Einleitung

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Zu einem Zeitpunkt, zu dem es in Deutschland auch für hellsichtige Großraumdenker allmählich eng zu werden drohte, konnte sich Carl Schmitt zu einer Lobeshymne auf einen politischen Grundsatz des gerade noch unerklärten Feindes aus Übersee aufschwingen. Freilich unterscheidet der Rechtstheoretiker zwischen der Monroedoktrin in ihrer ursprünglichen Absicht und jener, wie Schmitt es nennt, ‚gefälschten Version’, die der amerikanischen Außenpolitik unter Theodore Roosevelt seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein expansionistisches und aggressives Gepräge verliehen habe. Carl Schmitt, der seinen Vortrag über die „Völkerrechtliche Großraumordnung“ 1939 hielt, mochte in den Vereinigten Staaten von Amerika bereits den künftigen Kriegsgegner ausgemacht haben und von diesem eine Bedrohung der eigenen deutschen Großraumphantasien befürchten. Auch wenn Schmitts Vortrag den nationalsozialistischen Angriffskrieg legitimieren und ein Interventionsverbot für „raumfremde Mächte“ begründen sollte, bleibt die Schärfe seiner Analyse des amerikanischen „Großraumprinzips“ davon unbenommen.

Die Monroedoktrin, die 1823 Bestandteil eines jährlichen Berichts war, den der Präsident James Monroe dem Kongress vortrug, stellte zum Zeitpunkt ihrer Formulierung vor allem eine Warnung an den russischen Zaren dar, der Expansionsbestrebungen in Alaska und an der amerikanischen Nordwestküste erkennen ließ. Außerdem warnte sie die europäischen Großmächte vor einer Einmischung in die Angelegenheiten der lateinamerikanischen Republiken, die die USA lieber selbst kontrollieren wollten.

Schmitt erkennt in der Doktrin über die Proklamation von konkreten Interessensphären hinaus eine politisch systematische Emanzipation, die die noch junge amerikanische Demokratie von den überkommenen europäischen Kolonialmächten unterscheidet:

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„Die echte und ursprüngliche Monroedoktrin hatte als Gegendoktrin das monarchistisch-dynastische Legitimitätsprinzip im Auge. Dieses gab dem damaligen status quo der europäischen Machtverteilung die Weihe und Heiligkeit des Rechts; es erhob die absolute und legitime Monarchie zum Standard der völkerrechtlichen Ordnung und rechtfertigte auf dieser Grundlage die Interventionen europäischer Großmächte in Spanien und Italien. [...] Die Völker der amerikanischen Kontinente dagegen fühlten sich nicht mehr als Untertanen fremder Großmächte und wollten auch nicht mehr Objekte fremder Kolonisation sein. Das war ‚die freie und unabhängige Stellung’, von der die Monroebotschaft spricht, auf die sie stolz waren und die sie zu dem ‚politischen System’ der europäischen Monarchien in Gegensatz stellten.“2 

Das von Schmitt in der Monroedoktrin ausgemachte Großraumprinzip geht also nicht in seinem Teilaspekt der proklamierten Autonomie und territorialen Nichteinmischung auf, sondern ist weitergehend der Entwurf einer freiheitlichen Koexistenz der Völker, die analog dazu für das Zusammenleben von Menschen in der noch jungen amerikanischen Demokratie verfassungsmäßig verankert worden war. Der Jurist Schmitt findet für diesen Aspekt eine ebenso pathetische wie dunkle Formel: die „amerikanische Erklärung von 1823“ denke „in einem modernen Sinne raumhaft planetarisch“.3

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Es ist also ein per se grenzüberschreitendes Prinzip, das Schmitt hier ausmacht, und es scheint so, als seien in seinem ‚planetarischen’ Charakter die „imperialistischen Fälschungen Ende des 19. Jahrhunderts (1898)“ bereits angelegt. Denn da, wo das ‚raumhaft Planetarische’ nicht mehr die ‚freie und unabhängige Stellung’ der Völker impliziert, wo die Überschreitung territorialer Grenzen also zum Modus eines expansiven Imperialismus wird, schafft die amerikanische Großraumordnung zwangsläufig eben das, wogegen sie einst angetreten war: ‚Objekte fremder Kolonisation’.

 

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„Daneben aber haben wir eine andere, vielleicht noch tiefere und für unsere Betrachtung völkerrechtlicher Großraumprinzipien jedenfalls noch aufschlußreichere Art der Veränderung und des Sinnwandels zu beachten, nämlich die der Umdeutung der Monroelehre aus einem konkreten, geographisch und geschichtlich bestimmten Großraumgedanken in ein allgemeines, universalistisch gedachtes Weltprinzip, das für die ganze Erde gelten soll und ‚Ubiquität’ beansprucht. Diese Umdeutung hängt allerdings mit der Fälschung in ein universalistisch-imperialistisches Expansionsprinzip eng zusammen. Sie ist für uns von besonderem Interesse, weil sie den Punkt sichtbar macht, an welchem die Politik der Vereinigten Staaten von Amerika ihr kontingentes Raumprinzip verlässt und sich mit dem Universalismus des britischen Weltreiches verbindet.“4

Schmitt lastet den ‚Sinnwandel’ und den damit verbundenen Umschlag von einem ‚kontingenten Raumprinzip’ hin zu einem ‚ubiquitären Weltprinzip’, also einem dem alten europäischen Imperialismus verbundenen Expansionsgedanken, namentlich Theodore Roosevelt an und datiert diesen Umschlag auf 1898, das Jahr des spanisch-amerikanischen Krieges auf Kuba.

Obwohl der Krieg von 1898 keineswegs den ersten Versuch der Vereinigten Staaten darstellt, ihren Machtbereich militärisch auf Lateinamerika auszuweiten5, wählt Schmitt insofern dennoch das richtige Datum, als dieser überseeische Krieg erstmals in die ältere Narration der Frontier einbezogen wurde, die sich zuvor stets auf den Binnenraum des nordamerikanischen Kontinents bezog. Die Bewegung, die sich im Modell der Frontier einst auf die fortschreitende Eroberung des Kontinents von Ost nach West richtete und im Atlantik und Pazifik ihre natürlichen Grenzen zu haben schien, ändert von nun an ihre Bewegung und wird so zugleich zu einer Bedrohung in alle Richtungen. Nicht ohne konkreten historischen Anlass hegte Carl Schmitt eine Befürchtung, die ihre eigentliche globale Relevanz im Verlauf des 20. Jahrhunderts erst noch erhalten sollte und, wie es scheint, weiteren, sich stets aktualisierenden Neuauflagen unterliegt. Die Methode der von Schmitt beschriebenen „Sinnveränderung“ bestünde darin, „den gesunden Kern eines völkerrechtlichen Großraumprinzips der Nichtintervention in eine imperialistische, unter humanitären Vorwänden in alles sich einmischende, sozusagen pan-interventionistische Weltideologie zu verwandeln.“6

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Kurz nachdem der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen und der Namensvetter des von Schmitt inkriminierten ersten Expansionisten im Präsidentenamt, Franklin D. Roosevelt also, mit dafür verantwortlich war, dass die wahnhaften, und von Schmitt als solche kategorisch ausgeblendeten deutschen Großraumphantasien unterbunden werden konnten, erschien in Washington Vannevar Bushs „Science. The Endless Frontier“. In diesem offiziellen Papier formuliert Bush, der im Krieg Direktor des “Office of Scientific Research and Development” und als solcher verantwortlich für die Koordination naturwissenschaftlicher Intelligenz zu Kriegszwecken gewesen war, eine Liste der künftigen Anforderungen an das Verkehrs- und Gesundheitswesen und die Zukunft der Wissenschaft und Forschung. In einer einleitenden Adresse an den Präsidenten lässt er keinen Zweifel daran, dass der wissenschaftliche Fortschritt seines Landes, ganz gleich ob in Kriegs- oder Friedenszeiten, als Fortsetzung des Frontier-Projektes (zu dem der große Krieg lediglich ein vereinzeltes deutsches Wort hinzugefügt hat) zu verstehen sei.

“The pioneer spirit is still vigorous within this nation. Science offers a largely unexplored hinterland for the pioneer who has the tools for his task. The rewards of such exploration both for the Nation and the individual are great. Scientific progress is one essential key to our security as a nation, to our better health, to more jobs, to a higher standard of living, and to our cultural progress.”7

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Wenn der Wissenschaftler – mit anderen Mitteln zwar, aber doch im selben Geiste – für das Wohl und vor allem die Zukunft der Nation arbeitet wie früher die Pioniere des Wilden Westens, erscheint die Frontier aus ihren historischen und geographischen Umständen gelöst und bezeichnet nur mehr eine nationale Mission.

Um die Geschichte dieser Narration soll es im Folgenden gehen. Dabei wird deutlich, dass deren mythologisierende Erzählweise dem historischen Geschehen teilweise ebenso diametral entgegensteht, wie die geographische Nord-Süd-Achse jener gedachten Linie von Ost nach West, über die sich die nationale Genese in einer beständigen Flucht organisiert. Nur so ist etwa zu verstehen, dass die politische Rhetorik zu einer Zeit, als der Bürgerkrieg das Land in seinen Grundfesten erschüttert und das Leben von Hunderttausenden fordert, auf die Indianerkriege fokussiert, obwohl die Ureinwohner im Westen längst mehrheitlich in Reservaten leben und kaum mehr ein politisch relevantes Problem darstellen.8 Wenn General Custer 1876 in einem strategisch sinnlosen Feldzug von Sioux-Indianern getötet, und Custer’s Last Stand’ anschließend zu einem Heldenmythos von nationaler Verbindlichkeit ausgerufen wird, fungiert der Wilde Westen bereits nur noch als ideologische Figur.

Überhaupt ist zu beobachten, wie die Erzählungen eines heroischen Kampfes an der sich nach Westen verschiebenden Grenze im selben Maße zunehmen, wie das Sujet in der Realität zum Verschwinden kommt. Als die Figur des Cowboys um 1850 mit dem Aufkommen der Dime-Novels zu einer massenhaft verbreiteten Ikone avanciert, strebt das Projekt der transkontinentalen Eisenbahn längst seiner Verwirklichung entgegen, und die freie Natur im Westen ist nicht mehr der Gefahrenraum, als der er nun überall proklamiert wird. Zugleich lösen Realität und Fiktion sich aber nicht einfach von einander ab, sondern bedingen sich künftig in einem schwer entwirrbaren Verhältnis. William F. Cody, der als Buffalo Bill zu einem prototypischen Heroen des Westens werden sollte, betreibt diese Vermengung, die in der Wild-West-Literatur ihren Anfang nahm9, gleichsam als Schausteller seiner selbst bis ins 20. Jahrhundert hinein. Buffalo Bill wird in symptomatischer Weise zum Protagonisten der Erzählung vom elternlosen Helden. Seine Entwicklung vom „child of the plains“, also vom Findelkind, zum Patriarchen und “King of the Border Men” erzählt zugleich stellvertretend die historische Genese der Vereinigten Staaten. Die politisch systematische Abgrenzung von der alten Welt geschieht dabei über den programmatischen Wechsel von einem vertikalen zu einem horizontalen Paradigma. Gegen die Monarchie, die sich am Hof über die Ahnentafel – also eine genealogische Vertikale – repräsentiert, tritt nun die auf Brüderlichkeit gegründete Verfassung einer Gesellschaft an, die nicht mehr auf Abstammung, sondern auf Bewegung in der räumlichen Horizontalen abzielt. Ausgehend vom Besiedlungsprojekt der Pilgrim Fathers wird die zeitliche Vertikale der als statisch vorgestellten alten Welt nun durch eine räumliche Horizontale ersetzt. Die Fixierung auf die Frontier und die Aneignung des Kontinentes setzt dabei eine kinetische Energie frei, die im Moment der vollendeten besiedlungs- und verkehrstechnischen Erschließung desselben nicht mehr zu bremsen ist.

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Die folgende Untersuchung setzt historisch zu diesem Zeitpunkt an. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an ist auf verschiedenen Diskursebenen festzustellen, wie mit dem Erreichen des pazifischen Ozeans die zunächst als linear gedachte Bewegung gleichsam über Bord geht, um mit Beginn des 20. Jahrhunderts, wie Schmitt sagt, in einem imperialistischen Sinn ‚ubiquitär’ zu werden. Dieses Überborden reflektiert Herman Melvilles „Moby Dick“, in dem indianische Harpuniere Pfeil und Bogen gegen ihr neues Arbeitsgerät eingetauscht haben, um einen Wal zu jagen, der überall auf den Weltmeeren vermutet werden muss. Kapitän Ahab baut sich einen Thron aus Walratbein und begeht damit ebenso einen symbolischen Königsmord wie der Protagonist in Mark Twains Zeitreisenroman „Ein Yankee aus Connecticut an König Artus’ Hof“. Morgan ist Angestellter der Firma Colt und macht sich die höfische Gesellschaft des sechsten Jahrhunderts, in die es ihn verschlägt, dank der ihm selbstverständlichen Kulturtechniken so weit untertan, dass er schließlich nur noch „der Boss“ genannt wird. Diese Romane sind imaginäre Dokumente einer Figur, die sich parallel dazu auf anderen Ebenen historisch manifestiert. Nachdem Mark Twain ihm dringend dazu geraten hatte, reist William Cody mit dem Tross seiner Wild-West-Show tatsächlich nach London, um vor der Queen aufzutreten, die sich in seiner Show zum ersten Mal seit Erklärung der amerikanischen Unabhängigkeit vor dem Sternenbanner verneigte.

In den Vereinigten Staaten zeichnet sich mit der Debatte um den Bau der transkontinentalen Eisenbahn früh ab, dass die neue Verkehrsroute und die Beschleuingung, die sie im Hinblick auf Bewegung und Kommunikation leistet, den Kontinent gleichsam zum Verschwinden bringen soll, indem sie ihn durchlässig macht. Endlich, so ist um 1850 zu hören, wird dann die Passage verwirklicht sein, nach der Columbus vergeblich gesucht hatte – die Versprechungen, die von einem künftigen Handel mit Asien und der neuen Verkehrsachse zwischen Ost und West, Paris und Peking ausgehen, beinhalten eine neue geopolitische Positionierung der USA. Diese werden von nun an nicht mehr als Peripherie und Ableger Europas, sondern als imperiale Schaltzentrale, als Zentrum, von dem in einer radialen Bewegung ein neuer Zugriff auf die ganze Welt ausgeht, begriffen. Der Politiker und Eisenbahnlobbyist William Gilpin versucht sich in seiner „Mission of the North American People“ gar an einer Abbildung dieser politischen und sozialen Neubestimmung auf geographische Daten. Im Becken des Missippi macht er schließlich den Nabel der Welt aus. In diese Mulde fließen die Flüsse, die den nordamerikanischen Kontinent als einen glatten Raum durchqueren, in der Form eines Palmenwipfels ein. Die beiden Küsten, die die transkontinentale Eisenbahn zwischen Osten und Westen verbindet, verlieren ihre Bedeutung angesichts der Fokussierung auf dieses, wie Gilpin sagt, Amphitheater, das die Wiege der zukünftigen Weltmacht darstellen soll.

Allerspätestens, wenn Westernregisseure aus Hollywood im Zweiten Weltkrieg in den Dienst des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes genommen werden, wird deutlich, dass sich die Welt, wie es bei Deleuze/Guattari heißt, tatsächlich „über Amerika gerundet“ haben könnte. Von nun an schreibt sich der Wilde Westen nicht zuletzt in die globalen Kriegswirklichkeiten der Zukunft ein.

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Fußnoten und Endnoten

2 Schmitt, Carl (1941/1991): Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte. Ein Beitrag zum Reichsbegriff im Vökerrecht. Berlin, S. 29 f.

3  Ebd., S. 28.

4  Ebd., S. 31f.

5  Vorausgegangen war von 1836 an der amerikanisch-mexikanische Krieg, Einflussnahmen der USA in der Dominikanischen Republik, die Belagerung von Uruguay, Invasionen in Haitii und Nicaragua, außerdem militärische Auseinandersetzungen mit Chile und Puerto Rico.

6  Schmitt, Carl (1941/1991): S. 33.

7  Bush, Vannevar (1945/1980): Science, the endless frontier. Reprint of the 1945 ed. Published by U.S. Govt. Print. Off, Washington. New York

8  Symptomatisch dafür ist die grundlegende Ausblendung, die Bürgerkrieg und Rassenproblematik in der 1893 formulierten und für die amerikanische Geschichtswissenschaft maßgeblich gewordenen ‚Frontier-Thesis’ des Historikers Frederick Jackson Turner erfahren.

9  “Filiation, in the history of the Western, doesn’t distinguish between texts and persons. Literature and heroic living are one and the same.” Tompkins, Jane (1992): West of Everything. The Inner Life of Westerns. New York/Oxford. S. 163.



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16.01.2008