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7  Diskussion

7.1 Methoden

Die Diskussion der Studie unter dem Gesichtspunkt der verwendeten Methoden orientiert sich an drei Hauptfragen:

In der Fachliteratur findet sich seit der Studie von Demel (1974) eine rege Diskussion über die Wahl des richtigen Untersuchungszeitpunktes bei der Erhebung von Persönlichkeitsdaten.

Es werden unterschiedliche Angaben zur Wahl des „richtigen“ Untersuchungszeitpunktes gemacht. Empfohlen werden zum Zeitpunkt der Datenerhebung teilweise Abstände von einigen Wochen Abstinenz. Weijers HG (2002) hat seine Stichprobe frühestens 40 Tage nach stationärer Aufnahme untersucht. Bei Driessen ist über ein score-gestütztes Verfahren ein akutes Entzugssyndrom ausgeschlossen worden. In jedem Fall wird eine Erhebung von Persönlichkeitsdaten unter Abstinenzbedingungen angestrebt. Hintergrund dieser Empfehlungen ist eine Beeinflussung der Persönlichkeitsvariablen durch das aktuelle Suchtgeschehen und insbesondere durch die psychopathologischen Veränderungen im Zusammenhang des Entzugssyndroms. Die Daten der vorliegenden Studie sind nach Abklingen des akuten Alkoholentzugssyndromes erhoben worden. Dies ist bei den meisten Probanden etwa zehn Tagen nach Aufnahme in die Klinik der Fall. Personen mit protrahiertem Entzug sind später in die Studie aufgenommen worden. Dennoch kann eine Beeinflussung der Daten durch die psychopathologischen Veränderungen des nur kurz zurückliegenden Entzuges nicht völlig ausgeschlossen werden. Fragen der praktischen Durchführbarkeit haben in der vorliegenden Studie zu der Entscheidung geführt, Persönlichkeitsdaten im Zusammenhang der aktuellen Entgiftung zu erheben. Ein späterer Untersuchungszeitpunkt mit ambulanter Einbestellung hat sich während der Pilotphase der Studie nicht bewährt. Ein nicht unerheblicher Teil der Patienten hat sich bei den ambulanten Einbestellungsterminen nicht vorgestellt. Ein weiterer Teil der ehemaligen Patienten hat in der ambulanten Behandlungsphase Abstinenz nicht einhalten können. In diesem Sinn beschreiben die Daten Persönlichkeitsdimensionen in engem zeitlichen Zusammenhang zum aktuellen Suchtgeschehen. Ein akutes Entzugssyndrom ist hierbei allerdings in jedem Fall nach klinischen Kriterien ausgeschlossen worden.

Die zweite Frage der hier geführten Methodenreflexion zielt auf die verwendeten Fragebögen.


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Über die Gütekriterien der Instrumente ist an anderer Stelle gesprochen worden (siehe Kapitel 4.2). Die Frage lautet hier, wie angemessen die ausgewählten Fragebögen in Bezug auf die Fragestellung der Studie sind. Die Studie versucht, Persönlichkeit in einem umfassenden Sinn zu erfassen. Dabei wird einerseits die Tradition der empirischen Persönlichkeitspsychologie in Gestalt des TPF aufgenommen. Der TPF fokussiert insbesondere auf den Gesichtspunkt der Gesundheit und beschreibt darüber hinaus die Hauptachsen interpersoneller Persönlichkeitsmodelle. Zum anderen wird an die Tradition der psychiatrischen Klassifikation in Gestalt des SKID-II angeknüpft. Der SKID-II beschreibt die Persönlichkeitsstörungen des DSM-IV und ermöglicht eine kategoriale und dimensionale Interpretation. Eine umfassende Konzeption von Persönlichkeit sollte aus Sicht des Autors der Studie auch motivationale Faktoren erfassen. Das Trinkverlangen, insbesondere das kontextabhängige Trinkverlangen wird über den DITS-40 beschrieben. Aufgrund dieser sich ergänzenden Persönlichkeitsdiagnostik ist somit eine umfassende Untersuchung von Persönlichkeit durchgeführt worden. In diesem Sinne erscheinen die hier verwendeten Fragebögen in Bezug auf die Zielstellung einer umfassenden Persönlichkeitsdiagnostik angemessen. Auch unter dem Gesichtspunkt möglicher therapeutischer Konsequenzen erscheinen die hier eingesetzten Fragebögen angemessen, weil sich mit ihnen Schlussfolgerungen im psychotherapeutischen wie im pharmakotherapeutischen Bereich aufzeigen lassen. Fiedler zeigt beispielsweise, wie sich mit den Persönlichkeitskategorien des DSM und den Persönlichkeitsdimensionen interpersoneller Modelle Wege in der Psychotherapie begründen lassen. Im DITS-40 erfolgt neben der Erfassung von Trinksituationen auch eine Quantifizierung des Trinkverlangens. Die Indikation spezieller pharmakotherapeutischer Interventionen könnte auch unter diesem Aspekt diskutiert werden.

Die dritte Frage bezieht sich auf die verwendeten mathematischen Modelle. Sind diese in Bezug auf die Problemstellung adäquat? Folgt man den Ergebnissen der aktuellen Suchtforschung, so ist am ehesten eine wechselseitige Beeinflussung von Alkoholkonsum und Persönlichkeit plausibel. Das heißt: Die Persönlichkeit hat einen Einfluss auf das Suchtverhalten und die Entwicklung einer späteren Abhängigkeit. Umgekehrt hat der Alkoholkonsum einen Einfluss auf die Persönlichkeit des Betroffenen. Eine so skizzierte wechselseitige Abhängigkeit kann durch das binär-logistische Modell nicht hinreichend erfasst werden. Innerhalb des gewählten Studiendesigns gibt es keine Möglichkeit, wechselseitige Abhängigkeiten sicher zu erfassen. Nur ein sehr aufwendiges prospektives Design wäre in der Lage gewesen, wechselseitige Abhängigkeiten mit Methoden der Statistik aufzuzeigen. Der Aufwand einer prospektiven Studie hätte den Rahmen einer Dissertation überschritten. Nicht zuletzt die problematische Mitarbeit der Probanden hätte die organisatorischen Möglichkeiten einer Einzelperson überfordert. Im [Seite 75↓]Rahmen des gewählten Studiendesigns und der vorliegenden Datenqualität bietet die binär-logistische Regression die besten Modellvoraussetzungen. Insbesondere müssen keine problematischen Vorannahmen über die Verteilung einer Zielvariablen getroffen werden. Einzig die Konstruktion einer binär codierten Zielvariablen ist erforderlich, um das binär-logistische Modell anwenden zu können. Dabei ist die Wahl der Grenzziehung zwischen den Kategorien der Zielvariablen willkürlich. Da die Studie ohne Kontrollgruppe arbeitet, werden Personen mit Hochrisikoverhalten gegenüber anderen Personen abgegrenzt. Ausschlaggebend für die Definition einer Gruppe mit Hochrisikoverhalten ist näherungsweise das 90-te Perzentil der jeweils zugrunde liegenden Stichprobe oder Teilstichprobe. Von dieser Regel wird nur im Zusammenhang der Analyse des Rückfallverhaltens abgewichen. Die Definition der Rückfallsituationen ergibt sich hier aus der Konstruktion der übergeordneten Rückfallcluster und ist somit inhaltlich begründet. Die inhaltliche Interpretation der Ergebnisse binär-logistischer Regressionen ist unproblematisch. Die Wirkrichtungen der abhängigen Variablen lassen sich über die β-Werte der Koeffizienten erfassen. Die Wirkstärken der abhängigen Variablen ergeben sich über die Exp(B) Werte. Diese lassen sich als Odds-Ratios deuten. Einflussfaktoren werden auf diese Weise sicher identifiziert. Die Größe von β-Werten und Exp(B)-Werten hängt von der zu Grunde liegenden Skalierung ab.

7.2 Stichprobe

In die klinische Stichprobe sind 297 Personen mit Alkoholabhängigkeit oder Alkoholmissbrauch aufgenommen worden. Ein Vergleich mit einer im Untersuchungszeitraum ermittelten Krankenhausdatei zeigt, dass etwa 60 % der potentiell möglichen Personen in die Stichprobe aufgenommen worden sind. Mindestens 5 % der potentiell möglichen Personen sind kriteriengeleitet ausgeschlossen worden. Etwa 35 % der potentiell möglichen Personen sind aus Gründen unterschiedlicher Art nicht erfasst worden. Davon sind einige Personen aus Gründen somatischer Begleiterkrankungen in andere Kliniken verlegt worden. Einige Personen haben die Entgiftungsbehandlung vorzeitig abgebrochen und haben aus diesem Grund an der Studie nicht teilgenommen. Einige Personen haben die Teilnahme an der Studie abgelehnt. Die Tatsache einer stationären Entgiftungsbehandlung in einer psychiatrischen Klinik bedeutet eine Selektion gegenüber einer repräsentativen Allgemeinheit. Viele Alkoholkranke kommen überhaupt nie in eine stationäre Behandlung. Noch weniger Alkoholkranke kommen in eine stationär psychiatrische Behandlung. Noch selektiver ist die Klientel in spezialisierten Entwöhnungskliniken. Die soziodemographischen Besonderheiten der untersuchten Stichprobe bedeuten eine weitere Selektion gegenüber einer repräsentativen Allgemeinheit. Im Vergleich [Seite 76↓]mit anderen klinischen Stichproben psychiatrischer Kliniken zeigt sich eine Ähnlichkeit der Stichproben nach soziodemographischen Kriterien. An dieser Stelle bietet sich nochmals der Vergleich mit der von Driessen beschriebenen klinischen Stichprobe einer psychiatrischen Universitätsklinik an. Es fällt hierbei auf, dass der Anteil an Frauen mit 15,9% in der vorliegenden Studie niedriger ist als bei Driessen. Hinsichtlich der Alterszusammensetzung sind die beiden Stichproben hingegen gut vergleichbar. Der Mittelwert des Alters in der vorliegenden Studie liegt bei 42,9 Jahren. Driessen gibt für seine Stichprobe einen Mittelwert von 42,1 Jahren an. Auch der Anteil fester Partnerschaften unter den Studienteilnehmern ist vergleichbar. In der vorliegenden Stichprobe leben 49,5% der Studienteilnehmer in einer festen Partnerschaft. Driessen gibt 46,4% für seine Stichprobe an. Der Anteil arbeitsloser Personen ist bei Driessen noch höher als in der hier vorliegenden Stichprobe. Driessen gibt einen Wert von 59,2% Arbeitslosigkeit an. In der hier vorliegenden Stichprobe sind 54,5% arbeitslos. Mit der genannten Einschränkung (Geschlecht) ist die vorhandene Stichprobe gut mit der bei Driessen beschriebenen Stichprobe vergleichbar. Es handelt sich in der vorliegenden Stichprobe unter soziodemographischen Kriterien um eine typische Klientel psychiatrischer Kliniken. Es sind vor allem Personen aus Cottbus und Umgebung in die Studie aufgenommen worden. Wie sich die regionale Selektivität der Stichprobe im Suchtverhalten und in der Persönlichkeit abbildet, kann hier nicht beantwortet werden. Hierzu wäre der Vergleich mit einer Stichprobe aus einer anderen Region erforderlich. In Bezug auf die klinische Zusammensetzung der Stichprobe sind nochmals die ausgeschlossenen Personengruppen zu diskutieren. Ausgeschlossen werden in der aktuellen Studie vor allem Personen mit klinisch relevanten kognitiven Störungen. Diese werden allerdings nur nach klinisch deskriptiven Kriterien erfasst. Auf eine testdiagnostische und quantitative Abgrenzung von Hirnleistungsstörungen ist aus Gründen der Eingrenzung des Studienumfanges verzichtet worden. In einem ersten Ansatz sind auch Personen mit schizophrenen Psychosen ausgeschlossen worden. Es hat sich jedoch nachträglich gezeigt, dass kein einziger Patient dieses Ausschlusskriterium erfüllt hat. So gesehen sind einzig Personen mit klinisch relevanten kognitiven Störungen ausgeschlossen worden. Insbesondere sind Personen mit multiplem Substanzmissbrauch in die Studie aufgenommen worden. Insgesamt geben 12,8% der Studienteilnehmer zu irgendeinem Zeitpunkt einen regelmäßigen multiplen Substanzkonsum an. Driessen und andere weisen darauf hin, dass sich Alkoholabhängige mit multiplem Substanzmissbrauch in verschiedener Hinsicht von Alkoholabhängigen ohne multiplen Substanzmissbrauch unterscheiden. Der Ausschluss von Personen mit multiplem Substanzkonsum hätte aus Sicht des Autors eine zusätzliche klinische Selektion bedeutet. Alkoholabhängigkeit wird in der vorliegenden Studie vor allem als Syndrom verstanden. Eine [Seite 77↓]klare Trennung zwischen primären und sekundären Formen der Alkoholabhängigkeit wird nicht durchgeführt. Komorbide Störungen werden in der vorliegenden Studie (mit Ausnahme der schizophrenen Patienten) dann ausgeschlossen, wenn sie zu klinisch relevanten Hirnleistungsstörungen führen.

7.3 Ergebnisse

Hypothese 1: Das Alter bei erstmaliger Entgiftung hängt von Variablen der Persönlichkeit ab und ist bei Personen mit starker Persönlichkeitsakzentuierung niedriger als bei Personen ohne entsprechende Persönlichkeitsakzentuierung.

In Abschnitt 2.2.1 wird ausgeführt, wie bei Cloninger (Typ II Alkoholismus) eine Verknüpfung von frühem Auftreten von Alkoholproblemen und antisozialem Verhalten hergestellt wird.

Driessen (siehe 2.3 und Driessen M: Axis I and Axis II Comorbidity in Alcohol Dependence and the two Types of Alcoholism) verallgemeinert den Ansatz Cloningers. Hierbei findet er im Typ A/2 eine Häufung von Persönlichkeitsstörungen. Driessen nennt insbesondere die schizoide, die schizotypische, die antisoziale, die borderline, die histrionische und die narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Die vorliegende Studie weist einige Persönlichkeitsvariablen als wichtige Prädiktoren für einen frühen Entgiftungszeitpunkt aus. Wichtigster Prädiktor ist antisoziales Verhalten. Es folgt als Prädiktor schizotypes Verhalten. Beide genannten Variablen finden sich bei Driessen im erweiterten Persönlichkeitsprofil des Typs A/2.

Als Hauptbefund bleibt in Übereinstimmung mit der Literatur festzuhalten, dass Persönlichkeitsfaktoren bei jungen Alkoholabhängigen eine tragende Rolle spielen. Die Störungen reichen in den Bereich der Impulskontrolle (Cluster B) und in den Bereich des Denkens und der Wahrnehmung (Cluster A). In diesem Sinn wird Hypothese 1 durch die vorliegende Studie gestützt.

Hypothese 2: Die Anzahl an Entgiftungsbehandlungen hängt von Variablen der Persönlichkeit ab und ist bei Personen mit starker Persönlichkeitsakzentuierung höher als bei Personen ohne entsprechende Persönlichkeitsakzentuierung.

Hypothese 2 stützt sich im wesentlichen auf die Arbeiten Driessens. Dieser zeigt in einem prospektiven und retrospektiven Design (siehe 2.3.2 und 2.3.3), dass der Suchtverlauf bei Personen mit Persönlichkeitsstörung ungünstiger ausfällt als bei Personen ohne Persönlichkeitsstörung.


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Abbildung 7.3-1: Abhängigkeitsverlauf in den diagnostischen Hauptgruppen bei Driessen

Dabei trifft dieser ungünstigere Verlauf nur auf Personen mit Cluster A und Cluster B Persönlichkeitsstörung zu. Personen mit Cluster C Persönlichkeitsstörung unterscheiden sich nicht von Personen ohne Persönlichkeitsstörung in ihrem Suchtverlauf.

In der vorliegenden Studie lassen sich die Ergebnisse Driessens zum Suchtverlauf nicht ohne weiteres bestätigen. Reduziert man den Suchtverlauf auf den Teilaspekt der Anzahl an Entgiftungsbehandlungen, so sucht man fast vergeblich nach Persönlichkeitsvariablen unter den Prädiktoren. Einzig die Variable „Autonomie“ findet sich unter den Prädiktoren für Personen mit vielen Entgiftungen. Hohe Autonomiewerte führen zu einem erhöhten Risiko, in die Gruppe der Mehrfachentgifter zu fallen. Alternative Modelle ohne Variablen des Suchtverhaltens führen nicht zu einer stärkeren Gewichtung von Persönlichkeitsvariablen.

In der vorliegenden Studie wird die Anzahl der Entgiftungsbehandlungen vor allem durch die Variable „Alter bei Erstentgiftung“ (Covariate) und verschiedene DITS-40 Variablen (Prädiktoren) bestimmt. Dabei hat sich gezeigt, dass Personen mit wenigen Entgiftungen [Seite 79↓]häufiger in sozialer Interaktion stehen. Sozialer Druck und Konflikte mit anderen dominieren die Trinkmotive. Partnerschaften liegen in der Regel noch vor. Bei Personen mit vielen Entgiftungen stehen Trinkmotive wie angenehme Emotionen, unangenehme Emotionen und Versuchung und Verlangen im Vordergrund. Die zuletzt genannten Trinkmotive sind nicht notwendigerweise auf andere Personen bezogen. Partnerschaften sind seltener. Es finden sich höhere Autonomiewerte.

Gibt es eine Erklärung für die unterschiedliche Gewichtung von Persönlichkeitsfaktoren in der vorliegenden Studie gegenüber Driessen? Hierzu ist es erforderlich, die Arbeit Driessens noch einmal genauer zu diskutieren. Driessen greift in seiner Arbeit auf das Trinkphaseninterview von Skinner zurück. Der Abhängigkeitsverlauf wird vom ersten Konsum über weitere Zwischenstadien (1.Rausch, 1. regelmäßiger Konsum, 1.vermehrter Konsum, 1. missbräuchlicher Konsum, 1. morgendlicher Konsum, 1. heimliches Trinken, 1. abhängiges Konsummuster, 1. Entzugssymptome, 1. alkoholbezogene Hilfe) bis hin zur ersten Entgiftungsbehandlung retrospektiv rekonstruiert (siehe Abbildung 7.3-1). Driessen bezieht sich in seinen Ausführungen zum retrospektiven Verlauf auf die Entwicklungsphasen der Suchterkrankung vor der ersten Entgiftungsbehandlung. Dieser Abschnitt der Suchtentwicklung bleibt jedoch in der vorliegenden Studie ausgeblendet. Diese bezieht sich auf die Entwicklung nach der ersten Entgiftungsbehandlung. In diesem späten klinischen Entwicklungsabschnitt spielen Persönlichkeitsfaktoren entsprechend den Befunden der hier vorliegenden Studie eine untergeordnete Rolle. Ein Vergleich zwischen Driessen und der hier diskutierten Studie ist erst ab der ersten Entgiftungsbehandlung möglich. Driessen findet in seiner Untersuchung des prospektive Verlaufes keine signifikanten Unterschiede zwischen den diagnostischen Hauptgruppen. So gesehen stehen die Befunde Driessens nicht in einem Widerspruch zu den Befunden der vorliegenden Studie.

Es bleibt freilich die Frage, wie weit sich der Suchtverlauf durch die Anzahl an Entgiftungsbehandlungen abbilden lässt. Bezieht man sich auf die faktorenanalytische Analyse (Tabelle 6.1.2.1-1 und Tabelle 6.1.2.1-2), so korreliert die Dauer des Suchtverlaufs mit der Anzahl an Entgiftungsbehandlungen und den Therapiemonaten insgesamt. Das Alter bei Erstentgiftung korreliert sehr viel weniger gut mit den genannten Variablen und wird dem Faktor „Schweregrad der Suchterkrankung“ zugeordnet. Mit der Variable „Alter bei Erstentgiftung“ wird der präklinische Suchtverlauf vom späteren klinischen Suchtverlauf abgegrenzt. Vieles spricht dafür, dass der präklinische Suchtverlauf stärker von Persönlichkeitsvariablen geprägt wird, während der spätere klinische Suchtverlauf eine suchtspezifische Eigendynamik entwickelt und weniger von Persönlichkeitsfaktoren abhängt. Diese Deutung wird von der hier vorliegenden Studie gestützt.


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Wie bereits diskutiert, hängt die Variable „Alter bei Erstentgiftung“ stark von Persönlichkeitsvariablen ab. Dies gilt für den späteren klinischen Suchtverlauf und die spätere Anzahl an Entgiftungsbehandlungen nicht. So gesehen kann der Suchtverlauf nicht allein auf die Anzahl von Entgiftungsbehandlungen reduziert werden. Durch eine solche Reduktion würde der präklinische Suchtverlauf völlig ausgeblendet werden. Auf relativ einfache Weise kann der präklinische Suchtverlauf über die Variable „Alter bei Erstentgiftung“ erfasst werden.

Zusammenfassend liefert die vorliegende Studie keine sicheren Hinweise für die Richtigkeit von Hypothese 2. Dies steht jedoch nicht unbedingt im Widerspruch zu anders lautenden Ergebnissen der Literatur. Aussagen zum Suchtverlauf sollten genau zwischen präklinischem und klinischem Abschnitt des Suchtverlaufes differenzieren. Es erscheint durchaus möglich, dass der präklinische Suchtverlauf bis zum Zeitpunkt einer erstmaligen Entgiftung von Persönlichkeitsfaktoren beeinflusst wird, während der spätere klinische Abschnitt des Suchtverlaufes nach erstmaliger Entgiftung eine Eigendynamik entwickelt und von Persönlichkeitsfaktoren weniger abhängig ist.

Hypothese 3: Die Trinkmenge hängt von Variablen der Persönlichkeit ab und liegt bei Personen mit starker Persönlichkeitsakzentuierung höher als bei Personen ohne entsprechende Persönlichkeitsakzentuierung.

Die Trinkmenge ist eine in der Fachliteratur viel diskutierte Variable. Genetische Studien (siehe Heath et al, 1991) weisen der Trinkmenge innerhalb suchtrelevanter Variablen eine eigenständige Rolle zu.

Entsprechend der theoretischen Bedeutung der Variablen „Trinkmenge“ haben sich unterschiedliche Ansätze der Persönlichkeitsforschung mit ihr auseinandergesetzt.

Cloninger (siehe 2.2.1) geht in seinen Studien auch auf die Schwere der Alkoholabhängigkeit ein. Die Schwere der Alkoholabhängigkeit wird hierbei jedoch über die Anzahl typischer Abhängigkeitssymptome beschrieben. Wenn man einen positiven Zusammenhang zwischen der Schwere der Abhängigkeit und der Trinkmenge annimmt, so ergeben sich im Persönlichkeitsmodell Cloningers näherungsweise folgende Zusammenhänge:

Diese Annäherung verzichtet auf die ursprüngliche Alters- und Geschlechtsdifferenzierung bei Cloninger. Hohe Werte in „Nowelty seeking“ und „Harm avoidance“ treffen bei Cloninger nur auf zwei klassische Persönlichkeitskategorien zu: passiv aggressive und emotional instabile [Seite 81↓]Persönlichkeitsstörungen. Die Arbeiten Wolffgramms (siehe 2.2.2) aus der experimentellen Tierforschung arbeiten ebenso mit Verhaltenscharakterisierungen und berücksichtigen sehr genau die Haltungsbedingungen der Tiere. Dominante Tiere haben niedrigere Trinkmengen als subordinate Tiere. Dominante Tiere reagieren jedoch deutlich empfindlicher auf einen Wechsel der Haltungsbedingungen. Eine Umstellung von Kontakt- auf Einzelhaltung bedeutet in jedem Fall eine Zunahme der Trinkmenge. Dabei nähern sich die dominanten Tiere in ihrer Trinkmenge den subordinaten Tieren an. In den Arbeiten Driessens (siehe 2.3) wird ebenfalls die Trinkmenge genau untersucht. Im retrospektiven Design ist die Trinkmenge in den Gruppen mit Persönlichkeitsstörung signifikant gegenüber den Gruppen ohne Persönlichkeitsstörung erhöht. Bei der Analyse auf Ebene der Persönlichkeitscluster sind die Trinkmengen für Cluster B- und für unspezifische Persönlichkeitsstörungen gegenüber Patienten ohne Persönlichkeitsstörung signifikant erhöht. Im prospektiven Design ergeben sich im Trend erhöhte Trinkmengen für die Gruppen mit Persönlichkeitsstörungen. Die Unterschiede erreichen jedoch keine Signifikanz. Im prospektiven Design erreichen die Unterschiede auf Ebene der Persönlichkeitscluster Signifikanz. Die Trinkmenge ist im Cluster B gegenüber unspezifischen Persönlichkeitsstörungen und Personen ohne Persönlichkeitsstörungen signifikant erhöht.

Wie lassen sich diese Befunde mit den Ergebnissen der hier vorliegenden Studie vergleichen?

Auch die hier vorliegende Studie schreibt den Persönlichkeitsvariablen einen wichtigen Einfluss auf die Trinkmenge zu. Unter den Prädiktoren stehen hierbei depressives und schizoides Verhalten im Vordergrund. Driessen und soweit vergleichbar auch Cloninger betonen den wichtigen Einfluss von Cluster B Persönlichkeitsstörungen in Bezug auf die Trinkmenge. Diese stehen jedoch in den hier diskutierten Modellen nicht im Vordergrund. Lediglich die Variable „Expansivität“ weist in Richtung auf ein Cluster B typisches Verhalten.

Interessant in Bezug auf die hier vorgestellten Ergebnisse sind die Befunde Wolffgramms aus der experimentellen Suchtforschung. Insbesondere der Einfluss der Haltungsbedingungen mit Zunahme der Trinkmenge unter experimentell induzierter Vereinsamung lassen aufhorchen. Schizoide und depressive Erlebnisweisen gehen in der Regel mit einer Vereinsamung einher. Auf Ebene der Prädiktoren zeigt sich in der hier vorliegenden Studie eine Abhängigkeit der Trinkmenge von der Anzahl an Entgiftungsbehandlungen. Wie an anderer Stelle dargestellt, kommt es im Suchtverlauf zu einer Abnahme der sozialen Interaktion.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die vorliegende Studie die Richtigkeit von Hypothese 3 bestätigt. Hierbei stehen in der vorliegenden Studie depressive und schizoide Erlebnisweisen als wichtigste Prädiktoren im Vordergrund. Erst an zweiter Stelle kann ein expansiver Persönlichkeitsstil als Prädiktor für eine hohe Trinkmenge nachgewiesen werden.


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Hypothese 4: Die Anzahl der Abstinenztage hängt von Variablen der Persönlichkeit ab und liegt bei Personen mit starker Persönlichkeitsakzentuierung niedriger als bei Personen ohne entsprechende Persönlichkeitsakzentuierung.

Abstinenz wird in der Fachliteratur mit ähnlicher Aufmerksamkeit diskutiert wie die Trinkmenge. Genetische Studien schreiben der Abstinenzdimension eine eigenständige Rolle zu (Heath AC, et al 1991).

Cloninger untersucht in einer großen repräsentativen Stichprobe die Trinkhäufigkeit in Abhängigkeit von den drei Persönlichkeitsdimensionen „Novelty seeking“, „Harm avoidance“ und „Reward dependence“ (Cloninger et al, Personality antecedents of Alcoholism in a national area probability sample, 1995). Wird auf die Geschlechts- und Altersgruppierung verzichtet und in diesem Sinn eine Vereinfachung eingeführt, so ergeben sich folgende Befunde: (siehe 2.2.1)

Lange Abstinenz ist demnach nach Cloninger vor allem mit einem niedrigen Score in „Novelty Seeking“ und einem hohen Score in „Harm avoidance“ assoziiert. Berücksichtigt man wiederum Cloningers Beschreibung klassischer Persönlichkeitskategorien in Abhängigkeit von „Novelty seeking“, „Harm avoidance“ und „Reward dependence“ (siehe 2.2.1), so trifft die obige Beschreibung auf die Kategorien „zwanghaft“ und „passiv dependent“ zu. Umgekehrt sind kurze Abstinenzzeiten mit einem hohen Score in „Novelty seeking“ und einem niedrigen Score in „Harm Avoidance“ korreliert. Dieser Kombination im Bereich der Temperamentsdimensionen entsprechen die klassischen Persönlichkeitskategorien „antisozial“ und „histrionisch“.

Auch Driessen untersucht das Abstinenzverhalten in seiner Studie. Im retrospektiven Design ergeben sich für die Personen mit Achse II Diagnose ohne zusätzliche Achse I Diagnose signifikant mehr Trinktage. Als Referenzgruppe dienen Personen ohne Achse I und ohne Achse II Diagnose. Auf Ebene der einzelnen Persönlichkeitscluster ergeben sich allerdings keine signifikanten Unterschiede. Im prospektiven Design findet Driessen weder signifikante Unterschiede zwischen den Hauptgruppen, noch zwischen den einzelnen Persönlichkeitsclustern.

So gesehen schreibt Driessen den Persönlichkeitsvariablen einen relativ niedrigen Einfluss auf die Abstinenz zu. Dieser Befund betätigt sich in der vorliegenden Studie. Persönlichkeitsvariablen spielen in den hier vorgestellten Modellen (siehe Abschnitt 6.2.2.2) keine Rolle unter den Prädiktoren. Variablen des DITS-40 stehen ganz im Vordergrund. [Seite 83↓]„Angenehme Emotionen“ und „Unangenehme Emotionen“ sind die wichtigsten Prädiktoren. Insgesamt wird das Abstinenzverhalten am besten durch motivationale Faktoren beschrieben. Persönlichkeitsfaktoren stehen hierbei nach erster Durchsicht der Prädiktoren im Hintergrund.

Wie sind dann aber die persönlichkeitspsychologischen Aussagen Cloningers zur Abstinenz zu bewerten? Hierzu müssen alternative Modelle unter Einschluss von Covariaten des Suchtverhaltens (Tabelle 6.2-2) berücksichtigt werden. Diese sind in ihren modelltheoretischen Kenngrößen nicht entscheidend besser und in Bezug auf manche Gütekriterien sogar ungünstiger als die in Abschnitt 6.2.2.2 aufgeführten Modelle. Anhang 9.3 stellt alternative Modelle vor, die auch Variablen des Suchtverhaltens aus Tabelle 6.2-2 in die Analyse einschließen.

Für kurze Abstinenzzeiten zeigt das alternative Modell (Tabelle 9.3-1) die Bedeutung der Variablen „histrionisch“. Hohe Scorewerte im Bereich histrionischen Verhaltens erhöhen die Wahrscheinlichkeit, zur Gruppe mit niedrigen Abstinenzzeiten zu gehören.

Für lange Abstinenzzeiten findet sich in dem alternativen Modell (Tabelle 9.3-2) die Variable „Verhaltenskontrolle“. Diese geht allerdings mit negativem Regressionskoeffizienten in die Regressionsgleichung ein. Das heißt, dass hohe Scorewerte im Bereich von Verhaltenskontrolle die Wahrscheinlichkeit erhöhen, in die Gruppe mit kürzerer Abstinenz zu fallen. Im Anschluss an Cloninger wären für hohe Werte im Bereich „Verhaltenskontrolle“ lange Abstinenzzeiten zu erwarten.

Wie lassen sich diese Unterschiede erklären? Cloninger untersucht in der zitierten Studie unter Berücksichtigung einer Alters- und Geschlechtsgruppierung einfache Korrelationen zwischen jeweils zwei Variablen (bivariater Zusammenhang). Die hier vorliegende Studie legt ein multivariates Modell zu Grunde. Dieses berücksichtigt auch Zusammenhänge zwischen anderen Variablen. In der Gesamtbewertung des Einflusses einer Variablen auf das Abstinenzverhalten ist in jedem Fall das multivariate Modell vorzuziehen. Es kann durchaus sein, dass im bivariaten Modell die Beziehung zwischen zwei Variablen anders aussieht als im multivariaten Modell.

Weiterhin bleibt als möglicher Fehler zu berücksichtigen, dass die Ergebnisse Cloningers eine Alters- und Geschlechtsabhängigkeit aufweisen. Auf diese Alters- und Geschlechtsabhängigkeit ist im Rahmen einer vereinfachenden Betrachtungsweise verzichtet worden.

So könnte durch die Alters- und Geschlechtszusammensetzung der vorliegenden Stichprobe diese Vorzeichenumkehr des Regressionskoeffizienten erklärbar sein. Entscheidend für die augenblickliche Fragestellung ist, dass der Variablen „Verhaltenskontrolle“ auch über der hier diskutierten Stichprobe eine Prädiktorwirkung zuzuschreiben ist. In diesem Sinn können die Ergebnisse Cloningers bei vereinfachender Betrachtung auch über der hier untersuchten [Seite 84↓]Stichprobe bestätigt werden. Wenn der Einfluss von Persönlichkeitsvariablen auf die Abstinenz diskutiert wird, so sind Variablen wie „Verhaltenskontrolle“ und „histrionisch“ zu nennen.

Zusammenfassend kann jedoch Hypothese 4 durch die vorliegende Studie nur in abgeschwächter Form bestätigt werden. Persönlichkeitsvariablen stehen in ihrem Einfluss auf die Abstinenz nicht an vorderer Stelle. Wichtiger sind Trinkmotive wie „Angenehme Emotionen“ und „Unangenehme Emotionen“.

Hypothese 5: Die Anzahl an Rückfällen hängt von Variablen der Persönlichkeit ab und ist bei Personen mit starker Persönlichkeitsakzentuierung höher als bei Personen ohne entsprechende Persönlichkeitsakzentuierung.

Eine Studie zur „Anzahl an Rückfällen“ in Abhängigkeit von Variablen der Persönlichkeit ist mir nicht bekannt. Eine in der Rückfallforschung übliche Versuchsanordnung besteht darin, dass eine definierte Stichprobe nach qualifizierter Entgiftung prospektiv nachuntersucht wird. Diejenigen Personen, die einen Rückfall erleiden, werden auf Persönlichkeitseigenschaften hin untersucht. In einer entsprechenden Versuchsanordnung charakterisiert Weijers H. (2002) besonders Rückfall gefährdete Personen als überdurchschnittlich impulsiv mit geringem Durchhaltevermögen. Die von Weijers eingesetzten Fragebögen (TCI von Cloninger, EPQ-R von Eysenck) sind allerdings nicht direkt mit den in der hier vorliegenden Studie verwendeten Fragebögen vergleichbar.

In der hier vorliegenden Studie sind die Personen gekennzeichnet worden, die innerhalb des Untersuchungszeitraums einen Rückfall erlebt haben und erneut zur Entgiftung aufgenommen worden sind.

Es handelt sich hierbei um Personen mit besonders expansiven Persönlichkeitszügen.

Für Personen mit vielen Rückfällen ergibt sich eine völlig andere Charakterisierung. Es überwiegen selbstunsichere, selbstzentrierte Personen mit sehr geringen histrionischen Persönlichkeitsanteilen.

Insgesamt kann Hypothese 5 als bestätigt angesehen werden. Persönlichkeitsfaktoren wirken sich auf die Anzahl an Rückfällen aus. Auch Personen mit Rückfall und nachfolgend erneuter Entgiftung lassen sich durch Persönlichkeitsvariablen charakterisieren.

Hypothese 6: Personen mit einem späten erstmaligen Entgiftungszeitpunkt haben oft eine lange adaptierte Suchtvorgeschichte. Es sind oft schizoid akzentuierte Personen, die durch ein kritisches Lebensereignis aus der Bahn geworfen worden sind.


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Die Hypothese ist weniger gut gesichert und bezieht sich vor allem auf Ausführungen bei Driessen. Anmerkungen zum Suchtverlauf bei Cluster A Personen und insbesondere schizoid akzentuierten Personen finden sich in seiner unveröffentlichten Habilitationsschrift. Diese Patientengruppe zeichnet sich nach Driessen durch einen frühen Beginn des regelmäßigen Trinkens und einen dann besonders protrahierten Abhängigkeitsverlauf mit eher später Entgiftung aus. Darüber hinaus wird in dieser Gruppe vergleichsweise selten über Folgeschäden berichtet.

Noch detaillierter stellt Driessen die Problematik des Alters in einem Zeitschriftenartikel dar:

In dem genannten Artikel wird eine Untergruppe jener Patienten mit Beginn des Alkoholismus zwischen dem 50-ten und 60-ten Lebensjahr beschrieben, deren Missbrauch im Alter erst bedrohliche Ausmaße annimmt (late-onset-exacerbation-drinker). Es wird ein Zusammenhang zwischen einem belastenden Lebensereignis und einer Verschlechterung einer lange adaptierten Suchtvorgeschichte beschrieben.

Der erste Teil von Hypothese 6, der sich auf schizoid akzentuierte Personen bezieht, wird durch die hier diskutierte Studie (Tabelle 6.2.1.1-2) bestätigt. Personen mit spätem erstmaligen Entgiftungszeitpunkt werden am besten durch die Persönlichkeitsvariable „Schizoid“ beschrieben.

Der zweite Teil von Hypothese 6, der sich auf die Rolle traumatischer Lebensereignisse bezieht, wird durch die ergänzenden Untersuchungen zu traumatischen Lebensereignissen (Tabelle 6.2.3.2-3) bestätigt.

Hypothese 6 wird also durch die vorliegende Studie bestätigt.

Hypothese 7: Die Persönlichkeit des Alkoholabhängigen hat einen Einfluss auf die konkrete Rückfallsituation des Betroffenen.

Untersuchungen zum Einfluss der Persönlichkeit des Alkoholabhängigen auf das Rückfallgeschehen und insbesondere auf die konkrete Rückfallsituation sind mir nicht bekannt.

In der Rückfallforschung werden im Anschluss an Marlatt und Gordon (1985) und Annis, Graham und Davis (1987) die im DITS-40 gebrauchten Skalen verwendet. Hierbei sind prozentuale Angaben über die Häufigkeit der entsprechenden Trinkmotive im Zusammenhang des letzten Rückfalls bekannt:


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Tabelle 7.3-2: Rückfallsituationen bei Marlatt und Schindler

Autoren

Marlatt (1979)

Schindler (1993)

Intrapersonale Einflussfaktoren

61

67,5

Unangenehme Gefühlszustände

38

42,5

Unangenehme körperliche

Zustände

3

2,5

Angenehme Gefühlszustände

0

5

Austesten der eigenen Kontrollmöglichkeiten

9

12,5

Eigener Drang und Versuchung

11

5

Zwischenmenschliche Einflussfaktoren

39

32,5

Zwischenmenschliche Konflikte

18

17,5

Zusammensein mit Alkoholkonsumenten und Aufforderung zum Mittrinken

18

15

Angenehme Gefühlszustände im Zusammensein mit anderen

3

0

Angaben in % bezogen auf die Stichprobe

Eine Vergleichbarkeit mit dem Ansatz der vorliegenden Studie ist hierbei nicht gegeben und kann deshalb nicht diskutiert werden.


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Unter Bezug auf die Ergebnisse der vorliegenden Studie bestätigt sich Hypothese 7. Persönlichkeitsfaktoren stellen in verschiedenen Rückfallsituationen wichtige Prädiktoren des Rückfalls dar. Insbesondere stehen „negativistische“ Erlebnisweisen bei „beruflichen Veränderungen“ an oberster Stelle der Prädiktoren. Ein „selbstzentrierter“ Interaktionsstil wirkt sich negativ auf das Rückfallgeschehen bei „Konflikten in der Partnerschaft“ und im Zusammenhang von „Weihnachten, Neujahr und Familienfesten“ aus. „Beschwerden“ und „Nervosität“ haben einen negativen Einfluss auf das Rückfallgeschehen bei „gesundheitlichen Veränderungen“. Ein „zwanghafter“ Interaktionsstil wirkt ungünstig bei „individuell privaten Umbrüchen“.


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