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      <title>Weibliche Lesekultur als Spiegel der sozialen und kulturellen Entwicklung in Spanien im 19. Jahrhundert</title>
      <submission>Dissertation</submission>
      <degree>zur Erlangung des akademischen Grades<br/><strong>Doctor</strong> <strong>philosophiae</strong>(<strong>Dr. phil</strong>.)</degree>
      <major>Eingereicht an <br/>der Philosophischen Fakultät I<br/>der Humboldt-Universität zu Berlin<br/>Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft</major>
      <author>Vorgelegt von<br/><given>Gisela</given> <surname>Díez Istúriz</surname><br/><suffix>Geboren am 29. Juli 1966 in Siegburg</suffix>
      </author>
      <dean>Dekan der Philosophischen Fakultät I:<br/>Prof. Dr. Michael Borgolte</dean>
      <approvals>
         <name>Prof. Dr. Frank Heidtmann</name>
         <name>Prof. Dr. Konrad Umlauf</name>
      </approvals>
      <date>Eingereicht: 30.11.2006</date>
      <date>Tag der mündlichen Prüfung: 03.05.2007</date>
      <p>
         <link id="_Toc172444372"/>
      </p>
      <abstract lang="de">
         <head>Zusammenfassung</head>
         <p>Das 19. Jahrhundert wird in den westlichen Ländern Zeuge tiefer Veränderungen auf dem Bereich des Buchdruckes, der dank der Fortentwicklung der Technik ihre handwerklichen Herstellungsverfahren in eine industrialisierte Produktion umwandelt. Es erlebt den Ausbruch und die Entfaltung des Pressewesens und die rasante Steigerung der Konsumentenzahl von Druckerzeugnissen. Diese Entwicklung, die als Revolution &#8211; die zweite Revolution des Buchdruckes &#8211; bezeichnet wird, resultiert aus den parallel laufenden soziokulturellen Veränderungen &#8211; wie die Demokratisierung der Bildung &#8211;, die sich schon im 18. Jahrhundert ihren Weg anbahnten und die sich kraft des Vorantreibens und der Verbreitung einer schriftlichen Kultur fortwährend entwickeln konnten. </p>
         <p>Die Etablierung liberalen Gedankengutes treiben auch in Spanien eine neue Konzeption des Individuums voran, das Bildung, Information, öffentliche Meinungsäußerung, die eine schriftliche, gedruckte Kommunikationsform implizieren, als seine elementaren Rechte betrachtet. Infolge dieses Hergangs wird der Leserkreis stetig größer und differenzierter; nicht nur neue gesellschaftliche Schichten erringen für sich den Zugang zur Schrift, sondern auch die geschlechtsspezifischen, aus der traditionellen, patriarchalischen, spanischen Mentalität resultierenden Defizite hinsichtlich der Bildung der Frau nehmen, ihren Eintritt in die Lesergemeinschaft ebnend, konstant ab.</p>
         <p>Die Wandlung der Frau zur Teilhaberin und sogar zur Mitgestalterin der schriftlichen Kultur in Spanien erfolgt abhängig von den historischen und politischen Gegebenheiten und nicht konstant und in gleichem Maße im ganzen Land. Der schwierige Weg zur Bildung, der Einfluss der katholischen Kirche, die sozialen Unterschiede, sind entscheidende Faktoren für die Geschwindigkeit, mit der sich diese Veränderung vollzieht. </p>
         <p>Ziel dieser Arbeit ist eine geschichtliche Veranschaulichung der Entstehung und Konsolidierung einer weiblichen Leserschaft und der begleitenden Umstände auf den Bereichen des Buch-, Bibliotheks-, und Bildungswesens. </p>
         <p>
            <link id="_Toc172444374"/>
         </p></abstract> <keywords lang="de">
         <keyword>Spanien</keyword>
         <keyword>19. Jahrhundert</keyword>
         <keyword>Geschichte</keyword>
         <keyword>Frau</keyword>
         <keyword>Lesekultur</keyword>
         <keyword>Leseforschung</keyword>
         <keyword>Buchwesen</keyword>
         <keyword>Bildung</keyword>
         <keyword>Bibliothekswesen</keyword>
         <keyword>Presse</keyword>
         <keyword>Kinderbücher</keyword>
         <keyword>Schriftstellerinnen</keyword>
         <keyword>Frauenmagazine</keyword>
         <keyword>Fortsetzungspublikationen</keyword>
         <keyword>Volksliteratur</keyword>
      </keywords>
          <abstract lang="en">
											
										
         <head>Abstract</head>
         <p>In the course of the 19th century deep changes take place in the world of printing, mostly due to the improvements of the techniques and the industrialisation of the production. But this revolutionary development, known as the second revolution of the printing, results itself from the cultural, political and social transformations which happen contemporaneously. </p>
         <p>The advance of liberal ideologies with their new conception of the individual, who regards education, information and freedom of speech - which imply a written, a printed communication form - as his elementary rights, strengthens the spreading of a written culture, so that many countries experience a rapid increase of the number of consumers of printed products. </p>
         <p>These innovations will also reach Spain and deeply influence its society and culture. The alphabetised population increases, the number of readers becomes constantly larger and the readership more differentiated. New social groups achieve the right of education and become in this way potential readers, the women being the most important of them. The traditional, patriarchal, catholic Spanish mentality changes slowly allowing them to be alphabetised and educated. </p>
         <p>Women begin in the 19th century to take actively part on the cultural live of the country and not only as readers but also as authors. This transformation does not take place continually and in the same measure all along the country, due to the influence of the historical and political conditions. The difficult way to education, the power of the Catholic Church and the social differences become for instance crucial factors which define the rapidity and the significance of the development. </p>
         <p>This thesis presents the process of the emergence and consolidation of a female readership during the 19th century, illustrated with a description of the evolution on the ranges of the book production, of the library and education system and many examples of reading materials and publications for and of women. </p>
         <p>
            <link id="_Toc172444376"/>
         </p>
      </abstract>
     
      <keywords lang="en">
         <keyword>Spain</keyword>
         <keyword>19th Century</keyword>
         <keyword>History</keyword>
         <keyword>Women</keyword>
         <keyword>Reading culture</keyword>
         <keyword>Reading research</keyword>
         <keyword>Bibliology</keyword>
         <keyword>Education</keyword>
         <keyword>Librarianship</keyword>
         <keyword>Press</keyword>
         <keyword>Books for children</keyword>
         <keyword>Women writers</keyword>
         <keyword>Women&#8217;s periodicals</keyword>
         <keyword>Feuilletons, Popular literature</keyword>
      </keywords>
      <dedication id="N100DD">
         <head>Widmung</head>
         <p>An meinen geliebten Mann</p>
      </dedication>
   </front>
   <body>
      <preface id="N100E9">
         <head>Vorwort</head>
         <p>
            <citenumber id="N100F0" start="1"/>Das 19. Jahrhundert wird in den westlichen Ländern Zeuge tiefer Veränderungen auf dem Bereich des Buchdruckes, der dank der Fortentwicklung der Technik ihre handwerklichen Herstellungsverfahren in eine industrialisierte Produktion umwandelt. Es erlebt den Ausbruch und die Entfaltung des Pressewesens und die rasante Steigerung der Konsumentenzahl von Druckerzeugnissen. Diese Entwicklung, die als Revolution &#8211; die zweite Revolution des Buchdruckes &#8211; bezeichnet wird, resultiert aus den parallel laufenden soziokulturellen Veränderungen &#8211; wie die Demokratisierung der Bildung &#8211;, die sich schon im 18. Jahrhundert ihren Weg anbahnten und die sich kraft des Vorantreibens und der Verbreitung einer schriftlichen Kultur fortwährend entwickeln konnten. </p>
         <p>Die Aufklärung, die Französische und die Amerikanische Revolution bezeichnen einen entscheidenden Einschnitt in der europäischen Kultur. Die Überwindung des <em>Ancien</em> <em>Régimes</em> und die daraus resultierende Etablierung liberalen Gedankengutes treiben eine neue Konzeption des Individuums voran, das Bildung, Information, Ausübung von Kritik an die Obrigkeit und öffentliche Meinungsäußerung, die eine schriftliche, gedruckte Kommunikationsform implizieren, als seine elementaren Rechte betrachtet. Infolge dieses Hergangs wird der Leserkreis stetig größer und differenzierter; nicht nur neue gesellschaftliche Schichten erringen für sich den Zugang zur Schrift, denn im Laufe dieses Jahrhunderts wird der Schulzwang und die Erziehung auf Volksschulbasis &#8211; wenn auch mit großen Unterschieden &#8211; in den meisten westlichen Ländern Realität, sondern auch die geschlechtsspezifischen, aus der traditionellen, patriarchalischen, spanischen Mentalität resultierenden Defizite hinsichtlich der Bildung der Frau nehmen, ihren Eintritt in die Lesergemeinschaft ebnend, konstant ab.</p>
         <p>Zweck unserer Arbeit ist eine geschichtliche Veranschaulichung dieser großen Errungenschaft innerhalb Spaniens. Mit dieser Darstellung wird das Ziel verfolgt durch das Beitragen von Informationen eine Möglichkeit der Gegenüberstellung mit vergleichbaren Entwicklungsprozessen anderer Länder zu schaffen. </p>
         <p>
            <citenumber id="N10102" start="2"/>Den Versuch einer sich durch mehrere Jahrhunderte erstreckenden Untersuchung des spanischen weiblichen Leseverhaltens durchzuführen mussten wir, denn sie stellte sich als ein viel zu umfangreiches Unterfangen heraus, relativ schnell aufgeben. Wir entschieden uns schließlich für das 19. Jh. aufgrund der wesentlichen Veränderungen, die im Leben der Spanierinnen zu dieser Zeit entweder schon stattfinden oder sich andeuten und im Laufe des 20. Jahrhunderts ihre Ergebnisse vorweisen. Aber auch diese zeitliche Abgrenzung stellte sich immer noch als problematisch dar, denn soziale und kulturelle Fortentwicklungen lassen sich nicht auf bestimmten Zeitabschnitten mit präzisen Datenangaben eingrenzen, infolgedessen behandeln wir in unserer Arbeit das 19. Jh. &#8211; vor allem die zweite Hälfte &#8211; beziehen aber auch die vorangegangene Entwicklung im 18. Jh. und die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts mitein. </p>
         <p>Als Problem stellte sich die Suche nach Quellen über die weibliche Lektüre und das weibliche Leseverhalten dar, denn dieses Thema ist bis dato von der spanischen Forschung &#8211; mit wenigen Ausnahmen &#8211; nicht behandelt worden. Es sind praktisch keine empirischen Analysen durchgeführt worden, und wenn doch, berücksichtigen sie nur die männliche Leserschaft. Quellenmaterial, wie Ausleihverzeichnisse von Bibliotheken konnten in diesem Fall auch nicht einbezogen werden: Erstens, weil auf diesem Gebiet das 19. Jh. betreffend auch keine Forschung getrieben worden ist, zweitens, weil die Nutzung von Bibliotheken &#8211; öffentlichen und privaten &#8211; für die Frauen dieser Zeit eine außergewöhnliche Ausnahme darstellt. Subskribentenlisten sind eine hilfsreichere Quelle als Ausleihverzeichnisse, aber auch hier hat die Forschung kein Interesse gezeigt<footnote numbering="arabic" start="1">
               <p> Im Zuge unserer Suche nach Informationsquellen haben wir uns oft die Frage gestellt, wie die spanische Forschung auf den Gebieten des Buchdrucks, Buchhandels und der populären Lesestoffe im 19. Jahrhundert, ohne den enormen von Jean-François Botrel geleisteten Beitrag &#8211; dem wir zum Dank verpflichtet sind &#8211;, überhaupt aussehen würde. </p>
            </footnote>, so dass sehr wenige dieser Quellen erschlossen worden sind. Diese Listen zeugen zweifellos für eine wachsende Anzahl Leserinnen, aber man muss bedenken, dass sie keine verlässliche Quellenbasis darbieten, denn in vielen Fällen wurden sogar die Abonnements für weibliche Zeitschriften von Männern abgeschlossen. </p>
         <p>Wie Gisela Lang in der Einleitung zu ihrer Dissertation erläutert, hat die historische Leseforschung «<em>&#8211; im Gegensatz zur aktuellen &#8211; bei der Erkenntnisgewinnung mit Schwi</em>
            <em>e</em>
            <em>rigkeiten zu kämpfen, die bereits der Begriff historisch impliziert. Da man sich nicht auf direkte Befragung der zu untersuchenden Personenkreise stützen kann, muß auf Quellen zurückgegriffen werden, die in ihrer schriftlichen Fixierung zumi</em>
            <em>n</em>
            <em>dest indirekt Aufschluß gegenüber Leseinteressen und -gewohnheiten unterschiedl</em>
            <em>i</em>
            <em>cher Personengruppen</em>
            <footnote numbering="arabic" start="2">
               <p> Lang, Gisela: <em>Leser und Lektüre zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Ausleihbücher der Universitätsbibli</em>
                  <em>o</em>
                  <em>thek Erlangen 1805 bis 1818 als Beleg für das Benutzerverhalten. </em>Wiesbaden: Harrassowitz Verlag. 1994. S. 1.</p>
            </footnote>
            <em>.»</em>
         </p>
         <p>
            <citenumber id="N1013F" start="3"/>Vonseiten der spanischen Wissenschaft ist immer die Produktion von Schriften und nicht deren Rezeption bevorzugt worden, so dass der von der modernen Kritik erstellte Kanon des 19. Jahrhunderts de facto nicht mit dem damaligen übereinstimmt. Man hat Lesestoffe unter den jeweils momentan aktuellen Gesichtspunkten bezüglich der Qualitäten des Inhalts bewertet, hat jedoch die Aspekte der damaligen Rezeption nicht berücksichtigt. Infolgedessen sind immer noch beinahe keine Informationen über Auflagen, Verkaufs- oder Abonnentenzahlen usw. vorhanden. Angesichts dieser Lage müssen für eine Untersuchung der weiblichen Lesekultur aus der Zeit stammenden literarischen Zeugnissen, Autobiographien, Literaturkritiken und Essays über die Frau, Briefe und sogar bildliche Darstellungen herangezogen werden. </p>
         <p>Ein großer Teil der in dieser Arbeit verwendeten, der Darstellung erläutenden Zitate entstammt &#8211; abgesehen von der einschlägigen Fachliteratur &#8211; aus Beiträgen aus weiblichen Zeitschriften und anderen Publikationen der Zeit<footnote numbering="arabic" start="3">
               <p> Da für die meisten von mir benutzten spanischen Texte keine Übersetzung ins Deutsche existiert, habe ich im Rahmen meiner Arbeit diese Aufgabe selbst übernommen. Die nicht von mir verfassten Übersetzungen sind anhand der bibliographischen Angaben erkennbar.</p>
            </footnote>. Dieses Material wurde während einiger Aufenthalte in Spanien in dortigen Bibliotheken und Zeitungsarchiven, hauptsächlich in der Madrider Nationalbibliothek und in dem Historischen Landeszeitungsarchiv <em>Hemeroteca Municipal </em>dieser Stadt, gesammelt. </p>
         <p>Als notwendige Einführung zu unserem Thema wird im ersten Teil der Arbeit die Entwicklung des spanischen Druck- und Buchwesens des 19. Jahrhunderts in ihren wesentlichen Aspekten dargestellt: die Erneuerungen der Technik auf den Bereichen des Druckes, der Illustrationen und des Bucheinbandes, darauf folgt ein Überblick über den Ausbau des spanischen Buchhandels. Auf eine Darstellung der Geschichte des Landes ist absichtlich verzichtet worden, vor allem weil die wichtigsten Ereignisse, die im Zusammenhang mit den jeweils behandelten Themen in jedem Kapitel erläutert werden. Der besseren Veranschaulichung wegen haben wir allerdings im Anhang A eine Übersicht der wichtigsten Begebenheiten hinzugefügt. Anschließend werden die Entstehung eines nationalen Bildungssystems und die Rolle der öffentlichen und privaten Bibliotheken bei der Förderung des Lesens erörtert.</p>
         <p>
            <citenumber id="N10156" start="4"/>Der zweite Teil der vorliegenden Dissertation wird der Lesekultur der Frauen gewidmet. Zuerst werden die von der Aufklärung neue propagierte Konzeption des weiblichen Wesens, deren Rezeption und erste Auswirkungen in der spanischen Gesellschaft vorgestellt, um in den darauf folgenden Kapiteln den steinigen Weg der Spanierin zur Bildung und dadurch zum Lesen ausführlich zu erläutern. </p>
         <p>Als notwendig erscheint uns die Berücksichtigung der Wechselbeziehung zwischen weiblichem Lesen und weiblichem Schreiben. Aus der Tatsache, dass das Lesen für immer mehr Frauen zugänglich wird, ergibt sich, eine Steigerung der Zahl von Frauen, die selbst ihre Gedanken schriftlich verfassen und der Öffentlichkeit präsentieren. Bis Ende des Jahrhunderts werden die meisten Schriftstellerinnen jedoch aufgrund gesellschaftlicher Zwänge in ihrer künstlerischen und intellektuellen Entfaltung stark gehemmt. </p>
         <p>Als unmittelbares Resultat des Ausbaues eines Bildungssystems findet auch das Kinderbuch sukzessiv seinen Platz innerhalb des spanischen Buchhandels. Bücher bleiben ein teures Gut, das sich nur Kinder der besseren situierten Schichten leisten können. Das Kinderbuch, vorwiegend für Mädchen, erfüllt hauptsächlich und auf eine sehr direkte Weise eine pädagogische und weniger eine unterhaltende Funktion. </p>
         <p>
            <citenumber id="N10162" start="5"/>Unterhalten und Belehren wird zum Moto aller für Mädchen und Frauen konzipierte Publikationen, die die Zustimmung der Gesellschaft erhalten. Im Laufe des Jahrhunderts wird den Frauen, besonders aufgrund ausländischer liberaler Einflusse, das Recht auf Lesen zugestanden, jedoch nicht ohne Auflagen. Weibliche Lektüren sollen mit der von Religion und Gesellschaft definierten Bestimmung der Frau in Einklang stehen. Bei der Definition von geeigneten oder ungeeigneten Lesestoffen für Leserinnen wird insbesondere die katholische Kirche eine entscheidende Rolle spielen.</p>
         <p>In den folgenden Kapiteln werden wir drei, für die weibliche Lesekultur wesentliche Arten der Publikation: den Fortsetzungsroman, die weiblichen Zeitschriften und die populären Schriften der <em>Cordel-</em>Literatur behandeln. </p>
         <p>Fortsetzungspublikationen sind ab den vierziger Jahren zweifellos die treibende Kraft des spanischen Buchwesens, fast alle literarischen Produktionen in Prosa erscheinen bis Ende der siebziger Jahren in Form von Fortsetzungen, entweder in Zeitungen und Zeitschriften integriert oder in Faszikeln, die einmal gesammelt und gebunden ein Buch ergeben. Fortsetzungsromane werden in der Regel &#8211; außer denjenigen der Frauenmagazine &#8211; nicht explizit für ein weibliches Publikum herausgebracht, trotzdem bemühen sich Schriftsteller und Verleger solcher Werke zunehmend um dessen Gunst, denn Frauen gelten als <em>devoradoras de novelas, </em>also als &#8222;Romanenverschlingerinnen&#8220;. </p>
         <p>
            <citenumber id="N10174" start="6"/>Anschließend werden Frauenillustrierte vorgestellt. Wir widmen diesen exklusiv für eine weibliche Leserschaft herausgegebenen Publikationen den wichtigsten Teil unserer Untersuchung. Frauenmagazine spiegeln den gesellschaftlichen Wandel hinsichtlich der Frau in allen Lebensbereichen wie keine anderen Schriften wieder. Ihren Seiten entnimmt man sowohl die Entwicklung des weiblichen Gedankengutes in Bezug auf Kultur, Bildung, Arbeit, Selbstbestimmung, soziale Bewegungen, Politik, Religion, Moral usw., als auch die Veränderung des männlichen Diskurses hinsichtlich der Frau im Laufe des Jahrhunderts.</p>
         <p>In Anbetracht der extrem hohen Analphabetenrate innerhalb der weiblichen Bevölkerung vor allem in den unteren Schichten und auf den ländlichen Gebieten, befassen wir uns im letzten Kapitel mit den Lesestoffen des Volkes, die so genannte <em>Co</em>
            <em>r</em>
            <em>del-</em>Literatur, der einen Mittelweg zwischen schriftlicher Kultur und Oralität darstellen.</p>
         <p>In den Anhängen kommen außer der benannten geschichtlichen Übersicht, einige Tabellen über das Thema Analphabetismus und Bildung und Texte aus der Literatur oder Briefe dieser Zeit, die zur besseren Verständigung der Arbeit dienen sollen, hinzu. </p>
         <p>
            <citenumber id="N10189" start="7"/>Erst durch das Lesen erlangen die spanischen Frauen des 19. Jahrhunderts ein Selbstbewusstsein, das ihnen die Überwindung der männlichen und kirchlichen Vormundschaft im Laufe des darauf folgenden Jahrhunderts ermöglichen wird. </p>
         <p>
            <link id="_Toc172444379"/>
         </p>
      </preface>
      <chapter id="chapter1" label="I">
         <head>Die spanische zweite Buchdruckrevolution</head>
         <section id="N10199" label="I.1">
            <head>
               <link id="_Toc172444380"/>Die Entwicklung des Druck- und Buchwesens in Spanien des 19. Jahrhunderts</head>
            <subsection id="N101A1" label="I.1.1">
               <head>
                  <link id="_Toc172444381"/>Der Entwicklungsprozess der Technik </head>
               <p><citenumber helper="true" id="N101A9" start="7"/>Das spanische Buchwesen durchlebt im 19. Jh. den gleichen Entwicklungsprozess wie andere europäische und amerikanische Länder, der parallel zu den generellen sozialen Veränderungen verläuft. Diese Revolution des Buchwesens und der graphischen Künste im Gesamten ist bis heute &#8211; zu Beginn des 21. Jahrhunderts &#8211; von der spanischen Forschung noch nicht systematisch untersucht worden. Die Reihe <em>Biblioteca del libro </em>(Bibliothek des Buches)<footnote numbering="arabic" start="4">
                     <p> Übersetzungen historischer Begriffe oder Publikationstitel und -untertitel, die &#8211; unserer Meinung nach &#8211; zum besseren Verständnis des Textes beitragen, werden in runden Klammern, gegebenenfalls in Winkelklammern, gesetzt.</p>
                     <p>Die Übersetzungen der geschichtlichen Terminologie stammen aus dem Werk Schmidt, Peer (Hrsg.): <em>Kleine G</em>
                        <em>e</em>
                        <em>schichte Spaniens. </em>Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2004.</p>
                  </footnote> vom Verlag der Stiftung Fundación Germán Sánchez Riupérez, veröffentlicht seit den achtziger Jahren überaus wichtige Beiträge über das internationale und spanische Buch- und Bibliothekswesen im Allgemeinen<footnote numbering="arabic" start="5">
                     <p> Bei der Veröffentlichung des ersten Buches dieser Reihe stellt die Stiftung ihre Absichten folgendermaßen dar: «Die Stiftung Germán Sánchez Ruipérez erfüllt mit der Publikation der Reihe <em>Bibliothek des Buches</em> eines ihrer Satzungsziele; nämlich die Forschung, das Studium und die Anwendung der modernen Produktions- und Vertriebstechniken des Buches zu fördern und zu unterstützen, ebenso, wie das Lesen anzuregen und zu steigern, indem den Forschungsbeiträgen und Studien kulturellen Charakters durch deren Veröffentlichung und Verbreitung Förderung angediehen lassen wird.» Lázaro Carreter, Fernando (Hrsg.): <em>La cultura del libro.</em> 2. Aufl. Madrid: Ediciones Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1988. S. 412.</p>
                  </footnote>. Bei den meisten dieser Publikationen handelt es sich um kollektive Veröffentlichungen und angesichts der wenigen Seiten, die den Autoren für die Darstellung viel zu umfangreicher Themen zur Verfügung stehen, bleiben die Aufsätze allzu oft entweder auf einer populärwissenschaftlichen Ebene oder werden zu spezifisch, so dass der Leser diese nicht in ein strukturiertes und vollendetes Bild des spanischen Buchwesens im 19. Jahrhundert integrieren kann. Das gleiche Ergebnis gewinnt man aus den zahlreichen Artikeln, die in Fachperiodika, Festschriften usw. über das Thema erscheinen. Das Druck- sowie das Bibliothekswesen des 19. Jahrhunderts ist für die Forschung gleichzeitig ein Faszinosum in Anbetracht der breiten Palette der zu untersuchenden Themen und eine mühevolle &#8211; manchmal auch undankbare &#8211; Aufgabe, wenn man bedenkt, dass die meisten Informationsquellen noch nicht erschlossen worden sind.</p>
               <p>Das spanische Buchwesen wird &#8211; wie oben erwähnt &#8211; im Laufe des 19. Jahrhunderts tiefe Veränderungen erleben. Das geschriebene Wort hört allmählich auf, ein Privileg der Elite zu sein, um ein Kommunikationsmittel der Massen oder zumindest größeren Teilen der Bevölkerung zu werden. Das Verlangen nach Lektüre wächst dank der Urbanisierung der Populationen, des wirtschaftlichen Wachstums und der sukzessiven Entwicklung des Schulsystems während des ganzen Jahrhunderts stetig. Aus den 1801 ca. 600 000 geschätzten<footnote numbering="arabic" start="6">
                     <p> Siehe Escolar Sobrino, Hipólito: <em>Historia del libro. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1984. S. 556. </p>
                  </footnote> potenziellen Lesern sind 1900 ca. sechs Millionen geworden<footnote numbering="arabic" start="7">
                     <p> Siehe Anhang B </p>
                  </footnote>.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N101E9" start="8"/>Die Welt der gedruckten Information veränderte sich in Spanien hauptsächlich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts drastisch, denn die Demokratisierung der schriftlichen Kultur und die Entwicklung der Techniken implizierte auch die Verbreitung von gedruckten Bildern, deren Zunahme so bedeutend wurde, dass das Verlagswesen sich komplett neu umstellen musste. Die gedruckten Bilder boten allerdings nicht nur diesem, sondern auch den unterschiedlichsten Bereichen der Kultur, des Handels und der Industrie eine Fülle von neuen Entfaltungsmöglichkeiten<footnote numbering="arabic" start="8">
                     <p> Siehe Vélez i Vicente, Pilar: La industrialización de las técnicas. In: V. Infantes, F. López, J-F. Botrel. (Hrsg.): <em>Historia de la edición y de la lectura en España 1472-1914.</em> Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 2003. S. 545. </p>
                  </footnote>.</p>
               <p>Das gelehrte, das religiöse und das unterhaltende Buch, die populären Drucke, aber vor allem die Presse und die aus der neuen Welt der Werbung hervorgegangenen graphischen Nebenprodukte, waren dankbare Empfänger und gleichzeitig Förderer jeglichen Fortschritts der Drucktechniken<footnote numbering="arabic" start="9">
                     <p> Ebenda S. 545. </p>
                  </footnote>. Bis zum 19. Jh. war grundsätzlich im Buchwesen der Schrift eine vorherrschende Rolle gegenüber dem Bild, das eine untergeordnete, ergänzende, erläuternde oder rein dekorative Funktion erfüllte, konzediert worden, ausgenommen der wenigen Exzeptionen, bei denen die Dominanz des Bildes als Teil eines Konzepts verstanden wurde. </p>
               <p>Die erste bedeutende Neuerung im Buchdruckbereich nach der Gutenbergpresse und deren Verbesserung durch das Kniehebelsystem, war die Entwicklung und der Bau einer Presse, die das Holz durch Metall, sprich Gusseisen, Schmiedeeisen oder Bronze ersetzen sollte. Die Verwendung von Gusseisen stand in Zusammenhang mit der allgemeinen Industrialisierung Westeuropas. Dieses Material war widerstandsfähiger als Holz und erzielte somit bei gleicher Zeitaufwendung viel höhere Auflagen als die Holzpresse. Lord Stanhope baute 1785 als Erster eine Ganzmetallpresse, Spanien erreichte diese Erneuerung jedoch erst 1828. Mehr als vierzig Jahre nach ihrer Erfindung wurde die erste Stanhopepresse von dem Drucker Joaquín Verdaguer aus Barcelona in das Land importiert. Dieser Rückstand ist auf unterschiedliche Faktoren zurückzuführen, einerseits auf den Unabhängigkeitskrieg (1808-1814) gegen die napoleonischen Truppen und auf die sich daraus ergebende wirtschaftliche Krise, und weiterhin auf die kultur- und schriftfeindliche Monarchie des absolutistischen Königs Fernando VII. (1814-1833) andererseits. Katalonien war die erste Region Spaniens, in der sich die anbrechende Industrialisierung des Buchwesens zu entwickeln begann. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N10208" start="9"/>Zweifellos wurde der Dampf bei diesem Prozess zum entscheidenden Faktor; Spanien erreichte diesen Entwicklungsschritt allerdings mit großer zeitlicher Verzögerung; die erste für den Druck angewendete Dampfmaschine soll 1851 in Barcelona oder 1855 in Madrid aufgestellt<footnote numbering="arabic" start="10">
                     <p> Es gibt keine Quellen &#8211; zumindest keine erschlossenen &#8211;, die konkret und definitiv Angaben über die Einfuhr und Arbeit importierter Pressen ermöglichen. So muss sich auch Pilar Vélez in ihrem Artikel, auf den sich dieses Kapitel unserer Arbeit gründet, auf die unpräzisen Angaben von Eudald Canibell verlassen. Canibell war eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der spanischen graphischen Künste des 19. Jahrhunderts und er war 1898 Gründungsmitglied des Katalanischen Instituts für Buchkünste <em>Instituto Catalán de las Artes del Libro; </em>seine Abhandlungen über jene Zeit dienen als wichtige Informationsquelle über Entwicklung und Mechanisierung des Druckwesens in Spanien. Siehe Vélez i Vicente, Pilar: La industrialización&#8230; ed.cit. S. 546. </p>
                     <p>Im Unterschied zu Canibell und Vélez macht Botrel folgende Angaben: 1847 rühmt sich die Druckereigesellschaft «El Norte de la Imprenta», eine der modernsten Dampfmaschinen der Welt zu besitzen; 1852 behauptet der Drucker Antonio Serra y Olivares in seinem Werk <em>Manual de tipografía española,</em> es gebe im spanischen Buchdruckwesen noch keine mit Dampf betriebene Maschine; die Offizine der Zeitung <em>Diario de Barcelona</em> soll jedoch seit 1851 mit Dampfmaschinen arbeiten. Siehe Botrel Jean-François: <em>Libros, prensa y lectura en la España del siglo XIX. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1993. S. 220 f. </p>
                     <p>Als Informationsquellen über die Entwicklung der Techniken dienen die von den Firmen herausgegebenen Werbeblätter oder Anzeigen in Fachzeitschriften, wie <em>El arte de la imprenta </em>(Die Kunst des Druckes) oder <em>R</em>
                        <em>e</em>
                        <em>vista</em> <em>gráfica</em> Letztere wurde von 1900 bis 1928 vom <em>Instituto Catalán de las Artes del Libro</em> herausgegeben und stellt heute, was die graphischen Künste am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts betrifft, eine grundsätzliche Informationsquelle dar. Siehe Vélez i Vicente, Pilar: La industrialización&#8230; ed.cit. S. 546.</p>
                  </footnote> worden sein. Dies bedeutet, dass bis dahin in allen Offizinen, auch wenn in einigen Fällen schon mit Gusseisenmaschinen gearbeitet wurde, diese noch in einer sehr handwerklichen Form bedient wurden, genauso, wie in der Zeit vor den Dampfmaschinen die Pressen immer noch mit der körperlichen Kraft der Handwerker selbst oder mit Hilfe von Tieren bewegt und infolgedessen die gedruckten Blätter immer noch einzeln hergestellt wurden. Der Dampf, der dagegen eine große Veränderung bedeutete, da seine Kraft bei gleicher Zeitaufwendung viel höhere Auflagen ermöglichte, etablierte sich in Spanien in den siebziger Jahren, so spät also, dass er mit den Maschinen, die mit Gas oder Elektrizität betrieben wurden, nicht mehr konkurrieren konnte. </p>
               <p>Das spanische Druckwesen begann seinen Modernisierungsprozess nicht vor der Einführung der von Friedrich König, 1811, erfundenen Schnellpresse. Diese Maschinen ermöglichten erst das Vorantreiben der technischen Revolution der graphischen Künste; die ersten solcher Pressen kamen kurz nach 1855, von der Firma Marinoni importiert, nach Barcelona. 1855 hatte Angel Fernández de los Ríos, der Herausgeber der Illustrierten <em>Las Novedades </em>(1850-1872) und <em>La Ilustración</em> (1849-1857),<em> </em>eine ähnliche Maschine in seiner Werkstatt in Madrid aufgestellt<footnote numbering="arabic" start="11">
                     <p> Ebenda S. 546.</p>
                  </footnote>. Der Übergang von dem System der Schnellpressen zu den großen Rotationspressen, die nur beim Zeitungsverlag angewendet werden konnten, fand in Spanien nicht vor dem 20. Jh. statt<footnote numbering="arabic" start="12">
                     <p> 1902 gibt es in Spanien 35 Rotationspressen der Firma Marinoni. 1914 gibt es im ganzen Land vorerst nur 36 solcher Pressen, von denen neun mehr als 10 000 Blätter pro Stunde bewältigen, während mindestens 18 davon weniger als 6 000 Blätter pro Stunde drucken. Siehe Botrel Jean-François: <em>Libros, prensa y lectura&#8230; </em>ed.cit. S. 211.</p>
                  </footnote>. Die Leistungsfähigkeit solcher Maschinen hätte dortzulande nicht ausgeschöpft werden können, denn die hiesigen Periodika hatten keine bemerkenswerten Auflagen. Viele Rotationsmaschinen lieferten bis zu 40 000 Drucke pro Stunde, 1913 erreichten die Madrider Zeitungen <em>El Imparcial</em> (1867-1936?<footnote numbering="arabic" start="13">
                     <p> Ein Fragezeichen nach einer Jahresangabe bedeutet, dass es - den Quellen nach &#8211; nicht feststellbar ist, ob die Angabe richtig ist. Ein Leerzeichen statt einer Jahresangabe bedeutet, dass diese unbekannt ist.</p>
                  </footnote>)<em> </em>und <em>El Liberal</em> (1879-1939)<em> </em>zusammen eine Auflage, die nicht höher war als 200.000 Exemplare<footnote numbering="arabic" start="14">
                     <p> Siehe Vélez i Vicente, Pilar: La industrialización&#8230; ed.cit. S. 550 f.; Botrel Jean-François: <em>Libros, prensa y lectura&#8230; </em>ed.cit.<em> </em>S. 249 f.; über das Thema siehe weiter Alonso, Cecilio: El auge de la prensa periódica. In: V. Infantes, F. López, J.-F. Botrel. (Hrsg.): <em>Historia de la edición y de la lectura en España 1472-1914. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 2003. S. 559-570. </p>
                  </footnote>. </p>
               <p>Der größte Teil der Maschinen, die in den Offizinen arbeiteten, wurde aus Deutschland importiert, infolgedessen eröffneten im Laufe des Jahrhunderts, aber vor allem im letzten Drittel dessen, viele deutsche Firmen Handelsvertretungen in Katalonien, um von dort aus das Land zu versorgen. Als Beispiel diene die 1839 gegründete Barceloneser Gießerei<em> </em>Sucesores de Antonio López (Nachfolger von Antonio López), die zusammen mit einer Vertretung der Berliner Firma R. Otto Krüger für die Herstellung typographischer Maschinen arbeitete. Ganz am Ende des Jahrhunderts ließen sich in Spanien einige ausländische Firmen nieder, wie z.B. die Gesellschaft Steinhausen Otto &amp; C.<sup>ia</sup>, die sich 1899 in Barcelona etablierte und im selben Jahr die erste Rotationsmaschine für die Druckerei José Ortegas in Valencia baute. 1901 wurde die erste, für den Zeitungsdruck bestimmte spanische Rotationspresse für die Barceloneser Druckerei Vidal Hermanos angefertigt<footnote numbering="arabic" start="15">
                     <p> Siehe Vélez i Vicente, Pilar: La industrialización&#8230; ed.cit. S. 546 f.</p>
                  </footnote>. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N1028F" start="10"/>Der Modernisierungsprozess des spanischen Buchdruckwesens geht nicht so weit, dass alle Holz- oder Metallpressen durch maschinell bediente Pressen ersetzt werden können. Ab den siebziger Jahren beginnt man bei dem Inventar der Drucker zwischen Handpressen und mechanischen Pressen oder Maschinen zu unterscheiden<footnote numbering="arabic" start="16">
                     <p> Botrel Jean-François: <em>Libros, prensa y lectura&#8230; </em>ed. cit.<em> </em>S. 212.</p>
                  </footnote>. Im Januar 1861 gibt es in der Provinz Barcelona, die zusammen mit Madrid die innovativsten und produktivsten Gebiete bildet, 24 mechanische Pressen und 79 Handpressen; unter den 25 gemeldeten Druckereien besitzen nur neun überhaupt eine Maschine. Zur gleichen Zeit gibt es in Málaga, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, zwei maschinelle Pressen und 14 Handpressen, drei davon aus Eisen; in drei der sieben registrierten Druckereien wird ausschließlich mit Holzpressen gearbeitet und in der Stadt Santander werden insgesamt 13 Metallpressen und eine Maschine gezählt<footnote numbering="arabic" start="17">
                     <p> Ebenda S. 212 f.</p>
                  </footnote>. Der überwiegende Teil der Druckereien in den kleinen Städten benötigt allerdings auch keine besonders leistungsfähigen Maschinen, denn der Rahmen ihrer Aufträge bedarf keiner hohen Auflagen. Die meisten unter ihnen leben nicht vom Buchdruck; die Stadt- oder Bezirkszeitungen und Blätter erscheinen oft nicht täglich und die Zahl der beauftragten Exemplare ist in der Regel bescheiden. Viele Offizinen drucken von der Visitenkarte bis zum Gedichtband lokaler Poeten, ebenso Amtsblätter oder Populärliteratur, wie Kalender, Bilderbogen, <em>pliegos de cordel</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="18">
                     <p> Siehe Seite 241 dieser Arbeit.</p>
                  </footnote>, Fibeln<em> </em>u.Ä<footnote numbering="arabic" start="19">
                     <p> Siehe beispielsweise García Oliveros, Antonio: <em>La imprenta en Oviedo. </em>
                        <em>Notas para su historia</em>. Oviedo: Diputación de Asturias. Instituto de Estudios Asturianos. 1956.</p>
                  </footnote>. In den Großstädten, wie Madrid, Barcelona, Valencia, Bilbao usw. entwickeln sich nicht alle Betriebe gleichermaßen; so können dank der Differenzierung von Auftragstypen die kleinen handwerklichen mit großen mechanisierten Druckereien &#8211; wie das Verlagshaus-Druckerei Henrich y C.<sup>ía</sup> aus Barcelona, das 1894 insgesamt über 500 Maschinen besitzt &#8211; koexistieren. </p>
               <p>Die Entwicklung des Buchdruckes konnte allerdings nur erfolgen, wenn alle Techniken, die diese Kunst implizierte, den gleichen Prozess durchmachten. Die Evolution der Pressen hätte nicht stattfinden können, wenn sich die Herstellung der Lettern nicht auch gleichzeitig fortentwickelt hätte. Zur Zeit des Königreiches Carlos&#8217; III. (1759-1788) wurde der größte Teil der in Spanien benutzten typographischen Materialien aus verschiedenen Ländern Europas beschafft. Die von dem aufklärerischen König geförderte Gießereiwerkstatt der Königlichen Druckerei, bei der die besten Stempelschneider und Stecher arbeiteten, genoss weit verbreitete Anerkennung, stellte aber angesichts ihres elitären Charakters eine marginale &#8211; wenn auch beispielgebende &#8211; Erscheinung im damaligen Typographiewesen Spaniens dar. Häufig gehörten die Gießereien &#8211; wie auch viele Druckereien &#8211; religiösen Orden oder wohltätigen Institutionen, wie z.B. die Gießerei der Dominikaner in Toledo oder die der Karmelitaner Mönche des Klosters zum Heiligen Joseph in Barcelona<footnote numbering="arabic" start="20">
                     <p> Siehe Vélez i Vicente, Pilar: La industrialización&#8230; ed. cit. S. 547.</p>
                  </footnote>, an. Die weitere Geschichte dieser ist für den Weg der Entwicklung anderer Gießereien symptomatisch. Sie erlangte zwischen 1820 und 1823 großes Ansehen, 1835 musste sie aufgrund der Säkularisierung und der darauf folgenden Zerstörung des Klosters umziehen, arbeitete jedoch weiter, bis sie in den sechziger Jahren von einem der wichtigsten Buchdrucker der Stadt, Narcis Ramírez Rialp, gekauft wurde. Seine Nachfolger verkauften sie schließlich 1885 an die Frankfurter Gießerei Bauer, die sie in eine Niederlassung der eigenen Firma verwandelte und ihr den Namen des damaligen Direktors, Jakob de Neufville, gab. Die Gießerei Neufville blieb bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein eine der wichtigsten im ganzen Land<footnote numbering="arabic" start="21">
                     <p> Ebenda S. 547.</p>
                  </footnote>. Aus der alten Gießerei der Karmelitaner ging eine Zweite hervor. Der ehemalige Arbeiter Antonio López Vidal, der sich in den vierziger Jahren selbstständig gemacht hatte, kaufte in den fünfziger Jahren in Deutschland die erste Gießmaschine Spaniens und ließ sich wenig später zusätzlich drei in Barcelona bauen. Eine dieser Maschinen wurde bei einem von der Nationaldruckerei in Madrid organisierten Wettbewerb als die beste Typengießmaschine des Landes preisgekrönt.</p>
               <p>Die revolutionäre Erneuerung im Bereich der Satzherstellung, die Linotype von Otto Mergenthaler, wurde 1908 in Barcelona eingeführt, aber eigentlich arbeiteten schon seit 1902 in dieser Stadt ähnliche, in Deutschland hergestellte Maschinen, die &#8222;Typograph<footnote numbering="arabic" start="22">
                     <p> Ebenda S. 547.</p>
                  </footnote>&#8220; genannt wurden. Auch im Bereich der Setzmaschinen wurde während des ganzen Jahrhunderts der größte Teil des Materials aus dem Ausland, sprich Deutschland und Frankreich, importiert. Wie es schon bei den Pressen geschehen war, eröffneten einige Firmen Handelsvertretungen und Niederlassungen in Madrid oder Barcelona. In Madrid zeichneten sich die Firma Rey Bosch y C.<sup>ia </sup>und die Firma Richard Gans aus.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N102EB" start="11"/>Die nationale Herstellung typographischer Materialien erlebte in den neunziger Jahren in Zusammenhang mit dem allgemeinen Wachstum im Buchwesenbereich, aber vor allem dank des aufblühenden Jugendstils, einen deutlichen Aufschwung. Einige Letterdesigner, wie Josep Triado und Eudald Canibell, schufen im Einklang mit der neuen Bewegung &#8211; die inmitten der allgemeinen Tendenz der Verbilligung von Druckerzeugnissen auf Kosten der Qualität und der Schönheit ihre Liebe zum &#8222;gut gemachten Buch&#8220; entdeckte &#8211;, eine Reihe von Typen, die, wie <em>Gótico incunable C</em>
                  <em>a</em>
                  <em>nibell</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="23">
                     <p> Siehe Vélez i Vicente, Pilar: El &#8220;Gótico Incunable Canibell&#8221;. In: <em>Barcelona Metrópolis Mediterránea. </em>16. 1990. S. 110-112.</p>
                  </footnote>, eine große Anzahl der Jugendstildrucke schmückten und Katalonien zum vitalen Zentrum der neuen Ästhetik krönten.</p>
               <p>Auch das Papierherstellungsverfahren musste modernisiert werden. Jahrhundertelang war die Herstellung von Papier handwerklich erfolgt. Ihr Rohstoff war Baumwolle oder Leinen in Form von Lumpen gewesen, die in den Papiermühlen entsprechend verarbeitet wurden. 1799 erfand der Franzose Louis Robert die Papiermaschine, die den Papierbrei auf ein sich drehendes &#8222;endloses&#8220; Sieb führte und nach dem Trocknen und Pressen eine gleichfalls &#8222;endlose&#8220; Papierbahn erzeugte<footnote numbering="arabic" start="24">
                     <p> Linden, Fons van der: <em>DuMont&#8217;s Handbuch der grafischen Techniken.</em> Köln: DuMont Buchverlag. 3. Aufl. 1990. S.19 f.</p>
                  </footnote>. Dieses Verfahren ermöglichte es, Papierstücke von zehn oder zwölf Metern Länge zu erzielen, anstatt, wie bis dahin, einzelne Bogen. Die ersten Papiermaschinen wurden in Spanien zwischen 1840 und 1845 aufgestellt. Auch diesbezüglich herrscht seitens der Forschung große Uneinigkeit. hipolito Escolar, den Angaben von Miguel Herrero García und Enrique Cerdá Gordo folgend<footnote numbering="arabic" start="25">
                     <p> Siehe Botrel Jean-François: <em>Libros, prensa y lectura&#8230; </em>ed.cit.<em> </em>S. 185.</p>
                  </footnote>, schreibt, dass die erste &#8222;endloses&#8220; Papier herstellende Fabrik 1841 in Bürgos gegründet worden sei<footnote numbering="arabic" start="26">
                     <p> Siehe Escolar Sobrino, Hipólito: <em>Historia del libro&#8230; </em>ed.cit. S. 557.</p>
                  </footnote>; Carmen Artigas Sanz gibt an, der Fabrikant Manuel Brunet habe die erste Papiermaschine 1842 in Spanien eingeführt<footnote numbering="arabic" start="27">
                     <p> Siehe Artigas Sánz, María del Carmen: <em>El libro romántico en España</em>. Bd I. Madrid: CSIC. 1953. S. 61.</p>
                  </footnote> und Pilar Vélez behauptet: «<em>Das &#8222;endlose&#8220; Papier wurde in Katalonien, in dem großen Produktionszentrum, das mehrere Jahrzehnte lang Hauptlieferant der ganzen Iberischen Halbinsel und Lateinamerikas war, 1845 ei</em>
                  <em>n</em>
                  <em>geführt. Mühlen, wie diejenigen der Familien Guarro, Romaní oder Vilaseca</em>,<em> verwande</em>
                  <em>l</em>
                  <em>te man in große Fabriken</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="28">
                     <p> Siehe Vélez i Vicente, Pilar: La industrialización&#8230; ed.cit. S. 548.</p>
                  </footnote>.» Andere Autoren geben weitere unterschiedliche Orts- und Zeitangaben für den Beginn der Revolutionierung dieser Herstellungsverfahren an<footnote numbering="arabic" start="29">
                     <p> Siehe Botrel Jean-François: <em>Libros, prensa y lectura&#8230; </em>ed.cit.<em> </em>S. 185.</p>
                  </footnote>. Belegbar ist, dass schon vor 1846 eine Fabrik mit &#8222;endlosem&#8220; Papier existierte<footnote numbering="arabic" start="30">
                     <p> Denn am 19-V-1846 versammeln sich die Herren Grimaud, Barrio und Odriozola, um eine Gesellschaft zu gründen und die Fabrikation von endlosem Papier weiter zu führen. Ebenda<em>&#8230; </em>ed.cit. S.186 f.</p>
                  </footnote>. Alle papierherstellenden Maschinen werden bis in das 20. Jh. hinein aus dem Ausland importiert und es zeigt sich, dass ihre Produktion nicht ausreichen wird, um den nationalen Bedarf an Papier zu decken. Ab 1890 wird versucht, durch ein protektionistisches Zollsystem die spanische Produktion zu steigern<footnote numbering="arabic" start="31">
                     <p> Erst 1918 werden aus der nationalen Produktion vier Fünftel des Bedarfs gedeckt. Ebenda S. 195.</p>
                  </footnote>; dieses Defizit ist zweifellos auf den Mangel an Rohstoffen für die Papierherstellung zurückzuführen<footnote numbering="arabic" start="32">
                     <p> Ebenda S. 196.</p>
                  </footnote>, aber vor allem auf das Fehlen einer kapitalistischen Infrastruktur. </p>
               <p>Als weiteres wichtiges Material im Buchdruckwesen muss die Produktion von Tinte berücksichtigt werden. Mehrere Jahrzehnte lang wurde im 19. Jh. der größte Teil der in Spanien verbrauchten Tinte aus Deutschland importiert, meist von der 1843 gegründeten Hannoveraner Firma Jaenecke &amp; Schneemann, die eine Handelsvertretung in Barcelona besaß. Die nationale Produktion basierte auf handwerkliche Herstellungsverfahren. Erst 1890 wurde in Badalona die erste tintenherstellende Fabrik eröffnet, die allerdings eine Filiale der französischen Firma Loilleux war. Auch die Gelatinefarbwalzen wurden in Spanien von der Firma Lorilleux eingeführt<footnote numbering="arabic" start="33">
                     <p> Siehe Vélez i Vicente, Pilar: La industrialización&#8230; ed.cit. S. 548.</p>
                  </footnote>. </p>
               <block id="N10383" label="I.1.1.1">
                  <head>
                     <link id="_Toc172444382"/>Die Entwicklung der Farb- und Illustrationstechnik</head>
                  <p>
                     <citenumber id="N1038D" start="12"/>Die Welt des Bilddruckes ihrerseits wird noch tieferen und weittragenderen Veränderungen unterzogen als die der Schrift, so dass das 19. Jahrhundert zum Jahrhundert des gedruckten Bildes wird<footnote numbering="arabic" start="34">
                        <p> Über das Thema der Illustration im spanischen Druckwesen des 19. Jahrhunderts siehe Bozal, Valeriano: <em>La ilustració</em>
                           <em>n gráfica del siglo XIX en España. </em>Madrid: Comunicación. 1977; Gallego, Antonio: <em>Historia del grabado en España. </em>Madrid: Cátedra. 1979; Artigas Sanz, María del Carmen: <em>El libro romántico en España&#8230; </em>ed.cit.; Vélez i Vicente, Pilar: La ilustración del libro en España en los siglos XIX y XX. In: H. Escolar (Hrsg.): <em>Historia ilustrada del libro español. La edición moderna. siglos XIX y XX. </em>Bd III. Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1996. S. 195-238; Trenc, Eliseo: <em>Las artes gráficas de la Época Mode</em>
                           <em>r</em>
                           <em>nista en Cataluña. </em>Barcelona: Gremi d&#8217; Indústries Gràfiques. 1977; Arranz, Romà: De la manufactura a la industria gráfica. In: <em>L&#8217;Avenç.</em> Nr. 98. November 1986. S. 46-51; Fontbona, Francesc: <em>La xilografia en Catalunya de 1800 a 1923. </em>Barcelona: Biblioteca de Cataluña. 1992; <em>Arte grafikoak eu</em>
                           <em>s</em>
                           <em>kadin eta katalunian / Las artes gráficas en Euskadi y Cataluña. </em>Vitoria-Gasteiz: Eusko Jaularitza /Gobierno Vasco, Departamento de Cultura y Turismo. 1988; Subirana Rebull, Rosa María: <em>Els orígesn de la litografía a Catalunya. </em>Barcelona: Biblioteca de Catalunya. 1992. </p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>Die erste wichtige Veränderung betrifft Bewicks Erfindung des Holzstiches, die im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts stattfindet, aber erst im Laufe des 19. weiterentwickelt und vervollkommnet wird. Während des 17. und 18. Jahrhunderts war der Holzschnitt nicht perfektioniert worden; die im Allgemeinen anonymen und in ihrer Ausführung ziemlich groben Bilder waren in den Bereich der volkstümlichen Drucke relegiert worden, während die höhere Kultur sich des Kupferstiches für kunstvoller durchgeführte Bilder bediente. Dank Bewicks Erfindung veränderte sich diese Lage, der Holzstich erzielte mit dem Kupferstich vergleichbare Resultate und bot zusätzlich den Vorteil eines unkomplizierten Druckes<footnote numbering="arabic" start="35">
                        <p> «Der Holzstich hatte als Buchillustration eine besondere Bedeutung, da er im Hochdruckverfahren zusammen mit typographischen Texten gedruckt werden konnte. Man benötigte keine speziellen Pressen, kein besonderes Papier und keine komplizierte Drucktechnik wie beim Kupferstich.» Linden, Fons van der: <em>DuMont&#8217;s Handbuch der graf</em>
                           <em>i</em>
                           <em>schen&#8230;</em>ed.cit. S. 45.</p>
                     </footnote>. Da diese Technik beim Druck von Bildern in den französischen und englischen, illustrierten Magazinen verwendet wurde, erreichte sie Spanien auch auf diesem Weg. Wenn auch Ramón Mesonero romanos, Verleger der Zeitschrift <em>Semanario Pintoresco</em> (1836-1857), die ersten xylographischen Illustrationen für seine Publikation importieren musste, entstand angesichts des großen Erfolges umgehend eine hiesige Produktion. Diese Technik wurde ab 1840 auch für die Illustrationen in Büchern herangezogen; am meisten jedoch profitierten die Fortsetzungspublikationen von dem Holzstich<footnote numbering="arabic" start="36">
                        <p> Siehe Vélez i Vicente, Pilar: La industrialización&#8230; ed.cit. S.548; siehe ebenfalls Vélez i Vicente, Pilar: La ilustración del libro en España&#8230; ed.cit. S. 202-204.</p>
                     </footnote>, hauptsächlich reichlich illustrierte Werke, die Beschreibungen volkstümlicher Erscheinungsformen und Charaktere zeigen, und zwar nach dem Modell des englischen <em>Heads of the peopel of portraits of the englisch drawn </em>oder des französischen <em>Les français peints par eux-mêmes </em>(1840-1842), wie z.B. in <em>Los españoles pintados por sí mismos</em> (1843), <em>Escenas matritenses</em> (1845)<em>, Escenas andaluzas </em>(1847), <em>Los valencianos pintados por sí mismos</em> (1859) oder andere Publikationen, die dem Muster des romantischen illustrierten Reiseberichtes folgen, ferner historische Romane u.Ä. Die Xylographie wurde außerdem nicht nur zur Illustration, sondern auch zur Verzierung von Drucken verwendet, da sie mit dem Text gleichzeitig gedruckt werden konnte.</p>
                  <p>Parallel zum Holzstich entwickelte sich in Europa die zweite revolutionierende Technik im Bereich der graphischen Künste, respektive die Lithographie. Sie ermöglichte die direkte Zeichnung des Bildes auf einem vorher entsprechend präparierten Kalkstein, damit erübrigte sich die Notwendigkeit des Stechers als &#8222;Vermittler&#8220; zwischen Künstler und Drucker, denn der Lithograph übernahm selbst diese doppelte Funktion; dadurch wurden wirtschaftliche Mittel, Zeit bei der Durchführung und vor allem Genauigkeit in Bezug auf die ursprüngliche Zeichnung gewonnen. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N103F9" start="13"/>Diese Technik erreichte Spanien deutlich schneller als die Xylographie, der erste bekannte lithographische Versuch datiert von 1815, als Josep March, nachdem er den Text Marcel de Serres&#8217; über diese Technik<footnote numbering="arabic" start="37">
                        <p> Es handelt sich um Serres, Marcel de: Noticia sobre la lithografía o arte de imprimir con moldes de piedra. In: <em>Memorias de Agricultura y Artes. </em>15-III-1816.</p>
                     </footnote> gelesen hatte, das Wappen der Katalanischen Handelskammer lithographisch entwarf<footnote numbering="arabic" start="38">
                        <p> Allerdings benutzte er noch keinen Kalkstein, so dass das Ergebnis nicht zufriedenstellend war; March wird infolgedessen das Privileg der Einführung der Lithographie in Spanien streitig gemacht. Über die Anfänge der Lithographie in Spanien siehe die Arbeit von Subirana Rebull, Rosa María: <em>Els orígesn de la litografía&#8230; </em>ed.cit. Das erste in spanischer Sprache verfasste Buch, das mit Lithographien illustriert wurde, ist das 1807 in München erschienene <em>M</em>
                           <em>a</em>
                           <em>nual del soldado español en Alemania</em> (Handbuch des spanischen Soldaten in Deutschland) von dem Vizedirektor des Madrider Königlichen Naturwissenschaftlichen Kabinetts Carles de Gimbernat, der die neue Technik von einem Verwandten Senefelders gelernt hatte. Siehe Vélez i Vicente, Pilar: La ilustración del libro en España&#8230; S. 198 f. </p>
                     </footnote>. Wenige Jahre später, 1818, bekam der Künstler José María Cardano ein Stipendium vom König Fernando VII., um in München und Paris das Verfahren zu erlernen; als er nach Spanien zurückkam, wurde er zum Direktor der 1819 in Madrid gegründeten <em>Establecimiento Litográfico del Depósito Hidrográfico,</em> in dem auch Goya seine ersten Lithographien schuf, ernannt. Zwischen 1819 und 1825 wurden mehrere lithographische Werkstätten eröffnet, aber sie widmeten sich der Reproduktion der nationalen Malereisammlungen, darunter 1825 das Zentrum <em>Real Establec</em>
                     <em>i</em>
                     <em>miento Litográfico,</em> von dem Maler josé de Madrazo geleitet, das eine Monopolstellung über die künstlerische Lithographie bekam, wodurch ihre Entwicklung in Spanien deutlich behindert wurde. Die erste Werkstatt, welche die neue Technik zur Illustration von Büchern anwandte, war die von Antoni Brusi, der 1819 dadurch die erste kommerzielle lithographische Werkstatt auf spanischem Gebiet gründete. </p>
                  <p>Die ersten mit Lithographien illustrierten Bücher waren, wie es später auch der Fall bei der Xylographie sein wird, Nachahmungen ausländischer Werke, wie z.B. <em>Recuerdos y bellezas de España </em>(1839), <em>España artística y monumental, vistas y des</em>
                     <em>c</em>
                     <em>ripciones de los monumentos más notables de España </em>(1842) nach der Vorlage von <em>Voyages pittoresques et romantiques de l&#8217;ancienne France </em>von Taylor und Nodier. Beide Werke erschienen in Fortsetzungsform und wurden per Subskription finanziert. </p>
                  <p>Aber die technischen Fortschritte des Bilddruckes erreichten ihren Höhepunkt nicht mit der Lithographie oder später mit der Chromolithographie, sondern erlebten zusätzlich eine grundlegende Veränderung mit der Eingliederung der Fotographie als Illustrationstechnik. Diese wurde in Spanien jedoch nicht unmittelbar nach ihrer Erfindung eingeführt, sondern in den sechziger Jahren und sie verbreitete sich erst in der letzten Dekade des Jahrhunderts. Bei den ersten mit Photographien illustrierten Werken handelt es sich um Reiseberichte oder Wiedergaben von Kunstwerken, bei denen die Lithographie durch die neue Technik ersetzt wurde, aber auch um eine Art photographischer Reportagen, so z.B. über den Bau der Eisenbahnlinie u.Ä<footnote numbering="arabic" start="39">
                        <p> Siehe Vélez i Vicente, Pilar: La ilustración del libro en España&#8230; S.208. Siehe auch Siehe Fontanella, Lee, Gerardo Kurtz: <em>Charles Clifford, fotógrafo de la España de Isabel II. </em>Madrid: El Viso. Dirección General de Bellas Artes y Bienes Cutlurales. 1996.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N1044A" start="14"/>Andere aus dem Entwicklungsprozess der Photographie hervorgegangene Techniken, wie die Photolithographie, die Zinkographie oder die Fototypie wurden auch bei der Buchillustration angewendet, z.B. bei <em>La creación. Historia natural </em>(1872) von Dr. Vilanova y Piera. Die Heliogravüre, die sich dank der <em>Sociedad Heliográf</em>
                     <em>i</em>
                     <em>ca Española</em> in Spanien in den achtziger Jahren etablierte, ermöglichte außerdem die Herausgabe von Faksimiles. </p>
                  <p>Auch betreffs der Illustration ist Barcelona bis Ende des Jahrhunderts ein innovatives Zentrum. Der spanische Jugendstil, der in Katalonien um die Jahrhundertwende seine Blütezeit erlebt, schafft eine neue Konzeption der Bebilderung, das Bild soll in belletristischen Werken nicht mehr als Unterstützung zu einer besseren Verständigung des Textes dienen, sondern einzig und allein zur Dekoration. Der von William Morris initiierten Bewegung folgend, distanziert sich eine Gruppe großer katalanischer Illustratoren, wie Alexander de Riquer, Josep Triadó, Josep Lluis Pellicer, Apel.les Mestres, Josep Pascó u.a. von der weit verbreiteten und nicht kunstvollen Benutzung der Farblithographie, die die Welt der unterhaltenden Literatur überschwemmt und kreiert prachtvoll plastische, limitierte Ausgaben, die sich an ein kultiviertes, elitäres, bürgerliches Publikum richten. Dabei handelt es sich meistens um bibliophile Stücke, die sich, obgleich sie sich von der breiten Masse abheben, erheblich zur Festigung der neu angewandten Techniken beitragen<footnote numbering="arabic" start="40">
                        <p> Darüber siehe insbesondere Trenc Ballester, Eliseo: <em>Las artes gráficas&#8230; </em>ed.cit.</p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444383"/>
                  </p>
               </block>
               <block id="N1046F" label="I.1.1.2">
                  <head>Bucheinband</head>
                  <p>Bezüglich des Bucheinbandes wird in der Regel das 19. Jh. in zwei Zeitabschnitte unterteilt<footnote numbering="arabic" start="41">
                        <p> Carrión Gútiez, Manuel: Encuadernación española en los siglos XIX y XX. In: H. Escolar (Hrsg.): <em>Hi</em>
                           <em>s</em>
                           <em>toria ilustrada del libro español. La edición moderna. siglos XIX y XX.</em>Bd III.<em> </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1996.<em> </em>S. 491; über das Thema siehe außerdem folgende Arbeiten <em>La encuadernación española: breve historia.</em> Madrid: ANABAD. 1972; Trenc Ballester, Eliseo: <em>Las </em>
                           <em>artes gráficas&#8230; </em>ed.cit.</p>
                     </footnote>; der Erste betrifft die Regierungszeit von Fernando VII. (1814-1833) und Isabel II. (1833-1868) und der Zweite die Zeit von der sog. <em>Restauración</em> (1874-1902)<footnote numbering="arabic" start="42">
                        <p> Die sogenannte Restauration oder Wiedereinführung der Monarchie wird eigentlich in zwei Etappen aufgeteilt: die erste betrifft die Regierung vom König Alfonso XII. und die Regentschaft seiner Witwe María Cristina von 1874 bis 1902 und die zweite die Regierung von König Alfonso XIII bis zur 2. Republik, d.h. von 1902 bis 1931. Für unsere Arbeit wird nur die erste Etappe in Betracht gezogen. Siehe Anhang A.</p>
                     </footnote> bis zur Jahrhundertwende. Die Einbandkunst Spaniens orientiert sich das ganze Jahrhundert durch an der französischen. Am Anfang der ersten dieser Epochen vollzieht sich der Übergang vom Klassizismus zum <em>Empirestil</em>,<em> </em>der in Spanien eigene Formen, wie die <em>Cort</em>
                     <em>i</em>
                     <em>nas-</em>Einbände<footnote numbering="arabic" start="43">
                        <p> Siehe Mazal, Otto: <em>Einbandkunde. Die Geschichte des Bucheinbandes. </em>Wiesbaden: DR. Ludwig Reichert Verlag. 1997. S. 300.</p>
                     </footnote> entwickelt; in den dreißiger Jahren erreicht zusammen mit der literarischen Romantik auch die romantische Einbandkunst mit ihrer Begeisterung für die gotische Architektur das Land; diese findet großen Anklang und wird, allen voran der Stil <em>á la cathédr</em>
                     <em>a</em>
                     <em>le,</em> bis in die sechziger Jahre hinein eingesetzt. Zentrum der Einbandindustrie ist die Stadt Valencia, sie bleibt bis Ende des Jahrhunderts stark handwerklich strukturiert. Der Bucheinband ist ein Luxusprodukt und man legt Wert auf dessen technische und künstlerische Vollkommenheit. Am Ende dieser ersten Epoche wird der romantische Einband allmählich durch einen neuen, vom Historizismus geprägten Stil ersetzt. Seit der Epoche der Restauration (1874-1902) setzt sich in steigendem Maße die industrielle Fabrikation von Verlegereinbänden aus Pappe, aus Leinen, Percaline oder aus Leder durch. Charakteristisch für diese Art von Buchbindung ist deren illustrative Funktion, denn der Einband nahm deutlich Bezug auf den Inhalt des Textes; dafür wurden Illustrationen, die im Buch gedruckt waren, direkt reproduziert oder variiert. Sich der massenhaften Verbreitung des industriellen Bucheinbandes entgegenstellend &#8211; wie im Bereich der Typographie und der Illustration &#8211; trat eine bibliophile Strömung zutage, die sich für pracht- und kunstvolle, in Handarbeit gefertigte Einbände einsetzt und die sich am Ende des Jahrhunderts an der Lehre William Morris&#8217; orientieren wird. </p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444384"/>
                  </p>
               </block>
            </subsection>
            <subsection id="N104CD" label="I.1.2">
               <head>Die Entwicklung des Buchhandels</head>
               <p>
                  <citenumber id="N104D4" start="15"/>Im Jahre 1836 werden in Spanien die Zünfte abgeschafft, der Buchhandel bleibt jedoch bis in die vierziger Jahre hinein mit dem alten System verbunden, denn, wenn auch die Körperschaftsbeschränkungen gefallen waren, der Produktionsumfang war so niedrig, dass eine Entwicklung des Buchhändlerberufes &#8211; in den meisten Fällen noch mit dem des Druckers und Verlegers verknüpft<footnote numbering="arabic" start="44">
                     <p> Siehe Durán i Sanpere, Augustí: <em>E</em>
                        <em>ditores y libreros de Barcelona (Estivill, Piferrer, Brusi, Bastinos).</em> Barcelona: José Boch Librero. 1952.</p>
                  </footnote> &#8211; nicht stattfinden konnte. Es existieren vereinzelte Ausnahmen von Buchhandlungen, die sich, wie die Librería Europea aus Madrid, an den europäischen Neuheiten orientieren und deren Entwicklung folgen, die meisten jedoch kennzeichnen sich durch die Schäbigkeit ihrer Ladenräume, durch die Ignoranz der Händler und Arbeiter und durch ihre Unbeweglichkeit aus<footnote numbering="arabic" start="45">
                     <p> Siehe Martínez Martín, Jesús: Libros y librerías. el mundo editorial madrileño del siglo XX. In: <em>Anales del Instituto de Estudios Madrileños. </em>XXVIII. 1990. S. 156.</p>
                  </footnote>. Es ist bis Ende des Jahrhunderts auch nicht üblich, dass die Büchereien Werbung für ihre Ware machen und Kataloge ihrer Bestände herausgeben; dies macht sie für das Publikum, das genötigt ist, im Voraus alle Informationen zu besitzen, zusätzlich unattraktiv. Ausnahmen bilden z.B. der Inhaber der besagten Librería Europea dionisio Hidalgo, der ab 1840 &#8211; nach der Vorlage der <em>Bibli</em>
                  <em>o</em>
                  <em>graphie de la France </em>&#8211; ein bibliographisches Blatt<footnote numbering="arabic" start="46">
                     <p> Es handelt sich um den <em>Boletín Bibliográfico o periódico general de todo lo que se publica en España y lo más notable del extranjero en el ramo de libros&#8230; </em>(Bibliographisches Blatt oder allgemeine Zeitung über alles, was im Buchbereich in Spanien veröffentlicht wird und das Wichtigste aus dem Ausland&#8230;) Über das Thema siehe u.a. Botrel, Jean-François: Poder político y producción editorial; producción y difusión del libro. In: V. García de la Concha (Hrsg.): <em>Historia de la literatura española. Siglo XIX. </em>Bd 1. Madrid: Espasa-Calpe. 1997. S. 22-42. </p>
                  </footnote> publiziert, das schnell unter den wichtigsten Buchhändlern, Druckern und Verlegern zirkulieren wird. Weitere Verzeichnisse von Beständen, die veröffentlicht werden, sind z.B. ab 1848 der illustrierte Katalog des Buchhändlers Joan Oliveres, ab 1849 der Katalog von Manuel Sauri, der mehr als 4.000 Titel aufweist<footnote numbering="arabic" start="47">
                     <p> Siehe Botrel, Jean-François: La difusión del libro. In: V. Infantes, F. López, J-F. Botrel (Hrsg.): <em>Hist</em>
                        <em>o</em>
                        <em>ria de la edición y de la lectura en España 1472-1914.</em> Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 2003. S. 610.</p>
                  </footnote> u.a. Sie verzeichnen meistens Werke aus der eigenen Produktion, da die Buchhändler zum größten Teil gleichzeitig Verleger und manchmal darüber hinaus Drucker sind, aber auch aus fremder Produktion, soweit diese Händler über mindestens ein Exemplar des Werkes verfügen; dies trägt zweifellos zur weiteren Verbreitung der Bücher bei.</p>
               <p>Während des ganzen Jahrhunderts, aber vor allem ab den vierziger Jahren, etabliert sich eine relativ hohe Zahl an Repräsentanten französischer Buchhändler, die oft Handelsvertretungen eröffnen; ferner gibt es mehrere Ausländer &#8211; an der Spitze Franzosen, aber auch Deutsche &#8211; die sich in Spanien niederlassen und selbständig Bücher importieren und vertreiben<footnote numbering="arabic" start="48">
                     <p> Ebenda S. 610; über ausländische Buchhändler in Madrid siehe außerdem Botrel, Jean-François: <em>Libros, pre</em>
                        <em>n</em>
                        <em>sa y lectura&#8230; </em>ed.cit. S. 541-654.</p>
                  </footnote>. </p>
               <p>Die mangelhafte Transport- und Kommunikationsinfrastruktur erschwert vor allem in den Provinzen die Fortentwicklung des spanischen Buchhandels erheblich, infolgedessen bedeutet das Wachstum und die Diversifizierung der Leserschaft keine Zunahme der Buchhändler; diese bleibt in den meisten Provinzen im Laufe des Jahrhunderts unverändert oder geht sogar zurück. Im Jahre 1863 gibt es 250 registrierte Buchhandlungen in ganz Spanien, 1903 sind es 270 und im Jahre 1913 immer noch 284<footnote numbering="arabic" start="49">
                     <p> Für weitere Angaben siehe Martínez Martín, Jesús: Libros y librerías&#8230; ed. cit.; Martínez Martín, Jesús: Libreros, editores e impresores. In: <em>Establecimientos tradicionales madrileños.</em> Bd I<em> </em>Madrid: Cámara de Comercio. 1994. S. 463-484; Botrel, Jean-françois: <em>L</em>
                        <em>a diffusion du livre en Espagne (1869-1914) Les libra</em>
                        <em>i</em>
                        <em>res. </em>Madrid: Casa de Velázquez. 1988.</p>
                  </footnote>. Im Jahre 1847 gibt es in Madrid, den Angaben von Martínez Martín zufolge<footnote numbering="arabic" start="50">
                     <p> Ebenda S. 475.</p>
                  </footnote>, eine Gesamtzahl von 57 Buchhandlungen und Sortimentsbuchhandlungen und überdies 21 Stände auf Straßen, unter Arkaden, vor Kirchenportalen u.Ä.; 1858 arbeiten in der Hauptstadt insgesamt zwischen 48 und 50 Buchhändler. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N10554" start="16"/>Ab 1890 macht sich eine wachsende Spezialisierung und eine Verbesserung der beruflichen Qualifizierung und Professionalität der Händler bemerkbar, die parallel zum Ausbau des Vertriebsystems verläuft, aber nur große Buchhandlungen betrifft, während sich das Gros der kleinen und mittleren Geschäfte nicht erwähnenswert von jedem anderen handwerklichen Handelsbetrieb unterscheidet. Die meisten Besitzer und Angestellten besitzen keine besonderen Qualifikationen, sie sind immer von der momentan herrschenden Ideologie abhängig und üben in der Regel eine strenge Selbstzensur, indem sie keine Schriften verkaufen, die nicht mit ihrem Gewissen oder ihrer Ideologie zu vereinbaren sind. </p>
               <p>In der Realität handelt es sich bei den meisten Geschäften eher um Sortimentsbuchhandlungen als um Buchhandlungen im engeren Sinne; sie sind, um sie mit Botrels Worten zu bezeichnen, halb &#8222;Kulturbasare&#8220; und halb Treffpunkte für <em>tertul</em>
                  <em>i</em>
                  <em>as</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="51">
                     <p> Botrel, Jean-François: La difusión del libro<em>&#8230; </em>ed.cit. S. 610 f.</p>
                  </footnote>. Wie bereits erwähnt, gibt es in Madrid und Barcelona einige Buchhandlungen, die ein mitteleuropäisches Niveau erreichen, darunter z.B. die Buchhandlung Puig oder die Librería<em> </em>Española von Inocencio López Bernegossi, auch in der Provinz gibt einige Beispiele, wie La<em> </em>Puntualidad<em> </em>aus Malaga oder Juan Martinez&#8217; Buchhandlung in Oviedo<footnote numbering="arabic" start="52">
                     <p> Ebenda S. 610 f.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>Parallel zu der etablierten und registrierten Buchhandlungsinfrastruktur arbeitet ein zweites, mehr oder minder gut organisiertes Handelssystem, das dem Verkauf neuer und altgedruckter Materialien dient, so zum Beispiel per Wanderhändler, Kolporteure und Straßenverkäufer, Blinde, Trödler oder manchmal auch Zeitungsverkäufer und später Kioske. Mit dem Aufschwung der Fortsetzungspublikationen wird der Bote der Buchhandlung oder eines Verlages auch zum Kolporteur oder zum Vertreter des Geschäftes. Die Entwicklung des Kaufes periodischer Veröffentlichungen mittels Abonnement schafft neben den Buchhandlungen, die den Service des Vertragsabschlusses anbieten, die sog. <em>centros de suscripciones</em>, d.h. auf diese Aufgabe spezialisierte Läden. In den fünfziger Jahren gibt es in Madrid mehr wandernde Verkäufer als fixe Buchhandlungen und im Jahre 1872 sind es doppelt so viel. Ab 1858 werden im Zusammenhang mit dem Bau der Einsenbahnlinien die ersten sog. <em>bibliotecas de ferrocarriles</em> Eisenbahnbüchereien eröffnet. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N1058B" start="17"/>Die für das Absetzen der Bücher vorgesehenen Orte wachsen ständig, Druckereien beispielweise verkaufen immer noch selbst ihre eigene Produktion, einige unter ihnen fangen jedoch an, Druckerzeugnisse anderer Offizinen auf Provision zu verkaufen. So kann das Vertriebssystem ausgebaut werden, ohne die Anzahl der registrierten Buchhandlungen zu erhöhen. Trotz aller Proteste der Buchhändler gegen solche Zustände, werden noch weitere parallele Netze ausgebaut, manchmal auch auf illegalem Wege oder &#8211; z.B. beim politischen Schrifttum &#8211; im Untergrund. </p>
               <p>Das wichtigste und am besten organisierte solcher nebeneinander laufenden Systeme ist die katholische Kirche, die außerhalb ihrer offiziellen Buchhandlungen in Kirchen, Klöstern, Priesterseminaren usw. Bücher und andere Veröffentlichungen vertreibt<footnote numbering="arabic" start="53">
                     <p> Über die Beziehungen zwischen dem Buchhandel und der Kirche siehe Hibbs-Lissorges, Solange: <em>Iglesia, prensa y sociedad en España (1868-1904).</em> Alicante: Instituto de Cultura Juan Gil-Albert. Diputación de Alicante. 1995; Botrel, Jean-François: La Iglesia Católica y los medios de comunicación impresos en España de 1847 a 1917: doctrina y prácticas. In: <em>Metodología de la historia de la prensa española. </em>Madrid: Siglo XXI. 1982. S. 118-176. </p>
                  </footnote>. Die politischen Kräfte, wie die Liberalen bis in die dreißiger Jahre und später, die Republikaner und die Arbeiterorganisationen versuchen mit viel Mühe und Mut, ähnliche Strukturen zur Verbreitung ihrer Schriften zu schaffen, sie werden jedoch häufig im Untergrund arbeiten müssen. </p>
               <p>Selbst Lehrer bekommen von den Verlagshäusern ähnliche oder bessere Konditionen als Buchhändler, nicht nur für den Weiterverkauf der eigenen Werke, sondern, was ertragreicher ist, für Schulbücher im Allgemeinen<footnote numbering="arabic" start="54">
                     <p> Siehe das Kapitel über das Verlagshaus Hernando in Botrel Jean-François: <em>Libros, prensa y lectura&#8230; </em>ed.cit.<em> </em>S. 385-470. </p>
                  </footnote>. Aber auch Geschäftsinhaber aller Art, darunter Gastwirte, Trödler, Apotheker, Postangestellte u.a., tun sich mit Druckern und Verlegern zusammen und setzen in ihren Geschäften oder Ämtern jegliche Arten von Veröffentlichungen, angefangen bei dem Fortsetzungsroman über Periodika bis hin zum Buch, ab<footnote numbering="arabic" start="55">
                     <p> Botrel, Jean-François: La difusión del libro&#8230; ed.cit. S. 612. </p>
                  </footnote>.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N105BB" start="18"/>Bis in die fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts hinein legen die meisten Buchhändler keinen Wert auf eine Abgrenzung zwischen neuen Erscheinungen, gebrauchten Büchern und bibliophilem Antiquariat und verkaufen unsortierte Drucke in ihren Buchhandlungen. Mit der langsamen Steigerung der Buchproduktion beginnt sich diesbezüglich eine Trennung unter den Buchhändlern bemerkbar zu machen. In den Jahren zwischen 1856 und 1858, kraft der zweiten und dritten Etappe der <em>desamortización</em> von 1855 und 1858, arbeiteten allein in Madrid zwischen 43 und 48 Händler, die nur alte Bücher &#8211; allerdings ohne zwischen gebrauchtem Buch, modernem Antiquariat und bibliophilen Stücken<footnote numbering="arabic" start="56">
                     <p> Ebenda S. 612.</p>
                  </footnote> zu sortieren &#8211; verkaufen. Die Trennung wird einzig und allein aufgrund der im Moment zur Verfügung stehenden Materialien vollzogen. Große Mengen alter Bücher und Drucke, aus den während der <em>desamortización</em> &#8222;geplünderten&#8220; kirchlichen und zivilen Institutionen stammend, überschwemmen Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre den Markt; ferner müssen die Händler das moderne Antiquariat dieser Dekaden absetzen, was zur Abwertung der alten Bücher führt, aber noch nicht zur Spezialisierung der Händler<footnote numbering="arabic" start="57">
                     <p> Aus verschiedenen Zeitzeugnissen aus Memoiren oder fiktiven Erzählungen, sind viele Anekdoten über traumhafte Geschäfte, Betrügereien und traurige und skandalöse Fälle von Biblioklastie aus jener Zeit bekannt. Eine der wichtigsten Informationsquellen über die Entwicklung des antiquarischen Marktes ist die Autobiographie des Buchhändlers und Bibliographen Antonio Palau. Siehe Palau y Dulcet, Antonio: <em>Memorias de un librero catalán.1867-1935.</em> Barcelona: Librería Catalonia. 1935.<em> </em> </p>
                  </footnote>. Das große Interesse ausländischer Käufer, überwiegend nordamerikanischer und französischer, macht die spanischen Händler auf den Wert der alten Materialien aufmerksam und führt nunmehr zu deren Aufwertung; die Händler spezialisieren sich und das gebrauchte Buch setzt sich vom wertvollen Antiquariat endgültig ab. Ab 1890 vollzieht sich die Abgrenzung zwischen den drei Kategorien von Buchhändlern definitiv<footnote numbering="arabic" start="58">
                     <p> Die Antiquariatshändler fangen an, Kataloge herauszugeben, darunter beispielsweise der Katalog Carlos Batlers oder der überaus wichtige &#8211; wenn auch ab 1923 erschienen&#8211; <em>Manual del librero hispano-americano</em> (Handbuch des hispanoamerikanischen Buchhändlers) von antonio Palau, der jahrzehntelang als retrospektive Nationalbibliographie Spaniens fungierte. Siehe Palau y Dulcet, Antonio: <em>Manual del librero hispano-americano: inventario bibliográfico de la producción científica y literaria de España y de la América Latina desde la invención de la imprenta hasta nuestros días: con el valor comercial de todos los artículos descritos. </em>Barcelona: Librería Anticuaria. 1923-1927.</p>
                  </footnote>. Der Verkauf von gebrauchten Büchern und von modernem Antiquariat erfüllt eine wichtige Aufgabe bei der allgemeinen Verbreitung von Lesestoffen, denn er dient dazu, die Nachfrage eines Publikums mit geringen finanziellen Mitteln, dessen Bedarf nicht mit Lesekabinetten oder später mit öffentlichen Bibliotheken gedeckt werden kann, zu befriedigen. Auf zwei oder drei offizielle Buchhandlungen, die neue Erscheinungen verkaufen, kommt zwischen 1860 und 1914 mindestens eine &#8211; offizielle &#8211; die ein derartiges Sortiment anbietet<footnote numbering="arabic" start="59">
                     <p> Botrel, Jean-François: La difusión del libro<em>&#8230; </em>ed.cit. S. 612 f.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>Messen, Wochenmärkte u.Ä. waren bis in die sechziger Jahren hinein die wichtigsten Anlaufpunkte für den Verkauf alter Drucke und Bücher, aber sie wurden langsam durch andere sesshaftere Strukturen ersetzt. Ende des Jahrhunderts werden zahlreiche Händler, da weil die Stadtzentren sich in vieler Hinsicht verändern, von Verkaufspunkten, wie Arkaden, Kirchenportalen oder Eingängen öffentlicher Gebäude vertrieben, so dass sie sich gezwungen sehen, spezialisierte Buchhandlungen zu eröffnen. </p>
               <p>Damit ein Innenmarkt in Spanien ausgebaut werden konnte, mussten seitens der Regierung einige Bedingungen erfüllt werden; so werden beispielsweise ab 1863 die Tarife für den Transport von Periodika &#8211; und damit von Fortsetzungspublikationen &#8211; von Seiten der Postgesellschaft mehrere Male verbilligt<footnote numbering="arabic" start="60">
                     <p> Botrel Jean-François: <em>Libros, prensa y lectura&#8230; </em>ed.cit.<em> </em>S. 272</p>
                  </footnote>; dies führt zu einer ständigen Senkung der Vertriebskosten, die im Zusammenhang mit den neuen, eine preiswertere Produktion ermöglichenden Drucktechniken, Konditionen schafft, von denen das Druckwesen ganz allgemein profitiert. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N1060A" start="19"/>Die allmählichen Fortschritte im Bereich der Kommunikations- und Transportmittel, wie der Ausbau des Eisenbahnnetzes<footnote numbering="arabic" start="61">
                     <p> Siehe ebenda S.263-268.</p>
                  </footnote>, der ab 1872 vorangetrieben wird, und der zwischen 1880 und 1910 durchgeführte Aufbau und die Verbesserung des Straßennetzes, tragen nicht unerheblich zur Entwicklung des Druckwesens bei. Mitte des Jahrhunderts fängt der Telegraph an, Entfernungen zu überwinden; 1900 gibt es 15.000 Telefonabonnenten in Spanien, darunter auch viele Verleger und Buchhändler<footnote numbering="arabic" start="62">
                     <p> Botrel, Jean-François: La difusión del Libro<em>&#8230; </em>ed.cit. S. 614.</p>
                  </footnote>. Ferner etabliert sich die Post ab den vierziger Jahren endgültig als Vertriebsweg von Druckwerken, aber auch, wenn sie seit den sechziger Jahren immer bessere Tarife anbietet, bleibt ihre Leistung nach Aussage der Buchhändler zu kostenaufwendig und zu unzuverlässig. </p>
               <p>Die Fortschritte in Hinsicht auf die Transportwege hätten zwar im Prinzip für das spanische Buchwesen bessere Chancen bezüglich der Entwicklung internationaler Absatzmärkte &#8211; sprich Lateinamerika &#8211; bedeuten können, aber ungeachtet der Tatsache, dass dieses Gebiet ein großes Potential darstellt, spielt dies für die spanischen Händler keine außergewöhnliche Rolle, weder während der Zeit der Kolonien noch später. Obgleich die Exportzahlen signifikant sind und stetig im Laufe des Jahrhunderts ansteigen &#8211; von 124 Tonnen im Jahre 1850 zu 1500 Tonnen im Jahre 1920 &#8211; beleben sie die Produktion nicht wesentlich<footnote numbering="arabic" start="63">
                     <p> Siehe Botrel, Jean-François: L&#8217;exportation des livres et des modèles éditoriaux français en Espagne et en Amérique Latine (1814-1914). In : J. Michon, J.-Y. Mollier (Hrsg.): <em>Les mutations du livre dans le monde du XVIII</em>
                        <em>
                           <sup>e</sup>
                        </em> <em>siecle à l&#8217;an 2000. </em>Saint-Nicolas. Paris: Les Presses de L&#8217;Université Laval. L&#8217;Hartmattan. 2000. S. 219-240.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>
                  <link id="_Toc172444385"/>
               </p>
            </subsection>
         </section>
         <section id="N10640" label="I.2">
            <head>Alphabetisierung und Bildung</head>
            <p>Wenn die Europäer des späteren 19. Jahrhunderts ihre Zeit eine Epoche des Fortschritts nannten, dachten sie dabei nicht nur an die technischen Schöpfungen, sondern auch an die Zunahme der Schulbildung. Die sich nach dem Fall des <em>Ancien Régimes </em>bildenden liberalen Staaten begriffen es als ihre Pflicht, alle Mitglieder einer Nation durch Bildung und Erziehung auf eine höhere Stufe menschlicher Existenz zu heben, damit sie als verantwortliche Bürger das Leben und die Fortentwicklung des Landes gestalteten<footnote numbering="arabic" start="64">
                  <p> Das Thema der Mädchenbildung wird ausführlich im Kapitel «Bildung und Erziehung der Frau im 19. Jh.» dieser Arbeit behandelt. Siehe Seite 52.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>
               <citenumber id="N10655" start="20"/>Die gewaltige Entfaltung und Demokratisierung im Schulwesen vollzog sich jedoch nicht überall kontinuierlich und mit der gleichen Geschwindigkeit. Es gab Widerstände seitens der Bevölkerung, Rückfälle, Brüche, die des Öfteren nicht so sehr durch die einander entgegengesetzten, geistigen und politischen Strömungen der Epoche, sonder eher aus der Unmöglichkeit, ausreichende finanzielle und infrastrukturelle Mittel zur Verfügung zu stellen, bedingt waren.</p>
            <p>Aus den zahlreichen Arbeiten über das Thema<footnote numbering="arabic" start="65">
                  <p> Das Thema Bildung ist in Spanien unter verschiedenen Gesichtspunkten und auf verschiedenen Ebenen ausreichend untersucht worden. Einige wichtige Arbeiten, die auch das 19. Jh. Betreffen, sind beispielsweise: Delgado, Buenaventura (Hrsg.): <em>Historia de la educación en España y América. </em>Bd III. Madrid: Ediciones S.M. Morata. 1992-1994; Escolano, Agustín (Hrsg.): <em>Leer y escribir en España. </em>
                     <em>Doscientos años de alfabetización. </em>Madrid. Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. Aymes, Jean-René, Ève-Maire Fell und Jean-Louis Guereña (Hrsg.): <em>L&#8217;enseignement pr</em>
                     <em>i</em>
                     <em>maire en Espagne et en Amérique Latine du XVIII</em>
                     <em>
                        <sup>e</sup>
                     </em> <em>siècle a nous jours. Politiques éducatives et réalités scolaires.</em> Tours: Publications de L&#8217;Université de Tours. 1986; <em>De l&#8217;alphabétisation aux circuits du livre en Espagne XVI-XIX</em>
                     <em>
                        <sup>é </sup>
                     </em>
                     <em>siècles. </em>Paris: CNRS. 1987;<em> Clases populares, cultura, educación. siglos XIX y XX. Coloquio hispano-francés. </em>Madrid: Casa de Velázquez. UNED. 1989. Siehe außerdem Díaz y Pérez, Nicolás: <em>De la instrucción pública.</em> 2. Aufl.<em> </em>Madrid: M. Hernández. 1877. Ruiz Berrio, Julio: <em>Política escolar de España en el siglo XIX (1808-1833). </em>Madrid: CSIC. 1970; Ruiz Rodrigo, Cándido, Irene Palacio Lis: <em>Pauperismo y educación, siglos XVIII y XIX. Apuntes para una historia de la educación s</em>
                     <em>o</em>
                     <em>cial en España.</em> Valencia: Universitat de València. 1995; Piqueras Arenas, José A.: Educación popular y proceso revolucionario español. In: <em>Coloquio hispano francés. Clases populares, cultura, educación. siglos XIX y XX. </em>Madrid: Casa de Velázquez. UNED. 1989.</p>
               </footnote> erschließt man, dass innerhalb der spanischen Gesellschaft in puncto Bildungs- und Alphabetisierungsprozess, die sozialen, politischen oder religiösen Kräfte im Vergleich mit anderen mittel- und nordeuropäischen Ländern weder ausreichendes Durchsetzungsvermögen noch Ausdauer besaßen, um positive Fortschritte zu erzielen. Vielmehr spielen die hinsichtlich der Bildung immer noch einflussreiche katholische Kirche und die aus Großbürgertum und Adel gebildete Oligarchie eine den Fortschritt bremsende Rolle. Auch die während der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wachsenden nationalistischen oder regionalistischen Bewegungen werden aufgrund ihrer widersprüchlichen Sprachpolitik und der Übermacht der zentralistischen Regierung Madrids keinen deutlichen Einfluss auf die Bildungsmöglichkeiten der betroffenen Bevölkerung ausüben können<footnote numbering="arabic" start="66">
                  <p> Siehe die in Fußn. 84 verzeichnete Literatur über das Thema.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>Im Kampf gegen Analphabetismus und für die Demokratisierung der Bildung, erweist sich vor allem der Industrialisierungsprozess oder andere, die von diesem abhängig sind oder aus ihm resultieren, wie z.B. die Urbanisierung und die Modernisierung des Landes, welche hauptsächlich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts statt finden<footnote numbering="arabic" start="67">
                  <p> Escolano, Agustín: Leer y escribir en España. Doscientos años de alfabetización. In: A. Escolano (Hrsg): <em>Leer y escribir en España. Doscientos años de alfabetización.</em> Madrid. Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. S. 24-26.</p>
               </footnote>, als positive Energie. Nur unter Berücksichtigung dieser Faktoren werden beispielsweise die Unterschiede im Alphabetisierungsrhythmus zwischen Teilen Kataloniens oder der Stadt Madrid und fast allen ländlichen, wenig besiedelten Gebieten in Andalusien, Extremadura oder den Kanarischen Inseln erklärbar<footnote numbering="arabic" start="68">
                  <p> Siehe hernández Díaz, José María: Alfabetización y sociedad en la revolución liberal española. In: A. Escolano (Hrsg.): <em>Leer y escribir en España. Doscientos años de alfabetización. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. S. 74 f.</p>
               </footnote>.</p>
            <p>
               <citenumber id="N106C6" start="21"/>Da die meisten europäischen Länder sich im Zuge des 19. Jahrhunderts mit den gleichen oder ähnlichen Schwierigkeiten konfrontiert sahen, stellt sich die berechtigte Frage, wieso Spanien erst um 1900 das gleiche Alphabetisierungsniveau wie England Mitte des 18. oder wie Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts erreicht; oder warum die spanische Alphabetisierungsquote erst gegen 1970 an das Niveau der Preußen und der Schweden Mitte des 19. Jahrhunderts heranreicht<footnote numbering="arabic" start="69">
                  <p> Escolano, Agustín: Leer y escribir en España&#8230; ed.cit. S. 22.</p>
               </footnote>.</p>
            <p>Vonseiten der spanischen Forschung gibt es seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts mehrere Arbeiten, die die Gründe für solch eine Disproportion untersuchen und somit auf diese Frage eine Antwort zu geben versuchen<footnote numbering="arabic" start="70">
                  <p> Siehe Fußn. 65.</p>
               </footnote>. Ihnen ist zu entnehmen, dass der spanische Rückstand auf unterschiedliche, nicht von einander trennbare soziokulturelle, wirtschaftliche und politische Faktoren fußt. Schon die Unterdrückung des Erasmismus und die für die spanische Gegenreformation charakteristische ikonographische und schriftfeindliche Form der Kommunikation verlangsamen &#8211; wenn nicht sogar behindern &#8211; die Verbreitung und Verinnerlichung der Kultur des geschriebenen Wortes, die in anderen Ländern stattfindet. Aus diesen Faktoren summiert sich das Fehlen koordinierter und wirklich realisierbarer Maßnahmen, was den Aufbau eines Schulsystems seitens der Kirche und des Staates anbelangt. </p>
            <p>Die rückständige Lage in Spanien des 19. Jahrhunderts hinsichtlich anderer europäischer und später amerikanischer Länder oder Gebiete, hatte im Laufe der Geschichte nicht permanent das gleiche Ausmaß zu verzeichnen. Die Zahl der Lesekundigen variierte fortwährend, je nach politischer und wirtschaftlicher Lage. </p>
            <p>
               <citenumber id="N106E2" start="22"/>In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist obendrein ein Rückgang bezüglich der Entwicklung des 18. Jahrhunderts zu verzeichnen. Der Unabhängigkeitskrieg (1808-1814), die Rückkehr zum Absolutismus, die Wiedereinführung der Inquisition während des Königreiches Fernandos VII. (1814-1833) und die Folgen der ersten Etappe der <em>d</em>
               <em>e</em>
               <em>samortización </em>(1836) drosselten deutlich jeden Fortschritt im Bildungsbereich<footnote numbering="arabic" start="71">
                  <p> Siehe Ruiz Berrio, Julio: <em>Política escolar de España en el siglo XIX (1808-1833). </em>Madrid: CSIC. 1970. </p>
               </footnote>.</p>
            <p>Der zweite Anstoß der liberalen politischen Kräfte &#8211; nach dem erfolglosen ersten Versuch des Liberalen Trienniums (1821-1832) &#8211; zwischen den Jahren 1840 und 1860, mit dem Ziel, ein nationales Schulsystem aufzubauen, konnte nicht verhindern, dass im Jahre 1860 noch drei Viertel der Gesamtbevölkerung und 86% der Frauen lese- und schreibunkundig waren. Diese Analphabetenrate nimmt zwischen 1860 und 1900 konstant ab, aber die Geschwindigkeit dieses Prozesses ist im Vergleich mit den besagten Gebieten dennoch auffällig langsam und deutet auf die unzureichenden Bemühungen der spanischen bürgerlichen Gesellschaft hin, Bildungswege für alle Schichten der Bevölkerung zu eröffnen. Der Staat überlässt den Kommunen die Finanzierung der Gründung und Ausstattung, sowie die Unterhaltskosten für die Volksschulen und finanziert stattdessen Sekundär- und Hochschulwesen, auf die ohnehin nur die privilegierten Schichten Zugang haben. </p>
            <p>Die Bildungsfrage, die einen der wichtigsten Gründe für die wirtschaftliche und wissenschaftliche Rückständigkeit des Landes darstellt, wird am Ende des Jahrhunderts von der Bewegung des <em>Regeneracionismo</em>, die das Land wiederaufzurichten versucht, als erstrangig eingestuft. Die intellektuellen Führer der Bewegung, wie z.B. Joaquín Costa<footnote numbering="arabic" start="72">
                  <p> Siehe González Blanco, Edmundo: <em>Costa y el problema de la educación nacional. </em>Barcelona: Cervantes. 1920; Fernández Clemente, Eloy: <em>Educación y revolución en Joaquín Costa y breve antología pedagógica. </em>Madrid: Cuadernos para el Diálogo. 1969. </p>
               </footnote>, Macías Picavea<footnote numbering="arabic" start="73">
                  <p> Siehe Macías Picavea, Ricardo: <em>El problema nacional, hechos, causas, remedios. </em>Madrid: Librería General de Victoriano Suárez. 1899; Macías Picavea, Ricardo: <em>Apuntes y estudios sobre la instrucción pública en España. </em>Madrid: Librerá de Hernando. 1882.</p>
               </footnote>, Lucas Mallada<footnote numbering="arabic" start="74">
                  <p> Siehe Mallada, Lucas: <em>Los males de la patria y la futura revol</em>
                     <em>u</em>
                     <em>ción española: consideracions generales acerca de sus causas y efectos .</em>Madrid: Tipografía de Manuel Ginés Hernández. 1890; Mallada, Lucas: <em>La futura revol</em>
                     <em>u</em>
                     <em>ción española y otros escritos regeneracionistas</em>. Hrsg.: S. L. Driever, F.J. Ayala Carcedo. Madrid: Biblioteca Nueva. 1998.</p>
               </footnote>, Damián Isern<footnote numbering="arabic" start="75">
                  <p> Siehe Irsen y Marco, Damián: <em>El desastre nacional y sus causas. </em>Madrid: Imp. de la Viuda de Minuesa de los Ríos. 1898.</p>
               </footnote> u.a. machen den Analphabetismus oder das überaus niedrige Bildungsniveau der Bevölkerung für das nach der Restauration (1874-1902) etablierte, korrupte politische System des <em>caciquismo</em> und dessen methodischer Wahlbetrug<footnote numbering="arabic" start="76">
                  <p> Über das Thema <em>caciquismo </em>siehe Herold-Schmidt, Hedwig: Vom Ende der Ersten zum Scheitern der Zweiten Republik (1874-1939). In: Schmidt, Peer (Hrsg.): <em>Kleine Geschichte Spaniens. </em>Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2004. S. 329-349.</p>
               </footnote>, ebenso wie auch für die wirtschaftliche und moralische Unterentwicklung des Landes verantwortlich. Sie fertigen Pläne an, die sie in die Praxis umzusetzen versuchen, aber mit deren Ergebnissen erst im 20. Jh. zu rechnen ist<footnote numbering="arabic" start="77">
                  <p> Siehe Berrio, Julio Ruiz: Alfabetización y modernización social en la España del primer tercio del siglo XX. In: A. Escolano (Hrsg.): <em>Leer y Escribir en España.</em> <em>Doscientos años de alfabetización .</em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. S. 91-110.</p>
               </footnote>.</p>
            <p>
               <citenumber id="N10765" start="23"/>Für das <em>moderado</em> Bürgertum und für die Oligarchien, die das Land bis zur Revolution von 1868 regieren, stellt die Bildungsfrage kein wesentliches Problem dar. Das Universalwahlrecht und die damit verbundenen Rechte und Pflichten der Bürger, die in einer liberalen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zumindest Lesen und Schreiben vorsehen, kommt für sie nicht in Frage, denn Grundlage ihres politischen Systems bleibt das auf Besitztum und auf andere soziale Privilegien basierende Zensuswahlrecht.</p>
            <p>Die Bewegung der <em>Regeneracionistas, </em>die ein universales &#8211; männliches &#8211; Wahlrecht<em> </em>begehrt, entwickelt ein neues Verständnis für die Bildung und fördert neue Ansätze, um den von ihnen als Problem eingestuften Rückstand zu korrigieren. Lesen und Schreiben werden als eine Notwendigkeit in einer modernen Gesellschaft und als Recht aller Bürger und Bürgerinnen anerkannt. Die Umsetzung der Pläne der <em>Regen</em>
               <em>e</em>
               <em>racionistas </em>erweist sich als sehr schwierig, denn sie stoßen auf viel Unverständnis innerhalb aller Schichten der Gesellschaft. Die Realität, mit der sich z.B. der Autor Luis Bello noch Ende der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts konfrontiert sieht und die er in seinem Werk <em>Viaje por las Escuelas de España </em>(Reise durch die spanischen Schulen) von 1929 beschreibt, bleibt in der Regel trotz aller erreichten Verbesserungen im Ergebnis trostlos. In vielen Kommunen seien selbst die Bürgermeister Analphabeten und in anderen erkenne die Obrigkeit keine Notwendigkeit an, etwas für die Bildung der unteren Schichten zu unternehmen. Von daher stammt die traurige Behauptung des Ratsschreibers aus dem Dorf Pontones «<em>hier braucht keiner Lesen und Schreiben lernen, außer meinem Sohn und der Sohn des Herrn Bürgermeisters</em>
               <footnote numbering="arabic" start="78">
                  <p> Bello, Luis: <em>Viaje por las escuelas de España. </em>Bd IV. Madrid: Compañía Ibero-Americana de Publicaciones. 1929. S. 315 f.</p>
               </footnote>.» </p>
            <p>Ebenso trostlos sieht der Bericht des Ministers Romanones am Anfang des Jahrhunderts aus:</p>
            <p>
               <citenumber id="N10794" start="24"/>
               <blockquote>
                  <p>«Es gibt Schulen in Gebäuden, die [gleichzeitig] auch Krankenhäuser, Friedhöfe, Schlachthöfe oder Stallungen beherbergen. Es gibt Schulräume, die als Eingang zum Friedhof dienen und die Leichen werden vor der Beerdigung, während das letzte Responsorium gesungen wird, auf dem Tisch des Lehrers aufbewahrt. Es gibt Schulen, in denen die armen Jungen und Mädchen nicht herein können, so lange die Tiere nicht auf die Weide getrieben worden sind; es gibt Schulen, die so klein sind, dass, sobald es etwas wärmer wird, die Kinder aus Luftmangel ohnmächtig werden; es gibt Schulen, in denen Mist gelagert wird, und dazu sagt noch irgendein Machthaber: «Die Kinder hätten es im Winter umso wärmer». Der Inspektor eines katalanischen Gebietes zeigte einen Bezirk an, in dem er eine Schule vorfand, welche ihre Räume mit dem Gefängnis teilen musste, eine andere, deren Räume zwischen einem Tanzsaal und einem Café untergebracht waren und noch eine, deren einziges Fenster zum Friedhof blickte. Ein anderer Inspektor sprach von einem Schulraum, der auch zum Einsperren der Stiere gebraucht wurde, wenn eine <em>corr</em>
                     <em>i</em>
                     <em>da</em> im Dorf stattfand.</p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>
               <blockquote>
                  <p>
                     <citenumber id="N107AD" start="25"/>(&#8230;) In 90 Prozent der Fälle ist die Schule das heruntergekommenste Haus im Dorfe. Noch schlimmer ist es, dass die Vermieter von den Ferien profitieren, um ihre Gebäude zu besetzen und dann kann die Schule nicht wieder eröffnet werden, weil niemand Räume für diesen Zweck vermieten möchte. (&#8230;) In anderen Fällen, dort, wo entweder private oder staatliche Initiativen dafür gesorgt hatten, dass eine Schule gebaut wurde, ist auch alle Mühe vergebens gewesen, denn die Verpflichtung der Gemeinde, sie zu unterhalten, ist nicht eingehalten worden. (&#8230;) Weiterhin werden die Schulgebäude für andere Zwecke entfremdet. In Orcera zum Beispiel befinden sich im Schulgebäude im Parterre ein Casino, im ersten Stock das Katasteramt und auf dem Dachboden die Schule. In La Carlota, in dem wunderbaren von Karl III. gebauten Bauwerk, ist das Casino untergebracht, weil dieses für den größten und besten Teil des Gebäudes täglich zwei <em>reales</em> Miete zahlt, die Schule dagegen ist in den ehemaligen Stallungen untergebracht <footnote numbering="arabic" start="79">
                        <p> Romanones, Conde de: <em>Notas de una vida, 1901-1902.</em> Bd.2. Madrid: Renacimiento. 1925. S. 88-90. Zitiert in: Berrio, Julio Ruiz: Alfabetización y modernización&#8230; ed. cit. S. 92 f.</p>
                     </footnote>.»</p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>Die Zahl der Schulen wuchs im Laufe des Jahrhunderts kontinuierlich, im Jahre 1830 zählte man 12 719 Schulen im Lande<footnote numbering="arabic" start="80">
                  <p> hernández Díaz, José María: Alfabetización y sociedad&#8230; ed.cit. S. 71.</p>
               </footnote>, 1855 waren es schon 20 743 geworden. Dieses Wachstum erhöhte die Summe der lese- und schreibkundigen Menschen, vor allem aber der Männer. Im Jahre 1841 gab es ca. 1 290 257 Spanier, die lesen und schreiben konnten, hingegen waren es 1860 schon 3 129 921<footnote numbering="arabic" start="81">
                  <p> Ebenda S. 71.</p>
               </footnote>. Obwohl in den fünfziger Jahren wichtige Gesetze zur Förderung der schulischen Bildung erlassen werden, verlangsamt sich jetzt der Rhythmus der Schulgründungen den vorausgegangenen Jahren, so dass angesichts des starken Bevölkerungswachstums die erhöhte Nachfrage nicht gedeckt werden kann. Zwischen 1850 und 1900 werden insgesamt nur 12 006 Schulen eröffnet<footnote numbering="arabic" start="82">
                  <p> Ebenda S. 71.</p>
               </footnote>. Diese Entwicklung erfolgt weder geographisch noch hinsichtlich der gesellschaftlichen Schichten gleichmäßig, die Mittelschicht und die städtischen Gebiete werden deutlich privilegiert. Die Zahl der schulpflichtigen Kinder wächst, das Interesse der Politik an der Bildung für die Bevölkerung auch, aber die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel reichen nicht aus, um eine stabile Infrastruktur zu bilden. </p>
            <p>Im Jahre 1930, respektive 73 Jahre, nach dem Inkrafttreten des Moyano-Gesetzes<footnote numbering="arabic" start="83">
                  <p> Das Gesetz bestimmte, dass in jeder Ortschaft mit mehr als 500 Einwohnern eine Volksschule vorhanden zu sein hat; siehe Ley de Instrucción Pública de Claudio Moyano, de 9 de septiembre de 1857. In: <em>Colección Legi</em>
                     <em>s</em>
                     <em>lativa de España. </em>Bd LXXIII. Madrid: García Rico. 1916 S. 256-305. Der Text dieses Gesetzes wird zum Teil in Jagoe, Catherine, Alda Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género.</em>
                     <em> Textos y contextos en el siglo XIX.</em> Barcelona: Icaria. 1998. S. 147-149.</p>
               </footnote>, wird in dem <em>Anuario Estadístico</em> angegeben, dass in Spanien, dem genannten Gesetz Folge leistend, seit 1857 insgesamt 39 989 Schulen gegründet worden seien und dass noch 23 435 weitere Schulen benötigt würden, das heißt, dass zu dieser Zeit annährend die Hälfte des Bedarfes immer noch nicht gedeckt war. </p>
            <p>
               <citenumber id="N107FB" start="26"/>Der Weg zur geschriebenen Kultur der spanischen Bevölkerung wurde viel langsamer als in den fortschrittlicheren Ländern Europas beschritten, aber die Entwicklung war unaufhaltsam und musste früher oder später zum Erfolg führen.</p>
            <subsection id="N107FF" label="I.2.1">
               <head> <link id="_Toc172444386"/>Alphabetisierungspolitik und Sprachgemeinschaften</head>
               <p>Der Alphabetisierungsprozess des 19. Jahrhunderts kann nicht behandelt werden, ohne die Vielfalt der Sprachen der Iberischen Halbinsel zu berücksichtigen<footnote numbering="arabic" start="84">
                     <p> Über das Thema siehe folgende Arbeiten González Àgapito, Josep: Catalán o castellano: la alfabetización y el modelo de Estado. In: A. Escolano (Hrsg.): <em>Leer y escribir en España. Doscientos años de alfabetiz</em>
                        <em>a</em>
                        <em>ción. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. S.141-163; Verriè i Faget, Jordi: <em>Contituitat pedagògica catalana durant els Segles XVIII i XIX. </em>Barcelona: Grup Promotor d&#8217;Ensenyament i difusió en Català. 1982; Mut i Carbasa Rosa, Teresa Martí i Argegol und Jordi Verrié: <em>La resistencia escolar catalana en llibres (1716-1939).Bibliografía.</em> Barcelona: Edicions 62. 1981; Ferrer Jirones, F.: <em>L</em>
                        <em>a persecució política de la llengua catal</em>
                        <em>a</em>
                        <em>na.</em>4. Aufl.<em> </em>Barcelona: Ediciones 62. 1986. Gabriel, Narciso de: Lengua y escuela en Galicia. In: A. Escolano (Hrsg.): <em>Leer y escribir en España. Doscientos años de alfabetización. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. S. 165-186; Gabriel, Narciso de: Los resultados de la enseñanza en la Escuela Pública gallega durante el último cuarto del siglo XIX. In: <em>Revista de Educación. </em>288. 1989. S. 237-254; Costa Rico, Anton: <em>Esc</em>
                        <em>o</em>
                        <em>las y mestres. A educación en Galicia de Restauration à Segunda República. </em>Santiago: Xunta de Galicia. Consellería de Presidencia e Adaministración Pública. 1986; Dàvila Balsera, Paulí, A. Eizagirre Sagardia: Alfabetización y euskaldunización en Euskal Herria. In: A. Escolano (Hrsg.): <em>Leer y escribir en España. Doscientos años de alfabetización. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. S. 187-211. Dàvila Balsera, Paulí: Proceso de alfabetización en el País Vasco (1860-1930). In: <em>Congreso de Historia de Euskal Herria.</em> Bd VI.<em> </em>San Sebastián: Txertoa. Gobierno Vasco. 1988. S. 448-458.</p>
                  </footnote>, denn diese stellen eine besondere Problematik dar. </p>
               <p>In Spanien entwickelten sich, abhängig von geo-politischen und geschichtlichen Faktoren, mehrere Sprachen<footnote numbering="arabic" start="85">
                     <p> Siehe Quilis, Antonio: <em>Introducción a la historia de la lengua española. </em>Madrid: UNED. 2003; Bolle, Annegret, Ingrid Neumann-Holzschuh: <em>Spanische Sprachgeschichte. </em>Stuttgart: Klett. 2003; Berschin, Helmut, Julio Fernández Sevilla und Josef Felixberger: <em>Die spanische Sprache: Verbreitung, Geschichte, Struktur. </em>2. aktualisierte Aufl. Ismaning: Hueber. 1995<em> </em>
                     </p>
                  </footnote> aus dem Lateinischen; das Baskische<footnote numbering="arabic" start="86">
                     <p> Siehe Wandler, Reiner (Hrsg.): <em>Euskadi: en Lesebuch zu Politik: Geschichte und Kultur des Baske</em>
                        <em>n</em>
                        <em>lands.</em>Berlin: Ed. Tranvía. Verlag Frey. 1999.</p>
                  </footnote> ist die einzige überlebende vorromanische Sprache. Im Zuge der <em>Reconquista </em>(722-1492), des Wiedereroberungskrieges gegen die Mauren, wurden nicht nur die spanischen Königreiche, unter denen das Königreich Kastilien die Obermacht behielt und diese im Laufe der Jahrhunderte ausbaute, sondern auch ihre Sprachen gebildet. Nach und nach expandierte so auch das Kastilische im ganzen Land und verdrängte die anderen autochthonen Sprachen. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N10875" start="27"/>Die Schaffung der modernen Nationen, der nationalen Einheit und Identität nach dem französischen revolutionären Modell stößt in Spanien im 19., aber auch im 20. Jh., auf den Widerstand der Bevölkerung der alten Königreiche, die sich dem zentralistischen System nicht vollständig unterwerfen wollen, allen voran Katalonien, das Baskenland und Navarra, die ihre durch Privilegien und <em>Fueros </em>geschützte Art des Föderalismus beibehalten hatten und weiter beibehalten wollten. Das Drängen der liberalen bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts nach der Konstituierung eines zentralistischen Staates, der eine einzige politische, wirtschaftliche und sprachliche Gemeinschaft bilden sollte, führt &#8211; mittels ihrer Alphabetisierungskampagnen und ihres Aufbaus eines zentralistischen Schulsystems &#8211; einerseits zur Verdrängung der katalanischen, baskischen und galizischen Sprachen, sowie aller Dialekte, andererseits zur Geburt oder Wiedergeburt der regionalistischen und nationalistischen Bewegungen, die gegen den Verlust ihrer Identität kämpfen und damit zur Wiederbelebung der eben besagten Sprachen. </p>
               <p>In Galizien<footnote numbering="arabic" start="87">
                     <p> Siehe Gabriel, Narciso de: Lengua y escuela en Galicia&#8230; ed.cit. S. 173 f.</p>
                  </footnote> und dem Baskenland<footnote numbering="arabic" start="88">
                     <p> Siehe Dàvila Balsera, Paulí, A. Eizagirre Sagardia: Alfabetización y euskaldunización&#8230; ed.cit. S. 189 f.</p>
                  </footnote> waren Adel und Bürgertum eine starke hispanisierende Kraft, da Spanisch die Sprache der Obrigkeit war, die hiesige Sprache wurde von den unteren Schichten vor allem in den ländlichen Gebieten gebraucht. In Katalonien hatte sich die Lage in eine andere Richtung entwickelt, so dass das Katalanische im 19. Jh. auch vom Bürgertum, der Kirche und zum Teil von der Verwaltung benutzt wurde<footnote numbering="arabic" start="89">
                     <p> Siehe González Àgapito, Josep: Catalán o castellano&#8230; ed.cit. S. 142 f.</p>
                  </footnote>. So entsteht in vielen Regionen Spaniens eine Situation der Diglosie, ein großer Teil der Gesellschaft kommuniziert in der Landessprache, während die Obrigkeit das Spanische in allen Bereichen der Macht, wie Bildung, Justiz, Verwaltung, Militär, Kirche usw. benutzt. Die mangelhafte Entwicklung einer geschriebenen Kultur und Literatur, die Beschränkung auf eine fast ausschließlich mündliche Kultur, verringert jedoch stetig den Status der Landessprachen. </p>
               <p>Das ganze Schulsystem wird von Anbeginn nach den Normen der Königlichen Sprachakademie in spanischer Sprache organisiert. Die spanischen Liberalen, aber auch der absolutistische König Fernando VII., der 1825 den Gebrauch der katalanischen Sprache in den Schulen verbot<footnote numbering="arabic" start="90">
                     <p> Ferrer Jirones, F.: <em>L</em>
                        <em>a persecució política de la llengua catal</em>
                        <em>a</em>
                        <em>na&#8230; </em>ed.cit. S. 180 f.</p>
                  </footnote>, waren von der Errichtung eines kulturellen und politischen zentralistischen Staates überzeugt. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N108B0" start="28"/>Die Anderssprachigkeit der Bevölkerung hemmt zusätzlich den Alphabetisierungsprozess; dabei spielen die Frauen, die zum größten Teil analphabetisch sind, eine nicht geringe Rolle. Die Frau des 19. Jahrhunderts gilt als Garant der Tradition. Bei der Erfüllung ihrer Aufgabe als erste Erzieherin ihrer Nachkommenschaft trägt sie zum weiteren Fortbestand ihrer eigenen Kultur bei; sie erzieht ihre Kinder nicht in einer Sprache, die sie selbst nicht beherrscht oder vielleicht gar nicht kennt, infolgedessen werden viele Kinder der unteren Schichten, überwiegend auf dem Land, in einer für sie unbekannten Sprache alphabetisiert, die in ihrem familiären Alltag nicht gebraucht wird<footnote numbering="arabic" start="91">
                     <p> Als Beispiel über die Lage in den Schulen der ländlichen Gebiete Valencias, in denen eine Variante des Katalanischen gesprochen wird, gilt das literarische Zeugnis von Vicente Blasco Ibañez in seinem Roman <em>La Barraca </em>von 1895, das wir im Anhang C dieser Arbeit wiedergeben. </p>
                  </footnote>. Vorausgesetzt, dass die Schulausbildung die Fähigkeit des Lesens und Schreibens gefestigt hat, erfolgt mit wenigen Ausnahmen jede weitere Lektüre in spanischer Sprache, wenn sie aber nicht ausreichend gewesen ist, um diese Befähigung zu entwickeln, werden die anderssprachigen Kinder auf jeden Fall wieder zu Analphabeten. Die Kirche versucht zum Teil, diese negative Entwicklung zu verhindern und fördert, wenn auch nicht sehr deutlich, die Herausgabe von Gebets- und Andachtsbüchern, die primäre Lesestoffe der Frauen sind, in autochthoner Sprache<footnote numbering="arabic" start="92">
                     <p> So z.B. bei der Figur Josefa Ignacia aus dem Roman <em>Frieden im Krieg </em>von<em> </em>Unamuno:<em> </em>«Tag für Tag ging sie ganz früh, wenn der Morgen graute, zur Messe in ihre Pfarrkirche; und wenn sie in ihrem alten Gebetbuch (sic) mit den Seiten, die am Rande schon schmutzig und fettig waren, diesem Buch mit den großen Buchstaben, das in baskischer Sprache zu ihr sprach und das einzige Buch war, das sie verstehen konnte, (&#8230;).» Unamuno, Miguel de: <em>Frieden im Krieg. </em>Berlin: Volksverband der Bücherfreunde . Wegweißer Verlag. 1929. S. 11.</p>
                  </footnote>. </p>
               <p>Beeinflusst von der Romantik, aber auch von den politischen Gegebenheiten, erwachen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts soziokulturell und politisch nationalistisch orientierte Bewegungen, welche den übrigen Landessprachen einen neuen Status durch deren Normierung und durch die Schaffung einer Literatur zur verleihen versuchen, um ihrem Rückgang Einhalt zu gebieten. In Katalonien wird vor allem ab 1859 die Bewegung <em>Renaixenca</em> (Wiederauferstehung) für einen deutlichen Aufschwung sorgen. Der galizische <em>Rexurdimento</em> (Wiederauferstehung) formiert sich um 1863. Die Renaissance der baskischen Sprache beginnt am Ende des Jahrhunderts und konsolidiert sich, als der Vater des baskischen Nationalismus Sabino Arana, im Jahre 1893 die Zeitschrift <em>Euskadi</em> und die Zeitung <em>Bizkaitarra</em> gründet<footnote numbering="arabic" start="93">
                     <p> Siehe weitere Titel von baskischen Periodika Dàvila Balsera, Paulí, A. Eizagirre Sagardia: Alfabetización y euskaldunización&#8230; ed.cit. S. 200; über Sabino Arana siehe Wandler, Reiner (Hrsg.): <em>Euskadi: en L</em>
                        <em>e</em>
                        <em>sebuch zu Politik&#8230;</em> ed.cit.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>Interessant ist, dass auf der einen Seite die Alphabetisierung der nicht spanisch sprechenden Bevölkerung auf Spanisch erfolgt und dies zum Rückgang der Landessprachen führt, auf der anderen Seite jedoch eine potentielle Leserschaft, die zur Normierung und Verbreitung der eigenen Sprachen beiträgt, schafft und somit die baskische, katalanische und galizische, geschriebene Kultur vorantreibt.</p>
               <p>
                  <link id="_Toc172444387"/>
               </p>
            </subsection>
            <subsection id="N108FD" label="I.2.2">
               <head>Bildungsmaßnahmen für Erwachsene</head>
               <p>
                  <citenumber id="N10904" start="29"/>Um die extrem hohe Zahl der Analphabeten zu reduzieren, versuchen die liberalen Regierungen, den Menschen, die nicht mehr im Schulalter sind, einen zweiten Bildungsweg anzubieten<footnote numbering="arabic" start="94">
                     <p> Über das Thema siehe die Beiträge von Ruiz Berrio, Julio: Alfabetización y modernización&#8230; ed.cit; Tiana Ferrer, Alejandro: Lectura y educación popular. In: V. Infantes, F. López, J.-F. Botrel (Hrsg.) <em>Historia de la ed</em>
                        <em>i</em>
                        <em>ción y de la lectura en España 1472-1914.</em> Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 2003. S.754-762. Guereña, Jean-Louis: Los orígenes de la educación de adultos en la España contemporánea. In: A. Escolano (Hrsg.): <em>Leer y escribir en España. Doscientos años de alfabetización. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. S. 281-307.</p>
                  </footnote>. Aber wenn schon das Schulsystem große Defizite zeigte, ist nicht verwunderlich, dass die Erwachsenenbildung noch mehr Mängel aufzuweisen hatte. In der Regel handelt es sich dabei nicht um spezifisch im Schulsystem integrierte Institutionen, sondern um Unterrichtsstunden, die in den Räumen der Volksschulen abends während der Wintermonate stattfinden. Bei den meisten Schülern und Schülerinnen handelt es sich um Jugendliche, die aus verschiedenen Gründen als Kind entweder keine oder nur eine lückenhafte Schulausbildung genossen hatten. Diese Stunden werden von den gleichen Lehrern erteilt, die tagsüber die Kinder erziehen und über keine für die Erwachsenenbildung spezifischen pädagogischen Kenntnisse verfügen. Lehrmethoden, Bücher und andere Materialien &#8211; wenn überhaupt vorhanden &#8211; sind normalerweise die gleichen, die von den Kindern benutzt werden. Die Förderer dieses Bildungsweges hatten ihn als mehrere, sich aufeinander aufbauende Bildungsstufen konzipiert, die Gesamtheit der zu vermittelnden Kenntnisse sollte der Grundschulausbildung entsprechen, aber leider begnügte man sich in der Praxis meistens mit der Vermittlung von Alphabetisierungsgrundlagen. Diese Meinung vertraten z.B. im Jahre 1855 Antonio Gil de Zárate<footnote numbering="arabic" start="95">
                     <p> «Die spanischen Schulen für Erwachsene sind heutzutage Institutionen, die nur für diejenigen gedacht sind, die als Kind keine Grundschulausbildung genossen haben». Siehe Gil de Zárate, antonio: <em>De la instrucción pública en España.</em>Bd I.<em> </em>Madrid: Imp. Del Colegio de Sordo-Mudos. 1855. S. 356. </p>
                  </footnote> und 1915 Manuel Cossio<footnote numbering="arabic" start="96">
                     <p> In der Realität handelt es sich bei den Abendschulen für Erwachsene zum größten Teil um Schulen für Analphabeten. Cossio, Manuel:<em> La enseñanza primaria en España</em>. 2. Aufl. Überarbeitet von Lorenzo Luzuriaga. Madrid: Rojas. 1915. S.128.</p>
                  </footnote>. Unter solchen Voraussetzungen wird ein erfolgreiches pädagogisches Angebot unmöglich gemacht, aufseiten der Bevölkerung besteht allerdings eine rege Nachfrage; im Jahre 1860 besuchen trotz dieser Umstände ca. 30 000 männliche Schüler eine öffentliche Erwachsenenschule, im Jahre 1870 sind es ca. 52 000 und im Jahre 1890 zählt man 36 765 Schüler<footnote numbering="arabic" start="97">
                     <p> Diese Zahlen stammen aus dem Amtsblatt des Ministeriums <em>Boletín Oficial de Instrucción Pública </em>und sind von Guereña in dem o.g. Artikel Los orígenes de la educación&#8230; in einer Tabelle, die wir im Anhang B wiedergeben, bearbeitet worden. Darin sind auch Angaben über Schülerinnen solcher Bildungsangebote enthalten. Siehe Guereña, Jean-Louis: Los orígenes de la educación&#8230; ed.cit. S. 286. Die öffentliche Bildung erwachsener Frauen in Spanien im 19. Jahrhundert ist noch nicht in befriedigender Weise untersucht worden. Siehe Guereña, Jean Louis: Las escuelas de adultas en España (1860-1885). In: <em>Mujer y educación en España. </em>Santiago: Universidade de Santiago. 1990.  S. 444-466. </p>
                  </footnote>. </p>
               <p>Die meisten Erwachsenenbildungsangebote für Frauen beschränken sich auf Sonntagsschulen und werden nicht von öffentlicher Hand gefördert. Die Unterrichtsstunden, die der religiösen und ideologischen Unterweisung den Vorrang gegenüber der Alphabetisierung oder anderen Fächern geben, werden aufgrund der Arbeitsverhältnisse sonntags abgehalten. Statt die Mädchen und Frauen in Lesen, Schreiben oder in Rechnen zu unterrichten, lehrt man sie Handarbeit, Hausarbeit oder Hauswirtschaft u.Ä., ihnen werden vor allem Werte wie Gehorsam, Treue und Dienstbereitschaft eingetrichtert.</p>
               <p>Im Ganzen betrachtet, erweist sich das Modell der Erwachsenenbildung, als Antwort auf die hohe Analphabetenrate im gesamten Land, als ineffizient, die zur Verfügung stehenden Mittel als unzureichend und die Methoden als ungeeignet. Es handelt sich dabei eher um eine formale Maßnahme, Teil eines liberalen Bildungsprojektes, die europäische Modelle nachahmen sollte, als um eine Chance, das große Problem des Bildungsmangels der Spanier zu lösen. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N1094B" start="30"/>Ein dritter Weg zur Alphabetisierung, der parallel zu den vom Staat organisierten Verfahrensweisen &#8211; Volksschule für Kinder und Abend- oder Sonntagsschule für Erwachsene &#8211; verläuft, wurde von verschiedenen politischen, kirchlichen, kleinbürgerlichen und philanthropischen Kräften eingeschlagen. Größtenteils versuchten sie aber nicht von vornherein, die Defizite des staatlichen Schulsystems auszugleichen, sondern sie konzentrierten sich vielmehr auf eine ideologische Erziehung der niederen Schichten der Bevölkerung und der Industrie- und Landarbeiter. </p>
               <p>Charakteristisch für die Erwachsenenbildung sind immer die starken ideologischen Interessen seitens des Staates oder der privaten Initiativen, die sie fördern. Seit den vierziger Jahren beginnen die fortschrittlichen Strömungen des Bürgertums &#8211; einschließlich der ersten spanischen utopischen Sozialisten &#8211;, einige Bildungsmaßnahmen ins Leben zu rufen. Da viele dieser ideologisierenden Kräfte feststellen müssen, dass die Verbreitung von Ideen unter Menschen, die nicht ein Minimum an Allgemeinwissen besitzen, stark erschwert wird, versuchen sie, ihre potenziellen Anhänger zu alphabetisieren und zu schulen, aber diese Bildung wird mehr als ein Mittel zu einer bestimmten Mentalitätsformung, denn als Mittel zum primären Zweck verstanden. Durch das Lesen bezweckt man, je nach Gesinnung, die revolutionäre, religiöse oder bürgerliche Gestaltung des Individuums. So werden beispielsweise in Kulturkreisen und -gesellschaften Unterrichtstunden für Arbeiter angeboten oder Handwerkerschulen eröffnet; ferner werden Abende für Künstler, Handwerker, Tagelöhner und Bauern mit Unterstützung Intellektueller organisiert. </p>
               <p>Später, ab den sechziger Jahren, werden von Arbeitern initiierte und an Arbeiter gerichtete Bildungsorganisationen ins Leben gerufen, wie zum Beispiel der 1861 in Barcelona gegründete <em>Ateneo Catalán de la Clase Obrera</em> (Katalanische Kulturverein der Arbeiterklasse); diesem werden gleichnamige Vereine in vielen kleinen Städten folgen. Solche <em>Ateneos</em> dienten als Modell für die späteren Bildungszentren kommunistischer, republikanischer und anarchistischer Bewegungen<footnote numbering="arabic" start="98">
                     <p> Über das Thema siehe Guereña, Jean-Louis: Los orígenes de la educación&#8230; ed.cit. S. 288-293.</p>
                  </footnote>. Auch die Erste Internationale nimmt das Thema der Bildung der Arbeiterklassen ernst, schafft es aber nicht, über theoretische Auslegungen hinaus zu gehen. All diese aus revolutionären Strömungen entstandenen Institutionen sehen sich der Repression der <em>Restauration </em>ausgesetzt und müssen häufig im Untergrund arbeiten. Die literalisierten Mitglieder der Organisationen übernehmen die Aufgabe, andere zu alphabetisieren, und das sogar in den Gefängnissen<footnote numbering="arabic" start="99">
                     <p> So werden z.B. im Gefängnis von San Lúcar de Barrameda alle Bücher verboten, weil die Gefangenen, die lesen und schreiben können, es anderen Gefangenen beibringen. Siehe Hernández Díaz, José María: Alfabetización y sociedad&#8230; ed.cit. S. 83.</p>
                  </footnote>. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N10970" start="31"/>Um das starke Aufbrechen der revolutionären sozialen Strömungen zu bremsen, werden bürgerliche, konservative und katholische Gruppierungen ihrerseits Kulturanstalten für Arbeiter und für die Volkschichten im Allgemeinen gründen und fördern, wie zum Beispiel die <em>Círculos Obreros Católicos </em>(Katholische Arbeiterkreise) oder die <em>Escuelas de Artes y Oficios</em> (Berufsschulen für Handwerker und Künstler)<footnote numbering="arabic" start="100">
                     <p> Über katholische Kulturzentren siehe beispielsweise Andrés-Gallego, José: Los círculos de obreros (1864-1887). In: <em>Hispania Sacra. </em>XXIX. 1976. S. 259-310. </p>
                  </footnote>. Nach der Enzyklika <em>R</em>
                  <em>e</em>
                  <em>rum Novarum </em>(1891) vom Papst Leo XIII.<em> </em>werden die Bischöfe durch Hirtenbriefe versuchen, Priester und katholische Lehrer zur Gründung und Unterstützung von Erwachsenenschulen zu bewegen<footnote numbering="arabic" start="101">
                     <p> Zum Thema siehe z.B. Ruiz Rodrigo, Cándido: <em>Catolicismo social y educación. La formación del prolet</em>
                        <em>a</em>
                        <em>riado en Valencia. (1891-1917).</em> Valencia: Facultad de Teología San Vicente Ferrer. 1982. </p>
                  </footnote>. </p>
               <p>Es ist zwar unmöglich, die Effektivität der genannten Bildungsmaßnahmen in Zahlen umzusetzen, sicher ist jedoch, dass ihr Beitrag zur Alphabetisierung gering blieb<footnote numbering="arabic" start="102">
                     <p> Siehe Tiana Ferrer, Alejandro: Lectura y educación popular&#8230; ed.cit. S. 755.</p>
                  </footnote>, entweder aufgrund nicht ausreichender finanzieller und infrastruktureller Mittel oder infolge der politischen Konstellationen, die ein Aufblühen verhinderten. </p>
               <p>
                  <link id="_Toc172444388"/>
               </p>
            </subsection>
         </section>
         <section id="N109B5" label="I.3">
            <head>Die Funktion der Bibliotheken bei der Verbreitung des Lesens</head>
            <p>Mitte des 19. Jahrhunderts erscheint im englischen Sprachraum eine neue Art der Bibliothek, die ihre Aufgabe darin sieht, den Bedarf aller ihrer Bürger an Lesestoffen zu decken; sie werden in den fortschrittlichen europäischen Ländern großen Anklang finden, jedoch nicht in Spanien. Die öffentlichen Bibliotheken werden hier nicht mit dem Ziel, die Bürger beim Erringen der Lesefähigkeit zu unterstützen, gegründet, sondern um Orte zu schaffen, in denen die aufgrund der ab 1835 durchgeführten Säkularisierung der kirchlichen Institutionen angesammelten Buchbestände untergebracht und aufbewahrt werden können<footnote numbering="arabic" start="103">
                  <p> Über die Geschichte der spanischen Bibliotheken siehe Escolar Sobrino, Hipólito: <em>Historia de las bibli</em>
                     <em>o</em>
                     <em>tecas. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1985; Escolar Sobrino, Hipólito: Las bibliotecas en la Edad Contemporánea. In: H. Escolar Sobrino (Hrsg): <em>Historia ilustrada del libro español. La edición moderna. Siglos XIX y XX.</em> Bd III.<em> </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1996. S. 555- 582; Millares Carlo, Agustín: <em>Introducción a la historia del libro y de las bibliotecas. </em>5. Aufl. Madrid: Fondo de Cultura Económica. 1993; Bartolomé Martínez, Bernabé: Las bibliotecas públicas y la lectura. In: A. Escolano (Hrsg.): <em>Leer y escr</em>
                     <em>i</em>
                     <em>bir en España. Doscientos años de alfabetización</em>. Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. S. 309-334; Simon, Elisabeth: Bibliotheks- und Informationssysteme in Spanien und den lateinamerikanischen Ländern. Eine Einführung. München u.a.: KG Saur. 1992.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>
               <citenumber id="N109E2" start="32"/>Wie es schon hinsichtlich der Bildungspolitik geschehen war, erleben die Bibliotheken ihren Aufschwung erst, als politische, religiöse und kulturelle private Initiativen in eigener Regie solche Institutionen gründen. Der Staat erlässt im Laufe des Jahrhunderts eine Reihe von Gesetzen, Dekreten usw.<footnote numbering="arabic" start="104">
                  <p> Siehe Bartolomé Martínez, Bernabé: Las bibliotecas públicas&#8230; ed.cit. S. 310-312.</p>
               </footnote>, die die Errichtung und die entsprechende Unterhaltung von öffentlichen Bibliotheken vorsehen, aber auch in dieser Hinsicht zeigt er die gleiche Schwäche und Willenlosigkeit, die er bereits beim Aufbau eines allgemeinen Bildungssystems für Kinder und Erwachsene bewiesen hat. </p>
            <p>Die vom Staat getragenen Bibliotheken sind ein Teil des Vorhabens der verschiedenen Regierungen in der isabelinischen Zeit (1833-1868), das Land in seiner kulturellen und intellektuellen Entwicklung zu fördern. Nach der Säkularisierung wurden die Hauptstädte einiger Provinzen mit der Einrichtung einer öffentlichen Bibliothek versehen, um die beschlagnahmten Bestände aufzubewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Viele dieser Bibliotheken wurden, da kein anderes Gebäude zur Verfügung stand, in öffentlichen Sekundär-<footnote numbering="arabic" start="105">
                  <p> Über die Bibliotheken in Sekundärbildungszentren siehe ebenda S. 313-315; siehe auch Escolar Sobrino, Hipólito: <em>Historia de las bibliotecas&#8230; </em>ed.cit. S. 397. </p>
               </footnote> und Hochschulbildungsanstalten untergebracht<footnote numbering="arabic" start="106">
                  <p> Über die Universitätsbibliotheken des 19. Jahrhunderts siehe Bartolomé Martínez, Bernabé: Las bibliotecas públicas&#8230; ed.cit. 315-319.</p>
               </footnote>, was dem Leser, vor allem dem aus den neuen Leserschaften, den Zugang erheblich erschwerte. Ferner waren die angebotenen Lesestoffe für das allgemeine Publikum vollkommen uninteressant. Im Laufe des Jahrhunderts bekommt jede Provinz in ihrer Hauptstadt eine öffentliche Bibliothek, welche die Aufgaben einer Landesbibliothek übernimmt, ihre Funktion reduziert sich jedoch auf die Aufbewahrung alter Bestände und darauf, der Nachfrage eines gebildeten Publikums Folge zu leisten. Weder sie noch die Madrider Nationalbibliothek oder die Spezialbibliotheken werden bei der Verbreitung und Festigung der Lesekompetenz in der Bevölkerung eine Rolle spielen, sie bleiben trotz ihrer Öffentlichkeit einer elitären, gebildeten Leserschaft vorbehalten. Die sich seit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts neu bildenden Lesergruppen, wie Frauen, Kleinbürgertum oder Volksschichten, denen der Zugang nicht verwehrt wird<footnote numbering="arabic" start="107">
                  <p> Frauen dürfen beispielweise die Madrider Nationalbibliothek seit 1838 benutzen. Siehe Carreño Rivero, Miryam, Carmen Colmenar Orzaes: 1837: La Biblioteca Nacional, por primera vez abre sus puertas a la mujer. In: <em>Historia de la educación. </em>5. 1986. S. 177-182. Über die Nationalbibliothek siehe García y Mas, Renate: <em>Die Biblioteca Nacional in Madrid.</em> Berlin: Colloquium Verlag Otto H. Hess. 1975.</p>
               </footnote>, finden in solchen Bibliotheken jedoch kein attraktives Angebot an Lektüre, die sie bevorzugen, respektive unterhaltende oder populärwissenschaftliche Werke.</p>
            <subsection id="N10A12" label="I.3.1">
               <head>
                  <link id="_Toc172444389"/>Die Bibliotecas Populares</head>
               <p>Die Geschichte der spanischen <em>bibliotecas populares</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="108">
                     <p> Über die <em>bibliotecas populares </em>siehe Viñao Frago, Antonio: A la cultura por la lectura. Las bibliotecas populares (1869-1885). In: J.-F. Guereña, A. Tiana (Hrsg.): <em>Clases populares. Cultura, educación. siglos XIX y XX</em>. Madrid: UNED: Casa de Velázquez. 1900. S. 301-335. Über die Entwicklung der &#8222;populären&#8220; Bibliotheken in Deutschland und Frankreich siehe Schendas Zusammenfassung in Schenda, Rudolf: <em>Volk ohne Buch. St</em>
                        <em>u</em>
                        <em>dien zur Sozialgeschichte der popul</em>
                        <em>ä</em>
                        <em>ren Lesestoffe 1770-1910. </em>Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann. 1970. S. 215-220.</p>
                  </footnote>
                  <em> </em>beginnt eigentlich mit einem Misserfolg. Während des Revolutionären Sexenniums (1868-1874) wollte man über die Bildung neue, freie Bürger schaffen. Der damalige Entwicklungsminister Ruiz Zorrilla versuchte per Dekret<footnote numbering="arabic" start="109">
                     <p> Es handelt sich um DL 18-I-1869 art. 2°. Siehe Bartolomé Martínez,  Bernabé:  Las bibliotecas públicas&#8230;  S. 321.</p>
                  </footnote>, in jeder Gemeinde Spaniens mit mehr als 500 Einwohnern, die Gründung einer Volksbücherei zu erzwingen. Diese sollte, wenn möglich, innerhalb der Räume der Schule Platz finden; jede neu gebaute Schule sollte inklusive eines Raumes für eine öffentliche Bibliothek konzipiert werden und in den Gemeinden, in denen schon eine Schule existierte, sollte sie in dieser oder in anderen Räumlichkeiten, wie z.B. dem Rathaus, eröffnet werden. Auch wenn sie in der Regel in Schulräumen untergebracht wurden, handelte es sich dabei nicht um Schulbibliotheken, sondern um Einrichtungen, in denen den Erwachsenen &#8211; insbesondere aus den unteren Schichten der Gesellschaft &#8211; eine Ergänzung zur Grundschulbildung oder Alphabetisierungsmaßnahmen angeboten wurde. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N10A4A" start="33"/>Aber wie bei so vielen anderen Initiativen der spanischen Regierungen dieser Zeit in puncto Bildung, existiert auch hier eine unüberwindbare Kluft zwischen der Planung eines Projekts und deren Durchführung. Die <em>bibliotecas populares</em> mussten von dem Entwicklungsministerium und den Gemeinden zusammengetragen werden, aber letztere mussten zuerst einen Antrag auf die Genehmigung einer Bibliothek stellen. Anfangs war die Nachfrage vonseiten der Kommunen groß und das Ministerium, das nicht über ausreichende finanzielle Mittel verfügte, um diese zu befriedigen, bewilligte nicht jeden Antrag<footnote numbering="arabic" start="110">
                     <p> Siehe einige Beispiele in Mato Díaz, Ángel: Bibliotecas populares y lecturas obreras en Asturias (1869-1936). In: A. Escolano (Hrsg.): <em>Leer y escribir en España. Doscientos años de alfabetización. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. S. 338 f.</p>
                  </footnote>. </p>
               <p>Die Regierung teilte den Gemeinden einen Grundstock von ca. 160 kleinen Bänden zu &#8211; in der Regel jeweils bis zu dreißig Seiten<footnote numbering="arabic" start="111">
                     <p> Ebenda S. 339.</p>
                  </footnote> &#8211; und zahlte die Portokosten, neue Büchersendungen sollten nach Bedarf folgen; die Gemeinden ihrerseits waren für die Unterhaltung der kleinen Bibliotheken zuständig, d.h. für die Pflege der Bücher und der Räume, für das Personal usw. Die Bücher umfassten praktische Grundkenntnisse in den Materien Landwirtschaft, Handwerk, Wirtschaft, Kunst, Geschichte oder Naturwissenschaft. Zwischen 1869 und 1885 wurden ca. 1 085 solcher Bibliotheken gegründet, die im Durchschnitt eine Ausstattung von je 200 Büchern besaßen<footnote numbering="arabic" start="112">
                     <p> Tiana Ferrer, Alejandro: Lectura y educación popular&#8230; ed.cit. S. 758.</p>
                  </footnote>. Aufgrund ihrer Unterbringung in Schulräumen, Büros usw. hatten die Bibliotheken ungünstige Öffnungszeiten und die Auswahl der Bücher ließ zu wünschen übrig. Das Programm scheiterte schließlich an mangelnden finanziellen Mitteln und am Desinteresse der Gemeinden und Leser. In wenigen Jahren verschwanden praktisch all diese Bibliotheken, der verbleibende Rest bestand bis in das 20. Jh. hinein und durchlebte Perioden größerer oder minderer Betriebsamkeit. Die Initiative blieb, verglichen mit der Entwicklung anderer Länder, wie Frankreich oder England, überaus bescheiden. Die fortschrittlichen Kräfte des Landes, repräsentiert von Politikern und Intellektuellen, wie der schon erwähnte Ruiz Zorrilla oder José Echegaray, Felipe Picatoste<footnote numbering="arabic" start="113">
                     <p> Siehe Picatoste, Felipe: <em>Memoria sobre las bibliotecas populares. </em>Madrid: Imprenta Nacional. 1870.</p>
                  </footnote> u.a., förderten die <em>bibliotecas populares </em>in der Absicht, die kulturelle Weiterentwicklung ländlicher Gebiete insgesamt voranzutreiben. Trotzdem waren deren Nutzer überwiegend Einwohner der mittleren Ortschaften und weniger der kleineren.</p>
               <p>
                  <link id="_Toc172444390"/>
               </p>
            </subsection>
            <subsection id="N10A84" label="I.3.2">
               <head>Bibliotheken in Kulturkreisen und Gesellschaften </head>
               <p>Schon ab Ende des 18. Jahrhunderts wurden in gebildeten und aufklärerischen Kreisen der Aristokratie und des Großbürgertums Vereine, Gesellschaften u.Ä., wie die <em>Soci</em>
                  <em>e</em>
                  <em>dades de Amigos del País</em> (Gesellschaft der Freunde des Landes) oder später die <em>Ateneos </em>und <em>Casinos </em>gegründet, in denen die Mitglieder ihre kulturellen und sozialen Interessen austauschen und kultivieren konnten; in der Regel verfügten diese Organisationen über eine Bibliothek. Infolge der gesellschaftlichen Demokratisierung übernehmen erstmals die Mittelschichten das Modell der Kulturvereine. Aber die Idee, solche Zentren &#8211; mit Bibliotheken versehen &#8211; auch für die niederen Schichten zu gründen, wird ebenfalls von privaten Gesellschaften verschiedener sozialer, politischer und konfessioneller Gesinnung aufgegriffen, und im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden zahlreiche solcher Büchereien kraft deren Unterstützung in städtischen Gebieten eröffnet<footnote numbering="arabic" start="114">
                     <p> Tiana Ferrer, Alejandro: Lectura y educación popular&#8230; ed.cit. S. 758.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N10AA5" start="34"/>Das kleine Angebot moderner und unterhaltender Lesestoffe, das den Besuchern öffentlicher Bibliotheken zur Verfügung steht, wird &#8211; wenn auch nicht auf spektakuläre Weise &#8211; dank der kulturellen Aktivitäten diverser politischer und sozialer Organisationen in Kulturvereinen, wie <em>Ateneos </em>oder <em>Sociedades, Casinos </em>und anderen Vereinen, die eine Bibliothek besitzen, ergänzt. </p>
               <p>Der Madrider Verein <em>El Fomento de las Artes </em>(Die Kunstförderung) beispielsweise, besaß eine beachtliche Bibliothek<footnote numbering="arabic" start="115">
                     <p> Der Katalog dieser Bibliothek ist von Viñao untersucht worden. Siehe Viñao Frago, Antonio: A la cultura por la lectura&#8230; ed.cit. S. 324-334.</p>
                  </footnote>; er bot außerdem Bildungsmöglichkeiten, die von einigen der wichtigsten Führer der Arbeiterbewegung, wie der Anarchist Anselmo Lorenzo, zur Vervollkommnung der eigenen Bildung in Anspruch genommen wurden. </p>
               <p>Unter den privaten Bibliotheken, die man als Volksbibliotheken bezeichnen kann &#8211; nicht nur aufgrund der sozialen Zugehörigkeit ihrer Initiatoren, sondern auch wegen deren potenzieller Nutzer &#8211; ragen die der Arbeiterparteien und -organisationen heraus. Solche Bibliotheken waren in der Regel Teil eines kulturellen und vereinigenden Konzepts mit weitgehenderen Zielen als die reine Bildung.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N10AC2" start="35"/>Ansonsten bilden sich die Vereine rund um unterschiedliche Schwerpunkte, wie Kultur, Hygiene, Freizeit, Bildung u.Ä. Auch wenn ihre Bestände nicht sehr reichhaltig und die Zahl der Leser nicht sehr hoch waren, muss man allein ihre Gründung als bedeutsam betrachten, denn sie zeugt für ein existierendes Interesse seitens der Bevölkerung. Nur ein paar dieser Institutionen sind für die Zeit des 19. Jahrhunderts ausführlich untersucht worden und dabei sind die sehr wenigen weiblichen Kulturkreise, die vielleicht eine Bibliothek besaßen, völlig vergessen worden. Aus einer der besten und bekanntesten Arbeiten auf dem Gebiet der von privaten Initiativen getragenen Volksbüchereien &#8211; das Werk <em>La Lectura popular en Asturias (1869-1936)</em> (Das Lesen der Volksschichten in Asturias 1869-1936) von Ángel Mato Díaz aus dem Jahre 1991, sowie sein o.g. Artikel von 1992<footnote numbering="arabic" start="116">
                     <p> Mato Díaz, Ángel: Bibliotecas populares y lecturas&#8230; ed.cit. S. 335-364.</p>
                  </footnote> &#8211; entnimmt man zum Beispiel, dass um die Jahrhundertwende allein in der Region Asturias mehr als 200 jener kulturellen Gesellschaften aktiv sind. Die wichtigste unter ihnen, der <em>Ateneo Obrero </em>(Arbeiterkulturkreis) der Stadt Gijón, besitzt eine Bibliothek mit einer Sammlung von mehr als 10 000 Bänden. Dies bleibt sogar auf nationaler Ebene eine außergewöhnliche Ausnahme. Die privaten Bibliotheken betreffend zeigt nicht das ganze Land so viel Tatkraft wie Asturias, sie und Katalonien sind die aktivsten Regionen.</p>
               <p>Die meisten dieser Vereinigungen ermöglichen die Ausleihe der Werke außerhalb ihrer Institution, in einigen Fällen wird sogar das Lesen in den eigenen privaten Räumen privilegiert; die wenigen bis heute erhaltenen Ausleihregister bestätigen diese Praxis<footnote numbering="arabic" start="117">
                     <p> Ebenda S. 348.</p>
                  </footnote>. Die Bestände werden bis Ende des Jahrhunderts für das kollektive Lesen benutzt und dienen so als Multiplikatoren der Lektüre. Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts hinein organisieren viele, vor allem politisch orientierte Kulturkreise, öffentliche Vorlesestunden. Die gebildeten Mitglieder lesen vor, danach werden die Texte kommentiert und diskutiert.</p>
               <p>
                  <link id="_Toc172444391"/>
               </p>
            </subsection>
            <subsection id="N10AE6" label="I.3.3">
               <head>Lesekabinette und Leihbibliotheken von Verlegern und Buchhändlern</head>
               <p>Lesekabinette und Leihbibliotheken finden in Spanien nicht denselben Anklang wie in anderen westlichen Ländern. Trotzdem entstehen in Anlehnung an die ausländischen Modelle vor allem in den großen Städten Lesekabinette<footnote numbering="arabic" start="118">
                     <p> Siehe z.B. Romero Tobar, Leonardo: Un gabinete de lectura en el Madrid del siglo XIX. In: <em>Anales del Instit</em>
                        <em>u</em>
                        <em>to de Estudios Madrileños. </em>XII. 1976. S. 205-211.</p>
                  </footnote>. Diese sind in der Regel mit einer Bücherei oder einem Zeitungsverlag verbunden und werden obendrein für Werbezwecke herangezogen. Presseerzeugnisse werden nicht nur dort, sondern auch in Cafés und überdies auf der Straße zum Mieten angeboten<footnote numbering="arabic" start="119">
                     <p> Siehe Botrel, Jean-François: <em>Libros</em>
                        <em>, prensa y lectura&#8230; </em>ed.cit. S.129; Romero Tobar, Leonardo: <em>La novela popular española del siglo XIX. </em>Barcelona: Fundación March. Editorial Ariel. 1976. S. 103-110.</p>
                  </footnote>, man liest sie an Ort und Stelle oder sendet einen Boten, der sie abholt, in diesem Fall wird eine Kaution hinterlegt. Einige Buchhändler rufen Leihbüchereien ins Leben, diesen gelingt es ebenso wenig wie den Lesekabinetten, sich in Spanien zu etablieren und ihre Funktion wird von den Bibliotheken privater Gesellschaften und Kulturkreise wahrgenommen.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N10B12" start="36"/>Als die Kosten der Herstellungsverfahren sinken und dadurch die Publikationen billiger werden, verschwinden allmählich diese Dienstleistungen, auch wenn Anfang des 20. Jahrhunderts Antiquariatsbuchhändler oder Trödler immer noch Bücher an mittellose Studenten vermieten, wie die Schriftsteller Pío Baroja oder Arturo Barea in ihren Werken selbst bezeugen<footnote numbering="arabic" start="120">
                     <p> Botrel, Jean-François: Lectura privada y pública&#8230; ed.cit. S. 764.</p>
                  </footnote>. </p>
               <p>
                  <link id="_Toc172444392"/>
               </p>
            </subsection>
         </section>
      </chapter>
      <chapter id="chapter2" label="II">
         <head>Die Entstehung einer weiblichen Leserschaft</head>
         <section id="N10B2C" label="II.1">
            <head>
               <link id="_Toc172444393"/>Die spanische Frau im 18. Jahrhundert &#8211; die Vorläufer</head>
            <p><citenumber helper="true" id="N10B34" start="36"/>Einer der auffälligsten Aspekte der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts, der diese Epoche von früheren unterscheidet, ist das Auftreten der Frau im öffentlichen und kulturellen Leben. Verschiedene Studien<footnote numbering="arabic" start="121">
                  <p> Unter anderem sind folgende Studien zu nennen: Kitts, Sally-Ann: <em>The debate on the nature, role and infl</em>
                     <em>u</em>
                     <em>ence of woman in eighteenth- century Spain. </em>Lewinston, Queenston, Lampeter: The Edwin Mellen Press. 1995; Zorrozúa, Pilar: <em>Escritoras de la Ilustración española (1759-1808). </em>Bilbao: Universidad de Deusto. 1997; Martín Gaite, Carmen: <em>Usos amorosos del dieciocho en España. </em>Madrid: Siglo XXI. 1972; Demerson, Paula de: <em>María Francisca de Sales Portocarrero (Condesa de Montijo)</em>. <em>Una figura de la ilustración.</em> Madrid: Editora Nacional. 1975; Fernández Quintanilla, Paloma: <em>La mujer ilustrada del siglo XVIII. </em>Madrid: M.E.C.. 1981; López Cordón, M<sup>a</sup>
                     <sup> </sup>Victoria: La situación de la mujer a finales del Antiguo Régimen, 1760-1860. In: R. M.<sup>a</sup> Capel (Hrsg.): <em>Mujer y sociedad en España (1700-1975). </em>Madrid: M.E.C.. 1992. S. 51-107; López Cordón, M<sup>a</sup>
                     <sup> </sup>Victoria: La literatura religiosa y moral como conformadora de la mentalidad femenina. In: <em>La mujer en la historia de España (siglos XVI-XX). </em>Madrid: Universidad Autónoma de Madrid. 1984. S. 59-69; Ortega, Margarita: La educación de la mujer en la Ilustración española. In: <em>Revista de Educación. La Educación en la Ilu</em>
                     <em>s</em>
                     <em>tración Española. </em>N° Extraordinario. 1988. S. 303-326; Ortega, Margarita: Algunos cambios de las mentalidades de las mujeres madrileñas durante el siglo XVIII. In: C. Canterla (Koord.): <em>VII Encuentro de la Ilustr</em>
                     <em>a</em>
                     <em>ción al Romanticismo. Cádiz, América y Europa ante la modernidad. La mujer en los siglos XVIII y XIX. </em>Cádiz: Servicio de Publicaciones de la Universidad de Cádiz. 1994; Bolufer, Mónica: Espectadores y lectoras: representaciones e influencia del público femenino en la prensa del siglo XVIII. In: <em>Cuadernos de estudios del siglo XVIII</em>. 5. 1995. S.23-57; Bolufer, Mónica: <em>Mujeres e Ilustración, la con</em>
                     <em>s</em>
                     <em>trucción de la feminidad en la Ilustración española. </em>Valencia. Institució Alfons el Magnànim. 1998; Bolufer, Mónica: Galerías de mujeres ilustres o el sinuoso camino de la excepción a la norma cotidiana (SS. XV-XVIII) In: <em>Hi</em>
                     <em>s</em>
                     <em>pania. </em>
                     <em>Revista Española de Hist</em>
                     <em>o</em>
                     <em>ria. </em>LX/1, 204. 2000. S. 181-224.</p>
               </footnote> über weibliche Lebensweisen im 18. Jh. weisen darauf hin, dass trotz ihrer zweitrangigen Rolle und ihrer traditionellen Verbannung in den häuslichen Bereich, in diesem Jahrhundert eine grundlegende Wandlung der Wahrnehmung des weiblichen Daseins stattfindet. Diese Wandlung vollzieht sich dank der mit der neuen Dynastie ab 1700 eingeführten Sitten und der Einflüsse der Aufklärung. Letztere vermag zwar nicht die Frau aus ihrer traditionsbedingten Lage zu befreien, bedeutet jedoch einen relevanten Fortschritt im Vergleich zu früheren Zeiten und setzt einen Entwicklungsprozess in Gang, der sich im 19. Jh. fortsetzen wird. Dieser Prozess betrifft im 18. Jh. noch ausschließlich Frauen der oberen Schichten in städtischen Gebieten; Veränderungen des Lebensstiles der Frauen der mittleren und unteren Schichten oder auf dem Land sind praktisch nicht erkennbar<footnote numbering="arabic" start="122">
                  <p> Urzainqui, Inmaculada: Nuevas propuestas a un público femenino. In: V. Infantes, F. lopez und J-F. Botrel (Hrsg.): <em>Historia de la edición y de la lectura en España, 1472-1914. </em>Madrid:<em> </em>Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 2003. S. 481.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>Am Ende des Jahrhunderts stellen einige Intellektuelle, wie pedro Galindo das Phänomen der wachsenden Freiheit der Frauen fest<footnote numbering="arabic" start="123">
                  <p> Vigil, Mariló: <em>La vida de las mujeres en los siglos XVI y XVII. </em>Madrid: Siglo XXI. 1986. S. 33-34. Zitiert in Jagoe, Catherine, Alda Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230; </em>ed.cit. S.22.</p>
               </footnote>. In dieser Zeit nehmen auch die Angriffe seitens der Presse gegen sie zu; ab 1760 beklagt man die Wandlung der weiblichen Sitten innerhalb der Aristokratie und des Großbürgertums. Während der Regierungszeit Königs Ferdinand VI. (1746-1759) waren öffentliche Vergnügen wie Maskenbälle, Oper- oder Theateraufführungen, Konzerte, gegenseitige Besuche und Salons, an denen auch Frauen teilnahmen, Mode geworden; dadurch erlangten sie neue Erkenntnisse und ihr Leben wurde viel freier<footnote numbering="arabic" start="124">
                  <p> Kitts, Sally-Ann: <em>The debate on the nature, role and influence of woman</em>&#8230; ed.cit. S. 106.</p>
               </footnote>.</p>
            <p>
               <citenumber id="N10BC8" start="37"/>Bis in das 19. Jh. hinein herrscht die misogyne aristotelische Konzeption der Frau als dem Mann gegenüber physisch, psychisch und moralisch unterlegenes Wesen. Seit dem 12. Jh. entfachten sich mehrere Polemiken, auch in der säkularen Gesellschaft, zwischen Fürsprechern und Schmähern des weiblichen Geschlechts, aber auch dessen Verteidiger akzeptierten die Prämisse der Frau als unvollkommene Abbildung des Mannes<footnote numbering="arabic" start="125">
                  <p> Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230; </em>ed. cit.<em> </em>S. 25.</p>
               </footnote>. Der aristotelischen Teleologie zufolge assoziiert man die Frau mit der Unvollkommenheit, mit der linken Hand, der Dunkelheit und dem Bösen<footnote numbering="arabic" start="126">
                  <p> Kitts, Sally-Ann: <em>The debate on the nature, role and influence of woman</em>&#8230; ed.cit. S. 3.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>Der aufklärerische Diskurs der Weiblichkeit, vor allem aber der Rousseaus&#8217;, ändert allmählich das Verständnis über die Beschaffenheit der Frau, die nicht mehr als unvollständiger Mann betrachtet wird, sondern als selbständiges Wesen, das sich durch naturbedingte Geschlechtsunterschiede definiert und von dem Mann differenziert. Diese neue Konzeption prägt das Bild der Frau bis in das 20. Jh. hinein. Welche die naturbedingten Unterschiede sind und was die Natur einer Frau ist, versucht man im Laufe des 19. Jahrhunderts zu definieren. Ende des 18. Jahrhunderts fand in der Presse eine Debatte über den weiblichen Charakter statt; dabei wurden immer noch zahlreiche misogyne Diatribe publiziert &#8211; wie z.B. in der von Francisco Mariano Nipho geleiteten Zeitschrift <em>Cajón de Sastre Literato </em>(Literarisches Nähkästchen) (1760-1761) &#8211; die behaupteten, die Frau sei von Natur aus bösartig, stolz, eitel, eigenwillig, eine Lügnerin, Sklavin ihrer Leidenschaften und eine Quelle für moralische und geistige Verderbnis.<footnote numbering="arabic" start="127">
                  <p> Ebenda S. 103.</p>
               </footnote> </p>
            <p>Unter Berücksichtigung der traditionellen Trennung der Geschlechter, durften die Frauen des 18. Jahrhunderts &#8211; wie schon erwähnt &#8211; auf einer freieren und natürlicheren Weise mit Männern verkehren, dies bedeutete für sie noch nie gekannte Möglichkeiten der Kommunikation und des Zugangs zum Wissen. Wie in Frankreich waren sie bei den männlichen <em>tertulias</em> und Salons anwesend, und anstatt abseits von diesen Gesprächkreisen in einem Teil des Salons isoliert zu verweilen, durften sie am Gespräch aktiv teilnehmen. Manche sollten dabei sogar eine herausragende Rolle spielen und zur &#8222;Seele&#8220; des Salons werden. </p>
            <p>
               <citenumber id="N10BFB" start="38"/>Das aufklärerische Gedankengut befürwortet und propagiert &#8211; nach den Idealen der Nützlichkeit, des Fortschritts und der Sittenreform &#8211; neue weibliche Verhaltensmodelle, setzt sich für eine bessere Bildung ein und fördert ihre Beteiligung an verschiedenen intellektuellen, kulturellen und wohltätigen Bereichen, wie zum Beispiel Akademien, <em>Socied</em>
               <em>a</em>
               <em>des Económicas, Sociedades de Amigos del País </em>u.Ä.</p>
            <p>Natürlich sind weder alle aufgeklärten Intellektuellen der gleichen Meinung, noch verfolgen sie die gleichen Ziele<footnote numbering="arabic" start="128">
                  <p> Siehe Bolufer, Mónica: <em>Muj</em>
                     <em>eres e Ilustración, La construcción de la feminidad en la Ilustración española&#8230; </em>ed.cit.</p>
               </footnote>, trotzdem stimmen sie darin überein, dass die Frau eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielt und infolgedessen eine bessere Bildung vorteilhaft für deren Ausübung sei. Die wichtigsten Ideologen der Zeit, wie z. B. Fénelon, Nöel-anton Pluche, Claude fleury, Luis Antônio Verney, Rousseau, Rollin u.a., werden in Spanien &#8211; so weit es die Inquisition zulässt &#8211; von Intellektuellen und Schriftstellern, wie Pedro Rodriguez Conde de Campomanes<footnote numbering="arabic" start="129">
                  <p> Siehe Rodríguez, Pedro Conde de Campomanes: <em>Discurso sobre la educación popular de los artesanos.</em> Hrsg.:<em> </em>J. Reeder. Madrid: Ins. Fiscales. 1975</p>
               </footnote>, Gaspar Melchor de Jovellanos<footnote numbering="arabic" start="130">
                  <p> Siehe Jovellanos, Gaspar Melchor de : <em>Bases para la formación de un Plan General de Instrucción P</em>
                     <em>ú</em>
                     <em>blica. Obras. </em>Bd II. Madrid: Mellado<em> </em>Editor. 1845.</p>
               </footnote>, Manuel Aguirre, Pedro Montegón<footnote numbering="arabic" start="131">
                  <p> Siehe Montegón, Pedro: <em>Eudoxia. </em>Madrid: Sancha. 1793.</p>
               </footnote>, Josefa Amar y borbón<footnote numbering="arabic" start="132">
                  <p> Siehe Amar y Borbón, Josefa: <em>Discurso sobre la educación física y moral de las mujeres. </em>Hrsg.:<em> </em>M<sup>a</sup>
                     <sup> </sup>V. López Cordón. Madrid: Cátedra /Universitat de Valencia/ Instituto de la mujer. 1994; Amar y Borbón, Josefa: <em>Discurso en defensa del talento de las mujeres y de su aptitud para el gobierno. </em>Madrid; Amar y Borbón, Josefa: <em>Importancia de la instrucción que conviene dar a las mujeres. </em>Zaragoza. 1784.</p>
               </footnote>, Lorenzo Hervás y Panduro<footnote numbering="arabic" start="133">
                  <p> Siehe Hervás y Panduro, Lorenzo: <em>Historia de la vida del hombre.</em> Madrid: Aznar. 1789.</p>
               </footnote>, Nicolás und Leandro Fernández de Moratín<footnote numbering="arabic" start="134">
                  <p> Von letzterem siehe Fernández de Moratín, Leandro: <em>El sí de las niñas. </em>Madrid: Ediciones Busma. 1983.</p>
               </footnote>, Tomás de Iriarte<footnote numbering="arabic" start="135">
                  <p> Siehe Iriarte, Tomás de: <em>La señorita mal criada. Comedia moral en tres actos. </em>Madrid: Oficina de Benito Cano. 1788.</p>
               </footnote> u.a. vertreten und verbreitet. </p>
            <p>Die Aufklärung bedeutet eine tiefe Zäsur bei der traditionellen Bewertung der weiblichen intellektuellen Fähigkeiten und deren möglichen Förderung durch Bildung. Den atavistischen, unterbewertenden, misogynen Positionen und den vor den Gefahren der Bildung der Frauen für die Gesellschaft warnenden Stimmen gegenüber, mehren sich die Appelle nach Anerkennung und Förderung der weiblichen Intelligenz innerhalb der von der Natur festgelegten Rahmen. Es wird davon ausgegangen &#8211; ihrer reproduktiven Rolle nach &#8211;, dass ihr Platz das Heim und die Familie sei und dementsprechend soll ihre Erziehung gestaltet werden. Sie soll Lesen und Schreiben lernen, um ihren Geist als vernünftiges Wesen zu formen und gleichzeitig ihre weiblichen gesellschaftlichen und häuslichen Aufgaben als Tochter, Ehefrau, Mutter und Hauswirtschafterin in angemessener Form erfüllen und darüber hinaus der Familie und ferner der Gesellschaft nützlich sein. Die größte Veränderung basiert auf dem neuen Bild der Frau als erste Erzieherin der Kinder und gefühlvolle kultivierte Gefährtin des Ehemannes, das sich schnell in ganz Europa verbreitete. Solche Ideen konnten Spanien nur durch Kontakte mit dem Ausland &#8211; sprich Frankreich &#8211; erreichen, sie finden Ausdruck in unzähligen Erziehungsabhandlungen, Presseartikeln, literarischen Texten, Projekten und Schriften aller Art, die trotz aller Unstimmigkeiten unter den verschiedenen Richtungen durch den Grundgedanken &#8211; und zwar den wichtigen Beitrag der Frau zur Entwicklung der Gesellschaft &#8211; miteinander verbunden werden. Auf diesem Leitprinzip der Aufklärung fußt die Konzeption der Frau in der liberalen bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Die Beharrlichkeit der Aufklärer auf die Naturbedingtheit einer Reihe weiblicher Qualitäten, die sie für die Ausübung einer Aufgabe in der Gesellschaft befähigen, findet nach Jagoe auch ihr Ursprung in der scholastischen Moral<footnote numbering="arabic" start="136">
                  <p> Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230; </em>ed.cit. S.27.</p>
               </footnote>; man findet sie z.B. in den Widerlegungen des Benediktiners Feijoo <em>Defensa de la mujer (Verteidigung der Frau) </em>von 1726-1727<footnote numbering="arabic" start="137">
                  <p> Kitts, Sally-Ann: <em>The Debate on the Nature, Role and Influence of Woman</em>&#8230; ed. cit. S. 49. Siehe auch Feijoo, Benito Jerónimo: <em>Defensa de la mujer: Discurso XVI del &#8220;Teatro Crítico&#8221;. </em>Hrsg.:<em> </em>V. Sau . Barcelona: Icaria. 1997.</p>
               </footnote>. Ein Unterschied besteht jedoch zwischen der Teleologie des 18. und der des 19. Jahrhunderts; vor dem 19. Jh. betrachtet man die Natur als ein weiteres Element in einer Reihe von Begründungen für die Unterordnung der Frau, an deren erster Stelle Gottes Willen steht, später &#8211; unter Einfluss des Positivismus &#8211; werden die Biologie und die Anatomie der Frau zu ihrem Schicksal<footnote numbering="arabic" start="138">
                  <p> Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230; </em>ed.cit. S.28.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>
               <citenumber id="N10CB0" start="39"/>Die Mehrheit der sehr wenigen Autorinnen des Jahrhunderts vertreten die gleichen Ideen wie die Männer. Es gibt trotzdem einige Ausnahmen kultivierter Frauen, wie zum Beispiel Josefa Amar, Inés Joyes oder María Rosario Romero Masegosa, die sich einen größeren Schritt in Richtung Anerkennung und Freiheit vorstellen können<footnote numbering="arabic" start="139">
                  <p> Siehe Truxa, Sylvia: Schreibende Frauen im 18. Jahrhundert. In: U. Frackowiak (Hrsg.): <em>Ein Raum zum Schreiben. Schreibende Frauen in Spanien von 16. bis ins 20. Jahrhundert. </em>Berlin: Edition Tranvía. Verlag Walter Frey. 1998. S. 92-104.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>Die von den meisten Frauen genossene Bildung beschränkte sich auf die von den Eltern oder Verwandten erlernten Kenntnisse, dazu kamen Predigten und fromme Texte, das Erlebte in öffentlichen Veranstaltungen, wie das Theater oder vorgelesene Texte. Die Frauen der höheren Schichten konnten &#8211; wenn die Eltern es wünschten &#8211; eine sorgfältigere Bildung durch Erzieher oder Privatlehrer zu Hause, bei Freunden, bei Verwandten oder in einer der wenigen Bildungsanstalten des Landes erhalten. Nach dem Zensus des Herzogs von Floridablanca 1787 gab es im ganzen Land nur 25 Schulen für höhere Töchter mit ca. 486 Schülerinnen und 18 für ärmere Mädchen mit ca. 547 Schülerinnen<footnote numbering="arabic" start="140">
                  <p> López Cordón, M<sup>a</sup>
                     <sup> </sup>Victoria: La situación de la mujer a finales del Antiguo Régimen&#8230; ed.cit. S. 92. </p>
               </footnote>. Es gab also auch Mädchen, die in gebildeten und aufgeklärten Familien und Umgebungen aufwuchsen. Kirchliche und öffentliche Volksschulen wurden fast ausschließlich von Knaben besucht<footnote numbering="arabic" start="141">
                  <p> Zum Thema siehe auch Viñao Frago, Antonio: Alfabetización, lectura y escritura en el Antiguo Régimen (siglos XVI-XVIII). In A. Escolano (Hrsg.) <em>Leer y Escribir en España. Doscientos Años de Alfabetización. </em>Madrid: Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. S. 45-68. </p>
               </footnote>.</p>
            <p>Öffentliche Schulen und private Kulturkreise, wie die <em>Sociedades Económicas</em> mit ihren Bildungsangeboten, hatten einen ausgeprägt praktischen Charakter und sahen die Alphabetisierung nicht als eine wesentliche Aufgabe an. Auch wenn auf offizieller Seite seit dem Königreich Karls III. (1759-1788) der Wunsch nach einer Universalisierung der weiblichen, schulischen Ausbildung zu erkennen ist, wird nur die Region Navarra erforderliche Maßnahmen ergreifen<footnote numbering="arabic" start="142">
                  <p> Ruiz Berrio, Julio: La educación del pueblo español en el proyecto de los ilustrados. In:<em> Revista de Ed</em>
                     <em>u</em>
                     <em>cación. La Educación en la Ilustración Española. </em>N° Extraordinario. 1988. S. 179.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>
               <citenumber id="N10CF4" start="40"/>In der königlichen Verfügung von 1783 wird das Lehrprogramm der Mädchenschulen gesetzlich geregelt, demnach werden die Schwerpunkte auf religiöse Unterweisung und Handarbeiten, wie Nähen, Sticken usw. gesetzt. Alphabetisiert sollte nur auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern werden und in diesem Fall musste die Lehrerin zu dieser Aufgabe verpflichtet sein &#8211; ob sie in der Lage gewesen wäre, ist eine andere Frage. Aber schon 1797 bestimmt eine neue Regelung, dass zusätzliche Kenntnisse über Moral und Religion, Lesen, Schreiben und Arithmetik gelehrt werden sollten<footnote numbering="arabic" start="143">
                  <p> Ortega, Margarita: La educación de la mujer en la Ilustración española&#8230;  ed.cit. S. 324. Eigentlich gibt es eine Unstimmigkeit zwischen Ortega und López Cordón, was das Datum dieser neuen Regelung betrifft; während Ortega das Jahr 1797 angibt, nennt López Cordón 1783. Siehe López Cordón, M<sup>a</sup>
                     <sup> </sup>Victoria: La situación de la mujer a finales del Antiguo Régimen&#8230; ed.cit. S. 94.</p>
               </footnote>. Allerdings erzielten diese Maßnahmen keine nennenswerten Ergebnisse. </p>
            <p>Leider macht der Mangel an Quellen eine genauere Untersuchung über die Art Lesestoffe und die Lesegewohnheiten der Frauen im dieser Zeit schwierig. Es gibt überwiegend indirekte Hinweise über eine Intensivierung des Lesens bei Frauen, denn daraus entsteht ein neuer und spezifischer Publikumssektor im Buchhandelbereich. Diese wachsende weibliche Leserschaft zwingt Autoren und Verleger, sich um ihre Gunst zu bemühen, einen weiblichen Geschmack zu definieren und somit ihre Wünsche und Bedürfnisse zu berücksichtigen<footnote numbering="arabic" start="144">
                  <p> Urzainqui, Inmaculada: Nuevas propuestas a un público femenino&#8230; ed.cit. S. 486.</p>
               </footnote>. Als Informationsquelle über das weibliche Interesse an gedruckten Texten dienen beispielsweise die Frauennamen in Abonnentenlisten der Presse und anderen Veröffentlichungen<footnote numbering="arabic" start="145">
                  <p> Siehe Cabrerizo y Bascuas, Mariano de: <em>Memorias de las vicisitudes políticas de D. Mariano de Cabr</em>
                     <em>e</em>
                     <em>rizo y Bascuas. </em>Valencia: Imprenta de Ferrer y Aisa. 2. Auflage. 1862. Siehe auch Almela y Vives, Francisco: <em>El editor Don Mariano Cabrerizo. </em>Valencia: Semana Gráfica. 1949.</p>
               </footnote>; die Existenz einiger weiblicher Bibliotheken, über die noch heute kaum etwas bekannt ist<footnote numbering="arabic" start="146">
                  <p> Urzainqui, Inmaculada: Nuevas propuestas a un público femenino&#8230; ed.cit. S. 485.</p>
               </footnote>; Kommentare und Andeutungen zum Thema Lesen &#8211; positiv wie negativ &#8211;, die in der Presse erscheinen und die relativ hohe Zahl der Beiträge, die unter weiblichen Namen in der Presse veröffentlicht werden<footnote numbering="arabic" start="147">
                  <p> Über die Beziehung der Frau zur Presse im 18. Jh. siehe u.a. Guinard, Paul: <em>La presse espagnole de 1737 à 1791. Formation et signification d&#8217;un genre. </em>Paris : Centre de Recherches Hispaniques. 1973; Larriba, Elisabel : <em>Le p</em>
                     <em>u</em>
                     <em>blic de la presse en Espagne à la fin du XVIII</em>
                     <em>
                        <sup>e</sup>
                     </em> <em>siècle (1781-1808)</em>. Paris: Honoré Campión Èditeur. 1998; Roig castellanos, Mercedes: <em>A través de la prensa. La mujer en la historia. Francia, Italia, España. </em>
                     <em>S. XVIII-XX.</em> Madrid: Ministerio de Asuntos Sociales. 1989. </p>
               </footnote>, sowie andere von Frauen verfasste Werke. </p>
            <p>Während des 18. Jahrhunderts beginnt die Lektüre eine private und individuelle Erfahrung zu werden, aber sie findet weiterhin im Bereich der bürgerlichen oder aristokratischen Salons &#8211; bei versammelter Familie oder im Freundeskreis &#8211; oder in <em>tert</em>
               <em>u</em>
               <em>lias</em> auf dem Lande als Gruppenaktivität statt. Für die nicht lesekundigen Frauen sind die vorgelesenen Texte die einzige Zugangsmöglichkeit zum geschriebenen Wort, für lesekundige Frauen stellen diese Momente eine Gelegenheit dar, gesellschaftliche Beziehungen anzuknüpfen und das Vergnügen der Geselligkeit zu erleben.</p>
            <p>
               <citenumber id="N10D5E" start="41"/>Weibliche Lesestoffe müssen eine Reihe an Bedingungen erfüllen. Sie lehren, das eigene Verhalten und das der Kinder zu formen und zu lenken, darunter ordnet man moralisierende und pädagogische Werke, die den Geist bilden. Empfohlen werden auch Werke, die nützliche Kenntnisse enthalten, wie Hauswirtschaft, Haushaltsführung, moderne Hygiene, häusliche Medizin u.a. oder Grundkenntnisse der Geschichte, Moralphilosophie, Landeskunde, Naturwissenschaften u.Ä. Für Frauen angemessene Lektüre soll belehren und Beispiele der Moral und des Bürgersinns anbieten; darunter findet man sowohl fromme Texte, die bei der Vertiefung und Verständigung des Glaubens und zu einer genaueren Erkenntnis der katholischen Gebote und Verpflichtungen helfen sollten, als auch literarische Lesestoffe, die bilden, ohne die Sensibilität zu verderben, vor allem Lyrik<footnote numbering="arabic" start="148">
                  <p> Man sollte die damalig vorrangige Rolle der Lyrik gegenüber der Prosa bedenken.</p>
               </footnote> und Werke über das Tanzen, über Musik, Malerei oder Zeichnen, über moderne Sprachen und weibliche Sportarten<footnote numbering="arabic" start="149">
                  <p> Siehe einige Titel in Urzainqui, Inmaculada: Nuevas Propuestas a un Público Femenino&#8230; ed. cit. S. 489. </p>
               </footnote>. Unterhaltende, gut ausgewählte Lektüre hilft, die Freizeit zu gestalten und den als Problem angesehenen Müßiggang zu verhindern.</p>
            <p>Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern gibt es in Spanien keine spezifisch weibliche Bildungsliteratur, keine wissenschaftlich popularisierenden Texte, außer einigen Übersetzungen<footnote numbering="arabic" start="150">
                  <p> Ebenda S. 488.</p>
               </footnote>. Die Frau bleibt jedoch potenzielle Leserin von Abhandlungen und Handbüchern die an eine nicht sehr gebildete männliche Leserschaft oder an junge Menschen gerichtet sind.</p>
            <p>Ab den 60er Jahren erscheinen einige periodische Veröffentlichungen, die die Frau als ihrer potenziellen Leserschaft zugehörig betrachten, wie u.a. <em>Cajon de Sastre Literato </em>von Nipho herausgegeben, <em>El Pensador </em>(Der Denker)<em> </em>(1762-1767) von Clavijo Fajardo oder <em>La pensadora Gaditana </em>(Die Denkerin aus Cádiz) (1763 und 1768-1770) von Beatriz Cienfuegos. Die ersten weiblichen Salon- und Modezeitschriften nach französischem und englischem Modell, wie <em>El Diario del Bello Sexo </em>(Tageszeitung des schönen Geschlechts) (1795) und schon im 19. Jh.<em> Correo de las Damas </em>(Der Damenkurier) (1804) und <em>Liceo General del Bello Sexo </em>(Allgemeines Lyzeum des schönen Geschlechts) (1804) finden keinen Anklang und werden schnell geschlossen, sie zeigen jedoch, dass ein gewisses Potenzial existiert<footnote numbering="arabic" start="151">
                  <p> Siehe Seite 130 f. dieser Arbeit.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>
               <citenumber id="N10D9F" start="42"/>Die Vorliebe der weiblichen Leserschaft gilt jedoch dem Roman, der ab den sechziger, aber vor allem ab den achtziger Jahren einen spektakulären Aufschwung erlebte. Viele Romane und Erzählungen werden für eine weibliche Leserschaft geschrieben, überwiegend sentimentale Romane, eine Gattung, mit der sich die Frau identifizieren konnte. Oft spielt in diesem eine Frau die Heldenrolle, deren Taten &#8211; von nachdrücklich moralisierendem Charakter &#8211; im Feld des Familienlebens und der Geschlechtsbeziehungen agieren. Es werden &#8211; nach einer Überprüfung seitens der Inquisition &#8211; fast ausschließlich Übersetzungen ausländischer Werke veröffentlicht, darunter die Romane von Mme. de Genlis, von Michel Ange Marin, Mme. de Graffigny, Richardson, Mme. de Epinay u.a. Spanische Werke sind z.B. <em>Eudoxia </em>(1793) von<em> </em>Montegón<footnote numbering="arabic" start="152">
                  <p> Das Werk erreichte 6 Auflagen zwischen 1793 und 1826.</p>
               </footnote>, <em>El engaño feliz </em>(1795) von Mariano Madramany y Calatayud<em> </em>oder <em>La Leandra </em>(1797) von Antonio Valladares.</p>
            <p>Nicht zu vergessen ist die Rolle des Theaters; von dem Besuch der Vorstellungen im Theater abgesehen, liebten die Frauen die private Lektüre der Texte, die Deklamierung oder die privaten Vorstellungen im kleinen Kreis. Ferner gibt es auch unzählige Gedichte für Frauen, Liebesgedichte, feierliche, lobende oder Gedichte für bestimmte Anlässe, aber ebenso viele didaktischen und lehrenden Inhalts, die oft von Dichterinnen geschrieben wurden<footnote numbering="arabic" start="153">
                  <p> Urzainqui, Inmaculada: Nuevas Propuestas a un Público Femenino&#8230; ed. cit. S. 490.</p>
               </footnote>.</p>
            <p>Die lesenden Frauen des 18. Jh. repräsentieren &#8211; trotzt aller guten Vorsätze der Aufklärer &#8211; eine winzige Minderheit innerhalb der spanischen Gesellschaft; ihre Lektüren reduzieren sich meistens auf fromme und erbauliche Texte, aber auch sentimentale Romane und Lyrik, die oft heimlich gelesen werden. Diese Situation wird sich in den ersten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts nicht wesentlich ändern. </p>
            <p>
               <link id="_Toc172444394"/>
            </p>
         </section>
         <section id="N10DCF" label="II.2">
            <head>Bildung und Erziehung der Frau im 19. Jahrhundert</head>
            <p>
               <citenumber id="N10DD6" start="43"/>Bedenkt man, dass den Volkszählungen von 1860 und 1900 zufolge 86% bzw. 71,4% der spanischen Frauen Analphabetinnen waren und um die Jahrhundertwende der Schulbesuch von den knapp 1,5 Millionen spanischen Kindern &#8211; je nach Geschlecht und sozialer Zugehörigkeit &#8211; eher unregelmäßig war<footnote numbering="arabic" start="154">
                  <p> Macías Picavea, Ricardo: <em>El problema nacional, hechos&#8230;</em> S. 20.</p>
               </footnote>, so dass kaum ein Viertel der Gesamtbevölkerung lesen und schreiben konnte<footnote numbering="arabic" start="155">
                  <p> Siehe Anhang B.</p>
               </footnote>, kann man rückfolgern, dass gebildete Frauen im 19. Jahrhundert eine Ausnahme bildeten und in den meisten gesellschaftlichen Kreisen eine unerwünschte Erscheinung blieben.</p>
            <p>Die Frage der weiblichen Bildung im spanischen 19. Jh. beruht nicht, wie es in anderen europäischen Ländern der Fall ist, auf einer progressiven Entwicklung, welche der Frau den Zugang zum Hochschulstudium ermöglicht, sondern nur auf der Elementarausbildung der Mädchen<footnote numbering="arabic" start="156">
                  <p> Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230;</em> ed.cit. S. 105.</p>
               </footnote>. Wie Gil de Zárate in seinem Werk <em>De la i</em>
               <em>n</em>
               <em>strucción pública en España</em>
               <footnote numbering="arabic" start="157">
                  <p> Gil de Zárate, Antonio: <em>De la instrucción pública&#8230;</em> ed.cit. S. 339.</p>
               </footnote> bemerkt, war 1848 in England die erste Universität für Frauen eröffnet worden, während zur gleichen Zeit zwei Drittel der spanischen Mädchen noch nie einen Fuß über die Schwelle einer Schule gesetzt hatten.</p>
            <subsection id="N10E0F" label="II.2.1">
               <head>
                  <link id="_Toc172444395"/>Erziehung statt Ausbildung (1809-1857)</head>
               <p>Die ersten Bestrebungen, eine liberale Gesellschaft nach den Prinzipien der Aufklärung in Spanien zu schaffen, finden ihren Ausdruck in der Verfassung der <em>Cortes de Cádiz </em>von 1812. Die Cadizer Versammlung sah den Aufbau eines zentralistischen, vom Staat kontrollierten Schulwesens vor. Die ersten vorgelegten Berichte und Projekte &#8211; der sog. Jovellanos-Bericht von 1809 und der sog. Quintana-Bericht von 1813 &#8211; grenzten jedoch von Anfang an den größten Teil der Bevölkerung aus dem Bildungssystem aus, denn sie berücksichtigten weder das weibliche Geschlecht<footnote numbering="arabic" start="158">
                     <p> Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género</em>&#8230; ed.cit. S. 107.</p>
                  </footnote> noch die niederen Schichten der Gesellschaft. Von da an etablierte sich die Unterscheidung zwischen:</p>
               <p>
                  <citenumber id="N10E2A" start="44"/>
                  <blockquote>
                     <p> «(&#8230;) einer für die Mädchen adäquaten <em>educación </em>(im engeren Sinne der Bedeutung von &#8222;moralischer&#8220; Erziehung, die auch privat im häuslichen Bereich vermittelt werden kann) und einer für die Jungen vorgesehenen <em>instrucción</em> im Sinne der Vermittlung geistiger Inhalte im Rahmen einer vom Staat getragenen <em>educación pública </em>(das öffentliche Erziehungssystem im weiteren Sinne), (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="159">
                           <p> Kreis, Karl-Wilhelm: Zur Entwicklung der Situation der Frau in Spanien vom Beginn der &#8222;liberalen Ära&#8220; der bürgerlichen Gesellschaft an bis zur Zweiten Republik. In : J. Heymann, M. Mullor- Heymann<em> </em>(Hrsg.): <em>Frauenbi</em>
                              <em>l</em>
                              <em>der &#8211; Männerwelten. Weibliche Diskurse und Diskurse der Weiblichkeit in der spanischen Literatur und Kunst 1833-1936. </em>Berlin: Edition Tranvía. Verlag Walter Frey. 1999.<em> </em>S. 51.</p>
                        </footnote>.»</p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>Der Aufklärer Jovellanos hatte die Grundlagen für diese Trennung in seinem Werk <em>Bases para un Plan General de Instrucción Pública</em> (1809) aufgegriffen, als er nach Rousseaus Lehre das Ideal des individuellen Glückes, auf dem die Weiterentwicklung und der Wohlstand einer Nation fußten, als Ziel der männlichen Bildung definiert hatte. Die weibliche Bildung dagegen zielte einzig und allein auf die Schaffung guter und ehrbarer Familienmütter<footnote numbering="arabic" start="160">
                     <p> Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género</em>&#8230; ed. cit. S. 108.</p>
                  </footnote> ab. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N10E67" start="45"/>Der Quintana-Bericht von 1813 unterscheidet im Diskurs über die Reglementierung der Schulbildung zwischen den Begriffen &#8222;Ausbildung&#8220; und &#8222;Erziehung&#8220;<footnote numbering="arabic" start="161">
                     <p> Den Begriff <em>educación </em>übersetzen wir in diesem Zusammenhang mit dem Wort Erziehung, den Begriff <em>instru</em>
                        <em>c</em>
                        <em>ción </em>mit Bildung oder Ausbildung. </p>
                  </footnote>. Die Ausbildung der zukünftigen männlichen Bürger sollte universell, vollständig, öffentlich, kostenlos und frei sein, die Ausbildung der Mädchen musste, da ihre Ziele ganz anderer Natur seien, anders bezeichnet werden &#8211; Erziehung &#8211;; diese sollte beliebig, privat und familien- und heimorientiert sein.</p>
               <p>
                  <blockquote>
                     <p> «Die Polarisierung und die Geschlechtsorientierung der Begriffe &#8222;Erziehung&#8220; und &#8222;Ausbildung&#8220;, der Erste moral-religiös konnotativ, der Zweite intellektuell- gesellschaftlich, wurde das Motto des 19. Jahrhunderts, vor allem von Severo Catalina, Entwicklungsminister in den sechziger Jahren und Autor eines berühmten Buches über die Bestimmung der Frau, repräsentiert. Catalina war auch, der den bekannten Satz: &#8222;Erziehen wir zuerst die Frauen und bilden wir sie danach, wenn noch Zeit dafür übrig bleibt&#8220; formulierte<footnote numbering="arabic" start="162">
                           <p> Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de gén</em>
                              <em>e</em>
                              <em>ro&#8230; </em>ed.cit S. 110. Siehe Catalina, Severo: <em>La Mujer</em> (1858). Buenos Aires: Espasa-Calpe Argentina. 1954. S. 27. Aus dem Werk Catalinas siehe zum Thema Bildung das Kapitel «Educación» S. 25-31. Die erste Ausgabe trägt den Titel: <em>La mujer en las diversas relaciones de </em>
                              <em>la familia y la sociedad. Apuntes para un libro </em>(Die Frau in ihren verschiedenen Beziehungen in der Familie und der Gesellschaft. Notizen für ein Buch).</p>
                        </footnote>.» </p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>
                  <citenumber id="N10EA4" start="46"/>Was moralische Fragen und die Stellung der Frau anbelangte, versuchte die Ära, die auf die <em>Cortes de Cádiz</em> folgte, sich deutlich, aber ohne Erfolg von den vorherigen Zeiten abzugrenzen. Der bis 1812 vorherrschende klassische Typ der rein volkstümlichen Spanierin, wie von Emilia Pardo Bazán beschrieben wird, ging nie allein aus, es sei denn zur Messe &#8211; nach dem seit Jahrhunderten in der spanischen Gesellschaft herrschenden sprichwörtlichen Leitsatz: «<em>La mujer honrada, la pierna quebrada»</em> (Die ehrbare Frau hat gebrochene Beine). Sie trug nur wenig Schmuck und unauffällige Kleider; ihr Betätigungsfeld beschränkte sich auf Hand- und Hausarbeiten und ihr Bücherschatz umfasste lediglich Gesangbuch, Brevier und Katechismus<footnote numbering="arabic" start="163">
                     <p> Pardo Bazán, Emilia: La mujer española. In: <em>La España Moderna.</em> 17. Mai -1890. S.101-113. Wiedergegeben in: <em>La</em> <em>mujer española y otros artículos feministas</em>. Hrsg.: L. Schiavo. Madrid: Editora Nacional. 1976. S. 25-70.</p>
                  </footnote> &#8211; keine Bibel, wohlbemerkt.</p>
               <p>Die liberalen Bestimmungen für das öffentliche Bildungssystem von 1821 und 1822<footnote numbering="arabic" start="164">
                     <p> Es handelt sich um das <em>Reglamento General de Instrucción Pública</em>. Siehe Puelles Benítez, Manuel de (Hrsg.): <em>Historia de la educación en España. </em>Bd II. Madrid: Ministerio de Educación y Ciencia. 1979-1982. S. 59.</p>
                  </footnote> zeigen erstmals die offizielle Absicht, den Mädchen schulische Grundkenntnisse vermitteln zu wollen, aber man ließ die Verwirklichung jener Absicht in den Händen der Provinzialräte, die aus verschiedenen Gründen nichts unternahmen. 1825 werden durch den sog. Plan<em> </em>Calomarde<em> </em>diese Bestimmungen außer Kraft gesetzt, dann begnügt sich die Regierung mit der Empfehlung, Mädchen die Fähigkeit zum Lesen<footnote numbering="arabic" start="165">
                     <p> Da viele Lehrerinnen nicht in der Lage waren, das Lesen zu unterrichten, durften sie sich nach dem Plan Calomarde von männlichen Kräften &#8211; die über 40 Jahre alt waren &#8211; helfen lassen. Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La </em>
                        <em>mujer en los discursos de género</em>
                        <em>&#8230; </em>ed.cit. S. 111; Siehe auch Luzuriaga, Lorenzo: <em>Documentos para la historia de España. </em>Bd II. Madrid: Cosano. 1919. S. 228.</p>
                  </footnote> &#8211; mindestens im Katechismus &#8211; zu vermitteln und gibt die Möglichkeiten additionaler Bildung in die Verantwortung der Eltern über.</p>
               <p>Im Liberalen Triennium (1821-1823) fand also eine allgemeine Liberalisierung der gesellschaftlichen Zwänge des 1814 wieder &#8222;eingeführten&#8220; <em>Ancien Régime</em> statt, von der auch das weibliche Geschlecht profitierte, denn seine Bildung wurde seitens des Staates zum ersten Mal ernsthaft thematisiert. Die Unheilvolle Dekade (1823-1833) bedeutete wiederum, wie auf allen Gebieten des aufbrechenden Liberalismus auch in der Frage der Frauenbildung einen großen Rückschritt. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N10EF2" start="47"/>Erst im zweiten Drittel des Jahrhunderts nach der Amnestie der Regentin Königin Cristina (1834) und der Rückkehr der im Exil &#8211; überwiegend in Frankreich und England&#8211; lebenden spanischen Liberalen, die aufklärerisches und revolutionäres Gedankengut aus ihrer Verbannung mitbrachten, lebte das Interesse des Staates an einer von ihm überwachten und geregelten Mädchenerziehung wieder auf. Trotzdem blieben alle ergriffenen Maßnahmen weit hinter denen zurück, die den Ausbau eines maskulinen Bildungssystems betrafen; zwar wurde die Schulausbildung für Mädchen universell, öffentlich und kostenlos, das Fehlen einer entsprechenden Infrastruktur verhinderte allerdings ihre Entwicklung und Festigung. </p>
               <p>Andererseits setzten die Eltern von Mädchen aus der Aristokratie und dem Bürgertum wenig Vertrauen in ein öffentliches Erziehungssystem. Höhere Töchter sollten ausschließlich zu Hause von Hauslehrern oder in privaten Zentren erzogen werden. Diese waren als Pensionat entweder konfessionell und von Ordensfrauen geleitet oder von Laien verschiedener soziokultureller Orientierung geführte Institutionen<footnote numbering="arabic" start="166">
                     <p> Siehe Simón Palmer, María del Carmen: <em>La enseñanza privada seglar de grado medio en Madrid (1820-1868).</em> Madrid: Instituto de Estudios Madrileños. 1972.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>Nach den Vorschlägen des sog. Plans des Herzogs von Rivas (1836) wurde am 21-VII-1838 das erste Gesetz zur Reglementierung des spanischen öffentlichen Schulsystems erlassen. Es verfügte die Einrichtung von Mädchenschulen, aber «(&#8230;) &#8222;<em>nach Maßgabe der Finanzen</em>&#8220; (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="167">
                     <p> Kreis, Karl-Wilhelm: Zur Entwicklung der Situation der Frau in Spanien&#8230; ed.cit. S. 51.</p>
                  </footnote>» einschränkend und mit der Auflage einer geschlechtsspezifischen Trennung der Lehrinhalte und der Räumlichkeiten. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N10F14" start="48"/>Die Lehrpläne des staatlichen und des privaten Schulsystems waren nicht vergleichbar. Private Schulen mussten sich an einige vom Staat diktierte Richtlinien halten, aber sie boten den Schülerinnen &#8211; ihren finanziellen Mitteln entsprechend &#8211; eine nach der sozialen Klasse ausgerichtete Erziehung an. Das staatliche Unterrichtssystem, das in dieser Zeit im Prinzip nur für das Kleinbürgertum und das Volk konzipiert war, passte seine Lehrinhalte an die für diese Schichten vorgesehenen Aufgaben an.</p>
               <p>Trotzdem entsprach die Erziehung in den Schulen für höhere Töchter nicht dem Niveau anderer europäischer, entwickelterer Länder. Während die Mädchen dort Latein und Griechisch lernten, wurden die Unterrichtsfächer in Spanien auf die weibliche Natur &#8211; auch auf ihre Physiologie &#8211; und deren Lebensinhalt abgestimmt. «<em>Schö</em>
                  <em>n</em>
                  <em>geistige Studien, wie die der Literatur (v.a. Poesie), wurden allgemein befürwortet, die der Politik </em>(sic)<em> und Naturwissenschaften mit den Hinweis abgelehnt, daß damit der Verlust der Weiblichkeit einhergehe</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="168">
                     <p> Geist, Angéla: <em>Das Bild der Frau bei Carolina Coronado. </em>Frankfut am Main u.a.: Peter Lang. Europäischer Verlag der Wissenschaften. 1998. S. 138.</p>
                  </footnote>.» Wenn die Familie nicht imstande war, sich eine Hauslehrerin zu leisten oder ihre Tochter in ein Pensionat zu geben, blieb die Aufgabe der Erziehung allein den Eltern überlassen. Mädchen wurden Mitte des Jahrhunderts in Religion, gutem Benehmen, Hand- und Hausarbeit, Haushaltsführung, Musik, Gesang, Tanz und Zeichnen unterwiesen. Als zusätzlichen Reiz bekamen sie Unterricht in Geschichte, in einer Fremdsprache &#8211; normalerweise Französisch, aber auch Englisch oder Italienisch &#8211;, in Landeskunde und in Grammatik, der aber nicht über die Vermittlung von Grundkenntnissen hinausging. <em>«Und wenn die Mädchen mit der Fingerspitze diese unterschiedlichen Materien überflogen h</em>
                  <em>a</em>
                  <em>ben, schließt man für sie das Buch der Wissenschaft und man schickt sie in die Welt auf der Suche nach einem Ehemann</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="169">
                     <p> In: <em>La Moda Elegante. </em>14-IV-1861. S. 17.</p>
                  </footnote>
                  <em>.»</em> Denn hinter allen Bildungsmaßnahmen steht für die Frau immer die Ehe als Ziel: «<em>Sie [die Erziehung] ist nur eine Lehrzeit der Verführung, der Musik-, Tanz-, Bekleidungs-, Gesangs- und Zeichenkunst, d.h.: alles, was den Mä</em>
                  <em>d</em>
                  <em>chen die Zeit vor der Ehe verschönern und verkü</em>
                  <em>r</em>
                  <em>zen kann</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="170">
                     <p> Ebenda S. 17.</p>
                  </footnote>.» </p>
               <p>Der Stundenplan einer typischen Madrider höheren Mädchenschule um 1845 war beispielsweise so gestaltet:</p>
               <p>
                  <citenumber id="N10F65" start="49"/>
                  <blockquote>
                     <p>«Von acht bis neun Uhr Literaturunterricht, von neun bis zehn Uhr Landeskunde, von zehn bis elf Uhr Mathematik, von elf bis halbzwölf Linearzeichnen, von halb zwölf bis Mittag künstlerisches Zeichnen, von Mittag bis ein Uhr Klavier-, Italienisch-, Französisch- oder Kaligraphieunterricht und am Nachmittag Nähen, Sticken, Wachsblumen basteln und andere Handarbeiten mit Federn, (&#8230;), Muscheln, Kerzen usw.<footnote numbering="arabic" start="171">
                           <p> Pérez Elgoivar, Antonio: La colegiala. In: <em>El Defensor del Bello Sexo. </em>21-XI-1845. S 17. Siehe weitere Beispiele in Simón Palmer, María del Carmen: <em>La enseñanza privada seglar&#8230; </em>ed.cit.</p>
                        </footnote>. »</p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>Die Erziehungsmethoden der Mädchenpensionate waren allerdings nicht unumstritten. Während die Befürworter auf der einen Seite behaupteten:</p>
               <p>
                  <citenumber id="N10F82" start="50"/>
                  <blockquote>
                     <p>«Es war wirklich erstaunlich, diese jungen Frauen so vertraut mit den Grundsätzen der Literatur zu sehen und zu beobachten, wie sie mit erschreckendem Scharfsinn die Regel der Grammatik erläuterten<footnote numbering="arabic" start="172">
                           <p> Exámenes en el Colegio de N.S. de Loreto. In: <em>El Correo de la Moda</em>. 211. Juni 1857. S. 188.</p>
                        </footnote>.»</p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>erhoben sich auf der anderen Seite kritische Stimmen:</p>
               <p>
                  <citenumber id="N10F9C" start="51"/>
                  <blockquote>
                     <p>«Wie viele Ehemänner von Schulmädchen habe ich gehört, wie sie die Sprachen, die sie konnten, die Wissenschaften, die sie kannten, für sich als einen Teil ihrer Mitgift anrechneten&#8230;. Aber das war nichts besonderes, denn diese Ehemänner hatten sie wie Papageien antworten hören, als sie &#8211; natürlich von den eigenen Lehrern, damit es keinen Betrug gäbe &#8211; bei den jährlichen Prüfungen befragt wurden, bei denen, trotz der Einwände aller, außer der Braut, die Verlobten anwesend waren.<footnote numbering="arabic" start="173">
                           <p> Pérez Elgoivar, Antonio: La colegiala&#8230; ed.cit. S. 17.</p>
                        </footnote>.»</p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>Aber bis in die fünfziger Jahre hinein bleibt für die meisten bürgerlichen Familien das eigene Haus der ideale Ort für die Erziehung der Mädchen und die eigene Mutter die geeignete Person, um diese zu erteilen. Grund dafür war die traditionelle Angst der Eltern, ihre Töchter durch den Kontakt mit anderen Mädchen moralisch zu verderben; Internate &#8211; auch klösterliche Institutionen &#8211; konnten für die Tugendhaftigkeit aller Schülerinnen nicht garantieren. Innerhalb des eigenen Heimes waren die Überwachungsmöglichkeiten eher gegeben. Wie Eduardo Bertrán in seinem 1863 in der <em>Universidad Central </em>vorgelesenen Diskurs<footnote numbering="arabic" start="174">
                     <p> Siehe <em>Discurso leído en la Universidad Central por Eduardo Bertrán y Rubio. </em>Madrid: Ducazcal. 1863. Zitiert in Rivière Gómez, Aurora: <em>La educación de la mujer en el Madrid de Isabel II. </em>Madrid: Dirección General de la Mujer, horas y Horas la Editorial Feminista. 1993. S. 55.</p>
                     <p>Siehe auch folgende Reden über das Thema <em>Discurso pronunciado ante el Claustro de la Universidad Central por el L</em>
                        <em>i</em>
                        <em>cenciado Don Miguel Mayoral y Medina. </em>Madrid: Imp. Montero. 1889; <em>Discurso leído en la Universidad Central por el Licenciado D. Miguel Medina y Pulido. </em>Madrid: Rivadeneyra. 1861; <em>Discurso leído ante el Claustro de la Un</em>
                        <em>i</em>
                        <em>versidad Central por D. Francisco Meléndez y Herrera. </em>Madrid: P. Conesa. 1866; <em>Discurso leído en la Univers</em>
                        <em>i</em>
                        <em>dad Central por el Licenciado Don Nicolás de Ávila y Toro. </em>Madrid: Tipografía del Hospicio. 1866; <em>Discurso leído en el solemne acto de recibir la investidura de Doctor en Medicina y Cirugía por Don Antonio Gómez Torres. </em>Madrid: M. Álvarez. 1866. All diese Reden dienen Aurora Gómez Rivière als Quelle für das Kapitel «La Educación de la Mujer: un Tema de Estudio en la Universidad Central» Siehe Rivière Gómez, Aurora: <em>La educación de la mujer en el M</em>
                        <em>a</em>
                        <em>drid&#8230; </em>ed. cit.S. 19-57.</p>
                  </footnote> behauptet, bekomme das Mädchen im Schoß der Familie, an der Seite der Mutter eine vollständige Erziehung. Wo ansonsten sollte es lernen, tugendhaft zu leben als bei der Mutter, die ihm als Beispiel dient.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N10FF1" start="52"/> Wenn die Mutter über das notwendige Talent dazu verfügte, war es nicht verständlich, <em>«wieso das Jahrhundert und die Mode den Müttern diesen unschätzbaren Vorteil, die eigenen Töchter selbst zu bilden, verweigert</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="175">
                     <p> Pirala, Antonio: Sobre la instrucción de la mujer. In: <em>El Correo de la Moda.</em> 209. Mai 1857. S. 130.</p>
                  </footnote>
                  <em>.» </em>
               </p>
               <p>Ein zusätzliches Problem des weiblichen Schulsystems stellte die ungenügende Ausbildung der Lehrkörperschaft dar. Da nicht ausreichende institutionalisierte Ausbildungsangebote zur Verfügung standen &#8211; die erste staatliche anerkannte Fachhochschule für Pädagoginnen wurde erst 1858 eröffnet &#8211;, durfte im Prinzip jede Frau Mädchen Unterricht erteilen<footnote numbering="arabic" start="176">
                     <p> Dazu siehe beispielweise Simón Palmer, María del Carmen: <em>La enseñanza privada seglar&#8230;</em>ed.cit.<em> </em>S.128; Rivière Gómez, Aurora: <em>La educación de la mujer en el Madrid&#8230; </em>ed. cit; Cortada Andreu, Esther: Hostilidad, negociación y conciencia profesional: el día a día de las maestras del siglo XIX. In: <em>Ayer. </em>45. 1. 2002. S. 223-250.</p>
                  </footnote>. So wird es z.B. von Fernán Caballero in ihrem Roman <em>La Gaviota </em>(Die Möwe) (1849) dargestellt:</p>
               <p>
                  <blockquote>
                     <p>
                        <citenumber id="N11026" start="53"/>«Nach dem Tod ihrer Mutter hatte Sennora Rosa eine Mädchenschule errichtet, die in den kleineren Ortschaften den Namen Amiga (Freundin) führt, dagegen in den Städten Akademie heißt, weil dies modischer klingt. In den kleineren Ortschaften bleiben die Mädchen von früh bis Mittag in der Schule und erhalten nur Unterricht in der Religion und im Nähen. In den Städten aber lernen sie lesen, schreiben, sticken und zeichnen. Es liegt auf der Hand, daß dergleichen Häuser keine Quellen der Wissenschaft, keine Pflanzstätten der Kunst, keine Musteranstalten für eine Erziehung sind, wie sie die emanzipirte (sic) Frau erheischt; (&#8230;).</p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>
                  <blockquote>
                     <p>Dafür gehen aber aus ihnen fleißige und tüchtige Hausfrauen hervor, und das ist doch wohl etwas mehr werth<footnote numbering="arabic" start="177">
                           <p> Fernán Caballero: <em>Die Möwe</em>. Breslau: Josef Max und Komp. 1860. S. 155 f.</p>
                        </footnote>.»</p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>
                  <citenumber id="N11042" start="54"/>Aber auch nach 1858 besaßen nicht alle Lehrerinnen, die eine Stellung annahmen, eine anerkannte Ausbildung &#8211; oder eine Ausbildung überhaupt. Antonio Gil de Zárate beklagte schon 1855, dass die Kenntnisse der Lehrenden sich auf Handarbeiten beschränkten. Viele Volksschullehrerinnen würden sich durch tiefste Ignoranz auszeichnen und es gebe viele unter ihnen, die weder schreiben noch lesen konnten<footnote numbering="arabic" start="178">
                     <p> Gil de Zárate, Antonio: <em>De la instrucción pública en España&#8230;</em>ed.cit. S. 366.</p>
                  </footnote>. </p>
               <p>1852 war Ordensfrauen und -männern das Recht, ohne entsprechende Ausbildung Kinder zu unterrichten, zugesprochen worden, sodass unzählige private konfessionelle Schulen gegründet wurden. Außerdem übernahmen die Pfarrer viele Lehrerstellen in Ortschaften mit weniger als 500 Einwohnern und übten dadurch großen Einfluss auf das Schulsystem aus.</p>
               <p>Unter den Frauen, die als Hauslehrerin oder in privaten Zentren Unterricht erteilten, sind verschiedene Kategorien zu unterscheiden. Der Staat prüfte durch die <em>Real Junta I</em>
                  <em>n</em>
                  <em>spectora</em> (Königliche Inspektionskommission) die Kenntnisse der zukünftigen Lehrerinnen, die sich dieser Prüfung unterziehen wollten, um mittels eines Staatszertifikates bessere Arbeitskonditionen zu erwirken<footnote numbering="arabic" start="179">
                     <p> Simón Palmer, María del Carmen: <em>La enseñanza privada seglar&#8230;</em>ed.cit.<em> </em>S.128.</p>
                  </footnote>. Der größte Teil der weiblichen Lehrkräfte bestand aus Ausländerinnen und aus Spanierinnen, die im Ausland &#8211; sprich Frankreich &#8211; erzogen worden waren<footnote numbering="arabic" start="180">
                     <p> Ebenda S. 128.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N11078" start="55"/>Je nach sozialer Schicht und wirtschaftlichen Möglichkeiten, griffen die Eltern auf Hauslehrerinnen zurück. Diese waren in der Regel Französinnen oder Engländerinnen und abgesehen von ihrer eigenen Sprache waren sie oft nicht in der Lage, mehr als Grundkenntnisse der Literatur, Geschichte und die üblichen weiblichen Handarbeiten zu vermitteln, mehr wird von ihnen allerdings auch nicht verlangt:</p>
               <p>
                  <blockquote>
                     <p>«Die Hauslehrerin soll das Mädchen (&#8230;) zur sanften und süßen Bescheidenheit der Sittlichkeit erziehen, sie soll es die verführenden Künste des &#8222;Guten Tons&#8220; lehren, (&#8230;). Ich kenne keinen würdigeren Beruf für die Frau: Junge Herzen erziehen bedeutet, sie für die Tugend zu bilden, den reinen und kindlichen Geist zu belehren und ihre Grazien zu entfalten. Außerdem soll sie dem Mädchen das Lesen und Schreiben, Grammatik, Geschichte, Landeskunde und nützliche und schmückende Handarbeiten beibringen<footnote numbering="arabic" start="181">
                           <p> Sinués de Marco, María del Pilar: Cartas a mi ahijada. In: <em>La Moda Elegante Ilustrada.</em>30. Juli 1871.S. 246.</p>
                        </footnote>.»</p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>
                  <citenumber id="N11092" start="56"/> Es gibt auch einige Ehefrauen von Internatsleitern, die von den Räumen dieser Institutionen profitieren, um Mädchen in Fächern wie Musik oder Zeichnen zu unterrichten. Unter den Lehrerinnen, die außerhalb der Pensionate arbeiten, sind solche zu finden, die bei sich zu Hause die Mädchen empfangen und andere &#8211; eigentlich die große Mehrheit &#8211; die zu ihren Schülerinnen gehen; diese arbeiten entweder mit den Kindern einer einzelnen Familie oder mit kleinen Gruppen von Mädchen, die untereinander verwandt oder befreundet sind. </p>
               <p>Aber es gibt auch männliche Lehrer für Mädchen, wenn auch wenige; diese unterweisen die Pensionatsmädchen in &#8222;außergewöhnlichen Fächern&#8220;, wie z.B. Latein oder Mathematik<footnote numbering="arabic" start="182">
                     <p> Simón Palmer, María del Carmen: <em>La enseñanza privada seglar&#8230;</em>ed.cit.<em> </em>S.128.</p>
                  </footnote> &#8211; wenn solche angeboten werden &#8211; oder arbeiten als Hauslehrer. Um sich vor allem in kleineren Städten als Hauslehrer für Mädchen zu betätigen, bedürfen Männer oft nur einer etwas gepflegteren Bildung, gehen allerdings gleichzeitig ganz anderen Berufen nach, wie z.B. dem Journalismus. So schreibt z.B. Fernán Caballero an eine Freundin, die nicht weiß, wie sie den Hauslehrer ihrer Tochter entlassen soll, ohne dessen Gefühle zu verletzen:</p>
               <p>
                  <blockquote>
                     <p>
                        <citenumber id="N110AD" start="57"/>«Dabei erinnere ich mich, dass (&#8230;) Cantillo (&#8230;), so wie es aussieht, dich als Hauslehrer für Rosarito nicht überzeugt; ich werde ihm erzählen, dass du sie zu einer <em>Academia</em> schicken möchtest oder so. Um dein Gewissen zu beruhigen, sage ich dir, dass du ihm keinen schlechten Dienst erweist, denn man wird ihm &#8211; Gott sei dank &#8211; mit der Leitung einer kleinen Zeitung beauftragen (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="183">
                           <p> Fernán Caballero: Brief an Matilde 5-IX-1860. In: <em>Cartas; coleccionadas y anotadas por el M. R. P. </em>
                              <em>Fray</em>
                              <em>
                                 <sub> </sub>
                              </em>
                              <em>Diego</em>
                              <em> </em>
                              <em>de</em>
                              <em> </em>
                              <em>Valencia</em>. Bd II. Madrid: Librería de los Sucesores de Hernando. 1919. S. 212.</p>
                        </footnote>.»</p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>Zusätzlich zu den soziokulturellen Gesichtspunkten muss auch der geographische Faktor berücksichtigt werden. Zwischen den ländlichen Gebieten und den Städten bestehen, die Bildungsangebote betreffend, ins Auge fallende Unterschiede: In den Provinzhauptstädten befinden sich einige private Mädchenschulen für Töchter der Mittelschichten, in den größeren Städten für Kinder des Großbürgertums und der Aristokratie. Außerdem ist es aus finanzieller Sicht einfacher, dort die von der Regierung bestimmte Zahl an Schulen einzurichten und für ausgebildete Lehrkräfte reizvoller, sich dort niederzulassen. </p>
               <p>Als Hauptstadt eines zentralistischen Landes verfügt Madrid über zusätzliches Prestige, hier gab es 1868 im Durchschnitt mehr Mädchenschulen und Lehrerinnen &#8211; je eine auf 28 Mädchen<footnote numbering="arabic" start="184">
                     <p> López Cordón, María Victoria: La situación de la mujer a finales del Antiguo Régimen&#8230; ed. cit. S. 76. Siehe Anhang B.</p>
                  </footnote> &#8211; als auf nationaler Ebene &#8211; je eine für 56 Schülerinnen<footnote numbering="arabic" start="185">
                     <p> Ebenda S. 76.</p>
                  </footnote>. Zum Teil deshalb waren, nach einer von Botrel erstellten Statistik<footnote numbering="arabic" start="186">
                     <p> Botrel, Jean-François: La novela por entregas: Unidad de creación y consumo. In: J.-F. Botrel, S. Salaün (Hrsg.): <em>Creación y público en la literatura española. </em>Madrid: Castalia. 1974. S. 133. S. 153.</p>
                  </footnote>, im Jahre 1860 schon 37,02% der Madrider Frauen alphabetisiert, eine Zahl, die weit über dem nationalen Durchschnitt von 9,05% liegt. Für das Jahr 1877 nennt er die Werte 47,09% alphabetisierter Frauen in Madrid gegenüber 14,68% auf nationaler Ebene.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N110FC" start="58"/>Die Entwicklung wird von Karl-Wilhelm Kreis in seinem o.g. Artikel wie folgt beschrieben:</p>
               <p>
                  <blockquote>
                     <p>«Einen Fortschritt stellte die 1847 verfügte landesweite Einrichtung von mindestens einer Mädchenschule in allen Ortschaften mit mehr als 500 Einwohnern dar, so dass für die Mitte des 19. Jahrhunderts (Daten von 1849) ein Anwachsen der Zahl spanischer Schülerinnen (an öffentlichen und privaten Schulen zusammen) auf 153 400 (gegenüber 88 513 um die Jahrhundertwende und rund 1000 im Jahre 1787) zu verzeichnen ist. Bei der Bewertung dieses relativen &#8222;Anstiegs&#8220; sind jedoch drei Aspekte kritisch zu berücksichtigen: 1.) das geschlechtsspezifische Bildungsangebot (die Zahl der Mädchenschulen wird von der Zahl der Jungenschulen um mehr als das Doppelte übertroffen), 2.) das Verhältnis zwischen weiblichem und männlichem Anteil (den 153 400 Schülerinnen stehen 516 117 Schüler gegenüber, deren Anteil gegenüber dem weiblichen also fast 3 1/2 mal so hoch ist) und 3.) der weibliche Anteil an der Schulbildung auf dem <em>nivel superior</em> (seit 1838 auch für Mädchen zugänglich gemacht) beträgt nur 6.6% (1552 Schülerinnen für ganz Spanien gegenüber 21 897 Schülern). Erst 1857 wurde in Spanien die allgemeine Schulpflicht auf dem <em>nivel elemental</em> eingeführt. Hinsichtlich des elementaren Bildungsstandes der spanischen Frau um die Mitte des Jahrhunderts ist generalisierend festzuhalten: Von den inzwischen über 15,6 Millionen Spaniern (7,9 Mill. Frauen, davon 4,1 Mill. bis 25 Jahre) sind nach einer Erhebung aus dem Jahre 1860 11,8 Mill. Analphabeten, davon &#8211; gegenüber rund 5 Mill. Männern, &#8211; 6,8 Mill. Frauen. Das bedeutet: Während bei den spanischen Männern die Rate des Analphabetismus zu diesem Zeitpunkt 61,9 % beträgt, ist beim weiblichen Bevölkerungsteil Spaniens von einer Rate von 90% auszugehen<footnote numbering="arabic" start="187">
                           <p> Kreis, Karl-Wilhelm: Zur Entwicklung der Situation der Frau in Spanien&#8230; ed.cit. S. 51 f. Als Vorlage für die angegebenen Zahlen dient Kreis folgender Artikel López-Cordón, María Victoria: La situación de la mujer a finales&#8230; ed.cit. S.102.</p>
                        </footnote>.»</p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>
                  <citenumber id="N11119" start="59"/>In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Ruf nach sozialen Reformen im Allgemeinen und nach besserer Bildung für Mädchen kontinuierlich lauter. Denn inzwischen war deren Notwendigkeit auf Grund des Glaubens an den von den Frauen auf die Männer ausübenden Einfluss nicht nur den fortschrittlicheren gesellschaftlichen Kräften des Landes deutlich geworden: </p>
               <p>
                  <blockquote>
                     <p>«Ein Mädchen gut erziehen nennt man für gewöhnlich, ihm einige Handarbeiten, das Tanzen und Musizieren beizubringen. Und das wird das sein, was das Wissen jener ausmacht, die eines Tages eine Familie führen sollen! Eine frivole Erziehung, deren wichtigstes Ziel sich darauf beschränkt, den Frauen seit ihrer frühesten Kindheit die Liebe zum Prunk, die Eitelkeit und den Stolz auf ihre körperlichen Reize einzuflößen<footnote numbering="arabic" start="188">
                           <p> E. de T.: Defectos de la educación de la mujer. In: <em>Ellas</em>.<em>Gaceta del Bello Sexo.</em> 7. November 1857. S. 50.</p>
                        </footnote>.» </p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>
                  <citenumber id="N11136" start="60"/>Die ewige Ignoranz des weiblichen Geschlechts machte die Frauen den Problemen der Gesellschaft gegenüber gleichgültig und verdammte sie außerdem, den letzten Abschnitt ihres Lebens, nachdem ihre Aufgaben von Kindergroßziehen und Hausführung beendet waren, in Langeweile und Isolierung, unter denen sie gewöhnlich litten, zu verbringen<footnote numbering="arabic" start="189">
                     <p> Siehe Geist, Angéla: <em>Das Bild der Frau bei&#8230;</em> ed.cit. S. 119-141.</p>
                  </footnote>. </p>
               <p>Das Frauenpressewesen macht sich zum Sprecher des weiblichen Begehrens nach Bildung und Wissen<footnote numbering="arabic" start="190">
                     <p> Siehe das Kapitel über die weibliche Presse in dieser Arbeit ab S. 123.</p>
                  </footnote>. 1851 bestand z.B. die Zeitschrift <em>Ellas. Órgano&#8230; </em>darauf, dass die Frauen für die Eroberung ihrer Rechte und Würde selbst kämpfen müssten und dass in diesem Kampf Bildung für sie gleichzeitig Waffe und Ziel sei: </p>
               <p>
                  <blockquote>
                     <p>
                        <citenumber id="N11159" start="61"/>«Frauen, bildet euch! Mütter, gebt euren Töchtern eine vollständige Ausbildung! Junge Mädchen, vergesst die Sorge, die euch über eure Imagination und über euer Talent so falsch urteilen lässt. Auf diese Sorge baut der Mann jene Unterdrückung auf, über die ihr lamentiert. Macht euch klar, dass, wenn anstatt nur einer kleinen Gruppe von Frauen, die schreiben und auf dem Gebiet der Literatur oder der Wissenschaft glänzen, der größte Teil von euch sich der Aufgabe widmen würde, ihre Intelligenz zu kultivieren, ihr eine schmeichelhaftere und vielversprechendere Herrschaft [über die Männer] ausüben könntet, als diese vergängliche scheinbare Macht, die letztlich nur auf den Reizen der Jugend basiert. Ihr würdet den Gefühlen, die ihr erweckt, Beständigkeit verleihen, ihr würdet euch aufrichtige Ehrung verdienen, ihr würdet öffentliche Hochachtung genießen und als Letztes würdet ihr diese Hälfte der Welt erobern, die euch als die Hälfte des ersten Wesens, das der Allmächtige schuf, sowieso zusteht (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="191">
                           <p> Die Sorge, von der im Artikel die Rede ist, beruht auf dem Vorurteil, dass eine kognitive Entwicklung bei der emotionalen Entfaltung, die als wesentlich weiblich empfunden wird, interferiert; sollte sich ein Mädchen zu Studium und Wissen hingezogen fühlen, wird ihr sofort von ihrer direkten oder indirekten Umgebung mit der Bedrohung, später nicht heiraten zu können und dadurch außerhalb der Gesellschaft zu stehen, davon abgeraten. E. de T.: Defectos de la educación de la mujer&#8230; ed.cit. S. 50.</p>
                        </footnote>.» </p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>Auch wenn in einigen Fällen die Ehe gleich nach der Schule erfolgt, wird den Familien empfohlen, den Mädchen zu Hause noch den &#8222;letzten Schliff&#8220; zu geben. Die Schuljahre sind im Prinzip nicht viel mehr als ein Zeitvertreib vor der Ehe, sie vermitteln den Frauen nicht einmal nützliche Kenntnisse für ihre zukünftige, gesellschaftliche Rolle. Autorinnen, wie María Pilar Sinués, die eine überzeugte Vertreterin der Bildung der Frau zum Nutzen der Familie war, beklagten diesen Zustand und hielten Hauswirtschaft für eine der wichtigsten Materien bei der Mädchenerziehung, denn ihrer Meinung nach war die Frage des Umgangs mit den finanziellen Mitteln der wichtigste Grund einer Ablehnung der Ehe seitens der Männer. Praktische Kenntnisse und Bildung im Allgemeinen waren, der Meinung solcher Autorinnen nach, einfach ein gutes Mittel, um heiraten zu können und um die Ehe für den Gatten angenehmer zu gestalten, aber nicht eine echte Förderung des weiblichen Geschlechts oder seiner Emanzipierung. </p>
               <p>Dies ist die Situation der großen Mehrheit der spanischen Mädchen, die sich im Laufe des Jahrhunderts nicht wesentlich ändert. Trotzdem und unabhängig von den Zielen der Mädchenbildung ist Ende des Jahrhunderts der Fortschritt deutlich erkennbar.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N1116F" start="62"/>
                  <blockquote>
                     <p>«In den alten Zeiten gingen Tugend und Ignoranz Hand in Hand. In den heutigen Zeiten wird die Ignoranz (&#8230;) von Eitelkeit und Laster gefördert. Die Frau, durch das Christentum aufgerichtet, hat eine edelmütige Bestimmung zu erfüllen und sie wird mit ihrer Aufgabe nicht anfangen oder anfangen können, solange der Mann die Lektion, die Eva ihm im Paradies erteilt hat, nicht vollständig versteht. Erst muss er den Einfluss, den die Frau auf ihn ausübt, einsehen. Dann wird er in seinem Herz die Notwendigkeit, die von den Frauen ausgeht, (&#8230;) ihn zum Guten, zum Licht und zur Wahrheit zu lenken (&#8230;), erkennen; dann, die Augen öffnend, wird er unsere Rechte [auf Bildung] anerkennen, uns diese zugestehen und zu seiner von ihm so genannten &#8222;schönen Hälfte&#8220; sagen müssen:</p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>
                  <blockquote>
                     <p>
                        <citenumber id="N1117F" start="63"/>&#8222;Steh auf Frau, ich rehabilitiere dich, vor dir steht das große Buch der Natur. Lerne! Die großen Geheimnisse des Wissens sollen vor dir nicht länger verschlossen bleiben. Dein Gewissen soll dir Licht geben, um deine Aufgabe auf Erden zu erfüllen<footnote numbering="arabic" start="192">
                           <p> Sáez de Melgar, Faustina: La mujer de ayer, de hoy la de mañana. In: <em>La Moda Elegante Ilustrada.</em> 32. August 1872. S. 262.</p>
                        </footnote>.»</p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>Man sollte nicht an der Relevanz der gesetzlichen Bestimmungen zweifeln, die zur &#8222;Erziehung&#8220; der Frau erlassen wurden, aber bis zur Hälfte des Jahrhunderts unternahm man seitens der offiziellen Institutionen sehr wenig, um diese durchzusetzen. </p>
               <p>
                  <link id="_Toc172444396"/>
               </p>
            </subsection>
            <subsection id="N1119A" label="II.2.2">
               <head>Das Moyano- Gesetz 1857</head>
               <p>Am 9-IX-1857 trat das nach dem damaligen Entwicklungsminister Claudio Moyano benannte Moyano-Gesetz in Kraft. Dieses Gesetz führte den Schulzwang für alle Kinder beider Geschlechter zwischen sechs und neun Jahren ein. Außerdem verpflichtete es die Gemeinden mit mehr als 500 Einwohnern, eine Schule mit räumlicher und programmatischer Trennung der Geschlechter zu eröffnen und zu unterhalten<footnote numbering="arabic" start="193">
                     <p> Siehe Ley de Instrucción Pública de Claudio Moyano, de 9 de septiembre de 1857. In: <em>Colección Legislat</em>
                        <em>i</em>
                        <em>va de España. </em>Bd LXXIII. Madrid: García Rico. 1916 S. 256-305. Der Text dieses Gesetzes wird zum Teil in Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230; </em>ed.cit. S. 147-149. wiedergegeben.</p>
                  </footnote>. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N111B8" start="64"/>Das Gesetz reglementierte zum ersten Mal das Lehrprogramm für Mädchen, auf eine Weise, die bis in das 20. Jh. hinein die geschlechtsspezifische Unterscheidung verfestigte und die Koedukation fast unmöglich machte. Es teilte die Grundschulausbildung, die <em>Ed</em>
                  <em>u</em>
                  <em>cación Primaria,</em> in zwei Stufen auf. Auf dem <em>Nivel Elemental</em> wurden die Mädchen in folgenden Fächern unterrichtet: Religion, Lesen und Schreiben, einschließlich Grammatik, sowie Rechnen; an Stelle der für die Schulbildung der Jungen vorgesehenen Vermittlung von Grundkenntnissen in Handel, Industrie und Landwirtschaft, tritt bei den Mädchen das traditionelle Fach &#8222;Handarbeiten&#8220;. Auf dem <em>N</em>
                  <em>i</em>
                  <em>vel Superior</em> werden zusätzlich, wie bei den Jungen, einige Grundkenntnisse in Geschichte und Geographie, mit dem Schwerpunkt Nationale Geschichte und Landeskunde, vermittelt; aber im Unterschied zum Unterricht in den Zusatzdisziplinen Geometrie/Linearzeichnen/Landesvermessung und Physik/Naturkunde<footnote numbering="arabic" start="194">
                     <p> Geometrie/Linearzeichnen/Landesvermessung sind drei Themenschwerpunkte, die zu einem Fach gehören. Das gleiche gilt für Physik/Naturkunde. </p>
                  </footnote> bei den Jungen, erhalten die Mädchen stattdessen Zeichenunterricht für Handarbeitsmuster u.Ä. und Grundkenntnisse der häuslichen Hygiene<footnote numbering="arabic" start="195">
                     <p> Siehe Colmenar Orzaes, María del Carmen: Contribución de la Escuela Normal Central de Maestros (sic) a la educación femenina en el siglo XIX (1858-1887). In: <em>Historia de la Educación. </em>2. 1983. S. 105-112.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>Zusätzlich empfiehlt das Gesetz die Schaffung von Fachhochschulen <em>Escuelas No</em>
                  <em>r</em>
                  <em>males </em>für weibliche Lehrkräfte in den Hauptstädten jeder Provinz. Die erste &#8211; die <em>Escuela Normal Central</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="196">
                     <p> Alle <em>Escuelas Normales </em>des Landes wurden in Juni 1868 vom Entwicklungsminister Severo Catalina geschlossen. Sie wurden erst nach der Revolution im gleichen Jahr vom Minister Manuel Ruiz Zorrilla wiedereröffnet.</p>
                  </footnote>
                  <em> &#8211; </em>wurde 1858<em> </em>in Madrid eröffnet, sie war nicht die erste pädagogische Fachhochschule für Frauen in Spanien überhaupt &#8211; seit 1832 waren einige, wie z.B. 1847 in Pamplona oder 1851 in Badajoz gegründet worden &#8211;, aber sie war die erste staatlich anerkannte Institution ihrer Art<footnote numbering="arabic" start="197">
                     <p> Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230; </em>ed.cit. S. 116; Kreis, Karl-Wilhelm: Zur Entwicklung der Situation der Frau in Spanien&#8230; ed.cit. S. 54.</p>
                  </footnote>. Die Ausbildung der Lehrerinnen dauerte zwei Jahre, ein Jahr für die <em>Elementar </em>und ein Jahr für die <em>Superior</em> Stufe. Voraussetzung für die Studentinnen waren Fertigkeiten, wie z.B. das Nähen eines Männerhemdes<footnote numbering="arabic" start="198">
                     <p> Die Voraussetzungen, um sich an der Madrider <em>Escuela Normal Central </em>einzuschreiben,<em> </em>waren im Jahre 1867 diese: «Die Kandidatinnen sollten im Sekretariat folgende Dokumente und Nachweise vorlegen: 1) Die Bewerbung mit Angaben zur Person, Adresse usw., die Zustimmung des Vaters, Ehemannes oder eines anderen Vormundes; 2) Taufurkunde, es werden keine Frauen angenommen, die jünger als 17 Jahre oder älter als 25 Jahre sind; 3) Führungszeugnis, vom Pfarrer und von einer zivilen Autorität erteilt; 4) Medizinisches Zeugnis mit dem Nachweis darüber, dass die Kandidatin an keiner ansteckender Krankheit leidet oder so behindert ist, dass sie für den Beruf ungeeignet ist; 5) Verheiratete oder verwitwete Frauen müssen einen Nachweis über ihren Familienstand vorlegen. Allgemeine Vorkenntnisse werden durch eine Prüfung nachgewiesen, praktische Kenntnisse in Handarbeit werden durch das Vorlegen folgender Arbeiten überprüft: 1) Ein Hemd mit allerlei verschiedenen Nähten; 2) Stickereien auf weißem Tuch nach französischer oder englischer Art; 3) Stickereien auf Seide, auf Stramin, Gobelinstickereien und aus lithographischen Vorlagen. Um sich für das zweite Jahr einzuschreiben, musste man den Abschluss <em>Maestra Elemental </em>inne haben.» Eguilaz y Bengoechea, César de: Escuela Normal Central de Maestras. Calle del Arco de Santa María. Núm. 1. cuarto principal. In: <em>La Mariposa. </em>
                        <em>Periódico Dedicado a las Señoras y Especialmente a las Profesoras de Instru</em>
                        <em>c</em>
                        <em>ción Primaria. </em>32. 16-VIII-1867. S. 3 f.</p>
                  </footnote>. Den Handarbeiten wurde so eine vorrangige Stelle eingeräumt, dass die Direktorin des Lehrzentrums persönlich das Fach unterrichtete.</p>
               <p>
                  <link id="_Toc172444397"/>
               </p>
            </subsection>
            <subsection id="N11239" label="II.2.3">
               <head>Das »Revolutionssexennium« (1868-1874) und der Zugang der Frauen zum Sekundar- und Hochschulwesen </head>
               <p>Das Dekret vom 21-X-1868 ermöglichte zum ersten Mal den Frauen den Zugang zum Sekundarschulwesen und sogar zur Universität. Der Entwicklungsminister manuel Ruiz Zorrilla schaffte die Vorbedingung des obligatorischen Besuches einer Schule, um das Recht, Reife- und Universitätsprüfungen abzulegen, ab. Da bis dahin keinerlei Lehrzentren des Sekundarschulwesens für Mädchen existierten, hatten sie auch dementsprechend keinen Zugang zu den Prüfungen. Dank des neuen Dekretes konnten sich die Mädchen entweder privat vorbereiten oder ein männliches Lehrzentrum besuchen<footnote numbering="arabic" start="199">
                     <p> Nach der Verordnung <em>Orden de la Dirección General de Instrucción Pública </em>vom 2-IX-1871 durften Mädchen männliche <em>Institutos</em> besuchen, in der gleichen Bestimmung wird jedoch der Privatunterricht empfohlen. Siehe Orden Número 1040, 2 de septiembre de 1871. In: <em>Compilación Legislativa de Instrucción Pública.</em> Bd III. Madrid: Imprenta de Fortanet. 1879. S. 212-213. Zum Teil in Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los di</em>
                        <em>s</em>
                        <em>cursos de género&#8230; </em>ed.cit. S. 149-150. wiedergegeben.</p>
                  </footnote> und trotzdem einen anerkannten Schulabschluss erhalten. In den nächsten Jahren wurde auch kein <em>Inst</em>
                  <em>i</em>
                  <em>tuto </em>für Mädchen eröffnet, sodass die wenigen Mädchen, die von ihrem Recht Gebrauch machen wollten, angesichts der Feindseligkeit, mit der sie in den männlichen Gymnasien betrachtet wurden und dem Unverständnis der Bevölkerung, oft zum Privatunterricht griffen<footnote numbering="arabic" start="200">
                     <p> Im <em>Instituto de Valencia</em> hatte man einige &#8220;Vorsichtsmaßnahmen&#8221; unternommen, so dass die Schülerinnen die Lehrer sehen und hören konnten, ohne selbst von den Schülern gesehen zu werden. Siehe Valentí, José Ignacio: <em>La mujer en la historia. </em>Palma de Mallorca: Establecimiento tipográfico de Gelabert. 1896. S. 189 f.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N11274" start="65"/>Das Bestreben vieler Frauen nach besserer Bildung entfachte eine Polemik in der Gesellschaft. Dem positivistischen Diskurs der Weiblichkeit nach, reduzierte sich das Wesen der Frau auf ihre biologisch determinierte, reproduktive Beschaffenheit. Durch verschiedene, auf philosophischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen Lehren basierende Erkenntnisse, versuchte der Mann die Frauen an ihrer intellektuellen Entwicklung zu hindern. Die Verfechter dieses Fortschritts versuchten ihrerseits anhand der Beispiele anderer Länder und sich auf das in Spanien mittlerweile erreichte Bildungsniveau stützend, zu demonstrieren, dass sich keine der von den &#8222;Wissenschaftlern&#8220; vorausgesehenen perniziösen Folgen bezüglich einer intellektuellen Förderung der Frau bewahrheiten würde<footnote numbering="arabic" start="201">
                     <p> Ebenda S.118. </p>
                  </footnote>.</p>
               <p>Während des Sexenniums wurden zum ersten Mal in Spanien laizistische, fortschrittliche, private Schulen eröffnet, die meisten davon standen unter dem Einfluss der auf die Lehre des deutschen Philosophen Krause aufbauenden spanischen <em>krausismo </em>Bewegung<footnote numbering="arabic" start="202">
                     <p> Siehe Febo, Guiliana di: Orígenes del debate feminista en España: La escuela krausista y la Institución de Libre Enseñanza (1870-1890). In: <em>Sistema. </em>12. 1976. S. 49-82.</p>
                  </footnote>. </p>
               <p>Wenige Frauen schafften es, ein Reifezeugnis &#8211; <em>Bachillerato &#8211;</em> zu erringen. Die erste, María Helena Maseras<footnote numbering="arabic" start="203">
                     <p> Flecha García, Consuelo: <em>Las primeras universitarias en España, 1872-1910. </em>Madrid: Narcea. 1996. S. 227.</p>
                  </footnote>, bestand die Prüfungen 1872, bekam ihre Abschlusszeugnisse allerdings erst 1875; 1874 gab es eine zweite Kandidatin, María Dolores Aleu Riera und 1877 beendete Martina Castells Ballespí erfolgreich den <em>Bachillerato. </em>Am 22-VII-1878 wurde eine Bestimmung erlassen<footnote numbering="arabic" start="204">
                     <p> Orden Número 1299, 22 de Julio de 1878. In: <em>Compilación Legislativa de Instrucción&#8230; </em>ed. cit. S. 789-790. zum Teil wiedergegeben in Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los di</em>
                        <em>s</em>
                        <em>cursos de género&#8230; </em>ed.cit. S. 150-151.</p>
                  </footnote>, nach der den Frauen explizit erlaubt wurde, den Grad des <em>Bachiller </em>zu erlangen, aber unter der Auflage, dass sie dieses nicht für die Ausübung eines Berufes qualifizierte, wie es bei den männlichen Schülern der Fall war.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N112BE" start="66"/>Die o.g. drei Frauen waren auch die ersten Studentinnen im spanischen Hochschulwesen, alle drei nahmen ein Studium der Medizin auf; Aleu und Castells<footnote numbering="arabic" start="205">
                     <p> «Der frühe Tod dieser ersten spanischen Ärztin [Martina Castell y Bellespí] im Kindbett wurde von Antifeministen öffentlich als abschreckendes Beispiel für junge Frauen mit ähnlichen Ambitionen hingestellt, ihr Tod auf die ein Frauengehirn überfordernde geistige Arbeit des Studiums zurückgeführt» Kreis, Karl-Wilhelm: Zur Entwicklung der Situation der Frau in Spanien&#8230; ed.cit. S. 67; Scanlon, Geraldine: <em>La polémica feminista en la España conte</em>
                        <em>m</em>
                        <em>poránea (1868 &#8211; 1974)</em>. Madrid: Siglo XXI. 1976. S. 72</p>
                  </footnote> beendeten dieses 1882 mit Erfolg, während Masera, durch die schlechte Behandlung und die ständigen Schikanen entmutigt kurz vor dem Abschluss ihr Studium abbrach.</p>
               <p>1881 gab es in ganz Spanien neun Studentinnen und 157 in <em>Institutos</em> eingeschriebene Schülerinnen insgesamt. Zwei königliche Dekrete erlaubten 1882<footnote numbering="arabic" start="206">
                     <p> Orbaneja y Majada: <em>Diccionario de Legislación de Instrucción Pública.</em> Valladolid: Establecimiento Tipográfico de Hijos de J. Pastor. 1889. S. 576. Zum Teil wiedergegeben in: Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230; </em>ed.cit. S. 153-154.</p>
                  </footnote> &#8211; wie bisher &#8211; den Mädchen das Erlangen des Reifezeugnisses, verboten ihnen jedoch den Besuch von Lehrzentren des Sekundarschulwesens und versperrten ihnen den Zugang zur Universität. Trotzdem gab es einige Frauen, die, von ihren Professoren und Dozenten in Schutz genommen, weiter studierten<footnote numbering="arabic" start="207">
                     <p> Ebenda S. 125 f.</p>
                  </footnote>. Erst 1910 erlangten die spanischen Frauen den Zugang zum Hochschulstudium ohne Auflage von Sonderbedingungen<footnote numbering="arabic" start="208">
                     <p> Verordnung vom 8-III-1910 in: <em>Colección legislativa de Instrucción Pública, Año de 1910. </em>Madrid: Imprenta de la Dirección del Instituto Geográfico y Estadístico. 1910. S. 104. Zum Teil wiedergegeben in: Ebenda  S. 156.</p>
                  </footnote>. Wie Flecha García in ihrer Untersuchung<footnote numbering="arabic" start="209">
                     <p> Siehe Flecha García, Consuelo: <em>Las primeras universitarias</em>&#8230; ed.cit. S. 227 -231.</p>
                  </footnote> angibt, studierten zwischen 1872 und 1910 insgesamt 74 Frauen in spanischen Universitäten; von ihnen absolvierten 53 ihr Studium erfolgreich, während der Rest aus verschiedenen Gründen aufgab. Einige Frauen erreichten sogar den Doktorgrad, die erste von ihnen war Ángela Carraffa de Nava, sie erlangte 1892 den Titel Doktor Phil.<footnote numbering="arabic" start="210">
                     <p> Ebenda S. 230.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>
                  <link id="_Toc172444398"/>
               </p>
            </subsection>
            <subsection id="N11314" label="II.2.4">
               <head>Wohltätige und andere private Bildungsinitiativen</head>
               <p>Wohltätigkeit wurde von den Frauen &#8211; insbesondere aus der Aristokratie und dem Großbürgertum &#8211; als die ideale Aufgabe der vollkommenen Dame verstanden. In Zusammenhang mit ihrem religiösen Glauben organisierten sich unzählige Frauen in Laien- oder Ordensorganisationen<footnote numbering="arabic" start="211">
                     <p> Siehe einige Beispiele in Rivière Gómez, Aurora: <em>La educación de la mujer&#8230;</em> ed.cit. S. 120-126.</p>
                  </footnote>, die Sozialarbeit in Krankenhäusern und Gefängnissen leisteten, Lebensmittel u.Ä. für Arme verteilten und sich um die Bildung von Mädchen und erwachsenen Frauen aus den untersten Schichten bemühten. Angesichts der großen Defizite des spanischen Bildungssystems &#8211; vor allem für die Mädchen &#8211;, leisteten solche wohltätigen Institutionen eine nicht zu unterschätzende Rolle, da sie für viele Mädchen die einzige Bildungsmöglichkeit darstellten. Das klassengesellschaftliche und konservative Verständnis weiblicher Ausbildung und Erziehung dieser Organisationen beschränkte jedoch die Palette der vermittelten Kenntnisse und Fertigkeiten stark. Diese Einrichtungen hatten außerdem ständig mit anderen Problemen, wie fehlende finanzielle Mittel, zu kämpfen<footnote numbering="arabic" start="212">
                     <p> Die Schriftstellerin Fernán Caballero erklärt sich in einem Brief als unwürdig, die Ehre, den Vizevorsitz einer Wohlfahrtsorganisation, den man ihr angeboten hatte, anzunehmen; sie erteilt trotzdem eine Reihe von Anweisungen oder Ratschläge an die zuständigen Damen, welche die Ziele und Probleme solcher Einrichtungen darstellen. Siehe Anhang C.</p>
                  </footnote>. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N11331" start="67"/>Die berühmteste unter den religiösen Kongregationen war die der <em>Adoratrices Escl</em>
                  <em>a</em>
                  <em>vas del Santísmo Sacramento y de la Caridad </em>(Sklavische Verehrerinnen des Heiligen Sakraments und der Barmherzigkeit), von der Vicomtesse von Jorbalán Micaela Desmaisières y López de Dicastillo 1845 gegründet. Die <em>Adoratrices </em>richteten in Madrid eine Schule<footnote numbering="arabic" start="213">
                     <p> Diese Schule &#8211; die <em>Casa de María Santísima de las Desamparadas,</em> nach ihrer Gründerin<em> </em>auch &#8220;Las Micaelas&#8221; genannt &#8211; wurde von Benito Pérez galdós in seinem Roman <em>Fortunata y Jacinta </em>(1886-1887) verewigt.</p>
                  </footnote> ein, um Prostituierte moralisch und beruflich zu bilden, d.h. ihnen die Prinzipien der katholischen, konservativen Moralvorstellungen einzutrichtern und sie an eine ihrer sozialen Schicht angemessene Arbeit zu gewöhnen, damit sie für ihren Lebensunterhalt auf eine &#8222;ehrbare&#8220; Weise selbst sorgen konnten. Sie wurden in Religion und Handarbeiten unterrichtet, konnten aber auch das Lesen und Schreiben erlernen<footnote numbering="arabic" start="214">
                     <p> Rivière Gómez, Aurora: <em>La educación de la mujer&#8230;</em> ed.cit. S. 124.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>Kurz nach Beginn der Revolution organisierten sich eine Reihe privater Initiativen zur Weiterbildung der Frauen, wie z.B. der im Dezember 1868 von Faustina sáez de Melgar gegründete<em> Ateneo de Señoras. </em>Der <em>Ateneo </em>war eine Wohltätige Institution, die sich dank der Mitgliedsbeiträge finanzierte. Ziel des <em>Ateneo </em>war, Frauen aus der Mittelschicht, die nach der Revolution in eine schwierige Lage geraten waren, auszubilden, damit sie einer ihrer Klasse angemessenen Arbeit nachgehen konnten. Die Schule des <em>At</em>
                  <em>e</em>
                  <em>neo </em>funktionierte nur von Februar bis Juni 1869, die ersten Schülerinnen legten ihre Prüfungen im Juni ab. Der Unterricht sollte im Herbst fortgesetzt werden, aber den Quellen nach fand er aus unpräzisierteren Gründen nicht mehr statt<footnote numbering="arabic" start="215">
                     <p> Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230; </em>ed.cit. S. 120.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>Die Erfahrung des <em>Ateneo</em> diente als Impuls für weitere ähnliche Initiativen. Im Februar 1869 eröffnete der Rektor der Madrider Universität, Fernando de Castro, eine Folge von insgesamt 14 Vorträgen für Frauen, die immer sonntags gehalten wurden. In diesen Vorträgen wurde das Bild der Frau im Sinne des Krausismus neu definiert. Ihr Lebensinhalt blieb ihre traditionelle Funktion als Ehefrau und Mutter, sie differenzierte sich von dem in der Gesellschaft geltenden Modell einzig und allein in ihrer Unabhängigkeit von den kirchlichen Institutionen. Damit diese neue Frau ihre Nachkommenschaft auf eine liberale und laizistische Art erziehen konnte, brauchte sie Kenntnisse, die die traditionelle Schulerziehung ihr nicht bieten konnte.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N11385" start="68"/>Angesichts des großen Erfolges seiner Vortragsreihe gründete Castro im Dezember 1869 eine krausistische <em>Escuela de Institutrices </em>(Lehrerinnenseminar) und im Oktober die <em>As</em>
                  <em>o</em>
                  <em>ciación para la Enseñanza de la Mujer </em>(Verein zur Förderung der Frauenbildung). Unter den Mitgliedern dieses Vereins findet man fast 80 Universitätsprofessoren und Gymnasiallehrer; dabei waren die wichtigsten Repräsentanten des <em>Krausimo</em> u.a. Francisco Giner de los Ríos, Ramón López de Vicuña, Juan Facundo Riaño, Gurmesindo de Azcárate und Pedro de Àlcantara García<footnote numbering="arabic" start="216">
                     <p> Siehe weitere Namen in ebenda S. 121.</p>
                  </footnote> vertreten. Dank der Beiträge der Mitglieder wurde die <em>Escuela de Institutrices </em>neu strukturiert, reglementiert und finanziell gesichert.</p>
               <p>Für<em> </em>einige Damen der Madrider Gesellschaft war es wichtig, sich solchen Institutionen anzuschließen und damit von dem Aufschwung der Frauenbildung zu profitieren, Concepción Arenal zum Beispiel gehörte gleichzeitig dem <em>Ateneo de Señoras, </em>der <em>E</em>
                  <em>s</em>
                  <em>cuela de Institutrices </em>und der <em>Asociación para la Enseñanza de la Mujer</em> an<footnote numbering="arabic" start="217">
                     <p> Siehe Marsa Vancells, Plutarco: <em>Concepción Arenal y la Institución de Libre Enseñanza</em>. Madrid: E.T. 1992. Über Concepción Arenal siehe Götzke, Stefanie: Concepción Arenal. In: U.Frackowiak (Hrsg.): <em>Ein Raum zum Schreiben. Schreibe</em>
                        <em>n</em>
                        <em>de Frauen in Spanien von 16. bis ins 20. </em>
                        <em>Jahrhundert</em>. Berlin: Edition Tranvía. Verlag Walter Frey. 1998. S. 124-134.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>Das Lehrerinnenseminar wurde schnell zur besten Schule des Landes, es unterwies nicht nur Lehrerinnen &#8211; 1878 besuchte die Hälfte der Absolventinnen der Madrider Fachhochschule <em>Escuela Normal Central </em>anschließend die <em>Escuela de Institutr</em>
                  <em>i</em>
                  <em>ces</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="218">
                     <p> Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230; </em>ed.cit. S. 121. Siehe auch Sáiz Otero, Concepción: <em>Un episodio nacional que no escribió Pérez Galdós: La revol</em>
                        <em>u</em>
                        <em>ción del 68 y la cultura femenina (Apuntes de psicología pedagógica). </em>Madrid: Victoriano Suárez. 1929. S. 29. S. 45.</p>
                  </footnote>
                  <em>&#8211;,</em> sondern auch Frauen, die sich einfach weiterbilden wollten<footnote numbering="arabic" start="219">
                     <p> Die <em>Escuela de Institutrices</em> war für Frauen viel attraktiver als die <em>Institución de Libre Enseñanza</em>, während leztere im Jahrgang 1886/87 nur zwei weibliche Schülerinnen hatte, besuchten 480 Mädchen das Lehrerinnenseminar. Siehe Solé romero, Gloria: <em>L</em>
                        <em>a instrucción de la mujer en la Restauración: La Asociación para la Ens</em>
                        <em>e</em>
                        <em>ñanza de la Mujer.</em> Tesis doctoral inédita. Madrid: Universidad Complutense. 1981. S. 267. Zitiert in Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230; </em>ed.cit. S. 121.</p>
                  </footnote>. Das Angebot an Unterrichtsfächern dieser Institution war für die Zeit revolutionär. Die Frauen hatten Zugang zu bis dahin für sie ausgeschlossenen Lehrdisziplinen wie Physik, Chemie, Geologie, Anthropologie, Botanik, Zoologie und weiteren Naturwissenschaften. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N11414" start="69"/>Die krausistische Bewegung trat im Allgemeinen für die Koedukation und für die Eröffnung einer Berufsperspektive für Mädchen ein, wenn auch unter bestimmten Auflagen. Mit diesem Ziel werden ab 1878 verschiedene Lehrzentren gegründet, die als eine Art Berufschulen Mädchen für die Arbeit in bestimmten Berufszweigen, wie beispielsweise in Postämtern, Bibliotheken oder Museen u.Ä., aus bilden sollen, darunter die <em>Escuela de Comercio para Señoras</em> (Handelsschule für Damen) und die <em>Escuela de Telegrafía </em>(Telegraphieschule).</p>
               <p>
                  <link id="_Toc172444399"/>
               </p>
            </subsection>
            <subsection id="N11425" label="II.2.5">
               <head>Die Pädagogikkongresse 1882-1892 </head>
               <p>Im letzen Drittel des 19. Jahrhunderts werden drei Pädagogikkongresse einberufen, der erste <em>Congreso Nacional Pedagógico </em>1882, der zweite <em>Congreso Nacional Pedagóg</em>
                  <em>i</em>
                  <em>co </em>1888 und der dritte <em>Congreso Pedagógico Hispano-Portugués-Americano </em>1892. In diesen Kongressen, an denen viele Frauen teilnehmen, wird die Lage des nationalen weiblichen Erziehungswesens erstmals vor einer größeren Öffentlichkeit diskutiert. </p>
               <p>Im ersten Nationalen Pädagogikkongress &#8211; mit 2 182 Teilnehmern, darunter 446 Frauen &#8211;, der Mai und Juni 1882 in Madrid stattfand<footnote numbering="arabic" start="220">
                     <p> Zum Thema der Pedagogikkongresse siehe Capel Martínez, Maria Rosa: La apertura del horizonte cultural femenino: Fernando de Castro y los Congresos Pedagógicos del siglo XIX. In: R.M. Capel Martínez (Hrsg.): <em>Mujer y sociedad en España 1700-1975. </em>Madrid: Ministerio de Cultura. Instituto de la Mujer. 1986. S. 113-145; Kreis, Karl-Wilhelm: Zur Entwicklung der Situation der Frau in Spanien&#8230; ed.cit. S. 55-57. Siehe außerem die Reihe von Beiträge der Kongresse, die in Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discu</em>
                        <em>r</em>
                        <em>sos de género&#8230; </em>ed.cit. S. 178-213 wiedergegeben werden.</p>
                     <p> Über diesen Kongress wird auch in der weiblichen Presse der Zeit berichtet. Siehe Bartolomé, E.: Congreso Pedagógico. In: <em>La Ilustración para la Mujer.</em> 8. 16-VI-1882. S. 118-121; 9. 1-VII-1882. S. 139-141; 10. 16-VII-1882. S. 156-158.</p>
                  </footnote>, widmete man die vierte und fünfte Sitzung der weiblichen Erziehung<footnote numbering="arabic" start="221">
                     <p> Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230; </em>ed.cit. S. 178.</p>
                  </footnote>. In dieser Zeit herrschte noch die Meinung, dass Mädchen durch das Erwerben der Lese- und Schreibfähigkeit moralisch korrumpiert werden könnten und dass eine intellektuelle Ausbildung nicht nötig sei, denn das Ziel der weiblichen Erziehung sei die Schaffung guter Hausfrauen und Mütter. Einige Teilnehmer beklagten, dass die Zahl der von dem Moyano- Gesetz von 1857 vorgesehenen einzurichtenden Mädchenschulen immer noch nicht erreicht worden war. Vertreter des <em>Krausismo</em> setzten sich für die Koedukation, für das Recht auf freien Zugang der Frauen zu allen Studiengängen und für den Ausbau weiblicher Lehreinrichtungen ein<footnote numbering="arabic" start="222">
                     <p> Capel Martínez, Maria Rosa: La apertura del horizonte&#8230; ed.cit. S. 126.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N11471" start="70"/>Man diskutierte auch darüber, ob Kindergärten und Vorschulen unter die Verantwortung von Frauen gestellt werden sollten. Diese Institutionen waren im Laufe des Jahrhunderts als Hort für Kinder der Arbeiterfrauen und Bäuerinnen geschaffen worden, für Kinder beider Geschlechter zwischen drei und sechs Jahren. Ab den siebziger Jahren versuchte man, sie zu strukturieren und mit einigen Lehrinhalten zu füllen, sodass die Kinder zusätzlich gebildet wurden<footnote numbering="arabic" start="223">
                     <p> Eine dieser Einrichtungen besuchte die spätere Vorsitzende der spanischen kommunistischen Partei Maria Dolores Ibarruri, auch als &#8222;La Pasionaria&#8220; bekannt. In ihren Memoiren beschreibt sie ihre Erfahrung so: </p>
                     <p>«Von dem Moment an, an dem wir die ersten Worte sprechen konnten, brachte man uns zu einer Art Vorschule, die schon viele Bergarbeiterkinder vor uns besucht hatten. In dieser Vorschule befreite die Lehrerin &#8211; für die kleine Gegenleistung von einer Peseta monatlich &#8211; unsere Mütter fast den ganzen Tag lang von der Betreuung der kleinen Kinder. Sie war gleichzeitig Kindermädchen und Pädagogin.</p>
                     <p>Diese Vorschule war in einem alten großen Haus untergebracht, sie war dunkel, kalt, feucht und es fehlte ihr jeden Reiz. Zwei sehr alte, vom vielen Deuten mit dem Zeigestock schon durchlöcherte Plakate &#8211; mit dem Alphabet in großen und kleinen Buchstaben &#8211; eine Schiefertafel und eine Landkarte Spaniens, die nie von ihrem Platz heruntergenommen wurde, um uns die geographische Lage der Dörfer und Städte unserer Heimat zu zeigen, bildeten das pädagogische Material unserer ersten Schule. </p>
                     <p>Unter der Schule, im Erdgeschoss, befand sich der &#8222;Hundezwinger&#8220; &#8211; das Dorfgefängnis &#8211; und dies verlieh der Schule eine monströse Eigenartigkeit. Der Fußboden der Einraumvorschule war auch gleichzeitig die Decke der Zellen des &#8222;Hundezwingers&#8220;. Durch die Löcher der von Würmern zerfressenen Dielen konnten wir die Männer sehen, die von der Justiz als gefährlich eingestuft und eingesperrt waren, fast immer handelte es sich um rebellische Bergarbeiter, die nach Befehl des Patrons oder wegen Sonntagsprügeleien verhaftet worden waren oder um Bettler. Diese Nähe, diese quasi Promiskuität zwischen Gefängnis und Schule (&#8230;) machte uns grausam und verwirrte unsere Gefühle. Die Idee, dass jeder, der gegen die Ordnung verstieß, ein Krimineller sei, der bestraft werden sollte &#8211;so begründete unsere Lehrerin die Festnahmen, die wir beobachteten &#8211; verleitete uns kleine Kinder dazu, diese Justiz zu unterstützen. Um die bösen Männer, die unter uns im Kerker waren, zu ärgern, machten &#8211; wenn die Lehrerin abgelenkt war &#8211; die etwas älteren Jungen Pipi oder sie warfen Wasser aus dem Krug durch die Risse des Bodens. Die Gefangenen wurden wütend und schrien, manchmal zogen sie ihre Schuhe aus und warfen sie gegen die Decke, sehr zur Freude der Übeltäter, die somit wussten, dass sie ins Ziel getroffen hatten. </p>
                     <p>Nach der Vorschule, als man sieben Jahre alt wurde, wechselten wir zur Volksschule, hin und wieder jedoch wurden die Kinder erst mit acht oder neun Jahren angenommen, weil es keinen freien Platz gab.» Ibarruri, Dolores: <em>El Único camino.</em>La Habana:<em> </em>Imprenta Nacional de Cuba. 1962. S. 58-59.</p>
                  </footnote>. Die Billigung seitens der Kongressteilnehmer, die Frau als Kindergärtnerin zu akzeptieren, bedeutete, dass ihr zum ersten Mal die Fähigkeit, einen Beruf außerhalb ihres Heimes auszuüben, anerkannt wurde.</p>
               <p>1882 war ein historisches Jahr, was die weibliche Bildung anbelangt. Der Minister albareda unternahm eine Reihe wichtiger Reformen; er restrukturierte die <em>Escuela No</em>
                  <em>r</em>
                  <em>mal Central</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="224">
                     <p> Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230; </em>ed.cit. S. 120.</p>
                  </footnote>
                  <em> </em>und erweiterte deren Lehrplan um einige Fächer, wie Französisch, Rechtswesen, Naturwissenschaften und Landeskunde. Andererseits konnten die Frauen, respektive eine kleine Gruppe von Schülerinnen des Lehrerinnenseminars, den Erfolg verbuchen, an einem vom Madrider <em>Ateneo </em>organisierten Kurs teilzunehmen<footnote numbering="arabic" start="225">
                     <p> Ebenda S. 119.</p>
                  </footnote>. Der <em>Ateneo</em> war eine der konservativsten, aber gleichzeitig eine der wichtigsten kulturellen Institutionen des Landes.</p>
               <p>Der zweite Pädagogikkongress fand im August 1888 in Barcelona statt und brachte «<em>im Kern nur Wiederholungen von bereits 1882 gestellten Forderungen</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="226">
                     <p> Kreis, Karl-Wilhelm: Zur Entwicklung der Situation der Frau in Spanien&#8230; ed.cit. S. 56.</p>
                  </footnote>
                  <em>.» </em>Unter den Beschlüssen ist das Verlangen nach gleicher Bildung der Geschlechter, die allerdings keine Koedukation impliziert, bis zum Alter von zwölf Jahren zu finden.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N114CA" start="71"/>Der in Madrid organisierte dritte <em>Congreso Pedagógico Hispano-Portugués-Americano</em> von Oktober 1892, der international gestaltet wurde, bedeutet einen großen Schritt nach vorne auf dem steinigen Weg zu einer gleichwertigen Ausbildung für Mädchen und Jungen, und stellt eigentlich eine Plattform für die allgemeine Diskussion der Frauenfrage in Spanien dar. Die Zahl der Teilnehmerinnen war quantitativ und qualitativ höher als in den letzten beiden Kongressen. 1882 hatten sich nur vier Frauen zu Wort gemeldet, 1892 waren es 21 gewesen, sechs von ihnen hatten sogar Berichte vorgetragen, darunter die Schriftstellerin Emilia Pardo Bazán und Concepción Arenal<footnote numbering="arabic" start="227">
                     <p> Siehe weitere Namen in Capel Martínez, Maria Rosa: La apertura del horizonte&#8230; ed.cit. S. 128 f.</p>
                  </footnote>. Aber wie Karl-Wilhelm Kreis behauptet:</p>
               <p>
                  <blockquote>
                     <p/>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>
                  <citenumber id="N114E3" start="72"/>
                  <blockquote>
                     <p>«Angesichts der gegebenen Mehrheitsverhältnisse blieben die Ergebnisse auch dieses als &#8222;großen Fortschritt&#8220; gefeierten 3. Kongresses beträchtlich hinter den Vorstellungen der progressiven Minderheit zurück. Konnte sich die Forderung nach gleicher Erziehung für die Frau (unter Ablehnung der Koedukation) noch als Mehrheitsbeschluß durchsetzten (&#8230;), so wurde der Sektionsbeschluß der Forderung nach freiem Zugang der Frau zur Berufsausbildung abschlägig beschieden und statt dessen ein restriktiver Kanon &#8222;weiblicher&#8220; Möglichkeiten entworfen, (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="228">
                           <p> Kreis, Karl-Wilhelm: Zur Entwicklung der Situation der Frau in Spanien&#8230; ed.cit. S. 57.</p>
                        </footnote>.»</p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>Die hohe Analphabetenrate unter den spanischen Frauen hatte also deutliche historische Ursachen, aber das Bildungsmanko wurde auch durch andere synchronisch bedingte Gründe verstärkt. Ergebnis davon war, dass am Anfang des 20. Jahrhunderts ein Unterschied zwischen nicht alphabetisierten Männern und Frauen von ca. 15% bestand, die ersten erreichten eine Quote von 55,8% und die zweiten von 71,4%<footnote numbering="arabic" start="229">
                     <p> Siehe Anhang B. </p>
                  </footnote>. Anders gesagt, Zweidrittel der weiblichen Bevölkerung Spaniens war 1900 immer noch nicht lesekundig. Nichts kann die Vorurteile der Männer im Allgemeinen und der öffentlichen und privaten Institutionen gegen die Bildung der Frauen besser darstellen als diese Zahlen. Diese Vorurteile wendeten sich jedoch gegen die eigenen Interessen der Männer, da sie ein negativer Faktor bei dem eigenen Alphabetisierungsprozess darstellten. </p>
               <p>
                  <link id="_Toc172444400"/>
               </p>
            </subsection>
         </section>
         <section id="N11508" label="II.3">
            <head>Die ersten Lektüren: das Kinderbuch</head>
            <p>
               <citenumber id="N1150F" start="73"/>Die Entwicklung der Kinderlesekultur steht in direkten Zusammenhang mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Stellung des Kindes. Sie ist aber auch abhängig von Bildungsniveau, Familienstruktur und den wirtschaftlichen Möglichkeiten, sowie von der Haltung der Verleger und der Buchhändler Kindern und Jugendlichen &#8211; als ein neuer, potenzieller Absatzmarkt &#8211; gegenüber; ferner von der Haltung der Autoren, die sich jener Leserschaft widmen wollen<footnote numbering="arabic" start="230">
                  <p> Über das Kinderbuch des 19. Jahrhunderts sie z.B. die Werke von Bravo Villasante, Carmen:<em> Historia de la lit</em>
                     <em>e</em>
                     <em>ratura infantil </em>
                     <em>española. </em>Madrid: Doncel. 3. Aufl. 1969; García Padrino, Jaime: <em>Libros y literatura para niños en la España contemp</em>
                     <em>o</em>
                     <em>ránea. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. </p>
               </footnote>. </p>
            <p>Die Anzahl der alphabetisierten Kinder wächst in Spanien im Laufe des 19. Jahrhunderts stetig, wenn auch weiterhin mit großem Unterschied zwischen den Geschlechtern; die Gewohnheit, aus der Lektüre ein Werkzeug für die individuelle Entwicklung des Kindes zu machen, etabliert sich nicht vor dem 20. Jahrhundert<footnote numbering="arabic" start="231">
                  <p> García padrino, Jaime: Las lecturas infantiles. In: V. Infantes, F. López, J-F. Botrel. (Hrsg.): <em>Historia de la edición y de la lectura en España 1472-1914. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 2003. S. 735-744.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>Das Lesen steht für Kinder und Jugendliche im 19. Jh. in direktem Bezug zur schulischen Ausbildung, die dort empfohlenen Bücher oder Pflichtlektüren sind für die Mehrheit ihre einzigen Lesestoffe. Typographische und inhaltliche Charakteristika folgen einer nützlichen und bildenden Absicht, <em>instruir deleitando</em> (unterhaltend belehren). Auch, wenn diese bildende Absicht von dem neuen bürgerlich liberalen Staat gefördert wird, im Hintergrund bleibt, was die schulische Bildung von Kindern und Jugendlichen anbelangt, die katholische Kirche als die das ganze Jahrhundert lang herrschende Kraft und sie verhält sich skeptisch &#8211; wenn nicht sogar direkt ablehnend &#8211;dem Lesen gegenüber<footnote numbering="arabic" start="232">
                  <p> Siehe Hibbs-Lissorges, Solange: <em>Iglesia, prensa y sociedad&#8230; </em>ed.cit.; Botrel, Jean-François: La Iglesia Católica y los medios de comunicación&#8230; ed.cit.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>
               <citenumber id="N11551" start="74"/>Für das spanische Kinder- und Jugendbuch wird es ein langer Weg, bevor es seinen Platz im Buchhandel findet<footnote numbering="arabic" start="233">
                  <p> García padrino, Jaime: Las lecturas infantiles&#8230; ed.cit. S 736.</p>
               </footnote>. Es richtet sich bis Ende des Jahrhunderts an die Mittel- und Oberschichten der Gesellschaft, weil nur hier seine potenziellen Käufer zu finden sind. Aufgrund des nicht funktionierenden Pflichtexemplargesetzes ist heute das einzige Kriterium, um eine diachronische Untersuchung des Kinderleseverhaltens durchführen zu können, die Auflagenzahl eines Titels; demnach werden in der ersten Hälfte des Jahrhunderts vor allem Übersetzungen und Bearbeitungen ausländischer Texte verlegt. Der wichtigste Titel unter diesen wäre <em>Les Aventures de Télémaque</em> (1695) von François de Salignac Fénelon. Man versucht, auch nationale Klassiker wie <em>El Quijote </em>(1605-1615) für Kinder zu bearbeiten<footnote numbering="arabic" start="234">
                  <p> Escolar Sobrino, Hipólito: Introducción. In: H. Escolar Sobrino (Hrsg): <em>Historia ilustrada del libro esp</em>
                     <em>a</em>
                     <em>ñol. La edición moderna. Siglos XIX y XX.</em> Bd III.<em> </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1996. S.71.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>Wie auf allen anderen Gebieten des spanischen Buchhandels lassen sich beim Kinderbuch französische Einflüsse deutlich erkennen. Als Beispiel kann man die zahlreichen Neuauflagen der Werke des Abbe Sabatier oder der <em>Comedie Infantil </em>von Louis Ratisbonne<em> </em>nennen. Kein Werk war jedoch so einflussreich wie das <em>Gianetto </em>(1849) von dem Italiener Luigi Alessandro Parravicini, dessen Übersetzungen und Bearbeitungen noch ein Jahrhundert später neue aktualisierte Auflagen, z.B. unter dem Titel <em>Juanito o el Tes</em>
               <em>o</em>
               <em>ro de las Escuelas </em>(Juanito oder der Schatz der Schulen) erlebten. Ein weiterer ausländischer Autor, der in Spanien immer wieder neue Auflagen erreichte, war der deutsche Jesuit Christoph von Schmid, dessen moralisierende Erzählungen sehr beliebt waren. Unter den spanischen Autoren überragt Luis Coloma, ebenfalls Jesuit, der von 1885 bis 1914 eine Reihe moralischer Geschichten für beide Geschlechter als <em>Colección de Lecturas Recre</em>
               <em>a</em>
               <em>tivas</em> (Bibliothek unterhaltender Lektüre) publizierte, in denen viele Elemente der nationalen und europäischen, volkstümlichen Tradition bearbeitet wurden<footnote numbering="arabic" start="235">
                  <p> García Padrino, Jaime: <em>Libros y literatura para niños&#8230; </em>ed.cit. S 200.</p>
               </footnote>.</p>
            <p>Die Konsolidierung einer Marktsparte für unterhaltende Kinderliteratur als Zusatz zu den schulischen Aktivitäten wurde durch die Gründung der ersten spezialisierten Verlagshäuser gefördert. Einige Verleger strebten, von pädagogischem Interesse geleitet, nach Mitwirkung bei der Bildung und Erziehung der Kinder. Bezeichnend für diese Entwicklung ist, dass die ersten Reihen dieser Verlagshäuser eine Mischung aus Schul- und Freizeitbuch mit mehr oder minder moralischen Inhalten darstellen, sodass diese als Preis für schulische Leistungen der Kinder angeboten und betrachtet wurden. </p>
            <p>
               <citenumber id="N115A5" start="75"/>Die ersten Verleger, die solch einer Linie folgten, etablierten sich zuerst in Barcelona und nicht in Madrid. Pionierarbeit leistete der 1852 gegründete Verlag von Juan Bastinos, der später von seinen Nachfolgern weiter geführt wurde. Ebenso aus Barcelona stammt der katholische Verlag Subirana. Aber der wichtigste aller Kinderverlage überhaupt wurde das 1876 in Madrid von Saturnino Calleja Fernández gegründete Verlagshaus<footnote numbering="arabic" start="236">
                  <p> García padrino, Jaime: Las lecturas infantiles&#8230; ed.cit. S 740.</p>
               </footnote> Calleja. «<em>Dieser revolutionäre Verleger war von der Signifikanz seiner Aufg</em>
               <em>a</em>
               <em>be überzeugt und er war sich ebenfalls der Macht des Buches über Gut und Böse b</em>
               <em>e</em>
               <em>wusst, da es eine stärkere beeinflussende Kraft bei der Verbreitung von Ideologien ausü</em>
               <em>b</em>
               <em>te als jedes andere Medium</em>
               <footnote numbering="arabic" start="237">
                  <p> Ebenda S. 739.</p>
               </footnote>
               <em>.»</em> Calleja empfand seine Arbeit als Mission und widmete sich dieser mit größter Hingabe, dabei baute er seinen Verlag zum wichtigsten im Lande<footnote numbering="arabic" start="238">
                  <p> García Padrino, Jaime: El libro infantil en el siglo XX. In: H. Escolar Sobrino (Hrsg): <em>Historia ilustr</em>
                     <em>a</em>
                     <em>da del libro español. La edición moderna. Siglos XIX y XX.</em> Bd III.<em> </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1996. S. 304-307.</p>
               </footnote> aus. Sein Verlag &#8222;hispanisierte&#8220;<footnote numbering="arabic" start="239">
                  <p> Siehe das Vorwort zu Collodi, Carlo: <em>La aventuras de Pinocho. </em>Hrsg.: E. Benitez Eiroa. Madrid: Alianza. 1972. S. 24-27.</p>
               </footnote> viele bekannte internationale, literarische Stoffe, wie Collodis Pinocchio Märchen der Gebrüder Grimm oder Andersens, die Abenteuer des <em>B</em>
               <em>a</em>
               <em>rons</em> <em>Münchhausen </em>u.a., sowohl durch die Übersetzung der Figurennamen als auch durch beachtliche inhaltliche Veränderungen, die nicht nur dem spanischen kulturellen Kontext besser entsprachen, sondern auch der Geisteshaltung des Verlegers<footnote numbering="arabic" start="240">
                  <p> Aber nicht alle waren mit den fortschrittlichen Ideen Callejas einverstanden, vor allem die Kirche griff ihn mit größter Virulenz an. Botrel, Jean-François: La Iglesia Católica y los medios de comunicación&#8230; ed.cit. S. 156 f.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>Das Kinderbuch war zu Beginn des Jahrhunderts alles andere als lesefreundlich und altersgerecht, die progressive Anpassung an das kindliche Publikum basiert auf die Vergrößerung der Formate und der Typen und auf eine wachsende Anzahl dank der Chromolithographie kolorierter Illustrationen<footnote numbering="arabic" start="241">
                  <p> Siehe Vélez i Vicente, Pilar: La ilustración del libro en España&#8230; ed.cit. S. 220 f.</p>
               </footnote>, hierbei zeichnet sich das Verlagshaus Calleja aus. </p>
            <p>Nach dem Prinzip der unterschiedlichen, geschlechtsspezifischen Erziehung der Kinder findet man meistens differenzierte Lesebücher für Mädchen und Knaben. Auch wenn die Bücher für beide Leserschaften von moralischen, belehrenden Inhalten bestimmt sind, bleibt das Angebot der Lesestoffe für Jungen reichhaltiger, vor allem, die unterhaltende Literatur betreffend. So wurden für beide Geschlechter konzipierte Texte herausgebracht, darunter z.B. Sammlungen der Märchen Perraults, Grimms, Andersens, Hauffs oder Carmen Silvas; diese beinhalten per se wie gehabt die allgemein bekannten Charakteristika der Geschlechtertrennung. </p>
            <p>
               <citenumber id="N11614" start="76"/>Die meisten Autoren von Kinderbüchern, auch diejenigen, die für das weibliche Lesepublikum schrieben, waren Männer. Diese Art von Literatur, unabhängig davon, ob es sich um Handbücher oder um unterhaltende Stoffe handelt, bot aber auch den Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts ein ideales Feld zur Entfaltung ihrer Talente, das in der Gesellschaft, im Hinblick auf die den Frauen zugeschriebenen erziehenden und moralisierenden Aufgaben, große Akzeptanz genoss. Demzufolge verschmähte fast keine unter ihnen das Schreiben von Kinderliteratur und wir finden Werke &#8211; in Prosa und Versen &#8211; von Autorinnen, wie u.a. Fernán Caballero, Carolina Coronado, Ángela Grassi, María del Pilar Sinués, Faustina Sáez de Melgar, Rosario de Acuña und Emilia Pardo Bazán<footnote numbering="arabic" start="242">
                  <p> Siehe Simón Palmer, María del Carmen: <em>Escritoras españolas del siglo XIX. Manual bio-bibliográfico.</em> Madrid: Castalia. 1991. </p>
               </footnote>. Es gibt außerdem eine große Anzahl, die Lehrerinnen waren, wie z. B. die in Kinderbüchern spezialisierte, äußerst produktive und immer wieder neu aufgelegte Pilar Pascual de Sanjuan, deren wichtigstes Werk<em> Flora o la educación de una niña </em>(Flora oder die Erziehung eines Mädchens) (1881)<footnote numbering="arabic" start="243">
                  <p> Siehe Pascual de San Juan, Pilar: <em>Flora o la educación de una niña. </em>Barcelona: Faustino Paluzíe. 1881. Das Buch war 1888 von einer königlichen Bestimmung als Lesebuch für Mädchenschulen genehmigt worden. Das Werk beinhaltet, in drei Abschnitte aufgegliedert, u.a. folgende Kapitel, die als Modell für ähnliche Bücher gelten können: Erster Teil mit dem Titel «Flora als kleines Kind»: Die moralische Erziehung beginnt in der Wiege, Egoismus, Rache, die Idee von Gott, die materielle Sünde, die moralische Sünde, die Reue, die Insekten. Im zweiten Teil mit dem Titel «Flora als Mädchen» finden wir: der Schulanfang, die Freundinnen, die stolzen Kinder, die Geschichte Spaniens, die fromme Anbetung, Respekt des Eigentums, die Sonne und der Mond, das Wasser, die Pflichten der Familie, Verhalten während der Messe, die Geschichte der Naturwissenschaft, ein Dichter, die Literatur, häusliche Hygiene und weitere Kapitel über spanische Geschichte; im dritten mit dem Titel «Flora als junge Frau» werden folgende Themen behandelt: die Besuche, die Lotterie, die Pflichten einer Hausfrau, von Herrinnen und Dienstmädchen und einige Naturphänomene. Das Werk enthält ein Glossar.</p>
               </footnote>
               <em> </em>dreizehnmal neu aufgelegt wurde und deren Sammlung instruktiver Lektüren <em>Escenas de familia. </em>
               <em>Continuación de Flora, libro de le</em>
               <em>c</em>
               <em>tura para niños y niñas </em>(Familienbilder. Fortsetzung von Flora. Lesebuch für Jungen und Mädchen) (1891)<footnote numbering="arabic" start="244">
                  <p> Siehe Pascual de San Juan, Pilar: <em>Escenas de familia.Continuación de Flora, libro de lectura para niños y n</em>
                     <em>i</em>
                     <em>ñas. </em>Barcelona: Faustino Paluzíe. 1891.</p>
               </footnote> zehn Auflagen erlebt. Bei der Geschichte von <em>Flora</em> handelt es sich um das spanische weibliche Pendant zu Parravicinis <em>Gianetto, </em>die nach der persönlichen Beauftragung des Verlegers Paluzíe aus Barcelona von Pascual de Sanjuan verfasst wurde: </p>
            <p>
               <blockquote>
                  <p>«In Anbetracht des außergewöhnlichen Erfolges, der seit 1836 (sic) das <em>J</em>
                     <em>u</em>
                     <em>anito </em>von Parravicini genießt, hatte ich mehr als einmal darüber nachgedacht, ein Buch herauszugeben, das die gleiche Sammlung nützlicher Anregungen für Mädchen anbiete, die jenes Werk für die gute Erziehung und Bildung von Knaben enthält. </p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>
               <citenumber id="N1166B" start="77"/>
               <blockquote>
                  <p>In der festen Absicht, mir diesen Wunsch zu erfüllen, beauftragte ich schließlich mit dem Verfassen des Werkes &#8211; das ich heute dem Urteil der Mentorinnen des schönen Geschlechts unterwerfe &#8211; die angesehene Lehrerin und öffentliche Schriftstellerin Frau Pilar Pascual de Sanjuán. Für ihre Qualitäten zeugen die vielen von ihr herausgegebenen bildenden Werke, die vom Ministerium als Lehrbuch genehmigt wurden, und die ihr wohlverdientes Lob und viele Preise eingebracht haben.</p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>
               <blockquote>
                  <p>
                     <citenumber id="N1167B" start="78"/>Achten Sie, verehrte Lehrerinnen, auf dieses Buch und Sie werden darin erkennen, dass die Autorin bei der Konzeption und Entstehung des Werkes die richtige Methode anwendet; denn sie nimmt sich Flora seit ihrer zartesten Kindheit an und trennt sich nicht von ihr, bis sie, Flora, verheiratet und auf dem besten Wege ist, so eine gute Ehefrau und Mutter zu werden, wie sie schon eine sehr gute Tochter gewesen ist. Deswegen glaube ich, dass dieses für Mädchen sehr nützliche Werk von den Lehrerinnen einstimmig angenommen wird und dass ich durch seine Wertschätzung und Akzeptanz die Belohnung für die guten Absichten, die mich ermutigen, und für die Mühe, die ich in die Verbesserung der Erziehung meiner geliebten Heimat investiere, bekommen werde<footnote numbering="arabic" start="245">
                        <p> Paluzíe, Faustino: Prólogo del editor. In: Pascual de Sanjuán, Pilar: <em>Flora o la educación&#8230; </em>ed.cit. S. V-VI.</p>
                     </footnote>.» </p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>Unterhaltende Lektüre für Mädchen wird bis zur Jahrhundertwende als höchst problematisch angesehen, denn sie gilt als die Imagination und somit die Irrationalität der Frauen fördernd; aufgrund dessen ist es schwierig, Werke zu finden, in denen die pädagogischen Elemente nicht überragen. Seit ihrem frühesten Alter an lehrt man sie: die Wichtigkeit von Verhaltensregeln, das Spielen, das Betten, die Hygiene, ihre zukünftige Bestimmung als Ehefrau und Mutter, ihre Unterwerfung den Eltern und später dem Ehemann gegenüber usw. </p>
            <p>Die erhaltenen Lehrpläne der Mädchenschulen<footnote numbering="arabic" start="246">
                  <p> Siehe mehrere Beispiele in Simón Palmer, María del Carmen: <em>La enseñanza privada seglar&#8230; </em>ed.cit.</p>
               </footnote> führen als adäquate Lesestoffe zum Beispiel <em>El libro de oro de las niñas </em>(1853) von Antonio Pirala<footnote numbering="arabic" start="247">
                  <p> Pirala, Antonio: <em>El libro de oro de las niñas.</em>3. Aufl.<em> </em>Madrid: Imprenta de M. Minuesa. 1853.</p>
               </footnote>, Samaniegos oder Iriartes <em>Fábulas </em>(Fabeln), Naharros <em>Método de lectura </em>(Leselehrbuch), <em>La joven. Le</em>
               <em>c</em>
               <em>ciones de urbanidad para niñas </em>(Die Junge Frau. Benimmunterricht für Mädchen) (1870)<em> </em>von María Orbera<footnote numbering="arabic" start="248">
                  <p> Orbera, María: <em>La joven. Lecciones de urbanidad para niñas. </em>Barcelona: Imprenta M.. 1870.<em> </em>
                  </p>
               </footnote>, <em>La señorita instruida o sea manual del bello sexo</em> (Das gebildete Mädchen, Handbuch des schönen Geschlechts) von Felipa Máxima de Cabeza<footnote numbering="arabic" start="249">
                  <p> Siehe Cabeza, Felipa Máxima de: <em>La señorita instruida, o sea manual del bello sexo. Aumentada not</em>
                     <em>a</em>
                     <em>blemente por Doña Paula de Cabeza. </em>Madrid: Imprenta de las Escuelas Pías. 1859. Dieses als Beispiel für gängige Lehrbücher geltende Werk, ist wie folgt aufgebaut. In drei Teile aufgeteilt, widmet es den ersten der Nähkunst mit dem Hinweis, die Mädchen ab vier Jahren in dieser Tätigkeit zu unterweisen. Im zweiten Teil werden die Mädchen in Orthoepie &#8211; als Übung werden einige Hagiographien, Verse und dramatische Lyrik angeboten &#8211;, in der katholischen Doktrin, in Grammatik &#8211; Lexikologie, Syntax, Orthographie, Prosodie &#8211;, in Arithmetik, in Kaligraphie und in gutem Benehmen unterrichtet. Der dritte Teil besteht aus einem Dialog zwischen den Geschwistern Juanito und Clotilde. Der ältere Bruder erläutert dem Mädchen auf dessen Verlangen verschiedene Sachverhalte aus den Naturwissenschaften, aus der Linguistik, Geographie, Geschichte usw. </p>
               </footnote>, <em>La educación de las niñas por la historia de españolas ilustres </em>(Die Mädchenerziehung aus der Geschichte berühmter Spanierinnen) von Monreal<footnote numbering="arabic" start="250">
                  <p> Monreal, Luciana Casilda: <em>La educación de las niñas por la historia de españolas ilustres. </em>Madrid: Imprenta del Hospicio. 1873.</p>
               </footnote> oder der o.g. <em>Flora </em>von pascual de Sanjuán an. Andere Lesetexte sind z.B. Matilde García del Real <em>Los animales tr</em>
               <em>a</em>
               <em>bajadores </em>(Die arbeitenden Tiere) (1884)<footnote numbering="arabic" start="251">
                  <p> García del Real, Matilde: <em>Los animales trabajadores. </em>Madrid: Álvarez Hermanos. 1884.</p>
               </footnote>, Luisa Escuderos <em>El consejero de las niñas. Colección de cuentos y leyendas, en prosa y verso, dispuestas para servir de lect</em>
               <em>u</em>
               <em>ra en las escuelas de niñas </em>(Der Ratgeber der Mädchen, Märchen- und Fabelsammlung in Prosa und Versen, bearbeitet, um als Lektüre in Mädchenschulen zu dienen) (1877)<footnote numbering="arabic" start="252">
                  <p> Escudero, Luisa: <em>El consejero de las niñas. Colección de cuentos y leyendas, en prosa y verso, dispuestas para servir de lectura en las escuelas de niñas. </em>Madrid: Lib. de González y Férriz. 1873. </p>
               </footnote>
               <em> </em>oder Ángela Grassis&#8217; <em>Palmas y laureles. </em>
               <em>Lect</em>
               <em>u</em>
               <em>ras instructivas </em>(Palmen und Lorbeer. Lehrreiche Lektüren) (1876)<footnote numbering="arabic" start="253">
                  <p> Grassi, Ángela: <em>Palmas y laureles. Lecturas instructivas. </em>Barcelona: Juan y Antonio Bastinos. 1884.<em> </em>
                  </p>
               </footnote> mit einem Vorwort von Carlos Frontaura<footnote numbering="arabic" start="254">
                  <p> Das Vorwort Frontauras ist eine Elegie an die bereits verstorbene Ángela Grassi. Über das Buch schreibt er:</p>
                  <p>«Das ganze Buch ist von solch schönen Gedanken erfüllt, dass ich mit lauter Stimme verkünde, dass dies unter allen Büchern, die in die Hände der Jugend gehören, eines der Besten ist. Es ist so ein entzückendes Buch, dass es uns vergnügt, bildet und unsere moralische Gesinnung formt. Ich finde es dermaßen schön, dass ich ohne zögern, behaupte, es zu lesen sei ebenso reizvoll für das Kind wie für den Erwachsenen.» Siehe Grassi, Ángela: <em>Palmas y laur</em>
                     <em>e</em>
                     <em>les&#8230;</em> ed.cit. S. XII. </p>
               </footnote>, das erstmals 1876 in Caracas herausgegeben wurde und erst 1884, nach dem Tode der Autorin, in Spanien erschien. Darin dient das Tagebuch einer Mutter als literarisches Mittel zum Zweck, um ein kleines, bildendes Lexikon aufzubauen<footnote numbering="arabic" start="255">
                  <p> Auf ähnliche Weise wie <em>Flora</em> aufgebaut, werden in Form eines Tagebuches und einer Reihe von Briefen einer Mutter an ihre Kinder, Kenntnisse über unterschiedliche Materien vermittelt, wie z.B. über die Naturwissenschaften, über die Gewinnung verschiedener Produkte, über andere Völker, über Malerei oder Literatur. Als empfehlenswerte  Autoren benennt sie unter den ausländischen Wieland, Hoffman, Goethe, Schiller, Heine, Tieck, Scott, Dickens, Byron, Fielding, Richardson und Shakespeare und unter den zeitgenössischen spanischen Schriftstellern Quintana, Zorrilla und Espronceda. Außerdem beinhaltet das Werk eine Reihe von beratenden Kapiteln für junge Frauen, über die Art sich zu kleiden und zu schmücken, über Mode im Allgemeinen, über das Möblieren der Wohnungen, über Handarbeiten u.Ä.</p>
               </footnote>.</p>
            <p>
               <citenumber id="N11759" start="79"/>Das A und O, ein Muss der Lektüre für Mädchen, ist und bleibt allerdings der Katechismus und andere fromme Texte.</p>
            <p>Für die etwas älteren Mädchen, die sich auf ihren Auftritt in die Gesellschaft und auf die Ehe vorbereiten, wurden nicht minder unzählige, erziehende Abhandlungen herausgebracht. Viele von ihnen waren Übersetzungen berühmter Werke aus dem Ausland, hauptsächlich aus Frankreich, wie beispielsweise die Werke<em> </em>von Madame Le Prince de Beaumont oder das Buch Dupuys&#8217; <em>Instrucción de un padre a su hija sobre las mater</em>
               <em>i</em>
               <em>as más importantes de la religión, costumbre y modo de portarse en el mundo </em>(Erziehung einer Tochter durch ihren Vater über die wichtigsten Gegenstände der Religion, der Sitten oder des Benehmens in der Welt)<footnote numbering="arabic" start="256">
                  <p> Dupuy: <em>Instrucción de un padre a su hija sobre las materias más importantes de la religión, costumbre y modo de porta</em>
                     <em>r</em>
                     <em>se en el mundo.</em> 2 Bd. Barcelona: A. Bergnes y C. <sup>ia</sup>. 1831.</p>
               </footnote> und andere Werke von Autorinnen, wie Mme. Celnart, Mme. Campan, die Herzogin von Genlis oder Autoren, wie Paolo Mantegazza u.a.<footnote numbering="arabic" start="257">
                  <p> Simón Palmer, María del Carmen: La mujer lectora. In: V. Infantes, F. López, J-F. Botrel. (Hrsg.): <em>Historia de la edición y de la lectura en España 1472-1914. </em>Madrid:  Pirámide.  Fundación Germán Sánchez Ruipérez.  2003. S. 748. </p>
               </footnote>. </p>
            <p>Auch spanische bekannte Schriftstellerinnen wie Faustina Saéz de Melgar, María Pilar Sinués oder María de la Peña brachten Abhandlungen dieser Art heraus<footnote numbering="arabic" start="258">
                  <p> Siehe faustina Sáez de Melgar <em>Manual de la joven adolescente o un libro para mis hijas. </em>Barcelona: Librería de Juan y Antonio Bastinos. 1881. Maria Pilar Sinués: <em>Un libro para las jóvenes</em>. Madrid: Imprenta de los Hijos de J.A. García. 1879. María de la Peña: <em>Entr</em>
                     <em>a</em>
                     <em>da en el Mundo. Guía de Señoritas en el gran mundo. </em>Madrid: Imp. de M. 1875.</p>
               </footnote>. Nicht alle, mit erzieherischen Zielen herausgegebenen Lesestoffe werden einstimmig als solche angenommen. Als Eugenio de Ochoas Übersetzung des Werkes der Herzogin Laureana (1894) <em>Para ser elegante. </em>
               <em>Segunda parte de para ser am</em>
               <em>a</em>
               <em>da. </em>
               <em>La eterna seducción </em>(Um elegant zu sein. Zweiter Teil von: um geliebt zu werden. Die ewige Verführung)<footnote numbering="arabic" start="259">
                  <p> Laureana, Duquesa: <em>Para ser elegante. La eterna seducción</em>.<em> Segunda parte de para ser amada</em> Madrid: Bailly Bailliere e Hijos. 1894; von der gleichen Autorin siehe Laureana, Duquesa: <em>P</em>
                     <em>ara ser amada: Consejos de una c</em>
                     <em>o</em>
                     <em>queta. Secretos femeniles. </em>Librería Editorial de D. Carlos Bailly Bailliere. 1887.</p>
               </footnote> erschien, empörte das Werk viele Frauen und es veranlasste die Direktorin der Pädagogikfachhochschule <em>Escuela Normal </em>Valencias María Carbonell, eine Widerlegung zu schreiben: <em>Coqueterías. </em>
               <em>Sencillo episodio de la vida íntima </em>(Koketterien. Einfache Episode aus dem Intimleben) (1897)<footnote numbering="arabic" start="260">
                  <p> Carbonell, María: <em>Coqueterías. Sencillo episodio de la vida íntima</em>. Valencia: Imp. De Ripollés. 1897.</p>
               </footnote>. Carbonell hielt die Schrift der Herzogin für moralisch fragwürdig und bezeichnete sie als Idolatrie der privilegierten Mädchen, die Reichtum und Schönheit gleichzeitig besitzen, und als eine Beleidigung für die schlichteren oder weniger anmutigen jungen Frauen<footnote numbering="arabic" start="261">
                  <p> Simón Palmer, María del Carmen: La mujer lectora&#8230; ed.cit. S.748.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>
               <citenumber id="N117EC" start="80"/>Unterhaltende Lektüren für Mädchen in Form von Romanen, Erzählungen oder Lyrik verfolgen die gleichen Ziele wie die o.g. erziehenden und moralisierenden Abhandlungen. Als Grundlage der Handlungsabläufe stehen immer die für die <em>Domestic Literature</em> charakteristischen,<em> </em>beispielgebenden stereotypischen Figuren. Im Vordergrund der Geschichten stehen die Pflichten der werdenden Frau ihrer Familie, d.h. den Eltern, Großeltern, Geschwistern und dem zukünftigen Ehemann und Kindern und der Gesellschaft gegenüber<footnote numbering="arabic" start="262">
                  <p> Siehe z.B. das Werk <em>Novelas cortas </em>von Sinués, das folgende Erzählungen beinhaltet: <em>El Tesoro de la casa</em> (Der Schatz des Hauses) über eine zwar nicht anmutige, aber überaus tüchtige Waise, die das Glück der Familie ihres Onkels ausmacht, ihre frivole Cousine beschämt und auf den richtigen Weg bringt; <em>Filipina, </em>eine historische Erzählung über Filipinne de Dampierre und ihre traurige Geschichte; <em>La corona nupcial </em>(Der Hochzeitskranz) Erzählung über die moralische Überlegenheit der Armen den Reichen gegenüber, aber vor allem über die Wichtigkeit des Heiratens innerhalb des eigenen Standes; <em>Modestia y vanidad </em>(Bescheidenheit und Eitelkeit) eine Erzählung über die richtigen Kriterien, um einen Ehemann auszuwählen; <em>La maestra de escuela</em> (Die Schullehrerin), die idealisierte Geschichte einer Dorflehrerin, die einen standesgemäßen Ehemann findet. Sinués de Marco, María del Pilar: <em>Novelas cortas.</em> Madrid: Juan Roldán. 1890.</p>
               </footnote>. </p>
            <subsection id="N11813" label="II.3.1">
               <head>
                  <link id="_Toc172444401"/>Kinderzeitschriften</head>
               <p>Kinderzeitungen oder -zeitschriften dienten dem Versuch, das Lesen innerhalb aller Schichten der Gesellschaft zu fördern. Allem Enthusiasmus dieser journalistischen Unternehmungen &#8211; bei denen oft die Funktion des Verlegers, des Herausgebers und Redakteurs von ein und derselben Person erfüllt wurden &#8211; zum Trotz, gab es eigentlich sehr wenige unter ihnen, die das mangelnde Interesse sowohl an solchen Lesestoffen als auch an einer Besserung des allgemeinen Bildungsniveaus des Landes aufseiten des Publikums überwinden und damit überleben konnten<footnote numbering="arabic" start="263">
                     <p> Über das Thema siehe Bravo Villasante, Carmen:<em> Historia de la literatura infantil&#8230;</em> ed.cit. S. 85-92.</p>
                  </footnote>. </p>
               <p>Die erste Kinderzeitung <em>La Gaceta de los Niños </em>(Die Kindergazette)<em> </em>erschien ab 1798 in Madrid zwei Jahre lang. 1840 erscheint auch in Madrid eine zweite Publikation dieser Art <em>El Amigo de la Niñez </em>(Der Freund der Kindheit), gefolgt von einer Reihe kurzlebiger Kinderperiodika<footnote numbering="arabic" start="264">
                     <p> Cazottes, Gisèle: Elements de caractérisation de la presse madrilène pour les jeunes à la fin de XIX<sup>e </sup>siècle (1870-1885). In : <em>Iris. </em>2. 1989. S. 1.</p>
                  </footnote>, wie z.B. <em>El Álbum de los Niños </em>(Das Kinderalbum) (1845), <em>La Ilustración de los Niños </em>(Die Kinderillustrierte) (1849), geleitet von Francisco Morales de Castilla &#8211; nach der zweiten Ausgabe erscheint sie unter dem Namen <em>La Ed</em>
                  <em>u</em>
                  <em>cación de los Niños</em> (Die Kindererziehung)<footnote numbering="arabic" start="265">
                     <p> Siehe Bravo Villasante, Carmen:<em> Historia de la lit</em>
                        <em>e</em>
                        <em>ratura infantil&#8230;</em> ed.cit. S. 85 f.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N11865" start="81"/>Erst 1870 wird in Madrid die erste anspruchsvolle Kinderzeitschrift herausgebracht, nämlich <em>Los Niños </em>(Die Kinder) (1870-1877) von dem Schriftsteller Carlos frontaura nach dem Vorbild des Parisers <em>Magasin d&#8217;Education et de Récréation </em>des Verlegers hetzel. Neun Jahre später gründete manuel Ossorio y Bernard <em>La Niñez </em>(Die Kindheit) (1879-1882) eine zweite hervorragende Publikation für Kinder. In der Zwischenzeit waren in Madrid mindestens sechs andere Kindermagazine erschienen, darunter <em>La Primera </em>
                  <em>E</em>
                  <em>dad </em>(Die Kindheit)<em> </em>(1873-1875), auch von Carlos Frontaura herausgegeben, <em>El Amigo de la Infancia </em>(Der Freund der Kindheit) (1874-1936) &#8211; diese einzigartige Publikation evangelischer Konfession<footnote numbering="arabic" start="266">
                     <p> Cazottes, Gisèle: Elements de caractérisation&#8230; ed.cit. S. 2.</p>
                  </footnote> ist die langlebigste Kinderzeitschrift Spaniens, sie wurde von Friedrich Fliedner, einem Angestellten der preußischen Vertretung gegründet und von Theodor Fliedner herausgebracht. Andere bedeutende Magazine waren z.B. <em>La Corre</em>
                  <em>s</em>
                  <em>pondencia de los Niños </em>(Die Kinderkorrespondenz) (1876-1877) von Carlos Luis de Cuenca, <em>La Caridad</em> (1877) von einem Madrider Kinderkrankenhaus verlegt und <em>La Ilu</em>
                  <em>s</em>
                  <em>tración de los Niños</em> (Die Kinderillustrierte) (1878-1883?).</p>
               <p>Kindermagazine waren in dieser Zeit teuer und deshalb nur einer Leserschaft aus den Oberschichten zugänglich. Ein Zeichen dafür &#8211; zusätzlich zu den Preisangaben &#8211; ist die Art der Werbung, die sie normalerweise in ihren letzten Seiten publizieren; dabei handelt es sich um Reklame für bessere Schulen, für Reit- oder Fechtunterricht, für private Turnhallen, für Bälle privater Gesellschaften oder für Modemagazine<footnote numbering="arabic" start="267">
                     <p> Ebenda S. 3.</p>
                  </footnote>. Kinderzeitschriften hatten ein schwieriges Leben, denn sie schafften es nicht, eine große Leserschaft für sich zu gewinnen<footnote numbering="arabic" start="268">
                     <p> Auch nicht, wenn sie mit solchen Mitarbeitern, wie <em>La Niñez </em>von Ossorio Bertrand rechneten, in deren Seiten Beiträge der Infantinnen Doña Paz und Doña Eulalia de Borbón, sowie des Erzbischofs von Valencia erschienen.</p>
                  </footnote>, wodurch sie ihre Preise hätten mindern können. Ihre Auflagen waren sehr klein<footnote numbering="arabic" start="269">
                     <p> <em>La Correspondencia de los Niños</em> gibt für 1876 die Zahl von 2 000 Abonnenten an. Siehe Cazottes, Gisèle: Elements de caractérisation de la presse madrilène&#8230; ed.cit. S. 6.</p>
                  </footnote> und die Mühe stand in keinem Verhältnis<footnote numbering="arabic" start="270">
                     <p> So schreibt beispielsweise Carlos Frontaura als er die Zeitschrift <em>La Niñez </em>1881 schließen muss: «Vier Jahre lang haben wir unsere ganze Kraft dieser Publikation gewidmet, wir haben keine moralische und finazielle Mühe gescheut in dem Glaube, das Publikum wurde uns für unsere gute Absicht entschädigen, aber es ist nicht so (&#8230;).» Frontaura, Carlos: In. <em>La Niñez. </em>30. Dezember 1882. Zitiert in: Cazottes, Gisèle: Elements de caractérisation de la presse madrilène&#8230; ed.cit. S. 9.</p>
                  </footnote>. Manche dieser Publikationen wurden aus dem Wunsch einiger Bücherautoren, sich der Kinderliteratur zu widmen, geboren; dies ist der Fall von Manuel Ossorio y Bernard oder von Carlos Frontaura, beide kehrten nach dem relativen Misserfolg ihrer Zeitschriften zum Bücherschreiben zurück. Viele der Autoren, die in der Kinder- und Jugendpresse mitarbeiteten, veröffentlichten ihrerseits auch dieser Leserschaft gewidmete Bücher, wie u.a. Ángela Grassi, Teodoro Guerrero, Pilar Pascual de San Juan, Teodoro Baró, Julia de Asensi, Faustina Sáez de Melgar<footnote numbering="arabic" start="271">
                     <p> García Padrino, Jaime: Las lecturas infantiles&#8230; ed.cit. S 738; über Autoren in der Presse für Kinder siehe weiter García Padrino, Jaime: <em>Libros y l</em>
                        <em>i</em>
                        <em>teratura para niños&#8230; </em>ed.cit. S. 39-71.</p>
                  </footnote>.</p>
               <p>Angesichts der reduzierten Leserschaft war den Verlegern die Differenzierung der Publikationen nach Alter und Geschlecht nicht möglich, infolgedessen richteten sich die Magazine an ein Publikum von Jungen und Mädchen zwischen sieben und fünfzehn Jahren. Einzige Ausnahme davon ist der Versuch Frontauras, zwei je nach Alter differenzierte Illustrierten herauszugeben, <em>La Primera Edad </em>für Kinder zwischen sieben und zehn Jahren und <em>Los Niños </em>für ältere Kinder oder Jugendliche. Jedoch funktionierte die Idee nicht und Frontaura beschloss, aus <em>Los Niños </em>eine &#8222;bildende&#8220; und aus <em>La Pr</em>
                  <em>i</em>
                  <em>mera Edad </em>eine &#8222;moralisierende&#8220; und &#8222;unterhaltende&#8220; Publikation zu machen:</p>
               <p>
                  <citenumber id="N118F5" start="82"/>
                  <blockquote>
                     <p>«Wir werden <em>Los Niños </em>die bildenden Beiträge und <em>La Primera Edad </em>die moralisierenden und unterhaltenden<em> </em>Artikel überlassen. Mit den Artikeln von <em>Los Niños </em>versuchen wir die Intelligenz der Kinder und ihre Kenntnisse der Wissenschaft und der Sprache zu fördern. In <em>La Primera Edad </em>werden wir ihr Herz (&#8230;) ansprechen (&#8230;). <em>La Primera Edad</em> strebt ab heute danach, sich an den Aufgaben der Mütter zu beteiligen, sowie die Zeitschrift <em>Los Niños, </em>an den Pflichten der Väter teilzunehmen<footnote numbering="arabic" start="272">
                           <p> Die Redaktion: In: <em>Los Niños. </em>4. Februar 1874. Zitiert in: Cazottes, Gisèle: Elements de caractérisation de la presse madrilène&#8230; ed.cit. S. 5.</p>
                        </footnote>.»</p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>Dass die Kindermagazine sich undifferenziert an beide Geschlechter richteten, heißt nicht, dass diese auch gleichwertig behandelt wurden; Mädchen wurden in der Regel trotz der Mühe von Herausgebern, wie Frontaura, benachteiligt, denn die Förderung der Lektüre für das weibliche Geschlecht stellt sich als eine problematische und sehr umstrittene Aufgabe dar. Speziell für Mädchen herausgegeben werden z.B. die aus Paris direkt importierten und kolorierten Modezeichnungen von <em>La Primera Edad</em> oder der ab 1877 erscheinende und den weiblichen Handarbeiten gewidmete Teil der Zeitschrift <em>La Ilustración de la Infancia.</em> Solche Inhalte standen eher im Einklang mit dem damaligen Diskurs der weiblichen Erziehung. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N1192A" start="83"/>Die spanischen Kindermagazine erfüllen ihre wichtigste Aufgabe, nämlich die Förderung des Lesens, nicht auf zufriedenstellende Weise, denn sie erreichen nicht die große Masse von Kindern, weder Jungen noch Mädchen, die gerade in den letzten Jahren des Jahrhunderts alphabetisiert werden. Ein Zustand, der sich auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht ändern wird, später wird die Kinderzeitschrift durch das Comic Heft, das sog. <em>tebeo </em>&#8211; der Name leitet sich von einem dieser Hefte, das <em>T.B.O. </em>(1917) ab &#8211; fast vollständig verdrängt.</p>
               <p>
                  <link id="_Toc172444402"/>
               </p>
            </subsection>
         </section>
         <section id="N1193C" label="II.4">
            <head>Nicht nur Lesen, auch Schreiben: von der Leserin zur Autorin</head>
            <p>Schon im 18. Jh. erscheinen die ersten literarischen Ansätze aus weiblicher Hand. Auch wenn die Rezeption französischer und englischer Autorinnen in Spanien sehr reduziert ist, bahnen sie der weiblichen Literatur den Weg zur gesellschaftlichen Akzeptanz. Lange Zeit von der literarischen Kritik und von der Forschung vergessen, wenn nicht sogar verschmäht<footnote numbering="arabic" start="273">
                  <p> Einzig und allein fünf Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts werden in spanischen Literaturhandbüchern des Sekundarschulwesens erwähnt: Fernán Caballero, Gertrudis Gómez de Avellaneda, Carolina Coronado, Rosalía de Castro und Emilia Pardo bazán.</p>
               </footnote>, werden seit Ende der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts im Zuge von überwiegend in amerikanischen Universitäten initiierten feministisch-literarischen Untersuchungen eine Reihe von Autorinnen und Werken wiederentdeckt, die ein vielseitiges Bild über die weibliche Kultur jener Zeit vermitteln. Die in Zusammenhang mit diesen Studien systematische Sammlung und Aufarbeitung von biographischem und bibliographischem Material über die weibliche Literaturproduktion des 19. Jahrhunderts hat gezeigt, wie umfangreich diese in Wirklichkeit gewesen war<footnote numbering="arabic" start="274">
                  <p> Inzwischen verfügt man über Daten von mehr als 1000 Frauen, die in Büchern oder in der Presse publiziert werden. Siehe dazu María del Carmen Simon Palmer; siehe außerdem Susan Kirkpatrick The Female Tradition in Nineteenth &#8211;Century Spanish Literature. In: H.Vidal (Hrsg.): <em>Cultural and Historical Grounding for Hispanic an Luso-Brazilian Feminist Literary Criticism. </em>Minneapolis: Institute for the Study of Ideologies and Literature. 1989. S. 343-370; Mayoral, Marina (Hrsg.): <em>Escritoras Románticas Españolas.</em> Madrid: Fundación Banco Exterior. 1990; Criado Y Domínguez, Juan Pedro: <em>Literatas españolas del siglo XIX. </em>Madrid<em>: </em>Imprenta<em> </em>de Antonio Pérez Dubrull. 1889.</p>
               </footnote>.</p>
            <p>Das aktive, kulturelle Engagement von Frauen wird seitens der Gesellschaft das ganze Jahrhundert hindurch als etwas Eigentümliches betrachtet. Jene Frauen, die sich dazu entschließen, literarisch tätig zu werden, sehen sich mit einem von Männern dominierten Kulturbetrieb, der ihnen feindlich gesinnt gegenübersteht, konfrontiert. Schriftstellerinnen müssen sich außerdem mit zwei weiteren, sich auf ihre Entwicklung negativ auswirkenden Faktoren auseinander setzen: zum einen die gesellschaftliche Ablehnung, die im Laufe des Jahrhunderts nachlassen wird, aber nicht vollständig verschwindet, zum anderen die limitierten literarischen Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen, nämlich die reduzierte Palette der Themen; ferner mangelt es ihnen oft an Bildung, um ihre Ausdrucksmöglichkeiten zu verfeinern. Der allmähliche Abbau solcher Hindernisse ermöglicht einen kontinuierlichen Anstieg weiblicher Beteiligung an der nationalen Literaturproduktion, der durch zwei historische Einschnitte geprägt wird: Durch die Strömung der Romantik ab der Mitte der dreißiger Jahren, die parallel zur ersten Entwicklungsphase des modernen Buchhandels und der Buchproduktion Spaniens verläuft, aber noch stärker durch die bürgerliche Revolution von 1868, die einigen gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen, die schon in der Isabelinischen Ära aufkeimten, zum Durchbruch verhilft. </p>
            <p>
               <citenumber id="N11968" start="84"/>In der Literaturkritik werden in groben Zügen drei Generationen spanischer Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts unterschieden<footnote numbering="arabic" start="275">
                  <p> Diese Differenzierung ist eigentlich mehr als unpräzise und nicht unumstritten; hier dient sie dazu, ein approximatives Bild der weiblichen literarischen Kreation zu schaffen. Siehe Kirkpatrik, Susan: La tradición femenina de poesía romántica. In: I. Zabala (Hrsg.): <em>Breve historia feminista de la litertura española (en lengua castellana). La literatura escrita por mujer. Desde el siglo XIX hasta la actualidad. </em>Barcelona: Anthropos. 1993-1998. S. 44.</p>
               </footnote>: Die erste Generation fängt in den vierziger Jahren zu publizieren an und ist stark von der Romantik beeinflusst, als wichtigste Vertreterinnen sind Josefa Massanés, Gertrudis Gómez de Avellaneda<footnote numbering="arabic" start="276">
                  <p> Siehe Yañez, María Paz: Gertrudis Gómez de Avellaneda. In: U.Frackowiak (Hrsg.): <em>Ein Raum zum Schre</em>
                     <em>i</em>
                     <em>ben. Schreibende Frauen in Spanien von 16. bis ins 20. Jahrhundert</em>. Berlin: Edition Tranvía. Verlag Walter Frey. 1998. S. 135-152.</p>
               </footnote>, Carolina Coronado, Amalia Fenollosa und Rosa Butler zu nennen; die zweite Generation wird von der Strömung der <em>domestic literature, </em>die zwischen 1850 und der Revolution von 1868 das Bild der spanischen weiblichen Literatur bestimmt, geprägt, darunter finden wir Ángela Grassi, María del Pilar sinués, Faustina sáez de Melgar, die Inhalte betreffend bildet die Dichterin Rosalía de Castro<footnote numbering="arabic" start="277">
                  <p> Siehe Hina, Horst: Warum und für wen schreiben? Die Schriftstellerin Rosalía de Castro. In: U.Frackowiak (Hrsg.): <em>Ein Raum zum Schreiben. Schreibende Frauen in Spanien von 16. bis ins 20. Jahrhu</em>
                     <em>n</em>
                     <em>dert</em>. Berlin: Edition Tranvía. Verlag Walter Frey. 1998. S. 153-173. </p>
               </footnote> eine Ausnahme; die dritte Gruppe beginnt ihre Schriften nach der Revolution im Jahre 1868 herauszugeben und charakterisiert sich durch ihr ausgeprägteres Selbstbewusstsein, hier seien u.a. Emilia Pardo Bazán<footnote numbering="arabic" start="278">
                  <p> Über Pardo Bazán siehe auch Gunia, Inke: &#8220;Bewundert viel und viel gescholten&#8221;. Das Romanschaffen der Emilia Pardo Bazán (1851-191). In: U.Frackowiak (Hrsg.): <em>Ein Raum zum Schreiben. Schreibe</em>
                     <em>n</em>
                     <em>de Frauen in Spanien von 16. bis ins 20. Jahrhundert</em>. Berlin: Edition Tranvía. Verlag Walter Frey. 1998. S. 174-197.</p>
               </footnote>, Concepción Gimeno de Flaquer, Emilia Serrano y García Baronesa de Willson, Sofía pérez Casanova, Rosario de Acuña, Josefa Pujol genannt. </p>
            <p>Ein wesentlicher &#8211; in der Regel aber nicht der wichtigste &#8211; Teil der Publikationen vieler dieser Schriftstellerinnen umfasst literarische Texte im engeren Sinne. Sie schreiben für die allgemeine und für die weibliche Presse<footnote numbering="arabic" start="279">
                  <p> Siehe Seite 235-239 dieser Arbeit.</p>
               </footnote>, verfassen instruktive Werke für Frauen oder Lese- und Schulbücher für Kinder<footnote numbering="arabic" start="280">
                  <p> Siehe das Kapitel «Die ersten Lektüren: das Kinderbuch» in dieser Arbeit. S.75-82.</p>
               </footnote>. Innerhalb der fiktionalen Gattungen und der Lyrik wagen sich nur wenige aus den Nischen der speziell an die Frauen gerichteten Texte heraus.<footnote numbering="arabic" start="281">
                  <p> Unter Autorinnen verbreitete Textarten waren Simón Palmer zufolge u.a. Biographien, Andachtsbücher, didaktische Poesie;<em> </em>thematische Schwerpunkte waren regionale oder lokale Themen, Kinderhygiene und Erziehung, Religion und Moral, sehr selten Naturwissenschaften, Philosophie o.Ä. Siehe Simón Palmer, María del Carmen: Notas para una clasificación temática de la literatura femenina española del siglo XIX. In: <em>Varia B</em>
                     <em>i</em>
                     <em>bliographica. Homenaje a José Simón Díaz. </em>1988. S 634-640. </p>
               </footnote> Sowohl die im engeren Sinne literarischen als auch die übrigen Publikationen der ersten, aber vor allem der zweiten Generation, fallen durch eine konservative gesellschaftliche Orientierung auf, welche sich von anderen westlichen zeitgenössischen Schriftstellerkolleginnen deutlich unterscheidet und an den traditionellen kulturellen Weiblichkeitsnormen der <em>domestic literatur </em>festhält. «<em>Dieser häufig betonte Unte</em>
               <em>r</em>
               <em>schied zwischen den spanischen Schriftstellerinnen und denen anderer europäischer Länder wird zum einen auf die ungenügende Bildungss</em>
               <em>i</em>
               <em>tuation in Spanien zurückgeführt, zum anderen auf die vergleichsweise härtere öffen</em>
               <em>t</em>
               <em>liche Verurteilung weiblicher Literaturproduktion </em>(&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="282">
                  <p> Wolter, Birgit: <em>Geschlechtsspezifik, Sprache, literarische Konstruktion: Empathiestrukturen bei Emilia Pardo Bazán und Benito Pérez Galdós. </em>Berlin: Edition Tranvía. Verlag Walter Frey. 1997. S.191 f.</p>
               </footnote>.» </p>
            <p>Die steigernde Zahl an Frauen, die sich das Schreiben für die Öffentlichkeit zutrauen, sowie das Aufkommen eines interessierten Publikums &#8211; dank der verbesserten Bildungsmöglichkeiten &#8211; bringt weitere Frauen dazu, sich schriftlich auszudrücken und zu publizieren. In bestimmten gehobenen und liberalen Gesellschaftskreisen gehörte die Literatur, vor allem das Verfassen von Gedichten, sogar zum &#8222;Guten Ton&#8220;. So verfasst die Heldin aus dem Roman <em>La bruja de Madrid</em> (1849-1850) selbst Verse, ohne dass ihre bürgerliche Umgebung &#8211; sie glaubt, Tochter eines Malers zu sein, in der Realität ist sie eine Adelige &#8211; Anstoß daran nimmt:</p>
            <p>
               <citenumber id="N119FF" start="85"/>
               <blockquote>
                  <p>«Enriqueta liebte die Lektüre unserer alten Lyriker und war sogar in der Literatur versiert, dieser widmete sie sich mit Leidenschaft und ohne Vernachlässigung ihrer häuslichen Aufgaben, ihr blieb noch etwas Zeit übrig, um unter der Aufsicht ihres liebenswürdigen Vaters zu zeichnen. Um ihren Kummer zu lindern, griff das arme Mädchen zu diesem tröstenden Zeitvertreib. Aber sie langweilte sich schnell und ließ den Bleistift liegen, um einen Gedichtband ihres bevorzugten Modells Meléndez in die Hand zu nehmen. Sie las eine Weile und plötzlich, so, als wenn eine Idee ihre Phantasie fesseln würde, legte sie das Buch beiseite und begann zu schreiben. Sobald sie angefangen hatte, tauchte ein süßes zufriedenes Lächeln auf ihren Lippen auf. Ihre Augen leuchteten voller Enthusiasmus. Brennende Röte färbte ihre jungfräulichen Wangen. Ab und zu unterbrach sie das schnelle Dahinfliegen ihrer Feder und nach einem leichten Zeichen des Missfallens radierte sie Wörter oder Sätze weg, die sie dann, gefolgt von einem Seufzer der Freude, umschrieb <footnote numbering="arabic" start="283">
                        <p> Ayguals de Izco, Wenceslao: <em>Pobres y ricos o la bruja de Madrid. </em>(1849-1850).<em> </em>Barcelona: Editorial Taber. 1969. S. 146.</p>
                     </footnote>.»</p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>Im Gegensatz dazu werden die Versuche Ana Ozores&#8217;, Zentralfigur des Romans <em>La Regenta </em>(1884-1885) von Clarin, Gedichte zu schreiben, von ihrer Umgebung lächerlich gemacht, weil sie die Tochter einer &#8222;Tänzerin&#8220; ist<footnote numbering="arabic" start="284">
                  <p> Sie bekommt den Spitznamen Jorge Sandío, in Anlehnung an Georges Sand; das Wort <em>sandío</em> entstammt dem Begriff Wassermelone <em>sandía </em>und bedeutet Idiot. Alas, Leopoldo &#8222;Clarin&#8220;: <em>La regenta </em>(1884-1885). 3. Aufl. Barcelona: Bruguera. 1984. S.111.</p>
               </footnote>.</p>
            <p>
               <citenumber id="N11A30" start="86"/>Die meisten genannten Autorinnen waren Autodidaktinnen, es ist deswegen interessant zu erfahren, welche Lektüren einige unter ihnen geprägt hatten. Bezeichnend ist, dass fast alle sehr früh ein bevormundetes Lesen gemieden haben.</p>
            <p>Bekannt ist zum Beispiel, dass Carolina Coronado schon im Grundschulalter nachts heimlich Literatur des <em>Siglo de Oro</em>, die Fabeln La Fontaines und Werke von Fenelon, vom Abbé Bergiers, von Campes oder der Comtesse de Genlis<footnote numbering="arabic" start="285">
                  <p> Sandoval, Adolfo de: <em>Carolina Cornado y su época. </em>Zaragoza: Librería General. 1944. S. 25 f. </p>
               </footnote> las. Des Weiteren gehörten zu ihren frühen Lektüren nebst Büchern über Religion, Geographie und Geschichte, auch Reiseberichte und die zwanzigbändige <em>Historia crítica de España</em> (Kommentierte Geschichte Spaniens)<em> </em>des Jesuitenpaters Juan Francisco Masdéu<footnote numbering="arabic" start="286">
                  <p> Ebenda S. 25f.; Siehe Masdeu, Juan Francisco: <em>Historia crítica de España y de la civilización española. </em>20 Bd. Madrid: Imprenta L. 1783-1805.</p>
               </footnote>. Sie gesteht außerdem in ihren Briefen<footnote numbering="arabic" start="287">
                  <p> Siehe Fonseca ruiz, Isabel: Cartas de Carolina Coronado a Juan Eugenio Hartzenbusch. In. <em>Homenaje a Gui</em>
                     <em>l</em>
                     <em>lermo Guastavino. Miscelánea de estudios en el año de su jubilación como director de la Biblioteca Naci</em>
                     <em>o</em>
                     <em>nal. </em>Madrid: ANABA. 1974. S. 178; Siehe auch Geist, Angéla: <em>Das Bild der Frau bei&#8230;</em> ed.cit. S. 21</p>
               </footnote> an Hartzehnbusch, sich durch das selbständige Lesen mehrere Sprachen &#8211; Französisch, Portugiesisch, Englisch und Italienisch &#8211; sowie Grundlagen des Lateinischen angeeignet zu haben. Um dies zu erreichen, musste sie sich jedoch über alle Traditionen hinwegsetzen:</p>
            <p>
               <blockquote>
                  <p>
                     <citenumber id="N11A76" start="87"/>«Carolina Coronados Mutter, weit davon entfernt, auf die frühen Zeichen des Talentes ihrer Tochter stolz zu sein, beobachtete mit größter Sorge deren Bemühungen, die Grenzen des engen Aktionskreises, der ihrem Geschlecht in diesem Teil Spaniens erlaubt war, zu überschreiten. Und es ist sogar möglich, dass die würdige Mutter in ihrem alarmierten Zustand oft fromme Gelübde ablegte, um die bevorstehende Katastrophe abzuwenden. Den von Generation zu Generation überlieferten Prinzipien folgend, bereitete sie sich darauf vor, den &#8222;Feind&#8220; zu bekämpfen und mit lobenswertem, aber verkehrtem Eifer versuchte sie, das aufbrechende Streben dessen, was darum kämpfte, an das Licht und an die Luft zu gelangen, im Keim zu ersticken.</p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>
               <blockquote>
                  <p/>
               </blockquote>
            </p>
            <p>
               <citenumber id="N11A86" start="88"/>
               <blockquote>
                  <p>Die Tochter war gezwungen, Hausarbeit zu leisten und wurde dazu erzogen, ihrer Mutter die Last einer kinderreichen Familie tragen zu helfen. Die angenehmen Lehren, die in anderen Ländern Frauen ihrer sozialen Schicht behagliche Zerstreuung bereiteten, wurden für sie völlig ausgeschlossen. Im Gegensatz zu den heutigen modernen Mädchen, unterwarf sich das gutmütige Mädchen aus Extremadura, ohne sich zu beklagen, einer Lebensweise, die für solch einen Verstand wie dem ihrigen höchst unangenehm gewesen sein muss&#8230; und ab dem Alter von neun Jahren widmete sie sich der Nadelarbeit mit solcher Hingabe, als hätte die Natur sie nie für eine andere Aufgabe vorgesehen<footnote numbering="arabic" start="288">
                        <p> George, Anita: Ensayo sobre la literatura española contemporánea. Carolina Coronado. In: <em>La mujer</em>. <em>P</em>
                           <em>e</em>
                           <em>riódico escrito por una sociedad de señoras y dedicado á su sexo.</em> 34. 21-III-1852. S. 5.</p>
                     </footnote>.»</p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>Emilia Pardo Bazán machte sich in der väterlichen Bibliothek mit den großen französischen Autoren vertraut:</p>
            <p>
               <citenumber id="N11AA9" start="89"/>
               <blockquote>
                  <p>«(&#8230;) nur die Werke Dumas, Sues, Victor Hugos, Georges Sands und anderer Koryphäen der französischen Romantik wurden in Frage gestellt. Wann immer diese in meiner Gegenwart genannt wurden, ließ man dabei durchblicken, dass es keine verhängnisvollere Lektüre für junge Damen geben könne<footnote numbering="arabic" start="289">
                        <p> Pardo Bazán, Emilia: Apuntes autobiográficos in: <em>Los Pazos de Ulloa. Obras completas. </em>Bd III.<em> </em>Madrid: Aguilar. 1972. S. 706.</p>
                     </footnote>.» </p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>Sie findet Vorbilder für ihr späteres Vorhaben in ihrer Familie: </p>
            <p>
               <citenumber id="N11AC6" start="90"/>
               <blockquote>
                  <p>«Ich habe von einer meiner Urgroßmütter, die aus einer vornehmen galizischen Familie stammte, erzählen gehört, dass sie sich selbst das Schreiben beibrachte, indem sie die Buchstaben aus einem Buch abschrieb; als Feder benutzte sie ein gespitztes Stück Holz und als Tinte ein bisschen Brombeersaft (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="290">
                        <p> Pardo Bazán, Emilia: <em>La mujer española&#8230; </em>ed.cit. S. 28.</p>
                     </footnote>.»</p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>aber auch andere traditionellere:</p>
            <p>
               <citenumber id="N11AE0" start="91"/>
               <blockquote>
                  <p> «Noch in meiner Kindheit zeigte mir meine Mutter wertvolle und kunstvolle Arbeiten: Eine andere meiner Urgroßmütter, die Kopfkissenbezüge so gestopft hatte, dass die geflickten Stellen schon fast ein neues Stoffgewebe bildeten<footnote numbering="arabic" start="291">
                        <p> Ebenda S. 29.</p>
                     </footnote>.» </p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>Auch auf fremde Bibliotheken kann zugegriffen werden, wie im Fall von Emilia Serrano de Wilson. Die Bibliothek ihres Nachbarn, Besitzer einer außerordentlichen Sammlung von Büchern und auf Amerika spezialisierten Handschriften, beeinflusste die Zukunft der jungen Frau, sie erzählt in ihrem Werk <em>América y sus mujeres </em>(Amerika und seine Frauen):</p>
            <p>
               <citenumber id="N11AFA" start="92"/>
               <blockquote>
                  <p>«Die Szenen des Lebens der Indianer, bildlich dargestellt, die Entdeckungen und Eroberungen, die Schlachten, die Heldentaten der Spanier und der Eingeborenen, der hartnäckige und gerechte Kampf der Söhne der Neuen Welt gegen die Invasoren, bezauberte mich dermaßen, dass ich alles um mich herum vergaß, außer das Lesen. Es geschah sogar, dass ich Spaziergänge und andere Zerstreuungen verschmähte, um mich meiner bevorzugten Leidenschaft zu widmen<footnote numbering="arabic" start="292">
                        <p> Serrano, Emilia baronesa de Wilson: <em>América y sus mujeres. </em>Barcelona: Tip. Fidel Giró. 1890. S. 12.</p>
                     </footnote>.»</p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>Auch Concepción Arenal wurde eine frühreife Leserin, die Gells Abhandlungen über Frenologie und die Werke des französischen Historikers und Politikers Guizot las<footnote numbering="arabic" start="293">
                  <p> Siehe García de Enterría, María Cruz: <em>Concepción Arenal. Poesía de juventud. (1842,1843 y 1844). </em>Ferrol: Esquío.<em> </em>1993. S 22-30.</p>
               </footnote>. </p>
            <p>
               <citenumber id="N11B22" start="93"/>Die spanischen Schriftstellerinnen müssen ständig gegen vielseitige Vorurteile ankämpfen, denn sie handeln dem weiblichen Diskurs der patriarchalischen Tradition, der Kirche, aber auch der bürgerlichen Gesellschaft, sobald sie einer Tätigkeit nachgehen, die nicht zur &#8222;wahren Bestimmung der Frau&#8220;, d.h. zu ihrer Rolle als Tochter, Ehefrau und Mutter, gehört und die gewöhnlich den Männern zugeordnet wird, zuwider. An sie werden viel höhere moralische Ansprüche gestellt als an ihre männlichen Kollegen. Zu ihrer Rechtfertigung kommt ihnen die den Frauen ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zugestandene erzieherische Fähigkeit zugute: sie schreiben, um andere Frauen zu erziehen. In einigen Fällen verschleiern sie ihre Tätigkeit unter dem Schutze eines Pseudonyms<footnote numbering="arabic" start="294">
                  <p> Simón Palmer zählt weitere Taktiken zur Verschleierung der Identität auf, wie z.B. das Anhängen des Namens des Ehemannes mit dem Zusatzwort <em>de</em> als Garantie für eine geregelte familiäre Situation, wie bei María del Pilar Sinués de Marco, das Weglassen des ersten Nachnamens, der Gebrauch von Kryptogrammen oder Anagrammen, die Nutzung echter oder falscher Namenskürzel und Anfangsbuchstaben oder die Voranstellung falscher bzw. echter Adelstitel. Siehe Simón Palmer, María del Carmen: <em>Escritoras españolas del siglo XIX&#8230; </em>ed.cit. S. XV f.</p>
               </footnote>, das bekannteste Beispiel ist Fernán Caballero, Pseudonym von Cecilia Böhl de Faber. </p>
            <p>Die Widersprüche, die Cecilia Böhl de Faber<footnote numbering="arabic" start="295">
                  <p> Sie war Tochter des deutschen Kaufmannes und Intellektuellen Nikolaus Böhl de Faber, der für die Verbreitung der Romantik in Spanien bekannt ist. In ihren Werken vermittelt Fernán Caballero folgendes Bild der idealen Frau:</p>
                  <p>«Die Familie der Herzogin war, wie einige unter den Grandenfamilien, außerordentlich fromm, und in diesem Geist war Leonor erzogen worden. Ihr zurückhaltendes, strenges Wesen entfernte sie von den Vergnügungen und von dem Geräusch der Welt, zu denen sie andererseits auch nicht die geringste Neigung verspürte. Sie las wenig und niemals nahm sie einen Roman in die Hand. Die dramatischen Wirkungen großer Leidenschaften waren ihr vollständig unbekannt. Sie hatte weder aus Büchern noch im Theater das große Interesse kennen gelernt, welches man für den Ehebruch zu hegen pflegt; in ihren Augen war er eine ebensolche Schändlichkeit wie der Mord. Sie hätte nie dahin gelangen können, wenn man es ihr auch gesagt hätte, zu glauben, daß in der Welt eine Fahne aufgepflanzt ist, unter welcher man die Emancipation des Weibes verkündet. Ja noch mehr, wenn sie es auch geglaubt hätte, sie würde dieselbe nie begriffen haben. Wie so viele Frauen diese Emancipation nicht begreifen, welche nicht so eingezogen leben und nicht so strenge sind, wie die Herzogin.</p>
                  <p>Hätte man ihr gesagt, daß es Vertheidiger des Ehebruchs, ja, daß es sogar Leute gebe, welche die geheiligte Institution der Ehe lästerten, sie würde zu träumen oder das Ende der Welt nahe geglaubt haben. Eine liebende, gehorsame Tochter, eine edelmüthige und zuverläßige Freundin, eine zärtliche, sich Alles entsagende Mutter, eine ausschließlich ihrem Gemahl sich weihende Gattin, war die Herzogin von Almansa das Muster derjenigen Frauen, welche Gott lieb hat, welche die Gesellschaft verehrt und bewundert, und an deren Stelle jetzt jene Amazonen treten wollen, die die schöne, sanfte, weibliche Natur verloren haben.» Fernán Caballero: <em>Die Möwe&#8230; </em>op.cit. S. 154 f. Über ihre Konzeption eines für ein weibliches Publikum exemplarischen Romans, siehe Anhang C.</p>
               </footnote> in ihrer Biographie durchlebt, sind zweifellos für die Schriftstellerinnen dieses Jahrhunderts symptomatisch. Sie unterschreibt ihre Werke mit dem Pseudonym Fernán Caballero, auch nachdem sie allgemein als Autorin erkannt und anerkannt wird, und nimmt diesen Namen sogar in ihre Privatkorrespondenz und ihr Privatleben auf. Als ihre Identität aufgedeckt wird, wehrt sie sich dagegen und schreibt an die Zeitschrift <em>El Artista</em>, weil diese Publikation ihren wahren Namen, von der eigenen Mutter enthüllt, veröffentlicht hat: </p>
            <p>
               <blockquote>
                  <p>
                     <citenumber id="N11B51" start="94"/>«Ich habe Ihnen die genannte Erzählung nicht geschickt, nicht aus Bescheidenheit, (&#8230;) sondern, weil ich genügend Urteilsvermögen besitze, um zu wissen, dass das, was ich veröffentliche (&#8230;), weder einen Platz in ihrer erhabenen Zeitung, noch irgendwelche Aufmerksamkeit verdient; aber vor allem, weil ich tief überzeugt bin, dass der Kreis, der die Sphäre einer Frau bildet, je enger, desto geeigneter für ihr Glück und das der Personen, die sie umgeben, ist; infolgedessen werde ich nie versuchen, dieses Gebiet auszudehnen. Ich schulde diesem Prinzip das Glück meines Lebens.</p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>
               <blockquote>
                  <p/>
               </blockquote>
            </p>
            <p>
               <citenumber id="N11B61" start="95"/>
               <blockquote>
                  <p>Da die Hand, die den Schleier über das Geheimnis meiner Stunden der Einsamkeit und der Zurückgezogenheit aufgezogen hat, die einer liebenden Mutter und ihr Beweggrund die mütterliche Liebe ist, versiegeln Respekt und Dankbarkeit meine Lippen vor einer an sich berechtigten Klage. Aber ich wünsche, dass man wisse, dass ich nicht nur niemals daran gedacht habe, für die Öffentlichkeit zu schreiben, sondern dass meiner Meinung nach, in der Theorie wie in der Praxis, eine Nadel die schwache Hand einer Frau viel besser schmückt als eine Feder; und es ist ungerecht, dass Sie sich darüber beklagen, wie selten die Personen des schwachen Geschlechts sich der unterhaltenden Literatur widmen.</p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>
               <blockquote>
                  <p>
                     <citenumber id="N11B71" start="96"/>Die Strenge und Intoleranz des starken Geschlechts hat den Gemeinplatz ins Leben gerufen, nach dem die häuslichen Qualitäten und die literarischen Neigungen nicht vereinbar sind. Nach diesem festgelegten Prinzip gibt es keine besonnene Frau, die das Solide für das Glänzende, eine Tugend für ein Schmuckwerk opfern würde<footnote numbering="arabic" start="296">
                        <p> Fernán Caballero: Brief an die Verleger von <em>El Artista </em>(Entwurf).<em> </em>1852. In:<em> </em>
                           <em>Cartas; coleccionadas y anot</em>
                           <em>a</em>
                           <em>das</em>&#8230; ed.cit. S. 44-46. </p>
                     </footnote>.» </p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>Ihren Briefen entnimmt man, dass sie ihre Berufung zum Schreiben als etwas negatives, als &#8222;ein freiwillig angezogenes Büßerhemd&#8220;, empfindet, und gleichzeitig dennoch um Anerkennung kämpft. Es sei für sie, so äußert sie sich, die lächerlichste Sache der Welt, Autorin zu sein und versucht, das Schreiben als etwas Minderwertiges darzustellen, nichts Wichtigeres oder Besseres, wenn nicht sogar Schlechteres als jede Hausarbeit der Frau:</p>
            <p>
               <blockquote>
                  <p>
                     <citenumber id="N11B9A" start="97"/>«Ich bin nicht mehr wert als derjenige, der ein altes und ausrangiertes Gemälde abstaubt und den Schmutz entfernt; man bewundert dann&#8230;, ja, man bewundert das Bild, jedoch nicht die Person, die es säubert und ins Licht bringt<footnote numbering="arabic" start="297">
                        <p> Fernán Caballero: Brief an Mora 1849. In: ebenda S.21 f.</p>
                     </footnote>.» </p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>Aber auch andere Schriftstellerinnen versuchen, ihre kreative Tätigkeit im Verhältnis zu gängigen, &#8222;weiblichen&#8220; Beschäftigungen vor der Gesellschaft abzuwerten, so schreibt z.B. Julio Nombela in seiner Autobiographie über Maria del Pilar Sinués de Marco:</p>
            <p>
               <blockquote>
                  <p>
                     <citenumber id="N11BB1" start="98"/>«Ich erinnere mich daran, dass María del Pilar Sinués (&#8230;) die satirischen Lieder über Schriftstellerinnen nicht leiden konnte (&#8230;) und wenn sie Besuch von Frauen bekam, zeigte sie sich immer mit einer Stickerei in der Hand, als hätte man sie bei der Ausübung dieser weiblichen Tätigkeit überrascht. Ich bin mir sicher, dass sie ein Leben lang an dieser Stickerei arbeitete und nicht vor ihrem Tod, der sie inmitten der vollkommensten und traurigsten Einsamkeit traf, beendete<footnote numbering="arabic" start="298">
                        <p> Nombela, Julio: <em>Impresiones y recuerdos. </em>Bd IV. Madrid: Casa Editorial de La Última Moda. 1910-1912. S. 430. </p>
                     </footnote>.» </p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>Carolina Coronado beschreibt 1850, als sie 27 Jahre alt ist, ihren Alltag in der Zeitung <em>Semanario Pintoresco </em>auf folgende Weise:</p>
            <p>
               <blockquote>
                  <p>
                     <citenumber id="N11BCE" start="99"/>«Ihr Leben ist so einfach wie ihre Verse: Sie verbringt es umgeben von Blumen und Vögeln und teilt für gewöhnlich ihre Stunden auf diese Weise ein: Sie steht um sieben Uhr auf, schreibt bis elf, kümmert sich um weibliche Aufgaben bis zwei Uhr, schreibt wieder bis fünf, lehrt ihren Geschwisterchen Landeskunde und widmet sich wieder dem Schreiben bis zehn Uhr nachts, dann wird sie eher von der Müdigkeit als vom Schlaf gezwungen, sich zurückzuziehen (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="299">
                        <p> Coronado, Carolina: Contestación a Madame Amélie Richard. In: <em>Semanario Pintoresco</em> <em>Español.</em> 23.<em> </em>1850. S. 194-195; siehe auch Geist, Angéla: <em>Das Bild der Frau bei&#8230;</em> ed.cit. S. 74.</p>
                     </footnote>.»</p>
               </blockquote>
            </p>
            <p>Wie andere Autorinnen stellte Rosalía de Castro die rigiden Normen der Gesellschaft in Frage; obwohl sie fast unbemerkt durch das Leben ging und ihre Rolle als Hausfrau und Mutter in ihrem Privatleben zu akzeptieren schien, schrieb sie den feministischen Aufruf <em>Carta a Eduarda </em>(Brief an Eduarda), in welchem die Schwierigkeiten der Frauen in der literarischen Welt angeprangert werden<footnote numbering="arabic" start="300">
                  <p> Siehe Díaz, Nidia: <em>La protesta social en la obra de Rosalía de Castro.</em> Vigo: Ed. Galaxia. 1976. </p>
               </footnote>.</p>
            <p>Die gesellschaftliche Akzeptanz des Rechtes der Frauen auf das Schreiben gestaltet sich im privaten, aber noch mehr im öffentlichen Leben aufgrund des spanischen traditionellen, im 19. Jh. immer noch lebendigen Glaubens, dass weibliche Schriften in Zusammenhang mit Verführung und Unehrenhaftigkeit stünden, deutlich schwieriger als das Recht auf Lesen. Dennoch beschreiten einige Frauen den Weg literarischen Schaffens, der gerade, weil er stark geschlechtsorientiert gekennzeichnet ist, vielen Frauen als Mittel zur Festigung ihrer Lesefähigkeit dient.</p>
            <p>
               <link id="_Toc172444403"/>
            </p>
         </section>
         <section id="N11C03" label="II.5">
            <head>Weibliche Lektüre</head>
            <subsection id="N11C08" label="II.5.1">
               <head>
                  <link id="_Toc172444404"/>Lektüre und Erbauung</head>
               <p>
                  <citenumber id="N11C12" start="100"/>In einer Gesellschaft, die langsam einen Säkularisierungsprozess durchlebt und sich vom Glauben entfernt, muss die Kirche sich neu orientieren und neue Garanten für ihr Bestehen suchen. Ihre traditionelle Schutzmacht, die Aristokratie, verliert stetig an Einfluss und ist nicht mehr in der Lage, für die weltliche Machtposition der Kirche zu garantieren. Aus Sicht der Geistlichen läuft das Volk Gefahr &#8211; neuen Ideologien folgend &#8211; sich immer weiter von der Kirche abzuwenden; dementsprechend ist es verständlich, dass sie neue Verbündete sucht, dabei werden die Frau im Allgemeinen und die sich formierenden bürgerlichen Mittelschichten eine wichtige Rolle spielen. Die Kirche passt sich der Tatsache an, dass die Mittelschicht nicht nur mittels der Rhetorik aus der Kanzel zu erreichen ist; dank der Fortschritte im Druckwesen haben sich neue Massenkommunikationsmittel entwickelt, derer sich diese Institution zu bedienen lernen wird.</p>
               <p>Bis zur ihrer Auflösung 1833 übt die Inquisition &#8211; mit wenigen Unterbrechungen &#8211;Zensur über das spanische Druckwesen und den Buchhandel aus, danach behält die Kirche das Recht auf Vorzensur der die Religion betreffenden Werke. «<em>Werke oder Schriften </em>
                  <em>ü</em>
                  <em>ber die Dogmen unserer heiligen Religion, über die Heilige Schrift und über christliche Moral dürfen nicht ohne vorherige Kontrolle und Genehmigung seitens der Diözesen g</em>
                  <em>e</em>
                  <em>druckt werden</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="301">
                     <p> Siehe Hibbs-Lissorges, Solange: <em>Iglesia, prensa y sociedad&#8230; </em>ed.cit.; Botrel, Jean-François: La Iglesia Católica y los medios de comunicación&#8230; ed.cit.</p>
                  </footnote>.» Aber sie begnügt sich nicht mit der Zensur dieser Schriften, sondern versucht direkt und indirekt weiter die alleinige Kontrollinstanz über die Moral in der Gesellschaft zu bleiben, obwohl sie die Flut von Veröffentlichungen nicht mehr kontrollieren kann. Der von ihr weiter erstellte <em>Index </em>beeinflusst bis Ende des 19. Jahrhunderts den spanischen Buchdruck und -handel. Es werden Verbote für katholische Leser ausgesprochen, sowohl über spanische Werke, wie <em>Cornelia Bororquia</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="302">
                     <p> Dekret vom 26-VIII-1852. Siehe Botrel, Jean-François: La libertad de imprenta, entre la ley y las prácticas. In: V. Infantes, F. López, J-F. Botrel. (Hrsg.): <em>Historia de la edición y de la lectura en España 1472-1914. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 2003. S. 527. </p>
                  </footnote> oder <em>María La hija de un jorn</em>
                  <em>a</em>
                  <em>lero</em> von Ayguals de Izco<footnote numbering="arabic" start="303">
                     <p> Dekret vom 06-IX-1852. Siehe ebenda S. 527.</p>
                  </footnote>, als auch über ausländische Autoren, wie Hugo, Balzac, Sue, Sand u.a.<footnote numbering="arabic" start="304">
                     <p> Solche Verbote können für einzelne Personen auf Verlangen von einem Bischof aufgehoben werden. Fernán Caballero zum Beispiel, die ihre Bewunderung für die Struktur und nicht für den Inhalt der Romane Dumas, Hugos ausgesprochen hatte, schreibt 1869: «Sagen Sie Pepe, dass ich ihm seine Bände der <em>La Comtesse de Charny </em>noch nicht zurückgegeben habe, weil ich darauf warte, die Erlaubnis zu bekommen, verbotene Bücher zu lesen und alle Werke Dumas&#8217; sind verboten.» Fernán Caballero: Brief an Herrn Pastrana, 17-XII-1869. In:<em> </em>
                        <em>Cartas; coleccionadas y an</em>
                        <em>o</em>
                        <em>tadas</em>&#8230; ed.cit. S. 319. </p>
                  </footnote> Wie hoch die finanziellen Einbußen eines Verlegers nach einer Verurteilung seitens der Kirche sind, ist noch nicht untersucht worden. </p>
               <p>Noch während der <em>Restauración</em> (1874-1902)<em> </em>verlangen einige Autoren und Verleger von sich selbst aus die Überprüfung durch die kirchliche Zensur, auch wenn diese sich eigentlich allein auf religiöse Texte beschränken sollte. Ein gutes Wort, eine Empfehlung aufseiten der religiösen Institutionen bedeutet für den Leser eine Garantie über die Reinheit der Texte und für den Verleger besseren Absatz. Ein Beispiel dafür ist der sich auf Kinder- und Schulbücher spezialisierte Verleger Calleja<footnote numbering="arabic" start="305">
                     <p> Botrel, Jean-François: La libertad de imprenta, entre&#8230; ed.cit. S. 527. </p>
                  </footnote>. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N11C7F" start="101"/> Die Kirche schafft ihre eigenen Organe, wie die Zeitschrift <em>La Censura </em>(Die Zensur) (1844-1853), das <em>Boletín Bibligrafico Católico </em>(Katholisches bibliographisches Blatt) oder das <em>Semanario Vasco-Navarro </em>(Wochenblatt aus Navarra und dem Baskenland)<footnote numbering="arabic" start="306">
                     <p> Ebenda S. 527.</p>
                  </footnote>, in denen die letzten Veröffentlichungen als &#8222;gute&#8220; oder &#8222;schlechte&#8220; Lektüre bewertet werden; in manchen Fällen werden der staatlichen Zensur Empfehlungen angeraten, um diese zu beeinflussen. Generell fällt seitens der katholischen Kirche ein negatives Urteil über das Lesen. Da die Kirche nicht mehr die weltliche Macht besitzt, ein Buch zu verbieten und es aus dem Handel zu ziehen, benutzt sie die besagten Presseorgane als Druckmittel, desgleichen wie die Kanzel und die Hirtenbriefe der Bischöfe. Manche Kampagnen der Kirche führen zu einem Buchverbot vonseiten des Staates und sogar zu Prozessen mit Autoren, wie im Falle von Manuel Curros Enriquez Autor, von <em>Aires da miña terra </em>(Gedichte aus meiner Heimat), der zu zwei Jahren und viereinhalb Monaten Gefängnis verurteilt wurde, nicht zuletzt durch die öffentliche Druckausübung des Bischofs von Orense<footnote numbering="arabic" start="307">
                     <p> Ebenda S. 528.</p>
                  </footnote>. Der bekannteste Fall bleibt jedoch die im April 1895 von dem Bischof von Oviedo gestartete Kampagne gegen den Roman <em>La Regenta</em> (1884-1885)<em> </em>von Leopoldo Alas &#8222;Clarin&#8220;, welche nicht zu einem Verbot führte, aber zu einer öffentlichen Bücherverbrennung und weiterhin eine leidenschaftliche Polemik im ganzen Lande entfachte. </p>
               <p>Auch wenn der Einfluss der Kirche sich negativ auf den Buchhandel auswirkte und sich einige bedauerliche Vorfälle, wie die oben genannten, ereigneten, fanden in Spanien keine skandalösen Prozesse, wie in Frankreich um <em>Les fleurs du mal</em> (1857)<em> </em>oder <em>Mad</em>
                  <em>a</em>
                  <em>me Bovary </em>(1857), statt. Unter den Autoren herrschte im Allgemeinen eine Art stillschweigenden Konsenses den religiösen und weltlichen Kontrollinstanzen gegenüber. Viele bekannte Autoren werden sogar bei der von der Kirche beeinflussten repressiven Zensurgesetzgebung als Politiker mitwirken, andere arbeiten selbst als Zensoren. Außerdem bewirken das Schamgefühl und eine eher strikte Konzeption der Anständigkeit bei vielen Autoren als Autozensur.</p>
               <p>So schreibt beispielsweise die Schriftstellerin Fernán Caballero:</p>
               <p>
                  <citenumber id="N11CBC" start="102"/>
                  <blockquote>
                     <p>«Jeder, der sich dazu entschließt, seine Schriften zu veröffentlichen, muss sich über das Gute oder Böse, das er mit seinem Schriften anrichten kann, vor dem Gericht Gottes verantworten. Dies betrifft die moralischen und religiösen Überlegungen, die sie enthalten, ebenso wie die Reinheit und die Anständigkeit, mit der die Liebesszenen und das ganze Buch geschrieben werden. Ich gebe Ihnen meine Glückwünsche, denn Sie haben bewiesen, dass, um zu unterhalten und um die Figuren und Ereignisse, die Sie beschreiben, interessant zu machen, diese nicht unbedingt in den korrupten Kreisen der Gesellschaft zu suchen sind<footnote numbering="arabic" start="308">
                           <p> Und sie schreibt in dem selben Brief weiter: «Ich sage Ihnen nochmals, wie anspruchslos meine Meinung ist; aber wenn das Verdienst eines Romans darin liegt, dass er unterhält und dass die Spannung und das Interesse allmählich steigen (&#8230;). Sie haben in María die Figur des einfachen und unschuldigen Mädchens geschaffen, das wegen seiner schönen Gaben (und nicht wegen seiner Koketterie oder skurriler Züge) interessiert, sondern wegen eben dieser entzückenden Unschuld und Einfachheit (&#8230;). Diese Mädchen, mein Herr, sind diejenigen, die später gute Mütter und hervorragende eigenständige Frauen werden.» Fernán Caballero: Brief an D. Manuel G. Zarzuela, November 1870. In:<em> Cartas; coleccionadas y anotadas</em>&#8230; ed.cit. S. 322 f.</p>
                        </footnote>.» </p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p> Bei Autorinnen kommt die Angst vor einer von der Gesellschaft ausgehenden extrem harten Verurteilung als zusätzliches Druckmittel hinzu. Natürlich gibt es im Laufe des Jahrhunderts genügend Beispiele antiklerikaler oder erotischer Literatur, die am Rande der Legalität oder sogar illegal gedruckt werden. Literarische Versuche, den herrschenden, katholisch bürgerlichen Moralkodex zu übertreten, genießen am Ende des Jahrhunderts einen relativen Erfolg. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N11CD6" start="103"/>Ab den fünfziger Jahren wird die Kirche beachtliche Bemühungen unternehmen, um Verlagshäuser, Bibliotheks- und Buchhandelsnetze, sowie sogenannte Apostolate der &#8222;guten&#8220; Presse und der &#8222;guten&#8220; Lektüre in den Diözesen und Gemeinden einzurichten, fernerhin, um Reihen moralisierender Romane und anderer Unterhaltungsliteraturarten zu fördern.</p>
               <p>Nach dem großen internationalen Erfolg einiger katholischer Romane, wie <em>Fabiola or the church of the catacombs</em> (1854)<em> </em>von dem Kardinal Wiseman oder <em>L&#8217;ebreo di Ver</em>
                  <em>o</em>
                  <em>na</em> (1851) vom Jesuitenpater Bresciani, die in Spanien 1856 bzw. 1857 erscheinen, werden weitere ähnliche Romane aus dem Ausland, vor allem aus Frankreich und Italien, übersetzt, die von der Kirche für die ganze Familie, inklusive der Frauen, als empfehlenswert betrachtet werden. Allmählich wächst auch eine nationale Produktion und die spanischen Romane erreichen eine privilegierte Stellung unter den ausgewählten und empfohlenen Werken. Die wichtigsten katholischen Schriftsteller dieser Zeit sind Fernán Caballero mit ihren Romanen <em>La gaviota</em> (Die Möwe) (1849),<em> La familia de Alvareda</em> (1849), <em>Clemencia</em> (1852) und vielen weiteren Erzählungen, Francisco Navarro Villoslada, dessen historische Romane <em>Doña Bla</em>
                  <em>n</em>
                  <em>ca de Navarra </em>(1846), <em>Doña Urraca de Castilla </em>(1849)<em> </em>und vor allem <em>Amaya o la hist</em>
                  <em>o</em>
                  <em>ria de los vascos en el siglo VIII </em>(Amaya oder die Geschichte der Basken im 8. Jahrhundert) (1879)<footnote numbering="arabic" start="309">
                     <p> Über diesen Autor siehe Mata Induráin, Carlos: <em>Francisco Navarro Villoslada (1818-1895) y sus novelas hi</em>
                        <em>s</em>
                        <em>tóricas. </em>Pamplona: Gobierno de Navarra. Institución Príncipe de Viana. 1995.</p>
                  </footnote> sich großer Beliebtheit und Anerkennung in der Bevölkerung erfreuen, und mindestens bis Mitte des 20. Jahrhunderts als &#8222;gute&#8220; Lektüre eingestuft werden. Alle katholischen engagierten Schriftsteller stellten ihr Talent bei der Schaffung einer je nach Leserschaft differenzierten Unterhaltungsliteratur mit deutlich propagandistischen Zwecken in den Dienst der Kirche<footnote numbering="arabic" start="310">
                     <p> Über das Thema siehe Hibbs-Lissorgues, Solange: Novela histórica y escritores católicos en el siglo XIX: las marcas de un género. In: <em>Príncipe de Viana. Congreso internacional sobre la novela histórica. Homen</em>
                        <em>a</em>
                        <em>je a Navarro Villoslada. </em>Anejo 17. 1996. S. 167-186.</p>
                  </footnote>. Aber auch die Produktion von Erbauungswerken und Katechismen steigt seit den dreißiger Jahren unaufhörlich und erreicht in den fünfziger Jahren ihren Höhepunkt<footnote numbering="arabic" start="311">
                     <p> Darüber siehe Revuelta González, Manuel: La religión y la moralidad. In: <em>Historia de España Menéndez P</em>
                        <em>i</em>
                        <em>dal.</em> Bd I.<em> </em>Madrid: Espasa-Calpe. 1989. S. 296 f.</p>
                  </footnote>. In dieser Hinsicht spielt auch die weibliche Leserschaft eine beachtliche Rolle, Andachtsbücher und Katechismen bleiben das ganze Jahrhundert hindurch die wichtigste Lektüre, wenn nicht sogar die einzige, für die Frauen.</p>
               <p>Die globale Zunahme der sich an ein katholisches Publikum gerichteten Veröffentlichungen spiegelt das Aufkommen neuer Lesergruppen, wie Frauen und Kinder, und ebenfalls die Notwendigkeit, die traditionelle säkulare Leserschaft, die sich anderweitig orientieren könnte, festzuhalten, wieder. Die permanenten Ermahnungen an die Leser, die Warnungen, die vielen Verbote und Einschränkungen, deuten darauf hin, dass viele Katholiken die von der Kirche vertretene Linie nicht unbedingt achten.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N11D48" start="104"/>Die tief mit dem Glauben verbundene spanische Frau des 19. Jahrhunderts stellt für die katholische Kirche die Möglichkeit des Überdauerns der christlichen Lebensformen innerhalb der Familien dar und sie ist ihre sicherste Verbündete in der Gesellschaft<footnote numbering="arabic" start="312">
                     <p> So wird z.B. im Jahre 1855 bezüglich der Arbeiterfrau im <em>Álbum de las Familias </em>(Album der Familien), das Supplement der Zeitung <em>Diario de Barcelona</em> (Tageszeitung aus Barcelona), das deutsche Modell angepriesen: </p>
                     <p>«Die Arbeiterin hat die besondere Vorliebe des Klerus und der Katholiken in Deutschland genossen, denn sie haben von Anbeginn verstanden, dass die Frau ein wesentlich konservatives Element der Gesellschaft ist und dass in dem Moment, in dem die Frau aufhören sollte, dies zu sein, wir alle mit schwindelerregender Geschwindigkeit in Sittenverfall und Anarchie fallen würden. (&#8230;) Die Entwicklung der großen Industrie hat die Frau in die schwierige Lage gebracht, zwischen ihren Mutterpflichten und ihren Pflichten als Werkstattarbeiterin wählen zu müssen. (&#8230;) Man hat auf unverantwortliche Weise versucht, die Geschlechtsunterschiede in der neuen Arbeitsaufteilung so weit wie möglich aufzulösen, aber man hat nicht gemerkt, dass das, was mit der neuen Arbeitsorganisierung in die eigenen Taschen gewonnen wird, die Frau als Mutter und Gattin &#8211; denn das häufige Aufsuchen der Werkstätte lässt sie ihre Hausarbeiten fast vollständig vergessen &#8211; abgesehen von den unzähligen gefährlichen Verführungen, denen sie ausgesetzt ist, in anderen Bereichen verliert. (&#8230;) Dank des Einflusses der edlen und warmherzigen katholischen deutschen Institutionen behält die Arbeiterin ihre Reinheit, Barmherzigkeit und Frömmigkeit bei und erhält Unterweisungen, um ein dem Ehemann und allen Mitgliedern der Familie ehrendes Heim zu führen.» Zitiert in Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad en España. (1800 &#8211; 1936). </em>Madrid:<em> </em>Centro de Investigaciones sociológicas. 1980. S. 35.</p>
                  </footnote>; aufgrund dessen versucht sie jede Veränderung der gesellschaftlichen weiblichen Rolle zu vermeiden, sowie jede &#8222;fremde&#8220; Einflussnahme zu verhindern. Bezüglich des Lesens übt die Kirche auf die Frau &#8211; mehr als auf den Mann &#8211; eine vormundschaftliche Funktion aus: Es werden unzählige Schriften veröffentlicht, um sie durch den &#8222;gefahrvollen Weg&#8220; der Lektüre zu führen. Hohe Vertreter der Kirche, wie zum Beispiel der Bischof von Jaca Antolín López Peláez<footnote numbering="arabic" start="313">
                     <p> López Peláez, Antolín: <em>Los daños del libro. </em>Barcelona: Gustavo Gili. 1905.</p>
                  </footnote>, weisen auf die wichtige Stellung der Frau in der Gesellschaft, auf ihr außergewöhnliches Interesse am Lesen im Allgemeinen und auf die Notwendigkeit, gute Lesestoffe für die weibliche Leserschaft zu veröffentlichen, hin.</p>
               <p>Die spanische weibliche Leserschaft gehört im 19. Jahrhundert zum größten Teil zum Mittel- und Großbürgertum oder zur Aristokratie, die Zahl der lese- und schreibkundigen Frauen bleibt sehr niedrig und wächst nur mühsam. Trotzdem werden die Verleger auf die neue Publikumssparte aufmerksam. Man stellt hauptsächlich in den Großstädten, wie Madrid und Barcelona, eine Zunahme der für Frauen herausgegebenen Zeitungen, Zeitschriften und anderer Veröffentlichungen, sowie die wachsende Mitarbeit der Frauen bei der Presse und in der literarischen Produktion fest. Die Kirche, die sich mit den Auswirkungen der Urbanisierung, Industrialisierung und Demokratisierung der Gesellschaft und mit der daraus folgenden zunehmenden Präsenz der Frau in der Öffentlichkeit konfrontiert sieht, entwickelt einen neuen Diskurs, der ein differenziertes Interesse an der Frau je nach ihrer sozialen Schicht und ihrem Bildungsniveau &#8211; Arbeiterfrau, Dienstfrau, bürgerliche Frau usw. &#8211; zeigt<footnote numbering="arabic" start="314">
                     <p> Darüber siehe u.a. Giorgo, Michela de: La bonne catholique. In: <em>Histoire des femmes. </em>Paris: Plon. 1991. S 170-197.</p>
                  </footnote>. Jede Kategorie stellt jetzt eine spezifische Leserschaft dar, die auf unterschiedliche Weise zu lenken ist. </p>
               <p>Für die weibliche Leserschaft stehen ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Frauenillustrierte und unterhaltende Literatur in deutlichem Wettbewerb mit der bis dahin auf diesem Gebiet überaus wichtigen Erbauungsliteratur. Zu den von der Kirche gepriesenen Lektüren gehören, wie schon erwähnt, seit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auch Romane, die das Erbauende mit dem Unterhaltsamen verknüpfen; unter diesen gibt es allerdings wenige, die explizit oder exklusiv für ein weibliches Publikum vorgesehen sind. Romane sollten in der Familie von allen gelesen oder vorgelesen werden können, ohne dass ein Mitglied dieser aus moralischen Gründen ausgeschlossen wird. Die Lektüre wird innerhalb der Familie zum sozialisierenden und vereinigenden Faktor &#8211; wie das Beten des Rosenkranzes beispielsweise. Einige Inhalte deuten auf die Privilegierung eines weiblichen Publikums hin, aber in den meisten Fällen wäre eine geschlechtsspezifische Differenzierung anmaßend. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N11D81" start="105"/>Deutlich den Frauen zuzuordnen sind ratgebende Werke in Moralfragen. Mit dem Erreichen der Jugend wird die Frau anhand einer Reihe geeigneter Lektüren allmählich auf die Ehe, das Familienleben und die neue soziale Rolle vorbereitet. In dieser Hinsicht wird der Beichtvater Isabels II. und spätere Heilige Antonio María Claret, zur Autorität seiner Zeit. Seine Werke für ledige, verheiratete oder verwitwete Frauen, wie <em>Instrucción que debe tener la mujer para desampeñar bien la misión que el todopoderoso le ha conf</em>
                  <em>i</em>
                  <em>ado </em>(Die notwendige Erziehung der Frau, um ihre von dem Allmächtigen beauftragte Aufgabe richtig zu erfüllen) (1862)<footnote numbering="arabic" start="315">
                     <p> claret, Antonio María: <em>Instrucción que debe tener la mujer para desampeñar bien la misión que el todopod</em>
                        <em>e</em>
                        <em>roso le ha conf</em>
                        <em>i</em>
                        <em>ado. </em>Barcelona: Imprenta Pablo Riera. 1862.</p>
                  </footnote>, ergänzen die Pflichtlektüre von <em>La perfecta casada </em>(Die Perfekte Ehefrau)<em> </em>von Fray Luis de León aus dem Jahre 1523. Auch der Autor und Politiker Severo Catalina erreicht vor 1900 die 9. Auflage seines Werkes <em>La Mujer en las diversas relaciones de la familia y la sociedad. </em>
                  <em>Apuntes para un libro</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="316">
                     <p> Siehe Seite 54 dieser Arbeit.</p>
                  </footnote>.<em> </em>
               </p>
               <p>Außer diesen moralisierenden Werken bilden trostspendende oder beispielgebende Schriften eine andere Richtung, der von der Kirche für Frauen empfohlenen Lektüre &#8211; darunter hauptsächlich Hagiographien und Biographien; diese werden zusammen mit anderen frommen Texten auch in den Nonnenklostern gelesen. </p>
               <p>
                  <link id="_Toc172444405"/>
               </p>
            </subsection>
            <subsection id="N11DC6" label="II.5.2">
               <head>Sachbücher für Frauen</head>
               <p>Im Hinblick auf die für Frauen herausgegebenen Sachbücher ändert sich die Lage im Vergleich zum 18. Jh. in einigen Aspekten wesentlich, während sie in anderen fast gleich bleibt. Die sich im Laufe des Jahrhunderts bildende Mittelschicht braucht nützliche Werke verschiedener Thematiken, um im privaten und öffentlichen Leben den neuen Normen zu entsprechen, folglich werden viele geschlechtsspezifische Abhandlungen über gesellschaftliche Beziehungen und Verhaltensweisen auf privater und öffentlicher Ebene herausgegeben. Angesichts der reduzierten Bildungsangebote und sozialen Wirkungsfelder der Frau beschränken sich die für sie publizierten Sachbücher auf Gebiete, wie Tanzen, Zeichnen, Musik, Kaligraphie, Vorlesen, das Schreiben von Briefen, Schönheit und Körperpflege, Kindererziehung und Hauswirtschaft. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N11DD0" start="106"/>Was die wissenschaftlichen Abhandlungen für ein weibliches Publikum betrifft, stehen diese, genauso wie im 18.Jh<footnote numbering="arabic" start="317">
                     <p> Siehe Seite 50 f. dieser Arbeit.</p>
                  </footnote>, im Widerspruch zu den herrschenden Prinzipien der Gesellschaft der Zeit, aber da sich im Laufe des Jahrhunderts Kräfte entwickeln, die für eine tiefgehendere Bildung der Frauen plädieren, werden einige Werke über Geschichte, Literatur &#8211; oft genug Wegweiser für &#8222;gute&#8220; und &#8222;schlechte&#8220; Lektüre &#8211;, Landeskunde usw. herausgegeben, deren Niveau allerdings nicht über das Pseudo- oder Populärwissenschaftliche hinaus geht. Wissenschaftliche Werke für ein weibliches Publikum bleiben eine marginale Erscheinung<footnote numbering="arabic" start="318">
                     <p> Auf Seiten des weiblichen Publikums genießen die in Form von Fortsetzungen erscheinenden, romanhaften Geschichtswerke größere Zustimmung.</p>
                  </footnote>. Ein Thema, das sich seit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts immer größerer Beliebtheit erfreut, ist die Hygiene, körperliche, private, öffentliche,<em> </em>Hygiene der Seele, des Heimes und des ehelichen Lebens, bei letzterer handelt es sich oft um unter dem Deckmantel der Wissenschaft versteckte, pseudoerotische Schriften, was sie noch beliebter macht<footnote numbering="arabic" start="319">
                     <p> Fernández, Pura: Lecturas instructivas y útiles. In: V. Infantes, F. López, J-F. Botrel. (Hrsg.): <em>Historia de la edición y de la lectura en España 1472-1914. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 2003. S. 674 f.</p>
                  </footnote>. </p>
               <p>
                  <link id="_Toc172444406"/>
               </p>
            </subsection>
            <subsection id="N11DF9" label="II.5.3">
               <head>Folletines und Entregas</head>
               <p>Als sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts der handwerkliche Charakter des Druckwesens in Spanien dank der allmählichen Mechanisierung verändert, erfolgt eine Modernisierung der Produktionsmechanismen. Durch die Einführung neuer Techniken<footnote numbering="arabic" start="320">
                     <p> Siehe die ersten Kapitel dieser Arbeit. </p>
                  </footnote> erlebt das spanische Buchwesen einen starken Aufschwung, der parallel zu den ersten gewichtigen, von den staatlichen Institutionen geförderten Alphabetisierungsmaßnahmen verläuft. Wenn auch dieser Aufschwung eigentlich die Quantität und nicht die Qualität der Drucke betrifft, so versuchen doch die Verleger dem Publikum typographisch attraktive Produkte anzubieten; dabei bedienen sie sich der Illustrationen &#8211; Xylographien, Lithographien, Chromolithographien usw. &#8211; als begleitendes Material zum Text. Die Illustrationen helfen der großen Masse des bereits alphabetisierten, aber nicht ausreichend lesekompetenten Publikums zum besseren Verständnis der Lesestoffe und tragen entscheidend zur ihrer Verbreitung bei. Die neuen Entwicklungen finden in der Publikationsart der <em>entregas</em> und <em>folletines</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="321">
                     <p> Das Wort <em>folletín </em>leitet sich von dem französischen <em>feuilleton</em> ab, das zum ersten Mal im Jahre 1800 im Bereich der politischen Presse auftaucht: <em>Feuilleton du Journal des Débats</em> von Geoffroy, als Bezeichnung für das vierseitige, literarische Supplement dieser Zeitung.  </p>
                  </footnote> ein ideales Anwendungsgebiet.</p>
               <p>Unabhängig davon, ob in Wirklichkeit Hortelano, Vila oder Manini die Verleger waren, die in Spanien in den vierziger Jahren diese Art der Publikation aus Frankreich, das Land, in dem sie 1836 aus dem Wettbewerb zwischen den Verlegern Girardin mit <em>La</em> <em>Presse</em> und Dutacq<footnote numbering="arabic" start="322">
                     <p> Der erste Roman, der in dem französischen <em>feuilleton</em> erschien, war der spanische Klassiker <em>El Lazarillo de To</em>
                        <em>r</em>
                        <em>mes </em>(Der Blindenführer aus Tormes)<em> </em>(1554); kennzeichnend für die spanische Auswahl der Texte, die in Form von <em>foll</em>
                        <em>e</em>
                        <em>tines </em>erschienen sind, ist, dass hier die eigenen Klassiker viel zu wenig Beachtung fanden. </p>
                  </footnote> mit <em>Le Siècle </em>hervorgegangen war, einführten oder ob es andere noch heute unbekannte Verleger gab, die ihnen zuvorkamen<footnote numbering="arabic" start="323">
                     <p> In Anbetracht des Mangels an erschlossenen bibliographischen Informationsquellen aus dem 19. Jh., der jede detaillierte Untersuchung verhindert und jede Aussage ins Reich des Hypothetischen verschiebt, ist es bis jetzt nicht möglich gewesen, mit Bestimmtheit herauszufinden, ab wann in Spanien die ersten Fortsetzungspublikationen erscheinen. Die zwei gängigen Theorien stammen aus den Arbeiten von Juan Ignacio Ferreras und leonardo Romero Tobar. Während der Erste &#8211; nach der Autobiographie des Verlegers Benito Hortelano &#8211;die Theorie aufstellt, die ersten <em>entregas </em>seien in Spanien um 1843 erschienen, widerlegt Romero Tobar dies mit der Angabe einer Reihe von Beispielen von sogar lange vor 1840 erschienenen Werken, die in Form von Fortsetzungsheften verkauft wurden. Darunter finden wir die Veröffentlichung zwischen dem 14-II-1789 und dem 15-VII-1879 von Cadalsos <em>Cartas ma</em>
                        <em>r</em>
                        <em>ruecas</em> (Briefe aus Marokko) (1793)<em> </em>in der Zeitung <em>Correo de Madrid;</em> die Erscheinung einer Reklame in der Zeitung <em>Diario de Avisos </em>am 21-VII-1840 für ein Wörterbuch der Tiermedizin und deren begleitende Wissenschaften in Form von Heften. Außerdem zitiert Romero Tobar einen von <em>costumbrista</em> Schriftsteller Mesonero Romanos 1839 in der Zeitschrift <em>Semanario Pintoresco Español</em> (1836-1857) geschriebenen Artikel:</p>
                     <p>«Dem Einfluss des Journalismus folgend, hat man angefangen, sogar Werke, bei denen die Einheit des Inhalts am deutlichsten ist, als wöchentlich, fünfzehntägig oder monatlich erscheinende Fortsetzungshefte herauszugeben. Reihen von Romanen, von Reiseberichten, von Theaterstücken oder Musik&#8230;, alles beugt (faltet) sich den allgemeinen Formen, alles wird ausreichend verkleinert und gepresst, damit es unter der Tür durchgeschoben werden kann oder in die Tasche des Kolporteurs hineinpasst. Die voluminösesten Schinken, in kleine Hefte aufgeteilt (&#8230;) infiltrieren unbemerkt ihre Quintessenz unter den ahnungslosen Lesern, die, ohne zu wissen wie ihnen geschieht, nach Verlauf eines Jahres bemerken, dass sie zehn dicke Bänder gelesen haben und dabei nichtsahnend das ganzen Gift oder das Narkotikum, das diese beinhalten, geschluckt haben.» Siehe Mesonero Romanos, Ramón: Crónica Literaria. In: <em>El Seman</em>
                        <em>a</em>
                        <em>rio Pintoresco Español.</em> 1839. S. 190-192. Zitiert in Romero Tobar, Leonardo: <em>La novela popular española del siglo XIX.</em> Madrid: Fundación Juan March y Editorial Ariel. 1976.</p>
                     <p>All diese Werke und noch viele andere, die in separaten Teilen herausgegeben wurden, gelten &#8211; unserer Meinung nach &#8211; als Vorläufer der späteren <em>folletines</em> und <em>entregas</em>. Vom <em>Diccionario de literatura popular </em>wird der Roman <em>El castillo de Monsoliú </em>(1840), von Pablo Piferrer 1840 in <em>El Diario de Avisos </em>erschienen, als erste fiktionale Schrift, die in fragmentierter<em> </em>Form herausgegeben wird, genannt. Álvarez Barrientos, Joaquín, M<sup>a</sup> José Rodríguez Sánchez de León: <em>Diccionario de literatura popular española.</em> Salamanca: Ediciones Colegio de España. 1997. Artikel: Folletín. S. 127.</p>
                     <p>Betreffend die Polemik der Einführung der Fortsetzungspublikationen in Spanien siehe Romero Tobar, Leonardo: <em>La novela popular española del siglo XIX&#8230; </em>ed.cit. S. 59-63; Ferreras, Juan Ignacio: <em>La novela por entregas. </em>Madrid: Taurus. 1972. S. 46-50; Álvarez Barrientos, Joaquín, M<sup>a</sup> José Rodríguez Sánchez de León: <em>Diccionario de literatura popular&#8230; </em>ed.cit.; Über das Thema im Allgemeinen siehe außerdem Zabala, Iris María: <em>Ideología y polít</em>
                        <em>i</em>
                        <em>ca en la novela española del siglo XIX.</em> Salamanca: Editorial Anaya. 1971; Botrel, Jean- François: La novela por entregas: Unidad&#8230; ed.cit. S. 111-155; Botrel, Jean- François: La literatura popular: tradición, dependencia e innovación. H. Escolar Sobrino (Hrsg): <em>Historia ilustrada del libro español. La edición moderna. siglos XIX y XX.</em> Bd III.<em> </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1996. S. 239-271. In: Baulo, Sylvie: La producción por entregas y las colecciones semanales. In: V. Infantes, F. López, J-F. Botrel. (Hrsg.): <em>Historia de la edición y de la lectura en España 1472-1914. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 2003. S. 581-590; Lécuyer, Marie-Claude, Maryse Villapadierna: Génesis y desarrollo del folletín en la prensa española. In: <em>Hacia una liter</em>
                        <em>a</em>
                        <em>tura del pueblo, del folletín a la novela (El ejemplo de Timoteo Orbe). </em>Barcelona: Anthropos. 1995. S. 15-45.</p>
                  </footnote>, fest steht, dass der von den Fortsetzungsveröffentlichungen in der spanischen Gesellschaft erweckte Enthusiasmus, der bis in die siebziger Jahre hinein ungebrochen anhielt, der treibende Motor der Entwicklung des Buchhandels in Spanien ist<footnote numbering="arabic" start="324">
                     <p> Baulo, Sylvie: La producción por entregas y las colecciones semanales&#8230; ed.cit. S. 581.</p>
                  </footnote>. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N11ECD" start="107"/>Bei einer <em>entrega</em> handelt es sich in der Regel um einen 16seitigen<footnote numbering="arabic" start="325">
                     <p> Je nach Anzahl der verwendeten Papierbogen, hatte die entrega 16 oder 32 Seiten; diese Anzahl wurde, was die fiktionalen Texte betrifft, nicht überschritten. </p>
                  </footnote> Faszikel im Format 4°, der per Abonnement zu moderaten Preisen verkauft wurde. Sie waren für eine spätere Bindung in Buchformat konzipiert. Der Inhalt der <em>entregas </em>betraf alle Wissensgebiete, es wurden Enzyklopädien und Wörterbücher, Sammelwerke über Geschichte, Landeskunde, Religion, Medizin, Naturwissenschaften, aber auch Fibeln usw., herausgebracht, vorrangig handelte es sich jedoch um fiktionale Texte, sprich Romane.</p>
               <p>Trotz der bis in die fünfziger Jahre hinein noch herrschenden starken Ablehnung vonseiten vieler Intellektueller und der Kirche<footnote numbering="arabic" start="326">
                     <p> Siehe das Kapitel «Lektüre und Erbauung» dieser Arbeit. </p>
                  </footnote>, fand der Roman durch diese Art der Publikation einen wunderbaren Weg der Verbreitung, sodass er sich in der spanischen Gesellschaft etablierte. Die Kräfte, die anfänglich sowohl die <em>folletines </em>als auch die <em>entr</em>
                  <em>e</em>
                  <em>gas </em>bekämpft hatten, darunter viele katholische Verleger, schließlich von diesen neuen Druckerzeugnissen profitierend, publizierten seit Ende der fünfziger Jahre &#8211; nach den großen Publikumserfolgen <em>Fabiola&#8230; </em>(1857)<em> </em>und <em>L&#8217;Ebreo di Verona </em>(1857)<footnote numbering="arabic" start="327">
                     <p> Siehe Hibbs-Lissorges, Solange: Novela histórica y escritores católicos&#8230; ed.cit. S. 172-179.</p>
                  </footnote> &#8211; selbst Romane, die als Gegengift für die Amoralität der &#8222;schlechten&#8220; Lektüren dienen sollten. Die <em>entrega</em> trug dazu bei &#8211; dank der wirtschaftlichen Möglichkeiten, die sie schaffte &#8211; die Zahl der Drucker, Verleger und Schriftsteller zu erhöhen und folglich das spanische Buchwesen weiter zu entwickeln. </p>
               <p>Fortsetzungspublikationen erfüllten gleichzeitig die Ansprüche der Verleger und der Leser und stellten beide gleichermaßen zufrieden. Den Verlegern garantierten sie mit geringer Investition finanzielle Gewinne, &#8211; abgesehen von den Kosten für die erste <em>entrega </em>und der Werbung &#8211;, den zweiten ermöglichten sie den Zugang zu &#8222;Kulturgütern&#8220; ohne die Belastung, viel Geld auf einmal ausgeben zu müssen. Im Vergleich zum Preis eines Buches &#8211; in der Regel zwischen sechs und acht <em>reales</em> für ein gebundenes Exemplar &#8211; stellten die <em>entregas</em> jedoch wider Erwarten eine höhere finanzielle Belastung dar, denn jeder Faszikel kostete zwischen ein und drei <em>reales</em>, die Zahl der Hefte konnte aber &#8211; je nach Werk &#8211; viel höher als acht oder zehn<em> </em>sein<footnote numbering="arabic" start="328">
                     <p> Über die Preise der <em>entregas</em> siehe z.B. Botrel, Jean-François: La literatura popular&#8230; ed.cit. S. 261 f.; Baulo, Sylvie: La producción por entregas y las colecciones semanales&#8230; ed.cit. S. 581. und Ferreras, Juan Ignacio: <em>La novela por entregas&#8230; </em>ed.cit. S. 35 f.</p>
                  </footnote>. Außerdem war das Risiko vorhanden, dass die Herausgabe eines Werkes, von dem schon einige <em>entregas </em>gekauft worden waren, aus verschiedenen Gründen, aber hauptsächlich aus mangelnder Abonnentenzahl, eingestellt wurde. Trotzdem war es für die Konsumenten reizvoller, kleine wöchentliche oder monatliche Geldbeträge auszugeben, anstatt so lange eine bestimmte Summe anzusparen, bis der volle Preis eines Buches gedeckt werden konnte.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N11F2F" start="108"/>Fortsetzungsromane wurden nicht nur in Form von Heften herausgebracht, sondern auch als fester Bestandteil in Zeitungen und Zeitschriften, als sogenannter <em>folletín</em>. Bibliographisch betrachtet, ist der <em>folletín </em>seit seiner Entstehung<footnote numbering="arabic" start="329">
                     <p> Siehe Romero Tobar, Leonardo: <em>La novela popular española&#8230; </em>S. 56. </p>
                  </footnote> eine in der Zeitung oder Zeitschrift integrierte Komponente. In Spanien wurden mit der Zeit die Begriffe <em>entrega</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="330">
                     <p> Das Wort <em>entrega </em>impliziert keine inhaltliche Differenzierung, es bedeutet eigentlich «Lieferung» und bezieht sich auf die Verkaufsart, es wird jedoch oft als Metonymie verwendet, um das Werk zu bezeichnen.</p>
                  </footnote> und <em>folletín</em> nicht mehr ausdifferenziert für jede Art literarischer Schrift verwendet, die in Teile aufgespaltet wurde und in periodischen Abständen erschien, unabhängig davon, ob dies als <em>folletín </em>in einer Zeitung oder, Zeitschrift integriert war oder ob es als Faszikel von einem nicht journalistischen Unternehmen herausgebracht wurde. Im Hinblick auf den großen Anklang, den die Fortsetzungshefte in der Bevölkerung fanden, fing auch das Pressewesen an, separate Faszikel mit Romanen, Erzählungen u.Ä., die im Preis des Abonnements oder der Ausgabe inbegriffen waren oder separat von den Lesern gekauft werden konnten, herauszubringen. Infolge der damaligen Austauschbarkeit der Begriffe ist es für die heutige diachronische Forschung durchaus schwierig zu unterscheiden, welche Schrift auf welche Art publiziert wurde. Anhand der beispielhaften Definition von Luis Monguió sehen wir, wie problematisch das Auseinanderhalten der Begriffe ist:</p>
               <p>
                  <blockquote>
                     <p>«Der typische spanische Fortsetzungsroman wurde normalerweise nicht nur im <em>folletón </em>oder <em>folletín</em> einer Zeitung veröffentlicht, sondern auch &#8211; oder ausschließlich &#8211; in <em>folletines </em>oder separaten <em>entregas </em>herausgebracht; diese wurden dem Publikum gesondert von einem der vielen auf diese Art von Publikation spezialisierten Verlegern verkauft. Vielleicht stehen die Verkaufsmodi der <em>folletines </em>und <em>entregas </em>in Zusammenhang mit der alten Tradition der Veröffentlichung und des Verkaufs von <em>romances </em>und <em>pliegos de cordel</em>
                        <footnote numbering="arabic" start="331">
                           <p> Monguió, Luis: Crematística de los novelistas españoles del siglo XIX. In: <em>Revista Hispánica Moderna. </em>XVII. 1951. S. 111 f. Monguió hätte jedoch berücksichtigt sollen, dass Fortsetzungs- und Zeitungsromane in anderen europäischen Ländern ähnlichen Erfolg haben werden, wenn dieser auch nicht so lange anhalten wird wie in Spanien. Über <em>romances </em>und <em>pliegos de cordel </em>siehe das letzte Kapitel dieser Arbeit.</p>
                        </footnote>
                        <em>.»</em>
                     </p>
                  </blockquote>
               </p>
               <p>
                  <citenumber id="N11F8F" start="109"/> Ferner muss man berücksichtigen, dass aufgrund des nicht eingehaltenen Pflichtexemplargesetzes und des Desinteresses der kulturellen Institutionen Spaniens fast kein Exemplar dieser Publikationen erhalten geblieben ist<footnote numbering="arabic" start="332">
                     <p> Selbst Leonardo Romero Tobar muss in seinem o.g. Werk zugeben, dass er für seine Untersuchung kein loses Heft und keine lose Sammlung von Seiten, d.h. ein noch nicht gebundenes Exemplar einer <em>entrega </em>oder eines <em>folletín </em>gefunden hat, so dass er sich einen Eindruck davon hätte machen können. Romero Tobar, Leonardo: <em>La novela pop</em>
                        <em>u</em>
                        <em>lar española&#8230;</em>ed.cit.<em> </em>S. 58. Andererseits ist es bekannt, dass Botrel eine Sammlung dieser Publikationen in ihrem ursprünglichen Zustand besitzt</p>
                  </footnote>.</p>
               <block id="N11FAD" label="II.5.3.1">
                  <head>
                     <link id="_Toc172444407"/>Die Leserschaft der <em>entregas </em>und <em>folletines</em>
                  </head>
                  <p>Verschiedene Studien behandeln das Thema der sozialen Zugehörigkeit der Leserschaft von <em>entregas</em> und <em>folletines</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="333">
                        <p> Siehe empfohlene Literatur über das Thema. Fußn. 323.</p>
                     </footnote>. Uns scheint jedoch, dass angesichts der Breite des Spektrums und der Vielfalt der erschienenen Texte keine Festlegung auf eine soziale Schicht möglich ist. Der Kauf von Lesestoffen &#8222;auf Raten&#8220; ermöglicht zweifellos einer bis dahin ausgeschlossenen, wirtschaftlich schwachen Schicht den Zugang zur Lektüre, dies bedeutet aber nicht, dass alle Konsumenten zu den niederen Schichten der Gesellschaft gehören, denn die <em>entregas</em> und <em>folletines </em>stellen ein alle Klassen betreffendes Massenphänomen dar. </p>
                  <p>Die Werbung der Buchhändler und Verleger &#8211; die ständig auf die billigen oder gemäßigten Preise ihrer Produkte aufmerksam macht &#8211; weist darauf hin, dass für das potenzielle Publikum die Frage der Kosten sehr relevant ist. Andererseits ist der Gesamtpreis eines Fortsetzungsromans &#8211; wie schon erwähnt &#8211; in der Regel viel höher als der Gesamtpreis eines &#8211; sogar &#8211; gebundenen Buches<footnote numbering="arabic" start="334">
                        <p> Der Gesamtpreis für Dumas <em>Les Mohicans de Paris, </em>1861 in Spanien erschienen, erhöhte sich auf 129 <em>re</em>
                           <em>a</em>
                           <em>les</em>, d.h. ein Drittel des monatlichen Lohnes eines einfachen Arbeiters. Siehe Botrel, Jean-François: La literatura popular&#8230; ed.cit. S. 261 f. S.267.</p>
                     </footnote>; weiterhin ist jede <em>entrega </em>ein relativ teures Produkt im Vergleich zu dem Preis von Artikeln des täglichen Bedarfs. Ferner muss die hohe Zahl der nicht lesekundigen Spanier und die schlechte Vertriebsinfrastruktur auf dem Land in Betracht gezogen werden. Die <em>entregas</em> richteten sich überwiegend &#8211; aber auf keinen Fall ausschließlich &#8211; an eine städtische Leserschaft, an ein zum neuen Bürgertum und zu kleineren Gruppen des Handwerks und des Proletariats gehörendes Lesepublikum, das seinen Lohn wöchentlich bekam. Hierbei handelt es sich um Menschen, die von ihrer kulturellen Tradition her bis dahin nicht viel Kontakt mit Büchern gehabt haben und dem geschriebenen Wort mit größtem Respekt begegnen. Die Entwicklung der Fortsetzungspublikationen schuf ein quantitatives Wachstum der Leserschaft vor allem unter den &#8222;neuen&#8220; Lesern und festigte deren Lesegewohnheit. So schreibt beispielsweise Fernán Caballero:</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N11FF1" start="110"/>
                     <blockquote>
                        <p>«Wenn mich etwas stolz machen würde, dann wären es nicht die Lobsprüche in der Presse (&#8230;) Wenn mich etwas selbstgefällig machen könnte, dann wäre es etwas, was mir vor einigen Tagen passiert ist. Ich bekam die Ausgabe von <em>La Esp</em>
                           <em>a</em>
                           <em>ña, </em>in der meine Geschichte <em>El cuadro </em>&#8211; die ich Ihnen geschickt hatte &#8211; zu erscheinen anfing, nicht. Ich ließ mir den Weg zum Handwerkerkulturverein zeigen, der diese Zeitung bekommt, und ging hin. «Hat man hier gestern <em>La España </em>bekommen?», fragte ich einen Burschen. «Ja, meine Dame.» «Ich würde sie gerne einsehen.» «Ah ja!», erwiderte er, « das wird so sein, weil sie einen Fortsetzungsroman von Fernán Caballero bringt.» Ich gestehe Ihnen, mein Herz hüpfte in mir. «Nein, mein Herr», antwortete ich kühl, «ich möchte mir etwas anderes anschauen.» «Dann kommen Sie morgen wieder oder schicken Sie jemanden, um sie abzuholen, denn alle möchten diese Ausgabe lesen, deshalb wird sie den ganzen Tag nicht zu Verfügung stehen.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>
                           <citenumber id="N12010" start="111"/>Das ist kein Weihrauch, mein Freund, das ist der Duft von in der Luft zerstreuten wilden Blumen. Keiner dieser Männer liest je in seinem Leben einen Roman<footnote numbering="arabic" start="335">
                              <p> Caballero, Fernán: Brief an D. Eugenio de Ochoa, vielleicht von 1861. In:<em> Cartas; coleccionadas y anot</em>
                                 <em>a</em>
                                 <em>das</em>&#8230; ed.cit. S. 233 f.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Die typographische Gestaltung der in Faszikeln erscheinenden <em>entregas</em> weist auch auf eine nicht stark literarisierte Leserschaft hin. Die Typen sind mit neun oder zehn Punkten größer als die für andere Publikationen üblichen und der Abstand, der den Spatien und Seitenrändern zugeordnet wird, ist ebenfalls überproportional groß<footnote numbering="arabic" start="336">
                        <p> Botrel, Jean-François: La literatura popular&#8230; ed.cit. S.262.</p>
                     </footnote>. Durch dieses typographische Format erhöhen die Verleger die Zahl der Teillieferungen und kompensieren dadurch möglichst zusätzlich entstehende Kosten. Für den Leser wird die Lektüre erleichtert, vor allem, wenn er aufgrund nicht ausreichender Lesekompetenz langsam &#8211; oder sogar buchstabierend &#8211; oder bei schlechten Lichtverhältnissen lesen muss. </p>
                  <p>Andererseits ist das Lesen von <em>entregas </em>und <em>folletines </em>in den höchsten Kreisen der Gesellschaft auch gängige Praxis. Aus der Autobiographie des Schriftstellers und Politikers julio Nombela wissen wir z.B., dass der Minister Ríos Rosas eine Vorliebe für solche Publikationen hatte:</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N12040" start="112"/>
                     <blockquote>
                        <p>«Er beichtete mir, er habe eine Schwäche für die Romane von Dumas Vater und von Eugène Sue, von Montepín und Gaboriau, und für letztere, weil sie über sehr gut verborgene Verbrechen erzählten und sich nicht scheuten, die haarsträubendsten Details zu beschreiben; für die anderen, weil sie wunderbare Abenteuer erzählten, die den Leser unterhielten und faszinierten. Er war derart interessiert, dass er keinen einzigen <em>folletín </em>der Zeitung <em>La Correspondencia</em> verpasste,<em> </em>deren Verleger, D. Manuel María Santana, ein großer Connaisseur des Publikums, sie so gut auswählte<footnote numbering="arabic" start="337">
                              <p> Nombela, Julio: <em>Impresiones y recuerdos </em>ed.cit. S. 296. Siehe weitere Beispiele ebenda S. 296-298.</p>
                           </footnote>.» </p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Der General O&#8217;donnell wird in einem der <em>Episodios Nacionales </em>von Galdós beim Vorlesen eines <em>folletín </em>von Saint-Hilaire tief versunken dargestellt, als er zum Palast gerufen wird, um eine ministeriale Krise zu lösen<footnote numbering="arabic" start="338">
                        <p> Pérez Galdós, Benito: <em>O&#8217;Donnell</em>. <em>Episodios nacionales. Obra completa.</em>Bd III. Madrid: Aguilar.1945. S. 188f. </p>
                     </footnote>. Und sogar für Königin Isabel II. war das Lesen von Fortsetzungs- und Zeitungsromanen, nichts Unbekanntes. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N12077" start="113"/>
                     <blockquote>
                        <p>«Am nächsten Tag, nachdem sie das Dekret, das ihr von ihren Ministern nach dem Gesuch der Bischöfe vorgelegt worden war und das die Romane <em>Le Juif E</em>
                           <em>r</em>
                           <em>rant </em>und <em>Les Mystères de Paris </em>in Spanien verbot, unterschrieben hatte, bat sie meine Cousine [Die Kammerfrau Pepita], ihr beide Werke zu besorgen. Sie las beide mit großem Genuss und lachte nicht wenig über ihre Minister, weil sie sich von den Bischöfen zu einem, für sie auf keinen Fall begründeten Verbot, hatten leiten lassen<footnote numbering="arabic" start="339">
                              <p> Hortelano, Benito: <em>Memorias de Benito Hortelano</em>. Madrid: Espasa-Calpe. 1936. S. 141. Zitiert in Romero Tobar, Leonardo: <em>La Novela Popular Española&#8230; </em>ed.cit. S. 114.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Die Leserschaft der in Periodika gedruckten Romane war in der Regel an die jeweilige Zeitung oder Zeitschrift durch diverse Faktoren, die nicht den <em>folletín</em> betrafen, wie die vertretene politische Linie, die geforderte Lesekompetenz, das Abonnement usw. gebunden. Gleichzeitig gab es eine große Zahl von &#8222;beweglichen&#8220; Lesern, die sich aufgrund der Veröffentlichung eines bestimmten <em>folletín </em>für<em> </em>den Kauf loser Ausgaben oder für kurze Abonnementszeiten entscheiden konnten. Diese Kundschaft erhöhte die Auflagen wesentlich und brachte den periodischen Veröffentlichungen wichtige wirtschaftliche Vorteile ein.</p>
                  <subblock id="N120A7" label="II.5.3.1.1">
                     <head>
                        <link id="_Toc172444408"/>Die weibliche Leserschaft</head>
                     <p>
                        <citenumber id="N120B1" start="114"/>Verschiedene Untersuchungen haben versucht nachzuweisen, dass es sich bei den Konsumenten von Fortsetzungs- und Zeitungsromanen die Zahl der Leserinnen die der Leser überwiegt<footnote numbering="arabic" start="340">
                           <p> Ferreras, Juan Ignacio: <em>La novela por entregas</em>&#8230; ed.cit S. 25; Frankreich betreffend siehe Sullerot, Evelyne: Entretiens sur la paralittérature. Paris: Plon. 1970; über Spanien siehe Amoros, Andrés : Sociología de una novela rosa. Madrid: Taurus. 1968.</p>
                        </footnote>. Unserer Ansicht nach kann solch eine Aussage nur auf Hypothesen fußen, denn es existieren nicht ausreichend Quellen, um eine empirische Untersuchung durchzuführen, die sie belegen könnte. Zum einen gehört die spanische Leserin bis Ende des Jahrhunderts fast ausschließlich &#8211; mit der Ausnahme der Madriderinnen &#8211; zur Mittelschicht, zum Großbürgertum oder zur Aristokratie, diese stellen aber zusammen nur einen kleinen Teil der weiblichen Gesamtbevölkerung dar. Viele Frauen üben außerdem aus moralischen und ihren Glauben betreffenden Gründen eine Art Autozensur, zusätzlich wird der Mehrheit von ihnen ein bevormundetes Lesen auferlegt, so dass für sie viele der fiktionalen Texte der <em>entregas </em>und <em>folletines</em> als Lektüre nicht in Frage kommen. Aber zum anderen muss beachtet werden, dass auch Frauen des Kleinbürgertums und des Volkes, dank des Vor- und Kollektivlesens, Zugang zu einer Art von Publikationen haben, die sehr oft populäre Literatur veröffentlichte.</p>
                     <p>Wird die Handlung der meisten <em>entregas </em>im Betracht gezogen, stellt man fest, dass bei ihnen die Hauptfigur und die bearbeitete Problematik oftmals weiblich sind. Vieles weist darauf hin, dass solche Schriften gern von Frauen gelesen wurden. Aber wenige Autoren bekennen sich, wie Luis Val oder Pérez Escrich, der von Ferreras<footnote numbering="arabic" start="341">
                           <p> Ferreras, Juan Ignacio: <em>La novela por entregas&#8230; </em>S. 25.<em> </em>
                           </p>
                        </footnote> als bewusster Vertreter der Werte der katholischen traditionellen Familie bezeichnet wird, zu einer weiblichen Leserschaft. </p>
                     <p>In den an ein weibliches Publikum gerichteten Fortsetzungsromanen überwiegt das Sentimentale «<em>im schlechtesten Sinne des Wortes</em>
                        <footnote numbering="arabic" start="342">
                           <p> Ebenda. S. 27.</p>
                        </footnote>»; die meisten weiblichen, positiv konnotierten Figuren gehören zu den niederen Schichten der Gesellschaft oder zum Kleinbürgertum der Städte: Arbeiterinnen oder Arbeitertöchter, Schneiderinnen, Dienerinnen usw., während die negativ konnotierten zu den oberen Klassen gehören. Diese werden als amoralisch, pervertiert, neidisch, ehrgeizig und hartherzig dargestellt. Die Handlungen, die um eine Liebesgeschichte aufgebaut werden, behandeln außerdem Themen wie Familie, Ehe und Mutterschaft. Von Ferreras wurden einige Romane als eindeutig für weibliche Konsumentinnen geschaffen identifiziert, wie z.B. <em>Consuelo o el sa</em>
                        <em>c</em>
                        <em>rificio de una madre </em>(Consuelo oder die Opferung einer Mutter) (1878) <em>, Las hijas sin madre </em>(Die Töchter ohne Mutter)<em>, El llanto de una hija </em>(Die Tränen einer Tochter) (1879)<em>, Madre sin h</em>
                        <em>i</em>
                        <em>jos o dar la vida por honra </em>(Die Mutter ohne Kinder oder das Leben für die Ehre opfern)<em> </em>(1870) von Rafael del Castillo; <em>El calvario de una madre </em>(Der Kreuzweg einer Mutter)(1869) von Julián Castellanos y Velasco; <em>La</em> <em>parricida</em> (Die Vatermörderin) (1864) von Julio Nombela; <em>La esposa mártir </em>( Die Ehefrau, eine Märtyrerin) (1866), <em>La mujer adúlt</em>
                        <em>e</em>
                        <em>ra </em>(Die untreue Frau) (1864) von Pérez Escrich; <em>La conciencia de una madre </em>(Das Gewissen einer Mutter) (1875) von Ortega y Frías; <em>Las buenas y las malas madres </em>(Die guten und die schlechten Mütter) (1875) <em>El ángel de la famile </em>(Der Engel der Familie) (1873) von Manuel Fernández y González; ¡<em>Sin madre!</em> (Ohne Mutter!) (1883)<em>, ¡Si yo tuviera madre! </em>(Wenn ich eine Mutter hätte!) (1890),<em> Llanto de madre</em> (Die Tränen einer Mutter) (1890),von Luis de Vals, u.a.<footnote numbering="arabic" start="343">
                           <p> Ebenda S. 27 f.</p>
                        </footnote>. Wie aus den beispielhaften, aussagekräftigen Titeln entnommen werden kann, bewegen sich die Handlungen immer um eine relativ kleine Achse an Thematiken. Der übertriebenen Sentimentalität nach, den stereotypisierten Figuren, den simplifizierten und der sich ständig wiederholenden literarischen Effekten, dem niedrigen sprachlichen Niveau usw. zufolge, gehören diese Werke der Trivial- und sogar der Infraliteratur an.</p>
                     <p>
                        <citenumber id="N12134" start="115"/>Außer diesen, spezifisch an sie gerichteten Werken, haben Frauen zweifellos andere <em>folletines </em>und <em>entregas</em> gelesen, die für ein generelleres Publikum geschrieben waren, die<em> </em>allem voran in der allgemeinen<em> </em>Presse &#8211; in Zeitungen, wie <em>La Correspo</em>
                        <em>n</em>
                        <em>dencia de España </em>(1859-1925)<footnote numbering="arabic" start="344">
                           <p> Siehe Simón Palmer, María del Carmen: La mujer lectora&#8230; ed.cit. S. 750.</p>
                        </footnote> oder in Zeitschriften, wie <em>El Periódico para Todos </em>(1872-1883)<footnote numbering="arabic" start="345">
                           <p> Siehe Cazottes, Gisèle: <em>El Periódico para Todos.</em>
                              <em> </em>
                              <em>Index. </em>Toulouse: France-Ibérie<em> </em>Recherche. 1981.</p>
                        </footnote> &#8211; erschienen. Zur Verfügung standen ihnen auf jeden Fall die Romane und Erzählungen, die auf diese Art vom weiblichen Pressewesen verlegt wurden. </p>
                     <p>So kündigt z.B. <em>La Mujer. Revista de Instrucción General&#8230;</em>in ihrem Prospekt von 1871 an: </p>
                     <p>
                        <blockquote>
                           <p>
                              <citenumber id="N12178" start="116"/>«Bedingungen der Veröffentlichung: Sie wird ab Juni immer am achten, sechzehnten, vierundzwanzigsten und dreißigsten jedes Monats erscheinen. Sie besteht aus acht zweispaltigen Seiten in derselben Größe wie dieser Prospekt; sie wird Artikel und Berichte über Wissenschaft, Literatur, Bildung und andere Beiträge von allgemeinem Interesse, außerdem werden acht Seiten mit original spanischen Romanen gesondert gedruckt, damit sie separat gebunden werden können. Der erste von ihnen von Frau Sáez de Melgar verfasst, trägt den Titel <em>El Hogar sin Fu</em>
                              <em>e</em>
                              <em>go</em>
                              <footnote numbering="arabic" start="346">
                                 <p> Prospecto (Prospekt). In: <em>La Mujer. Revista de Instrucción General&#8230; </em>20-5-1871. Faustina Sáez de Melgar ist die Herausgeberin der Zeitschrift.</p>
                              </footnote>.» </p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p> Auch <em>El Pensil de Iberia</em> kündigt eine Reihe von in <em>entregas </em>erscheinenden Romanen an, die sich aber nicht ausschließlich an ein weibliches Publikum richten:</p>
                     <p>
                        <blockquote>
                           <p>
                              <citenumber id="N121A1" start="117"/>«<em>El Nuevo Pensil de Iberia</em> beginnt ihr zweites Erscheinungsjahr. Am Anfang dieser neuen Epoche möchten wir uns bei unseren Gönnern für ihre Treue bedanken. </p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>
                        <blockquote>
                           <p>Mit dem Wunsch, sie zu erfreuen, hatten wir überlegt, eine Sammlung von Gedichten mit dem Titel <em>Ramillete Poético del Pensil de Iberia</em> herauszugeben. Aber viele Freunde und Korrespondenten haben uns darauf hingewiesen, dass es viel klüger wäre, der literarischen Leidenschaft der Zeit zu folgen und Romane herauszugeben. Eigentlich wollten wir mit dem <em>Ramillete</em> unseren Abonnenten ein einmaliges Geschenk anbieten und jetzt werden wir für den Druck der Romane höhere Kosten haben. Unsere Freunde raten uns, die Preise zu erhöhen, da wir mit jeder Ausgabe eine <em>entrega </em>mitliefern; aber <em>El Pensil de Iberia </em>hat sich vorgenommen, niemals die Preise zu erhöhen (&#8230;).</p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N121C1" start="118"/>
                        <blockquote>
                           <p>Trotz alledem werden wir mit der nächsten Ausgabe eine sechzehnseitige <em>entr</em>
                              <em>e</em>
                              <em>ga</em> im Format 8° aus gutem Papier und gepflegter Typographie verteilen. Da jede <em>entrega </em>eines Romanes der Hälfte der Seiten einer Zeitschriftausgabe entspricht, wird man Ende des Monats die Seitenzahl von vier Nummern (sic) erhalten, anstatt der bisher erschienenen drei Nummern. Wir hoffen, dass die Abonnenten erkennen, dass es sich bei dieser Unternehmung um keine Spekulation handelt, ganz im Gegenteil (&#8230;). </p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>
                        <blockquote>
                           <p>
                              <citenumber id="N121DD" start="119"/>So beginnt ab der nächsten Ausgabe die Erscheinung der <em>Biblioteca del Pensil de Iberia, </em>Sammlung originaler Romane. Der erste ist <em>Flor del Corazón </em>(Blume des Herzens), von unserem Freund und Mitarbeiter Francisco Puig de La Fuente verfasst; danach werden <em>Adoración</em> (Anbetung) von Margarita Pérez de Celis und <em>El Último Realista </em>(Der letzte Realist) von Fernando Garrido folgen und diesen wieder andere, von angesehenen Schriftstellern für unsere Bibliothek verfasst<footnote numbering="arabic" start="347">
                                 <p> A nuestros suscriptores y amigos. In: <em>El Nuevo Pensil de Iberia&#8230;</em> 8. 20-XII-1857. S.1.</p>
                              </footnote>.»</p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>
                        <link id="_Toc172444409"/>
                     </p>
                  </subblock>
               </block>
               <block id="N12202" label="II.5.3.2">
                  <head>Autoren und Verleger </head>
                  <p>Die stetig wachsende Nachfrage nach Romanen konnte Kraft des Phänomens der <em>entregas </em>und des <em>folletín </em>gedeckt werden; dieses Phänomen diente gleichzeitig der Belebung und Weiterentwicklung des Buchmarktes. Ein Zusammenspiel zwischen Angebot und Nachfrage wurde geschaffen und damit die Grundlage der marktwirtschaftlichen Produktion im Buchhandel und Buchdruckbereich in Spanien<footnote numbering="arabic" start="348">
                        <p> Ferreras, Juan Ignacio: <em>La novela por entregas&#8230; </em>ed.cit. S. 15-20.</p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>Da sich in Spanien bis in das letzte Viertel des Jahrhunderts keine schaffende und richtunggebende, intellektuelle Schicht etabliert hatte, so dass sie dem spanischen Publikum einen Stil, eine Schule, einen Geschmack vorschreiben konnte, beherrschten Übersetzungen und Nachahmungen die spanische Literaturwelt. Das Publikum bestimmte die Richtung, den Stil und die Inhalte und zog die ausländischen Originale den hiesigen Imitationen vor. Die Leserschaft der <em>folletines</em>, die zum überwiegenden Teil aus nicht sehr gebildeten Leuten bestand, darunter auch viele Frauen, bevorzugte Lesestoffe, die für sie leicht verständlich waren. Wie in anderen europäischen Ländern wurden auch in Spanien überwiegend Autoren, wie Sue, Dumas, Hugo, Balzac, Scott u.a. veröffentlicht. Der Unterschied zu den Ländern, wie z.B. Frankreich oder England, lag daran, dass dort jeder publizierte Roman dazu diente, diese Gattung weiterzuentwickeln, so dass unter vielen minderwertigen Werken des Öfteren sich ein wahres Meisterwerk emporhob; während man in Spanien &#8211; mit wenigen Ausnahmen &#8211; jahrzehntelang wartete, bis die ersten qualitativ mit dem französischen und englischen Niveau vergleichbare Werke erschienen<footnote numbering="arabic" start="349">
                        <p> Über den spanischen Roman im 19. Jh im Allgemeinen siehe u.a. Montesinos, José Fernando: <em>Introdu</em>
                           <em>c</em>
                           <em>ción a una historia de la novela en España en el siglo XIX, seguida de un esbozo de una bibliografía española de traducci</em>
                           <em>o</em>
                           <em>nes de novelas (1800-1850). </em>Madrid: Castalia. 1966; Ferreras, Juan Ignacio: <em>Catálogo de novelas y novelistas esp</em>
                           <em>a</em>
                           <em>ñoles del siglo XIX. </em>Madrid: Cátedra. 1979. Ferreras, Juan Ignacio: <em>El triunfo del liberalismo y de la novela histór</em>
                           <em>i</em>
                           <em>ca. </em>Madrid: Taurus. 1976. Ferreras, Juan Ignacio: <em>Los órigenes de la novela decimonónica (1800-1830). </em>Madrid: Taurus. 1973. </p>
                     </footnote>. Und als die ersten Romane von Schriftstellern, wie Clarin, Pérez Galdós, Alarcón, Pardo Bazán u.a. verlegt wurden, begann der <em>folletín </em>allmählich aus den Zeitungen zu verschwinden &#8211; nur die Zeitschriften publizierten weiter bis in das 20. Jh. hinein literarische Texte, allerdings mehr Erzählungen als Romane &#8211; und die <em>entregas </em>hatten ihren Abstieg in die Welt der Schundliteratur endgültig vollzogen.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N12255" start="120"/>Die meisten in Spanien erschienenen Fortsetzungs- und Zeitungsromane sind also Übersetzungen ausländischer Werke, hauptsächlich aus französischer Produktion. Diese wurden in der Regel direkt nach dem Erscheinen aus den Zeitungen übersetzt. Einige Verleger hatten in Frankreich oder England Mitarbeiter, die sie über den Erfolg der Werke bei dem dortigen Publikum informierten, infolge dieser Berichte wurde entschieden, ob der <em>folletín</em> auch in Spanien herauszugeben war oder nicht. </p>
                  <p>Die Nachfrage war jedoch so hoch, dass sie eine gute Möglichkeit der Publikation nationaler Werke darstellte. Eine Reihe von Schriftstellern und Verlegern spezialisierten sich auf die Produktion von <em>entregas </em>und <em>folletines. </em>In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts waren von den zwischen 130 und 150 bekannten spanischen FortsetzungsromanSchriftstellern mindestens 30 keine gelegentlichen, sondern richtige Spezialisten<footnote numbering="arabic" start="350">
                        <p> Ferreras, Juan Ignacio: <em>La novela por entregas&#8230; </em>ed.cit. S. 12.</p>
                     </footnote>. Die Abhängigkeit dieser Autoren vom Verleger war im Allgemeinen absolut, nicht nur aus finanzieller Sicht, sondern auch auf literarischer, respektive den Aufbau der Figuren und Inhalte, die Struktur der Kapitel oder die Sprache betreffend. Der Verleger organisierte den Vertrieb der Werke und die Arbeit seiner &#8222;Schreibkräfte&#8220; &#8211; Inhalt und Rhythmus wurden immer dem Publikumsgeschmack angepasst &#8211; in gleicher Weise, wie jeder Unternehmer seinen Betrieb nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage ordnet.</p>
                  <p>Gelegentlich fanden einige dieser Schriftsteller zusammen und gründeten in eigener Sache einen Verlag für die Herausgabe ihrer Werke, wie im Fall der <em>Periódico para Todos </em>(Zeitung für alle)<em> </em>(1872-1883), die von Manuel Fernández y González, Ramón Ortega y Frías und Torcuato Tarrago y Mateos ins Leben gerufen, zur erfolgreichsten Publikation ihrer Art wurde<footnote numbering="arabic" start="351">
                        <p> Über diese Publikation siehe Cazottes, Gisèle: <em>El Periódico para Todos&#8230; </em>ed.cit. </p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N12286" start="121"/> Viele Anekdoten von Schriftstellern und viele Romanfiguren zeugen von dem Leben solcher &#8222;Schreibkräfte&#8220;, über ihre Beziehungen mit Verlegern, dem Publikum usw.<footnote numbering="arabic" start="352">
                        <p> In den Romanen des sogenannten &#8220;silbernen Zeitalters&#8220; der spanischen Literatur, von Schriftstellern, wie Benito Pérez Galdós, Clarin, Valle Inclán, Miguel Unamuno, Pio Baroja repräsentiert, findet der Leser unzählige Beispiele von Figuren, die in irgendeiner Beziehung mit dem Fortsetzungsroman stehen, entweder, weil sie solche selber schreiben oder weil sie sie lesen. Zwei der Bekanntesten sind der &#8222;Schriftsteller&#8220; Ido del Sagrario aus dem Roman <em>Fortunata y Jacinta</em> und <em>Tormento</em> (1884)<em> </em>von Galdós und Isidora Rufete aus <em>La desheredada </em>(1881), die wie eine Art Don Quixote nach dem vielen Lesen von <em>folletines</em> verrückt wird,<em> </em>von dem selben Autor. </p>
                     </footnote>. So beschreibt z.B. bei Benito Pérez Galdós die Figur Ido del Sagrario seine Anfänge als Autor:</p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>«Ein Autor von Fortsetzungsromanen stellte mich als Schreibkraft ein. Er diktierte und ich schrieb&#8230; Meine Hand war schnell wie ein Blitz&#8230; Und ich war mehr als glücklich&#8230; Jede Teillieferung bedeutete eine Unze. Dann wurde mein Autor krank und er sagte zu mir: «Ido, beenden Sie dieses Kapitel». Ich nahm meine Feder und zack, schon beendet; und ich fange ein neues Kapitel nach dem anderen an. Mensch! Ich war selber erschrocken. Mein Arbeitgeber sagte zu mir: «Ido, ab heute sind Sie Mitarbeiter&#8230;». Wir nahmen uns drei Romane gleichzeitig vor. Er diktierte jedes Mal den Anfang und ich nahm den Faden und los ging&#8217;s&#8230; da strömten Kapitel und noch mehr Kapitel<footnote numbering="arabic" start="353">
                              <p> Pérez Galdós, Benito: <em>Tormento</em>. Madrid: Aguilar. 1962. S. 23.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N122BA" start="122"/>Man muss jedoch unter den Fortsetzungsromanen zwei verschiedene Arten der literarischen Produktion unterscheiden. Nicht alle Romane oder Erzählungen, die in Zeitungen und Zeitschriften als Bestandteil dieser Publikation oder in separaten Faszikeln aufgeteilt erscheinen, sind mit der Technik der &#8222;Fortsetzung&#8220; geschrieben worden<footnote numbering="arabic" start="354">
                        <p> Ferreras unterscheidet zwischen einem Roman, der in der Absicht geschrieben worden ist, ihn in Teilen veröffentlichen zu lassen «<em>novela escrita por entregas» </em>und einem Roman, der einfach als <em>folletin </em>oder als <em>entrega </em>veröffentlicht wird «<em>novela</em> <em>publicada por entregas»</em>. Siehe Ferreras, Juan Ignacio: <em>La novela por entr</em>
                           <em>e</em>
                           <em>gas&#8230; </em>ed.cit. S 75-78. Botrel dagegen definiert die <em>entrega</em> als Grundelement, aus einem oder mehreren Papierbogen bestehend, eines noch nicht beendeten Werkes. Siehe Botrel, Jean-François: La novela por entregas: Unidad&#8230; ed.cit. S. 111. Wir sind mit letzterer Auslegung nicht einverstanden, denn unter dem Namen <em>entregas </em>werden auch viele, fiktionale und nicht fiktionale Werke, die schon vor dem Beginn der Publikation vollständig verfasst worden waren, herausgegeben.</p>
                     </footnote>. Viele Autoren konzipierten ihr Werk als eine abgeschlossene, inhaltlich unzertrennbare Einheit, das in Form eines Buches auf den Markt kommen sollte. Wenn dies nicht so erfolgte und das Werk als <em>folletín</em> oder als <em>entrega </em>herausgebracht wurde, hing es nicht von dem Autor ab, sondern von den gerade herrschenden Marktgesetzen. Den Schriftstellern wurde die Okkasion des Publizierens geboten und sie bekamen &#8211; je nach Berühmtheitsgrad und Wert der Schrift &#8211; von den Verlegern der Periodika oder der <em>entregas</em> ihren Lohn. Das Problem für die spanischen Schriftsteller dieser Zeit war, dass Romane, die bereits als <em>folletín </em>oder <em>entrega</em> veröffentlicht worden waren, später mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr als Buch gedruckt wurden, denn sie waren schwer absetzbar. So schreibt z.B. die Schriftstellerin Fernán Caballero:</p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>«Ich hatte beschlossen, nie wieder für einen <em>folletín</em> zu schreiben, denn, Sie werden mir Recht geben, es ist ziemlich traurig, dass, nachdem die Texte veröffentlicht worden sind, kein Verleger zu finden ist, der diese erneut als Buch drucken will, so dass ich den Leuten, die sogar aus dem Ausland Exemplare meiner Werke haben wollen, keine schicken kann. Deshalb biete ich Ihnen diese Erzählung mit der Bedingung an, sie später zusammen mit anderen Erzählungen (&#8230;) auch als Buch herauszugeben und &#8211; wenn Sie es für würdig halten &#8211; unter den Abonnenten Ihrer Bibliothek zu verteilen oder separat zu verkaufen<footnote numbering="arabic" start="355">
                              <p> Fernán Caballero: Brief (Entwurf) an MSM. 1852 oder 1853. In:<em> Cartas; coleccionadas y anotadas</em>&#8230; ed.cit. S. 66.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N1230C" start="123"/>In den ersten zwei Dritteln des Jahrhunderts erscheinen die meisten literarischen Prosa-Kreationen aller Autoren und Autorinnen auf diese Weise. Unter den Schriftstellern, die nicht nur gelegentlich &#8211; aus finanzieller Not oder um bekannt zu werden &#8211;, sondern weil sie sich darin spezialisiert hatten, als Fortsetzung konzipierte Romane zu veröffentlichen, sind Manuel Fernández y González, José Ortega y Frías, Wenceslao Ayguals de Izco, Julio Nombela, Massa y Sanguinetti, Enrique Pérez Escrich, Juan Martínez Villergas, Torquato Tárrago y Mateos, Vicente Blasco Ibáñez<footnote numbering="arabic" start="356">
                        <p> Siehe den Katalog von Autoren und die Untersuchung über 28 von ihnen in Ferreras, Juan Ignacio: <em>La novela por entregas&#8230; </em>ed.cit. S. 92-115. S. 121-236.</p>
                     </footnote> u.a. zu nennen. Aber auch die Ziele solcher Autoren beim Schaffen ihrer Werke können grundsätzlich verschieden sein, während Fernández y González oder Ortega y Frías nur lukrativen Zwecken folgen, fügt Ayguals de Izco seinen literarischen &#8222;Ausgeburten&#8220; &#8211; bei denen er sich Sue als Modell bedient &#8211; eine soziopolitische Komponente hinzu<footnote numbering="arabic" start="357">
                        <p> Wenceslao Ayguals de Izco ist einer der wichtigsten kreativen Intellektuellen Mitte des Jahrhunderts. Er war Politiker, Autor von Romanen &#8211; darunter zwei der größten Bestseller des Jahrhunderts <em>María o la hija de un jornalero </em>(María oder die Töchter eines Arbeiters) (1845-1846) und <em>La bruja de madrid o pobres y ricos </em>(Die Madrider Hexe oder Arme und Reiche) (1849-1850) &#8211; und Theaterstücken und Gründer des Verlages <em>Sociedad Literaria</em>, bei dem u.a. Zorrilla, Bretón de los Herreros, Hartzenbusch, Campoamor und Martínez Villegas mitarbeiteten und veröffentlichten. Außerdem gründete er in Zusammenarbeit mit Martínez Villegas mehrere satirische Zeitungen. Über die <em>folletines </em>von Ayguals de Izco siehe Reglin, Renate: <em>Wenceslao Ayg</em>
                           <em>u</em>
                           <em>als de Izco: kleinbürgerliche Sozialkritik im Folletín-Roman des 19. </em>
                           <em>Jahrhunderts. </em>Frankfurt am Main: Vervuert. 1983; Carrillo, Victor: Ayguals de Izco: le roman feuilleton. In: <em>L&#8217;infralittérature en Espagne.</em> Grenoble : PUG. 1977. S. 7-101.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>Bei den Autoren des von Ferreras in seinem Werk <em>La novela por entregas </em>erstellten Kataloges finden wir unter 130 männlichen Schriftstellern sieben Frauen. Wenn man die geringe Wichtigkeit bedenkt, die solche Werke der Moral und dem &#8222;Erziehen&#8220; einräumten, sind es proportional viele Autorinnen. Es handelt sich dabei um Teresa Arroniz y Bosch mit ihren Werken, <em>La Condesa de Alba-Rosa </em>(1873) und<em> Vidrio y perlas </em>(Glas und Perlen) (1886); Concepción Benítez de Guevara mit <em>Las dos baronesas</em> (Die zwei Baroninnen) (1887); Eduarda Feijóo de Mendoza mit historischen Romanen, wie <em>Doña Blanca de Lanuza. </em>
                     <em>Recuerdos de la corte de Felipe II </em>(D. Blanca de Lanuza. Erinnerungen aus dem Hof Philipp II.) (1866); Ana García de la Torre mit <em>Los esclavos del trabajo </em>(Die Sklaven der Arbeit) (1876) und <em>La</em> <em>Asociación </em>(Der Verein) (1879); Catalina Macpherson de Bremón, deren erstes Werk <em>El hijo del destino</em> (Der Sohn des Schicksals) 1851 von Ayguals de Izco verlegt wurde, außerdem verfasste sie <em>Isabel o la lucha del corazón </em>(Isabel oder der Kampf des Herzens) (1853); Elena Saíz mit <em>Los amores del Rey, memorias de un cortesano de Alfonso XI.</em> (Die Liebschaften des Königs. Memoiren eines Hofmannes Alfons&#8217; XI.) (1887). Unter diesen Schriftstellerinnen gibt es keine, die Berühmtheit erlangt hätten. Es kann dennoch nicht ausgeschlossen werden, dass andere Autorinnen &#8211; vielleicht auch Prominente &#8211; unter dem Deckmantel eines männlichen Pseudonyms weitere Fortsetzungsromane geschrieben haben. Die meisten Autorinnen veröffentlichen ihre fiktionalen Werke lieber in Zeitschriften des weiblichen Pressewesens; wenn sie einen hohen Grad an Bekanntheit erlangt haben, publizieren sie auch in den wichtigen und &#8222;respektablen&#8220; allgemeinen Zeitungen und Zeitschriften. </p>
                  <subblock id="N12365" label="II.5.3.2.1">
                     <head>
                        <link id="_Toc172444410"/>Die Bibliotheken und Reihen von <em>entregas</em>
                     </head>
                     <p>Die Veröffentlichungsweise der Fortsetzungen ermöglicht dem Verleger eine Reihe von Varianten zum Absetzen seiner Produkte. Er kann einen Roman in eine Zeitung oder Zeitschrift integrieren, ihn in Faszikeln mit diesen Publikationen oder vollständig unabhängig von ihnen verkaufen, und er kann ebenso für den Fall, dass er nicht alle <em>entregas</em> verkauft hat, die übriggebliebenen Hefte als Buch binden lassen und in Bänden absetzen. Ferner kann er Reihen herausgeben, die sich entweder langsam aus einer Sammlung von Fortsetzungen ergeben oder bereits in Bänden herausgegeben worden sind oder werden. Viele dieser Reihen werden in den Prospekten der Verleger, in bibliographischen Ankündigungsblättern und -zeitschriften und von den herausgebenden Periodika annonciert, aber, wie bei so vielen anderen spanischen Druckerzeugnissen, ist es heute schier unmöglich, die meisten dieser Publikationen ausfindig zu machen. «<em>Alles ist möglich, alles ist verwirrend auf der komplizierten Welt der entregas</em>
                        <footnote numbering="arabic" start="358">
                           <p> Ferreras, Juan Ignacio: <em>La novela por entregas&#8230; </em>ed.cit. S. 62.</p>
                        </footnote>
                        <em>.»</em> Als bibliographische Quelle dienen die Kataloge der Bibliotheken, vor allem die der Madrider Nationalbibliothek &#8211; dort werden in der Regel jedoch keine Angaben darüber gemacht, ob die Bände auch in Form von <em>entregas </em>herausgebracht wurden &#8211; und die in den Archiven einiger Zeitungen aufbewahrten Exemplare. Juan Ignacio Ferreras hat in seinem Werk <em>La novela por entregas</em> eine kleine Liste von Sammelreihen mit erläutenden Angaben hergestellt<footnote numbering="arabic" start="359">
                           <p> Ebenda S. 62-73.</p>
                        </footnote>. </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N12397" start="124"/>Eine andere Bibliothekenart wird unter dem Oberbegriff <em>Galería</em> verlegt, diese kennzeichnen sich durch die reiche inhaltliche Palette, die sie anbieten, darunter sind nicht nur fiktionale Texte zu finden, sondern auch Biographien, Typendarstellungen und populärwissenschaftliche Werke über Geschichte, Geographie, usw. Wir kommen auf diesen Punkt noch eingehender zu sprechen.</p>
                     <p>
                        <link id="_Toc172444411"/>
                     </p>
                  </subblock>
               </block>
               <block id="N123A6" label="II.5.3.3">
                  <head>Der Vertrieb</head>
                  <p> Vor einer Veröffentlichung gab es immer eine Werbekampagne für das Werk. Die bevorstehende Erscheinung wurde zum einen in Zeitungen, Zeitschriften, Büchern oder anderen <em>entregas</em>, sowie auf Plakaten in den Straßen angekündigt, zum anderen wurde ein Prospekt, der das neue Werk sehr emphatisch anpries, ein Abonnementsformular und manchmal der erste Faszikel von den Kolporteuren von Tür zu Tür der potenziellen Leser verteilt. Dabei unterstrich der Verleger ständig den &#8222;billigen und angemessenen&#8220; Preis und die begleitenden prächtigen Geschenke, wie Einband, Illustrationen u.Ä.; damit wurde die Veröffentlichung als etwas für die Konsumenten Unentbehrliches dargestellt. Einige Tage später holte der Austräger das Formular ab und verteilte die ersten zwei Faszikel mit dem Versprechen, wöchentlich weitere <em>entregas </em>zu liefern<footnote numbering="arabic" start="360">
                        <p> Baulo, Sylvie: La producción por entregas y las colecciones semanales&#8230; ed.cit. S. 583.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>Die Arbeit der Kolporteure ist von Autoren, wie Ferreras, als der wichtigste Vertriebsweg angegeben worden, dies muss jedoch abgeschwächt werden, denn die Abonnements konnten auch, wie die für Periodika, in bestimmten, von den Verlagen bekannt gegebenen Orten, wie Buchhandlungen, Druckereien u.Ä. abgeschlossen werden und für den Konsumenten in der Provinz war dieser Weg sogar der einzige. Nach Abschließen des Abonnements bekam er die <em>entregas </em>per Post geliefert.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N123C4" start="125"/>Auch wenn die Forschung in den letzten Jahren die Wichtigkeit der <em>entregas</em> als Massenphänomen etwas<em> </em>relativiert hat<footnote numbering="arabic" start="361">
                        <p> Botrel, Jean-François: La literatura popular&#8230; ed.cit. S.266.</p>
                     </footnote>, verrät ein Vergleich zwischen der Zahl der Exemplare der üblichen Auflage eines Buches &#8211; in der Regel nicht höher als 3 000 Exemplare &#8211; und der <em>entregas </em>&#8211; je nach Titel zwischen 12 000 und 13 000 Exemplare<footnote numbering="arabic" start="362">
                        <p> Ebenda S. 266. Sylvie Baulo erhöht diese Zahl auf 14 000. Baulo, Sylvie: La producción por entregas y las colecciones semanales&#8230; ed.cit. S. 582.</p>
                     </footnote> &#8211; ihre nicht zu unterschätzende Bedeutung bei der Kräftigung und Festigung der Lesegewohnheit in Spanien. Der Biograph des Fortsetzungsroman-Autors par Excellence Manuel Fernández y González gibt die Zahl von bis zu 200 000, in wenigen Monaten erreichten Teillieferungsexemplaren des Romanes <em>Luisa o el ángel de la r</em>
                     <em>e</em>
                     <em>dención</em> (Luisa oder der erlösende Engel) (1859-1860)<footnote numbering="arabic" start="363">
                        <p> Hernández Girbal, F: <em>Una vida pintoresca: Manuel Fernández y González. </em>Madrid: Atlantico. 1931. S. 120 f.</p>
                     </footnote> an. Wenn man die übliche Auflage &#8211; nach Botrel &#8211;mit einem Mittelwert von 3,5 Leser je Exemplar<footnote numbering="arabic" start="364">
                        <p> Der Fortsetzungsroman-Autor Pérez Estrich schätzte diesen Mittelwert auf drei Leser pro Ausgabe. Botrel, Jean-François: La literatura popular&#8230; ed.cit. S.266.</p>
                     </footnote> multipliziert, ergibt sich eine Zahl von 42 000 bis 45 000 Lesern, im Vergleich zu der o.g. Zahl der Exemplare von Buchauflagen<footnote numbering="arabic" start="365">
                        <p> Botrel gibt zusätzlich folgende Angaben: Patricio Gómez de la Escosura erreichte 1835 die Zahl von 500 Abonnenten für die Veröffentlichung seines Romans <em>Ni Rey ni Roque</em>; der populäre Schriftsteller Juan Valera schätzte seine Leserschaft auf zwischen 3 000 und 6 000 Lesern; Benito Pérez Galdós soll &#8211; nach Valera &#8211; die sagenhafte Zahl von 20 000 Leser erreicht haben. Siehe Botrel, Jean-François: Sur la condition de l&#8217;écrivain en Espagne dans la seconde moitié du XIX<sup>e </sup>siècle. Juan Valera et l&#8217;argent. In: <em>Bulletin Hispanique.</em> LXXII. 3-4. 1970. S. 307.</p>
                     </footnote> stellen die <em>entregas </em>in der Tat ein Massenphänomen dar. Als niedrig vorkommen kann einem die Zahl von 3,5 Lesern pro Exemplar angesichts der Multiplikatorfunktion des Ausleihens der Druckerzeugnisse unter Verwandten und Freunden, aber vor allem des Vorlesens und des kollektiven Lesens &#8211; was aufgrund der hohen Analphabetenzahlen besonders bei den Frauen, in vielen Fällen der einzige Zugang zum geschriebenen Text bedeutet; aber die Tatsache, dass <em>follet</em>
                     <em>i</em>
                     <em>nes</em> und <em>entregas </em>unabhängig davon, ob es sich um fiktionale Lesestoffe handelt oder nicht, eine vorhandene Lesekompetenz und die finanziellen Möglichkeiten für den Kauf voraussetzten, schließt die große Masse der spanischen Bevölkerung von ihrer Lektüre aus. </p>
                  <p>Um eine Nachfrage zu schaffen oder diese zu stimulieren, wenn sie schon vorhanden war, entwickelten die Verleger reizvolle Angebote. Der wichtigste Faktor blieb der erschwingliche Preis, aufgrund dessen boten einige unter ihnen zwei verschiedene, sich im Preis und in der Qualität des Druckes und des Papieres unterscheidende Ausgaben an: die &#8222;preiswerte&#8220; Ausgabe und die &#8222;Luxus&#8220;<em> </em>Ausgabe. Man warb &#8211; wie schon erwähnt &#8211; für die Publikation auch mit dem Angebot von Geschenken, bei dem die Verleger versuchten, sich zu überbieten. Der Kauf eines &#8222;Buches&#8220;, ein Gut, das zur &#8222;hohen&#8220; Kultur gehörte, war für das neue Bürgertum zweifellos das Zeichen eines gewissen sozialen und kulturellen Status, das man zur Schau stellen konnte. Weiterhin boten Verleger und Buchhändler vor allem in städtischen Gebieten einige Leserkabinette an, die sie auch zu Werbezwecken benutzten. Ferner abonnierten Kulturkreise, Vereine und Gesellschaften, wie die <em>Ateneos, Casinos, Círculos, </em>usw. je nach Interesse der Mitglieder, Zeitungen und Zeitschriften, die Folletines beinhalteten oder sogar <em>entregas. </em>Für eine weibliche Leserschaft, für die in der Regel die o.g. Möglichkeiten nicht zur Verfügung standen, aber auch für Kunden, die nicht gewöhnt waren, eine Buchhandlung aufzusuchen, vereinfachte die Arbeit des Kolporteurs, der den Vertrieb für den Kunden in dessen eigener Wohnung organisierte, den Zugang zum Produkt. Frauen waren so von der Abhängigkeit befreit, jemanden mit dem Abschließen eines Abonnements in den angegebenen Büchereien, Druckereien usw. zu beauftragen oder in eigener Person zu diesen für sie ungewohnten Männerdomänen zu gehen. </p>
                  <p>Die Fortsetzungsveröffentlichungen verursachten wichtige Veränderungen im Buchhandel und der Lesekultur: Bücher wurden zu Konsumgütern, zu etwas, das an die Bedürfnisse und Erwartungen der Leser angepasst werden konnte. Die Fragmentierung der Lesestoffe ermöglichte vielen Lesern den Zugang in einen kulturellen Kreis, dem bis dahin nur eine Minderheit angehörte; ferner gewöhnte sie die segmentierte Struktur des Werkes an das Lesen, und damit wurde diese Fähigkeit etwas Alltägliches. Der regelmäßigen, periodischen Erscheinung lag ein Leserhythmus zugrunde, der einerseits die Möglichkeit der vollständigen Lektüre anbot und andererseits Spannung und Ungeduld auf die nächste <em>entrega </em>schürte.</p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444412"/>
                  </p>
               </block>
               <block id="N12436" label="II.5.3.4">
                  <head>Nicht fiktionale <em>entregas</em> und <em>folletines</em>
                  </head>
                  <p>
                     <citenumber id="N12443" start="126"/>Angesichts der seitens der Literaturforschung des 19. Jahrhunderts den in fraktionierter Form erscheinenden fiktionalen Texten konzedierten Bedeutsamkeit, könnte der falsche Eindruck entstehen, sie hätten zahlenmäßig die nicht fiktionalen Schriften massiv übertroffen. Dies stimmte zweifellos für die ersten Jahre nach der Etablierung der Fortsetzung im spanischen Buchhandel, aber schon am Ende der sechziger Jahre, als ein großer Teil der Leser von <em>entregas </em>und <em>folletines</em> sich für andere Publikationsarten zu interessieren beginnt, wird ihre Zahl stetig kleiner, sowohl in Bezug auf die Gesamtzahl der Fortsetzungen als auch der Belletristika im Allgemeinen<footnote numbering="arabic" start="366">
                        <p> Wie Botrel nach den Angaben des <em>Boletín Bibliográfico</em> des Buchhänlders Dionisio Hidalgo behauptet, erscheinen im Jahre 1867 genau so viele fiktionale wie nicht fiktionale Fortsetzungspublikationen. 1870 sind es nur 20 Titel von Fortsetzungsromanen unter einer Gesamtzahl von 440 Veröffentlichungen aller Art. Botrel, Jean-François: La literatura popular&#8230; ed.cit. S.266.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>Eigentlich sind die nicht belletristischen Fortsetzungswerke bis jetzt vonseiten der Forschung bei der Untersuchung der Romane nur als Randerscheinung beachtet worden, so dass bis heute keine Katalogisierung der Inhalte, der Titel, der Verleger oder der Autoren durchgeführt worden ist.</p>
                  <p>Aus den Verzeichnissen einiger Verleger kann man den Rückschluss ziehen, dass es sich bei den meisten <em>folletines </em>oder <em>entregas </em>publizierten Werken einerseits um sehr teure &#8211; aufgrund der Zahl der Illustrationen und der Pracht der Ausgaben &#8211; oder um sehr umfangreiche Werke handelt, andererseits um populär- oder pseudowissenschaftliche, vor allem historische Schriften.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N12466" start="127"/>Unter den Ersteren befinden sich beispielsweise die prächtigen Ausgaben, die per Abonnement finanziert wurden, wie u.a. <em>Recuerdos y bellezas de España </em>(Schönheiten und Erinnerungen aus Spanien) (1839), <em>España artística y monumental, vistas y descri</em>
                     <em>p</em>
                     <em>ciones de los sitios y monumentos más notables de España </em>(Künstlerisches und monumentales Spanien. Ansichten und Beschreibungen der bedeutendsten Orte und Monumente Spaniens) (1842) <em>España obra pintoresca </em>(Spanien. Illustriertes Werk) (1842) von Francisco Pi y Margall, <em>Historia general de España. Desde los tiempos primitivos hasta la muerte de Fernando VII </em>(Allgemeine Geschichte Spaniens. Von der Urgechichte bis zum Tode Ferdinands VII.) (1877) von Modesto la Fuente. All diese Titel richten sich an ein kultiviertes und kaufkräftiges Publikum. Außerdem werden Gesetzessammlungen, Geschichtstexte, Enzyklopädien, Wörterbücher u.Ä. publiziert.<em> </em>Wenceslao Ayguals de Izco veröffentlichte in seinem Verlag <em>Sociedad Literaria de Madrid </em>Werke, wie das <em>Di</em>
                     <em>c</em>
                     <em>cionario geográfico estadístico del Imperio de Marruecos </em>(Geographisches, statistisches Wörterbuch des Kaiserreiches Marokko), <em>Historia de los Girondinos </em>(Geschichte der Girondiner) von Lamartin, <em>Curso de Instituciones de Hacienda Pública de España con a</em>
                     <em>r</em>
                     <em>reglo a las últimas explicaciones </em>(Handbuch der Institutionen des öffentlichen Finanzwesens Spaniens mit den neuesten Erläuterungen), <em>Galería de cuadros esc</em>
                     <em>o</em>
                     <em>gidos del Real Museo de Pinturas de Madrid </em>(Ausgesuchte Bildersammlung aus der Madrider Königlichen Pinakothek), <em>Diario de un testigo de la Guerra de África </em>(Tagebuch eines Zeugen der Kriegskampagne in Afrika) von Pedro Antonio de Alarcón<footnote numbering="arabic" start="367">
                        <p> Ebenda S. 258. </p>
                     </footnote>.  </p>
                  <p>Zu der zweiten Gruppe gehören vor allem romanartig verfasste Geschichtswerke, Biographien, Hagiographien und die, auch unter dem weiblichen Publikum sehr beliebten Sammlungen von kriminalistischen Gerichtsverfahren, wie <em>Procesos célebres de todos los países </em>(Berühmte Prozesse aus aller Welt) (1865-1868).</p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444413"/>
                  </p>
               </block>
               <block id="N124B8" label="II.5.3.5">
                  <head>Die &#8222;wöchentlichen Sammlungen&#8220;</head>
                  <p>Als ab den siebziger Jahren die Publikationsart des Fortsetzungsromanes allmählich die Gunst eines immer gebildeteren und lesegewöhnten Publikums verlor, begann das verlegerische &#8222;Abenteuer&#8220; der periodischen Reihen, dessen Blütezeit von ca. 1907 bis 1936 andauern sollte<footnote numbering="arabic" start="368">
                        <p> Baulo, Sylvie: La producción por entregas y las colecciones semanales&#8230; ed.cit. S. 584.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N124CA" start="128"/> Schon am Ende des Jahrhunderts wurden verschiedene, beim Publikum sehr erfolgreiche Literaturzeitschriften, wie <em>Vida Galante </em>(1899) von Eduardo Zamacois, die in ihren Seiten vollständige literarische Texte beinhalteten &#8211; d.h. Kurzgeschichten &#8211; herausgegeben. Diese Gattung erlebte in dieser Zeit dank der Zeitschriften einen großen Aufschwung. Die ersten Roman- oder Kurzgeschichtenreihen, die regelmäßig wöchentlich oder halbmonatlich erscheinen, kann man als Nachfolger der Fortsetzungsromane betrachten. Diese werden für eine Leserschaft herausgegeben, die von der <em>entregas</em> ihre Lesegewohnheiten erlernt hatte, sich aber, was die Fragmentierung der Texte anbelangt, schon emanzipiert hat.</p>
                  <p> Bevor die Kurzgeschichtenreihen ins öffentliche Licht traten, waren die ersten Sammlungen von Romanen, die vollständig in Bänden, aber in periodischen Abständen herausgegeben wurden, bereits auf dem Markt erschienen. Die bekanntesten unter ihnen sind <em>La Novela</em> von Julio Nombela (1867) und <em>La Novela Ilustrada </em>(1884- ),<em> </em>ab 1884 von Vicente Blasco Ibáñez geleitet. Unter den Mitarbeitern der ersten Zeitschriften, die Erzählungsreihen veröffentlichen, sind viele zu finden, die später selber zu Verlegern oder Herausgebern ähnlicher Publikationen werden, wie z.B. Zamacois von <em>Vida Nueva </em>(1898-1900), Trigo von <em>Germinal </em>(1897-1899) und <em>Vida Nueva</em>, Villaespesa von <em>Germinal</em>, <em>Revista Nueva </em>(1899), <em>Electra</em> (1901), <em>Helios</em> (1903-1904) und <em>La República de las Letras </em>(1905-1907), Cansinos-Assens von <em>Alma</em> <em>Española</em> (1903-1904) und <em>La</em> <em>República</em> <em>de las Letras</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="369">
                        <p> Ebenda S. 584.</p>
                     </footnote>. Diese Publikationen bedienten sich anderer Vertriebswege als <em>entregas </em>und <em>fo</em>
                     <em>l</em>
                     <em>letines,</em> wie der Einzelverkauf an Kiosken, zusätzlich kamen ihnen auch die anwachsenden Eisenbahnverbindungen zugute. </p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444414"/>
                  </p>
               </block>
            </subsection>
            <subsection id="N12523" label="II.5.4">
               <head>Weibliche periodische Veröffentlichungen</head>
               <block id="N12528" label="II.5.4.1">
                  <head>
                     <link id="_Toc172444415"/>Einleitung</head>
                  <p>Unter dem Begriff weiblicher periodischer Veröffentlichungen verstehen wir diejenigen, die für die Frau als Publikumsziel gedruckt werden, weil die Gesamtheit der kulturellen Symbole, die sie bilden, ihre sprachlichen und formalen Aspekte, die Ausdrucksformen und der Ton, die dargestellten Archetypen und die behandelten Themen, gerade die sind, die &#8211; über die biologischen Besonderheiten hinweg &#8211; das Frausein in der spanischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ausmachen.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N12535" start="129"/>Die spanische Presse ist seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein privilegiertes Forschungsobjekt geworden. Man untersucht ihre Inhalte mit dem Ziel, Informationen über die verschiedenen Gruppen, die die Gesellschaft bilden, zu bekommen, das heißt Informationen über die politischen Überzeugungen der Pressekonsumenten, über Ideologien und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Man forscht außerdem über verschiede Aspekte der Welt der Presse, wie zum Beispiel die Entwicklung der Herstellungsweisen, der Vermarktung und des Vertriebs, der unterschiedlich starken Ansiedlung in den Provinzen usw. </p>
                  <p>Die Presse für Frauen entsteht in Spanien aus der ansteigenden Diversifizierung des Lesepublikums des 19. Jahrhunderts, die auch andere Arten von periodischen Veröffentlichungen schaffen wird, wie zum Beispiel: Literatur-, Wissenschafts-, Konfessions- oder Kinderpublikationen. Lange Zeit wurde jedoch die weibliche Presse in den Untersuchungen, die ein Gesamtbild über die spanische Presse wiederzugeben versuchten, vollkommen ignoriert. So war es zum Beispiel in einem der ersten bedeutenden Werke des 20. Jahrhunderts <em>Historia del periodismo español</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="370">
                        <p> Gómez Aparicio, Pedro: <em>Historia del periodismo español. </em>3<em> </em>Bd.<em> </em>Madrid: Editorial Nacional. 1967-1974. </p>
                     </footnote>
                     <em> </em>von Pedro Gómez Aparicio oder<em> Prensa y sociedad en España, 1820-1936</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="371">
                        <p> Tuñón de Lara, Manuel, A. Elorza und M. Pérez de Ledesma (Hrsg.): <em>Prensa y sociedad en España, 1820 &#8211; 1936</em>. Madrid: Editorial Cuadernos para el Diálogo. 1975.</p>
                     </footnote> 1975 von u.a. Manuel Tuñón de Lara herausgegeben. Zwei Drittel des Werkes widmen sich einer quantitativen Untersuchung der Madrider Presse und eine Reihe monographischer Arbeiten bildet den Rest. Wie auch Inmaculada Jiménez Morell in ihrem Werk <em>La prensa femenina en España (Desde sus oríg</em>
                     <em>e</em>
                     <em>nes a 1868)</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="372">
                        <p> Jiménez Morell, Inmaculada: <em>La prensa femenina en España (desde sus orígenes a 1868).</em> Madrid: Ediciones de La Torre 1992. S. 13.</p>
                     </footnote> bemerkt, spricht kein einziger der Autoren über eine weibliche Publikation, außer Alberto Gil Novales<footnote numbering="arabic" start="373">
                        <p> Gil Novales, Alberto: La prensa en el Trienio Liberal (1820-1823). In: M. Tuñón de Lara, A. Elorza und M. Pérez de Ledesma (Hrsg.): <em>Prensa y sociedad en España, 1820-1936</em>. Madrid: Editorial Cuadernos para el Diálogo. 1975. S. 201-207.</p>
                     </footnote>, der in dem von ihm verfassten Kapitel über die Presse während des Liberalen Trienniums (1820-1823) eine Angabe über ein Modemagazin macht, das aus Frankreich importierte Modezeichnungen druckt<footnote numbering="arabic" start="374">
                        <p> Gil Novales, Alberto: La prensa en el Trienio Liberal (1820-1823)&#8230; ed.cit. S. 203.</p>
                     </footnote>. Gil Novales vergisst jedoch zu erwähnen, dass dieses Magazin von León Amarita<footnote numbering="arabic" start="375">
                        <p> León Amarita war ein sogenannter <em>afrancesado </em>(Frankreichfreund), der als Herausgeber der Zeitung <em>El Ce</em>
                           <em>n</em>
                           <em>sor </em>(1820-1822), eine anfänglich liberale Zeitung, später absolutistisch reaktionär, bekannt ist. </p>
                     </footnote> herausgeben wurde. Amarita war eine wichtige Figur in der Pressewelt des Liberalen Trienniums<em> </em>und ist Teil der monografischen Untersuchung Gil Novales&#8217;. </p>
                  <p>Auch andere spätere Veröffentlichungen, wie die <em>Historia del periodismo en Esp</em>
                     <em>a</em>
                     <em>ña</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="376">
                        <p> Seoane, María cruz: <em>Historia del periodismo en España, el siglo XIX.</em> Bd II. In:<em> </em>M. C. Seoane, M. D. Sáiz (Hrsg.): <em>Historia del periodismo en España</em>. 4. Aufl. Madrid: Alianza Editorial. 1996. </p>
                     </footnote>
                     <em> </em>1983 von Maria Cruz Seoane und Maria Dolores Sáiz herausgegeben, in der die spanische Presse seit ihren Anfängen bis 1936 analysiert und klassifiziert wird, behandeln eine weibliche Presse als Thema nicht, obwohl inzwischen einige Studien darüber erschienen waren. Die Wichtigste dieser Studien war <em>Mujer, prensa y soci</em>
                     <em>e</em>
                     <em>dad en España (1800-1936)</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="377">
                        <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad&#8230; </em>ed.cit.</p>
                     </footnote>, Ergebnis der Zusammenarbeit von María Isabel Marrades<footnote numbering="arabic" start="378">
                        <p> Marrades, Vorreiterin der spanischen Studien über die weibliche Presse, hatte 1970 einen Artikel über das Thema veröffentlicht. Marrades, M. Isabel: Feminismo, prensa y sociedad en España. In: <em>Papers.</em> 9. 1970. S. 89-134.</p>
                     </footnote> und Adolfo Perinat; sehr wichtig ist auch der Katalog von Frauenzeitschriften aus dem 19. Jahrhundert <em>Revistas españolas femeninas desde el siglo XVII a nuestros días</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="379">
                        <p> Simón Palmer, María del Carmen: <em>Revistas españolas femeninas en el siglo XIX. </em>Gran Canaria: Caja Insular de Ahorros. 1975. Siehe auch Simón Palmer, María del Carmen: <em>Revistas españolas femeninas madrileñas. </em>Madrid: Ayuntamiento de Madrid. Instituto de Estudios Madrileños. CSIC. 1993.</p>
                     </footnote> von María del Carmen Simón Palmer, weitere nennenswerte und nützliche Arbeiten sind zum Beispiel die allgemeinere Untersuchung <em>La mujer y la prensa desde el siglo XVII a nuestros días</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="380">
                        <p> Roig Castellanos, Mercedes: <em>La mujer y la prensa desde el siglo XVII a nuestros días. </em>Madrid: Imprenta Tordesillas. 1977.</p>
                     </footnote> von Mercedes Roig Castellanos und einige Artikel, wie <em>Feminismo y socialismo (1840-1868)</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="381">
                        <p> Elorza, Antonio: Feminismo y socialismo en España (1840-1868). In: <em>Tiempo de Historia. </em>3. 1974. S. 46-63.</p>
                     </footnote> von Antonio Elorza, der zum Bezugspunkt aller späteren Untersuchungen über die weibliche Presse im 19. Jh. geworden ist. Erst 1992 erscheint das Werk von Inmaculada Jiménez Morell, das zum ersten Mal verschiedene Frauenmagazine ausführlich analysiert. Trotz allem werden heute noch andere, nämlich politische, ideologische, regionale u.Ä. Aspekte der periodischen Veröffentlichungen von der Forschung bevorzugt<footnote numbering="arabic" start="382">
                        <p> So zum Beispiel bei Valls, Josep Francesc: <em>Prensa y burguesía en el XIX español. </em>Barcelona: Antrophos. 1988; Fuentes, Juan Francisco, J. Fernández Sebastián: <em>Historia del periodismo español. Prensa, política y op</em>
                           <em>i</em>
                           <em>nión pública en la España contemporánea. </em>Madrid: Síntesis. 1997; Pascual Martínez, Pedro: <em>E</em>
                           <em>s</em>
                           <em>critores y editores en la Restauración Canovista (1875-1923)</em>. Madrid: Ediciones de la Torre. 1994.</p>
                        <p>Geschlechtsbedingte Thematiken, aber auch Aspekte, wie typografische Darstellung, Illustration u.Ä. der spanischen Presse sind immer noch zum größten Teil nicht tiefgründig und ausführlich monografisch behandelt worden. </p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N1262D" start="130"/>Es sind die literarischen Genrestudien, die in Spanien &#8211; dank des Einflusses der angelsächsischen Universitäten &#8211; hauptsächlich seit den achtziger Jahren realisiert werden, die sich mit größtem Interesse mit dem 19. Jh. beschäftigen. Sie untersuchen geschichtliche, sozioökonomische und kulturelle Aspekte der Gesellschaft aus weiblicher Sicht. Dadurch werden außerdem die literarischen und journalistischen Werke vieler heute vergessenen Autorinnen der Zeit wiederentdeckt<footnote numbering="arabic" start="383">
                        <p> Darunter zum Beispiel die Arbeiten von Alda Blanco, Bridget Aldaraca, Jean-Francois Botrel, Marina Mayoral, Alicia Graciela Andreu, Maryellen Bieder, Lou Charnon-Deutsch, Cristina Enriquez de Salamanca, Carolin Galenstein, Solgage Hibbs-Lissorges, Catherine Jagoe, Susan Kirpatrick, Iñigo Sánchez Llama, María del Carmen Simón Palmer, Iris Zavala, u.a.</p>
                        <p> Es gibt auch in deutscher Sprache einige interessante Studien in der von Christine Bierbach und Brunhilde Wehinger herausgegebenen Reihe »Gender Studies Romanistik« im Edition Tranvía, Verlag Walter Frey. Darunter z.B. Wolter, Birgit: <em>Geschlechterspezifik, Sprache&#8230; </em>ed.cit. oder J. Heymann, Montserrat Mullor- Heymann<em> </em>(Hrsg.): <em>Frauenbilder &#8211; Männerwelten&#8230; </em>ed.cit.; Frankowiak, Ute (Hrsg.): <em>Ein Raum zum Schre</em>
                           <em>i</em>
                           <em>ben&#8230; </em>ed.cit.<em> </em>
                        </p>
                     </footnote>. Auch wenn solche Studien nicht ihre Aufmerksamkeit auf die weibliche Presse als solche, sondern als Informationsquelle fokussieren, ermöglichen sie &#8211; wie die Steinchen eines Mosaiks &#8211; die Gestaltung eines Gesamtbildes über den Beitrag der weiblichen Presse zur Bildung und Konsolidierung einer weiblichen Leserschaft, die dank dieser periodischen Veröffentlichungen das Lesen zur Gewohnheit und zum Teil der alltäglichen Bedürfnisse und Tätigkeiten macht<footnote numbering="arabic" start="384">
                        <p> Sehr nützliche Werke über die von Frauen in der spanischen Presse des 19. Jahrhunderts geführte journalistische Tätigkeit sind z.B. folgende Studien: Criado Y Domínguez, Juan Pedro: <em>Literatas españolas del siglo XIX&#8230; </em>ed.cit.; Hartzenbusch, Juan Eugenio de: <em>Apuntes para un catálogo de periód</em>
                           <em>i</em>
                           <em>cos madrileños desde el año 1661 al 1870</em> (1894). 2. Aufl. Madrid: Sucesores de Rivadeneyra. 1904; Osorio y Bernard, Manuel: <em>Ensayo de un catál</em>
                           <em>o</em>
                           <em>go de p</em>
                           <em>e</em>
                           <em>riodistas españoles. </em>Madrid: Imprenta y Litografía de J. Palacios. 1903; Valentí, José Ignacio: <em>La mujer en la historia&#8230; </em>ed.cit; García Llansó, Antonio:<em> Historia de la mujer contemporánea. </em>Barcelona: Librería de J. Bastinos, 1899.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>Im 19. Jh. war die große Mehrheit der spanischen Frauen schreib- und leseunkundig, infolgedessen waren die Voraussetzungen zum Lesen im Allgemeinen sehr beschränkt. Noch kontroverser als die Beziehung einer weiblichen Leserschaft zu den Zeitungs- und Fortsetzungsromanen oder zur populären Literatur, ist die Beziehung der Leserinnen zur Presse, nicht aus finanziellen Gründen, wie es der Fall beim Zugang zum Buch sein könnte, sondern aus einer Problematik heraus, die sich aus spezifisch die spanischen Frauen betreffenden sozialen Faktoren ergibt. Diese Problematik geht grundsätzlich aus dem kulturellen und traditionellen Verständnis der weiblichen Rolle in der Gesellschaft hervor. Die Frau ist nicht für das öffentliche Leben geschaffen, sie soll sich nicht für die Geschehnisse der Politik interessieren &#8211; auf denen die Inhalte der täglichen Presse eigentlich basieren &#8211; sie soll sich auch nicht für die Wissenschaft &#8211; weder Naturwissenschaften, noch Geisteswissenschaften &#8211; interessieren<footnote numbering="arabic" start="385">
                        <p> Über die intellektuelle Unterdrückung der spanischen Frau im 19. Jh. siehe zum Beispiel Aresti Esteban, Nerea: El ángel del hogar y sus demonios. Ciencia, religión y género en la España del siglo XIX. In: <em>Historia Contemp</em>
                           <em>o</em>
                           <em>ránea.</em> 21. 2000. S. 363-394; Charnon-Deutsch, Jo Labanyi (Hrsg.): <em>Culture an gender in nineteenth-century Spain. </em>Oxford: Claredon Press. 1995.</p>
                     </footnote>. Solches gehört nicht zu ihrem Dasein und soll deswegen nicht für sie zugänglich gemacht, sondern ausdrücklich unterbunden werden.</p>
                  <p> Andererseits ist im 19. Jh. der Druck von Zeitungsromanen,<em> </em>später von Kurzerzählungen<footnote numbering="arabic" start="386">
                        <p> Siehe Alonso, Cecilio: La lectura de cada día. In: V. Infantes, F. Lopez, J-F. Botrel (Hrsg.): <em>Hist</em>
                           <em>o</em>
                           <em>ria de la edición y de la lectura en España.1472-1914</em>. Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 2003. S.571-580.</p>
                     </footnote>, ein wesentlicher und unverzichtbarer Bestandteil sowohl der allgemeinen Presse, d.h. der literarischen oder der für die ganze Familie bestimmten Publikationen als auch der Tagespresse. Die Verleger erwecken mit diesen Fiktionen auch das Interesse der weiblichen Leserschaft, fördern ihre Lesesucht danach und versuchen damit, den Verkauf ihrer Zeitungen zu sichern. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N126AA" start="131"/>Dass gebildete Frauen allgemeine und Tagespresse lesen, ist uns aus zahlreichen literarischen Texten und von Zeitzeugen bekannt. Die meisten Leserinnen jedoch werden möglicherweise &#8211; darüber gibt es leider noch keine Untersuchungen &#8211; beim Lesen eine Art selbst ausgewählte oder aus fehlendem Interesse und mangelnder Bildung entstanden Autozensur ausgeübt haben, um eine selektierende Lektüre der Periodika zu erzielen. </p>
                  <p>Die spanische Presse, zuerst die liberal orientierte, später die konservative &#8211; in diesem Fall jedoch nicht alle Publikationen &#8211; erlauben nach und nach<footnote numbering="arabic" start="387">
                        <p> Wie wir schon im Kapitel vier dieser Arbeit gesehen haben, ist es für die spanische Gesellschaft nicht einfach, zu akzeptieren, dass Frauen für die Öffentlichkeit schreiben. Sogar die weibliche Presse wird anfänglich ausschließlich von Männern verfasst; bis in die vierziger Jahre hinein überlegen Herausgeber und Verleger, ob sie von Frauen verfasste Texte drucken sollen. Siehe Sánchez Llama, Íñigo: <em>Galería de escritoras isabelinas. La prensa periódica entre 1833 y 1895.</em> Madrid:<em> </em>Ediciones Cátedra. Universitat de Valencia. Instituto de la Mujer. 2000.</p>
                     </footnote>, dass Frauen selbstverfasste Texte in ihren Seiten veröffentlichen. Dabei handelt es sich, mit wenig politisch bedingten Ausnahmen in der Presse der Arbeiterbewegungen am Ende des Jahrhunderts, niemals um politische Kommentare, soziale Kritik oder Artikel über aktuelle Ereignisse des öffentlichen politischen Lebens, sondern um fiktionale Texte, Gedichte, Romane, Kurzgeschichten u.Ä., um Ratgeber innerhalb der Bereiche des weiblichen und häuslichen Lebens, Erziehung, Kinder, Hygiene, Schönheit, Mode usw. oder über das gesellschaftliche Leben der vornehmen Kreise. Daraus ist zu erschließen, dass der den weiblichen Autorinnen zugestandene Raum das Ziel verfolgt, weibliche Leserinnen anzuziehen und für sie die Lektüre zur Gewohnheit zu machen. Die Widersprüchlichkeit und Komplexität der Beziehungen zwischen Leserin und Presse werden auf der einen Seite durch die von der Geschlechtszugehörigkeit bedingten, begrenzten Ausdrucksmöglichkeiten und durch den geschaffenen &#8211; wenn auch bevormundeten &#8211; Zugang und der Aufforderung zum Lesen auf der anderen, verdeutlicht.</p>
                  <p>Viel direkter als von der Tagespresse werden Frauen als potenzielle Leserschaft von Zeitschriften angesprochen, sowohl von literarischen, als auch von allgemein unterhaltenden Zeitschriften, die für die ganze Familie konzipiert sind, wie zum Beispiel <em>Museo de las Familias </em>(1843-1871) oder <em>El Semanario Pintoresco Español </em>(1836-1857)<footnote numbering="arabic" start="388">
                        <p> Beide Magazine verfolgen die Linie «<em>vender mucho para vender barato y vender barato para vender m</em>
                           <em>u</em>
                           <em>cho» </em>(viel verkaufen, um billig zu verkaufen, billig verkaufen, um viel zu verkaufen) der englischen oder französischen Modelle der <em>Penny Magazine, </em>bzw. der <em>Magasin Pittoresque y Musée des Familles. </em>Man sollte aber nicht vergessen, dass die höchste Auflage der <em>Semanario Pintoresco Español</em> 6 000 Exemplare betrug. Alonso, Cecilio: El auge de la prensa periódica&#8230;ed.cit. S.563.</p>
                     </footnote> von Mesonero Romanos, <em>El Siglo Pintoresco </em>(1845-1848)<em>, Blanco y Negro</em> (1891-2000) u.a.<footnote numbering="arabic" start="389">
                        <p> Siehe auch Simón Palmer, María del Carmen: Revistas destinadas a la familia en el siglo XIX. In: <em>Cuade</em>
                           <em>r</em>
                           <em>nos Bibliográficos. </em>XL. 1980. S. 161-170.</p>
                     </footnote>. <em>El Semanario Pintoresco Español </em>ermöglicht den Frauen mit ihren kurzen kulturellen Artikeln, ihre Bildung zu vervollständigen<footnote numbering="arabic" start="390">
                        <p> Auch wenn diese Artikel zweifellos zur Besserung des sehr niedrigen allgemeinen Bildungsstandes der Frauen beitragen, handelt es sich meistens um eine ungezielte Bereicherung des Wissens.</p>
                     </footnote>. Schon in der zweiten Epoche der Zeitschrift, d.h. ab 1839, konstatierten die Herausgeber, dass das Wachstum der Illustrierten eine zum größten Teil den Frauen zu verdankende Leistung war. Aus dieser Tatsache sind der Untertitel <em>Revista de Familias </em>(Illustrierte der Familien) und der Stich mit dem Bild einer lesenden Frau in der Vignette auf der Titelseite<footnote numbering="arabic" start="391">
                        <p> Simón Palmer, María del Carmen: La mujer lectora&#8230; ed.cit. S. 750 f.</p>
                     </footnote> zurückzuführen.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N12711" start="132"/>Auch die Tatsache, dass im Laufe des Jahrhunderts die Zahl von Autorinnen<footnote numbering="arabic" start="392">
                        <p> Siehe Simón Palmer, María del Carmen: <em>Escritoras españolas del siglo XIX&#8230; </em>ed.cit.</p>
                     </footnote>, die ihre Texte in der Presse veröffentlichen, ständig wächst, ist zugleich ein eindeutiges Zeichen für das wachsende Interesse der Frauen an Presseerzeugnissen bzw. für das Interesse der Presse an einer weiblichen Leserschaft, die im Laufe des Jahrhunderts immer ernster genommen wird. Die tägliche Presse führt ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts regelmäßig Seiten oder Spalten, Rubriken und Artikel über Mode, gesellschaftliche Ereignisse und ähnliche Themen oder Gedichte ein. Die literarischen Blätter verändern allmählich ihren Inhalt und schaffen Raum für Autorinnen. Die Verleger der für die Familien konzipierten Illustrierten werden sich der Wichtigkeit des weiblichen Einflusses bei der Entscheidung über ein Abonnement bewusst. </p>
                  <p>Zeitschriften werden ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Kommunikationsmedium für Frauen überhaupt, denn dort finden die meisten schreibenden Frauen eine Möglichkeit, sich auszudrücken und somit den Zugang zum Publikum. Ein Zeitungs- oder Zeitschriftenartikel ist auch sehr nützlich für die Frauen, die aus den verschiedensten Gründen, aber hauptsächlich aus Mangel an Übung und Bildung, nicht in der Lage sind, ein ganzes, sachliches, vielleicht nicht sehr unterhaltsames Werk über ein Thema zu lesen. </p>
                  <p>Aber der größte Teil der weiblichen Leserschaft kauft die für sie bestimmten Erscheinungen, die im Laufe dieses Jahrhunderts geschaffen werden und großen Erfolg haben. Die Mehrheit der Frauenmagazine verbreitet kein wissenschaftliches Wissen, ihre Inhalte sind leicht und vielen Leserinnen zugänglich. Sie verfolgen das Ziel des unterhaltenden Belehrens. Auf angenehme Weise belehren und erziehen, damit die Frau ihre &#8222;heiligen Aufgaben&#8220; in der Welt auf angemessene Weise zu erfüllen lernt; deswegen werden die Publikationen von Männern überwacht, auch wenn die erfolgreichsten und namhaftesten Autorinnen der Zeit mit ihren Artikeln, Romanen oder Reihen mitwirken und in vielen Fällen sogar die Aufgaben des Herausgebers<footnote numbering="arabic" start="393">
                        <p> Frauen leiteten nicht nur weibliche, sondern auch literarische und sogar politische Zeitschriften. Hier führe ich einige Namen unter vielen von Herausgeberinnen im Bereich der Frauenmagazine an: Gertrudis Gómez de Avellaneda, Ángela Grassi de Cuenca, Concepción Gimeno de Flaquer, Faustina Sáez de Melgar, Pilar Sinués de Marco, Sofia Tartilán, María José Zapata, Margarita Pérez de Cenlis, Rosa Buttler, Enriqueta Lozano de Vilches, Emilia Serrano de Tornel Baronesa de Wilson.</p>
                     </footnote> übernehmen. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N12730" start="133"/>Solange Bildung, und dadurch der Zugang zur schriftlichen Kultur, ein Privileg des Adels und des Bürgertums bleibt, werden diese Schichten, je nach ihrem repräsentativen Anteil in der Gesellschaft, die Grundprinzipien der Frauenpresse bestimmen. Die Gesamtheit der kulturellen Symbole, die sie verbreitet, entspricht zuerst der des Großbürgertums, später auch der der Mittelschichten. Nur am Ende des Jahrhunderts wird deutlich, dass, dank der Bildungsgesetze einerseits und der Kraft der sozialen Bewegungen andererseits, die Frau der unteren Schichten auf dem Land und in der Stadt zum potenziellen Publikum der weiblichen und eigentlich der Presse im Allgemeinen wird. Die Arbeiterbewegungen schaffen jedoch keine spezifisch weibliche Presse. Die erste Zeitschrift der utopisch kommunistischen Bewegung <em>La Madre de Familia </em>(Die Familienmutter)<em> </em>erscheint 1846, die fourieristiche <em>El Nuevo Pensil de Iberia</em> (Der neue Garten Iberias) erscheint 1857. Bis in das 20. Jh. hinein wird von diesen oder politisch vergleichbaren Konstellationen praktisch keine ähnliche Veröffentlichung herausgegeben. </p>
                  <p>Die weibliche Presse richtet sich bis Ende des 19. Jahrhunderts an ein reduziertes Publikum, das nicht nur lesen kann, sondern über genügend finanzielle Mittel verfügt, um ein Abonnement zu beziehen. Man muss jedoch die Rolle der noch üblichen mündlichen Übertragung durch das Vorlesen von Texten bedenken, dadurch werden viele nicht lesekundige Frauen erreicht.</p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444416"/>
                  </p>
               </block>
               <block id="N12747" label="II.5.4.2">
                  <head>Entwicklung der weiblichen Presse</head>
                  <subblock id="N1274C" label="II.5.4.2.1">
                     <head>
                        <link id="_Toc172444417"/>Die Vorläufer (1811-1833)</head>
                     <p>Die Zeitung <em>La Pensadora Gaditana </em>(Die Denkerin aus Cádiz) (1763 und 1768-1770)<em> </em>von Beatriz Cienfuegos<footnote numbering="arabic" start="394">
                           <p> Roig Castellanos, Mercedes: <em>La mujer y la prensa. Desde el siglo XVII</em>&#8230; ed.cit. S. 11-14.</p>
                        </footnote> herausgegeben, ist eine der ersten Vorläufer der weiblichen Presse in Spanien. Die Zeitung erscheint im Jahre 1763 in Madrid und ab 1768 bis 1770 in Cádiz. Überhaupt handelt es sich um die zweite bekannte Zeitung aus dieser Stadt. Sie wurde von der Herausgeberin selbst verfasst und ihr Ziel war, Kritik an den Sitten ihrer Zeit aus einer aufgeklärten Position heraus auszuüben. Bei der Zeitung handelt es sich eigentlich um ein Opuskulum in Form von Episteln, denen sie den Namen <em>Pens</em>
                        <em>a</em>
                        <em>mientos </em>(Gedanken) gibt; Cienfuegos schreibt über Moral und Literatur und kämpft für das Bildungsrecht der Frauen. Insgesamt werden 52 <em>Pens</em>
                        <em>a</em>
                        <em>mientos</em> herausgegeben<footnote numbering="arabic" start="395">
                           <p> Carmona González, Ángeles: <em>Escritoras andaluzas en la prensa de Andalucía del siglo XIX. </em>Cádiz: Universidad de Cádiz, Instituto Andaluz de la Mujer. 1999. S. 10.</p>
                        </footnote>, ihr Werk fand aber keinen direkten Nachfolger. </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N12787" start="134"/>König Carlos IV. verweigerte 1795 dem Herausgeber und Verleger die Erlaubnis für den Druck der Illustrierten <em>El Diario del Bello Sexo</em>
                        <footnote numbering="arabic" start="396">
                           <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad&#8230; </em>ed.cit.<em> </em>S. 17.</p>
                        </footnote> (Tageszeitung des schönen Geschlechts) und verbot eigentlich die Herausgabe von dieser Art von Publikationen<footnote numbering="arabic" start="397">
                           <p> Roig Castellanos, Mercedes: <em>A través de la prensa. La mujer&#8230;</em>ed.cit. S. 39.</p>
                           <p>In ihrem Artikel: Nuevas propuestas a un público femenino, macht Inmaculada Urzainqui Angaben über zwei weitere weibliche Veröffentlichungen: <em>Correo de las Damas </em>(1804) und <em>Liceo del Bello Sexo </em>(1804), die sie aus einem Artikel von Mónica Bolufer übernimmt. In ihrem Werk <em>Historia del periodismo en España </em>schreibt Seoane über die Zeitung <em>Diario Mercantil </em>aus Cádiz, die am Anfang des 19. Jahrhunderts (ohne konkretere Angaben) ein Supplement mit dem Titel <em>Correo de las Damas </em>publizierte. Dieses Supplement soll &#8211; laut Alcalá Galiano &#8211; zu dem Wertlosesten, was die Presse je herausgegeben hat, gehören, eine Sammlung aus dem Französischen schlecht übersetzter Texte. Ob es sich um die gleiche Publikation handelt, steht nicht fest. Über <em>Liceo del Bello Sexo</em> haben wir keine weitere Information gefunden. Siehe Bolufer, Monica: Espectadores y lectoras: representaciones&#8230; ed.cit S.38f. zitiert in Urzainqui, Inmaculada: Nuevas propuestas a un público femenino&#8230; ed.cit. S. 488. und Seoane, María cruz: <em>Hi</em>
                              <em>s</em>
                              <em>toria del periodi</em>
                              <em>s</em>
                              <em>mo en España&#8230; </em>ed.cit. S. 20.</p>
                        </footnote>. Erst 1807 wurden sie wieder zugelassen. </p>
                     <p>1811 erscheint zum ersten Mal eine Frauenzeitschrift in spanischer Sprache: <em>El Co</em>
                        <em>r</em>
                        <em>reo de las Damas </em>(Der Damenkurier) aus La Habana. Von ihr sind einige Exemplare in der Nationalbibliothek in Madrid erhalten<footnote numbering="arabic" start="398">
                           <p> Von Nr. 8. 10-IV-1811 bis Nr. 67. 4-XI-1811; über das Datum sowohl der ersten Ausgabe als auch der letzen existieren bislang keine Angaben.</p>
                        </footnote>. Da sie die erste nachweisbare Veröffentlichung dieser Art des 19. Jahrhunderts in spanischer Sprache ist, werden wir sie als Einzige von allen ehemaligen spanischen Kolonien erscheinenden Frauenzeitschriften im Korpus einschließen. </p>
                     <p>Erst 1822 erscheint die erste, dem weiblichen Geschlecht gewidmete, wöchentliche Zeitschrift auf spanischem Boden, <em>El Periódico de las Damas </em>(Die Zeitung der Damen), deren Hauptredakteur León Amarita war. Als ausschließlich für Frauen gedachte Veröffentlichung folgt sie den Vorbildern der <em>Ladies Journals </em>aus Großbritannien<em> </em>und der<em> Journaux des Dames </em>aus Frankreich. Sie enthält französische modische Neuigkeiten, Ratschläge über Schönheit und Hygiene, Zeitvertreiber in Prosa und Vers und Rätsel. Für die Abonnentinnen verteilte man auch Modezeichnungen, die dem <em>L&#8217;Observateur des M</em>
                        <em>o</em>
                        <em>des</em> (1818-1823) entnommen waren<footnote numbering="arabic" start="399">
                           <p> Es handelte sich um handkolorierte Federzeichnungen.</p>
                        </footnote>. Leider hatte die Zeitschrift ein kurzes Leben und musste nach nur sechs Monaten<footnote numbering="arabic" start="400">
                           <p> Die erste Ausgabe ist vom 1-I-1822 und die letzte vom 24-VI-1822.</p>
                        </footnote> aus Mangel an Leserinnen<footnote numbering="arabic" start="401">
                           <p> Hartzembusch, Juan Eugenio de: <em>Apuntes para un Catálogo de Periódicos desde 1661&#8230; </em>ed.cit. S. 37.</p>
                        </footnote> aufgeben. Wie die Zeitschrift in ihrer letzten Ausgabe nicht ohne Bitterkeit angibt, war es nicht möglich, im Laufe dieser sechs Monate zwischen den fünf Millionen Frauen, die 1822 in Spanien wohnten, mindesten 200 Abonnentinnen zu finden, die ausgereicht hätten, die Kontinuität des Magazins zu sichern<footnote numbering="arabic" start="402">
                           <p> Amarita strebte danach, 300 Abonnenten zu erreichen, aber als er nicht mal die Zahl von 200, die ihm das Erhalten der Publikation ermöglicht hätte, schaffte, er erreichte nur 92 Abonnenten in Madrid, davon waren 35 Frauen und 68 in den Provinzen, davon 40 Frauen, musste er sie aufgeben. Amarita selbst gibt zu, dass er nie mehr als 20 lose Exemplare verkauft hätte. Los Editores del Periódico de las Damas: A la Señora Doña C. De O. In: <em>El Peri</em>
                              <em>ó</em>
                              <em>dico de las Damas.</em> 25. 24-VI-1822. S. 37-40.</p>
                        </footnote>. Bei ihrem Abschied vom Madrider Publikum behauptet der Herausgeber, nach allen Bemühungen nur die kälteste Indifferenz geerntet zu haben. Man müsste der alten Weisheit Recht geben &#8211; sagt er &#8211; es sei unmöglich, dort Gutes zu tun, wo der Empfänger dafür fehlt<footnote numbering="arabic" start="403">
                           <p> Ebenda S. 39.</p>
                        </footnote>. Eine wichtige Besonderheit des Magazins ist die Behandlung politischer Themen, diese werden in keiner anderen weiblichen Publikation des Jahrhunderts behandelt<footnote numbering="arabic" start="404">
                           <p> Es handelt sich dabei um Kommentare über die Sitzungen der <em>Cortes</em>, Erläuterungen des Verfassungstextes oder über das repräsentative Wahlsystem.</p>
                        </footnote>. Die anfängliche liberale Gesinnung des Herausgebers León Amarita brachte ihn dazu, in seinem Magazin auch bessere Bildungsmöglichkeiten für Frauen zu fördern.</p>
                     <p>
                        <citenumber id="N12838" start="135"/>Die nächste weibliche Zeitschrift <em>Correo de las Damas. </em>
                        <em>Periódico de Modas, B</em>
                        <em>e</em>
                        <em>llas Artes, Amena Literatura, Música, Teatros, etc. </em>(Kurier der Damen. Zeitung über Mode, schöne Künste, unterhaltende Literatur, Musik, Theater usw.) erscheint erst 1833<footnote numbering="arabic" start="405">
                           <p> Im Jahre 1829 &#8211; vom 7-XI-1829 bis 5-V-1830 &#8211; erscheint erneut eine weibliche Publikation in La Habana, <em>La Moda o Recreo Semanal del Bello Sexo. </em>Siehe Jiménez Morell, Inmaculada: <em>La prensa femenina en Esp</em>
                              <em>a</em>
                              <em>ña&#8230; </em>S.34, Fußn. 15.</p>
                        </footnote>.</p>
                     <p>Am Ende des Liberalen Trienniums (1821-1823) wurden einige wichtige Bestimmungen erlassen, die auch die Frau betrafen, wie zum Beispiel die öffentliche und kostenlose Bildung für Jungen und Mädchen, die jedoch für Mädchen keine Schulpflicht und ein abgeschwächtes Lehrprogramm, vorsah<footnote numbering="arabic" start="406">
                           <p> Siehe Seite 55 dieser Arbeit. </p>
                        </footnote>. Solche Bestimmungen hatten keinen unmittelbaren Einfluss auf die Presse im Allgemeinen, da die Analphabetenrate in der kurzen Zeit nicht gesenkt werden konnte. Die Presse blieb natürlich nur einer kleinen Minderheit von Adeligen, Intellektuellen, Händlern oder Industriellen in Städten, wie Cádiz, La Coruña, Santander, Bilbao, Valencia, Barcelona oder Madrid, die eine wichtige Rolle bei der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes spielten, zugänglich. Diese Städte waren einerseits die Stütze der liberalen Bewegungen und andererseits die Kulturzentren, die das Erscheinen einer Frauenpresse erst ermöglichten.</p>
                     <p>Als Fernando VII. während des Trienniums auf die Verfassung schwören musste und damit die Pressefreiheit sicherte, erschienen allein in Madrid 65 Zeitungen<footnote numbering="arabic" start="407">
                           <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad&#8230; </em>S. 17. Aparicio Gómez zählt für die Zeit des Liberalen Trienniums insgesamt 120 neue Zeitungen in Madrid, Gil Novales gibt sogar die Zahl von 700 Erscheinungen für ganz Spanien an, aber man muss immer berücksichtigen, dass die Auflagen höchstens 1 500 Exemplare betrugen und viele Publikationen ein ephemeres Leben hatten. Über dieses Thema siehe z.B. Gómez Aparicio, pedro: <em>Historia del periodismo esp</em>
                              <em>a</em>
                              <em>ñol&#8230; </em>ed. cit.; Gil Novales, Alberto: La prensa en el Trienio Liberal (1820-1823)&#8230; ed. cit. S.201-207. Für weitere Angaben siehe auch Valls, Josep-Francesc: <em>Prensa y burguesía en el XIX Español&#8230;</em> ed. cit.<em> </em>und Seoane, María Cruz: <em>Historia del Peri</em>
                              <em>o</em>
                              <em>dismo&#8230;</em> ed. cit.<em> </em>
                           </p>
                        </footnote>. Anfang des Jahres 1824, d.h. nach der Rückkehr zum Absolutismus, existierten nur noch fünf<footnote numbering="arabic" start="408">
                           <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad&#8230; </em>S. 17. Siehe auch die o.g. Literatur. </p>
                        </footnote>. Die gesamte liberale Gesetzgebung wurde außer Kraft gesetzt<footnote numbering="arabic" start="409">
                           <p> «Am 1. Oktober erklärte Ferdinand wie schon 1814 alle Gesetzesakte der »sogenannten konstitutionellen Regierung« für null und nichtig.» Kleinmann, Hans-Otto: Zwischen Ancien Régime und Liberalismus (1808-1874). In: Schmidt, Peer (Hrsg.): <em>Kleine Geschichte Spaniens. </em>Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2004.ed. cit. S. 253-328.</p>
                        </footnote>, die eingeleitete Reform des Schul- und Hochschulsystems annulliert, die Universitäten von liberalen Professoren gesäubert und einige sogar geschlossen<footnote numbering="arabic" start="410">
                           <p> In einer für die Zeit der <em>Década Ominosa </em>typischen Aktion wurde in einigen Bildungszentren der Unterricht von Mathematik oder Astronomie durch Musik, Tanz und Fechten ersetzt. Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad&#8230; </em>ed. cit. S. 18.</p>
                        </footnote>. </p>
                     <p>
                        <link id="_Toc172444418"/>
                     </p>
                  </subblock>
                  <subblock id="N128BB" label="II.5.4.2.2">
                     <head>Die Zeit der Regentschaft (1833-1843) </head>
                     <p>
                        <citenumber id="N128C2" start="136"/>Das Kulturleben des Landes erstarrte in der <em>Década Ominosa </em>(1823-1833) auf königlichen Befehl und tiefes Schweigen sank, mit Ausnahme der Zeitung <em>Correo de las D</em>
                        <em>a</em>
                        <em>mas. </em>
                        <em>Periódico de Modas, Bellas Artes, Amena Literatura, Música, Teatros, etc. </em>(1833-1835)<footnote numbering="arabic" start="411">
                           <p> Die Zeitschrift erschien vom 3-VI-1833 bis zum 7-I-1835.</p>
                        </footnote> aus Madrid, über alle Arten der Frauenpresse. Sie war eine Bearbeitung der <em>Petit Courrier des Dames</em> (1822-1865)<em> </em>aus Paris, ist aber die erste wahre spanische Modezeitschrift<footnote numbering="arabic" start="412">
                           <p> «Wir können sie als genuine Einführerin der Modezeitschriften in Spanien ansehen, denn obwohl <em>El Peri</em>
                              <em>ó</em>
                              <em>dico de las Damas</em> von Amarita auch Modezeichnungen enthielt, erreichte sie nie die eigenartige Struktur dieser Art Presse» Jiménez Morell, Inmaculada: <em>La prensa femenina en España&#8230;</em> ed.cit. S. 35.</p>
                        </footnote> mit vielen Modezeichnungen und anderen farbigen Illustrationen. In dem Werbeprospekt des Verlegers werden die Themen, die von der Illustrierten behandelt werden, aufgezählt: aus dem Bereich der Bildenden Künste die Zeichnung<footnote numbering="arabic" start="413">
                           <p> Die einzige Kunst, deren Ausübung den Frauen problemlos gestattet wurde.</p>
                        </footnote> , aus dem Bereich der Literatur leichte komische oder Sittenartikel<footnote numbering="arabic" start="414">
                           <p> Der <em>costumbrismo </em>ist in der spanischen Literatur des 19. Jahrhunderts eine wichtige und charakteristische Gattung, in dieser Arbeit übersetzten wir den Begriff <em>costumbrismo </em>mit Sitten-, z.B. <em>novela costumbrista=</em> Sittenroman, <em>artículo costumbrista= </em>Sittenartikel usw. Nach der Definition des literaturwissenschaftlichen Wörterbuches für Romanisten ist <em>costumbrismo</em>: «Der spanischen Variante der Regionalliteratur hat man die Bezeichnung <em>costumbrismo </em>gegeben. Im engeren Sinne die wirklichkeitsgetreue Darstellung regional begrenzten spanischen Gesellschaftslebens (sp. costumbre = Sitte, Brauch) in der erzählenden Prosa des 19. Jahrhunderts. In den costumbristischen Romanen, Novellen und Genrebildern findet man viel Lokalkolorit, verbunden mit moralisierender und konservativer Tendenz. (&#8230;)» <em>Liter</em>
                              <em>a</em>
                              <em>turwissenschaftliches Wörterbuch für Romanisten. </em>Tübingen: A. Rancke Verlag GmbH Tübingen. 1989. Artikel: Regionalliteratur. S. 352.</p>
                        </footnote>, pikante Anekdoten, kurze Erzählungen, einige kurze Gedichte und Kommentare über für die Damen passende literarische Werke. Außerdem wird sie einen Teil über Theateraufführungen und allerhand sonstige öffentliche Vorstellungen, wie Stierkämpfe, Bälle u.Ä. enthalten. Ferner wird man in Form von Nachrichten über Wässerchen oder Öle, die als Kosmetika benutzt werden, die ersten Vorläufer der Werbung in den weiblichen Magazinen drucken<footnote numbering="arabic" start="415">
                           <p> Jiménez Morell, Inmaculada: <em>La prensa femenina en España&#8230;</em> ed.cit.<em> </em>S. 35.</p>
                        </footnote>.</p>
                     <p>Sehr interessant erscheint uns der Artikel des Herausgebers D. M. J. de L.<footnote numbering="arabic" start="416">
                           <p> Über die Identität, die sich hinter diesen Initialen versteckt, existieren keine Angaben.</p>
                        </footnote> über die Schreibtätigkeit der Frauen:</p>
                     <p>
                        <blockquote>
                           <p>
                              <citenumber id="N12941" start="137"/>«(&#8230;) wenn es sich um eine Frau als Autorin handelt, verliert sogar die Schönste zweifellos vollständig ihre Reize, wenn sie sich dem Beruf des Schriftstellers widmet. Man glaubt, hinter dieser Aussage verstecke sich neidische Eitelkeit oder eine Handlung des verletzten Ehrgefühls der Männer. Was für ein Fehler! Es handelt sich eigentlich um eine Huldigung der Allmächtigkeit der Schönheit (&#8230;); eine Frau, die zulässt, inspiriert zu werden, anstatt Inspiration zu sein, verzichtet auf eine Kaiserkrone (&#8230;), sie war ein Gott und wird zum Priester (&#8230;). </p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>
                        <blockquote>
                           <p>Die Frauen sollen durchaus ihren Verstand schmücken, ihn jedoch niemals ihren Herzen vorziehen, sie dürfen ihre exquisite Sensibilität nicht mit dem Lesen abstumpfen oder ertränken. Sie sollen wissen, dass sie, um zu lieben und geliebt zu werden, geboren sind, nicht um zu lesen oder gelesen zu werden (&#8230;); wenn sie möchten, sollen sie die Hälfte ihres Lebens mit Lesen verbringen, (&#8230;) aber dann sollten sie auch die andere Hälfte damit verbringen, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie gelesen haben<footnote numbering="arabic" start="417">
                                 <p> De la literatura en las mujeres. In: <em>Correo de las Damas. </em>20. 15-XI-1833. S. 153-155. </p>
                              </footnote>.»</p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N1295D" start="138"/>Erst in den vierziger Jahren werden entsprechende Umstände geschaffen, damit sich eine weibliche Presse entwickeln kann. Auch wenn die Zeitungen und Zeitschriften, die dann gegründet werden, sich meistens der Literatur oder Mode widmen und gesellschaftliche oder politische Themen vermeiden, bedeutet dies einen Fortschritt hinsichtlich der Entstehung einer weiblichen Lesekultur. Diese Entwicklung ist der größeren Pressefreiheit und Toleranz zu verdanken, die kurz nach dem Tod Fernandos VII. (1833) und nach der Übernahme der Regentschaft durch seine Witwe Maria Cristina &#8211; trotz der dynastischen Konflikte &#8211; ermöglicht worden war. </p>
                     <p>Ungeachtet des ersten Karlistenkrieges (1833-1840) erlebte die Wirtschaft des Landes einen leichten Aufschwung, der eigentlich die Anfänge der Industrialisierung Spaniens signalisierte. Die im Exil lebenden Liberalen kehrten zurück und brachten neue europäische intellektuelle Tendenzen und Einflüsse mit, die Universitäten öffneten wieder ihre Türen und die Zeitungsgründungen mehrten sich. 1834 erschienen in Madrid schon 36 Zeitungen<footnote numbering="arabic" start="418">
                           <p> Seoane, María cruz: <em>Historia del periodismo en España&#8230; </em>ed.cit. S. 126.</p>
                        </footnote>. Bis 1850 kamen noch weiter 50 Zeitungen dazu. In diesem Jahr findet man in der spanischen Hauptstadt bei einer Bevölkerung von einer halben Million Einwohnern insgesamt 147<footnote numbering="arabic" start="419">
                           <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad&#8230; </em>ed.cit.<em> </em>S. 18. Die Zeitung <em>El Tribuno </em>(1853-1855) gibt für das Jahr 1853 die Zahl von 123 Zeitungen für ganz Spanien (davon 71 für die Hauptstadt) an. Siehe Seoane, María cruz: <em>Hist</em>
                              <em>o</em>
                              <em>ria del periodismo en España&#8230;</em> ed.cit.<em> </em>S. 180.</p>
                        </footnote>. Solch eine Entwicklung spiegelt auf keine Weise eine reale Publikumsnachfrage wieder.</p>
                     <p>In jener Zeit treten zahlreiche Veröffentlichungen für Frauen auf, die viel versprechende Namen tragen, wie zum Beispiel El<em> Iris del Bello Sexo. Literatura y Costumbres </em>(Iris des schönen Geschlechts. Literatur und Sitten) (1841), die in La Coruña erscheint<em>, La Espigadera. Revista Literario-Costumbrista </em>( Die Ährenleserin. Literatur- und Sittenzeitschrift) (1837), <em>La Mariposa. Periódico de Literatura y Modas </em>(Der Schmetterling. Zeitung für Literatur und Mode)<em> </em>(1839-1840)<em> </em>aus Madrid oder <em>La Psiquis. Periódico del Be</em>
                        <em>l</em>
                        <em>lo Sexo </em>(Die Psyche. Zeitung des schönen Geschlechts) (1840- ) aus Valencia<footnote numbering="arabic" start="420">
                           <p> In der NB ist nur die Ausgabe Nr. 16 vom 19-VI-1840 erhalten. </p>
                        </footnote>. Von einigen Publikationen ist heute nicht mehr bekannt, ob sie wirklich aufkamen und für wie lange oder ob es nur bei einer Ankündigung blieb. So z.B. <em>El Elegante </em>(Der Elegante)<em>, La Aureola </em>(Die Aureole) oder<em> La Guirnalda </em>(Die Girlande) (1842)<footnote numbering="arabic" start="421">
                           <p> Jiménez Morell, Inmaculada: <em>La prensa femenina en España&#8230;</em> ed.cit.<em> </em>S. 39.</p>
                        </footnote>. Bei den meisten handelt es sich um vorwiegend literarische Zeitschriften, die die erst jetzt in Spanien aufbrechende Romantik weiter verbreiten und in ihren letzten Seiten zusätzlich Informationen über Mode und Modezeichnungen hinzufügen. </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N129C8" start="139"/>Eine wirklich außergewöhnliche Ausnahme zu der bevorzugten thematischen Strömung der weiblichen Illustrierten stellt <em>El Gobierno Representativo y Constituc</em>
                        <em>i</em>
                        <em>onal del Bello Sexo Español</em>
                        <footnote numbering="arabic" start="422">
                           <p> Es bleibt strittig, ob es sich bei dieser Publikation um eine weibliche Zeitschrift handelt oder nicht. Für Adolfo Perinat und Isabell Marrades ist sie eine, für Inmaculada Jiménez Morell aber nicht. Unabhängig von dieser Problematik behandeln wir dieses Magazin in unserer Arbeit aufgrund seiner Inhalte.</p>
                        </footnote> (Die Repräsentative und Verfassungsmäßige spanische Regierung des schönen Geschlechts) dar, die 1841 monatlich &#8211; von Februar bis Juni &#8211;<em> </em>erscheint und die Bildung einer weiblichen Regierung, sowie die Sitzungen ihres Parlaments beschreibt, auch wenn es sich um eine eher satirische und von Männern<footnote numbering="arabic" start="423">
                           <p> Jiménez Morell gibt als vermeintlicher Verleger Tomás González ein Domherr aus Plasencia an. Jiménez Morell, Inmaculada: <em>La prensa femenina en España&#8230;</em> ed.cit.<em> </em>S. 44.</p>
                        </footnote> geschriebene und herausgegebene Veröffentlichung handelt. </p>
                     <p>Aber die typischste, beste und beliebteste weibliche Veröffentlichung überhaupt ist ohne Zweifel die seit 1842 erscheinende <em>La Moda. </em>
                        <em>Revista Semanal de Literatura, Te</em>
                        <em>a</em>
                        <em>tros, Costumbres y Modas</em> (Die Mode. Wöchentliche Zeitschrift für Literatur, Theater, Sitten und Mode) aus Cádiz. Sie wurde u.a. von dem konservativen Journalisten Francisco Flores Arenas geleitet, sowie von Abelardo de Carlos y Pilar Sinués de Marco und erschien bis 1927. Am Anfang war sie als Zeitschrift für die Damen der Stadt Cádiz gedacht, später wurde sie auch außerhalb dieser Grenzen bekannt und nicht nur in Andalusien<footnote numbering="arabic" start="424">
                           <p> So schrieb Fernán Caballero in einem Brief an María Del Espíritu Santo Moreno Fabro aus Sanlúcar de Barrameda, 5-II-1856 :</p>
                           <p>« Unter anderem schreibe ich auch für die <em>Revista Sevillana</em> und für die Zeitung <em>La Moda, </em>die in Cádiz herausgegeben wird. Auch wenn der Titel frivol ist, das Wesen der Zeitung ist es nicht, sondern zerstreuend, lustig und religiös. Der Buchhändler, der sie druckt, schickte mir ein Ries mit Prospekten, damit ich sie bei meinen Freunden verteile (&#8230;) Hier sende ich dir einen, damit du ihn deinen Freundinnen zeigst. Die Bilder, die sie [die Zeitschrift] hat, sind sehr schön, und der Artikel über Mode, den ich normalerweise übersetze, stammt aus einer hervorragenden französischen Zeitung. Am vergangenen Sonntag brachte sie [die Zeitschrift] die Beschreibung, von mir geschrieben, eines vor Chipiona geschehenen Schiffbruches, (&#8230;) Aber da es nicht gewöhnlich ist, dass es in Sevilla Abonnenten der <em>La Moda </em>gibt, wird es dort niemand gelesen haben.» In Fernán Caballero: <em>Ca</em>
                              <em>r</em>
                              <em>tas; coleccionadas y anotadas&#8230; </em>ed.cit. S. 86.</p>
                        </footnote>. Was Presse und Politik betrifft, war Cádiz im 19. Jahrhundert für lange Zeit eine der wichtigsten Städte Spaniens<footnote numbering="arabic" start="425">
                           <p> Siehe Solís, Ramón: <em>Historia del pensamiento gaditano 1800-1850.</em> Cádiz: Instituto de Estudios Gaditanos, Diputación de Cádiz. 1971. </p>
                        </footnote>; deswegen ist es auch nicht außergewöhnlich, dass <em>La Moda </em>wie viele andere Zeitungen und Zeitschriften aus Cádiz, Resonanz auf nationaler Ebene erreicht. 1861 vergrößerte sie ihr Format, erhöhte die Zahl der Seiten und änderte ihren Name in <em>La Moda Elegante </em>
                        <em>I</em>
                        <em>lustrada </em>(Die elegante Mode illustriert). Ab 1870 erschien sie in Madrid und nicht mehr in Cádiz. <em>La Moda</em> ist zweifellos die erste, ernsthafte Modezeitschrift, die eine ausreichende Zahl Abonnentinnen erreicht, um schwierige wirtschaftliche und politische Zeiten überwinden zu können. Sie bietet für die heutige Forschung ein informationsreiches und treues Bild des alltäglichen Lebens der Frauen der höheren Schichten jener Zeit. In ihren Seiten publizierten bekannte Frauen, wie Gertrudis Gómez de Avellaneda, Fernán Caballero<footnote numbering="arabic" start="426">
                           <p> Die Schriftstellerin Fernán Caballero war aus finanziellen Gründen gezwungen, für diese Zeitschrift zu schreiben. Jahre später schrieb sie in einem Brief: «Damals schrieb ich für <em>La Moda </em>für 10 <em>duros </em>monatlich; aber diese gingen von Cádiz aus direkt zu meiner Schwiegermutter, das war das einzige Mal, dass ich aus Not geschrieben habe, mein Sohn, das einzige! (&#8230;) Wie sehr verbitterten meine Tränen aus Kummer, aus Schmerz, aus Terror das Wenige, was ich aß!<em> </em>Und schreiben Sie unter diesen Umständen kurze Romane für <em>La Moda, </em>deren Besitzer, dieser schreckliche De Carlos, mich mit der unhöflichsten Impertinenz behandelte.» Brief an Tomás am 19-II-1862. In Fernán Caballero: <em>Ca</em>
                              <em>r</em>
                              <em>tas; coleccionadas y anotadas</em>
                              <em>&#8230;</em> ed.cit. S. 337 f.</p>
                        </footnote>, María del Pilar Sinués, Robustiana Armiño de Cuestas, Margarita Pérez de Celis und viele andere, ebenso Männer, wie Antonio Trueba, Julio Nombela oder Manuel Palacio, u.a. Diese Autoren und Autorinnen gehören zu allen politischen Tendenzen der Gesellschaft &#8211; vom ultrakonservativen Karlismus über den <em>Partido Demócrata </em>bis zum utopischen Sozialismus. Ihre Texte in <em>La Moda</em> sind alles andere als politisch. Es zeugt für eine erfolgreiche Taktik, keine politische Meinung zu vertreten und politische Äußerungen in ihren Seiten nicht zuzulassen. Diese politische Neutralität sicherte ihren Erfolg und ihr dauerhaftes Bestehen. Zwei Drittel des Magazins widmen sich der Mode und anderen dazugehörenden Konsumgütern. Ab 1862 werden drei Preiskategorien für die Abonnements angeboten, was für eine soziale Diversifizierung der Leserinnen &#8211; immer innerhalb der gutsituierten Schichten &#8211; spricht.</p>
                     <p>
                        <link id="_Toc172444419"/>
                     </p>
                  </subblock>
                  <subblock id="N12A61" label="II.5.4.2.3">
                     <head>Das Königreich Isabels II. (1843-1868)</head>
                     <p>Während des Königreiches von Isabel II. werden nicht weniger als 36 Frauenzeitschriften gegründet. In den ersten Jahren ihrer Ära festigt sich die weibliche Presse und die Zahl der Frauen, die Texte publizieren, wird immer größer. Das bürgerlich moderierte System der Zeit prägt das Bild der Frau als untergeordnetes Wesen in einer patriarchalischen Gesellschaft, das von der großen Mehrheit der Schriftstellerinnen und Journalistinnen akzeptiert wird. Zwei Themen treten in den Magazinen mit viel Vehemenz auf: die weibliche Moral und die Bildung. Die Gesellschaft stellt Anstandsregeln für Frauen auf, die von den Illustrierten akritisch übernommen und propagiert werden und sie plädieren für eine bessere Bildung, um ihre &#8222;heiligen Aufgaben&#8220; als untertänige Töchter, Ehefrauen und Mütter besser erfüllen zu können. Anderseits erscheinen auch in dieser Zeit die ersten Magazine mit feministischen Inhalten und die ersten politischen Frauenzeitschriften.</p>
                     <p>
                        <citenumber id="N12A6B" start="140"/>In den vierziger Jahren werden zahlreiche Magazine herausgegeben, wie z. B. <em>El M</em>
                        <em>e</em>
                        <em>teoro. </em>
                        <em>Periódico Semanal de Literatura, Artes, Ciencias, Modas y Teatros </em>(Der Meteor. Wöchentliche Zeitung über Literatur, Kunst, Wissenschaft, Mode und Theater) (1843-1846?) aus Cádiz, <em>Álbum del Bello Secso </em>(Album des schönen Geschlechts) (1843) und <em>El Tocador. </em>
                        <em>Gacetín del Bello Sexo. Periódico Semanal de Educación, Literatura, Anuncios y Modas </em>(Der Toilettentisch. Kleine Gazette des schönen Geschlechts. Wöchentliche Zeitung über Erziehung, Literatur, Annoncen und Mode) (1844-1845), aus Madrid <em>El Ve</em>
                        <em>r</em>
                        <em>gel de Andalucía. Periódico dedicado al Bello Sexo</em> (Der Garten Andalusiens. Dem schönen Geschlecht gewidmete Zeitung) (1845) aus Córdoba, <em>El Defensor del Bello Sexo. </em>
                        <em>Periód</em>
                        <em>i</em>
                        <em>co de Literatura, Moral, Ciencias y M</em>
                        <em>o</em>
                        <em>das, dedicado Exclusivamente a las Mujeres </em>(Der Verteidiger des schönen Geschlechts. Zeitung über Literatur, Moral, Wissenschaft und Mode, exklusiv den Frauen gewidmet)<em> </em>(1845-1846) aus Madrid <em>El Pensil del Bello Sexo. </em>(Der Garten des schönen Geschlechts)<em> </em>(1845) aus Barcelona <em>La Elegancia. Revista de Modas y Literatura </em>(Die Eleganz. Zeitschrift über Mode und Literatur)<em> </em>(1846?-1858?)<em> </em>auch aus Barcelona oder <em>La Elegancia. </em>
                        <em>Boletín del Gran Tono. Museo de las Modas de París, Londres y M</em>
                        <em>a</em>
                        <em>drid</em> (Die Eleganz. Bulletin des guten Tons. Museum der Mode aus Paris, London und Madrid) (1846-1847) und <em>La Ilusión. Periódico de Ciencias, Literat</em>
                        <em>u</em>
                        <em>ra, Bellas Artes y Modas Dedicado al Bello Sexo</em> (Die Illussion. Zeitung über Wissenschaft, Literatur, schöne Künste und Mode, dem schönen Geschlecht gewidmet) (1849-1850) beide<em> </em>aus Madrid. All diese Publikationen hatten eine ephemere Existenz, was als ein Zeichen eines fehlenden Marktes anzusehen ist. Die Lage ändert sich etwas ab 1850 mit Zeitschriften wie <em>El Correo de la Moda. </em>
                        <em>Periódico del Bello Sexo. Modas, Literatura, Bellas Artes, Teatros, etc.</em>
                        <footnote numbering="arabic" start="427">
                           <p> Ab 1857 trägt sie den Untertitel <em>Álbum de Señoritas, Periódico de Literatura, Educación, Música, Teatros y M</em>
                              <em>o</em>
                              <em>da </em>(Album der jungen Damen, Zeitung für Literatur, Erziehung, Musik, Theater und Mode).</p>
                        </footnote>
                        <em> </em>(Der Modekurier. Zeitung des schönen Geschlechts. Mode, Literatur, schöne Künste, Theater usw.) aus Madrid,<em> </em>die von 1851 bis 1886 erscheint. </p>
                     <p>
                        <em>El Defensor del Bello Sexo </em>(1845-1846)<em> </em>ist eine typische für die Frau herausgegebene Modezeitschrift der Zeit mit literarischem, moralischem und pseudowissenschaftlichem Inhalt. Schon in der Zeichnung, die den Titel mit Legenden wie «Keuschheit, Sittsamkeit, Sensibilität, Wohltätigkeit» begleitet, wird die Programmatik der Veröffentlichung für die Leserin deutlich gemacht. Ziel ihres Direktors José de Souza war, wie er 1845 selbst schrieb, die Frauen wegen ihrer einflussreichen Rolle bei den Lebensgewohnheiten und bei dem Glück oder Unglück der Männer, in die &#8222;Kunst des Denkens&#8220; einzuführen, jedoch mit aller Vorsicht. Man soll nicht daraus schließen, dass Frauen &#8211; das schöne Geschlecht &#8211; etwa für die Wissenschaft oder für die Politik gebildet werden, denn Übertreibungen missfallen und es ist den Frauen nicht erlaubt, in Gebiete einzudringen, die von Natur und Gesetz den Männern bestimmt sind<footnote numbering="arabic" start="428">
                           <p> Souza, José De: Ideología. In: <em>El Defensor del Bello Sexo. </em>14-IX-1845.</p>
                        </footnote>. Und trotzdem erschienen dort Carolina Coronados&#8217; Gedichte, obwohl die Dichterin für ihre konsequent verteidigten fortschrittlichen Ideen bekannt war<footnote numbering="arabic" start="429">
                           <p> Siehe Geist, Angéla: <em>Das Bild der Frau bei&#8230;</em> ed.cit.</p>
                        </footnote>. </p>
                     <p>Definitiv etabliert sich ab 1850 auf dem Mark ein weibliches Pressewesen, auch wenn die meisten Magazine immer noch ein kurzes Leben haben. Die Veröffentlichungen erscheinen öfter in direktem Bezug auf konkrete ideologische Gruppen und Strömungen der Gesellschaft, wie z.B. die feministischen <em>Ellas. Órgano Oficial del Sexo Femenino </em>(Sie. Offizielles Organ des weiblichen Geschlechts)<em> </em>(1851) aus Madrid oder <em>La Mujer. </em>
                        <em>Periód</em>
                        <em>i</em>
                        <em>co Escrito por una Sociedad de Señoras y Dedicado a su Sexo</em>
                        <footnote numbering="arabic" start="430">
                           <p> Ab Januar 1852 trägt sie den Untertitel <em>Defensor y Sostenedor de los Intereses de su Sexo. </em>
                              <em>Redactado por una Sociedad de Jóvenes Escritoras </em>(Verteidiger und Unterstützer der Interessen ihres Geschlechts. Von einer Gesellschaft junger Schriftstellerinnen verfasst).</p>
                        </footnote> (Die Frau. Eine von einer Damengesellschaft geschriebene und deren Geschlecht gewidmete Zeitung) (1851-1852) auch aus Madrid, die utopisch fourieristische <em>El Nuevo Pensil de Iberia. </em>
                        <em>P</em>
                        <em>e</em>
                        <em>riódico de L</em>
                        <em>i</em>
                        <em>teratura, Ciencias, Artes y Teatro</em> (1857-1859)<em> </em>aus Cádiz,<em> </em>die katholische <em>La Mujer Cristiana. </em>
                        <em>Educación y Beneficencia </em>(Die christliche Frau. Bildung und Wohltätigkeit)<em> </em>(1864-1865)<em> </em>oder die konservativen<em> La Educanda. Revista Quincenal de Educación, Enseñanza y Modas</em>
                        <footnote numbering="arabic" start="431">
                           <p> Ab dem dritten Jahr trägt sie den Untertitel <em>Dedicado a las Madres de Familia, Maestras y Directoras de Escu</em>
                              <em>e</em>
                              <em>la. </em>(Den Familienmüttern, Lehrerinnen und Schuldirektorinnen gewidmet).</p>
                        </footnote>
                        <em> </em>(Die Schülerin. Fünfzehntägige Zeitschrift über Erziehung, Bildung und Mode) (1861-1866),<em> La Vi</em>
                        <em>o</em>
                        <em>leta. </em>
                        <em>Revista Hispano-Americana. Literatura, Ciencias, Teatros y Modas </em>(Das Veilchen. Hispanoamerikanische Zeitschrift. Literatur, Wissenschaft, Theater und Mode) (1862-1866) <em>Los Ecos de Auseva. </em>
                        <em>Revista de Caridad, Amen</em>
                        <em>i</em>
                        <em>dad, Instrucción, Moralidad, Beneficencia </em>(Das Echo Ausevas. Zeitschrift für Nächstenliebe, Unterhaltung, Bildung, Moral und Wohltätigkeit)<em> </em>(1864- ) und <em>La Mariposa. </em>
                        <em>Peri</em>
                        <em>ó</em>
                        <em>dico D</em>
                        <em>e</em>
                        <em>dicado a las Señoras y Especialmente a las Profesoras de Instrucción Primaria</em> (Der Schmetterling. Den Damen und besonders den Volksschullehrerinnen gewidmete Zeitung)<em> </em>(1866- ) aus Madrid.<em> </em>Ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ist ein deutliches Wachstum der weiblichen journalistischen Produktion zu spüren, das sich nach der September Revolution von 1868 noch steigern wird.</p>
                     <p>
                        <link id="_Toc172444420"/>
                     </p>
                  </subblock>
                  <subblock id="N12B9D" label="II.5.4.2.4">
                     <head>»Revolutionssexennium« (1868-1874) und Restauration der Bourbonenmonarchie (1874-1902)</head>
                     <p>
                        <citenumber id="N12BA4" start="141"/>Nach Königin Isabels II. Abdankung, während der freizügigen Zeit zwischen der Provisorischen Regierung des Generals Serrano (1868-1870) und der Krönung von Amadeo I. Von Saboyen (1871), erlebt das Land eine Überflutung neuer Periodika, fast alle haben politische oder satirische Inhalte. Natürlich steht diese Presseblüte nicht im Verhältnis zu der Nachfrage der Leser und die meisten Publikationen werden ein flüchtiges Leben haben. Trotz des hohen Frauenanalphabetismus befindet sich auch die Frauenpresse um 1870 auf ihrem Höhepunkt und eine große Anzahl von Frauen widmet sich dem Schreiben<footnote numbering="arabic" start="432">
                           <p> Siehe Simón Palmer, María del Carmen: <em>Escritoras españolas del siglo XIX. Manual bio-bibliográfico&#8230;</em> ed.cit.</p>
                        </footnote>.</p>
                     <p>Der größte Teil dieser Produktion kommt aus Madrid, einer Stadt, in der die an solchen Veröffentlichungen interessierten Schichten, d.h. Adel, Politiker, Beamten und gebildetes Bürgertum etabliert sind. Aber auch andere Zentren, wie Barcelona, Valencia oder Cádiz nehmen an dieser Entfaltung der Frauenpresse teil. In der Zeit der Restauration<em> </em>(1874-1902) ändert sich die Lage. Die für die weibliche Leserschaft bestimmte Presse entwickelt sich langsam, und mit großem Rückstand gegenüber der Tagespresse, zum Sprecher der in den Parteien verkörperten verschiedenen politischen Strömungen und der Kirche. Einige Zeitschriften und Zeitungen werden von Parteien oder anderen Gruppierungen offiziell als Sprecher akzeptiert und bekommen von diesen finanzielle Unterstützung. </p>
                     <p>Diese politisch orientierten Publikationen stehen den nicht engagierten, unpolitischen Veröffentlichungen gegenüber, ihre Themen &#8211; das Heim, die Mode und Literatur &#8211; gleichen sich meistens, aber die Art der Betrachtung dieser Themen unterscheidet sich wesentlich. Natürlich bedeutet unpolitisch nicht gleich neutral oder ohne ideologischen Hintergrund. Aber ihr Inhalt wird nicht von politischen oder sozialen Kräften, wie Parteien, Gewerkschaften, Verbänden oder der Kirche inspiriert, beeinflusst oder diktiert.</p>
                     <p>
                        <citenumber id="N12BBE" start="142"/>Während des letzten Drittels des Jahrhunderts erscheinen mindestens 20 meist ernsthafte weibliche Zeitschriften. Die Presse jener Zeit bleibt aber in ihren Herstellungsverfahren noch relativ handwerklich, wenn man die Lage des spanischen Pressewesens mit der anderer europäischer Länder vergleicht, was ihre Entwicklung deutlich verzögert.</p>
                     <p>Die politische Taktlosigkeit einiger Regierungen der Restauration (1874-1902), die die katholische Kirche bekämpften, rief eine große Verstimmung in Teilen der Bevölkerung hervor. Klerus, Großbürgertum, Adel, katholische Bauern und Proletarier bildeten eine kompakte politisch-ideologische Front gegen den bürgerlichen Liberalismus. Für diese beiden Fronten, ebenso wie für die aufbrechenden Arbeiterbewegungen, die das politische Leben der Restaurationszeit bestimmen, ist die Presse eine entscheidende Waffe. Auch die Frauenpresse wird beeinflusst. Bis dahin waren die wichtigsten Themen Mode, Moral, Bildung und Unterhaltung gewesen, begleitet von leichten literarischen Texten, wie Liebesromanen oder Sittenerzählungen, die direkte oder indirekte politische Botschaften beinhalteten, jedoch ihre Hauptakzente nicht darauf setzten. Ab und zu gibt es Versuche, soziale oder feministische Tendenzen zu verbreiten, die jedoch sehr schnell zum Schweigen gebracht werden. Diese Versuche, die aufgezwungenen Grenzen zu überwinden, waren bei keiner Thematik &#8211; auch nicht bei der sozialen Kritik &#8211; besonders gewagt und wenn polemisiert wurde, fanden sich keine Publikumsgruppen, die ihre Positionen zum Programm hätten machen können. </p>
                     <p>Von ihren Anfängen um 1840 bis Ende des Jahrhunderts, versucht die weibliche Presse ihr Dasein zu rechtfertigen. Sie suchen eine Legitimation in ihrem nützlichen, unterhaltsamen und moralisierenden Charakter.</p>
                     <p>
                        <citenumber id="N12BCA" start="143"/>So stellt sich zum Beispiel die Zeitschrift <em>La Violeta </em>in ihrer ersten Ausgabe am 7-XII-1862 vor: </p>
                     <p>
                        <blockquote>
                           <p>«Wir beabsichtigen, dass in unserer Publikation alle Leser, unabhängig von Alter oder Geschlecht, einen angenehmen Zeitvertreib, sowie eine gediegene Bildung finden. Infolgedessen wird sie moralische Erzählungen und weise Ratschläge für die Erziehung der Kinder, diese schönen Engel, die berufen sind, morgen die schwierigen Probleme, die uns erschüttern, zu lösen, Artikel über Mode, Heimarbeit, Erziehung und Moral für Mädchen und Familienmütter, Theaterübersichten, Reiseberichte, wissenschaftliche Entdeckungen, Artikel über Sitten, Geschichte und Unterhaltung beinhalten, (&#8230;) Kurz gefasst, unser Wunsch ist es, das Lehrende und Unterhaltsame so zu verschmelzen, dass sie zu einer Einheit werden; aufgrund dessen wird zwischen den ausgesuchten Romanen, die wir nach und nach veröffentlichen werden, immer jenen der Vorzug gegeben, die unter der Schönheit der Sprache ein moralisches Ziel verhüllen und edelmütige und großzügige Figuren zeigen, die als Beispiel und Richtungsgeber für die jugendlichen Seelen, die diese vielsagenden Seiten verschlingen, dienen können. </p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N12BDC" start="144"/>
                        <blockquote>
                           <p>Keine soziale Analyse, die den Geist austrocknet und verkleinert und keine kümmerlichen realistischen Bilder, die die Erneuerer dieser Übergangsepoche mit Eifer suchen, werden hier dargestellt<footnote numbering="arabic" start="433">
                                 <p> Las Redactoras: A nuestros lectores. In: <em>La Violeta. </em>1. 7-XII-1862. S. 1-3. Der Text dieses Artikels wird auch in der Anthologie von Sánchez Llama wiedergegeben. Siehe Sánchez Llama, Iñigo (Hrsg.): <em>Antología de la prensa periódica isabelina </em>
                                    <em>escrita por mujeres (1843-1894).</em> Cádiz: Publicaciones de la Universidad de Cádiz. 2001. S. 143-145. Für alle an das spanische 19. Jh. Interessierten, die nicht über den Zugang zur spanischen Nationalbibliothek, zur Madrider Landesbibliothek und deren Zeitungsarchiv oder anderen historischen Beständen verfügen, ist Sánchez Llamas&#8217; Anthologie eine unverzichtbare Quelle, auch wenn einige der dort vorhandenen Artikel nicht in ihrer vollständigen Version wiedergegeben werden. Das Werk beinhaltet 66 Artikel der namhaftesten Autorinnen der Zeit, ein winziger Bruchteil der weiblichen journalistischen Produktion des 19. Jahrhunderts, aber eine sehr repräsentative Auswahl der allgemeinen Tendenzen. Keine Untersuchung der Literatur, der Gesellschaft usw. dieser Epoche darf das weibliche Pressewesen als Informationsquelle unterschätzen. </p>
                                 <p>Nach reiflicher Überlegung haben wir beschlossen, unter den von uns zitierten Beispielen, denen aus dem Werk <em>A</em>
                                    <em>n</em>
                                    <em>tología de la Prensa Periódica Isabelina </em>den Vorrang zu geben; nicht um unsere Arbeit zu vereinfachen &#8211; die von uns besuchten Zeitungsarchive boten ein Übermaß an Möglichkeiten &#8211;, sondern aus zwei Gründen: der erste Grund war die deutliche Übereinstimmung der Beispielhaftigkeit der Texte; der zweite basiert auf der Tatsache, dass dieses Werk viel mehr Lesern zugänglich ist als die Originale. Damit wollten wir einen Anreiz für ihre Lektüre schaffen, so dass ein jeder Zugriff auf diese Quellen nehmen kann.</p>
                              </footnote>.» </p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>Wie man sehen kann, versucht diese Art Presse, die Beschreibung der schmucklosen und beunruhigenden Realität zu vermeiden. Natürlich kann sie diese nicht komplett umgehen. In der täglichen Presse nehmen zum Beispiel die Seiten mit Verbrechensmeldungen einen wichtigen Platz ein und werden auch von Frauen mit Genuss gelesen. In der weiblichen Presse dagegen wird diese Art Realität negiert und in jeder Beziehung in einen imaginären Bereich gerückt, in fiktionalen Texten, wie Romanen oder Erzählungen, beschrieben und dadurch gleichzeitig eine Distanz zum wirklichen Leben gewahrt. Die weibliche Presse arbeitet hauptsächlich mit unwirklichen und erfundenen Realitätsebenen. Sie erschafft menschliche und räumliche Archetypen und typisiert auch Lebensweisen, die einen Identifikationswunsch oder Verlangen nach Besitz bei den Leserinnen wecken sollen. Die Erzählungen und Fortsetzungsromane, unabhängig vom Fiktionalisierungsgrad, transportieren die Leserinnen in eine elegante und aristokratische Welt der Paläste, auch des ehrlichen und zufriedenen Volkes, der ehrbaren Armut, der ehelichen Liebe, der Mutterschaftsfreuden, Mutterliebe usw. Leiden und Glück bilden ein Geflecht, das dem Publikum einen angenehmen Eskapismus beschert. </p>
                     <p>
                        <link id="_Toc172444421"/>
                     </p>
                  </subblock>
               </block>
               <block id="N12C0E" label="II.5.4.3">
                  <head>Merkmale der spanischen weiblichen Presse</head>
                  <p>
                     <citenumber id="N12C15" start="145"/>Der Begriff &#8222;weiblich&#8220; im Zusammenhang mit &#8222;Presse&#8220; bezieht sich auf eine Art von Publikation, die aus der Leserschaftsdiversifizierung, die im 19. Jh. stattfindet, entsteht. Unter weiblichen Zeitschriften und Zeitungen verstehen wir diejenigen, deren gezielter Leserkreis von Frauen gebildet wird, entweder, weil die Herausgeber es so deklarieren oder weil man es der Thematik entnehmen kann oder weil es in dem Titel bzw. Untertitel der Veröffentlichung deutlich ausgedruckt wird.</p>
                  <p>Anhand der Beispiele, die wir in den folgenden Abschnitten präsentieren werden, wird deutlich, dass wie jede andere Definition, auch diese nicht eindeutig angewendet werden kann und oft bleibt es schwierig auszumachen, ob eine Veröffentlichung ausdrücklich für eine weibliche Leserschaft herausgegeben wird oder nicht<footnote numbering="arabic" start="434">
                        <p> Denn es existieren landesweit unzählige Zeitschriften, die, um ein weibliches Publikum für sich zu gewinnen, Sparten über Mode, Gesellschaftsnachrichten u.Ä. einfügen. Wie z.B. die satirische Zeitung <em>El Genio. </em>
                           <em>Periódico pop</em>
                           <em>u</em>
                           <em>lar con humos de literario&#8230; </em>(Das Genie. Populäre Zeitung mit literarischen Ansprüchen&#8230;) aus der Stadt Burgos. Siehe El de la Máscara Verde: Modas. In: <em>El Genio&#8230;</em> 1. 20-II-1846. S. 11-13.</p>
                     </footnote>. In diesem und den folgenden Kapiteln werden wir versuchen, die wichtigsten inhaltlichen und formalen Tendenzen der spanischen weiblichen Presse darzustellen, sowie auch ihre geschichtliche Entwicklung. Es handelt sich dabei um eine Annährung, da der zu untersuchende Korpus beachtlich ist. </p>
                  <p>Im Laufe des 19. Jahrhunderts werden mehr als 100 weibliche Blätter herausgegeben<footnote numbering="arabic" start="435">
                        <p> 100 ist eine approximative Zahl, Perinat und Marrades zählen in ihrem Werk <em>Mujer, prensa y sociedad&#8230;</em> 72 Publikationen, aber Simón Palmer bennent in ihrer Arbeit <em>Revistas femeninas madrileñas&#8230; </em>mehrere Blätter, die bei Perinat und Marrades nicht vorkommen; weiter führen die in Bibliothekskatalogen vorhandenen Untertitel vieler Zeitschriften zu der Annahme, es könnte sich dabei um Frauenmagazine handeln, und schließlich gibt es Zeitschriften, von denen &#8211; soweit bekannt &#8211; kein Exemplar mehr existiert und von anderen weißt man nicht ob sie überhaupt erschienen sind oder nur angekündigt wurden. Siehe Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y soci</em>
                           <em>e</em>
                           <em>dad&#8230; </em>S. 403-404; Simón Palmer, María del Carmen: <em>Revistas españolas madril</em>
                           <em>e</em>
                           <em>ñas&#8230;</em>ed.cit. S. 25-27.</p>
                     </footnote>. Die Unterscheidung zwischen Zeitung <em>periódico </em>und Zeitschrift <em>revista </em>unter heutigen Kriterien darf bei diesen Publikationen nicht angewendet werden, die meisten Herausgeber und Verleger der Zeit benutzten beide Benennungen, unabhängig von formalen oder inhaltlichen Unterschieden. Tendenziell jedoch darf man die Behauptung wagen, dass es sich bei allen Veröffentlichungen, die hier untersucht werden, um die Publikationsart handelt, die heute mit dem Begriff Zeitschrift definiert wird. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N12C5E" start="146"/>Schon im 19. Jh. beginnt eine Diskussion über die Gattungszugehörigkeit der Presse, die sich am Ende des Jahrhunderts verschärft<footnote numbering="arabic" start="436">
                        <p> Alonso, Cecilio: La lectura de cada día&#8230; ed. cit. S. 572.</p>
                     </footnote> und bis in das 20. Jh. hinein andauert. An dieser Debatte nahmen Intellektuelle, Journalisten und Schriftsteller, wie Ortega Munilla oder Juan Valera, u.a. teil. Eine Schlussfolgerung wurde durch die gewichtige Präsenz der verschiedenen literarischen Gattungen, vom Roman bis zum Gedicht, die ein wesentlicher und unvermeidbarer Teil der damaligen Presse war, erschwert. Zeitungen und Zeitschriften funktionierten als Träger literarischer Texte, diese erfüllten dabei zwei sich komplementierende Aufgaben, einerseits zogen sie wegen ihres Unterhaltungswertes, Leser an, andererseits spiegelten sie, dank einer präzisen Auswahl und Manipulation durch Auftragsvergaben, die Weltansichten der Herausgeber und Verleger<footnote numbering="arabic" start="437">
                        <p> Ebenda S. 572.</p>
                     </footnote> wieder. </p>
                  <p>Abgesehen von den im 19. Jh. so wichtigen literarischen Aspekten &#8211; und den dahinter stehenden sozialen, kulturellen oder politischen Geschichtspunkten &#8211; sollten Periodika auch unter ihrer kommunikationswissenschaftlichen Seite betrachtet werden. </p>
                  <p>Wie jede andere Art von Kommunikation besitzt die Presse einen Sender und einen Empfänger; in diesem Fall ist die Kopräsenz in dem Moment der Verständigung nicht vorhanden, sie teilen jedoch zeitliche und räumliche Faktoren. Der Empfänger der Presse ist &#8211; im Prinzip &#8211; universell, de facto wird er deutlich eingegrenzt; bei dem von uns untersuchten Gebiet handelt es sich um Frauen der gutsituierten Schichten der Gesellschaft.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N12C7A" start="147"/>Jede kommunikative Verfahrensweise besitzt einen Code<footnote numbering="arabic" start="438">
                        <p> Der Begriff Code hat verschiedene Bedeutungen: «Vorschrift für die Zuordnung von Zeigen eines Zeichensystems zu Zeichen eines anderen Systems, sodass der Gehalt an Informationen unverändert bleibt, (&#8230;)»Wahrig, Gerhard: <em>Deutsches Wörterbuch. </em>Gütersloh. München: Bertelsmann Lexikonverlag. 1991. Das heißt eine Anzahl von Zeichen, die zur Übertragung einer Mitteilung oder Botschaft dienen, das Alphabet ist dafür ein nahe liegendes Beispiel. </p>
                     </footnote> zur Übertragung von Botschaften, so besitzen auch die Veröffentlichungen, die wir jetzt untersuchen wollen, eine spezifische Art der Kodifizierung ihrer Botschaften, auf allen Ebenen, d.h. der Sprache, der Ikonographie, der formalen Gestaltung, usw. Je nach Art der Botschaft oder der Beziehung zwischen Sender und Empfänger existieren mehrere Codemodalitäten. Die so genannten literarischen Gattungen, wie z.B. Roman, Novelle, Essay sind ebenso Codes wie das Alphabet, aber auf einer anderen &#8211; einer zweiten &#8211; Ebene. Auch auf dieser Ebene ist ein Code ein Regelsystem der Inklusion, Exklusion und Kombination sprachlicher Elemente. Mit der Entwicklung der Pressewelt tauchen neue Niveaus der Kodifizierung &#8211; die so genannten journalistischen Gattungen, wie Nachricht, Reportage, Leitartikel, Interview usw. &#8211; auf.</p>
                  <p>Andererseits implizieren Zeitungen und Zeitschriften &#8211; als Materialisierung einer Information &#8211; nicht nur eine sprachliche Kodifizierung, sondern auch eine morphologische, deren Elemente Format, typographische Gestaltung, Aufstellung des Textes, Einteilung der Information in Sektionen, Ikonen usw. sind. Jede Publikation im Pressewesen besitzt letztendlich ein Kodifizierungsverfahren, das &#8211; unabhängig von der Ebene &#8211; Ergebnis soziokultureller Konventionen und Grundelement bei dem Diversifizierungsprozess der Empfänger je nach von den Medien vermittelten Informationen ist.</p>
                  <p>Ende des 18. Jahrhunderts sind die spanischen periodischen Veröffentlichungen in der Regel Opuskula oder kleine Hefte, die in nicht regelmäßigen Abständen erscheinen. Sie enthalten oft eine einzige Abteilung, in der ein einziges Thema im Stil einer Rede oder Abhandlung behandelt wird. Aus der Sammlung der Exemplare ergibt sich ein Buch mit Inhalts- und Stileinheit. Die Periodizität der Veröffentlichung hat eine völlig andere Bedeutung als die heutige. Das Aufkommen einer Ausgabe impliziert keine von der gegenwärtigen Lage abhängige Erneuerung des Inhalts im heutigen Sinne, auch wenn die behandelten Themen, die Kommentare oder Nachrichten oft von Ausgabe zu Ausgabe unterschiedlich sind. Es handelt sich eher um die Fragmentierung einer Botschaft, es gibt immer einen Faden, der die Unregelmäßigkeiten überwindet und verbindet. Die Autoren können so ihre Arbeit dosieren und ihre Botschaft den Lesern anpassen, denn sie bekommen auf die eine oder andere Art ein Feedback auf ihr Schreiben und können auch darauf reagieren. Diese Art der Komposition überlebt in Spanien bis in die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts hinein. Die Zeitung <em>El Gobierno Representativo y Constitucional del Bello Sexo Español </em>(1841) z.B.<em> </em>erscheint immer noch als eine Reihe fortgesetzter Teile. Die Zeitschrift wird nach eigenen Angaben der Herausgeber in Heften mit fortlaufender Paginierung veröffentlicht, vier Ausgaben ergeben einen Band. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N12C97" start="148"/>Ab 1830 hören die Zeitungen allmählich auf, monothematisch zu sein und diversifizieren ihren Inhalt in Themenbereiche. Auch die Frauenblätter enthalten verschiedene Abteilungen über Literatur, Mode, Theater, Gesellschaftsnachrichten usw. Trotzdem werden viele solcher Publikationen immer noch &#8211; eigentlich bis Ende des Jahrhunderts &#8211; als Teil eines Gesamtwerkes, das gesammelt und gebunden zum Buch wird, konzipiert. Viele Magazine haben dafür eine fortlaufende Paginierung, so zum Beispiel u.a.: <em>Correo de las Damas </em>(1833)<em>, El Correo de la Moda </em>(1851-1886)<em>, El Defensor del Bello Sexo </em>(1845-146)<em>, Ecos de Auseva </em>(1864-1869)<em>, La Educanda </em>(1861-1866)<em>, La Elegancia </em>(1846-1847), das o.g.<em> Gobierno Representativo y Constitucional del Bello Sexo Español </em>(1841)<em>, La Il</em>
                     <em>u</em>
                     <em>sión </em>(1849-1850)<em>, La Mariposa. Peri</em>
                     <em>ó</em>
                     <em>dico de Literatura y Modas </em>(1839- )<em>, El Tocador</em> (1844)<em>, El Vergel de Andalucía </em>(1845)<em> </em>oder <em>La Viol</em>
                     <em>e</em>
                     <em>ta </em>(1863).</p>
                  <p>Noch ein Zeichen dafür sind die Zeitungsromane, die auch in der weiblichen Presse während des ganzen Jahrhunderts erscheinen, bis sie von der Kurzerzählung ersetzt werden<footnote numbering="arabic" start="439">
                        <p> Über Fortsetzungs- und Zeitungsromane<em> </em>siehe das Kapitel «<em>Folletines </em>und <em>entregas»</em> in dieser Arbeit.</p>
                     </footnote>. Diese Romane werden entweder in der Zeitschrift mit jeder Ausgabe als ein Teil oder selbständig außerhalb des Zeitschriftentextes in Form von Faszikeln gedruckt, um separat gesammelt werden zu können.</p>
                  <p>Die meisten weiblichen Periodika haben bis in das 20. Jh. hinein ein flüchtiges Leben, meistens einige Monate; von mehreren Zeitschriften existieren heute nur wenige, manchmal auch ein einziges oder gar kein Exemplar, dadurch werden die Zeitangaben oft unmöglich gemacht. Ausnahmen von dieser Unbeständigkeit bilden im 19. Jh. wenige Publikationen: <em>La Moda </em>(1842-1927)<em>, El Correo de la Moda </em>(1851-1886)<em>, La R</em>
                     <em>e</em>
                     <em>vista de las Hijas de María </em>(1880-1929)<em>, El Salón de la Moda </em>(1884-1921) und<em> El Eco de la Moda </em>(1897-1928).</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N12D02" start="149"/>Leider gibt es &#8211; wie schon angedeutet &#8211; keine präzisen Angaben über die Dauer der meisten weiblichen Zeitschriften und die Möglichkeiten der Recherche sind gering und bleiben oft ergebnislos. Aufgrund eines nichtfunktionierenden Pflichtexemplargesetzes und anderer Kontrollinstanzen sind viele Exemplare verloren gegangen; es gibt sogar Zeitungen, von denen nur eine Referenz in anderen Publikationen übrig geblieben ist. Sehr oft wird außerdem das Aufgeben einer Zeitschrift oder eine Änderung des Titels nicht angegeben, was zu Verwirrung führen kann. </p>
                  <p>Die Gründe für das Schließen einer weiblichen Publikation sind verschieden und treten oft gleichzeitig auf: Mangel an wirtschaftlicher Unterstützung, geringe Zahl der Abonnenten, was das gleiche bedeutet, Probleme mit der Zensur, öffentliche Angriffe &#8211; oft seitens anderer Veröffentlichungen, auch die Übernahme von einer Zeitschrift durch eine andere ist ein Grund für ihre Beendigung.</p>
                  <p>Einige Fälle solcher Veränderungen sind z.B.: </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N12D0E" start="150"/>
                     <ul>
                        <li>
                           <p>Die Zeitschrift <em>La Mariposa. Periódico de Literatura y Modas </em>übernimmt die Abonnenten von <em>El Buen Tono,</em> als diese 1839 schließt.</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>
                              <em>El Gobierno Representativo&#8230;</em>(1841)<em> </em>ändert im gleichen Jahr ihren Namen in <em>Ses</em>
                              <em>i</em>
                              <em>ón en el Senado Esp</em>
                              <em>a</em>
                              <em>ñol.</em> </p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>
                              <em> El Pensil del Bello Sexo</em> endet 1845 und erscheint weiter als <em>El Defensor del Bello Sexo</em>
                              <footnote numbering="arabic" start="440">
                                 <p> Advertencia. In: <em>El Defensor del Bello Sexo. </em>2-IX-1845.</p>
                              </footnote>.</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>
                              <em>La Gaceta de las Mujeres </em>(1845)<em> </em>wird ab November 1845 zu <em>La Ilustración de las Damas.</em>
                           </p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>
                              <em>El Mensajero de las Modas</em> (1852) erscheint im gleichen Jahr nicht mehr als selbständige Veröffentlichung, sondern als Supplement von <em>El Semanario Pintoresco Español </em>und wird gratis verteilt.</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>
                              <em>Ellas</em> (1851) wird 1852 zu <em>Álbum de Señoritas</em> und 1853 wird vielleicht von <em>El Correo de la Moda</em> übernommen.<em> </em>
                           </p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>1861 gründet der damalige Verleger von <em>El Correo de la Moda</em>, Pedro J. de la Peña, die pädagogische Zeitschrift <em>La Educanda</em> (1861-1866), die 1866 mit <em>El Correo de la Moda</em> fusioniert. </p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>
                              <em>La Moda </em>(1842-1863)<em> </em>aus Cádiz wird 1863 zu <em>La Moda Elegante </em>und 1884 zu <em>La Moda Elegante Ilustrada</em> und erscheint unter diesem Namen in Madrid bis 1927.</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>
                              <em>El Ángel del Hogar</em> (Der Engel des Heimes) (1864-1869) überlässt ihre Abonnenten der Zeitschrift <em>La Moda El</em>
                              <em>e</em>
                              <em>gante Ilustrada,</em> als sie 1869 schließt<footnote numbering="arabic" start="441">
                                 <p> Sánchez Llama, Iñigo: <em>Galería de escritoras&#8230; </em>ed. cit.<em> </em>S. 138.</p>
                              </footnote>.</p>
                        </li>
                     </ul>
                  </p>
                  <p>Oft werden diese Änderungen den zuständigen Behörden nicht gemeldet, in anderen Fällen stimmen die Angaben in den Katalogen nicht überein. Leider gibt es meiner Kenntnis nach auch kein neues Projekt, diese Publikationen erneut und auf nationaler Ebene zu katalogisieren.</p>
                  <subblock id="N12DC4" label="II.5.4.3.1">
                     <head>
                        <link id="_Toc172444422"/>Der Vertrieb der weiblichen Presse</head>
                     <p>Frauenmagazine werden im Allgemeinen nicht im Zeitungskiosk in einzelnen Ausgaben verkauft, sondern per Abonnement. Diese können in einer oder mehreren bestimmten Buchhandlungen oder ähnlichen spezialisierten Geschäften &#8211; wie Druckereien &#8211; abgeschlossen werden. Je nach Ausbreitung einer Publikation konnte man sich in den Städten oder Ortschaften, in denen diese herauskam, an die angegebenen Buchhandlungen, Druckereien u.Ä. wenden, wie z.B. in den Hauptstädten der umliegenden Provinzen<footnote numbering="arabic" start="442">
                           <p> Siehe <em>El Correo de las Damas. </em>22. 27-XI-1833. S. 176. Abonnements für <em>El Correo de las Damas </em>(1833-1835)<em> </em>konnte man sogar in den offiziellen Stellen des spanischen Staatsanzeigers (Bundesgesetzblatt) abschließen.</p>
                        </footnote>, in ganz Spanien oder sogar bis in die Kolonien hinein. Auch Postämter, die eine relativ gute Infrastruktur auf nationaler Ebene besaßen, wurden von einigen Publikationen<footnote numbering="arabic" start="443">
                           <p> Zum Beispiel <em>El Tocador. Gacetín del Bello Sexo.</em> (1844-1845)<em> </em>oder <em>La Mujer. Revista de Instrucción G</em>
                              <em>e</em>
                              <em>neral para el Bello Sexo </em>(1871- )</p>
                        </footnote> mit dieser Aufgabe beauftragt. Lose Ausgaben, Modezeichnungen, die extra zur Zeitschrift angeboten wurden oder andere Supplemente konnte man auch in den von der Publikation angegebenen Adressen kaufen. </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N12DF9" start="151"/> Wenn keine dieser Möglichkeiten für die vermeintlichen Abonnentinnen zur Verfügung stand, dann erfolgte das ganze Prozedere per Post mittels Geldanweisungen oder des Versandes von Briefmarken in dem entsprechenden Wert. Einige Zeitschriften, wie <em>La Mujer. Revista de Instrucción General para el Bello Sexo </em>(1871- ) oder <em>La Madre de F</em>
                        <em>a</em>
                        <em>milia </em>(Die Familienmutter) (1875-1895) fügten eine Abteilung ein, in der der Empfang solcher Geldanweisungen und Sendungen dankend bestätigt wurde. Dadurch kann man die Verteilung der Leser und Leserinnen im Land &#8211; in diesen Fällen stammen sie aus ganz Spanien &#8211; untersuchen. </p>
                     <p>Die Zeitschriften wurden dann entweder von dem Verlag selbst oder von den Büchereien usw. in die Häuser der Abonnenten mittels Boten zugestellt oder per Post geschickt. In Anbetracht der prekären Lage, in der sich die Verkehrsinfrastruktur in Spanien im 19. Jh. befand, war dieser Vertriebsweg unsicher. Die Herausgeber der Publikationen wehrten sich ständig gegen die Klagen der Abonnenten, die ihre Exemplare nicht bekamen<footnote numbering="arabic" start="444">
                           <p> <em>El Correo de la Moda </em>(1851-1886) schreibt zum Beispiel, dass nach wiederholten Klagen vieler Leser aus den Provinzen, die Zeitung einige Maßnahmen ergriffen und bei den zuständigen Postämtern wegen des &#8222;Verschwindens&#8220; der Zeitschriftenexemplare protestiert habe. Sollte das Problem auf diese Weise nicht gelöst werden können, so werden sich die Herausgeber direkt an die Regierung wenden. Advertencia. In: <em>El Correo de la Moda.</em> 14. Mai 1852.</p>
                        </footnote>. Da die Herausgeber sich verpflichtet sahen, die nicht angekommenen Ausgaben kostenlos erneut zu versenden, bedeutete es für kleine Publikationen eine finanzielle Belastung<footnote numbering="arabic" start="445">
                           <p> Siehe z.B.: Aviso Importante. In: <em>El Correo de la Moda. </em>28. Dezember 1852.</p>
                        </footnote>. Eine andere finanzielle Erschwernis stellte das Einsammeln der Abonnementsbeiträge dar. Vor Ende jedes Quartals oder Semesters veröffentlichen viele Zeitschriften &#8211; oft auf der ersten Seite &#8211; eine Ermahnung an die Leserinnen, mit der Bitte, ihre Verträge rechtzeitig zu verlängern<footnote numbering="arabic" start="446">
                           <p>Siehe A nuestras susbritoras (sic.). In: <em>El Correo de la Moda.</em> 8. Februar 1852; Advertencia. In: <em>La Mujer. </em>
                              <em>Peri</em>
                              <em>ó</em>
                              <em>dico Escrito por una Sociedad de Señoras y Dedicado a su Sexo.</em> 32. 7-III-1852. S. 1; Advertencia. In: <em>La </em>
                              <em>Mar</em>
                              <em>i</em>
                              <em>posa</em>
                              <em>. Periódico Dedicado a las Señoras&#8230; </em>12.<em> </em>16-X-1866 S. 1; 20.16-II-1867. S. 1.</p>
                        </footnote>. Der Öfteren verschickten sie Exemplare, die später weder bezahlt, noch zurück gesandt wurden oder auf dem Weg &#8222;verloren&#8220; gingen. Trotzdem gibt es Zeitschriften, die ihren Abonnentinnen Sonderleistungen ohne weiteren Kostenaufwand anbieten, wie z.B. die Zustellung der Publikation in ihre Urlaubsorte<footnote numbering="arabic" start="447">
                           <p> Siehe Aviso Interesante. In: <em>El Correo de la Moda. </em>12. April 1852.</p>
                        </footnote>. </p>
                     <p>Die Verkaufsstrategie änderte sich für die Frauenzeitschriften bis Ende des 19. Jahrhunderts auch nicht, als der Verkauf der Presse in Zeitungskiosken in Europa eigentlich schon Normalität geworden war<footnote numbering="arabic" start="448">
                           <p> Über das Thema siehe auch Botrel, Jean-François: <em>La diffusion du livre en Espagne (1868-1914)&#8230;</em>ed.cit.</p>
                        </footnote>. Dies geschieht aus mehreren Gründen, einerseits verlangsamt sich im Allgemeinen die Entwicklung des Vertriebs der spanischen Presse wegen der fehlenden Infrastruktur und Kultur des Zeitungskiosks und der Buchhandlungen, andererseits sind die in der Regel kleinen Verlage finanziell vom Abonnementssystem abhängig. </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N12E69" start="152"/>Aus literarischen und autobiographischen Quellen wissen wir, dass parallel zu diesen organisierten Vertriebswegen das Verleihen von Zeitschriften der Frauen untereinander, innerhalb der Familie oder des Bekanntenkreises gang und gäbe war. Diese Art des Vertriebes war vor allem für Frauen, die in abgelegenen Orten lebten und zu denen die Publikationen nicht gelangen konnten, oft unerlässlich.</p>
                     <p>
                        <link id="_Toc172444423"/>
                     </p>
                  </subblock>
                  <subblock id="N12E74" label="II.5.4.3.2">
                     <head>Charakteristische formale Merkmale</head>
                     <part id="N12E79" label="II.5.4.3.2.1">
                        <head>
                           <link id="_Toc172444424"/>Sprachliche Besonderheiten</head>
                        <p>Die Presse erscheint als kollektives Kommunikationsmittel im 19. Jh. in einer Gesellschaft, die in Spanien in dieser Hinsicht jahrtausendelang ausschließlich &#8211; mit der fast unbedeutenden Ausnahme des Buches und einiger populärer Drucke, wie die <em>Cordel</em>-Literatur<footnote numbering="arabic" start="449">
                              <p> Siehe das letzte Kapitel dieser Arbeit.</p>
                           </footnote>
                           <em> </em>u.Ä. &#8211; eine mündliche Tradition inne hatte<footnote numbering="arabic" start="450">
                              <p> Siehe Viñao Frago, Antonio: Alfabetización, lectura y escritura&#8230; ed.cit. </p>
                           </footnote>. Dies beeinflusst auch die Schreibweise der ersten Zeitungen; am Anfang dominiert der persönliche Stil &#8211; sehr nahe an der Epistel &#8211; der typischer für eine <em>Face-to-Face</em> Verständigung als für eine an die anonyme Masse gerichtete Kommunikation ist. Ebenso dominiert ein präskriptiver, imperativer oder vorschreibender Kommunikationsstil, der im Laufe des Jahrhunderts allmählich zurück geht, jedoch nicht vollständig verschwindet. Diese Kommunikationsarten, präskriptiv, imperativ und persönlich sind besondere Eigenschaften der weiblichen Presse in ihren Anfängen, aber auch der Presse im Allgemeinen, solange sie ihr eigenes Sprachmodell nicht entwickelt hat. Im Falle der weiblichen Presse überlebt dieses Modell längere Zeit aufgrund der impliziten sozialpolitischen und kulturellen Ziele, nämlich Erziehung und Unterbreitung einer Moralvorstellung einerseits und der Nachahmung der kirchlichen Sprache, die eine traditionelle Referenz darstellt, andererseits.</p>
                        <p>Wenn man Zeitungen, wie <em>La Pensadora Gaditana </em>(1763 und 1768-1770) mit <em>El Correo de la Moda </em>(1851-86) oder einer ähnlichen Veröffentlichung vergleicht, wird das Sprachmuster und der Codeunterschied deutlich. Der imperative und der präskriptive Stil überleben als wesentlicher Teil der politisch oder konfessionell engagierten Presse. Mode- und Literaturveröffentlichungen verabschieden sich &#8211; wenn auch nicht vollständig &#8211; im Laufe der Zeit von dieser Schreibweise. Der persönliche Stil wird, weil warm und vertraulich, als typisch für die weibliche Kommunikation als Projektion der Intimität im Zusammenhang mit dem stereotypen Bild der Weiblichkeit verstanden und deswegen von der Frauenpresse immer gern benutzt.</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N12EA8" start="153"/>Auch die Schnelligkeit des Feedbacks zeigt in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die Zeitung als Element der mündlichen Interkommunikation, die in der Gesellschaft noch vorherrscht. Die ersten Zeitungsleser waren zum größten Teil auch Mitglieder der <em>tertul</em>
                           <em>i</em>
                           <em>as, </em>in denen die Presse kommentiert wurde, und reagierten schnell auf das Gedruckte. Ihre Bemerkungen verbreiteten sich schnell innerhalb ihrer sozialen Schicht, zu der auch bestimmt der Autor gehörte, so dass er die Reaktionen mitbekommen und seinerseits gleich kontern oder antworten konnte. Es handelt sich um einen reduzierten, privilegierten Teil der Gesellschaft, der an einem geschlossenen Kommunikationskreis teilnimmt. Mit der Entwicklung des Pressewesens und der Leserschaften ändert sich dies allmählich.</p>
                        <p> Seit Ende des 19. Jahrhunderts pflegen, dank der Alphabetisierungskampagnen, die auch unter den Bauern- und Arbeiterschichten Wirkung zeigen, Zeitschriften zu erscheinen, die die Frau des Kleinbürgertums erreichen. Diese Publikationen können einen politischen oder konfessionellen Hintergrund haben oder einfach bildende und unterhaltende Ziele verfolgen. Sie sind auch in verschiedene Sparten unterteilt, darunter sind &#8211; wie bei der bürgerlichen Salonpresse &#8211; Teile zu finden, die zur Unterhaltung und dem imaginativen Zeitvertreib dienen können. Aber in ihnen überwiegt jedoch eine imperative Ausdrucksform, die auf das Überzeugen, Indoktrinieren und Eintrichtern einer Botschaft abzielt. Man muss jedoch berücksichtigen, dass weder der imperative Stil in der Salonpresse, noch eine leichte unterhaltsame und familiäre Sprache in der engagierten Presse fehlen. Unter formalen Aspekten betrachtet, bestehen allerdings deutliche Unterschiede. Bei der Salonpresse werden die präskriptiven und imperativen Botschaften über Mode, Hygiene, Schönheit, Kindererziehung usw. in einem überredenden Ton vermittelt. Diese Tonart wird durch rhetorische Mittel, wie zum Beispiel durch einen briefähnlichen Stil, der ein Gefühl von Vertraulichkeit bei dem Leser erzeugt, gedämpft. In der engagierten Presse herrschen andere sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten; ohne Kompromisse wird deutlich gemacht, wer im Besitz der Kenntnisse ist und das Sprachrecht hat und wer überzeugt und gebildet werden soll, wer das ideologische Programm erstellt und wer sich daran anzupassen hat. Auch die literarischen Texte, wie Erzählungen und Romane stehen immer in enger Beziehung zu dem Sprachmodell der Veröffentlichung. </p>
                        <p>Im Gegensatz zu den Salon- und Modezeitschriften werden im 19. Jh. weibliche, politisch orientierte und feministische &#8211; oder pseudofeministische &#8211; Magazine keine eigene Sprache entwickeln. In ihrem Wandel lehnen sie sich erst mal an die Sprache der Kirche an und nehmen später die Ausdrucksart der politischen Aufrufe und der wissenschaftlichen theoretischen Texte der Zeit zum Vorbild.</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N12EBD" start="154"/> Auch die Werbung für Mode-, Schönheitsprodukte u.Ä., die immer eine wichtigere Stellung in den Frauenmagazinen &#8211; in Form von Anzeigen und dergleichen &#8211; annehmen wird, kann zu den imperativen Kommunikationsarten gerechnet werden, denn sie soll zum Kauf eines bestimmten Produktes führen oder verführen. Die Werbung in den spanischen weiblichen Periodika wird sich im Vergleich mit der Tagespresse oder anderen Magazinen etwas zögerlich entwickeln.</p>
                        <p>
                           <link id="_Toc172444425"/>
                        </p>
                     </part>
                     <part id="N12EC8" label="II.5.4.3.2.2">
                        <head>Das Format der weiblichen Zeitschriften</head>
                        <p>Das Format der Frauenzeitschriften unterscheidet sich nicht wesentlich von dem anderer periodischer Publikationen, es vergrößert sich ebenso, wie bei diesen progressiv seit ihren Anfängen bis Ende des 19. Jahrhunderts und weiter am Anfang des 20. bis in die dreißiger Jahre hinein. Die ersten Zeitschriften, wie <em>El Correo de las Damas </em>(1811) aus La Habana oder <em>El Periódico de las Damas </em>(1822) aus Madrid erscheinen in einem kleineren Format als 8°, ab den dreißiger Jahren etabliert sich das Format 8°, das sich ständig vergrößert bis 4°. Wenige Publikationen erreichen die Größe Folio. Die Zahl der Seiten und der Spalten variiert je nach Veröffentlichung. Die prächtigsten Magazine lassen den Illustrationen großen Raum, ihr Format ist auch größer als das der eher literarischen Zeitschriften. In der folgenden Übersicht können anhand einiger Beispiele die Formatangaben einiger Magazine verglichen werden<footnote numbering="arabic" start="451">
                              <p> Quellen: Jiménez Morell, Inmaculada: <em>La prensa femenina en España&#8230; </em>ed.cit. S. 167-186; Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad&#8230;</em> ed.cit. und eigene Herstellung.</p>
                           </footnote>: </p>
                        <p>
                           <em>&#8226; El Correo de las Damas</em> (1811) La Habana<br/>&#9675; Format: 18cm x 14cm, 4 Seiten, 1 Spalte</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N12EEE" start="155"/>&#8226; El Periódico de las Damas. (1822) Madrid </p>
                        <p>1. Format: 16,5cm x 10,5 cm, 48 Seiten, 1 Spalte<br/><em>&#8226; Correo de las Damas. Periódico de Modas, Bellas artes, Amena Literatura, Música, Teatros, etc. </em>(1833-1835) Madrid</p>
                        <p>2. Format: 22,5cm x 13cm; 1835 22,5cm x 14,5cm, 8 Seiten, 2 Spalten<br/><em>&#8226; La Mariposa. Periódico de Literatura y Modas. </em>(1839-1840) Madrid</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N12F02" start="156"/>3. Format: 23cm x 15cm, 8 Seiten, 2 Spalten<br/><em>&#8226; La Psiquis. Periódico del Bello Sexo. </em>(1840- ) Valencia</p>
                        <p>4. Format: 22cm x 14,5cm, 8 Seiten, 1 Spalte<br/><em>&#8226; Gobierno Representativo y Constitucional del Bello Sexo Español. Sesiones de las Cortes Femeninas; </em>oder<em> Sesión del Senado Femenino Español </em>(1841) Madrid</p>
                        <p>5. Format: 10cm x 17 cm, 30 Seiten, 1 Spalte<br/><em>&#8226; La Moda. Revista Semanal de Literatura, Teatros, Costumbres y Modas </em>(1842);<em> La Moda Elegante </em>(1863) Cádiz<em>; La Moda Elegante Ilustrada. Peri</em>
                           <em>ó</em>
                           <em>dico de las familias </em>(1884-1927) Madrid</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N12F29" start="157"/>6. Format: vergrößert drei Mal ihr Format und ändert Seiten- und Spaltenzahl, ab 1870: 35cm x 25 cm, 8 Seiten, 3 Spalten<br/><em>&#8226; </em>
                           <em>El Album del Bello Secso </em>(1843): Es handelt sich um keine periodische Veröffentlichung im engeren Sinne<br/><em>&#8226; </em>Format: 30cm x 20cm, 32 Seiten, 1 Spalte<br/><em>&#8226; El Tocador. Gacetín del Bello Sexo. Periódico semanal de Educación, Liter</em>
                           <em>a</em>
                           <em>tura, Anuncios y Modas. </em>(1844-1845) Madrid</p>
                        <p>7. Format: 22cm x 14,5cm, 16 Seiten, 1 Spalte<br/><em>&#8226; El Vergel de Andalucía. Periódico dedicado al Bello Sexo. </em>(1845) Córdoba<em> </em>
                        </p>
                        <p>8. Format: 21cm x 14cm, 8 Seiten, 1 Spalte<br/><em>&#8226; Gaceta de las Mujeres. Redactada por ellas mismas; </em>ab Nr. 8 (2-XI-1845) <em>La Ilu</em>
                           <em>s</em>
                           <em>tración, Álbum de Damas. </em>(1845) Madrid</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N12F5E" start="158"/>9. Format: 28cm x 20cm, 8 Seiten, 2 Spalten.<br/><em>&#8226; El Defensor del Bello Secso. Periódico de Literatura, Moral, Ciencias y M</em>
                           <em>o</em>
                           <em>das. Dedicado exclusivamente a las mujeres. </em>(1845-1846) Madrid</p>
                        <p>10.Format: 25cm x 17cm, 8 Seiten, 2 Spalten<br/><em>&#8226; La Ilusión. Periódico de Ciencias, Literatura, Bellas Artes y Modas. Dedic</em>
                           <em>a</em>
                           <em>do al Bello Sexo. </em>(1846-1850) Madrid</p>
                        <p>11. Format: 26cm x 18cm, 8 Seiten, 2 Spalten<br/>&#8226; El Correo de la Moda. Periódico del Bello Sexo. Modas, Literatura, Bellas artes, Teatros, etc. Fundado el 1 de Noviembre de 1851. Ab 1857 Álbum de Señoritas. Periódico de Literatura, Educación, Música, Teatros y Moda (1851-1886) Madrid</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N12F80" start="159"/>12. Format: 32cm x 23 cm, 16 Seiten, 2 Spalten<br/><em>&#8226; Ellas. Órgano Oficial del Sexo Femenino. Gaceta del Bello Sexo. </em>(8-XII-1851)<em>; Álbum de Señoritas. Revista de Literatura, Educación, Novedades, Teatros y Modas </em>(30-I-1852)<em>; Álbum de Señoritas y Correo de la Moda. P</em>
                           <em>e</em>
                           <em>riódico de Literatura, Educación, Música, Teatros y Modas. </em>(1851-1853) Madrid</p>
                        <p>13. Format: 25cm x 16,5cm, <em>El Álbum de&#8230;</em> 27cm x 17,5cm, 8 Seiten, 2 Spalten<em> </em>
                           <em><br/>&#8226; La Mujer. Periódico Escrito por una Sociedad de Señoras y Dedicado a su Sexo; </em>ab dem 1-I-1852 mit dem Untertitel <em>Defensor y Sostenedor de los Inte</em>
                           <em>r</em>
                           <em>eses de su Sexo. Redactado por una Sociedad de Jóvenes Escritoras. </em>(1851-1852) Madrid</p>
                        <p>14. Format: 32cm x 21,5 cm, 6 Seiten, 2 Spalten<br/><em>&#8226; El Nuevo Pensil de Iberia. Periódico de Literatura, Ciencias, Artes y Teatro </em>(vorher <em>El Pensil Gaditano);</em> ab 1859<em> El Pensil de Iberia. Revista Universal Co</em>
                           <em>n</em>
                           <em>temporánea </em>(1857-1859) Cádiz</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N12FBF" start="160"/>15. Format: Folio, 8 Seiten, 4 Spalten<br/><em>&#8226; La Violeta. Revista Hispano-Americana. Literatura, Ciencias, Teatros y M</em>
                           <em>o</em>
                           <em>das. </em>(1862-1866) Madrid</p>
                        <p>16. Format: Folio, 16 Seiten, 2 Spalten<br/><em>&#8226; La Mariposa. Periódico Dedicado a las Señoras y Especialmente a las Prof</em>
                           <em>e</em>
                           <em>soras de Instrucción Primaria. Bajo la Dirección de la Srta. Doña Fernanda G</em>
                           <em>ó</em>
                           <em>mez, Maestra Superior. </em>(1866-) Madrid</p>
                        <p>17. Format: 27cm x 19cm, 8 Seiten, 2 Spalten <br/><em>&#8226; La Guirnalda. Periódico Quincenal Dedicado al Bello Sexo. </em>(1867-1883) Madrid</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N12FE9" start="161"/>18. Format: 21cm x 29cm, 8 Seiten, 2 Spalten<br/><em>&#8226; La Madre de Familia. Revista Católica </em>(1875-1895) Granada<br/>1. Format: 29,5cm x 20 cm, 8Seiten, 2 Spalten <br/><em>&#8226; </em>Instrucción para la Mujer. Artículos Científicos y Literarios, Poesía, Revistas Extranjeras, Noticias de Interés para la Mujer. (1882- ) Madrid<br/>1. Format: 25,5 cm x 17cm, 16 Seiten, 2 Spalten <br/><em>&#8226; </em>La Ilustración de la Mujer. Revista de Modas y Salones. Revista Quincenal de Literatura, Ciencias y Bellas Artes, Consagrada exclusivamente al Bello Sexo (1883-1887) Barcelona<br/>2. Format: 40cm x 28cm, 8 Seiten, 3 Spalten</p>
                        <p>Es gibt Zeitschriften, die, je nach Publikumsziel, verschiedene Ausgaben herausgeben, so zum Beispiel <em>El Correo de la Moda</em>
                           <footnote numbering="arabic" start="452">
                              <p> Andreu, Alicia Graciela: Arte y consumo. Ángela Grassi y<em> </em>«El Correo de la Moda». In: <em>Nuevo Hisp</em>
                                 <em>a</em>
                                 <em>nismo. </em>1. Invierno.1982. S. 134 f.</p>
                           </footnote>:<em> </em>Sie publiziert eine Luxusausgabe, eine ökonomische Ausgabe, eine für Mädchenschulen und eine für Schneiderinnen. Die Zeitschriften haben, je nach Publikumsziel, verschiedene Preise, in der Regel sind sie jedoch relativ teuer. Außer für Abonnentinnen aus Adel und Großbürgertum, stellen sie eine finanzielle Investition dar, die sich lohnen sollte. Dadurch erklärt sich die wichtige Position, die dabei Modezeichnungen, Schnitt- und andere Handarbeitsmuster einnehmen. Modezeichnungen geben den Frauen hilfsreiche Auskünfte, damit sie ihre repräsentative Rolle in der Gesellschaft besser ausüben können. Handarbeit- und Schnittmuster nutzen der tüchtigen Hausfrau, selbst zu besseren Lebensbedingungen beizutragen und der Stickerin, Näherin oder Schneiderin, ihren Kundinnen attraktivere Angebote machen zu können. Die verschiedenen Ausgaben bieten je nach Preis auch Unterschiede, sowohl bei den Inhalten als auch bei der Qualität des Druckes, des Papiers, bei der Zahl der Illustrationen usw. Insgesamt orientiert sich die spanische Presse auch auf diesem Gebiet an der französischen Presse und ihr Einfluss ist deutlich erkennbar. Sogar die meisten Illustrationen und Modezeichnungen werden den französischen Publikationen entnommen.</p>
                        <p>
                           <link id="_Toc172444426"/>
                        </p>
                     </part>
                     <part id="N13023" label="II.5.4.3.2.3">
                        <head>Illustrationen</head>
                        <p>Die Illustration ist ein wesentlicher Bestandteil der weiblichen Zeitschriften, sie erhöhen nicht nur die Attraktivität der Publikation, sondern bieten die für das Thema der Mode unerlässlichen bildlichen Beispiele und die praktischen Schnittbogen und Muster für Näharbeiten u.Ä. Illustrationen können aber nur eingesetzt werden in Abhängigkeit der finanziellen Mittel, die den Verlegern und Herausgebern zur Verfügung stehen<footnote numbering="arabic" start="453">
                              <p> Über das Thema der Illustration von Bücher oder Periodika in Spanien im 19. Jh. siehe die auf Fußn. 34 empfohlene weiterführende Literatur. Über illustrierte Zeitschriften des 19. Jahrhunderts, wenn auch nicht auf die Frauenzeitschriften bezogen, siehe z.B. Fontbona, Francesc: Las ilustraciones y la reproducción de sus imágenes. In: <em>La prensa ilustrada en España: Las ilustraciones, 1850-1920. Coloquio Internacional-Rennes. </em>Montpellier: IRIS. Université Paul Valery. 1996. S. 73-81; Siehe auch Alonso, Cecilio: Difusión de las ilustraciones en España. In: <em>La prensa ilustrada en España: Las ilustraciones, 1850-1920. Coloquio Internacional-Rennes. </em>Montpellier: IRIS. Université Paul Valery. 1996. S. 45-57. </p>
                           </footnote>. Je billiger die Druckverfahren werden, desto zahlreicher werden die Illustrationen. Die Technik des Bilderdruckens wird so weit entwickelt, dass die Frauenzeitschriften davon profitieren können und am Ende überschwemmen Abbildungen berühmter Gemälde, Portraits wichtiger Menschen, Muster für Näharbeiten und anderen Basteleien, Vignetten und Werbung die Veröffentlichungen. Im Laufe des Jahrhunderts überflutet die Zeichnung das Gebiet der Mode und illustriert die literarischen Texte, vor allem die in Prosa verfassten, wie Romane und Erzählungen. </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N1303B" start="162"/>Viele Modezeitschriften machen auf sich aufmerksam, indem sie ihren Abonnentinnen, einige im Ausland, vor allem im Paris, gedruckte Modezeichnungen, anfangs als eine Art Supplement, in einer Extraseite anbieten. Ab 1861 werden diese Modezeichnungen in der Regel nicht mehr lose herausgebracht, sondern als fixes Element im Block der Zeitschrift, und bilden auf diese Weise die klassische illustrierte Modezeitschrift<footnote numbering="arabic" start="454">
                              <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad&#8230;</em> ed.cit. S. 69.</p>
                           </footnote>. </p>
                        <p>Einige Publikationen verzichten aber aufgrund ihres Inhalts vollständig auf Bilder, wie z.B. feministische Zeitschriften wie <em>Ellas. </em>
                           <em>Órgano Oficial del Sexo Femenino </em>(1851),<em> La M</em>
                           <em>u</em>
                           <em>jer. Periódico Escrito por una Sociedad de Señoras y Dedicado a su Sexo</em> (1851-1852)<em> </em>oder <em>La Mujer. </em>
                           <em>Revista de Instrucción&#8230; </em>(1871- ) andere, wie <em>Ecos de Auseva</em>,<em> </em>(1864-1869), weil sie ihre Akzente in den Bereich der Wohltätigkeit setzt oder <em>El Nuevo Pensil de Iberia </em>(1858-1859) wegen ihrer politischen Inhalte. Sie lehnen Illustrationen bewusst ab, da diese als charakteristisches Zeichen der Salon- und Modepresse betrachtet werden. Mehrere Publikationen, nämlich die vorwiegend literarischen oder didaktischen, tragen oft nur einen Schnitt oder Stich in der ersten Seite als Titelbegleitung. Andere typographische Ornamentmöglichkeiten, wie Initialen, verzierte Rahmen u.Ä. werden je nach Anspruch der Publikation benutzt, in einigen Fällen &#8211; wie die oben genannten&#8211; ersetzen diese jede andere Art von Illustration.</p>
                        <p> Die ersten Bilder in den Zeitschriften sind die Zeichnungen, die in Form von Vignetten den Titel begleiten. Hierbei handelt es sich meistens um eine Druckplatte &#8211; in der Regel ein Kupferstich oder eine Lithographie &#8211;, die charakteristisch für die Zeitschrift und immer gleich ist. Dann werden in die Modeillustrierte, Modezeichnungen und Muster für weibliche Handarbeiten, wie Stickereien oder andere Basteleien, die in jeder Ausgabe neu sind, hinzugefügt und nach und nach erscheinen alle möglichen Arten von Illustrationen. Die Photographie wird in den spanischen Frauenblättern des 19. Jahrhunderts selten benutzt. </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N13073" start="163"/>Sehr interessant wären die Ergebnisse einer semiotischen Untersuchung der den Titel der Veröffentlichungen begleitenden Illustrationen<footnote numbering="arabic" start="455">
                              <p> Eine semiotische Untersuchung der bildlichen Darstellung der Frau in der spanischen illustrierten Presse des 19. Jahrhunderts im Allgemeinen ist von Lou Charnon-Deutsch durchgeführt worden. Charnon-Deutsch, Lou: <em>Fi</em>
                                 <em>c</em>
                                 <em>tions of the feminine in the nineteenth- century spanish press. </em>Pennsylvania: The Pennsylvania State University Press, University Park. 2000.</p>
                           </footnote>, denn trotz ihrer Strenge und ihres oft sehr zweifelhaften künstlerischen Wertes sind sie für den Inhalt der Zeitschrift sehr aussagekräftig. Sie bieten oft eine bildliche Erläuterung des Titels, den sie begleiten, und beinhalten eine vollständige «<em>Rhetorik</em> <em>des</em> <em>Bildes</em>
                           <footnote numbering="arabic" start="456">
                              <p> Barthes, Roland: La rhétorique de l&#8217;image. In: <em>Comunications</em>. 4. 1964. S. 40-51.</p>
                           </footnote>
                           <em>»</em>, die man an der Komposition, Einstellung, Lage und Gestik der Figuren und ihrer Umgebung ablesen kann. Es handelt sich um eine Reihe konnotativer und elementarer Botschaften über Heim, Familie, würdige Arbeit, über Mutterschaft, Frömmigkeit, Pietät, Frivolität, Schönheit usw., die im Zusammenhang mit den Texten in das Bewusstsein der Leserinnen eindringen sollen. </p>
                        <p>Die Zeitschrift <em>Correo de las Damas </em>(1833-1835)<em> </em>zeigt z.B. über dem Titel einen Cupido mit einer lateinischen Legende «<em>fermosis levitas semper amicas fuit»</em> und der entsprechenden spanischen Übersetzung<footnote numbering="arabic" start="457">
                              <p> Diese Illustration wird im Laufe der dreijährigen Publikationszeit ohne ersichtlichen Grund durch zwei andere ersetzt. Ab und zu erscheint ein anderer Cupido, andere Male eine weibliche mythologische Figur oder gar kein Bild. </p>
                           </footnote>; in <em>El Defensor del Bello Sexo</em> (1845-1846) sieht man die Zeichnung einer sitzenden jungen Frau mit vier Legenden, die oft variieren, sie lauten z.B. «Freundschaft, Bewusstsein, Menschlichkeit, Nachsicht» oder «Keuschheit, Sittsamkeit, Sensibilität, Wohltätigkeit» oder «Gehorsam, Vorsicht, Fügsamkeit, Treue»; die <em>Gaceta de las M</em>
                           <em>u</em>
                           <em>jeres </em>(1845)<em> </em>zeigt mehrere junge Frauen in klassischen Gewändern, neben einer Säule mit folgender Legende «<em>vuestra existencia está en el corazón» </em>(euer Dasein liegt im Herzen); in <em>La Mariposa. Periódico de Literatura&#8230;</em>(1839-1840) wird einfach ein Schmetterling abgebildet;<em> </em>in der Zeitschrift <em>La Mariposa. Periódico D</em>
                           <em>e</em>
                           <em>dicado a las Señoras&#8230; </em>(1866) finden wir zwar auch einen Schmetterling, diesmal jedoch stehen an beiden Seiten Legenden die den Inhalt der Veröffentlichung erläutern; <em>La Gui</em>
                           <em>r</em>
                           <em>nalda</em> (1867-1883) zeigt eine Blumengirlande mit Legenden wie «<em>Erziehung und Handarbeit</em>», «<em>Musik</em>», «<em>Stickerei</em>» und Abbildungen einiger typisch weiblicher Werkzeuge für Handarbeiten, so wie drei eine Zeitschrift lesende Frauen &#8211; vielleicht Großmutter, Mutter und Tochter. Noch reicher illustriert ist die erste Seite von<em> La Psiquis. Periódico del Bello Sexo </em>(1840- ), die außer einem relativ großen Bild der mythologischen Figur Psyche an den Seitenrändern der Seite eine betende, eine nähende Frau und einige weibliche Werkzeuge inmitten unterschiedlicher Verzierungsmotive zeigt.<em> La Moda Elegante </em>(1863)<em> </em>dagegen macht in ihrer Frontispizillustration keine Andeutung bezüglich der Tugenden oder Handarbeiten, sondern zeigt in barocker Manier &#8211; als Allegorie der Schönheit &#8211; eine liegende Dame, umgeben von kleinen, allen Rassen angehörenden Knaben, die ihr mit Spiegeln, Schmuck, Stoffen, Musik, Blumen und anderen Frivolitäten dienen. </p>
                        <p>Im Allgemeinen werden weibliche Periodika von allen Neuerungen, die im 19. Jh. dem Druck von Illustrationen zur Verfügung stehen &#8211; Kupfer- oder Holzstich, Lithographie, Chromolithographie u.a.<footnote numbering="arabic" start="458">
                              <p> Über die verschiedenen Verfahren siehe z.B. Linden, Fons van der: <em>DuMonst&#8217;s Handbuch der graf</em>
                                 <em>i</em>
                                 <em>schen&#8230; </em>ed.cit.</p>
                           </footnote>&#8211; Gebrauch machen, außer der Photographie, die sich erst Anfang des 20. Jahrhunderts durchsetzen wird. Für die meisten Zeitschriften sind Illustrationen ein grundlegender Bestandteil. Sie zeigen Muster für verschiedene Handarbeiten, Nadelarbeiten, Stickereien, &#8211; sogar für Tapisserien wie <em>La Moda </em>&#8211; je nach Epoche und Mittel farbig oder schwarzweiß. </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N13108" start="164"/>Ebenso wichtig für Modezeitschriften sind die Modezeichnungen und Schnittmuster für Damen- Herren- und Kinderbekleidung. Schnittmuster werden in die Veröffentlichung eingefügt, wenn zu erwarten ist, dass die potentielle Käuferin selbst Kleider näht, entweder beruflich oder zur Verbesserung des Haushaltsplanes, also nicht zu den höheren Schichten der Gesellschaft gehört. Wie schon erwähnt, gibt es andererseits von einigen Zeitschriften, besondere, je nach Publikum differenzierte Ausgaben.</p>
                        <p>Modezeichnungen geben Information über Neuheiten der Kleidung und Accessoires, entsprechend der sozialen Zugehörigkeit der Leserinnen und der unterschiedlichen Ausgaben. Sie werden wie die anderen Illustrationen, je nach Anspruch oder Epoche der Herausgabe entweder schwarzweiß oder farbig angeboten. In vielen Fällen stammen sie aus französischen Zeitschriften, wie z.B. aus <em>Le Moniteur des Modes </em>(1854-1890), aus<em> Le Moniteur de la Mode </em>(1843-1906)<em>, Le Petit Courrier des Dames</em> (1822-1865)<em> </em>oder anderen ähnlichen Publikationen; oft enthalten sie auch direkte Werbung für Pariser Kaufhäuser, Schneiderwerkstätten oder Parfümerien: daraus kann man erschließen, dass sie aus französischer Produktion stammen. Manche Modenzeichnungen werden auch separat verkauft. Einige Veröffentlichungen, wie z.B. <em>El Tocador </em>(1844-1845), bieten regelmäßig eine gewisse Anzahl von Modezeichnungen, die im Preis der Zeitschrift eingeschlossen sind, und andere, die zusätzlich gegen einen kleinen Aufpreis erworben werden können. Für den Fall, dass man nicht die ganze Zeitschrift erwerben wollte, wurden zusätzlich Angaben über Büchereien usw., in denen die Zeichnungen zu kaufen waren, mitgedruckt.</p>
                        <p>Modezeichnungen und Muster sind die charakteristischen Illustrationen der weiblichen Periodika, aber nicht die einzigen. Die Zeitschrift<em> Correo de las Damas</em> (1833-1835) z.B. präsentiert außerdem Bilder von Möbeln, Kutschen, Livreen oder regional typischen Trachten<footnote numbering="arabic" start="459">
                              <p> Sie bietet in ihrem Prospekt monatlich sechs Bilder an &#8211; die Zeitschrift erscheint wöchentlich &#8211;, konkreter gesagt: vier Modezeichnungen (drei weibliche eine männliche) und zwei Muster für Näharbeiten; zusätzlich werden als Supplement noch vier Bilder je Quartal angeboten, bei diesen handelt es sich um entweder Landestrachten, Kindermodezeichnungen, Livreen, Möbel, Kutschen o.a. Siehe: Prospekt In: <em>El Correo de las Damas. </em>1833. S. 3.</p>
                           </footnote>. </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N13131" start="165"/>Nach den modischen und praktischen Illustrationen stellen die textbegleitenden Bilder eine andere Art der Illustration dar. In diesem Fall handelt es sich oft um Portraits der Autoren und Autorinnen der verlegten Romane, Gedichte, Kurzerzählungen, Essays usw. oder um biographierte Persönlichkeiten, sehr oft in der Öffentlichkeit bekannte Frauen, wie z.B. Mitglieder der königlichen Familie, Schriftstellerinnen oder Künstlerinnen, Tänzerinnen, Schauspielerinnen u.Ä. Dazu kommen noch die Zeichnungen, die im Zusammenhang mit den fiktionalen Texten stehen und sie illustrieren. Ferner fügen einige Zeitschriften Abbildungen berühmter Kunstwerke hinzu, die dann erläutert werden. Mit der Entwicklung der Werbung in den Magazinen werden auch illustrierte Anzeigen auftauchen. </p>
                        <p>Die inhaltlichen Kategorien der Bilder in der weiblichen Presse unterscheiden sich nicht wesentlich von denen der allgemeinen illustrierten Presse. In jeder Hinsicht tragen beide zu dem bei, was Perinat und Marrades als maskulines Ego, das die spanische Gesellschaft des 19. Jahrhundert dominiert<footnote numbering="arabic" start="460">
                              <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad&#8230;</em> ed. cit. S. 113. </p>
                           </footnote> definieren. Beide Pressearten fokussieren die Abbildung des weiblichen Körpers als Träger semiotischer Information. «<em>Both focused on the female body as a site of symbolic meaning; both were o</em>
                           <em>b</em>
                           <em>sessed with creating a fiction of the feminine, with defining personality and social roles, and with tra</em>
                           <em>c</em>
                           <em>ing women&#8217;s life cycles</em>
                           <footnote numbering="arabic" start="461">
                              <p> Charnon-Deutsch, Lou: <em>Fictions of the feminine in the nin</em>
                                 <em>e</em>
                                 <em>teenth- century&#8230;</em> ed. cit.<em> </em>S. 11.</p>
                           </footnote>.» Einige Unterschiede bleiben jedoch feststellbar, einerseits verfügen die Frauenmagazine in der Regel nicht über ausreichende finanzielle Mittel, um mit den anderen illustrierten Zeitschriften konkurrieren zu können, andererseits ist in den von den weiblichen Publikationen propagierten Abbildungen eine besondere und spezifische Anregung zum Kauf bestimmter Produkte als implizites Ziel bemerkbar, die in der allgemeinen Presse fehlt. </p>
                        <p>Eine Kategorie der Weiblichkeitsdarstellung wird allerdings in den Frauenmagazinen anders behandelt, nämlich das Bild der Frau als erotisches oder sexuelles Objekt. Auch wenn weibliche Schönheit immer gepriesen wird<footnote numbering="arabic" start="462">
                              <p> Über das Thema existieren unzählige Artikel in den Frauenblättern, ein sehr repräsentatives Beispiel ist z.B. der Artikel: Coquetería<em> </em>y coquetismo (Koketterie und Kokettismus) von María del Pilar Sinués de Marco, erschienen u.a. in <em>Almanaque de El Ángel del Hogar. </em>Madrid: Imprenta del Norte. 1866. S. 47-57; wiedergegeben in Sánchez Llama, Iñigo (Hrsg.): <em>Antología de la prensa periódica is</em>
                                 <em>a</em>
                                 <em>belina&#8230;</em> ed. cit. S. 177-182.</p>
                           </footnote>, als Teil der &#8222;Kunst des Gefallens&#8220; wird ihre bildliche Darstellung, in Einklang mit der von den meisten Magazinen vertretenen bürgerlich konservativ moralischen Haltung, ohne jede sexuelle Konnotation gezeigt. Die weiblichen Publikationen wehren sich gegen die Idee der körperlichen Schönheit als Ideal der Frau und unterbreiten sie nicht. Sie betrachten physische und psychische Schönheit als Teil einer Einheit, wobei die Reize der innerlichen Schönheit höher gestellt werden sollten.</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N13182" start="166"/>
                           <blockquote>
                              <p>«Throughout the nineteenth century, women&#8217;s magazines tried to cope with this growing valorisation of physical beauty by reminding their readers that physical beauty and spiritual beauty were unconnected, by instructing women what their beauty could be exchanged for (usually an advantageous marriage), by warning that beauty could be a woman&#8217;s downfall and could leave her susceptible to repeated attempts to seduce her, by arguing that beauty is fleeting and should therefore not form the basis of a long-term relationship, or even by teaching women how to prevent diseases such as measles from marring physical beauty. Early women&#8217;s magazines mostly took the tack of showing the superior worth of spiritual beauty (&#8230;). As the century progressed, however, women&#8217;s magazines began to participate in the pursuit of the beautiful by increasingly advertising beauty products and wardrobe items intended to enhance the female face or figure<footnote numbering="arabic" start="463">
                                    <p> Charnon-Deutsch, Lou: <em>Fictions of the feminine in the nin</em>
                                       <em>e</em>
                                       <em>teenth- century&#8230;</em> ed. cit. S. 136.</p>
                                 </footnote>.»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>Das Ideal der äußerlichen Schönheit gewinnt jedoch auch in den Modemagazinen allmählich an Gewicht, nicht zuletzt in ihren Seiten von der Werbung unterstützt, bis dieses Ideal sich endlich etabliert. Viele Zeitschriften &#8211; vor allem die feministischen oder pseudofeministischen &#8211; versuchen trotzdem, mit moralischen Einwänden diese Entwicklung zu bremsen<footnote numbering="arabic" start="464">
                              <p> So zum Beispiel concepción Gimeno de Flaquer in ihrem Artikel: A las sacerdotisas<em> </em>de<em> </em>la<em> </em>moda<em> </em>(Zu den Priesterinnen der Mode). Siehe Gimeno de Flaquer, Concepción: A las sacerdotisas de la moda. In: <em>La Mujer. Revista de Instrucción&#8230;</em>7.<em> </em>24-VIII-1871. S. 3-5; wiedergegeben in Sánchez Llama, Iñigo: <em>Antología de la prensa periód</em>
                                 <em>i</em>
                                 <em>ca isabelina&#8230; </em>ed. cit.S. 247-260.</p>
                           </footnote>.</p>
                        <p>
                           <link id="_Toc172444427"/>
                        </p>
                     </part>
                  </subblock>
                  <subblock id="N131CB" label="II.5.4.3.3">
                     <head>Entwicklung der Werbung in den weiblichen Periodika</head>
                     <p>
                        <citenumber id="N131D2" start="167"/>Die weiblichen Zeitschriften veröffentlichen seit ihren Anfängen ab und zu kleine Anzeigen in ihren Seiten. Meistens enthalten diese Inserate Werbung für literarische Werke, Sachbücher, Reihen, Sammlungen und Bibliotheken oder andere Periodika. Ansonsten handelt es sich um Anzeigen von Handwerkerinnen, wie Schneiderinnen, Stickerinnen, Hutmacherinnen usw., aber auch Lehrern<footnote numbering="arabic" start="465">
                           <p> <em>La Mariposa </em>veröffentlicht die Anzeige eines Hauslehrers, der auch bereit wäre, die Aufgaben eines Sekretärs zu übernehmen. Die Redaktion der Zeitschrift bürgt für ihn und bietet Referenzen an.<em> </em>
                              <em>La Mariposa. Periódico Dedic</em>
                              <em>a</em>
                              <em>do a&#8230;</em> 12. 16-X-1866. S.7.</p>
                        </footnote> und Lehrerinnen, die ihre Dienste anbieten; gelegentlich erscheinen Annoncen von Warenhäusern<footnote numbering="arabic" start="466">
                           <p> Kurios erscheint uns eine große Anzeige in<em> El Tocador. Gacetín del Bello Sexo </em>26. 26-XII-1844. Die Herausgeber der Veröffentlichung, das künstlerische und literarische Etablissement<em> </em>
                              <em>Manini</em>
                              <em> &amp; Co., </em>bieten ihren Abonnentinnen Gebäck, Champagner, Weine und Liköre, die sie aus verschiedenen Orten Spaniens und aus dem Ausland auf Provision bekommen haben, zum Verkauf an. </p>
                        </footnote>. </p>
                     <p>Systematischer tritt Werbung erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auf. Die Zeitschrift <em>La Mujer. Periódico Escrito por</em>&#8230; (1851-1852) überlässt 1851 in ihrer letzten Seite eine halbe Spalte für Anzeigen. Darin inserieren beispielsweise Schneiderinnen und Floristinnen die ihr Handwerk unterrichten<footnote numbering="arabic" start="467">
                           <p> Anuncios. In: <em>La Mujer. Periódico Escrito por una Sociedad de Señoras&#8230;</em> 33. 14-III-1852. S.6.</p>
                        </footnote>, und die Schriftstellerinnen Angela Grassi und Robustiana Armiño stellen ihre Gedichtbände vor; dieses Inserat gibt außerdem Information über den Preis und die Buchhandlung, in der die Werke zu erwerben sind<footnote numbering="arabic" start="468">
                           <p> Ebenda S. 6.</p>
                        </footnote>. Ab 1878 widmet <em>La Moda Elegante </em>(1863-1927)<em> </em>mindestens ihre letzte Seite der Werbung, wenig später verteilen sich die Anzeigen über alle Seiten. 1898 füllen die Werbeannoncen in <em>El Eco de la Moda</em> (1897-1927)<em> </em>eine halbe Spalte auf der letzen Seite, 1899 schon die Hälfte der Seite und ein Jahr später sogar zwei ganze der sieben Seiten, die diese Zeitschrift ausmachen. Immer öfter erscheinen auch illustrierte Anzeigen. </p>
                     <p>Werbung im engeren Sinne erscheint zuerst in den Salon- und Modezeitschriften. Um die Bekleidung herum werden eine große Anzahl neuer Bedürfnisse erzeugt. Die Mode wird auch in Spanien Teil eines Produktionssystems, das man fördern muss und den Interessen der aufbrechenden Textilindustrie und des von ihr abhängigen Schneiderhandwerks dient. Objekt der Werbung sind am Anfang vor allem Stoff- und Modeartikelgeschäfte und Werkstätten der Schneiderinnen. Später präsentieren sich auch Kaufhäuser; in der Ausgabe vom 24. November 1856 wirbt in <em>Correo de la Moda</em> (1853-1886) ein in Madrid «<em>vor kurzem eröffnetes Kaufhaus für sein reichliches So</em>
                        <em>r</em>
                        <em>timent aller Produkte, die sich die anspruchsvollste Mode und Eleganz wünschen kö</em>
                        <em>n</em>
                        <em>nen</em>
                        <footnote numbering="arabic" start="469">
                           <p> Zitiert in Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad&#8230;</em> ed. cit. S. 70.</p>
                        </footnote>.» Später werben auch Kaffeehäuser, Süßwarengeschäfte u.Ä. für sich und ihre Produkte. </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N13248" start="168"/>Ab 1870 erscheinen in den Illustrierten für Frauen kleine Anzeigen, für französische Mode- Kosmetik- und Parfümerieprodukte z.B. aus dem Hause <em>Guerlain.</em> Diese Anzeigen erscheinen oft als begleitender Text der Modezeichnungen. Im Allgemeinen werben sie für französische Erzeugnisse oder Warenhäuser, die auch in Spanien ihre Produkte per Versand anbieten. Ferner wird auch für Nähmaschinen und andere Werkzeuge &#8211; oft ausländischer Produktion &#8211;, Möbelstücke, Kochutensilien u.Ä. inseriert.</p>
                     <p>Bei den spanischen Produkten, für die geworben wird, handelt es sich überwiegend um pharmazeutische Produkte, diese sind vor allem zur Anwendung bei &#8222;weiblichen Problemen&#8220; vorgesehen. Dadurch werden die Tabus der weiblichen Intimität durch kommerzielle Zwecke in der Öffentlichkeit gebrochen. </p>
                     <p>In den Frauenzeitschriften werben die Verleger auch in eigener Sache für Bücher und andere Publikationen. Es werden hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, Werke der eigenen Mitarbeiter angeboten<footnote numbering="arabic" start="470">
                           <p> Weiterhin werben weibliche Zeitschriften für andere Publikationen; so z.B. <em>La Mujer. </em>
                              <em>Revista de instru</em>
                              <em>c</em>
                              <em>ción&#8230; </em>für <em>El Fanal de la Mujer. Periódico escrito por una sociedad de señoras y dedicado a su Sexo, </em>(Das Leuchtfeuer der Frau. Von einer Damengesellschaft geschriebene Zeitung und ihrem Geschlecht gewidmet). <em>La Mujer. </em>
                              <em>Revista de instrucción&#8230;</em>38. 18-IV-1852. S. 5f. </p>
                           <p>Von der Zeitschrift <em>El Fanal de la Mujer</em>, die 1852 oder 1858 in der Provinzhauptstadt Logroño erschienen sein soll, existiert heute kein einziges Exemplar. Sie wird von Antonio Elorza in seinem Artikel <em>Feminismo y socialismo</em>.. ed.cit. S. 54 zitiert. In der Zeitschrift <em>La Mujer. Periódico Redactado por una Sociedad de Señoras&#8230; </em>erscheint am 18-IV-1852 eine Ankündigung der baldigen Erscheinung mit allen notwendigen Angaben für vermeintliche Abonnentinnen, eine Reihe empfehlender Kommentare und eine freundliche Ermutigung für die Herausgeberinnen seitens der Redaktion. Ob die Zeitschrift schon 1852 erschien, ist mir nicht bekannt. </p>
                           <p>Die Zeitschrift <em>El Correo de la Moda </em>(1851-1886) widmet hin und wieder die Rückseite der Titelseite der Werbung für andere Publikationen; z.B. für die Zeitung <em>El Comercio de los Libros. </em>
                              <em>Periódico general de la i</em>
                              <em>m</em>
                              <em>prenta y de la librería </em>(Der Buchhandel. Allgemeine Zeitung des Druckwesens und Buchhandels) 23. Oktober 1852. oder für den Gedichtband von Robustiana Armiño 17. Juli 1852; auf der gleichen Seite wird Schreibmaterial wie z.B. Spitzer, Tinte, Bleistifte u.a. angeboten, das von der Redaktion verkauft wird. In der gleichen Zeitschrift wirbt man für die Reihe <em>Colección de novelas históricas, españolas originales </em>(Sammlung original spanischer historischer Romane). Es wird die Adresse, an die sich die interessierten Abonnenten wenden können und der Titel des ersten Romans der Reihe mit einigen lobenden Worten kommentiert. <em>Correo de las Damas</em> 22. 27-XI-1833. S. 176. In <em>El Espósito. Periódico de Literatura, Teatros y Modas </em>(Das Waisenkind. Zeitschrift<em> </em>über Literatur, Theater und Mode) (1845- ), die zur Unterstützung des Waisenhauses der Stadt Córdoba herausgegeben wird, sucht man, für die künftige Erscheinung des Romans von Wenceslao Ayguals de Izco <em>María o la hija de un jornalero</em>,<em> </em>ebenso wie für die satirischen Zeitschriften <em>El Genio </em>und <em>El Gato </em>Abonnenten. Siehe<em> El Espós</em>
                              <em>i</em>
                              <em>to. Periódico de Literatura</em>
                              <em> </em>1. 10-V-1845. S. 8.</p>
                        </footnote>. Die Bücher entsprechen inhaltlich dem Charakter der Publikation und den sozialen oder politischen Sorgen der Leserschaft. Es handelt sich vor allem um erfolgreiche Unterhaltungsliteratur und praktische Texte, wie Handbücher für weibliche Arbeiten, Ratgeber für den Haushalt, Kochbücher, Medizinbücher usw.<footnote numbering="arabic" start="471">
                           <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad&#8230; </em>ed. cit. S. 70.</p>
                        </footnote>. </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N132C1" start="169"/>Das von den Verlegern der Zeitschriften geschaffene System, um bei den Leserinnen für ihre eigenen Publikationen, d.h. andere periodische Veröffentlichungen, Bücher, Romanenreihen usw., zu werben, bestand aus verschiedenen Ebenen<footnote numbering="arabic" start="472">
                           <p> Andreu, Alicia Graciela: Arte y consumo. Ángela Grassi y<em> </em>«El Correo de la Moda»<em>&#8230; </em>ed. cit. S. 135.</p>
                        </footnote>: Die Verleger verkauften Werke der Zeitungsmitarbeiter und -mitarbeiterinnen, die durch diese Tätigkeit beim Publikum schon bekannt waren, direkt an die Abonnentinnen; dafür boten sie viel bessere Preise als die Buchhandlungen. Außerdem entwickelten sie ein System von &#8222;Geschenken&#8220;, einige Texte wurden als Geschenk angeboten, wenn die Kundin ein Abonnement für eine besondere Ausgabe unterschrieb<footnote numbering="arabic" start="473">
                           <p> Als &#8222;Geschenk&#8220; gelten auch Preisvergünstigungen beim Kauf einiger Publikationen. <em>El Correo de la Moda </em>bietet Rabatte nach Vorlage des Abonnementsvertrages an, z.B. für den o.g. Gedichtband von Robustiana Armiño. In <em>La Moda Elegante Ilustrada </em>werden die Bücher der vom Verlag der Zeitschrift herausgegebene <em>Bibli</em>
                              <em>o</em>
                              <em>teca Selecta de Autores Contemporáneos</em> für die Abonnentinnen zum halben Preis angeboten. Darunter sind Romane, ratgebende Werke und Reiseberichte zu finden. El Director: A las señoras suscritoras de La Moda Elegante Ilustrada. In: <em>La Moda Elegante Ilustr</em>
                              <em>a</em>
                              <em>da.</em> 45.<em> </em>6-XII-1878. S. 360.</p>
                           <p> Andere Zeitschriften bieten Aufmerksamkeiten von ganz anderer Natur; <em>El Vergel de Andalucía </em>(1845) z.B. organisiert Bälle, für die die Abonnentinnen Gratiskarten und ihre Begleiter einen Preisnachlass bekommen. Siehe Bailes del Vergel de Andalucía. In:<em> El Vergel de Andalucía. </em>2. 16-X-1845. In der gleichen Ausgabe versprechen die Herausgeber die Verlosung von Geschenken für die Abonnentinnen, die nicht in der Stadt oder in der Provinz wohnen.</p>
                           <p>Die Zeitschrift <em>La Guirnalda. Periódico Quincenal Dedica</em>
                              <em>do al Bello Sexo. Educación y Labores, Modas, Á</em>
                              <em>l</em>
                              <em>bums </em>(sic!) <em>de Dibujos para Bordar </em>(Die Girlande. Dem schönen Geschlecht gewidmete halbmonatliche Zeitung. Bildung und Handarbeiten, Mode, Musteralben für Stickereien)<em> </em>(1867-1883) aus Madrid<em> </em>bietet ihrer Abonnentinnen in ihrem Prospekt verschiedene Geschenke an, darunter Lotterielose, Zeichnungen, Alben und Bücher. Siehe: Prospecto para 1877. In: <em>La Guirnalda&#8230;</em> Dezember 1876. </p>
                        </footnote>. </p>
                     <p>In den katholischen<em> </em>Zeitschriften empfiehlt man religiöse Artikel, die man in katholischen Läden erwerben kann oder katholische, erbauende Literatur. Die politisch orientierten Zeitschriften, d.h. fourieristischen, kommunistischen, sozialistischen oder anarchistischen, drucken keinerlei Werbung für Mode oder ähnliche Produkte, mitunter werden für politisch Gleichgesinnte Texte annonciert. </p>
                     <p>
                        <link id="_Toc172444428"/>
                     </p>
                  </subblock>
                  <subblock id="N13327" label="II.5.4.3.4">
                     <head>Charakteristische inhaltliche Merkmale</head>
                     <part id="N1332C" label="II.5.4.3.4.1">
                        <head>
                           <link id="_Toc172444429"/>Grundlinien und Entwicklung des Inhalts</head>
                        <p>Nach der Untersuchung der geschichtlichen Entwicklung und der charakteristischen formalen Aspekte werden wir uns in den folgenden Kapiteln den Inhalten dieser Art Publikation widmen und eine Darstellung der dort umfassten Lesestoffe präsentieren. Der Korpus der betreffenden Veröffentlichungen ist eindeutig zu groß, ihre Tendenzen oft zu unübersichtlich und inkohärent, um in diesen Seiten eine akribische Beschreibung präsentieren zu können. Infolge dessen beschränken wir uns auf die Darstellung der thematischen Schwerpunkte, der klaren inhaltlichen Linien, die alle spanischen Frauenmagazine des 19. Jahrhunderts gemeinsam haben und die eigentlich ihr Wesen bilden. Um der Übersichtlichkeit willen nehmen wir eine Unterteilung der Zeitschriften in folgenden Gruppen vor: </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N13339" start="170"/>
                           <ol numbering="arabic">
                              <li>
                                 <p>die so genannten Mode- und Salonmagazine zusammen mit den literarischen Zeitschriften, </p>
                              </li>
                              <li>
                                 <p> die Publikationen, die den Anspruch erheben, für die Rechte der Frauen zu kämpfen, d.h. feministische und/oder pseudofeministische Zeitschriften,</p>
                              </li>
                              <li>
                                 <p>die politisch engagierten Frauenmagazine,</p>
                              </li>
                              <li>
                                 <p>weibliche Periodika, die im Zusammenhang mit nationalistischen oder regionalistischen Bewegungen erscheinen,</p>
                              </li>
                              <li>
                                 <p>katholisch engagierte Publikationen und</p>
                              </li>
                              <li>
                                 <p>andere. </p>
                              </li>
                           </ol>
                        </p>
                        <p>Die inhaltlichen Aspekte erleben zwischen 1811 und 1900 nicht den gleichen Fortschritt wie die formale Gestaltung oder die sprachlichen und journalistischen Mittel, von denen die Magazine Gebrauch machen. Die Palette der behandelten Themen ist nicht breit und ändert sich auch nicht wesentlich. Eine diachronische Einsicht zeigt eine Anzahl immer im Kern gleich bleibender frauenbezogener Inhalte und Sektionen, die in den verschiedenen historischen Momenten nur unterschiedliche Nuancen bekommen; aus diesem Grund darf man von einer Frauenpresse sprechen. Die Themen, die dort behandelt werden, definieren die weibliche Presse genauso wie diejenigen, die bewusst ausgeschlossen werden. </p>
                        <p>In erster Linie handelt es sich bei den Motiven um die Welt des Heimes, um Hausarbeit, Hauswirtschaft, Mutterschaft und Großziehen der Kinder, um Toilette und Mode, um Religion und Moral, um das gesellschaftliche Leben, aber auch um Aspekte der Kultur, des Universums der Gefühle, um Ästhetik, Musik, Dichtung und manchmal um andere bildende Künste, wie Malerei und Bildhauerei. Mit der Zeit wird die Frage der Erziehung und der Bildung von Mädchen und Frauen eine zentrale Rolle spielen, ferner werden die Beziehungen der Frau zur Arbeitswelt und Politik behandelt. Bewusst ausgeschlossen werden Informationen, Nachrichten, Kommentare usw., die aktuelle politische und soziale Ereignisse direkt betreffen. Was den Bereich Aktualität anbelangt, finden wir nur Reportagen über gesellschaftliche Anlässe, wie Feste, Bälle, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Theater- oder Operaufführungen usw. und kulturelle Evenements, wie Literaturlesungen, Kunstausstellungen u.Ä. und oft an Klatsch grenzende Gesellschaftsnachrichten. Einzige Ausnahme bildet das Magazin <em>El Periódico de las Damas </em>(1822), das auch Nachrichten und Kommentare über die politischen Angelegenheiten der Zeit des Liberalen Trienniums enthielt.</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N13370" start="171"/>Weibliche Magazine veröffentlichen in der Regel vorwiegend in Prosa verfasste Texte, d.h. Artikel, Romane &#8211; hauptsächlich Liebes- und Sittenromane &#8211;, kurze Sitten- und moralische Erzählungen, Anekdoten u.Ä. Bei diesen Texten ist die Handlung offensichtlich eine Nebensache, ein Vorwand zur Darstellung sozialer Archetypen, wie z.B.: von den leidenden, verzichtenden, tugendhaften und frommen Ehefrauen an der Seite liebloser, unmoralischer &#8211; im Extremfall sogar atheistischer &#8211; Ehemänner, der Figur des schönen, reinen, tüchtigen Mädchens, das alle Schicksalsschläge übersteht oder der glücklichen bürgerlichen Familie u.Ä. </p>
                        <p>Die Unterteilung in Sektionen in den Magazinen ist bei allen Publikationen sehr ähnlich, bei einigen überwiegen die Sparten Mode und Schönheit, bei anderen die der Literatur, Erziehung oder Moral; oft werden je nach Thema Reihen gebildet<footnote numbering="arabic" start="474">
                              <p> Siehe Jiménez Morell, Inmaculada: <em>La prensa femenina en España&#8230;</em> ed. cit.<em> </em>S. 167-186.</p>
                           </footnote>. Einige Magazine fügen auch einen Bereich zum Zeitvertreib mit moralisierenden Epigrammen, kurzen Gedichten, Sentenzen, Sprüchen, Rätseln u.a. und Briefen von um Rat fragenden Leserinnen hinzu. Die gleiche Anzahl von Rubriken ist nicht in allen Zeitschriften vertreten oder wenn doch, so nicht während der ganzen Publikationszeit. Leserbriefe zum Beispiel werden in Spanien erst zum Beginn des 20. Jahrhunderts Mode und zum festen Bestandteil in fast allen Frauenzeitschriften<footnote numbering="arabic" start="475">
                              <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad&#8230;</em> ed. cit. S. 82. Zwischen den Leserbriefen entdeckt man nicht wenige, die von Männern unterschrieben werden, daraus erschließt man, dass auch diese Interesse &#8211; in Form von Lob oder Kritik &#8211; an solche Veröffentlichungen zeigten. Es ist aber nicht auszuschließen, dass unter manchen männlichen Namen sich eine weibliche Identität versteckt.</p>
                           </footnote>. </p>
                        <p>Dieses Schema repräsentiert den größten Teil der Frauenpresse, aber nicht das Ganze. Es gibt neben den von Fiktionen charakterisierten Veröffentlichungen eine andere Art, die hauptsächlich von ideologischen und indoktrinierenden Zielen geprägt ist. Diese Zeitschriften treten &#8211; als direkte Erbinnen der Sitten- und moralisierenden Presse des 18. Jahrhunderts &#8211; als Träger gewisser Ideologien auf, die auch das Leitmotiv ihres Inhaltes darstellen werden. In einigen Fällen handelt es sich dabei um den ersten Ausdruck einer frauenemanzipatorischen Bewegung, in anderen um eine katholisch oder utopisch revolutionäre &#8211; in der Linie von Cabet oder Fourier &#8211; orientierte Presse, die als Propagandamittel der jeweiligen Ideologie dient. Später, Anfang des 20. Jahrhunderts, werden die ersten anarchistischen und regionalistischen Frauenzeitschriften ins Leben gerufen.</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N13395" start="172"/>Mit der allmählichen Eingliederung der Frauen in die Arbeitswelt erscheinen auch Zeitschriften, die sich mit berufsspezifischen Themen wie z.B. Pädagogik, auseinander setzen. Da Frauen in dem letzten Viertel des Jahrhunderts in einigen öffentlichen Institutionen, wie Bibliotheken, Archiven, Museen oder in der Verwaltung arbeiten dürfen, beeinflussen sie durch ihre Präsenz &#8211; mindestens als Teil der Leserschaft &#8211; den Stil der von diesen Berufsverbänden herausgegebenen Publikationen.</p>
                        <p>Wie bei so vielen anderen Bereichen des spanischen kulturellen und künstlerischen Lebens des 19. Jahrhunderts werden die spanischen Autoren, Herausgeber und Verleger ausländische Modelle &#8211; vorwiegend französische und englische &#8211; nachahmen und so geschieht dies auch bei der Schaffung einer weiblichen Presse. In Frankreich existiert sie seit dem 18. Jh. und ist &#8211; in Gegensatz zu Spanien &#8211; für die Verleger sogar finanziell ertragreich<footnote numbering="arabic" start="476">
                              <p> Über das weibliche Pressewesen in Frankreich im 19. Jh. siehe z.B.: Sullerot, Evelyne: <em>Histoire de la presse femenine. Des Origines á 1848.</em> Paris : A. Colin 1996 ; Dardigna, Anne Marie : <em>La presse « femenine ». Fonction ideolog</em>
                                 <em>i</em>
                                 <em>que. </em>Paris: Maspero. 1978; Adler, Laure.: <em>A l&#8217;aube du féminisme: les premieres journalistes (1830-1850). </em>Paris : Payot. 1979. Über das weibliche Pressewesen in England im 19. Jh. siehe z.B.: Dancyger, Irene: <em>A world of women. </em>
                                 <em>An illustrated history of women&#8217;s magazines. </em>Dublin: Gill and Macmillan. 1978; Adburham, Alison: <em>Women in print. Wri</em>
                                 <em>t</em>
                                 <em>ing women and women&#8217;s magazines from the Restoration to the Accession of Victoria. </em>London: Ruskin House. 1972. In spanischer Sprache bietet das Werk von Roig, Mercedes: <em>A través de la prensa. La mujer en la hist</em>
                                 <em>o</em>
                                 <em>ria&#8230;</em>ed.cit. eine interessante Übersicht für die Länder Spanien, Frankreich und Italien mit zahlreichen bibliographischen Angaben.</p>
                           </footnote>. Das dortige allgemein wachsende Interesse an periodischen Veröffentlichungen ermöglicht nach und nach Mittel und Wege für marginale Märkte, bei denen auf das Publikum abgezielte Veröffentlichungen ihren Platz finden können. So eine Nische ist die so genannte Mode- und Salonpresse. Die erste Publikation dieser Art im 19. Jh. &#8211; noch in Zeiten des Napoleonischen Kaiserreiches &#8211; ist das <em>Journal des Dames et des Modes </em>(1797-1838), von M. de la Mesagére, danach folgen andere, wie <em>L&#8217;Observateur des M</em>
                           <em>o</em>
                           <em>des </em>(1818-1823)<em>, Le Petit Courrier des Dames </em>(1829)<em>, La Mode </em>(1829) von Emile de Girardin und Latour-Mézeray usw. Der gleiche Girardin<footnote numbering="arabic" start="477">
                              <p> Girardin war außerdem der Ehemann von Delphine Gay de Girardin, eine der bekanntesten und beachtesten Modejournalistinen in Frankreich, deren Schreibstil von den spanischen Kolleginnen übernommen wurde. Siehe Seite 178 dieser Arbeit.</p>
                           </footnote>, der auch Herausgeber der ersten französischen Zeitung mit hohen Auflagen war, gibt ab 1833 das <em>Journal des Demoiselles </em>(1833-1920)<em> </em>heraus, die bis ins 20. Jahrhundert hinein publiziert wird. Die Auflagen jener Zeitschriften bleiben weit hinter denen des Zweiten Kaiserreiches, auch die emanzipatorischen Forderungen treten nach 1848 in weiblichen Zeitungen erst richtig ein. Die französischen weiblichen Magazine verbreiten, zwischen Schnittmuster und prachtvoll gedruckten Modezeichnungen, moralische Standpunkte, durch die die Damen der gehobenen Gesellschaft mit der zusätzlichen und gesunden Ausübung der Wohltätigkeit vervollkommnet werden.</p>
                        <p>1822 trat für die spanischen Damen der Aristokratie die Frauenzeitschrift <em>El Periód</em>
                           <em>i</em>
                           <em>co de las Damas</em>, von Leon Amarita herausgeben, auf. Sie folgte ganz akribisch den vorgegebenen französischen Modellen und druckte genau wie diese: Artikel über Moral, über die Erziehung der Frau hinsichtlich der Ehe, über Mode und andere Neuheiten über Accessoires, Toilette oder dergleichen und über Politik; überdies enthielt sie Modezeichnungen, die direkt aus französischen Zeitschriften übernommen worden waren.</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N133F9" start="173"/>Alle Entwicklungen der formalen Aspekte des französischen und englischen &#8211; aber besonders des französischen &#8211; weiblichen Pressewesens werden in Spanien früher oder später imitiert, ohne dass dabei originelle oder nationale Merkmale geschaffen werden. Auf der inhaltlichen Ebene jedoch spielen die spanische Mentalität, die Tradition und die soziopolitischen und geschichtlichen Besonderheiten eine entscheidende Rolle, die zur Bildung eines spanischen nationalen Charakters führen und dessen wichtigste Eigenschaften in den nächsten Seiten dargestellt werden. </p>
                        <p>
                           <link id="_Toc172444430"/>
                        </p>
                     </part>
                  </subblock>
               </block>
               <block id="N13406" label="II.5.4.4">
                  <head>Literatur- und Modezeitschriften</head>
                  <p>Als 1882 Rosario de Acuña für das Modemagazin <em>El Correo de la M</em>
                     <em>o</em>
                     <em>da </em>(1851-1886) zu schreiben anfing, teilte sie die vermeintlichen Käuferinnen der Publikation in drei Kategorien auf; erstens die Aristokratinnen, die abhängig von dem Wandel der Mode leben, aber nicht lesen; zweitens Frauen aus der Mittelschicht, die Magazine kaufen, um sich wichtig zu machen, aber sie nicht einmal aufschlagen und eine dritte Gruppe, die mit mehr Menschenverstand und Wissensdurst, für die De Acuña mit ihren praktischen Ratschlägen von Nutzen zu werden hoffte<footnote numbering="arabic" start="478">
                        <p> Acuña, Rosario de: En el campo. Cuatro palabras de prólogo. In: <em>El Correo de la Moda</em> 11. März 1882. S. 84f. Der Artikel wird in Sánchez Llama, Iñigo (Hrsg.): <em>Antología de la prensa periódica isabelina&#8230; </em>ed. cit. S. 293-295 wiedergegeben. </p>
                     </footnote>. Ohne Zweifel trifft diese Beschreibung &#8211; trotz der starken Vereinfachung &#8211; auf viele Leserinnen zu.</p>
                  <p>Seitens der Magazine wird von ihrer vorgeblichen Leserschaft keine intellektuelle Überanstrengung verlangt. Jede Herausforderung diesbezüglich könnte zwei negative Konsequenzen implizieren, einerseits die Überforderung der Käuferin &#8211; die das Produkt infolgedessen zukünftig ablehnen wird &#8211;, andererseits den Verstoß gegen den allgemeinen soziokulturellen Diskurs. Trotzdem bleiben diese Veröffentlichungen oft die einzige Tribüne für weibliches Gedankengut.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N1342A" start="174"/>In keiner Weise soll die extrem hohe Analphabetenrate in der weiblichen Bevölkerung außer Acht gelassen werden. Die Leserschaft der weibliche Presse &#8211; vor allem der Salonmagazine &#8211; gehört bis in das 20. Jh. hinein ausschließlich zu den oberen und mittleren Schichten. Im letzten Viertel des Jahrhunderts werden auch Frauen der unteren Schichten und deren Alltag als Thema im weiblichen Pressewesen und in der Literatur Beachtung finden; sie tragen aber nicht zu dessen Gestaltung bei. Auch feministische und sozial und wirtschaftlich fortschrittliche Forderungen finden in den entsprechenden Zeitschriften &#8211; wenn auch auf gedämpfte und wenig polemische Weise &#8211; eine Plattform für ihre Verbreitung. </p>
                  <p>Die eindeutigsten Merkmale der weiblichen Publikationen des 19. Jahrhunderts sind einerseits die von ihnen ohne Ausnahme verfolgten Ziele, nämlich Belehren und Unterhalten, und andererseits die fast ausnahmslose Präsenz zweier Themenbereiche: Mode und Literatur, die selbst wiederum die o.g. Ziele implizieren. Um die Erfüllung seiner Zwecke zu erreichen, wendet das weibliche Pressewesen alle ihm zur Verfügung stehenden journalistischen, sprachlichen und bildlichen Mittel an. </p>
                  <p> Weibliche Literaturzeitschriften und die so genannten Salon- und Modemagazine werden in dieser Untersuchung in einem einzigen Kapitel behandelt<footnote numbering="arabic" start="479">
                        <p> Die weiteren Unterteilungen, die in diesem Kapitel unserer Arbeit vorgenommen worden sind, nämlich feministische, regionalistische und katholische Zeitschriften, beziehen sich auf die Besonderheit der inhaltlichen sozialen, politischen und konfessionellen Schwerpunkte, schließen aber die Behandlung von Mode oder Literatur als wichtiges Thema nicht zwingend aus.</p>
                     </footnote>, denn es existiert eigentlich &#8211; fast &#8211; keine Zeitschrift, bei der die Merkmale beider Veröffentlichungsarten nicht zu einer Einheit verschmelzen. In der einen Art werden die literarischen Texte überwiegen, in der anderen die Welt der Mode und des Konsums; bei keiner Salon- und Modezeitschrift fehlen Seiten mit literarischen Texten und Kommentaren über Romane, Theateraufführungen usw.; gleichzeitig werden bei nur wenigen literarischen Zeitschriften Angaben über Mode und Accessoires, Gesellschaftskolumnen und andere Bestandteile der Salonpresse ausgeschlossen.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N1343E" start="175"/>Es gibt eine Reihe von immer wiederkehrenden Zeitungsabteilungen, die das Wesen dieser Art Presse ausmachen, durch welche sie sich definiert und von anderen abgrenzt. Solche sind zum Beispiel:</p>
                  <p>
                     <ol numbering="arabic">
                        <li>
                           <p>Abteilung Mode, Schönheit, Körperpflege u.Ä., mit Illustrationen und Erläuterungen über modische Neuheiten, Modezeichnungen, Schnitt- und andere Muster für verschiedene weibliche Handarbeiten;</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>Fiktionale Texte in Prosa, darunter Romane, Fortsetzungsromane, Kurzgeschichten, Sittenerzählungen;</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>Gedichte;</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>Unterhaltende Anekdoten;</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>Pseudowissenschaftliche Artikel; </p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>Reiseberichte;</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>Biographien wichtiger Persönlichkeiten &#8211; des Öfteren Frauen &#8211;;</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>Artikel über Moral, Religion, Bildung und Erziehung &#8211; nicht selten werden daraus Reihen gebildet &#8211;;</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>Briefe der Leserinnen an die Redaktion, eigentlich bis Ende des Jahrhunderts relativ ungewöhnlich; </p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>Literaturkritik;</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>Kunstkritik;</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>Werbung;</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>Theater-, Konzerte-, Operprogramme u.Ä.<footnote numbering="arabic" start="480">
                                 <p> Die<em> </em>Zeitschrift<em> La Gaceta de las Mujeres</em> (1845) veröffentlicht ein Programm religiöser Veranstaltungen in Madrid, das von einem Theaterprogramm gefolgt wird.</p>
                              </footnote>;</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>Gesellschaftsnachrichten, oft nahe am Klatsch und</p>
                        </li>
                        <li>
                           <p>Ratgeber über verschiedene Aspekte des Lebens.</p>
                        </li>
                     </ol>
                  </p>
                  <p>Die weibliche Presse kümmert sich vor allem um wenig prosaische Themen, vermeidet diese &#8211; wie z. B. Krankheit, Hygiene usw. &#8211; aber auch nicht vollständig. Eigentlich werden diese Themen, vor allem die eigene Hygiene und die der Kinder, gegen Ende des Jahrhunderts mit wachsendem Interesse behandelt.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N134B6" start="176"/> Das Leitmotiv der Salonpresse bleibt jedoch eine idealisierte Frau, deren Ursprung in einer sozial tief verwurzelten Vorstellung zu finden ist und die mittels dieser Publikationsarten in der Gesellschaft verfestigt wird. Dieser aus der nationalen Tradition und den bürgerlichen Idealen entstandene Archetyp vermischt sich allerdings mit der ab den dreißiger Jahren in Spanien aufbrechenden Romantik, von der das Bild der Frau zutiefst geprägt wird. Dementsprechend etabliert sich die stereotypische Darstellung der Frau als Blume, Stern, Farbe, Engel, Jungfrau, als Schmetterling u.Ä., die sich in der Sprache der weiblichen Magazine bis zum Überdruss wiederholt. Diese metaphorische Sprache soll bei der Leserin ein Gefühl der Bewunderung, des Glücks erzeugen und die Nachahmung der Vorbilder als Notwendigkeit darstellen.</p>
                  <subblock id="N134BA" label="II.5.4.4.1">
                     <head>
                        <link id="_Toc172444431"/>Der Weiblichkeitsdiskurs in der Mode- und Salonpresse</head>
                     <part id="N134C2" label="II.5.4.4.1.1">
                        <head>
                           <link id="_Toc172444432"/>Mode und Schönheit</head>
                        <p>Betrachtet man fern der vereinfachenden Reduzierung auf frivole und konsumorientierte Aspekte die Welt der weiblichen Mode im 19. Jh., stellt sie nicht nur eine noch nie da gewesene revolutionäre Veränderung der sozialen Umgangsformen dar, sondern auch einen Motor der industriellen und der daraus resultierenden wirtschaftlichen Entwicklung einiger europäischer Länder und der USA. Beide betreffen auch mit mehr oder weniger Kraft die spanische Gesellschaft.</p>
                        <p>Mit dem Niedergang des <em>Ancien Régimes</em> und dem Aufkommen der bürgerlichen gesellschaftlichen Ordnung, entfallen die alten Zwänge der Ständegesellschaft, darunter auch die der Kleidung<footnote numbering="arabic" start="481">
                              <p> Siehe u.a. das Kapitel «Nicht Adel, nicht Kleinbürger» in Schmid, Pia: <em>Zeit des Lesens &#8211; Zeit des Fühlens. A</em>
                                 <em>n</em>
                                 <em>fänge des deutschen Bildungsbürgertums. Ein Les</em>
                                 <em>e</em>
                                 <em>buch. </em>Darmstadt: Quadriga Verlag J. Severin. 1985. S. 17-45.</p>
                           </footnote>. Dadurch entsteht &#8211; erst für das aufkommende Bürgertum und später für die unteren Schichten &#8211; ein neuer Ausdruck der Selbstdarstellung. Die Bekleidung des weiblichen Geschlechts wird zum Ort der Veranschaulichung des materiellen Reichtums und der sozialen Stellung.</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N134EC" start="177"/>Im Gegensatz zu Spanien erleben Länder wie England und Frankreich die Machtübernahme neuer kapitalistischer und liberaler Tendenzen viel früher und deutlicher, dort entwickelt sich schon Ende des 18. Jahrhunderts auch eine der Mode gewidmete weibliche Presse<footnote numbering="arabic" start="482">
                              <p> In beiden Ländern existieren schon im Laufe des 18. Jahrhunderts und sogar früher weibliche Publikationen über Mode, am Ende des Jahrhunderts bekommt jedoch die aufkeimende Entwicklung eine Kontinuität. </p>
                           </footnote>. Roland Barthes spricht von der Mode als «<em>[un] fait institutio</em>
                           <em>n</em>
                           <em>nel, une valeur qui s&#8217;achéte</em>
                           <footnote numbering="arabic" start="483">
                              <p> Barthes, Roland: <em>Systeme de la mode. </em>Paris: Éditions du Seuil. 1973. S. 302.</p>
                           </footnote>», also ein institutionelles Faktum, ein Wert, den man kauft. Die kapitalistischen und liberalen Erneuerungen der Gesellschaft verändern die sozioökonomischen, juristischen und kulturellen Grundgedanken, auf denen das monarchisch-feudale <em>Ancien Régime</em> basierte, schaffen allerdings einige seiner Darstellungsweisen nicht ab<footnote numbering="arabic" start="484">
                              <p> Nehmen wir als veranschaulichendes Beispiel, das Thema Luxus des emporkommenden Bürgertums und neuer Adeligen betreffend den Roman von Alexandre Dumas <em>Le Comte de Montecristo </em>(1844-1845). Über den französischen Luxus im 19. Jh. siehe Perrot, Philippe: <em>Le luxe. </em>
                                 <em>Une richesse entre faste et confort, XVIII</em>
                                 <em>
                                    <sup>e</sup>
                                 </em>
                                 <em>-XIX</em>
                                 <em>
                                    <sup>e</sup>
                                 </em>
                                 <em> siècle. </em>Paris: Éditions du Seuil. 1995.</p>
                           </footnote>. Das Verhalten des Bürgertums gegenüber Wohlstand und Besitz weist eine fehlende Homogenität auf. Zwei widersprüchliche koexistierende Verhaltensweisen machen sich bemerkbar: Verschwendung und öffentliche Veranschaulichung des Reichtums einerseits, Mäßigung und Sparsamkeit, sowie moralische Strenge andererseits. Beide Verhaltensweisen verweisen auf den komplexen Aufbau der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die sich durch Begriffe und Werte, wie &#8222;Guter Ton&#8220;, &#8222;Vornehmheit&#8220;, &#8222;Distinguiertheit&#8220;, &#8222;elegante Welt&#8220;, &#8222;Urbanität&#8220;, &#8222;feine Erziehung&#8220;, usw. zu definieren versucht.</p>
                        <p>&#8222;Gute Manieren&#8220; verlangen laut Thorstein Weblen in seinem Werk <em>Theory of the leisure class</em>, eine bewusste Anstrengung seitens des gut erzogenen Individuums, das zeigen muss, dass viel Zeit investiert wurde, um eben diese &#8222;guten Manieren&#8220; zu beherrschen<footnote numbering="arabic" start="485">
                              <p> Weblen, Thorstein: <em>Theory of the leisure class.</em> (1889). Boston: Hougton Miffin Company. 1973. S. 48. Zitiert in Sánchez LLama, Íñigo: <em>Galería de escritoras isabel</em>
                                 <em>i</em>
                                 <em>nas&#8230; </em>ed. cit. S. 128 f.</p>
                           </footnote>. Das Erlangen des richtigen Benehmens ist nur denen möglich, die dafür über genügend Freizeit verfügen, nämlich Adel und Großbürgertum. Letztendlich bedeutet dies das Übertragen aristokratischer Sitten und Lebensweisen in die bürgerlich kapitalistische Gesellschaft, die eigentlich aus der Überwindung der rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen des <em>Ancien</em> <em>Régimes</em> resultierte<footnote numbering="arabic" start="486">
                              <p> Eine Erklärung für diese paradoxe Lage der Koexistenz bürgerlicher und aristokratischer Werte findet auch Íñigo Sánchez Llama im Werk von Werner Sombart <em>Luxus und Kapitalismus </em>von 1913. Sombart verbindet die bürgerliche Mode mit dem prunkvollen Luxus der europäischen Höfe und den ausschweifenden Sitten der Adelsstände. Luxus und Mode haben in Okzident einen aristokratischen Ursprung und können dank der starken Kaufkraft der adeligen Frauen in einer höfischen Umgebung, die bis zu einem gewissen Grad von strengen moralischen Prinzipien befreit ist, erlebt werden. Diese Konjunktion ermöglicht erst das Weiterbestehen aristokratischer Werte in der abendländischen bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Sánchez LLama, Íñigo: <em>Galería de escritoras isabel</em>
                                 <em>i</em>
                                 <em>nas&#8230; </em>ed. cit. S. 128 f. Siehe sombart, Werner: <em>Luxus und Kapitalismus</em>. <em>Studien zur Entwicklungsgeschichte des modernen Kapit</em>
                                 <em>a</em>
                                 <em>lismus. </em>Bd I. München: Duncker &amp; Humblot. 1913. In dieser Hinsicht charakterisiert Honoré de Balzac das Bürgertum um 1830 als eine dreifache Aristokratie, die des Geldes, der Macht und des Wissens «une triple aristocratie de l&#8217;argent, du pouvoir et du talent», die einen alten, lächerlichen und besiegten Feudalismus «une féodalité risible et déchue» ersetzt. Siehe Balzac, honore de: <em>Traitè de la vie él</em>
                                 <em>é</em>
                                 <em>gante. &#338;uvres complètes.</em> Bd I.<em> </em>Paris : Louis Conard. 1926-1963. S. 60.</p>
                           </footnote>. Interessant ist, dass die traditionelle Aristokratie &#8211; die oft einen empfindlichen Macht- und Reichtumsverslust erleidet &#8211; &#8222;Gute Manieren&#8220; und &#8222;Guten Geschmack&#8220; als ein mit der Geburt vererbtes Recht betrachtet und die neuen Emporkömmlinge in dieser Hinsicht &#8211; trotz deren großer Bemühungen &#8211; verachtet<footnote numbering="arabic" start="487">
                              <p> So erkennt z. B. die Herzogin von Tramar, Pseudonym von Marie-Fanny de Lamarque de Lagarrigue Baronne de Ysarn de Capdeville und Marquissee de Villefort, in ihrer Abhandlung über Mode und Manieren <em>La Moda y la Elegancia</em> 1910, von der Herzogin de Fermorán ins Spanische übersetzt, den Fortschritt der Modeindustrie, beklagt jedoch die Demokratisierung der Güter. &#8222;Eleganz&#8220; und &#8222;Guter Geschmack&#8220;, &#8222;Gute Manieren&#8220; als Lebensstil sind immer noch das Privileg des Adels, weil diese nur von ihm verinnerlicht werden kann. Das Bürgertum und die Arbeiterschichten bleiben von der angeborenen &#8222;Eleganz&#8220; der Aristokraten noch 1910 ausgeschlossen. Lamarque, Marie-Fanny de: <em>La moda y la elega</em>
                                 <em>n</em>
                                 <em>cia.</em> Paris: Fréres Garnier. 1910.</p>
                           </footnote>. Der Konsum der Modegüter etabliert sich unter den großbürgerlichen Frauen als Folge ihres Ehrgeizes, den Adel nachzuahmen. Die Mittelschichten, die von dem Luxus ausgeschlossen bleiben, schaffen jedoch je nach ihren Möglichkeiten weitere entsprechende Nachahmungsniveaus<footnote numbering="arabic" start="488">
                              <p> Das Phänomen wird ausreichend von den Historikern oder Soziologen der Mode untersucht wie z.B. von König, Renè: <em>Kleider und Leute</em>, <em>zur</em>
                                 <em> </em>
                                 <em>Soziologie der Mode. </em>Frankfurt a.M. und Hamburg: Fischer Bücherei. 1967; Perrot, Philippe: <em>Le dessus et les dessous de la bourgeoisie: une histoire du vêtement au XIX</em>
                                 <em>
                                    <sup>e</sup>
                                 </em>
                                 <em> siècle. </em>Bruxelles: Complexe. 1984; Flügel, John Carl: <em>The psychology of clothes.</em> Hrsg.: L. Woolf, V. Woolf.<em> </em>London: The Hogarth Press and the Institute of Psychoanalysis.1930; Payne, Blanche: <em>History of costume. From the ancient Egyptians to the twent</em>
                                 <em>i</em>
                                 <em>eth century. </em>New York: Harper and Row. 1965; Squicciarino, Nicola: <em>Il vestito parla. </em>
                                 <em>Considerazioni psicosociol</em>
                                 <em>o</em>
                                 <em>giche sull&#8217; abbigliame</em>
                                 <em>n</em>
                                 <em>to. </em>Roma: A. Armando. 1986. </p>
                              <p>Weitere vergleichbar informationsreiche Werke sind z.B.: David, Fred: <em>Fashion, culture and identity.</em> Chicago. London: University of Chicago Press. 1992; Lipovetsky, Gilles: <em>L&#8217;empire de l&#8217; éphèmère. </em>
                                 <em>La mode et son destine dans les sociétès moderne</em>s. Paris : Gallimard. 1991; Rivière, Margarita: <em>Lo cursi y el poder de la m</em>
                                 <em>o</em>
                                 <em>da. </em>Madrid: Espasa-Calpe. 1992; Calanca, Daniela: <em>Storia sociale della moda.</em> Milano: Mondadori. 2002. Dieses Thema betreffend siehe auch die Doktorarbeit von Pasalodos Salgado, Mercedes: <em>El traje como reflejo de lo femenino. Evol</em>
                                 <em>u</em>
                                 <em>ción y significado 1898-1915. </em>Madrid: Servicio de Publicaciones de la Universidad Complutense. 2004. Wegen ihrer Illustrationen sind zu nennen z.B.: Peakock, John: <em>The chronicle of western co</em>
                                 <em>s</em>
                                 <em>tume complete in color with more than 1000 illustrations from the ancient world to the twentieth century. </em>London: Thames and Hudson. 1991; <em>Un siècle de modes féminines 1794-1894 : Quatre cents toilettes reproduites en couleurs, d&#8217;après des documents authe</em>
                                 <em>n</em>
                                 <em>tiques. </em>Paris: G. Carpentier et E. Fasquelle. 1896.</p>
                           </footnote>.</p>
                        <p>Ein deutlicher Unterschied besteht allerdings zwischen der aristokratischen Bekleidungsphilosophie und der neuen bürgerlichen, nämlich die Verweiblichung des Prunks. Die männliche Mode wird einfacher, schmuckloser und strenger, während die Veranschaulichung der Macht und des Reichtums auf die weibliche verlagert wird. Sie übernimmt die Trägerrolle semiotischer Information über sozialen Status und gleichzeitig über die kulturelle und soziale Lage der Frau in der patriarchalischen Gesellschaft, deren starke, jede physische und psychische Tätigkeit verhindernde Zwänge, die der Frau aufgelegt werden, ihre Projektion in Korsetts, Krinolinen u.Ä. finden<footnote numbering="arabic" start="489">
                              <p> Zu berücksichtigen ist, inwieweit dieses Phänomen auch auf den weiblichen Masochismus bezogen werden soll. Über weiblichen Masochismus gibt es &#8211; außer den bekannten Werken Freuds &#8211; eine Fülle an Literatur; über das 19. Jh. in Spanien, siehe z.B. das Kapitel «Social masochism and the Domestic Novel» in Charnon-Deutch, Lou: <em>Nar</em>
                                 <em>r</em>
                                 <em>tives of desire. Nineteenth-century spanisch fiction by women.</em> Pennsylvania: The Pennsylvania State University Press. Univerity Park. 1994.<em> </em>S. 41-79 und die dortige, weiterführende Bibliographie.</p>
                           </footnote>.</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N1361F" start="178"/>Angesichts der Bedeutsamkeit der Pracht, erheben sich unzählige Stimmen, die für Mäßigkeit eintreten. Die Kritik an den Zwängen und den Diktaten der Mode bekommt in den weiblichen Zeitschriften, die in der Realität eines ihrer wichtigsten Propagandamittel sind, unterschiedliche Nuancen. Damen der gehobenen Schichten, die aus religiösen und moralischen Gründen auf Mode und Luxus verzichten, werden respektiert, soweit sie eine Ausnahme bilden. Ansonsten steht der Luxus an sich nicht im Mittelpunkt der Kritik, sondern der Nachahmungseifer der Mittelschichten, die etwas darstellen möchten, was sie nicht sind und wofür ihnen die finanziellen Mittel fehlen<footnote numbering="arabic" start="490">
                              <p> Diese Meinung wird in unzähligen Artikeln vertreten. Hier sind stellvertretend einige zu nennen, die in der Anthologie von Íñigo Sánchez Llama zum Teil wiedergegeben werden, so z.B. von Sinués de Marco, María del Pilar: Coquetería y coquetismo (Koketterie und &#8222;Koketismus&#8220;)&#8230; ed. cit.; La mujer española (Die spanische Frau). In: <em>El Ángel del Hogar. </em>8-VIII-1866. S. 225f.; 16-VIII-1866. S. 233f.; La mujer francesa (Die französische Frau) In: <em>El Ángel del Hogar.</em> 24-VIII-1866. S. 241f. und 31-VIII-1866. S. 249-251; La mujer inglesa (Die englische Frau). In: <em>El Ángel del Hogar.</em> 8-IX-1866. S. 262f.; 16-IX-1866. S. 270f.; wiedergegeben in Sánchez LLama, íñigo (Hrsg.): <em>Ant</em>
                                 <em>o</em>
                                 <em>logía de </em>
                                 <em>la prensa periódica isabelina&#8230;</em> ed. cit.<em> </em>S. 182-193; Gimeno de Flaquer, Concepción: A las sacerdotisas de la moda (Zu den Priesterinnen der Mode)&#8230; ed. cit. In: Ebenda. S. 247-250; Siehe auch <em>La Moda </em>(Die Mode). In: <em>C</em>
                                 <em>o</em>
                                 <em>rreo de la Moda. </em>7. Februar 1852. S. 100f.</p>
                           </footnote>.</p>
                        <p>Die Mode anbelangend vertreten die weiblichen Zeitschriften die Meinung, sie sei Teil der Pflichten einer Frau &#8211; Teil der &#8222;Kunst des Gefallens&#8220;. Eine Frau ist für die eigene Schönheit und Attraktivität dem Mann gegenüber ein Leben lang &#8211; auch im hohen Alter &#8211; verantwortlich. Sie muss die Pflicht, ständig attraktiv zu sein, auf gleiche Weise erfüllen wie, den Haushalt zu führen oder die Kinder zu erziehen. Die Mode ist in dieser Beziehung ein hilfreiches Mittel. In der Kritik der Salon- und Modezeitschriften stehen drei Aspekte des Konsums von Modegütern: Erstens die Unverhältnismäßigkeit der Ausgaben, zweitens die übermäßige Beschäftigung mit dem Thema und drittens der Eifer der mittleren Schichten den &#8222;Guten Geschmack&#8220; und die &#8222;Eleganz&#8220; der oberen Schichten nachzuahmen<footnote numbering="arabic" start="491">
                              <p> Siehe die o.g. Artikel.</p>
                           </footnote>. Jede Erwägung der Unterschichten, sich als potenzielle Modekonsumenten zu betrachten, wird seitens der Zeitschriften als Höhepunkt der Transgression angesehen.</p>
                        <p>Artikel über Mode enthalten in der Regel entweder Beschreibungen von Bekleidungsstücken und Accessoires, die zu den verschiedenen Anlässen des Tages &#8211; morgens, abends usw. &#8211;, Angelegenheiten, wie Soireen, Bälle, Besuche, Ausflüge, Jagdgesellschaften u.Ä., zu jeder Jahreszeit oder in Lebenssituationen, in denen Umstandskleider, Trauer, usw. getragen werden. Zum Beispiel:</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N1365F" start="179"/>
                           <blockquote>
                              <p>«Kostüm für den Landausflug: Kleid aus weißer Musselin, Oberkörper mit rechteckigem Ausschnitt und wie eine Bluse geschnitten, eine Art Manschette umbindet den Ausschnitt und hält die Falten zusammen, die sich wieder in der Taille zusammenfinden (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="492">
                                    <p> In: <em>Correo de la Moda. </em>22. Mai 1856. S. 220.</p>
                                 </footnote>.»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>oder:</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N13679" start="180"/>
                           <blockquote>
                              <p>«Noch nie waren die Trauerkleider so streng wie heutzutage, und nichts ist so schwierig wie gleichzeitig Strenge und Eleganz in Einklang zu bringen. Wenn die Trauer für eine sehr nah stehende Person getragen wird, wie der Vater oder der Ehemann, erlaubt die Konvention nur Voile- und Cacheemirstoffe in Form von Kostümen mit einem über feineren Plissee gefalteten Rock, beide aus dem gleichen Stoff; oder zwei Röcke, der erste mit einer breiten Falte und der zweite mit einem einfachen Tunnelbund und einer fast unbemerkbaren Bündelung (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="493">
                                    <p> García de Balmaseda, Joaquina: Revista de modas. In: <em>El Correo de la Moda.</em> 2. November 1886. S. 258. Wiedergegeben in Sánchez LLama, íñigo (Hrsg.): <em>Antología de la prensa periódica isabelina&#8230; </em>ed. cit. S. 237f. García de Balmaseda gilt als &#8222;Spezialistin&#8220; der Modeartikel schlechthin, ihre Sparte «Revista de Modas» in <em>El Correo de la Moda</em> erscheint von 1866 bis 1886. Als sie die Leitung der Zeitschrift nach Àngela Grassi 1883 übernimmt, stellt sie die Mode in den Mittelpunkt der Veröffentlichung.</p>
                                 </footnote>.»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>aber auch von Mobiliar, Innenarchitektur u.Ä.:</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N13699" start="181"/>
                           <blockquote>
                              <p>«(&#8230;) Ihre Teppiche waren chinesischer Art, ihre Sessel aus Satin unglaublich elegant, die Gardinen außergewöhnlich reich; die aus Japan gebrachten Blumenvasen waren dermaßen durchsichtig und von solch prächtigen Farben, dass man die gemalten chinesischen Blumen mit den wunderschönen natürlichen Blumensträußen, die darin waren, verwechselte. Dieser Raum verbreitete gleichzeitig den Duft der schönen, jungen und eleganten Dame und die Ruhe der guten und frommen Frau<footnote numbering="arabic" start="494">
                                    <p> Herrero, L.: Los cuartos de hora (Die Stundenzimmer). In: <em>La Violeta.</em> 3. 27-XII-1864. S. 9.</p>
                                 </footnote>.»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>oder der von Damen der besseren Gesellschaft zu bestimmten Anlässen getragenen Kleider und andere begleitende Umstände<footnote numbering="arabic" start="495">
                              <p> Gelegentlich wird darüber geklagt, dass wegen der politischen Umstände nicht viel über die Damenmode zu berichten sei. So z.B. in <em>El Correo de las Damas. </em>18. 30-X-1833. S.142; die Unruhen nach dem Tode des Königs Ferdinand VII. und die Ernennung seiner Tochter Isabel als Thronnachfolger, verhinderten die Damen der Gesellschaft am Ausgehen, so dass die Zeitschrift &#8211; außer ihrer deutlichen Parteinahme für die neue Königin &#8211;, hinsichtlich der Mode nichts zu berichten hatte.</p>
                           </footnote>: </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N136BE" start="182"/>
                           <blockquote>
                              <p>«Die Königin Isabel aus Rumänien, eine bedeutende Schriftstellerin, beugt sich ebenfalls dem Kult der Mode der Pseudonyme und ist deshalb in der literarischen Welt unter Carmen Silva bekannt. (&#8230;) Sie vereinigt alle Grazien der Frau: Schönheit, Intelligenz, Kraft und Herzensgüte und gleichzeitig die vollständigste Eleganz.</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>
                           <blockquote>
                              <p>
                                 <citenumber id="N136CE" start="183"/>Zurzeit hält sich die gnädige Majestät in Begleitung ihres Hofes in Ems auf. Dieser Hof der Schönheit, mit dem sie sich zu umgeben beliebt, besteht aus deutscher Prinzessinnen, germanischer, österreichischer und Moskauer Herzoginnen und anderer aus Paris. Der Kaiser Wilhelm [der I.], der sich auch &#8211; wie jedes Jahr &#8211; in Ems aufhält, hat die junge Königin und die Prinzessin von Solms zum Essen eingeladen. Die Königin trug ein Kleid aus weißem Brokat mit einer langen Schleppe und mit reichen Spitzen beschmückt; als einziges Ornament ihrer Haarpracht trug sie einen Stern aus Diamanten, Wahrzeichen der Musen, von denen Ihre Majestät eine der leidenschaftlicheren Interpretinnen ist<footnote numbering="arabic" start="496">
                                    <p> Sáez de Melgar, Faustina: Crónica de París (Bericht aus Paris). In: <em>El Correo de la Moda </em>16. Juli 1883.  S. f. Wiedergegeben in Sánchez LLama, íñigo (Hrsg.): <em>Antología de la Prensa Periódica Isabelina&#8230;</em> ed. cit.<em> </em>S. 163-166. Siehe auch beispielsweise die Beschreibung eines Balles: Paris. Baile de la Princesa Czartoriska (Paris. Ball bei der Prinzessin Czartoriska) In: <em>La Elegancia. </em>
                                       <em>Boletín del Buen Tono.</em> S.207. Diese Zeitschrift erscheint ohne Angaben über das Datum und die Nummer der Erscheinung. </p>
                                 </footnote>.»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>Alle Artikelarten werden in einem schwärmerischen Ton vorgetragen und bilden den fundamentalsten Bestandteil der Abteilung Mode. Als Modelle für Struktur, Inhalt und Sprache ihrer Artikel folgen die spanischen Journalistinnen der französischen Presse, deren Delphine Gay de Girardin<footnote numbering="arabic" start="497">
                              <p> Die Ehefrau des Verlegers Girardin.</p>
                           </footnote> eine der hervorragendsten Vertreterinnen war. So schrieb 1875 die Herzogin de Valflores<footnote numbering="arabic" start="498">
                              <p> Vermutlich ein Pseudonym von Joaquina García Balmaseda.</p>
                           </footnote>:</p>
                        <p>
                           <blockquote>
                              <p>
                                 <citenumber id="N13704" start="184"/>«Madame de Girardin, die vor einigen Jahren starb [1804-1855], hat mehrere Romane, Theaterstücke, die auch aufgeführt wurden, und schöne Gedichte geschrieben, aber ausgezeichnet hat sie sich durch ihre Artikel für die Frau; d.h. in einer besonders delikaten und eleganten Literaturart, welche dem Mann, entweder, nicht liegt oder die er sich nicht erarbeiten kann. Ihre Briefe aus Paris, unter dem Pseudonym <em>Vicomte de Launay </em>veröffentlicht, sind entzückend und geben den Frauen Ratschläge über die Eleganz und Distinguiertheit, die hinter dem Gebot &#8222;eine der ersten Pflichten der Frau ist schön zu sein&#8220; stecken<footnote numbering="arabic" start="499">
                                    <p> Valflores, Condesa de: Conversación con las damas. In: <em>El Correo de la Moda. </em>26. September 1875.</p>
                                 </footnote>.»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>Delphine Gay de Girardin wusste in ihren Artikeln eine eklektische Haltung zwischen der strengeren moralischen Position der englischen Modepresse<footnote numbering="arabic" start="500">
                              <p> Siehe Adburgham, Alison: <em>Women in print&#8230;</em>; Dazinger, Irene: <em>A world of women&#8230;</em> ed. cit.<em> </em>und Roig Castellanos, Mercedes: <em>La mujer en la historia&#8230;</em> ed. cit.</p>
                           </footnote> und der dekadenten aristokratischen Einstellung vieler französischer Publikationen zu vertreten. Dieser Eklektizismus wurde sich von den spanischen Journalistinnen vorwiegend zu Eigen gemacht. </p>
                        <p>Schönheit, Kosmetik und Körperpflege werden in den Salon- und Modezeitschriften nicht nur in Artikeln, sondern auch in Form von Antworten auf vermeintliche Briefe von um Rat fragenden Leserinnen behandelt<footnote numbering="arabic" start="501">
                              <p> Die angewendeten Methoden, um den Ansprüchen an Schönheit gerecht zu werden, lassen den heutigen Leser &#8211; der dabei die &#8222;modernere&#8220; nicht vergessen sollte &#8211; oft schmunzeln, schrecken oder beides gleichzeitig. So haben wir z.B. im Werk von Adolfo Perinat und M. Isabel Marrades folgendes Beispiel aus <em>El Hogar y la Moda. </em>412.<em> </em>Mai 1918. S. 12 gefunden:</p>
                              <p> «[Als Antwort auf einen Brief] &#8222;Teeblume&#8220;, die sich über die ungenügende Weiße ihrer Hände beklagt hatte und angab, mehrere Verfahren erfolglos versucht zu haben, rät man ihre Hände täglich in einer Lösung von 2,5 g Schwefelsäure und zwei großen Gläser Wasser zu baden (&#8230;) Wenige Zeit nach den Eintauchen der Hände bekommen diese eine seltsame weiße Farbe, die später immerwährend bleibt.» Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad en España&#8230; </em>ed. cit. S. 136.</p>
                           </footnote>. Das Bild der Frau, das vermittelt wird, entspricht der allgemeinen gesellschaftlichen Vorstellung ihrer Rolle, Weichheit des Körpers oder Reinheit des Teints ohne Anzeichen einer körperlichen Tätigkeit usw.<footnote numbering="arabic" start="502">
                              <p> Über das französische Bild der Frau &#8211; das mittels der Presse das spanische beeinflusst &#8211; und seine Entwicklung im 19. Jh. siehe Perrot, Philippe: <em>Le travail des apparences ou les transformation du corps féminin. XVIII</em>
                                 <em>
                                    <sup>e</sup>
                                 </em>
                                 <em> &#8211; XIX</em>
                                 <em>
                                    <sup>e</sup>
                                 </em>
                                 <em> si</em>
                                 <em>è</em>
                                 <em>cle. </em>Paris: Editions du Seuil. 1991.</p>
                           </footnote>. Als Beispiel gelte folgende Wortspielerei: <em>Las treinta cosas que constituyen una mujer perfecta</em> (Die dreißig Sachen, die eine perfekte Frau ausmachen):</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N1376E" start="185"/>
                           <blockquote>
                              <p>«Die dreißig Sachen, die eine perfekte Frau ausmachen:<br/><br/>3 weiße Sachen: der Teint, die Zähne, die Hände<br/>3 schwarze Sachen: die Augen, die Augenbrauen, die Wimper<br/>3 rosige: die Lippen, die Wangen, die Nägel<br/>3 lange: der Körper, die Haare, die Hände<br/>3 kurze: die Zähne, die Ohren, die Füße<br/>3 breite: die Brust, die Stirn, der Raum zwischen den Augenbrauen<br/>3 feine: der Mund, die Taille und das Schienbein<br/>3 beleibte: der Arm, der Oberschenkel, die Wade<br/>3 dünne: die Finger, die Haare, die Lippen<br/>3 kleine: der Kopf, das Kinn und die Nase<footnote numbering="arabic" start="503">
                                    <p> Las treinta cosas que constituyen una mujer perfecta (Die dreißig Sachen, die eine perfekte Frau ausmachen) In: <em>La Ilusión.</em> 9.<em> </em>1850. Zitiert in Jiménez Morell, Inmaculada: <em>La prensa femenina en España&#8230; </em>ed. cit. S. 80.</p>
                                 </footnote>»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>Am Ende des Jahrhunderts erwecken, wie in dem Rest Europas, Hygiene, Sport und körperliche Ertüchtigung großes Interesse in der Bevölkerung. Dadurch entsteht ein neues Verständnis des weiblichen Körpers, welches auch in den Salonmagazinen diskutiert wird. Man plädiert unbedingt für eine gesunde körperliche Erziehung, sie soll allerdings das in der Gesellschaft etablierte Bild der Weiblichkeit nicht angreifen oder gar verändern. So schreibt man z.B.: </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N137A3" start="186"/>
                           <blockquote>
                              <p>«Zweifellos verabscheut die moderne Erziehung der Frau diese männlichen Übungen [des Sports im Allgemeinen] und unsere Sitten erlauben nicht die von ihnen zwischen beiden Geschlechtern vorgeschriebene Promiskuität. Aber gut verstandene Gymnastik ist so unentbehrlich für Mädchen wie für Jungen, denn ohne sie gibt es, wie die Mütter schon wissen, weder Kraft, noch Schönheit<footnote numbering="arabic" start="504">
                                    <p> Fonssagrave, J.B.: La Gimnastica en la educación de las niñas (Die Gymnastik in der Mädchenerziehung). In: <em>Instrucción para la Mujer. </em>4. 16<em>-</em>IV-1882. S. 52. </p>
                                 </footnote>.»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>Der Autor appelliert vor allem an die Mütter, denn er sieht in deren Eitelkeit hinsichtlich der Schönheit ihrer Töchter einen Vorteil für seine Kampagne. Ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts begleiten die Damen des Hofes die königliche Familie bei ihren Sommeraufenthalten an der Atlantikküste; dort werden weiblich geeignete Sportarten, wie Tennis, Krocket u.a. praktisiert, die in den entsprechenden Kreisen Mode werden. Später beginnen Frauen der gehobenen Schichten sogar an sportlichen Wettkämpfen, über die in den Frauenmagazinen berichtet wird, teilzunehmen. Tennismeisterinnen z.B. erlangen in diesen sogar eine gewisse Berühmtheit<footnote numbering="arabic" start="505">
                              <p> Perinat, Adolfo, María M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad en España&#8230; </em>ed. cit. S. 134.</p>
                           </footnote>. Natürlich ziehen sich solche Interessen und Chancen nicht über alle Schichten der Gesellschaft hindurch, sondern bleiben ein Privileg der oberen Klassen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein.</p>
                        <p>
                           <link id="_Toc172444433"/>
                        </p>
                     </part>
                  </subblock>
                  <subblock id="N137D1" label="II.5.4.4.2">
                     <head>Die Literatur</head>
                     <p>
                        <citenumber id="N137D8" start="187"/>Den Zielen der weiblichen Magazine nach soll Literatur den klassischen Zweck des &#8222;Unterhaltens und Belehrens&#8220; erfüllen. Die Literaturteile dieser Publikationen halten sich entsprechend ihrer sozialen und moralischen Einstellung an diese Maxime und üben eine Bevormundung der Leserin aus. Die Literaturkritik teilt die Lektüre &#8211; je nach moralischer Vorstellung &#8211; in für die Leserin &#8222;gute&#8220; und &#8222;schlechte&#8220; Lesestoffe, die ersten werden gepriesen, die zweiten als schädigend verworfen. </p>
                     <p>
                        <blockquote>
                           <p>«Von dem Moment an, in dem das Mädchen das Lesen erlernt hat (&#8230;), muss alles, was man vor seine Augen setzt, seiner Fähigkeiten entsprechen und nützliche, gesunde Doktrinen enthalten. Wenn es das Alter der Vernunft und des Urteilsvermögens erreicht, lassen wir es Abhandlungen lesen, die die Frau bei der Erfüllung ihrer Bestimmung (&#8230;) zeigen und andere für sie gedachte Beschäftigungen. Das heißt Werke, die seine Intelligenz bilden und gleichzeitig kräftigen und es bei einem tugendhaften Leben unterstützen. </p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N137E7" start="188"/>
                        <blockquote>
                           <p>Aber, was geschieht normalerweise in den Familien, wenn die Mädchen die Mauern der Schule für immer verlassen? Entweder schließen sie ihre Bücher, um nie wieder darin zu blättern oder sie widmen sich mit der ganzen Leidenschaft einer unerfahrenen Seele der Lektüre von Werken, die, unter dem Vorwand, das Laster zu verdammen und das Gute zu preisen, das Herz vergiften, die Gefühle verwirren und die Phantasie eines jungen Mädchens mit gefährlichen Geistern füllen, so dass sie eines Tages, weil sie eine phantastische Heldin nachahmen wollte, mit der bitteren Realität des Lebens zusammenstößt, als sie kurz vor ihrem Unglück steht oder gar schon in den Abgrund des Verderbens gefallen ist<footnote numbering="arabic" start="506">
                                 <p> Gil y Martínez, Simona: Educación de la mujer II (Bildung der Frau ,2. Teil). In: <em>La Mariposa. </em>
                                    <em>Periódico D</em>
                                    <em>e</em>
                                    <em>dicado a las Señoras y&#8230; </em>24. 16-IV-1867. S.3.</p>
                              </footnote>. »</p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>Weibliche Magazine sind keine moralische Instanz, die wie die Kirche Lektüren verbieten kann; Anspruch erhebend auf ihre höhere Lesekompetenz, versuchen sie in ihrer freundschaftlich &#8211; fast mütterlich &#8211; ratgebenden Funktion, die Leserin von den schädlichen Lektüren abbringen zu können. Da die Journalistinnen ein höheres Maß an Wissen und Kompetenz für sich beanspruchen, übernehmen sie eine vormundschaftliche Rolle der Leserin gegenüber; sie wissen welche Lektüren sich für die Damen und Mädchen schicken und schaffen, dank journalistischer und sprachlicher Mittel, ein Klima des Vertrauens, damit die Leserin ihren Rat befolgt. </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N1380A" start="189"/>In den weiblichen Magazinen finden wir verschiedene Arten von Artikeln, die sich mit unterschiedlichen Themen des literarischen Schaffens beschäftigen. Darunter finden wir z.B.: kritische Kommentare über Neuerscheinungen<footnote numbering="arabic" start="507">
                           <p> Siehe z.B. Sinués de Marco, María del Pilar: Poesías del Señor Don José Lamarque de Novoa (Gedichte<em> </em>von Herrn José Lamarque de Novoa). In: <em>El Ángel del Hogar. </em>30-IV-1868. S. 123-125; Grassi de Cuenca, Ángela: Una<em> </em>herencia<em> </em>trágica<em> </em>por Doña María del Pilar Sinués (Ein tragisches Erbe<em> </em>von Frau María Pilar Sinués). In: <em>El Correo de la Moda. </em>10. April 1883. S. 108-110. Beide Artikel wiedergegeben in Sánchez LLama, íñigo (Hrsg.): <em>Antología de la prensa periódica&#8230; </em>ed. cit. S. 204-206.<em> </em>S. 128f.; Siehe auch Poesías de la Señorita Doña Ángela Grassi (Gedichte von Fräulein Á. Grassi). In: <em>La Mujer. Periódico escrito por una&#8230; </em>34. 21-III-1852. S. 1f.</p>
                           <p>Diese Art von Artikeln erscheint entweder unregelmäßig und verstreut in der Zeitschrift oder in einer Abteilung, die z.B. den Namen <em>Bibliografía </em>(Bibliographie) wie in <em>El Tocador, Publicaciones Nuevas </em>(Neue Erscheinungen) wie in <em>El Correo de las Damas </em>oder <em>Variedades</em> (Verschiedenes) in <em>La Mujer. Revista General&#8230;</em> Aber auch diese Sparten erscheinen unregelmäßig.</p>
                        </footnote> aus dem In- und Ausland, häufig über in der Zeitschrift publizierende Autoren und Autorinnen, aber auch über Klassiker, bewertende Biographien<footnote numbering="arabic" start="508">
                           <p> Siehe z.B. Sinués de Marco, María del Pilar: Federica Broemer. In: <em>El Ángel del Hogar.</em> 16-V-1866; wiedergegeben in Sánchez LLama, íñigo (Hrsg.): <em>Antología de la Prensa Periódica&#8230; </em>ed. cit.S.198f. Sehr interessant ist in diesem Fall die positive Kritik über eine nicht katholische Schriftstellerin. Positiv fallen auch die Kommentare über die Werke Victor Hugos aus, während die Romane Sues in <em>La Elegancia. Boletín del Buen Tono</em> leicht kritisiert werden. Siehe Victor Hugo. In: <em>La Elegancia. Boletín&#8230;</em> S. 106-108. S. 122-225;<em> </em>B.: Eugenio Sue. In: <em>La El</em>
                              <em>e</em>
                              <em>gancia. </em>
                              <em>Boletín&#8230; </em>S. 138f. S.147f. </p>
                           <p>Siehe auch die Artikelreihe Galería de Mujeres Notables (Reihe bedeutender Frauen) in der Zeitschrift <em>La Ilustrac</em>
                              <em>i</em>
                              <em>ón de la Mujer</em> (1883-1887). </p>
                        </footnote>, Nachrufe<footnote numbering="arabic" start="509">
                           <p> Siehe z.B. Grassi de Cuenca, Ángela: Necrología: Doña Gertrudis Gómez de Avellaneda (Nachruf: Frau Gertrudis Gómez de Avellaneda). In: <em>El Correo de la Moda. </em>26. Februar 1873. S. 57. Wiedergegeben in Sánchez LLama, íñigo (Hrsg.): <em>Antología de la prensa periódica&#8230; </em>ed. cit. S. 119f. Die Zeitschrift <em>La Mujer. Periódico Escrito por una Sociedad&#8230; </em>übernimmt z.B. den Artikel Ensayo sobre la literatura española contemporánea (Essay über die zeitgenössische spanische Literatur) von Anita George in den USA erschienen, weil er über die Mitarbeiterin der Zeitung Carolina Coronado spricht. Siehe George, Anita: Ensayo sobre la literatura española contemporánea. Carolina Coronado&#8230; ed.cit.</p>
                        </footnote> oder andere Würdigungen<footnote numbering="arabic" start="510">
                           <p> Siehe z.B. García de Balmaseda, Joaquina: Rosario de Acuña en el Ateneo Científico y Literario de Madrid (Zum Auftritt Rosario de Acuñas in dem Ateneo Científico y Literario in Madrid). In: <em>El Correo de la Moda. </em>2-III-1884. S. 134; wiedergegeben in Sánchez LLama, íñigo (Hrsg.): <em>Antología de la prensa periódica&#8230; </em>ed. cit. S. 235f. </p>
                        </footnote> und Überlegungen über literarische Gattungen oder Strömungen im Allgemeinen, die zu den literarischen Polemiken der Zeit gehören.</p>
                     <p>Nehmen wir als Beispiel der in den Frauenblättern vertretenen Meinung über Literatur einige Abschnitte des Artikels <em>La influencia de la novela en la imaginación de la m</em>
                        <em>u</em>
                        <em>jer </em>(Der Einfluss des Romans auf die Imagination der Frau):</p>
                     <p>
                        <blockquote>
                           <p>
                              <citenumber id="N138A6" start="190"/>«Der Einfluss des Romans auf die Imagination der Frau kann wohltuend oder schadend sein; wenn der Roman die Vorstellungskraft der Frau nur mit der Erzählung sonderbarer Ereignisse zu verwundern versucht, dann erfüllt er nicht seine Aufgabe und man kann von ihm keinen Nutzen ziehen; aber wenn der Roman die Gefühle der Frau zum Edelherzigsten hinauf zu erheben versucht &#8211; die Tugend verherrlichend, die Laster verhasst machend und die ungezügelten Leidenschaften bereinigend &#8211;, dann werden die Vorteile, die sie daraus gewinnt, unermesslich. Der Roman ist ein zweischneidiges Schwert, gut geführt schützt er, aber von einer ungeschickten mörderischen Hand geführt, tötet er. Wenn die Frauen sich von dem Glanz des Stils, der Neuheit der Form und dem Schmuck der Fantasie bezaubern lassen, suchen sie nicht mehr in den trockenen philosophischen und lehrenden Büchern nach nützlichen Wahrheiten, nach moralischen Sentenzen und weisen Ratschlägen, die ihnen der Roman ebenso gut &#8211; aber in verführerischem Gewand &#8211; anbieten kann. (&#8230;)</p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>
                        <blockquote>
                           <p>Der tiefsinnige und philosophische Balzac ist als Romanschreiber ein Modell des eleganten Realismus, er bildet das Leben mit meisterlicher Hand nach, und mit meisterlicher Hand verschönert er es auch. (&#8230;) Die realistischen Schriften &#8211; mit gutem Gewissen &#8211; verwirren weniger die Phantasie der Frau als die romantischen Schriften. Kämpfen wir, die Fahne der Schönheit erhebend, für die Ideen des Realismus und machen wir aus dem Schönen die Religion unseres Verstandes, (&#8230;). </p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N138B7" start="191"/>
                        <blockquote>
                           <p>Die Frau lässt sich von einigen Romanen begeistern, sie schafft sich unbekannte Welten und findet die reale sehr öde. An die glänzenden Szenen gewohnt, die der Pinsel des Autors ihr anbietet, an die lebendigen Emotionen, an die wunderbaren Schönheiten, die heldenhaften Charakterzüge, die unermesslichen Leidenschaften, die ungewöhnlichen Ereignisse und die Poesie, die alles in Blumen verwandelt, was sie umgibt, findet sie dann das wirkliche Leben sehr schäbig<footnote numbering="arabic" start="511">
                                 <p> Dieser Artikel, der unserer Ansicht nach, die Idee der Literaturkritik in den Salon- und Modemagazine so gut widerspiegelt, wurde in keiner der von uns untersuchten Publikationen herausgegeben, sondern in einer Zeitschrift für das allgemeine Publikum, trotzdem entscheiden wir uns für ihn, denn er könnte in vielen Modemagazinen erschienen sein, hätte die Autorin in diesem Fall nicht eine breitere Öffentlichkeit gesucht. Gimeno De Flaquer, Concepción: La influencia de la novela en la imaginación de la mujer. In: <em>El Álbum Ibero-Americano. </em>30-III-1892. S. 134-136; 7-IV-1892. S. 148-149 und 14-IV-1892. S. 161-165. Wiedergegeben in Sánchez LLama, íñigo (Hrsg.): <em>Antología de la prensa periódica&#8230; </em>ed. cit.<em> </em>S.266-269. Andere inhaltlich ähnliche Artikel sind z.B.: J.M.L.: De los libros (Über die Bücher). In: <em>La Silfide. </em>
                                    <em>Periódico Me</em>
                                    <em>n</em>
                                    <em>sual de Literatura. </em>Januar 1846. S. 81f,; De la lectura (Über das Lesen). In : <em>El Correo de las Damas. </em>11. 21-III-1835. S. 82. Siehe auch Fernán Caballero im Anhang C. </p>
                              </footnote>.»</p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>Die Autorin schreibt weiter über Texte, die besonders schädlich für die weibliche Sensibilität sind, nämlich die Schaffungen romantischer Autoren, wie Pierre-Alexis Ponson du Terrail, Ann Radcliffe, Giacommo Leopardi, Heinrich Heine, José de Espronceda oder Vanini. Sie können die schlimmsten Bewusstseinsstörungen erzeugen und zu physischen Krankheiten führen. Diese damals gängige Theorie wird mit der Geschichte einer jungen Bekannten der Autorin untermauert. So lange, dank ihrer Bildung, die Ratio der Frau nicht gestärkt, ihr Verstand gebildet und ihre Imagination gezügelt wird, sind &#8222;schlechte&#8220; Lektüren verhängnisvoll für sie. Alexadre Dumas<footnote numbering="arabic" start="512">
                           <p> Wird nicht spezifiziert ob Vater oder Sohn, vielleicht waren beide gemeint.</p>
                        </footnote> und Eugène Sué haben viele Gewissen verwirrt, ebenso schlecht sind Gustavo Droz, Georges Feydeau oder Adolfo Belot und viele andere Autoren, die sich dank skandalöser Texte, wie <em>Nana</em> (1880) von Zola, berühmt zu werden versuchen. Andererseits gibt es gebildete Romanciers, wie Juan Valera, Benito Pérez Galdós, Pedro Antonio de Alarcón, Castro y Serrano, José María de Pereda, Emilia Pardo Bazán, Carlos Frontaura und andere, die in ihrer literarischen Produktion wunderbare Modelle des guten Schreibens anbieten. Das beste Beispiel wäre Teodoro Guerrero, dessen Werke die Ungewitter der Seele besänftigen, denn wenn man sie liest, atmet man den Duft des Glückes, bei ihm ist alles friedlich und für das Herz angenehm. Gimeno De Flaquer animiert ihre Leserinnen, gute und nützliche Bücher zu lesen; diese sollten ihre beliebtesten Juwelen werden. Gute Bücher sind gute Begleiter, die die Einsamkeit lindern, die Langeweile vertreiben, die Instinkte bilden und den Geist erheben. Weiter schreibt die Autorin mit ähnlichen Worten über die Lyrik. </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N138F1" start="192"/>Im Großen und Ganzen beschreibt dieser Artikel die von den weiblichen Magazinen vertretene Meinung bezüglich des Lesens literarischer Texte. Die gleichen oder ähnlichen Ansprüche werden an die Produktion von Lyrik oder dramatischen Texten gestellt, ebenso werden ähnliche Kritiken ausgeübt. Nur die zitierten Namen von Autoren können variieren, je nach konservativer oder liberaler Besinnung der Publikation.</p>
                     <p>
                        <link id="_Toc172444434"/>
                     </p>
                  </subblock>
                  <subblock id="N138FC" label="II.5.4.4.3">
                     <head>Die Bildung</head>
                     <p>Ab 1845, parallel zur Entwicklung der bürgerlich liberalen Gesellschaft und des Schulsystems in Spanien<footnote numbering="arabic" start="513">
                           <p> Siehe Kapitel zwei «Bildung und&#8230;» in dieser Arbeit.</p>
                        </footnote>, treten in Zeitschriften und Zeitungen neue Themen wie die Bildung und Erziehung der Frau auf. Viele an sie gerichtete Publikationen übernehmen dieses Thema in einer Fülle von Artikeln; unter dem Vorwand der praktischen Ratschläge und in einer sentenziösen Sprache wird das Ideal der bürgerlich weiblichen Erziehung verbreitet, das sich von dem bis dahin angewendeten, eher aristokratischen Modell wenig unterscheidet. Als wichtigster Grund für die Notwendigkeit der Besserung der Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen für Mädchen wird ständig der Einfluss, der von den Frauen auf die Männer und dadurch auf die Gesellschaft ausgeübt wird, angegeben. Darüber hinaus soll die Frau auf die von der Gesellschaft für sie bestimmten Aufgaben besser vorbereitet sein. Sie lernt dabei, den moralischen Vorstellungen der Zeit gerecht zu werden, sexueller Verführung zu widerstehen und sich dem Mann gegenüber zu unterwerfen, nicht nur innerhalb der Familie als Tochter, Ehefrau oder Mutter, sondern auch in der Öffentlichkeit. </p>
                     <p>Die Vorstellung der Frau als nicht rationelles Wesen<footnote numbering="arabic" start="514">
                           <p> Siehe z.B. das Kapitel El Talento (Das Talent) in Catalina, Severo: <em>La Mujer&#8230; </em>ed.cit S. 168-178 oder das Kapitel El Estudio (Das Lernen) in: Ebenda. S. 190-196.</p>
                        </footnote> ändert sich allmählich und es wird in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts prinzipiell akzeptiert, dass die Frau nicht nur fühlen, sondern auch denken kann, denken darf und soll. Um diese Fähigkeit ausüben zu können, muss indes zuerst ihr Verstand gebildet werden:</p>
                     <p>
                        <citenumber id="N1391C" start="193"/>
                        <blockquote>
                           <p>«Die Kunst des Denkens, die erhabene Kunst den Verstand zur Untersuchung der Wahrheit zu lenken, soll nicht nur allen Jungen, die Bildung bekommen, beigebracht werden, sondern es wäre auch sehr vorteilhaft, wenn das schöne Geschlecht, das unsere Sitten so stark beeinflusst und auf diese Weise einen wichtigen Anteil an das Glück des Mannes hat, diese Kunst auch lernte. Weil dieses entzückende Geschlecht diese Kunst nicht kennt, ist es selbst manchmal Opfer der Fehler und Irreführungen seines Verstandes; andere Male leiden wir [die Männer] unter den Folgen, die sich daraus ergeben, dass unsere liebsten Menschen die Regeln des Denkens nicht kennen. (&#8230;)</p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>
                        <blockquote>
                           <p>
                              <citenumber id="N1392C" start="194"/>Die Zeit ist gekommen, ihr intellektuelles Niveau, das sehr niedrig ist, zu bessern, sie aus der übermäßigen Apathie und Interesselosigkeit ihrer Erziehung herauszunehmen, und damit den Klagen einiger, die den Frauen ihre Frivolität und die Leichtfertigkeit ihrer Urteile vorwerfen, die Grundlage zu entziehen<footnote numbering="arabic" start="515">
                                 <p> Ideología (Ideologie). In: <em>El Defensor del Bello Sexo. </em>1. 14-IX-1845. S. 1</p>
                              </footnote>.»</p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>Wenn die Frau von ihrem &#8211; dank der Bildung &#8211; entwickelten Verstand Gebrauch macht, wird vor allem der Mann den besten Nutzen daraus ziehen, deswegen soll er diese verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen:</p>
                     <p>
                        <blockquote>
                           <p>
                              <citenumber id="N13946" start="195"/> «Entwickelt ihre Intelligenz, führt ihr Herz und die Belohnung für dieses Verhalten wird der Mann erhalten<footnote numbering="arabic" start="516">
                                 <p> Pirala, Antonio: Enaltecimiento de la Mujer (Preis der Frau). In: <em>El Correo de la Moda, </em>18. November 1856. S. 1.</p>
                              </footnote>. »</p>
                        </blockquote>
                     </p>
                     <p>Die für die Mode- und literarischen Zeitschriften schreibenden Frauen vertreten die gleiche Botschaft und verbreiten sie in ähnlichen Tönen. Ihrerseits würden sie nie etwas anderes wagen, nie ein anderes Ziel für ihre Kampagne haben, als bessere Anleitungen zu verlangen, um perfektere Ehefrauen und Mütter zu werden. Die von diesen Veröffentlichungen verlangte weibliche Bildung sieht für die Autorinnen eine von der Natur bestimmte Geschlechtertrennung vor. Die Natur der Frau wird immer noch von der Natur des Mannes unterschieden<footnote numbering="arabic" start="517">
                           <p> Der aufklärerische Diskurs der Weiblichkeit, vor allem aber Rousseaus, prägt bis in das 20. Jh. hinein das Verständnis über das Dasein der Frauen und definiert die naturbedingten Geschlechtsunterschiede. Siehe das Kapitel eins «Die spanische Frau&#8230;» dieser Arbeit.<em> </em>
                           </p>
                        </footnote>. Die ungleiche soziale Rolle der Geschlechter, die zum Teil auf diese naturbedingten Unterschiede fußt, wird auch im Bereich der Bildung berücksichtig. Die <em>raison d&#8217;être</em> der Frau ist die Familie, die sie selbst gebären wird. Der Mann ist Kopf und Arm dieser Familie, die Frau ist ihr Herz und ihr Schoß. Ihre unterschiedlichen Schicksale sind von der Natur bestimmt worden, von ihren natürlichen Qualitäten: «<em>Der Mann denkt und </em>
                        <em>a</em>
                        <em>giert, die Frau liebt und lobt</em>
                        <footnote numbering="arabic" start="518">
                           <p> Smitd, S. M.: In: <em>La Floresta</em>. 10. Juli 1857. S. 2.</p>
                        </footnote>.» </p>
                     <p>Ihm sind die Forschung, die Wissenschaft und die körperliche Arbeit vorbehalten. Sie ist für die Hausarbeit, für die moralische Erziehung der Kinder geboren. Die Natur und die weibliche Beschaffenheit verleiten dazu, dass das Mädchen ihre Kindheit und Jugend bis zur Heirat unter der Obhut der Mutter verbringt. Durch den engen Kontakt soll jede Generation die Werte der älteren übernehmen und bewahren. Den Mädchen werden die Werte der Religion und der herrschenden Moral, sowie gute Manieren beigebracht. </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N13981" start="196"/>Salon- und Modezeitschriften spielen ihrerseits eine große Rolle im Bildungsprozess der Mädchen, sie werden von den Schulen und ähnlichen Institutionen abonniert<footnote numbering="arabic" start="519">
                           <p> Die Kosten wurden als Lehrmaterial vom Ministerium erstattet.</p>
                        </footnote> und als Lehrmaterial benutzt. Aus diesen Publikationen entnehmen die lehrenden Kräfte die Muster für Näh- und andere Handarbeiten, die &#8211; wie schon bekannt &#8211; einen großen Teil der weiblichen Ausbildung ausmachen. Überdies ergänzten die Erläuterungen über Manieren, Mode und Schönheit, sowie die Artikel über Literatur, über allgemein &#8222;weibliches&#8220; Wissen usw. die Mädchenerziehung. Das Abonnieren einer Zeitschrift war für die Schulen quasi eine Pflicht<footnote numbering="arabic" start="520">
                           <p> So schreibt zum Beispiel die Zeitschrift <em>La Guirnalda </em>(1867-1883) in ihrem Werbeprospekt für das Jahr 1877 unter der Überschrift «Advertencia Importante» (Wichtiger Hinweis):</p>
                           <p>«(&#8230;) Ein großer Teil der Rathäuser betrachtet die Kosten für <em>La Guirnalda</em> als Teil der Materialausgeben in den Mädchenschulen und kein Gemeinderat wird die für den Kauf der Alben benötigte Summe ablehnen, wenn sie berücksichtigen, dass die Mappen mit Zeichnungen und die Alben aller Art, die die Zeitschrift herausgibt, im Bezug auf das Erlernen der Stickereien genauso wichtig sind wie die Bücher für das Lesen oder die Buchstabentafeln für das Schreiben. Aus diesem Grund geben wir den Lehrerinnen Quittungen, damit sie sie bei der Abrechnung als Nachweis vorlegen können.» Prospecto para 1877&#8230; ed.cit.</p>
                        </footnote>; da das Bildungsministerium ab 1845 die Lehrpläne und Lehrmaterialien bestimmte, war offizielle Empfehlung ein großes Glück für eine Publikation und deren Herausgeber. 1864 erreichte zum Beispiel Faustina Sáez de Melgar, die zusammen mit ihrem Ehemann gute Beziehungen mit der Entourage der königlichen Familie pflegte<footnote numbering="arabic" start="521">
                           <p> Simón Palmer, M. del Carmen: <em>Revistas femeninas madrileñas&#8230;</em>ed.cit. 1993. S.8.</p>
                        </footnote>, einen spektakulären Erfolg<footnote numbering="arabic" start="522">
                           <p> Aber die Freude währte nicht lange, denn ein Monat, nach dem sie in Kraft getreten war, wurde die Bestimmung wieder außer Kraft gesetzt. </p>
                        </footnote>, als die von ihr herausgegebene Zeitschrift <em>La Violeta</em> (1862-1866) zum offiziellen Lehrbuch erklärt wurde<footnote numbering="arabic" start="523">
                           <p> Sánchez Llama, Íñigo: <em>Galería de escritoras isabelinas&#8230;</em> ed. cit.<em> </em>S. 193.</p>
                        </footnote> und für die Fachhochschulen für Lehrerinnen und für das Sekundarschulwesen der Mädchen empfohlen wurde<footnote numbering="arabic" start="524">
                           <p> Real Orden autorizando a las Escuelas Normales de Maestras y Superiores de Niñas a suscribirse a la <em>La Violeta. </em>(Königliche Bestimmung, die den Fachhochschulen für Lehrerinnen und den Sekundären Mädchenschulen die Erlaubnis erteilt, die Zeitschrift <em>La Violeta </em>zu abonnieren) In: <em>La Violeta.</em> 1.<em> </em>4-XII-1864. S. 1f.</p>
                        </footnote>. Andere weibliche Publikationen wie <em>La Educanda </em>(1861- 1866) kritisierten &#8211; wenn auch leise &#8211; diese Bevorzugung<footnote numbering="arabic" start="525">
                           <p> Vera, Pedro de: A las señoras suscriptoras. In: <em>La Educanda.</em> 35.<em> </em>31-XII-1864. S. 377. </p>
                           <p>Ein harscherer Vorwurf wegen ihrer &#8222;politischen&#8220; Aktivitäten und aufgrund dieser Angelegenheit wurde Sáez de Melgar Jahre später &#8211; 1871 als sie Herausgeberin von <em>La Mujer. Revista de Instrucción General para el Bello Sexo</em> war &#8211; seitens der republikanischen Zeitung <em>La Igualdad </em>und der progressisten <em>La Iberia </em>gemacht. Sie verteidigte und beschwerte sich in einem Brief vom 28-VI-1871 bei beiden Zeitungen, der auch in <em>La Mujer</em> erschien. Darin erklärt Sáez de Melgar, dass sie dieses Privileg dank ihres Freundes und damaligen Direktors des Amtes für Öffentliche Erziehung bekommen hatte, aber da die Bestimmung nur einen Monat danach außer Kraft gesetzt wurde, bedeutete dies den finanziellen Ruin der Zeitschrift, die große Summen für Materialkauf und Werbung ausgegeben hatte. Sáez de Melgar, Faustina: Comunicado dirigido a <em>La Igualdad</em> (An die Zeitung <em>La Igualdad</em>). In: <em>La Mujer. </em>5. 8-VIII-1871. S. 6f.; wiedergegeben in Sánchez Llama, Iñigo (Hrsg.): <em>Antología de la prensa periódica isabelina&#8230;</em>ed.cit. 158f.</p>
                        </footnote>. Als nach der Wende zum 20. Jh. die Wesentlichkeit der Handarbeiten allmählich bei der Mädchenerziehung abnahm, verloren die Modezeitschriften diese wichtige Klientel. </p>
                     <p>
                        <link id="_Toc172444435"/>
                     </p>
                  </subblock>
               </block>
               <block id="N13A0A" label="II.5.4.5">
                  <head>Feministische Presse</head>
                  <p>Die traditionelle und sehr konservative spanische Gesellschaft verharrt lange Zeit auf ihre Position der Frauenfrage gegenüber, so dass man in Spanien erst ab den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts von einer organisierten Frauenbewegung sprechen kann<footnote numbering="arabic" start="526">
                        <p> Über den spanischen Feminismus und seine geschichtliche und inhaltliche Entwicklung gibt es unzählige Artikel, Abhandlungen und Studien. Über die emanzipatorischen Bestrebungen der Frau im 19. Jh. siehe z.B.: Pardo Bazán, Emilia: <em>La mujer española&#8230; </em>ed.cit. Arenal, Concepción: <em>La emancipación de las muj</em>
                           <em>e</em>
                           <em>res. </em>Hrsg.: M. Armiño. Madrid: Biblioteca Júcar. 1974; Cambria, Rosario: Womens&#8217; rights in Spain: it all began with Concepción Arenal. In: <em>The American Hispanist. </em>17. Bd. II. 1977. S. 7-10. Über das 20. Jh. siehe Capmany, Maria Aurèlia: <em>La Dona.</em> Hrsg.: G.-J. Graells. Barcelona: Columna. 2000; Werke, die das Thema im Allgemeinen behandeln sind z.B. González, Anabel: <em>Los orígenes del feminismo en España. </em>Madrid: Zero. 1980; Folguera, P., I. Cabrera Bosch (Hrsg.):<em> El feminismo en España: Dos siglos de historia.</em> Madrid: Pablo Iglesias. 1988; Scanlon, Geraldine: <em>La polémica fem</em>
                           <em>i</em>
                           <em>nista en la España&#8230;</em> ed.cit. </p>
                     </footnote>. Trotzdem zeigen sich schon Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Ansätze feministischer Organisationen in politischen, künstlerischen oder intellektuellen Frauenvereinen und Kreisen, die sich nach angelsächsischem und französischem Vorbild langsam im ganzen Lande bilden. </p>
                  <p>Für die in einigen europäischen Ländern und den USA fast gleichzeitig entstandenen Frauenbewegungen gelten das Persönlichkeitsideal der Aufklärung und die Leitprinzipien der Französischen Revolution als programmatisches Gedankengut. Texte, wie die <em>Decl</em>
                     <em>a</em>
                     <em>ration des droits de la femme et de la citoyenne</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="527">
                        <p> Siehe Gouges, Olympe de: <em>Écrits politiques. 1792-1793. </em>Bd II. Paris: Côte-Femmes. 1993.</p>
                     </footnote>
                     <em> </em>(1791) von Olympe de Gouges, in dem eine rechtliche, politische und soziale Gleichstellung der Frau gefordert wird oder das von der Britin Mary Wollstonecraft verfasste Plädoyer für die soziale und rechtliche Gleichstellung der Frau <em>A vindication of the rights of women</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="528">
                        <p> Wollstonecraft, Mary: <em>A vindication of the rights of woman: with structures on political and moral o</em>
                           <em>b</em>
                           <em>jects.</em> Hrsg.: U.H. Hardt. Troy, N.Y.: Whiston Publications Co. 1982.</p>
                     </footnote>
                     <em> </em>(1796) wurden, dank zahlreicher Übersetzungen, zur Grundlage der internationalen Frauenbewegung. Seit den dreißiger Jahren organisierte sich in Frankreich<footnote numbering="arabic" start="529">
                        <p> Moses goldeberg, Claire: <em>French feminism in the nineteenth century. </em>Albany. N.Y.: State University of New York Press. 1984; Riot-Sarcey, Michele: <em>Histoire du féminisme. </em>Paris: Éd. La Découverte. 2000. Zum Vergleich siehe zur Geschichte der feministischen Bewegung in Deutschland Nave-Herz, Rosemarie: <em>Die Geschichte der Fra</em>
                           <em>u</em>
                           <em>enbewegung in Deutschland.</em> 5. überarb. und erg. Aufl.. Hannover : Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung. 1997; für Italien siehe u.a. Pieroni Bortolotti, Franca: <em>Alle origini del mov</em>
                           <em>i</em>
                           <em>mento femminile in Italia (1848-1892). </em>Turin: Giulio Einaudi. 1963. </p>
                     </footnote> eine radikalfeministische Bewegung in Einklang mit den utopischen Gesellschaftstheorien des Frühsozialismus, insbesondere mit der des Saint-Simonismus<footnote numbering="arabic" start="530">
                        <p> Thomas, Edith: <em>P. Roland. Socialisme et féminisme au XIX</em>
                           <em>
                              <sup>e</sup>
                           </em> <em>siécle. </em>Paris: Rivière, 1958; Anteghini, Alessandra: <em>Socialismo e feminismo nella Francia del XIX secolo. </em>
                           <em>Jenny d&#8217; Hericourt. </em>Genova: ECIG. 1988 Flora, Tristan: <em>Arbeiterunion. Sozialismus und Feminismus im 19. Jh.. </em>Frankfurt M: ISP Verlag. 1988. Siehe das Kapitel über die revolutionären Frauenzeitschriften in dieser Arbeit ab Seite 214.</p>
                     </footnote>. Die eng mit den Zielen der Revolution von 1848 verbundene darauf folgende Generation französischer Frauen stellte weitere Forderungen, wie die Verbesserung der Lage der Frau der Arbeiterklassen und das allgemeine Wahlrecht<footnote numbering="arabic" start="531">
                        <p> Verjus, anne: <em>Le cens de la famille: les femmes et le vote, 1789 &#8211;1848. </em>Paris: Belin. 2002.</p>
                     </footnote>. In den USA wird 1848 die <em>Seneca</em> <em>Falls</em> Erklärung<footnote numbering="arabic" start="532">
                        <p> Crewe, Sabrina, Dale Anderson:<em>The seneca falls women's rights convention</em>. Milwaukee, WI: G. Stevens Publications. 2005.</p>
                     </footnote> veröffentlicht, die den Anfang der dortigen, organisierten Frauenbewegung, die die sozialen, zivilen und religiösen Rechte der Frau postuliert, bedeutet. Dieser Aufruf &#8211; sowie alle anderen vorangegangenen &#8211; fand in Spanien fast keine Resonanz. Die Lage der ersten spanischen Feministinnen ist &#8211; wenn man ihre eigenen Aussagen bedenkt &#8211; sehr widersprüchlich, einerseits treten sie mit dem gleichen Begehren, wie amerikanische, englische oder französische Feministinnen auf, d.h. Unabhängigkeit, Selbständigkeit, Bildung, Recht auf Arbeit usw., andererseits wollen sie sich nicht von ihren traditionellen, &#8222;heiligen&#8220;, familiären Pflichten lösen, die sie an Heim und Mann binden. Die eklektischen und kompromissbereiten Tendenzen dominierten bis in das zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hinein. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13AC7" start="197"/>Als erste feministische periodische Veröffentlichung Spaniens wird oft <em>La Ilustrac</em>
                     <em>i</em>
                     <em>ón. Álbum del Bello Sexo </em>(Die Illustrierte. Album des schönen Geschlechts)<em> </em>(1845) genannt,<em> </em>aber von dieser Zeitung ist kein einziges Exemplar erhalten geblieben<footnote numbering="arabic" start="533">
                        <p> Siehe Fußn. 612.</p>
                     </footnote>.<em> </em>Da sie von der Schriftstellerin Gertrudis Gómez de Avellaneda, die eine der wenigen wahren Feministinnen des spanischen 19. Jahrhunderts &#8211; nach dem angelsächsischen Modell &#8211; war, herausgegeben wurde, liegt die Annahme nahe, dass die Publikation ihre Meinung inhaltlich vertrat.</p>
                  <p>Trotz aller Widersprüche erheben sich ab den fünfziger Jahren die ersten feministischen Stimmen im Lande. Sie werden in einigen weiblichen Publikationen ein Podium für die Verbreitung ihres Gedankengutes suchen und bei diesem Vorhaben in den meisten Fällen scheitern. Wir werden diese Entwicklung anhand einiger Beispiele erläutern.</p>
                  <p>Im Sommer 1851, nachdem Victor Schoelchers Initiative, die vor der französischen <em>Asambleè</em> das Petitionsrecht für Frauen forderte, in Spanien bekannt wird, benutzt die satirische Zeitung <em>El Sueco </em>(1851), von dem Demokraten und Fourierist Sixto Sáenz de la Cámara geleitet, diesen Anlass, sich über vermeintliche weibliche politische und soziale Ansprüche lustig zu machen. Die Redakteure der Zeitung schaffen die Figur Robustiana Covarruvias, die aus dem Dorf El Toboso &#8211; die Heimat Dulcineas &#8211; eine Art feministische Revolte initiiert und von dort über den Verlauf der Ereignisse berichtet. Die vermeintlichen weiblichen Forderungen, die Covarruvias stellt, sind in vielen Punkten nicht sehr entfernt von den Prinzipien der Demokratischen Partei. In einer Mischung aus Satire und Ernst &#8211; eigentlich ist es nicht möglich zu unterscheiden, wo das eine anfängt und das andere endet &#8211; wird die Gesellschaft kritisiert und einige soziale Erneuerungen für die Frauen thematisiert. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13AF3" start="198"/> Kurz danach erscheint die erste Veröffentlichung feministischer Art in Spanien, nämlich die Zeitschrift <em>Ellas. Órgano Oficial del Sexo Femenino </em>(Sie. Offizielles Organ des weiblichen Geschlechts) (1851), die von einer Gruppe von Frauen gestaltet wird. Sie wurde von Alicia Pérez de Gascuña geleitet und unter den Mitarbeiterinnen befanden sich u.a. Carolina Coronado, Ángela Grassi, Amalia Fenollosa, Dolores Cabrera Heredia oder Robustiana armiño de Cuestas. <em>Ellas </em>nimmt von Anfang an für sich in Anspruch eine unpolitische Veröffentlichung zu sein und nur die Schaffung besserer Bildungsmöglichkeiten und die Anerkennung der Frau als denkendes Wesen als Ziel zu verfolgen. Ihre Ansprüche bleiben weit hinter denen der angelsächsischen oder französischen Feministinnen. In der ersten Ausgabe der Zeitschrift geben sich die Autorinnen trotzdem kämpferisch, sie warnen die Männer vor ihren Angriffen und verkünden die Befreiung der Frau. Dazu schreiben sie:</p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>«Wir Amazonen des 19. Jahrhunderts streben danach, die Revolution zugunsten unserer Ideen nach vorne zu bringen, dazu rechnen wir mit der Hilfe unseres eigenen Geschlecht, das in Masse uns mit seiner Zunge und Feder helfen wird<footnote numbering="arabic" start="534">
                              <p> Die Redaktion: In: <em>Ellas. </em>
                                 <em>Òrgano Oficial del Sexo Femenino&#8230;</em> 1.1-IX-1851. S. 2. </p>
                           </footnote>.» </p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13B16" start="199"/>Sie möchten andererseits nicht zu weit gehen und schreiben weiter mit deutlich vorsichtigeren Tönen:</p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>«Wir kennen sehr gut unsere heiligen Pflichten in der Gesellschaft und auf keinen Fall würden wir die gegen alle guten Prinzipien der Moral und Religion stoßende vollständige Emanzipierung unseres Geschlechts begehren. Wir wollen uns nur verteidigen und bilden, dies sind kurzgefasst unsere Forderungen<footnote numbering="arabic" start="535">
                              <p> Ebenda S. 2.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13B2D" start="200"/>Ihre Aufrufe standen in keinem Verhältnis zu der damaligen gesellschaftlichen Realität und fanden deshalb kein Echo &#8211; mindestens kein positives &#8211; in der Bevölkerung und nicht mal bei den Frauen. Im Gegenteil, dieser erste spanische feministische Appell erhob in der täglichen Presse eine Welle der Entrüstung und bot ausreichend Motiv für Meinungsäußerungen über das Thema. Die Zeitung <em>Las Novedades, </em>die nahe der <em>Partido Pr</em>
                     <em>o</em>
                     <em>gresista </em>stand, schrieb zum Beispiel: </p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>«Ihr &#8222;Schreiberinnen&#8220; solltet lieber euren Mund versiegeln und nicht so viel Unsinn reden; widmet euch, ihr impertinenten Frauen, der Spindel und dem Spinnrad, dem Fegen und Abwaschen, dem Nähen und Bügeln und entweiht nicht mit euren Chimären den Tempel des Gesetzes und des Rechtes (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="536">
                              <p> In: <em>Las Novedades. </em>25-VIII-1851. S.6. Siehe auch Elorza, Antonio: Feminismo y socialismo en España&#8230; ed. cit. S. 52. <em> </em>
                              </p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13B56" start="201"/>Der anonyme Journalist spart in seinem Artikel nicht an &#8222;Komplimenten&#8220;, weder für die Redakteurinnen der Zeitschrift, noch für die Frauen im Allgemeinen, er bezeichnet sie als albern, dumm, eingebildet, Wirrköpfe und vieles mehr und beansprucht zusätzlich die verdiente männliche Überlegenheit über die Frauen.</p>
                  <p>Natürlich waren nicht alle Reaktionen auf den Leitartikel in <em>Ellas </em>so aufgebracht, aber auch wenn man davon ausgeht, dass die Herausgeberin und ihre Mitarbeiterinnen auf solche Entgegnungen vorbereitet gewesen sein sollten, konnten sie nicht &#8211; oder wollten sie nicht &#8211; standhalten, und die Zeitschrift schwächte schnell die Kraft ihrer Standpunkte ab und wurde zu einer literarischen und Modezeitschrift, die sich nicht mehr von anderen unterscheiden ließ. </p>
                  <p>In Oktober &#8211; von der dritten Ausgabe an &#8211; änderten die Herausgeberinnen den aussagekräftigen Untertitel <em>Órgano Oficial del Sexo Femenino </em>(Offizielles Organ des weiblichen Geschlechts)<em> </em>in <em>Gaceta del Bello Sexo </em>(Gazette des schönen Geschlechts), präsentierten eine reichere typographische Gestaltung und überließen der Mode viel mehr Raum als in den ersten zwei Ausgaben. Ab der fünften Ausgabe unterscheidet sie sich hinsichtlich ihrer Inhalte nicht mehr von einer Salon- und Modezeitschrift. In Januar 1852 wurde sogar ihr Titel geändert und hieß nicht mehr <em>Ellas, </em>sondern<em> Álbum de Señoritas. </em>
                     <em>Revista de Literatura, Educación, Novedades, Teatros y Modas </em>(Album für junge Frauen. Zeitschrift über Literatur, Bildung, Neuigkeiten, Theater und Mode) und ab Januar 1853 änderte sie definitiv ihren Namen in<em> Álbum de Señoritas y Correo de la Moda</em> (Album für junge Damen und Modekurier) mit dem Untertitel <em>Periódico del Bello Sexo. Modas, Lit</em>
                     <em>e</em>
                     <em>ratura, Bellas Artes, Teatros, etc. </em>(Zeitung des schönen Geschlechts. Mode, Literatur, schöne Künste, Theater usw.). Ende dieses Jahres wurde sie entweder geschlossen oder vielleicht<footnote numbering="arabic" start="537">
                        <p> Für Perinat wäre <em>Il Correo de la Moda </em>ein Nachfolger von <em>Ellas, </em>entstanden aus der Namensänderung, dies kann jedoch nicht stimmen, denn <em>El Correo de la Moda </em>wurde mit diesem Namen am 1-XI-1851 gegründet. Siehe Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad</em>&#8230; ed. cit. S. 25f.; Jiménez Morell stellt keine Verbindung zwischen beiden Publikationen, außer der Tatsache das zwischen Januar 1853 und Mai 1853 <em>Àlbum de Señoritas&#8230; </em>von der eigenen Druckerei von <em>El Correo de la Moda</em> gedruckt wurde. Siehe Jiménez Morell, Inmaculada: <em>La prensa femenina en España&#8230;</em> ed. cit.<em> </em>S. 174. Tatsache ist, dass &#8211; nach den Materialen, die in der spanischen Nationalbibliothek, zu finden sind&#8211; im Jahre 1853 <em>El Correo de la Moda </em>ihren Namen in <em>Àlbum de Señoritas y Correo de la Moda </em>änderte<em> </em>und erst 1856 ihren alten Namen <em>El Correo de la Moda</em> wieder übernahm. Weiter Änderungen von den Untertiteln beider Blätter sorgt für zusätzliche Verwirrung.</p>
                        <p>Die ständige Änderung von Titeln und Untertiteln, die wahrscheinliche Überscheidung dieser mit denen anderer Publikationen und vor allem das Fehlen von Exemplaren machen es unmöglich, das Schicksal dieser und leider auch vieler anderer Publikation mit Bestimmtheit zu rekonstruieren. Wir gehen davon aus, dass die Zeitschrift <em>Ellas</em> irgendwann mit <em>El Correo de la Moda</em> fusionierte oder nach ihrer Schließung von dieser übernommen wurde.</p>
                     </footnote> von dem fast gleichnamigen Modemagazin <em>Correo de la Moda, </em>das seit November 1851 erschien,<em> </em>übernommen. Nichts erinnerte an die feministischen Anfänge der Veröffentlichung und ihr Inhalt war dann eine Nachahmung der französischen Modezeitschriften.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13BBE" start="202"/>Schon in der zweiten Ausgabe präsentiert sich <em>Ellas </em>den potentiellen Abonnentinnen mit ganz anderen Worten als in der vorherigen. Die Herausgeberin und die Autorinnen kehren zurück zum allgemein bürgerlich konservativen Gedankengut und widerrufen ihre anfänglichen Ansprüche. Sie fühlen sich missverstanden, denn natürlich kennen sie die heiligen Pflichten der Frau in der Gesellschaft, sie wissen, dass ihre wahre Bestimmung in ihrem Heim zu finden ist. Sie begehren keine so genannte &#8222;vollständige Emanzipierung&#8220; ihres Geschlechts.</p>
                  <p>In der zweiten Ausgabe erklären sie: </p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>
                           <citenumber id="N13BCE" start="203"/>«Die Divise &#8222;Emanzipation der Frau&#8220;, geschrieben auf die Fahne, die wir am 1. September hissten und die man nur im übertragenen Sinn verstehen sollte, wurde leider viel zu wortwörtlich und ganz anders als sie gemeint war, verstanden. Die Aufgabe der Frau ist viel edler, ihre Herrschaft soll sich auf ihre Familie begrenzen, ihre schönste Glorie ist es, dort mit ihrer Zärtlichkeit, Bescheidenheit und einem gut gebildeten Verstand zu regieren<footnote numbering="arabic" start="538">
                              <p> Die Redaktion: In: <em>Ellas. Gaceta del Bello Sexo. </em>8-IX-1851. S. 9.</p>
                           </footnote>. »</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Eine Woche später schreiben sie weiter:</p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>
                           <citenumber id="N13BE8" start="204"/>«Als wir unseren weiblichen Kreuzzug ankündigten, der die Männer offensichtlich in Angst versetzte und ihnen so laut Alarm läuten ließ, glaubten sie, dass wir, in kriegerische Amazonen verwandelt, ihnen mit dem Schwert in der Hand ihre anerkannten Rechte streitig machen wollten. (&#8230;) Was für ein Missverständnis! Unser Kreuzzug hatte kein anderes Ziel als die Interessen und Rechte der Frauen in der Gesellschaft zu verteidigen, wir wollten das Niveau zeigen, das ihre Bildung erreichen sollte<strong> </strong>(&#8230;),<strong> </strong>jedes andere Begehren unsererseits wäre ein Absurdum<footnote numbering="arabic" start="539">
                              <p> Die Redaktion: In: <em>Ellas. </em>
                                 <em>Gaceta del Bello Sexo. </em>15-IX-1851. S.17.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Alle feministischen und kämpferischen Aussagen sind aus der Zeitschrift verschwunden; nur ab und zu, erscheint ein von Emilia de Tamarit<footnote numbering="arabic" start="540">
                        <p> Sie schrieb einige Artikel über Themen wie Bildung, Ehe u.a. Siehe Jiménez Morell, Inmaculada: <em>La prensa femenina en España&#8230; </em>ed. cit.<em> </em>S. 89 f.</p>
                     </footnote> unterschriebener Artikel, der an ihre couragierten Anfänge erinnert.</p>
                  <p>
                     <em>El Correo de la Moda</em> wird bis 1874 von P.J. de la Peña und Francisco Castelló geleitet und verfolgt das klassische Ziel der weiblichen Zeitschriften: Frauen auf unterhaltsame Weise zu belehren und damit zu ihrer Bildung beizutragen:</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13C1B" start="205"/>
                     <blockquote>
                        <p>«Alle Schichten der Gesellschaft, in denen der Mann seine intellektuellen Fähigkeiten ausübt, suchen in der Presse das Instrumentarium für deren Weiterentwicklung. Jetzt ist die Zeit gekommen, sich um die Frau zu kümmern und wir werden die delikate Aufgabe übernehmen eine Zeitung herauszugeben, die alle Werte der Religion und Moral, der Belehrung und Unterhaltung einschließt. Eine Zeitung, die aus dem parfümierten Toilettentisch der eleganten Dame in das kleine Zimmer der Schülerin und von dort in die Werkstatt der anmutigen Schneiderin gebracht werden kann, und in der die elegante Dame, die Schülerin und die Schneiderin einen Gegenstand finden, der ihre Neugier weckt und ihre Bildung stärkt<footnote numbering="arabic" start="541">
                              <p> In: <em>El Correo de la Moda.</em> 1. November 1851. S. 1.</p>
                           </footnote>. »</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Die Illustrierte enthält ebenso Artikel über Religion und Moral, wie über das mondäne Leben, über gesellschaftliche und künstlerische Ereignisse, verschiedene Essays und Romane. Auf Verlangen der Leserinnen werden letztere zensiert. Einige Abonnentinnen beklagen im März 1852<footnote numbering="arabic" start="542">
                        <p> Ohne einen Namen zu nennen, spricht man von der Klage einer der am höchstgeehrtesten Abonnentinnen der Zeitschrift. Siehe <em>El Correo de la Moda.</em> 11. April 1852.</p>
                     </footnote> den Gebrauch von für die Moral unpassenden Worten oder Handlungen in den Romanen. Zwei Monate später verkündete die Redaktion, dass zur Erfüllung der letzten Bestimmungen der Regierung<footnote numbering="arabic" start="543">
                        <p> Es handelt sich um die königliche Bestimmung von 6-IV-1852 vom Minister Bravo Murillo diktiert, die die Pressefreiheit beschränkte.</p>
                     </footnote> die Herausgabe von Romane ausgesetzt werden sollte, solange einige Werke von der Zensur geprüft wurden. Stattdessen sollte eine Reihe sehr interessanter geographischer Studien veröffentlicht werden<footnote numbering="arabic" start="544">
                        <p> Siehe <em>El Correo de la Moda.</em> 13. Mai 1852. </p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13C53" start="206"/>1874 übernahm Angela Grassi die Leitung der Publikation und machte daraus eine vorwiegend literarische Zeitschrift mit vielen Illustrationen; nach ihrem Tode 1883 wurde sie von Joaquina García de Balmaseda weiter herausgegeben, die der Mode den Vorrang gab. In den vielen Jahren, in denen die Veröffentlichung erschien, publizierten dort viele Schriftstellerinnen, wie zum Beispiel Amalia Fenollosa, Robustiana Armiño de Cuesta, Faustina Sáez de Melgar, Dolores Cabrera y Heredia, Pilar Sinués de Marco, Vicenta García Miranda oder Aurora Pérez Mirón, aber auch männliche Autoren, wie Antonio Pirala und Antonio Trueba. </p>
                  <p>In Spanien ist für die politische und soziale Stimmung zu jener Zeit, in der Mitte des Jahrhunderts, das Beispiel der Zeitschrift <em>Ellas </em>bezeichnend. Das Land war in verschiedene Lager gespalten. Auf der einen Seite standen die traditionellen Kräfte, die Aristokratie, das Großbürgertum, die konservativen Katholiken und <em>Progresistas</em> &#8211; mit unterschiedlichen Konnotationen &#8211;, auf der anderen die <em>Liberales, </em>ein großer Teil des Bildungsbürgertums und die aufbrechenden sozialen Strömungen und Arbeiterbewegungen<footnote numbering="arabic" start="545">
                        <p> Über die politischen Parteien der Zeit siehe z.B. Espadas Burgos, Manuel, José Ramóm de Urquijo Goitioa: Partidos políticos y Movimiento Obrero. In: <em>Historia de España. Guerra de la Independencia y Época Constituci</em>
                           <em>o</em>
                           <em>nal (1808-1989).</em>Bd XI. Madrid: Gredos. 1990. S. 293-325. Außerdem siehe Kleinmann, Hans-Otto: Zwischen Ancien Régime und Liberalismus&#8230;ed.cit. Zu dem Thema siehe auch Artola, Miguel: <em>Partidos y programas polít</em>
                           <em>i</em>
                           <em>cos 1808-1936. </em>2 Bd. Madrid: Alianza. 1991; Pascual Martínez, Pedro: <em>Partidos políticos y Constituciones de España.</em> Madrid: Fragua. 1986.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>Die engagierte feministische Presse sollte die verändernden Kräfte im Land unterstützen, aus diesem Grund hatte sie, da ihre Leserschaft den konservativ geprägten mittleren und oberen Schichten angehörte, keine Überlebensmöglichkeit. Die spanische Gesellschaft war für eine in der Frauenbewegung engagierte Presse noch nicht empfänglich. Sie musste aufgrund dessen die Wachstums- und Entfaltungsmöglichkeiten nutzen, die ihr die Gesellschaft etappenweise, je weiter sich diese liberalisierte und die Bildung demokratisierte, anbot. Sie kommt dem Fortschritt der Gesellschaft nach, diese wiederum reagiert auf die Entwicklung der sozialen Bewegungen und auf die Einflüsse aus dem Ausland. Die wenigen Ausnahmen von Veröffentlichungen, die ihrer Zeit voraus waren, bleiben marginale Erscheinungen, die nur eine minimale Leserschaft erreichen und wenig Wirkung vorweisen können. Vergleicht man die Lage der feministischen Presse Spaniens mit anderen Ländern, wie z.B. Frankreich<footnote numbering="arabic" start="546">
                        <p> Frankreich ist für das spanische weibliche Pressewesen immer das nächstliegende Modell. In diesem Kontext siehe z. B. Adler, Laura: <em>A l&#8217;aube du féminisme: Les premières journalistes (1830-1850)&#8230;</em> ed. cit.</p>
                     </footnote>, stellt sich die berechtigte Frage, ob in Spanien eine feministische Presse überhaupt vorhanden war.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13C90" start="207"/>Erst in der Zeit der 1868er Revolution werden erneut Zeitungen ins Leben gerufen, die deutliche feministische Ideen vertreten. Um diese Zeit blühen die bis dahin schlummernden revolutionären Interessen in einigen Kreisen der Mittelschicht. Einige entschlossene Frauen engagierten sich mit Begeisterung im Kampf um die Rechte ihres Geschlechts. Sie verlangen nicht nur bessere Bildungschancen, sondern sogar auch das Recht auf berufliche Ausbildung und auf Arbeit in der Öffentlichkeit. Leider bleiben sie gefangen zwischen ihrem Versuch unpolitisch zu sein und dem Gewicht der Religion und Tradition. Ihr Werk ist mit einem Strohfeuer vergleichbar, das schnell und ohne Folgen erlischt. </p>
                  <p>Auch wenn die erste Republik (1871-1874) Abend- und Sonntagsschulen für Frauen<footnote numbering="arabic" start="547">
                        <p> Hernández Díaz, José María: Alfabetización y sociedad en la revolución liberal&#8230; ed.cit. S. 81.</p>
                     </footnote> einrichtete und auch republikanische Frauenvereinigungen unterstützte, auf der gesetzlichen Ebene brachte sie keine bedeutsame Reform für die Lage der Frau innerhalb der Familie und der Gesellschaft. Nehmen wir einige Beispiele: Das Gesetz über die standesamtliche Trauung war eher Ergebnis des Kampfes zwischen Kirche und Staat als der realen Entwicklung der Gesellschaft oder der Auseinandersetzung über die Rolle der Frau in der Familie. Im Bürgerlichen Gesetzbuch vom 1899 trat immer noch der Staat als Beschützer der Familie auf, die Frau behielt ihre untergeordnete Rolle als Ehefrau und Mutter unter der Vormundschaft des Mannes<footnote numbering="arabic" start="548">
                        <p> Für weitere Beispiele über das Thema siehe Siehe Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230; </em>ed. cit. S. 233-240; Kreis, Karl-Wilhelm: Zur Entwicklung der Situation der Frau&#8230; ed.cit.<em> </em>S. 46-50. Siehe auch Scanlon, Geraldine: <em>La polémica feminista en la Esp</em>
                           <em>a</em>
                           <em>ña&#8230;</em> ed. cit.<em> </em>S. 127-136.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>Ihre Erziehung zielte ausschließlich auf ihre Funktion als spätere Erzieherin der eigenen Kinder; man erwartete von ihr, dass sie einen positiven Einfluss auf Ehemann und Familie ausübte, aber sie sollte nicht in der Lage sein, Probleme wirtschaftlicher, sozialer oder juristischer Natur ohne männliche Unterstützung zu lösen. Diese Reduzierung des weiblichen Wesens auf die Rolle der Ehefrau und Mutter versucht man durch den Ruf nach Bildung auszugleichen; auch wenn weibliche Bildung seitens ihrer Verfechter &#8211; männlich genauso wie weiblich &#8211; als zusätzlicher Bestandteil der Mitgift verstanden wird, der dazu dienen soll, die Ehe für den Mann angenehmer zu machen und die gesellschaftliche Ordnung zu wahren.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13CBE" start="208"/>Die Frau der höheren Schichten, die sich als einzige das Schreiben in der Öffentlichkeit leisten kann, ohne den Verlust ihrer sozialen Stellung und ihres Rufes zu befürchten, kann ihre Wünsche nach Erneuerung auch nicht frei ausdrücken. Sie bricht nicht mit der von der Religion vorgegebenen Rolle der Mutter und den gesellschaftlichen Vorbildern der Unterwürfigkeit und Gehorsamkeit.</p>
                  <p>Die erste feministische Zeitschrift &#8211; <em>Ellas &#8211; </em>erschien also nur wenige Monate lang. Ihr folgte fast unmittelbar <em>La</em> <em>Mujer </em>mit dem Untertitel <em>Periódico Escrito por una Soci</em>
                     <em>e</em>
                     <em>dad de Señoras y Dedicado a su Sexo </em>(Die Frau. Eine von einer Damengesellschaft geschriebene und deren Geschlecht gewidmete Zeitung) (1851-1852). Die Mitglieder der Damengesellschaft sind die gleichen Herausgeberinnen von <em>Ellas,</em> und ihr Hauptbegehren und Thema bleibt die Besserung der Frauenbildung. Zu diesen kultivierten Damen gehört ein Kreis von Künstlerinnen und Dichterinnen, die sich einander helfen und sich bei dem Kampf gegen den gemeinsamen Feind &#8211; die Unterdrückung ihres Geschlechts &#8211; zusammenfinden. Die Herausgeberinnen behaupten, ihr wichtigstes Ziel bei dieser Aufgabe sei nicht, eine Laune zu befriedigen oder sich selbst als Schriftstellerinnen bekannter zu machen<footnote numbering="arabic" start="549">
                        <p> In: <em>La Mujer. Periódico Escrito por una Sociedad&#8230; </em>38. 18-IV-1852. S. 1f.</p>
                     </footnote>, sondern ihrem Geschlecht nützlich zu sein. Sie verlangen zum Beispiel lebensunterhaltsichernde Arbeitsmöglichkeiten, die nicht auf die traditionell als weiblich akzeptierte gebräuchliche Tätigkeiten, wie Nähen oder Stopfen beschränkt seien. Weiter behaupten sie:</p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>
                           <citenumber id="N13CEB" start="209"/>«(&#8230;) trotz aller kollektiven und ständigen Gegenbemühungen der Männer, werden alle Einschränkungen an dem Tag fallen, an dem unser Geschlecht sich von ihrer sich schadenden Schüchternheit und Unterwürfigkeit befreit und mit entschlossenem Gemüt sich allen Tätigkeiten widmet, die es unter Berücksichtigung ihrer besonderen Umstände ausführen kann <footnote numbering="arabic" start="550">
                              <p> In: <em>La Mujer. Periódico Escrito por una Sociedad&#8230; </em>44. 30-V-1852. S. 1f.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Als Herausgeberinnen und gleichzeitig Mitarbeiterinnen sind Ángela Grassi, Josefa Moreno Nartos, Robustiana Armiño, Rogelia León, Vicenta Villaluenga, Enriqueta Lozano, Cecilia González u.a. zu nennen. Die Zeitung druckt Reihen von Leitartikeln über Erziehung, Moral u.Ä., Nachrichten über das künstlerische Leben Madrids, über Vorträge, eine Abteilung für literarische Texte mit Gedichten, Kurzgeschichten, Legenden, Informationen über Mode und Werbung für Wohltätigkeiten und für von Mitarbeiterinnen der Zeitschrift verfasste literarische Werke. Sie erscheint jedoch nur ein Jahr lang.</p>
                  <p>Für die weibliche Presse der fünfziger Jahre gibt es zum Weiterbestehen nur einen Weg, die Anpassung an die herrschenden Standpunkte der Gesellschaft. Die Frau der gut situierten Schichten &#8211; die einzige die liest &#8211; folgt einem Modell intellektuellen Lebens: sensitive Liebe der Schönheit und Poesie, Konservatismus, Frömmigkeit, Patriotismus, Zurückhaltung in den Äußerungen bezüglich ihres Urteilsvermögens und ihrer gesellschaftlichen Umgangsformen. Rund um diese Eigenschaften bauen die weiblichen Zeitschriften ihre Existenz. Dafür ist wiederum die Zeitschrift <em>La Mujer </em>(1851-1852) das beste Beispiel, sie ist in ihrer Art die repräsentativste aus ihrer Zeit. In ihren Seiten publizieren zahlreiche, wenn auch meistens zweirangige Dichterinnen. Sie berühren nur freundliche moralisierende und pseudophilosophische Themen aus einer scheinbar feministischen Schicht, aber tatsächlich belehren sie die Leserinnen dadurch über alle Anforderungen, die die bürgerlich patriarchalische Gesellschaft an die Frau stellt. Sie wählen eine schmucklose typographische Gestaltung und vermeiden bewusst so weit wie möglich das Thema Mode. Mitunter schreiben sie über soziale Probleme der Gesellschaft wie Prostitution oder die Lage der Arbeiterinnen in den Fabriken, aber immer aus einer eher distanzierten wohltätigen Perspektive. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13D07" start="210"/>Auch wenn solche überwiegend literarischen Zeitschriften, wie die Nachfolgerinnen von <em>Ellas, La Mujer </em>oder <em>El Fanal de la Mujer</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="551">
                        <p> Siehe Fußn. 470.</p>
                     </footnote>, die eher pseudofeministische als feministische Ideen vertraten, einen relativ großen Erfolg hatten, vertreten sie nur die Weltanschauung der privilegierten Schichten während des Königreichs Isabels II. </p>
                  <p>Die gesellschaftlichen Veränderungen in dem letzen Viertel des Jahrhunderts stürzen die Frauen in einen tiefen Konflikt. Der Diskurs über die Lage der Frau verwandelt sich in eine Identitätskrise. Die Zahl der alphabetisierten Frauen wächst, je mehr das Schulsystem ausgebaut und modernisiert wird. Die Revolution von 1868 und die daraus folgenden Ereignisse eröffnen für das Mittlere- und Kleinbürgertum neue Möglichkeiten. Frauen aus diesen Schichten drängen mit Forderungen nach Bildung in die Öffentlichkeit. Bildung war immer schon ein klassisches Begehren in den weiblichen Zeitschriften, jetzt werden die Forderungen jedoch etwas konkreter. Einige spanische Frauen wollen aus ihrer traditionellen Gebundenheit an Heim und Familie ausbrechen, das Recht auf Arbeit erlangen und am öffentlichen Leben des Landes teilnehmen. Sie stellen aber nur minimale Anforderungen, die erneut die Widersprüchlichkeit ihrer Position ausdrücken. </p>
                  <p>1882 wurde von den Feministinnen das Recht der Frau auf Lehrtätigkeiten in öffentlichen Schulen und Vorschulen als großer Erfolg gefeiert<footnote numbering="arabic" start="552">
                        <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad</em>&#8230; S. 371. Siehe Seite 72 dieser Arbeit.</p>
                     </footnote>. Die pseudofeministische Presse fand die Ausübung dieses Berufes auch für gebildete Damen angemessen. Forderungen nach Beschäftigung in vielen anderen Bereichen sollten jedoch, als für das weibliche Geschlecht ungeeignet, sofort gedämpft werden. So plädiert man z.B. 1882 in <em>La I</em>
                     <em>n</em>
                     <em>strucción para la Mujer </em>(Die Bildung für die Frau) (1882-)<em> </em>für<em>:</em>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13D3B" start="211"/>
                     <blockquote>
                        <p>«Angemessene Beschäftigungen für das schwache Geschlecht, ohne jemals zu versuchen, dem Mann den Ruhm der Wissenschaft, die Führung der öffentlichen Geschäfte und andere Beschäftigungen, die ihm zustehen, streitig zu machen, weil er dafür bessere Fähigkeiten besitzt, die den Frauen, deren Aufgaben von wesentlich anderer Natur sind, fehlen<footnote numbering="arabic" start="553">
                              <p> Bartolomé, E.: Congreso Pedagógico&#8230; ed.cit. Diese Zeitschrift gibt ab Mai 1882 eine Reihe von Leitartikel über das Thema: würdige Arbeit für die Frau. </p>
                           </footnote>.» </p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Gleichzeitig werden Lebensläufe und Biographien von Frauen publiziert, die sich in verschiedenen weiblichen Berufen ausgezeichnet haben. Frauen werden in der Verwaltung, in den Postämtern, in Bibliotheken, Museen, im Bildungssystem u.Ä. zögernd akzeptiert. Eine Tätigkeit in diesen Bereichen bleibt dennoch den ledigen Frauen des Mittleren- und Kleinbürgertums vorbehalten. Verheiratete Frauen jener Schichten übernahmen keine Arbeitsstelle und die aus den unteren Schichten stammenden Frauen besitzen nicht genug Bildung, um auf solche Posten Anspruch zu erheben. Die Damen der gehobenen Klassen behielten die aristokratische Auffassung der Arbeit, d.h. eine angenehme Aufgabe, die den Geist bereichert; infolgedessen widmeten sie sich vor allem der Literatur und der Wohlfahrt.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13D52" start="212"/>Die revolutionäre Presse behandelt dieses Thema aus einem entgegengesetzten Standpunkt heraus. Die Frauen, die dort schreiben, halten den Mann nicht prinzipiell für ihren Gegner, sondern bekämpfen, mit ihm zusammen, einen gemeinsamen Feind: die kapitalistische Gesellschaft, die sich das männliche Geschlecht als Verbündeter ausgesucht hat. Mann und Frau sollten sich bewusst werden, dass die kapitalistische Bourgeoisie die Geschlechter gegeneinander ausspielt, um sie besser auszubeuten, und dass der Kampf zwischen den Geschlechtern die Emanzipation des Proletariats verhindert. Die Frage der Emanzipation der Frau spielt deswegen unter diesen Bedingungen keine herausragende Rolle, man darf die eigenen Kräfte nicht dafür verschwenden, sondern in die Zerstörung der Strukturen einer Gesellschaft investieren, die den Wettbewerb um Arbeitsplätze zwischen den Geschlechtern fördert, die außerdem den Zugang zu diesen beherrscht und immer nur am Gewinn orientiert ist. </p>
                  <p>Nach der Revolution von 1868, erscheint in Madrid <em>La Mujer. </em>
                     <em>Revista de In</em>
                     <em>s</em>
                     <em>trucción General para el Bello Sexo </em>(Die Frau. Zeitschrift für die allgemeine Bildung des schönen Geschlechts)<em> </em>(1871). Der erste Leitartikel weist auf die inhaltliche Richtung der Publikation hin:</p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>
                           <citenumber id="N13D6E" start="213"/>
                        </p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>«Viel sind der Veröffentlichungen, die täglich sprießen und wie vom Orkan ausgedörrt sterben; viel sind auch derer, die überleben und kräftig gegen die sozialen Stürme, gegen die verschiedenen Doktrinen, Gruppen oder Persönlichkeiten bestehen und darüber hinauswachsen, aber keine von ihnen hat sich ausschließlich an die Frau gerichtet. Mit diesem Ziel erscheint unsere in der Arena der Presse. Die Gründerin dieser Zeitschrift, die zuerst Frau, Ehefrau und Mutter und dann Schriftstellerin ist, hat ihre Anstrengungen immer in die Aufgabe, den Wert ihres Geschlechtes zu erheben, investiert. Sie ist mit ihren ganzen Kräften in dieses stachelige Terrain der Presse eingestiegen, um für uns Frauen die uns zustehende Stellung in der Gesellschaft zu fordern, und sie hat ihren Schwestern gezeigt, dass die Berufung zu Warmherzigkeit, Liebe und Frieden nicht in den leidenschaftlichen Kämpfen der Politik &#8211; ein dem starken Geschlecht vorbehaltenes gefährliches Feld &#8211; liegt, sondern in der Mitte ihres Heims.</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13D7F" start="214"/>
                     <blockquote>
                        <p>Mehrere Jahrhunderte moralischer Unterwerfung haben aus der spanischen Frau ein Wesen ohne eigenen Wille und ohne Initiative gemacht. Die Revolution kann unseren sozialen Zustand verändern; mit der Hilfe der Männern, die die Wichtigkeit der Frau erkennen, wird es uns möglich gemacht, unsere Lage zu verbessern und die uns eigenen Rechten und Pflichten war zu nehmen. Männer, die uns durch den Weg der Bildung in die leuchtende Sphäre der Intelligenz und des Wissens hineinführen. (&#8230;) Die Frau soll nicht länger in der Finsternis der Unwissenheit verweilen, dies bringt verhängnisvollen Schaden für die Sache des Fortschritts mit sich, denn die Frau wird zur Waffe der politischen Parteien, man beutet ihr Gewissen mit reaktionären Zielen aus und sät in den Familien, wo nur Harmonie und Frieden sein sollte, den Keim der Zwietracht<footnote numbering="arabic" start="554">
                              <p> Prospekt von <em>La Mujer. Revista de Instrucción General para el Bello Sexo.</em> 20-V-1871. Gründerin der Publikation war Faustina Sáez de Melgar.</p>
                           </footnote>.» </p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Die Herausgeberin Faustina Sáez de Melgar tritt für mehr Rechte, Unabhängigkeit und Bildung der Frauen an, aber auf keinen Fall für eine echte emanzipatorische Initiative. Ihre Bestimmung, von Natur und Religion determiniert, ist und bleibt die Funktion als Ehefrau und Mutter innerhalb der Familie. Versuche, aus der etablierten gesellschaftlichen Ordnung herauszubrechen bleiben daher nur marginale Angelegenheiten. Diese achtseitige Zeitschrift enthält Romane, Portraits von bekannten Persönlichkeiten, Essays über Bildung und Wissenschaft und übernimmt auch Artikel und Briefe aus anderen Zeitungen und Zeitschriften der allgemeinen Presse, wie z.B. aus der fortschrittlichen <em>Revista Social </em>aus Madrid. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13D9C" start="215"/>1883 kommt in Barcelona die Zeitschrift <em>La Ilustración de la Mujer. Revista de M</em>
                     <em>o</em>
                     <em>das y Salones. Revista Quincenal de Literatura, Ciencias y Bellas Artes, Consagrada E</em>
                     <em>x</em>
                     <em>clusivamente al Bello Sexo </em>(Die Illustrierte der Frau<footnote numbering="arabic" start="555">
                        <p> Wie die Herausgeber angeben, spielen sie mit der Doppeldeutigkeit der Worte <em>Ilustración de la Mujer</em>, die einerseits &#8222;illustrierte Zeitschrift für die Frau&#8220;, andererseits &#8222;Bildung der Frau&#8220; bedeuten. Siehe Nuestro Programa (Unser Programm) In: <em>La Ilustración de la Mujer&#8230; </em>1. 1-VI-1883. S.2.</p>
                     </footnote>.<em> </em>Mode- und Salonmagazin. Halbmonatliche, ausschließlich dem schönen Geschlecht gewidmete Zeitschrift für Literatur, Wissenschaft und schöne Künste) (1883-1887)<em> </em>heraus; sie erscheint vier Jahre lang. Zu den Mitarbeitern zählen viele Frauen, die auf dem Feld der Literatur Berühmtheit erlangt haben, wie zum Beispiel Gertrudis Gómez de Avellaneda, Dolores Monserdá de Maciá, Faustina Sáez de Melgar, Patrocinio Biedma oder Josefa Pujol de Collado. Trotz ihres Konservatismus machen sich die Einflüsse Concepción Arenals oder der <em>Institución Libre de Enseñanza</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="556">
                        <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad</em>&#8230; ed. cit. S. 30.</p>
                     </footnote>
                     <em> </em>bemerkbar. Die Zeitschrift repräsentiert die in der Gesellschaft integrierte, organisierte, liberale Strömung des spanischen Feminismus, auch wenn ihre Leserinnen, wie man aus den Inhalten der Gesellschaftsspalten entnehmen kann, zweifellos dem Großbürgertum und Adel angehörten. Ihr vorrangigstes Ziel bleibt immer noch die Verbesserung der Frauensituation durch deren Bildung. In jeder Ausgabe erscheinen Bildnisse von aufgrund ihrer Leistung oder des bedeutenden Einflusses auf ihre soziale Umgebung bekannt gewordenen Frauen, wie Schriftstellerinnen, Künstlerinnen usw. Die ermunternde Absicht dieser Portraits ist offensichtlich. Die Herausgeber des Magazins möchten unbedingt, dass die Leserinnen sich ihrer Talente bewusst werden und sie praktisch nutzen. In seinen Seiten wird für das Recht auf Arbeit, vor allem bei der öffentlichen Verwaltung und im Schulsystem, aber auch bei der Post, in Banken oder Druckereien, Apotheken oder in Krankenhäusern gekämpft. Das Begehren, das postuliert wird, enthält jedoch einen für die Zeit charakteristischen Widerspruch: </p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>«Die Erfahrung hat gezeigt, dass in den Schulen beim Lernen der Arithmetik, beim Schreiben und bei der Grammatik die Frauen den Männern überlegen sind. Welchen Grund gibt es dann dafür, dass Männer vom Staat bevorzugt werden? In Spanien (&#8230;) könnte es sogar eine wichtige wirtschaftliche Angelegenheit sein, die Frau mit einer Gehaltsminderung anzustellen. Frauen können dieses Opfer ertragen, weil sie ordentlicher und bessere Verwalterinnen ihres Geldes sind als Männer und der Staat würde dabei zwei Vorteile haben: das Sparen im Haushalt und eine Besserung der Leistungen<footnote numbering="arabic" start="557">
                              <p> El justo medio (Das richtige Mittelmaß). In: <em>La Ilustración de la Mujer</em>&#8230; 14. 15-XII-1883. S. 106.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13DEA" start="216"/>Natürlich sind Forderungen nach geringerer Entlohnung für gleiche Arbeit für die arbeitenden Männer nicht akzeptabel und werden erwartungsgemäß mit Kritik zurückgewiesen. </p>
                  <p>Die Zeitschrift versucht außerdem, auf die Lage der Frau der niederen Schichten aufmerksam zu machen. Dieser stehen wenige, erniedrigende und schlecht bezahlte Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung, denn der Mann hat sich alle anderen<footnote numbering="arabic" start="558">
                        <p> Natürlich handelt es sich dabei um aus der Sicht der Zeit für die Frau physisch und intellektuell angemessene Arbeitsstellen.</p>
                     </footnote> angeeignet. Die Frau muss trotz ihres schwachen Geschlechts und ihrer &#8222;zarten Haut&#8220;, z.B. als Wäscherin arbeiten. Jedoch nicht für die Wäsche ihrer eigenen geliebten Kinder, sondern für die ihres Nachbarn, der vielleicht den ganzen Tag lang die Handschuhe nicht auszuziehen braucht, weil er ohne körperliche Anstrengung vom Kapitaleinkommen lebt. Und, wenn dieser &#8222;Engel des Heimes&#8220; nicht stark und hart wie ein Lasttier schuftet, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, dann kann sie zur Nadel greifen, die ihr Leben mit Monotonie verzehrt und sie auf das Niveau einer Maschine stellt. Aber an dem Tag, an dem sie ein Stück Brot benötigt, wird der Mann, der ihr die Gleichberechtigung verweigert, es ihr nicht geben wollen, außer im &#8222;Austausch für ihre Ehre&#8220; oder sie landet in einem von ihm erbauten Armenhäusern<footnote numbering="arabic" start="559">
                        <p> O votos o rejas (Entweder Gelübde oder Gitter). In: <em>La Ilustración de la Mujer&#8230; </em>2. 15-VI-1883. S. 10.</p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>Noch ein für den spanischen Feminismus typischer Widerspruch wird in der Zeitschrift verdeutlicht. Zum einen verlangen die Herausgeber die Bildung einer weiblichen Vereinigung auf nationaler Ebene, die ihre Forderungen als Programm übernimmt, zum anderen betonen sie ausdrücklich ihr Desinteresse an Politik<footnote numbering="arabic" start="560">
                        <p> Nuestro programa (Unser Programm) In: <em>La Ilustración de la Mujer&#8230; </em>1.1-VI-1883. S.2.</p>
                     </footnote> und rufen die Leserinnen auf, ihre Pflichten als Töchter, Ehefrauen und Mütter an die Spitze ihres Lebens zu stellen, außerdem sollen sie als Frauen auf keinen Fall die vorrangige Rolle der &#8222;Kunst des Gefallens&#8220; und des &#8222;Guten Geschmacks&#8220; vergessen.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13E14" start="217"/> Die Zeitschrift, die sich selbst als Mode- und Salonzeitschrift bekennt, druckt die klassischen Modezeichnungen, Schnitt- und Stickereimuster in reich illustrierten Supplementen zu jeder Ausgabe. Diese enthalten zusätzliche Gedichte, Unterhaltung, Romane und Artikel über Mode, Dekoration oder Etikette. Die typographische Gestaltung der Publikation ist prachtvoll, mit großem Format und zwölf Seiten &#8211; das Supplement eingeschlossen &#8211; auf satiniertem Papier, schwarzweiß reich illustriert<footnote numbering="arabic" start="561">
                        <p> In den 23 Ausgaben, die den ersten Band ergeben, erscheinen 74 Illustrationen, zusätzlich zu den Portraits wichtiger Frauen auf der ersten Seite.</p>
                     </footnote> von den besten Künstlern aus dem In- und Ausland, wenn man den Herausgebern glauben darf. Sie beinhaltet indoktrinierende Artikel, literarische Texte in Prosa, Kunstteile und populärwissenschaftliche Sparten usw., letztendlich alles, was &#8222;zur Bildung des schönen Geschlechts&#8220; beitragen kann. Die Auflage soll relativ hoch gewesen sein<footnote numbering="arabic" start="562">
                        <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad</em>&#8230; ed. cit. S. 30.</p>
                     </footnote>; für den Verkauf oder zur Schließung eines Abonnements wurden Adressen in allen Provinzhauptstädten Spaniens, in Cuba, Portugal, in den Philippinen, Südamerika und Florida in den USA angegeben.</p>
                  <p>Fernerhin schreibt<em> La Ilustración de la Mujer</em> über verschiedene sich in Spanien ab 1883 organisierende Frauengruppen und deren sich allmählich in einigen Städten der Provinzen bildende Vereinigungen und berichtet über den in Juli 1883 in Palma de Mallorca<em> </em>organisierten <em>Primer Congreso Femenino </em>(1. Frauenkongress)<footnote numbering="arabic" start="563">
                        <p> Siehe Congreso Femenino Nacional. In: <em>La Ilustración de la Mujer&#8230;</em> 7. 1-IX-1883. S.51f.; 8. 15-IX-1883. S. 59.</p>
                     </footnote>. Bei <em>La</em> <em>Ilustración de la Mujer</em> wird noch eine Erneuerung als Teil der weiblichen Presseentwicklung deutlich: Die Sprache dieser Generation von Autorinnen hat sich verändert. Die lyrisch romantische Schwärmerei der früheren Magazine wird durch einen konkreteren und direkten Ton ersetzt und ein neuer Wortschatz wird eingeführt. Der Einfluss der religiösen und mystischen Sprache wird schwächer, an ihre Stelle tritt die klarere und präzisere Ausdrucksweise der Wissenschaft, aber auch die deutliche Sprache der Theoretiker der sozialen Bewegungen und der Arbeiterbewegungen auf.</p>
                  <p>In den achtziger Jahren erscheinen in Madrid und Barcelona mehrere Zeitschriften, die für spanische Verhältnisse fortschrittliche feministische Ideen vertreten, darunter <em>La Mujer. </em>
                     <em>Periódico Científico, Artístico, Literario. Defenderá los Derechos de las Muj</em>
                     <em>e</em>
                     <em>res</em> (Die Frau. Wissenschaftliche, künstlerische, literarische Zeitschrift. Sie wird die Rechte der Frauen verteidigen) (1882), <em>Álbum del Bello Sexo. </em>
                     <em>Órg</em>
                     <em>a</em>
                     <em>no de la Emancipación de la Mujer, Científico y Literario </em>(Album des schönen Geschlechts. Wissenschaftliches und literarisches Organ der Frauenemanzipation) (1882) und die schon genannte <em>La Ilustrac</em>
                     <em>i</em>
                     <em>ón de la Mujer </em>(1883-1887), alle drei aus Barcelona, außerdem <em>Instrucción para la M</em>
                     <em>u</em>
                     <em>jer. </em>
                     <em>Artículos Científicos y Literarios, Poesía, Revistas Extranjeras, Noticias de Interés para la Mujer </em>(Bildung für die Frau. Wissenschaftliche und literarische Artikel, Gedichte, Berichte aus dem Ausland, interessante Nachrichten für die Frau)<em> </em>(1882- ) aus Madrid.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13E7D" start="218"/>Ihr Gedankengut erscheint deutlicher definiert als bei den früheren Publikationen, aber die Ambivalenz ist noch nicht überwunden. Ein gutes Beispiel für diese Ambivalenz ist die Zeitschrift <em>La Mujer. Periódico Científico&#8230;</em> (1882)<em> </em>aus Barcelona. Sie wird von Thérese Courdray de Aramburu geleitet und orientiert sich an dem französischen Feminismus. In dieser Zeitschrift vermischen sich kämpferisch feministische Artikel, die vor allem bessere Bildungschancen für Frauen fordern und die patriarchalisch organisierte Gesellschaft anprangern, mit konservativen Artikeln und Liebesromanen, die alle traditionellen Stereotypen der etablierten bürgerlichen Moralvorstellungen vertreten und verbreiten. Die Sprache der Artikel nimmt auf jeden Fall eine immer radikalere Position ein:</p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>«Schwestern, die Stunde unserer Emanzipation hat schon geschlagen; die internationale Stimme verlangt nach unserer Beteiligung. Der gesunde Menschenverstand verlangt die Notwendigkeit, die Frau zu bilden; die Geschichte fordert uns an die Spitze des Fortschritts und unsere Würde zwingt uns dazu, uns gegen den Mann, unseren Unterdrücker zu wehren. Der Mann! Dieses kleine Tyrannchen, Symbol des Despotismus, das sich als kleinabsolutistischer König des Heimes aufführt, das mit allen Arten und Vorgehensweisen eines allmächtigen Diktators die treue Begleiterin seiner Tage in einen tiefen Abgrund von demütigenden Erniedrigungen versenkt, gerade diese Begleiterin, die ihn beschämen kann, wenn sie unter der Fahne des Lichtes, der Wahrheit und Gerechtigkeit in den Kampf ziehen würde. Der Mann soll für uns nicht sein, was der Vorarbeiter für die unglücklichen Schwarzen in einer ekelhaften Plantage ist (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="564">
                              <p> Courdray de  Aramburu, Thérese: Llamamiento al Bello Sexo. In: <em>La Mujer. Periódico Científico&#8230; </em>1. März 1882. S. 1.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13E9D" start="219"/>Die Herausgeberin macht auf die Missstände und die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft der Arbeiterfrau gegenüber aufmerksam und schreibt:</p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>«Wenn man die aktuellen Zustände in den Fabriken betrachtet, stellt man fest, dass die Frau von heute noch erniedrigter ist als die aus den früheren Zeiten; denn, trotz ihrer viel besprochenen Freiheit, wird sie in dem jetzigen historischen Moment immer noch als &#8222;Sache&#8220; betrachtet, nur mit dem Recht sich zu beklagen, wenn sie das Bewusstsein dazu hat, und ohne die Macht ihr Leben nach ihrem eigenen Willen gestalten zu können, sondern nur unter der Bevormundung und dem Druck der Männer, die in allen Zeiten unterdrückende Tyrannen der Frau gewesen sind<footnote numbering="arabic" start="565">
                              <p> Courdray de Aramburu, Thérese: La Mujer Proletaria. In: <em>La Mujer. Periódico Científico&#8230; </em>2. April 1888. S. 2.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13EB7" start="220"/>und weiter: </p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>«Alle Gesetze, die in der Gesellschaft walten, neigen dazu &#8211; als männliches Werk &#8211;, die Freiheit der Frau zu versklaven und einzuschüchtern, deswegen wird euch Frauen das Recht, wie andere Wesen als juristische Person anerkannt zu werden, verweigert. Demzufolge könnt ihr bei keinen gesellschaftlichen Angelegenheiten, nicht mal bei jenen, die nur das eigene Gewissen betreffen, mit vollkommener Unabhängigkeit agieren<footnote numbering="arabic" start="566">
                              <p> Ebenda S. 3.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13ECE" start="221"/>Courdray de Aramburu kritisiert auch die Doppelmoral der bürgerlichen Schichten, die diese oder ähnliche Blätter angreifen und fragt zum Beispiel, wieso der starke Widerwille gegen Frauenbildung mit dem Vorwand gerechtfertigt wird, dass die Frau ihre heiligen Pflichten vernachlässigen würde, wenn sie gebildet sei, während Tausende von Frauen in den Fabriken für Hungerlöhne den ganzen Tag arbeiten müssen: </p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>«Ist es vielleicht das Übermaß an Erziehung oder der Überfluss an Bildung, was diese Unglücklichen dazu zwingt, sich von ihren Heimen zu entfernen und ihre Kinder auf den Straßen zu lassen, in denen diese Kinder sich blind der skandalösesten Zügellosigkeit hingeben, die aus ihnen schlaue Gauner macht, die später die Geißel der menschlichen Gesellschaft sein werden? Ihr könnt diese Frage nicht mit ja antworten, denn die meisten dieser Frauen ignorieren sogar die Existenz des Alphabets!</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13EDD" start="222"/>
                     <blockquote>
                        <p>Kommt schon, ihr! Ihr, die vorgebt, die Frau nur in ihrem Heim mit Arbeiten, die für sie angemessen sind, beschäftigt sehen zu können, beweist es mit den Taten, indem ihr euch für die proletarische Frau einsetzt, so wie Madame Aramburu nie aufhören wird, es zu tun<footnote numbering="arabic" start="567">
                              <p> Ebenda S. 3.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Andererseits wird jedoch, über den Anspruch der Frauen, an Universitäten zu studieren oder einen akademischen Beruf auszuüben, folgende Meinung vertreten:</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13EF4" start="223"/>
                     <blockquote>
                        <p>«Eine in Medizin, Chirurgie oder Jurisprudenz promovierte Frau ist für uns dasselbe, wie eine &#8222;Weise Frau&#8220; und solche können wir nicht ausstehen. Eine Frau, die mit der eifrigen Suche nach einem Text in den <em>Digesten</em> oder nach einem neuen Gesetz, um ein positives Urteil für ihren Mandanten zu erlangen, beschäftigt ist und womöglich dabei noch die Ehe- und Mutterpflichten &#8211; die die Natur sie ohne Notwendigkeit des geringsten Studiums lehrt &#8211; vernachlässigt, ist für uns etwas Unverständliches<footnote numbering="arabic" start="568">
                              <p> Carta abierta (Offener Brief). In: <em>La Mujer. Periódico Científico&#8230; </em>5. Mai 1882. S. 3.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Sie bemühen sich ständig, deutlich zu machen, dass sich alle Forderungen nach Bildung und Kultur, nach Arbeit und Unabhängigkeit nicht gegen den Mann und seine Rolle in der Gesellschaft richten.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13F11" start="224"/>Die Zeitschrift erscheint nur wenige Monate lang und wird aufgegeben, als die Investoren ihre Unterstützung zurückziehen<footnote numbering="arabic" start="569">
                        <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad en España&#8230;</em> ed. cit. S. 32. </p>
                     </footnote>. Ohne ihren Mut zu verlieren, gibt die gleiche Gruppe von Frauen unmittelbar danach eine andere Zeitschrift heraus <em>El Álbum del Bello Sexo. Órgano de la Emancipación&#8230;.</em> Diese erscheint zweimal monatlich und hat ein ebenso kurzes Leben<footnote numbering="arabic" start="570">
                        <p> Von dieser Zeitschrift sind nur zwei Exemplare erhalten geblieben, die im Zeitungsarchiv der Madrider Landesbibliothek aufbewahrt werden. </p>
                     </footnote>. Wie ihre Vorgängerin erklärt sie sich zum Werkzeug der sozialen Erlösung der Frau und zum ersten Mal erkennt man dabei die klare Absicht, eine Frauenbewegung auf Landesebene zu organisieren. </p>
                  <p>Das ebenfalls 1882 in Madrid erschienene Magazin <em>Instrucción para la Mujer </em>stellt sich ihren Leserinnen als Verfechter eines neuen Frauenideals vor, nämlich das der gebildeten Frau. Diese solle vor allem auf einer praktischen Ebene Kenntnisse besitzen, von denen auch das männliche Geschlecht profitieren werde. Durch eine moderne Ausbildung erlange die Frau Unabhängigkeit, damit könne sie ihr eigenes Schicksal bestimmen und der Gesellschaft bei einer besseren Erziehung der Kinder von Nutzen sein. Die ideale Frau wird so beschrieben: </p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>
                           <citenumber id="N13F37" start="225"/>«Sie versteht etwas vom Rechtswesen und etwas mehr von Hauswirtschaft, aber nicht als abstrakte Lehren, sondern als Hygiene der Seele und Verhaltensregel in der Gesellschaft und schon haben wir eine, vor ihren eigenen Augen und vor denen der Anderen, mit Würde ausgestattete Frau. Nehmen wir an, sie kann kaufmännisches Rechnen, doppelte Buchführung oder praktische Telegrafie oder sie hat sich in der Kunst des Zeichnens oder der Musik so weit perfektioniert, dass sie damit für ihre täglichen Bedürfnisse selbst sorgen kann, so habt ihr eine unabhängige Frau. In dieser Situation erwacht in ihr das Gefühl, das die Engländer &#8222;<em>self</em>-<em>respect</em>&#8220;, also Selbstachtung nennen und das die Ideen und den Charakter des menschlichen Wesens völlig verändert. Diese Frau wird das Heiraten einer guten Partie nicht mehr als &#8222;Vorsorge für das Leben&#8220; suchen. Sie wird ihn heiraten, weil ihr Herz es bestimmt und weil sie ihn ihrer würdig hält. Diese Art von Frau kann auf dieser Leiter [des Wissens] so hoch steigen, dass ein Mann sich glücklich schätzen wird, sich mit so einer Frau, auf deren Stirn solche Talente leuchten, zu vereinigen<footnote numbering="arabic" start="571">
                              <p> La mujer educada (Die gebildete Frau). In: <em>La Instrucción para la Mujer&#8230;</em> 7. 1-VI-1882. S. 101f.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Die Mutterschaftspflichten bleiben trotzdem die höchste und wichtigste Aufgabe einer Frau: </p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>
                           <citenumber id="N13F57" start="226"/>«Es gibt eine edle Krönung im Leben einer Frau, ein schönes Ideal, das sich alle wünschen, nämlich den süßen Namen &#8222;Mutter&#8220; zu hören. Aber, nur den Namen zu hören, genügt nicht, man muss ihn auch verdienen und das erreicht nur die Frau, die zusätzlich zu den oben genannten Kenntnissen noch die Grundlagen der Hausmedizin, Anthropologie und Pädagogik besitzt und inmitten der mütterlichen Pflege die ersten Samen des Denkens und Fühlens in das zarte Herz ihres Kindes pflanzt; diese werden, wenn gut gepflegt, früher oder später keimen und mehr als irgendetwas anderes zur Reinheit der Gefühle, zur Erhebung des Denkens und zum würdigen Verhalten ihres geliebten Kindes beitragen<footnote numbering="arabic" start="572">
                              <p> Ebenda S. 102f.</p>
                           </footnote>.» </p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <em>Instrucción</em> <em>para</em> <em>la</em> <em>Mujer</em> bemüht sich darum, eine informative und bildende Publikation zu sein. Die in ihr erschienenen Artikel über Naturphänomene, über altertümliche Völker und Kulturen, historische Persönlichkeiten, Kunst usw. übersteigen nicht das Niveau des Populärwissenschaftlichen, sind jedoch viel ernster und wissenschaftlicher als die jeder anderen weiblichen Publikation. Sie bietet auch für Mütter und Lehrerinnen durchaus fundierte Ratschläge auf den Gebieten der Pädagogik, Hygiene und Gesundheit. Als Zeitvertreib wird eine mathematische Aufgabe gedruckt, deren Lösung immer in der folgenden Ausgabe erscheint. Ihre Zielleserschaft besteht zum größten Teil aus Professionellen der Pädagogik<footnote numbering="arabic" start="573">
                        <p> Dies entnimmt man nicht nur aus dem Inhalt der Artikel, sondern auch aus einigen Informationen und Berichten, die diese berufliche Kategorie direkt betreffen, wie z.B. die königliche Verfügung vom 13. August 1882 über die Schule, die in der Zeitschrift veröffentlicht wurde. Siehe den Real Decreto del 13 de Agosto de 1882. In: <em>Instrucción para la Mujer.</em> 12. 16-VIII-1882. S. 190-192; oder die neue Verordnung für pädagogische Fachhochschulen. Siehe Reglamento de la Escuela Normal Central de Maestras. In: <em>Instrucción para la Mujer.</em> 13. 1-IX-1882. S. 802-208. </p>
                     </footnote>, aus diesem Grund fungiert <em>Instrucción para la Mujer </em>als Organ des <em>Congreso Nacional Pedagógico</em> (National Kongress der Pädagogik), das in Mai und Juni 1882 in der Fachhochschule für Tiermedizin in Madrid organisiert wurde<footnote numbering="arabic" start="574">
                        <p> Siehe Seite 71 dieser Arbeit.</p>
                     </footnote>. Man besprach die Probleme der Ausbildung von Lehrerinnen, der Allgemeinbildung von Frauen und der Lage der Arbeiterinnen. Einige Kongressteilnehmerinnen forderten von der Regierung Gesetzesänderungen, ihre Kritik an die Gesellschaft richtete sich in erster Linie gegen den weiblichen Bildungsrückstand und die sozialen Beschränkungen der Frauenrolle. </p>
                  <p>Am Ende des Jahrhunderts erscheint ein neuer Konflikt, der in der weiblichen Presse und in den feministischen oder pseudofeministischen Blättern insbesondere, mit der gleichen Ambivalenz wie das Verhältnis der Frau zur Bildung oder zur Arbeit behandelt wird, nämlich ihre Haltung im Bezug auf die Politik. Auf der einen Seite plädieren die meisten weiblichen Publikationen für mehr Bildung und infolgedessen mehr Unabhängigkeit und Rechte für die Frau, auf der anderen Seite scheuen sie sich davor, bei dem öffentlichen politischen Geschehen des Landes als verantwortungsvoller und gleichberechtigter Bürger mitzubestimmen.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13F95" start="227"/>1841 war die satirische Zeitung <em>Gobierno Representativo del Bello Sexo Español</em> erschienen, die von Männern herausgegeben wurde. Darin beschreibt man die Sitzungen eines ausschließlich aus weiblichen Abgeordneten gebildeten Parlamentes. Zu einem wird in der Zeitschrift die Regierung als verantwortlich für alle Probleme der Gesellschaft kritisiert und den Frauen dank des Rechts auf Kritik eine ernsthafte Stimme verliehen, zum anderen gibt man sie der Lächerlichkeit preis, denn sie verhalten sich während der Sitzungen nicht immer wie feine Damen und verantwortungsvolle Politikerinnen. Die Zeitung hatte ohne Zweifel eine satirische Funktion, die Präsenz der Frau in einem Parlament verleiht der Schrift etwas Groteskes und Lächerliches, trotzdem sind viele der vorgetragenen Aussagen, Forderungen und Projekte sinnvoll und ernst zu nehmen. Sie spiegeln jedoch in keiner Weise die Ansprüche, Ideale oder die Wahrnehmung der Realität der spanischen Frauen der vierziger Jahren wieder. </p>
                  <p>Bis Ende des Jahrhunderts verfolgen die Autorinnen, die in der weiblichen und der allgemeinen Presse veröffentlichen &#8211;mit wenigen Ausnahmen, wie z.B. Emilia Pardo Bazán &#8211; nicht das Ziel der direkten Beteiligung am politischen Geschehen. Auch nicht die Frauen, die im Zusammenhang mit der stark politisierten katalanischen Bewegung <em>Rena</em>
                     <em>i</em>
                     <em>xeça</em> schreiben.</p>
                  <p>Während der Revolution von 1868, der 1. Republik (1871-1874), und später nach der Wiedereinführung der Monarchie (1874), überströmte die Politik das Leben des Landes und durchdrang tief die Privatsphäre der Individuen bis in das Familienleben, das natürlich nicht davon unberührt blieb, hinein. Die meisten weiblichen Zeitschriften wehrten sich gegen die Aufforderung nach einer Stellungnahme der Frau hinsichtlich politischer und ideologischer Fragen und reagierten mit entsprechender Deutlichkeit. Die Politik wurde metaphorisch als Krankheitserreger dargestellt, die das Familienleben kontaminiert. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13FAD" start="228"/>Die Herausgeberin von <em>La Mujer. Revista de Instrucción General para el Bello Sexo </em>(1871- )<em> </em>Faustina Sáez de Melgar veröffentlicht beispielsweise einige Artikel und Briefe, die diese Auffassung wiedergeben. Der Versuch einiger Parteien &#8211; respektive <em>M</em>
                     <em>o</em>
                     <em>derados </em>und Karlisten&#8211; ein den Frauen gewidmetes Magazin herauszugeben, wird von ihr mit Empörung zu Kenntnis genommen. Sie ist darüber entsetzt, dass diese Parteien, ihrer Meinung nach, die Frau als Instrument für propagandistische Zwecke innerhalb der Familie zu missbrauchen versuchen:</p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>«Politikerin die Frau?! Welch ein unheilvoller Fehler, welche schreckliche Verirrung! Sie schutzlos, ohne Unterstützung und ohne Führer in diese tiefe Höhle, in diesen Abgrund an Übel stürzen zu wollen, sie, die nur Zärtlichkeit, Sanftmut und Liebe sein soll. Die Frau von der Liebe ihres Gatten und ihrer Kinder zu entfremden, Zwietracht, Anarchie, Chaos im häuslichen Heim zu stiften, sie von ihren Pflichten zu trennen, damit sie Ideen verteidigt, die sie nicht einmal versteht (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="575">
                              <p> Sáez de Melgar, Faustina: La mujer política (Die politische Frau). In: <em>La Mujer. Revista General para</em>&#8230; 1. 8-I-1871. S. 3f. </p>
                           </footnote>.» </p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N13FD6" start="229"/>Die Zeitschriften jener zwei Parteien <em>La Mariposa </em>und <em>La Flor de Lys</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="576">
                        <p> Siehe Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad en España&#8230;</em> ed. cit. S. 278. </p>
                     </footnote>, die nach Ansicht Sáez de Melgars die &#8222;schlimme&#8220; Absicht verfolgten, die unkundige Frau auszubeuten, ihren Fanatismus anzufeuern und dabei die lächerlichste Sache dieser Welt, nämlich eine &#8222;Politikerin&#8220; zu schaffen, werden ihrerseits lebhaft kritisiert. Sie hält es für dringend notwendig, der Frau den Weg der Wahrheit zu zeigen, sie zu erziehen und auf jedem Bereich zu bilden, damit sie versteht, dass für sie die wahre Erfüllung auf Erden die Mutterschaft sei. Die Tatsache, dass beide Publikationen sehr schnell aufgegeben wurden<footnote numbering="arabic" start="577">
                        <p> Sáez de Melgar, Faustina: La mujer política&#8230; ed.cit. S 3.</p>
                     </footnote>, bestätigt sie in ihrer Meinung und beweist gleichzeitig, dass kein Interesse an politischen weiblichen Magazinen seitens der bürgerlichen konservativen Gesellschaft bestand. <em>La Mujer. Revista de Instrucción&#8230;</em> vertritt eine Linie, die die Meinung der Mehrheit der Leserinnen bis Ende des Jahrhunderts repräsentiert. Noch im Jahre 1882 wird in <em>La Mujer. Periódico Científico, </em>von Thérese Courdray de Aramburu geleitet, behauptet, eine Frau, die Politik mache, sei der Gipfel des Lächerlichen<footnote numbering="arabic" start="578">
                        <p> Siehe carta abierta (Offener Brief). In: <em>La Mujer. Periódico Científico&#8230;</em> 5. Mai 1882. S. 3.</p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>Die spanischen Frauen der Zeit empfinden die direkte Beteiligung an den Geschehnissen des Landes nicht als etwas wesentlich weibliches. Die Frau soll Einfluss auf die Gesellschaft ausüben, aber auf indirekte Weise<footnote numbering="arabic" start="579">
                        <p> Siehe Aldaraca, Bridget: <em>E</em>
                           <em>l ángel del hogar: Galdós y la ideología de la domesticidad en España. </em>Madrid: Visor. 1992. S. 24.</p>
                     </footnote>. Dank ihrer angeborenen moralischen Überlegenheit, ihrer Gutmütigkeit, ihrer Liebe zur Harmonie und ihrer Treue zum Ehemann, ist sie in der Lage, ihre ratgebende Funktion dazu zu nutzen, die Männer zu überreden, die &#8222;richtigen&#8220; politischen Entscheidungen zu treffen und keiner &#8222;falschen&#8220; Ideologie zu folgen<footnote numbering="arabic" start="580">
                        <p> Siehe Sáez de Melgar, Faustina: La mujer de ayer, la de hoy y la de mañana (Die Frau von gestern, von heute und von morgen). In: <em>La Mujer. Revista General para</em>&#8230; 2. 16-VI-1871. S. 1-3.</p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>Das Gewicht, das der politische Kampf im letzten Viertel des Jahrhunderts im ganzen Land erlangt hatte<footnote numbering="arabic" start="581">
                        <p> Siehe Franco Rubio, Gloria Ángeles: La contribución de la mujer española a la política contemporánea: de la Restauración a la Guerra Civil (1876-1939). In: R. M.<sup>a</sup> Capel (Hrsg.): <em>Mujer y sociedad en España (1700-1975). </em>Madrid: M.E.C.. 1992. S.243-263; Jagoe, Catherine, A. Blanco und Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230;</em> ed. cit.;<em> </em>insbesondere Capitel V: La mujer en el discurso legal del liberalismo español. S. 219-303; Kreis, Karl-Wilhelm: Zur Entwicklung der Situation der Frau in Spanien&#8230; ed. cit. S. 68-70.</p>
                     </footnote>, musste trotzdem die Aufmerksamkeit der engagierten und fortschrittlich denkenden bürgerlichen Frauen erregen. In den feministischen Zeitschriften werden Veränderungen gefordert: </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N14039" start="230"/>
                     <blockquote>
                        <p>«Angesichts der Struktur unserer Gesellschaft, wäre die Integration der Frau als mitwirkendes Mitglied dieses Systems eine Priorität. Im privaten Bereich, auf der Ebene der Familie, in der Welt der Gefühle, auf dem Gebiet der Schönheit und der Poesie, wird der Frau eine große Bedeutung beigemessen, aber auf dem wichtigsten und obersten Gebiet des modernen Lebens, nämlich auf dem des Bürgers, und damit meinen wir die Anerkennung ihrer Existenz als Bürger eines Staates und natürlich das Zugestehen der entsprechenden Rechte und den Zugang zu politischen Ämtern, ist sie genauso viel wert wie eine Null, ein Nichts<footnote numbering="arabic" start="582">
                              <p> Lo esencial y lo único (Das Wichtigste und das Einzige). In: <em>La Ilustración de la Mujer</em>  8. 15-IX-1883. S. 58.</p>
                           </footnote>.» </p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Der Mann empfand jeden Schritt der Frau in Richtung Emanzipation oder die direkte Mitwirkung am öffentlichen Leben als etwas Negatives und schreckte vor der Figur der &#8222;Politikerin&#8220; zurück. Sie wurde mit dem Verlust ihrer sozialen Anerkennung bedroht. Sogar die erneuernde Bewegung der <em>Regeneracionistas, </em>die sich Ende des Jahrhunderts bildete und die die Frau aus dem Einfluss der Kirche zu emanzipieren versuchte, um sie in eine liberale Gesellschaft zu integrierten, räumte ihr aber deswegen nicht bedingungslos einen Platz auf der politischen Ebene<footnote numbering="arabic" start="583">
                        <p> «Einer der fortschrittlicheren Krausisten der Zeit, Fernando Castro, der Rektor der Madrider <em>Universidad Central</em>, sagt in seiner bekannten Rede an die Frauen &#8222;eurer Schicksal ist beeinflussen, auf keinen Fall herrschen&#8220;.» Jagoe, Catherine, A. Blanco und Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género&#8230;</em> ed. cit.<em> </em>S. 35. Siehe Castro, Fernando de : <em>Discurso que en la inauguración de las Conferencias Dominicales para la Ed</em>
                           <em>u</em>
                           <em>cación de la Mujer leyó en la Universidad de Madrid el Doctor Don Fernando de Castro. </em>Madrid: Ribadeneyra. 1869.</p>
                     </footnote> ein. Bis in das 20. Jahrhundert hinein bestanden die meisten Frauen, die ihre Stimme hören lassen konnten, teils aus Überzeugung, teils aus Furcht vor dem Verlust ihres Ansehens, darauf, dass Politik einen dem männlichen Geschlecht vorenthaltenen Bereich sei. Sie ihrerseits würden sich damit zufrieden geben, bessere Bildungschancen und Zugang zu Arbeitsplätzen, z.B. in der Verwaltung oder im Bildungssystem, zu erhalten.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N14070" start="231"/>Der Konflikt zwischen den Geschlechtern blieb immer auf der verbalen &#8211; oder besser gesagt auf der geschriebenen &#8211; Ebene, denn ohne das Recht auf Mitwirkung am politischen Prozess besaßen die Frauen keine Instrumente, die Geschehnisse des Landes direkt zu beeinflussen. Für sie war die indirekte Einflussnahme durch ihre Ehemänner vorgesehen.</p>
                  <p>1877 wurde zum ersten Mal dem Parlament ein Gesetzesentwurf für das Wahlrecht der Frauen, die Familienoberhaupt waren, also Ledige oder Witwen, die über das Sorgerecht für sich selbst verfügten, vorgelegt<footnote numbering="arabic" start="584">
                        <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad&#8230; </em>ed. cit. S. 380. Der gleiche oder ein ähnlicher Entwurf wurde 1908 präsentiert und wieder verworfen, erst 1924 &#8211; während der Diktatur des Generals Primo de Rivera &#8211; wurde den Frauen, die über das eigene Sorgerecht verfügten, zum ersten Mal das Wahlrecht verliehen, das 1931 &#8211; während der 2. Republik &#8211; für alle volljährige Frauen galt. Siehe Franco Rubio, Gloria Ángeles: La contribución de la mujer española a la política contemporánea&#8230; ed. cit. S. 246 f.</p>
                     </footnote>. Die Förderer des Entwurfs suchten natürlich die Unterstützung der Frau, aber nicht mal die vermeintlich Begünstigten unterstützten das Projekt. Auch der Rest der weiblichen Bevölkerung zeigte kein Interesse. Für die spanischen Frauen war Ende des Jahrhunderts das Wahlrecht immer noch kein vorrangiges Ziel.</p>
                  <p>Seit Beginn des Jahrhunderts hatte sich die Leserschaft der weiblichen Magazine erweitert und diversifiziert. Anfangs gehörte diese zum größten Teil der Aristokratie und dem Großbürgertum an; am Ende des Jahrhunderts jedoch, dank der wachsenden Lesekompetenz und des daraus resultierenden Lesebedürfnisses der Frauen, zählten auch Frauen des Mittel- und Kleinbürgertums zu ihren Konsumentinnen. Diese diversifizierte Leserschaft stellte, je nach Bildungstand, Lesekompetenz, Kaufkraft und ideologischen Einflüssen, unterschiedliche Ansprüche an die Magazine. Die revolutionären Bewegungen und die politischen utopischen Strömungen fanden in den Mode- und in den feministischen Blättern keinen Anklang, bei den meisten wurden sie sogar mit Bestürzung zurückgestoßen. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N14087" start="232"/>Die Probleme der Arbeiter- und Bauernschichten wurden in vielen feministischen Veröffentlichungen erkannt und ab und zu direkt oder indirekt thematisiert. Die Antworten und Lösungen auf die soziale Problematik, die in diesen Publikationen dargestellt werden, hängen von der politischen Gesinnung der Verleger, der Herausgeber und der vermeintlichen Leserinnen ab. So sprechen die katholisch orientierten und konservativen Magazine über Bildungsmaßnahmen, aber auch über die traditionelle Verantwortung der Reichen den Armen gegenüber und appellieren an deren Barmherzigkeit, die liberalen Publikationen dagegen über die Verantwortung des Staates und vor allem über bessere Bildungschancen<footnote numbering="arabic" start="585">
                        <p> Siehe García Sánchez, Ramón: Consideraciones (Überlegungen). In: <em>La Mujer. </em>
                           <em>Revista General para</em>&#8230; 2. 16-VI-1871.S. 4.</p>
                     </footnote>. Eine radikalere und revolutionäre Antwort auf die sozialen Konflikte wird aus keinem Lager befürwortet.</p>
                  <p> Die Ereignisse der Pariser Kommune 1871, an denen eine direkte weibliche Teilnahme offenkundig war, erschütterten die spanischen gutbürgerlichen Frauen<footnote numbering="arabic" start="586">
                        <p> Siehe z.B. Pontes, J. Maria: La mujer en los sucesos de París (Die Frau in den Pariser Ereignissen). In: <em>La M</em>
                           <em>u</em>
                           <em>jer. Revista de Instrucción&#8230; </em>1. 8-VI-1871. S. 5f.; Cerrada, Elena: Cuatro palabras a Víctor Hugo (Ein paar Worte an V. Hugo). In: <em>La Mujer. </em>
                           <em>Revista General para</em>&#8230; 2. 16-VI-1871.S. 4 &#8211;6; Sáez de Melgar, Faustina: El Palacio de las Tullerías. In: Ebenda. S. 6 f.</p>
                     </footnote>. Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus verbreiteten ein Gefühl der Angst und des Abscheus, das in den weiblichen Publikationen Ausdruck fand. In Juli 1871 erschien in <em>La Mujer. R</em>
                     <em>e</em>
                     <em>vista General&#8230;</em>ein Artikel von Elena Cerrada , der dieses Gefühl aus einer sehr &#8222;weiblichen&#8220; Sicht wiedergibt. Mit großem Sarkasmus &#8211; hinter dem allerdings viel Unwissenheit steckt &#8211; schreibt die Autorin dem Kommunismus eine Reihe amoralischer und asozialer Prinzipien, die nicht der Wahrheit entsprechen, zu. Cerrada kriegt sogar «<em>Kop</em>
                     <em>f</em>
                     <em>schmerzen, Ohrensausen und eine tiefe Müdigkei</em>t»<footnote numbering="arabic" start="587">
                        <p> Cerrada, Elena: Comunistas e idealistas (Kommunisten und Idealisten). In: <em>La Mujer. Revista General para</em>&#8230; 6. 16-VII-1871.S. 3.</p>
                     </footnote> von der Überanstrengung, die für sie die Vorstellung einer kommunistisch organisierten Gesellschaft bedeuten könnte. Für sie persönlich gibt es nur ein Entrinnen: </p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>
                           <citenumber id="N140D6" start="233"/>«Ich glaube, dass der Kommunismus uns noch nicht pervertierten Frauen bösartig machen würde. Ich meinerseits, die noch nie einer Fliege etwas zu Leide getan hat, denke, dass ich &#8211; um der Kommune zu entgehen &#8211; ohne Reue zum Mord, Selbstmord oder zur Flucht greifen würde, was weiß ich&#8230; alles, außer ein Opfer dieser höllischen Gemeinschaft zu werden<footnote numbering="arabic" start="588">
                              <p> Ebenda. S.2.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Um die Jahrhundertwende erlebt die weibliche Presse große und tiefe Veränderungen, deren Resultat in den noch weiter diversifizierten Publikationen des 20. Jahrhunderts zu finden sind. Der Markt wächst ständig, von 1902 bis zum Beginn des Bürgerkrieges (1936-1939) werden mehr als 60 weibliche Zeitschriften gegründet<footnote numbering="arabic" start="589">
                        <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad en España</em>&#8230; ed. cit. S. 404-406.</p>
                     </footnote>, und dies wird die wichtigste Phase ihrer Geschichte, denn nach dem Krieg findet diese Entwicklung ein schmerzvolles Ende. Der Konflikt zwischen Traditionalismus und Erneuerung wird immer deutlicher definiert und öffnet einen tiefen Graben zwischen den sozialen Kräften, der im 20. Jahrhundert dramatische Ereignisse verursachen wird.</p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444436"/>
                  </p>
               </block>
               <block id="N140F9" label="II.5.4.6">
                  <head>Revolutionäre weibliche Presse</head>
                  <p>Die Veröffentlichungen, die wir jetzt vorstellen, sind von den utopischen revolutionären Idealen des 19. Jahrhunderts geprägt und haben als Ziel die Verbreitung dieser Ideologien in der Gesellschaft. Sie versuchen mit ihrem Diskurs eine Bresche in eine unbewegliche Gesellschaft zu schlagen, um die soziale, wirtschaftliche und rechtliche Lage der Frau zu verändern. Mit den anderen weiblichen Publikationen stimmen sie über die Notwendigkeit einer besseren Bildung überein, ansonsten sind ihre Ziele, sowie die eingeschlagenen Wege, um diese zu erreichen, viel gewagter und radikaler. Ein echter Bruch mit den herrschenden Prinzipien entsteht durch die Betrachtung der Realität aus einer anderen sozialen Perspektive. Wie es sich beispielsweise beim Fourierismus, der in Cádiz auftaucht und eine Mischung aus Feminismus, utopischem Sozialismus und Spiritismus beinhaltet, erkennen läßt. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N14103" start="234"/>Die Programme, die in diesen Zeitschriften vorgetragen werden, schwanken zwischen einer radikalen Veränderung der Gesellschaft und dem Wunsch nach Besserung innerhalb der existierenden Ordnung; in beiden Fällen besteht die Forderung nach Rechten und Freiheiten, sowie nach Anerkennung der Frau als ein auf der sozialen Ebene vom Mann unabhängiges Wesen.</p>
                  <p>Themen, wie Schönheit oder Mode, aber auch Liebesromane und literarischer Zeitvertreib im Allgemeinen usw. finden in den politischen Zeitschriften keinen Platz. Man lehnt eine auf die &#8222;Kunst des Gefallens&#8220; gezielte Erziehung der Frau ab, vor allem, wenn es sich dabei handelt, wie von der Salonpresse propagiert, als Zeichen der Unterwerfung, körperliche Reize zu entwickeln, um dem anderen Geschlecht zu gefallen. Ebenso vermeidet man den Druck von Werbung, außer die für propagandistische Werke.</p>
                  <p>Die anarchistische Bewegung veröffentlicht keine spezifisch weiblichen Blätter, sie benutzen den Terminus Feminismus nicht, denn sie halten ihn für zu eng und beschränkt<footnote numbering="arabic" start="590">
                        <p> Siehe z.B. Claramunt, teresa: A la mujer. In: <em>Fraternidad.</em> 4.<em> </em>1899; widergegeben in: Horowitz, Irving Louis (Hrsg.): <em>Los anarquistas. </em>
                           <em>La práctica. </em>Bd II. 2. Auf. Madrid: Alianza Editoral. 1975. S. 316-318; Mañé, Teresa: La Familia. In: <em>Revista Blanca. </em>2. 15-VII-1898. Zum Teil wiedergegeben in: Horowitz, I. L (Hrsg.): <em>Los anarquistas. </em>
                           <em>La práctica. </em>Bd. 2. Madrid: Alianza Editoral. 2. Auf. 1975. S. 318f.; Goldman, Emma<strong>: </strong>
                           <em>Ana</em>
                           <em>r</em>
                           <em>chism and other essays. </em>New York: Mother Earth publishing assotiation. 1910. </p>
                     </footnote>. Sie suchen Lösungen für die Lage der Menschheit in ihrer Gesamtheit und nicht nur für die Frau, deswegen gibt es in ihrem Kampf &#8211; theoretisch &#8211; keine spezifische Geschlechtertrennung. Der Anarchismus betreibt rege propagandistische und literarische Aktivitäten, zu denen viele Frauen mit ihren Schriften beitragen<footnote numbering="arabic" start="591">
                        <p> Gleich nach der Jahrhundertwende, 1902, erschienen die ersten weiblichen anarchistischen Zeitschriften. Belén Sagarra, die in Málaga bei der Gründung eines Arbeiterverbandes, der fast sechzig Gesellschaften mit 20.000 Mitgliedern einschloss, mitarbeitete, veröffentlichte 1902 in Córdoba eine Zeitschrift namens <em>Conciencia Libre </em>(Freies Gewissen) in Zusammenarbeit mit noch zwei Frauen, Amalia Carvia und Soledad Arenales. Auch 1902 erscheint in Valencia eine für Frauen herausgebrachte und von Frauen geleitete Zeitschrift <em>La Hum</em>
                           <em>a</em>
                           <em>nidad Libre </em>(Die freie Menschheit); darin veröffentlichten u.a. Soledad Gustavo, Teresa Claramunt und Emma Goldman. Nach Ansicht von Adolfo Perinat und Isabel Marrades handelt es sich um «eine herausragende Veröffentlichung ihrer Art, mit einer großen Anzahl von Nachrichten, betreffend die Arbeiterbewegungen aus ganz Spanien, und mit erläutenden Artikeln über revolutionäre Theorien.» Die Herausgeber stellen sich ihren Leserinnen so vor: «Als unsere wesentliche Aufgabe haben wir uns vorgenommen, uns um die Frau zu kümmern, um dieses arme Opfer, das, auch wenn es in tausend Tönen besungen und von den Dichtern aller Zeiten idealisiert und verschönert wurde, nie aufgehört hat, das erniedrigste aller Opfer, das am meisten ausgebeutete und am meisten verachtete aller ausgebeuteten Wesen zu sein.» Zitiert in Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad en España&#8230;</em> ed. cit. S. 38.</p>
                     </footnote>. Die bekannteste anarchistische Zeitschrift war <em>Revista Blanca </em>(Weiße Zeitschrift) (1899- ), die bis zum Bürgerkrieg erschien.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N14152" start="235"/>Ab 1877 fängt die kommunistische Bewegung an, die Frau in ihre Gewerkschaften zu integrieren, damit sie gemeinsam mit dem Mann um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, sowie für das Vorantreiben der Revolution kämpft. Auch die Sozialisten versuchen, die Frau in ihre Gewerkschaften einzubinden. Trotzt ihrer Vitalität und des Anklangs, den sie in der Bevölkerung finden, bringen weder Sozialisten, noch Kommunisten bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein keine Frauenzeitschriften heraus<footnote numbering="arabic" start="592">
                        <p> Ebenda. S. 329 f.</p>
                     </footnote>, und zwar aus denselben Gründen, die anfangs für die Anarchisten gegolten hatten. Die Frage der Frauensituation wird jedoch in ihren Organen und gleichgesinnten Veröffentlichungen in ihrer ganzen Bedeutsamkeit behandelt<footnote numbering="arabic" start="593">
                        <p> Über die Presse der Arbeiterbewegungen im Allgemeinen siehe z.B. das Kapitel 8 «Prensa Obrera» in: Valls, Josep Francesc: <em>Prensa y burguesía en el XIX español&#8230;</em> ed. cit. S. 211-245.</p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts entstehen vor allem in Frankreich einige utopische Gesellschaftstheorien des Frühensozialismus, des Saint-Simonismus oder des Fourierismus. Unter ihren spanischen Anhängern befinden sich viele Frauen, die in jenen Theorien Ausdruck für ihren Selbstbefreiungskampf finden. Außer den Werken der spanischen Theoretiker und Verbreiter jener Ideen und den Übersetzungen der eigentlich vorwiegend ausländischen Ideologen, finden wir einige Opuskula und sehr viele Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, die für deren Einführung und Weiterverbreitung im Lande sorgen. Darunter befinden sich einige Frauenzeitschriften, sowie Schriften für eine weibliche Leserschaft. </p>
                  <p>In den dreißiger Jahren erscheinen auch in Spanien die ersten Anzeichen sozialistischer, republikanischer und demokratischer Bewegungen; in den intellektuellen Kreisen wird über Spiritismus, über die utopischen Ideologien Cabets, Saint-Simons oder Fouriers sowie über die Freimaurerei diskutiert.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N14171" start="236"/>Der utopische Sozialismus Fouriers wird in Spanien von Joaquín Abreu, einem nach Frankreich emigrierten Liberalen, eingeführt; dort, mit dieser Ideologie in Kontakt getreten, hatte er am Aufbau des Phalansters in Condè-sur-Vesgre teilgenommen. Nach der Amnestie der Regentin María Cristina in 1832, kehrt er nach Spanien zurück und widmet sich der Verbreitung jener Ideologie mittels der Presse, vor allem in der Zeitung <em>El Nacional</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="594">
                        <p> Über die Person und das Werk Joaquín Abreus siehe das Estudio Preliminar von Antonio Elorza In: Elorza, antonio (Hrsg.): <em>El Fo</em>
                           <em>u</em>
                           <em>rierismo en España</em>&#8230; ed. cit. S. IX-CXLIX; sowie die Sammlung seiner Artikel in: Ebenda. S.1-152.</p>
                     </footnote>. Abreu sieht in dem Fourierismus die Panazee aller sozialen Probleme der industrialisierten Gesellschaft. Seine Artikel kritisieren die Arbeitsstrukturierung in den industrialisierten Städten und auf dem Land und bieten immer das Modell der Phalanstere als einzige Lösung. In diesem Rahmen behandelt er auch in <em>El Nacional </em>das Thema der Frau, deren Unterdrückung nur mit der Knechtschaft des Proletariats vergleichbar sei. Die Frau jedoch, behauptet er, erfreue sich auf ihrem Weg zur Emanzipation über einen großen Vorsprung dem Proletariat gegenüber, denn sie besitze die Mittel, um ihre Situation eigenhändig zu verändern und ihren Unterdrückern den Weg in die Freiheit zu zeigen<footnote numbering="arabic" start="595">
                        <p> Siehe Abreu, Joaquín: Fourier (IX). In : <em>El Nacional. </em>714. 9-I-1841. Wiedergegeben in: Elorza, antonio (Hrsg.): <em>El Fo</em>
                           <em>u</em>
                           <em>rierismo en España</em>&#8230; ed. cit. S. 55-58.</p>
                     </footnote>. Offensichtlich spricht er nicht zu der Frau aus den unteren Schichten, sondern zu der aus dem Kleinbürgertum. Kern der Frauenfrage sei, seiner Meinung nach, die Einteilung der Arbeit und der finanziellen Mittel innerhalb der Ehe. In den Phalansteren würde die Frau an der produktiven Arbeit aktiv teilnehmen, und dadurch würde eine Harmonie geschaffen, die zu ihrer Freiheit und Unabhängigkeit führe. </p>
                  <p>Praktisches Ergebnis der Arbeit Abreus war die Gründung eines Phalansters in der Nähe der Stadt Jeréz de la Frontera in Andalusien. Bekannt ist, dass er 1842 die Erlaubnis der Gemeinde, der Provinzregierung und sogar der Madrider <em>Progesista </em>Regierung des Generals Espartero (1840-1843) dafür bekam. Danach gibt es keine Nachricht mehr über das Schicksal des Projekts<footnote numbering="arabic" start="596">
                        <p> Ebenda. S. LX-LXI.</p>
                     </footnote>. Die Gründer hatten die Rolle der Frau innerhalb dieser Institution wie folgt vorgesehen: </p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>
                           <citenumber id="N141B4" start="237"/>«Die Frau ist hier frei, sie ist unabhängig, sie besitzt die Mittel, um ihre materiellen und intellektuellen Fähigkeiten zu entwickeln, sie verdankt niemandem ihren Lebensunterhalt, außer sich selbst, denn sie wird nicht eine Last für den Mann sein, sondern sein Trost und sein Glück, da die Ehe nicht mehr ihr einziges Schicksal sein wird <footnote numbering="arabic" start="597">
                              <p> Abreu, Joaquín: Fourier (IX)&#8230; ed.cit. wiedergegeben in: Elorza, antonio (Hrsg.): <em>El Fourierismo en Esp</em>
                                 <em>a</em>
                                 <em>ña</em>&#8230; ed. cit. S. 57.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>1841 wurde das Opuskulum des Fourier Jüngers Jan Czy&#324;ski mit dem Titel <em>El porvernir de las mujeres</em> (Die Zukunft der Frauen)<em> </em>übersetzt und herausgebracht<footnote numbering="arabic" start="598">
                        <p> «Elorza behauptet, dass die Übersetzung des Opuskulums und das Vorwort <em>Una palabra a las españolas dir</em>
                           <em>i</em>
                           <em>gida por una compatricia,</em> das mit der spanischen Version veröffentlicht wurde, aus Abreus Feder, dem wichtigsten Repräsentanten der ersten Fourieristen aus Cádiz, stammen. Jordi Maluquer de Motes meint seinerseits, dass<em> </em>das Opuskulum von Czinski von Joaquina de Morla de Viués, einer Aristokratin aus Jeréz de la Frontera, die einige Jahre in der fourieristischen Bewegung militant tätig war, übersetzt und herausgegeben wurde. Sie soll gleichzeitig die Autorin des Vorworts gewesen sein.» Jiménez Morell, Inmaculada: <em>La pre</em>
                           <em>n</em>
                           <em>sa femenina en España</em>&#8230; ed. cit. S.111. Siehe Maluquer de Motes, Jordi: <em>El sociali</em>
                           <em>s</em>
                           <em>mo en España. </em>
                           <em>(1883-1868)</em>. Barcelona: Grijalbo. 1977.</p>
                     </footnote>. Das Werk enthält die durchgängigen Prinzipien der Doktrin. Es wird über die Unterdrückung der Frau gesprochen und über die Lösung aller sozialen Fragen durch &#8222;begehrenswerte&#8220;<footnote numbering="arabic" start="599">
                        <p> Unter begehrenswerte Arbeit versteht der Autor, Arbeit welche die Natur des Individuums nich unterdrückt oder zerstört.</p>
                     </footnote> Arbeit. Das Vorwort <em>Una p</em>
                     <em>a</em>
                     <em>labra a las mujeres españolas dirigida por una compatricia </em>(Ein Wort von einer Landesmännin an die spanischen Frauen gerichtet)<footnote numbering="arabic" start="600">
                        <p> Siehe R. J.: Una palabra a las mujeres españolas dirigida por una compatricia. In: Elorza, Antonio (Hrsg.):<em> </em>
                           <em>El fourierismo en Esp</em>
                           <em>a</em>
                           <em>ña&#8230; </em>ed. cit. S. 157-167.</p>
                     </footnote>
                     <em> </em>ist ein Aufruf an die spanischen Frauen, damit sie die Wahrheit &#8211; d.h. die Idee Fouriers einer neuen sozialen Welt &#8211; verbreiten. Der Aufruf spricht das weibliche Geschlecht im Allgemeinen und nicht konkret die Spanierinnen an. Es ist jedoch das erste Mal, dass sie als Geschlecht in einem ideologischen Programm direkt angesprochen werden<footnote numbering="arabic" start="601">
                        <p> Ebenda. S. XLVII.</p>
                     </footnote>. Im Großen und Ganzen geht es den Utopisten darum, die Frau in die Bewegung einzubinden, damit sie eine Rolle bei der Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft spielt. Der Autor oder die Autorin regt die spanischen Frauen an, in ihren Einflusskreisen zu arbeiten, so dass, wenn die junge Königin Isabel II. erwachsen werde und ihre geistigen Fähigkeiten ausreichend entwickelt seien, um die Wichtigkeit der Ideen des Fourierismus zu erkennen und zu beurteilen, sie diese Ideen in ihrer Umgebung schon verbreitet findet. Dann &#8211; behauptet der Verfasser oder die Verfasserin &#8211; wird die Königin, von dem Wunsch nach Ruhm getrieben, ein Phalanstere in Spanien errichten<footnote numbering="arabic" start="602">
                        <p> Ebenda:S. 167.</p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>Zwischen den utopischen Strömungen sind die Fourieristen die einzigen, die in Spanien das Thema der Frau in ihren Schriften behandeln; die spanischen Anhänger Saint-Simons, die eigentlich die radikalsten Lösungen, die sozialen Konflikte betreffend, anbieten, ignorieren diese Frage fast vollständig. Bedeutungslose Ausnahmen sind einige Bemerkungen in der Zeitschrift <em>El Propagador de la Libertad </em>(Der Freiheitsverkünder) und das Theaterstück <em>Teresita, una Mujer del Siglo XIX </em>(Therese, eine Frau des 19. Jahrhunderts)<em> </em>von José Andrés de Fontcuberta, bei dem der Autor gegen die weibliche Passivität in den Beziehungen zum männlichen Geschlecht protestiert<footnote numbering="arabic" start="603">
                        <p> Elorza, Antonio: Feminismo y socialismo en España&#8230; ed. cit. S. 55.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N1424B" start="238"/>Ab und zu erscheint der Name Saint-Simons in der Presse oder Politik in Zusammenhang mit den weiblichen politischen und sozialen Forderungen in Frankreich; er wird zum Synonym der zerstörerischen und revolutionären Kräfte. 1837 erscheint in Barcelona die Übersetzung des französischen Romans von Madame Lebassu <em>La Saintsimoniana</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="604">
                        <p> Siehe lebassu d&#8217;Helf, Joséphine Mme: <em>La St-Simonienne. </em>Paris. L. Teuré. 1833.</p>
                     </footnote>, es handelt sich um eine konservative Schrift, bei der die Zentralfigur von Gott umgebracht wird, um ihre Seele vor der Korruption durch die Doktrinen Saint-Simons zu retten. Der Roman erreicht keine große Öffentlichkeit, enthält aber eine korrekte Ausführung der Prinzipien dieser Ideologie. </p>
                  <p>Auch die spanischen Nachfolger Cabets&#8217; thematisieren in ihren Publikationen die Lage der Frau. Diese frühsozialistische Strömung war in den vierziger Jahren in Barcelona relativ verbreitet. Einer seiner Vertreter Narciso Monturiol, utopischer Kommunist, gab 1846 eine Zeitschrift mit dem Titel <em>La Madre de Familia</em> (Die Familienmutter) heraus, die nur wenige Monate erschien. Er war auch Herausgeber anderer bekannter revolutionärer Veröffentlichungen, wie <em>La Fraternidad </em>(Die Brüderlichkeit) (1847-1848 und 1850) und <em>El Padre de Familia </em>(Der Familienvater) (1849-1850)<footnote numbering="arabic" start="605">
                        <p> Siehe Seoane, María cruz: <em>Historia del periodismo en España&#8230; </em>ed. cit. S. 188f. </p>
                     </footnote>. Für Monturiol bleibt die traditionell strukturierte Familie der Kern der gesellschaftlichen Ordnung; problematisiert wird die Lage der Frau innerhalb der Ehegemeinschaft, wenn diese nur auf einer finanziellen Basis gegründet ist, der Frau werden in diesem Fall von der Gesellschaft drei Rollen geboten:</p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>
                           <citenumber id="N1427A" start="239"/>«Wenn das Leben einer Ehegemeinschaft unglücklich ist, kann der Grund dafür sein, dass dem Kriterium, um eine Familie zu gründen, die Idee des Profits zugrunde liegt. Diese bietet dann der Frau drei Alternativen, die gleich unbefriedigend sind: die Rolle der &#8222;Herrscherin&#8220;, die der &#8222;Sklavin&#8220; oder die der &#8222;Prostituierten&#8220;<footnote numbering="arabic" start="606">
                              <p> Zitiert in Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad en España&#8230;</em> ed. cit. S. 21.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Die Frau brauche sich nicht zu emanzipieren, sie solle sich nur ihrer Pflichten bewusst sein. Der Mann bleibe der natürliche Vorstand der Familie und die Frau in ihrer traditionellen Rolle an das Heim und die Familie gebunden<footnote numbering="arabic" start="607">
                        <p> Siehe Elorza, Antonio: Feminismo y socialismo en España&#8230;ed. cit. S. 56.</p>
                     </footnote>. Diese Auffassung wurde von der Anhängerschaft Cabets, die aus Kleinbürgertum, Handwerkern und Arbeitern in den Städten bestand, ohne Schwierigkeiten angenommen. In Wirklichkeit nehmen nur die utopischen Sozialisten Fouriers das Thema der Frau ernsthaft in Betracht. </p>
                  <p>Die Zeitschrift <em>El Pensil de Iberia</em> ist die bekannteste und aufschlussreichste weibliche Publikation des utopischen Sozialismus. Sie richtet sich nicht nur an eine weibliche Leserschaft und behandelt auch nicht ausschließlich Frauenthemen, räumt diesen jedoch einen privilegierten Platz ein.<em> </em>Sie gehört zu den während des 19. Jahrhunderts zahlreichen in Cádiz erschienenen literarischen und politischen Zeitschriften<footnote numbering="arabic" start="608">
                        <p> Siehe Solís, Ramón: <em>Historia del pensamiento gaditano 1800-1850&#8230;</em> ed. cit. </p>
                     </footnote>. Die Stadt, die einmal sehr wichtig wegen ihres Hafens gewesen war, büßte nach dem Verlust der Kolonien in Amerika allmählich ihr politisches und wirtschaftliches Gewicht in der spanischen Geschichte ein, behielt aber trotzdem bis Ende des Jahrhunderts ein besonders reges kulturelles Leben. Auch die langlebigste Modezeitschrift des 19. Jahrhunderts <em>La Moda </em>(1842-1889) erschien dort zwischen 1842 und 1868.<em> </em>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N142B2" start="240"/>1856 erscheint in dieser Stadt die fourieristische Zeitschrift <em>El Pensil Gaditano </em>(Der cadizer Garten), die von Margarita Pérez de Celis geleitet wird. 1857 oder 1858<footnote numbering="arabic" start="609">
                        <p> Die in dem Zeitungsarchiv der Madrider Landesbibliothek erhaltenen Exemplare gehören zu der 3. und 4. Epoche, respektiv vom 10-X-1857 bis zum 10-VIII-1859. </p>
                     </footnote> wurde ihr Name in <em>El Nuevo Pensil de Iberia </em>(Der neue Garten Iberias)<em> </em>geändert<em> </em>und von Pérez de Celis, María José Zapata und José Bartorelo herausgegeben. Zapata war in Cádiz schon als Dichterin bekannt, sie hatte Gedichte in Mode- und literarischen Zeitschriften, wie <em>La Moda </em>oder <em>El Meteoro. </em>
                     <em>Periódico Semanal de Literatura, Artes, Ciencias, Modas y Te</em>
                     <em>a</em>
                     <em>tros </em>(Der Meteor. Wöchentliche Literatur- Kunst- Wissenschafts- Mode- und Theaterzeitung) (1843-1846?)<footnote numbering="arabic" start="610">
                        <p> In dieser Zeitschrift publizierten u.a. auch Amalia Fenollosa, ángela Grassi, Manuela cambronero und Victor Balaguer. Siehe Jiménez Morell, Inmaculada: <em>La prensa femenina en España</em>&#8230; ed. cit. S. 105. </p>
                     </footnote> publiziert. Diese drei Journalisten gründeten mit <em>El Nuevo Pensil de Iberia </em>die wichtigste und repräsentativste revolutionäre weibliche Zeitschrift in Spanien des 19. Jahrhunderts. </p>
                  <p>Als Vorläufer und Modell für <em>El Nuevo Pensil de Iberia </em>gilt die Veröffentlichung <em>El Pensil del Bello Sexo</em> (Der Garten des schönen Geschlechts)<footnote numbering="arabic" start="611">
                        <p> Über <em>Pensil del Bello Sexo </em>wird in der Zeitschrift <em>El Meteoro</em> (1843-1846?) folgendes berichtet<em>:</em> «Der Garten des schönen Geschlechts. Dieses Werk ist, dank des frischen Geistes unserer Dichterinnen, das wichtigste, das in Spanien erscheint. Barcelona, die Stadt, die zur Zeit dazu bestimmt ist, jede Art von Neuigkeiten zu präsentieren und zu fördern, hat sich in der literarischen Welt auszeichnen wollen und hat diese außergewöhnliche Publikation ins Leben gerufen, die, wenn sie auch noch so winzig ist, sich nicht davon abbringen lassen wird, eines Tages große Früchte zu tragen. Die Erscheinung des <em>Pensil </em>verdient aufgrund seiner Neuigkeit Aufmerksamkeit, denn sie strebt danach, einen neuen Pfad für die vollständige Entwicklung und Bildung der Frau zu eröffnen. Der Gedanke, der in ihren Seiten herrscht, wurde mit Beifall aufgenommen; und der würdige Herausgeber Herr Balaguer hat sich in die Arena geworfen und darin eine Fahne gesteckt, unter der ab jetzt die Frauen, die dank ihrer Begabung die Welt überwältigen können, sich versammeln werden.» In: <em>El Meteoro. </em>12. 21-IX-1845. S. 1f.</p>
                     </footnote> aus Barcelona, von Victor Balaguer und Juan Mañé y Flaquer 1848 herausgegeben<footnote numbering="arabic" start="612">
                        <p> Antonio Elorza behauptet in <em>El fourierismo en España&#8230;</em> ed. cit.,<em> </em>dass auch <em>La Ilustración, Álbum de las D</em>
                           <em>a</em>
                           <em>mas</em> (1845), von Gertrudis Gómez de Avellaneda herausgegeben, ein Modell für <em>El Pensil&#8230; </em>gewesen sein könnte. Da heute kein Exemplar dieser Zeitschrift existiert, ist es unmöglich, beide Publikationen zu vergleichen, uns ist jedoch eine Zugehörigkeit Avellanedas zu einer konkreten politischen Strömung nicht bekannt. Siehe Elorza, Antonio (Hrsg.): <em>El fourierismo en España</em>&#8230; ed. cit. S. CV. Fußn. 172. In der Zeitschrift <em>La Gaceta de las Mujeres. R</em>
                           <em>e</em>
                           <em>dactada por Ellas Mismas </em>(1845) wird folgende Mitteilung gemacht: Ab November 1845 erscheint diese Zeitschrift unter den Namen <em>La Ilustración de las Damas </em>und wird von Gómez de Avellaneda geleitet. Die neue Zeitschrift soll eine anspruchsvolle literarische Publikation werden. Siehe Advertencia importante. In: <em>La Gaceta de las Mujeres&#8230; </em>7. 26-X-1845. S. 8.</p>
                     </footnote>. In dieser wird die Lage der Frau als eine «<em>triple esclavitud, frente a sus padres, su marido y sus hijos</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="613">
                        <p> Elorza, Antonio: Feminismo y socialismo en España&#8230; ed. cit. 55.</p>
                     </footnote>
                     <em>»,</em> d.h. als eine dreifache Sklaverei, nämlich den Eltern, dem Ehemann und den Kindern gegenüber, beschrieben. Die von Balaguer und Mañé y Flaquer vertretene Auffassung strebt nicht eine vollständige weibliche Emanzipation an, sondern einen Mittelweg zwischen dieser und den bürgerlichen und traditionellen gesellschaftlichen Strukturen. Einerseits erkennen sie die Vorurteile und Mechanismen der Unterdrückung des weiblichen Geschlechts seitens des Mannes deutlich, andererseits bieten sie für die Probleme allzu schwache Lösungen<footnote numbering="arabic" start="614">
                        <p> Siehe Elorza, Antonio (Hrsg.): <em>El fourierismo en España&#8230;</em> ed. cit.<em> </em>S. CV.</p>
                     </footnote>. Sie erkennen die Notwendigkeit der besseren Bildungschancen, aber nur, um die Zügellosigkeit der weiblichen Leidenschaften zu bändigen<footnote numbering="arabic" start="615">
                        <p> Ebenda. S. CV.</p>
                     </footnote>. Die fourieristische Konzeption des weiblichen Wesens teilt diese Auffassung allerdings nicht. In ihrer Ablehnung der bürgerlichen gesellschaftlichen Struktur und deren Wertesystems, schließen sie diese Mechanismen der Unterdrückung, aber auch Balaguers und Flaquers Definition der weiblichen Leidenschaft ein<footnote numbering="arabic" start="616">
                        <p> Ebenda. S. CVI.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>Für <em>El Nuevo Pensil de Iberia </em>schreiben wichtige Politiker verschiedener utopischer und revolutionärer Strömungen, wie u.a. Pi y Margall, Sixto Sáenz de la Cámara, Narciso Monturiol, Roberto Robert oder Fernando Garrido und zahlreiche Frauen, wie Rosa Butler, Rosa Marina oder Joaquina Balmaseda.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N14367" start="241"/> In der Regel ist die von den drei Herausgebern Pérez de Celis, Zapata und Bartorelo vertretene Linie in Bezug auf die Lage der Frau viel radikaler, als diejenige dieser Politiker. Gerade durch die Vielfalt der politischen inhaltlichen Tendenzen der Schriften wird die Publikation mannigfaltiger und interessanter. Außer Beiträgen über Politik, über soziale Bewegungen, Arbeitsbedingungen oder Bildung veröffentlichen sie Gedichte, philosophische und soziologische Essays, Sitten- und sozialkritische Erzählungen, deren Stoffe immer von einer fourieristischen<footnote numbering="arabic" start="617">
                        <p> Wie Elorza punktualisiert, orientieren sich die Herausgeber von <em>El Nuevo Pensil </em>nicht direkt an Fourier, sondern viel mehr an seinen Jünger Alphonse toussenel. Siehe Ebenda<em> </em>S. CVIf.</p>
                     </footnote> Programmatik geprägt sind. Auch die in dieser Zeit sehr verbreiteten Themen, wie Spiritismus, Magnetismus u.Ä. werden in der Zeitschrift behandelt.</p>
                  <p>Als die utopischen Bewegungen sich für die Frau als soziales Wesen in Spanien einsetzen, bedienen sie sich einer exaltierten Sprache, die romantische und religiöse Komponenten erkennen lässt. In der Sprache, die Zapata oder Pérez de Celis, aber auch andere Autorinnen engagierter Texte, benutzen, vermischen sich mystische und realistische Elemente<footnote numbering="arabic" start="618">
                        <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad en España&#8230;</em> ed. cit. S. 22.</p>
                     </footnote>. Dies wundert den Leser nicht, denn die meisten Frauen dieser Generation, tief von der traditionellen katholischen Kultur beeinflusst, erleben die eigene Ideologie wie eine neue Religion und fühlen die Berufung zum Apostolat durch das geschriebene und vorgetragene Wort. Diese für die Zeit in Spanien typisch weibliche Attitüde zu allen Ideologien spiegelt das infolge der weiblichen Erziehung verinnerlichte Bedürfnis des Helfens, des Erziehens und Erlösens anderer Menschen wider, unabhängig der differenzierten Ziele ihres Engagements. Diese Verhaltensweise bindet alle Autorinnen, unabhängig ihrer politischen, konfessionellen oder sozialen Orientierung, an ihre traditionelle Rolle und an die Sprache der dominanten Kultur; gemeint ist die Sprache der katholischen Kirche, die oft die einzige war, in der sie sich geformt hatten. Wenn Pérez de Celis oder Zapata in ihren Schreiben das Paradies und die Erlösung ankündigen, bedienen sie sich der christlichen Sprache der Evangelisierung, ihrer Metaphern und Gleichnisse, sowie ihrer Figuren<footnote numbering="arabic" start="619">
                        <p> Siehe z.B. Zapata, María José: La Hija del Pueblo (Die Tochter des Volkes). In: <em>El Nuevo Pensil de Ib</em>
                           <em>e</em>
                           <em>ria. </em>11. 20-I-1858. S. 2f.; Zapata, María José: Fourier. In: <em>El Nuevo Pensil de Iberia. </em>22. 10-V-1858. S. 3f.; Zapata, María José: Sonetos (Soneten). El Libertador de las Naciones, Jesús (Jesús, der Befreier der Nationen), La Emancipación de la Mujer en María. (Die Emanzipation der Frau in Maria). El Noble Artesano José (Joseph, der ehrenhafte Handwerker) In: <em>La Buena Nueva.</em> 23-I-1866. S. 3; aus der Reihe <em>Leyendas Morales </em>von Rosa Marina: El Aprendiz de Carpintero (Der Tischlerlehrling). In: <em>El Nuevo Pensil de Iberia. </em>1. 10-IV-1859. S. 2-4; Diese und andere in <em>El Nuevo Pensil de Iberia</em> und <em>La Buena Nueva </em>erschienenen Texte werden in Elorza, Antonio (Hrsg.): <em>El fourierismo en E</em>
                           <em>s</em>
                           <em>paña&#8230;</em> ed. cit. S. 169-246 wiedergegeben.</p>
                     </footnote>, die für alle vermeintlichen Leserinnen &#8211; oder Zuhörerinnen bei einem kollektiven Lesen &#8211; wiedererkennbar und verständlich sein sollen.</p>
                  <p>Aller Ähnlichkeiten der Sprache zum Trotz, beginnen diese Autoren und Autorinnen, eine Kerbe in das damalige Verständnis der Rolle der Frau zu schlagen, denn sie formulieren in Spanien zum ersten Mal Zusammenhänge zwischen Klassen- und Geschlechtsbewusstsein<footnote numbering="arabic" start="620">
                        <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad en España&#8230;</em> ed. cit. S. 22.</p>
                     </footnote>. Sie definieren die herrschenden Geschlechterbeziehungen mit den gleichen Worten, mit denen die Beziehungen zwischen Kapitalismus und Arbeiterklasse erläutert werden und distanzieren sich in dieser Hinsicht von der traditionellen Denkweise der spanischen Gesellschaft, was die Stellung der Frau innerhalb der patriarchalischen Strukturen betrifft. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N143C3" start="242"/>Margarita Pérez de Celis analysiert die Lage der Arbeiterfrau in ihrem Essay <em>I</em>
                     <em>n</em>
                     <em>justicia Social</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="621">
                        <p> Siehe Pérez de Celis, Margarita: <em>La injusticia social. </em>In: <em>El Nuevo Pensil de Iberia. </em>7. 10-XII-1857. S. 1-5.</p>
                     </footnote> (Soziale Ungerechtigkeit). Sie macht auf die Lohnunterschiede bei gleicher Arbeitsleistung zwischen den Geschlechtern aufmerksam und bietet konkrete Beispiele und Zahlen zum Vergleichen an. Aus den dramatischen Unterschieden erschließt sie, dass es wenige Frauen gelingen könne, mittels der Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die meisten arbeitenden Frauen befänden sich infolgedessen in einer bedrängten Situation und seien nicht stark genug, um &#8222;tugendhaft&#8220; zu bleiben. Sie würden durch Misere und Ignoranz zur Bettelei oder zur Prostitution gezwungen. In den &#8222;glücklichsten&#8220; Fällen heirateten sie aus Kalkül. Dann allerdings fielen sie unter die &#8222;Herrschaft des Gebers&#8220; und litten unter der &#8222;Abhängigkeit des Nehmers&#8220;. Ein Teufelkreis beginne, keine gemeinschaftliche und gleichberechtigte Unternehmung könne unter solchen Umständen gelingen, weder innerhalb der Familie, noch in der Gesellschaft. Deswegen fordert sie:</p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>«Unsere Wünsche beschränken sich im Moment darauf, dass man den Nutz und die Beschaffenheit der weiblichen Arbeit berücksichtigt, um darüber richten zu können, ob diese würdig sei mit der Arbeit des Mannes im Wettbewerb zu stehen; und wenn die Frage einmal positiv entschieden ist, dass die Leistung der Frau auf gleiche Weise wie die des Mannes entlohnt wird<footnote numbering="arabic" start="622">
                              <p> Ebenda S. 2. </p>
                           </footnote>.»  </p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N143F1" start="243"/>Diese und ähnliche feministische Forderungen zeichnen die Publikation als eine der fortschrittlichsten des Landes vor der 1868er Revolution aus.</p>
                  <p>Über das Thema der Unterdrückung der Frau gibt die Zeitschrift ein Opuskulum mit dem Titel <em>La mujer y la sociedad </em>(Die Frau und die Gesellschaft)<footnote numbering="arabic" start="623">
                        <p> In ihrer Untersuchung des Werkes hält jimenez Morell dieses Opuskulum für das erste feministische Manifest Spaniens. Jiménez Morell, Inmaculada: <em>La prensa femenina en España&#8230;</em> ed. cit. S. 115.</p>
                     </footnote> mit dem Vorwort von Pérez de Celis<em> </em>heraus. Die Autorin Rosa Marina postuliert &#8211; in einer schlichteren Sprache, als die der <em>Nuevo</em> <em>Pensil &#8211; </em>die Prinzipien der weiblichen Emanzipation, respektive das Recht auf Freiheit, Bildung und Arbeit, sowie auf direkte Teilnahme am das öffentlichen Leben; sie kritisiert außerdem die Doppelmoral der bürgerlichen Gesellschaft, die die Frau erst zur Prostitution zwingt und dann bestraft. </p>
                  <p>Verhängnisvoll wurde für <em>El Nuevo Pensil de Iberia </em>die Vermischung christlicher Texte mit den Theorien Fouriers und dem Spiritualismus einiger seiner Nachfolger. Themen wie Magnetismus, Esoterik oder Spiritismus spielten damals eine signifikante Rolle in der Gesellschaft, aber sie wurden von der Kirche mit aller Härte bekämpft und verfolgt. Die Herausgabe in der Zeitschrift von Artikeln, die solche Themen berührten, musste früher oder später zum Zusammenstoß mit der katholischen Kirche führen. Sie gaben dem Bischof der Stadt Cádiz, der auch die feministischen und revolutionären Positionen der Zeitung bekämpfte, einen triftigen Grund, die Veröffentlichung schließen zu lassen. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N14417" start="244"/>
                     <em>El Nuevo Pensil de Iberia</em> endete also mit dem Eingreifen des Bischofs am 9-VI-1859<footnote numbering="arabic" start="624">
                        <p> Der vollständige Text der Anzeige des Bischofs wird in Elorza, Antonio (Hrsg.): <em>El fourieri</em>
                           <em>s</em>
                           <em>mo en España&#8230; </em>ed. cit. S. CXIV f. widergegeben.</p>
                     </footnote>, der beim Gouverneur der Stadt Cádiz das Verbot erreichte. Dafür stützte er sich auf die königliche Bestimmung vom 15-VII-1850, nach der alle Veröffentlichungen, die Doktrinen beinhalteten, die auf den Verfall der gesellschaftlichen Beziehungen, den Eingriff auf das Privateigentum zielten, die Religion des Staates verletzten oder die guten Sitten beleidigten, verboten werden mussten<footnote numbering="arabic" start="625">
                        <p> Es handelt sich um die königliche Bestimmung des Conde de San Luis. Siehe ebenda S. CXIV.</p>
                     </footnote>. Die schnelle Gründung einer neuen Zeitschrift durch eine Namensänderung in <em>El Pensil de Iberia</em> änderte nicht an der Situation<footnote numbering="arabic" start="626">
                        <p> Die Gründe für die Schließung konnten aber auch daran gelegen haben, dass einige Demokraten, wie Sixto Sáenz de la Cámara oder Sozialisten, wie José Garrido, die für <em>El Nuevo Pensil de Iberia </em>schrieben, an der Organisation eines Militäraufstandes beteiligt waren, Cámara in Portugal, dem dieser Aufstand das Leben kostete, und Garrido in Cádiz. Ebenda S. CXV f.</p>
                     </footnote>. Die letzte Ausgabe der <em>El</em> <em>Pensil de Iberia</em> erschien im August 1859, sie erreichte insgesamt sechs.</p>
                  <p>Nach dem Erlass neuer Pressegesetze 1864 seitens der Regierung Canovas, versuchte die gleiche Gruppe von Herausgebern noch mal eine weibliche Zeitschrift fourieristischer Orientierung zu gründen. Die erste Ausgabe der <em>La Buena Nueva. </em>
                     <em>Peri</em>
                     <em>ó</em>
                     <em>dico de Lit</em>
                     <em>e</em>
                     <em>ratura, Ciencias, Artes e Industria </em>(Die gute Botschaft. Zeitschrift über Literatur, Wissenschaft, Kunst und Industrie) erschien am 15-XII-1865<footnote numbering="arabic" start="627">
                        <p> Über die Geschichte der Entstehung der Publikation, siehe ebenda S. CXXIV.<em> </em>
                        </p>
                     </footnote>. Es handelt sich um eine Art neuen Evangeliums, dass soziale Kritik, Fourierismus, Feminismus und Christentum vermischt. Sie enthält Artikel über Literatur, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft und Handwerk. Spiritismus und ähnliche Themen werden nicht mehr behandelt. Außer José Mañe Flaquer schreibt bei dieser Zeitschrift keine bekannte politische Persönlichkeit. Die Herausgeber übernehmen auch Artikel aus ausländischen Zeitungen, vor allem aus Frankreich, die sie frei übersetzen. So wie in <em>El Nuevo Pensil de Ib</em>
                     <em>e</em>
                     <em>ria </em>und später in <em>El Pensil de Iberia</em> verurteilen sie die Unterdrückung der Frau in der spanischen bürgerlichen Gesellschaft und plädieren für ihr Recht auf Anerkennung, auf Freiheit, Arbeit und vor allem auf Bildung. In der Artikelreihe <em>Fe, Esperanza y Caridad </em>(Glauben, Hoffnung und Barmherzigkeit), in der die geistige und soziale Entwicklung dreier junger Mädchen &#8211; die jeweils den Namen dieser christlichen Tugenden als &#8222;Beinnamen&#8220; übernommen haben &#8211; beschrieben wird, preisen sie wiederholt das Lesen als Quelle des Wissens und regen ihre Leserinnen an, sich stetig und ernsthaft zu bilden, um eine bessere Gesellschaft im fourieristischen Sinne aufbauen zu können<footnote numbering="arabic" start="628">
                        <p> Siehe Zapata, María José: Fe, Esperanza y Caridad. Las Tres Amigas. Cuadros de Costumbres sociales en Civilización (Glauben, Hoffnung und Barmherzigkeit. Die drei Freundinnen. Soziale Sittenerzählungen der Zivilisation) In: <em>La Buena Nueva. </em>4. 8-II-1866. S. 2f.; 5. 16-II-1866. S.3; 6. 28-II-1866. S.2; 9. 8-IV-1866. S.3; 10. 15-IV-1866. S 2f. </p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>Zapata, Pérez de Celis und Bartolero kämpften gegen die staatliche Zensur und gegen die Kirche, aber vor allem gegen finanzielle Schwierigkeiten; sie versuchten durch Verlosungen Abonnenten zu gewinnen, mussten jedoch nach nur zehn Ausgaben am 15-IV-1866 aufgeben. Die katholische Kirche, die sich wegen der Heterodoxie der Texte schnell um die Schließung der Zeitschrift bemühte, denunzierte sie und erreichte, dass man am 11-VII-1866 Ramón González, dem verantwortlichen Verleger Zapatas<footnote numbering="arabic" start="629">
                        <p> Siehe Elorza, Antonio (Hrsg.): <em>El fourierismo en España&#8230;</em> ed. cit. S. CXXIV.</p>
                     </footnote>, wegen des Verdachts der Verbreitung spiritistischer Schriften und unmoralischer Ideen die Lizenz für die Herausgabe definitiv entzog<footnote numbering="arabic" start="630">
                        <p> Der Text der Anzeige, so wie der Text des Urteils gegen María José Zapata werden in Elorza, Antonio (Hrsg.): <em>El fourierismo en Esp</em>
                           <em>a</em>
                           <em>ña&#8230;</em> ed. cit. S. CXXX- CXXXII teilweise wiedergegeben.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N144A6" start="245"/>So blieb auch die feministisch kritische Überlegung über die Stellung der Frau dieser Gruppe von Utopisten aus Cádiz auch eine marginale Erscheinung inmitten der allgemeinen konservativen Auffassung über Familie und gesellschaftliche Strukturen, die für die Zeit bezeichnend ist. </p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444437"/>
                  </p>
               </block>
               <block id="N144B1" label="II.5.4.7">
                  <head>Weibliche katholische Zeitschriften</head>
                  <p>Mit Ausnahme der politisch revolutionär oder freimaurerisch orientierten Publikationen, bekennen alle weiblichen Veröffentlichungen des 19. Jahrhunderts ihre Zugehörigkeit zur katholischen Konfession. Viele publizieren Artikel und Reihen, in denen die Position der Frau in der Theologie der katholischen Kirche und deren Wandlung im Laufe der Zeit erläutert wird<footnote numbering="arabic" start="631">
                        <p> Siehe z.B. La mujer. In: <em>La Mariposa. </em>
                           <em>Periódico Dedicado a las Señoras&#8230;</em> 8. 16-VIII-1866. S.1-3; De la G. de L.: Educación de la mujer. In:<em> La Mariposa. Periódico Dedicado a las Señoras&#8230;</em>16. 16-XII-1866. S. 1f.; Sáez de Melgar, Faustina: La mujer de ayer, la de hoy y la de mañana&#8230; S. 11-3.</p>
                     </footnote>. Ende des Jahrhunderts erheben sich im Zusammenhang mit dem wachsenden Antiklerikalismus auch einige kritische Stimmen<footnote numbering="arabic" start="632">
                        <p> In der Zeitschrift <em>La Mujer </em>z.B.<em> </em>schreibt Ramón García Sánchez im letzten Kapitel seiner Artikelreihe über das weibliche Wesen über den fanatischen Klerikalismus, der das Herz der Frauen manipuliert habe, um den Willen der Männer zu beherrschen. Die Kirche habe in ihren obskuren Zeiten Aberglaube, Angst und Fanatismus in der Frau geschürt, um die eigenen Interessen zu beschützen. Diese Zeit sei dank der neuen freien und besser gebildeten Frau vorbei, und heute sei ihr Glauben rein von jedem Fanatismus. Siehe García Sánchez, Ramón: La mujer. In: <em>La M</em>
                           <em>u</em>
                           <em>jer. Revista de Instrucción General&#8230; </em>6. 16-VII-1871. S.7.</p>
                     </footnote> in den weiblichen Magazinen, vor allem aus jenen, die unter dem Einfluss der Bewegung der <em>Regeneracionismo </em>stehen. Trotzdem stellen diese kritischen Stimmen eine Minderheit innerhalb der der Kirche freundlich gesinnten weiblichen Presse dar. </p>
                  <p>Die Loyalität der spanischen Frauen der katholischen Kirche gegenüber resultiert aus der Kombination mehrerer Faktoren, darunter der im 19. Jh. herrschende Glaube an die moralische Überlegenheit der Frau dem Mann gegenüber<footnote numbering="arabic" start="633">
                        <p> Siehe Grassi, ángela: La misión de la mujer. In: <em>La Mujer. Periódico Escrito por una Sociedad&#8230;</em> 48. 27-VI-1852. S. 3f.</p>
                     </footnote>, die traditionelle Rolle der Frau als Bewahrer der nationalen Werte und die weibliche Bildung, die in dieser Zeit auf religiöse Unterweisung fußt<footnote numbering="arabic" start="634">
                        <p> Siehe Gil y Martínez, Simona: La educación de la mujer. In:<em> La Mariposa. Periódico Dedicado a las Señ</em>
                           <em>o</em>
                           <em>ras&#8230;</em>24. 16.IV-1867. S. 1-3.</p>
                     </footnote>. Als zusätzliche Gründe gelten erstens die Tatsachen, dass bis zur Revolution von 1868 keine Glaubensfreiheit existiert, zweitens, dass auch später die katholische Kirche genügend Einfluss auf die Regierenden ausübt, um jede weibliche Publikation, die ihnen zuwiderhandelt, zur Schließung zu zwingen.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N14505" start="246"/>Als die Aufklärung und die liberalen und demokratisierenden Bewegungen, die Industrierevolution und der aufbrechende Kapitalismus, in Spanien das Verständnis über das weibliche Wesen verändern, wird das von der katholischen Kirche propagierte Frauenmodell langsam unangemessen. Ihre moralische Zielsetzung erreicht nicht mehr undifferenziert die Frau aller Gesellschaftsschichten, infolgedessen müssen Kirche und ihre Presseorgane umdenken, sich anpassen und neue Modelle entfalten. Dies bringt beide in eine schwierige Lage; auf der einen Seite will das katholische Moraldenken das Bestreben der Frau nach mehr Freiheit nicht akzeptieren, auf der anderen Seite entwickelt sie keine wirksamen Mechanismen gegen den Pauperismus- und Ausbeutungsprozess, der aus der Industrialisierung resultierend, in der weiblichen Bevölkerung großes Ausmaß gewinnt.</p>
                  <p>Auch wenn der neue Status der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft sehr vage und je nach Schicht sehr unterschiedlich bleibt, definiert er sich im Allgemeinen über die Ablehnung von Unterdrückung und über den Wunsch nach besseren Bildungsmöglichkeiten und Lebensbedingungen. Die katholische Kirche kann aus theologischen Gründen die Gleichberechtigung der Geschlechter auf der gesellschaftlichen Ebene, sowie eine andere Rolle als die traditionelle der Ehefrau und Mutter für die Frau nicht akzeptieren; solche Veränderungen werden von der Mehrheit der Frauen auch nicht beansprucht und stellen somit für die Kirche keine Herausforderung dar. So schreibt man z.B. 1875 in <em>La Madre de F</em>
                     <em>a</em>
                     <em>milia </em>(Die Familienmutter) (1875-1895):</p>
                  <p>
                     <blockquote>
                        <p>
                           <citenumber id="N1451B" start="247"/>«Man spricht ständig über die Emanzipation der Frau, über ihre mit Füßen getretenen Rechte, über ihre unterdrückte Freiheit, über das Bedürfnis ihren Geist in Einklang mit gewissen sozialen, befreienden, verträumten Theorien zu bringen. Unsinnige Doktrinen! Die Frau braucht sich nicht zu emanzipieren, denn sie ist schon emanzipiert, sie braucht sich nicht zu bilden, denn der Katholizismus hat sich schon um ihre Bildung gekümmert. Sie braucht keine Freiheit, denn sie, die gestern eine armselige Dienerin und Ziel des Spotts der Leute war, hat ihre durch die Taufe erlöste Stirn erhöht, um sie mit der aufgesetzten Krone zu zeigen<footnote numbering="arabic" start="635">
                              <p> Díaz Carmona, Francisco: Influencia del cristianismo en el porvenir de la mujer. In: <em>La Madre de Fam</em>
                                 <em>i</em>
                                 <em>lia</em>&#8230; 19. 23-XI-1875. S. 147. </p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Die Idee der Erlösung der Frau &#8211; nach Evas Sünde &#8211; durch das Christentum dank Maria, der Muttergottes, ist Teil des Glaubensbekenntnisses der katholischen Theologie und findet Ausdruck im Marienkult, der gerade im 19. Jh. große Wichtigkeit erreichen wird. Diese Idee erweist sich jedoch gleichzeitig als großes Hindernis hinsichtlich der Akzeptanz der Stellung der Frau in einer modernen Gesellschaft. Die Kirche analysiert und interpretiert die neuen Gegebenheiten und definiert eine neue Doktrin, verinnerlicht diese und schafft neue Aktionsrahmen innerhalb der sich in der Zeit konstituierenden sozialen Bewegung<footnote numbering="arabic" start="636">
                        <p> Herold-Schmidt, Hedwig: Vom Ende der Ersten zum Scheitern der Zweiten Republik&#8230; ed.cit. S. 367f. </p>
                     </footnote>. Dem weiblichen katholischen Pressewesen wird eine wichtige Funktion bei der Verbreitung der neuen Tendenzen eingeräumt, die im 20. Jh. immer radikalere und militantere Züge annimmt<footnote numbering="arabic" start="637">
                        <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad en España&#8230;</em>ed. cit.<em> </em>S. 225f.</p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>Unter katholischen Zeitschriften verstehen wir zwei Arten von Publikationen, einerseits die Zeitschriften, die aufgrund ihrer Überzeugung den Artikeln über Religion eine bedeutendere Stelle widmen als anderen Themen, wie Mode, Literatur oder Bildung, und andererseits die Publikationen, die als Organe weiblicher Institutionen und Organisationen innerhalb der katholischen Kirche erscheinen. Die Ersten erreichen eine breitere Öffentlichkeit, während die Leserschaft der zweiten Gruppe sich ausschließlich auf Kreise von Mitgliedern beschränkt. Zu dieser Publikationsart gehört z.B. die Zeitschrift <em>Revista de las Hijas de María </em>(Zeitschrift der Marientöchter) (1880-1929) aus Barcelona, die von dem Verein <em>Asociación de las Hijas de María</em> herausgegeben wird. Sie veröffentlichen Gebete, indoktrinierende Artikel, Briefwechsel, Gedichte, Fortsetzungsromane und Nachrichten über diverse religiöse Feierlichkeiten oder über interne Angelegenheiten der Vereinigung.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N14556" start="248"/>Unter den religiösen Zeitschriften, die eine breitere Leserschaft suchen, finden wir u.a <em>Calendario de las Mujeres. </em>
                     <em>Semblanzas, Rel</em>
                     <em>i</em>
                     <em>gión y Moral, Cocina, Labores, etc.</em> (Frauenkalender. Biographien, Religion und Moral, Küche, Handarbeiten, usw.) (1857-1858) aus Barcelona, <em>La Mujer Cristiana. Educación y Benefice</em>
                     <em>n</em>
                     <em>cia</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="638">
                        <p> Von diesem Magazin existiert heute, Perinat zufolge, kein Exemplar mehr. Sie wird von der Herzogin von Campo Alange in ihrem Werk: <em>La mujer en España </em>zitiert. Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, pre</em>
                           <em>n</em>
                           <em>sa y sociedad en España&#8230;</em>ed. cit.<em> </em>S. 396. Siehe auch Lafitte, María Condesa de Campo Alange: <em>La mujer en Esp</em>
                           <em>a</em>
                           <em>ña. </em>Madrid: Agilar. 1964.</p>
                     </footnote>
                     <em> </em>(Die christliche Frau. Bildung und Wohltätigkeit) (1864-1865) <em>La Caridad Cristiana. R</em>
                     <em>e</em>
                     <em>vista Semanal del Bello Sexo </em>(Die christliche Barmherzigkeit. Wöchentliche Zeitschrift des schönen Geschlechts)<em> </em>(1869) aus Madrid, <em>Asta Regia. Revista Semanal, Rel</em>
                     <em>i</em>
                     <em>giosa, Científica, Literaria y Artística. De Intereses Locales, Modas, Anuncios </em>(Königliches Zepter. Wöchentliche religiöse, wissenschaftliche, literarische und künstlerische Zeitschrift. Lokale Nachrichten, Mode und Werbung<footnote numbering="arabic" start="639">
                        <p> Die Zeitschrift erschien 1880 ursprünglich mit dem Untertitel <em>Semanario de Ciencias, Letras, Artes e Int</em>
                           <em>e</em>
                           <em>reses Locales. Modas y Anuncios </em>(Wöchentliche wissenschaftliche, literarische und künstlerische Zeitschrift. Lokale Nachrichten, Mode und Werbung). Ab der Ausgabe Nr. 57 wird der Zusatz &#8222;religiöse&#8220; hinzugefügt.</p>
                     </footnote>) (1880-1883) in Jeréz de la Frontera von Carolina de Soto y Corro herausgegeben. Ab der Ausgabe N. 57 ähnelt sie eher einem Kirchenblatt mit Hirtenbriefen, Enzyklika u.Ä. und erscheint sogar mit Druckerlaubnis der Kirche. </p>
                  <p>Die bekannteste unter den konfessionellen Zeitschriften ist allerdings <em>Madre de F</em>
                     <em>a</em>
                     <em>milia. Revista Moral y Religiosa </em>(Familienmutter. Zeitschrift über Moral und Religion<footnote numbering="arabic" start="640">
                        <p> Im Laufe der Zeit änderte sie mehrere Male ihren Untertitel. 1879 in <em>Revista Literaria, Moral y Recreativa </em>(Unterhaltende Zeitschrift über Literatur und Moral); 1883<em> </em>in <em>Revista Moral e Instructiva </em>(Bildende Zeitschrift über Moral); 1888 <em>Revista Semanal, Instructiva y Moral </em>(Wöchentliche bildende und moralische Zeitschrift).<em> </em>Siehe Carmona González, Ángeles: <em>Escritoras andaluzas en la prensa de Andalucía&#8230; </em>ed. cit.<em> </em>S. 36.</p>
                     </footnote>) aus Granada, die von 1875 bis 1895 erschien und deren Herausgeberin Enriqueta Lozano de Vilchez<footnote numbering="arabic" start="641">
                        <p> Es ist bekannt, dass Lozano de Vilchez mehrere Ausgaben ihrer Zeitschrift komplett selbst verfasste. Siehe Carmona González, Ángeles: <em>Escritoras andaluzas en la prensa de Andalucía&#8230; </em>ed. cit. S. 32.</p>
                     </footnote> war. Sie hatte schon eine andere katholische weibliche Publikation herausgebracht, und zwar <em>La Aurora de María</em> (Marias Morgenröte) (1868-1869), in der Patrocinio de Biedma, Eduarda Moreno, Gertrudis Gómez de Avellaneda und sogar Rosa Butler mitarbeiteten. In <em>La Madre de Familia </em>veröffentlichten Autorinnen, wie Ángela Grassi, Emilia Pardo Bazán, Joaquina Balmaseda, Josefa Ugarte, Pilar Sinués de Marco, Fernán Caballero, Faustina Sáez de Melgar und Carolina Coronado.</p>
                  <p>All diese Blätter unterscheiden sich in ihrer typographischen Gestaltung nicht von den üblichen weiblichen Literatur- oder Modezeitschriften, die wir in dieser Arbeit schon vorgestellt haben. Wie in anderen Frauenmagazinen wurden kurze Erzählungen, Fortsetzungsromane, Gedichte oder Biographien &#8211; hier des Öfteren Hagiographien &#8211; gedruckt, jedoch wurden bei der Auswahl der Texte strengere Kriterien als bei anderen Publikationen angewandt, denn ihre Inhalte bemühten sich stets um die Verteidigung und Propagierung der katholischen Praktiken und Moralvorstellungen. Aber auch Nachrichten über gesellschaftliche Ereignisse &#8211; vor allem wohltätiger Natur &#8211;, Artikel über Mode oder Anekdoten u.Ä. zum Zeitvertreib, Modezeichnungen und Muster für verschiedene Handarbeiten wurden in der Regel veröffentlicht. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N145F7" start="249"/>Deutlich militantere Zeitschriften wurden vor allem seit Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Bürgerkrieges 1939, als sich der Konflikt zwischen der Kirche und den bürgerlichen säkularisierenden Kräften und den Arbeiterbewegungen verschärfte, und später während der ersten Jahre der Francodiktatur (1939-1975), herausgegeben<footnote numbering="arabic" start="642">
                        <p> Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad en España&#8230;</em> ed. cit. S. 226-229.</p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444438"/>
                  </p>
               </block>
               <block id="N1460D" label="II.5.4.8">
                  <head>Regionalistische und anderssprachige weibliche Publikationen</head>
                  <p>Dieses Kapitel wollten wir Frauenmagazinen widmen, die als repräsentativ für die besonders ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Spanien aufbrechenden regionalistischen oder nationalistischen Bewegungen gelten könnten, um einen weiteren Aspekt des publizistischen Lebens und der damit verbundenen weiblichen Implizierung darzustellen. Wir sind trotz aller Bemühungen auf der Suche nach Beispielen nicht fündig geworden, denn offensichtlich wurden in dieser Zeit weder in Katalonien, noch im Baskenland oder Galizien spezifisch weibliche Zeitschriften mit unverkennbar regionalistischen Inhalten herausgebracht. </p>
                  <p>Die nationalistische Presse entsteht im Einklang mit den gleichgesinnten politischen Bewegungen, die durch die Rückbesinnung auf die eigenen kulturellen und sprachlichen Wurzeln<footnote numbering="arabic" start="643">
                        <p> Siehe das Kapitel «Alphabetisierungspolitik und Sprachgemeinschaften» dieser Arbeit.</p>
                     </footnote> und auf die eigene historische Identität eine Erneuerung der betroffenen Gemeinschaften fordern. Die weibliche Bevölkerung nimmt bei der Propagierung dieser Ideologien die gleiche Funktion auf, die sie auch schon bei anderen politischen Bewegungen übernommen hatte; da sie nicht das Recht auf direkte Teilnahme am politischen Leben besitzt, beschränkt sie sich auf die Verbreitung von Werten und Denkweisen, die als Besonderheiten der eigenen Kultur verstanden werden, innerhalb der eigenen Einflusskreise<footnote numbering="arabic" start="644">
                        <p> So wird z.B in <em>Or y Grana </em>aufgerufen: «Jedes Haus soll, dank der Liebe der Frauen, ein Hort der katalanischen Sache sein, so erfüllen wir katalanischen Frauen unsere Mission. Indem wir eine Heimat errichten, errichten wir eine Familie, indem wir ein Heim errichten, schaffen wir Liebe.» In: <em>Or y Grana</em>. 1. 6-X-1906. S. 2. Zitiert in Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>Mujer, prensa y sociedad en España&#8230;</em> ed. cit. S. 275.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N14633" start="250"/>Die erste weibliche Zeitschrift in katalanischer Sprache <em>Or y Grana. </em>
                     <em>Semanario A</em>
                     <em>u</em>
                     <em>tonomista por a les Dones. Propulsor de una Lliga Patriótica de Dones </em>(Gold und Scharlachrot<footnote numbering="arabic" start="645">
                        <p> Die Farben der katalanischen Fahne.</p>
                     </footnote>. Regionalistische Wochenzeitschrift für Frauen. Förderer einer weiblichen patriotischen Liga) erscheint von 1906 bis 1907 in Barcelona. Die zweite Publikation dieser Art ist ein monatliches Supplement der Zeitung <em>La Ilustratió Catalana</em> (Die katalanische Illustrierte) (1880-1917), die mit dem Titel <em>Feminal </em>(Feminin) von 1907 bis 1917 ebenfalls<footnote numbering="arabic" start="646">
                        <p> Sie erscheint erneut 1925, aber nur für kurze Zeit. Siehe Perinat, Adolfo, M. Isabel Marrades: <em>M</em>
                           <em>u</em>
                           <em>jer, prensa y sociedad e</em>
                           <em>n España&#8230; </em>ed. cit. S. 277. Fußn. 8.</p>
                     </footnote> in Barcelona herausgegeben wird<footnote numbering="arabic" start="647">
                        <p> Über weitere katalanische Zeitschriften der Vorkriegszeit siehe das Kapitel VI in ebenda S. 273-318.</p>
                     </footnote>. Diese Publikationen unterscheiden sich nicht wesentlich von anderen weiblichen Blättern, ihre Bedeutung besteht darin, die katalanische Sprache zu benutzen, so dass dieser auch unter einer bürgerlichen Leserschaft der Status einer geschriebenen Sprache zugestanden wird; außerdem pflegen diese Magazine durch die ständige Preisung des eigenen kulturellen und künstlerischen Erbes das Nationalbewusstsein der Leserinnen.</p>
                  <p>Über die Erscheinung weiblicher Zeitschriften in baskischer oder galizischer Sprache zu Zeiten des 19. Jahrhunderts haben wir keine Nachricht. </p>
                  <p>Im 19. Jh. engagieren sich nicht wenige Frauen für die regionalistischen Bewegungen &#8211; besonders in Katalonien &#8211; und veröffentlichen ihre Schriften in der regionalistischen &#8211; und der allgemeinen Presse, sowie in Frauenmagazinen. Einige von ihnen werden weibliche Blätter herausgeben, wie z.B. Josefa Pujol de Collado und <strong>C</strong>. Soto; sie leiten <em>Parthenon. Revista de Literatura, Ciencias y Arte </em>(Parthenon. Zeitschrift über Literatur, Wissenschaft und Kunst)<em> </em>(1879-1880), eine literarische Zeitschrift mit moderaten sozialen Ansichten, die trotz der Tatsache, dass ihre Herausgeberinnen bekannte Dichterinnen der katalanischen <em>Renaixença </em>sind, in ihren Beiträgen keine regionalistische Themen anspricht. Die Publikation unterscheidet sich in keiner Weise von anderen Literatur- und Salonzeitschriften. </p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444439"/>
                  </p>
               </block>
               <block id="N14686" label="II.5.4.9">
                  <head>Andere weibliche periodische Veröffentlichungen.</head>
                  <p>
                     <citenumber id="N1468D" start="251"/>Es gibt eine kleine Anzahl von weiblichen Illustrierten, die aufgrund ihres Inhalts nur bedingt in der vorgelegten Klassifikation einzuordnen sind. Zu dieser gehört beispielsweise eine Reihe von Magazinen, die speziell &#8211; dennoch nicht ausschließlich &#8211; für die berufliche Kategorie der Lehrerinnen vorgesehen war. Darunter finden wir <em>La Mariposa. </em>
                     <em>P</em>
                     <em>e</em>
                     <em>riódico Dedicado a las Señoras y Especialmente a las Profesoras de Instrucción Prim</em>
                     <em>a</em>
                     <em>ria. Bajo la Dirección de la Srta. Doña Fernanda Gómez, Maestra Superior</em> (Der Schmetterling. Den Damen und besonders den Volksschullehrerinnen gewidmete Zeitschrift. Unter der Leitung von Fräulein Fernanda Gómez, Fachhochschuldozentin) (1866-?) aus Madrid, <em>La Educanda. </em>
                     <em>Dedicado a las Madres de Fam</em>
                     <em>i</em>
                     <em>lia, Maestras y Directoras de Escuela. </em>
                     <em>Grab</em>
                     <em>a</em>
                     <em>dos, Labores y Patrones </em>(Die Schülerin. Den Familienmüttern, den Lehrerinnen und Schuldirektorinnen gewidmet. Illustrationen, Handarbeiten, Schnittmuster) (1861-1866) aus Madrid und <em>El Primor Femenil: Publicación Consagrada a las Bellas Labores Fem</em>
                     <em>e</em>
                     <em>ninas y Especialmente al Bordado, Encaje y a la Educación Estética de la Mujer. Dedic</em>
                     <em>a</em>
                     <em>da Especialmente a las Sras. Maestras de Primera Enseñanza</em> (Das weibliche Glanzstück. Den schönen weiblichen Handarbeiten und besonders der Stickerei, Spitzenklöppelei und der ästhetischen Bildung der Frau gewidmete Zeitschrift, speziell an die Volksschullehrerinnen gerichtet) (1897-1903?) aus Barcelona. In den drei Fällen handelt es sich grundsätzlich um eine Mischung aus Modemagazinen und pädagogischer Schriften, die aufgrund ihrer Muster für Zeichnungen und Handarbeiten &#8211; wie wir gesehen haben &#8211; als Lehrmaterial zur Ausbildung für Mädchen benutzt wurden, des Weiteren beinhalten sie auch leicht wissenschaftlich ratgebende pädagogische Beiträge für Lehrerinnen. Als Helfer für die Erziehung der eigenen Kinder gedacht, wurden Zeitschriften wie <em>La Madre y el Niño</em> (Die Mutter und das Kind) (1883- ) aus Madrid herausgegeben.</p>
                  <p>
                     <em>El Figurín Artístico. Órgano Defensor del Arte de Cortar con Método, Economía y Perfección </em>(Die künstlerische Modezeichnung. Organ zur Verteidigung der wirtschaftlichen, methodischen und perfekten Schneiderkunst) (1882-1884) aus Barcelona,<em> </em>ist offensichtlich an professionelle Schneiderinnen und vielleicht auch an Hausfrauen, die ihre Kleider selbst nähen, gerichtet. </p>
                  <p>Ganz anderer Natur sind Publikationen, wie z.B. <em>La Antorcha. </em>
                     <em>Semanario de Cie</em>
                     <em>n</em>
                     <em>cia, Bello Sexo, Artes, Industria y Literatura </em>(Die Fackel. Wochenblatt der Wissenschaft, des schönen Geschlechts, der Kunst, des Handwerks und der Literatur) (1848-). Diese Zeitschrift aus Barcelona versteht sich selber als Organ der Frenologie und der frenologischen Akademien in Spanien und soll die Bildung aller Schichten und die Interessen aller Menschen fördern. Es handelt sich um eine literarisch pseudowissenschaftliche Illustrierte, deren thematischer Schwerpunkt bei der damals sehr populären Lehre der Frenologie liegt. Auch die weiblichen Freidenkervereine und Freimaurerloggien geben Zeitschriften heraus, wie z.B. <em>Las Hijas del Sol</em> (Die Töchter der Sonne) (1872-?), Organ der gleichnamigen Loggia<footnote numbering="arabic" start="648">
                        <p> Simón Palmer, María del Carmen: Puntos de encuentro de las mujeres en el Madrid del siglo XIX. In: <em>Revista de Dialectología y Tradiciones Populares.</em> LVI. 1. 2001. S. 195. Diese Loggia gründete 1872 ein Bildungsinstitut für Frauen.</p>
                     </footnote>, darin veröffentlichen bekannte Schriftstellerinnen, wie Emilia Serrano Baronesa de Wilson und Concepción Jimeno Beiträge und Romane. Amalia Carbia, eine Freimaurerin, bringt 1898 <em>Hijas de la Regeneración </em>(Töchter der Regeneration) in Cádiz und <em>Unión F</em>
                     <em>e</em>
                     <em>menina de Huelva</em> (Weibliche Vereinigung aus Huelva) in Huelva heraus<footnote numbering="arabic" start="649">
                        <p> Carmona González, Ángeles: <em>Escritoras andaluzas en la prensa de Andalucía&#8230;</em> ed. cit.<em> </em>S. 29.</p>
                     </footnote>. Der Spiritismus war in der spanischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sehr verbreitet. Amalia Domingo Soler, eine international anerkannte Kapazität auf dem Gebiet, leitete <em>La Luz del Porvenir </em>(Das Licht der Zukunft) (1879-1894), die nur von Frauen verfasst, sich an eine weibliche Leserschaft richtete; dort publizierten viele spanische und hispanoamerikanische Freidenkerinnen<footnote numbering="arabic" start="650">
                        <p> Ebenda. S 29. </p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N14717" start="252"/> 1870 gründete Concepción Arenal ihre Zeitschrift <em>La Voz de la Caridad. </em>
                     <em>R</em>
                     <em>e</em>
                     <em>vista de Reforma Penitenciaria</em> (Die Stimme der Barmherzigkeit. Zeitschrift der Haftanstaltsreform), die bis 1884 zweimal monatlich erschien. Darin wird unter diversen sozialen Themen die von ihr verlangte und vorangetriebene Reform des spanischen Strafsystems behandelt. Leitung und Redaktion der Publikation übernahm sie ehrenamtlich, und aus dem Erlös der Abonnements wurden arme Familien unterstützt. Sie klagte ohne Scheu und ohne Einfluss jeglicher konkreter politischer Tendenzen die großen Defizite des spanischen Strafanstaltsystems ein<footnote numbering="arabic" start="651">
                        <p> Simón Palmer gibt in ihrer Biobibliographie spanischer Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts eine Liste mit 279 Artikeln von Arenal, die in <em>La Voz de la Caridad </em>veröffentlicht wurden. Siehe Simón Palmer, María del Carmen:<em> Escritoras españolas del siglo XIX&#8230;</em> ed. cit.<em> </em>S. 44-52.</p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>Unter den unzähligen satirischen Blättern erscheinen auch einige, die sich an eine weibliche Leserschaft richten, wie <em>El Mundo Femenino, Órgano de las Señoras. Seman</em>
                     <em>a</em>
                     <em>rio Pistonudo</em> (Die weibliche Welt. Organ der Damen. Saustarkes Wochenblatt)<em> </em>(1892-) aus Barcelona.</p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444440"/>
                  </p>
               </block>
               <block id="N1474E" label="II.5.4.10">
                  <head>Verleger, Herausgeber und Autoren der weiblichen Presse</head>
                  <p>Im Zuge des harten Kampfes der spanischen Frauen des 19. Jahrhunderts um ihre öffentliche Anerkennung als Schriftstellerinnen, bedienen diese sich insbesondere der Presse als Raum zur Entfaltung ihrer Talente und als Zugang zum Publikum. Ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts veröffentlichen fast alle periodischen Publikationen weibliche Beiträge und die Zahl der Autorinnen wächst stetig, aber diese Tendenz sollte keinen falschen Eindruck entstehen lassen. Die reduzierte Palette der Themen, die ihnen zur Verfügung stehen, die strenge, gerade den Autorinnen auferlegte soziale und kirchliche Zensur und der Mangel an Bildung, die viele von ihnen in ihrer Entwicklung bremst, beeinträchtigt stark ihre schriftstellerischen Möglichkeiten<footnote numbering="arabic" start="652">
                        <p> Siehe Seite 86 f. dieser Arbeit.</p>
                     </footnote>. Dies gilt für diejenigen, die in der allgemeinen Tagespresse oder in literarischen Publikationen veröffentlichen, ebenso wie für diejenigen, deren Beiträge in der weiblichen Presse erscheinen. Von den ca. tausend Autorinnen, die Carmen Simón Palmer in ihrem Katalog<footnote numbering="arabic" start="653">
                        <p> Siehe Simón Palmer, María del Carmen:<em> Escritoras españolas del siglo XIX&#8230;</em> ed. cit.</p>
                     </footnote> aufführt, hat die große Mehrheit in einer periodischen Veröffentlichung publiziert, seien es Gedichte, Sittenerzählungen, Romane, Briefe, Modeberichte, Essays, Artikel o.Ä. Wenige Autorinnen widmen sich jedoch exklusiv dem Journalismus<footnote numbering="arabic" start="654">
                        <p> Für weitere Informationen darüber siehe Carmona González, Ángeles: <em>Escritoras andaluzas en la prensa de Andalucía&#8230;</em> ed. cit.<em>; </em>Roig Castellanos, Mercedes: <em>La mujer y la prensa desde el siglo XVII&#8230;</em> ed. cit.<em>;</em> Criado Y Domínguez, Juan Pedro: <em>Literatas españolas del siglo XIX&#8230;</em> ed. cit.</p>
                     </footnote>, in vielen Fällen verbinden sie diese Tätigkeit mit dem Herausgeben von Büchern verschiedener Natur, aber meistens schreiben sie sporadisch und nur zum Vergnügen. Die Arbeit der Journalistinnen nimmt im Laufe des Jahrhunderts immer professionellere Züge an, bleibt aber dessen ungeachtet aus den schon genannten Gründen im Wesentlichen dilettantisch.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N14782" start="253"/>Es gibt eine kleine Anzahl von Schriftstellerinnen, deren Namen regelmäßig in der Presse präsent sind. Es handelt sich um die gleiche Gruppe von Frauen, welche die weibliche spanische Literatur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts prägen wird, darunter finden wir, z.B. Fernán Caballero, Carolina Coronado, Gertrudis Gómez de Avellaneda, Pardo Bazán, Concepción Arenal, Grassi, Sáez de Melgar, Robustiana de Armiño, Sinués de Marco, Enriqueta Lozano de Vilches, Patrocinio de Viedma, Gimeno de Flaquer, Rosario de Acuña, García Balmaseda, Rosa Marina, María José Zapata, Margarita de Celis, Rosa Butler und Emilia Serrano de Tornel Baronesa de Wilson.</p>
                  <p>All diese Verfasserinnen publizieren im Laufe ihrer schriftstellerischen Tätigkeit in mehreren weiblichen Zeitschriften. Um einige Beispiele zu nennen: Fernán Caballero schreibt für <em>La Violeta, La Moda, La Educanda, El Ángel del Hogar, El Correo de la M</em>
                     <em>o</em>
                     <em>da</em> u.a<em>.; </em>Àngela Grassi schreibt u.a. für <em>El Meteoro, El Vergel de Andal</em>
                     <em>u</em>
                     <em>cía, Ellas, La Mujer. Periódico Escrito por&#8230;,</em> <em>El Correo de la Moda, La Educanda </em>und <em>La Madre de F</em>
                     <em>a</em>
                     <em>milia; </em>Carolina Coronado für <em>El Defensor del Bello Sexo</em>, <em>El Vergel de Andalucía</em>, <em>Ellas</em> u.a.; María José Zapata publiziert u.a. in <em>El Pensil de Iberia, El Meteoro, La M</em>
                     <em>o</em>
                     <em>da, La Violeta </em>oder<em> La Buena Nueva;</em> Sáez de Melgar in <em>La Violeta, La Elegancia </em>und<em> La Mujer. </em>
                     <em>Revista de Instrucción&#8230;</em>u.a.; Rosa Butler in <em>El Pensil Gaditano, El Nu</em>
                     <em>e</em>
                     <em>vo Pensil de Iberia, La Buena Nueva </em>oder <em>La Aurora de María</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="655">
                        <p> Siehe Simón Palmer, María del Carmen:<em> Escritoras españolas del siglo XIX.&#8230;</em> ed. cit.; Carmona González, Ángeles: <em>Escritoras andaluzas en la prensa de Andalucía&#8230;</em> ed. cit.<em>; </em>Roig Castellanos, Mercedes: <em>La mujer y la prensa desde el Siglo XVII&#8230;</em> ed. cit.<em>;</em> Criado Y Domínguez, Juan Pedro: <em>Literatas Esp</em>
                           <em>a</em>
                           <em>ñolas del Siglo XIX&#8230;</em> ed. cit.<em>;</em> Simón Palmer, María del Carmen: <em>Revistas españolas fem</em>
                           <em>e</em>
                           <em>ninas en el siglo XIX&#8230;</em> ed. cit.</p>
                     </footnote> u.a. Charakteristisch für viele Autorinnen ist das Veröffentlichen ihrer Schriften in Illustrierten, ohne Rücksichtnahme auf deren soziopolitischen Einstellung. So kann, z.B. Zapata für die Mode- und Salonmagazine <em>La Moda </em>oder <em>La Violeta</em> und ebenfalls für die fourieristischen Zeitschriften <em>El Nuevo Pensil de Iberia </em>und <em>La Buena Nueva</em> schreiben &#8211; und letztere sogar leiten &#8211; oder Rosa Butler ihre Beiträge in der katholischen Zeitschrift <em>La Aurora de María </em>und in der fourieristischen <em>El Pensil Gaditano, El Nuevo Pensil de Iberia </em>und<em> La Buena Nueva </em>veröffentlichen.</p>
                  <p>Üblich ist es auch, dass die Autorinnen ein und denselben Beitrag in mehreren Publikationen veröffentlichen, nicht nur in den weiblichen, sondern auch in literarischen Zeitschriften oder in der Tagespresse<footnote numbering="arabic" start="656">
                        <p> Siehe einige Beispiele in Sánchez Llama, Íñigo: <em>Galería de escritoras isabelinas&#8230;</em> ed. cit. S. 138. Fußn. 81.</p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N14825" start="254"/>Für die meisten Schriftstellerinnen, sowie für ihre männlichen Kollegen<footnote numbering="arabic" start="657">
                        <p> Siehe Alonso, Cecilio: La prensa y el libro. In: V. Infantes, F. lopez und J.-F. Botrel (Hrsg.): <em>Hist</em>
                           <em>o</em>
                           <em>ria de la edición y de la lectura en España 1472-1914.</em> Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 2003. S. 591-597.</p>
                     </footnote>, bedeutet das Publizieren in der Presse einerseits ein nicht zu unterschätzendes finanzielles Einkommen, andererseits eröffnet die Presse für sie größere Chancen, sich einen Namen zu machen, um ihre Werke besser zu vermarkten. Viele Frauen jedoch schreiben ihre Beiträge nicht aus finanziellem Interesse, sondern einzig und allein aus Überzeugung. </p>
                  <p>Auch wenn im Laufe der Zeit in vielen Frauenmagazinen häufiger weibliche Mitarbeiterinnen, statt männliche vorgezogen werden, verleiht die Präsenz der Männer bei den meisten Leserinnen ein erhöhtes Gefühl der Seriosität. Außerdem steigert die Herausgabe von Texten &#8211; hauptsächlich literarischen Texten, wie Gedichte und Romane &#8211; bekannter Autoren die Auflagen; aber auch für diese stellen die weiblichen Magazine bei der weiblichen Leserschaft &#8211; die als unersättliche Konsumentin von fiktionalen und lyrischen Schriften gilt &#8211; eine großartige Gelegenheit, bekannt zu werden, dar. Infolge dieser zwei Faktoren erscheinen in den Frauenblättern Werke und Beiträge nicht nur der bekanntesten ausländischen Schriftsteller, sondern auch der hiesigen, wie z.B. unter anderem Mariano José de Larra<footnote numbering="arabic" start="658">
                        <p> Seoane, María cruz: <em>Historia del periodismo en España, el siglo XIX&#8230;</em> ed. cit. S. 121.</p>
                     </footnote>, Carlos Frontaura, Eugenio de Hartzenbusch, Pedro Antonio de Alarcón, José Zorrilla, Severo Catalina, Campoamor, Wenceslao Ayguals de Izco, Benito Pérez Galdós, Vicente Blasco Ibáñez<footnote numbering="arabic" start="659">
                        <p> Siehe Simón Palmer, María del Carmen: <em>Revistas españolas femeninas en el Siglo XIX&#8230; </em>ed.cit. S. 28-33.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>Fernerhin ermöglichen die weiblichen periodischen Veröffentlichungen den Frauen später die Chance, eine Publikation selbst herauszugeben, dies ist in der allgemeinen Presse allerdings fast nie der Fall<footnote numbering="arabic" start="660">
                        <p> Siehe Carmona González, Ángeles: <em>Escritoras andaluzas en la prensa de Andalucía&#8230;</em> ed. cit.<em>; </em>Roig Castellanos, Mercedes: <em>La Mujer y la prensa desde el siglo XVII&#8230;</em> ed. cit.</p>
                     </footnote>. Die spanischen Pressegesetze unterscheiden jedoch sehr deutlich zwischen der Rolle des Herausgebers und der des Verlegers. Im Gesetz vom 10-VI-1834 wurde die Funktion des &#8222;verantwortlichen Verlegers&#8220; geschaffen, die nur nach Erfüllung bestimmter finanzieller und gesellschaftlicher Kriterien ausgeführt werden konnte, und zu dem eine Kautionspflicht für Verleger stipuliert<footnote numbering="arabic" start="661">
                        <p> Beide Voraussetzungen wurden aus der französischen Gesetzgebung übernommen. Seoane, María cruz: <em>Hist</em>
                           <em>o</em>
                           <em>ria del periodismo en España, el siglo XIX&#8230;</em> ed. cit. S. 126.</p>
                     </footnote>. Man verlangte von dem &#8222;verantwortlichen Verleger&#8220; die gleichen Voraussetzungen wie für Parlamentsabgeordneten-Kandidaten, d.h. finanzielle Solvenz und moralische und gesellschaftliche Integrität. Die Höhe der Kaution und die Festlegung der Solvenz änderten sich je nach restriktiver oder freizügiger Gesetzgebung<footnote numbering="arabic" start="662">
                        <p> Ebenda S. 155 und S. 173 f. Auch in Zeiten größter Freiheit, wie bei dem <em>Sexenio Revolucionario </em>(Revolutionssexennium) (1868-1874) übernehmen die Frauen nicht die Aufgaben des Verlegers. Siehe ebenda S. 173 f.</p>
                     </footnote>, blieben allerdings für Frauen &#8211; die in der Regel weder über ihr eigenes Kapital noch über ihr eigenes Sorgerecht verfügten<footnote numbering="arabic" start="663">
                        <p> Siehe Jagoe, Catherine, A. Blanco, Cristina Enríquez de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de gén</em>
                           <em>e</em>
                           <em>ro&#8230; </em>ed. cit. S. 233-240.</p>
                     </footnote> &#8211; unerreichbar. Diese Aufgabe wird folglich von den Ehemännern, Brüdern oder anderen männlichen Vormunden übernommen, wie z.B. von Valentín Melgar, Ehemann von Faustina Sánchez de Melgar oder José Marco y Sánchis, Ehemann von Pilar Sinués de Marco oder Vicente de Cuenca, Bruder von Ángela Grassi de Cuenca oder Francisco de Paula Flaquer y Fraisse, Ehemann von Concepción Gimeno de Flaquer<footnote numbering="arabic" start="664">
                        <p> Sánchez Llama, Íñigo: <em>Galería de escritoras&#8230;</em> ed. cit. S. 166.</p>
                     </footnote>. Trotz dieser gebotenen Ausweichung bleiben die meisten Herausgeber männlich. Viele unter ihnen sind gleichzeitig bei mehreren periodischen Veröffentlichungen verschiedener Natur beteiligt oder geben auch andere Publikationsarten heraus, meistens Bücher, Fortsetzungsromane u.Ä.<footnote numbering="arabic" start="665">
                        <p> Siehe Martínez Martín, Jesús A.: Editores y empresas editoriales. In: V. Infantes, F. lopez und J-F. Botrel (Hrsg.): <em>Historia de la edición y de la lectura en España 1472-1914.</em> Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 2003. S.601-609; weiter siehe einige Beispiele im Kapitel IV: Productores y Editores in Botrel, Jean-François: <em>Libros</em>,<em> prensa y lectura&#8230;</em> 383-522.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>
                     <citenumber id="N148B2" start="255"/>Wie bei jeder anderen Presseart im spanischen 19. Jh. vermischen sich bei den Verlegern der weiblichen Magazine &#8211; die oft auch die Funktion des Herausgebers und Mitarbeiters übernehmen &#8211; lukrative, politische, kulturelle und soziale Interessen. Trotz der relativ hohen Zahl der weiblichen Veröffentlichungen, stehen zweifellos die lukrativen Ziele auf einer Skala möglicher Motivationen für die Gründung eines Magazins ganz unten. Die Auflagen bleiben bis Ende des Jahrhunderts sehr bescheiden, zum einen aufgrund des reduzierten Leserkreises, wegen der schwachen Vertriebsinfrastruktur zum anderen. Als die Bildungsmaßnahmen einzuwirken beginnen, erhöhen sich die Auflagen; so drucken zum Beispiel 1898 in Madrid <em>La Moda Elegante </em>und<em> Última Moda</em> respektiv 30 000 und 20 000 Exemplare wöchentlich<footnote numbering="arabic" start="666">
                        <p> Pascual Martínez, Pedro: <em>Escritores y editores en la Restauración Canovista&#8230;</em>ed.cit. Bd I. S. 97. S.100.</p>
                     </footnote>, diese bleiben jedoch außergewöhnliche Ausnahmen<footnote numbering="arabic" start="667">
                        <p> Leider ist es uns nicht gelungen &#8211; wie schon so viele Forscher vor uns &#8211; Quellen über die Höhe der Auflagen der weiblichen Publikationen zu finden.</p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444441"/>
                  </p>
               </block>
            </subsection>
            <subsection id="N148D7" label="II.5.5">
               <head>Cordel-Literatur, ein Mittelweg zwischen Literarisierung und Oralität</head>
               <p>Die Formen der Para- und Infraliteratur wurden so lange von der spanischen Forschung verpönt oder vergessen, bis Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts die erste Untersuchung von Populärschriften unter soziologischen und anthropologischen Gesichtspunkten zuwege gebracht wurde. Mit seinem Werk <em>Ensayo sobre la liter</em>
                  <em>a</em>
                  <em>tura de cordel</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="668">
                     <p> Caro Baroja, Julio: <em>Ensayo sobre la literatura de cordel. </em>Madrid: Editorial Revista de Occidente. 1969.</p>
                  </footnote> verschaffte Caro Baroja den volkstümlichen Schriften einen neuen Status und den Platz, der ihnen in der Geschichte der kulturellen Entwicklung des Landes zusteht; er öffnete gleichzeitig neue Perspektiven für deren Analyse. Die zweite akribische Untersuchung, von Joaquín Marco, wenn auch auf die literaturwissenschaftlichen Aspekte fokussiert, durchgeführt, wurde 1977 herausgebracht<footnote numbering="arabic" start="669">
                     <p> Marco, Joaquín: <em>L</em>
                        <em>iteratura popular en España. En los siglos XVIII y XIX. Una aproximación a los pliegos de cordel. </em>Madrid: Taurus. 1977. Joaquín Marco benutzt <em>literatura de cordel </em>als Überbegriff für alle Textsorten, die von Wanderhändlern in Heftform vertrieben wurden. </p>
                  </footnote>. Beide Monographien sind bis heute von der Forschung nicht übertroffen worden und bilden die Grundlage jeder weiterer Arbeit, so auch dieses Kapitels. In der Zwischenzeit, aber vor allem danach, folgen mehrere weitere Studien und zwar nicht mehr in Form von Monographien, sondern von Beiträgen, die in wissenschaftlichen Periodika und Sammelbändern<footnote numbering="arabic" start="670">
                     <p> Auch das 19. Jh betreffend sind folgende zu nennen Nitschack, Horst: Die Cordel-Literatur im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. In: B. Scharlau (Hrsg.): <em>Bild-Wort-Schrift. Beiträge zur Latei</em>
                        <em>n</em>
                        <em>amerika-Sektion des Freiburger Romanistentages</em>. Tübingen: Narr. 1989; Botrel, Jean-François: Les historias de colportage : essai de catalogue d&#8217;une Bibliothèque bleue espagnole (1840-1936). In : <em>Les produtions popula</em>
                        <em>i</em>
                        <em>res en Espagne (1850-1920). </em>Paris: CNRS. 1986. S. 25-62; Botrel, Jean-François: Aspects de la littèrature de colportage sous la Restauration. In : <em>L&#8217;infralittérature en Espagne aux XIX</em>
                        <em>
                           <sup>e</sup>
                        </em> <em>et XX</em>
                        <em>
                           <sup>e </sup>
                        </em>
                        <em>siècles. Du roman feuilleton au romancero de la guerre d&#8217;Espagne.</em>Grenoble: Presses Universitaires de Grenoble. 1977. 103-121. Botrel, Jean-François: <em>Libros, prensa y lectura&#8230;</em> ed.cit. S. 149-175. </p>
                     <p>In deutscher Sprache erschien 2001 die Doktorarbeit Wolfram Aichingers <em>Almendral: zur popularen Kultur eines kastilischen Gebirgsdorfes</em>; es handelt sich um eine wertvolle Arbeit, die verschiedene Aspekte der spanischen Volkskultur, wie der Charivari und die <em>Cordel</em>-Literatur anhand der Traditionen des Dorfes Almendral de la Cañada. Siehe Aichinger, Wolfram: <em>Almendral: zur popularen Kultur eines kastilischen Gebirg</em>
                        <em>s</em>
                        <em>dorfes</em>. Wien: Turia und Kant. 2001.</p>
                  </footnote> erscheinen. </p>
               <p>Am Anfang des 20. Jahrhunderts war die Mehrheit der Spanier, d.h. 63,8 % beider Geschlechter analphabetisch, respektive 55,8% der Männer und 71,4% der Frauen<footnote numbering="arabic" start="671">
                     <p> Siehe Anhang B</p>
                  </footnote>. Diese Zahlen bezeichnen nur den Brutto- und nicht den Nettoanalphabetismus, was eine höhere Quote von nicht literalisierten Erwachsenen mittleren Alters bedeutet. </p>
               <p>
                  <citenumber id="N14955" start="256"/>Alle bis jetzt im Laufe dieser Arbeit präsentierten Lesestoffe waren an einen stetig wachsenden Bevölkerungsanteil, der allerdings im Jahre 1900 nur von 36,2 % der Gesamt- und von 28,6 % der weiblichen Bevölkerung gebildet wird, gerichtet, wobei große diatopische und diastratische Unterschiede herrschten. Die Mehrzahl der lese- und schreibkundigen Frauen gehört zu den Mittel- und Oberschichten, die weiblichen Angehörigen des Volkes, besonders in ländlichen Gebieten, stellen die große Masse der Analphabetinnen dar.</p>
               <p>Die jahrhundertlang auf einer Oraltradition basierende, lebendige spanische Volkskultur entschwand nicht von heute auf morgen, von der schriftlichen Kultur verdrängt. Die mündliche Überlieferung wurde erstmals zur Grundlage einer zwischen der oralen und schriftlichen Ebene mittels der Re-Oralisierung von gedruckten Texten pendelnden Kommunikationsart, bei der später &#8211; schon im 20. Jahrhundert &#8211; das Geschriebene immer mehr an Bedeutung gewann, bis es das Mündliche überwog. Der Verleger dieser Art von Literatur &#8211; der häufig zugleich Drucker und sogar Autor in einer Person war &#8211; benötigte einen Vermittler, um bei seiner meist aus Analphabeten bestehenden Konsumenten seine Druckerzeugnisse abzusetzen. Dieser Vermittler &#8211; der auch der Autor der Texte sein konnte &#8211; rezitierte vor versammeltem Publikum den Inhalt der Schriften, wie <em>pliegos de cordel,</em> <em>gozos, r</em>
                  <em>o</em>
                  <em>mances, coplas </em>u.a.,<em> </em>auf eine Art, die dem potenziellen Käufer ermöglichte, den Text so weit wie möglich zu memorieren, ihn also zu re-oralisieren. Der Käufer erwarb seinen <em>pliego</em> usw., damit er ihn hin und wieder von einem Literalisiertenen erneut vorgelesen bekam und ihn sich beständig fester einprägen konnte. Diese Art von Literatur<em> </em>fügte also dem von Autor, Verleger und Leser gebildeten Dreiecksverhältnis eine weitere Figur hinzu: den mündlichen Vermittler &#8211; den <em>coplero </em>oder den<em> santero</em> &#8211;, der lange Zeit durch den blinden Sänger verkörpert wurde.</p>
               <p>Seit der Einführung der Buchdruckes in Spanien (1473), erschienen unzählige Druckwerke der Para- und Infraliteratur, die sich an das Volk richteten. Die <em>Cordel</em>- Literatur wurde von Caro Baroja als ein «<em>gran saco sin fondo aparente</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="672">
                     <p> Siehe Álvarez Barrientos, Joaquín, M. José Rodríguez Sánchez de León: <em>D</em>
                        <em>iccionario de literatura pop</em>
                        <em>u</em>
                        <em>lar&#8230; </em>ed.cit. S. 179.</p>
                  </footnote>
                  <em>», </em>ein anscheinend bodenloser Sack, in den eine unglaubliche Anzahl Drucke hineinpassen: <em>coplas, </em>Lieder, wie <em>seguidillas, tangos, jotas, </em>usw., <em>romances,</em> Bänkellieder, Moritäten,<em> </em>kurze, dramatische Texte, wie <em>pasos, sainetes, comedias,</em> Geschichten in Prosa, Berichte, Biographien, Hagiographien, Kalender, <em>auques</em>, <em>aleluyas</em>, <em>gozos</em>, religiöse Lyrik, Gebete, Bilderbogen, Fächer, Orakel, Liebesbriefe, aber auch Briefpapier und -umschläge, Figuren für Schattentheater, Zigarettenpapierverpackungen, usw.</p>
               <p>
                  <citenumber id="N149B1" start="257"/>Es handelt sich um einen Oberbegriff für eine Literaturart, die sich an das Volk oder an die nicht oder schwach Alphabetisierten richtet. Es sei ein richtiger Mikrokosmos innerhalb der populären Literatur, der auf einer ständigen Referenz auf die höhere Kultur gründet, der aber keine wirkliche Alternative zu dieser, sondern ein angrenzendes Genre bildet<footnote numbering="arabic" start="673">
                     <p> Ebenda S.180.</p>
                  </footnote>. Wir werden das letzte Kapitel unserer Arbeit dieser Art der schriftlichen Kultur widmen.</p>
               <block id="N149BD" label="II.5.5.1">
                  <head>
                     <link id="_Toc172444442"/>Die pliegos de cordel</head>
                  <subblock id="N149C5" label="II.5.5.1.1">
                     <head>
                        <link id="_Toc172444443"/>Definition und Merkmale</head>
                     <p>Die <em>pliegos de cordel</em> (Kordelbogen) bekamen ihren Namen ursprünglich von der Schnur &#8211; einer Kordel &#8211; an der sie zusammengehalten wurden; es handelt sich um lose aufeinander gelegte Druckbogen, die am linken Rand von einer Schnur durchzogen werden, diese wird geknotet und hält so die Blättersammlung zusammen<footnote numbering="arabic" start="674">
                           <p> <em>Literaturwissenschaftliches Wörterbuch für Romanisten&#8230; </em>ed. cit. S. 68.</p>
                        </footnote>. Diese Blätter oder nicht gebundenen Hefte wurden mittels Rohrklammern an Leinen aufgehängt und in Ständen und Läden, auf Straßen und Plätzen, auf Märkten, Messen, Volksfesten, Wallfahrten und anderen Gelegenheiten, an denen sich Menschen ansammelten, verkauft. </p>
                     <p> In der Regel waren die Papierbogen von niedrigster Qualität hergestellt. Im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird das Lumpenpapier durch maschinell hergestelltes holzhaltiges Papier ersetzt<footnote numbering="arabic" start="675">
                           <p> Botrel, Jean-François: <em>Libros, prensa y lectura en la España&#8230; </em>ed.cit. S. 152f.</p>
                        </footnote>. Infolgedessen werden die Produktionskosten der <em>pliegos</em> verringert und dadurch die Kaufpreise verbilligt, dies geht jedoch auf Kosten der Qualität und Überlebensdauer des Druckes. </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N149F1" start="258"/> Die Formate waren unterschiedlich, üblich waren Quart und Folio, es gab aber auch <em>pliegos </em>im Format 12° oder sogar im 16°<footnote numbering="arabic" start="676">
                           <p> Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en España&#8230;</em> ed.cit. S.37.</p>
                        </footnote>. Man konnte auch mehrere Bogen grob zusammennähen und wie Broschuren mit Pappe binden; in diesem Fall bekamen sie auch den Namen &#8222;Geschichten&#8220; oder &#8222;Büchlein&#8221;<footnote numbering="arabic" start="677">
                           <p> Álvarez Barrientos, Joaquín, M. José Rodríguez Sánchez de León: <em>D</em>
                              <em>iccionario de literatura pop</em>
                              <em>u</em>
                              <em>lar</em>&#8230; ed.cit.S. 179.</p>
                        </footnote>. Charakteristisch für diese Publikationsart waren auch die Illustrationen, die normalerweise am Anfang des Textes gedruckt wurden. Die <em>pliegos </em>enthielten unterschiedlichte Textsorten in Prosa- oder Versform, aber vor allem dienten sie der Verbreitung der <em>romances de ciego</em> (Romanzen der Blinden), auch <em>romances nuevos</em> (neue Romanzen) oder <em>romances vulgares</em> (populäre Romanzen)<em> </em>genannt. Eine Definition der <em>pli</em>
                        <em>e</em>
                        <em>gos de cordel </em>hinsichtlich ihrer Inhalte ist jedoch nicht möglich, denn eigentlich handelt es sich dabei eher um ein Mittel zur Verbreitung von fiktionalen und nicht fiktionalen Stoffen aus allen Themenbereichen, als um eine literarische Gattung im engeren Sinne. </p>
                     <p>Die <em>literatura de cordel </em>entstand mit der Druckerpresse und diente anfänglich der massenhaften preiswerten Verbreitung von Inhalten, die zum größten Teil aus dem Fundus der mündlichen Tradition stammten. Die Verleger dieser Hefte bedienten sich jedoch nicht nur der traditionellen Stoffe, Märchen, Legenden, Sprichwörter, Liebeslyrik u.Ä.; schon seit den Anfängen existierte neben diesen eine breite Palette von nicht literarischen Stoffen, die auf ihre Art &#8211; auch wenn mit größer zeitlicher Verzögerung &#8211; über Geschehnisse, wie Verbrechen, Naturkatastrophen, aber auch über Monster und Wunder berichteten. </p>
                     <p>Zusätzlich fanden in bearbeiteter Form, auch Inhalte der Eliteliteratur, in der Regel mit großer zeitlicher Verschiebung hinsichtlich der Erscheinung der Originale, ihren Weg in die kleinen <em>pliegos de cordel. </em>Auf diesem Weg rezipierte ein breites Publikum bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein Stoffe und Themen, wie mittelalterliche Romanzen, Ritterromane oder Theaterstücke des <em>Siglo de Oro</em>. </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N14A40" start="259"/>Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verstärkte sich die Tendenz, über aktuelle &#8211; oder scheinbar aktuelle &#8211; Ereignisse zu berichten<footnote numbering="arabic" start="678">
                           <p> Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en España&#8230;</em> ed.cit. S.35.</p>
                        </footnote>; an die Stelle der fiktionalen Erzählungen traten immer häufiger Nachrichten und der Sänger entwickelte sich immer mehr zum Kolporteur. </p>
                     <p>Die Inquisition und später die weltliche Zensur bemühten sich von Anfang an, die Inhalte der Blätter und Büchlein zu kontrollieren, da sie leicht für die Verbreitung unmoralischer, abergläubischer oder noch schlimmer für unliebsame politische Äußerungen &#8222;missbraucht&#8220; wurden. Während des Königreiches Karl III. &#8211; der aufgeklärte König &#8211; verbot ein Gesetz<footnote numbering="arabic" start="679">
                           <p> Es handelt sich um eine Verordnung von 1805, die aufgrund des Krieges ab 1808 ohne Folgen blieb. Ebenda S. 173.</p>
                        </footnote> aus dem Jahre 1767 die Herausgabe von «<em>Romanzen blinder Sänger von Lieder über Gehängte, deren Druck schlechten Einfluss auf das Publikum hat, zudem eine müßige Lektüre darstellt und nichts zur öffentlichen Bildung beiträgt</em>
                        <footnote numbering="arabic" start="680">
                           <p> Ebenda S. 174.</p>
                        </footnote>.» Verleger, Autoren, Blinde oder Kolporteure standen meistens im Schutz der Anonymität. Die Hefte trugen in der Regel keine Angaben über den Verlag oder die Druckereien, auch wenn mehrere Gesetze es so verlangten; die meisten <em>pliegos</em> wurden außerdem anonym oder anonymisiert herausgebracht, des Öfteren waren Blinde und andere Kolporteure die einzigen, die zur Rechenschaft gezogen werden konnten. </p>
                     <p>Das o.g. Verbot und weitere spätere blieben ohne Wirkung<footnote numbering="arabic" start="681">
                           <p> Siehe Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en España</em>&#8230; ed.cit. S. 173-175. Einige Hefte und Blätter werden hier und da konfisziert, einigen Blinden Bußgelder auferlegt, aber es findet kein großer Prozess statt.</p>
                        </footnote> und die Beschwerden der Behörden hörten nicht auf. Das ganze 18. Jh. hindurch mussten sich die Verleger wechselnden, gesetzlichen Bestimmungen anpassen. Sie waren jedoch immer darauf bedacht, Vorschriften, die der Eigenart des Genres widersprochen hätten, zu umgehen; so z.B. die Bestimmung aus dem Jahre 1820<footnote numbering="arabic" start="682">
                           <p> Ebenda S. 174.</p>
                        </footnote>, die vorschrieb, dass jedes Druckwerk den Namen des Autors und das Erscheinungsdatum aufweisen müsste.</p>
                     <p>
                        <citenumber id="N14A80" start="260"/>Die unmittelbare Nähe zwischen <em>Cordel</em>- Literatur und von blinden Sängern rezitierten religiösen Texten, bewirkte, dass Kirche und Inquisition der Gattung prinzipiell nicht feindlich gestimmt waren. Auf den Index kamen nur Texte, die falschen Glauben, politische Aussagen und Angriffe auf die Inquisition enthielten oder als unmoralisch eingestuft wurden<footnote numbering="arabic" start="683">
                           <p> Siehe das Kapitel «El pliego suelto y la Inquisición» und die von Joaquín Marco erstellte Liste der am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts auf den Index gesetzten <em>pliegos. </em>In: ebenda S. 175-182. Eine detaillierte Untersuchung ist dennoch bis heute nicht durchgeführt worden.</p>
                        </footnote>. </p>
                     <p>Zweifellos übten sowohl die Autoren als auch die Verleger der <em>pliegos </em>Selbstzensur, unter anderem indem sie den breiten Schilderungen von Gewalt und Leidenschaft in ihren Geschichten kirchen- und autoritätskonforme Sentenzen beifügten<footnote numbering="arabic" start="684">
                           <p> Ebenda S. 90.</p>
                        </footnote>. Dies zeugt nicht unbedingt für echten Respekt vor der Religion oder der Kirche, sonder eher für eine Taktik, um ihre Tätigkeit ungehindert weiter führen zu können. Je nach politischer Lage, z.B. in Zeiten von Revolten und Aufständen, verkauften die blinden Sänger ungeniert haarsträubende Geschichten gegen Nonnen, Mönche und die Kirche in ihrer Gesamtheit<footnote numbering="arabic" start="685">
                           <p> Siehe Caro Baroja, Julio: <em>Ensayo sobre la literatura de cordel&#8230;</em>ed.cit. S. 285-304.</p>
                        </footnote>.</p>
                     <p> Die gebildete Elite bekämpfte den <em>pliego de cordel </em>von Anbeginn und versuchte mit scharfen Attacken, mit Satire und Parodie, ihn zu diskreditieren, aber immer erfolglos. Schon der Dramatiker aus dem <em>Siglo de Oro </em>der spanischen Literatur Lope de Vega zog gegen die blinden Sänger, die er als «<em>öffentliche Ausrufer von Lügen</em>
                        <footnote numbering="arabic" start="686">
                           <p> Siehe das Lope de Vega zugeschriebene Memorial in García de Enterría, María Cruz: <em>Sociedad y po</em>
                              <em>e</em>
                              <em>sía de cordel en el barroco. </em>Madrid: Taurus. 1973. S. 142-145.</p>
                        </footnote>» bezeichnete, ins Feld. Er beschuldigte sie, das Land zu diffamieren, indem sie ihre Städte als Schauplatz für Inzest, Elternmord, falsche Wunder und Häresie besängen. Auch Cervantes griff sie in seinem exemplarischen Roman <em>El Coloquio de los Pe</em>
                        <em>r</em>
                        <em>ros</em> (1613) an und das gleiche taten andere großen Dichter, wie Francisco de Quevedo<footnote numbering="arabic" start="687">
                           <p>
                              <strong> </strong>Dieser schrieb satirische Verse nach Blindenart «Mütter, die ihr Töchter habt, / so Gott helfe euch, / gebt sie keinem Kahlköpfigen, / sondern den Flaumigen. / Lernet alle aus meiner Geschichte / denn man verheiratete mich hinterlistig / mit einem glattköpfigen Kapaun / haarlos bis zum Genick / (&#8230;).» Siehe Quevedo, Francisco de: <em>Obra Poét</em>
                              <em>i</em>
                              <em>ca. </em>Bd<em> </em>II. Madrid: Castalia. 1970. S.345. Zitiert in Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en Esp</em>
                              <em>a</em>
                              <em>ña&#8230;</em> ed.cit. S. 58. </p>
                        </footnote> und Luis de Góngora. </p>
                     <p>
                        <citenumber id="N14AF3" start="261"/>Für die Aufklärer des 18. Jahrhunderts verstieß die <em>Cordel</em>-Literatur gegen alle Gebote der Ästhetik, des guten Geschmacks und &#8211; am wichtigsten für sie &#8211; gegen die Vernunft. Sie seien Bodensatz absurder Phantasien und Übertreibungen und förderen Aberglauben, Leichtgläubigkeit und Frömmelei. Aufklärer wie Leandro Fernández de Moratín verspotteten die «<em>ständigen Messerstechereien, die Leidenschaft, den Widerstand gegen die Justiz, die Eifersucht, die Versteckspiele, die pathetischen Auftritte, die Liebe</em>
                        <em>s</em>
                        <em>anträge, die Heldentaten, die Zoten, die große Prahlerei, die Schif</em>
                        <em>f</em>
                        <em>brüche, die Martyrien und die lächerlichen Glaubenswechsel</em>
                        <footnote numbering="arabic" start="688">
                           <p> Siehe Fernandez de Moratín, Leandro: Discurso preliminar a las comedias de Moratín. In: <em>Obras. </em>Bd II. 4. Aufl. Madrid: Rivadeneyra. B.A.E. 1857. S. 311. Zitiert in Caro Baroja, Julio: <em>Ensayo sobre la literatura de co</em>
                              <em>r</em>
                              <em>del&#8230;</em> ed.cit. S. 26.</p>
                        </footnote>», die den inhaltlichen Schwerpunkt der Büchlein bilden. Die zerschmetternden Urteile der Aufklärer, wie Moratín, Jovellanos<footnote numbering="arabic" start="689">
                           <p> Jovellanos lehnte das Angebot des Verlegers Ibarra, seine Werke im Form von <em>pliegos</em> erscheinen zu lassen, damit sie von Blinden in der Hofstadt Madrid verteilt wurden. Siehe Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en Esp</em>
                              <em>a</em>
                              <em>ña</em>&#8230; ed.cit. S. 105.</p>
                        </footnote> oder Feijoo zeugen, laut Caro Baroja, von der existierenden Kluft zwischen der Kultur der Elite und der des Volkes, die sich ab dem 18. Jh. weiter ausdehnte. Die ablehnende Position seitens der gebildeten Schichten hielt bis Mitte des 20. Jahrhunderts, als die <em>pliegos </em>u.Ä. endgültig eingingen, an. </p>
                     <p>Der Sammler von Romanzen Agustín Durán, der immens zur Überlieferung der spanischen mündlichen Volkslyrik beitrug, betrachtete die <em>Cordel</em>-Literatur dennoch als Spiegelbild und Stimulus moralischen Verfalls. Da sie kritiklos dem korrumpierten Geschmack des Volkes bediene, werde sie &#8211; so Durán &#8211; zu seinem einzigen Vorbild und getreulichen Portrait<footnote numbering="arabic" start="690">
                           <p> Siehe Durán, Agustín: Prólogo. In: <em>Romancero general o colecciones de romances castellanos anteriores al s</em>
                              <em>i</em>
                              <em>glo XVIII. </em>Madrid: Rivadeneyra.B.A.E. 1849-1851.<em> </em>Zitiert in Caro Baroja, Julio: <em>Ensayo sobre la literatura de co</em>
                              <em>r</em>
                              <em>del&#8230;</em>ed.cit. S. 23.</p>
                        </footnote>. Das Volk identifiziere sich mit dem Rebellen und dem Schmuggler, die der Obrigkeit trotzten; applaudieren der Tochter, die gegen den Willen des Vaters rebelliert, und um ihrem Liebhaber zu folgen, nicht vor Raub und Mord zurückschreckt, und applaudieren ebenfalls dem Vater, der eine rebellische Tochter bestraft; sie sympathisieren mit dem Dieb, der seine Beute an die Armen verteilt und mit dem, der die grausamsten Verbrechen begeht oder mit dem reumütigen Verurteilten, der nach rascher Beichte unter dem Galgen noch eine Predigt hält und direkt in den Himmel fährt. Das Volk liebte auch die Geschichten, die von Wundern, Hexereien, magischen Tränken, Verwandlungen, Aberglaube usw. überbevölkert waren, sowie Berichte über Naturkatastrophen, Bränden, Epidemien u.Ä., die als göttliche Bestrafung über ganze Völker und Nationen &#8211; wie Juden, Araber und andere Ungläubige &#8211; herfielen.</p>
                     <p>Den heftigen Kritiken Agustín Durans und anderen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts standen eine kleine, aber gewichtige Minderheit gegenüber, die sich um eine Aufwertung dieser populären Lesestoffe bemühte, sprich, die so genannte <em>Gen</em>
                        <em>e</em>
                        <em>ración del 98</em> (98er-Generation) und in erster Linie besonders Schriftsteller, wie Valle-Inclán, Miguel de Unamuno und Pío Baroja. Sie sahen in den Billigdrucken die ursprüngliche kreative Kraft des Volkes; in ihren Romanen kommen Figuren vor, die solche Schriften konsumierten<footnote numbering="arabic" start="691">
                           <p> «Seit einiger Zeit fühlte sich Ignacio von einer besonderen Leidenschaft gepackt: sobald er nur konnte, suchte er auf dem Marktplatz eines jener gedruckten Hefte zu erstehen, die, mittels eines feinen Röhrchens an einer Schnur befestigt, den Neugierigen von blinden Bettlern feilgeboten wurden. Diese Hefte enthielten die üppigen Blüten der Volksphantasie und der Geschichte. Da gab es Erzählungen aus der Bibel, orientalische Märchen, mittelalterliche Heldengedichte aus dem karolingischen Kreise, Ritterbücher, Erzählungen nach den beliebtesten Dichtungen der europäischen Literatur und den schönsten vaterländischen Legenden, Räubergeschichten und Geschichten aus dem siebenjährigen Bürgerkrieg. All diese Geschichten, die man sich einst, um das wärmende Feuer gelagert, erzählt hatte, lebten nun durch die Mithilfe blinder Bettler, die sie auf der Straße feilboten, in der ewig jungen, blühenden Phantasie des Volkes fort.</p>
                           <p>Ignacio las diese Hefte wie im Halbschlaf und ohne sie recht zu verstehen. Die Geschichten, die in Versen abgefaßt waren, ermüdeten ihn schnell und enthielten zudem viele Worte, die ihm unverständlich waren. Seine schlaftrunkenen Augen blieben zuweilen auf einem der großen Kupferstiche haften. Wenige der legendären Gestalten gewannen in seinem Geiste durch diese Bilder festen Umriß. Judith etwa, die das Haupt des Holofernes an den Haaren emporhebt, oder der an die Füße der Dalila gefesselte Simson, oder Sindbad in der Hölle des Riesen, oder Aladin, der mit seiner Wunderlampe das unterirdische Gewölbe durchsucht. Sodann Karl der Große (&#8230;). Den tiefsten Eindruck aber machte auf Ignacio die Gestalt des hoch zu Roß reitenden Cabrera (der Karlistenheld aus dem ersten Bürgerkrieg 1833-1839) mit dem wehenden weißen Mantel.</p>
                           <p>(&#8230;) Es war eine rauhe und doch zugleich zarte und freundliche Welt, diese Welt der Ritter, die weinen und töten, mit Herzen, die weich wie Wachs, so bereit zur Liebe und doch zugleich hart wie Eisen waren, wenn es zu kämpfen galt. Eine Welt, in der Simson, (&#8230;) und der Cid wie Freunde miteinander verkehren und als letztes Glied dieser langen Reihe von Helden und Rittern, die Realität und Wahrheit jenes Lebens verbürgend und besiegelnd: Cabrera! Cabrera der am Ende und Abschluß seiner wildbewegten Jugend ausrief, es gälte, die Welt mit Lärm und Getöse zu erfüllen, der sich aufbäumte wie eine Hyäne, brüllte wie ein Löwe, sich die Haare raufte und sich verschwor, daß Blut fließen müsse, während er mit lauter Stimme den General Nogeras persönlich zum Duell herausforderte, weil er seine arme sechzigjährige Mutter hatte erschießen lassen; (&#8230;)» unamuno, Miguel de: <em>Frieden im Krieg. Ein Roman aus dem Carlistenaufstand. </em>Berlin: Volksverband der Bücherfreunde. Wegweiser Verlag. 1929. S. 31-32. </p>
                        </footnote>. Des Weiteren übernahmen einige unter ihnen in ihren eigenen Werken die schrillen Farben und die grotesken Übertreibungen<footnote numbering="arabic" start="692">
                           <p> Ramón María del Valle-Inclán übernahm für seine literarische Kreation die <em>Esperpentos </em>viele, vor allem strukturale und sprachliche Elemente aus dem <em>Cordel-</em>Heften, den Romanzen, <em>coplas</em> und anderen populären Schriften. Diese Merkmale sind vor allem in seiner Trilogie <em>El ruedo ibérico, </em>gebildet aus den Romanen <em>La corte de los mil</em>
                              <em>a</em>
                              <em>gros </em>(Der Wunderhof) (1927) und <em>Viva mi dueño </em>(Es lebe mein Herr!) (1928) und <em>Baza y espada </em>(Stich und Schwert)<em> </em>(1932) wiederzufinden. Die Trilogie erzählt u.a. von den letzten Tagen des Königreiches Isabel II. vor der 68er September-Revolution, darin würdigt der Autor die Figur des blinden Kolporteurs und Sängers, seine ungewollte subversive Rolle bei der Verbreitung politischer Lieder und sogar verbotener satirischer Zeitschriften, alles was die Mittelstände in dieser turbulenten Zeit zu ihrem Amüsement lesen wollen. Siehe Valle-Inclán, Ramón M. del: <em>El Ruedo Ibérico</em> . La Habana: Editorial de Arte y Literatura. 1984.<em> </em>
                           </p>
                        </footnote>. So überschritt die Para- und Infraliteratur dank der literarischen Bearbeitungen von Valle-Inclán oder Pío Baroja die Grenze zur gehobenen Kultur in die entgegengesetzte Richtung.</p>
                     <part id="N14BA0" label="II.5.5.1.1.1">
                        <head>
                           <link id="_Toc172444444"/>Autoren der <em>literatura de cordel</em>
                        </head>
                        <p>
                           <citenumber id="N14BAD" start="262"/>Im Falle der populären Schriften bleiben die Grenzen zwischen Verlegern, Autoren und Sängern fließend. Viele <em>copleros </em>trugen eigene Texte vor; es existierte aber auch eine Kategorie professioneller Schreiber und unter ihnen bestanden einige auf die Autorschaft ihrer Texte und erlangten in einzelnen Fällen sogar eine gewisse Popularität<footnote numbering="arabic" start="693">
                              <p> Siehe das Kapitel «El Ciego como Autor del Romance» in Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en Esp</em>
                                 <em>a</em>
                                 <em>ña&#8230;</em> ed.cit. S.140-143. </p>
                           </footnote>. Die meisten <em>pliegos </em>erschienen jedoch anonym. Aus diesem Grund wurden sie vielfach von verschiedenen Autoren aus verschiedenen Epochen bearbeitet und wiedergedruckt. Bezeichnend für diese Art Literatur ist, dass der Titel oder das Thema der Kompositionen für die Rezipienten viel wichtiger war als der Name des Autors<footnote numbering="arabic" start="694">
                              <p> Botrel, Jean-François: <em>Libros, prensa y lectura en la España&#8230; </em>ed.cit. S. 108.</p>
                           </footnote>. Da die Geschichten von verschiedenen Sängern vorgetragen wurden, setzte sich eine Multiplizität der Autorschaft durch, die wiederum der Anonymität entspricht.</p>
                        <p>Auch manche in Bedrängnis geratene seriöse Schriftsteller versuchte sich als Autor. So erzählt z.B. Julio Nombela<footnote numbering="arabic" start="695">
                              <p> Nombela, Julio: <em>Impresiones y recuerdos</em>&#8230;ed.cit. S. 65-68. </p>
                           </footnote> in seinen Memoiren folgende Anekdote: In einem Moment finanzieller Bedrängnis, als er um das Jahr 1860 herum einen Mantel auszulösen hatte, erfuhr er, dass ein Blinder, ein zum Verleger aufgestiegener ehemaliger Händler von <em>Cordel</em>-Literatur, der mit Wanderhändlern aus ganz Spanien Geschäfte machte, ständig Autoren suchte. Wenn sich irgendwo ein Verbrechen aus Leidenschaft, eine spektakuläre Hinrichtung ereignete oder wenn ein Bandit großes Aufsehen erregte, dann beauftragte der Blinde einen der zwei oder drei &#8222;Hungerpoeten&#8220;, die ihm zu Diensten waren, mit deren Bearbeitung als <em>pliego. </em>Nombela schrieb eine Geschichte nieder, wie er sie aus seiner Kindheit in Almería kannte. Als Kind hatte ihm dort eine leseunkundige Magd, die sich solche Literatur selber konsumierte, einige vorgetragen. Das Werk Nombelas gefiel dem Blinden und er bekam dafür den hohen Lohn von zwei <em>duros</em>. Der Verleger wollte ihn gleich mit der Bearbeitung älterer <em>romances</em> beauftragen. «<em>In neuer Fassung werden sie sich wie geweihtes Brot ve</em>
                           <em>r</em>
                           <em>kaufen, denn, seien wir ehrlich, im Romanzenschreiben kann es niemand mit dem A</em>
                           <em>l</em>
                           <em>ten aufnehmen. Aber, weil diesmal nicht alles von Ihnen kommt, werde ich dafür nur 25 reales bezahlen</em>
                           <footnote numbering="arabic" start="696">
                              <p> Ebenda S. 66f.</p>
                           </footnote>.» Thema der Geschichten waren andalusische Räuber, Mord und Hinrichtung; Nombela erhielt von dem Verleger außerdem die Anweisung, seine Bearbeitungen so grauenhaft wie nur möglich darzustellen.</p>
                        <p>Nombela beschreibt in dieser kleinen Anekdote auf anschauliche Weise, wie der Prozess der Bearbeitung alter Stoffe und der Schaffung neuer funktionierte. Diese Kreation wurde durch verschiedene Kräfte reguliert, einerseits von den rigiden, gattungsinternen Vorgaben, vom Publikumsgeschmack andererseits, ferner von den verlegerischen Strategien und schließlich durch die Kontrolle der kirchlichen und weltlichen Autoritäten, d.h. der Zensur.</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N14C09" start="263"/>Jahrhundertelang hatten die in verschiedenen Städten organisierten Zünfte von Blinden das Monopolprivileg für den Vertrieb der <em>literatura de cordel, </em>aber hin und wieder wurde überdies solchen Institutionen das Monopol für den Druck einiger Geschichten erteilt. So durfte z.B. von 1738 bis 1767 nur die <em>Hermandad de Ciegos de Madrid </em>in jener Stadt, die mit ihrer Produktion und ihrem Vertrieb außer der Hauptstadt große Teile des Gebietes Kastiliens mit Drucken versorgte, Geschichten über die in der Stadt zu dieser Zeit Hingerichteten<footnote numbering="arabic" start="697">
                              <p> Botrel, Jean-François: <em>Libros, prensa y lectura en la España&#8230; </em>ed.cit. S. 50-52.</p>
                           </footnote> drucken. Dafür hatten sie das Recht, vom Gerichtsschreiber einen detaillierten Bericht über den Prozess und die Verbrechen des Täters zu bekommen<footnote numbering="arabic" start="698">
                              <p> Ebenda S. 50.</p>
                           </footnote>. Die nicht zu der Brüderschaft gehörenden Blinden protestierten gegen solche Privilegien, die später nach der ersten vom König Karl III. erzwungenen Auflösung der <em>Hermandades </em> 1767 &#8211; sie durften sich 1774 erneut organisieren &#8211; abgeschafft wurden, somit verloren die Blinde für immer die erwähnte Monopolstellung.</p>
                        <p>
                           <link id="_Toc172444445"/>
                        </p>
                     </part>
                     <part id="N14C30" label="II.5.5.1.1.2">
                        <head>Der Vertrieb der populären Schriften</head>
                        <p>Die <em>pliegos de cordel </em>und andere Formen der populären Literatur wurden bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast ausschließlich von Blinden vertrieben<footnote numbering="arabic" start="699">
                              <p> Ebenda S. 125.</p>
                           </footnote>; darunter &#8211;wie auch unter den nicht blinden Verkäufern &#8211; sind zwei Kategorien zu unterscheiden: ein Teil der Händler beschränkte sich auf den Vertrieb in Städten, während der andere durch ländliche Gebiete zog. Der Blinde wurde zur ambulanten Bücherei<footnote numbering="arabic" start="700">
                              <p> Siehe Durán i Sanpere, Augustí: <em>E</em>
                                 <em>ditores y libreros de Barcelona (Estivill, Piferrer, Brusi, Bastinos).</em> Barcelona: José Boch Librero. 1952.</p>
                           </footnote> mit mehr oder minder stabilen Verkaufsorten. Er besaß eine Sammlung von Drucken, die er, je nach finanzieller Lage, entweder in seinen Taschen immer bei sich trug oder zum Teil bei sich zu Hause aufbewahrte, so dass, er nur die im Moment zu verkaufen gedachten Schriften mit sich trug. In den Städten stellten sich die Blinden in bestimmte Straßenecken, vor die Eingänge der Kirchen und andere Institutionen, auf Plätze usw., die belebt waren, besonders auf Märkte u.Ä. In diesen Orten bauten sie kleine Stände auf oder verkauften die Drucke direkt aus ihren Taschen. Viele <em>copleros</em> drehten auch Runden durch Tavernen, Cafés, usw. in denen, sie zum Teil eine feste Kundschaft hatten. Manchmal kaufte der Wirt selber eine Anzahl Schriften und verkaufte sie weiter. Viele <em>copleros</em> arbeiteten allein oder zur zweit, die meisten jedoch ließen sich von Mitgliedern ihrer Familie, respektive Ehefrau und Kinder helfen, oder wurden von Blindenführern, also Kindern, aber auch Hunden, die Kunststücke vorführten, begleitet. Andere Wanderhändler zogen in Begleitung ihrer Familien oder Blindenführer zu Fuß oder mit einem Maultier- oder Eselgespann zu ländlichen Gebieten, von Dorf zu Dorf oder zu Jahrmärkten, religiösen Feiern, Volksfesten, Wallfahrten u.Ä. und verkauften dort ihre Ware. </p>
                        <p>Bei der Vorführung neuer Stoffe oder Bearbeitungen bediente sich der <em>coplero</em> einer Schautafel, deren Fläche in Rechtecke unterteilt war, die jeweils eine Episode der Handlung darstellten. Der Erzähler oder sein Gehilfe deutete mit einem Zeigestab auf die Bilder und veranschaulichte somit das Geschehen. Nach Beendigung des Vortrags erwarben die Zuschauer entweder die eben gehörten Erzählungen, usw. oder andere, deren Inhalt oder Titel sie schon kannten. Bei dem Kauf wurde die Möglichkeit des Tausches von Drucken unter Freunden und Verwandten miteinkalkuliert<footnote numbering="arabic" start="701">
                              <p> Aichinger, Wolfram: <em>Almendral: zur popularen Kultur&#8230; </em>ed.cit. S.<em> </em>93-94.</p>
                           </footnote>.</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N14C6D" start="264"/>Sänger und Kolporteure kamen in unregelmäßigen Abständen in die Dörfer. Sie lebten wie die Wanderhändler, die Zigeuner, die Kesselflicker, die Scherenschleifer, Rosshaarkäufer, die Puppenspieler, fahrende Zirkusartisten usw., besaßen jedoch innerhalb dieser Gruppen einen besonderen Status<footnote numbering="arabic" start="702">
                              <p> Ebenda S.<em> </em>81.</p>
                           </footnote>. Der <em>coplero</em> war angesehener, denn er brachte Abwechslung in das Einerlei des alltäglichen Lebens und füllte Plätze und Straßen mit Geschichten aus der großen Welt. Er wurde als einer, der Welterfahrung besaß und weit herumgekommen war, betrachtet und der Kontakt mit der Schrift erhöhte deutlich sein Ansehen. Die Texte, mit denen die niederen Schichten der ländlichen Gebiete in ihrem Alltag in Kontakt kamen, gehörten noch zum größten Teil entweder zur der Sphäre des Religiösen oder zu der des Gesetzlichen, demzufolge wurde die Schrift damit assoziiert<footnote numbering="arabic" start="703">
                              <p> Ebenda S.<em> </em>82.</p>
                           </footnote>. Zur Untermauerung dieser Assoziation diente die Tatsache, dass viele Händler auch Andachtsbücher oder mindestens religiöse Lyrik, <em>Gozos</em> und Lieder für rituellen Gebrauch, wie z.B. <em>saetas</em> &#8211; Klagegesänge für die Prozessionen am Karfreitag &#8211; oder Weihnachtslieder verkauften. Selbst die verkauften Büchlein waren voller religiöser Bezüge und angeblich christlicher und weltlicher, moralischer Belehrungen.</p>
                        <p>
                           <blockquote>
                              <p>«Der <em>coplero</em>, selbst aus der Unterschicht, verband das Dorf mit der Welt des Buchdrucks. Er war Vermittler, genauso wie der Pfarrer, der Dorfschullehrer, der Sekretär. Er war in ein Netz schriftlicher Nachrichtenvermittlung eingebunden, machte Geschäfte mit Verlagen und Druckereien und bereitete seine Ware für eine kaum literalisierte Bevölkerung auf. Er operierte mit Informationen, Namen, Daten von Unbekannten und erlebte die ständige Unmittelbarkeit und Körperpräsenz des Dorfes. Er brachte die große Welt in die kleine, überführte die Fremdheit fernen Geschehens in die Unmittelbarkeit eines face-to-face Vortrages<footnote numbering="arabic" start="704">
                                    <p> Ebenda S.<em> </em>83.</p>
                                 </footnote>.»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>
                           <link id="_Toc172444446"/>
                        </p>
                     </part>
                     <part id="N14CAE" label="II.5.5.1.1.3">
                        <head>Inhalte der <em>pliegos de cordel</em>
                        </head>
                        <p>
                           <citenumber id="N14CB8" start="265"/>Beliebte Themen der <em>pliegos de cordel </em>waren z.B. der Heiratsschwindel, die verlorene Unschuld, Konflikte zwischen den Generationen, Morde aus Eifersucht, aus Geldgier oder aus Rache, Treue und Verrat, die Suche nach verlorenen Kindern oder nach einer ungeklärten Identität mit der entsprechenden Anagnorisis, die Errettung aus Gefahren dank der Mithilfe von Himmelsmächten, aber auch Ratgeber in Liebesfragen u.a. Dazu kommt die Präsentation von Kuriosem und Exotischem, fremden Landschaften und Bräuchen und Kulturen, Geschichten über Monster oder Menschen in Tiergestalt mit anschließenden moralisierenden Betrachtungen über die Willkür des Schicksals<footnote numbering="arabic" start="705">
                              <p> Siehe die Themenklassifikationen in Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en España</em>&#8230; ed.cit. und Caro Baroja, Julio: <em>Ensayo sobre la literatura de cordel&#8230;</em>ed.cit. </p>
                           </footnote>. Wie Eichinger behauptet, «<em>gerade dort, wo es um Hass und Liebe geht, steigen immer wieder Assoziati</em>
                           <em>o</em>
                           <em>nen zu den Klassikern der spanischen Liter</em>
                           <em>a</em>
                           <em>tur auf</em>
                           <footnote numbering="arabic" start="706">
                              <p> Aichinger, Wolfram: <em>Almendral: zur popularen Kultur&#8230;</em> ed.cit. S.<em> </em>115.</p>
                           </footnote>.» Die Rettung verirrter Kinder durch den Schutzengel, verweist auf die Welt der Hagiographie und des Märchens.</p>
                        <p>Viele der <em>romances </em>in den <em>pliegos </em>des 19. Jahrhunderts waren aus einem sich im Laufe der Jahrhunderte gebildeten, traditionellen Fundus hervorgegangen, so z.B. aus den mittelalterlichen Streitigkeiten zwischen Wasser und Wein, Karneval und Fastenzeit; aus Erzählungen über fiktionale Helden, wie Rolando, Orlando, Rinaldo, usw. der Ritterromane der Renaissance und über andere, nicht fiktionale mittelalterliche und spätere nationale Helden, wie Ruy Díaz der Vivar, genannt der &#8222;Cid Campeador&#8220;, Hernán Cortés u.a.;<em> </em>aus<em> </em>anderen Heldentaten und tragischen Geschichten aus der Zeit der Kriege gegen die Mauren; aus Satiren von Theaterstücken und anderen Werken des <em>Siglo de Oro</em>;<em> </em>aus Höhepunkten der nationalen Geschichte, wie die Schlacht von Lepanto, die Entdeckung Amerikas u.Ä.; aus Legenden und Märchen, aber auch aus sich wirklich ereigneten Begebenheiten; aus Verbrechen- und Banditengeschichten; aus Hagiographien und Biographien bedeutender Persönlichkeiten, wie Königen usw. die Liste der Themen ist sehr lang, allein Caro Baroja hat 25 verschiedene Themenbereiche für die <em>pliegos</em> klassifiziert.</p>
                        <p>Die Literatur <em>de cordel </em>lebt von der ständigen Aufnahme neuer Stoffe, die sie oft aus der Eliteliteratur entnimmt. Angesichts der im 19. Jh. vollzogenen starken Demokratisierung und Popularisierung des Romans und der Presse werden jetzt nicht nur die Lesestoffe der gebildeten Kreise für die <em>pliegos </em>bearbeitet, sondern auch viele Lektüren des noch vor kurzem alphabetisierten Kleinbürgertums und teils des urbanen Proletariats. Die Büchlein schöpfen sukzessiv ihre Handlungen aus der schriftlichen Kultur, seien es literarische Vorlagen oder Zeitungsberichte, und adaptierten diese nach genreimmanenten, formalen und semantischen Strukturen, so dass sie an wenig lesekundige Rezipienten vermittelt und verkauft werden können. </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N14D0D" start="266"/>Am Ende des 19. Jahrhunderts verlieren die versifizierten Geschichten, durch Texte in Prosa verdrängt, immer mehr Terrain, somit verliert auch der Sänger seine Funktion zugunsten des Schriftstellers und des Kolporteurs<footnote numbering="arabic" start="707">
                              <p> Siehe Botrel, Jean-François: <em>Libros, prensa y lectura en la España&#8230; </em>ed.cit. S. 160.</p>
                           </footnote>.</p>
                        <p>
                           <blockquote>
                              <p>«Diese &#8222;zeitlosen&#8220; Themen, die zum Teil tief in spanischen Wertmaßstäben und Institutionen wurzeln, sind verschachtelt mit Motiven mit aktuellem Zeitbezug (&#8230;). Wie in der oralen Dichtung durchlebten diese Geschichten &#8211; Motive, Personen, Bilder, Handlungsstränge &#8211; die Jahrhunderte, wurden unbekümmert verschoben, aktualisiert, rekombiniert, wieder aufgegriffen oder umgedeutet. (&#8230;) Auf ihrer Wanderung durch die Zeiten wurden die Geschichten auch an geänderte Normen, Werte und Sensibilitäten angepaßt. (&#8230;) Wenn also einerseits die Langlebigkeit gewisser Motive beeindruckt, so lassen sich doch auch signifikante Wandlungsprozesse ablesen<footnote numbering="arabic" start="708">
                                    <p> Aichinger, Wolfram: <em>Almendral: zur popularen Kultur&#8230;</em> ed.cit. S.<em> </em>120-123.</p>
                                 </footnote>.»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N14D35" start="267"/>Diese Wandlungsprozesse lassen sich durch die Gegenüberstellung mehrerer erhaltener Versionen eines <em>pliegos</em> feststellen. In seinem Werk <em>Literatura Popular en España</em> bietet Joquín Marco anhand der Romanzen des <em>Generildo </em>und des <em>Conde de Alarcos</em> zwei solcher Vergleiche<footnote numbering="arabic" start="709">
                              <p> Siehe Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en España&#8230;</em> ed.cit. S.185-208.</p>
                           </footnote>. </p>
                        <p>Die Romantik und später die Fortsetzungs- und Zeitungsromane verschaffen dem <em>pliego </em>eine große Anzahl an Inhalten, die überarbeitet werden können, denn sie bieten dank ihres Pathos, ihrer Übertriebenheit, der dargestellten Ambienten, Verbrechen, unglücklichen Liebesgeschichten, rebellischen Typen usw. unzählige Berührungspunkte mit den traditionellen Handlungen der <em>pliegos </em>an. Unzählige, auch frühere Romane wurden bearbeitet und als Romanzen und Geschichten verlegt, als Beispiel können folgende dienen: Lesages <em>Gil</em> <em>Blas de Santillana</em> (1715-1735) Bernardin de Saint-Pierres <em>Paul et Virginie</em> (1787), Chateaubriands <em>Atala</em> (1801), Madame de Staëls <em>Corinne ou L&#8217;Italie</em> (1807), Hugos <em>Notre-Dame de Paris</em> (1830), Sues <em>Les mystères de Paris </em>(1842-1843)<em>, Le juif errant</em> (1844-1845) oder Dumas <em>Le Comte de Montecristo </em>(1844-1845); unter spanischen Werken wird z.B. <em>Cornerlia Bororquia </em>(1800) &#8211; der erste antiklerikale Roman Spaniens, anonym erschienen und sofort von der Inquisition verboten<footnote numbering="arabic" start="710">
                              <p> Siehe Seite 96 dieser Arbeit.</p>
                           </footnote> &#8211; verlegt, so wie einige Werke von Ayguals de Izco, Manuel Fernández y González und anderen Autoren von <em>folletines.</em> Noch häufiger als Romane dienen spanische romantische Theaterstücke als Vorlage für <em>pliegos,</em> so Hartzenbuschs <em>Los amantes de Teruel </em>(1837), García Gutierrezs <em>El trovador</em> (1836)<em>, Don Álvaro o la fuerza del sino </em>(1835) des Herzogs de Rivas<em>, Don Juan Tenorio</em> (1844) von José Zorrilla und andere von Ayguals de Izco, Quintana, so wie weitere von französischen Autoren wie Hugo, dumas &#8211; Vater und Sohn &#8211;, Escribe, Delange u.a.<footnote numbering="arabic" start="711">
                              <p> Siehe Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en España</em>&#8230; ed.cit. S. 345.</p>
                           </footnote>. Sogar Stücke der italienischen Oper finden ihrer Adaptation in <em>pliegos de cordel</em>, desgleichen Gedichte Byrons oder Esproncedas. </p>
                        <p>
                           <link id="_Toc172444447"/>
                        </p>
                     </part>
                     <part id="N14DA6" label="II.5.5.1.1.4">
                        <head>Strukturelle und semantische Merkmale der pliegos de cordel</head>
                        <p>Einige der wichtigsten die Struktur betreffenden Merkmale der <em>romances</em> sind die Anonymität und das Fehlen der genauen Angabe des Erscheinungsdatums, die Abfassung in Versform, weiter der stereotypisierte<em> </em>Aufbau; fast alle Geschichten folgen einer strengen Gliederung<footnote numbering="arabic" start="712">
                              <p> Ebenda S. 51-101.</p>
                           </footnote>, die mit der direkten implizierenden Hinwendung zum Publikum beginnt, danach folgen die Ankündigung des Falles, die Erzählung im engeren Sinne und die Schlussformel; ferner die Standardisierung<em> </em>der Figuren, der Motive und der Eigenschaften, sowie der Sprache. </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N14DC1" start="268"/>Die Palette der sprachlichen und semantischen Formeln ist begrenzt und konzediert nur leichte Variationen, die allerdings immer an derselben Stelle die gleiche Funktion erfüllen müssen, dieses gilt z.B. gleichermaßen für die Einleitungs- ebenso wie für die Schlusskonstruktion<footnote numbering="arabic" start="713">
                              <p> Ebenda S. 73-78.</p>
                           </footnote>. </p>
                        <p>Die Struktur der <em>pliegos </em>ist von der Tradition festgelegt worden, auf gleiche Weise, wie ihre Sprache stereotypisiert, die Beschreibungen von Orten nicht präzisiert und die den Figuren konnotierenden Adjektive standardisiert worden sind. Im normalen Sprachgebrauch des Volkes im Grunde genommen unbekannte, veraltete Wörter werden in den <em>pliegos, </em>auch für die Vermittlung aktueller Geschichten, weiterverwendet. Auch viele der Handlungsmotive und der moralischen Aussagen sind stereotypisiert. Sie entsprechen den Geschlechtern zugeschriebenen Rollen der spanischen, traditionellen, patriarchalischen Vorstellungen. Frauen erdulden passiv und still ihre Leiden, opfern sich für ihre Kinder auf und agieren nur, wenn es darum geht, diese zu schützen. Allerdings behandeln viele <em>romances </em>Themen von Frauen, die Taten begehen, die dem männlichen Geschlecht zugeschriebenen sind, wie Mord, Raub, Rache usw.; für das Publikum ist gerade die transgressive Überschreitung von Grenzen, die auch erotisch konnotiert wird, sehr reizvoll. </p>
                        <p>Den Figuren werden keine individuellen Züge zugeordnet, sie sind viel mehr Typen, die Tugenden und Laster, wie Habgier, Geiz, Eifersucht, Treue, duldendes Leiden oder elterliche Fürsorge darstellen. Ihre Identität wird auf eine Auflistung von Merkmalen, wie Geschlecht, Namen, Herkunftsort, Beruf, Stand und Altersgruppe beschränkt. Die Dramatik der Geschichten entsteht aus dem Dilemma zwischen den damit verknüpften festgelegten Verhaltensmustern und der Entwicklung divergierender Eigenschaften und Ambitionen, dadurch treten die ursprünglichsten anthropologischen Konflikte: Liebe, Hass, Tod, Abfolge der Generationen, materielle Not, Anpassung an die gesellschaftliche Ordnung usw.<footnote numbering="arabic" start="714">
                              <p> Siehe Aichinger, Wolfram: <em>Almendral: zur popularen Kultur&#8230;</em>S.<em> </em>123f.</p>
                           </footnote> ans Licht. «<em>Es gibt dann keinen Platz für Nua</em>
                           <em>n</em>
                           <em>cen, für psychologische Feinheiten, der Text lebt von grellen Kontrasten und einprä</em>
                           <em>g</em>
                           <em>samen Effekten</em>
                           <footnote numbering="arabic" start="715">
                              <p> Ebenda S.<em> </em>124.</p>
                           </footnote>.»</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N14E06" start="269"/>Die Leserschaft von <em>pliegos </em>erwartet Handlungen, die dank einiger semantischer Merkmale, wie die Nennung des Namens, Alters und Berufes der Figuren, des Ortes und ebenso des Tages und der Uhrzeit der Aktion als real gelten, andererseits bleiben die lokalen und temporalen Angaben unkonkret, der Monat und das Jahr werden meist gar nicht oder nur in ihrem relativen Abstand bezüglich des Zeitpunktes des Vortrages genannt und für ein in der Geographie unkundiges Publikum sind Ortsangaben, wie Namen ausländischer, aber auch nationaler Städte, Regionen oder gar Ortschaften etwas sehr Abstraktes. Solche Angaben kann man auch leicht parodieren. Die ein Zusammenspiel zwischen Realität und Befremdung suggerierender Effekte gehören zu den Merkmalen der Gattung und führen zu der Erstarrung und Archaisierung der Themen und Motive und somit zu ihrer Wiederverwendbarkeit.</p>
                        <p>Auch die Sprache der Geschichten ist das Resultat eines Transformationsprozesses zu einem artifiziellen, altertümlich anmutenden Vortragsstil, der die Sprache der <em>roma</em>
                           <em>n</em>
                           <em>ces tradicionales, </em>sowie der Barockdramen nachahmt, aber nichts von deren lyrischer Schönheit und deren Reichtum annimmt. Zwischen dem Register der Alltagsprache und demjenigen der <em>pliegos de cordel </em>liegt ein großer Abstand, der die Verständigung für nicht Eingeweihte beschwerlicher macht. Aber gerade diese scheinbar erhebende Distanz von dem alltäglichen Register, verleiht den Texten Autorität, Würde und Nachdruck<footnote numbering="arabic" start="716">
                              <p> Ebenda S.<em> </em>129.</p>
                           </footnote> gegenüber den Lesern oder Zuhörern. </p>
                        <p>Zu den angeblichen, bei der Einleitung vieler Erzählungen explizit definierten, primären Zielen der <em>literatura de cordel </em>gehören von der Tradition her, aber besonders nach den für alle literarische Gattungen geltenden Prinzipien des 19. Jahrhunderts: das Unterhalten und Belehren. Die <em>pliegos </em>enthalten jedoch, außer ihren moralisierenden Schlüssen, kein konkret vermittelbares Wissen und selbst die vermeintliche moralische Intention der Texte ist nicht immer eindeutig. Sie verkünden zum einen die herrschenden Normen, bieten aber den Lesern zum anderen die Möglichkeit, sich mit deren Transgressoren &#8211; der Rächer, der Bandit, der Rebell, die widerspenstige Frau &#8211; mittels der Projektion ihrer eigenen Ressentiments gegen die gesellschaftliche Ordnung zu identifizieren und zu solidarisieren. Der Glaube an die Authentizität der Erzählungen seitens des Publikums ist immer mit Vorbehalten verbunden<footnote numbering="arabic" start="717">
                              <p> Die Wahrheitsansprüche der Geschichten werden vor allem in deren Einleitung und Abschluss kräftig beteuert. Davon, dass sie nicht unbedingt geglaubt wurden, zeugen die Ironie oder die geradezu satirischen Zügen vieler jener Beteuerungen: «<em>und jetzt versichert euch Antonio Marín / diese Geschichte ist kein &#8222;Roman&#8220;/ dies kann als Augenze</em>
                                 <em>u</em>
                                 <em>ge / der Blinde aus dem Fels versichern / </em>(&#8230;).» Siehe Durán, Agustín: Romance Nr. 1356. In: <em>Romancero gen</em>
                                 <em>e</em>
                                 <em>ral&#8230;</em>ed.cit. zitiert in Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en España</em>&#8230; ed.cit. S. 77. </p>
                           </footnote>. «<em>Das Publikum verlangt nach wahren Gegebe</em>
                           <em>n</em>
                           <em>heiten, möchte aber, dass diese Realität sich von ihrem Alltag abhebt. Dabei handelt es sich schließlich um ein weiteres Merkmal der vielfältigen populären Literaturformen aller Ze</em>
                           <em>i</em>
                           <em>ten</em>
                           <footnote numbering="arabic" start="718">
                              <p> Ebenda S. 28.</p>
                           </footnote>.»</p>
                        <p>
                           <link id="_Toc172444448"/>
                        </p>
                     </part>
                     <part id="N14E6B" label="II.5.5.1.1.5">
                        <head>Der Leser oder Zuhörer der <em>pliegos de cordel</em>
                        </head>
                        <p>
                           <citenumber id="N14E75" start="270"/>
                           <blockquote>
                              <p>«Schrift erfüllt damit in den Texten der <em>Cordel</em>- Literatur zwei Funktionen: Sie konserviert bestimmte Inhalte und dient deren massenhafter Verbreitung und Rezeption. (&#8230;) Und sie dient als Gedächtnisstütze, als Vorlage, mit der Texte auswendig gelernt und mündlich weitergegeben werden. Damit bleiben aber wesentliche Funktionen, die Schrift inhärent sind, ausgeblendet (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="719">
                                    <p> Aichinger, Wolfram: <em>Almendral: zur popularen Kultur&#8230; </em>ed.cit.<em> </em>132.</p>
                                 </footnote>.»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>Die Unterschichten der spanischen Gesellschaft ländlicher Gebiete blieben bis in die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein vorwiegend von einer guten primären Schulbildung ausgeschlossen. Wenn sie auch Lese- und Schreibkenntnisse erwarben, reichten diese für die meisten nicht, um daraus Lesegewohnheiten oder einen natürlichen Umgang mit der Schrift überhaupt zu schaffen und sie fielen in kurzer Zeit in die Kategorie der funktionalen Analphabeten zurück. </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N14E95" start="271"/>Die alphabetisierende Funktion der <em>literatura de cordel </em>ist meines Erachtens im Allgemeinen etwas unterschätzt worden, da diese Schriften, wenn nicht das einzige, so doch das wichtigste Support einer sich im Volke vollziehenden Wandlung von einer überwiegend oralen zu einer schriftlichen Kultur waren. Die Bandbreite der Rezipienten war auf eine einzige soziale Schicht beschränkt, diese repräsentiert allerdings die Mehrheit der Bevölkerung. Außerdem trugen etliche Angehörige der besser situierten Schichten zum Überleben dieser Literatur bei, einerseits, indem sie die politisch satirischen Büchlein und Blätter der blinden Sänger in Massen erwarben, andererseits, indem sie die <em>pliegos</em> als Kinder &#8211; allerdings nur die Jungen &#8211; lasen<footnote numbering="arabic" start="720">
                              <p> «Das Volk der Vorstädte und der Straßen kaufte die <em>pliegos sueltos</em> und die Kinder der Schulen kauften sie immer noch, um das Lesen zu üben» in Ménendez Pidal, Ramón: <em>Romancero Hispánico. </em>Bd. II. Madrid: Espasa-Calpe. S. 246. zitiert in Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en España</em>&#8230; ed.cit. S. 103. </p>
                           </footnote>. Vorwiegend in den Dörfern, aber auch in den Städten, hörten die Reichen bei den Vorführungen des <em>coplero</em> ebenso zu wie das Volk, wenn auch mit größerer Skepsis und Distanz. Vom Diskurs des Prestiges her gehört jede Form der <em>Cordel</em>- Literatur zur Lektüre der armen Leuten. Sie war jedoch so populär, dass sie sogar nach Amerika exportiert wurde<footnote numbering="arabic" start="721">
                              <p> Siehe Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en España</em>&#8230; ed.cit. S. 109-113. </p>
                           </footnote>.</p>
                        <p>Die Zuhörerschaft eines Sängers konnte aus zusammengewürfelten Schichten bestehen, die Stammklientel gehörte jedoch, mit Ausnahme der Kinder des Bürgertums und der Käufer politischer Schriften, ausschließlich den niederen Klassen an, ohne Differenzierung nach Geschlecht und Alter. Davon zeugen die Anleitungen unzähliger Geschichten, als der Sänger um Aufmerksamkeit und Ruhe seitens des Publikums bittet. So z.B.: </p>
                        <p>
                           <blockquote>
                              <p>
                                 <citenumber id="N14ECA" start="272"/>«Höret mir alle zu / die Ohren spitzend, / so dass die Männer / wie Maulesel aus La Mancha aussehen; / hören die Schneider auf zu lügen / die Mädchen zu protzen / die ungeheuerlichen alten Weiber zu spinnen und zu spucken / (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="722">
                                    <p> Durán, Agustín: Romance Nr. 1265. In: <em>Romancero general&#8230;</em>ed.cit. zitiert in Marco, Joaquín: <em>Literatura p</em>
                                       <em>o</em>
                                       <em>pular en España</em>&#8230; ed.cit. S. 59.</p>
                                 </footnote>. »</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>Ebenso wie am Schluss, als er die Moral der Geschichte verkündet oder um die Gnade der Zuhörer bittet.</p>
                        <p>Die Lektüre der Texte und ihr weiteres Vortragen war im Alltag der Leuten integriert, man las in den Pausen, bei der Arbeit, auf der Weide, am Abend zuhause oder am Lagerfeuer. Die Texte wurden von vielen auswendig gelernt und aus dem Gedächtnis rezitiert oder gesungen. Nebenbei setzte sich langsam, aber stetig die individuelle Lektüre gegenüber dem kollektiven Vorlesen durch. Die Hefte wurden nicht nur einmal gelesen, eine typische Rezeptionshaltung war das oftmalige Wiederlesen, auch wenn der Leser das Memorieren nicht beabsichtigte. Die Büchlein wurden auf den Dörfern nach dem Lesen unter Freunden und Verwandten verliehen oder weiter verschenkt. Einige Dorfbewohner hoben die Geschichten lange Zeit auf; aber diese verschlissen meist aufgrund des intensiven Gebrauches und der schlechten Qualität des Papieres, so dass keine Bibliothek für Zuhause aufgebaut werden konnte.</p>
                        <p>
                           <citenumber id="N14EEC" start="273"/> Frauen konsumierten die von <em>copleros</em> und Kolporteuren angebotenen Druckerzeugnisse in gleichem Maße wie Männer, obwohl die Zahl der Analphabetinnen proportional viel höher war. Keine Untersuchung hat bis jetzt die <em>pliegos</em> nach den diastratischen, diatopischen und geschlechtsspezifischen Charakteristika ihrer potenziellen Abnehmer analysiert, infolgedessen wäre der Versuch einer Zuordnung von inhaltlichen Vorlieben in Rahmen dieser Arbeit nicht ausreichend fundiert. Tatsache ist jedoch, dass viele Romanzen sich ausdrücklich &#8211; wenn auch nicht ausschließlich &#8211; an ein weibliches Publikum wenden, wie es aus ihrer Moral zu folgern ist. Dabei handeln sich die Geschichten meistens um typisch weibliche Problematiken, wie Ehe und Familie, Verlust der Ehre, der Jungfräulichkeit, um Verführung, um Rebellion gegen die Eltern usw. So rät am Ende ihrer &#8222;entsetzlichen&#8220; Abenteuer die Kriminelle Serafina Alcázar<footnote numbering="arabic" start="723">
                              <p> Die Geschichte der Serafina Alcázar, die unter verschiedenen Orts- und Namenangaben in mehreren Versionen von den blinden Bänkelsängern vorgetragen und verkauft wurde, lautet nach der Version mit dem Titel <em>Romance Nu</em>
                                 <em>e</em>
                                 <em>vo /El Hallazgo del Cadáver </em>(Neue Romanze / Das Entdecken der Leiche) von D.M.A. Ygual verfasst und 1846 vom Drucker Igancio Estivill verlegt, wie folgt: Nicht weit der Stadt Vitoria finden einige Reisende in einer Höhle Schutz vor dem Regen. In dieser Höhle entdecken sie einen menschlichen Schädel mit einer Schrift, welche die eigenhändig geschriebenen Memoiren Serafina Alcázars enthalten. Ein reiches Mädchen flieht mit ihrem armen Liebhaber vor einer arrangierten Ehe, von Räubern überrascht wird er umgebracht und sie vergewaltigt und in eine Höhle geschleppt, dort befinden sich Berge von menschlichen Überresten und Räubergut, so wie zwei weitere Gefangene. Mit der Komplizität eines Banditen fliehen alle und töten im Kampf den Rest der Bande; als Rache schneidet sie die Köpfe der Banditen ab. Sie wird selbst zur Banditin und verübt viele Gräueltaten, sehnt sich immer nach Rache an ihren Eltern für den Verlust ihres Liebhabers. Die Gelegenheit zu dieser bietet sich ihr an, als sie eine Kutsche überfällt, in der die Eltern reisen, den Vater erschießt sie und die Mutter wird von ihr erstochen. Als Serafina deren Blut trinken will, betet die noch sterbende Mutter bei Gott um Errettung ihrer Tochter. Serafina bereut ihre Taten und wird zur Einsiedlerin in der besagten Höhle, in der sie auch reuevoll sterben wird. Igual, D. M. A.: <em>Romance nuevo. El hallazgo del cadáver. </em>Madrid: Igancio Estivill. 1846. Siehe Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en España</em>&#8230; ed.cit. S. 135-138. </p>
                           </footnote>, die mit ihrem Geliebten durchgebrannt war, allen Mädchen:</p>
                        <p>
                           <blockquote>
                              <p>«Hoffentlich wäre meine Geschichte / eine Lehre für die Mädchen, / damit sie sehen was es bringt / dass man aus ihren Häusern flieht (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="724">
                                    <p> Ebenda S. 138. </p>
                                 </footnote>.»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N14F20" start="274"/>Nicht alle an ein weibliches Publikum gerichteten Geschichten sind so blutrünstig wie die von Alcázar<footnote numbering="arabic" start="725">
                              <p> Änhliche Erzählungen, die auf eine verhinderte Heirat des Geliebten, auf Verführung, Flucht vom elterlichen Haus oder aus dem Kloster, Ehebruch, Verlust der Ehre und Rache von Frauen gründen, sind z.B. u.a. die Geschichte der <em>Monja Alférez, </em>die von<em> Inés de Alfaro,</em> von <em>Teresa de Llanos, Antonia de Lisboa </em>&#8211; diese vollzieht der Akt der Anthropophagie, indem sie die Innereien ihrer Eltern frittiert und isst &#8211; und <em>Sebastiana del Castillo, Rafaela de Arcos, Violante de Segovia, Teresa de Rivera.</em> Selten enden solche Abenteuer glücklich für die Frauen. Siehe Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en España</em>&#8230; ed.cit. S. 468-485; Caro Baroja, Julio: <em>Ensayo sobre la literatura de co</em>
                                 <em>r</em>
                                 <em>del&#8230;</em>ed.cit. S. 95-102. S. 389f.</p>
                              <p>Bemerkenswert erscheint uns, dass alle diese Frauen aus bürgerlichen, wenn nicht aus aristokratischen Familien stammen. Dies stimmt nicht mit der spanischen literarischen Tradition überein, die schon während des <em>Siglo de Oro</em> dem Volk die Rolle der Hauptpersonen zugestanden hatte.</p>
                           </footnote>, aber die für die Frauen des Volkes bestimmten Inhalte werden in keiner Weise einer besonderen Bearbeitung unterzogen, welche sie an eine weibliche Sensibilität &#8211; wie es der Fall bei der bürgerlichen Leserschaft war &#8211; anpassen würde; Frauen und Männer lesen praktisch die gleichen Texte und die Autoren komponieren diese bewusst mit dem Ziel eines beinahe undifferenzierten Verkaufs an beide Geschlechter: </p>
                        <p>
                           <blockquote>
                              <p>«Die Erzählung fängt schon an / und ich flehe mein Auditorium an / insbesondere unter den Frauen derer, die eine böse Zunge haben / die Stolzen und Hochmütigen / diejenigen, die Flüche aussprechen / daran zu denken, dass Gott sie bestraft (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="726">
                                    <p> Durán, Agustín: Romance Nr. 1321. In: <em>Romancero general&#8230;</em>ed.cit. zitiert in Marco, Joaquín: <em>Literatura p</em>
                                       <em>o</em>
                                       <em>pular en España</em>&#8230; ed.cit. S. 65.</p>
                                 </footnote>.»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N14F69" start="275"/>oder:</p>
                        <p>
                           <blockquote>
                              <p>«Passen die Männer gut auf / ohne sich zu wundern; / die ängstlichen Frauen / sollen [von unserer Geschichte] nicht erschreckt werden / (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="727">
                                    <p> Ebenda S. 68.</p>
                                 </footnote>.»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N14F80" start="276"/>und weiter:</p>
                        <p>
                           <blockquote>
                              <p>«Lernet aus dieser Geschichte, ihr Sünder, / Frauen seid immer wachsam / wer durch krumme Wege geht / weißt schon, was ihn erwartet (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="728">
                                    <p> Ebenda S. 76.</p>
                                 </footnote> .»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N14F97" start="277"/>Aber die meisten Romanzen und Geschichten zeichnen sich aus durch ihre für die spanische kulturelle Tradition charakteristische Mysogenie. Frauen werden viele Laster zugeordnet und sie für allerlei Unheil verantwortlich gemacht<footnote numbering="arabic" start="729">
                              <p> Siehe Caro Baroja, Julio: <em>Ensayo sobre la literatura de cordel&#8230;</em>ed.cit. S. 165-167.</p>
                           </footnote>. Junge Frauen werden beispielsweise beschuldigt:</p>
                        <p>
                           <blockquote>
                              <p>«Ich sehe die Mädchen / früher fleißig, / naiv und bescheiden/ heute unverschämt/ immer eigenwillig / sie denken nur ans&#8217; Tanzen / Spaziergänge und Mode/ nur daran die gefährlichsten Romane zu lesen / und den ganzen Tag / weder nähen noch sticken / nicht mal einen kaputten Strumpf / können sie stopfen (&#8230;)<footnote numbering="arabic" start="730">
                                    <p> <em>Canción de la Pamela. Seguida de la canción el Ya Ya de Pascual. </em>Barcelona: Imprenta de F. Vallés. 1846. zitiert in Marco, Joaquín: <em>Literatura popular en España</em>&#8230; ed.cit. S. 98.</p>
                                 </footnote>.»</p>
                           </blockquote>
                        </p>
                        <p>
                           <citenumber id="N14FBF" start="278"/>Die <em>Cordel</em>-Literatur ist, Caro Baroja zufolge, das Resultat eines inhaltlichen und strukturellen Selektionsprozesses seitens des Volkes, der seine atavistischen, elementaren Leidenschaften reflektiert. Die bei diesem Prozess angewendeten Kriterien sind für den Moralisten oder den Kritiker &#8211; und für den heutigen Leser &#8211; schwer verständlich<footnote numbering="arabic" start="731">
                              <p> Siehe Caro Baroja, Julio: <em>Ensayo sobre la literatura de cordel&#8230;</em>ed.cit. S. 165-167.</p>
                           </footnote>.</p>
                        <p>
                           <link id="_Toc172444449"/>
                        </p>
                     </part>
                  </subblock>
               </block>
               <block id="N14FDA" label="II.5.5.2">
                  <head>Romances und Coplas</head>
                  <p>Zwei Arten von Strophen, die zum Teil zur <em>Cordel-</em>Literatur gehören sind der <em>r</em>
                     <em>o</em>
                     <em>mance </em>und die <em>copla</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="732">
                        <p> Siehe Azaustre Serrano, María del Carmen: <em>Canciones y romances populares impresos en Barcelona en el siglo XIX. </em>Madrid: CSIC. 1982.</p>
                     </footnote>. <em>«Die Romanze in den romanischen Literaturen entspricht haup</em>
                     <em>t</em>
                     <em>sächlich der deutschen romantischen Ballade</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="733">
                        <p> <em>Literaturwissenschaftliches Wörterbuch für Romanisten&#8230; </em>ed. cit. S. 402.</p>
                     </footnote>.», deren Form aus assonierenden Achtsilbern besteht. Anfangs war in den so genannten <em>romances viejos</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="734">
                        <p> Die bekannteste Sammlung dieser Romanzen ist <em>Cancionero Musical de Palacio </em>des Katholischen Königspaares Isabel I. und Ferdinand V. aus dem 15. Jh.. Sie enthält 38 Gedichte. Über die Geschichte der spanischen Romanze siehe die Zusammenfassung Tusón, Vicente, Fernando Lázaro Carreter: <em>Literatura Española.</em> Madrid: Editorial Anaya. 1976. S. 88-89.</p>
                     </footnote> (alten Romanzen) die nationale Geschichte der <em>Reconquista, </em>der Kriege gegen die Mauren im Mittelalter, ihr wichtigster Gegenstand. Im 16. Jh. entstehen zwei neue Typen, die <em>romances</em> <em>antiguos</em> oder <em>eruditos</em> (kultivierte oder antike Romanzen), Nachahmungen des alten Typus, und die <em>romances</em> <em>artísticos</em> oder <em>artificiosos</em> (künstlerische oder erkünstelte Romanzen), die die Assonanz gewöhnlich durch den Reim ersetzen und epische, biblische, mythologische, sowie volkstümlich-lyrische Stoffe behandelten; wichtige Sammlungen wurden in dieser Zeit angelegt<footnote numbering="arabic" start="735">
                        <p> Darunter <em>Cancionero Genral </em>von 1511 und <em>Cancionero de Romances </em>von 1547.</p>
                     </footnote>. Später geriet diese Strophe in den kultivierten Kreisen in Vergessenheit, sie lebte allerdings in der volkstümlichen Lyrik weiter. Ende des 18. Jahrhunderts und im Zuge der spanischen Romantik, auch dank des Einflusses deutscher Dichter, wie Herder, Tieck, Eichendorff, Brentano, Uhland u.a., erwacht wieder das Interesse der spanischen Dichter, wie Meléndez Valdés, der Duque de Rivas oder José Zorrilla an dieser Strophe<footnote numbering="arabic" start="736">
                        <p> Die erneut im 20. Jh. von Dichtern wie Antonio Machado, Miguel de Unamuno, oder der sog. 27er Generation, wie García Lorca oder Rafael Alberti aufgegriffen wird. Siehe Tusón, Vicente, Fernando Lázaro Carreter: <em>Literatura Española.</em> Madrid: Editorial Anaya. 1976. S. 89.</p>
                     </footnote>. Eine besondere Variante bilden die im vorangegangenen Kapitel untersuchten <em>romances</em> der <em>pliegos de cordel, </em>die seit dem 17. Jahrhundert &#8211; inhaltlich immer weiter von den klassischen Modellen entfernt &#8211; langsam ihre lyrische Schönheit einbüßt bis sie zur Schundliteratur degradiert wird. Noch eine Strophe, die für die Dichtung der <em>Literat</em>
                     <em>u</em>
                     <em>ra de cordel </em>verwendet wird, ist die <em>copla. </em>Diese war wie der <em>Romance </em>eine der beliebtesten und verbreitesten Strophenformen der populären und hohen Lyrik<footnote numbering="arabic" start="737">
                        <p> Im <em>Siglo de Oro, </em>das &#8222;Goldene Zeitalter&#8220; der spanischen Literatur (16. Jh. und 17.Jh.), z.B. von Lope de Vega oder Cervantes und zuletzt im 20. Jahrhundert von Lyrikern der sogenannten 27er Generation verwendet. Siehe Tusón, Vicente, Fernando Lázaro Carreter: <em>Literatura Española.</em> Madrid: Editorial Anaya. 1976. Allein in Barcelona werden im 19. Jahrhundert mindestens 800 <em>coplas </em>und 1 500 <em>romances</em> &#8211; die meisten zwischen 1845 und 1868 &#8211; gedruckt. Siehe botrel, Jean-François: La literatura popular&#8230; ed.cit. S. 248.</p>
                     </footnote> Spaniens. Wegen ihrer einfachen Struktur<footnote numbering="arabic" start="738">
                        <p> Sie besteht aus Vierzeilern von Achtsilbern, mit Assonanz in den Zeilen gerader Zahl und reimlos in den Zeilen ungerader Zahl. Neben dieser <em>copla</em> <em>de arte menor </em>kennt die höfische Lyrik des Mittelalters eine <em>copla de arte mayor</em> aus acht Zwölfsilbern, deren bekanntestes Beispiel die mittelalterliche Elegie jorge Manriques (1440-1479) <em>Coplas por la Muerte de su Padre </em>ist. Siehe <em>Literaturwissenschaftliches Wörterbuch für Romani</em>
                           <em>s</em>
                           <em>ten&#8230; </em>ed. cit. S. 68; Kirsch, Hans Christian: <em>Coplas. Spanische Gedichte, Lieder und Romanzen.</em> München. Eßlingen a M.: Bechtle Verlag. 1963.</p>
                     </footnote> und ihrer Volkstümlichkeit wurde sie sehr oft vertont<footnote numbering="arabic" start="739">
                        <p> Das Wort <em>Cantar</em> (Gesang) gilt als Synonym.</p>
                     </footnote>. Rodríguez Marín hat 22 000 <em>coplas</em> aus der Oralliteratur Andalusiens gesammelt<footnote numbering="arabic" start="740">
                        <p> Siehe <em>Literaturwissenschaftliches Wörterbuch für Romanisten&#8230; </em>ed. cit. S. 68. </p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444450"/>
                  </p>
               </block>
               <block id="N150B8" label="II.5.5.3">
                  <head>Gozos</head>
                  <p>In Anbetracht des tiefen Glaubens der spanischen Frauen spielten die religiösen Texte der populären Literatur eine wichtige Rolle in ihrem Alltag. Unter diesen, wenn auch regional beschränkt, stellen die <em>gozos </em>das beste Beispiel dar.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N150C5" start="279"/>Unter <em>gozos</em> &#8211; auf katalanisch <em>goigs &#8211; </em>in ihrer traditionellen Form werden Einzelblätter in Folioformat verstanden, die eine Hymne auf die Muttergottes oder auf einen Heiligen, aber auch andere Andachtstexte, die gesungen werden konnten und eine mehr oder weniger große Illustration &#8211; vielfach ein Holzschnitt<footnote numbering="arabic" start="741">
                        <p> Durán i Sanpere, Augusti: <em>Populäre Druckgraphik Europas. Spanien. Vom 15. bis zum 20. Jahrhundert.</em> München: Georg D. W. Callwey. 1971. S. 57.</p>
                     </footnote>. Die ersten bekannten <em>gozos,</em> Nachfolger der lateinischen <em>Gaudia Beatae Mariae Vi</em>
                     <em>r</em>
                     <em>ginis, </em>stammen aus Katalonien aus dem 14. Jh. oder vielleicht sogar aus dem 12. Jh.<footnote numbering="arabic" start="742">
                        <p> Ebenda S. 140.</p>
                     </footnote>. Bis zum 15. Jh. erschienen <em>gozos</em> überall in Spanien, später reduzierte sich ihr geographischer Bereich allmählich auf Katalonien, die Balearen, das ehemalige Königreich Valencia, auf Roussillon und Ribagorza und auf die Hafenstadt Alghero in Sardinien<footnote numbering="arabic" start="743">
                        <p> Siehe Caboni, Pietro: <em>Is Goccius. </em>
                           <em>Ricerca sulla poesia popolare e le tradizioni religiose sarde. </em>Cagliari: A.M.. 1980.</p>
                     </footnote>, also auf das ganze katalanische Sprachgebiet<footnote numbering="arabic" start="744">
                        <p> Bedeutende katalanische Dichter, wie Verdaguer, Maragall und Maria-Antónia Salvá haben <em>goigs</em> verfasst. <em>Literaturwissenschaftliches Wörterbuch für Romanisten&#8230; </em>ed. cit. S. 148. Siehe auch Comas, Antoni: Els Goigs. In: M. de Riquer (Hrsg.) <em>Història de la Literatura Catalana. </em>Bd. 5. Barcelona: Ariel. 1986. S. 255-302.</p>
                     </footnote>. Nur ganz selten sind <em>gozos</em> in Galicien und Kastilien zu finden.</p>
                  <p>In der Illustration der <em>gozos</em> erscheint normalerweise die Heiligenfigur, der sie geweiht ist, begleitet vom Titel des Gebetes; auf beiden Seiten dieser werden kleine Bilder, wie z.B. Vasen mit Blumen o.Ä.<footnote numbering="arabic" start="745">
                        <p> Durán i Sanpere, Augusti: <em>Populäre Druckgraphik Europas&#8230;</em> ed.cit. S. 57.</p>
                     </footnote> gedruckt. Der Text des Preisliedes ist in zwei oder drei Spalten aufgeteilt, die in einigen Fällen durch eine Illustration &#8211; manchmal verschiedene kleine übereinandergesetzte Bildchen &#8211; getrennt sind.</p>
                  <p>Ab dem 15. Jh. wurden die anfänglichen Marien Lobgesänge auch auf das Leben Jesu oder auf andere Heilige ausgedehnt. Ab dem 16. Jh. wird gelegentlich die Melodie zu dem Text gedruckt<footnote numbering="arabic" start="746">
                        <p> <em>Literaturwissenschaftliches Wörterbuch für Romanisten&#8230; </em>ed. cit. S. 148.</p>
                     </footnote>. Im Laufe der Zeit breitete sich die Gewohnheit, <em>gozos</em> den Heiligen zu widmen, auf sämtliche Kirchen aus. Die Texte unter dem Holzschnitt gaben nun Auskunft über die Tugenden der Heiligen und berichteten von ihrer tatkräftigen Hilfe in Notzeiten<footnote numbering="arabic" start="747">
                        <p> Álvarez Barrientos, Joaquín, M. José Rodríguez Sánchez de León: <em>D</em>
                           <em>iccionario de literatura pop</em>
                           <em>u</em>
                           <em>lar</em>&#8230; ed.cit. S. 142.</p>
                     </footnote>. Durán i Sanpere beschreibt den Vertreib von <em>gozos </em>wie folgt:</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N1514E" start="280"/>
                     <blockquote>
                        <p>«Die <em>santeros</em>, die mit einem Schrein mit dem Bildnis des verehrten Heiligen almosenheischend durch die Dörfer zogen, verteilten gedruckte Andachtsblätter, genannt <em>goces</em>. Das gleiche taten die Armenpfleger einiger wohltätiger Einrichtungen, zum Beispiel der Spitäler oder man erhielt die Blätter für eine Spende zum Bau einer Kirche. Darüber hinaus wurden die <em>gozos</em> an die Gläubigen an entsprechenden Feiertagen oder an die Teilnehmer ländlicher Kirchweihfeste &#8211; die immer auch Jahrmärkte mit Spiel und Tanz mit sich brachten &#8211; verteilt. In den Kirchen befand sich im Presbyterium eine Holztafel, an der die <em>gozos</em> des gefeierten Heiligen angebracht wurde. Sie sollten als Leitfaden für den gemeinsamen Gesang, mit dem der Gottesdienst beendet wurde, dienen mit dem der Gottesdienst beendet wurde<footnote numbering="arabic" start="748">
                              <p> Durán i Sanpere, Augusti: <em>Populäre Druckgraphik Europas&#8230;</em>ed.cit. S. 58.</p>
                           </footnote>.»</p>
                     </blockquote>
                  </p>
                  <p>Die Holzstöcke zu den Illustrationen der <em>gozos</em> waren vom 17. bis zum 19. Jahrhundert für gewöhnlich Eigentum der Kapellen, Wallfahrtsorte oder der Bruderschaften, die den Druck der Blätter bei den Offizinen in Auftrag gaben. Danach erhielten sie die Druckstöcke zurück und bewahrten sie für neue Ausgaben auf. Diejenigen, die in der Druckerei verblieben, bildeten einen Verlagsbestand, der ohne große Achtung vor der Identität des Bildes mit dem darzustellenden Heiligen immer wieder verwendet wurde, was häufig zu Verwirrungen führte. Manchmal verwendete man auch die Form der <em>goigs</em>, um große Persönlichkeiten zu ehren oder den Sieg in irgendeinem Krieg zu erflehen<footnote numbering="arabic" start="749">
                        <p> Ebenda. S. 58.</p>
                     </footnote>.</p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444451"/>
                  </p>
               </block>
               <block id="N15187" label="II.5.5.4">
                  <head>Auques und Aleluyas</head>
                  <p>
                     <citenumber id="N1518E" start="281"/>Die <em>auques </em>oder <em>aleluyas </em>sind<em> </em>Bildergeschichten, in der Regel aus 48 Bildern bestehend, mit jeweils einem Verspaar am Fuß versehen und auf einem einzigen Papierbogen gedruckt<footnote numbering="arabic" start="750">
                        <p> <em>Literaturwissenschaftliches Wörterbuch für Romanisten&#8230; </em>ed. cit. S. 13.</p>
                     </footnote>. Sie stellen eine der reichsten Produktionen spanischer Volksgraphik dar<footnote numbering="arabic" start="751">
                        <p> botrel, Jean-François: La literatura popular&#8230; ed.cit. S. 244f.</p>
                     </footnote>. Diese Bilderbogen werden <em>auques</em> im katalanischen und <em>aleluyas</em> im kastilischen Sprachraum genannt. Die differente Benennung fußt auf der unterschiedlichen Herkunft der Wörter. <em>Auques</em> leitet sich von einem Spiel ab, dessen Ursprung nicht mehr nachvollziehbar ist, das jedoch vermutlich mit einigen österlichen Vergnügungen, bei denen eine Gans &#8211; auf katalanisch <em>auca &#8211; </em>zu gewinnen war, zusammenhängt<footnote numbering="arabic" start="752">
                        <p> Durán i Sanpere, Augusti: <em>Populäre Druckgraphik Europas&#8230;</em>ed.cit. S. 74.</p>
                     </footnote>. Die zweite Benennung <em>al</em>
                     <em>e</em>
                     <em>luya </em>stammt «<em>von bestimmten illustrierten Blä</em>
                     <em>t</em>
                     <em>tern her, die aus einer gewissen Anzahl Bildfelder bestanden, auf denen jeweils das Wort </em>aleluya<em> auftauchte. Man schnitt diese Bildchen aus und warf sie am Karsamstag, während der Fronleichnamprozession oder an andern Feiertagen vom Balkon oder Fenster auf die Strasse</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="753">
                        <p> Ebenda S. 73.</p>
                     </footnote>.» </p>
                  <p>Aus welcher Stadt oder welchem Gebiet beide Bilderbogenarten ursprünglich stammen, ist unbekannt. Im Fall der <em>auques</em> verloren diese mit der Zeit ihre anfängliche Bedeutung und entwickelten sich zum Kinderspiel, behielten allerdings ihre Motive und Namen, wie z.B. <em>Spiel von Sonne und Mond, Spiel von Berufen und Künsten, Spiel von den Straßenhändlern</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="754">
                        <p> Álvarez Barrientos, Joaquín, M. José Rodríguez Sánchez de León: <em>D</em>
                           <em>iccionario de literatura pop</em>
                           <em>u</em>
                           <em>lar</em>&#8230; ed.cit. S. 25.</p>
                     </footnote> usw., je nach Motiv der Bilderreihe bei. Irgendwann fing man an, die Felder zu nummerieren und fügte einen Ein- oder Zweizeiler als Untertitel, für gewöhnlich vollreimende &#8222;holprige&#8220; Verse, den so genannten <em>Rodolí, </em>hinzu. Die Madrider <em>alelu</em>
                     <em>y</em>
                     <em>as </em>dagegen bringen anfangs nur kurze Hinweise auf das Bild, übernehmen später nicht nur das Distichon, sondern auch Drei- oder Vierzeiler als Fußtext<footnote numbering="arabic" start="755">
                        <p> Durán i Sanpere, Augusti: <em>Populäre Druckgraphik Europas&#8230; </em>ed.cit. 73; Caro Baroja, Julio: <em>Ensayo sobre la literatura de cordel&#8230;</em> ed.cit. S. 412.</p>
                     </footnote>. Diese Verse &#8211; mit einer «<em>erschreckenden Schlamperei</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="756">
                        <p> Botrel, Jean-François: La literatura popular&#8230; ed.cit. 247.</p>
                     </footnote>» komponiert &#8211; ermöglichen dank ihrer Einfachheit ein rasches memorieren und eine unmittelbare Oralisierung; «<em>si tenéis buena memoria/ apre</em>
                     <em>n</em>
                     <em>ded aquesta historia</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="757">
                        <p> Ebenda S. 247.</p>
                     </footnote>» (habt ihr ein gutes Gedächtnis/ so lernet diese Geschichte). </p>
                  <p>Im 18. Jh. verlieren die <em>auques </em>ihre Bedeutung als Kinderspiel und werden zuerst zu Lektüre<em> </em>für Kinder und später auch für Erwachsene. Erzählungen der volkstümlichen Tradition werden mittels der Bilder wiedergegeben und mit Hilfe der <em>rodolíns </em>erzählt; einige der Ersten wären, z.B. die lustigen <em>Geschichte</em> <em>Don Perlimplíns </em>und die <em>Geschichte Don Berrigóns. </em>Später werden zu der höheren Kultur angehörende Texte übernommen und bearbeitet. Infolgedessen bekommen die Bildergeschichten Bedeutsamkeit als Lesestoff für die schwach oder nicht alphabetisierten niederen Schichten der Gesellschaft, diese erhalten somit einen Zugang zu den in den lesekundigen und lesekompetenten Kreisen beliebten Schriften, und ebenfalls für die Kinder, die sich dieser extrem vereinfachten Stoffe als Unterstützung in ihrem Alphabetisierungsprozess bedienen. Als Vorlage für <em>auques,</em> ebenso wie für <em>aleluyas, </em>werden sehr erfolgreiche Romane verwendet, wie Lesages <em>Gil</em> <em>Blas de Santill</em>
                     <em>a</em>
                     <em>na</em> (1715-1735) Defoes <em>Robinson</em> <em>Crusoe</em> (1719) Bernardin de Saint-Pierres <em>Paul et Virginie</em> (1787), Chateaubriands <em>Atala</em> (1801) oder auch spanische Klassiker, wie die mittelalterlichen Epen<em> El</em> <em>Cid Campeador </em>oder<em> Los siete Infantes de Lara, </em>Tirso de Molinas <em>El burl</em>
                     <em>a</em>
                     <em>dor de Sevilla, </em>Cervantes <em>Don</em> <em>Quixote</em> (1605-1615) u.a.; des Weitern Kinderbücher, wie u.a. Fenelons <em>Les aventures de Télémaque</em> (1695). Unzählige Romane des 19. Jahrhunderts, darunter viele populärer Schriftsteller, wie u.a. Hugos <em>Notre-Dame de Paris</em> (1830), Sues <em>Les mystères de Paris </em>(1842-1843)<em>, Le juif errant</em> (1844-1845) oder Dumas <em>Le Comte de Montecristo </em>(1844-1845), werden auf die gleiche Art bearbeitet und als <em>auque </em>oder <em>aleluya </em>gedruckt. Aber nicht nur Romane, sondern auch Theaterstücke, wie die romantischen Stücke Hartzenbuschs <em>Los amantes de Teruel </em>(1837), García Gutierrezs <em>El trovador</em> (1836)<em>, Don Álvaro o la fuerza del sino </em>(1835) des Herzogs de Rivas, Zorrillas <em>Don Juan Tenorio</em> (1844),<em> </em>sowie das damals überaus populäre <em>La pata de cabra </em>(Die Ziegenpfote)<footnote numbering="arabic" start="758">
                        <p> Caro Baroja, Julio: <em>Ensayo sobre la literatura de cordel&#8230;</em> ed.cit. S. 409-430; siehe auch Álvarez Barrientos, Joaquín, M. José Rodríguez Sánchez de León: <em>D</em>
                           <em>iccionario de literatura popular</em>&#8230; ed.cit. S. 24f.</p>
                     </footnote> werden in Bildergeschichten wiedergegeben.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N152BA" start="282"/>Auch die im 19. Jh. sehr beliebten literarischen &#8222;Typendarstellungen&#8220; nach dem französischen Modell des <em>Les français peints par eux-mêmes </em>(1840-1842) wurden als Vorlage &#8211; aber auch als Muster für eigene Produktionen &#8211; verwendet. Die bekanntesten spanischen Werke dieser Art sind Mesonero Romanos <em>Escenas matritenses</em> (1841) und das von mehreren Autoren verfasste <em>Los españoles pintados por si mismos</em> (1843). Diese Werke «<em>ebneten den aleluyas den Weg zur Darstellung des heimatlichen Lebens, und zwar nicht nur in beschreibender, sondern in satirischer Form</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="759">
                        <p> Durán i Sanpere, Augusti: <em>Populäre Druckgraphik Europas&#8230;</em>ed.cit. S. 76.</p>
                     </footnote>.»</p>
                  <p>Außer Verarbeitungen belletristischer Vorlagen sind lehrende und moralisierende Themen sehr beliebt, darunter finden wir klassische Texte wie die <em>Fabel des Äsops</em> oder Geschichten wie das<em> Leben des rechtschaffenen Mannes, </em>das <em>Leben des Bösewichtes</em>, die <em>Geschichte des Säufers </em>oder der <em>Säuferin, </em>des <em>fleißigen</em> oder des<em> faulen Studenten, </em>des <em>guten</em> oder des <em>b</em>
                     <em>ö</em>
                     <em>sen Sohnes, </em>der <em>tüchtigen Dienstmagd </em>usw.<em> </em>und sogar Stoffe aus dem Neuen Testament, wie die <em>Geschichte</em> <em>des</em> <em>guten Samariters</em> u.Ä. Weitere Themen waren z.B. Reihen bedeutender Bauwerke, Serien mit Kinderspielen, Zirkusfiguren, Tieren<footnote numbering="arabic" start="760">
                        <p>«Es gab jedoch auch <em>auques</em>, die ausschließlich den Vögeln, den Vierfüßlern, den Fischen usw. gewidmet sind. Zweck solcher nach Gattungen geordneter Darstellungen war es, den Kindern die Tierwelt nahe zu bringen. Allerdings weist die Gruppierung auf manchen dieser Bilderbögen große Sonderbarkeiten auf. So finden wir zum Beispiel unter den Vierfüßlern auch die Schnecke, die Schlange und den Skorpion, unter den Fischen die Schildkröte und unter den Vögeln den Drachen, die Fledermaus und die Harpyie.» Ebenda S. 171.</p>
                     </footnote>, Fabeltieren, &#8222;die verkehrte Welt&#8220; oder Darstellungen bedeutender Persönlichkeiten der Vergangenheit und der Gegenwart, wie Karl der Grosse, Garibaldi, Napoleon I. oder Napoleon III., die karlistischen Generäle Cabrera und Zumalacárregui oder die isabelinischen Generäle Espartero und Maroto u.a. <em>Auques </em>und <em>aleluyas </em>konnten auch Episoden aus dem Zeitgeschehen beinhalten, wie z.B. königliche Feste, Hochzeiten, Prozessionen, Militärparaden und andere offizielle Anlässe, sie berichteten über den Verlauf der Kolonial- und Bürgerkriege, über Militäraufstände, Revolten usw. Unter den Madrider <em>aleluyas</em> überwiegen die biographischen Themen, «<em>und zwar sowohl jenen fiktiven Inhalts als auch solche historischer Personen, die echte Popularität erlangt hatten. So finden wir unter den aleluya- Subjets </em>Don<em> </em>Perlimplím<footnote numbering="arabic" start="761">
                        <p> Álvarez Barrientos, Joaquín, M. José Rodríguez Sánchez de León: <em>Diccionario de literatura popular</em>&#8230; ed.cit. S. 23f.</p>
                     </footnote>, den<em> </em>Zwerg<em> </em>Don<em> </em>Crispino<em>, den </em>mutigen<em> </em>Manolito<em>, den </em>General<em> </em>Catapún<em> oder </em>Tomás<em> </em>den<em> </em>Buckligen, Juan Palomo, Juan der Fischer, Periquín <em>oder den </em>Zwerg aus der Schenke<footnote numbering="arabic" start="762">
                        <p> Die meisten dieser Geschichten werden auch als Vorlage für die <em>pliegos de cordel </em>verwendet. Siehe Caro Baroja, Julio: <em>Ensayo sobre la literatura de cordel&#8230;</em> ed.cit. S. 409-430.</p>
                     </footnote>.» Während des Karnevals wurden <em>auques </em>und <em>al</em>
                     <em>e</em>
                     <em>luyas </em>mit grotesken Figuren oder maskierten Paaren unter den Feiernden verteilt.</p>
                  <p> Wichtige Produktionsstädte der <em>auques </em>und <em>aleluyas </em>waren Madrid, Barcelona, Valencia, Gerona, Palma de Mallorca, aber sie wurden auch von Druckereien kleinerer Städte und Ortschaften wie Moyá oder Játiva u.a. herausgegeben. Je nach Herkunftsort weisen die Bilderbogen unterschiedliche Merkmale auf, auch wenn diese für gewöhnlich minimal sind.</p>
                  <p>
                     <citenumber id="N15373" start="283"/>Die Bilder der <em>auques </em>und <em>aleluyas </em>sind einfach und von zweifelhafter Originalität. Die Drucker benutzten oft wiederholt die gleichen Formen aus dem eigenen alten Fundus für verschiedene Blätter; bei der Schaffung neuer Illustrationen war das Kopieren anderer Bilder nichts verwerfliches, sondern eine ganz natürliche Prozedur. Die Zeichner übernahmen Illustrationen direkt aus Büchern, Periodika und anderen Volksgraphiken oder bearbeiteten diese &#8211; wenn notwendig &#8211;, um sie an den Geschmack ihrer Konsumenten anzupassen. Normalerweise handelt es sich bei diesen Illustrationen um relativ grobe Holzschnitte, die jedoch den Erwartungen des Publikums entsprachen. Als im Laufe des Jahrhunderts diese aufgrund der Bilderüberflutung und der neuen Techniken sich veränderten, folgten die Verleger von <em>auques </em>und <em>aleluyas</em> der allgemeinen Entwicklung, sofern diese keine Verteuerung der Produktionskosten nach sich zog. Ab den siebziger Jahren etabliert sich die Lithographie, die den Holzschnitt verdrängt. Die Verleger Simó und Estivill<footnote numbering="arabic" start="763">
                        <p> Durán i Sanpere, Augusti: <em>Populärer Druckgraphik Europas&#8230;</em>ed.cit.<em> </em>S. 76.</p>
                     </footnote> hatten den Versuch gemacht, die Blätter mit Stempeln zu kolorieren, diese Technik erwies sich als ungeeignet, denn dadurch wurden die Zeichnungen undeutlich. Später wurde für den Zweck der Kolorierung die Chromolithographie mit größerem Erfolg angewendet.</p>
                  <p>Wie allen anderen Volksgraphiken stellten <em>auques </em>und <em>aleluyas </em>für die staatlichen und kirchlichen Kontrollinstanzen der Zensur ein Problem dar, denn deren Produktion und Vertrieb waren schwer zu überwachen, infolgedessen wurden die Bildergeschichten auch für propagandistische Zwecke, aber vor allem für an die Obrigkeit gerichtete Satiren illegal gedruckt und in Umlauf gebracht.</p>
                  <p>Diese Art von Graphiken erlebte ihre Blütezeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts<footnote numbering="arabic" start="764">
                        <p> Ebenda S. 76.</p>
                     </footnote>, danach erfüllte sie nur den Zweck der Kinderunterhaltung und ihre Produktion ließ allmählich nach, bis sie endgültig eingestellt wurde<footnote numbering="arabic" start="765">
                        <p> Noch heute existiert in Spanien ein populäres Kinderspiel mit illustrierten und nummerierten Feldern, die den Namen <em>Juego de la Oca </em>(das Gänsespiel) trägt und das zweifellos von den <em>auques </em>stammt.</p>
                     </footnote>. </p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444452"/>
                  </p>
               </block>
               <block id="N153BA" label="II.5.5.5">
                  <head>Weihnachts- und andere Glückwünschkarten </head>
                  <p>
                     <citenumber id="N153C1" start="284"/>In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts erscheinen in Barcelona die ersten Weihnachtskarten Spaniens<footnote numbering="arabic" start="766">
                        <p> Zum Thema siehe außerdem Vélez i Vicente, Pilar: <em>Nadales, christmas i felicitacions. </em>Barcelona: Ajuntament de Barcelona. Fundació d&#8217;Indústries Gràfiques. 1992.</p>
                     </footnote>. Diese Graphikart, die zehnzeilige Glückwunschsverse innerhalb einer verzierten Umrahmung enthielten, fand großen Anklang in der Bevölkerung und verbreitete sich schnell. Als Modell dafür dienten französische und deutsche Vorbilder; die schnell von namhaften spanischen oder für spanische Verleger arbeitende ausländische Lithographen übernommen und an den hiesigen Geschmack angepasst wurden. Anfangs beinhalteten die Karten keine Anspielung auf das christliche Fest, sie waren nicht nur für einen privaten Verkehr gedacht, sondern wurden auch von Händlern unter der Kundschaft und von Zeitungen und Zeitschriften unter den Abonnenten verteilt oder durch die Zeitungsverkäufer als Geschenk für die Leser mitgegeben. In diesem Fall bestimmten die Publikationen, je nach ihrer politischen Orientierung, den Inhalt der Blätter, der einfach aus «<em>politischen Sentenzen und Sy</em>
                     <em>m</em>
                     <em>bolen</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="767">
                        <p> Durán i Sanpere, Augusti: <em>Populärer Druckgraphik Europas&#8230;</em>ed.cit. S. 142.</p>
                     </footnote>» bestehen konnte. Weitere Motive waren z.B. Soldatenbilder in Galauniform.</p>
                  <p>Die Karten waren offensichtlich für ein bürgerliches, lesekundiges Publikum vorgesehen, aber sie wurden so populär, dass die Verleger von Volksgraphiken die Idee aufgriffen und gleichartige Drucke herausgaben, deren Illustrationen denen der <em>pliegos de cordel</em> sehr ähnlich oder gleich waren. Diese volkstümlicheren Karten führten des Öfteren Motive, die im Zusammenhang mit dem Fest standen, darunter Anspielungen auf das Weihnachtessen, Bilder der Heiligen Familie, der Heiligen Könige u.Ä., aber auch Darstellungen verschiedener populärer Berufe, sodass man sie dementsprechend dem Portier, dem Postträger, den Händlern, aber auch Freunde und Bekannte verschenken konnte.</p>
                  <p>Ab 1860 erlebte die Produktion von Glückwünschkarten dank der Chromolithographie einen weiteren Aufschwung, da kolorierten Motive für jeden Käufer erschwinglich wurden. In den siebziger Jahren erscheinen immer häufiger Karten, die anstatt vorgedruckter Verse den Konsumenten Platz für das eigenhändige Schreiben von Glückwünschen anboten. Wie Augustin Durán i sanpere behauptet, waren es meistens «<em>die einfacheren Leute, die in ihrer schönsten Schrift einige Verse aus den eigens für diesen Zweck herausgebrachten Büchern abschrieben, die unter dem Namen &#8222;Blütenlese der Glückwünsche&#8220; in sämtlichen Buchhandlungen zu haben waren</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="768">
                        <p> Ebenda S. 142.</p>
                     </footnote>.» Es war auch nicht ungewöhnlich, dass der Schreiber selbst die Blätter verzierte oder illustrierte. </p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444453"/>
                  </p>
               </block>
               <block id="N153FF" label="II.5.5.6">
                  <head>Objekte des täglichen Bedarfs</head>
                  <p>
                     <citenumber id="N15406" start="285"/>Neben Kalender und Almanachen<footnote numbering="arabic" start="769">
                        <p> Siehe Vélez i Vicente, Pilar: <em>Calendaris i almanacs.</em> Barcelona: Ajuntament de Barcelona. Fundació d&#8217;Indústries Gràfiques. 1996. Siehe auch botrel, Jean-François: La literatura popular&#8230; ed.cit. S. 255f. </p>
                     </footnote>, die in der Regel mit unterschiedlichen gesellschaftlich spezifischen oder berufsbezogenen Informationen herausgegeben wurden, gab es einige Objekte des Alltags, wie z.B. Zigarretenpapierverpackungen oder Streichhölzerschachtel, die häufig mit Bilderreihen illustriert waren, die eine aus der populären oder hohen Kultur übernommene Geschichte, wie das <em>Leben des Spielers, Paul et Virginie, R</em>
                     <em>o</em>
                     <em>binson Crusoe, Atala, Bertoldo, </em>das Leben <em>Napoleons</em> usw., aber auch Volkstypen oder Paare in Trachten darstellten. Diese Bilder wurden, wie die <em>auques </em>und <em>aleluyas</em> von einem primitiven Distichon begleitet.</p>
                  <p>Bevor die faltbaren Stäbchenfächer in Spanien eingeführt wurden und sich im Laufe des 19. Jahrhunderts innerhalb aller Schichten etablierten, waren viereckige, feststehende Fächer aus Leder, Strohgeflecht oder aus Pappe mit einem Griff an der Seite üblich, die Fläche des Vierecks wurde mit Illustrationen dekoriert, die häufig die üblichen Erzählungen der <em>pliegos de cordel </em>darstellten und von kurzen, erläuternden Versen begleitet wurden; sie konnten allerdings auch bezug auf aktuelle Ereignisse nehmen und für politisch propandistische Zwecke gebraucht werden. «<em>Mit der Zeit entwickelten sich diese Fächer zu einer Art Bi</em>
                     <em>l</em>
                     <em>derzeitung für das Volk</em>
                     <footnote numbering="arabic" start="770">
                        <p> Durán i Sanpere, Augusti: <em>Populäre Druckgraphik Europas&#8230; </em>ed.cit. S. 84.</p>
                     </footnote>.»</p>
                  <p>Eine schriftliche Kultur durchdringt allmählich alle Bereiche des Alltags und zwingt den Frauen der unteren Schichten sich immer mehr mit ihr auseinander zu setzen.</p>
                  <p>
                     <link id="_Toc172444454"/>
                  </p>
               </block>
            </subsection>
         </section>
      </chapter>
   </body>
   <back id="N1544F">
     
      <appendix id="N15451">
         <head id="N15453">Schlusswort</head>
         <p id="N15456">Spaniens Übergang vom <em>Ancien Régime, </em>das von einer mündlichen Kultur geprägt ist, zur liberalen bürgerlichen Gesellschaft, wird zum größten Teil mittels des geschriebenen, bzw. des gedruckten Wortes vollzogen. Der Zugang zur geschriebenen Kultur eröffnet den Menschen bis dahin ungeahnte Aussichten auf einem kollektiven sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt und auf einer individuellen Entfaltung ihres Wesens. </p>
         <p id="N1545C">Die Wandlung der Frau zur Teilhaberin und sogar zur Mitgestalterin der schriftlichen Kultur in Spanien erfolgt abhängig von den historischen und politischen Gegebenheiten und nicht konstant und in gleichem Maße im ganzen Land. Die sozialen Unterschiede sind ein weiterer entscheidender Faktor für die Geschwindigkeit, mit der sich diese Veränderung vollzieht. Großstädte bieten mehr Bildungs- und Kulturverbreitungsmöglichkeiten als ländliche Gebiete, fortschrittlichere Regierungen bemühen sich mehr um die Bildung der Bürger und räumen ihnen, den Frauen inklusive, größere Freiheiten ein; Kriegszeiten oder wirtschaftliche Krisen andererseits behindern die kulturelle Entfaltung der Gesellschaft. Für die Frauen gibt es allerdings in ihrer intellektuellen und sozialen Entwicklung ein weiteres hohes Hindernis zu überwinden: Die jahrhundertlang geprägte Mentalität einer patriarchalisch strukturierten Gesellschaft, die in einer Aneignung des schriftlichen Kulturgutes vonseiten der Frau &#8211; nicht ohne Grund &#8211; eine Gefahr für ihr weiteres Bestehen sieht. </p>
         <p id="N1545F">1804 schreibt Königin María Luisa in einem Brief an den Minister Godoy diesen, den kultivierten Frauen gegenüber verachtenden Worten:</p>
         <p id="N15462">
            <blockquote>
               <p>«Ich bin eine Frau und verabscheue alle [Frauen], die vorgeben intelligent zu sein, um die Männer zu gleichen, denn ich betrachte dies als für unser Geschlecht unangemessen; und trotzdem gibt es immer welche, die, da sie viel gelesen und einige aktuelle Ausdrücke auswendig gelernt haben, glauben, ihr Talent übertrifft den aller anderer Menschen<footnote numbering="arabic" start="771">
                     <p> Villaurrutia, Marqués de : <em>Las mujeres de Fernando VII.</em> 2. Aufl.<em> </em>Madrid: Francisco Beltrán. 1925. S. 35. Zitiert in Simón Palmer, María del Carmen: La mujer lectora&#8230; ed.cit. S. 746.</p>
                  </footnote>.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N15479">1875 schreibt eine Leserin an die Zeitschrift <em>La Moda Elegante</em>:</p>
         <p id="N1547F">
            <blockquote>
               <p>«Alle jungen Frauen meiden die Mädchen, die anscheinend ihr Leben der ständigen Zurschaustellung der eigenen Weisheit und der Unwissenheit anderer widmen. Sie sprechen über Kunst, Wissenschaft, Politik und ich glaube, sie wissen gar nicht, wovon sie sprechen. Sie können sich gut artikulieren aber über das Wichtigste für eine Frau haben sie nicht die geringste Ahnung, nämlich: Sie können weder lieb noch freundlich sein<footnote numbering="arabic" start="772">
                     <p> In: <em>La Moda Elegante. </em>30.<em> </em>30-VIII-1875. <em>S. </em>235.<em> </em>
                     </p>
                  </footnote>.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N1549C">Zwischen beiden Briefen liegen über 70 Jahre, aber der Grundgedanke ist der gleiche geblieben. Gebildete Frauen bleiben das ganze Jahrhundert hindurch eine Ausnahme und müssen sich oft mit den Vorurteilen der Gesellschaft konfrontieren. Und trotzdem ist der Zugang der Frauen zum geschriebenen Wort und damit zur Entfaltung ihrer intellektuellen Fähigkeiten und zur Mitgestaltung der Gesellschaft eine unaufhaltsame Entwicklung. Schon die Tatsache, dass eine Frauenzeitschriften-Leserin aus der Mittelschicht ihre Meinung in schriftlicher Form der Öffentlichkeit zugänglich macht, ist &#8211; auch wenn sie sich dessen nicht bewusst ist &#8211; Ergebnis des Prozesses, das wir mit dieser Arbeit dargestellt haben.</p>
      </appendix>
      <appendix id="N154A0">
         <head id="N154A2">
            <link id="_Toc172444455"/>Anhänge</head>
         <p id="N154A8">
            <link id="_Toc172444456"/>
         </p>
         <freehead id="N154AE">Anhang A</freehead>
         <p id="N154B1">Chronologische Übersicht der wichtigsten politischen Ereignisse des 19. Jahrhunderts in Spanien</p>
         <p id="N154B4">
            <table frame="all" id="N154B6" orient="port" tocentry="1">
               <tgroup align="left" char="" charoff="50" cols="2">
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                           <p>1808</p>
                        </entry>
                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>2. Mai, Volksaufstand in Madrid gegen die französischen Truppen unter Murat</p>
                           <p>Abdankung Carlos IV. zugunsten Napoleons I</p>
                           <p>Proklamierung des Napoleon-Bruders Joseph zum spanischen König.</p>
                           <p>Beginn des spanischen Unabhängigkeitskrieges</p>
                           <p>Bildung einer <em>Junta Central,</em> die die Regentschaft übernimmt</p>
                        </entry>
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                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>1810-1811</p>
                        </entry>
                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>Beginn der Unabhängigkeitsbestrebungen im spanischen Amerika</p>
                        </entry>
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                           <p>1810</p>
                        </entry>
                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>Eröffnung der verfassungsgebenden Versammlung <em>Cortes </em>in Cádiz </p>
                        </entry>
                     </row>
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                           <p>1812</p>
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                           <p>Verkündung der ersten spanischen Verfassung</p>
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                           <p>1813</p>
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                           <p>Spanisch-französischer Vertrag von Valençay zur Beendigung des Krieges</p>
                        </entry>
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                           <p>1814</p>
                        </entry>
                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>Friedensvertrag und Beendigung des Krieges</p>
                           <p>Rückkehr Fernandos VII. aus Frankreich nach Spanien</p>
                           <p>
                              <em>Manifiesto de los Persas</em>; Aufhebung der <em>Cortes </em>und der von ihnen beschlossenen Gesetze einschließlich der Verfassung von 1812</p>
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                           <p>1815-1819</p>
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                           <p>Restauration des Absolutismus</p>
                           <p> Verfolgung der Liberalen</p>
                        </entry>
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                           <p>1820</p>
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                           <p>Erhebung des Obersten Rafael Riego und der nach Amerika bestimmten Regimente in Andalusien</p>
                           <p>Beginn des <em>Trienio</em> <em>Liberal</em> &#8222;Liberalen Trienniums&#8220;</p>
                           <p>Wiedereinführung der Verfassung von 1812</p>
                        </entry>
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                           <p>1823</p>
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                           <p>Militärische Intervention Frankreichs aufgrund der Beschlüsse des Kongresses von Verona in 1822</p>
                           <p>Beendigung des Trienniums</p>
                           <p>Erneute politische Reaktion</p>
                        </entry>
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                           <p>1823-1833</p>
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                           <p>Beginn der <em>Década</em> <em>Ominosa</em> &#8222;unheilvolle Dekade&#8220;</p>
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                           <p>1825</p>
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                           <p>Ende des spanischen Imperiums in Amerika</p>
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                           <p>1828</p>
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                           <p>Höhepunkt der Liberalenverfolgung</p>
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                           <p>1830</p>
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                           <p>Veröffentlichung der <em>Pragmática Sanción</em> von 1879 über die Änderung des Thronfolgerechts, <em>Ley Sálica</em> </p>
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                           <p>1833</p>
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                           <p>Huldigunseid für die Infantin Isabel als Thronfolgerin</p>
                           <p>Tod Fernados VII.</p>
                           <p>Selbstproklamation des Don Carlos zum König</p>
                           <p>Beginn des ersten Karlistenkrieges</p>
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                           <p>1833-1868</p>
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                           <p>Isabel II.</p>
                           <p>bis 1840 Regentschaft der Königinmutter María Cristina</p>
                           <p>1841-1843 Regentschaft des Generals Espartero</p>
                        </entry>
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                           <p>1833-1840</p>
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                           <p>Erster Karlistenkrieg.</p>
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                           <p>1834</p>
                        </entry>
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                           <p>Verkündung Des <em>Estatuto Real</em> &#8222;Königlichen Statuts&#8220;</p>
                           <p>Gesetz über Pressefreiheit</p>
                           <p>Quadrupelallianz mit Frankreich, Großbritannien und Portugal</p>
                        </entry>
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                           <p>1836</p>
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                           <p>Beginn des Prozesses der <em>desamortización,</em> Säkularisierung und Enteignung von Ländereien der Kommunen</p>
                           <p>Friedens- und Kooperationsvertrag mit Mexiko.</p>
                           <p>Abschaffung der Zünfte</p>
                        </entry>
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                           <p>1837</p>
                        </entry>
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                           <p>Verkündung der progressistischen Verfassung</p>
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                           <p>1839</p>
                        </entry>
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                           <p>Kapitulation der Karlisten in Vergara</p>
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                           <p>1840</p>
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                           <p>Ministerpräsidentschaft Esparteros</p>
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                           <p>1843</p>
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                           <p>Beginn des Baues der Eisenbahnlinie Madrid-Aranjuez</p>
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                           <p>1844</p>
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                           <p>Bildung der <em>Guardia</em> <em>Civil</em>
                           </p>
                           <p>Friedensvertrag mit Chile</p>
                        </entry>
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                           <p>1844-1845</p>
                        </entry>
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                           <p>
                              <em>Década</em> <em>Moderada</em> &#8222;Gemäßigte Dekade&#8220; </p>
                        </entry>
                     </row>
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                           <p>1845</p>
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                           <p>Verkündung der von den <em>moderados </em>beschlossenen Verfassung</p>
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                           <p>1846</p>
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                           <p>Heirat Isabels II.</p>
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                           <p>1846-1849</p>
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                           <p>Zweite Erhebung der Karlisten unter Führung des Generals Cabreras</p>
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                           <p>1849</p>
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                           <p>Gründung der Demokratischen Partei</p>
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                           <p>1851</p>
                        </entry>
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                           <p>Unterzeichnung des Konkordats zwischen Spanien und dem Heiligen Stuhl</p>
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                           <p>1852</p>
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                           <p>Attentat auf Isabel II.</p>
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                           <p>1854-1856</p>
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                           <p>
                              <em>Bienio Progresista </em>&#8222;Progressistisches Biennium&#8221;</p>
                        </entry>
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                           <p>1854 </p>
                        </entry>
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                           <p>Erhebung der Progessisten; Manifest von Manzanares</p>
                           <p>Regierungsübernahme des Generals Espartero</p>
                        </entry>
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                           <p>1856</p>
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                           <p>Wiederherstellung der Verfassung von 1845</p>
                           <p>Regierungsübernahme des Generals O&#8217;Donnell</p>
                        </entry>
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                           <p>1857</p>
                        </entry>
                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>
                              <em>Ley Moyano</em>, Gesetz über den öffentlichen Unterricht</p>
                        </entry>
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                           <p>1859-1860</p>
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                           <p>Spanisch-marokkanischer Krieg</p>
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                           <p>1860</p>
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                           <p>Friedensvertrag von Tetuán; Beendigung des Krieges mit Marokko</p>
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                           <p>1861-1860</p>
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                           <p>Intervention in Mexiko zusammen mit Großbritannien und Frankreich</p>
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                           <p>1861</p>
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                           <p>Landarbeiterunruhen in Andalusien</p>
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                           <p>1863</p>
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                           <p>Gesetze zur Provinzialverfassung</p>
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                           <p>1864</p>
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                           <p>Währungsreform</p>
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                           <p>1865-1871</p>
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                           <p>Krieg am Pazifik mit Peru, Chile und Ecuador</p>
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                           <p>1865</p>
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                           <p>
                              <em>Noche De San Daniel,</em> Zusammenstöße zwischen Studenten und Polizei in Madrid, die<em> </em>&#8220;Nacht von Sankt Daniel&#8221;</p>
                           <p>Erster spanischer Arbeiterkongress</p>
                        </entry>
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                           <p>1866</p>
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                           <p>Pakt von Ostende, Allianz von <em>Progresistas </em>und <em>Moderados </em>gegen die Bourbonendynastie</p>
                        </entry>
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                           <p>1868-1874</p>
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                           <p>&#8222;Revolutionssexennium&#8220;</p>
                        </entry>
                     </row>
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                           <p>1868</p>
                        </entry>
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                           <p>Entthronung Isabels II. und provisorische Regierung des Generals Serrano</p>
                        </entry>
                     </row>
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                           <p>1868-1878</p>
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                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>Aufstand und Krieg in Kuba</p>
                        </entry>
                     </row>
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                           <p>1868</p>
                        </entry>
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                           <p>Allgemeinen Männerwahlrecht</p>
                           <p>Neue Gesetzgebung über <em>fueros</em> und Privilegien der alten Königreiche</p>
                        </entry>
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                           <p>1869</p>
                        </entry>
                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>Verkündung der neuen Verfassung</p>
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                     </row>
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                           <p>1870</p>
                        </entry>
                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>Erster Regionalkongress der spanischen Sektion der Internationale Abdankung Isabels II. zugunsten ihres Sohnes Alfonso </p>
                           <p>Proklamation des Prinzen Amadeo di Savoya zum König durch die <em>Cortes </em>und Ermordung seines Befürworters General Prim</p>
                        </entry>
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                           <p>1871</p>
                        </entry>
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                           <p>Ankunft Amadeos I. in Madrid</p>
                        </entry>
                     </row>
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                           <p>1872-1876</p>
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                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>Erhebung der Karlisten und Beginn des dritten Karlistenkrieges</p>
                        </entry>
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                           <p>1873</p>
                        </entry>
                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>Abdankung Amadeos I. </p>
                           <p>Ausrufung der Republik</p>
                        </entry>
                     </row>
                     <row>
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                           <p>1874</p>
                        </entry>
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                           <p>Putsch des General Pavia.</p>
                           <p>Erhebung des Generals Martínez Campos</p>
                           <p>Manifest von Standhurt von Alfonso und Beginn der Restauration der Bourbonen.</p>
                        </entry>
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                           <p>1875</p>
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                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>Ankunft Alfonso XII. in Madrid</p>
                        </entry>
                     </row>
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                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>1876</p>
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                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>Abschaffung der baskischen Privilegien</p>
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                           <p>1878</p>
                        </entry>
                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>Rückkehr zum Zensuswahlrecht</p>
                        </entry>
                     </row>
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                           <p>1879</p>
                        </entry>
                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>Gründung der Sozialistischen Partei PSOE</p>
                        </entry>
                     </row>
                     <row>
                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>1882-1883</p>
                        </entry>
                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>Prozess gegen die anarchistische Bewegung <em>La Mano Negra </em>(Die Schwarze Hand)</p>
                           <p>Republikanische Aufstände</p>
                        </entry>
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                           <p>1885</p>
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                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>Tod Alfonsos XII. und Regentschaft María Cristinas für ihren Sohn Alfonso XIII.</p>
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                           <p>1888</p>
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                           <p>Weltausstellung in Barcelona</p>
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                           <p>1890</p>
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                           <p>Wiedereinführung des allgemeinen Männerwahlrechts</p>
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                           <p>1895-1898</p>
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                           <p>Zweiter kubanischer Unabhängigkeitskrieg</p>
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                           <p>1896-1898</p>
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                           <p>Philippinischer Unabhängigkeitskrieg</p>
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                           <p>1898</p>
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                           <p>Spanisch- US- amerikanischer Krieg</p>
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            </table>
         </p>
         <p id="N15AB8">Quellen: <em>Kleine Geschichte Spaniens. </em>(Hrsg.) P. Schmidt. Stuttgart: Philipp Reclam jun.. 2004.; Espadas Burgos, Manuel, José Ramón de Urquijo Goitia:  <em>Historia de España. Guerra de la Independencia y Época Constitucional.</em> Bd 11. Madrid: Editoral Gredos.1990.</p>
         <p id="N15AC1">
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         </p>
      
         <freehead id="N15AC7">Anhang B</freehead>
         <p id="N15ACA">
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         </p>
         <p id="N15AD0">
            <table frame="all" id="N15AD2" orient="port" tocentry="1">
               <caption>Tabelle 1 Entwicklung der Alphabetisierung in Spanien 1860-1900:</caption>
               <legend>Quelle: Escolano, Agustín: Leer y escribir en España. Doscientos años de alfabetización. In: A. Escolano. (Hrsg.): <em>Leer y escribir en España. Doscientos años de alfabetización.</em> Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. S. 25. </legend>
               <tgroup align="left" char="" charoff="50" cols="11">
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                           <p>1860</p>
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                           <p>Unterschied</p>
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                           <p>Total</p>
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                           <p>%</p>
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                           <p>Total</p>
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                           <p>Total</p>
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                           <p>Total</p>
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                           <p>%</p>
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                           <p>1860-1900</p>
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                           <p>
                              <strong>Total</strong>
                           </p>
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                           <p>Lese- und Schreibkundige </p>
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                           <p>3 129 921</p>
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                           <p>19,9</p>
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                           <p>4 071 823</p>
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                           <p>24,5</p>
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                           <p>5 004 470</p>
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                           <p>28,5</p>
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                           <p>6 227 184</p>
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                           <p>33,4</p>
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                           <p>+</p>
                        </entry>
                        <entry morerows="0" rotate="0" valign="top">
                           <p>3 097 263</p>
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                     </row>
                     <row>
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                           <p>Lesekundige</p>
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                           <p>705 778</p>
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                           <p>4,5</p>
                        </entry>
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                           <p>578 978</p>
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                           <p>3,5</p>
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                           <p>602 005</p>
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                           <p>3,4</p>
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                           <p>495 753</p>
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                           <p>2,7</p>
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                           <p>Analphabeten </p>
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                           <p>210 930</p>
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                           <p>Analphabeten</p>
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                              <strong>Frauen</strong>
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                           <p>1 247 859</p>
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                           <p>1 686 615 </p>
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                           <p>2 395 839</p>
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                           <p>6 881 410</p>
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               <caption>Tabelle 2 Analphabetismusrate Madrids und Spanien im Vergleich: </caption>
               <legend>Vergleiche die Zahlen mit Tabelle 1<br/>Quelle: Jagoe, Catherine, A. Blanco, C. Enríquez  de Salamanca: <em>La mujer en los discursos de género. </em>
                  <em>Textos y contextos en el siglo XIX. </em>Barcelona: Icaria. 1998. S. 114. Die Tabelle wurde mit Angaben hergestellt aus: Botrel, Jean-François : La novela por entregas: unidad de creación y consumo. In : J.-F. Botrel, S. Salaün (Hrsg.): <em>Creación y público en la literatura española.</em> Madrid: Castalia. 1974. S. 133-135. </legend>
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                           </p>
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                           <p>Madrid</p>
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                           <p>Spanien</p>
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                           <p>85,32%</p>
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                           <p>35,73%</p>
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                           <p>75,32%</p>
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         </p>
         <p id="N1621B">
            <link id="_Toc172444460"/>
         </p>
         <p id="N16221">
            <table frame="all" id="N16223" orient="port" tocentry="1">
               <caption>Tabelle 3 Schülerzahlen der öffentlichen Bildungsmaßnahmen  für Erwachsenen:</caption>
               <legend>* Diese Angabe bezieht sich aus dem Jahre 1856.<br/><br/>Quelle: Guereña, Jean-Louis : Los orígenes de la educación de adultos en la España Contemporánea. In: A. Escolano (Hrsg.): <em>Leer y escribir en España. Doscientos años de  alfabetización. </em>Madrid: Pirámide. Fundación Germán Sánchez Ruipérez. 1992. S. 286</legend>
               <tgroup align="left" char="" charoff="50" cols="5">
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                           <p>Schüler</p>
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                           <p>Jahre</p>
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                           <p>Schulen </p>
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                           <p>Männlich</p>
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                           <p>Weiblich</p>
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                           <p>Gesamt</p>
                        </entry>
                     </row>
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                           <p>1850</p>
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                           <p>264</p>
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                           <p>1855</p>
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                           <p>394</p>
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                           <p>3 779*</p>
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                           <p>1859</p>
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                           <p>338</p>
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                           <p>8 293</p>
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                           <p>1860</p>
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                           <p>844</p>
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                           <p>28 626</p>
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                           <p>323</p>
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                           <p>28 949</p>
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                           <p>1865</p>
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                           <p>1 672</p>
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                           <p>40 858</p>
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                           <p>2 098</p>
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                           <p>42 756</p>
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                           <p>1867</p>
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                           <p>1 237</p>
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                           <p>45 629</p>
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                           <p>19 496</p>
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                           <p>65 575</p>
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                     </row>
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                           <p>1870</p>
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                           <p>1 848</p>
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                           <p>51 972</p>
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                           <p>4 197</p>
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                           <p>56 169</p>
                        </entry>
                     </row>
                  </tbody>
               </tgroup>
            </table>
         </p>
         <p id="N163EE">
            <link id="_Toc172444461"/>
         </p>
      
         <freehead id="N163F4">Anhang C</freehead>
         <p id="N163F7">
            <link id="_Toc172444462"/>
         </p>
         <freehead id="N163FD">Text 1 <br/>Vicente Blasco Ibáñez: eine Volksschule auf dem Land</freehead>
         <p id="N16402">
            <blockquote>
               <p>«Auch wenn es für gewöhnlich keine Paläste bewohnt, sah man das Wissen noch nie schlechter untergebracht. Es war eine alte <em>barraca</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="773">
                     <p> Ein mit Schilfrohr gedecktes Bauernhaus aus der Region Valencia.</p>
                  </footnote>, in der das Licht nur durch die Tür und die Risse der Bedachung hineinsickerte; (&#8230;) [dort befanden sich] einige Bänke, drei dreckige, mit abgebrochenen Ecken und mit durchgekautem Brot an die Wand geklebten Plakaten mit dem Alphabet, und im Nebenraum gab es einige Möbel &#8211; wenige und alte &#8211;, die anscheinend schon ganz Spanien durchreist hatten. In der ganzen <em>barraca</em>   gab es nur eine Sache, die neu war: ein langes Rohr, das der Lehrer hinter die Tür stellte, und das er täglich in einem naheliegenden Ried erneuerte; es war ein Glück, dass die Ware so &#8222;billig&#8220; war, denn sie nütze sich sehr schnell an den harten und geschorenen Köpfen der kleinen Wilden ab. Man sah genau drei Bücher in der Schule, alle Kinder benutzten ein und dieselbe Fibel. Wozu denn mehr? &#8230; Dort wurde nach der arabischen Methode gelernt: Singen und wiederholen, bis unter dem ständigen Einhämmern die Sachen endlich in die harten Köpfe eindrangen. (&#8230;)</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16419">
            <blockquote>
               <p>«Sie sind richtige Ochsen! Sie hören mir zu, als würde ich griechisch sprechen! Wenn man bedenkt, dass ich Sie mit größter Achtung behandle, wie in einer &#8222;feinen&#8220; Schule in der Stadt, damit Sie gute Manieren lernen und wie Menschen sprechen können!» &#8230; «Aber was soll&#8217;s, Sie haben ja Ihre Vorbilder: Sie sind dumm wie Ihre Väter, die bellen, anstatt zu sprechen, die genügend Geld haben, um in die Wirtschaft zu gehen und dann tausend Ausreden erfinden, um mir am Samstag nicht die paar Cent zu geben, die mir zustehen». Und er spazierte empört den Raum auf und ab,  vor allem, wenn er sich über die &#8222;Samstagsvergesslichkeit&#8220; beklagte, wie man an seinem Aussehen, das wie in zwei Teile gespalten war, erkannte. Auf der unteren Hälfte trug er immer mit Schlamm verschmutzte, kaputte Spardrilles, alte Kordhosen und schuppige, raue Hände, in deren Risse die Erde seines kleinen Gartens klebte. Der Garten war ein vor der <em>barraca</em> liegendes, mit Gemüse bepflanztes Viereck, das oft die einzigen Zutaten für seinen Kochtopf lieferte. Von der Taille nach oben jedoch zeigte der Lehrer Würde, «die Würde des Priesters der Bildung», wie er sich selber emporhob. Aber was ihn von allen Leuten der <em>barracas</em> &#8211; all diesen an der Furche klebenden Würmern &#8211; unterschied, war eine Krawatte mit schillernden Farben, die über seiner schmutzigen Hemdbrust hing, ein grauer und borstiger Schnurrbart, der sein pausbäckiges und rosiges Gesicht aufteilte, und noch dazu eine blaue Mütze mit einem gewachsten Schirm, ein Erinnerungsstück von einer der vielen Beschäftigungen, denen er in seinem hindernisreichen Leben nachgegangen war. </p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16428">
            <blockquote>
               <p>Von der Armut getrieben, war er dort gelandet (&#8230;), aber er hätte auch woanders landen können. Er half dem Ratschreiber des nahe liegenden Dorfes bei außerordentlichen Aufgaben, er bereitete mit nur ihm bekannten Kräutern gewisse Absude vor, die in den <em>barracas</em> Wunder wirkten. Alle gaben zu, dass dieser Kerl viel wusste, und das sogar ohne Ausbildung &#8211; und eigentlich auch ohne Angst, irgendjemand aus dem Ministerium würde sich an ihn erinnern, um ihm eine Schule, die nicht einmal genug zum Essen abwarf, wegzunehmen. Er schaffte es &#8211; dank der Wiederholungen und der Schläge mit dem Stock &#8211;, dass alle Bengel im Alter zwischen fünf und zehn buchstabieren und ruhig bleiben konnten.</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16434">
            <blockquote>
               <p>Die Mühen Don Joaquins, damit seine Schüler ihn verstanden und vor dem Spanischen nicht zurückschreckten, waren nicht gerade klein. Es gab manche Kinder, die schon seit zwei Monaten die Schule besuchten und immer noch die Augen groß aufrissen und sich am Hinterkopf kratzten, ohne zu verstehen, was der Lehrer ihnen mit in ihren <em>barracas</em> noch nie gehörten Wörtern sagen wollte (&#8230;). Jedes Wort, das seine Schüler falsch aussprachen &#8211; und das waren im Grunde alle &#8211; ließ ihn schnauben und die Hände bis zur verräucherten Decke der Hütte empört hochheben. (&#8230;)  </p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16440">
            <blockquote>
               <p>«Diese bescheidene <em>barraca</em>», sagte er zu den dreißig Buben, die sich in den Bänken zusammendrängten und schubsten, während sie teils gelangweilt, teils den Stock fürchtend zuhörten,  «müssen Sie als Tempel der Höflichkeit und guten Manieren betrachten. Was sage ich Tempel! Sie ist die Fackel, die leuchtet und die Schatten der Barbarei aus dieser <em>Huerta</em>
                  <footnote numbering="arabic" start="774">
                     <p>  Unter dem Namen <em>La Huerta </em>(Gemüsegarten) <em> </em>ist ein landwirtschaftliches Gebiet in der Nähe von Valencia bekannt.</p>
                  </footnote>
                  <em> </em>vertreibt. Was wären Sie ohne mich? Sie entschuldigen den Ausdruck: Ochsen wären Sie, genauso wie Ihre Väter, die ich nicht beleidigen möchte. Aber mit Gottes Hilfe werden Sie, da Sie das große Glück gehabt haben, so einen Lehrer wie mich getroffen zu haben, diese Schule als gebildete Menschen verlassen und sich überall vorstellen können.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16460">
            <blockquote>
               <p>Als die Sonne unterging, sangen die Buben ihren letzen Lobgesang, dankten Gott, weil Er ihnen mit seinem Licht geholfen hatte und holten ihre Beutel mit dem Proviant ab. Da die Entfernungen in <em>la</em> <em>Huerta</em> keine Kleinigkeit waren, nahmen die Kinder am Morgen beim Verlassen der <em>barraca</em>  Verpflegung für den Schultag mit. Aus diesem Grund erzählten einige Feinde Don Joaquins, dass der Lehrer die Kinder mit der Konfiszierung von Teilen der Verpflegung zu bestrafen liebte, um damit die  &#8222;Defizite&#8220; der Küche seiner Frau auszugleichen. Am Freitag, beim Verlassen der Schule, hörten die Kinder immer die gleiche Rede. «Meine Herren, morgen ist Samstag, bitte erinnern Sie ihre Frau Mutter daran und lassen Sie sie wissen, dass, wenn morgen jemand das Geld nicht dabei hat, er der Schule verwiesen wird. Ich spreche vor allem mit Ihnen, Herr soundso&#8230; und mit Ihnen, Herr soundso&#8230;». Und er nannte ein dutzend Namen. «Drei Wochen lang haben Sie schon den versprochenen Lohn nicht mitgebracht und unter diesen Umständen ist Bildung nicht möglich; die Wissenschaft kann sich so nicht weiterentwickeln und die angeborene Barbarei dieses Landes kann nicht sorglos bekämpft werden. Ich gebe Ihnen alles: meine Weisheit, meine Bücher» und er schaute auf die drei Bücher, die seine Frau behutsam aufräumte, um sie in die alte Kommode zu legen «und Sie bringen mir gar nichts. Wie gesagt, wer morgen mit leeren Händen ankommt, wird nicht über diese Schwelle treten». (&#8230;) Die Jungen stellten sich zu zweit auf und fassten sich an den Händen &#8211; wie in den vornehmen Schulen in Valencia. Was glaubten denn die Leute? &#8211; und verließen die <em>barraca</em>, küssten zuvor die schuppige rechte Hand Don Joaquins und wiederholten herunterrasselnd, als sie an ihm vorbei liefen: «Machen Sie es gut! Bis morgen, wenn Gott es so will!<footnote numbering="arabic" start="775">
                     <p> Blasco Ibañez, Vicente:  <em>La  Barraca </em>(1895) <em> Obras completas. </em>Bd I. Madrid: Aguilar. 1958. S.520-524.</p>
                  </footnote>» </p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16483">
            <blockquote>
               <p/>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N1648B">
            <link id="_Toc172444463"/>
         </p>
         <freehead id="N16491">Text 2 <br/>Fernán Caballero: eine wohltätige Organisation</freehead>
         <p id="N16496">
            <blockquote>
               <p>«Ich glaube, der Weg, um das Fortbestehen der Organisation zu sichern, ist, deren Ziele zu vereinfachen, und da allgemein bekannt ist, dass unser Land im Vergleich mit einigen Ländern des Nordens in punkto Bildung rückständiger ist, werden wir für die mittelloseren Klassen die nötige Bildung anbieten, damit diese das allgemeine Bildungsniveau erreichen. Ich glaube außerdem, dass diese von der großen Mehrheit der Bevölkerung gebildeten und von der göttlichen Vorsehung zum Handwerk bestimmten Schichten nur zwei Sachen zu wissen brauchen, um im Leben vorwärts zu kommen und um glückliche und aufrichtige Frauen oder Männer zu schaffen, und zwar das Handwerk oder die Aufgabe, für die sie bestimmt sind und sie ernährt, und die Religion, die sie erleuchtet und moralisiert. </p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N1649F">
            <blockquote>
               <p>Da unsere Institution ersteres nicht anbieten kann, beschränken wir uns auf die zweite Aufgabe. Wenn wir den Mädchen dieser, mit dem schönen Wort &#8222;bescheiden&#8220;<footnote numbering="arabic" start="776">
                     <p> Es handelt sich um die niederen Schichten, auf Spanisch <em>clase humilde</em>= bescheidene Schicht.</p>
                  </footnote> bezeichneten gesellschaftlichen Schicht, die Religion und das Lesen beibringen, dann, glaube ich, werden wir ihnen so viel Gutes tun, wie es nur möglich ist. Arithmetik ist dabei vollkommen nutzlos, denn Erfahrung und Aufmerksamkeit sind so gute Lehrer, dass, wenn eines Tages diese Mädchen zu Frauen werden und auf dem Markt einkaufen gehen, den Damen Unterricht in diesem Fach werden geben können. Was das Schreiben betrifft, gleichgültig, wie sehr ich über die Zukunft dieser Mädchen nachdenke, sehe ich keinerlei Vorteile an dieser Fähigkeit, sondern nur Nachteile für die Zeit, in der diese jungen Frauen das Alter der &#8222;Liebe&#8220; erreichen.</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N164B3">
            <blockquote>
               <p>Nach dem Lese- und Religionsunterricht sollte man einen frommen Text lesen, um somit eine Art der Schulung zu beenden, die sich als Ziel die Bildung des Herzens und des Geistes gesetzt hat: Das ist die Art von Bildung, die eine ehrliche, ehrbare und bescheidene Frau schafft, das heißt, die Bildung der christlichen Frau. </p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N164BC">
            <blockquote>
               <p>Wenn Arbeit und Kosten auf diese Weise verringert werden, kann man erwarten, dass die geringen finanziellen Mittel, über die unsere Organisation verfügt, ausreichen sollten, um die Preise zu finanzieren. Preise wie diejenigen, welche die Gründer in ihrer unerschöpflichen Wohltätigkeit in diesem Jahr verteilt haben, denn diese Preise sind nicht nur eine Gabe oder eine Anregung zu Fleiß und Vernunft, sondern auch ein Anreiz für neue Schülerinnen. </p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N164C5">
            <blockquote>
               <p>Ferner sollten wir nicht vergessen, dass Bildung kostenaufwendig ist und die Vereinigung über wenig Mittel verfügt; eines Tages könnten diese Mittel nicht ausreichen und die Arbeit nicht fortgeführt werden, und so wären die für das Unterrichten der ersten Grundkenntnisse verwendete Zeit und das Geld vergeudet. Der ehrwürdige Geist und das Motto unserer Institution sind eine der Barmherzigkeitsgebote: den Unkundigen zu lehren, aber, damit diese Aufgabe dem Geist des Evangeliums folgt, sollte die Bildung für die Lernenden von Nutzen sein, nicht damit sie zur Schau  gestellt wird oder der Erholung dient, sondern damit sie zum irdischen und geistigen Wohlbefinden der Mädchen beiträgt.</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N164CE">
            <blockquote>
               <p>Wir müssen auch berücksichtigen, dass wenige Damen in der Lage sind, lehren zu können, nicht nur, weil dieses eine mühevolle Aufgabe ist, sondern, weil sie entweder als Familienmütter keine Zeit, als Ledige keine Möglichkeit haben, zum Unterrichtsort zu gelangen oder &#8211; und vor allem &#8211; weil der Wille fehlt (&#8230;); deswegen denke ich, sollten wir die Verantwortung für jeden Bezirk einer bezahlten Lehrerin übergeben, die unter der Aufsicht einer in der Nähe oder im gleichem Stadtviertel wohnenden Mitgliedsdame steht. Die Dame könnte dann selbst finanzielle Mittel vom Komitee oder von der Schatzmeisterin beantragen und ebenso überprüfen, ob die für die Preise für Fleiß und Benehmen ausgesuchten Mädchen diese Preise wirklich verdient haben.</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N164D7">
            <blockquote>
               <p>Das ist meine Meinung, die ich dem Urteil der erlauchten Prinzessin, deren beneidenswerte Aufgabe auf dieser Welt es ist, auf der moralischen Ebene mit ihren Worten und Beispielen und auf der materiellen mit ihrer unerschöpflichen Wohltätigkeit Gutes zu tun, ganz unterwerfe. Ich unterwerfe sie auch Ihrem Urteil, meine Damen, sie, die mit so vielen Umständen und Mühen arbeiten, ohne auf Erden eine andere Belohnung, als ein Lächeln unserer Infantin &#8211;unsere erlauchte Präsidentin&#8211; und im Himmel einen Segen Gottes zu erwarten<footnote numbering="arabic" start="777">
                     <p> Fernán Caballero: Brief an die Damen einer wohltätigen Organisation 1856. In: <em>Cartas; coleccionadas y anotadas&#8230;</em> ed. cit. S. 104-107.</p>
                  </footnote>.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N164EB">
            <link id="_Toc172444464"/>
         </p>
         <freehead id="N164F1">Text 3<br/>Fernán Caballero: das Schreiben eines Romans</freehead>
         <p id="N164F6">
            <blockquote>
               <p>«Um einem so großen Unglück vorzubeugen,» meinte Rafael, «schlage ich vor, daß wir insgesamt einen Roman abfassen.» </p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N164FF">
            <blockquote>
               <p>«Zugestanden, zugestanden!» rief die Gräfin.</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16508">
            <blockquote>
               <p>« Was für eine Ungereimtheit!» sagte ihre Mutter.</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16511">
            <blockquote>
               <p>«Wollt Ihr ein solches Meisterwerk schreiben, wie diejenigen sind, welche mir meine Tochter aus den Feuilletons der Franzosen vorzulesen pflegt.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N1651A">
            <blockquote>
               <p>«Nun, weshalb nicht?» fragte Rafael.</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16523">
            <blockquote>
               <p>«Weil Niemand es lesen wird,» versetzte die Markise, «zumal wenn Ihr erklärt, daß es nach französischem Vorbild geschrieben wurde.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N1652C">
            <blockquote>
               <p>«Was geht das uns an?» fuhr Rafael fort. « Wir werden schreiben, wie die Vögel singen, aus Lust am Gesange, und nicht, um denjenigen, welche zuhören, ein Vergnügen zu bereiten.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16535">
            <blockquote>
               <p>«Thut mir zum mindesten die Liebe,» sprach die Markise, «und bringt keine Verführungen und Ehebrüche vor. Kann man denn Frauen nur durch ihre Verschuldungen interessant machen? Für Leute, die einige Einsicht besitzen, gibt es nichts Uninteressanteres, als ein unbesonnenes Mädchen, das sich verführen, oder ein leichtfertiges Weib, das ihre Verpflichtungen außer Acht läßt. Ebensowenig kann es Euch aber auch gestattet werden, nach der schmachvollen Weise moderner Romanschriftsteller den Inhalt der heiligen Schrift zu profanieren. Ist es nicht schmachvoll, wenn man auf geglättetem Papier Worte unsers Herrn, wie z.B.: «Sie hat viel geliebt, ihr wird viel vergeben werden,» oder: « Wer sich ohne Schuld glaubt, der hebe den ersten Stein,» in entehrenden Lettern gedruckt erblickt, und lediglich zu dem Ende, um das Laster zu rechtfertigen? Das ist eine Entweihung des Heiligsten. Wissen denn diese einfältigen Schriftsteller nicht, daß solche heilige Worte des Erbarmens zu denjenigen gesprochen wurden, welche Reue empfanden und sich durch die Buße der Vergebung würdig machten?» (&#8230;)</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N1653E">
            <blockquote>
               <p>«Ebensowenig,» fuhr die Markise fort, « dürft Ihr den schauderhaften  Selbstmord beibringen, der erst, seit es gelungen ist, das religiöse Gefühl abzukühlen, wo nicht gar völlig zu vernichten sich eingefunden hat. Nichts dergleichen kann auf uns einen Eindruck machen.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16547">
            <blockquote>
               <p>  «Sie haben recht,» meinte die Gräfin, «wir müssen die Spanier nicht als Fremde, sondern so, wie wir sind, darstellen.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16550">
            <blockquote>
               <p>«Aber mit dem Vorbehalt, den die Sennora Markise verlangt,» sagte Stein. «Welche romantische Entwicklung kann ein Roman haben, der, wie es gewöhnlich geschieht, auf einer unglücklichen Leidenschaft beruht?»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16559">
            <blockquote>
               <p>«Die Zeit,» versetzte die Markise, «die Zeit macht Allem ein Ende, mögen die Romanschreiber, die, statt zu beobachten, zu träumen pflegen, immerhin das Gegentheil behaupten.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16562">
            <blockquote>
               <p>«Was Sie da sagen, Tante,» sprach Rafael, «ist so prosaisch, wie unser landesüblicher Gazapcho<footnote numbering="arabic" start="778">
                     <p> Gazpacho: Wassersuppe, aus Brot, Oel, Knoblauch bestehend. (&#8230;)</p>
                  </footnote>.» </p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16573">
            <blockquote>
               <p>«Prahlt ferner in Eurem Roman nicht mit fremdländischen Worten und Redensarten, deren wir nicht bedürfen,» fuhr die Markise fort. «Könnt Ihr Eure Sprache nicht, so habt Ihr hier das Wörterbuch.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N1657C">
            <blockquote>
               <p>«Recht so,» versetzte Rafael, «wir werden den Notabilitäten, den Dandys kein Quartier geben, denn es sind nichtswürdige Eindringlinge, giftige Parasiten und gefährliche Emissäre der Revolution.» (&#8230;)</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16585">
            <blockquote>
               <p>«Wenn Sie aber, liebe Mutter,» sagte die Gräfin, «so viele Vorbehalte machen, so werden wir nicht umhin können, etwas ganz Geschmackloses zu Stande zu bringen.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N1658E">
            <blockquote>
               <p>«Ich vertraue Deinem guten Geschmack,» entgegnete die Markise, «sowie darauf, daß Rafael, sei ihm wie ihm wolle, sowohl zu erfinden, als auch darzustellen vermag. (&#8230;)</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16597">
            <blockquote>
               <p>«Sie haben recht, liebe Mutter,» sagte die Gräfin.</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N165A0">
            <blockquote>
               <p>«Lassen wir Mängel, Thränen und Verbrechen bei Seite; machen wir etwas Gutes, Elegantes, Heiteres.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N165A9">
            <blockquote>
               <p>«Aber, Gracia,» sagte Rafael, «man muß denn doch wohl zugeben, daß es nichts Abgeschmackteres in einem Roman geben kann, als eine isolirte Tugend. Ich nehme z.B. an, ich wollte das Leben meiner Tante beschreiben. (&#8230;) Da werde ich also sagen: sie war  ein vortreffliches Mädchen, sie vermählte sich nach dem Willen ihrer Eltern mit einem ebenbürtigen Manne; sie war das Muster aller Gattinnen und Mütter und hatte nur den einen Fehler, daß Sie etwas den altväterlichen Ansichten anhing und eine  zu große Vorleibe für das L&#8217;hombre besaß. Das klingelt Alles auf einem Grabstein recht gut, aber man wird nicht leugnen können, daß es für einen Roman sehr abgeschmackt ist.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N165B2">
            <blockquote>
               <p>«Wie kommst Du darauf,» fragte die Markise, «daß ich darnach trachte, die Heldin in einem Roman zu spielen? Welcher Unsinn!»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N165BB">
            <blockquote>
               <p>«Nun,» meinte Stein,«so mag ein phantastischer Roman verfaßt werden.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N165C4">
            <blockquote>
               <p>«Keineswegs,» sagte Rafael; «für Euch Deutsche mag er passen, aber für uns nicht. Ein spanischer phantastischer Roman würde eine unausstehliche Affektation sein.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N165CD">
            <blockquote>
               <p>«Gut,» fuhr Stein fort, «so sei es ein heroischer oder ein düsterer Roman.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N165D6">
            <blockquote>
               <p>«Gott behüte uns davor!» rief Rafael, (&#8230;)</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N165DF">
            <blockquote>
               <p>«Ein sentimentaler Roman.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N165E8">
            <blockquote>
               <p>« Ich schaudere schon, wenn ich bloß dies Wort höre,» sprach Rafael. «Nichts paßt weniger, als das Weinerliche für den spanischen Charakter. Die Sentimentalität steht mit demselben in einem eben solchen Gegensatz, wie das sentimentale Gewäsch zu der kastilianischen Sprache.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N165F1">
            <blockquote>
               <p>Da fragte die Gräfin:«Was sollen wir denn nun eigentlich machen?»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N165FA">
            <blockquote>
               <p>«Zweierlei Arten passen nach meiner geringen Einsicht für uns: der historische Roman, den wir den gelehrten Schriftstellern überlassen, und der Sittenroman, der gerade das ist, wozu wir mit unserer stammelnden Rede am geeignetsten sind.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16603">
            <blockquote>
               <p>«So sei es ein Sittenroman,» versetzte die Gräfin.</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N1660C">
            <blockquote>
               <p>«Er ist der Roman,» fuhr Rafael fort, «welcher so recht eigentlich das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet. Jedes Volk müßte die seinigen schreiben. Werden sie mit Sorgfalt und mit wahrhaftem Beobachtungsgeist abgefaßt, so werden sie viel dazu beitragen, die Menschheit, die Geschichte, die praktische Moral, sowie die Örtlichkeiten und die Zeit kennen zu lernen.</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16615">
            <blockquote>
               <p>«(...)Ich selbst liefere hiervon den Beweis und Sie sollen einen von mir verfaßten Roman zu vernehmen bekommen, der zu beiden Arten gehören wird.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N1661E">
            <blockquote>
               <p>«Was wird da herauskommen» sagte die Markise.</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16627">
            <blockquote>
               <p>«Don Federico, Sie sehen. Er ähnelt Bertoldo.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16630">
            <blockquote>
               <p>«Wenn mein Cousine etwas Gutes und Einfaches, meine Tante etwas Moralisches ohne Leidenschaften, Abgeschmacktheiten, Verbrechen und ohne Stellen aus der heiligen Schrift, wenn meine Cousine Rita etwas Feierliches verlangt, so werde ich das ehrenvolle, moralische Leben meines Oheims, des Generals Santa Maria, zum Gegenstand meines Romans nehmen<footnote numbering="arabic" start="779">
                     <p> Fernán Caballero: <em>Die Möwe</em>. Breslau: Josef Max und Komp. 1860. S. 71-78.</p>
                  </footnote>.»</p>
            </blockquote>
         </p>
         <p id="N16644">
            <link id="_Toc172444465"/>
         </p>
      </appendix>
      <bibliography id="N1664B">
         <head>Literaturverzeichnis</head>
         
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