Deutsch, Frank: Remifentanil versus Ketamin zur Analgesie bei kurzen Narkosen Vergleich zweier Narkoseverfahren bei kurzen gynäkologischen Eingriffen hinsichtlich Anwendbarkeit, postnarkotischer Erholung und Akzeptanz

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Kapitel 4. Präoperatives Vorgehen und Gruppenbildung

4.1 Untersuchungsvorbereitung

Nach dem Routine-Prämedikationsgespräch wurden die Patientinnen, die die Einschlusskriterien der Studie erfüllten, gefragt, ob sie sich an einer Untersuchung zur Erholung unmittelbar nach Narkoseende beteiligen würden. Dazu wurden sie über das Anliegen und über die zu erwartenden Tests der postoperativen Untersuchungen aufgeklärt. Die Patientinnen erhielten zusätzlich ein Informationsblatt, mit dessen Hilfe die Bereitschaft zur Teilnahme an diesen Untersuchungen gestärkt werden sollte. Die Patienten bekundeten gegebenenfalls ihre Bereitschaft mit Unterschrift oder sie konnten die Teilnahme ablehnen.

Waren die Patientinnen bereit an der Untersuchung teilzunehmen, wurden sie über Inhalt und Ablauf der vorgesehenen Untersuchungen und Befragungen informiert. Im Anschluss daran wurden Ausgangswerte erhoben, indem die Patientinnen die Testbatterie das erste Mal absolvierten. Einen nicht auszuschaltenden Einfluss auf die Ausgangswerte hatten Aufregung und Angst [ Kröll et al. 1988; Höfling et al. 1988].

Abschließend erhielten die Patientinnen den Fragebogen des Freiburger Persönlichkeitsinventars (FPI) mit der Bitte, ihn in Ruhe auszufüllen. Die Erhebung der Daten nach dem FPI dienten dazu, die individuelle Zusammensetzung der beiden Untersuchungsgruppen vergleichen zu können.

4.2 Vergleich der Untersuchungsgruppen

4.2.1 Biometrische und allgemeine Daten

Tabelle 1: Allgemeine Patientendaten

 

Gruppe 1
(Remifentanil)

n = 57

Gruppe 2
(Ketamin)

n = 51

Gruppe 1 vs.
Gruppe 2

Mann-Whitney
U-Test

 

xx

SD

xx

SD

p-Wert

Durchschnittsalter [Jahre]

48,97

12,52

49,28

14,56

0,691

Durchschnittsgröße [cm]

164,7

6,49

164,8

5,89

0,963

Durchschnittsgewicht [kg]

70,5

14,36

74,4

17,06

0,251

Body-Maß-Index

26,05

5,49

27,46

6,45

0,239

Anzahl der Voroperationen

2,1

 

2,1

 

 

Schulbildung [Klasse]

10

 

10

 

 

Der Vergleich der Gruppen hinsichtlich allgemeiner Patientendaten zeigt keine signifikanten Unterschiede.x


22

4.2.2 Altersverteilung in den Untersuchungsgruppen

Abbildung 1: Die relative Altersgruppenhäufigkeit

Die absolute und relative Altersverteilung in den beiden Untersuchungsgruppen ist aus Abbildung 1 ( Tabelle 20 ) ersichtlich. Wegen der großzügigen Einschlusskriterien entspricht die Altersverteilung in den Gruppen etwa der Altersverteilung der im Krankenhaus im Friedrichshain (Berlin) stationär durchgeführten diagnostischen und therapeutischen Kürettagen. Der Anteil an Untersuchungsteilnehmerinnen in der Altersgruppe 50 bis 54 Jahre ist besonders hoch. Bei den in den Altersgruppen von 15 bis 29 Jahren erfassten Eingriffen handelt es sich im Wesentlichen um Interruptiones und Abortkürettagen.


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4.2.3 Begleiterkrankungen

Tabelle 2: Begleiterkrankungen

 

Gruppe 1
(Remifentanil)

n = 57

Gruppe 2
(Ketamin)

n = 51

Art der Begleiterkrankung

Patientenanzahl

Patientenanzahl

Hypertonus

16

21

Hypotonus

13

7

KHK

8

13

pathologisch verändertes EKG

5

8

Adipositas

6

6

Varikosis

14

8

Allgemeiner Kopfschmerz

9

5

Migräne

17

18

HWS-Beschwerden

4

2

LWS-Beschwerden

5

7

Arthrose mit chronischen Schmerzen verbunden

5

3

Morbus Scheuermann

1

0

Glaukom

3

4

Allergien (einschließlich Asthma)

18

12

Belastungsdyspnoe

5

4

Struma

7

7

Diabetes mellitus

1

5

Psychische Besonderheiten (Ängste, reaktive Depression)

8

5

Die typischen Krankheiten verteilen sich auf beide Untersuchungsgruppen in ähnlicher Weise ( Tabelle 2 ).

Häufige Erkrankungen in dieser Altersverteilung sind Hypertonus, Varikosis und Allergien. Überraschend hoch ist der Anteil der an Migräne leidenden Frauen. In beiden Untersuchungsgruppen gab es wenige weitere Begleiterkrankungen. Diese hatten jedoch keine Relevanz für die Aufnahme in die Untersuchung.


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4.2.4 Häufig eingenommene Medikamente

Die Medikamenteneinnahme der Patientinnen spiegelt die ähnliche Erkrankungsverteilung in beiden Gruppen wieder ( Tabelle 3 ).

Tabelle 3: Häufigkeit der eingenommenen Medikamente

 

Gruppe 1
(Remifentanil)

n = 57

Gruppe 2
(Ketamin)

n = 51

Art der eingenommenen Medikamente

Patientenanzahl

Patientenanzahl

Keine

12

10

ACE-Hemmer

3

6

Analgetika/Antirheumatika

3

7

beta-Blocker

9

10

peripherer alpha1-Blocker (Blutdruck senkend)

3

0

alpha2-Rezeptoragonisten

2

0

Kalziumantagonisten

2

5

Gynäkologika (Cergem)

6

6

Digitalis

0

3

Diuretika

3

2

zentraler alpha-Blocker, Migränemittel

2

3

Sexualhormone

12

13

Antibiotika

0

1

Antidiabetika

0

2

Schilddrüsentherapeutika

3

5

Insulin

0

3

Koronartherapeutika

2

3

Mineralstoffe

3

2

Ophtalmika

1

4

Venentherapeutika

5

0

Wie die biometrischen Daten sowie die zusätzlich dargestellten Eigenschaften zeigen, gehören die Gruppen zu einer gemeinsamen Grundgesamtheit und können nach unterschiedlichen Narkoseverfahren miteinander verglichen werden.


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4.3 Ermittlung der Persönlichkeitsstruktur als Variante der postoperativen Befindlichkeit mittels des Freiburger Persönlichkeitsinventars (FPI (R))

Aus dem klinischen Alltag ist bekannt, dass das Krankheitserleben, die Verarbeitung der vielen besonderen Eindrücke im Krankenhaus, aber auch das Befinden nach der Narkose von der Persönlichkeit eines Menschen positiv oder negativ beeinflusst wird. Vegetativ und emotional labile und ängstliche Patienten haben postoperativ häufiger Beschwerden als emotional stabile Patienten. Introvertierte oder gehemmte Menschen haben möglicherweise Beschwerden, äußern diese jedoch anders als extravertierte oder kontaktfähige.

Das Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI (R)) ist ein Fragebogen, der in neun verschiedenen Dimensionen (FPI-Skala: 1-9) und in drei weiteren analytischen Gesichtspunkten (FPI-Skala: E, N und M) die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen zu erfassen sucht. Die Auswertung des Fragebogens erfolgt nach dem zugehörigen Itemschlüssel, wobei die von den Patienten gegebenen Antworten den FPI-Skalen zugeordnet werden. Diese Rohwerte werden nach entsprechenden Tabellen, die das Alter und das Geschlecht berücksichtigen, in Standardwerte (Stanine) umgewandelt [ Fahrenberg et al. 1970; Helm et al. 1973].

Da einige Fragen mehrfach verschiedenen FPI-Skalen zugeordnet werden, stehen die Skalen teilweise rechnerisch im Zusammenhang. Die FPI-Skalen haben aber auch deshalb eine enge Beziehung, da sich Persönlichkeitseigenschaften gegenseitig beeinflussen. So entsprechen hohe Testwerte im FPI 1 (Nervosität) hohen Testwerten in FPI 3 (Depressivität), FPI 4 (Erregbarkeit) und FPI 8 (Gehemmtheit). Auch zwischen der FPI 2-Skala (Aggressivität) und der FPI 9-Skala (Offenheit) besteht ein enger Zusammenhang. Hohe und niedrige Werte innerhalb der FPI-Skalen weisen auf extreme Persönlichkeitseigenschaften hin.

Die postoperative Befragung der Patientinnen enthält viele durchaus subjektive Gesichtspunkte. Aus diesem Grund musste die Überprüfung der Persönlichkeitseigenschaften durch das „Freiburger Persönlichkeitsinventar“ sichern, dass sich die Patientengruppen auch in dieser Hinsicht ähnlich sind [ Schlager et al. 1991].

Die Patientinnen wurden gebeten, die Fragen des Freiburger Persönlichkeitsinventars selbständig, in Ruhe, ehrlich und ohne lange zu überlegen „aus dem Bauch heraus“ zu beantworten. Am Ende der Untersuchung wurde der Fragebogen auf Vollständigkeit kontrolliert und vergessene Fragen gegebenenfalls ergänzt.

Im folgenden Abschnitt sind die Ergebnisse der Befragung nach dem FPI- Fragebogen für jede Persönlichkeitsdimension grafisch dargestellt. Die den Abbildungen 2 bis 13 zu Grunde liegenden Daten sind in den Tabellen 21 bis 32 zu entnehmen.


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4.3.1 Vergleichende Auswertung der Persönlichkeitsdimensionen nach dem FPI zwischen den Gruppen

4.3.1.1 Nervosität - FPI 1

In dieser Skala des Freiburger Persönlichkeitsinventars wird die Eigenschaft „Nervosität“ (psychosomatisch gestört oder psychosomatisch nicht gestört) untersucht. Hohe Testwerte haben Probanden, die körperliche Beschwerden, psychosomatische Allgemeinstörungen und starke körperliche Affektresonanzen im Fragebogen angeben. Beeinflusst wird diese Angabe von körperlichen Beschwerden als Folge organischer Erkrankungen. Niedrige Testwerte haben Patienten ohne psychosomatische und körperliche Beschwerden.

( Tabelle 21: Absolute und relative Verteilung der Standardwerte FPI 1 (Nervosität) )

Abbildung 2: Häufigkeitsverteilung der Standardwerte FPI 1 (Nervosität)


27

4.3.1.2 Aggressivität - FPI 2

In dieser Testskala wird Aggressivität (aggressiv, emotional unreif oder nicht aggressiv, beherrscht) bewertet. Hohe Testwerte zeigen spontane Aggressionsakte, Impulsivität und Unbeherrschtheit. Niedrige Testwerte sprechen für geringe spontane Aggressionsneigung und Selbstbeherrschung. Dieser Test ist vom Alter abhängig. Ältere Frauen haben in dieser Skala die niedrigsten Erwartungswerte.

( Tabelle 22: Absolute und relative Verteilung der Standardwerte FPI 2 (Aggressivität) )

Abbildung 3: Häufigkeitsverteilung der Standardwerte FPI 2 (Aggressivität)


28

4.3.1.3 Depressivität - FPI 3

In der FPI 3-Skala wird die Beantwortung der zur Depressivität (missgestimmt, selbstunsicher oder zufrieden, selbstsicher) gestellten Fragen ausgewertet. Hohe Testwerte zeigen Missstimmung, Stimmungslabilität, Angst, Gefühl unbestimmt drohender Gefahr, Einsamkeit, Konzentrationsmangel und Minderwertigkeitsgefühle. Niedrige Testwerte ergeben sich bei ausgeglichener, positiver, gelöster und optimistischer Grundstimmung, gutem emotionalen Rapport mit anderen, Konzentrationsfähigkeit und Selbstsicherheit. Dieser Test ist vom Geschlecht und Alter unabhängig. Hohe Testergebnisse stehen im Zusammenhang mit hohen Testwerten im FPI 1 (Nervosität), FPI 2 (Aggressivität), FPI 4 (Erregbarkeit), FPI 8 (Gehemmtheit) und FPI 9 (Offenheit).

( Tabelle 23: Absolute und relative Verteilung der Standardwerte FPI 3 (Depressivität) )

Abbildung 4: Häufigkeitsverteilung der Standardwerte FPI 3 (Depressivität)


29

4.3.1.4 Erregbarkeit - FPI 4

Die FPI 4-Skala dokumentiert den Grad der Erregbarkeit (reizbar, leicht frustriert oder ruhig, stumpf). Hohe Testwerte schildern Reizbarkeit, geringe Frustrationstoleranz, Ungeduld und aufbrausende Affekte. Niedrige Testwerte zeigen geringe Impulsivität und Spontanität, emotional beherrschte Persönlichkeit, Belastbarkeit, Geduldigkeit und große Frustrationstoleranz. Hohe Testwerte stehen im Zusammenhang mit hohen Testwerten in den Skalen FPI 1 (Nervosität), FPI 2 (Aggressivität), FPI 3 (Depressivität), FPI 7 (Dominanzstreben) und FPI 9 (Offenheit).

( Tabelle 24: Absolute und relative Verteilung der Standardwerte FPI 4 (Erregbarkeit) )

Abbildung 5: Häufigkeitsverteilung der Standardwerte FPI 4 (Erregbarkeit)


30

4.3.1.5 Geselligkeit - FPI 5

Die FPI 5-Skala erfasst die Eigenschaft Geselligkeit (gesellig, lebhaft oder ungesellig, zurückhaltend). Hohe Testwerte stehen für Kontaktbedürfnis und Kontaktstreben, Umgänglichkeit, Lebhaftigkeit und Unternehmungslust. Niedrige Testwerte erfassen geringes Kontaktbedürfnis und Selbstgenügsamkeit (kleiner Bekanntenkreis), Zurückhaltung, Schweigsamkeit und geringe Mitteilsamkeit. Hohe Testwerte stehen im Zusammenhang mit niedrigen Testwerten im FPI 8 (Gehemmtheit).

( Tabelle 25: Absolute und relative Verteilung der Standardwerte FPI 5 (Geselligkeit) )

Abbildung 6: Häufigkeitsverteilung der Standardwerte FPI 5 (Geselligkeit)


31

4.3.1.6 Gelassenheit - FPI 6

Diese Skala bewertet die Gelassenheit (sich selbst vertrauend, gut gelaunt oder irritierbar, zögernd). Hohe Testwerte zeigen Selbstvertrauen, Unbeirrbarkeit, gute Laune, Zuversichtlichkeit und Vorliebe für schnelles Handeln und Zupacken. Niedrige Testwerte zeigen Irritierbarkeit, Betroffenheit, Entmutigung, Besorgtheit. Der Proband ist in der Grundhaltung zögernd, abwartend und pessimistisch und fühlt sich daher schon durch kleine Misserlebnisse überfordert. Dieser Test ist geschlechtsabhängig. Frauen weisen niedrigere Werte auf als Männer. Hohe Testwerte stehen im Zusammenhang mit niedrigen Testwerten im FPI 8 (Gehemmtheit).

( Tabelle 26: Absolute und relative Verteilung der Standardwerte FPI 6 (Gelassenheit) )

Abbildung 7: Häufigkeitsverteilung der Standardwerte FPI 6 (Gelassenheit)


32

4.3.1.7 Dominanzstreben - FPI 7

Diese Skala bewertet das Dominanzstreben (sich durchsetzend, streng oder nachgiebig, gemäßigt). Hohe Testwerte sind zu finden bei Probanden, die reaktive Aggressionen, das Durchsetzen der eigenen Interessen, ein egozentrisches Weltbild und Misstrauen gegenüber anderen angeben. Niedrige Testwerte weisen Probanden auf, die Rücksicht, Mäßigung, Nachsicht, Nachgiebigkeit und eine tolerante, eher vertrauensvolle Einstellung schildern. Dieser Testwert ist abhängig von Geschlecht und Schulbildung. Probanden mit niedriger Bildung haben niedrigere Werte. Hohe Testwerte stehen im Zusammenhang mit hohen Testwerten im FPI 4 (Erregbarkeit).

( Tabelle 27: Absolute und relative Verteilung der Standardwerte FPI 7 (Dominanzstreben) )

Abbildung 8: Häufigkeitsverteilung der Standardwerte FPI 7 (Dominanzstreben)


33

4.3.1.8 Gehemmtheit - FPI 8

Die Skala FPI 8 zeigt den Grad der Gehemmtheit (gehemmt oder entspannt, ungezwungen, kontaktfähig). Hohe Testwerte zeigen Schüchternheit, Gehemmtheit im Umgang mit anderen, Kontaktgestörtheit, Kontaktunfähigkeit, Lampenfieber und körperliche Beschwerden vor bestimmten Anlässen, geringe Tatkraft und geringe Durchsetzungsbereitschaft. Die Personen sind ängstlich, schreckhaft und stark irritiert, wenn sie von anderen beobachtet werden. Niedrige Testwerte schildern Ungezwungenheit, Selbstsicherheit, Selbstbewusstsein, sicheres Auftreten und Handeln, geringe körperliche Erwartungsspannung, geringe körperliche Affektbeteiligung und Unternehmungslust. Frauen haben höhere Erwartungswerte als Männer. Hohe Testwerte stehen im Zusammenhang mit hohen Testwerten im FPI 3 (Depressivität), FPI 1 (Nervosität), und mit niedrigen Werten im FPI 5 (Geselligkeit) und FPI 6 (Gelassenheit).

( Tabelle 28: Absolute und relative Verteilung der Standardwerte FPI 8 (Gehemmtheit) )

Abbildung 9: Häufigkeitsverteilung der Standardwerte FPI 8 (Gehemmtheit)


34

4.3.1.9 Offenheit - FPI 9

Diese Skala bewertet die Offenheit (offen, selbstkritisch oder verschlossen unkritisch). Hohe Testwerte ergeben sich, wenn der Proband kleine Fehler und Schwächen zugibt, die wahrscheinlich jeder hat, selbstkritisch und unbekümmert ist. Niedrige Testwerte haben Probanden, die zu Dissimulation kleiner Schwächen und Fehler neigen und einen guten Eindruck machen möchten (mangelnde Offenheit).

( Tabelle 29: Absolute und relative Verteilung der Standardwerte FPI 9 (Offenheit) )

Abbildung 10: Häufigkeitsverteilung der Standardwerte FPI 9 (Offenheit)


35

4.3.1.10 Extraversion - FPI E

Diese Skala steht für Extraversion (extravertiert oder introvertiert). Hohe Testwerte schildern Geselligkeit, Kontaktbedürfnis, Umgänglichkeit, Lebhaftigkeit, Impulsivität und Gesprächigkeit. Der Proband liebt Abwechslung, Aktivität und ist unternehmungslustig, dominant und durchsetzungsfähig. Niedrige Testwerte schildern Ungeselligkeit, Zurückhaltung, Beständigkeit, Gleichmäßigkeit, die Person ist lieber für sich, hat geringes Kontaktbedürfnis und ist beherrscht, wenig unterhaltsam, wenig mitteilsam und möchte gerne in Ruhe gelassen werden. Junge Probanden haben höhere Erwartungswerte als ältere Probanden.

( Tabelle 30: Absolute und relative Verteilung der Standardwerte FPI E (Extraversion) )

Abbildung 11: Häufigkeitsverteilung der Standardwerte FPI E (Extraversion)


36

4.3.1.11 Emotionale Labilität - FPI N

Diese Skala beschreibt emotionale Labilität (emotional labil oder stabil). Hohe Testwerte zeigen Missstimmung, Stimmungslabilität, vorwiegend depressive, traurig niedergedrückte, elende Stimmung. Die Probanden sind schlecht aufgelegt, neigen zu Grübeleien, sind leicht ablenkbar, haben Sorgen, Kontaktstörungen und neigen zur Teilnahmslosigkeit. Niedrige Testwerte sprechen für ausgeglichene, stabile, positiv gelöste Stimmung, die Befragten sind gut aufgelegt, geduldig, ruhig, selbstsicher, haben wenig Sorgen und pflegen einen ungestörten emotionalen Rapport zu anderen. Hohe Testwerte im FPI N lassen niedrige Testwerte im FPI M (Maskulinität) (Kap. 4.3.1.12 ) erwarten.

( Tabelle 31: Absolute und relative Verteilung der Standardwerte FPI N (emotionale Labilität) )

Abbildung 12: Häufigkeitsverteilung der Standardwerte FPI N (emotionale Labilität)


37

4.3.1.12 Maskulinität - FPI M

Diese Skala steht für die Bewertung der Maskulinität (typisch männliche oder typisch weibliche Selbstschilderung). Hohe Testwerte zeigen aktives Durchsetzen, Selbstbewusstsein, Unternehmungslust, ausgeglichene Stimmungslage, wenig körperliche Beschwerden, wenig Lampenfieber und wenig psychosomatische Allgemeinstörungen. Niedrige Testwerte zeigen Zurückhaltung, niedergedrückte Stimmung, die Testpersonen sind leicht zu enttäuschen, haben wenig Zuversicht und Selbstvertrauen, leiden unter psychosomatischen Allgemeinstörungen, körperlicher Unruhe, Schwindelgefühl und sind oft abgespannt, matt und erschöpft. Sie sind auch oft wetterfühlig. Männer haben höhere Erwartungswerte als Frauen. Hohe Testwerte im FPI M lassen niedrige Testwerte im FPI N (emotionale Labilität) erwarten.

( Tabelle 32: Absolute und relative Verteilung der Standardwerte FPI M (Maskulinität) )

Abbildung 13: Häufigkeitsverteilung der Standardwerte FPI M (Maskulinität)


38

4.3.2 Gruppenvergleich bezüglich der FPI-Rohwerte

Die FPI-Rohwerte für die einzelnen FPI-Skalen ergeben sich durch die Auswertung der Antworten entsprechend dem jeweils zugehörigen Itemschlüssel. In Abbildung 14 sind die Mittelwerte der in den Gruppen ermittelten FPI-Rohwerte dargestellt. Aus der grafischen Darstellung wird ersichtlich, dass sich die beiden Gruppen in der Verteilung der Persönlichkeitseigenschaften stark ähneln. Es gibt in Bezug auf die Mittelwerte der FPI-Rohwerte keine signifikanten Unterschiede zwischen den Untersuchungsgruppen. Die genauen Daten sind der Tabelle 4 zu entnehmen.

Abbildung 14: Mittelwert der FPI-Rohwerte


39

Tabelle 4: Mittelwerte und Standartabweichung der FPI-Rohwerte

 

Gruppe 1 (Remifentanil)

N = 57

Gruppe 2 (Ketamin)

n = 51

Pearson Chi-Square

Skala

FPI-Rohwerte ( ± SD)

FPI-Rohwerte ( ± SD)

p-Wert

FPI 1

10,32 ± 5,53

12,57 ± 4,92

0,182

FPI 2

4,49 ± 3,29

5,24 ± 4,20

0,549

FPI 3

8,75 ± 5,54

9,47 ± 6,19

0,274

FPI 4

6,86 ± 4,28

8,08 ± 4,59

0,951

FPI 5

16,18 ± 5,75

16,71 ± 5,00

0,180

FPI 6

9,81 ± 3,82

9,88 ± 2,84

0,566

FPI 7

7,96± 3,07

8,63 ± 3,27

0,347

FPI 8

8,56 ± 4,11

8,96 ± 4,26

0,504

FPI 9

7,33 ± 2,74

7,57 ± 2,66

0,225

FPI E

10,39 ± 4,91

10,65 ± 4,70

0,482

FPI N

11,95 ± 3,57

11,90 ± 2,94

0,584

FPI M

8,56 ± 4,64

9,80 ± 5,27

0,863

Aus der Abbildung 14 und Tabelle 4 ist ersichtlich, dass sich die Gruppen bezüglich der Mittelwerte in den einzelnen FPI-Skalen nicht signifikant unterscheiden.

4.3.3 Diskussion und Bewertung der Verteilung von Persönlichkeitseigenschaften

Die Standardwerte 4, 5 und 6 gelten als unauffällige Normalwerte für alle FPI-Skalen. Solche Standardwerte werden bei 54 % der Gesamtbevölkerung ermittelt. Für Teilstichproben gibt es jedoch in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht andere Normalwerte.

Die von den Untersuchungsteilnehmerinnen beider Gruppen durch das „Freiburger Persönlichkeitsinventar“ erhobenen Daten zeigen in allen zwölf Dimensionen gute Übereinstimmung. Nummerische Unterschiede gibt es im Bereich der als normal geltenden Standardwerte. Der Anteil extremer Standardwerte ist gering und die gegenübergestellten Gruppen unterscheiden sich in diesem Bereich nur unbedeutend.

4.3.4 Schlussfolgerungen zur Auswertung des FPI

Für die Testinterpretation ist die Situation, in der der Test durchgeführt wurde, von besonderem Einfluss.

Der Zusammenhang zwischen der Beantwortung der im FPI gestellt Fragen und der Situation wurde von Fahrenberg et al. [1970] beschrieben. So wurde den Probanden als Zusatzinstruktion vor der Beantwortung des Fragebogens gegeben, sich vorzustellen, der Fragebogen hätte im Zusammenhang mit einer Bewerbung größere Bedeutung für sie. Sie sollten möglichst einen guten Eindruck und sich beliebt machen sowie sozial erwünschte Antworten geben. In einer anderen Situation wurde den Probanden erzählt, sie würden den Fragebogen ausfüllen um zu überprüfen, ob sie für ihren Beruf geeignet seien.

Die Ergebnisse dieser Befragungen zeigten signifikante Abweichungen von den allgemeinen Normwerten. Insbesondere die „Vorstellungssituation Bewerbung“ führte zu Abweichungen von der Norm. Die Testwerte in FPI 5, 6, E und M waren erhöht, die Werte in FPI 1, 3, 4, 8, 9, N erniedrigt. Der Testwert der FPI 9-Skala (Offenheit gilt nach diesen Resultaten als Indikator für die Offenheit bei der Beantwortung des Fragebogens.

Die emotionale Belastung im Hinblick auf die Krankheitsverarbeitung und die Besonderheiten der Situation bei dem bevorstehenden diagnostischen Eingriff


41

haben auch innerhalb der vorliegenden Untersuchung Einfluss auf die Beantwortung des Fragebogens.

Der Vergleich der ermittelten Daten mit in der Literatur gemachten Normangaben ist jedoch schwierig, da die gemachten Angaben sich in Abhängigkeit von Alter, Testmotivation und Untersuchungsort unterscheiden. Der Vergleich der in der vorliegenden Studie bestimmten mittleren FPI-Rohwerte mit den von Helm et al. [1973] gemachten Angaben für Frauen zwischen 31-50 Jahren in der DDR zeigt weitgehende Übereinstimmung. Die mittleren FPI-Rohwerte liegen für die FPI-Skalen 2, 3, 4, 8, 9, E und N geringfügig unterhalb der Normangaben, für die FPI 5-Skala geringfügig oberhalb.

Es ist auffällig, dass tendenziell diejenigen Mittelwerte von den Normangaben abweichen, die von Fahrenberg et al. [1970] als Bild der sozial erwünschten Persönlichkeit im Zusammenhang mit einer Bewerbungssituation beschrieben worden waren. Es ist wahrscheinlich, dass sich die Patientinnen in der besonderen Befragungssituation tendenziell dazu haben verleiten lassen, sozial erwünschte Antworten zu geben, um einen möglichst guten Eindruck zu machen.

Da die Rahmenbedingungen für die Untersuchung der Patientinnen beider Gruppen gleich waren, können diese miteinander verglichen werden. Die Darstellung der FPI-Rohwerte in der Abbildung 14 zeigt deutliche Übereinstimmung der Selbstdarstellung der Persönlichkeitstypen. Die Überprüfung der Daten auf Signifikanz mittels Pearson Chi-Square Test zeigt keine Unterschiede der beiden Untersuchungsgruppen.

Die grafische Darstellung der Verteilung der FPI-Standardwerte der einzelnen FPI-Skalen im Sinne des Persönlichkeitsprofils der beiden untersuchten Gruppen zeigt ebenfalls weitgehende Übereinstimmung. Der Anteil extremer Persönlichkeitstypen ist in beiden Gruppen ähnlich gering, so dass dadurch kein entscheidender Einfluss auf die statistische Auswertung der postoperativ erhobenen Daten zu erwarten ist.

Die verschiedenen Persönlichkeitstypen sind in beiden Untersuchungsgruppen gleichmäßig verteilt.


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