Choi, Soon-Young: Friedrich Nietzsches Moralkritik. Versuch einer Metakritik

15

Kapitel 4. Die Herren-Moral und die Sklaven-Moral

Nietzsche hat in der Genealogie der Moral ein herrliches Beispiel dafür gegeben, was Genealogie ist. In Kapitel 4 wird die erste Abhandlung ‚Gut und Böse, Gut und Schlecht’ dieses Buchs zusammengefaßt und erklärt. Die Genealogie als eine Methode der historischen Betrachtung haben wir schon in Kapitel 2.3 behandelt. Im Gegensatz dazu wird in diesem Kapitel die Genealogie der Moral anhand historischer Beispiele konkret vorgestellt.

4.1 Die Beziehung der Wertschätzung auf den Lebenszustand im Hinblick auf den Willen zur Macht

Im Titel von 4.1 stoßen wir auf drei Begriffe: die ‚Wertschätzung’, das ‚Leben’ und der ‚Wille zur Macht’. Diese drei Begriffe sind, wie der Titel lautet, zwar eng verschränkt, aber zum analytischen Vorteil werden sie hier getrennt untersucht: also zuerst die Beziehung zwischen der ‚Wertschätzung’ und dem ‚Leben’, dann zwischen dem ‚Leben’ und dem ‚Willen zur Macht’ und dann zwischen der ‚Wertschätzung’ und dem ‚Willen zur Macht’.

Nietzsche zufolge wird die Moral zum Gegenstand der Kritik, weil es keinen Wert an sich gibt, wie wir schon in Kapitel 2 gesehen haben.

„Wahrlich, die Menschen gaben sich alles ihr Gutes und Böses. Wahrlich, sie nahmen es nicht, sie fanden es nicht, nicht fiel es ihnen als Stimme vom Himmel.

Werthe legte erst der Mensch in die Dinge, sich zu erhalten,- er schuf erst den Dingen Sinn, einen Menschen-Sinn! Darum nennt er sich ´Mensch`, das ist: der Schätzende.“ <36>

Alle Werte sind Nietzsche zufolge gar nicht objektiv und absolut, sondern sie sind eine Interpretation des Lebens. Der Wert hat keinen Gegenstand, dem genau ein Wert entspricht. Nietzsches Kritik interessiert sich nicht dafür, ob ein Wert richtig oder falsch ist. Denn ein Wert als eine Interpretation hat mit richtig oder falsch nichts zu tun, sondern Nietzsches Interesse liegt darin, was eine Interpretation bedeutet, welche Lebensart diese Interpretation gebiert. Hinter einem Wert versucht Nietzsche eine Art des Lebens zu finden, d.h. eine Interpretation des Lebens. Nietzsches wichtigste Kritik des Wertes ist die Untersuchung, ob hinter einem Wert ein Lebensaufstieg oder ein Niedergang des Lebens steckt: „Ich unterscheide einen Typus des aufsteigenden Lebens und einen anderen des Verfalls, der Zersetzung, der Schwäche.“ (N 1887/88, 11[95]; 13, 481) In diesem Sinne wird eine Moral als ‚Wertschätzung’ zum Gegenstand der Kritik. Hierin kann man eine tiefe Beziehung zwischen dem Leben und der Wertschätzung des Menschen finden. Wir können damit feststellen, daß die Wertschätzung ohne das Leben nicht denkbar ist und sie ihm eigentlich entspringt.

„Wenn wir von Werthen reden, reden wir unter der Inspiration, unter der Optik des Lebens: das Leben selbst zwingt uns Werthe anzusetzen, das Leben selbst werthet durch uns, wenn wir Werthe ansetzen“ <37>


16

Wertschätzung ist eine grundlegende Handlung des Menschen. Mit dem Verstehen der Wertschätzung eines Menschen kann man analog schließen, wie er sein Leben versteht und interpretiert. Nietzsches Kritik des Wertes versucht diese ‚Wertschätzung’ zu verstehen, damit er die Menschen-Typen (Aufstieg oder Niedergang) unterscheiden kann.

Dann gehen wir zur Analyse der Beziehung zwischen dem ‚Leben’ und dem ‚Willen zur Macht’ über. Deutlich bedeutet für Nietzsche das Leben eine Art von ‚Willen zur Macht’: „Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern - so lehre ich`s dich - Wille zur Macht!“ (Z, S. 149) Mit dem Begriff ‚Wille zur Macht’ unterscheidet sich Nietzsche vom Schopenhauerischen ‚Wille zum Leben’ und vom Darwinschen Verständnis des Lebens. Nietzsche ist gegen Schopenhauer, weil Nietzsche zufolge sich das ‚Leben’ nicht um das ‚Leben’ bemüht. Das ist eine widersinnige Tautologie, wenn das ‚Leben’ das ‚Leben’ wollte. Nietzsche kritisiert auch das Darwinsche Konzept des Lebens, d.h. die Theorie vom ‚milieu’. Denn Darwin hat den Einfluß der äußeren Umstände überschätzt. Im Gegenteil übt das ‚Leben’ von Innen her auf den äußeren Umstand seine gestaltende Kraft aus. Also nutzt das Leben eher die Umstände aus, als es sich ihnen anzupassen versucht: „Das Leben ist nicht Anpassung innerer Bedingungen an äußere, sondern Wille zur Macht, der von innen her immer mehr ‚Äußeres’ sich unterwirft und einverleibt.“ (N 1886/87, 11[95]; 13, 304. 306) Darwin hat die innerlich gestaltende Kraft des Lebens übersehen. Im Gegenteil hat er die äußerlichen Bedingungen überschätzt. Nietzsche meint, daß das ‚Leben’ sich nicht um das ‚Leben’ und um die Anpassung bemüht, sondern um mehr Macht. Dieses Konzept des Lebens hat er mit dem Begriff ‚Wille zur Macht’ formuliert. Mit diesem Begriff kritisiert Nietzsche die schopenhauerische Philosophie und den Darwinismus. Der ‚Wille zur Macht’ ist ein Hauptbegriff von Nietzsches Philosophie, mit dem er das ‚Leben’ und die Welt interpretiert.

Zum Schluß soll die Beziehung zwischen der ‚Wertschätzung’ und dem ‚Willen zur Macht’ untersucht werden.

„Alle Werthschätzungen sind nur Folgen und engere Perspektiven im Dienste dieses Einen Willens: das Werthschätzen selbst ist nur dieser Wille zur Macht.“ <38>

Das Wertschätzen ist eine grundlegende Handlung des Menschen, mit einer Wertschätzung versucht man seinen Umstand zu verstehen und zu kontrollieren. Durch das Wertschätzen kann ein Mensch über seinen Umstand Macht ausüben. Deshalb ist Wertschätzen eine Aktion des ‚Willens zur Macht’. Darum betont Nietzsche, daß ohne das Schätzen die Nuss des Daseins hohl wäre. (Z, S. 75) Das Wertschätzen ist nicht nur ein ethisches Problem, sondern es ist auch ein ontologisches Problem. Menschliches Dasein ohne Wertschätzen ist Nietzsche zufolge unvorstellbar. Wertschätzen ist eine unentbehrliche Lebensbedingung. Nun kann die begriffliche Beziehung zusammengefaßt werden: ‚Wertschätzung’, ‚Leben’ und ‚Wille zur Macht’. Die Wertschätzung steht im Dienst des Lebens, das ein Wille zur Macht ist. Damit ist schon der Inhalt des Titels dieses Kapitels erläutert: die Beziehung der Wertschätzung auf den Lebenszustand im Hinblick auf den Willen zur Macht.

4.2 Der Aufstand der Sklaven in der Moral: Moral als Ressentiment und heimtückisches Machtmittel der Niedergeschlagenen

Der Mensch, der sich die Wertschätzung leistet, existiert in der Realität nur als ein Individuum, das zu einer Volksgruppe gehört. Auf der Welt gibt es verschiedene Völker, die eine eigene Gütertafel haben, wie Zarathustra gesehen hat. Also sind die verschiedenen Gütertafeln der verschiedenen Völker, die sich um die Herrschaft jener Gütertafeln streiten, sicher denkbar. Damit kann man leicht verstehen, was Nietzsche in der ersten Abhandlung der Genealogie der Moral geschrieben hat.


17

„Kommen wir zum Schluss. Die beiden entgegengesetzten Werthe ´gut und schlecht`, ´gut und böse` haben einen furchtbaren, Jahrtausende langen Kampf auf Erden gekämpft; und so gewiss auch der zweite Werthe seit langem im Übergewichte ist, so fehlt es doch auch jetzt noch nicht an Stellen, wo der Kampf unentschieden fortgekämpft wird. Man könnte selbst sagen, dass er inzwischen immer höher hinauf getragen und eben damit immer tiefer, immer geistiger geworden sei: so dass es heute vielleicht kein entscheidenderes Abzeichen der ´höheren Natur`, der geistigeren Natur giebt, als zwiespältig in jenem Sinne und wirklich noch ein Kampfplatz für jene Gegensätze zu sein. Das Symbol dieses Kampfes, in einer Schrift geschrieben, die über alle Menschengeschichte hinweg bisher lesbar blieb, heisst ´Rom gegen Judäa, Judäa gegen Rom`- es gab bisher kein grössres Ereignis als diesen Kampf, diese Fragestellung, diesen todfeindlichen Widerspruch.“ <39> (Hervorhebung v. Vf)

Bevor wir auf das Thema dieses todfeindlichen Kampfes zwischen Rom (gut und schlecht) und Judäa (gut und böse) eingehen, muß der Begriff ‚Ressentiment’ erklärt werden, damit wir die Geschichte dieses Kampfes überhaupt von Anfang an begreifen können. (Dazu habe ich schon die Moral als Ressentiment definiert.) In Kürze, ohne das genaue Verständnis des Begriffs ‚Ressentiments’, ist ein Verständnis der Moralkritik Nietzsches unvorstellbar. Zum Beispiel kann man, ohne den folgenden Satz Nietzsches in der ersten Abhandlung der Genealogie der Moral zu verstehen, die Moralkritik Nietzsches überhaupt nicht begreifen: „Der Sklavenaufstand in der Moral beginnt damit, dass das Ressentiment selbst schöpferisch wird und Werthe gebiert.“ <40> Die Entstehungsgeschichte der Moral im Kampf zwischen Rom und Judäa hängt eng mit dem ‚Ressentiment’ zusammen. Nietzsche kritisiert die christliche Moral (dazu gehören die anarchistische und sozialistische Moral) hart, weil sie eine rachsüchtige Moral ist. Hinter der christlichen Liebe findet Nietzsche z.B. tief liegende Ressentiments. Das Christentum ist deshalb Nietzsche zufolge eine heimtückische Lüge der Niedergeschlagenen: „ultima ratio der Lüge“. (A.C, S. 219) Mit dieser Lüge versuchen die jüdischen Sklaven, die politisch ohnmächtig sind, gegen die Römer zu kämpfen. Nietzsche versucht in heiliger Liebe verborgenes ‚Ressentiment’ zu finden: „Die Liebe, als ein Schleichweg zum Herzen des Mächtigeren, - um über ihn zu herrschen.“ (N 1886/87, 7[6]; 12, 275) ‚Ressentiment’ ist ein zentraler Begriff in Nietzsches Moralkritik. Aber Nietzsches Begriff ‚Ressentiment’ soll nicht nur auf das Gebiet der Moral beschränkt werden, weil er noch einen breiteren Sinn hat. Daher muß die philosophische Bedeutung des Begriffs ‚Ressentiment’ in den Gedanken Nietzsches insgesamt erklärt werden. Wenn man überhaupt von der Philosophie Nietzsches redet, werden die Wörter ‚der Übermensch’, ‚der Wille zur Macht’, ‚die ewige Wiederkehr des Gleichens’ und ‚der Nihilismus’ am meisten beachtet, wobei ‚Ressentiment’ trotz seiner zentralen philosophischen Bedeutung in der Philosophie Nietzsches relativ wenig Aufmerksamkeit erregt. Aber der Begriff ‚Ressentiment’ ist kein untergeordnetes Thema in Nietzsches Philosophie. Im Gegenteil hat Nietzsche sich sein ganzes Leben darum bemüht, die auf dem Ressentiment basierende Kultur zu überwinden. Dafür verwendet er die Begriffe ‚der Übermensch’, ‚der Wille zur Macht’, ‚die ewige Wiederkehr des Gleichen’ und ‚die Überwindung des Nihilismus’: „Denn dass der Mensch erlöst werde von der Rache: das ist mir die Brücke zur höchsten Hoffnung und ein Regenbogen nach langen Unwettern.“ (Z, 128) <41>


18

Nach Henning Ottmann kann der Begriff ‚Ressentiment’ in den folgenden 6 Punkten kurz zusammengefaßt werden: „(1) Wesentlich für Nietzsches Ressentimentbegriff ist zunächst einmal, daß er einen Sammelbegriff für Gefühle darstellt, die ´reaktiv` sind.

(2) Ressentiment geht Hand in Hand mit einer Verengung des Wahrnehmungsbereiches....

Der ´reaktive Mensch` hat es nötig, sein Objekt falsch und voreingenommen abzuschätzen. Ressentiment trübt das Auge; es sieht den eigenen Schaden allein, nie die andere Seite, so wie sie ist, oder so, wie sie der andere sieht.

(3) Zur Verengung des Wahrnehmungsbereiches tritt, was Scheler die ´Kausaltäuschung`, Nietzsche den Mechanismus nannte: „ ,Irgend Jemand muss schuld daran sein, dass ich mich schlecht befinde.´ “

(4) Der verengte Wahrnehmungsbereich und die zur Selbsttäuschung voranschreitende Verdrängung sind die ersten Hilfsmittel, mit denen das Ressentiment sich ´stark` macht und sich ein ´gutes Gewissen` verschafft. Es muß sich stark machen; denn es ist in seinem Kern Ohnmacht. Es ist, wie die endlose Rache, zur schlechten Unendlichkeit verdammt.

(5) Nietzsche hat diesen Umschlag von der verhinderten Rache in der Tat zur Leidzufügung als Wendung des Ressetiments zur ´imaginären Rache` beschrieben. Es ist dies der für ihn moralphilosophisch und kulturphilosophisch springende Punkt. Er zeigt die destruktive Kraft des Ressentiments, das nicht als Tat, aber als Phantasie, als Geist, als Religion, seine Rache ´imaginär` und doch höchst wirkungsvoll zu entfalten versteht. Aber es demonstriert darüber hinaus die eigenartig ´schöpferische` Destruktion des Ressentiments, das sich eine eigene Moral erzeugt, Moral, die aus der eigenen Schwäche Tugenden macht.

(6) Ressentiment ist das, wozu man sich nicht bekennen kann. Zu ihm gehört wesentlich die Verkleidung in ´objektive`, ´allgemeingültige` Forderungen, wie Gleichheit für alle, Gerechtigkeit, Menschenliebe...“ <42>

In Kürze kann der Begriff ‚Ressentiment’ auch auf drei Dimensionen verteilt untersucht werden: 1) das moralisch-politische Ressentiment (vgl. Kapitel 4.2.1: ´Gut/Schlecht gegen Gut/Böse`)

2) das religiöse Ressentiment (vgl. Kapitel 4.2.2: ´die entscheidende Rolle des Priesters´)

3) das metaphysische Ressentiment (vgl. Kapitel 5.3: ´Nietzsches Kritik der Metaphysik im Hinblick auf den Anti-Intellektualismus`)

4.2.1 Gut/Schlecht gegen Gut/Böse

Bevor die ausführliche Erklärung des todfeindlichen Gegensatzes zwischen ‚Gut/Schlecht’ und ‚Gut/Böse’ folgt, muß erst der Begriff des Sklaven genau erläutert werden. Denn wenn dieser Begriff falsch interpretiert wird, kann das ganze Thema des Gegensatzes von ‚Gut/Schlecht’ und ‚Gut/Böse’ völlig mißverstanden und noch schlechter zu grausamen politischen Zwecken mißbraucht werden, wie die Nazis es getan haben. „Was heißt jetzt ´schlechtweggekommen`? Vor Allem physiologisch: nicht mehr politisch.“ <43> Nietzsche hat nie den Begriff ‚Sklave’ mit einer ethni


19

schen oder sozialen Gruppe identifiziert. Der ‚Sklave’ ist Nietzsche zufolge ein rachgieriger Mensch. Wegen seiner Ohnmacht und seinem beständigen Leiden wird er rachsüchtig. Die begriffliche Beziehung der ‚Ohnmacht’ und des beständigen Leidens auf die Entstehung des ‚Ressentiments’ wird nun erläutert, wobei ich die Entstehung der ‚Sklaven-Moral’ behandele. Der Sklave ist ein Typus des Menschen. Er bedeutet keine Rasse oder soziale Gruppe. Deswegen darf Nietzsches Begriff ‚Schlechtweggekommen’ oder ‚Sklave’ nicht zum Zweck des ‚Antisemitismus’ verwendet werden. Nietzsche hat für ‚Antisemitismus’ nur Verachtung, weil der Antisemit ein rachgieriger Mensch ist: „Definition des Antisemiten: Neid, ressentiment, ohnmächtige Wuth als Leitmotiv im Instinkt.“ (N 1888, 21[7]; 13, 581) Die Nazis haben unglücklich Nietzsches Begriff ‚Schlechtweggekommen’ ausgenutzt. Wir müssen deshalb diesen Begriff richtig verstehen, damit eine unsinnige Wiederholung der Grausamkeit vermieden werden kann.

Nun kann der wichtigste Unterschied zwischen ‚vornehmer-Moral’ und ‚Sklaven-Moral’ im Hinblick auf ihre verschiedenen Entstehungsgänge erklärt werden; Spontaneität gegen Reaktivität.

„Gerade umgekehrt also wie bei dem Vornehmen, der den Grundbegriff ´gut` voraus und spontan, nämlich von sich aus concipirt und von da aus eine Vorstellung von ´schlecht` sich schafft! Dies ´schlecht` vornehmen Ursprungs und jenes ´böse` aus dem Braukessel des ungesättigen Hasses - das erste eine Nachschöpfung, ein Nebenher, eine Complementärfarbe, das Zweite dagegen das Original, der Anfang, die eigentlichen That in der Conception einer Sklaven-Moral - wie verschieden stehen die beiden scheinbar demselben Begriff ´gut` entgegengestellten Worte ´schlecht` und ´böse` da!“ <44>

Die Sklavenmoral braucht einen Gegenstand (=die vornehme Moral), worauf sie reagieren und woraus somit ihre eigene Moral gebären kann. Logischerweise wird zuerst die vornehme Moral vorgestellt, weil als Reaktion die Sklaven-Moral nur nach der Geburt der vornehmen Moral entstehen kann. Nietzsche fängt seine Untersuchung mit der Kritik der englischen Psychologen-Idiosynkrasie an, die von der begrifflichen Herkunft des Guten handelt. Sie finden die Herkunft des Guten in Nützlichkeit. Eine unegoistische Handlung wird z. B. von denen gelobt werden, denen sie erwiesen wurde, also denen sie nützlich war. Den englischen Psychologen zufolge wird ursprüngliches Lob im Verlauf der Zeit vergessen. Damit erscheint eine gute Handlung als etwas an sich Gutes. In der Erklärung der Entstehung des Guten sind die Nützlichkeit und das damit verbundene Lob Leitbegriffe. Dieser utilitarische Standpunkt wird von Nietzsche heftig bestritten. Er meint, daß mit der Nützlichkeit die gute Handlung nicht zu tun ist: „Der Werth eines Menschen liegt nicht in seiner Nützlichkeit: denn er bestünde fort, selbst wenn es Niemanden gäbe, dem er zu nützen wüßte.“ (N 1885/87, 10[31];12, 471) Und weil die höchste Tugend unnützlich und eine schenkende Tugend ist. (vgl. Z, 97) Eher aus der gestaltenden Lebenskraft des vornehmen Menschen wird der Begriff ‚gut’ geboren: „Aus diesem Pathos der Distanz heraus haben sie sich das Recht, Werthe zu schaffen, Namen der Werthe auszuprägen, erst genommen.“ (G.M, 259) Der Begriff ‚gut’ ist nicht passiv auf die anderen Menschen angewiesen. Vielmehr haben vornehme Menschen ihn selbst ausgeprägt. ‚Wertschätzung’ als ‚Wille zur Macht’ kann man auch hier noch mal spüren. Ein aktiv gestaltender ‚Wille zur Macht’ des vornehmen Menschen hat den Begriff ‚gut’ geboren. Englische Psychologen haben Nietzsche zufolge diese Rolle des ‚Willens zur Macht’ übersehen. Die vornehme Moral hat mit der Nützlichkeit und dem Lob nichts zu tun. Im Gegenteil ist sie aus dem Vornehmen heraus selbst aktiv und spontan entstanden. Mit diesem Zusammenhang hat Nietzsche die verschiedenen vornehmen Vorstellungen von dem Guten auf die gleiche Begriffs-Verwandlung zurückgeleitet: seelisch-vornehm, edel, seelisch-hochgeartet und seelisch privilegiert. (G.M, 261) Das ‚Pathos der Distanz’, das dem ‚Willen zur Macht’ entspringt, ist das wichtigste Moment der Wertschätzung des vornehmen Menschen. Die vornehme Moral ist spontan entstanden. Die Spontaneität ist eine besondere Beschaffenheit der vornehmen-Moral. „sie agirt und wächst spontan, sie sucht ihren Gegensatz nur auf, um zu sich selber noch dankbarer, noch frohlockender Ja


20

zu sagen,- ihr negativer Begriff ´niedrig` ´gemein` ´schlecht` ist nur ein nach gebornes blasses Contrastbild im Verhältniss zu ihrem positiven.“ <45>.

Nun soll der Sklavenaufstand in der Moral erklärt werden, der die vornehme Moral umgewertet und dabei zweitausendjährig und bis heute siegreich gemacht hat. Um die Reaktivität der Sklaven-Moral zu verstehen, soll die sozial-politische Lage der Sklaven und die damit eng zusammenhängende physiologische Lage erklärt werden. Daraus kann man verstehen, warum der Sklave ein Ressentiment-Mensch ist. Sklaven sind in der Lage, an andauernder Ohnmacht zu leiden. Wegen der andauernden Ohnmacht können sie nicht den Schmerz ihres Lebens umsetzen. Sie sind ohnmächtig, den Schmerz zu verdauen. Dagegen können die Herren mit verschiedenen Methoden den Schmerz umsetzen. Sie können mit den Personen, die ihnen Schmerz antun, direkt kämpfen, ein typisches Beispiel ist das Duell. Sie können durch andere Amüsements einfach den Schmerz vergessen. Im Gegenteil blockiert die Ohnmacht des Sklaven die Möglichkeit der Schmerzumsetzung. Darum ist das Leiden des Sklaven chronisch, anders als das des Herrn. Der chronische Schmerz verwandelt sich in geistige Rache. Durch die Affekt-Entladung (=Rache) betäuben und erleichtern die Sklaven ihren Schmerz. (G.M, 374) Die geistige Rache ist die einzige Möglichkeit, mit der ein Sklave seinen Schmerz stillen kann. Die besondere Beschaffenheit der Sklaven-Rache wird dadurch klar, wobei wir sie mit der Herren-Rache vergleichen. Das Gefühl der Rache ist eine heftige Emotion, die sich entladen soll. Die Rache des Herrn wird direkt entladen, oder sie wird nicht ernst genommen, denn ein Herren-Mensch kann noch stärkeren Schmerz verdauen als ein Sklave. Die Rache des Herrn ist extrovertiert, darum ist sie vorübergehend. Sie wird nicht verinnerlicht und in der Seele angehäuft: „Das Ressentiment des vornehmen Menschen selbst, wenn es an ihm auftrifft, vollzieht und erschöpft sich nämlich in einer sofortigen Reaktion, es vergiftet darum nicht.“ <46> Im Gegenteil wird die Rache der Sklaven, wegen ihrer Ohnmacht, introvertiert und angehäuft, wobei eine Vergiftung durch Rache an Leib und Seele entsteht: „einen Rachegedanken aber haben, ohne Kraft und Muth, ihn auszuführen, heisst ein chronisches Leiden, eine Vergiftung an Leib und Seele mit sich herumtragen.“ <47> Im Vergleich mit dem Herrn, ist der Sklave gegen den Schmerz sehr empfindlich, nicht weil er eine feine Empfindung hat, sondern weil er ein schwacher Mensch ist. Er wird zu leicht verletzt. Er kann den Schmerz nicht gut überwinden, wie der Herr es tut. Der Sklave ist ein extrem empfindlicher Mensch. Die Empfindlichkeit des Sklaven kann mit der Vergeßlichkeit des Herrn verglichen werden. In diesem Sinne ist die Vergeßlickeit Nietzsche zufolge eine unerläßliche Bedingung des gesunden Menschen: „Eben dieses notwendig vergessliche Thier, an dem das Vergessen eine Kraft eine Form der starken Gesundheit darstellt.“ <48> Daher ist der Sklave ein Dyspeptiker, der nicht gut Schmerz verdauen und nicht vergessen kann. Bisher wird der Prozeß der Umwandlung: Schmerz->Rache vom Sklaven erklärt. Der Sklave ist ein ohnmächtiger Mensch, der chronisch am Leben leidet. Er ist ein Typus des Menschen, der sich auch auf heutige Menschen bezieht. Den Menschen-Typus des Nietzscheschen Sklaven kann man auch in modernen demokratischen Gesellschaften finden.

Die zweite Übergangsphase der Sklaven-Moral bezieht sich auf den Begriff ‚Täter’, der für das Leiden der Sklaven verantwortlich zu scheint. Die Sklaven-Wertvorstellung erdichtet diesen Täter, damit die Sklaven ihre Schmerzen zum Ausgleich und in Ruhe bringen können. Denn die Rache braucht einen Gegenstand, an dem der rachgierige Affekt entladen werden kann. Der Täter wird als die Ursache des Leidens des Sklaven erdichtet. Auf diesen Vorwand (=Täter) hin kann nun die Rache entladen werden. Aber die Rache des Sklaven ist immer imaginär, sie kann nicht realisiert werden. Die imaginäre Beschaffenheit der Sklaven-Rache gebärt die pathologisch übermäßig introvertierte Welt des Sklaven. Aus diesem Grund nennt Nietzsche die Klugheit als eine Existenzbedingung des Sklaven: „Eine Rasse solcher Menschen des Ressentiment wird nothwendig endlich klüger sein als irgend eine vornehme Rasse, sie wird die Klugheit auch in ganz anderem Maasse ehren: nämlich als eine Existenzbedingung ersten Ranges, während die Klugheit bei vornehmen Menschen leicht einen feinen Beigeschmack von Luxus und Raffinement an sich hat.“ <49>


21

Auf keinen Fall bedeutet dieser Satz, daß die Vornehmen dumm sind. Es muß dann erklärt werden, was die Klugheit des Sklaven bedeutet und was bei der Umwandlung des Sklaven (Schmerz->Rache->Täter) entstanden ist. Der Schmerz wird gleichsam von der Gegenwart in die Vergangenheit, an einen Ausgangspunkt zurückverlegt, also an einen Täter. Durch die Zeitverschiebung des Schmerzes bekommen Sklaven die Möglichkeit, eine geistige Welt zu entwickeln: „Die menschliche Geschichte wäre eine gar zu dumme Sache ohne den Geist, der von den Ohnmächtigen her in sie gekommen ist.“ <50> Hiermit finden wir eine wichtige Rolle der Sklaven-Wertumwertung, die den menschlichen Geist entwickelt hat, aus dem der freie Geist geboren werden kann. Dieser Geist ist zwar ein Ressentiment-Geist, die Sklaven-Wertumwertung hat jedoch eine positive Rolle in der menschlichen Geschichte gespielt: die Entstehung des menschlichen Geistes. Die Überwindung des Ressentiment-Geistes ist eine wichtige Aufgabe des freien Geistes.

Bisher wurden drei wichtige Begriffe bei der Entstehung der Sklaven-Moral im Hinblick auf die Übergangsphasen vor Augen geführt: Schmerz->Rache->Täter. Das Ressentiment der Sklaven durch drei Übergangsphasen orientiert sich am Täter. Darum kann dieses Ressentiment als ein politisches Ressentiment definiert werden. Die Sklaven-Moral ist reaktiv. Denn sie entsteht, indem sie nur auf Herren-Moral reagiert. Diese Reaktivität hat Gilles Deleuze mit einem interessanten Satz geschildert: „Du bist böse, also bin ich gut.“ <51> Wie schon gesehen, fängt die Herren-Moral Nietzsche zufolge mit Begriffen wie: gut, vornehm, mächtig, schön, glücklich, gottgeliebt, usw. an. Im Gegenteil dazu beginnt die Sklaven-Moral mit Begriffen wie: böse, grausam, lüstern, unersättlich, gottlos, usw. Das Ressentiment ist einer der wichtigsten Anstösse, aus dem die Sklaven-Moral entsteht. Nietzsche kritisiert, daß die ,guten’ Begriffe der Herren-Moral durch das Giftauge des Ressentiments umgewertet wurde. (G.M, 274) Nietzsche hat eine typische Umwertung des Sklaven in der Bibel angeführt: „Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, was das nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme.“ (1 Korinther, 1: 26-29, A.C, 223)

Die christliche Moral ist Nietzsche zufolge ein Aufstand alles ‚Am-Boden-Kriechenden’ gegen das, was Höhe hat. (A.C, 218) Nietzsche denkt, daß Gottes Vorzug am oben genannten Satz schon ein Ressentiment ist. Die wichtigste Tugend des Christen, die Demut, wird deshalb von Nietzsche als eine rachgierige Tugend begriffen. Aber Demut ist für die Christen der einzige Verbindungsgang, der die Menschen zu Gott führt: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ (1 Petrus 5:5) Wie wir In Kapitel 4.2 gesehen haben, verurteilt Nietzsche das Christentum als eine größte Lüge. Er kritisiert damit die christliche Liebe als ein Ressentiment und ein heimtückisches Machtmittel der Niedergeschlagenen. Sie ist dem Wesen nach ein verborgener ‚Wille zur Macht’ der niedergeschlagenen Juden. Die freigeistige Wahrhaftigkeit soll Nietzsche zufolge deshalb die christlich lügnerische Wahrhaftigkeit (=Ressentiment) ersetzen. Er schildert diesen Prozeß als ‚Selbstaufhebung’ und ‚Selbstüberwindung’. (G.M, 410) Aber wie kann Nietzsche trotz der vielen Wahrheitsansprüche in der Bibel so entschlossen zu dem Urteil kommen, daß das Christentum eine verborgene Lüge ist?

„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ (2 Mose 20:16)

„Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht.“ (Römer 9:1)

„Gott, der Vater des Herrn Jesus, der gelobt sei in Ewigkeit, weiß, dass ich nicht lüge.“ (2 Korinther 11:31)

Wir müssen danach fragen, warum man an Nietzsches Wahrhaftigkeit glauben soll, warum man im Gegenteil die christliche Wahrhaftigkeit als Lüge verurteilen soll, aus welchem Grund Nietzsche dies so entschlossen feststellen kann. Seine harte Feststellung gründet sich auf seinen harten


22

Glauben, einen Atheismus, der die Verurteilung aller christlichen Ansprüche als Lüge gründlich legitimiert. In diesem Punkt ist die Struktur von Nietzsches Rede nicht anders als die Bibel. Beide Ansprüche basieren auf Glauben. Aber Nietzsches Anspruch ist eher weniger logisch als der der Bibel. Nietzsche setzt der wirklichkeitsfremden Religion (=Glaube) die wirklichkeitsentsprechende Wissenschaft entgegen, wie ich in Kapitel 3 dargelegt habe. (vgl. Zitat 13) Aber Nietzsches Wissenschaftlichkeit basiert eher auf seinen philosophischen Prämissen. Dagegen gründet die Bibel von Anfang an ihren Anspruch auf Glauben. Die Christen halten die Bibel für die Offenbarung Gottes. Gottes Absicht kann nicht, braucht nicht, darf nicht bewiesen werden. Darum ist es folgerichtig, daß das Christentum sich auf Glauben gründet. Der Glaube führt über die Grenzen des menschlichen Wissens hinaus. Der Glaube ist dem Christentum viel wichtiger als die Folgerichtigkeit, der sie sogar berechtigt. Das meint nicht, daß im Christentum die Dummheit und Unklarheit gelobt werden, sondern die Christen erkennen die Begrenztheit menschlichen Wissens an. Darum liegt die wichtigste Quelle der Erkenntnis des Christentums im Glauben: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis. Die Toren verachten Weisheit und Zucht.“ (Sprüche 1:7) Das besagt natürlich nicht, daß die menschliche Vernunft bedeutungslos ist, sondern sie soll sich auf den Glauben richten. Jesus Christus betont auch den Glauben im Sturm auf dem Galiläa-See, wenn seine Jünger sich vor dem Tod fürchten: „“Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? (Markus 4:40) Der Glaube ist hier schon eine Weisheit, mit der man einer kritischen Situation entkommen kann.

Wie wir in Kapitel 3 gesehen haben, schätzt Nietzsche, obwohl seine Gedanken unbemerkt zwischen positivistischer Wissenschaftlichkeit und anti-positivistischer Gesinnung schwanken, auf jeden Fall die aufklärerische Kraft der Wissenschaft. (Die Beziehung zwischen Wissenschaftlichkeit und ihren philosophischen Voraussetzungen wird weiter diskutiert, indem die Beziehung zwischen Wissenschaft und Philosophie bei Nietzsche insgesamt in Kapitel 5.3 behandelt wird.) Hier kann man noch ein Schlachtfeld zwischen Rom und Judäa finden. Das Erstere findet den Schlüssel der Erlösung im Wissen, das Letztere dagegen im Glauben. Rom gegen Judäa erscheint hier als Wissen gegen Glauben: „Die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus,....den Griechen eine Torheit“ (1. Korinther 1:22.23) Hinter den Entgegenstellungen: Rom gegen Judäa und davon ausgehend griechische Rationalität gegen christlichen Glauben und Renaissance gegen Reformation, kann man den Kampf zwischen Wissenschaftlichkeit und Glaube finden.

Wie wir bisher gesehen haben, lautet Nietzsches Hypothese: die christliche Moral (Gut/Böse) ist ein rachgieriger Aufstand der Niedergeschlagenen, weil sie eine heimtückische Lüge ist. Nietzsches Kritik der christlichen Moral basiert auf fragwürdigen Voraussetzungen. Die Gleichsetzung von Entstehung mit Geltung als eine fragwürdige Voraussetzung wird in Kapitel 5.1 kritisiert.

4.2.2 Die entscheidende Rolle des Priesters: die Richtungsveränderung des Ressentiments

Vor allem muß die Kritik an Jesus von den an seinen Jüngern, also den Priestern (besonders Paulus), unterschieden werden. Denn Nietzsche unterscheidet die beiden deutlich. Nietzsche zufolge haben wir zwei unterschiedliche Ebenen der Christentums-Kritik: die Kritik an Jesus Christus und die an den Priestern. (Dieser Unterschied wird später behandelt.) Darum darf die Kritik Nietzsches an den Priestern nicht direkt auf Jesus bezogen werden. Logischerweise wird Nietzsches Kritik an Jesus zunächst behandelt, denn die Priester haben nach Nietzsche Jesu Lehre verfälscht.

Nietzsches hauptsächliches Interesse liegt darin, welcher Typus Jesus ist: „Was mich angeht, ist der psychologische Typus des Erlösers.“ (A.C, 199) Nietzsche zeigt den Typus Jesus, indem er zwei Typen (Genie und Held) von Jesus bei Renan kritisiert. Gegen diese Typen bezeichnet Nietzsche Jesus mit dem Typus ‚Idiot’, der unfähig zum Widerstand ist. Nietzsche denkt, daß diese Unfähigkeit der christlichen Moral zugrunde liegt. (A.C, 199-200) Jesu Lehre kann als friedliche Liebe bezeichnet werden, die keinen Widerstand leistet. Er hat seine Lehre in seiner Lebenspraxis vollzogen, z. B. in seinem Tod am Kreuz. Die christliche Liebe ist nach Nietzsche in ihrem Kern nur eine Unfähigkeit zum Widerstand. Der Typus ‚Idiot’ bezeichnet diese Unfähigkeit. Die christliche Liebe ist den Christen die wertvollste Sache der Welt, die die sündhaften Menschen erlöst hat, im Gegenteil dazu ist sie Nietzsche bloß eine Unfähigkeit. Nietzsche hat den Wert der christlichen Liebe umgewertet. Die christliche Liebe ist Nietzsche zufolge ein Décadence-Phänomen: die Liebe als einzige und letzte Lebens-Möglichkeit. Er verfolgt die Ursache dieses Phänomens. Die Ursache


23

liegt in der Instinkt-Ausschließung aller Abneigung und Feindschaft, Folge einer extremen Leid- und Reizfähigkeit, welche jedes Widerstreben, Widersterben-Müssen als unerträgliche Unlust empfindet. (A.C, 201) Hier findet man wieder ein Sklaventum des Geistes: extreme Leidsempfindlichkeit, die wir in Kapitel 4.2.1 behandelt haben. Die Liebe Jesu ist nur Erscheinung, in ihrem Kern liegt Unfähigkeit und extreme Leidempfindlichkeit. Nietzsches Kritik an der Liebe Jesu endet nicht hier. Diese Liebe bedeutet auch Haß gegen die Realität. Liebe erscheint hier als eine Folge der Leidempfindlichkeit, die jede Berührung mit der Realität zu tief empfindet. Die Berührung verursacht das Leiden. Die Liebe ist nur Folge des Nein-Sagens gegen die Realität als Leidursache. Die hinter der Liebe liegende Leidempfindlichkeit und die daraus folgende Unfähigkeit sind Nietzsche zufolge das Wesen der christlichen Liebe. Diese zwei Erscheinungen: Leidempfindlichkeit und Unfähigkeit sind typische Décadence-Phänomene, die man auch beim Hedonismus finden kann. Nietzsche hat z.B. Epikur für ein Beispiel der hedonistischen Dekadenz gehalten. (A.C, 201) (Nietzsches Kritik des Hedonismus wird in Kapitel 7.3 noch ausführlicher behandelt, wo ich die philosophische Bedeutung des Leides behandele.)

„Die Furcht vor Schmerz, selbst vor dem Unendlich-Kleinen im Schmerz. Sie kann gar nicht anders enden als in einer Religion der Liebe.“ <52>

Nietzsches Kritik versucht die Maske der christlichen Liebe abzureißen. Jedenfalls ist Jesus nach Nietzsche kein Begründer des christlichen Ressentiments, weil er ein unfähiger Idiot ist. Man darf deshalb nicht aus den Augen verlieren, daß Nietzsche Jesus und seine Zöglinge - besonders Paulus - begrifflich unterschieden hat, d.h. Idiot und Ressentiment-Mensch. Trotzdem ist Nietzsches Kritik an der christlichen Liebe schon eine Kriegserklärung gegen das Christentum, weil die Liebe das Wesen des christlichen Gottes ist: „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1 Johannes 4:16) Die ganz gegensätzlichen Urteile über die Liebe werden ans Licht gezogen. Die Ursache dieses Gegensatzes soll nun untersucht werden. Wie ich in Kapitel 3 kurz erklärt habe, haben Nietzsche und das Christentum ganz gegensätzliche Standpunkte, von denen sie aus die Menschen und die Welt verstehen. Das unterschiedliche Verstehen der Liebe kann aus den gegensätzlichen Standpunkten erklärt werden. Der Leib ist Nietzsche viel wesentlicher als die lügnerische Seele und das oberflächliche Bewußtsein, das eine spätere Entwicklung des Leibes ist. Diesen Gedanken hat Nietzsche mit dem Begriff ‚Leitfaden des Leibes’ bezeichnet. (N 1885, 36[35];11, 565) Der Leib ist ein Organismus. Darum hat Nietzsche seine wissenschaftliche Methode ‚Physiologie’ genannt. Seine wichtigste Lehre der ‚Wille zur Macht’ entspringt einer physiologischen Betrachtung des Menschen. Das besagt natürlich nicht, daß der ‚Wille zur Macht’ bloß ein physiologischer Begriff ist. Er hat auch einen anderen Sinn: cosmologischen, der die Welt als ‚Wille zur Macht’ erklärt. Die Begriffe ‚Wille zur Macht’, ‚Physiologie’ und ‚Leib’ hängen eng zusammen. Sie können nicht getrennt verstanden werden. Im Gegenteil hat das Christentum ganz andere zentrale Begriffe, die Nietzsche einfach als Lüge verurteilt hat. In die Darstellung des christlichen Gottes können die zentralen Begriffe des Christentums induziert werden.

„Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.“ (1 Johannes 4:8)

„Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Johannes 4:24)

Man kann hier zwei Eigenschaften Gottes finden: Liebe und Geist. Der Mensch ist einziges Geschöpf, das nach dem Bild Gottes geschaffen wurde: „Und Gott sprach: lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.“ (1 Mose 1:26) Der Mensch ist Gott gleich gemacht worden, obwohl er wegen seines Sündenfalls seine gottgleichen Eigenschaften verfälscht hat. Trotzdem enthält der Mensch Gottes Eigenschaften: Liebe und Geist in verfälschter Gestalt. Gott ist ein liebevoller Geist. Man kann hier zwei unversöhnliche Gegensätze finden. Liebe gegen ‚Willen zur Macht’, Geist gegen Leib. Der erste Gegensatz wird nur hier behandelt, damit man das unter


24

schiedliche Verstehen der Liebe zwischen Christentum und Nietzsche deutlich begreifen kann. Letzteres wird später behandelt. Den zweiten Gegensatz zu erklären ist ein zentraler Inhalt des Kapitels 5.3: Nietzsches Kritik der Metaphysik im Hinblick auf den Anti-Intellektualismus: erkenntnistheoretische Betonung der Einheit des menschlichen Daseins als metaphysischer Zwiespalt zwischen Geist und Körper.

Nietzsche verurteilt den Wert der Liebe nicht vollkommen. Er verneint nur den Wert der christlichen Liebe als ‚Dekadenz’. Deswegen sollte man untersuchen, wie Nietzsche die rechtschaffene Liebe betrachtet hat. Die wertvolle Liebe Nietzsches schließt nicht Eifersucht, Neid, Wetbewerb und Haß im vornehmen Sinne aus. Sein Liebes-Begriff hat mit der menschlichen Aktivität zu tun, die eine Erscheinung des aktiven ‚Willens zur Macht’ ist, der wesentlich anders ist als christliche Liebe. „Will man einen Freund haben, so muss man auch für ihn Krieg führen wollen: und um Krieg zu führen, muss man Feind sein können....In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.“ <53> Der Gegensatz zwischen Nietzsche und Jesus erscheint hier als Aktivität (=Fähigkeit) gegen Unfähigkeit. Das Wesen der Welt einschließlich die Menschen werden vom Christentum und Nietzsche total unterschiedlich begriffen: ‚Gott ist die Liebe’ gegen ‚Willen zur Macht’. Das philosophische Prinzip des ‚Willen zur Macht’ ist seitens des Christentum partiell annehmbar, weil seit dem Sündenfall die Welt verdorben ist. Der Sündenfall hat den Gottes-Fluch in die Welt gebracht. Als Folge dieses Fluchs ist der Zwiespalt als Resultat der Sünde ausgebrochen, zwischen Gott und Menschen, Ich und Ich, Menschen und Menschen, Menschen und Natur und zwischen Natur und Natur. <54> Der Mensch wird aus dem Garten Eden gewiesen, wo er die direkte und klare Kommunikation mit Gott genossen hat. (1. Mose 3:23) Der Zwiespalt mit sich selbst und den anderen Menschen ist entstanden. Wegen der Angst, die sein Schuldbewußtsein hervorruft, versteckt Adam sich vor Gottes Ruf. Er versteckt sich auch wegen der Schande, weil er sich erst nach dem Sündenfall seiner Nacktheit schämt. (a.a.O., 3:10) Adam schiebt die Schuld auf seine Frau und die Schlange. Die harmonische menschliche Beziehung ist so in Zwiespalt geraten. (a.a.O., 3:12-13) Die Erde wird von Gott verflucht, damit der Mensch sich nur mit Mühsal von ihrer nähren kann. (a.a.O., 3:17) Und die Erde ist dem Mensch nicht mehr untertan. Der Mensch hat die Herrschaft, die Gott ihm gegeben hat, verloren. Die Natur widerstrebt ihm nun. (a.a.O., 1: 28, 3:18) Die Harmonie des Menschen mit den Tieren ist gebrochen. Sie haben nun Angst vor ihm. (a.a.O., 9:2) Der Sündenfall verursacht auch den Zwiespalt zwischen Natur und Natur. Die Sintflut vertilgt alles Lebendige. (a.a.O., 7:4) Der Sündenfall verursacht das erste Verbluten eines Tieres (a.a.O., 3:21) Vor dem Sündenfall ernährte sich der Mensch vegetarisch. Nun hat die Fleischkost begonnen. (a.a.O., 1: 29, 9:3) Die friedliche, liebevolle und harmonische Welt vor dem Sündenfall, die durch die Wiederkunft des Heilandes wieder hergestellt werden soll, kann man aus der Vorhersage des Propheten Jesaja erraten.

„Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben....und Löwen werden Stroh fressen.“ (Jesaja 11:6-7)

Jesajas Weltanschauung kritisiert Nietzsche in zwei Punkten. Erstens ist die Vorstellung des Stroh fressenden Löwen ein heimtückisches Ressentiment der Christen, die nicht den Löwe bekämpfen können, unter dem Vorwand der friedlichen Liebe.. Sie wollen mit dieser Liebe die stärkste Waffe des Löwen entwaffnen, damit er seinen ‚Willen zur Macht’ verneint. Aus diesem Grunde denkt Nietzsche, daß die christliche Liebe aus dem Ressentiment entstanden ist. „Dass man aber ja nicht vermeine, sie (=die christliche Liebe) sei etwa als die eigentliche Verneinung jenes Durstes nach Rache, als der Gegensatz des jüdischen Hasses emporgewachsen! Nein, das Umgekehrte ist die Wahrheit! Diese Liebe wuchs aus ihm heraus.“ <55>

Nietzsche kritisiert, daß ‚Gott ist Liebe’ im Grunde ein rachgieriger Gedanke ist.

Zwietens bedeutet Jesajas Vorstellung eine Verneinung der Welt, die wesentlich ‚Wille zur Macht’


25

ist. Die an dieser Welt leidende Menschen haben ihren Gegensatz erfunden. Das ist das Wesen der kampflosen, liebevollen Welt des Christentums. Hier findet Nietzsche ein metaphysisches Ressentiment, das Jenseits-Vorstellungen hervorbringt. (Dies wird in Kapitel 5.3: Nietzsches Kritik der Metaphysik im Hinblick auf den Anti-Intellektualismus, noch gründlicher behandelt) Im Christentum gibt es einen Zwiespalt zwischen zwei den Welten, die perfekte sündenfreie Welt, Gottes Reich, und die sündhafte Welt, die menschliche Welt. Der ‚Wille zur Macht’ kann vom Christentum als eine Auffaßung dieser menschlichen Welt akzeptiert werden. Aber der christliche Schwerpunkt liegt nicht in dieser menschlichen Welt, sondern in der Wiederherstellung von Gottes Reich. Jetzt kann man leicht begreifen, warum Nietzsche den christlichen Begriff der ‚Sünde’ aus der Welt schaffen wollte. Er mußte diesen Begriff verneinen, damit er den Zwiespalt der zwei Welten überwinden konnte und damit einzig die menschliche Welt bejahen konnte. Um den ‚Willen zur Macht’ gegen die christliche Weltauffaßung aufrecht zu erhalten, muß Nietzsche logischerweise den Begriff ‚Sünde’ verurteilen. Daraus resultiert seine neue Weltauffassung: die ‚Unschuld der Welt’, einschließlich der Menschen (Dies wird in Kapitel 5.5: Die Kritik des freien Willens und die Unverantwortlichkeit der moralischen Handlungen, ausführlich behandelt) Die sündenfreie, unschuldige Welt wird von Nietzsche endlich mit dem Begriff ‚ewige Wiederkehr des Gleichen’ bezeichnet. (Dies wird in Kapitel 7.2: Die Lehre der ewigen Wiederkehr des Gleichen, ausführlich behandelt) Hier findet man noch andere Gegensätze zwischen Christentum und Nietzsche: die sündhafte Welt gegen die unschuldige Welt, das ewige Reich Gottes gegen die ewige Wiederkehr des Gleichen und die christliche Verneinung gegen Nietzsches Bejahung. Die christliche Bejahung kann nur nach der Verneinung kommen, weil ohne Bekenntnis der Sündhaftigkeit des Ichs und der Welt das Christentum überhaupt nicht existieren kann. Die Sehnsucht nach Gottes Reich z. B. kann nur nach der Verneinung der sündhaften menschlichen Welt existieren. Diese Negativität hat Nietzsche scharfsinnig registriert. Er versucht deshalb ohne Verneinung, Menschen und Welt zu bejahen. Das Christentum begreift den Sündenfall als geschichtliche Realität, den die ersten Menschen - Adam und seine Frau - in die Welt gebracht haben. Dagegen denkt Nietzsche, daß der Sündenfall eine bloße Einbildung ist, die der Ressentiment-Mensch erfunden hat. Den oben dargelegten drei Gegensätzen liegen diese unterschiedlichen Gedanken zugrunde.

Logischerweise liegt Nietzsche zufolge die Ursache der Zwiespalte nicht im Sündenfall. Der Zwiespalt zwischen Gott und den Menschen existiert nicht, weil Gott nicht existiert. Darum bedeutet dieser Zwiespalt eine Selbstverkleinerung des Menschen. Der Zwiespalt zwischen Ich und Ich wird von Nietzsche als menschliche Erkrankung begriffen. (Dies wird in Kapitel 5.4: Die Rolle der Gewalt für die Gestaltung des moralischen Menschen: die Genealogie des Schuldbewußtseins und des schlechten Gewissen, behandelt. Die anderen Zwiespalte: zwischen Menschen und Menschen, zwischen Menschen und Natur, zwischen Natur und Natur sind keine absolut negativen Erscheinungen, weil sie im Grunde natürliche Phänomene in der Welt des ‚Willens zur Macht’ sind. Nietzsche bejaht deshalb die ausbeuterische Eigenschaft des Lebens „Die Ausbeutung gehört nicht einer verderbten oder unvollkommnen und primitiven Gesellschaft an: sie gehört in‘s Wesen des Lebendigen, als organische Grundfunktion, sie ist eine Folge des eigentlichen Willens zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist.“ <56>

Die Überwindung der Zwiespalte liegt Nietzsche zufolge nicht in der Wiederherstellung von Gottes Reiches Der erste Zwiespalt kann dadurch überwunden werden, daß der Mensch durch das Übermenschentum selbst die Rolle Gottes ersetzt. (Vgl. Kapitel 7.3: Die Tugend des freien Geistes) Der zweite Zwiespalt wird durch die Befreiung von Schuldbewußtsein und schlechtem Gewissen ermöglicht. Die übrigen Zwiespalte sind nicht absolut negativ. Sie sind kein Gegenstand der Überwindung.

Nun gehen wir auf das Thema ‚Priester’ ein. Zunächst sollen seine unterschiedlichen Eigenschaften im Gegensatz zu Jesus erklärt werden. Nietzsche denkt, daß Jesus im Vergleich mit dem Priester ein ressentimentfreier Mensch ist. Diese Eigenschaft hat er mit dem Typus ‚Idiot’ bezeichnet. Dagegen erscheint der Priester als Erfinder des Ressentiments, der es anders als die Lehre Jesu in den Vordergrund gestellt hat. Der Tod am Kreuz hat Nietzsche zufolge für Jesus und seine Jünger eine andere Bedeutung. Jesus ist am Kreuz gestorben wie auch seine Lehre von der Liebe ohne Widerstand und Vergeltung. Aber seine Jünger, besonders Paulus, haben diesen Tod anders verstanden und die Lehre Jesu mißverstanden und verfälscht. „Aber seine Jünger waren ferne davon, diesen Tod zu verzeihen, - was evangelisch im höchsten Sinne gewesen wäre; oder gar sich zu einem gleichen Tode in sanfter und lieblicher Ruhe des Herzens anzubieten...Gerade das am


26

meisten unevangelische Gefühl, die Rache, kam wieder obenauf. Unmöglich konnte die Sache mit diesem Tode zu Ende sein: man brauchte ´Vergeltung`, ´Gericht` (-- und doch was kann noch unevangelischer sein als ´Vergeltung`, ´Strafe`, ´Gericht-Halten`!) Noch einmal kam die populäre Erwartung eines Messias in den Vordergrund; ein historischer Augenblick wurde in`s Auge gefasst: das ´Reich Gottes` kommt zum Gericht über seine Feinde...Aber damit ist Alles missverstanden: das ´Reich Gottes` als Schlussakt, als Verheißung!“ <57> Die Jünger haben Jesus für den Messias gehalten, der die leidenden Juden von Rom befreien wird. Aber er ist am Kreuz hoffnungslos gestorben. Dieser leere Tod hat bestimmt tiefe Verzweiflung hervorgerufen. Nietzsche findet die Ursache der Verfälschung in der Verzweifelung der Jünger: „Unmöglich konnte die Sache mit diesem Tode zu Ende sein.“ Das aus der Verzweiflung resultierende Ressentiment hat den ressentimentfreien Tod am Kreuz verfälscht. Aber es muß erst untersucht werden, ob Nietzsches Unterscheidung zwischen Jesus und seinen Jüngern als ressentimentfreier Idiot und Ressentiment-Mensch plausibel ist. Nietzsche denkt so, als hätte Jesus nicht über Vergeltung, Strafe, Gericht-Halten und das Reich Gottes geredet hätte. Aber Jesus redet darüber sehr häufig: „Und Jesus sprach: ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen.“ (Johannes 9:39, vgl. auch a.a.O., 5:27, Matthäus 5:22, 12:36) Jesus stellt sich selbst als Richter dar. Gericht-Halten ist seine wichtigste Aufgabe, die sein Vater-Gott ihm als Aufgabe gegeben hat: „Denn der Vater richtet niemand, sondern hat alles Gericht dem Sohn übergeben.“ (Johannes 5:22) Aus diesen Sätzen kann man zwei Punkte herauslesen. Erstens betonen Jesus und sein Jünger einstimmig Gottesgericht. Nietzsche unterscheidet Jesus von den Priestern dadurch, daß ersterer anders als die Letzteren das Gottes-Reich in der menschlichen Einheit mit Gott findet, die keinen Rachgedanke hat: „Jesus hatte ja den Begriff ‚Schuld’ selbst abgeschafft, - er hat jede Kluft zwischen Gott und Mensch geleugnet, er erlebte diese Einheit vom Gott als Mensch als seine frohe Botschaft.“ (A.C, 215) Dagegen hat der Priester (=Paulus) Nietzsche zufolge den Begriff von Jesus Gottes-Reich zum Zweck des Ressentiments mit den Begriffen ‚Erlöser’, ‚Gericht’, ‚Opfertod’ und ‚Auferstehung’ verfälscht. (A.C, a.a.O) Nietzsche denkt, daß durch Paulus die Möglichkeit der Einheit blockiert wird, die prinzipiell alle erreichen können. Aber Jesus hat betont, daß er der einzige Gottessohn ist, der allein jene Einheit ohne Hilfe des Messias verkörpert, daß er allein Gericht halten darf. (Johannes 5:22) Darum ist Nietzsches Unterscheidung zwischen idiotischem Jesus und rachgierigem Paulus unhaltbar. Zweitens ist Jesus kein unfähiger Idiot, weil Gericht-Halten eine starke menschliche Aktivität ist: „Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Besaida!.... Doch ich sage euch: Es wird Tyrus und Sidon erträglicher ergehen als am Tage des Gerichts als euch.“ (Matthäus 11:21-22) Wenn man über jemanden Gericht hält, ist man kein unfähiger idiotischer Mensch. Aus diesem Grund ist Nietzsches Typus des ‚Idioten Jesus’ unhaltbar. Um es kurz zu fassen, sind die Jünger eher Jesus-Nachfolger als Verräter der Lehre ihres Meisters. Entweder sind beide rachgierige Menschen oder beide rachfrei.

Jedenfalls ist Jesus nach Nietzsche kein Erfinder des religiösen Ressentiments, sondern seine Jünger. Sie haben seinen Tod zu eigenem Nutzen durch das Ressentiment umgewertet. Nun wird der Erfinder des religiösen Ressentiments vor Augen geführt, nämlich der Priester. Wir haben in Kapitel 4.2.1 gesehen, daß die Sklaven den Begriff des Täters erfunden haben. Nietzsche untersucht, was nun durch die Hand des Priesters geschehen ist. Wie aus dem Titel dieses Kapitels hervorgeht, denkt Nietzsche, daß der Priester der Richtungs-Veränderer des Ressentiments ist. (G.M, 373) Doch wodurch hat sich die Richtung des Ressentiments verändert? Im politischen Ressentiment haben die Sklaven die Ursache ihres Leidens den Vornehmen zugeschoben, also richtet sich dieses Ressentiments auf den erdichteten Täter, d.h. nach außen. Aber im religiösen Ressentiment richtet es sich nicht auf den Täter, sondern auf den Sklaven selbst, also nach innen. Nietzsche denkt, daß durch den religiösen Kunstgriff des Priesters der zentrale Begriff des religiösen Ressentiments als Selbst-Schuld auf die Bühne getreten ist. „Recht so, mein Schaf! irgend wer muss daran schuld sein: aber du selbst bist dieser Irgend-Wer, du selbst bist daran allein schuld - du selbst bist an dir allein schuld.“... Das ist kühn genug, falsch genug: aber Eins ist damit wenigstens erreicht, damit ist, wie gesagt, die Richtung des Ressentiment --verändert.“ <58> Der Priester hat die Richtung des Ressentiments verändert, wobei er das ‚Selbst-Schuld’ Gefühl der Sklaven geschaffen hat. Aber der Priesterliche Kunstgriff endet hier noch nicht. Der Priester verfeinert das ‚Selbst-Schuld’ Gefühl, das er zum Begriff der ‚Sünde’ weiterentwickelt. „Erst unter den Händen des Priesters, dieses eigentlichen Künstlers in Schuldgefühlen, hat es Gestalt gewonnen--oh was


27

für eine Gestalt! Die ´Sünde`.“ <59> Nietzsche begreift den Priester als Erfinder der Selbstschuld und der Sünde. Der Priester als der Richtungsveränderer des politischen Ressentiments hat das religiöse Ressentiment geschaffen. Das besagt, daß das Ressentiment durch den priesterlichen Kunstgriff verinnerlicht wurde. Wenn wir diesen Anspruch Nietzsches annehmen würden, würde der priesterliche Kunstgriff doch sehr viel mit anderen Phänomenen der Verinnerlichung haben: der Entstehung des Schuldbewußtseins und des schlechten Gewissens und der Domestizierung des Menschen. Darum soll Nietzsches Anspruch erst gründlicher untersucht werden, ob der Priester tatsächlich der Richtungsveränderer des Ressentiments ist.

Im Gegensatz zu Nietzsches Anspruch, betont die Bibel von Genesis (=1 Mose) bis zur Offenbarung, daß aufgrund des Sündenfalls der Mensch wesentlich sündhaft ist. Die Sünde kann nur durch Gottes Gnade erlöst werden und im neuen Testament durch die Gnade Jesu Christi, die im Tod am Kreuz ihre Höhepunkt erreicht hat. Die Begriffe ‚Sünde’ und ,Gnade’ bedingen sich gegenseitig. Wenn die Sünde nicht existieren würde, würde die Gnade unnötig werden, und wenn die Gnade nicht existieren würde, würde die Erlösung ebenfalls unmöglich. Damit würde Christus als Erlöser nicht existieren. Die Sünde und die menschliche Sündhaftigkeit wurden nicht vom Priester (=Paulus) erfunden. Wenn die Begriffe ‚Sünde’ und Sündhaftigkeit erst durch Paulus ihre christliche Bedeutung bekommen hätten, wäre zumindest das alte Testament gehaltleer. Dagegen kann man schon im zweiten Zwiespalt zwischen Ich und Ich in der Genesis einen Keim des Schuldbewußtseins erblicken, als Adam sich vor Gott versteckt und sich seiner Nacktheit schämt. Und Jesus hat immer über die Sünde und die menschliche Sündhaftigkeit gepredigt: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten.“ (Lukas 5:31-32) Sie sind unentbehrliche Begriffe der Bibel. Ohne sie wird die Bibel gehaltleer. Darum ist Nietzsches Anspruch unannehmbar, daß der Priester die Sünde erfunden und damit die Richtung des Ressentiments verändert hat. Paulus ist eher der Nachfolger seines Meisters als dessen Verräter, wie ich schon betont habe. Man darf deshalb nicht die anderen Phänomenen der menschlichen Verinnerlichung mit der priesterlichen Rolle verwirren. Nun soll gefragt werden, welchen Sinn Nietzsches Begriff des ‚Priesters’ hat, nachdem der Priester als Erfinder des religiösen Ressentiments bestritten worden ist.

Im weiteren Sinne kann der Priester als ein soziologisch allgemeiner Typus begriffen werden, der in öffentlichen Belangen über Definitionsmacht verfügt. (W. Stegmaier, 108, 1994) Also betrifft der Begriff ‚Priester’ nicht nur die religiöse Ebene. Er ist ein aktueller, kultureller und soziologischer Begriff. Insofern wir uns mit den Phänomenen des religiösen Ressentiments, Schuldbewußtsein, schlechtes Gewissen und Domestizierung der Menschheit im Prozeß der Zivilisierung, beschäftigen, ist es unentbehrlich, daß wir die Rolle des Priesters gründlicher untersuchen. Denn der priesterliche Kunstgriff vertieft die Verinnerlichung des Ressentiments. Priester in diesem Sinne bedeutet nicht Erfinder des religiösen Ressentiments, sondern er ist derjenige, der es zu seiner Herrschaft ausnutzt.

Außer der Rolle der Vertiefung des Ressentiments hat der Priester noch eine wichtige Rolle gespielt, in Nietzsches Worten „einen Krieg der List (des ´Geistes`) mehr als der Gewalt.“ (G.M, 372) Also hat er die Herde der Sklaven gegen die Vornehmen organisiert, indem er seine Macht mit Hilfe seiner Definitionsmacht gegenüber den Sklaven ausübte. Der Priester ist ein Hirt, der die geistige Abhängigkeit der Herde für sich selbst ausnutzt. Er beherrscht die Herde mit verschiedenen Methoden: religiöses Ressentiment, Definitionsmacht, Predigt und politische Rede usw. Der Priester beherrscht den Herdengeist, der keine individuelle Autonomie gebären kann. Der Priester ist der Herrscher der Herde, der abhängigen Menschen.

„An sich fehlt alles Krankhafte am Heerdenthier, es ist unschätzbar selbst; aber unfähig, sich zu leiten, braucht es einen ´Hirten` - das verstehen die Priester.“ <60>


28

Der Priester ist der wichtigste Feind des freien Geistes, weil der Priester nur durch die Abhängigkeit des Geistes seine Herrschaft bewahren kann. Der Priester und der freie Geist können nicht zusammen existieren. Sie schließen sich aus. Man kann nun gut begreifen, warum Nietzsche so hart den Priester kritisiert hat: „Der Priester ist unser Tschandala, - man soll ihn verfehmen, aushungern, in jede Art Wüste treiben.“ (A.C, 254)

Der Priester muß eine andere Eigenschaft gegenüber der Herde haben, damit er die Herde beherrschen kann. Um die leidende Herde zu verstehen, muß der Priester selbst krank sein, aber um seine Macht über sie auszuüben, muß er anders als die kranke Herde sein. Dieser Umstand prägt die Eigenschaft der priesterlichen Doppelheit. Diese Doppelheit in der Daseinsform des Priesters erscheint auch in seinem Kunstgriff gegenüber der Herde. Weshalb nennt Nietzsche die priesterliche Herrschaft oft ‚Kunst’? Sie wird klar in dem Pendelspiel des Priesters zwischen der Verneinung des Lebens und der Bejahung des Lebens, wenn er die leidende Herde beherrscht. „Es ist kein Zweifel; aber erst hat er nöthig, zu verwunden, um Arzt zu sein; indem er dann den Schmerz stillt, den die Wunde macht, vergiftet er zugleich die Wunde.“ <61>

Der Priester hält die absolute Verneinung des Lebens (z. B den Selbstmord) in Schranken. Aber er hält gleichzeitig auch die absolute Bejahung in Schranken, indem er die Gesunden krank macht und die daraus folgende Wunde vergiftet. Er ist Arzt, aber gleichzeitig auch verseuchende Bakterie. Der Priester beherrscht die Herde, indem er sie nur in seinem Reich des Pendelspiels zwischen Ja und Nein leben läßt und kein extremes Ja oder Nein zuläßt: „Das Ja beschränkt das Nein....Und das Nein beschränkt das Ja.“ (W. Müller-Lauter, 1971, 72-73) Es ist der heimtückische Kunstgriff des Priesters, daß er die Herde in seinem Pendelspiel zwischen der Verneinung und der Bejahung einsperrt, damit er seine Macht bewahren kann. Der Priester als soziologischer Typus existiert nicht nur in der Kirche, sondern auch auf anderen sozialen Ebenen. Unter priesterlicher Herrschaft kann man keine Selbständigkeit des Daseins erwerben. Um den freien Geist zu erringen, muß man erst die priesterliche Herrschaft überwinden.


Fußnoten:

<36>

Friedrich Nietzsche, Z, S. 75

<37>

Friedrich Nietzsche, G.D, S. 86 „Die Werte entspringen nicht aus dem an sich bestehenden Übersinnlichen, sondern Werte sind Bedingung des Lebens, d.h. der Lebenssteigerung, und entspringen nur aus diesem Leben und gelten nur für dieses.“ Martin Heidegger, Gesamtausgabe Bd. 48, S. 17

<38>

Friedrich Nietzsche, N 1887/88, 11[95]; 13, 45

<39>

Friedrich Nietzsche, G.M, S. 285-286. „Das Wesen der Werte hat seinen Grund in >>Herrschafts-Gebilden<<. Werte sind wesenhaft auf >>Herrschaft<< bezogen.“ Martin Heidegger, a.a.O., S. 95

<40>

Friedrich Nietzsche, G.M, S. 270. Eigentlich hat Eugen Dühring den Begriff „Ressentiment“ zuerst verwendet. Aber Nietzsche hat diesen Begriff anders als Dühring verwendet, indem er Dühring kritisiert. „Nietzsche vermutet bei Dühring eine richtige Beobachtung, aber eine falsche, weil ´mechanische` Deutung. Er bewahrt sich Dührings Einsicht, bricht aber mit dessen Mechanismus, indem er seine Begriffe Schritt für Schritt gezielt verschiebt.... Nietzsche verschiebt das Ressentiment sogleich auf eine Ebene, an die der Mechanismus nicht mehr herankommt, die Ebene der Imagination. Das Ressentiment danach ist keine ´mechanische` Reaktion auf eine erlittene Verletzung mehr, sondern eine Disposition, die sich ausbildet, wo die eigentliche Reaktion, die der Tat, versagt ist.“ Werner Stegmaier, a.a. O., S. 119. „Die Korruption der Ohnmacht war Nietzsches große Entdeckung, und sie hat die alte These von der Korruption der Macht nahezu verdrängt.“ Henning Ottmann, Philosophie und Politik bei Nietzsche, S. 320

<41>

„Die Philosophie Nietzsches wird in der Regel mit den Begriffen Wille zur Macht oder Übermensch in Zusammenhang gebracht, so daß es zunächst scheinen möchte, mit dem Ressentiment sei lediglich ein untergeordneter Themenbereich angesprochen. Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch, daß mit dem Ressentiment das Herzstück der kritischen Arbeit Nietzsches getroffen ist.“ „Die Ressentimentkritik steht also in Übereinstimmung mit dem Gesamtansatz Nietzsches.“ Amandus Altmann, FRIEDRICH, NIETZSCHE: das Ressentiment und seine Überwindung verdeutlicht am Beispiel christlicher Moral, S. 7. SS 105-106 (Hervorhebung v. Vf)

<42>

Henning Ottmann, a.a.O., Teil C, Kapitel 3.1: Phänomenologie des Ressentiments, S. 314-319

<43>

Friedrich Nietzsche, N 1885/87, 5[71]; 12, 216 „Nietzsches Urteil über ´Judäa` entspringt keinem rassistischen Vorurteil und ist auch weit davon entfernt antisemitisch zu sein. Für den gerade in seiner Lebenszeit und in seiner unmittelbaren Umgebung umsichgreifenden Antisemitismus hatte er nur Verachtung. Wenn er das historische Judentum der testamentarischen Epochen bewertet, dann spricht er genaugenommen nur über einen zunächst kulturell, schließlich auch politisch zur Macht kommenden Herrschaftstypus. “ (Hervorhebung v. Vf) Volker Gerhardt, Ressentiment und Apokalypse, Nietzsches Kritik endzeitlicher Visionen. In Edmund Braun (Hrsg.), Die Zukunft der Vernunft aus der Perspektive einer nichtmetaphysischen Philosophie, S. 286. Vgl. auch Henning Ottmann, a.a.O., S. 320.

<44>

Friedrich Nietzsche, G.M, S. 274

<45>

Friedrich Nietzsche, G.M, S. 271

<46>

Friedrich Nietzsche, G.M , S. 273

<47>

Friedrich Nietzsche, a.a.O., S.77

<48>

Friedrich Nietzsche, a.a.O., S. 292

<49>

Friedrich Nietzsche, G.M, S. 272-273

<50>

Friedrich Nietzsche, a.a.O., S. 267

<51>

Gilles Deleuze, Nietzsche und Philosophie, S. 132

<52>

Friedrich Nietzsche, A.C, a.a.O.

<53>

Friedrich Nietzsche, Z, S. 71-72

<54>

Über die 5 Zwiespalte vgl. F.A. Schaeffer, 1972, insbesondere das fünfte Kapitel

<55>

Friedrich Nietzsche, G.M, S. 268

<56>

Friedrich Nietzsche, J.G.B, S. 208. Vgl. auch G.M, S. 312

<57>

Friedrich Nietzsche, A.C, S. 213-214

<58>

Friedrich Nietzsche, G.M, S. 375

<59>

Friedrich Nietzsche, G.M, S. 389

<60>

Friedrich Nietzsche, N 1887/89, 23[4]; 13, 605

„Nun bekundet gerade der Priester den zähesten, rücksichtlosesten, den auch unter schwierigsten Bedingungen nie versagenden Machtwillen,...wird höchsten zu verehrende Erscheinungsweise des Lebens. Aber es soll der Machtwille einer Krankheit des Lebens sein, ja ein Machtwille der Schwäche und ein Wille zum Nichts, den er vertritt.“ Wolfgang Müller-Lauter, a.a.O., S. 74

<61>

Friedrich Nietzsche, G.M, S. 373


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Mon Feb 18 14:40:54 2002