5 Zusammenfassung

↓55

Die dilatative Kardiomyopathie ist durch eine Dilatation und eingeschränkte systolische Funktion des linken oder beider Ventrikel gekennzeichnet. Eine familiäre Häufung tritt bei 20 bis 35 % der Erkrankten auf. Die ersten identifizierten Krankheitsgene kodierten alle für Proteine des Zytoskeletts. Deshalb wurde DCM als Erkrankung des Zytoskeletts bezeichnet. Bei der hypertrophen Kardiomyopathie wurden bisher mehr als 250 Mutationen in neun Genen für Sarkomerproteine beschrieben. Deshalb wurde die HCM als Erkrankung des Sarkomers bezeichnet. In den letzten Jahren wurde dieses Konzept jedoch durch Entdeckung von Mutationen in Sarkomerprotein-Genen bei DCM in Frage gestellt.
Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen der vorliegenden Arbeit eine systematische Mutationssuche in den Sarkomerprotein-Genen β-MHC und Troponin T bei 46 nicht verwandten Patienten mit idiopathischer dilatativer Kardiomyopathie durchgeführt. Die DNA der Patienten wurde aus Leukozyten isoliert und mittels PCR amplifiziert. Im Anschluss daran erfolgte eine SSCP-Analyse der einzelnen Fragmente bei Raumtemperatur und 4° C. Proben mit abweichendem Bandenmuster wurden sequenziert. Als zusätzliche Bestätigung der Varianten wurde entweder eine Restriktions-Fragment-Längen-Polymorphismen-Analyse, eine Heteroduplexanalyse oder eine erneute Sequenzierung eines unabhängigen PCR-Produkts angewandt.
Im β-MHC-Gen konnten wir die potentiell krankheitsrelevanten Mutationen Ala223Thr (g.7799G>A) und Ser642Leu (g.12164C>T) identifizieren. Beide Mutationen wurden bisher weder bei DCM noch bei HCM beschrieben. Weiterhin wurden sie nicht bei 136 HCM-Patienten und 88 Kontroll-Personen gefunden. Die Mutationen wurden von der Arbeitsgruppe Frömmel an der Charité mit dem Editor for Structural Alignment of Proteins (STRAP) auf die Proteinstruktur des Myosins projiziert. In dieser Darstellung ist erkennbar, dass die Mutation Ala223Thr in der oberen 50 kDa Domäne liegt. Da Threonin geringfügig größer als Alanin ist, könnte dadurch die Raumstruktur des Proteins verändert werden. Außerdem könnte die Thermostabilität verringert und die Faltstruktur von β-MHC beeinflusst werden. Die HCM-assoziierte Mutation Gln222Lys liegt ebenfalls in diesem Bereich direkt daneben. Damit ist diese sehr variable Region sowohl mit DCM als auch mit HCM assoziiert.
Die STRAP-Analyse der Mutation Ser642Leu zeigte, dass diese in der Aktin-Myosin-Bindungsregion liegt. Durch eine verstärkte hydrophobe Wechselwirkung könnte die Interaktion verstärkt oder umgekehrt die Affinität durch den Verlust einer Wasserstoffbrücken-Bindung vermindert werden. Da Leucin größer ist als Serin, könnte außerdem die chemische Reaktionsfähigkeit beeinflusst werden. Die bereits bekannte DCM-assoziierte Mutation Ser532Pro liegt ebenfalls in diesem Bereich. Durch eine Verminderung der Krafterzeugung könnten die beiden Mutationen zu dilatativer Kardiomyopathie führen.
Weiterhin wurden die zwei Mutationen IVS11+23A>T (g.8914A>T) und Asp376Asp (g.9666C>T) identifiziert. Beide Mutationen sind wahrscheinlich nicht krankheitsverursachend. Außerdem konnten sechs Polymorphismen beobachtet werden, die auch bei HCM zu finden sind. Auch bei ihnen bleibt die Aminosäuresequenz erhalten. Es ergaben sich keine Anhaltspunkte auf eine funktionelle Relevanz dieser Polymorphismen. Der Vergleich der Allel- und Genotypfrequenzen mit einer HCM-Kontroll-Gruppe zeigte keinen signifikanten Unterschied.
Im Troponin T-Gen wurden keine Mutationen identifiziert, jedoch zeigte die Analyse sechs Polymorphismen. Diese Polymorphismen sind auch bei HCM bekannt. Die statistische Auswertung zeigte auch hier keinen signifikanten Unterschied in der Allel- und Genotypfrequenz bei DCM und HCM.
Bis zum heutigen Zeitpunkt wurden insgesamt 21 verschiedene Krankheitsgene und fünf Genorte identifiziert, die mit dilatativer Kardiomyopathie assoziiert sind. Neben Mutationen in Genen für Proteine des Zytoskeletts, der Z-Scheibe und von Ionenkanälen sind mittlerweile Mutationen in sieben Sarkomerprotein-Genen bei DCM identifiziert worden. In der vorliegenden Dissertation konnte also bestätigt werden, dass Mutationen in Sarkomerprotein-Genen sowohl zu hypertropher Kardiomyopathie als auch zu dilatativer Kardiomyopathie führen können.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
04.07.2007