Diepold, Katharina: Hämatologische Referenzwerte von Frühgeborenen unter 1500 g Geburtsgewicht

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Kapitel 7. Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit sind die hämatologischen Daten von 562 Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1500 g (VLBW Frühgeborene) ausgewertet worden. Diese Daten wurden zum überwiegenden Teil prospektiv und longitudinal in 19 europäischen Kliniken im Rahmen von Studien über die Anwendung von rekombinantem Erythropoietin zur Verringerung der Transfusionshäufigkeit bei VLBW Frühgeborenen erhoben. Es wurden anhand dieser sehr großen Zahl von VLBW Frühgeborenen hämatologische Referenzwerte erstellt, die bisher in der Literatur nicht in einem vergleichbaren Umfang zu finden sind. Da die Daten multizentrisch erhoben wurden, sind sie für viele Werte nicht homogen, stellen aber gleichzeitig einen repräsentativen Querschnitt der VLBW Frühgeborenen auf europäischen Intensivstationen dar. In einer Metaanalyse wurde dargestellt, dass sich die gewichteten Mittelwerte unwesentlich von den ungewichteten Mittelwerten unterscheiden und so die Gesamtaussage durch das poolen der Daten nicht verfälscht wird.

Die zusammengestellten Werte werden nicht als Normalwerte, sondern als Referenzwerte bezeichnet, da die Geburt eines VLBW Frühgeborenen nicht normal ist und oft mit pränataler Steroidbehandlung, Amnioninfektionssyndrom oder Blutungen assoziiert ist. Die erstellten Referenzwerte beschreiben einen Erwartungsbereich: welche Blutwerte können für ein VLBW Frühgeborenes in intensiver ärztlicher Betreuung erwartet werden? Diese Werte spiegeln nicht nur physiologische Prozesse wider, sondern sind zu einem großen Teil ein Resultat ärztlichen Handelns.

Die Daten geben Aufschluss über hämatologische Werte am 3. Lebenstag, an dem die postnatale Adaptation abgeschlossen ist, und da die ersten Werte im Rahmen der Studien am Tag 3 erhoben wurden, nicht zum Zeitpunkt der Geburt. Für die Werte am 3. Lebenstag wurden keine Kinder aufgrund einer vermuteten Infektion oder pränataler Steroidtherapie ausgeschlossen, so dass die hier erstellten Werte nicht zur Infektionsdiagnostik verwendet werden können.

Die hier bestimmten Werte der roten Zellreihe am 3. Lebenstag sind deutlich niedriger als die für reifgeborene Kinder veröffentlichten Werte. Für VLBW Frühgeborene sind nur wenige Studien zu Erythrozyten-, Hämoglobin- oder Hämatokritwerten durchgeführt worden, die sich zudem in deutlich niedrigeren Fallzahlen und Design von der vorliegenden Arbeit unterscheiden, so dass ein Vergleich nur begrenzt möglich ist. Die in utero in Abhängigkeit vom Gestationsalter beobachtete Zunahme der Erythrozyten kann bei VLBW Kindern nicht festgestellt werden. Über einen Zeitraum von sechs Wochen fallen die Werte von Hämoglobin, Erythrozyten und Hämatokrit signifikant ab. Dieser Abfall ist zum einen durch die Entwicklung der Frühgeborenenanämie verursacht, zum anderen von den behandelnden Ärzten durch Transfusionen und Blutentnahmen beeinflusst. Über


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die Ferritinwerte bei VLBW Frühgeborenen gibt es in der Literatur wenig Übereinstimmung, zudem haben die veröffentlichten Studien geringe Fallzahlen. Die hier bestimmten Werte am Tag 3 und nach sechs Wochen liegen zwischen den bis dato veröffentlichten.

Eine Thrombozytopenie tritt bei den hier untersuchten VLBW Kindern am dritten Lebenstag bei 29% der Kinder auf. Auch in anderen Studien an kranken reif- und frühgeborenen Kindern wurde auf die Häufigkeit von Thrombozytopenie hingewiesen, jedoch hat sich keine speziell mit VLBW Frühgeborenen beschäftigt. Zu den Ursachen dieser Thrombozytopenie zählen Thrombozyten assoziierte IgG, Verbrauchskoagulopathie, Austauschtransfusion oder Asphyxie. Ähnlich wie in utero bleiben die Thrombozytenzahlen in Abhängigkeit vom Gestationsalter konstant. Die am dritten Lebenstag beobachtete Thrombozytopenie bildet sich während der ersten Lebenswochen rasch zurück.

VLBW Frühgeborene haben in den ersten Lebenstagen niedrigere Leukozytenzahlen als Reifgeborene oder reifere Frühgeborene. Die Leukozytenzahlen am 3. Tag der in der vorliegenden Arbeit untersuchten Population liegen über dem von Mouzinho (1994) für VLBW Frühgeborene erstellten Referenzintervall, da Kinder weder aufgrund einer manifesten Infektion noch aufgrund von pränataler Steroidbehandlung ausgeschlossen wurden. Nach sechs Wochen ist ein Zehntel der Population nach der Definition von Mouzinho (1994) neutropenisch.

Die hier erstellten Werte werden durch Transfusionen, iatrogenen Blutverlust und Infektionen beeinflusst. Außerdem wird deutlich, dass die behandelnden Ärzte zwischen den Jahren 1989 und 1992 zunehmend weniger transfundierten und dadurch im Jahr 1992 niedrigere Hämoglobin-, Erythrozyten- und Hämatokritwerte zuließen als noch einige Jahre zuvor. Zudem nahm in diesem Zeitraum das entnommene Gesamtblutvolumen signifikant ab.


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Tue Feb 26 12:22:32 2002