „Nihilismus ist der Vorgang der Entwertung der bisherigen obersten Werte. Der Hinfall dieser Werte ist der Einsturz der bisherigen Wahrheit über das Seinende als solches im Ganzen. “

Martin Heidegger, Gesamtausgabe Bd. 50. 1. Nietzsches Metaphysik 2. Einleitung in die Philosophie Denken und Dichten, S. 23

<25>

Friedrich Nietzsche, N1887, 9[35]; 12, 350-351

„Beim doppelten Gebrauch des Begriffs „Nihilismus“, der auf der einen Seite ein polemisches Angriffsziel (das heißt eine zu bekämpfende alte und neue Dekadenz-Bewegung) bezeichnet, auf der anderen Seite eine notwendige Phase, die den Weg zu einem eigenständigen und bejahenden Leben öffnet, bieten die hier betrachteten Fragmente vorwiegend ein Zeugnis der positiven Wertung.“ Giorgio Colli, Nachwort zu den N1887/89; 13, S. 662

<26>

Friedrich Nietzsche, N1887, 10[192]; 12, 571

<27>

Friedrich Nietzsche, N 1888, 14[75]; 13, 255-256

<28>

Friedrich Nietzsche, G.M, S. 400

<29>

Friedrich Nietzsche, a.a.O., S.367

<30>

Friedrich Nietzsche, A.C, S. 225

<31>

Friedrich Nietzsche, N1888, 17[8];13, 529

<32>

Nietzsche hat den Begriff ‚decadence’ zum ersten Mal im Vorwort seines Werkes Der Fall Wagner benutzt.

<33>

„Deshalb ist die >>Vorform<< des eigentlichen Nihilismus der Pessimismus. Er verneint die bestehende Welt. Aber seine Verneinung ist zweideutig. Sie kann einfach den Niedergang und das Nichts wollen. Sie kann aber auch das Bestehende ablehnen und so eine Bahn für die neue Weltgestaltung freimachen. Hierdurch entfaltet sich der Pessimismus als Stärke.“ Martin Heidegger, a.a.O., S. 27

<34>

Friedrich Nietzsche, N1887, 10[21]; 12, 467

<35>

Wie im Gegensatz zwischen dem aktiven und dem passiven ‚Nihilismus’, kann man im Begriff des ‚Pessimismus’ Nietzsches einen ähnlichen Gegensatz finden, nämlich den ‚dionysischen’ und den ‚romantischen Pessimismus’. Vgl. F.W, S. 622


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