6 Empirische Befunde

↓135

6.1  Erwartungen zu Beginn der Rehabilitation und ihre Bedeutung für die Behandlungsergebnisse

6.1.1  Erwartungshaltung zu Beginn der Rehabilitation

6.1.1.1  Behandlungsergebniserwartungen

↓136

Was erwarten Patienten, die sich in eine Rehabilitationsklinik aufgenommen werden, von ihrer Behandlung? Mit wie starken Schmerzen oder wie stark eingeschränkten ADL-Funktionen erwarten sie, entlassen zu werden?

6.1.1.1.1 Schmerzerwartungen

Zum Zeitpunkt der Aufnahme in die Rehabilitationsklinik zeigt der Vergleich der aktuell eingeschätzten Schmerzstärke mit den zu diesem Zeitpunkt geäußerten Erwartungen, dass die Patienten in allen vier Belastungssituationen eine Schmerzreduktion über den Zeitraum der Behandlung erwarten9 (siehe Abbildung 14). Sie erwarteten geringere Schmerzen in Ruhe, t(902) = 26.06; < .01; = 1.22, bei den ersten Schritten, t(902) = 34.43; < .01; = 1.62, beim Gehen, t(902) = 29.71; < .01; = 1.39, sowie nach längeren Gehstrecken, t(902) = 34.73; < .01; = 1.63 (vgl. 12.1.1 Anhang D).

Abbildung 14: Zu Beginn der Behandlung berichtete und für den Entlassungszeitpunkt erwartete Schmerzen. Darstellung der Schmerzstärke in vier Belastungssituationen (= 903).

Anmerkungen. Hohe Werte zeigen geringe bzw. die Erwartung geringer Schmerzen an (Endpunkten: 0 kein Schmerz und 10 stärkster vorstellbarer Schmerz).

↓137

Der gleiche Effekt zeigt sich auch anhand der Schmerzskalenwerte. Hierfür wurden die vier Schmerzstärken aufsummiert. Der signifikant höhere Schmerzreduktionserwartungswert (= 36.80, SD = 4.41) zeigt an, dass im Vergleich zu der zum Aufnahmezeitpunkt angegeben Schmerzstärke (= 29.73, SD = 7.60) geringere Schmerzen erwartet werden, t(902) = 37.44; < .01; = 1.76. Die Diskrepanz zwischen diesen Erwartungs- und Schmerzangaben verdeutlicht, dass während der Rehabilitation von 903 Patienten insgesamt 88% eine Schmerzreduktion erwarten (= 791). Währenddessen erwarten 10% keine Veränderung (= 92) und 2% eine Zunahmen ihrer aktuellen Schmerzstärke (= 20).

Männliche Patienten erwarten durchschnittlich geringere Schmerzen (= 37.11, SD = 3.80, = 381) als weibliche (= 36.58, SD = 4.68, = 541), t(901.8) = 1.90; < .01; = 0.13. Zudem ist ein kleiner Alterseffekt derart zu beobachten (= -.10, < .01, = 922), dass jüngere Patienten geringere Schmerzen für den Entlassungszeitpunkt erwarten.

Der Vergleich der von den Patienten erwarteten Schmerzstärke mit der als Behandlungsziel zwischen Arzt und Patient festgelegten Schmerzstärke weist nur eine geringe Übereinstimmung aus (= .37, ICC unjust= .33, F558,558 = 2.06; = 559, < .01). Die vom Patienten und Arzt eingeschätzte bzw. dokumentierte aktuelle Schmerzstärke stimmt signifikant höher überein (= .51, ICC unjust= .46, F558,558 = 2.99; = 559, < .01), Z r = 2.85, < .01, = -3.25; Z ICC = 2.64, < .01, = -3.15.

↓138

Vergleiche der durchschnittlichen Patienten- und Arztangaben zeigen, dass die Patienten sowohl aktuell stärkere Schmerzen angeben, t(558) = -9.28; < .01; = -0.56, als, dass sie auch stärkere Schmerzen für den Entlassungszeitpunkt erwarten, t(558) = 6.22; < .01; = 0.37 (vgl. 12.1.1 Anhang D). So haben von den 559 Patienten nur 24% gemessen am Behandlungsziel optimistisch höhere Erwartungen (= 132). Sie erwarten geringere Schmerzen, als im Behandlungsziel festgelegt wird. Demgegenüber haben 40% pessimistisch geringere Erwartungen (= 224) und erwarten stärkere Schmerzen. Bei rund 24% der Patienten (= 203) stimmen die Erwartungen mit den Behandlungszielen überein.

In Abbildung 15 sind die Schmerzerwartungen zum Aufnahme- und Entlassungszeitpunkt dargestellt. Zu beobachten ist, dass bei der Entlassung für die weitere Zukunft geringere Schmerzen in Ruhe, t(934) = 5.33; < .01; = 0.24, Schmerzen bei den ersten Schritten, t(934) = 8.41; < .01; = 0.38, Schmerzen beim Gehen, t(934) = 7.90; < .01; = 0.36, sowie Schmerzen nach längeren Gehstrecken, t(934) = 10.66; < .01; = 0.49, erwartet werden. Entsprechend ist der durchschnittliche Skalenwert der Schmerzreduktionserwartungen zu Beginn signifikant geringer (= 36.79, SD = 4.44) als am Ende der Behandlung (= 38.17, SD = 3.89), t(934) = 9.59; < .01; = 0.44.

Abbildung 15: Schmerzerwartungen zum Aufnahme- und Entlassungszeitpunkt (= 935).

Anmerkungen. Hohe Werte zeigen geringe bzw. die Erwartung geringer Schmerzen an (Endpunkten: 0 kein Schmerz und 10 stärkster vorstellbarer Schmerz).

6.1.1.1.2 ADL-bezogene Erwartungen

↓139

Der Vergleich der zum Zeitpunkt der Aufnahme eingeschätzten ADL-Funktionen mit den zu diesem Zeitpunkt geäußerten Erwartungen zeigt, dass die Patienten bessere ADL-Funktionen – eine größere Selbstständigkeit und Mobilität im Alltag – über den Behandlungszeitraum hinweg erwarten. Wie Abbildung 17 veranschaulicht sind die durchschnittlichen Erwartungen bezüglich aller acht ADL-Funktionen positiver als die aktuellen Angaben.

Die größten Unterschiede zwischen der aktuellen und der erwarteten Funktionsfähigkeit sind bei der Gehstrecke, t(937) = 45.72; < .01; = 2.11, dem Treppensteigen, t(937) = 33.69; < .01; = 1.55, und dem selbstständigen Anziehen von Schuhen und Strümpfen, t(937) = 33.04; < .01; = 1.52, zu beobachten (vgl. 12.1.1 Anhang D).

Abbildung 16: Zu Beginn der Behandlung berichtete und für den Entlassungszeitpunkt erwartete ADL-Funktionen (= 938).

↓140

Der gleiche Effekt zeigt sich auch anhand der ADL-Funktionsskalenwerte. Die ADL-bezogenen Erwartungswerte sind signifikant höher (= 8.27, SD = 5.12) als die zum Aufnahmezeitpunkt angegebene ADL-Funktionswerte (= 0.03, SD = 4.92), t(937) = 50.73; < .01; = 2.34. Die Diskrepanz zwischen diesen Erwartungs- und Funktionsangaben zeigt, dass während der Rehabilitation von 938 Patienten insgesamt 95% eine Verbesserung ihrer ADL-Funktionen erwarten (= 893). Währenddessen erwarten 3% keine Veränderung (= 32) und 2% eine Verschlechterung (= 13) ihrer aktuellen Funktionsfähigkeit.

Es zeigen sich Geschlechts- und Alterseffekte: Männliche Patienten erwarteten im Durchschnittlich wesentlich bessere ADL-Funktionen (= 9.71, SD = 4.50, = 387) als weibliche (= 7.24, SD = 5.24, = 566), t(903.3) = 7.79; p < .01; = 0.52. Und jüngere Patienten erwarten bessere Funktionen von der Behandlung (= -.10, p < .01, N = 953).

Auch die ADL-bezogenen Erwartungen und Behandlungsziele weisen nur eine geringe Übereinstimmung aus (= .36, ICC unjust= .34, F806,806 = 2.03;= 807, p < .01). Im Vergleich dazu stimmen die aktuell vom Patienten und Arzt eingeschätzten bzw. dokumentierten ADL-Funktionen höher überein (= .55, ICC unjust= .543, F806,806 = 3.38;= 807, < .01). Die Unterschiede sind signifikant, Z r = 4.84, = -5.43; Z ICC = 5.14, = -5.82; < .01. Die Beurteilung der aktuellen ADL-Funktionen unterscheidet sich hingegen nicht signifikant zwischen Patienten und Ärzten, t(806) = 1.69; p > .10; = 0.08.

↓141

Die Betrachtung der Diskrepanz zwischen den Erwartungen und Behandlungszielen zeigt, dass die Abweichungen im wesentlichen durch optimistisch höhere Patientenerwartungen resultieren, t(806) = 2.48; < .01; = 0.12 (vgl. 12.1.1 Anhang D). Von den 807 Patienten haben rund 52% gemessen am Behandlungsziel optimistischere Erwartungen und erwarten bessere ADL-Funktionen (= 422), als im Behandlungsziel festgelegt wurde. Demgegenüber haben 34% pessimistischere Erwartungen und erwarten schlechtere Funktionen (= 277). Bei rund 13% der Patienten (= 108) stimmen die Erwartungen mit den Behandlungszielen überein10.

Während der Rehabilitationsmaßnahme steigen die ADL-bezogenen Erwartungen: Die Patienten erwarten bei der Entlassung zukünftig bessere ADL-Funktionen als sie für den Entlassungszeitpunkt erwartet hatten. Eine ausführliche Darstellung liefert Abbildung 17. Die größten Unterschiede zwischen den Erwartungen zu Beginn und am Ende der Rehabilitation zeigen sich bezüglich des Treppensteigens, t(929) = 24.36; < .01; = 1.13, der Gehstrecke, t(929) = 20.58; < .01; = 0.95 und der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, t(929) = 15.37; < .01; = 0.71 (vgl. 12.1.1 Anhang D). Auch die ADL-Funktionsskalenwerte steigen von durchschnittlich 8 (SD = 5.12) auf 12 (SD = 3.69), t(929) = 24.43; < .01; = 1.13.

Abbildung 17: ADL-bezogene Erwartungen zum Aufnahme- und Entlassungszeitpunkt (= 930).

6.1.1.2 Selbstwirksamkeitserwartungen

↓142

Inwieweit sind die Patienten überzeugt, durch eigenes Mitwirken bis zum Ende der Rehabilitation ihre Beschwerden verringern zu können? Auch wenn die aktive Therapiemitarbeit manchmal aufgrund von Schmerzen oder Müdigkeit schwer fallen sollte?

Auf die Fragen „Wie sicher sind sie, dass sie durch ihr eigenes Mitwirken bis zum Ende der Rehabilitation ihre Schmerzen verringern können“ antworten 65% der Patienten (= 521) ziemlich sicher (siehe Abbildung 18). Der durchschnittliche Wert beträgt 3.19 (SD = 0.60).

Abbildung 18: Schmerzbezogene Selbstwirksamkeit zu Beginn der Rehabilitation (N = 793).

↓143

Die ADL-bezogene Selbstwirksamkeit umfasst die Erwartungen, durch das eigene Mitwirken bis zum Ende der Rehabilitation die acht verschiedenen ADL-Funktionen verbessern zu können. Das Antwortformat war vierstufig und reichte von sehr unsicher (1) bis sehr sicher (4), so dass hohe Skalenwerte eine große Sicherheit oder starke Überzeugung der Patienten kennzeichnen (vgl. Abschnitt 5.2.1.3). Der theoretische Wertebereich beträgt 8 bis 32 Punkte. Zum Aufnahmezeitpunkt liegt der Durchschnitt bei 25.91 Punkten (SD = 4.19; Md = 25;= 790).

Der positive Zusammenhang zwischen den beiden beschwerdebezogenen Selbstwirksamkeitserwartungen ist in Abbildung 19 graphisch dargestellt, = .57, < .01,= 650.

Abbildung 19: Zusammenhang zwischen schmerz- und ADL-bezogener Selbstwirksamkeit (= 650).

↓144

Ein Vergleich von männlichen und weiblichen Patienten zeigt, dass sich männliche Patienten sicherer sind, selbst durch ihre Mitarbeit während der Behandlung ihre Schmerzen, t(766) = 2.87; < .01; = 0.21, sowie ADL-bezogenen Beschwerden, t(759) = 4.51; < .01; = 0.33, verringern zu können (vgl. 12.1.1 Anhang D). Während die schmerzbezogene Selbstwirksamkeitserwartung nicht mit dem Alter der Patienten zusammenhängt (= -.05, p > .05,= 768), zeigt sich ein kleiner Alterseffekt bei der ADL-bezogenen Selbstwirksamkeit: Jüngere Patienten sind überzeugter, durch ihr eigenes Verhalten ihre ADL-bezogenen Beschwerden verringern zu können (= -.16, < .01,= 761).

Aus Abbildung 20 geht hervor, dass die Überzeugung von den eigenen Bewältigungsfähigkeiten während der Rehabilitation zunimmt. Beispielsweise sind sich die Patienten ihrer schmerzbezogenen Selbstwirksamkeit am Ende der Behandlung sicherer als zu Beginn, t(353) = 4.58; < .01; = 0.34.

Abbildung 20: Selbstwirksamkeitserwartungen zum Aufnahme- und Entlassungszeitpunkt (= 354).

↓145

Bei den ADL-bezogenen Selbstwirksamkeitserwartungen steigt die Überzeugung am meisten in Bezug auf die Gehstrecke, t(353) = -7.44; < .01; = 0.56, die Selbstständigkeit beim Waschen, t(353) = -7.06; < .01; = 0.53, bei der Toilettenbenutzung, t(353) = -6.87; < .01; = 0.52, sowie die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, t(353) = -6.92; < .01; = 0.52, verbessern zu können (vgl. 12.1.1 Anhang D).

6.1.2 Erwartungsbildung

Patienten erwarten nach einem Hüftgelenkersatz von ihrer stationären Rehabilitationsmaßnahme gute Behandlungsergebnisse. Sie erwarten eine Reduktion ihrer aktuellen Schmerzen und eine Verbesserung ihrer ADL-Funktionen. Zudem sind sie sicher, ihre momentanen Schmerzen sowie eingeschränkten ADL-Funktionen durch aktive Mitarbeit während der Rehabilitationsmaßnahme verringern zu können.

Eine systematische Untersuchung der Erwartungsbildung wird in Bezug auf die sozial-kognitive Theorie von Bandura (1997) und die dort postulierten vier Informationsquellen von Erwartungen vorgenommen.

↓146

Von den drei verschiedenen Erfahrungstypen werden als symbolische Erfahrungen die vom Patienten beurteilte Aufklärung über die Operation und ihrer Auswirkungen auf das Leben im Alltag, sowie als direkte eine Wechseloperation oder eine bereits absolvierte Anschlussheilbehandlung untersucht. Der körperliche Gesundheitszustand wird über krankheitsspezifische Merkmale wie die aktive Hüftgelenkbeweglichkeit (Beugung, Streckung), selbstberichtete Schmerzen und ADL-Funktionen sowie über Merkmale der Komorbidität wie der Anzahl an Nebendiagnosen und weiteren funktionellen Einschränkungen operationalisiert. Depressivität, Gesundheitszufriedenheit und die Zufriedenheit mit dem Ausmaß der eigenen Selbstständigkeit werden als Indikatoren des emotionalen Zustands, Optimismus und Selbstwirksamkeitserwartungen als personale Ressourcen berücksichtigt. Nicht zuletzt werden die Angaben zum Alter und Geschlecht als soziodemographische Informationen in die Analysen aufgenommen (siehe auch Tabelle 4).

Die explorative Untersuchung der Erwartungen oder Erwartungsbildung erfolgt über schrittweise Regressionsanalysen, die den Erklärungswert der Einflussfaktoren (Prädiktoren) für die Erwartungen ausweisen.

6.1.2.1  Behandlungsergebniserwartungen

Die Varianz der Schmerzergebniserwartungen wird insgesamt zu 48% vorhergesagt (R 2 = .48, f 2 = 0.92; vgl. 12.1.2 Anhang D). Die zum Zeitpunkt der Aufnahme vom Patienten berichtete Schmerzstärke hat mit 46% den größten Erklärungswert für die erwartete Schmerzstärke (ΔR 2 = .46, f 2 = 0.85). Darüber hinaus trägt die schmerzbezogene Selbstwirksamkeitserwartung mit weiteren 2% zur Vorhersage bei (ΔR 2 = .02, f 2 = 0.02).

↓147

Demnach erwarten Patienten mit umso geringeren Schmerzen entlassen zu werden, je geringer ihre aktuell berichteten Schmerzen sind (β = .63, < .01) und je sicherer sie sich sind, durch eigenes Mitwirken bis zum Ende der Rehabilitation ihre Schmerzen verringern zu können (β = .16, < .01).11

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch für die ADL-bezogenen Ergebniserwartungen. Die Varianzaufklärung beträgt insgesamt 39% (R 2 = .39, f 2 = 0.65), wobei die ADL-bezogenen Selbstwirksamkeitserwartungen mit 31% den größten Erklärungswert haben (R 2 = .31, f 2 = 0.43). Darüber hinaus tragen die zum selben Zeitpunkt beurteilten ADL-Funktionen weitere 6%, das Geschlecht 2% und die Beurteilung der präoperativen Aufklärung über Auswirkungen der Operation einen weiteren Prozentpunkt bei (vgl. 12.1.2 Anhang D).

Patienten erwarten mit umso besseren ADL-Funktionen entlassen zu werden, je überzeugter sie davon sind, durch eigenes Mitwirken bis zum Ende der Behandlung ihre ADL-bezogenen Beschwerden verringern zu können (β = .44, < .01), je besser sie aktuell ihre ADL-Funktionen beurteilen (β = .24, < .01), wenn sie männlich sind (β = -.15, < .01) und je negativer sie die Aufklärung über Auswirkungen der Operation auf den Alltag bewerten (β = -.10, < .01).

6.1.2.2 Selbstwirksamkeitserwartungen

↓148

Die Erklärungsmodelle der Selbstwirksamkeitserwartungen umfassen die gleichen theoretisch abgeleiteten Prädiktoren mit Ausnahme der Selbstwirksamkeitserwartungen.

Die Varianz der schmerzbezogenen Selbstwirksamkeitserwartung werden insgesamt zu 20% erklärt (R 2 = .20, f 2 = 0.25; vgl. 12.1.2 Anhang D). Den größten Erklärungswert haben die zum selben Zeitpunkt eingeschätzten Schmerzen 8% (R 2 = .08, f 2 = 0.09) und der Optimismus 5% (ΔR 2 = .05, f 2 = 0.05). Darüber hinaus tragen die Beurteilung der präoperativen Aufklärung über die Operation weitere 3% (ΔR 2 = .03, f 2 = 0.03) und funktionelle Einschränkungen an weiteren Gelenken weitere 2% (ΔR 2 = .02, f 2 = 0.02) zur Vorhersage bei. Zusätzlich haben die Depressivität, das Vorliegen einer Wechseloperation, die Anzahl an Nebendiagnosen und die Zufriedenheit mit dem Ausmaß der eigenen Selbstständigkeit einen Erklärungswert von jeweils einem weiteren Prozentpunkt (je ΔR 2 = .01, f 2 = 0.01).

Patienten sind sich ihrer Schmerzbewältigungsfähigkeit umso sicherer, je geringer ihre aktuellen Schmerzen sind (β = .17, < .01), je optimistischer sie in die Zukunft blicken (β = .18, < .01), je besser sie über die Operation aufgeklärt wurden (β = .11, < .05), wenn sie keine funktionellen Einschränkungen an weiteren Gelenken haben (β = -.14, < .01), je weniger depressiv sie sind (β = -.10, < .05), wenn es sich bei ihnen nicht um eine Wechseloperation handelt (β = .09, < .05), je weniger weitere Erkrankungen sie haben (β = .09, < .05) und je zufriedener sie mit dem Ausmaß ihrer Selbstständigkeit sind (β = .11, < .05).

↓149

Der Anteil aufgeklärter Varianz der ADL-bezogenen Selbstwirksamkeitserwartungen beträgt insgesamt 29% (R 2 = .29, f 2 = 0.40; vgl. 12.1.2 Anhang D), wobei der Anteil der zum selben Zeitpunkt beurteilten ADL-Funktionen allein 19% ausmacht (R 2 = .19, f 2 = 0.23). Darüber hinaus tragen die Bewertung der OP-Aufklärung und das Alter jeweils weitere 3% (je ΔR 2 = .03, f 2 = 0.03), der Optimismus 2% (ΔR 2 = .02, f 2 = 0.02) und funktionelle Einschränkungen durch eine Arthrose am anderen Hüftgelenk, Depressivität und die Zufriedenheit mit dem Ausmaß eigener Selbstständigkeit je einen weiteren Prozentpunkt bei (je ΔR 2 = .01, f 2 = 0.01).

Entsprechend sind Patienten zum Aufnahmezeitpunkt umso überzeugter, ihre ADL-bezogenen Beschwerden durch eigene Mitarbeit während der Rehabilitation verringern zu können, je besser ihre derzeitigen ADL-Funktionen sind (β = .34, < .01), je besser ihre präoperative Aufklärung über die Operation war (β = .13, < .01), je jünger sie sind (β = -.18, < .01), je optimistischer sie in die Zukunft blicken (β = .10, < .05), wenn sie keine funktionellen Einschränkungen am anderen Hüftgelenk haben (β = -.11, < .05), je weniger depressiv sie momentan sind (β = -.09, < .05) und je zufriedener sie mit dem Ausmaß ihrer Selbstständigkeit sind (β = .10, < .05).

6.1.3 Vorhersage der Behandlungsergebnisse

Die Vorhersage(-kraft) der Erwartungen für die vom Arzt sowie vom Patienten selbst berichteten Behandlungsergebnisse wird über hierarchische Regressionsanalysen untersucht. Der erste Schritt umfasst die Kontrollvariablen Alter, Geschlecht und den Ausgangswert (des vorherzusagenden Behandlungsergebnisses). Indem die jeweilige Kriteriumsvariablen zu t1 als Autoregressor eingeführt wird, können die Veränderungsprädiktoren identifiziert werden. D.h. die Variablen, die zur Vorhersage des von der Variablenausprägung zu Rehabilitationsbeginn unabhängigen Kriteriumsvarianzanteils notwendig sind (Dalbert, 1987; vgl. Abschnitt 5.4.2). Als theoretisch postulierte Veränderungsprädiktoren werden die Erwartungsvariablen im zweiten Schritt eingeführt. Hierbei werden in Abhängigkeit des vorherzusagenden Kriteriums die schmerz- oder ADL-bezogenen Ergebnis- und Selbstwirksamkeitserwartungen eingeschlossen. Der dritte und letzte Schritt beinhaltet dann die Interaktionsterme zur Prüfung der Moderatorhypothesen. Geprüft werden die Interaktionen zwischen Ausgangswert und Erwartungen sowie zwischen Ergebnis- und Selbstwirksamkeitserwartungen (vgl. Abschnitt 4.1.3).

↓150

Angenommen wird, dass die Behandlungsergebnisse am Ende der Rehabilitation durch die zu Beginn formulierten Erwartungen der Patienten positiv beeinflusst werden Patienten, die vergleichsweise geringe Beschwerden für den Entlassungszeitpunkt erwarten und sich sicher sind, durch ihre aktive Mitarbeit während der Rehabilitation diese Beschwerden verringern zu können, sollten auch tatsächlich bessere Behandlungsergebnisse haben bzw. ihre Beschwerden sollten sich auch tatsächlich stärker verringern. Im Vergleich dazu sollten diejenigen, die schlechtere Behandlungsergebnisse erwartet hatten und geringere beschwerdebezogene Selbstwirksamkeitserwartungen hatten, mit schlechteren Ergebnissen entlassen werden. Darüber hinaus werden Moderatorhypothese aufgestellt: Diese beiden Einflüsse sollten vom Beschwerdeausmaß zum Aufnahmezeitpunkt abhängen und die Vorhersagekraft der Ergebniserwartungen sollte durch hohe Selbstwirksamkeitserwartungen verstärkt werden.

6.1.3.1  Entlassungsbefunde des Arztes

Die Evaluation der Behandlungsergebnisse erfolgt bei dieser Indikation traditionell über Arztbewertungen (vgl. Lieberman, Fried, Castel & Weitzmann, 1996a; McGee, Howie, Ryan, Moss & Holubowycz, 2002). Diese stützen sich in der Regel auf klinische Scores wie den weltweit am häufigsten eingesetzten Harris Hip Score (HHS, Harris, 1969). Er umfasst die zentralen Beschwerdebereiche bei Hüftgelenkersatz: Schmerzen und ADL-Funktionen (Gelenkbeweglichkeit; vgl. auch Abschnitt 5.2.2 und Kapitel 3).

6.1.3.1.1  Harris Hip Score: Schmerzskala

Die Ergebnisse bestätigen die Annahmen, dass Erwartungen zur Vorhersage der vom Arzt am Ende der Rehabilitation beurteilten Schmerzstärke (HHS) beitragen (Tabelle 13). Die Schmerzstärke wird insgesamt zu 42% vorhergesagt. Über den Einfluss des Ausgangswertes (35%) hinaus tragen die Ergebnis- und Selbstwirksamkeitserwartungen sowie die Moderatoreffekte jeweils weitere 4% dazu bei. Patienten haben umso geringere Schmerzen laut Entlassungsbefund, je geringere Schmerzen sie zu Beginn der Behandlung erwartet hatten.12 Patienten, die gute schmerzbezogene Behandlungsergebnisse erwartet hatten, haben auch tatsächlich bessere Ergebnisse. Darüber hinaus wird die Vorhersagekraft der Erwartungen für die Ergebnisse durch die Schmerzstärke zu Beginn der Rehabilitation moderiert.

↓151

Während die Einflüsse des Ausgangswertes und der Ergebniserwartungen positiv sind, ist der Moderatoreffekt negativ. D.h. Ausgangswert bzw. Ergebniserwartungen hängen gleichsinnig mit den Behandlungsergebnisse zusammen. Je geringere Schmerzen die Patienten anfänglich hatten und je geringere Schmerzen sie erwartet hatten, desto geringer sind auch tatsächlich ihre Schmerzen bei der Entlassung. Der negative Moderatoreffekt zeigt an, dass der Zusammenhang zwischen erwarteten und tatsächlichen Ergebnissen umso enger ist, je geringer der Ausgangswert, d.h. je stärker die anfänglichen Schmerzen waren. Höhere Schmerzreduktionserwartungen führen umso mehr zu geringeren Schmerzen (besseren Ergebnissen), je stärker die anfänglichen Schmerzen waren. D.h. sie schwächen den negativen Effekt starker anfänglicher Schmerzen ab (vgl. Abbildung 21).

Tabelle 13: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Schmerzskala des Harris Hip Scores a (N = 484)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1. Schritt

 

 

 

.348**

Alter

0.007

0.015

.017

 

Geschlecht

0.173

0.329

.018

 

Ausgangswert a

0.318

0.027

.457**

 

2. Schritt

 

 

 

.043**

Ergebniserwartungen a

0.170

0.047

.154**

 

Selbstwirksamkeit

0.364

0.285

.048

 

3. Schritt

 

 

 

.041**

AW x EE

-0.030

0.006

-.227**

 

AW x SWE

-0.028

0.046

-.028

 

SWE x EE

0.105

0.056

.080+

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.424**

Anmerkungen. Ausgangswert (AW): Schmerzskala des HHS. Ergebniserwartungen (EE): Schmerzerwartungen. Selbstwirksamkeit (SWE): schmerzbezogen. Die Variablen der Interaktionsterme sind zentriert. Angabe der Kennwerte der letzten Gleichung. f 2 = 0.74
a Hohe Werte zeigen geringe Schmerzen bzw. Erwartung geringer Schmerzen an.
**< .01; *< .05; + = .06

Die Bedeutung der signifikanten Moderatoreffekte veranschaulichen die Ergebnisse der Folgeanalysen (vgl. Abschnitt 5.4.2). Sie bestätigen die Annahme, dass sich hohe Schmerzreduktionserwartungen vornehmlich bei Patienten mit anfänglich starken Schmerzen gesundheitsförderlich auswirken. Der in Abbildung 21 dargestellte Zusammenhang zwischen Schmerzergebniserwartungen und Behandlungsergebnissen ist bei Patienten mit anfänglich starken Schmerzen13 stärker (= .37, t(475) = 6.60, < .01) als bei denjenigen mit durchschnittlichen Schmerzen (= .17, t(475) = 3.65, < .01). Bei Patienten mit einem überdurchschnittlich hohen Schmerzskalenwert, d.h. geringen Schmerzen liegt kein bedeutsamer Zusammenhang vor, = -.03, t(475) = -0.48, p > .05. Die anfänglichen Schmerzerwartungen sagen die vom Arzt dokumentierte Schmerzstärke am Ende der Behandlung bei anfänglich starken Schmerzen signifikant stärker vorher, als im Fall überdurchschnittlich geringer Schmerzen zu Beginn der Behandlung, = -0.41, t(475) = -4.87, < .01.

↓152

Abbildung 21: Zusammenhang zwischen Schmerzerwartungen bei Aufnahme und der Schmerzskala (HHS) bei Entlassung für Patienten mit starken, mittleren und geringen Schmerzen (HHS) bei Aufnahme (1. Moderatoreffekt).

In Bezug auf die Annahme, dass die Vorhersagekraft der Schmerzerwartungen für die Schmerzergebnisse durch eine hohe schmerzbezogene Selbstwirksamkeitserwartung gestärkt wird, zeigt sich ein Trend (= .06; vgl. Tabelle 13). Wie Abbildung 22 zeigt, tragen Ergebniserwartungen bei Patienten mit durchschnittlicher oder hoher schmerzbezogener Selbstwirksamkeitserwartung stärker zur Vorhersage der Schmerzstärke bei Entlassung bei als bei denjenigen mit geringer Selbstwirksamkeitserwartung (vgl. 12.1.3 Anhang D). Sind die Patienten zu Beginn der Behandlung überzeugt von ihrer Schmerzbewältigungsfähigkeit, so profitieren sie stärker von hohen Schmerzreduktionserwartungen als wenn sie ihre Bewältigungsfähigkeiten anfänglich bezweifeln.

Abbildung 22: Zusammenhang zwischen Schmerzerwartungen bei Aufnahme und der Schmerzskala (HHS) bei Entlassung für Patienten mit geringer, mittlerer und hoher Selbstwirksamkeit bei Aufnahme (3. Moderatoreffekt).

6.1.3.1.2 Harris Hip Score: Funktionsskala

↓153

Die Vorhersage der vom Arzt am Ende der Rehabilitation im Harris Hip Score beurteilten Funktionsfähigkeit ist Tabelle 14 zu entnehmen. Insgesamt beträgt die Varianzaufklärung 25%. Über den Erklärungswert des Autoregressors von 22% tragen die „Erwartungen“ weitere 4% bei.

Die Moderatorhypothese, dass ADL-bezogene Ergebnis- und Selbstwirksamkeitserwartungen in Abhängigkeit der Funktionsfähigkeit zu Beginn der Rehabilitation die diesbezüglichen Behandlungsergebnisse vorhersagen, kann nicht bestätigt werden. Auch das Postulat, dass die ADL-bezogenen Ergebniserwartungen in Abhängigkeit der wahrgenommenen Selbstwirksamkeit einen Einfluss auf die Funktionsfähigkeit am Ende der Rehabilitation hat, wird empirisch nicht gestützt. Vielmehr bestätigen sich signifikante Haupteffekte.

Patienten werden mit umso besseren ADL-Funktionswerten (HHS) entlassen, je bessere Werte sie bereits zu Beginn hatten. Darüber hinaus haben diejenigen, die anfänglich gute ADL-Funktionen erwartet hatten und diejenigen, die ihre Selbstwirksamkeitserwartungen anfänglich hoch eingeschätzt hatten, bessere Behandlungsergebnisse. Im Vergleich dazu haben Patienten schlechtere Behandlungsergebnisse, die vergleichsweise schlechtere ADL-Funktionen erwartet hatten und sich weniger sicher waren, ob sie beispielsweise durch aktive Therapiemitarbeit während der Rehabilitation ihre ADL-bezogenen Beschwerden verringern können.

↓154

Tabelle 14: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Funktionsskala des Harris Hip Scores (= 632)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1. Schritt

 

 

 

.218**

Alter

-0.013

0.017

-.027

 

Geschlecht

-0.214

0.363

-.021

 

Ausgangswert

0.334

0.033

.379**

 

2. Schritt

 

 

 

.036**

Ergebniserwartungen

0.097

0.043

.102*

 

Selbstwirksamkeit

0.147

0.051

.125**

 

3. Schritt

 

 

 

.002

AW x EE

-0.004

0.007

-.025

 

AW x SWE

0.011

0.009

.057

 

SWE x EE

-0.007

0.008

-.036

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.247**

Anmerkungen. Ausgangswert (AW): Funktionsskala (HHS). Ergebniserwartungen (EE): ADL-bezogene Erwartungen. Selbstwirksamkeit (SWE): ADL-bezogen. Die Variablen der Interaktionsterme sind zentriert. Angabe der Kennwerte der letzten Gleichung. f 2 = 0.33
**< .01; *< .05

6.1.3.1.3 Aktive Hüftbeugung

6.1.3.1.3.1.  Vorhersage durch Schmerzerwartungen

Der aktive Beugungsgrad des Hüftgelenks am Ende der Rehabilitation wird zu 39% vorhergesagt. Wie Tabelle 15 zu entnehmen ist, gehen davon nur 2% auf die Erwartungen und Moderatoreffekte zurück. Die angenommenen Einflüsse von Ergebnis- und Selbstwirksamkeitserwartungen können zum Teil bestätigt werden.

Tabelle 15: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage des aktiven Beugungsgrades durch schmerzbezogene Erwartungen bei Aufnahme (= 683)

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1. Schritt

 

 

 

.381**

Alter

-0.016

0.032

-.015

 

Geschlecht

0.083

0.668

.004

 

Ausgangswert

0.516

0.026

.614**

 

2. Schritt

 

 

 

.005

Ergebniserwartungen a

0.149

0.086

.060+

 

Selbstwirksamkeit

1.050

0.585

.058+

 

3. Schritt

 

 

 

.010*

AW x EE

-0.005

0.006

-.030

 

AW x SWE

0.094

0.039

.081*

 

SWE x EE

0.185

0.097

.065*

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.389**

Anmerkungen. Ausgangswert (AW): aktiver Beugungsgrad. Ergebniserwartungen (EE): Schmerzerwartungen. Selbstwirksamkeit (SWE): schmerzbezogen. Die Variablen der Interaktionsterme sind zentriert. Angabe der Kennwerte der letzten Gleichung. f 2 = 0.64
a Hohe Werte zeigen die Erwartung geringer Schmerzen an.
**< .01; *< .05; + < .10

↓155

So war angenommen worden, dass hohe Ergebnis- und Selbstwirksamkeitserwartungen zum Aufnahmezeitpunkt mit einem größeren aktiven Beugungsgrad am Ende der Behandlung zusammenhängen – besondern dann, wenn dieser zu Beginn der Behandlung eher gering war. Gerade im Fall eines schlechten Ausgangszustands bzw. hoher Selbstwirksamkeit sollten sich hohe Erwartungen gesundheitsförderlich erweisen. Die direkten positiven Effekte für die Erwartungen werden zwar nicht ausgewiesen, aber es zeigen sich signifikante Moderatoreffekte.

Der Moderatoreffekt der Selbstwirksamkeitserwartungen für den Einfluss des Ausgangswertes ist positiv. Dies zeigt an, dass der Zusammenhang zwischen der anfänglichen Selbstwirksamkeitserwartungen und dem Beugungsgrad bei Entlassung umso stärker ist, je höher der Ausgangswert, d.h. je größer der Beugungsgrad war. Wie Abbildung 23 veranschaulicht, besteht nur bei Patienten mit einem großen Hüftbeugungsgrad zu Beginn der Behandlung ein bedeutsamer Zusammenhang zwischen der Selbstwirksamkeitserwartung und dem Behandlungsergebnis, = 2.28, t(674) = 2.86, < .05. Nur bei ihnen scheint die Überzeugung von ihrer Schmerzbewältigungsfähigkeit zur Vorhersage des Beugungsgrades beizutragen. Im Gegensatz dazu findet sich kein solcher gesundheitsförderlicher Effekt für Patienten, die einen geringen Beugungsgrad bei der Aufnahme hatten, = -0.18, t(674) = -0.23, p > .05. Die Vorhersagekraft der anfänglichen Selbstwirksamkeitserwartung für den aktiven Beugungsgrad unterscheidet sich signifikant zwischen den beiden Patientengruppen, = 2.45, t(674) = 2.42, < .05. Dieser Moderatoreffekt widerspricht der ursprünglichen Annahme, dass sich insbesondere bei Patienten mit einem vergleichsweise schlechten Ausgangszustand hohe Erwartungen gesundheitsförderlich auswirken.

Abbildung 23: Zusammenhang zwischen der schmerzbezogenen Selbstwirksamkeit bei Aufnahme und dem aktiven Hüftbeugungsgrad bei Entlassung für Patienten mit kleinem, mittleren und großen Beugungsgrad bei Aufnahme (2. Moderatoreffekt).

↓156

Zudem wurde postuliert, dass anfänglich hohe Schmerzreduktionserwartungen mit einem größeren aktiven Beugungsgrad zusammenhängen, je höher die Selbstwirksamkeit wahrgenommen wird. Diese Annahme bestätigt der dritte (positive) Moderatoreffekt, wie Abbildung 24 zu entnehmen ist. In Verbindung mit einer überdurchschnittlich hohen schmerzbezogenen Selbstwirksamkeitserwartung hängen positive Ergebniserwartungen mit einem größeren Hüftbeugungsgrad zusammen, = 0.26, t(674) = 2.19, < .01. Nur in diesem Fall wirken positive Ergebniserwartungen gesundheitsförderlich. Für Patienten mit geringer Selbstwirksamkeitserwartung ist der Zusammenhang nicht signifikant, = 0.04, t(674) = 0.45, < .01. Beide Patientengruppen unterscheiden sich signifikant, = 0.22, t (674) = 1.90, = .05.

Abbildung 24: Zusammenhang zwischen Schmerzerwartungen bei Aufnahme und aktivem Hüftbeugungsgrad bei Entlassung für Patienten mit geringer, mittlerer und hoher Selbstwirksamkeit bei Aufnahme (3. Moderatoreffekt).

6.1.3.1.3.2. Vorhersage durch ADL-bezogene Erwartungen

Die Untersuchung der Vorhersagekraft ADL-bezogener Erwartungen für den aktiven Beugungsgrad am Ende der Behandlung weist einen positiven Moderatoreffekt (im Sinne eines Verstärkereffektes) für die Ergebniserwartungen aus. Der Erklärungswert des Modells beträgt insgesamt 38% (siehe Tabelle 16), wobei ein Prozentpunkt auf die Erwartungen und Moderatoreffekte zurückgeht.

↓157

Die Hypothesen, dass hohe Ergebnis- und Selbstwirksamkeitserwartungen zum Aufnahmezeitpunkt mit einem größeren aktiven Beugungsgrad am Ende der Behandlung zusammenhängen, bestätigen sich nicht. Es zeigt sich lediglich ein Trend (< .10): Je überzeugter die Patienten zu Beginn der Behandlung davon waren, durch aktive Therapiemitarbeit ihre ADL-bezogenen Beschwerden verringern zu können, desto stärker können sie am Ende der Behandlung ihr Hüftgelenk beugen. Allerdings zeigt sich ein signifikanter Moderatoreffekt zwischen dem Beugungsgrad und den Ergebniserwartungen zu Beginn der Behandlung.

Tabelle 16: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage des aktiven Beugungsgrades durch ADL-bezogene Erwartungen bei Aufnahme (= 713)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.367**

Alter

-0.020

0.031

-.019

 

Geschlecht

0.842

0.666

.039

 

Ausgangswert

0.496

0.026

.597**

 

2.

 

 

 

.010**

Ergebniserwartungen

0.095

0.078

.047

 

Selbstwirksamkeit

0.159

0.092

.064+

 

3.

 

 

 

.006

AW x EE

0.014

0.006

.092*

 

AW x SWE

-0.007

0.008

-.037

 

SWE x EE

-0.015

0.013

-.038

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.375**

Anmerkungen. Ausgangswert (AW): Aktiver Beugungsgrad. Ergebniserwartungen (EE): ADL-bezogene Erwartungen. Selbstwirksamkeit (SWE): ADL-bezogen. Die Variablen der Interaktionsterme sind zentriert. Angabe der Kennwerte der letzten Gleichung. f 2 = 0.60
**< .01; *< .05; + < .10.

Abbildung 25: Zusammenhang zwischen ADL-bezogenen Erwartungen bei Aufnahme und aktivem Hüftbeugungsgrad bei Entlassung für Patienten mit kleinem, mittleren und großen Beugungsgrad bei Aufnahme (1. Moderatoreffekt).

↓158

Die Folgeanalysen verdeutlichen, dass nur bei Patienten mit einem anfänglich überdurchschnittlich großen Hüftbeugungsgrad ein bedeutsamer Zusammenhang zwischen den Ergebniserwartungen und dem Behandlungsergebnis besteht, = 0.27, t(704) = 2.37, < .01. Bei ihnen tragen die Erwartungen guter ADL-Funktionen zur Vorhersage des Beugungsgrades bei. Im Gegensatz dazu findet sich kein solcher gesundheitsförderlicher Effekt für Patienten, die mit einen unterdurchschnittlichen Beugungsgrad aufgenommen wurden, = -0.08, t(704) = -0.76, p > .05. Der Unterschied zwischen der Vorhersagekraft der anfänglichen ADL-bezogenen Ergebniserwartungen für den aktiven Beugungsgrad bei Entlassung unterscheidet sich signifikant zwischen den beiden Patientengruppen, = 0.36, t(704) = 2.21, < .05.

6.1.3.2 Selbstberichtete Behandlungsergebnisse

6.1.3.2.1 Schmerzen

Die selbstberichtete Schmerzstärke zum Entlassungszeitpunkt wird zu 40% erklärt. Tabelle 17 ist zu entnehmen, dass über den Einfluss des Ausgangswertes (36%) hinaus 3% durch die Erwartungen und 1% durch die postulierten Moderatoreffekte vorhergesagt wird.

Patienten, die bei der Entlassung geringe Schmerzen berichten, hatten bereits zu Beginn der Behandlung vergleichsweise geringe Schmerzen und sind vornehmlich weiblich. Darüber hinaus bestätigt sich der postulierte positive Effekt von Schmerzreduktionserwartungen und zwei der aufgestellten Moderatorhypothesen. Die Selbstwirksamkeitserwartung beeinflusst in Verbindung mit der anfänglichen Schmerzstärke und den Schmerzreduktionserwartungen die Schmerzen am Ende der Behandlung.

↓159

Tabelle 17: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Schmerzskala a bei Entlassung (= 632)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.365**

Alter

-0.015

0.018

-.026

 

Geschlecht

0.742

0.385

.060*

 

Ausgangswert a

0.360

0.034

.434**

 

2.

 

 

 

.032**

Ergebniserwartungen a

0.393

0.071

.281**

 

Selbstwirksamkeit

0.396

0.340

.039

 

3.

 

 

 

.007*

AW x EE

0.007

0.006

.052

 

AW x SWE

-0.156

0.067

-.120*

 

SWE x EE

0.189

0.086

.121*

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.397**

Anmerkungen. Ausgangswert (AW): Schmerzskala. Ergebniserwartungen (EE): Schmerzerwartungen. Selbstwirksamkeit (SWE): schmerzbezogen. Die Variablen der Interaktionsterme sind zentriert. Angabe der Kennwerte der letzten Gleichung. f 2 = 0.66
a Hohe Werte zeigen geringe Schmerzen bzw. Erwartung geringer Schmerzen an.
**< .01; *< .05.

Der (zweite) Moderatoreffekt zwischen der Schmerzstärke und der schmerzbezogenen Selbstwirksamkeitserwartung zu Beginn der Behandlung ist negativ, während die Haupteffekte des Ausgangswertes und der Selbstwirksamkeit positiv sind. In Bezug auf die bereits in Abschnitt 6.1.3.1.1 beschriebene Interpretation kann festgestellt werden, dass die anfängliche Schmerzstärke und Selbstwirksamkeit gleichsinnig mit den Schmerzen am Ende der Behandlung zusammenhängen. Je geringer die Schmerzen anfänglich waren und je geringere Schmerzen für den Entlassungszeitpunkt erwartet wurden, desto geringer sind auch tatsächlich die Schmerzen bei der Entlassung. Der negative Moderatoreffekt zeigt an, dass der Zusammenhang zwischen der Selbstwirksamkeit und der Schmerzstärke umso stärker ist, je stärker die anfänglichen Schmerzen waren. Höhere schmerzbezogene Selbstwirksamkeit führen insbesondere dann zu geringeren Schmerzen (besseren Ergebnissen), je stärker die anfänglichen Schmerzen waren. D.h. Sie schwächen den negativen Effekt anfänglich starker Schmerzen ab (vgl. Abbildung 26).

Die Folgeanalysen verdeutlichen, dass speziell im Fall überdurchschnittlich starken Schmerzen zu Beginn der Rehabilitation ein bedeutsamer Zusammenhang zwischen der schmerzbezogenen Selbstwirksamkeitserwartung und den bei der Entlassung berichteten Schmerzen zu beobachten ist, = 1.54, t(623) = 2.56, < .05. Bei Patienten mit anfänglich geringen Schmerzen hingegen ist der Zusammenhang schwach negativ, b = -0.75, t(623) = -1.28, p < .10. Der in Abbildung 26 dargestellte Unterschied zwischen beiden Patientengruppen ist signifikant, = -2.30, = -2.35, < .05.

↓160

Abbildung 26: Zusammenhang zwischen der Selbstwirksamkeit bei Aufnahme und der Schmerzen bei Entlassung für Patienten mit geringen, mittleren und starken Schmerzen bei Aufnahme (2. Moderatoreffekt).

Der dritte Moderatoreffekt ist signifikant positiv und unterstützt den postulierten Verstärkereffekt von Ergebnis- und Selbstwirksamkeitserwartungen. Der Zusammenhang zwischen der erwarteten und tatsächlich am Ende der Behandlung berichteten Schmerzstärke ist enger bei Patienten mit anfänglich hoher Selbstwirksamkeit, b = 0.51, t(623) = 5.23, < .05. Bei Patienten, die zu Beginn der Behandlung eher unsicher waren, durch ihr eigenes Verhalten ihre Schmerzen verringern zu können, wirken sich Erwartungen geringer Schmerzen schwächer auf die Schmerzstärke am Ende der Behandlung aus, b = 0.28, t(623) = 3.63, < .05. Die beiden Patientengruppen unterscheiden sich signifikant, = 0.23, t = 2.19, < .05.

Abbildung 27: Zusammenhang zwischen den Schmerzerwartungen bei Aufnahme und den Schmerzen bei Entlassung für Patienten mit geringer, mittlerer und hoher Selbstwirksamkeit bei Aufnahme (3. Moderatoreffekt).

6.1.3.2.2 ADL-Funktionen

↓161

Die zum Entlassungszeitpunkt eingeschätzten ADL-Funktionen werden zu 51% vorhergesagt. Während hiervon rund 43% auf den Ausgangswert entfallen, tragen die Erwartungen 8% und die postulierten Moderatoreffekte 1% zur Erklärung bei. Das ausführliche Ergebnis ist Tabelle 18 zu entnehmen.

Tabelle 18: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der ADL-Funktionsskala (= 648)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.427**

Alter

-0.001

0.013

-.003

 

Geschlecht

-0.040

0.290

-.004

 

Ausgangswert

0.480

0.034

.464**

 

2.

 

 

 

.079**

Ergebniserwartungen

0.235

0.035

.252**

 

Selbstwirksamkeit

0.192

0.041

.161**

 

3.

 

 

 

.011**

AW x EE

0.009

0.006

.056

 

AW x SWE

-0.031

0.009

-.139**

 

SWE x EE

0.017

0.007

.091*

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.510**

Anmerkungen. Ausgangswert (AW): ADL-Funktionsskala. Ergebniserwartungen (EE): ADL-bezogene Erwartungen. Selbstwirksamkeit (SWE): ADL-bezogen. Die Variablen der Interaktionsterme sind zentriert. Angabe der Kennwerte der letzten Gleichung. f 2 = 1.04
**< .01; *< .05.

Patienten, die gute ADL-Funktionen bei der Entlassung angeben, machten bereits zu Beginn der Behandlung eher bessere Angaben. Darüber hinaus bestätigt sich der angenommene positive Effekt von Erwartungen für dieses Behandlungsergebnis. Patienten, die anfänglich gute ADL-Funktionen erwartet hatten und sich sicher waren, durch aktive Therapiemitarbeit ihre Beschwerden verringern zu können, geben am Ende der Behandlung tatsächlich bessere ADL-Funktionen an. Währenddessen haben Patienten mit anfänglich geringeren Ergebnis- und Selbstwirksamkeitserwartungen schlechtere Behandlungsergebnisse. Zudem bestätigen sich zwei der postulierten Moderatoreffekte.

↓162

Zunächst wird der zweite Moderatoreffekt als signifikant negativ ausgewiesen (siehe Abbildung 28). Dieser zeigt an, dass der Zusammenhang zwischen Selbstwirksamkeit und Behandlungsergebnissen umso stärker ist, je geringer der Ausgangswert bzw. schlechter die ADL-Funktionen zu Beginn der Behandlung waren. Höhere Selbstwirksamkeitserwartungen führen insbesondere dann zu besseren ADL-bezogenen Behandlungsergebnissen, je schlechter die Funktionen bei der Aufnahme waren. D.h. sie schwächen den negativen Effekt eines schlechten Aufnahmezustandes ab. Der Zusammenhang zwischen Selbstwirksamkeitserwartungen und ADL-Funktionen zum Entlassungszeitpunkt ist bei Patienten mit unterdurchschnittlich schlechten Funktionswerten am stärksten (= .34, t(639) = 5.84, < .05) – im Vergleich zu denjenigen mit durchschnittlichen (= .19, t(639) = 4.70, < .05) oder überdurchschnittlich guten Werten (= .04, t(639) = 0.73, > .05). In Abbildung 28 ist der signifikante Unterschied zwischen Patienten mit unter- und überdurchschnittlichen ADL-Funktionswerten bei Aufnahme dargestellt, = -0.30, t = 3.56, < .05.

Abbildung 28: Zusammenhang zwischen der ADL-bezogenen Selbstwirksamkeit bei Aufnahme und den ADL-Funktionen bei Entlassung für Patienten mit schlechten, mittlere und guten ADL-Funktionen bei Aufnahme (2. Moderatoreffekt).

Des weiteren zeigt sich, dass der Zusammenhang zwischen erwarteten und tatsächlichen ADL-Funktionen bei Patienten mit überdurchschnittlich hohen Selbstwirksamkeitserwartungen stärker ist (= .31, t(639) = 6.18, < .05) als bei denjenigen mit durchschnittlichen (= .24, t(639) = 6.65, < .05) oder unterdurchschnittlich geringen (= .16, t(639) = 3.85, < .05) Erwartungen. Dieser positive Moderatoreffekt ist in Abbildung 29 veranschaulicht. Der Unterschied zwischen Patienten mit unter- und überdurchschnittlich hoher Selbstwirksamkeit zu Beginn der Behandlung ist signifikant, = 0.14, t = 2.36, < .05. Demnach verstärken sich die motivationalen bzw. gesundheitsförderlichen Effekte der beiden Erwartungstypen: Erwartungen guter ADL-bezogener Behandlungsergebnisse führen insbesondere dann zu besseren Ergebnissen, wenn die Patienten gleichzeitig davon überzeugt sind, durch ihr eigenes Verhalten ihre Beschwerden verringern zu können.

↓163

Abbildung 29: Zusammenhang zwischen ADL-bezogenen Erwartungen bei Aufnahme und ADL-Funktionen bei Entlassung für Patienten mit geringer, mittlerer und hoher ADL-bezogener Selbstwirksamkeit bei Aufnahme (3. Moderatoreffekt).

6.1.4 Zusammenfassung

Erwartungshaltung. Die Patienten erwarten von ihrer stationären Rehabilitationsmaßnahme nach Hüftgelenkersatz positive, gute Behandlungsergebnisse. Entsprechend der zentralen Indikationskriterien bzw. Therapieziele eines Hüftgelenkersatzes erwarten 88% eine Reduzierung ihrer aktuellen Schmerzen und 95% eine Verbesserung ihrer Selbstständigkeit und Mobilität im Alltag. Gleichzeitig sind sich die Patienten sicher, ihre aktuellen Beschwerden, d.h. Schmerzen und eingeschränkte ADL-Funktionen, durch ihr eigenes Mitwirken während der Rehabilitation verbessern zu können.

Dabei stimmen die Erwartungen der Patienten jedoch nur bei 24% bzw. 13% der Patienten mit den im Behandlungsziel vereinbarten Schmerzen bzw. ADL-Funktionen überein. Während Schmerzerwartungen im Wesentlich aufgrund pessimistischerer Patientenerwartungen abweichen (40%), treten Abweichungen zwischen ADL-bezogenen Erwartungen und Behandlungszielen durch mehrheitlich optimistischere Patientenerwartungen auf (52%).

↓164

Während der Rehabilitation verändern sich die anfänglich geäußerten Erwartungen. Zum Zeitpunkt der Entlassung erwarten die Patienten für die Zukunft geringere Schmerzen und bessere ADL-Funktionen als sie für den Entlassungszeitpunkt erwartet hatten. Die Überzeugung, selbst durch das eigene Verhalten, die Schmerzen und ADL-bezogenen Einschränkungen verringern zu können, wird gestärkt.

Vor dem Hintergrund des Modells von Bandura liegen hiermit gute Vorraussetzungen für motiviertes, dauerhaftes Gesundheits- und Bewältigungsverhalten vor: Die Patienten erwarten sich überwiegend Verbesserungen von der Rehabilitation und sind überzeugt, durch aktive Mitarbeit dazu beitragen zu können, auch wenn ihnen diese manchmal schwer fallen sollte. Darüber hinaus scheint diese Bereitschaft und diese Fähigkeiten zur Eigenverantwortung während der Rehabilitation gesteigert zu werden.

Erwartungsbildung. Die Untersuchung der Erwartungsbildung zu Beginn der Rehabilitation bestätigt die aus der sozial-kognitiven Theorie von Bandura theoretisch abgeleiteten Informationsquellen von Selbstwirksamkeits- und Ergebniserwartungen. Die Erwartungen der Patienten sind im Wesentlichen durch die aktuellen körperlichen Beschwerden, verschiedene direkte und symbolische Erfahrungen und durch den emotionalen Zustand erklärt.

↓165

Die Selbstwirksamkeitserwartungen sind umso höher, je besser der aktuelle körperlicher Zustand ist und, wenn positive Erfahrungen vorliegen. Patienten mit geringeren Schmerzen bzw. ADL-bezogenen Einschränkungen sind überzeugter von ihren Bewältigungsfähigkeiten. Ebenso sind funktionellen Einschränkungen an anderen Gelenken mit geringen Selbstwirksamkeitserwartungen verbunden. Eine Wechseloperation scheint im Sinne einer direkten negativen Erfahrung die Überzeugung von der eigenen Schmerzbewältigungsfähigkeit zu schwächen. Währenddessen fördert eine gute präoperative Aufklärung über die Hüftgelenksoperation die Selbstwirksamkeitserwartungen im Sinne einer symbolischen Erfahrung. Zu vermuten ist, dass den Patienten, die sich gut aufgeklärt glauben, umfassendes Wissen über die Behandlung vermittelt wurde sowie, dass und wie sie selbst aktiv und eigenverantwortlich den Rehabilitationsprozess unterstützen können. Nicht zuletzt spiegelt sich der aktuelle emotionale Zustand in der wahrgenommenen Selbstwirksamkeit wieder: Optimismus, geringe Depressivität und Zufriedenheit mit dem Ausmaß eigener Selbstständigkeit sind mit hohen Selbstwirksamkeitserwartungen verbunden.

Im Vergleich dazu werden die Ergebniserwartungen im Wesentlichen durch die aktuellen Beschwerden und die wahrgenommene Selbstwirksamkeit erklärt. Patienten erwarten umso geringere Schmerzen bzw. ADL-bezogene Einschränkungen für den Entlassungszeitpunkt, je geringer ihre Beschwerden bereits zum Aufnahmezeitpunkt sind und, je überzeugter sie sind, durch aktive Therapiemitarbeit diese Beschwerden verringern zu können. Patienten, die sich unsicher sind, ob sie durch eigenes Mitwirken ihre Beschwerden verringern können, erwarten auch (eher) schlechtere Behandlungsergebnisse.

Darüber hinaus werden die ADL-bezogenen Ergebniserwartungen durch die präoperative Aufklärung beeinflusst. Anders als im Fall der Selbstwirksamkeit ist diese symbolische Erfahrung mit geringer Ergebniserwartungen verbunden. Anzunehmen ist, dass den gut aufgeklärten Patienten die mittelfristigen Einschränkungen differenzierter vermittelt wurden.

↓166

Vorhersage der Behandlungsergebnisse. Vor dem Hintergrund der motivationalen und volitionalen Bedeutung von Ergebnis- und Selbstwirksamkeitserwartungen wurde angenommen, dass hohe Erwartungen indirekt – über aktive Therapiemitarbeit – mit besseren Behandlungsergebnissen zusammenhängen. Demnach sollten sich Patienten, die geringe Schmerzen bzw. gute ADL-Funktionen erwarten sowie Patienten, die überzeugt sind, durch aktive Therapiemitarbeit ihre Schmerzen bzw. ADL-bezogene Einschränkungen verringern zu können, stärker während der Behandlung engagieren. Auf diese Weise sollten sie dann auch tatsächlich bessere Behandlungsergebnisse erreichen als diejenigen, die weniger gute Ergebnisse erwartet hatten und sich ihrer Bewältigungsfähigkeiten weniger sicher waren.

Zusammenfassend unterstreichen die Ergebnisse die theoretisch postulierte Bedeutung von Ergebnis- und Selbstwirksamkeitserwartungen sowohl für die vom Arzt dokumentierten Entlassungsbefunde als auch die vom Patienten berichteten Behandlungsergebnisse. Die Behandlungsergebnisse sind umso besser, je bessere Ergebnisse die Patienten erwartet hatten und je überzeugter sie waren, ihre (anfänglich bestehenden) Beschwerden durch aktive Therapiemitarbeit verringern zu können. Dabei erweisen sich Erwartungen guter Behandlungsergebnisse umso gesundheitsförderlicher, je stärker die Überzeugung ist, durch aktive Mitarbeit die Beschwerden verringern zu können (3. Moderatorhypothese). D.h. die Überzeugung von der eigenen Bewältigungsfähigkeit verstärkt den gesundheitsförderlichen Effekt positiver Ergebniserwartungen.

Die erste Moderatorhypothese eines solchen gesundheitsförderlichen Effekts von Ergebniserwartungen insbesondere bei stärker eingeschränkten Patienten, konnte nur für den vom Arzt dokumentierten Schmerzbefund bestätigt werden. Hier profitieren gerade die Patienten mit vergleichsweise starken Schmerzen zu Beginn der Behandlung von Erwartungen geringer Schmerzen. Diese schwächen den negativen Effekt starker Schmerzen bei der Aufnahme für die Schmerzstärke zum Entlassungszeitpunkt im Sinne eines Puffers ab.

↓167

Für die Selbstwirksamkeitserwartungen lässt sich ein solcher Moderatoreffekt (2. Moderatorhypothese) für die selbstberichteten Behandlungsergebnisse ausweisen. Speziell bei Patienten, die zu Beginn der Rehabilitation relativ stark durch Schmerzen bzw. in ihren ADL-Funktionen eingeschränkt sind, wirkt sich die Überzeugung von den eigenen Bewältigungsfähigkeiten gesundheitsförderlich aus. Im Sinne eines Puffers schwächt diese Überzeugung die Abhängigkeit schlechter Behandlungsergebnisse von anfänglich starken Beeinträchtigungen ab.

Anders ist es jedoch beim Behandlungsergebnis der aktiven Beugungsfähigkeit. Hier werden positive (2.) Moderatoreffekte ausgewiesen. Die Hüftbeweglichkeit ist bei der Entlassung umso besser, je besser sie bereits zu Beginn der Behandlung war und die Patienten gleichzeitig erwarteten, durch aktive Therapiemitarbeit die Schmerzen verringern zu können bzw. mit guten ADL-Funktionen entlassen zu werden.

6.2 Modellprüfung: Emotionale und motivationale Effekte erwartungsbezogener Erfahrungen (Behandlungsergebnissen) im Rehabilitationsprozess

Welche Konsequenzen hat die Erfahrung der tatsächlich erreichten Behandlungsergebnisse in Bezug auf die anfänglichen Erwartungen? Zur Erklärung von emotionalen und motivationalen Effekten erwartungsbezogener Behandlungsergebnisse wurden im Abschnitt 2.2.4 ein Modell vorgestellt. Es beschreibt, dass Patienten während einer Behandlung mehr oder weniger aktiv bemüht sind, die von ihnen zu Beginn erwarteten Behandlungsergebnisse zu erreichen. Es wird angenommen, dass sie im Verlauf – erst recht am Ende – der Behandlung die subjektiv wahrgenommenen Behandlungsergebnisse in Bezug zu ihren anfänglichen Erwartungen beurteilen. Sie bilanzieren, ob die anfänglich erwarteten und tatsächlich erreichten Behandlungsergebnissen übereinstimmen oder eventuell Diskrepanzen vorliegen (siehe Abschnitt 6.2.1). Das weitere Erleben und Verhalten nach der Erfahrung erwartungsbezogener Behandlungsergebnisse sollte maßgeblich von den wahrgenommenen Selbstwirksamkeitserwartungen beeinflusst werden (siehe Abschnitt 6.2.2). In Abhängigkeit der wahrgenommenen Selbstwirksamkeit und des erreichten Beschwerdeausmaßes sollten die Patienten auf erwartungsbezogene Behandlungsergebnisse emotional reagieren (siehe Abschnitt 6.2.3) und verschiedene Bewältigungsreaktionen zeigen (siehe Abschnitt 6.2.4). Diese können sich auf die Erwartungen (siehe Abschnitt 6.2.4.1) oder auf das Verhalten (siehe Abschnitt 6.2.4.2) beziehen. Schlussendlich wird angenommen, dass der weitere Rehabilitationsverlauf beeinflusst wird (siehe Abschnitt 6.2.5).

6.2.1  Erster und Zweiter Bewertungsprozess: Erwartungsbezogene Erfahrungen im Sinne von Behandlungsergebnissen

6.2.1.1  Erwartete und bei der Entlassung berichtete Schmerzen

↓168

Stellt man nun die am Ende der Rehabilitation berichteten Schmerzen den anfänglichen Erwartungen gegenüber, so sind die in Abbildung 30 dargestellten Unterschiede zu beobachten. Bei der Interpretation der Schmerzwerte ist zu beachten, dass alle Angaben umgepolt wurden und ein hoher Wert immer eine geringe Schmerzintensität kennzeichnet. Erkennbar ist, dass zum Entlassungszeitpunkt in allen vier Belastungssituationen stärkere Schmerzen angegeben werden, als zu Beginn der Behandlung erwartet wurden: Schmerzen in Ruhe, t(925) = 11.66; < .01; = 0.54, Schmerzen beim Gehen, t(925) = 12.87; < .01; = 0.59, Schmerzen bei den ersten Schritten, t(925) = 16.56; < .01; = 0.76, sowie Schmerzen nach längeren Gehstrecken, t(925) = 13.47; < .01; = 0.62 (vgl.12.2.1.1 Anhang D).

Abbildung 30: Erwartete und am Ende der Rehabilitation berichtete Schmerzen. Darstellung der Schmerzstärke in vier Belastungssituationen (= 926).

Anmerkungen. Hohe Werte zeigen geringe bzw. die Erwartung geringer Schmerzen an.

In Bezug auf die zentrale Frage nach Diskrepanzen zwischen Erwartungen und Behandlungsergebnissen interessiert jedoch weniger der Vergleich der durchschnittlich erwarteten und tatsächlichen Schmerzstärke. Vielmehr geht es hier um die Betrachtung der Übereinstimmung von erwarteten und tatsächlichen Schmerzangaben. Die beobachtete prozentuale Übereinstimmung ist Abbildung 31 zu entnehmen. Dieses Übereinstimmungsmaß hat allerdings den Nachteil, dass zufällig zu erwartende Übereinstimmungen nicht berücksichtigt werden. Als so genanntes zufallskorrigiertes Übereinstimmungsmaß zur Bestimmung der Übereinstimmung von zwei Beobachtern wird daher in der Regel der Kappa-Koeffizient nach Cohen benutzt (vgl. Abschnitt 5.4.1.1, vgl. Wirtz & Casper, 2002). Entsprechend können die erwartete Schmerzstärke und die tatsächliche Schmerzstärke als zwei verschiedene Beobachter bzw. Beobachtungen verstanden werden. Der Kappa-Koeffizient nach Cohen gibt nun Auskunft darüber, wie hoch die Differenz zwischen der beobachteten und der bei Zufall zu erwartenden Übereinstimmung ist, wenn diese an der maximal möglichen nicht-zufälligen Übereinstimmung aufgrund der Randverteilungen relativiert wird (vgl. auch Abschnitt 5.4.1.1). Zur Veranschaulichung sind in Abbildung 31 auch die zufallskorrigierte Übereinstimmung (entspricht Cohens Kappa) dargestellt.

↓169

Abbildung 31: Übereinstimmung zwischen Schmerzerwartungen und Schmerzergebnissen am Ende der Rehabilitation (= 926).

Die Interpretation und Bedeutung der in Abbildung 31 dargestellten Ergebnisse sollen am Beispiel der „Schmerzen in Ruhe“ ausgeführt werden (vgl. 12.2.1.1 Anhang D):

Die beobachtete Übereinstimmung zwischen erwarteter und tatsächlicher Schmerzstärke in Ruhe beträgt 52%. Bei den gegebenen Randsummen kann jedoch bereits eine zufallsbedingte Übereinstimmung von rund 38% erwartet werden, so dass eine Differenz zwischen beobachteter und zufälliger Übereinstimmung von 14% resultiert. Die maximale nicht-zufällige Übereinstimmung beträgt entsprechend 62% (100% minus 38%). Relativiert man nun die Differenz zwischen beobachteter und zufälliger Übereinstimmung an dieser, dann stimmen zum Entlassungszeitpunkt rund 22% der anfänglichen Schmerzerwartungen mit der tatsächlichen Schmerzstärke überzufällig überein (entspricht Cohens Kappa). Die absolute Übereinstimmung zwischen erwarteter und tatsächlicher Schmerzstärke in Ruhe ist nur gering (vgl. Altman, 1991).

↓170

Die abweichenden Erwartungen sind häufig optimistischer Art. Rund 38% der 926 Patienten hatten zu optimistisch geringere Schmerzen in Ruhe erwartet (n = 347; vgl. Abbildung 32). Ihre zum Entlassungszeitpunkt angegebenen Schmerzen in Ruhe sind stärker, als sie zu Beginn erwartet hatten. Retrospektiv betrachtet haben 11% der Patienten (n = 99) pessimistischere Erwartungen gehabt. Ihre tatsächliche Schmerzstärke am Ende der Behandlung ist geringer, als sie erwartet hatten.

Abbildung 32: Prozentuale Häufigkeit der zum Entlassungszeitpunkt mit den anfänglichen Erwartungen übereinstimmenden und abweichenden Schmerzangaben (= 926).

Neben dieser merkmalsbezogenen Betrachtung von Erwartungsdiskrepanzen kann für jeden Patienten bestimmt werden, ob seine vier Schmerzerwartungen überwiegend mit den von ihm zum Entlassungszeitpunkt berichteten Schmerzen übereinstimmen oder nicht. Die Verteilung dieser überwiegend vorliegenden Erwartungsdiskrepanz (bzw. Übereinstimmung) mit der entsprechenden Anzahl unerwartet stärkerer, erwartungsgemäßer und unerwartet geringerer Schmerzangaben ist ausführlich im 12.2.1.1 Anhang D aufgeführt. Hiernach zeigt sich auch über die vier Belastungsarten hinweg, dass die meisten Patienten (43%, = 403) überwiegend unerwartet stärkere Schmerzen haben. Die zum Entlassungszeitpunkt berichteten Schmerzen sind bei den meisten in allen vier (23%) oder zumindest in drei der vier (15% und 2%) Belastungssituationen stärker als erwartet. Der Anteil an Patienten mit mehrheitlich erwartungsgemäßen Schmerzen beträgt rund 37% (= 345). Lediglich bei 8% können – gemessen an den anfänglichen Erwartungen – geringere Schmerzen beobachtet werden (= 75). In den übrigen Fällen (11%, = 103) überwiegt keine Erwartungsdiskrepanz. Sie können daher keiner der drei Gruppen zugeordnet werden (vgl. Abschnitt 5.4.4 sowie 12.2.1.1 Anhang D).

↓171

Anmerkung zur Reliabilität der Differenzwerte: Die Reliabilität sowohl der vier kontinuierlichen Diskrepanzwerte (α = .84, = 926) als auch der dreitufig kategorialen Diskrepanzen (α = .79; = 926) ist zufriedenstellend.

In den weiteren Analysen werden die 75 Patienten mit unerwartet geringen Schmerzen aufgrund der kleinen Fallzahl nicht berücksichtigt. Auch die 103 Patienten ohne eindeutige Zuweisung können – aus inhaltlichen Gründen – nicht eingeschlossen werden. Daher erfolgt die Modellprüfung über den Vergleich der 403 Patienten mit (überwiegend) unerwartet starken Schmerzen (54%) und der 345 Patienten mit (überwiegend) erwartungsgemäßer Schmerzstärke (46%). Eine kurze Beschreibung dieser beiden Patentengruppen ist dem 12.2.1.2 Anhang D zu entnehmen.

6.2.1.2 Erwartete und bei der Entlassung berichtete ADL-Funktionen

Den Vergleich der durchschnittlichen Ausprägungen der ADL-Funktionen stellt Abbildung 33 dar. Abgebildet sind die Erwartungen bei der Aufnahme und die eingeschätzten ADL-Funktionen bei der Entlassung. Es zeigen sich in allen acht ADL-Funktionen – den Angaben zur Selbstständigkeit und Mobilität im Alltag – signifikante Unterschiede (vgl. 12.2.2.1 Anhang D). Alle ADL-Funktionen sind zu diesem Zeitpunkt schlechter als zu Beginn der Behandlung erwartet wurden.

↓172

Die größten Unterschiede sind bezüglich des Treppensteigens, t(915) = 19.80; < .01, = 0.93, des Aufstehens aus dem Sitzen, t(915) = 17.27; < .01, = 0.81, und der Gehstrecke, t(915) = 16.44; < .01, = 0.77, zu beobachten. D.h. die Patienten können weniger selbstständig Treppen steigen sowie aus dem Sitzen aufstehen und sie trauen sich eine kürzere Gehstrecke zu, als sie zu Beginn erwartet hatten.

Abbildung 33: Erwartete und am Ende der Rehabilitation berichtete ADL-Funktionen (= 916).

Betrachtet man die Übereinstimmung anstelle der Mittelwertunterschiede, wird ein ähnliches Ergebnis sichtbar wie bei den Schmerzerwartungen. Abbildung 34 stellt sowohl die beobachtete prozentuale als auch die zufallsbereinigte Übereinstimmung (entspricht Cohens Kappa) dar.

↓173

Abbildung 34: Übereinstimmung zwischen ADL-bezogenen Erwartungen und Behandlungsergebnissen am Ende der Rehabilitation (= 916).

Am Beispiel der eingeschätzten Gehstrecke können die in Abbildung 34 dargestellten Ergebnisse wie folgt interpretiert werden (vgl. auch 12.2.2.1 Anhang D):

Die beobachtete Übereinstimmung zwischen erwarteter und tatsächlicher Gehstrecke beträgt 50%. Bei den gegebenen Randsummen kann bereits eine zufallsbedingte Übereinstimmung von rund 34% erwartet werden, so dass eine Differenz zwischen der beobachteten und zufälligen Übereinstimmung von 16% vorliegt. Die maximale nicht-zufällige Übereinstimmung beträgt entsprechend 66% (100% minus 34%). Relativiert man nun die Differenz zwischen beobachteter und zufälliger Übereinstimmung an dieser, dann stimmen 24% der Erwartungen mit den Angaben zum Entlassungszeitpunkt überzufällig überein (entspricht Cohens Kappa). Die absolute Übereinstimmung zwischen erwarteter und tatsächlicher Gehstrecke ist nur gering.

↓174

Die abweichenden Erwartungen sind häufig optimistischer Art. Rund 42% Patienten (= 388) hatten zu optimistisch eine längere Gehstrecke erwartet (siehe Abbildung 35). Zum Entlassungszeitpunkt geben sie an, sich eine kürzere Gehstrecke zuzutrauen, als sie erwartet hatten. Demgegenüber hatten nur 8% der Patienten (= 75) zu pessimistisch eine kürzere Gehstrecke erwartet als sie nun am Ende der Behandlung angeben.

Abbildung 35: Prozentuale Häufigkeit der zum Entlassungszeitpunkt mit den anfänglichen Erwartungen übereinstimmenden und abweichenden ADL-Funktionen (= 916).

Betrachtet man Erwartungsdiskrepanzen nicht merkmalsbezogen sondern auf Patientenebene, so kann für jeden Patienten bestimmt werden, ob seine acht ADL-bezogenen Erwartungen überwiegend mit den von ihm zum Entlassungszeitpunkt berichteten ADL-Funktionen übereinstimmen oder nicht. Die Verteilung dieser überwiegend vorliegenden Erwartungsdiskrepanz mit der entsprechenden Anzahl unerwartet schlechteren, erwartungsgemäßer und unerwartet besseren ADL-Angaben ist ausführlich im 12.2.2.1 Anhang D aufgeführt. Anders als bei den Schmerzen stimmen die ADL-bezogenen Erwartungen bei der Mehrzahl der Patienten (64%, = 584) über die acht Funktionen hinweg mit den Ergebnissen (überwiegend) überein. D.h. vier oder mehr von den acht ADL-Funktionen werden wie anfänglich erwartet eingeschätzt. Der Anteil an Patienten mit mehrheitlich unerwartet schlechten ADL-Funktionen beträgt rund 23% (= 210). Gemessen an den anfänglichen Erwartungen werden lediglich bei 4 von 916 Patienten überwiegend bessere ADL-Funktionen beobachtet. Die übrigen 118 Patienten (13%) können keiner der drei Gruppen zugeordnet werden. Bei ihnen überwieg keine Erwartungsdiskrepanz (vgl. Abschnitt 5.4.4 sowie 12.2.2.1 Anhang D).

↓175

Anmerkung zur Reliabilität der Differenzwerte: Die Reliabilität der acht kontinuierlichen Diskrepanzwerte (α = .65, = 916) und der dreistufig kategorialen Diskrepanzen (α = .65; = 916) ist akzeptabel.

In den weiteren Analysen werden die vier Patienten mit unerwartet besseren ADL-Funktionen aufgrund der geringen Fallzahl nicht berücksichtigt und die 118 Patienten ohne eindeutige Zuweisung – aus inhaltlichen Gründen – nicht eingeschlossen. Die Modellprüfung erfolgt daher über den Vergleich der 210 Patienten mit (überwiegend) unerwartet schlechten ADL-Funktionen (26%) und der 584 Patienten mit (überwiegend) erwartungsgemäßen ADL-Funktionen (74%). Eine kurze Beschreibung dieser beiden Patentengruppen ist dem 12.2.2.2 Anhang D zu entnehmen.

6.2.1.3 Zusammenfassung

Rückblickend vom Zeitpunkt der Entlassung aus der Rehabilitationsklinik aus erweisen sich die meisten Behandlungsergebniserwartungen als zu optimistisch: Die tatsächlichen Behandlungsergebnisse bleiben in der Regel hinter den anfänglichen Erwartungen der Patienten zurück. Gemessen an den zum Aufnahmezeitpunkt geäußerten Erwartungen werden stärkere Schmerzen und schlechtere ADL-Funktionen zum Entlassungszeitpunkt berichtet. Bei Betrachtung der so genannten überwiegenden Erwartungsdiskrepanzen zeigt sich ein Unterschied zwischen den Beschwerdebereichen Schmerzen und ADL-Funktionen: Bei der Mehrzahl der Patienten sind vornehmlich unerwartet stärkere Schmerzen zu beobachten, jedoch überwiegend erwartungsgemäße ADL-Funktionen.

6.2.2 Dritter Bewertungsprozess: Selbstwirksamkeitserwartungen

↓176

Die Selbstwirksamkeit nimmt eine Schlüsselrolle im Erklärungsmodell ein. Sie sollte das weitere Erleben und Verhalten nach der Erfahrung erwartungsbezogener Behandlungsergebnisse beeinflussen, wobei diese (direkte) Erfahrung ihrerseits gleichzeitig Einfluss auf die aktuelle Wahrnehmung der Selbstwirksamkeit haben sollte (Bandura, 1997; 1998).

Gute Behandlungsergebnisse sollten im Sinne eines Erfolges die Überzeugung stärken, durch eigenes Verhalten die Beschwerden verringern zu können. Erwartungsdiskrepante Behandlungsergebnisse hingegen sollten als Misserfolg erlebt werden und die Selbstwirksamkeit schwächen. Patienten mit vornehmlich erwartungsgemäßen Behandlungsergebnissen sollten zum Entlassungszeitpunkt überzeugter davon sein, durch regelmäßiges Üben oder das Einhalten der Verhaltensempfehlungen ihre (noch bestehenden) Beschwerden verringern zu können, als diejenigen mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen.

Insbesondere sollte die Selbstwirksamkeit am Ende der Rehabilitation dann geschwächt werden (bzw. gering sein), wenn die Behandlungsergebnisse vergleichsweise schlecht sind (1. Moderatorhypothese). In diesem Fall sollten Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen entmutigt werden. Während ein relativ gutes Ergebnis den entmutigenden Effekt eines unerwartet schlechten Ergebnisse abschwächen sollte.

↓177

Zudem sollte die Selbstwirksamkeit am Ende der Rehabilitation dann geschwächt werden (bzw. gering sein), wenn die Patienten anfänglich noch nicht wirklich von ihrer Bewältigungsfähigkeit überzeugt waren (2. Moderatorhypothese).

Die Hypothesenprüfung erfolgt über hierarchische Regressionsanalysen zur Vorhersage der schmerz- und ADL-bezogene Selbstwirksamkeit. Dabei wird für jede Moderatorhypothesen ein Modell geprüft. In einem ersten Schritt werden die Kontrollvariablen Alter, Geschlecht und der Aufnahmewert der Selbstwirksamkeit (Ausgangswert) eingeführt. Indem der Aufnahmewert als Autoregressor eingeführt wird, können die Veränderungsprädiktoren identifiziert werden; d.h. die Variablen, die unabhängig von der Variablenausprägung zu Beginn der Behandlung Kriteriumsvarianz aufklären (Dalbert, 1987). Der zweite Schritt umfasst die theoretisch postulierten Veränderungsprädiktoren. Zur Prüfung jeweiligen Moderatorhypothese wird in einem letzten Schritt der jeweilige Interaktionsterm eingeführt (vgl. Abschnitt 5.4.2).

6.2.2.1  Schmerzbezogene Selbstwirksamkeitserwartung

Patienten mit unerwartet starken Schmerzen zum Entlassungszeitpunkt unterscheiden sich wie angenommen in der von ihnen wahrgenommenen Selbstwirksamkeitserwartung von Patienten mit erwartungsgemäßer Schmerzstärke. Wie Abbildung 36 verdeutlicht, sind Patienten mit unerwartet starken Schmerzen bei der Entlassung weniger überzeugt von ihrer Fähigkeit der Schmerzbewältigung (= 0.24). Bei ihnen nahm diese Überzeugung während der Rehabilitation weniger stark zu (= 0.20), als bei denjenigen, die mit erwartungsgemäßen Schmerzen entlassen werden (= 0.64).

↓178

Abbildung 36: Schmerzbezogene Selbstwirksamkeitserwartung bei Patienten mit unerwartet starker und erwartungsgemäßen Schmerzen zum Entlassungszeitpunkt.

Anmerkungen. Angabe der Unterschiede in Effektstärken: Positive Werte zeigen höhere Werte für Patienten mit erwartungsgemäßen Schmerzen an.

Wird das Ausmaß der Selbstwirksamkeit bei der Aufnahme (Ausgangswert) in einem regressionsanalytischen Modell zur Vorhersage der schmerzbezogenen Selbstwirksamkeitserwartung am Ende der Rehabilitation berücksichtigt, so trägt die schmerzbezogene Erwartungsdiskrepanz nur 1% (ΔR 2 = .01, f 2 = 0.01) über den Ausgangswert (12%, R 2 = .12, f 2 = 0.14; vgl. 12.2.3.1 Anhang D) bei. Die Überzeugung, durch das eigene Verhalten die Schmerzen verringern zu können, ist umso höher, je überzeugter die Patienten bereits zu Beginn der Behandlung waren (β = .34, < .01) und, wenn ihre Schmerzstärke erwartungsgemäß ist (β = .12, < .01).

Die statistische Kontrolle für die aktuelle Schmerzstärke zeigt jedoch, dass dieser Unterschied zwischen den beiden Patientengruppen durch die relativ stärkeren Schmerzen derjenigen mit unerwartet stärkeren Schmerzen bedingt ist (vgl. 12.2.3.1 Anhang D). Über die 12% aufgeklärte Varianz durch die Selbstwirksamkeit bei Aufnahme hinaus (R 2 = .12, f 2 = 0.14), tragen die Schmerzen bei Entlassung weitere 11% (ΔR 2 = .11, f 2 = 0.12) zur Vorhersage bei. Patienten sind zum Entlassungszeitpunkt umso überzeugter von ihrer Schmerzbewältigungsfähigkeit, je überzeugter sie bereits anfänglich waren (β = .27, < .01) und, je geringer ihre derzeitigen Schmerzen sind (β = .37, < .01). Die Erwartungsdiskrepanz hat keinen direkten Einfluss (ΔR 2 = .00, f 2 = 0.00, β = .-.05, > .10).

↓179

Die zentralen Moderatorhypothesen – dass Erwartungsdiskrepanzen insbesondere dann die Selbstwirksamkeitserwartung schwächen, wenn diese Überzeugung noch nicht stark ausgebildet war bzw. vergleichsweise starke Schmerzen bei der Entlassung vorliegen – können nicht bestätigt werden (vgl. 12.2.3.1 Anhang D).

6.2.2.2 ADL-bezogene Selbstwirksamkeitserwartungen

Hinsichtlich der ADL-bezogenen Erwartungsdiskrepanzen zeigen sich zunächst ähnliche Ergebnisse: Wie angenommen worden war, nehmen die Selbstwirksamkeitserwartungen bei Patienten mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen weniger stark zu (= 0.40), als bei denjenigen, die mit erwartungsgemäßen ADL-Funktionen entlassen werden (= 1.03; siehe Abbildung 37).

Abbildung 37: ADL-bezogene Selbstwirksamkeitserwartungen bei Patienten mit unerwartet schlechten und erwartungsgemäßen ADL-Funktionen zum Entlassungszeitpunkt.

Anmerkungen. Unterschiede in Effektstärken: Positive Werte zeigen höhere Werte für Patienten mit erwartungsgemäßen ADL-Funktionen an.

↓180

Wird das Ausmaß der Selbstwirksamkeit bei der Aufnahme (Ausgangswert) in einem regressionsanalytischen Modell zur Vorhersage der ADL-bezogenen Selbstwirksamkeitserwartungen am Ende der Rehabilitation berücksichtigt, so trägt die ADL-bezogene Erwartungsdiskrepanz 3% (ΔR 2 = .03, f 2 = 0.03) über den Ausgangswert und das Geschlecht (26%, R 2 = .26, f 2 = 0.35; vgl. 12.2.3.2 Anhang D) zur Erklärung bei. Die Überzeugung, durch das eigene Verhalten die Selbstständigkeit und Mobilität verbessern zu können, ist umso höher, je überzeugter die Patienten bereits zu Beginn der Behandlung waren (β = .53, < .01), wenn sie weiblich sind (β = .11, < .01) und ihre ADL-Funktionen erwartungsgemäß sind (β = .16, < .01). Die zusätzliche Berücksichtigung der ADL-bezogenen Behandlungsergebnisse zeigt jedoch, dass sich der Unterschied durch die unterschiedlichen ADL-Funktionen erklärt (vgl. 12.2.3.2 Anhang D).

Die Selbstwirksamkeit zum Aufnahmezeitpunkt und das Geschlecht tragen zunächst 26% (R 2 = .26, f 2 = 0.35) zur Varianzaufklärung bei. Darüber hinaus erklären die aktuellen ADL-Funktionen weitere 13% (R 2 = .13, f 2 = 0.15) bei. Patienten sind zum Entlassungszeitpunkt umso überzeugter von ihrer Bewältigungsfähigkeit, je überzeugter sie bereits anfänglich waren (β = .32, < .01), wenn sie weiblich sind (β = .16, < .01) und, je besser ihre derzeitigen ADL-Funktionen sind (β = .43, < .01). Die Erwartungsdiskrepanz hat keinen Einfluss (R 2 = .00, f 2 = 0.00, β = .-.03, > .10).

Die erste Moderatorhypothese wird hingegen bestätigt. Postuliert worden war, dass gute Behandlungsergebnisse an sich noch keinen „Erfolg“ darstellen und damit zur Stärkung der Selbstwirksamkeit beitragen. Vielmehr sollte der „Erwartungsbezug“ diesen Prozess moderieren: Unerwartet schlechte Behandlungsergebnisse sollten vor allem dann die Selbstwirksamkeitserwartung schwächen, wenn vergleichsweise starke Beschwerden vorliegen. Die in Tabelle 19 aufgeführten Ergebnisse stürzen diese Annahme. Insgesamt beträgt die Vorhersagekraft 40%.

↓181

Tabelle 19: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der ADL-bezogenen Selbstwirksamkeit durch ADL-bezogene Erwartungsdiskrepanzen. Erste Moderatorhypothese (= 397)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.264**

Alter

-0.005

0.017

-.012

 

Geschlecht

1.377

0.341

.164**

 

Selbstwirksamkeit t1

0.340

0.050

.326**

 

2.

 

 

 

.129**

ADL-Funktionen t2

0.544

0.097

.620**

 

Erwartungsdiskrepanz

-0.673

0.445

-.078

 

3.

 

 

 

.006*

ADL x ED

-0.203

0.103

-.195*

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.389**

Anmerkungen. Selbstwirksamkeit: ADL-bezogen, zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): ADL-Funktionen (0) unerwartet schlecht vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = 0.64.
**< .01; *< .05.

Zunächst beeinflussen die berichteten Entlassungsergebnisse die Selbstwirksamkeitserwartungen direkt (β = .620): Patienten, die gute ADL-Funktionen zum Entlassungszeitpunkt berichten, sind überzeugter, ihre ADL-bezogenen Beschwerden zukünftig verringern zu können, als Patienten mit schlechteren ADL-Funktionen. Der signifikante (negative) Moderatoreffekt verdeutlicht, dass dieser positive Effekt der ADL-Ergebnisse durch Erwartungsdiskrepanzen verstärkt wird (β = -0.20). Der Zusammenhang zwischen den aktuellen ADL-Funktionen und der aktuell wahrgenommenen Selbstwirksamkeit ist bei den Patienten mit unerwartet schlechten ADL-bezogenen Behandlungsergebnissen stärker (= .54, t(390) = 5.61, < .01) als bei denjenigen mit erwartungsgemäßer Funktion (= .34, t(390) = 6.93, < .01). Dieser in Abbildung 38 dargestellte Unterschied ist statistisch signifikant, = -.20, t = -1.98, < .05. D.h. bei Patienten mit unerwartet schlechtem Behandlungsergebnis hängt die Selbstwirksamkeit am Ende der Behandlung stärker vom tatsächlich erreichten Ergebnis ab. Ihre Selbstwirksamkeit wird nur dann nicht geschwächt, wenn ihre (unerwartet schlechten) ADL-Funktionen vergleichsweise gut sind.

Abbildung 38: Zusammenhang zwischen den ADL-Funktionen bei Entlassung und der Selbstwirksamkeit bei Aufnahmen für Patienten mit unerwartet schlechten und erwartungsgemäßen ADL-Funktionen (1. Moderatoreffekt).

↓182

Die zweite Moderatorhypothese, dass Erwartungsdiskrepanzen insbesondere dann die Selbstwirksamkeitserwartungen schwächen, wenn diese noch nicht stark ausgebildet waren, kann empirisch nicht bestätigt werden (siehe 12.2.3.2 Anhang D).

6.2.2.3 Zusammenfassung

Die Modellannahmen können nicht einheitlich für erwartungsbezogene Schmerzen und ADL-Funktionen bestätigt werden. Die in den ersten Analysen gefundenen Unterschiede zwischen Patienten mit erwartungsgemäßen und unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen erklären sich durch das Behandlungsergebnis und nicht die Erwartungsdiskrepanz. Patienten mit unerwartet schlechten Ergebnissen sind weniger von ihren Bewältigungsfähigkeiten überzeugt, weil sie vergleichsweise schlechtere Behandlungsergebnisse haben.

Die Untersuchung der postulierten Moderatorhypothesen weist zwei Ergebnismuster für Schmerz- und ADL-bezogene Erwartungsdiskrepanzen aus.

↓183

Erwartungsdiskrepante Schmerzen haben keine Auswirkungen auf die schmerzbezogene Selbstwirksamkeit. Sie schwächen diese weder direkt noch indirekt in Abhängigkeit der Selbstwirksamkeit zu Beginn der Behandlung oder der Schmerzstärke bei Entlassung.

Auch infolge unerwartet schlechter ADL-bezogener Behandlungsergebnisse schwächen ist kein direkter Effekt auf die wahrgenommene Selbstwirksamkeit zu beobachten, wenn zusätzlich das Behandlungsergebnis berücksichtigt wird. Es bestätigt sich jedoch die Annahme, dass sie einen indirekten Effekt haben, indem sie den Zusammenhang zwischen Behandlungsergebnis und Selbstwirksamkeit beeinflussen. Sind die Behandlungsergebnisse unerwartet schlecht, so hängt die Selbstwirksamkeit stärker von den aktuellen ADL-Funktionen ab, als wenn sie erwartungsgemäß sind.

6.2.3 Emotionale Reaktionen

Im Erklärungsmodell wird beschrieben, dass die Erfahrung erwartungsgemäßer Behandlungsergebnisse positive Emotionen und Zufriedenheit auslöst, während mit unerwartet schlechten Ergebnissen negative Emotionen einhergehen sollten.

↓184

Infolge unerwartet schlechter Behandlungsergebnisse sollten insbesondere negative Emotionen eintreten, wenn die Patienten geringe Selbstwirksamkeit wahrnehmen (1. Moderatorhypothese). Währenddessen sollten diejenigen, die am Ende der Rehabilitation von ihren Bewältigungsfähigkeiten überzeugt sind, weniger stark mit negativen Emotionen auf erwartungsdiskrepante Ergebnisse reagieren.

Zudem sollten vergleichsweise starke Beschwerden (Behandlungsergebnis) die negativen Emotionen bei Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen verstärken (2. Moderatorhypothese). Während ein relativ gutes Ergebnis diesen negativen Effekt eines unerwartet schlechten Ergebnisse abschwächen sollte. Demgegenüber sollten relativ geringe Beschwerden bei der Entlassung das emotional negativ erlebte Ausmaß einer Erwartungsdiskrepanz abschwächen.

Als Indikatoren emotionaler Reaktionen werden im Folgenden die Depressivität (ADS-K, Hautzinger & Bailer, 1993) und verschiedene Zufriedenheitsmaße am Ende der Behandlung untersucht: Gesundheitszufriedenheit, Zufriedenheit mit dem Ausmaß an Selbstständigkeit, Beurteilung des Erfolg der Rehabilitation insgesamt und das Gefühl, gut auf das Leben nach der Rehabilitation vorbereitet zu sein.

↓185

Die Hypothesenprüfung erfolgt über hierarchische Regressionsanalysen. Dabei wird für jede Moderatorhypothese ein Modell geprüft. In einem ersten Schritt werden jeweils die Kontrollvariablen Alter, Geschlecht und bei der ersten Moderatorhypothese das Behandlungsergebnis eingeführt. Das Ergebnis wird berücksichtigt, um verdeckte Ergebniseffekte auszuschließen zu können. Der zweite Schritt umfasst die beiden Variablen des Interaktionsterms, der im dritten und letzten Schritt eingeführt wird (vgl. Abschnitt 5.4.2).

6.2.3.1  Emotionen infolge unerwartet starker oder erwartungsgemäßer Schmerzen

Die Frage nach unterschiedlichen Emotionen infolge erwartungsdiskrepanter Schmerzerfahrungen kann zunächst bejaht werden. Wie Abbildung 39 darstellt, geben Patienten mit unerwartet starken Schmerzen zum Entlassungszeitpunkt höhere Depressivitätswerte (= 0.44) und geringere Zufriedenheitswerte an (0.32 ≥≤ 0.39), als diejenigen mit erwartungsgemäßer Schmerzstärke.

Abbildung 39: Emotionale Reaktionen bei Patienten mit unerwartet starken und erwartungsgemäßen Schmerzen zum Entlassungszeitpunkt (= 675).

Anmerkungen. Darstellung in Effektstärken: Positive Werte kennzeichnen geringere Depressivitäts- und höhere Zufriedenheitswerte derjenigen mit erwartungsgemäßen Schmerzen.

↓186

Die zentralen Moderatorhypothesen werden im Folgenden für die verschiedenen Indikatoren untersucht.

Depressivität

Die Depressivität zum Entlassungszeitpunkt wird ausschließlich durch die zum selben Zeitpunkt eingeschätzte Schmerzstärke und Selbstwirksamkeitserwartung vorhergesagt. Weder der Effekt der Erwartungsdiskrepanzen noch die postulierten Moderatoreffekte werden empirisch bestätigt (vgl. 12.2.4.1 Anhang D).

↓187

Gesundheitszufriedenheit

Die erste Moderatorhypothese kann nicht bestätigt werden: Patienten mit unerwartet starken und erwartungsgemäßen Schmerzen sind weder an sich noch in Abhängigkeit der wahrgenommenen Selbstwirksamkeitserwartung unterschiedlich zufrieden mit ihrem Gesundheitszustand bei Entlassung (vgl. 12.2.4.1 Anhang D).

Die Prüfung der zweiten Moderatorhypothese liefert folgendes Ergebnis. Insgesamt werden 12% der Varianz der Gesundheitszufriedenheit am Ende der Behandlung aufgeklärt (siehe Tabelle 20). Die Kontrollvariablen Alter und Geschlecht haben keinen signifikanten Einfluss. Während die aktuelle Schmerzstärke und die Erwartungsdiskrepanz 11% der Varianz aufklären, trägt der Moderatoreffekt einen weiteren Prozentpunkt bei. Demnach sind Patienten an Ende der Rehabilitation umso zufriedener mit ihrem Gesundheitszustand, je geringer ihre Schmerzen zum Entlassungszeitpunkt sind. Und dieser Zusammenhang ist im Fall erwartungsgemäßer Schmerzen stärker als bei unerwartet starken Schmerzen.

↓188

Tabelle 20: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Gesundheitszufriedenheit am Ende der Behandlung durch schmerzbezogene Erwartungsdiskrepanzen. Zweite Moderatorhypothese (= 705)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.00

Alter

0.01

0.01

.05

 

Geschlecht

-0.05

0.14

-.01

 

 

 

 

.11**

2.

Schmerzen t2 a

0.08

0.02

.25**

 

Erwartungsdiskrepanz

-0.22

0.21

-.06

 

 

 

 

.01**

3.

Schmerz x ED

0.10

0.04

.16**

 

 

 

 

Gesamt

R 2 korr.

.12**

Anmerkungen. Schmerzen: zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): Schmerzen (0) unerwartet stark vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = .13.
a Hohe Werte zeigen geringe Schmerzen an.
**< .01, *< .05.

Dieser positive Moderatoreffekt zeigt: Bei Patienten mit erwartungsgemäßen Schmerzen hängt die aktuelle Gesundheitszufriedenheit stärker von der berichteten Schmerzintensität ab (= 0.19, t (699) = 5.94, < .01) als bei denjenigen mit unerwartet starke Schmerzen (= 0.08, t (699) = 4.85, < .01). Der in Abbildung 40 dargestellte Unterschied zwischen den beiden Patientengruppen ist statistisch signifikant; = .10, t = 2.90 < .00.

Abbildung 40: Zusammenhang zwischen Schmerzen und Gesundheitszufriedenheit bei Entlassung für Patienten mit unerwartet starken und erwartungsgemäßen Schmerzen (2. Moderatoreffekt).

↓189

Zufriedenheit mit Ausmaß der eigenen Selbstständigkeit

Das gleiche Bild zeigt sich für die Zufriedenheit mit dem Ausmaß eigner Selbstständigkeit. Während die beiden Patientengruppen sich nicht in Abhängigkeit ihrer Selbstwirksamkeit in der Zufriedenheit unterscheiden (vgl. 12.2.4.1 Anhang D), zeigt sich ein signifikanter Unterschied in Abhängigkeit der berichteten Schmerzstärke (siehe Tabelle 21).

Insgesamt werden 15% der Kriteriumsvarianz aufgeklärt. Unter Kontrolle für Alter und Geschlecht tragen die Schmerzen und Erwartungsdiskrepanzen 14% zur Vorhersage bei. Demnach sind Patienten mit dem Ausmaß ihrer Selbstständigkeit umso zufriedener, je älter sie sind und je geringer ihre derzeitigen Schmerzen sind.

↓190

Der als signifikant ausgewiesene Haupt- und Moderatoreffekt widerspricht der Modellannahme(n): Infolgedessen haben Patienten mit unerwartet starken Schmerzen höhere Zufriedenheitswerte als diejenigen mit erwartungsgemäßer Schmerzstärke, und ihre Zufriedenheit hängt weniger stark von der berichteten Schmerzstärke ab, = 0.11,(704) = 7.24, < .01. Im Gegensatz dazu hängt die Zufriedenheit bei Patienten, die mit erwartungsgemäßen Schmerzen entlassen werden, stärker von ihren Schmerzen ab, = 0.17,(704) = 6.02, < .01. Der in Abbildung 41 dargestellte Unterschied ist (marginal) signifikant, = .06, t = 1.84, = .07. Beide Patientengruppen unterscheiden sich in ihren Zufriedenheitsangaben nicht, wenn sie geringe Schmerzen berichten. Im Fall starker Schmerzen jedoch, sind Patienten mit unerwartet starken Schmerzen zufriedener als Patienten mit erwartungsgemäß starken Schmerzen.

Tabelle 21: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Zufriedenheit mit der eigenen Selbstständigkeit durch schmerzbezogene Erwartungsdiskrepanzen. Zweite Moderatorhypothese (= 710)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.00

Alter

0.01

0.01

.06+

 

Geschlecht

-0.03

0.13

-.01

 

2.

 

 

 

.14**

Schmerzen t2 a

0.11

0.02

.37**

 

Erwartungsdiskrepanz

-0.38

0.19

-.10*

 

3.

 

 

 

.00+

Schmerzen x ED

0.06

0.03

.10+

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.15**

Anmerkungen. Schmerzen: zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): Schmerzen (0) unerwartet stark vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = .17.
a Hohe Werte zeigen geringe Schmerzen an.
* p < .01, **p < .05, + p =.07.

Abbildung 41: Zusammenhang zwischen Schmerzen und Zufriedenheit mit Selbstständigkeit bei Entlassung für Patienten mit unerwartet starken und erwartungsgemäßen Schmerzen (2. Moderatorhypothese).

↓191

Erfolgsbeurteilung

Als weiterer Indikator für emotionale Reaktionen infolge erwartungsbezogener Ergebnissen wird die Erfolgsbeurteilung der Patienten untersucht. Entsprechend der vorherigen Analysen wird nur der zweite Moderatoreffekt als signifikant ausgewiesen. Wie Tabelle 22 zu entnehmen ist, zeigt sich neben dem Haupteffekt der Schmerzstärke ein signifikanter Moderatoreffekt.

Tabelle 22: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Erfolgsbeurteilung durch schmerzbezogene Erwartungsdiskrepanzen. Zweite Moderatorhypothese (= 717)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.01

Alter

0.01

0.01

.06

 

Geschlecht

0.16

0.12

.05

 

2.

 

 

 

.11**

Schmerzen t2 a

0.08

0.01

.31**

 

Erwartungsdiskrepanz

-0.32

0.17

-.10

 

3.

 

 

 

.00*

Schmerzen x ED

0.06

0.03

.11*

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.11**

Anmerkungen. Schmerzen: zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): Schmerzen (0) unerwartet stark vs. (1) erwartungsgemäß.f 2 = 0.13.
a Hohe Werte zeigen geringe Schmerzen an.
** p < .01, p < .05.

↓192

Im Fall erwartungsgemäßer Schmerzen hängt die Erfolgsbeurteilung stärker von der derzeitigen Schmerzstärke ab (= 0.14, t(711) = 5.45, < .01) als bei denjenigen mit unerwartet starken Schmerzen (= 0.08, t(711) = 5.99, < .01). Der in Abbildung 42 veranschaulichte Unterschied ist statistisch signifikant, = .06, t = 1.96, < .05.

Abbildung 42: Zusammenhang zwischen Schmerzen und der Erfolgsbeurteilung bei Entlassung für Patienten mit unerwartet starken und erwartungsgemäßen Schmerzen (2. Moderatoreffekt).

Auch hier zeigt sich, dass Patienten den persönlichen Erfolg der Behandlung ähnlich beurteilen, wenn sie mit geringen Schmerzen entlassen werden. Bei starken Schmerzen hingegen, beurteilen Patienten mit unerwartet starken Schmerzen den Erfolg der Rehabilitation positiver als diejenigen, deren Schmerzen erwartungsgemäß stark sind.

↓193

Gefühl, gut auf das Leben nach der Rehabilitation vorbereitet zu sein

Als letzter Indikator wird das Gefühl, gut auf das Leben nach der Entlassung vorbereitet zu sein, untersucht. Es findet sich das bisher gefundene Ergebnismuster für beide Moderatorhypothesen.

Tabelle 23: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage des „Gefühls, gut auf das Leben nach der Reha vorbereitet zu sein“ durch schmerzbezogene Erwartungsdiskrepanzen. Erste Moderatorhypothese (= 440)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.06**

Alter

0.01

0.00

.10*

 

Geschlecht

0.00

0.06

.00

 

Schmerzen t2 a

0.01

0.01

.14**

 

2.

 

 

 

.07**

Selbstwirksamkeit t2

0.25

0.07

.22**

 

Erwartungsdiskrepanz

0.02

0.08

.02

 

3.

 

 

 

.01*

SWE x ED

0.21

0.11

.11*

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.13**

Anmerkungen. Selbstwirksamkeit (SWE): schmerzbezogen, zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): Schmerzen (0) unerwartet stark vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = 0.15.
a Hohe Werte zeigen geringe Schmerzen an.
**p < .01, *p < .05.

↓194

Abbildung 43: Zusammenhang zwischen der Selbstwirksamkeit und dem „Gefühl, gut auf das Leben nach der Reha vorbereitet zu sein“ bei Entlassung für Patienten mit unerwartet starken und erwartungsgemäßen Schmerzen (1. Moderatoreffekt).

Ältere Patienten mit geringen Schmerzen und hoher schmerzbezogener Selbstwirksamkeitserwartung fühlen sich besser auf das Leben nach der Rehabilitation vorbereitet als jüngere Patienten, die stärkere Schmerzen und geringere Selbstwirksamkeit berichten (siehe Tabelle 9). Das Gefühl, gut vorbereitet zu sein, hängt zudem bei Patienten mit erwartungsgemäßer Schmerzstärke stärker von der Höhe der Selbstwirksamkeit ab (= 0.46, t (433) = 5.29, < .01), als bei denjenigen mit unerwartete starken Schmerzen (= 0.25, t (433) = 3.77, < .01). Der in Abbildung 43 dargestellte Unterschied ist signifikant, = .21, t = 1.99, p < .05.

In Tabelle 24 ist das Ergebnis für die zweite Moderatorhypothese dargestellt.

↓195

Tabelle 24: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage des „Gefühls, gut auf das Leben nach der Reha vorbereitet zu sein“ durch schmerzbezogene Erwartungsdiskrepanzen. Zweite Moderatorhypothese (=714)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.01*

Alter

0.01

0.00

.10**

 

Geschlecht

-0.03

0.05

-.02

 

2.

 

 

 

.07**

2

Schmerzen t2 a

0.02

0.01

.17**

 

Erwartungsdiskrepanz

-0.07

0.07

-.05

 

3.

 

 

 

.02**

Schmerzen x ED

0.04

0.01

.19**

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.09**

Anmerkungen. Schmerzen: zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): Schmerzen (0) unerwartet stark vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = 0.10.
a Hohe Werte zeigen geringe Schmerzen an.
**p < .01, *p < .05.

Abbildung 44: Zusammenhang zwischen Schmerzen und dem „Gefühl, gut auf das Leben nach der Reha vorbereitet zu sein“ bei Entlassung für Patienten mit unerwartet starken und erwartungsgemäßen Schmerzen (2. Moderatoreffekt).

Anmerkung. Hohe Schmerzskalenwert bei Entlassung zeigen geringe Schmerzen an.

Bei Patienten mit erwartungsgemäßer Schmerzstärke hängt das Gefühl, gut vorbereitet zu sein, stärker von der berichteten Schmerzstärke ab (= 0.06, t(708) = 5.67, < .01), als bei denjenigen mit unerwartete starken Schmerzen (= 0.02, t(708) = 3.16, < .01). Der in Abbildung 44 veranschaulichte Unterschied ist signifikant, = .04, t = 3.48, < .01.

6.2.3.2 Emotionen infolge unerwartet schlechter und erwartungsgemäßer ADL-Funktionen

↓196

Im Anschluss an die Untersuchung der emotionalen Reaktionen aufgrund erwartungsdiskrepanter Schmerzen stehen nun Diskrepanzen zwischen erwarteten und zum Entlassungszeitpunkt berichteten ADL-Funktionen im Fokus der Analysen. Die grundlegende Annahme wird bivariat bestätigt, dass mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen höhere Depressivitätswerte (= 0.36) und geringere Zufriedenheitswerte (0.15 ≥≤ 0.56) einhergehen als bei erwartungsgemäßen Funktionen (siehe Abbildung 45).

Abbildung 45: Emotionale Reaktionen bei Patienten mit unerwartet schlechten und erwartungsgemäßen ADL-Funktionen zum Entlassungszeitpunkt (= 728).

Anmerkungen. Darstellung der Unterschiede in Effektstärken: Positive Werte kennzeichnen geringere Depressivitäts- und höhere Zufriedenheitswerte derjenigen mit erwartungsgemäßen ADL-Funktionen.

Die zentralen Modellannahmen, dass Patienten mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen insbesondere bei geringer Selbstwirksamkeit bzw. schlechten Behandlungsergebnissen emotional negativ reagieren, werden im Folgenden untersucht.

↓197

Depressivität

Die Modellannahmen werden für die zum Entlassungszeitpunkt berichtete Depressivität bestätigt. Das Ergebnis der ersten Hypothesenprüfung führt Tabelle 25 auf. Insgesamt beträgt die Varianzaufklärung der Depressivität bei Entlassung 12%. Über den Einfluss der Kontrollvariablen (4%) trägt die Selbstwirksamkeit 8% und der Moderatoreffekt 1% zur Vorhersage bei. Ältere und weibliche Patienten geben bei der Entlassung höhere Depressivitätswerte an, als jüngere und männliche. Die Depressivitätswerte sind umso höher, je geringer die Patienten überzeugt sind, durch eigenes Verhalten ihre ADL-bezogenen Beschwerden verringern zu können.

Tabelle 25: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Depressivität durch ADL-bezogene Erwartungsdiskrepanzen. Erste Moderatorhypothese (= 437)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.04**

Alter

0.01

0.03

.01**

 

Geschlecht

0.54

0.64

.04*

 

ADL-Funktionen t2

-0.11

0.09

-.08

 

2.

 

 

 

.08**

Selbstwirksamkeit t2

-0.72

0.14

-.44**

 

Erwartungsdiskrepanz

0.63

0.74

.04

 

3.

 

 

 

.01*

SWE x ED

0.32

0.16

.16*

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.12**

Anmerkungen. Selbstwirksamkeit t2 (SWE): ADL-bezogen, zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): ADL-Funktionen (0) unerwartet schlecht vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = .13.
**p < .01, * p < .05.

↓198

Abbildung 46: Zusammenhang zwischen ADL-bezogener Selbstwirksamkeit und Depressivität bei Entlassung für Patienten mit unerwartet schlechten und erwartungsgemäßen ADL-Funktionen (1. Moderatoreffekt).

Dabei ist dieser Zusammenhang zwischen Selbstwirksamkeit und Depressivität stärker bei Patienten mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen (= -0.72, t(430) = -5.30, < .01) im Vergleich zu denjenigen mit erwartungsgemäßen Funktionen (= -0.40, t(430) = -3.84, < .01). Der signifikante Unterschied zwischen beiden Patientengruppen ist in Abbildung 46 dargestellt, = 0.32, t = 1.98, < .05. Patienten mit unerwartet schlechten ADL-bezogenen Behandlungsergebnissen sind insbesondere dann weniger depressiv, wenn sie von ihren Bewältigungsfähigkeiten überzeugt sind. Ihr durchschnittlicher Depressivitätswert ist wesentlich geringer als der Wert der Patienten mit gering wahrgenommener Selbstwirksamkeit. Im Vergleich dazu unterscheiden sich Patienten mit erwartungsgemäßen ADL-Funktionen weniger stark in ihrer depressiven Stimmung.

Das Ergebnisse der zweiten Hypothesenprüfung stellt Tabelle 26 dar. Insgesamt erklärt das Modell 10% der Depressivität zum Entlassungszeitpunkt; 9% durch die aktuell berichteten ADL-Funktionen und die Erwartungsdiskrepanz und 1% durch den Moderatoreffekt. Die Depressivitätswerte sind bei der Entlassung umso höher, je schlechter die ADL-Funktionen sind.

↓199

Im Gegensatz zum signifikanten Haupteffekt der ADL-Funktionen kann der Effekt der Erwartungsdiskrepanz nicht eindeutig interpretiert werden. Es handelt sich um eine hybride Interaktion (vgl. Bortz, 1993). D.h. der als Haupteffekt ausgewiesene Zusammenhang – dass die Depressivitätswerte bei unerwartet schlechten Ergebnissen geringer sind – gilt nicht für alle Ausprägungen der ADL-Funktionen. Sind die ADL-Funktionen bei der Entlassung gering, so sind die Depressivitätswerte im Fall der Erwartungsdiskrepanz höher als im Fall der Erwartungsübereinstimmung.

Der signifikant positive Moderatoreffekt zeigt an, dass der Zusammenhang zwischen ADL-Funktionen und Depressivität stärker bei Patienten mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen ausgeprägt ist, = -0.79, t(721) = -5.53, < .01. Wie Abbildung 47 darstellt, ist er im Fall erwartungsgemäßer ADL-bezogener Behandlungsergebnisse schwächer, = -0.35, t(721) = -6.27, < .01. Bei diesen Patienten ist es für ihre depressive Stimmung am Ende der Behandlung relativ unerheblich wie gut die Funktionsfähigkeit (tatsächlich) ist – ihre Depressivitätswerte unterscheiden sich bei schlechten und guten ADL-Funktionen kaum. Anders ist es bei Patienten mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen: Vergleichsweise gute ADL-Funktionen wirken hohen Depressivitätswerten entgegen. Der Unterschied zwischen beiden Patientengruppen ist signifikant, = 0.45, t = 2.91, < .01.

Tabelle 26: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Depressivität durch ADL-bezogene Erwartungsdiskrepanzen. Zweite Moderatorhypothese (N = 707)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.01

Alter

0.02

0.02

.03

 

Geschlecht

0.05

0.46

.00

 

2.

 

 

 

.09**

ADL-Funktionen t2

-0.79

0.14

-.63**

 

Erwartungsdiskrepanz

2.17

0.78

.15**a

 

3.

 

 

 

.01**

ADL-Funktionen t2 x ED

0.45

0.15

.29**

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.10**

Anmerkungen. ADL-Funktionen: zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): ADL-Funktionen (0) unerwartet schlecht vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = 0.11.
a Der Haupteffekt ist nicht eindeutig interpretierbar.
**p < .01, *p < .05.

↓200

Abbildung 47: Zusammenhang zwischen ADL-Funktionen und Depressivität bei Entlassung für Patienten mit unerwartet schlechten und erwartungsgemäßen ADL-Funktionen (2. Moderatoreffekt).

Gesundheitszufriedenheit

Die zweite Moderatorhypothese wird in Bezug auf die Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit am Ende der Rehabilitation bestätigt (siehe Tabelle 27). Die Varianzaufklärung beträgt 14%. Patienten sind umso zufriedener mit ihrem Gesundheitszustand, je besser ihre ADL-Funktionen sind. Und dieser Zusammenhang ist stärker, wenn diese ADL-bezogenen Behandlungsergebnisse unerwartet schlecht sind.

↓201

Tabelle 27: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Gesundheitszufriedenheit durch ADL-bezogene Erwartungsdiskrepanzen. Zweite Moderatorhypothese (= 751)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.00

Alter

0.01

0.01

.06

 

Geschlecht

0.21

0.14

.05

 

2.

 

 

 

.13**

ADL-Funktionen t2

0.26

0.04

.65**

 

Erwartungsdiskrepanz

-0.34

0.24

-.07

 

3.

 

 

 

.01**

ADL-Funktionen t2 x ED

-0.13

0.05

-.28**

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.14**

Anmerkungen. ADL-Funktionen: zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): ADL-Funktionen (0) unerwartet schlecht vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = 0.16.
**p < .01, *p < .05.

Die Gesundheitszufriedenheit von Patienten mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen hängt stärker von ihren derzeitigen ADL-bezogenen Beschwerden ab, = 0.26, t(745) = 5.91, < .01. Aus Abbildung 48 geht der Unterschied zwischen Patienten mit vergleichsweise guten und schlechten ADL-Funktionen deutlich hervor. Bei Patienten mit erwartungsmäßen ADL-bezogenen Behandlungsergebnissen ist es für ihre Gesundheitszufriedenheit relativ unerheblich wie gut oder schlecht ihre ADL-Funktionen sind, b = 0.13, t(745) = 7.46, < .01). Schlechte ADL-Funktionen führen bei ihnen weniger zu Unzufriedenheit. Der Unterschied zwischen beiden Patientengruppen ist signifikant, = -0.13, t = -2.84, < .01.

Abbildung 48: Zusammenhang zwischen ADL-Funktionen und Gesundheitszufriedenheit bei Entlassung für Patienten mit unerwartet schlechten und erwartungsgemäßen ADL-Funktionen (2. Moderatoreffekt).

↓202

Zufriedenheit mit dem Ausmaß der eigenen Selbstständigkeit

Die zweite Moderatorhypothese wird auch für die Zufriedenheit mit dem Ausmaß eigener Selbstständigkeit bestätigt (siehe Tabelle 28). Die Varianzaufklärung der Zufriedenheitsangaben bei Entlassung beträgt insgesamt 17%. Patienten sind am Ende der Behandlung umso zufriedener mit dem Ausmaß ihrer Selbstständigkeit, wenn sie weiblich sind, je älter sie sind und je bessere ADL-Funktionen sie haben.

Dieser Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit und den ADL-Funktionen ist stärker im Fall unerwartet schlechter ADL-Funktionen, b = 0.21, t(749) = 5.84, < .01. Patienten mit unerwartet schlechten ADL-bezogenen Behandlungsergebnissen machen ihre Zufriedenheit stärker von ihren derzeitigen Beschwerden abhängig, als diejenigen mit erwartungemäßen Funktionen, b = 0.14, t(749) = 9.70, < .01. Der Unterschiede zwischen beiden Patientengruppen ist signifikante, = -0.08, t = -2.00, < .05. Abbildung 49 ist zu entnehmen, dass bei schlechten ADL-Funktionen kein Unterschied zwischen den beiden Patientengruppen vorliegt. Sie sind ähnlich unzufrieden mit ihrer Selbstständigkeit. Sind die ADL-Funktionen jedoch gut, so wirkt sich dass bei Patienten mit unerwartet schlechten Funktionen erkennbar positiv auf ihre Zufriedenheit aus.

↓203

Tabelle 28: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Zufriedenheit mit der eigener Selbstständigkeit durch ADL-bezogene Erwartungsdiskrepanzen. Zweite Moderatorhypothese (= 755)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.00

Alter

0.02

0.01

.09**

 

Geschlecht

0.24

0.12

.07*

 

2.

 

 

 

.17**

ADL-Funktionen t2

0.22

0.04

.64**

 

Erwartungsdiskrepanz

-0.35

0.21

-.09

 

3.

 

 

 

.00*

ADL-Funktionen t2 x ED

-0.08

0.04

-.19*

 

Gesamt

 

 

 

 

R 2 korr.

 

 

 

.17**

Anmerkungen. ADL-Funktionen: zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): ADL-Funktionen (0) unerwartet schlecht vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = 0.21.
**p < .01, *p < .05.

Abbildung 49: Zusammenhang zwischen ADL-Funktionen und Zufriedenheit mit der Selbstständigkeit bei Entlassung für Patienten mit unerwartet schlechten und erwartungsgemäßen ADL-Funktionen (2. Moderatoreffekt).

Erfolgsbeurteilung

↓204

Die beiden postulierten Moderatorhypothesen bestätigen sich hinsichtlich der Beurteilung des persönlichen Erfolgs der Rehabilitation.

Das Ergebnis der ersten Hypothesenprüfung stellt Tabelle 29 dar. Die Varianzaufklärung beträgt 10%. Über die Kontrollvariablen (8%) hinaus tragen die Selbstwirksamkeit und Erwartungsdiskrepanz weitere 3% und der Moderatoreffekt 1% zur Vorhersage der Erfolgsbeurteilung bei. Die Patienten beurteilen den Erfolg ihrer Rehabilitation umso positiver, je älter sie sind, je besser ihre ADL-Funktionen sind und je überzeugter sie von ihren Bewältigungsfähigkeiten sind.

Tabelle 29: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Erfolgsbeurteilung durch ADL-bezogene Erwartungsdiskrepanzen. Erste Moderatorhypothese (= 466)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.08**

Alter

0.02

0.01

.11**

 

Geschlecht

0.16

0.15

.05

 

ADL-Funktionen t2

0.05

0.02

.15**

 

2.

 

 

 

.03**

Selbstwirksamkeit t2

0.12

0.03

.32**

 

Erwartungsdiskrepanz

0.13

0.17

.04

 

3.

 

 

 

.01*

SWE x ED

-0.08

0.04

-.16*

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.10**

Anmerkungen. Selbstwirksamkeit t2 (SWE): ADL-bezogen, zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): ADL-Funktionen (0) unerwartet schlecht vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = 0.11.
**p < .01, *p < .05.

↓205

Der negative Moderatoreffekt zeigt an, dass der Zusammenhang zwischen Selbstwirksamkeit und Erfolgsbeurteilung bei Patienten mit unerwartet schlechten ADL-bezogenen Behandlungsergebnissen stärker ist, b = 0.12, t(459) = 3.95, < .01. Diese Patienten beurteilen den Erfolg der Rehabilitation umso negativer, je weniger sie von ihren Bewältigungsfähigkeiten überzeugt sind. Wie Abbildung 50 darstellt, hängt die Erfolgsbeurteilung der Patienten mit erwartungemäßen Funktionen weniger stark von der wahrgenommenen Selbstwirksamkeit ab, b = 0.04, t(459) = 1.89, < .01. Der Unterschied zwischen beiden Patientengruppen ist signifikant, = -0.08, t = -2.06, < .05.

Abbildung 50: Zusammenhang zwischen Selbstwirksamkeit und Erfolgsbeurteilung bei Entlassung für Patienten mit unerwartet schlechten und erwartungsgemäßen ADL-Funktionen (1. Moderatoreffekt).

Das Ergebnis der zweiten Hypothesenprüfung liefert Tabelle 30.

↓206

Tabelle 30: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Erfolgsbeurteilung durch ADL-bezogen Erwartungsdiskrepanzen. Zweite Moderatorhypothese (= 762)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.01

Alter

0.01

0.01

.08*

 

Geschlecht

0.24

0.11

.07*

 

2.

 

 

 

.08**

ADL-Funktionen t2

0.20

0.04

.63**

 

Erwartungsdiskrepanz

-0.37

0.19

-.10

 

3.

 

 

 

.01**

ADL-Funktionen t2x ED

-0.13

0.04

-.34*

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.09**

Anmerkungen. ADL-Funktionen: zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): ADL-Funktionen (0) unerwartet schlecht vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = 0.10.
**p < .01, *p < .05.

Abbildung 51: Zusammenhang zwischen ADL-Funktionen und Erfolgsbeurteilung bei Entlassung für Patienten mit erwartet schlechten und erwartungsgemäßen ADL-Funktionen (2. Moderatoreffekt).

Die Varianzaufklärung beträgt 9%. Die Patienten sind umso zufriedener mit dem persönlichen Erfolg ihrer Rehabilitation, je älter sie sind, wenn sie weiblich sind und je besser ihre ADL-Funktionen sind. Und der letztgenannte Zusammenhang ist stärker im Fall unerwartet schlechter ADL-bezogener Behandlungsergebnisse, b = 0.20, t(756) = 5.56, < .01. Diese Patienten beurteilen den Erfolg der Rehabilitation insbesondere dann positiv, wenn sie gleichzeitig vergleichsweise gute ADL-Funktionen haben. Wie Abbildung 51 veranschaulicht, hängt die Erfolgsbeurteilung der Patienten mit erwartungemäßen Ergebnissen kaum mit dem Ausmaß ihrer ADL-Funktionen zusammen, b = 0.07, t(756) = 5.09, < .01. Der Unterschied zwischen beiden Patientengruppen ist signifikant, = -0.13, t = -3.40, < .01.

↓207

Gefühl, gut auf das Leben nach der Rehabilitation vorbereitet zu sein

Anhand des letzten Indikators werden weder Haupt- noch Moderatoreffekte ausgewiesen. Die Antwort auf die Frage „Fühlen Sie sich jetzt am Ende Ihrer Rehabilitation gut auf das Leben nach der Rehabilitation vorbereitet?“ wird lediglich durch das Alter, die Selbstwirksamkeitserwartungen bzw. die aktuell beurteilten ADL-Funktionen erklärt (9% und 5%; vgl. 12.2.4.2 Anhang D).

6.2.3.3 Zusammenfassung

Es wurde angenommen, dass die Erfahrung erwartungsgemäßer Behandlungsergebnisse positive Emotionen und Zufriedenheit auslöst, während mit unerwartet schlechten Ergebnissen negative Emotionen einhergehen sollten. Insbesondere sollten dann negative Emotionen eintreten, wenn die Patienten sich unsicher sind, durch eigenes Verhalten ihre Beschwerden zukünftig verringern zu können. Auch vergleichsweise starke Beschwerden sollte negative Emotionen bei Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen verstärken oder zumindest auslösen. Während ein relativ gutes Ergebnis diesen negativen Effekt eines unerwartet schlechten Ergebnisse abschwächen sollte.

↓208

Die ersten (bivariaten) Analysen stützen die Annahme, dass mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen – starken Schmerzen oder schlechten ADL-Funktionen – negative emotionale Reaktionen einhergehen. Die Berücksichtigung des Behandlungsergebnisses, d.h. der Schmerzen bzw. ADL-Funktionen bei Entlassung, zeigte jedoch, dass die gefundenen Unterschiede durch die vergleichsweise stärkeren Schmerzen bzw. schlechteren ADL-Funktionen bedingt waren.

Die Modellannahmen werden nicht einheitlich bestätigt, vielmehr zeigen sich zwei verschiedene Ergebnismuster für schmerz- und ADL-bezogene Erwartungsdiskrepanzen. Während infolge schmerzbezogener Erwartungsdiskrepanzen paradoxe Moderatoreffekte beobachtet werden, können die postulierten Effekte infolge ADL-bezogener Ergebnisse bestätigt werden.

Demnach werden unerwartet starke Schmerzen nicht im Sinne eines Misserfolges erlebt, der die Zufriedenheit mindert. Bei Patienten mit unerwartet starken Schmerzen verstärkt sich die Unzufriedenheit weder infolge vergleichsweise stärkere Schmerzen noch verringert sie sich durch verhältnismäßig geringen Schmerzen. Es zeigt sich vielmehr der gegenteilige Effekt. Zunächst scheint die Schmerzstärke an sich entscheidend zu sein: Patienten mit starken Schmerzen sind unzufriedener als Patienten mit geringen Schmerzen. Dieser Zusammenhang ist – entgegen der Modellannahme – im Fall erwartungs gemäßer Schmerzen stärker ausgeprägt. Haben Patienten erwartungsgemäß geringe Schmerzen, so sind sie deutlich zufriedener als Patienten mit erwartungsgemäß starken Schmerzen. Währenddessen spielen die Schmerzen bei Patienten mit unerwartet starken Schmerzen eine geringere Rolle für die Zufriedenheit: Patienten mit geringen und starken Schmerzen sind ähnlich zufrieden.

↓209

Im Gegensatz dazu bestätigen sich angenommenen indirekten (Moderator-)Effekte für unerwartet schlechte und erwartungsgemäße ADL-Funktionen. Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnisse reagieren umso depressiver, je geringer ihre Selbstwirksamkeit bzw. vergleichsweise stark ihre Beschwerden sind (1. und 2. Moderatorhypothese). Sind sie hingegen von ihren Bewältigungsfähigkeiten überzeugt bzw. haben relativ gute ADL-Funktionen, so schwächt dies den emotional negativen Effekte unerwarteter Behandlungsergebnisse ab. Patienten mit erwartungsgemäßen ADL-Funktionen zum Entlassungszeitpunkt reagieren auf ihre Selbstwirksamkeit bzw. ihre Beschwerden weniger emotional.

Hinsichtlich der Beurteilung des persönlichen Erfolgs der Rehabilitation wirken sich unerwartet schlechte Behandlungsergebnisse indirekt aus, indem sie die Effekte der wahrgenommenen Selbstwirksamkeit bzw. der ADL-Funktionen moderieren (1. und 2. Moderatorhypothese). Bei Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen hängt die Erfolgsbeurteilung stärker von diesen Faktoren ab.

Darüber hinaus ist zu beobachten, dass bei Patienten mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen die Zufriedenheit mit dem eigenen Gesundheitszustand und dem Ausmaß eigener Selbstständigkeit von der Beurteilung der ADL-Funktionen abhängt (2. Moderatorhypothese). Die Unzufriedenheit wird bei Patienten mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen durch vergleichsweise schlechte Behandlungsergebnisse verstärkt und durch verhältnismäßig gute Behandlungsergebnisse abgeschwächt.

6.2.4 Bewältigungsreaktionen

6.2.4.1  Erwartungen

↓210

Das Erklärungsmodell beschreibt im Anschluss an emotionale Reaktionen Bewältigungsreaktionen, d.h. Versuche mit diesem Misserfolg eines erwartungsdiskrepanten Behandlungsergebnisses umzugehen, um den Selbstregulationsprozess wiederherzustellen. Dabei können Bewältigungsversuche an den Erwartungen oder dem Verhalten ansetzen.

Angenommen wird, dass infolge erwartungsgemäßer Behandlungsergebnisse die anfänglichen Erwartungen angehoben werden, während bei unerwartet schlechten Ergebnissen tendenziell die Erwartungen gesenkt werden. Dabei sollten Veränderung der Erwartungen insbesondere von der wahrgenommenen Selbstwirksamkeit (1. Moderatorhypothese) bzw. dem Ausmaß der aktuellen Beschwerden (2. Moderatorhypothese) abhängen. Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen sollten dann ihre Erwartungen senken, wenn sie sich zugleich ihre Bewältigungsfähigkeiten unsicher sind bzw. ihre Beschwerden verhältnismäßig stark sind. Anders sollten sie an ihren Erwartungen festhalten oder diese anheben, wenn sie hohe Selbstwirksamkeit wahrnehmen bzw. nur noch relativ geringe Beschwerden haben.

Die Hypothesenprüfung erfolgt über hierarchische Regressionsanalysen. Dabei wird für jede Moderatorhypothese ein Modell geprüft. Die Kontrollvariablen Alter, Geschlecht und die Erwartungen bei Aufnahme (Ausgangswert) werden in einem ersten Schritt – und bei der ersten Moderatorhypothese das Behandlungsergebnis in einem zweiten Schritt – eingeführt. Das Ergebnis wird berücksichtigt, um verdeckte Ergebniseffekte ausschließen zu können. Die folgenden Schritte umfassen die beiden Variablen des Interaktionsterms sowie den Interaktionsterm (vgl. Abschnitt 5.4.2).

6.2.4.1.1  Schmerzerwartungen am Ende der Behandlung

↓211

Die Annahme, dass Patienten mit unerwartet starken Schmerzen ihre Erwartungen nach unten anpassen (bzw. diese weniger stark steigern), während diejenigen mit erwartungsgemäßen Ergebnissen neue, höhere Erwartungen für die Zukunft formulieren, bestätigt sich bivariat (siehe Abbildung 52). Bei der Interpretation ist zu beachten, dass verkürzt von Steigerung und Senkung der Erwartungen gesprochen wird. Das bedeutet im Fall der Schmerzreduktionserwartungen, dass Patienten am Ende der Behandlung geringere bzw. stärkere Schmerzen erwarten als zu Beginn der Behandlung.

Abbildung 52: Erwartete und berichtete Schmerzstärke von Patienten mit unerwartet starken und erwartungsgemäßen Schmerzen zum Entlassungszeitpunkt (= 705).

Anmerkungen. Unterschiede bei Aufnahme und bei Entlassung sowie Veränderung während der Rehabilitation. Angabe in Effektstärken: Positive Werte zeigen geringere Schmerzen derjenigen mit erwartungsgemäßen Schmerzen an und eine stärkere Schmerzreduktion.

Die Schmerzreduktionserwartungen der Patienten mit unerwartet starken Schmerzen verändern sich während der Rehabilitation kaum (= 0.07). Zum Entlassungszeitpunkt haben diese Patienten geringere Schmerzreduktionserwartungen, d.h. sie erwarten sechs Monate später stärkere Schmerzen zu haben als diejenigen mit erwartungsgemäßer Schmerzstärke (= 0.79). Abbildung 52 veranschaulicht jedoch auch, dass beide Patientengruppen unterschiedlich starke Schmerzen hatten und haben. Patienten, die mit unerwartet starken Schmerzen entlassen werden, geben stärkere Schmerzen zu Beginn (= 0.97) und am Ende der Behandlung (= 1.84) an, als diejenigen mit erwartungsgemäßer Schmerzstärke (vgl. auch 11 Anhang B).

↓212

Die Prüfung der postulierten Moderatorhypothesen liefert folgende Ergebnisse.

Die erste Moderatorhypothese wird, wie Tabelle 31 zu entnehmen ist, bestätig. Insgesamt beträgt die Varianzaufklärung der Schmerzergebniserwartungen bei Entlassung 52%. Allein 25% davon entfallen auf die anfänglichen Schmerzerwartungen (Ausgangswert) und 25% auf die derzeitige Schmerzstärke. Darüber hinaus erklären die schmerzbezogene Selbstwirksamkeitserwartung und die Erwartungsdiskrepanz weitere 3% und der Moderatoreffekt 1%. Die Schmerzreduktionserwartungen steigen, je geringer die Schmerzen zum Entlassungszeitpunkt sind, und, wenn die Schmerzen bei der Entlassung unerwartet stark sind.

In Bezug auf die in Abbildung 52 beschriebenen bivariaten Ergebnisse verkehrt sich bei statistischer Kontrolle für die aktuelle Schmerzstärke der Unterschied ins Gegenteil. Patienten mit unerwartet starken Schmerzen formulieren absolut betrachtet geringere Schmerzreduktionserwartungen, wobei dies auf ihre vergleichsweise stärkeren Schmerzen zurückzuführen ist. Aufgrund ihrer stärkeren Schmerzen erwarten sie auch in einem halben Jahr noch stärkere Schmerzen zu haben als die Patienten, deren Schmerzen bei der Entlassung erwartungsgemäß und (durchschnittlich) geringer sind.

↓213

Tabelle 31: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Schmerzerwartungen a am Ende der Behandlung durch schmerzbezogene Erwartungsdiskrepanzen. Erste Moderatorhypothese (= 440)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.25**

Alter

-0.01

0.02

-.02

 

Geschlecht

0.07

0.33

.01

 

Schmerzerwartungen t1 a

0.07

0.05

.06

 

2.

 

 

 

.25**

Schmerzen t2 a

0.53

0.04

.68**

 

3.

 

 

 

.03**

Selbstwirksamkeit t2

1.46

0.36

.18**

 

Erwartungsdiskrepanz

-1.53

0.46

-.14**b

 

4.

 

 

 

.01**

SWE x ED

-1.53

0.59

-.11**

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.52**

Anmerkungen. Selbstwirksamkeit t2 (SWE): schmerzbezogen, zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): Schmerzen (0) unerwartet stark vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = 1.10.
a Hohe Werte zeigen geringe Schmerzen bzw. Erwartung geringer Schmerzen an.
b Dieser Haupteffekt kann nicht eindeutig interpretiert werden.
**p < .01, *p < .05.

Im Gegensatz zum signifikanten Haupteffekt der Erwartungsdiskrepanz kann der Effekt der Selbstwirksamkeitserwartung nicht eindeutig interpretiert werden, da es sich um eine hybride Interaktion handelt (vgl. Bortz, 1993). Der als Haupteffekt ausgewiesene Zusammenhang – dass hohe Selbstwirksamkeit mit hohen Schmerzreduktionserwartungen verbunden sind – gilt nur für Patienten mit erwartungsdiskrepanten Behandlungsergebnissen.

Entsprechend der Moderatorhypothese steigern Patienten mit unerwartet starken Schmerzen dann ihre Schmerzreduktionserwartungen, wenn sie von ihrer Schmerzbewältigungsfähigkeit überzeugt sind, b = 1.46, t(432) = 4.06, < .01). Abbildung 53 veranschaulicht, dass die Schmerzerwartungen von Patienten mit erwartungsgemäßer Schmerzstärke nicht von ihrer Selbstwirksamkeit abhängen (= -0.07, t(432) = -0.14, > .05). Der Unterschied zwischen beiden Patientengruppen ist signifikant, = -1.53, t = -2.61, < .01.

↓214

Abbildung 53: Zusammenhang zwischen Selbstwirksamkeit und Schmerzerwartungen bei Entlassung für Patienten mit unerwartet starken und erwartungsgemäßen Schmerzen (1. Moderatoreffekt).

Die Prüfung der zweiten Moderatorhypothese liefert ein ähnliches Ergebnis (siehe Tabelle 32). Die Schmerzreduktionserwartungen steigen, je geringer die Schmerzen zum Entlassungszeitpunkt sind.

Tabelle 32: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Schmerzerwartungen a am Ende der Behandlung durch schmerzbezogene Erwartungsdiskrepanzen. Zweite Moderatorhypothese (= 718)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.29**

Alter

-0.01

0.01

-.02

 

Geschlecht

0.16

0.21

.02

 

Schmerzerwartungen a t1

0.15

0.04

.14**

2.

 

 

 

.25**

Schmerzen a t2

0.58

0.03

.87**

 

Erwartungsdiskrepanz

-0.93

0.35

-.11** b

 

3.

 

 

 

.02**

Schmerzen x ED

-0.35

0.06

-.26**

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.55**

Anmerkungen. Schmerzen: zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): Schmerzen (0) unerwartet stark vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = 1.24.
a Hohe Werte zeigen geringe Schmerzen bzw. Erwartung geringer Schmerzen an.
b Dieser Haupteffekt kann nicht eindeutig interpretiert werden.
**p < .01, *p < .05.

↓215

Der signifikante Haupteffekt der Erwartungsdiskrepanz kann jedoch nicht eindeutig interpretiert werden, da es sich um eine hybride Interaktion handelt (vgl. Bortz, 1993). Der als Haupteffekt ausgewiesene Zusammenhang – dass die Schmerzreduktionserwartungen bei unerwartet schlechten Ergebnissen höher sind – gilt nicht für alle Ausprägungen der Schmerzen. Sind die Schmerzen bei der Entlassung gering, so sind die Erwartungen bei unerwartet schlechten Ergebnissen geringer als bei erwartungsgemäßen.

Abbildung 54: Zusammenhang zwischen Schmerzen und Schmerzerwartungen bei Entlassung für Patienten mit unerwartet starken und erwartungsgemäßen Schmerzen (2. Moderatoreffekt).

Entsprechend der Moderatorhypothese steigern Patienten mit unerwartet starken Schmerzen dann ihre Schmerzreduktionserwartungen, wenn ihre Schmerzen vergleichsweise gering sind, = 0.58, t(711) = 19.07, < .01.

↓216

Die Schmerzerwartungen von Patienten mit erwartungemäßer Schmerzstärke hängen hingegen, wie Abbildung 54 veranschaulicht, weniger stark von der aktuellen Schmerzstärke ab, = 0.23, t(711) = 3.72, < .01. Der Unterschied zwischen beiden Patientengruppen ist signifikant, = -0.35, t = -6.17, < 01.

6.2.4.1.2 ADL-bezogene Erwartungen am Ende der Behandlung

Die Annahme, dass Patienten mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen ihre Erwartungen nach unten anpassen, während diejenigen mit erwartungsgemäßen Ergebnissen neue, höhere Erwartungen für die Zukunft formulieren, bestätigt sich bivariat (siehe Abbildung 55). Bei der Interpretation ist allgemein zu beachten, dass verkürzt von Steigerung und Senkung der Erwartungen gesprochen wird. Das bedeutet im Fall der ADL-bezogenen Erwartungen, dass Patienten am Ende der Behandlung bessere bzw. schlechtere ADL-Funktionen erwarten als zu Beginn der Behandlung.

Abbildung 55: Erwartete und berichtete ADL-Funktionen von Patienten mit unerwartet schlechten und erwartungsgemäßen ADL-Funktionen zum Entlassungszeitpunkt (= 743).

Anmerkungen. Unterschiede bei Aufnahme und bei Entlassung sowie Veränderung während der Rehabilitation. Angabe in Effektstärken: Positive Werte zeigen bessere ADL-Funktionen derjenigen mit erwartungsgemäßen Funktionen an bzw. stärkere Verbesserungen.

↓217

Patienten, die mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen entlassen werden, haben geringere Erwartungen für die Zukunft (= 0.19). Während der Behandlung sind ihre Erwartungen weniger stark gestiegen (= 0.38), als die derjenigen mit erwartungsgemäßen Ergebnissen (= 1.49). Sowohl zum Aufnahme- als auch zum Entlassungszeitpunkt habe Patienten, die mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen entlassen werden, schlechtere ADL-Funktionen (= 0.82; = 1.64). Ihre anfänglichen ADL-bezogenen Erwartungen waren höher, d.h. sie erwarteten mit besseren ADL-Funktionen entlassen zu werden, als diejenigen mit erwartungsgemäßen Behandlungsergebnissen (= -0.70).

Die Untersuchung der postulierten Moderatorhypothesen liefert folgende Ergebnisse.

Die Ergebnisse der ersten Hypothesenprüfung enthält Tabelle 33. Die Varianzaufklärung der ADL-bezogenen Erwartungen bei der Entlassung beträgt insgesamt 50%. Allein 24% davon entfallen auf die anfänglichen Erwartungen (Ausgangswert) und 15% auf die aktuellen ADL-Funktionen. Darüber hinaus tragen die ADL-bezogene Selbstwirksamkeit und die Erwartungsdiskrepanz weitere 12% zur Vorhersage bei. Die Moderatorhypothese wird nicht bestätigt. Die ADL-bezogenen Erwartungen steigen, je besser die ADL-Funktionen bei der Entlassung, je höher die ADL-bezogene Selbstwirksamkeit und, wenn die ADL-bezogenen Behandlungsergebnisse unerwartet schlecht sind.

↓218

Auch hier verkehrt sich bei statistischer Kontrolle für das aktuelle Ausmaß der ADL-Funktionen der in Abbildung 55 dargestellte Diskrepanzeffekt ins Gegenteil (vgl. Abschnitt 6.2.4.1.1). Patienten mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen formulieren absolut betrachtet geringere ADL-bezogene Erwartungen, wobei dies auf ihre vergleichsweise schlechteren ADL-Funktionen zurückzuführen ist. Aufgrund ihrer schlechteren ADL-Funktionen erwarten sie auch in einem halben Jahr noch schlechtere Funktionen zu haben als die Patienten, deren ADL-Funktionen bei der Entlassung erwartungsgemäß und (durchschnittlich) besser sind.

Tabelle 33: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der ADL-bezogenen Erwartungen am Ende der Behandlung durch ADL-bezogene Erwartungsdiskrepanzen. Erste Moderatorhypothese (= 452)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.24**

Alter

-0.02

0.01

-.05

 

Geschlecht

0.57

0.29

.07*

 

ADL-Erwartungen t1

0.04

0.05

.05

 

2.

 

 

 

.15**

ADL-Funktionen t2

0.40

0.06

.45**

 

3.

 

 

 

.12**

Selbstwirksamkeit t2

0.37

0.06

.37**

 

Erwartungsdiskrepanz

-1.78

0.52

-.20**

 

4.

 

 

 

.00

SWE x ED

0.01

0.07

.01

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.50**

Anmerkungen. Selbstwirksamkeit t2 (SWE): ADL-bezogen, zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): ADL-Funktionen (0) unerwartet schlecht vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = 0.99.
**p < .01, *p < .05.

Die Prüfung der zweiten Moderatorhypothese liefert ein ähnliches Ergebnis (siehe Tabelle 34). Die ADL-bezogenen Erwartungen steigen, je besser die ADL-Funktionen bei der Entlassung und, wenn die ADL-bezogenen Behandlungsergebnisse unerwartet schlecht sind.

↓219

Tabelle 34: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der ADL-bezogenen Erwartungen am Ende der Behandlung durch ADL-bezogene Erwartungsdiskrepanzen. Zweite Moderatorhypothese (= 742)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.27**

Alter

-0.02

0.01

-.06*

 

Geschlecht

0.64

0.22

.09**

 

ADL-Erwartungen t1

0.16

0.04

.22**

 

2.

 

 

 

.13**

ADL-Funktionen t2

0.53

0.07

.72**

 

Erwartungsdiskrepanz

-1.42

0.44

-.17**

 

3.

 

 

 

.00*

ADL x ED

-0.17

0.07

-.19*

 

Gesamt

 

 

 

 

R 2 korr.

 

 

 

.40**

Anmerkungen. ADL-Funktionen: zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): ADL-Funktionen (0) unerwartet schlecht vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = 0.66.
**p < .01, *p < .05.

Entsprechend der Moderatorhypothese steigern Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen dann ihre Erwartungen, wenn ihre ADL-Funktionen vergleichsweise gut sind, = 0.53, t(735) = 7.28, < .01.

Abbildung 56: Zusammenhang zwischen ADL-Funktionen und ADL-bezogenen Erwartungen bei Entlassung für Patienten mit unerwartet schlechten und erwartungsgemäßen ADL-Funktionen (2. Moderatoreffekt).

↓220

Die ADL-bezogenen Erwartungen von Patienten mit erwartungemäßen Behandlungsergebnissen hängen hingegen weniger stark vom derzeitigen Ausmaß der ADL-Funktionen ab, wie Abbildung 55 veranschaulicht, = 0.36, t(735) = 7.83, < .01. Der Unterschied zwischen beiden Patientengruppen ist signifikant, = -0.17, t = -2.28, < .05.

6.2.4.1.3 Zusammenfassung

Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen formulieren geringere Erwartungen für die Zukunft; sie steigern ihre Erwartungen während der Rehabilitation weniger als Patienten, die mit erwartungsgemäßen Ergebnissen entlassen werden. Die Untersuchung der Modelannahmen zeigt jedoch, dass sich dieser Unterschied ins Gegenteil verkehrt, wenn für das aktuelle Beschwerdeausmaß statistisch kontrolliert wird. Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen formulieren absolut betrachtet geringere Erwartungen, weil sie vergleichsweise größere Beschwerden haben. Aufgrund ihrer stärkeren Beschwerden erwarten sie auch in einem halben Jahr noch mehr Beschwerden zu haben als die Patienten, deren Behandlungsergebnisse erwartungsgemäß und (durchschnittlich) besser sind.

Dieser Unterschied lässt sich anhand des Konstruktes des (bereichsspezifischen) Änderungsdrucks von Fuchs (1996; 1997) erklären. Damit ist das Ausmaß gemeint, zu dem eine Person die Notwendigkeit fühlt, dass ein spezifischer Lebensbereich wie der körperliche Gesundheitszustand nicht so bleiben kann, wie er ist, und verändert werden muss. Dabei wird postuliert, dass Änderungsdruck entsteht, wenn ein Lebensbereich ängstigend, unbequem (unpleasant) oder unbefriedigend ist. Während nach Bandura (1997) angenommen wurde, dass Erwartungsdiskrepanzen im Sinne eines Misserfolges entmutigen, und daraufhin die Erwartungen gesenkt oder aufgegeben werden, wird hier die motivationssteigernde Komponente in Bezug auf das Konstrukt Risikowahrnehmung unterstrichen. Vor diesem Hintergrund scheinen Patienten, deren Behandlungsergebnisse schlechter als erwartet sind, Änderungsdruck zu verspüren. DA ihre unerwartet schlechten körperlichen Beschwerden so nicht andauern sollen, erhöhen sie entsprechend ihre Erwartungen und erwarten, ein halbes Jahr später geringere Beschwerden zu haben.

↓221

Die signifikanten Moderatoreffekte weisen darauf hin, dass Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen ihre Erwartungen nicht unrealistisch, weltfremd oder blind steigern. Vielmehr steigern sie ihre Erwartungen, wenn sie zugleich von ihrer Bewältigungsfähigkeit (betr. Schmerzerwartungen) überzeugt sind bzw. vergleichsweise geringe Beschwerden haben. Diese Ergebnisse sind konform mit den Annahmen von Bandura (1997) und Fuchs (1996; 1997). Nach Fuchs (1996; 1997) tritt kein Änderungsdruck ein, wenn die Personen depressiv sind – d.h. geringe Selbstwirksamkeit wahrnehmen. Im Fall von Depressivität (geringer Selbstwirksamkeit) würden Risikowahrnehmung und Unzufriedenheit (erwartungsdiskrepante Behandlungsergebnisse) zu zusätzlichen Gefühlen der eigenen Hilflosigkeit führen. Diese Personen nehmen keinen Druck wahr, dass der unerwartet schlechte Gesundheitszustand (durch eigenes Verhalten) verändert werden muss.

6.2.4.2 Verhalten

Das Erklärungsmodell beschreibt ferner, dass die Erfahrung erwartungsdiskrepanter Behandlungsergebnisse motivational wirken und beispielsweise das (weitere) Gesundheitsverhalten beeinflussen soll. Das Gesundheitsverhalten – wie regelmäßige krankengymnastische Übungen – sollte als Möglichkeit wahrgenommen werden, nach diesem Misserfolg erwartungsdiskrepanter Behandlungsergebnisse den Selbstregulationsprozess wiederherzustellen und durch Veränderung des Gesundheitszustandes die Erwartungsdiskrepanz zu verringern. Es wird allerdings angenommen, dass Patienten im Fall unerwartet schlechter Ergebnisse nur dann häufiger krankengymnastische Übungen durchführen, wenn sie zugleich auch von ihren Bewältigungsfähigkeiten überzeugt sind (1. Moderatorhypothese) bzw. vergleichsweise geringe Beschwerden haben (2. Moderatorhypothese).

Als Indikator für Gesundheitsverhalten wird die Häufigkeit selbstständig durchgeführter Übungen pro Woche ausgewertet (vgl. Abschnitt 5.2.1.8). Sechs Monate nach der Entlassung geben von den 770 Studienteilnehmern 74% an, weiterhin selbstständig krankengymnastische Übungen durchgeführt zu haben (n = 573). 13% verneinen die Frage (= 98) und weitere 13% geben keine Antwort (n = 99). Von den 573 aktiven Patienten machen 63% (n = 363) eine Angabe über die Häufigkeit durchgeführter Übungen pro Woche: Sie führen durchschnittlich 5.02 Übungen in der Woche durch (SD = 2.10, Range: 1-7). In die Analysen werden demnach die 363 aktiven und 98 inaktiven Patienten eingeschlossen (n = 461). Der Durchschnitt wöchentlich durchgeführter Übungen beträgt für diese Gruppe 3.95 (SD = 2.77, Range: 0-7).

↓222

Die Hypothesenprüfung erfolgt über hierarchische Regressionsanalysen. Dabei wird für jede Moderatorhypothese ein Modell geprüft. Die Kontrollvariablen Alter und Geschlecht werden in einem ersten Schritt – und bei der ersten Moderatorhypothese das Behandlungsergebnis in einem zweiten Schritt – eingeführt. Das Ergebnis wird berücksichtigt, um verdeckte Ergebniseffekte auszuschließen. Die folgenden Schritte umfassen die beiden Variablen des Interaktionsterms sowie den Interaktionsterm (vgl. Abschnitt 5.4.2).

Die vergleichende Untersuchung der Patienten, die mit unerwartet starken und erwartungsgemäßen Schmerzen entlassen wurden, liefert kein signifikantes Ergebnis. Die Regressionsmodelle sind nicht signifikant.

Ausgehend von den ADL-bezogenen Erwartungsdiskrepanzen am Ende der Rehabilitation wird die zweite Moderatorhypothese bestätigt. Das Ergebnis ist Tabelle 35 zu entnehmen. Die Varianzaufklärung der Häufigkeit wöchentlich durchgeführter Übungen beträgt insgesamt 3%. Hiernach führen Patienten umso mehr Übungen in der Woche durch, je jünger sie sind, wenn sie weiblich sind und, wenn ihre ADL-bezogenen Behandlungsergebnisse unerwartet schlecht waren.

↓223

Tabelle 35: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Häufigkeit durchgeführter krankengymnastischer Übungen (pro Woche) sechs Monate nach der Entlassung durch ADL-bezogene Erwartungsdiskrepanzen. Zweite Moderatorhypothese (= 358)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

.03**

Alter

-0.03

0.01

-.11*

 

Geschlecht

0.75

0.30

.13**

 

2.

 

 

 

.00

ADL-Funktionen t2

0.18

0.09

.31* a

 

Erwartungsdiskrepanz

-1.03

0.51

-.16*

 

3.

 

 

 

.01*

ADL x ED

-0.22

0.10

-.31*

Gesamt

R 2 korr.

.03

Anmerkungen. ADL-Funktionen: zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): ADL-Funktionen (0) unerwartet schlecht vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = 0.03.
a Dieser Haupteffekt kann nicht eindeutig interpretiert werden.
**p < .01, *p < .05.

Der signifikante Haupteffekt der ADL-Funktionen kann nicht eindeutig interpretiert werden, da es sich um eine hybride Interaktion handelt (Bortz, 1993). Der als Haupteffekt ausgewiesene Zusammenhang – dass gute ADL-Funktionen mit mehr Übungen pro Woche verbunden sind – gilt nur für Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen.

Der postulierte Moderatoreffekt wird bestätigt: Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen führen umso mehr Übungen in der Woche durch, je (vergleichsweise) besser ihre ADL-Funktionen zum Entlassungszeitpunkt waren, = .18, t(352) = 1.93, < .05. Das Gesundheitsverhalten von Patienten mit erwartungemäßen Behandlungsergebnissen hängen hingegen kaum vom Ausmaß der ADL-Funktionen zum Entlassungszeitpunkt ab, wie Abbildung 57 veranschaulicht, = -.04, t(352) = -1.07, > .05). Der Unterschied zwischen beiden Patientengruppen ist signifikant, = -0.22, t = 2.21, < .05.

↓224

Abbildung 57 ist zu entnehmen, dass Patienten mit vergleichsweise schlechten ADL-bezogenen Behandlungsergebnissen (Skalenwert von -4.77) im Durchschnitt vier Mal in der Woche Übungen durchführen. Es ist kein Unterschied zu beobachten, ob diese ADL-Beschwerden zu Beginn der Behandlung erwartete worden waren oder nicht. Wurden die Patienten mit relativ guten ADL-Funktionen entlassen (Skalenwert von +4.77), zeigen sich jedoch Unterschiede. Im Fall unerwartet schlechter Behandlungsergebnisse ist ein motivationaler Effekt zu erkennen. Patienten, die mit unerwartet schlechten Ergebnissen entlassen wurden und zugleich relativ geringe Beschwerden hatten, führen im Durchschnitt sechs Übungen pro Woche durch. Bei Patienten mit erwartungsgemäß guten ADL-Funktionen ist ein derartiger motivationaler Effekt nicht zu beobachten.

Abbildung 57: Zusammenhang zwischen ADL-Funktionen bei Entlassung und der Häufigkeit durchgeführter krankegymnastischer Übungen sechs Monate nach der Entlassung für Patienten, die mit unerwartet schlechten und erwartungsgemäßen ADL-Funktionen entlassen wurden (2. Moderatoreffekt).

Zusammenfassend bestätigt sich anhand des wöchentlichen Übungsverhaltens nicht, dass Patienten mit erwartungsgemäßen ADL-bezogenen Behandlungsergebnissen motivierter sind als diejenigen, die mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen entlassen wurden. Vielmehr sind die Patienten mit unerwartet schlechten Ergebnissen motivierter und führen wöchentlich eine Übung mehr durch (B = -1.03). Dieser motivationale Effekt lässt sich anhand des Konstruktes Änderungsdruck (Fuchs, 1996; 1997) erklären. Wie bereits im Kontext der Ergebniserwartungen beschrieben (vgl. Abschnitt 6.2.4.1.3), ist damit das Ausmaß gemeint, zu dem eine Person die Notwendigkeit fühlt, dass zum Beispiel ihre körperlicher Gesundheitszustand nicht so bleiben kann, wie er ist, und verändert werden muss.

↓225

Der Befund, dass unerwartet schlechte ADL-bezogene Behandlungsergebnisse dann mit geringer Gesundheitszufriedenheit und geringer Zufriedenheit mit dem Ausmaß eigener Selbstständigkeit verbunden sind, wenn die ADL-Funktionen schlecht sind, unterstreicht, dass Patienten infolge unerwartet schlechter ADL-Funktionen Änderungsdruck verspüren und daher besonders motiviert sind, ihre unerwartet schlechten gesundheitlichen Beschwerden durch eigenes Verhalten zu verringern.

Der signifikante Moderatoreffekt weist darauf hin, dass Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen vornehmlich dann körperlich aktiv sind, wenn sie vergleichsweise geringe Beschwerden bei der Entlassung hatten. Zu vermuten ist, dass in diesem Fall die Erfolgswahrscheinlich hoch eingeschätzt wurde (wird), durch regelmäßiges Übungsverhalten die (unerwarteten) ADL-bezogenen Beschwerden verringern zu können. Im Vergleich dazu haben erwartungsgemäße Behandlungsergebnisse keine motivationsfördernde Wirkung: Diese Patienten sind nicht übermäßig engagiert und aktiv.

Zur relativ geringen Vorhersagekraft kann erklärend gesagt werden, dass üblicherweise in Untersuchungen von Gesundheitsverhalten mit einer Varianzaufklärung von 19-38% gerechnet werden kann (Ouellette & Wood, 1998). In den meisten Studien werden jedoch nicht beschwerdebezogene Selbstwirksamkeits- und Ergebniserwartungen, sondern vielmehr verhaltensbezogene Erwartungen und die Verhaltensintentionen als Prädiktor untersucht – letztere klären in der Regel rund 20% der Varianz von Gesundheitsverhalten auf (Abraham et al., 1998). Ein anderer wichtiger Prädiktor ist das vergangene Gesundheitsverhalten (Sutton, 2002). Die Untersuchung des Gesundheitsverhaltens wurde im Rahmen der MSK-QMS Studie nicht vor dem Hintergrund gesundheitspsychologischer Theorien konzipiert, so dass anzunehmen ist, dass bei künftiger Berücksichtigung dieser Konstrukte mit einer höheren Vorhersagekraft gerechnet werden kann.

6.2.5 Beschwerden sechs Monate nach der Entlassung

↓226

Die empirische Prüfung des vorgestellten Erklärungsmodells wird mit der Untersuchung des Gesundheitszustandes sechs Monate nach der Entlassung aus der Rehabilitationsklinik beendet. Angenommen wird, dass sich Patienten mit unerwartet schlechten und erwartungsgemäßen Behandlungsergebnissen auch sechs Monate später im Ausmaß ihrer Beschwerden unterscheiden. Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen sollten mehr Beschwerden haben – es sein denn, hohe Selbstwirksamkeit wirke dem entgegen.

6.2.5.1  Schmerzen

Patienten, die mit unerwartet starken Schmerzen entlassen wurden berichten sechs Monate später (auch) stärkere Schmerzen (= 36.48, SD = 5.12, = 245) als diejenigen mit erwarteter Schmerzstärke (= 31.95, SD = 7.84, = 278), t(481.67) = 7.90, < .01, = 0.72.14

Die Prüfung der Moderatorhypothese zeigt jedoch, dass bei Berücksichtigung der Schmerzstärke zum Entlassungszeitpunkt und der derzeitigen Selbstwirksamkeitserwartung, der Unterschied nicht mehr besteht (siehe Tabelle 36). Die stärkeren Schmerzen derjenigen, die mit unerwartet starken Schmerzen entlassen wurden, erklären sich dadurch, dass sie bereits bei der Entlassung stärkere Schmerzen hatten, als Patienten mit erwartungsgemäßen schmerzbezogenen Behandlungsergebnissen. Die Varianzaufklärung beträgt 40%. Über die Schmerzstärke bei der Entlassung (Ausgangswert; 23%) tragen die Selbstwirksamkeit weitere 18% und der Moderatoreffekt 1% zur Vorhersage bei. Die Schmerzen verringern sich während der ersten sechs Monate nach der Entlassung umso stärker, je höher die Selbstwirksamkeit, d.h. je stärker die Überzeugung von der eigenen Schmerzbewältigungsfähigkeit, wahrgenommen wird.

↓227

Tabelle 36: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Schmerzen sechs Monate nach der Entlassung durch erwartungsdiskrepante schmerzbezogene Behandlungsergebnisse (= 232)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.23**

Alter

0.08

0.04

.10*

 

Geschlecht

0.59

0.83

.04

 

Schmerzen t2

0.32

0.08

.27**

 

2.

 

 

 

.18**

Selbstwirksamkeit t3

5.33

0.67

.51**

 

Erwartungsdiskrepanz

1.85

1.09

.11

 

3.

 

 

 

.01*

SWE x ED

-2.37

1.20

-.12*

 

Gesamt

R 2 korr.

 

 

 

.40**

Anmerkungen. Selbstwirksamkeit t3 (SWE): schmerzbezogen, zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): Schmerzen (0) unerwartet stark vs. (1) erwartungsgemäß. f 2 = 0.66.
**p < .01, *p < .05.

Abbildung 58: Zusammenhang zwischen Selbstwirksamkeit und Schmerzen sechs Monate nach der Entlassung für Patienten, die mit unerwartet starken und erwartungsgemäßen Schmerzen entlassen wurden.

Der negative Moderatoreffekt zeigt an, dass Patienten, die mit unerwartet starken Schmerzen entlassen wurden, sechs Monate später umso geringere Schmerzen haben, je überzeugter sie davon sind, ihre Schmerzen selbst verringern zu können, = 5.33, t(225) = 7.92, < .01. Die Schmerzen von Patienten mit erwartungemäßen Behandlungsergebnissen hängen hingegen weniger stark von der derzeitig wahrgenommenen Selbstwirksamkeit ab, wie Abbildung 58 veranschaulicht, = 2.96, t(225) = 2.94, < .01. Der Unterschied zwischen beiden Patientengruppen ist signifikant, = -2.37, t = -1.97, < .05.

↓228

Zu erkennen ist, dass Patienten, die ihre Selbstwirksamkeit sechs Monate nach der Entlassung hoch einschätzen, zu diesem Zeitpunkt relativ geringe Schmerzen angeben – unabhängig davon, ob ihre Schmerz zum Entlassungszeitpunkt erwartungsgemäß oder unerwartet stark waren. Wird die eigene schmerzbezogene Selbstwirksamkeit jedoch gering beurteilt, so zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen beiden Patientengruppen: Patienten, die mit unerwartet starken Schmerzen entlassen wurden, berichten stärkere Schmerzen als diejenigen mit erwartungsgemäßer Schmerzstärke.

6.2.5.2 ADL-Funktionen

Patienten, die mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen entlassen wurden berichten sechs Monate später (auch) schlechtere ADL-Funktionen (= 10.95, SD = 4.37, = 405) als diejenigen mit erwartungsgemäßen ADL-Funktionen (= 8.84, SD = 5.07, = 131), t(196.42) = 4.28, < .01, = 0.61.

Das Ergebnis der Modellprüfung ist in Tabelle 37 aufgeführt. Die Varianzaufklärung beträgt 31%. Über die Funktionsskala zum Entlassungszeitpunkt hinaus (26%) tragen die Selbstwirksamkeit und Erwartungsdiskrepanz weitere 5% und der Moderatoreffekt 2% zur Vorhersage bei.

↓229

Die ADL-Funktionen verbessern sich während den ersten sechs Monaten nach der Entlassung umso stärker, je höher die Selbstwirksamkeit bei der Entlassung war.

Tabelle 37: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage der ADL-Funktionen sechs Monate nach der Entlassung durch erwartungsdiskrepante ADL-bezogene Behandlungsergebnisse (= 312)

Schritt

Variablen

B

SE B

β

ΔR 2

1.

 

 

 

.26**

Alter

-0.14

0.03

-.25**

 

Geschlecht

0.34

0.51

.03

 

ADL-Funktionen t2

0.46

0.07

.41**

 

2.

 

 

 

.05**

Selbstwirksamkeit t2

0.53

0.11

.42**

 

Erwartungsdiskrepanz

-1.38

0.59

-.13* a

 

3.

 

 

 

.02**

SWE x ED

-0.38

0.13

-.24**

 

Gesamt

 

 

 

R 2 korr.

 

 

 

.31**

Anmerkungen. Selbstwirksamkeit (SWE): ADL-bezogen, zentriert. Erwartungsdiskrepanz (ED): ADL-Funktionen (0) unerwartet schlecht vs. (1) erwartungsgemäß. f 2= 0.45.
a Dieser Haupteffekt kann nicht eindeutig interpretiert werden.
**p < .01, *p < .05.

Der signifikante Haupteffekt der Erwartungsdiskrepanz kann nicht eindeutig interpretiert werden. Es handelt sich um eine hybride Interaktion (vgl. Bortz, 1993). Der als Haupteffekt ausgewiesene Zusammenhang – dass die ADL-Funktionen bei unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen besser sind – gilt nicht für alle Ausprägungen der Selbstwirksamkeitserwartungen. Sind die Selbstwirksamkeitserwartungen bei der Entlassung gering, so sind die ADL-Funktionen bei unerwartet schlechten Ergebnissen geringer als bei erwartungsgemäßen.

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Abbildung 59: Zusammenhang zwischen Selbstwirksamkeit am Ende der Rehabilitation und ADL-Funktionen sechs Monate nach der Entlassung für Patienten, die mit unerwartet schlechten und erwartungsgemäßen ADL-Funktionen entlassen wurden.

Der signifikante Moderatoreffekt zeigt an, dass insbesondere bei Patienten mit unerwartet schlechten Behandlungsergebnissen die Selbstwirksamkeitserwartungen bei der Entlassung mit einer Verbesserung der ADL-Funktionen verbunden sind, = 0.53, t(305) = 4.98, = 0.01. Die ADL-Funktionen von Patienten mit erwartungsgemäßen Behandlungsergebnissen hängen hingegen weniger stark von der Selbstwirksamkeit ab, wie Abbildung 59 veranschaulicht, = 0.15, t(305) = 1.86, < .01. Der Unterschied zwischen beiden Patientengruppen ist signifikant, = -0.38, t = -2.90, < .01.

Zu erkennen ist, dass Patienten, die ihre Selbstwirksamkeit bei der Entlassung gering einschätzen, sechs Monate später relativ schlechte ADL-Funktionen haben – unabhängig davon, ob ihre Beschwerden zum Entlassungszeitpunkt erwartungsgemäß oder unerwartet stark waren. Wird die eigene ADL-bezogene Selbstwirksamkeit jedoch hoch beurteilt, so zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen beiden Patientengruppen. Patienten, die mit unerwartet schlechten ADL-Funktionen entlassen wurden, berichten geringere Beschwerden als diejenigen mit erwartungsgemäßen ADL-Funktionen.

6.2.5.3 Zusammenfassung

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Zusammenfassen kann gesagt werden, dass der postulierte Unterschied zwischen Patienten mit unerwartet schlechten und erwartungsgemäßen Behandlungsergebnissen, nicht bestätigt wird.

Mit Bezug zu Bandura (1997) kann der Schluss gezogen werden, dass im Fall hoher Selbstwirksamkeit Erfahrungen vorliegen, wie unerwartet schlechte Behandlungsergebnisse bewältigt werden können, während diese bei geringer Selbstwirksamkeit fehlen. Es ist anzunehmen, dass Patienten mit gering wahrgenommener Selbstwirksamkeit keine geeigneten kognitiven Bewältigungsstrategien zur Verfügung haben und somit stärkere Schmerzen berichten als Patienten mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung. Patienten mit hoch wahrgenommener ADL-bezogener Selbstwirksamkeit scheinen verhaltensbezogene Bewältigungsstrategien anzuwenden (vgl. Abschnitt 6.2.4.2) und somit ihre unerwarteten Beschwerden zum Entlassungszeitpunkt mittelfristig verringern zu können.

Die gefundenen Moderatoreffekte unterstreichen die Bedeutung erwartungsdiskrepanter Behandlungsergebnisse für den weiteren Rehabilitationsprozess. Sowohl die Schmerzstärke als auch die ADL-Funktionen sechs Monate nach der Entlassung sind im Fall unerwartet schlechter Behandlungsergebnisse umso geringer bzw. besser, je höher die Selbstwirksamkeit wahrgenommene wird bzw. wurde.


Fußnoten und Endnoten

9  Bei der Interpretation der Item- und Skalenwerte ist zu beachten, dass alle Angaben umgepolt wurden und ein hoher Wert immer eine geringe Schmerzintensität kennzeichnet.

10  Die angegebenen Diskrepanzen beziehen sich hier auf die unstandardisierte Summenskala. Die Übereinstimmungskoeffizienten unterscheiden sich nicht wesentlich.

11  Bei der Interpretation der Schmerzskalenwerte ist zu beachten, dass alle Angaben umgepolt wurden und ein hoher Wert immer (die Erwartung) geringe(r) Schmerzen kennzeichnet.

12  Bei der Interpretation von Werten des Harris Hip Scores ist zu beachten, dass hohe Werte einen guten Gesundheitszustand kennzeichnen. Hohe Schmerzskalenwerte zeigen geringe Schmerzen an. Die Angaben der Schmerzerwartungsskala sind ebenso gepolt: Hohe Werte bedeuten Erwartungen geringer Schmerzen.

13  Mit Bezug auf Aiken und West (1991) sowie Cohen und Cohen (1983) wurden die Folgeanalysen zu signifikanten Moderatoreffekten für überdurchschnittlich hohe (eine Standardabweichung über dem Mittelwert), durchschnittliche (Mittelwert) und unterdurchschnittlich geringe Werten (eine Standardabweichung unter dem Mittelwert) berechnet. Zur Wahrung der Übersichtlichkeit wird verkürzt von „hoch“, „mittel“ und „gering“ gesprochen.

14  Bei der Interpretation ist zu beachten, dass die Werte so gepolt wurden, dass positive Werte geringe Schmerzen kennzeichnen.



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05.10.2006