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8  Zusammenfassung und Ausblick

In der vorliegenden Studie werden Persönlichkeitsvariablen bei Alkoholabhängigen und ihr Einfluss auf verschiedene Teilbereiche süchtigen Verhaltens untersucht.

8.1 Literatur

Die frühe Forschung im Bereich der Suchtmedizin hat lange Zeit versucht, die eine Alkoholikerpersönlichkeit aufzuzeigen. Konzepte wie die „klinische Alkoholikerpersönlichkeit“ und die „präalkoholische Persönlichkeit“ sind in diesem Zusammenhang diskutiert und verworfen worden. Verschiedene Persönlichkeitstypen sind später alkoholabhängigen Personen zugeordnet worden. Die Rolle der Persönlichkeit im Zusammenhang mit der Suchtentwicklung ist unterschiedlich bewertet worden. Auf der einen Seite sind die Persönlichkeitsauffälligkeiten der Alkoholiker als Ursache des süchtigen Verhaltens verstanden worden. Andererseits sind die Persönlichkeitsauffälligkeiten der Alkoholiker als Folge des chronischen Alkoholkonsums gedeutet worden. In den vorliegenden Longitudinalstudien stehen Persönlichkeitsvariablen nicht an vorderer Stelle der Prädiktoren eines späteren Alkoholismus.

Die Persönlichkeitsforschung in der Suchtmedizin ist daraufhin deutlich zurückgegangen. Erst mit den biologisch ausgerichteten Persönlichkeitskonzepten Cloningers hat sich die Situation wieder geändert. Das von Cloninger entwickelte Konzept des Typ II Alkoholismus mit einer Verknüpfung von frühem Beginn eines süchtigen Trinkens mit antisozialen Persönlichkeitszügen hat die nachfolgende Diskussion stark beeinflusst. Die späteren Arbeiten Cloningers versuchen, Unterschiede zwischen alkoholabhängigen Personen genauer auf der Basis von Persönlichkeitsmodellen zu quantifizieren. Einen noch stärkeren Einfluss auf die Persönlichkeitsforschung in der Suchtmedizin hat die Einführung neuer operationalisierter Diagnosesysteme. Das Konzept der Persönlichkeitsstörung ist im Zusammenhang der Psychopathologie von großer Bedeutung. Die Untersuchung komorbider Störungen und ihres Einflusses auf den Krankheitsverlauf hat einen wichtigen Stellenwert in der klinischen Forschung eingenommen. Dabei zeigt sich, dass Persönlichkeitsstörungen einen ungünstigen Einfluss auf den Suchtverlauf, die Trinkmenge und die Anzahl der Abstinenztage haben.


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8.2  Fragestellung und Hypothesenbildung

Welche Rolle nimmt die Persönlichkeit des Alkoholabhängigen in der Suchtentwicklung ein? Lässt sich Persönlichkeit bei Personen mit Alkoholmissbrauch oder Alkoholabhängigkeit als Risikofaktor verstehen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der vorliegenden Studie.

Unterschiedliche Teilbereiche süchtigen Verhaltens werden hierbei untersucht. Das Alter bei erstmaliger Entgiftung, die Anzahl an Entgiftungsbehandlungen, die Trinkmenge, die Trinkhäufigkeit sind einige der untersuchten Variablen. Das Rückfallgeschehen wird ebenfalls untersucht. Hierbei wird zunächst die Anzahl an Trinkrückfällen in einem vorgegebenen Zeitraum analysiert. Weiterhin werden konkrete Rückfallsituationen in die Untersuchung einbezogen.

Inhaltlich wird hierbei von der allgemeinen Hypothese ausgegangen, dass die Persönlichkeit des Alkoholabhängigen in sämtlichen Bereichen des Suchtverhaltens einen Einfluss haben kann.

Im einzelnen orientiert sich die weitere Analyse und Diskussion an folgenden, nach Studium der Literatur, selbst erarbeiteten Hypothesen:

Hypothese 1: Das Alter bei erstmaliger Entgiftung hängt von Variablen der Persönlichkeit ab und ist bei Personen mit starker Persönlichkeitsakzentuierung niedriger als bei Personen ohne entsprechende Persönlichkeitsakzentuierung.

Hypothese 2: Die Anzahl an Entgiftungsbehandlungen hängt von Variablen der Persönlichkeit ab und ist bei Personen mit starker Persönlichkeitsakzentuierung höher als bei Personen ohne entsprechende Persönlichkeitsakzentuierung.

Hypothese 3: Die Trinkmenge hängt von Variablen der Persönlichkeit ab und liegt bei Personen mit starker Persönlichkeitsakzentuierung höher als bei Personen ohne entsprechende Persönlichkeitsakzentuierung.

Hypothese 4: Die Anzahl der Abstinenztage hängt von Variablen der Persönlichkeit ab und liegt bei Personen mit starker Persönlichkeitsakzentuierung niedriger als bei Personen ohne entsprechende Persönlichkeitsakzentuierung.

Hypothese 5: Die Anzahl an Rückfällen hängt von Variablen der Persönlichkeit ab und ist bei Personen mit starker Persönlichkeitsakzentuierung höher als bei Personen ohne entsprechende Persönlichkeitsakzentuierung.


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Hypothese 6: Personen mit einem späten erstmaligen Entgiftungszeitpunkt haben oft eine lange adaptierte Suchtvorgeschichte. Es sind oft schizoid akzentuierte Personen, die durch ein kritisches Lebensereignis aus der Bahn geworfen worden sind.

Hypothese 7: Die Persönlichkeit des Alkoholabhängigen hat einen Einfluss auf die konkrete Rückfallsituation des Betroffenen.

8.3 Methoden

Persönlichkeit wird in der vorliegenden Studie aus unterschiedlichen Perspektiven gesehen. Der Standpunkt der klinischen Psychologie wird über den TPF beschrieben. Der Standpunkt der klinischen Psychopathologie wird über den SKID-II erfasst. Zuletzt werden auch Trinksituationen, die im Kontext der Studie als Trinkmotivationen gedeutet werden, über das DITS-40 in die Analyse einbezogen. Insgesamt folgt die Auswertung der Daten einer Zweistufigkeit des Vorgehens:

Im ersten Schritt geht es um eine explorative Herangehensweise. Grundlegende Datenstrukturen werden beschrieben und die bedeutsamen Suchtvariablen werden herausgearbeitet.

Im zweiten Schritt wird eine Risikofaktoranalyse durchgeführt. Dabei werden die im ersten Schritt als bedeutsam erkannten Variablen dichotomisiert und in einem binär logistischen Modell neu analysiert. Prädiktoren der logistischen Modelle werden als Risikofaktoren interpretiert.

8.4 Stichprobe

In einem Zeitraum von Anfang Mai 2000 bis Ende April 2001 sind Personen nach abgeschlossener Entgiftung in die Stichprobe aufgenommen worden. Eingeschlossen sind Personen mit Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit nach ICD10. Ausgeschlossen sind Personen mit klinisch relevanten kognitiven Störungen und Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis.

Insgesamt sind 297 Personen in die Stichprobe aufgenommen worden. Abweichend von anderen klinischen Stichproben ist bei unserer Untersuchung der Anteil an Frauen (15,9%) niedriger. Der Mittelwert des Alters (42,9 Jahre), der Anteil arbeitsloser Personen (54,5%) und der Anteil fester Partnerschaften (49,5%) ist mit anderen Stichproben psychiatrischer Akutkliniken vergleichbar. Insgesamt entspricht die Stichprobe in ihrer soziodemographischen Zusammensetzung weitgehend vergleichbaren Stichproben psychiatrischer Akutkliniken.


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8.5  Ergebnisse

Der Einfluss von Persönlichkeit auf den Suchtverlauf

Der Suchtverlauf ist hierbei in zwei Abschnitte zu gliedern. Ein erster präklinischer Verlaufsabschnitt vor der ersten Entgiftungsbehandlung erweist sich stark von Persönlichkeitsvariablen abhängig. Antisoziales und schizotypes Verhalten sind die stärksten Prädiktoren für einen frühen ersten Entgiftungstermin. Der spätere klinische Suchtverlauf nach der ersten Entgiftung ist deutlich weniger von Persönlichkeitsfaktoren abhängig. Einzig die Autonomiewerte nehmen mit zunehmendem Suchtverlauf in der Selbstbeurteilung zu, während die sozialen Interaktionen mit zunehmendem Suchtverlauf gleichzeitig abnehmen. Personen mit einem späten Beginn der klinischen Suchtentwicklung sind oft schizoid akzentuiert. Diese Personengruppe ist besonders Rückfall gefährdet in Bezug auf traumatische Lebensereignisse.

Der Einfluss von Persönlichkeit auf das Konsumverhalten

In Bezug auf die Trinkmenge zeigt sich eine deutliche Abhängigkeit von Persönlichkeitsvariablen. Personen mit schizoider Persönlichkeitsakzentuierung finden sich bevorzugt in der Gruppe mit hoher Trinkmenge. Für die Trinkhäufigkeit kann eine Abhängigkeit von Persönlichkeitsvariablen viel weniger deutlich gezeigt werden. Vor allem Variablen, die das Suchtverlangen beschreiben, stehen an erster Stelle der Prädiktoren.

Der Einfluss von Persönlichkeit auf den Rückfall

Personen mit vielen Rückfällen erweisen sich in ihrer Persönlichkeit vor allem als selbstunsicher. Histrionische Persönlichkeitsanteile finden sich kaum. Personen mit einem Rückfall innerhalb der Studiendauer mit erneuter Entgiftung lassen sich am besten durch expansive Persönlichkeitsanteile beschreiben. Zuletzt sind verschiedene Rückfallsituationen und der Einfluss von Persönlichkeitsvariablen auf das Rückfallgeschehen in einer konkreten Rückfallsituation untersucht worden. Auch hier zeigt sich ein breiter Einfluss von Persönlichkeitsvariablen. Beispielsweise stehen negativistische Persönlichkeitsstrukturen bei Rückfällen durch berufliche Probleme an vorderer Stelle der Prädiktoren. Bei traumatischen Lebensereignissen sind schizoid akzentuierte Personen besonders gefährdet.


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8.6  Ausblick

Historisch gesehen wird innerhalb der Persönlichkeitsforschung immer stärker ein Richtungswechsel der Fragestellung deutlich. Der Weg führt weg von der Persönlichkeit als Ursache süchtigen Verhaltens. Die moderne Persönlichkeitsforschung in der Suchtmedizin versteht Persönlichkeit als Therapie modifizierende Variable. Abhängig von Persönlichkeitsgesichtspunkten erfolgt die Planung einer differentiellen, mehrdimensionalen Pharmakotherpie und Psychotherapie. Es geht um das Ziel einer besseren Anpassung von Person und Behandlung. Die vorliegende Studie zeigt einen Einfluss von Persönlichkeitsfaktoren in unterschiedlichen Bereichen des Suchtverhaltens auf. Aufbauend auf den hier vorgelegten Ergebnissen stellt sich die Frage nach Differentialindikationen für Psycho- und Pharmakotherapie abhängig von Persönlichkeitsfaktoren. Dies wäre in weiteren Studien zu untersuchen


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27.05.2005