Schlusswort

Spaniens Übergang vom Ancien Régime, das von einer mündlichen Kultur geprägt ist, zur liberalen bürgerlichen Gesellschaft, wird zum größten Teil mittels des geschriebenen, bzw. des gedruckten Wortes vollzogen. Der Zugang zur geschriebenen Kultur eröffnet den Menschen bis dahin ungeahnte Aussichten auf einem kollektiven sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt und auf einer individuellen Entfaltung ihres Wesens.

Die Wandlung der Frau zur Teilhaberin und sogar zur Mitgestalterin der schriftlichen Kultur in Spanien erfolgt abhängig von den historischen und politischen Gegebenheiten und nicht konstant und in gleichem Maße im ganzen Land. Die sozialen Unterschiede sind ein weiterer entscheidender Faktor für die Geschwindigkeit, mit der sich diese Veränderung vollzieht. Großstädte bieten mehr Bildungs- und Kulturverbreitungsmöglichkeiten als ländliche Gebiete, fortschrittlichere Regierungen bemühen sich mehr um die Bildung der Bürger und räumen ihnen, den Frauen inklusive, größere Freiheiten ein; Kriegszeiten oder wirtschaftliche Krisen andererseits behindern die kulturelle Entfaltung der Gesellschaft. Für die Frauen gibt es allerdings in ihrer intellektuellen und sozialen Entwicklung ein weiteres hohes Hindernis zu überwinden: Die jahrhundertlang geprägte Mentalität einer patriarchalisch strukturierten Gesellschaft, die in einer Aneignung des schriftlichen Kulturgutes vonseiten der Frau – nicht ohne Grund – eine Gefahr für ihr weiteres Bestehen sieht.

1804 schreibt Königin María Luisa in einem Brief an den Minister Godoy diesen, den kultivierten Frauen gegenüber verachtenden Worten:

«Ich bin eine Frau und verabscheue alle [Frauen], die vorgeben intelligent zu sein, um die Männer zu gleichen, denn ich betrachte dies als für unser Geschlecht unangemessen; und trotzdem gibt es immer welche, die, da sie viel gelesen und einige aktuelle Ausdrücke auswendig gelernt haben, glauben, ihr Talent übertrifft den aller anderer Menschen771

1875 schreibt eine Leserin an die Zeitschrift La Moda Elegante:

«Alle jungen Frauen meiden die Mädchen, die anscheinend ihr Leben der ständigen Zurschaustellung der eigenen Weisheit und der Unwissenheit anderer widmen. Sie sprechen über Kunst, Wissenschaft, Politik und ich glaube, sie wissen gar nicht, wovon sie sprechen. Sie können sich gut artikulieren aber über das Wichtigste für eine Frau haben sie nicht die geringste Ahnung, nämlich: Sie können weder lieb noch freundlich sein772

Zwischen beiden Briefen liegen über 70 Jahre, aber der Grundgedanke ist der gleiche geblieben. Gebildete Frauen bleiben das ganze Jahrhundert hindurch eine Ausnahme und müssen sich oft mit den Vorurteilen der Gesellschaft konfrontieren. Und trotzdem ist der Zugang der Frauen zum geschriebenen Wort und damit zur Entfaltung ihrer intellektuellen Fähigkeiten und zur Mitgestaltung der Gesellschaft eine unaufhaltsame Entwicklung. Schon die Tatsache, dass eine Frauenzeitschriften-Leserin aus der Mittelschicht ihre Meinung in schriftlicher Form der Öffentlichkeit zugänglich macht, ist – auch wenn sie sich dessen nicht bewusst ist – Ergebnis des Prozesses, das wir mit dieser Arbeit dargestellt haben.


Fußnoten und Endnoten

771  Villaurrutia, Marqués de : Las mujeres de Fernando VII. 2. Aufl. Madrid: Francisco Beltrán. 1925. S. 35. Zitiert in Simón Palmer, María del Carmen: La mujer lectora… ed.cit. S. 746.

772  In: La Moda Elegante. 30. 30-VIII-1875. S. 235. 



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17.04.2008