1 Einleitung

Oh wer erzählt uns die ganze Geschichte der Narcotica!

Es ist beinahe die Geschichte der „Bildung“,

der so genannten höheren Bildung.

Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft 86

Trotz vieler Versuche, die alkoholische Persönlichkeit zu umreißen, bleibt nur ein einziges Charakteristikum, das allen Alkoholikern gemeinsam ist: dass sie nämlich zu viel trinken.

Lemere, 1956

Die Erforschung jedes Persönlichkeitszuges der Alkoholiker zeigt, dass sie entweder mehr oder weniger davon haben.

Keller, 1972

1.1 Begriffsbestimmung

Der Begriff Persönlichkeit wird hauptsächlich in zwei unterschiedlichen Kontexten verwendet.

Die empirische Persönlichkeitspsychologie versucht sich dem Problem der Gesundheit und dem Problem der Normalität zu nähern. Die psychiatrische Krankheitslehre hingegen beschreibt das Problem der Krankheit und das Problem der Abweichung vom Gesunden. Die empirische Persönlichkeitspsychologie stützt sich hierbei auf die Methoden der empirischen Sozialforschung. Die psychiatrische Krankheitslehre geht hingegen von kriteriengeleiteten Definitionen aus, die in Expertengremien getroffen werden. Fiedler (2000) definiert Persönlichkeit und die Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen als „für ihn charakteristische Verhaltensweisen und Interaktionsmuster, mit denen er gesellschaftlich-kulturelle Anforderungen und Erwartungen zu entsprechen und seine zwischenmenschlichen Beziehungen zur Entwicklung einer persönlichen Identität mit Sinn zu füllen versucht“. Etwas vereinfacht ausgedrückt: Es geht bei Persönlichkeit um charakteristische Verhaltensweisen und Interaktionsmuster. Die psychiatrische Klassifikation hat das Konzept der Persönlichkeitsstörung entwickelt. In einem allgemeinen Sinn werden Persönlichkeitsstörungen definiert als Abweichungen gegenüber kulturell erwarteten und akzeptierten Normen. Diese Abweichungen müssen zeitlich stabil und von langer Dauer sein. Sie beginnen in der Kindheit oder in der [Seite 7↓]Adoleszenz. Sie äußern sich in einem unflexiblen, unangepassten und unzweckmäßigen Verhalten. Aus der Abweichung entsteht persönlicher Leidensdruck oder ein nachteiliger Einfluss auf die soziale Umwelt. Ausgeschlossen werden Veränderungen der Persönlichkeit in Folge einer organischen Erkrankung. Aus der Sicht einer stärker methodisch orientierten Betrachtungsweise arbeiten klinische Psychologie und Psychopathologie mit unterschiedlichen Skalen. In der klinischen Psychologie werden in der Regel Intervallskalen oder metrische Skalen verwendet. Es geht um quantitative Abstufungen in unterschiedlicher Ausprägung. So konzipierte Skalen werden auch als „dimensional“ bezeichnet. Die psychiatrische Klassifikation interessiert sich oft nur für ja/nein Entscheidungen. Die entsprechende Leitfrage lautet: Liegt eine Krankheit vor oder nicht? Dieser Ansatz wird als „kategorial“ bezeichnet. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer nominalen Skalierung. Neuerdings findet sich jedoch auch innerhalb psychiatrischer Klassifikationssysteme ein Trend zu dimensionalen Skalierungen. Auf der Grundlage dieser Unterscheidung lassen sich weitere begriffliche Differenzierungen aus Sicht der unterschiedlichen Standpunkte skizzieren. Persönlichkeitsmodelle der empirischen Psychologie unterscheiden sich zumeist in der Anzahl und der Benennung von Persönlichkeitsdimensionen. Auch innerhalb der psychiatrischen Klassifikationssysteme gibt es wichtige Unterschiede. Das amerikanische DSM bildet Persönlichkeitsstörungen und andere psychische Störungen auf unterschiedlichen Achsen ab. Persönlichkeitsstörungen erscheinen im DSM auf der Achse II, während die übrigen psychischen Störungen auf der Achse I dargestellt werden. Im System der ICD-10 erscheinen Persönlichkeitsstörungen gemeinsam mit den anderen psychischen Störungen auf der gleichen Achse.

Weitere Unterschiede finden sich in der Anzahl und der inhaltlichen Konzeptualisierung von Kategorien (siehe Anhang 9.1). Dabei werden Persönlichkeitsstörungen im DSM zu Clustern gebündelt:

Zusammenfassend lässt sich vorerst festhalten:

Die oben beschriebenen Begriffe der Persönlichkeit und der Persönlichkeitsstörung beschreiben aus unterschiedlichen Perspektiven stabile Verhaltens- und Interaktionsmuster. Dabei entstammt der Begriff der Persönlichkeit dem Umfeld der empirischen Persönlichkeitspsychologie und der [Seite 8↓]Begriff der Persönlichkeitsstörung dem Bereich der klinischen Psychopathologie. In diesem Zusammenhang ist noch auf zwei dem Begriff der Persönlichkeit verwandte Begriffe hinzuweisen. Im Bereich der Psychobiologie findet sich der Begriff des Temperaments. Dieser fokussiert stärker auf die psychobiologischen Grundlagen von stabilen Verhaltens- und Interaktionsmustern. Es wird hier von konstitutionellen Bedingtheiten ausgegangen. Im Bereich von Sozial- und Kulturwissenschaften tritt der Begriff des Charakters auf. Dieser orientiert auf eine kulturell und lerngeschichtlich geprägte Bedingtheit von stabilen Verhaltensweisen und Interaktionsmustern. Es geht also um erworbenes Verhalten.Betrachtet man nochmals die oben zitierte Definition von Persönlichkeit, so geht es Fiedler nicht nur um stabile Verhaltensweisen und Interaktionsmuster. Darüber hinaus spricht er von persönlicher Identität und gesellschaftlich kulturellen Anforderungen. Zuletzt ist die Rede vom Versuch eines sinnvollen Handelns, das die Kluft zwischen kulturell gesellschaftlichen Anforderungen und persönlicher Identität zu schließen sucht. Diese definitorischen Orientierungsversuche lenken den Blick auf intentionale, zielgerichtete Handlungsversuche. Aus einer so konzipierten Perspektive stellt sich die Frage: Weshalb verhält sich der Betroffene so unflexibel, unangepasst und unzweckmäßig, wenn sein Verhalten zu persönlichem Leid oder zum Leid anderer Menschen führt? Sind jene unflexiblen, unangepassten, unzweckmäßigen Verhaltensweisen für den Betroffenen sinnvoll? Welche Bedürfnisse und Motivationen stehen im Hintergrund?

1.2 Zielstellung

Lassen sich Persönlichkeitsakzentuierungen als Risikofaktoren bei Personen mit Alkoholabhängigkeit beschreiben? Dies ist die inhaltliche Frage, die im Mittelpunkt der vorliegenden Studie steht.

Die Studie orientiert sich hierbei an unterschiedlichen Bereichen des Suchtverhaltens. Der Zeitpunkt der erstmaligen Entgiftung, die Anzahl der bisherigen Entgiftungsbehandlungen, die Trinkmenge und die Anzahl der Abstinenztage in einem vorgegebenen Zeitraum werden auf den Einfluss von Persönlichkeitsvariablen hin untersucht. Weiterhin geht es um das Rückfallverhalten. Hierbei werden die Anzahl der Rückfälle und die konkreten Rückfallsituationen analysiert. Außerdem wird die Personengruppe mit einem Rückfall mit erneuter Entgiftung innerhalb des Untersuchungszeitraums der Studie erfasst. Der Einfluss von Persönlichkeitsfaktoren auf die oben genannten Teilbereiche des Suchtverhaltens wird dargestellt.


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27.05.2005