Anhänge

Anhang A

Chronologische Übersicht der wichtigsten politischen Ereignisse des 19. Jahrhunderts in Spanien

1808

2. Mai, Volksaufstand in Madrid gegen die französischen Truppen unter Murat

Abdankung Carlos IV. zugunsten Napoleons I

Proklamierung des Napoleon-Bruders Joseph zum spanischen König.

Beginn des spanischen Unabhängigkeitskrieges

Bildung einer Junta Central, die die Regentschaft übernimmt

1810-1811

Beginn der Unabhängigkeitsbestrebungen im spanischen Amerika

1810

Eröffnung der verfassungsgebenden Versammlung Cortes in Cádiz

1812

Verkündung der ersten spanischen Verfassung

1813

Spanisch-französischer Vertrag von Valençay zur Beendigung des Krieges

1814

Friedensvertrag und Beendigung des Krieges

Rückkehr Fernandos VII. aus Frankreich nach Spanien

Manifiesto de los Persas; Aufhebung der Cortes und der von ihnen beschlossenen Gesetze einschließlich der Verfassung von 1812

1815-1819

Restauration des Absolutismus

Verfolgung der Liberalen

1820

Erhebung des Obersten Rafael Riego und der nach Amerika bestimmten Regimente in Andalusien

Beginn des Trienio Liberal „Liberalen Trienniums“

Wiedereinführung der Verfassung von 1812

1823

Militärische Intervention Frankreichs aufgrund der Beschlüsse des Kongresses von Verona in 1822

Beendigung des Trienniums

Erneute politische Reaktion

1823-1833

Beginn der Década Ominosa „unheilvolle Dekade“

1825

Ende des spanischen Imperiums in Amerika

1828

Höhepunkt der Liberalenverfolgung

1830

Veröffentlichung der Pragmática Sanción von 1879 über die Änderung des Thronfolgerechts, Ley Sálica 

1833

Huldigunseid für die Infantin Isabel als Thronfolgerin

Tod Fernados VII.

Selbstproklamation des Don Carlos zum König

Beginn des ersten Karlistenkrieges

1833-1868

Isabel II.

bis 1840 Regentschaft der Königinmutter María Cristina

1841-1843 Regentschaft des Generals Espartero

1833-1840

Erster Karlistenkrieg.

1834

Verkündung Des Estatuto Real „Königlichen Statuts“

Gesetz über Pressefreiheit

Quadrupelallianz mit Frankreich, Großbritannien und Portugal

1836

Beginn des Prozesses der desamortización, Säkularisierung und Enteignung von Ländereien der Kommunen

Friedens- und Kooperationsvertrag mit Mexiko.

Abschaffung der Zünfte

1837

Verkündung der progressistischen Verfassung

1839

Kapitulation der Karlisten in Vergara

1840

Ministerpräsidentschaft Esparteros

1843

Beginn des Baues der Eisenbahnlinie Madrid-Aranjuez

1844

Bildung der Guardia Civil

Friedensvertrag mit Chile

1844-1845

Década Moderada „Gemäßigte Dekade“

1845

Verkündung der von den moderados beschlossenen Verfassung

1846

Heirat Isabels II.

1846-1849

Zweite Erhebung der Karlisten unter Führung des Generals Cabreras

1849

Gründung der Demokratischen Partei

1851

Unterzeichnung des Konkordats zwischen Spanien und dem Heiligen Stuhl

1852

Attentat auf Isabel II.

1854-1856

Bienio Progresista „Progressistisches Biennium”

1854

Erhebung der Progessisten; Manifest von Manzanares

Regierungsübernahme des Generals Espartero

1856

Wiederherstellung der Verfassung von 1845

Regierungsübernahme des Generals O’Donnell

1857

Ley Moyano, Gesetz über den öffentlichen Unterricht

1859-1860

Spanisch-marokkanischer Krieg

1860

Friedensvertrag von Tetuán; Beendigung des Krieges mit Marokko

1861-1860

Intervention in Mexiko zusammen mit Großbritannien und Frankreich

1861

Landarbeiterunruhen in Andalusien

1863

Gesetze zur Provinzialverfassung

1864

Währungsreform

1865-1871

Krieg am Pazifik mit Peru, Chile und Ecuador

1865

Noche De San Daniel, Zusammenstöße zwischen Studenten und Polizei in Madrid, die “Nacht von Sankt Daniel”

Erster spanischer Arbeiterkongress

1866

Pakt von Ostende, Allianz von Progresistas und Moderados gegen die Bourbonendynastie

1868-1874

„Revolutionssexennium“

1868

Entthronung Isabels II. und provisorische Regierung des Generals Serrano

1868-1878

Aufstand und Krieg in Kuba

1868

Allgemeinen Männerwahlrecht

Neue Gesetzgebung über fueros und Privilegien der alten Königreiche

1869

Verkündung der neuen Verfassung

1870

Erster Regionalkongress der spanischen Sektion der Internationale Abdankung Isabels II. zugunsten ihres Sohnes Alfonso

Proklamation des Prinzen Amadeo di Savoya zum König durch die Cortes und Ermordung seines Befürworters General Prim

1871

Ankunft Amadeos I. in Madrid

1872-1876

Erhebung der Karlisten und Beginn des dritten Karlistenkrieges

1873

Abdankung Amadeos I.

Ausrufung der Republik

1874

Putsch des General Pavia.

Erhebung des Generals Martínez Campos

Manifest von Standhurt von Alfonso und Beginn der Restauration der Bourbonen.

1875

Ankunft Alfonso XII. in Madrid

1876

Abschaffung der baskischen Privilegien

1878

Rückkehr zum Zensuswahlrecht

1879

Gründung der Sozialistischen Partei PSOE

1882-1883

Prozess gegen die anarchistische Bewegung La Mano Negra (Die Schwarze Hand)

Republikanische Aufstände

1885

Tod Alfonsos XII. und Regentschaft María Cristinas für ihren Sohn Alfonso XIII.

1888

Weltausstellung in Barcelona

1890

Wiedereinführung des allgemeinen Männerwahlrechts

1895-1898

Zweiter kubanischer Unabhängigkeitskrieg

1896-1898

Philippinischer Unabhängigkeitskrieg

1898

Spanisch- US- amerikanischer Krieg

Quellen: Kleine Geschichte Spaniens. (Hrsg.) P. Schmidt. Stuttgart: Philipp Reclam jun.. 2004.; Espadas Burgos, Manuel, José Ramón de Urquijo Goitia: Historia de España. Guerra de la Independencia y Época Constitucional. Bd 11. Madrid: Editoral Gredos.1990.

Anhang B

Tabelle 1 Entwicklung der Alphabetisierung in Spanien 1860-1900:

1860

1877

1887

1900

Unterschied

Total

%

Total

%

Total

%

Total

%

1860-1900

Total

Lese- und Schreibkundige

3 129 921

19,9

4 071 823

24,5

5 004 470

28,5

6 227 184

33,4

+

3 097 263

Lesekundige

705 778

4,5

578 978

3,5

602 005

3,4

495 753

2,7

-

210 025

Analphabeten

11837 391

75,5

11 978 168

72,0

11 945 871

68,0

11 871 890

63,8

+

37 499

Männer

Lese- und Schreibkundige

2 414 015

31,1

2 823 964

34,7

3 317 855

38,5

3 831 345

42,1

+

1 417 330

Lesekundige

316 557

4,1

210 930

2,6

221 613

2,6

178 615

2,0

-

137 942

Analphabeten

5 034 545

64,8

5 096 758

62,6

5 067 098

58,8

5 068 056

55,8

+

33 511

Frauen

Lese- und Schreibkundige

715 906

9,0

1 247 859

14,7

1 686 615

18,8

2 395 839

25,1

+

1 679 933

Lesekundige

389 221

4,9

368 048

4,3

380 392

4,2

317 138

3,3

-

72 083

Analphabetinnen

6 802 846

86,0

6 881 410

81,0

6 878 773

76,8

6 806 834

71,4

+

3 988

Quelle: Escolano, Agustín: Leer y escribir en España. Doscientos años de alfabetización. In: A. Escolano. (Hrsg.): Leer y escribir en España. Doscientos años de alfabetización. Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. S. 25.

Tabelle 2 Analphabetismusrate Madrids und Spanien im Vergleich: 

Frauen

Männer

Madrid

Spanien

Madrid

Spanien

1860

62,98%

90,95%

50%

79,4%

1877

52,91%

85,32%

35,73%

75,32%

Vergleiche die Zahlen mit Tabelle 1
Quelle: Jagoe, Catherine, A. Blanco, C. Enríquez de Salamanca: La mujer en los discursos de género. Textos y contextos en el siglo XIX. Barcelona: Icaria. 1998. S. 114. Die Tabelle wurde mit Angaben hergestellt aus: Botrel, Jean-François : La novela por entregas: unidad de creación y consumo. In : J.-F. Botrel, S. Salaün (Hrsg.): Creación y público en la literatura española. Madrid: Castalia. 1974. S. 133-135.

Tabelle 3 Schülerzahlen der öffentlichen Bildungsmaßnahmen für Erwachsenen:

Schüler

Jahre

Schulen

Männlich

Weiblich

Gesamt

1850

264

1855

394

3 779*

1859

338

8 293

1860

844

28 626

323

28 949

1865

1 672

40 858

2 098

42 756

1867

1 237

45 629

19 496

65 575

1870

1 848

51 972

4 197

56 169

* Diese Angabe bezieht sich aus dem Jahre 1856.

Quelle: Guereña, Jean-Louis : Los orígenes de la educación de adultos en la España Contemporánea. In: A. Escolano (Hrsg.): Leer y escribir en España. Doscientos años de alfabetización. Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. S. 286

Anhang C

Text 1
Vicente Blasco Ibáñez: eine Volksschule auf dem Land

«Auch wenn es für gewöhnlich keine Paläste bewohnt, sah man das Wissen noch nie schlechter untergebracht. Es war eine alte barraca 773, in der das Licht nur durch die Tür und die Risse der Bedachung hineinsickerte; (…) [dort befanden sich] einige Bänke, drei dreckige, mit abgebrochenen Ecken und mit durchgekautem Brot an die Wand geklebten Plakaten mit dem Alphabet, und im Nebenraum gab es einige Möbel – wenige und alte –, die anscheinend schon ganz Spanien durchreist hatten. In der ganzen barraca gab es nur eine Sache, die neu war: ein langes Rohr, das der Lehrer hinter die Tür stellte, und das er täglich in einem naheliegenden Ried erneuerte; es war ein Glück, dass die Ware so „billig“ war, denn sie nütze sich sehr schnell an den harten und geschorenen Köpfen der kleinen Wilden ab. Man sah genau drei Bücher in der Schule, alle Kinder benutzten ein und dieselbe Fibel. Wozu denn mehr? … Dort wurde nach der arabischen Methode gelernt: Singen und wiederholen, bis unter dem ständigen Einhämmern die Sachen endlich in die harten Köpfe eindrangen. (…)

«Sie sind richtige Ochsen! Sie hören mir zu, als würde ich griechisch sprechen! Wenn man bedenkt, dass ich Sie mit größter Achtung behandle, wie in einer „feinen“ Schule in der Stadt, damit Sie gute Manieren lernen und wie Menschen sprechen können!» … «Aber was soll’s, Sie haben ja Ihre Vorbilder: Sie sind dumm wie Ihre Väter, die bellen, anstatt zu sprechen, die genügend Geld haben, um in die Wirtschaft zu gehen und dann tausend Ausreden erfinden, um mir am Samstag nicht die paar Cent zu geben, die mir zustehen». Und er spazierte empört den Raum auf und ab, vor allem, wenn er sich über die „Samstagsvergesslichkeit“ beklagte, wie man an seinem Aussehen, das wie in zwei Teile gespalten war, erkannte. Auf der unteren Hälfte trug er immer mit Schlamm verschmutzte, kaputte Spardrilles, alte Kordhosen und schuppige, raue Hände, in deren Risse die Erde seines kleinen Gartens klebte. Der Garten war ein vor der barraca liegendes, mit Gemüse bepflanztes Viereck, das oft die einzigen Zutaten für seinen Kochtopf lieferte. Von der Taille nach oben jedoch zeigte der Lehrer Würde, «die Würde des Priesters der Bildung», wie er sich selber emporhob. Aber was ihn von allen Leuten der barracas – all diesen an der Furche klebenden Würmern – unterschied, war eine Krawatte mit schillernden Farben, die über seiner schmutzigen Hemdbrust hing, ein grauer und borstiger Schnurrbart, der sein pausbäckiges und rosiges Gesicht aufteilte, und noch dazu eine blaue Mütze mit einem gewachsten Schirm, ein Erinnerungsstück von einer der vielen Beschäftigungen, denen er in seinem hindernisreichen Leben nachgegangen war.

Von der Armut getrieben, war er dort gelandet (…), aber er hätte auch woanders landen können. Er half dem Ratschreiber des nahe liegenden Dorfes bei außerordentlichen Aufgaben, er bereitete mit nur ihm bekannten Kräutern gewisse Absude vor, die in den barracas Wunder wirkten. Alle gaben zu, dass dieser Kerl viel wusste, und das sogar ohne Ausbildung – und eigentlich auch ohne Angst, irgendjemand aus dem Ministerium würde sich an ihn erinnern, um ihm eine Schule, die nicht einmal genug zum Essen abwarf, wegzunehmen. Er schaffte es – dank der Wiederholungen und der Schläge mit dem Stock –, dass alle Bengel im Alter zwischen fünf und zehn buchstabieren und ruhig bleiben konnten.

Die Mühen Don Joaquins, damit seine Schüler ihn verstanden und vor dem Spanischen nicht zurückschreckten, waren nicht gerade klein. Es gab manche Kinder, die schon seit zwei Monaten die Schule besuchten und immer noch die Augen groß aufrissen und sich am Hinterkopf kratzten, ohne zu verstehen, was der Lehrer ihnen mit in ihren barracas noch nie gehörten Wörtern sagen wollte (…). Jedes Wort, das seine Schüler falsch aussprachen – und das waren im Grunde alle – ließ ihn schnauben und die Hände bis zur verräucherten Decke der Hütte empört hochheben. (…)

«Diese bescheidene barraca», sagte er zu den dreißig Buben, die sich in den Bänken zusammendrängten und schubsten, während sie teils gelangweilt, teils den Stock fürchtend zuhörten, «müssen Sie als Tempel der Höflichkeit und guten Manieren betrachten. Was sage ich Tempel! Sie ist die Fackel, die leuchtet und die Schatten der Barbarei aus dieser Huerta 774  vertreibt. Was wären Sie ohne mich? Sie entschuldigen den Ausdruck: Ochsen wären Sie, genauso wie Ihre Väter, die ich nicht beleidigen möchte. Aber mit Gottes Hilfe werden Sie, da Sie das große Glück gehabt haben, so einen Lehrer wie mich getroffen zu haben, diese Schule als gebildete Menschen verlassen und sich überall vorstellen können.»

Als die Sonne unterging, sangen die Buben ihren letzen Lobgesang, dankten Gott, weil Er ihnen mit seinem Licht geholfen hatte und holten ihre Beutel mit dem Proviant ab. Da die Entfernungen in la Huerta keine Kleinigkeit waren, nahmen die Kinder am Morgen beim Verlassen der barraca Verpflegung für den Schultag mit. Aus diesem Grund erzählten einige Feinde Don Joaquins, dass der Lehrer die Kinder mit der Konfiszierung von Teilen der Verpflegung zu bestrafen liebte, um damit die „Defizite“ der Küche seiner Frau auszugleichen. Am Freitag, beim Verlassen der Schule, hörten die Kinder immer die gleiche Rede. «Meine Herren, morgen ist Samstag, bitte erinnern Sie ihre Frau Mutter daran und lassen Sie sie wissen, dass, wenn morgen jemand das Geld nicht dabei hat, er der Schule verwiesen wird. Ich spreche vor allem mit Ihnen, Herr soundso… und mit Ihnen, Herr soundso…». Und er nannte ein dutzend Namen. «Drei Wochen lang haben Sie schon den versprochenen Lohn nicht mitgebracht und unter diesen Umständen ist Bildung nicht möglich; die Wissenschaft kann sich so nicht weiterentwickeln und die angeborene Barbarei dieses Landes kann nicht sorglos bekämpft werden. Ich gebe Ihnen alles: meine Weisheit, meine Bücher» und er schaute auf die drei Bücher, die seine Frau behutsam aufräumte, um sie in die alte Kommode zu legen «und Sie bringen mir gar nichts. Wie gesagt, wer morgen mit leeren Händen ankommt, wird nicht über diese Schwelle treten». (…) Die Jungen stellten sich zu zweit auf und fassten sich an den Händen – wie in den vornehmen Schulen in Valencia. Was glaubten denn die Leute? – und verließen die barraca, küssten zuvor die schuppige rechte Hand Don Joaquins und wiederholten herunterrasselnd, als sie an ihm vorbei liefen: «Machen Sie es gut! Bis morgen, wenn Gott es so will!775»

Text 2
Fernán Caballero: eine wohltätige Organisation

«Ich glaube, der Weg, um das Fortbestehen der Organisation zu sichern, ist, deren Ziele zu vereinfachen, und da allgemein bekannt ist, dass unser Land im Vergleich mit einigen Ländern des Nordens in punkto Bildung rückständiger ist, werden wir für die mittelloseren Klassen die nötige Bildung anbieten, damit diese das allgemeine Bildungsniveau erreichen. Ich glaube außerdem, dass diese von der großen Mehrheit der Bevölkerung gebildeten und von der göttlichen Vorsehung zum Handwerk bestimmten Schichten nur zwei Sachen zu wissen brauchen, um im Leben vorwärts zu kommen und um glückliche und aufrichtige Frauen oder Männer zu schaffen, und zwar das Handwerk oder die Aufgabe, für die sie bestimmt sind und sie ernährt, und die Religion, die sie erleuchtet und moralisiert.

Da unsere Institution ersteres nicht anbieten kann, beschränken wir uns auf die zweite Aufgabe. Wenn wir den Mädchen dieser, mit dem schönen Wort „bescheiden“776 bezeichneten gesellschaftlichen Schicht, die Religion und das Lesen beibringen, dann, glaube ich, werden wir ihnen so viel Gutes tun, wie es nur möglich ist. Arithmetik ist dabei vollkommen nutzlos, denn Erfahrung und Aufmerksamkeit sind so gute Lehrer, dass, wenn eines Tages diese Mädchen zu Frauen werden und auf dem Markt einkaufen gehen, den Damen Unterricht in diesem Fach werden geben können. Was das Schreiben betrifft, gleichgültig, wie sehr ich über die Zukunft dieser Mädchen nachdenke, sehe ich keinerlei Vorteile an dieser Fähigkeit, sondern nur Nachteile für die Zeit, in der diese jungen Frauen das Alter der „Liebe“ erreichen.

Nach dem Lese- und Religionsunterricht sollte man einen frommen Text lesen, um somit eine Art der Schulung zu beenden, die sich als Ziel die Bildung des Herzens und des Geistes gesetzt hat: Das ist die Art von Bildung, die eine ehrliche, ehrbare und bescheidene Frau schafft, das heißt, die Bildung der christlichen Frau.

Wenn Arbeit und Kosten auf diese Weise verringert werden, kann man erwarten, dass die geringen finanziellen Mittel, über die unsere Organisation verfügt, ausreichen sollten, um die Preise zu finanzieren. Preise wie diejenigen, welche die Gründer in ihrer unerschöpflichen Wohltätigkeit in diesem Jahr verteilt haben, denn diese Preise sind nicht nur eine Gabe oder eine Anregung zu Fleiß und Vernunft, sondern auch ein Anreiz für neue Schülerinnen.

Ferner sollten wir nicht vergessen, dass Bildung kostenaufwendig ist und die Vereinigung über wenig Mittel verfügt; eines Tages könnten diese Mittel nicht ausreichen und die Arbeit nicht fortgeführt werden, und so wären die für das Unterrichten der ersten Grundkenntnisse verwendete Zeit und das Geld vergeudet. Der ehrwürdige Geist und das Motto unserer Institution sind eine der Barmherzigkeitsgebote: den Unkundigen zu lehren, aber, damit diese Aufgabe dem Geist des Evangeliums folgt, sollte die Bildung für die Lernenden von Nutzen sein, nicht damit sie zur Schau gestellt wird oder der Erholung dient, sondern damit sie zum irdischen und geistigen Wohlbefinden der Mädchen beiträgt.

Wir müssen auch berücksichtigen, dass wenige Damen in der Lage sind, lehren zu können, nicht nur, weil dieses eine mühevolle Aufgabe ist, sondern, weil sie entweder als Familienmütter keine Zeit, als Ledige keine Möglichkeit haben, zum Unterrichtsort zu gelangen oder – und vor allem – weil der Wille fehlt (…); deswegen denke ich, sollten wir die Verantwortung für jeden Bezirk einer bezahlten Lehrerin übergeben, die unter der Aufsicht einer in der Nähe oder im gleichem Stadtviertel wohnenden Mitgliedsdame steht. Die Dame könnte dann selbst finanzielle Mittel vom Komitee oder von der Schatzmeisterin beantragen und ebenso überprüfen, ob die für die Preise für Fleiß und Benehmen ausgesuchten Mädchen diese Preise wirklich verdient haben.

Das ist meine Meinung, die ich dem Urteil der erlauchten Prinzessin, deren beneidenswerte Aufgabe auf dieser Welt es ist, auf der moralischen Ebene mit ihren Worten und Beispielen und auf der materiellen mit ihrer unerschöpflichen Wohltätigkeit Gutes zu tun, ganz unterwerfe. Ich unterwerfe sie auch Ihrem Urteil, meine Damen, sie, die mit so vielen Umständen und Mühen arbeiten, ohne auf Erden eine andere Belohnung, als ein Lächeln unserer Infantin –unsere erlauchte Präsidentin– und im Himmel einen Segen Gottes zu erwarten777

Text 3
Fernán Caballero: das Schreiben eines Romans

«Um einem so großen Unglück vorzubeugen,» meinte Rafael, «schlage ich vor, daß wir insgesamt einen Roman abfassen.»

«Zugestanden, zugestanden!» rief die Gräfin.

« Was für eine Ungereimtheit!» sagte ihre Mutter.

«Wollt Ihr ein solches Meisterwerk schreiben, wie diejenigen sind, welche mir meine Tochter aus den Feuilletons der Franzosen vorzulesen pflegt.»

«Nun, weshalb nicht?» fragte Rafael.

«Weil Niemand es lesen wird,» versetzte die Markise, «zumal wenn Ihr erklärt, daß es nach französischem Vorbild geschrieben wurde.»

«Was geht das uns an?» fuhr Rafael fort. « Wir werden schreiben, wie die Vögel singen, aus Lust am Gesange, und nicht, um denjenigen, welche zuhören, ein Vergnügen zu bereiten.»

«Thut mir zum mindesten die Liebe,» sprach die Markise, «und bringt keine Verführungen und Ehebrüche vor. Kann man denn Frauen nur durch ihre Verschuldungen interessant machen? Für Leute, die einige Einsicht besitzen, gibt es nichts Uninteressanteres, als ein unbesonnenes Mädchen, das sich verführen, oder ein leichtfertiges Weib, das ihre Verpflichtungen außer Acht läßt. Ebensowenig kann es Euch aber auch gestattet werden, nach der schmachvollen Weise moderner Romanschriftsteller den Inhalt der heiligen Schrift zu profanieren. Ist es nicht schmachvoll, wenn man auf geglättetem Papier Worte unsers Herrn, wie z.B.: «Sie hat viel geliebt, ihr wird viel vergeben werden,» oder: « Wer sich ohne Schuld glaubt, der hebe den ersten Stein,» in entehrenden Lettern gedruckt erblickt, und lediglich zu dem Ende, um das Laster zu rechtfertigen? Das ist eine Entweihung des Heiligsten. Wissen denn diese einfältigen Schriftsteller nicht, daß solche heilige Worte des Erbarmens zu denjenigen gesprochen wurden, welche Reue empfanden und sich durch die Buße der Vergebung würdig machten?» (…)

«Ebensowenig,» fuhr die Markise fort, « dürft Ihr den schauderhaften Selbstmord beibringen, der erst, seit es gelungen ist, das religiöse Gefühl abzukühlen, wo nicht gar völlig zu vernichten sich eingefunden hat. Nichts dergleichen kann auf uns einen Eindruck machen.»

  «Sie haben recht,» meinte die Gräfin, «wir müssen die Spanier nicht als Fremde, sondern so, wie wir sind, darstellen.»

«Aber mit dem Vorbehalt, den die Sennora Markise verlangt,» sagte Stein. «Welche romantische Entwicklung kann ein Roman haben, der, wie es gewöhnlich geschieht, auf einer unglücklichen Leidenschaft beruht?»

«Die Zeit,» versetzte die Markise, «die Zeit macht Allem ein Ende, mögen die Romanschreiber, die, statt zu beobachten, zu träumen pflegen, immerhin das Gegentheil behaupten.»

«Was Sie da sagen, Tante,» sprach Rafael, «ist so prosaisch, wie unser landesüblicher Gazapcho778

«Prahlt ferner in Eurem Roman nicht mit fremdländischen Worten und Redensarten, deren wir nicht bedürfen,» fuhr die Markise fort. «Könnt Ihr Eure Sprache nicht, so habt Ihr hier das Wörterbuch.»

«Recht so,» versetzte Rafael, «wir werden den Notabilitäten, den Dandys kein Quartier geben, denn es sind nichtswürdige Eindringlinge, giftige Parasiten und gefährliche Emissäre der Revolution.» (…)

«Wenn Sie aber, liebe Mutter,» sagte die Gräfin, «so viele Vorbehalte machen, so werden wir nicht umhin können, etwas ganz Geschmackloses zu Stande zu bringen.»

«Ich vertraue Deinem guten Geschmack,» entgegnete die Markise, «sowie darauf, daß Rafael, sei ihm wie ihm wolle, sowohl zu erfinden, als auch darzustellen vermag. (…)

«Sie haben recht, liebe Mutter,» sagte die Gräfin.

«Lassen wir Mängel, Thränen und Verbrechen bei Seite; machen wir etwas Gutes, Elegantes, Heiteres.»

«Aber, Gracia,» sagte Rafael, «man muß denn doch wohl zugeben, daß es nichts Abgeschmackteres in einem Roman geben kann, als eine isolirte Tugend. Ich nehme z.B. an, ich wollte das Leben meiner Tante beschreiben. (…) Da werde ich also sagen: sie war ein vortreffliches Mädchen, sie vermählte sich nach dem Willen ihrer Eltern mit einem ebenbürtigen Manne; sie war das Muster aller Gattinnen und Mütter und hatte nur den einen Fehler, daß Sie etwas den altväterlichen Ansichten anhing und eine zu große Vorleibe für das L’hombre besaß. Das klingelt Alles auf einem Grabstein recht gut, aber man wird nicht leugnen können, daß es für einen Roman sehr abgeschmackt ist.»

«Wie kommst Du darauf,» fragte die Markise, «daß ich darnach trachte, die Heldin in einem Roman zu spielen? Welcher Unsinn!»

«Nun,» meinte Stein,«so mag ein phantastischer Roman verfaßt werden.»

«Keineswegs,» sagte Rafael; «für Euch Deutsche mag er passen, aber für uns nicht. Ein spanischer phantastischer Roman würde eine unausstehliche Affektation sein.»

«Gut,» fuhr Stein fort, «so sei es ein heroischer oder ein düsterer Roman.»

«Gott behüte uns davor!» rief Rafael, (…)

«Ein sentimentaler Roman.»

« Ich schaudere schon, wenn ich bloß dies Wort höre,» sprach Rafael. «Nichts paßt weniger, als das Weinerliche für den spanischen Charakter. Die Sentimentalität steht mit demselben in einem eben solchen Gegensatz, wie das sentimentale Gewäsch zu der kastilianischen Sprache.»

Da fragte die Gräfin:«Was sollen wir denn nun eigentlich machen?»

«Zweierlei Arten passen nach meiner geringen Einsicht für uns: der historische Roman, den wir den gelehrten Schriftstellern überlassen, und der Sittenroman, der gerade das ist, wozu wir mit unserer stammelnden Rede am geeignetsten sind.»

«So sei es ein Sittenroman,» versetzte die Gräfin.

«Er ist der Roman,» fuhr Rafael fort, «welcher so recht eigentlich das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet. Jedes Volk müßte die seinigen schreiben. Werden sie mit Sorgfalt und mit wahrhaftem Beobachtungsgeist abgefaßt, so werden sie viel dazu beitragen, die Menschheit, die Geschichte, die praktische Moral, sowie die Örtlichkeiten und die Zeit kennen zu lernen.

«(...)Ich selbst liefere hiervon den Beweis und Sie sollen einen von mir verfaßten Roman zu vernehmen bekommen, der zu beiden Arten gehören wird.»

«Was wird da herauskommen» sagte die Markise.

«Don Federico, Sie sehen. Er ähnelt Bertoldo.»

«Wenn mein Cousine etwas Gutes und Einfaches, meine Tante etwas Moralisches ohne Leidenschaften, Abgeschmacktheiten, Verbrechen und ohne Stellen aus der heiligen Schrift, wenn meine Cousine Rita etwas Feierliches verlangt, so werde ich das ehrenvolle, moralische Leben meines Oheims, des Generals Santa Maria, zum Gegenstand meines Romans nehmen779


Fußnoten und Endnoten

773  Ein mit Schilfrohr gedecktes Bauernhaus aus der Region Valencia.

774  Unter dem Namen La Huerta (Gemüsegarten)  ist ein landwirtschaftliches Gebiet in der Nähe von Valencia bekannt.

775  Blasco Ibañez, Vicente: La Barraca (1895) Obras completas. Bd I. Madrid: Aguilar. 1958. S.520-524.

776  Es handelt sich um die niederen Schichten, auf Spanisch clase humilde= bescheidene Schicht.

777  Fernán Caballero: Brief an die Damen einer wohltätigen Organisation 1856. In: Cartas; coleccionadas y anotadas… ed. cit. S. 104-107.

778  Gazpacho: Wassersuppe, aus Brot, Oel, Knoblauch bestehend. (…)

779  Fernán Caballero: Die Möwe. Breslau: Josef Max und Komp. 1860. S. 71-78.



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17.04.2008