6 Zusammenfassung und Ausblick

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Das posttraumatische Hirnödem trägt zur erhöhten Morbidität und Mortalität Schädel-Hirn-traumatisierter Patienten bei und ist u.a. Ausdruck einer Blut-Hirn-Schranken-Störung. Die Magnetresonanztomographie (MRT) erlaubt bei dieser Traumaentität neben der rein morphologischen Darstellung der Läsion in T2-gewichteter Bildgebung auch die funktionelle Diagnostik der Blut-Hirnschranken-Funktion anhand der Kontrastmittelextravasation, z.B. von Gadolinium-DTPA, in T1-gewichteter Bildgebung. Hierdurch ist es möglich das antiödematöse Potential systemisch applizierter Substanzen zu evaluieren.

Das vasodilatierende Bradykinin führt als einer der Hauptbestandteile des Kallikrein-Kinin-Systems durch eine Aktivierung der endothelialen Bradykinin-B2-Rezeptoren zu einer Öffnung der Blut-Hirn-Schranke und trägt damit zur Entstehung und Aufrechterhaltung des vasogenen bzw. zytotoxischen Hirnödems bei. Die selektive Hemmung der B2-Rezeptoren soll die Ausbreitung des posttraumatisch vasogenen Hirnödems verhindern.

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Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit wurde zunächst die Entwicklung des vasogenen Hirnödems, der hemisphäralen Schwellung und der Integrität der Blut-Hirn-Schranke im zeitlichen Verlauf bis 7 Tage nach Controlled Cortical Impact Injury (CCII) an Ratten anhand T2- und T1-gewichteter MRT-Bildgebung näher charakterisiert. Im zweiten Teil wurde eine mögliche therapeutische Beeinflußbarkeit des posttraumatischen Ödems und der Blut-Hirn-Schrankenöffnung durch frühe Gabe des spezifischen B2-Antagonisten LF 16.0687 Ms unter der Anwendung magnetresonanztomographischer und gravimetrischer Methoden untersucht.

In den T2-gewichteten Sequenzen kam es innerhalb der ersten 90 Minuten zum prozentual stärksten Anstieg der Schwellung der traumatisierten Hemisphäre nach CCII (5,84 ± 0,59 %). Die maximale hemisphärale Schwellung lag in der Zeit zwischen 24 und 48 Stunden vor (14,12 ± 1,47 % und 15,24 ± 1,49 %) und nahm im weiteren Verlauf bis 7 Tage nach CCII um 7 % ab. In den T1-gewichteten Aufnahmen erreichte die durch die Extravasation von Gadolinium-DTPA erzeugte Kontrastverstärkung innerhalb des Läsionszentrums bereits 6 Stunden nach CCII ein Maximum, während sie in der Ödemperipherie zu diesem Zeitpunkt noch zunahm und nach 48 Stunden Maximalwerte erreichte. Bei einer frühzeitigen Gabe des Kontrastmittels 90 Minuten nach CCII kam es im Verlauf zu einer signifikant höheren Kontrastverstärkung innerhalb der traumatisierten Hemisphäre, was durch eine Retention des extravasierten Kontrastmittels erklärt werden kann. Dies könnte mit den zuvor erwähnten Ergebnissen für eine frühe Restitution der Blut-Hirn-Schranken Integrität innerhalb der Kontusion sprechen, während der Verschluß perikontusionell erst später erfolgt.

Der spezifische B2-Antagonist LF 16.0687 Ms führte bei frühzeitiger Gabe nach CCII verglichen mit den Kontrolltieren zu einer signifikanten Reduktion der gravimetrisch bestimmten posttraumatischen hemisphäralen Schwellung um 27%. In einer weiteren Meßreihe konnte LF 16.0687 Ms den anhand T2-gewichteter Aufnahmen planimetrisch bestimmten Schwellungsanstieg der traumatisierten Hemisphäre ebenfalls reduzieren. Hierbei korrelierte die magnetresonanztomographisch ermittelte hemisphärale Schwellung signifkant mit den gravimetrisch gemessenen Werten (Spearman-Koeffizient: 0,87).

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Aufgrund der vorliegenden Ergebnisse wird deutlich, daß für die Behandlung des Ödems aufgrund der posttraumatischen Blut-Hirn-Schranken-Dynamik ein therapeutisches Fenster nur für wenige Stunden nach dem Trauma besteht. Obwohl die posttraumatische diagnostische Bildgebung zweifelsfrei eine Domäne der Computertomographie ist, stellt die Magnetresonanztomographie zwar eine zeit- und kostenaufwendige, aber auch konkurrenzlose Methode dar, mit der die Entwicklung der hemisphäralen Schwellung und der Zustand der Blut-Hirn-Schranke dargestellt und quantifiziert werden kann. Sie wird zukünftig die Charakterisierung möglicher zerebraler Angriffspunkte neuroprotektiver Medikamente erleichtern.


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29.11.2006