Vorwort

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Das 19. Jahrhundert wird in den westlichen Ländern Zeuge tiefer Veränderungen auf dem Bereich des Buchdruckes, der dank der Fortentwicklung der Technik ihre handwerklichen Herstellungsverfahren in eine industrialisierte Produktion umwandelt. Es erlebt den Ausbruch und die Entfaltung des Pressewesens und die rasante Steigerung der Konsumentenzahl von Druckerzeugnissen. Diese Entwicklung, die als Revolution – die zweite Revolution des Buchdruckes – bezeichnet wird, resultiert aus den parallel laufenden soziokulturellen Veränderungen – wie die Demokratisierung der Bildung –, die sich schon im 18. Jahrhundert ihren Weg anbahnten und die sich kraft des Vorantreibens und der Verbreitung einer schriftlichen Kultur fortwährend entwickeln konnten.

Die Aufklärung, die Französische und die Amerikanische Revolution bezeichnen einen entscheidenden Einschnitt in der europäischen Kultur. Die Überwindung des Ancien Régimes und die daraus resultierende Etablierung liberalen Gedankengutes treiben eine neue Konzeption des Individuums voran, das Bildung, Information, Ausübung von Kritik an die Obrigkeit und öffentliche Meinungsäußerung, die eine schriftliche, gedruckte Kommunikationsform implizieren, als seine elementaren Rechte betrachtet. Infolge dieses Hergangs wird der Leserkreis stetig größer und differenzierter; nicht nur neue gesellschaftliche Schichten erringen für sich den Zugang zur Schrift, denn im Laufe dieses Jahrhunderts wird der Schulzwang und die Erziehung auf Volksschulbasis – wenn auch mit großen Unterschieden – in den meisten westlichen Ländern Realität, sondern auch die geschlechtsspezifischen, aus der traditionellen, patriarchalischen, spanischen Mentalität resultierenden Defizite hinsichtlich der Bildung der Frau nehmen, ihren Eintritt in die Lesergemeinschaft ebnend, konstant ab.

Zweck unserer Arbeit ist eine geschichtliche Veranschaulichung dieser großen Errungenschaft innerhalb Spaniens. Mit dieser Darstellung wird das Ziel verfolgt durch das Beitragen von Informationen eine Möglichkeit der Gegenüberstellung mit vergleichbaren Entwicklungsprozessen anderer Länder zu schaffen.

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Den Versuch einer sich durch mehrere Jahrhunderte erstreckenden Untersuchung des spanischen weiblichen Leseverhaltens durchzuführen mussten wir, denn sie stellte sich als ein viel zu umfangreiches Unterfangen heraus, relativ schnell aufgeben. Wir entschieden uns schließlich für das 19. Jh. aufgrund der wesentlichen Veränderungen, die im Leben der Spanierinnen zu dieser Zeit entweder schon stattfinden oder sich andeuten und im Laufe des 20. Jahrhunderts ihre Ergebnisse vorweisen. Aber auch diese zeitliche Abgrenzung stellte sich immer noch als problematisch dar, denn soziale und kulturelle Fortentwicklungen lassen sich nicht auf bestimmten Zeitabschnitten mit präzisen Datenangaben eingrenzen, infolgedessen behandeln wir in unserer Arbeit das 19. Jh. – vor allem die zweite Hälfte – beziehen aber auch die vorangegangene Entwicklung im 18. Jh. und die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts mitein.

Als Problem stellte sich die Suche nach Quellen über die weibliche Lektüre und das weibliche Leseverhalten dar, denn dieses Thema ist bis dato von der spanischen Forschung – mit wenigen Ausnahmen – nicht behandelt worden. Es sind praktisch keine empirischen Analysen durchgeführt worden, und wenn doch, berücksichtigen sie nur die männliche Leserschaft. Quellenmaterial, wie Ausleihverzeichnisse von Bibliotheken konnten in diesem Fall auch nicht einbezogen werden: Erstens, weil auf diesem Gebiet das 19. Jh. betreffend auch keine Forschung getrieben worden ist, zweitens, weil die Nutzung von Bibliotheken – öffentlichen und privaten – für die Frauen dieser Zeit eine außergewöhnliche Ausnahme darstellt. Subskribentenlisten sind eine hilfsreichere Quelle als Ausleihverzeichnisse, aber auch hier hat die Forschung kein Interesse gezeigt1, so dass sehr wenige dieser Quellen erschlossen worden sind. Diese Listen zeugen zweifellos für eine wachsende Anzahl Leserinnen, aber man muss bedenken, dass sie keine verlässliche Quellenbasis darbieten, denn in vielen Fällen wurden sogar die Abonnements für weibliche Zeitschriften von Männern abgeschlossen.

Wie Gisela Lang in der Einleitung zu ihrer Dissertation erläutert, hat die historische Leseforschung «– im Gegensatz zur aktuellen – bei der Erkenntnisgewinnung mit Schwi e rigkeiten zu kämpfen, die bereits der Begriff historisch impliziert. Da man sich nicht auf direkte Befragung der zu untersuchenden Personenkreise stützen kann, muß auf Quellen zurückgegriffen werden, die in ihrer schriftlichen Fixierung zumi n dest indirekt Aufschluß gegenüber Leseinteressen und -gewohnheiten unterschiedl i cher Personengruppen 2

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Vonseiten der spanischen Wissenschaft ist immer die Produktion von Schriften und nicht deren Rezeption bevorzugt worden, so dass der von der modernen Kritik erstellte Kanon des 19. Jahrhunderts de facto nicht mit dem damaligen übereinstimmt. Man hat Lesestoffe unter den jeweils momentan aktuellen Gesichtspunkten bezüglich der Qualitäten des Inhalts bewertet, hat jedoch die Aspekte der damaligen Rezeption nicht berücksichtigt. Infolgedessen sind immer noch beinahe keine Informationen über Auflagen, Verkaufs- oder Abonnentenzahlen usw. vorhanden. Angesichts dieser Lage müssen für eine Untersuchung der weiblichen Lesekultur aus der Zeit stammenden literarischen Zeugnissen, Autobiographien, Literaturkritiken und Essays über die Frau, Briefe und sogar bildliche Darstellungen herangezogen werden.

Ein großer Teil der in dieser Arbeit verwendeten, der Darstellung erläutenden Zitate entstammt – abgesehen von der einschlägigen Fachliteratur – aus Beiträgen aus weiblichen Zeitschriften und anderen Publikationen der Zeit3. Dieses Material wurde während einiger Aufenthalte in Spanien in dortigen Bibliotheken und Zeitungsarchiven, hauptsächlich in der Madrider Nationalbibliothek und in dem Historischen Landeszeitungsarchiv Hemeroteca Municipal dieser Stadt, gesammelt.

Als notwendige Einführung zu unserem Thema wird im ersten Teil der Arbeit die Entwicklung des spanischen Druck- und Buchwesens des 19. Jahrhunderts in ihren wesentlichen Aspekten dargestellt: die Erneuerungen der Technik auf den Bereichen des Druckes, der Illustrationen und des Bucheinbandes, darauf folgt ein Überblick über den Ausbau des spanischen Buchhandels. Auf eine Darstellung der Geschichte des Landes ist absichtlich verzichtet worden, vor allem weil die wichtigsten Ereignisse, die im Zusammenhang mit den jeweils behandelten Themen in jedem Kapitel erläutert werden. Der besseren Veranschaulichung wegen haben wir allerdings im Anhang A eine Übersicht der wichtigsten Begebenheiten hinzugefügt. Anschließend werden die Entstehung eines nationalen Bildungssystems und die Rolle der öffentlichen und privaten Bibliotheken bei der Förderung des Lesens erörtert.

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Der zweite Teil der vorliegenden Dissertation wird der Lesekultur der Frauen gewidmet. Zuerst werden die von der Aufklärung neue propagierte Konzeption des weiblichen Wesens, deren Rezeption und erste Auswirkungen in der spanischen Gesellschaft vorgestellt, um in den darauf folgenden Kapiteln den steinigen Weg der Spanierin zur Bildung und dadurch zum Lesen ausführlich zu erläutern.

Als notwendig erscheint uns die Berücksichtigung der Wechselbeziehung zwischen weiblichem Lesen und weiblichem Schreiben. Aus der Tatsache, dass das Lesen für immer mehr Frauen zugänglich wird, ergibt sich, eine Steigerung der Zahl von Frauen, die selbst ihre Gedanken schriftlich verfassen und der Öffentlichkeit präsentieren. Bis Ende des Jahrhunderts werden die meisten Schriftstellerinnen jedoch aufgrund gesellschaftlicher Zwänge in ihrer künstlerischen und intellektuellen Entfaltung stark gehemmt.

Als unmittelbares Resultat des Ausbaues eines Bildungssystems findet auch das Kinderbuch sukzessiv seinen Platz innerhalb des spanischen Buchhandels. Bücher bleiben ein teures Gut, das sich nur Kinder der besseren situierten Schichten leisten können. Das Kinderbuch, vorwiegend für Mädchen, erfüllt hauptsächlich und auf eine sehr direkte Weise eine pädagogische und weniger eine unterhaltende Funktion.

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Unterhalten und Belehren wird zum Moto aller für Mädchen und Frauen konzipierte Publikationen, die die Zustimmung der Gesellschaft erhalten. Im Laufe des Jahrhunderts wird den Frauen, besonders aufgrund ausländischer liberaler Einflusse, das Recht auf Lesen zugestanden, jedoch nicht ohne Auflagen. Weibliche Lektüren sollen mit der von Religion und Gesellschaft definierten Bestimmung der Frau in Einklang stehen. Bei der Definition von geeigneten oder ungeeigneten Lesestoffen für Leserinnen wird insbesondere die katholische Kirche eine entscheidende Rolle spielen.

In den folgenden Kapiteln werden wir drei, für die weibliche Lesekultur wesentliche Arten der Publikation: den Fortsetzungsroman, die weiblichen Zeitschriften und die populären Schriften der Cordel-Literatur behandeln.

Fortsetzungspublikationen sind ab den vierziger Jahren zweifellos die treibende Kraft des spanischen Buchwesens, fast alle literarischen Produktionen in Prosa erscheinen bis Ende der siebziger Jahren in Form von Fortsetzungen, entweder in Zeitungen und Zeitschriften integriert oder in Faszikeln, die einmal gesammelt und gebunden ein Buch ergeben. Fortsetzungsromane werden in der Regel – außer denjenigen der Frauenmagazine – nicht explizit für ein weibliches Publikum herausgebracht, trotzdem bemühen sich Schriftsteller und Verleger solcher Werke zunehmend um dessen Gunst, denn Frauen gelten als devoradoras de novelas, also als „Romanenverschlingerinnen“.

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Anschließend werden Frauenillustrierte vorgestellt. Wir widmen diesen exklusiv für eine weibliche Leserschaft herausgegebenen Publikationen den wichtigsten Teil unserer Untersuchung. Frauenmagazine spiegeln den gesellschaftlichen Wandel hinsichtlich der Frau in allen Lebensbereichen wie keine anderen Schriften wieder. Ihren Seiten entnimmt man sowohl die Entwicklung des weiblichen Gedankengutes in Bezug auf Kultur, Bildung, Arbeit, Selbstbestimmung, soziale Bewegungen, Politik, Religion, Moral usw., als auch die Veränderung des männlichen Diskurses hinsichtlich der Frau im Laufe des Jahrhunderts.

In Anbetracht der extrem hohen Analphabetenrate innerhalb der weiblichen Bevölkerung vor allem in den unteren Schichten und auf den ländlichen Gebieten, befassen wir uns im letzten Kapitel mit den Lesestoffen des Volkes, die so genannte Co r del-Literatur, der einen Mittelweg zwischen schriftlicher Kultur und Oralität darstellen.

In den Anhängen kommen außer der benannten geschichtlichen Übersicht, einige Tabellen über das Thema Analphabetismus und Bildung und Texte aus der Literatur oder Briefe dieser Zeit, die zur besseren Verständigung der Arbeit dienen sollen, hinzu.

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Erst durch das Lesen erlangen die spanischen Frauen des 19. Jahrhunderts ein Selbstbewusstsein, das ihnen die Überwindung der männlichen und kirchlichen Vormundschaft im Laufe des darauf folgenden Jahrhunderts ermöglichen wird.


Fußnoten und Endnoten

1  Im Zuge unserer Suche nach Informationsquellen haben wir uns oft die Frage gestellt, wie die spanische Forschung auf den Gebieten des Buchdrucks, Buchhandels und der populären Lesestoffe im 19. Jahrhundert, ohne den enormen von Jean-François Botrel geleisteten Beitrag – dem wir zum Dank verpflichtet sind –, überhaupt aussehen würde.

2  Lang, Gisela: Leser und Lektüre zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Ausleihbücher der Universitätsbibli o thek Erlangen 1805 bis 1818 als Beleg für das Benutzerverhalten. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag. 1994. S. 1.

3  Da für die meisten von mir benutzten spanischen Texte keine Übersetzung ins Deutsche existiert, habe ich im Rahmen meiner Arbeit diese Aufgabe selbst übernommen. Die nicht von mir verfassten Übersetzungen sind anhand der bibliographischen Angaben erkennbar.



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17.04.2008