1 Zum Status adverbialer Kasus in der Grammatik des Deutschen

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Dieses Kapitel hat zum Ziel alle mit den adverbialen Kasus des Deutschen verbundenen theoretischen Fragestellungen, auf die in den Kapiteln 2 und 3 empirisch eingegangen wird, zu erfassen.

1.1  Adverbiale Kasus vor dem Hintergrund der diachronen Entwicklung des Deutschen

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Adverbien sind erstarrte Casus; in vielen Fällen lässt sich ihre Entstehung aus einem Casus noch historisch nachweisen. (Erdmann,1898:154)

Die des Öfteren archaische Markierung adverbialer Kasus erweckt zuerst das Interesse diese Konstruktionen in ihrer diachronen Entwicklung zu untersuchen. Die Kenntnis der Sprachgeschichte erläutert uns die Ursachen mancher sprachlicher Veränderungen und hilft einige Regeln und Ausnahmen der Gegenwartssprache besser zu verstehen.

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Die sprachhistorische Entstehung des Deutschen (u.a. des deutschen Kasussystems) wurde von vielen Linguisten (z.B. von Grimm 1837; Erdmann 1898; Paul 1954, 1989; Wilmanns 1909, Behaghel 1923) genau beschrieben. Um die Kapitel 2.1 und 3.1zur Entstehung adverbialer Kasus verständlicher zu machen, werden hier einige allgemeine sprachhistorische Informationen zusammengefasst:

Die deutsche Sprache gehört mit dem Englischen und den skandinavischen Sprachen zu der germanischen Sprachgruppe, die ihrerseits zur indoeuropäischen Sprachfamilie gezählt wird. Die germanischen Sprachen werden traditionell in nord-, west- und ostgermanische Sprachen unterteilt. Als ostgermanisch gilt das Gotische, das nach Struktur, Alter und Überlieferung den klassischen germanischen Sprachtyp repräsentiert, so Weddige (1996:4). Dabei ist zu bemerken, dass der arianische Westgoten-Bischof Ulfila (um 311-383) die gotische Schriftsprache mit seiner Bibelübersetzung aus dem Griechischen begründete. Nordgermanisch sind die skandinavischen Sprachen (u.a. Dänisch, Isländisch, Norwegisch, Schwedisch), und zur Westgermanischen Gruppe wird das Altenglische, das Altfriesische, das Altniederländische, das Altsächsische und das Althochdeutsche gezählt.

Im Allgemeinen ist in den germanischen Sprachen eine Entwicklung von einem stark synthetischen zum analytischen Sprachbau zu beobachten.

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Da in den diachronen Kapiteln viele authentische Beispiele aus den älteren Texten angeführt werden, wird jetzt zur besseren Orientierung noch auf die Perioden, in welche die Geschichte der deutschen Sprache seit dem Beginn der schriftlichen Überlieferung bis zur Gegenwart üblicherweise grob gegliedert wird, eingegangen10:

Althochdeutsch – von Beginn der schriftlichen Überlieferung im 8. Jh. bis 1050

(Hildebrandslied; Tatian: Gospel Harmony; Otfrid von Weißenburg: Evangelienbuch)

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Mittelhochdeutsch - 1050 bis 1350

(Das Nibelungenlied; Hartmann von Aue: Erec, Iwein; Wolfram von Eschenbach: Parzival, Willehalm; Gottfried von Straßburg: Tristan)

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Frühneuhochdeutsch - 1350-1650

(Albrechts von Eyb, Sebastian Brant, Johann Fischart)

Neuhochdeutsch - seit etwa 1650 bis zur Gegenwart

(Gotthold Ephraim Lessing, Willibald Alexis, Adelbert von Chamisso)

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Grenzen zwischen einigen Sprachperioden sind dabei immer fließend, weil die Entwicklung der Sprache nicht sprunghaft verläuft, so dass es keine Einschnitte zwischen einzelnen Perioden gibt. Die abweichenden Einteilungen können sich u.a. aus unterschiedlicher Bewertung politischer, kultur-, sozial- und auch literaturgeschichtlichen Daten für die Geschichte des Deutschen erklärt werden.11

Das Deutsche der älteren Sprachstufen war wesentlich variantenreicher im Vergleich zu der hochdeutschen Standardsprache und hat noch nicht über so viele allgemeinverbindliche sprachliche Regeln und Normen verfügt.

Zusammenfassend lässt sich über die älteren Sprachperioden des Deutschen folgendes sagen:

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die älteste schriftlich belegte Stufe des Deutschen, ist durch volle Endsilbenvokale, Formenreichtum und einen synthetischen Sprachbau gekennzeichnet. Die uns überlieferte ahd. Sprache ist eigentlich die geschriebene Sprache der Geistlichen. Die Sprache der Unterschichten wurde in der Zeitperiode nicht belegt.

Obwohl das Kasussystem und die Bedeutung der einzelnen Kasus im Ahd. und in der deutschen Gegenwartsprache viel Gemeinsames haben, weist das Ahd. einige Besonderheiten auf. So wird im Ahd. der Genitiv viel häufiger verwendet, einige Deklinationstypen besitzen noch den Instrumentalis, der im Verlauf der althochdeutschen Periode schwindet.

In den althochdeutschen Deklinationsendungen sind noch, wie im Lateinischen, Griechischen und in den slawischen Sprachen, die Bezeichnungen für Genus und Kasus zu erkennen. Im Nhd. werden Genus und Kasus vorwiegend durch einen Artikel, attributive Pronomina und stark flektierte Adjektive ausgedrückt. Im heutigen Deutsch sind nur Substantive im Genitiv Singular durch –s (außer Feminina) und im Dativ Plural durch –n markiert.

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unterscheidet sich vom Ahd. durch abgeschwächte Nebensilbenvokale und einen analytischen Satzbau; vom Frnhd. durch die noch erhaltenen langen Vokale î u iu und Diphtonge ie uo üe. Die mittelhochdeutsche Literatursprache der Ritter wird als erste Gemeinsprache angesehen.

Da der Gebrauch der Kasus im Ahd. und im Mhd. im Wesentlichen übereinstimmt, kann man sagen, dass der adverbiale Genitiv sowohl im Ahd. (dages inti nahtes = Tag und Nacht, thes morganes = des Morgens) und als auch im Mhd. (des næhsten morgens = am nächsten Morgen) stark verbreitet war. Als Rektionskasus des Verbs ist der Genitiv jedoch rückläufig; er ist in vielen Fällen vom Akkusativ verdrängt worden, so Paul (1989:341).

Auch adverbialer Gebrauch des Akkusativs (Ahd. allan tag = den ganzen Tag; Mhd. al den tac, alle zÎte = den ganzen Tag, die ganze Zeit; Mhd. swelchen ende = in welche Richtung) kam schon in den älteren Sprachstufen vor.

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Der Instrumentalis (Ahd. wili mih dinu speru werpan = du willst mich mit deinem Speer niederschlagen) wurde seit der Mitte des ahd. Zeitalters durch den Dativ mit Präposition mit verdrängt, was den endgültigen Übergang zum heutigen Vierkasussystem des Deutschen bedeutete. Außerdem kam der präpositionslose adverbiale Gebrauch des Dativs aus dem Gebrauch (Ahd.: fôhem uuortum frăgên = mit wenigen Worten fragen, heime = zu Hause, in der Heimat, unserên zîtim = zu unseren Zeiten).

Auf Kosten der obliquen Kasus hat in neueren Sprachstufen u.a. die Anzahl der Präpositionen zugenommen, d.h. einige Funktionen, die noch im Indoeuropäischen für Kasuskategorien typisch waren, wurden im Laufe des Sprachwandels von Präpositionalkonstruktionen übernommen. Dank den Präpositionen war es früher möglich bei Kasussynkretismus unterschiedliche Kasusfunktionen voneinander zu unterscheiden. Der regelmäßige Gebrauch der Präpositionen führte jedoch zur Funktionsentlastung der Kasus. Laut Schmidt (1977:128) bedingte die Entwertung der Kasus ihrerseits die obligatorische Verwendung der alten und die Entstehung einer Reihe neuer Präpositionen und führte schließlich dazu, dass der syntaktische Schwerpunkt im präpositionalen Gefüge auf der Präposition liegt.

Konkrete Beispiele für den früheren Gebrauch adverbialer Kasus werden in den Kapiteln 2.1 und 3.1 aufgelistet.

1.2 Adverbiale Kasus und ihr Platz im Kasussystem des Gegenwartsdeutschen

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Im Gegenwartsdeutschen lassen sich von den acht rekonstruierten Kasus des Indogermanischen (N, G, D, A, Ablativ, Lokativ, Instrumental, Vokativ) noch vier Kasuskategorien (N, G, D, A) unterscheiden, die in der grammatischen Tradition nach ihrer Abhängigkeit vom übergeordneten Wort in zwei Gruppen eingeteilt werden:

Tabelle 1: Kasus des Deutschen, nach Askedal (1986:5)

Kasus

Casus rectus

(„gerader, nicht abhängiger Kasus“)

Casus Obliqui

(„oblique, abhängige Kasus“)

Nominativ

Akkusativ

Dativ

Genitiv

Es ist außerdem üblich zwischen dem reinen und dem präpositionalen Kasus, der eigentlich viel öfter vorkommt, zu unterscheiden.

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Sommerfeldt (1998:98) beschreibt drei Merkmale, die die Kategorie Kasus kennzeichnen und ihr Wesen ausmachen:

Den Kasus kommt außerdem eine wichtige Funktion im Satz zu: sie dienen der syntagmatischen Verknüpfung von Wörtern.

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Diese vier Kasus des Gegenwartsdeutschen verfügen aufgrund des Kasussynkretismus über eine weitaus größere Funktionsbreite als in früheren Sprachperioden. Denn je weiter der Kasussynkretismus fortschreitet, je weniger Kasuskategorien also zur Verfügung stehen, desto schwieriger gestaltet sich die Suche nach einheitlichen Kasusfunktionen (vgl. Dürscheid 1999:8). Dies gilt natürlich auch sprachübergreifend.

Bei einer Sprache, die nur eine kleine Zahl von Kasus aufzeigt (wie z.B. das Deutsche), übernehmen diese Kasus offenbar einen Teil der Funktionen, die in einer kasusreichen Sprache durch zusätzliche Kasus ausgedrückt werden. Das kann u.a. mit dem Vergleich des finnischen und des deutschen Kasussystems veranschaulicht werden:

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Das Finnische z.B. verfügt über ein komplexes Kasussystem mit 15 Kasus, von denen allein neun zur Klasse der Lokalkasus gehören. Diachron betrachtet handelt es sich dabei um klitisierte Postpositionen, die als Kasusflexiv reinterpretiert wurden (vgl. Anderson 1985:186). Diese Lokalkasus werden im Deutschen – sieht man einmal von den nicht produktiv verwendbaren adverbialen Genitiven und Akkusativen ab- durch PPs wiedergegeben. Das System der Flexionskasus ist also weitgehend von der Kodierung lokaler Relationen entlastet. (Dürscheid, 1999:8, Fußnote 3, eigene Hervorhebung)

In den traditionellen Grammatiken wird für das Deutsche eine Kasushierarchie angenommen, in der in erster Position der Nominativ steht, gefolgt von Akkusativ, Dativ und Genitiv und Präpositionalgruppen. Dabei erscheint die Gleichsetzung von Genitiv- und Präpositionalergänzungen u.a. Eisenberg (1999:68) problematisch. Diese Hierarchie spiegelt u.a. die Markiertheit der Kasus wieder, d.h. der Nominativ wird als der unmarkierte Kasus angesehen. Der Kodierungsaufwand erhöht sich, je weiter unten in der Hierarchie die Kasus stehen. Nach Eisenberg (1999) zeigt sich zudem, dass die oben in der Hierarchie stehenden Kasus eine reichere Syntax haben als die weiter unten befindlichen. So ist der Subjektkasus auch bei veränderter Oberflächenform des Satzes immer besetzt.

Die Kasushierarchie gilt auch für die Verteilung der einzelnen Kasus als Komplementstruktur. So fordern zweistellige Verben deutlich häufiger eine Ergänzung im Akkusativ (zusätzlich zu der obligatorischen Nominativ-Ergänzung) als im Dativ (z.B. Hans vertraut Dir). Noch seltener sind Ergänzungen im Genitiv (z.B. Erna gedenkt der Verstorbenen) usw. Dreistellige Verben hingegen stehen am ehesten mit einer Akkusativ- und einer Dativergänzung, wogegen es seltener ist, dass zusätzlich zur Akkusativergänzung eine Ergänzung in Form einer Präpositionalgruppe gefordert wird (z.B. Emil stellt das Buch auf den Tisch). Noch seltener sind Ergänzungen im Dativ und Präpositionalgruppen (z.B. Hans hilft Emil bei der Arbeit).

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Im Allgemeinen erfuhr das Kasussystem des Deutschen im Laufe der Zeit einen bedeutenden Wandel, so dass die Hauptfunktion des Genitivs im Nhd. nicht mehr im verbalen Bereich, sondern im adnominalen Bereich liegt. Der Genitiv ist der einzige Kasus, der in der deutschen Standardsprache als Attribut auftritt. In der Umgangssprache kann diese Funktion auch der Dativ erfüllen (vgl. dem Vater sein Haus). Es lässt sich feststellen, dass der nhd. adverbiale Genitiv im Vergleich zu den älteren Sprachstufen offenbar stark zurückgegangen ist. Auch als Objektkasus schwindet der Genitiv im Gegenwartsdeutschen immer mehr, so dass, was die verbalen Kasus betrifft, tatsächlich davon gesprochen werden kann, dass sich das Deutsche auf dem Weg zu einem Dreikasussystem befindet (Dürscheid 1999:34, Wegener 1990:181).

Wie Vater (1985:60) bemerkt, kommt jedes lexikalische Nomen in einem Kasus vor. Dieser ist jedoch weder dem Nomen inhärent (wie das Genus) noch frei wählbar (wie der Numerus bei zählbaren Nomen), sondern wird durch die syntaktische Funktion der betreffenden Nominalphrasen im Satz bestimmt, die ihrerseits vom Vorkommen anderer Konstituenten im Satz abhängt (im Deutschen besonders vom finiten Verb, einer übergeordneten Proposition oder einem übergeordneten Adjektiv). Dabei lässt Vater die adverbialen Genitive und Akkusative, die im Gegensatz zu den anderen Kasus des Deutschen von anderen Satzgliedern meistens unabhängig sind, anscheinend außer Sicht.

Auch laut Fanselow /Felix (1993:63, Bd.2) ist die Kasusmarkierung eines der auffälligsten Merkmale von NPs, das sie von Sätzen und PPs unterscheidet. In Abhängigkeit vom Verb muss eine NP einen Kasus tragen, während Sätze und PPs in ihrer morphologischen Form unabhängig vom verbalen Kopf der Konstruktion sind. Das Verb weist also der NP einen Kasus zu. Im Deutschen können nach Fanselow /Felix (1993, Bd.2) offensichtlich nicht nur Verben (wir haben den alten Mann gekannt; wir haben dem alten Mann geholfen), sondern auch Adjektive (Fritz ist sich seines Erfolges bewusst) Kasus zuweisen.

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Da aber die adverbialen NPs ihren Kasus von keinem anderen Satzglied zugewiesen bekommen, steht ihnen ein besonderer Status innerhalb des deutschen Kasussystems zu.

So unterscheidet man in der neueren Generativen Syntax zwischen lexikalischen (im Lexikoneintrag des Regens festgelegten) und strukturellen (von der Konstituentenstrukturposition des Regens bzw. Kasusträgers determinierten) Kasus. Außerdem wird zwischen syntaktischen und semantischen (auch: lokalen) Kasus unterschieden (vgl. Stechow /Sternefeld 1988:167, Bußmann 2002:332).

Zu den syntaktischen Kasus werden u.a. Nominativ, Akkusativ und Dativ gezählt, die primäre syntaktische Funktionen wie Subjekt und Objekt kodieren und keine spezifische semantische Funktion übernehmen.

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Dagegen markieren semantische Kasus wie Ablativ, Lokativ und Instrumental die Adverbialien, die durch einen spezifischen semantischen Inhalt gekennzeichnet sind.

Auch Gallmann (2004) unterscheidet vier Arten der Kasusvergabe:

  1. Struktureller Kasus (Der Baum trägt viele Früchte. Ich pflegte den Igel.)
  2. Inhärenter (lexikalischer) Kasus (Ich war des Lärms überdrüssig.)
  3. Semantischer Kasus (Das stimmt meines Erachtens nicht.)
  4. Kongruenzkasus (Er nannte den Hund seinen besten Freund usw.)

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Bei semantischen Kasus erhält die Nominalphrase den Kasus aufgrund ihrer Bedeutung im entsprechenden Satz. Zu den typischen semantischen Kasus des Deutschen werden laut Gallmann der adverbiale Akkusativ und der adverbiale Genitiv gezählt:

(1)

a. Anna blieb (den ganzen Tag).
b. Oskar machte sich (guten Mutes) an die Arbeit.

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Nach Stechow /Sternefeld (1988:167-168) drücken relationale oder adverbiale Kasus eine bestimmte inhaltliche Beziehung des Subjekts zum Objekt aus und sind syntaktisch nicht geregelt.

Laut der Duden-Grammatik (1998:642-643) kommen solche Akkusative und Genitive auch in der Umgebung von Verben vor, die gar keine Ergänzung im Akkusativ oder Genitiv verlangen:

(2)

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Den ganzen Sommer schlief sie morgens bis 10 Uhr.
Eines Tages erwachte er als Millionär.

Es handelt sich hier eindeutig nicht um Objekte, sondern um adverbiale Glieder. Soweit sie fallbestimmt sind, spricht man von Adverbialkasus. Adverbialakkusativ und Adverbialgenitiv sind nicht durch ein Element ihrer Umgebung festgelegt, z.B. durch das Prädikat; es handelt sich vielmehr um autonome Substantivgruppen (vgl. Duden-Grammatik 1998:642-643).

Es ist zu bemerken, dass in vielen anderen Sprachen die adverbialen (semantischen) Kasus viel mehr verbreitet sind als im Deutschen, u.a. ist es der Instrumental der slawischen Sprachen (Russisch: умножать столбиком= schriftlich multiplizieren,идти нетвердой походкой = mit unsicheren Schritten treten, скупать мешками = säckeweise kaufen; Serbokroatisch: радити пуном паром= arbeiten im vollen Gange; возом = mit dem Zug, лифтом = mit dem Fahrstuhl) oder der Ablativ des Lateins (pedibus īre = zu Fuß Gehen, hieme = im Winter).

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Zu den adverbialen Kasus werden manchmal auch einige Nominative (er kämpft wie ein Löwe) undDative (das war ihm zu blöd) gezählt. Dabei sind die Ansichten über adverbiale Dative und Nominative alles andere als einheitlich.

Was den Nominativ anlangt, so betrachten Admoni (1972:115) und Helbig (1973:60) z.B. den Nominativ ein Löwe (Er kämpft wie ein Löwe) als adverbiale Bestimmung. Nach Dürscheid (1999:25) ist in dem Satz nicht nur der Nominativ, sondern die ganze Phrase wie ein Löwe adverbial, und für die Nominative in diesem Syntagma gibt es keine syntaktische Funktionsbezeichnung.

In der „Grammatik der deutschen Sprache“ (IDS) von Zifonun u.a. (1997:1293) wird in Anlehnung an Helbig (1973) eine Übersicht der substantivischen Kasus dargestellt. Nominativ nach wie und als wird dabei entweder als Teil von K PRD (Der Wal verhält sich wie ein Fisch.) oder als „Teil einer variabel bezüglichen Adjunktorphrase“ eher als VG-Adverbiale (Der Wal schwimmt wie ein Fisch.) betrachtet.

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Andererseits wird in den „Grundzügen einer deutschen Grammatik“ von Heidolph et.al. (1981) sowohl unter den Hauptfunktionen des Nominativs als auch unter den Nebenfunktionen der Substantivgruppe die adverbiale Funktion des Nominativs gar nicht erwähnt. Als Vergleichsbestimmung wird dabei der folgende Nominativ betrachtet: Er verhält sich wie ein Bergsteiger (Heidolph et.al. 1981:582).

Was den Dativ betrifft, so betrachtet z.B. Admoni (1972:123) als nicht notwendiges indirektes Objekt „freie Dative“, wie:

(3)

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Ich öffnete dir die Tür. Ich kaufte dir ein Buch.

Und zu einer Unterart des Dativobjekts- „dativus ethicus“ rechnet er folgendes:

(4)

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Wie herrlich leuchtet mir die Natur! (Goethe), Du bist mir zu schlau! Was denkst du dir dabei? (nach Admoni 1972:123).

Auch Jung (1980:106) betrachtet solche mir, ihm usw. als Objekte, z.B.:

(5)

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Der Vortrag dauerte mir zu lange. Der Wind riss ihm den Hut vom Kopf.

Einige Linguisten neigen aber dazu solche Dativ-Konstruktionen als Adverbialien zu betrachten. So werden von Heidolph et.al. (1981:368) die „freien Dative“, insbesondere „dativus commodi“ (Klaus bringt Ihnen den Brief zur Post) und „dativus ethicus“ (Kommt mir gesund heim!) zu den valenzunabhängigen Adv III gerechnet.

Die neueren Forschungen von Wegener (1985) und Thurmair (1989) beweisen, dass sich der „dativus ethicus“ wie eine Modalpartikel verhält; er sollte nicht zu den Adverbialien gezählt werden.12 Pittner (1999:52) schlägt vor auch andere Dative aus der Beschreibung der Adverbialien auszuklammern. Bei Dürscheid (1999:25) wird unter den syntaktischen Funktionen des Dativs die adverbiale Funktion ebenso nicht erwähnt.

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Es scheint demnach plausibel, präpositionslose Nominative und Dative nicht als Adverbialien zu betrachten und des Weiteren nur die adverbialen Genitive und Akkusative zu untersuchen.

Im Voraus sei bemerkt, dass zu den adverbialen (modalen) Genitiven noch einige Einstellungsoperatoren (meines Erachtens, seines Wissensstandes) zu zählen sind. Dabei kommt den Einstellungsoperatoren in der Syntax eine Sonderstellung zu, und zwar ist es möglich sie als eine Art der Adverbialien oder als selbstständige Satzglieder (z.B. Modalwörter) zu betrachten (siehe Kapitel 2.3.2.4).

Zu den adverbialen Akkusativen sind noch einige absolute Akkusative mit modaler Bedeutung und Zwillingsformeln (temporale oder modale) zu zählen:

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Absolute Akkusative (er stand, den Hut in der Hand, die Hände auf den Knien) sind freie Wortfügungen, die aus zwei Komponenten bestehen. Im Deutschen haben sich diese Konstruktionen erst nach dem 17-18 Jh. entwickelt. Die eine Komponente, das unabhängige (absolute) Substantiv im Akkusativ, kann dabei sowohl vor als auch nach der anderen Komponente (PP, Adjektiv bzw. Partizip, Adverb usw.) auftreten (vgl. in der Hand den Hut). Zur syntaktischen Funktion absoluter Akkusative findet man u.a. folgendes:

Als „absolut“ wird der Akkusativ in Konstruktionen bezeichnet, in denen er nicht regiert ist und auch kein adverbialer Kasus ist. Absolute Akkusative treten in Konstruktionen mit adverbialem Charakter auf. (Bausewein, 1990:76)

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Genauere Informationen zu der Entstehung, Funktion und Besonderheiten der absoluten Akkusative bieten die Kapitel 1.4.3; 3.1.4 und 3.3.2.3 an.

Zwillingsformeln (auch Paarformel oder Binomial genannt) sind formelhaft auftretende paarig gleichförmige Wortarten (Substantive Schritt für Schritt, Präpositionen nach und nach, Adjektive kurz und bündig, Adverbien wieder und wieder oder Verben schalten und walten), die durch unterschiedliche Konjunktoren bzw. Fügewörter verbunden werden. Akar (1991:358-359) rechnet Wortpaare wie gesagt, getan; bergauf, bergab; Geld hin, Geld her usw. zur Zwillingsformeln ohne Verbindungsglied.

Für vorliegende Dissertation sind nur die nominalen Zwillingsformeln in adverbialer Funktion wie Tag und Nacht, Tag für Tag, Hand in Hand, Kopf an Kopf, Schlag auf Schlag von Interesse. Solche Wortpaare werden im Deutschen entweder durch Konjunktionen (und, oder) oder durchPräpositionen (für, an, in, auf) verbunden.

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Adverbiale Zwillingsformeln sind eigentlich nicht explizit in ihrer Kasusform markiert. Es kann sich dabei sowohl um Nominative als auch um Akkusative handeln.

Wenn man die Verwendung solcher Konstruktionen im jeweiligen Zusammenhang betrachtet, so verhalten sie sich m.E. jedoch wie die Akkusative in adverbialer Funktion:

(7)

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a. Sie weinte Tag und Nacht.
b. Sie weinte den ganzen Tag und die ganze Nacht /zwei Stunden /diese Nacht /jeden Abend usw.
c. Sie weinte (lange).

(8)

a. Sie standen Hand in Hand.
b. Sie standen (zusammen /ihre Hand in seiner haltend usw.)

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Dabei lassen sich in semantischer Hinsicht sowohl temporale (Sommer und Winter, Tag und Nacht) als auch modale Verbindungen (Kopf an Kopf) unterscheiden.

Das Mehrlingsformelmuster im Deutschen ist sehr produktiv und neben den Zwillingsformeln sind auch noch Drillings- bzw. Vierlingsformeln weit verbreitet (Lenz 2002:191-192)13:

(8)

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Jubel, Trubel, Heiterkeit
Friede, Freude, Eierkuchen
Wein, Weib und Gesang usw.

Frisch, fromm, fröhlich, frei
Messer, Gabel, Schere, Licht usw.

Nach Sick (1993:115) werden auch im Englischen “trinominals“ oder „multinominals“gebraucht: left, right and centre; morning, noon and night usw.

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Sick (1993:115) beschreibt in ihrer Untersuchung die adverbialen Phraseologismen des Englischen und bemerkt, dass der Hauptrealisationstyp für Binominals im Englischen Noun oder Adverb Phrase seien (bag and baggage, body and soul, day and night, neck and neck, left and right, back and forth; half and half usw.).

Nominale (und auch andere) Zwillingsformeln sind in vielen indoeuropäischen Sprachen verbreitet vgl.:

(6)

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Deutsch: Hand in Hand, Tag für Tag
Englisch: hand by hand = Hand in Hand, head to head = Kopf an Kopf, day and night = Tag und Nacht
Französisch: tête-à-tête = unter vier Augen
Russisch: рука в руке bzw. рука об руку = Hand in Hand, плечо к плечу, плечом к плечу = Schulter an Schulter, день и ночь = Tag und Nacht usw.

Näher wird auf die adverbialen Zwillingsformeln in den Kapiteln 1.3.2, 3.1.5, 3.3.2.1 und 3.3.2.4 eingegangen.

1.3 Zur Struktur adverbialer Kasus

In Abhängigkeit vom jeweiligen theoretischen Ansatz wird die kategoriale Füllung der Kasus (u.a. adverbialen Kasus: schnellen Schrittes gehen, jeden Abend telefonieren) unterschiedlich bezeichnet. Im weiteren Verlauf gehe ich sowohl auf die Entstehung verschiedener linguistischer Termini für ein und dieselbe sprachliche Erscheinung (SG14, NP, DP) als auch auf die äußere Form und interne Ausfüllung adverbialer Kasus (Kap. 1.3.2.) ausführlich ein.

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Wenn man die Terminologie der traditionellen Grammatik gebraucht, so werden grammatische Kategorien, die ein Nomen (Substantiv) oder Pronomen als Kern enthalten, Substantivgruppen (vgl. Kolde 1985, Zimmermann 1991) genannt.

In der traditionellen Grammatik (engl. school grammar) steht eigentlich die Subjekt-Prädikat-Beziehung15 im Vordergrund (vgl. Blatz 1895,1896, Heyse 1908). Neben Hauptgliedern (Subjekt und Prädikat) unterscheidet man daneben noch zwei weitere Satzglieder: Nebenglieder (Objekt, Adverbiale). Das Attribut ist kein unmittelbares Glied des Satzes, sondern selbst Teil eines Satzgliedes (nähere Bestimmung zum Nomen). Was die Objekte angeht, so unterscheidet man Genitiv-, Dativ- und Akkusativobjekte. Außerdem gibt es auch Präpositionalobjekte. Das Adverbiale bezieht sich meistens auf das Verb und kann es im Bezug auf die Zeit, die Art und Weise, den Ort usw. näher bestimmen. Das Adverbiale kann u.a. auch durch präpositionslose Substantivgruppen (Montag gehen wir ins Theater) zum Ausdruck gebracht werden.

Die traditionelle Satzanalyse weist aber diverse Mängel auf: es werden öfters Satzglieder (relationale Begriffe) und Wortarten (kategoriale Begriffe) verwechselt; die Adverbialien werden nach semantischen Gesichtspunkten und die Objekte dagegen nach morphologischen subklassifiziert, es gibt Mischdefinitionen, bei denen logische, semantische, pragmatische und morphologische Kriterien einfließen; Begriffe Adverbial und Adverb werden dabei oft verwechselt bzw. gleichgesetzt, worauf noch im Kapitel 1.4.1 eingegangen wird (vgl. Linke et al. 2004:79-82).

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Demgegenüber versucht die deskriptiv orientierte Linguistik vom tatsächlichen Sprachgebrauch auszugehen und die dabei zu beobachtenden Regularitäten zu beschreiben, so Dürscheid et al. (1994:69-70). So wird in einigen Ansätzen zur Generativen Grammatik anstelle der Substantivgruppen von Nominalphrasen (vgl. Vater 1985, Bhatt 1990a) gesprochen und in der neueren Rektions- und Bindungstheorie der Begriff Determiniererphrase (DP) eingeführt (vgl. Abney 1986,1987, Fukui 1986, Haider 1988, Olsen 1991).

1.3.1  Der adverbiale Kasus und die Nominalphrasenforschung

Der Generativen Grammatik nach haben die natürlichen Sprachen zwei Ebenen: die lexikalische Ebene, d.h. der Ebene der Wörter, und die phrasale Ebene, wo solche Begriffe wie Nominalphrase (vgl. Substantivgruppe) die entscheidende Beschreibungseinheit darstellen. Man unterscheidet dabei lexikalische Kategorien wie Nomina(N), Verben(V), Präpositionen (P), Adjektive (A), Adverbien (Adv.), etc. und die entsprechenden phrasalen Kategorien wie Nominalphrase, Verbalphrase, Präpositionalphrase usw. (vgl. Fanselow /Felix, Bd. 2, 1993:23). Für jede Phrase sind auch bestimmte Funktionen im Satz typisch: z.B. für eine Nominalphrase – die Subjekt- oder Objektfunktion.

Sätze einer natürlichen Sprache sind nach dem Generativen Ansatz nicht lineare Folgen von Wörtern. Die Wörter werden nach bestimmten Mustern und Regeln hierarchisch angeordnet, sie werden zu Phrasen verknüpft und diese zu Sätzen. Da die Wörter sich meistens nur in bestimmten Wortgruppen verschieben lassen, ist es durch eine Umstellungsprobe möglich die Konstituenten eines Satzes zu ermitteln:

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(1)

a. Er ging gesenkten Kopfes nach Hause.
b. Gesenkten Kopfes ging er nach Hause.
c. Nach Hause ging er gesenkten Kopfes.
d. Ging er gesenkten Kopfes nach Hause?
e. Ging er nach Hause gesenkten Kopfes?
f. *Gesenkten ging er Kopfes nach Hause.
g. *Kopfes nach Hause ging er gesenkten.
h. *Er nach Hause gesenkten Kopfes ging.

Nach solch einer Umstellungsprobe wird deutlich, dass die adverbiale Genitiv-NP gesenkten Kopfes eine Konstituente des Satzes ist. Eine Phrase bzw. eine Konstituente muss aber nicht unbedingt eine Wortgruppe sein. Sie kann manchmal nur aus einem Wort bestehen (Samstag gehen wir ins Kino).

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Die Konstituentengrammatik (IC-Analyse)16 ist laut Vater (1994:119) eins der wichtigsten Verfahren zur Analyse von Sprachstrukturen17. Die IC-Analyse basiert auf der Voraussetzung, dass der Satz auf dem Prinzip der Unterordnung gebaut ist. Ziel und Ergebnis der IC-Analyse ist die Zerlegung (Segmentierung) eines sprachlichen Ausdrucks in eine hierarchisch definierte Abfolge von Konstituenten (Bußmann 2002:371). NP und VP sind unmittelbare Konstituenten eines Satzes, die ihrerseits in zwei Segmente zerlegt werden. Die letzten Konstituenten, die auf der syntaktischen Ebene nicht mehr zerlegt werden können, sind mittelbare Konstituenten des Satzes usw.

Die IC-Methode setzt die Transformationsmethode fort. Sie basiert auf der Unterscheidung zwischen Kernsätzen und ihren Transformen. Aus den Kernsätzen werden mit Hilfe von Transformationsregeln (Expansion, Permutation, Einbettung usw.) alle möglichen Sätze einer Sprache erzeugt (näher dazu Chomsky 1957, 1965; Lyons 1995).

Da die Satzkonstituenten ihrerseits eine interne Struktur aufweisen, ist es von Interesse die Struktur der Nominalphrasen näher zu betrachten. Lange Zeit wurden das Wesen und die Struktur einer NP wie folgt verstanden: eine Nominalphrase ist eine syntaktische Kategorie, die ein Nomen oder Pronomen als Kopf (oder Kern) enthält. Dabei können zur Erweiterung einer Nominalphrase verschiedene Elementen gebraucht werden, was schematisch wie folgt aussieht:

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(2)

NP♢ (DET)18 (AP) N (PP)

(3)

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a. Er sieht ein Mädchen
b. Er sieht ein schönes Mädchen
c. Er sieht ein Mädchen mit blauen Augen
d. Er sieht es jeden Tag usw.

Nominalphrasen können neben den anderen Kategorien (Adverbien, Adjektive, Präpositionalphrasen, Adverbialsätze, konjunktional eingeleitete Infinitivkonstruktionen) auch in adverbialer Funktion auftreten (vgl. Renz 1993:21).

↓57

Die Kategorie Nominalphrase unterscheidet sich von den anderen. In den erst genannten Kategorien können entweder alle Elemente (Präpositionalphrase, Infinitivkonstruktion, Adverbialsatz), die meisten Elemente (Adverb) oder genau zu spezifizierende Elemente (Adjektive, die unflektiert sind) Adverbiale sein. Dies gilt nicht für Nominalphrasen. Der Regelfall ist hier, dass Nominalphrasen nicht als Adverbiale verwendet werden können und dass adverbiale Nominalphrasen als Ausnahmen anzusehen sind“ (Renz, 1993:21)

Eine NP in adverbialer Funktion (eines Tages, diesen Dienstag) ist also etwas Ungewöhnliches für das Deutsche. Damit ist auch eine der strittigen Fragen bei der Nominalphrasenforschung verbunden, und zwar die Frage der Abgrenzung der adverbialen Nominalphrasen und Präpositionalphrasen. Strittig ist dabei, ob alle Phrasen in adverbialer Funktion auf zugrunde liegende Präpositionalphrasen zurückzuführen sind. Zu diesem Problem gibt es unterschiedliche Ansichten, die ich kurz zusammenfassen möchte.

1.3.1.1  Sind alle Nominalphrasen in adverbialen Funktionen Präpositionalphrasen?

In einigen Aufsätzen wird vorgeschlagen bestimmte Phrasen in adverbialer Funktion als Präpositionalphrasen zu betrachten (vgl. Steinitz 1969, Emonds 1987, McCawley 1988). Somit sind nicht nur sententiale Adverbiale sondern auch NPs in adverbialer Funktion als Expansionen von PPs zu betrachten. Auch Adverbien werden teilweise als intransitive Präpositionen und die entsprechenden Adverbphrasen als (intransitive) PPs aufgefasst usw.

↓58

Schon Steinitz (1969)19 argumentiert dafür, dass die Präpositionalphrase die syntaktische Kategorie (die Basis) aller Adverbiale im Deutschen ist. Nach Steinitz sieht die interne Struktur dieser Präpositionalphrasen wie folgt aus:

(4)

PP→ Präp + Nominalphrase

↓59

(5)

NP→ (Det) N (S)

Emonds (1987:618) schlägt seinerseits das Prinzip der unsichtbaren Kategorie (Invisible Category Principle) vor und klassifiziert bestimmte Adverbialien im Englischen als Präpositionalphrasen mit leerer Präposition und leerem Kopf, z.B:

↓60

The deep and surface structures of adverbial case NPs, including German and Greek datives, Latin datives and prepositionless ablatives, and so on, are as follows:

↓61

Pittner (1999:56) vertritt jedoch die Auffassung, dass Emonds Lösung aufgrund der Inflation leerer Kategorien unplausibel ist. Sie verweist außerdem auf einige distributionelle Unterschiede zwischen Adverbien und entsprechenden Präpositionalphrasen, u.a. auf die unterschiedliche Distribution von Adverbien und PP-adverbialen im Englischen:

(7)

a. John greeted her with great enthusiasm /enthusiastically.
b. John enthusiastically /*with great enthusiasm greeted her.

↓62

Für den Präpositionalphrasenstatus von Nominalphrasen in adverbialer Funktion plädiert auch McCawley (1988) in seiner Replik auf Larson (1985). Er weist auf bestimmte distributionelle Ähnlichkeiten zwischen adverbialen Nominalphrasen und Präpositionalphrasen im Englischen hin, auch die semantische Gleichwertigkeit von Phrasen wie z.B. next Tuesday und on next Tuesday spricht seiner Meinung nach für die Existenz leerer Präpositionen usw. Allerdings sind die McCawleyschen distributionellen Kriterien laut Pittner (1999: 56) nicht allesamt auf das Deutsche übertragbar.

Ein weiteres Argument, adverbiale NPs auf PPs zurückzuführen, liegt darin, dass somit ihr Kasus erklärt wird. Nach McCawley (1988:586-587) kann die unsichtbare Präposition als ein kasuszuweisendes Element, das der adverbialen NP ihren Kasus vergibt, dienen.

Auf solche Weise könnte man alle Kasus als durch andere Elemente zugewiesen erklären; dennoch sind die Adverbialien in ihrer Form nicht durch andere Elemente im Satz determiniert und ihre Rolle wird nicht „von außen“ zugewiesen, sondern inhärent durch die eingesetzten sprachlichen Mittel gekennzeichnet, wovon eines der Kasus ist (nach Pittner 1999:56).

↓63

Larson (1985) sieht adverbiale NPs nicht als PPs, sondern als „bare NP-Adverbs“ an und ist der Meinung, dass nur bestimmte Nomina im Englischen (Wochentags- und Monatsnamen, Jahresangaben usw.) ein Merkmal [+F] in ihrem Lexikoneintrag haben:

(8)

John arrived that moment /minute /hoer /day /week /month /year.

↓64

Das Merkmal [+F] ermöglicht laut Larson die Zuweisung eines obliquen Kasus an die NP. Die Zugehörigkeit der Nomina zu den „bare NP-Adverbs“ lässt sich also nicht semantisch, sondern lexikalisch erklären20. So gibt es z.B. viele temporale Nomina, die auch wie week, year usw. einen Zeitabschnitt bezeichnen, aber das Merkmal [-F] aufweisen und nur als PPs adverbial gebraucht werden:

(9)

a. John arrived on that occasion /during this vacation.
b. John stayed in New York during that period of his life.

↓65

Laut Larson (1985:606) kann eigentlich jeder Phrase eine adverbiale Thetarolle (Zeit, Ort, Richtung, Art und Weise) zugewiesen werden.

Pittner (1999:56) vertritt die Auffassung, dass Larsons Ansatz, wenn er die Möglichkeit, adverbiale Thetarollen zuzuweisen, allein vom Nomen abhängig macht nicht ganz adäquat ist21 und untersucht auf Grundlage des Deutschen außer semantischer Zugehörigkeit weitere Bedingungen, unter denen Nomina in adverbialer Funktion auftreten können. So werden bei Akkusativ-NPs, die einen Zeitpunkt ausdrücken, meist ein Determinator (dies-) oder Adjektiv (letzt-, nächst-) gebraucht; für eine Reihe der adverbialen NPs gibt es keine Präpositionen, die den entsprechenden Kasus an diese NPs zuweisen könnten (vgl. diese Woche - in dieser Woche; diesen Sommer - in diesem Sommer), was eigentlich gegen die Annahme einer leeren Präposition spricht. Während bei den adverbialen PPs die Präposition ihr Komplement kasus- und thetamarkiert, sind adverbiale NPs laut Pittner (1999:60) inhärent theta- und kasusmarkiert und können folglich nicht auf PPs zurückgeführt werden.

Nach Renz (1993:24) kann eine systematische Klassifikation der adverbialen Formen grundsätzlich weder aufgrund von eines gemeinsamen syntaktischen Merkmals noch mittels einer übergeordneten Kategorie gelingen; die einzelnen adverbialen Formen können zwar beschrieben und charakterisiert werden, ein Zusammenhang zwischen ihnen ist aber nicht herstellbar.

↓66

Eine andere Möglichkeit zur Vereinfachung der syntaktischen Kategorie von Phrasen in adverbialer Funktion könnte die Annahme einer „Adverbialphrase“ sein. Dennoch halten die kategoriale Identität aller Phrasen in adverbialer Funktion sowohl Larson (1985:600) als auch Pittner (1999:58-59) für unplausibel, da die Annahme einer „Adverbialphrase“ nur dann schlüssig wäre, wenn es auch Subjekt- oder Objektphrasen gäbe.

Man kann auch prinzipiell davon ausgehen, dass die Kategorien von Phrasen in adverbialen Funktionen gemäß ihrer internen Struktur zu beschreiben sind. So sollte eine Phrase mit einem Nomen als Kern eine Nominalphrase sein, eine Phrase mit Adjektiv als Kern eine Adjektivphrase usw. Auch Pittner (1999:60) plädiert dafür, die Kategorien von Phrasen mit adverbialen Funktionen gemäß ihrem Erscheinungsbild (NP, PP, ADjP, AdvP, Satz) zu beschreiben. Offensichtlich erweist sich aber auch diese Auffassung als problematisch, da z.B. in vielen Untersuchungen zu den Nominalphrasen die Einführung der Kategorie Determinierer (Determinator, Determinans) und somit auch Determiniererphrase bzw. Determinansphrase vorgeschlagen wird.

1.3.1.2 Nominalphrasen als Determinansphrasen

In der Generativen Grammatik hat sich seit Abney (1987) zunehmend die Auffassung durchgesetzt, dass die NP selbst als Komplement der Kategorie Determinierer (DET) auftritt und mit dieser eine Determinansphrase (DP)22 mit der generellen Struktur [DP D NP] bildet- nach Fries (2005:75).

↓67

Es ist m.E. für die weitere Untersuchung notwendig auf diese Frage ausführlicher einzugehen:

Die aus der X-Bar-Syntax bekannten funktionalen Kategorien INFL und COMP werden von Abney (1986,1987) und Fukui (1986) um eine weitere Kategorie erweitert: Determiner. Damit werden die strukturellen Parallelen zwischen Nominalphrasen und Sätzen theoretisch erfasst, so Bhatt (1990a:18).

Abney ist der Meinung, dass man damit nicht nur einen konzeptuellen Gewinn für die X-Bar-Syntax, sondern auch eine bessere Erklärung der empirischen Fakten durch die Theorie erreichen kann. So weisen in vielen Sprachen sowohl das Verb als auch ein Nomen u.a. charakteristische Flexionsparadigmen auf. Abney schlägt vor die Flexion von N ähnlich wie Flexion von V über einen funktionalen Kopf zu vermitteln. Der Kopf trägt dabei die grammatischen Merkmale (AGR) der Phrase, was Abney (1987:19) schematisch wie folgt darstellt:

↓68

Ein finites AGR in INFL lizensiert das Subjekt von VP durch Kasuszuweisung (z.B. Nominativ) und erscheint als Flexionsaffix am Kopf seines Komplements VP. Durch den merkmalshaltigen, funktionalen Kopf entsteht also das Phänomen der Subjekt-Verb-Kongruenz (Olsen /Fanselow et.al. 1991:6).

Die DP-Struktur sieht nach Abney (1987:19) wie folgt aus:

↓69

In der Nominalphrase (jetzt als DP betrachtet) erhält ein Subjekt (Possessor) seinen Kasus, wie Subjekt des Satzes von einem (possessiven) AGR unter DET. Nominales AGR erscheint zudem in vielen Sprachen wie verbales AGR am lexikalischen Kopf seines Komplements (N) in Form eines Flexionssuffixes. Abney führt mehrere Beispiele aus dem Ungarischen, Türkischen, Eskimo und Maya an, wo der Kopf einer Nominalphrase (N) mit dem Possessor kongruiert (z.B. in den Person- und Numerusmerkmalen). So wie INFL seine grammatischen Merkmale an das Verb übermittelt, so übermittelt D° seine grammatischen Merkmale (=AGR) an das Nomen.

Haider (1988) hat als erster die DP-Hypothese aufs Deutsche angewandt. Er nimmt für die DPs folgende Struktur an: [DP [ D` D°[NP [N` N°]]]] und definiert Nominalphrase wie folgt:

↓70

Die „Nominalphrase“ ist ... eine Determinansphrase, d.h. eine Projektion des Funktionalen Haupts D, die als Komplement eine Nominalphrase enthält, d.h. die maximale Projektion der lexikalischen Kategorie N. (Haider, 1988:41)

D ist ein funktionales Element und weist seinem Komplement keine θ- Rolle zu, kann aber auch andere Komplemente nehmen, so Haider (1988:42f):

↓71

(3)

a. NP-Komplement: die (neue Analyse)
b. PP-Komplement: der (von gestern)
c. CP-Komplement: der (der das glaubt) usw.

U.a. belegen Vater und Olsen, dass eine DP-Analyse für das Deutsche und weitere Sprachen einen wichtigen Fortschritt gegenüber „traditionellen“ Ansätzen erlaubt. Die DP- Analyse hilft einige Erscheinungen bei der Untersuchung der Nominalphrasen zu erklären, z.B. das Verhältnis von Pronomina zu Artikeln, das Auftreten von Nominalphrasen ohne Nomen, die pränominalen Genitive usw. (nach Olsen /Fanselow et.al.1991:10).

↓72

Laut Fries (2005:75) treten in Parallelität zur Strukturbildung anderer funktionaler Kategorien innerhalb der NP lediglich Komplemente des Nomens und Adjunkte auf, wie z.B. [DP [DET die [NP [süffisante] [N Frage] [ob er kommt]]]], deren syntaktische Positionierung ggf. der Diskussion bedarf (vgl. z. B. Sternefeld (2005)); Pron. wie ich, es, jeder usw. stehen demnach nicht für eine NP, sondern für eine DP und sind selbst als intransitive DET analysierbar.

Die meisten DPs (u.a. auch die adverbialen DPs) zeigen mannigfaltige interne Strukturen auf: außer einem Nomen (lexikalischer Kopf der DP) kommen dabei unterschiedliche Wortarten vor, z.B.:

(4)

↓73

Dienstag bzw. letzten /vergangenen Dienstag
Des Weges gehen
Diese Woche
Meines Erachtens
Eines Tages
Jeden Tag

Wir stoßen also auf das nächste Problem und zwar was zu den Determinantien einer DP gezählt werden soll.

1.3.1.3 Was wird zu den Determinantien gezählt?

In diesem Kapitel werden einige Ansätze zum internen Aufbau der DP (Haider 1988, Felix 1988, Löbel, 1989, Bhatt 1990, Zimmermann 1991, Vater 1985, 1991, 1994, Olsen 1991) unkritisch zusammengefasst.

Quantoren

↓74

In einigen Arbeiten vom Anfang der achtziger Jahre kam Vater (1981, 1982, 1984) zu der Überzeugung, dass die Quantoren (ein 23 , all-, beid-, jed-, einige, mehrere u.a.) aufgrund syntaktischer und semantischer Kriterien aus der Klasse der Determinantien (der, dies-, jen-, derjenig-, derselb-) ausgegrenzt werden müssen (Vater 1991a:16). Schon ihre Verbindbarkeit im Deutschen spricht syntaktisch dafür, dass sie verschiedenen Klassen angehören, z.B.:

(1)

alle diese Hefte, die eine Schwester, das eine Buch, die vielen Bücher
dies eine Mal, die beiden Bücher usw.

↓75

Semantisch lässt sich zeigen, dass diese Wörter nicht Indefinitheit anzeigen, sondern lediglich Quantifizierung des N-Denotats, so Vater (1991a:16). Sie können sich genau deshalb auch mit Determinantien verbinden, die eine reine Referenzfunktion haben:

(2)

die vielen Bücher verhält sich wie die hundert Bücher usw.

↓76

Nach Vater (1991a) haben Quantoren rein quantifizierende Funktion und nehmen Positionen innerhalb des NP-Komplements von D° ein.

Löbel (1989) und Bhatt (1990a) sehen den Quantor als funktionales Element, als Kopf einer QP an, die eine Nominalphrase als Konstituente enthält.

Zimmermann (1991:17) betrachtet QP als Modifikator in der Nominalphrase. Diese Ansicht kontrastiert mit Löbels (1989, 1990a, 1990b) und Bhatts (1990a) Analysen, nach welchen QP eine funktionale Strukturetage oberhalb von Nominalphrase darstellt und als solche das funktionale Komplement von D ist. Zimmermann (1991:17 (26)) stellt diese beiden Vorschläge gegenüber:

↓77

(3)

a. [ DP [D´ D [ NP [ N‘ [ Q‘ . . . Q . . . ][ N‘ . . . N . . . ]]]]]
b. [ DP [D´ D [ QP [ Q‘ . . . Q [ NP [ N‘ . . . N . . . ]]]]]]

Den Vorschlag von Zimmermann (3a)findet auch Vater (1994:130) plausibel.

↓78

Außerdem ist noch ein weiterer Unterschied in der Besetzung für Q zu verzeichnen. Löbel positioniert in Q die so genannten Zählnomen und sieht die Numeralia als Einheiten in der SpecQ-Position an. Im Deutschen bliebe Q in vielen Fällen lexikalisch unausgefüllt. Bei Zimmermann (1991:18) werden Numeralia wie bei Bhatt (1990a) als die Köpfe von Q-Phrasen angesehen und Zähl- und Maßnomen als N wie alle anderen Substantive kategorisiert (vgl. Brandt et al. 1999:55).

Man soll jedoch nicht vergessen, dass die Klasse der Quantoren semantisch nicht homogen ist. So hat Quantor ein in beiden Bespielen (4a, 4b) eine quantifizierende Funktion. Dennoch kann er auch zusätzlich die Unbestimmtheit (in Funktion des „unbestimmten Artikels“) ausdrücken (4a):

(4)

↓79

a. Er kam eines Tages zu uns.
b. Er lebte einen Monat bei uns.

Besondere Aufmerksamkeit verdient entsprechend der Quantor kein.

Possessiva

Possessiva wurden ursprünglich zu den Determinantien gerechnet. Einerseits kennzeichnen die Possessiva, wie die echten Determinantien (der bestimmte Artikel und die Demonstrativa) eine Nominalphrase als definit, andererseits weisen sie morphologische Ähnlichkeiten mit den „unbestimmten Determinantien“ (oder „Quantoren“) ein und kein auf.

↓80

Eine mögliche Darstellung einer Phrase mit Possessiva (meinem Wagen) ist z.B. auf dem Schema von Olsen (1991:51) zu sehen:

So eine DP-Analyse betrachtet u.a. Olsen (1991:51-52) als problematisch: „Possession“ in (Abb. 5) wird nicht als eine zweistellige Relation zwischen zwei referentiellen Ausdrücken dargestellt. Das Possessivum mein erscheint hier als eine funktionale, d.h. nicht-referenzfähige X°-Kategorie, die deshalb nicht als Träger einer Theta-Rolle in Frage kommt. Weiter führt Olsen (1991:52) Beispiele an, die beweisen, dass das Possessivum eine Theta-Rolle tragen und auch referenzfähig sein kann:

↓81

(6)

a. deine Unterschlagung des Geldes = Agens
b. deine Verhaftung = Patiens
c. seine i /j Mutter sagte Karl i, dass er besser aufpassen sollte.

Nach der älteren Auffassung wurde zwar der definitheitsanzeigenden Funktion der Possessiva Rechnung getragen, nicht aber ihrem pronominalen Charakter: Sie anaphorisieren eine Genitiv-Nominalphrase, so Vater (1994:130 Anmerkung 88).

↓82

Olsen (1991:47) nimmt an, dass Possessiva Proformen für einen pränominalen Genitiv, der die Spezifizierer-Position in einer DP einnimmt, sind.

Der Stamm der Possessiva (z.B. mein- in meinem Wagen) befindet sich laut Olsen (1991:53) in der Spezifizierer-Position der Gesamt-DP, während das Flexiv (z.B. –em in meinem Wagen) eine Realisierung von D° bildet, da es mit dem NP-Komplement in Kasus, Genus und Numerus kongruiert24:

↓83

Im Anschluss an Olsen (1991) betrachtet auch Vater (1991a:17) in seinen neueren Untersuchungen Possessiva nicht mehr als Determinantien und weist ihnen die Spezifizierer-Position zu.

Nominalphrasen ohne „Determinierer“

Problematisch bei der Beschreibung der Selektionsbeziehung zwischen DET und NP sind „NPs“ ohne Determinans, Possessivum oder pränGen, wie das bei Massennomina (z.B. Wasser, Geld, etc.) und Pluralien (z.B. Kinder, Ideen, etc.) der Fall ist, so Bhatt (1990a:183). Außerdem kommen auch viele adverbiale DPs (Dienstag gehen wir hin) ohne irgendeinen Determinierer vor.

Haider (1988) vertritt die Auffassung, dass es keine Projektionen leerer Kategorien25 gibt, also auch keine defektiven DPs. „NPs“ ohne lexikalisch realisiertes Determinans in D°-Position sind bei ihm keine DPs, sondern NPs, die ebenso argumentfähig sind wie DPs mit lexikalisch realisiertem Determinans in D°-Position.

↓84

Olsen (1991:43) löst dieses Problem mit Hilfe des Prinzips der unsichtbaren Kategorie (vgl. Emonds 1985:227). Bei DET-losen „NPs“ im Deutschen und in Sprachen, die keine Flexion aufweisen, argumentiert Olsen, ebenso wie Haider, für argumentfähige NPs, da sie keine funktionale Kategorie und somit kein (AGR)-Element für diesen Bereich besitzen.

Es gibt auch andere Ansichten:

Felix (1988: 37-62) geht davon aus, dass argumentfähige „NPs“ grundsätzlich DPs sind, gleichgültig, ob ein Determinans an der D°-Position realisiert ist oder nicht. Außerdem sieht er die Bezeichnung „Determinans-Phrase“ als unglücklich gewählt an, weil die D°-Position dementsprechend die Position nur für Determinantien sein soll (vgl. Bhatt 1990a:183). Von Felix wird die These gestützt, dass man in der funktionalen Kategorie nicht nur die Realisierung eines lexikalischen Determinans, sondern die Position, die grammatischen Merkmale der Nominalphrase enthält, sehen soll. Bhatt (1990a:183) teilt die Auffassung von Felix und behauptet, dass nur die Argumentation von Felix bezüglich DET-loser „NPs“ in die richtige Richtung führen kann, nicht aber die von Haider, Olsen und Fukui.

↓85

Auch in dieser Arbeit wird die Auffassung von Felix (1988) geteilt, dass argumentfähige „NPs“ grundsätzlich DPs sind, gleichgültig, ob ein Determinans an der D°-Position realisiert ist oder nicht.

Determinantien

Wenn man Possessiva und Quantoren als Determinantien betrachtet, so ist laut Bhatt (1990a:218) mit dem Problem der mehrfachen Determination26 zu rechnen:

↓86

Es wurde aber schon früher beschrieben, dass die Possessiva nicht als Determinantien, sondern als Spezifikatoren zu betrachten sind (Olsen 1991, Vater 1991a).

Laut Vater (1991a:24) gehören auch Quantoren einer anderen Klasse als Determinantien an: Determinantien sind Realisierungen von D° und die Quantoren – Bestandteil einer QP:

↓87

Quantoren wie ein, all etc. sind ebenso wenig Definitheits-Markierer wie Adjektive. Wichtig ist auch zu wissen, dass Abwesenheit eines (definiten) Determinans eine Nominalphrase nicht automatisch indefinit macht.

Zu der Klasse der „definiten oder bestimten„ Determinantien27 sollen alsonurdie „bestimmten Artikel“ (der, die, das) und die Demonstrativa (dies-, jen-, derjenig- derselb- usw.) gezählt werden. „Definite“ Determinantien haben im Deutschen ihren Platz gewöhnlich sehr weit weg vorne in der Nominalphrase, d.h. entweder ganz am Anfang oder nach den Quantoren all-, beid-:

(10)

↓88

Alle die Bücher habe ich heute gekauft (aus Vater 1991a:18)

1.3.1.4 Fazit

Die DP-Analyse erlaubt für das Deutsche zweifellos einen Fortschritt gegenüber anderen Ansätzen (siehe auch die neuesten Arbeiten von Coene et. al. 2003, Tizio 2004, Sternefeld 2005 et. al.).

Auch für die vorliegende Beschreibung adverbialer Kasus wird im Allgemeinen die DP- Analyse angenommen, obwohl die Bezeichnung Determinansphrase an sich unglücklich ist, da die D°-Position nicht nur die Position für die „definiten oder bestimmten“ Determinantien wie dieser ist.

↓89

Es soll aber bemerkt werden, dass vorige Kapitel die Lösung einzelner theoretischer Fragen zur internen Struktur der DPs (wie z.B., ob QP Bestandteil einer NP ist oder andersrum usw.) nicht anbieten, da dies auch von Anfang an nicht erstrebt wurde.

Des Weiteren wird etwas verallgemeinernd davon ausgegangen, dass in einer adverbialen DP unbedingt ein Nomen als lexikalischer Kopf (vs. DET als funktionaler Kopf) auftritt und dass das Vorkommen oder Fehlen anderer Elemente (Determinantien, Quantoren, Possessiva usw.) bzw. ihre unterschiedliche Kombinationen miteinander sehr stark variieren.

1.3.2  Struktur und interne Besetzung adverbialer Determinansphrasen

Erst nach der kompletten empirischen Analyse der adverbialen Kasus (sie folgt in den Kapiteln 2 bzw. 3) wurde es möglich der Besetzung und dem Aufbau nach drei strukturelle Gruppen zu unterscheiden. Es scheint dennoch plausibel diese Gruppen schon jetzt aufzulisten, um einen besseren Überblick über den Stoff der vorliegenden Untersuchung anzubieten.

↓90

Vorab ist zu bemerken, dass einige Konstituenten für den Anschluss neuer Glieder offen sind (Montag - diesen Montag - desselben Montags, eines Tages – eines schönen Tages – eines schönen sonnigen Tages) und andere infolge ihrer Erstarrung nicht erweiterbar sind (schnellen Schrittes - *des schnellen Schrittes, des Nachts - *des späten Nachts, Kopf an Kopf – *den dummen Kopf an den klugen Kopf).

Gruppe I:

Die erste Gruppe bilden einfache adverbiale Konstituenten, die aus einer DP (mit unterschiedlicher Ausfüllung bzw. Besetzung) bestehen z.B.:

↓91

1. Adverbiale DPs, die nur ein Nomen beinhalten:

(1)

a. Samstag war ich zu Hause.28

↓92

Auch wenn ein Determinans im weiteren Sinne oder ein Adjektiv bei der NP fehlt,handelt es sich trotzdem um eine DP, da Kasus-, Genus-, und Numerus-Merkmale vorhanden sind(Vater 1991a:26).

2. Adverbiale DPs mit definiten Determinantien (der bestimmte Artikel und Demonstrativa):

(2)

↓93

a. Diese Woche bleibe ich in Berlin.
b. Das Kind hat des Morgens geweint.

3. Adverbiale DPs mit Possessiva:

(3)

↓94

a. Er konnte seiner Wege gehen.
b. Meines Erachtens ist das nicht so schwer.
c. Unseres Wissensstandes geschah das gegen 17 Uhr.

4. Adverbiale DPs mit Quantoren (ein-, all-, beid-, jed-, kein-, einige, mehrere, manch-, etlich-, ein paar u.a.):

(4)

↓95

a. Eines Tages ist er nach Berlin gekommen.
b. Einige Jahre lebte er in Afrika.
c. Wir gehen jeden Tag einkaufen.

5. Adverbiale DPs mit eingebetteten Attributen oder Partizipien:

(5)

↓96

a. Lange Jahre /vorigen Sommer lebte er auf dem Lande.
b. Frohen Mutes /gesenkten Kopfes ging er weg.

Üblicherweise bestimmt ein (definiter) Determinierer (als funktionaler Kern einer DP) bei einem darauf folgenden Adjektiv die schwache Endung (das letzte Mal). Nur wenn ein (definiter) Determinierer fehlt, was bei den adverbialen Kasus oft der Fall ist, bekommt das Adjektiv eine starke Endung (letztes Mal). In solchen Fällen wird die Determination nicht durch D, sondern durch die Endung des Adjektivs ausgedrückt (vgl. Vater 1991a:25).

Einige adverbiale Genitiv-DPs mit adjektivischer bzw. partizipialer Erweiterung verdienen in dieser Hinsicht eine größere Aufmerksamkeit, vgl.:

↓97

(6)

a. Er ging langsamen Schrittes nach Hause.
b. Er stand gesenkten Kopfes vor der Tür usw.

Obwohl bei diesen adverbialen Genitiven ein Determinierer fehlt, weißt das Adjektiv bzw. Partizip trotzdem keine starke Endung auf. Diese Besonderheit der adverbialen Genitive wird in Kapitel 2.2 erörtert.

↓98

Sehr oft kommen im Deutschen auch unterschiedliche Kombinationen von Det, Quantoren, Possessiva usw. innerhalb einer adverbialen DP vor:

(7)

alle langen romantischen Abende
die zweite Woche
eines schönen frühen Morgens usw.

↓99

Gruppe II:

K omplexere adverbiale Konstituenten, die aus einer DP und einer weiteren Phrase (Präpositionalphrase, Complementizerphrase usw.) gebildet werden. Das sind:

1. Adverbiale Akkusativ- DPs mit einem Quantor als Bestandteil einer adverbialen PP oder CP:

↓100

(8)

a. Zehn Minuten vor der Prüfung
b. Drei Stunden nach dem Unfall
c. Fünf Minuten bevor er kam

(9)

↓101

a. Zwanzig Kilometer vor der Stadt
b. Zwei Schritte vor dem Hauseingang

Hier geht es m.E. um adverbiale Positionen (zehn Minuten usw.) in einer PP bzw. CP, da sie u.a. durch Adverbien wie kurz, lang usw. substituierbar sind, vgl. kurz vor der Prüfung. Vgl.:

↓102

2. Absolute Akkusative mitPP als zweiter Konstituente usw.:

(10)

Er ging, den Hut in der Hand, spazieren.

↓103

Oder auch absolute Akkusative, bei denen der Akkusativ als zweite Konstituente auftritt:

(11)

Am nächsten Morgen stieg ich, in der Hand
Den Becher Wein, den ich für sie gezapft,
Zu ihr hinab. [Hebbel: Genoveva, S. 111. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 35995 (vgl. Hebbel-W Bd. 1, S. 149)]

↓104

Es ist interessant, dass erst mit dem Hinzufügen von einer PP diese Akkusative zum Bestandteil einer adverbialen Konstruktion werden. Solchen absoluten Akkusativen ist außerdem eine latente (versteckte) Prädikation eigen (siehe Kapitel 3.3.2.3.2).

Gruppe III

Als Sonderfall sind zu den adverbialen Kasus erstarrte unerweiterbare kasusunmarkierte Zwillingsformeln zu zählen:

↓105

1.Zwillingsformeln, bei denen zwei Substantive durch eine Präpostition verbunden werden:

(12)

Kopf an Kopf, Schritt für Schritt, Tag um Tag usw.

↓106

Üblicherweise verbinden Präpositionen syntaktisch ungleichwertige Wörter oder Wortgruppen, fordern einen bestimmten Kasus und stellen somit eine (abhängige) Beziehung zwischen zwei Wörtern her (vgl. der Kampf um den Frieden). Dies ist aber bei den Zwillingsformeln nicht der Fall: es handelt sich dabei um zwei gleichwertige Wörter, bei welchen auch die Fallforderung der Präposition ausfällt (vgl. Galil 1976:7, Jung 1980:350).

2. Zwillingsformeln, bei denen zwei Substantive durch die koordinierende Konjunktion und oder selten durch das Wort wie verbunden werden:

(13)

↓107

Tag und Nacht, Sommer und Winter, Sommer wie Winter

Auch die Wörter wie und als 29, die von Galil (1976:7) zu Präpositionen gezählt werden, verlangen keinen bestimmten Kasus. M.E. trittjedoch wie in den adverbialen Paarformeln (Sommer wie Winter) in einer eher den Konjunktionen ähnlichen Funktion auf (vgl. Sommer und Winter).

Anhand der Tabellen sind die Struktur und Besetzung adverbialer DPs im Anhang A repräsentiert.

1.4 Zum Status adverbialer Kasus im Satz: ihre Funktion, Valenz und Bezugsmöglichkeiten

1.4.1  Adverbiale als syntaktische Funktion

↓108

In diesem Kapitel werden die Termini Adverb und Adverbial (Adverbiale) genauer präzisiert.

Laut Pittner (1999:49) werden häufig, besonders in der englischsprachigen Literatur, Form und Funktion vermischt, und der Terminus Adverb wird sowohl für die Wortart Adverb wie auch für die syntaktische Funktion Adverbial verwendet.

Das Adverb ist aber keinesfalls die einzige Wortart, die als adverbiale Bestimmung auftreten kann, so wie sich umgekehrt seine Leistung nicht in dieser Funktion erschöpft. Im Gegensatz zu dem kategorialen Begriff Adverb sollte sich der Terminus Adverbial auf eine syntaktische Funktion beziehen:

↓109

Unter syntaktischen Funktion (auch: Grammatische Relation, Syntaktische Relation) wird eigentlich ein Oberbegriff für funktionale Beschreibungsgrößen wie Subjekt, Prädikat, Objekt, Adverbial, Attribut u.a. verstanden, wobei ein unterschiedlicher Gebrauch je nach theoretischem Ansatz oder Sprachtyp vorkommt.

Für die Sprachen mit einem ausgeprägten morphologischen System (z.B.: Deutsch, Latein) führt man syntaktische Funktion in erster Linie auf die Kasus zurück. So wird z.B. das Subjekt mit der Nominativ-Ergänzung eines Prädikats identifiziert. Für Sprachen, in denen morphologische Kasus nur marginal vorkommen, wie Englisch und Französisch geht man von strukturellen und /oder topologischen Relationen aus und definiert z.B. das Subjekt als die vom Satzknoten unmittelbar dominierte Nominalphrase (vgl. Chomsky 1965) und die Modifikationen in Chomsky (1981, 1986, 1995) bzw. als die NP, die eine satzinitiale unmarkierte Stellung aufweist.

In funktionalen, inhaltbezogenen Ansätzen werden unter syntaktischen Funktionen semantische Rollen oder satzfunktionale Begriffe verstanden. So wird z.B. das Subjekt in der Kasusgrammatik vom Agens (Verursacher) einer Handlung abgeleitet. In traditioneller Grammatik wird das Subjekt vom Satzgegenstand im logischen Sinne, dem Topik oder Thema eines Satzes abgeleitet.30

↓110

Was also das Adverbiale angeht, so wird des Weiteren darunter eine syntaktische Funktion (parallel zu Subjekt, Objekt, Prädikat) verstanden.

Diese syntaktische Funktion Adverbiale wird dabei mit verschiedenen grammatischen Kategorien assoziiert, d.h. deutsche Adverbialien weisen unterschiedliche kategoriale Füllungen auf:

Adverb (heute), Adjektiv ( schnell), Pronominaladverb (darin, deshalb),
Präpositionalphrase (im Zimmer, mit dem Hut in der Hand),
Determiniererphrase im Genitiv (eines Tages, er geht langsamen Schrittes)
oder im Akkusativ (den ganzen Abend, jeden Tag),
sowie Adverbialsätze (weil sie das Buch dringend brauchte)
und Infinitivkonstruktionen (Der Hund lässt sich streicheln, ohne zu knurren)

↓111

Und umgekehrt gesehen, treten die Genitive und Akkusative meistens als Objekte oder Attribute auf. Viel seltener erfüllen sie im Satz die adverbiale Funktion:

Neben ihren Hauptfunktionen als Anzeiger von spezifischen Abhängigkeitsbestimmungen kommt dem Akkusativ und dem Genitiv eine auf wenige Bereiche eingeschränkte Nebenfunktion zu, die der Adverbialkasus, die man im heutigen Deutsch besonders für den Genitiv als nicht mehr produktive Isolierungen zu interpretieren hat. Die speziellen Adverbialbedeutungen werden durch die beteiligten Substantive festgelegt. (Heidolph et. al., 1981:580)

↓112

Es ist also für den weiteren Hergang der Untersuchung wichtig den substantivischen Komponenten der adverbialen Kasus einen besonderen Platz einzuräumen.

↓113

Auf verschiedene Adverbialientypen (temporal, lokal, modal) und Untertypen (bei temporalen: durativ, frequentativ usw., bei lokalen: lokal, direktional usw.) wird im Kapitel 1.5 genau eingegangen.

1.4.2 Adverbiale Kasus und Valenztheorie

Die adverbialen Kasus des Deutschen werden des Öfteren auch freie bzw. semantische Kasus genannt, wobei auf ihre Valenz angespielt wird.

Unter dem Begriff Valenz ist in der Linguistik die Fähigkeit eines Lexems (eines Verbs, Substantivs, Adjektivs usw.) gemeint seine syntaktischen Umgebungen vorzustrukturieren, indem es anderen Konstituenten im Satz Bedingungen bezüglich ihrer grammatischen Eigenschaften auferlegt.31

↓114

Der Begriff Valenz ist jedoch nicht mit den traditionellen Begriffen wie Rektion und Transitivität gleichzusetzen, denn, wie Welke (1988) bemerkt:

...diese greifen nur einige spezielle syntaktische Beziehungen heraus, und sie sind noch stark morphologisch (auf Flexion der Substantive) orientiert. Der Begriff Valenz, so wie er von Bühler und Tesniere geprägt worden ist, ist umfassender. (Welke, 1988:11)

↓115

Die (Verb-) Valenz bezieht sich nicht wie die Rektion nur auf das Vorkommen von Objekten, sondern auch auf das Subjekt, präpositionale Objekte und syntaktisch notwendige Adverbialien.

↓116

Die Anzahl der geforderten Ergänzungen wird traditionell als Stelligkeit des Verbs benannt, die Ergänzungen selbst als Aktantenoder Mitspieler. Auch die Nominativergänzung des Verbs, das obligatorische Subjekt, kann trotz seines grammatischen Sonderstatus als eine Stelle bezeichnet werden. In der älteren an Tesniere anschließenden Literatur ist es üblich die Verben nach der Zahl ihrer Ergänzungen zu unterscheiden: in nullwertige (avalente), einwertige (monovalente), zweiwertige usw.32

Das Hauptanliegen der gesamten Valenztheorie ist die Unterscheidung von Ergänzungen und Angaben, was auf die Unterscheidung zwischen actants und circonstants von Tesniere (1959) zurückgeht. Heutzutage wird oft von einer Dreiteilung in obligatorische Ergänzungen, fakultative Ergänzungen und Angaben ausgegangen (vgl. Ergänzungen, Komplemente, Argumente vs. Angaben, Adjunkte, Modifikatoren).

So unterscheiden beispielsweise Helbig /Buscha (1987) zwischen “freien”, “fakultativen” und “obligatorischen” Adverbialbestimmungen; in den “Grundzügen einer deutschen Grammatik” (von Heildolph et. al.) wird zwischen Adv I (valenznotwendig), Adv II (valenzmöglich) und Adv III (valenzunabhängig) unterschieden usw.

↓117

Auch nach Bußmann (2002:50) sind für das Deutsche je nach Verbindung zum Verb drei Hauptklassen der Adverbiale zu unterscheiden:

I. Valenznotwendige (obligatorische) Adverbialbestimmungen kommen nur nach einigen wenigen Verben wohnen+ lokale Adverbiale (A), sich fühlen+ modale A., fahren+ Richtungs-A.,

II. Valenzmögliche (fakultative) Adverbiale sind z.B. modale Adverbiale bei Bewegungsverben (Jacob läuft /fährt /schwimmt schnell)

↓118

III. Valenzfreie Adverbiale unterliegen keinerlei Selektionsbeschränkungen (Caroline weinte /arbeitete /tanzte /meditierte im Garten)

Oft ist das Auftreten einer Adverbialbestimmung obligatorisch, ihre Art wird aber nicht festgelegt (vgl. Helbig /Buscha 2001:461, Pittner 1999:67):

(1)

↓119

a. Sie wurde 1999 geboren.
b. Sie wurde in Berlin geboren.
c. *Sie wurde geboren.

(2)

a. Sie verbrachte ihren Geburtstag in Berlin.
b. Sie verbrachte ihren Geburtstag sehr lustig.
c. * Sie verbrachte ihren Geburtstag.

↓120

Nach Ingrid Renz (1993:34-35) kann jedes Adverbial mit den Informationen, worauf es sich bezieht (eine externe Funktion) und was es ausdrückt (interne Funktion) eingeordnet werden. Adverbialien können als Ergänzungen oder Angaben fungieren. Die Angaben können das Prädikat modifizieren oder sich auf den ganzen Satz beziehen. Dabei ist die Einteilung in Ergänzung und Angabe vom Verb abhängig, und die Einteilung der Angaben wird dagegen nur von den Adverbialien selbst bestimmt:

Ergänzungen werden nach Renz von der Valenz des Verbs gefordert und sind syntaktisch obligatorisch (Die Katze hält sich im Garten auf). Semantisch füllen sie die Argumentstellen des Prädikats aus. Für die Angaben (Die Katze fängt im Garten eine Maus) ist die primäre externe Funktion sich auf die Verbalphrase oder auf den Satz (d.h. eine Verbprojektion) zu beziehen und dabei nicht als Argument zu dienen, sondern eine Zusatzprädikation auszudrücken.

↓121

Im Allgemeinen lässt sich feststellen, dass die meisten Adverbialien (vor allem Temporal, Modal- und Satzadverbialien33) und insbesondere die, die durch DPs ausgedrückt sind, fakultativ sind, d.h. auch ohne sie liegt ein grammatisch richtiger und vollständiger Satz vor:

(4)

a. Wir gehen (jeden Tag) baden
b. Das Geschäft bleibt (diese Woche) geschlossen
c. Sie zogen (langsamen Schrittes) zur Kirche
d. (Meines Erachtens) ist er ein Genie.

↓122

Lokaladverbialien (vor allem PPs) werden z.B. von Wunderlich /Herweg (1986) als Komplemente (Argumente) der Positionsverben (sitzen, stehen, liegen) angesehen, weil sie in der semantischen Repräsentation des Verbs durch das Lokationsprädikat verankert sind. Bierwisch (1988) behandelt lokale PPs in Komplementenfunktion als Prädikative. Pittner (1999: 61) äußert sich aber gegen den Komplementenstatus von Lokaladverbialien: die Obligatorik von lokalen „Komplementen“ ist keine syntaktische Eigenschaft, sie ist nicht verbspezifisch festgelegt, sondern durch pragmatische Faktoren bedingt; das obligatorische Auftreten eines Adverbials in einem Satz kann also nicht als ausreichender Hinweis für seinen Argumentenstatus gelten.

Als Komplemente sind z.B. laut Lyons (1995:352) einige Temporal- und Lokativkomplexe nach dem Verb sein (in der Bedeutung occur /stattfinden) zu betrachten:

(5)

↓123

a. Die Parade war im Stadtpark.
b. Die Demonstration war am Sonntag.
c. »Es war letzten Donnerstag, daß ich Euch verließ«, hob der Ritter an… [Hauff: Lichtenstein, S. 371. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 34376 (vgl. Hauff-SW Bd. 1, S. 213)]

Pittner (1999:68, 77, 95) zählt zu den Komplementen folgendes:

Durativadverbialien, die als Ergänzungen zu den so genannten Extensionsverben (z.B. dauern) auftreten und eine temporale wie auch räumliche Ausdehnung bezeichnen

↓124

Um die Unterscheidung von Ergänzungen und Angaben möglich zu machen, haben die Valenzgrammatiker unterschiedliche Testmöglichkeiten vorgeschlagen: u.a. Eliminierungstest (Weglassprobe), Austauschtest, Assoziationstest, Nachfragetest, Ableitbarkeit von eingebetteten Sätzen, die Kriterien der Subkategorisierung und der Determiniertheit usw.

Als Beispiel kann man den so genannten und-zwar-Test einführen, der dazu dient, obligatorische Adverbialien von fakultativen zu trennen. Nicht-valenzabhängige Adverbialien können demgemäß mit dem und zwar nachgetragen werden, valenzabhängige nicht (vgl. Altmann /Hahnemann 1999:102):

↓125

(6)

a. Er wohnt in Berlin.
b. *Er wohnt, und zwar in Berlin.
c. Sie gehen zum Bahnhof.
d. ???Sie gehen, und zwar zum Bahnhof.
e. Er ging schnellen Schrittes nach Hause.
f. Er ging, und zwar schnellen Schrittes nach Hause usw.

Zweifellos sind alle oben erwähnten und andere Ansätze zur Valenztheorie von großer Bedeutung. Es ist dennoch bis jetzt nicht gelungen die Unterscheidung der Ergänzungen von den Angaben durch entsprechende Tests (und auch keine Kombination von ihnen) eindeutig zu machen, so dass Welke (1990:5) dies „einen Skandal der bisherigen Valenzforschung“ nannte.

↓126

Die genaue Abgrenzung der obligatorischen, fakultativen und freien Adverbialien ist also beim gegenwärtigen Stand der Linguistik gar nicht möglich, was auch Hentschel und Weydt konstatieren:

Außer durch die Tatsache, dass sie bei einigen Verben und Adjektiven gebraucht werden müssen, bei anderen hingegen stehen können (und man folglich unterschiedliche hierarchische Strukturen annehmen kann), unterscheiden sich obligatorische, fakultative und freie Adverbialbestimmungen allerdings weder in ihrer äußeren Form noch in ihrem inhaltlichen Gehalt. (Hentschel /Weydt, 1994:345)

↓127

Was den Fremdsprachenunterricht anbetrifft, so wurde schon oft darauf hingewiesen, dass die Unterscheidung zwischen adverbialen Ergänzungen und Angaben für den Lernenden nicht relevant ist, da kein spezifischer Fehlertyp damit verknüpft ist (vgl. Adamzik 1992)35.

Anschließend soll auch noch auf den Begriff logische (außersprachliche, universale) Valenz eingegangen werden, da die Valenz heute nicht nur auf syntaktischer, sondern auch auf logisch-semantischer Ebene untersucht wird (vgl. Helbig /Schenkel 1978:65, Dürscheid 1991:20). Das kann man u.a. mit den von Rolland (1997:197) angeführten Beispielen illustrieren:

(7)

↓128

a. Die Sitzung dauerte den ganzen Nachmittag.
b. *Die Sitzung dauerte sein ganzes Leben lang.

Obwohl das Verb dauern mit durativen Adverbialien kombiniert wird, wäre es falsch zu behaupten, dass dabei eine beliebige Umstandbestimmung, die die Frage wie lange? beantwortet, gebraucht werden kann. So ist die Auswahl einer Umstandbestimmung des Öfteren nicht nur rein syntaktisch, sondern auch logisch und semantisch von dem Verb und /oder anderen Satzgliedern (im Beispiel 7a vom Subjekt) abhängig. Der Satz 7b wäre nicht nur im Deutschen, sondern auch in allen anderen Sprachen unmöglich, was auf die außersprachlichen, universalen Faktoren zurückgeht.

1.4.3 Welche Kasus sind absolut?

Die adverbialen Kasus des Deutschen werden sowohl in den älteren (vgl. Grimm 1837:887, Hübschmann 1875:36, Moskalskaja 1969:76) als auch in den neueren Aufsätzen (vgl. Hentschel /Weydt 1994:347) öfters als absolute Kasus bezeichnet. Da es meistens unklar bleibt, was sich hinter diesem Terminus verbirgt, ist es wichtig zuerst die Entwicklung des Terminus absolut in der Sprachwissenschaft zu verfolgen.

↓129

Hedman Annema (1924:1) bemerkt, dass der Terminus absolut, der schon im 12 Jh. von einem Scholasten Peter Helias im Zusammenhang mit den Begriffen Kasus, Partizip, Struktur angeführt wurde, bis heute nicht eindeutig bleibt.

Wenn der Terminus absoluter Kasus verwendet wird, so denkt man in erster Linie an den absoluten Akkusativ wie z.B.:

(1)

↓130

Er stand vor der Tür, den Hut in der Hand.

Dennoch ist die Ansicht, dass jeder freie Kasus in adverbialer Funktion absolut ist, weit verbreitet und demgemäß wäre der Terminus absolut eigentlich für alle valenzunabhängigen adverbialen Kasus angemessen.

So werden u.a. bei Grimm (1837:887), Hübschmann (1875:36), Moskalskaja (1969:76), Hentschel /Weydt (1994:157, 347) auch die adverbialen Genitive zu den absoluten Kasus gezählt.

↓131

Nach Grimm (1837:887) sind absolut die Kasus, die vom Verb oder einem anderen Wort im Satz nicht regiert werden und einen adverbialen Charakter haben. Adverbialisierte Nomen sind nach Grimm auch absolute Kasus. Diesen Gedanken verweist er mit einem Beispiel:

(2)

a. Ich komme nachts.
b. Ich komme, wenn es Nacht wird.

↓132

Ein absoluter Kasus kann laut Grimm (1837:887) ein Ausgangspunkt für einen Satz sein (in dem Fall geht es um einen temporalen Nebensatz) und ein Satz kann sich seinerseits in einen absoluten Kasus verwandeln.

Laut Hübschmann (1875:36) ist absolut jeder Kasus außer dem Nominativ, der adverbial verwendet wird.

Nach Curme (1952:552) bedeutet absolut: „without a grammatical connection with any other word in the sentence“.

↓133

In seiner „Mittelhochdeutschen Grammatik“ schreibt Paul (1989:350), dass ein absoluter Kasus auf kein anderes Satzelement bezogen und syntaktisch unabhängig sei; nur inhaltlich steht er zu dem Rest des Satzes in Beziehung. Doch gebe es Fälle, die eine Zwischenstellung einnehmen und in denen der Grad der Unabhängigkeit nicht leicht zu bestimmen sei.

Eine absolute Konstruktion ist eine Wortgruppe ohne finites Verbum, die nach außen ein lose angeknüpftes Glied (freies Adverbialglied, freies Prädikativ, Apposition) ist und weder kongruiert noch regiert ist und die nach innen aus zwei selbständigen Gliedern besteht, einem substantivischen Glied a und einem adjektivischen (bzw. adverbialen) Glied b, von denen b Prädikativ zu a ist und a Prädikativsträger von b ist, so Ernst Dittmer (1988:63).

Absoluter Kasusgebrauch ist ein nicht in die Satzstruktur integriertes, valenzunabhängiges Auftreten einzelner Kasus, wie z.B. das Ablativus Absolutus im Lateinischen (vgl. Bußmann 2002:45).

↓134

Die meisten adverbialen Genitive (gesenkten Kopfes, eines Tages) und Akkusative (den ganzen Abend, jeden Tag, den Kopf auf dem Tisch) treten im Satz tatsächlich als freie (valenzunabhängige) Adverbialien auf. Die Frage aber, ob sie alle auch absolut sind, ist allerdings rein terminologisch. Da man sich aber trotzdem auf eine einheitliche Terminologie festlegen sollte, werden hier des Weiteren die valenzunabhängigen Kasus in adverbialer Funktion als freie Kasus benannt. Zu den absoluten Kasus werden nur die absoluten Akkusative (den Hut in der Hand) und Nominative (Peter will nun doch auswandern, ein schwerer Entschluß.)36 gezählt, wie es auch bei Zifonun et. al. (1997:1293-1294) oder bei Dürscheid (1999) der Fall ist.

1.4.4 Bezugsmöglichkeiten adverbialer Kasus

Obwohl die Adverbialien meistens valenzfrei sind, weisen sie unterschiedliche Bezugsmöglichkeiten auf.

So modifizieren laut Renz (1993:30) die Angaben wie frech (in: Frech schaut Karl ihm ins Gesicht.) nur das Prädikat37 und nicht die gesamte Prädikation. Adverbiale, die sich auf den ganzen Satz beziehen werden als satzbezogene Adverbiale bezeichnet. Dabei rechnet Renz (1993:31) zu den satzbezogenen Adverbialien sowohl solche wie jeden Tag (in: Der Hund bellt jeden Tag) als solche wie klugerweise (in:Die Maus flüchtet klugerweise vor der Katze).

↓135

Es ist aber plausibel die Adverbialien wie klugerweise unter einem anderen Terminuszu führen, weil sie propositionsbezogenen sind und Sprechereinstellungen ausdrücken (vgl. Satzadverbiale bei Lang 1979:200, Modalwörter bei Heidolph et. al. 1981:374, Kommentaradverbien in der DUDEN-Grammatik 1998:371 usw.). M.E. ist der Terminus Einstellungsoperatorensehr passend(näher dazu siehe Kapitel2.3.2.4).

Die Satzadverbialien können subjektorientiert (Die Maus flüchtet klugerweise vor der Katze) bzw. sprecherorientiert (Glücklicherweise finden Katzen ihr Futter bei den Menschen) sein oder sie können auch gar keine Orientierung (Anscheinend ist die Maus gekommen) ausdrücken (Renz 1993:31).

Schon bei einer oberflächlichen Betrachtung adverbialer DPs fallen ihre unterschiedlichen Bezugsmöglichkeiten auf, z.B.:

↓136

(1)

a. Er ging schnellen Schrittes- DP ist prädikatsbezogen, ein Adverbiale der Art und Weise
b. Er ging frohen Mutes – subjektbezogene DP (ist klar aus unserem Weltwissen), Adverbiale
der Art und Weise, das den inneren Zustand charakterisiert
c. Eines Tages kam er zu uns – satzbezogene DP, temporales Adverbiale
d. Meines Erachtens war er ein Genie – propositionsbezogene DP, die Sprechereinstellung ausdrückt

Man kann dies auch mit den DPs, die andere syntaktischen Funktionen haben, vergleichen:

↓137

(2)

a. Er war frohen Mutes - subjektbezogene DP, nominaler Teil des Prädikats (Prädikativ)
b. Der Vortrag des Wissenschaftlers war sehr interessant - subjektbezogene DP, (Attribut)

In Pittner (2000) bietet der Abschnitt 1 einen kurzen Überblick über die Adverbialklassen, die Frey /Pittner (1998) und Pittner (1999) anhand der Grundpositionen der Adverbiale im deutschen Mittelfeld annehmen, sowie über die Bedingungen für ihre Positionierung. Die adverbialen Adjunkte fallen dabei in 5 syntaktisch relevante Klassen, nämlich Frame- und Bereichsadverbiale, Satzadverbiale, ereignisbezogene Adverbiale, ereignisinterne Adverbiale und prozessbezogene Adverbiale. Der Überblick über die Zuordnung einzelner Adverbialtypen zu diesen Klassen sieht so aus:

↓138

Tabelle 2: Adverbialklassen, nach Frey /Pittner (1998), Pittner (1999)

Adverbialklassen (Frey /Pittner 1998, Pittner 1999)

prozeßbezogene Adverbiale:

Adverbiale der Art und Weise

ereignisinterne Adverbiale:

Instrument und Komitativ, Lokaladverbiale, Adverbiale der Subjekthaltung

ereignisbezogene Adverbiale:

Temporaladverbiale, Kausaladverbiale

propositionsbezogene Adverbiale:

Satzadverbiale

Frameadverbiale:

den Geltungsbereich von Propositionen einschränkender Gebrauch von Lokal- und Temporaladverbialen

Dabei gelten für die Grundpositionen der verschiedenen Adverbialklassen im deutschen Mittelfeld die folgenden Bedingungen (vgl. Frey /Pittner 1998,1999):

(i) Frame- und Bereichsadverbiale: k-kommandieren die Grundposition der

↓139

Satzadverbiale

(ii) Satzadverbiale: k-kommandieren das finite Verb und die Grundposition der

ereignisbezogenen Adverbiale

↓140

(iii) ereignisbezogene Adverbiale: k-kommandieren die Grundposition des

ranghöchsten Arguments und die Grundpositionen ereignisinterner Adverbiale

(iv) ereignisinterne Adverbiale: sie werden von ihrem "Bezugsargument" minimal

↓141

(bezüglich der anderen Argumente) k-kommandiert

(v) prozessbezogene Adverbiale: k-kommandieren minimal das Verb bzw. den

Prädikatskomplex

↓142

Auch in der neueren Veröffentlichung von Lang et. al. (2003) wird die Klassifikation von Frey angenommen:

Class I: Sentence adjuncts. Include attitudinal adjuncts (apparently, anscheinend) and subject-oriented adjuncts (stupidly, dummerweise)

Class II: Frame adjuncts (in the Middle Ages, im Traum) and domain adjuncts (botanically (speaking), scriptwise, finanziell (gesehen))

↓143

Class III: Event-external adjuncts. Include causals (due to space limitations, trotz des Regens)

Class IV: Event-internal adjuncts. Include event-related adjuncts like temporals (in a few minutes, gleich), locatives (near you, hinter der Gardine), instrumentals(with a knife, durch Erpressung); in addition, mental-attitude adjuncts (willingly, absichtlich) belong to class IV in English and German, notwithstanding much-debated distributional differences

Class V: Process-related adjuncts. Include, above all, the range of manner adjuncts (carefully, quickly, edgeways, in a soft voice, heftig, auf geschickte Weise)

↓144

Was die adverbialen Substantivgruppen betrifft, lassen sich darunter in Anlehnung an Frey /Pittner (1998,1999) und Pittner (1999) folgende Klassen unterscheiden:

1. Propositionsbezogene Adverbiale (Einstellungsoperatoren)

(3)

↓145

glücklicher Weise, meines Erachtens
Anna hat dummer Weise den Zug verpasst.
(Es war dumm von Anna, dass sie den Zug verpasst hat.)

2. Frameadverbiale mit Satzbezug

(4)

↓146

Eines Tages
Diesen Samstag gehen sie ins Kino.

3. Ereignisinterne Adverbiale38

(5)

↓147

linker Hand
frohen Mutes, schweren Herzens (Adverbiale der Subjekthaltung, die die mentale Einstellung eines Referenten zum Vorgang beinhalten)

4. Prozessbezogene Adverbiale (Adverbiale der Art und Weise)39

(6)

↓148

schnellen Schrittes

5. ereignisbezogene Adverbiale:

(7)

↓149

er kam zehn Minuten vor der Abfahrt des Zuges

Wie man sieht können adverbiale Substantivgruppen genauso wie die anderen Adverbialien unterschiedlichen Bezug haben und weisen dabei anscheinend keine spezifischen Eigenschaften auf.

1.5 Adverbiale Kasus vor dem Hintergrund der adverbialen Relationen

Da es nicht möglich ist, die Adverbialien auf eine bestimmte allgemeine Bedeutung zurückzuführen, werden hier einige Informationen zu den vielfältigen adverbialen Begriffen zusammengefasst.

↓150

Die wichtigsten Bereiche menschlicher Orientierung sind die Kategorien Raum und Zeit, wobei die räumliche bzw. lokale Einordnung des Öfteren als die grundlegendste angesehen wird. Es lässt sich feststellen, dass die temporalen Relationen in mehreren Hinsichten den lokalen ähnlich sind. Die Natur dieser Verwandtschaft zwischen den Zeit- und den Raumbegriffen bleibt jedoch umstritten:

Haben wir die sprachlichen Zeitbegriffe als metaphorische Übertragungen aus dem System der Raumbegriffe anzusehen (Johnson 1987, Rauh in diesem Band), als temporalreferentielle Ableitungen einer lokalreferentiellen prototypischen Kernbedeutung (Herskovits 1986, Hottenroth 1986) oder als Ausdruck einer genügend abstrakten gemeinsamen Grundbedeutung, die sich je nach Kontext räumlich oder zeitlich realisiert (Bierwisch 1988)? (Ehrich, 1989:1, 2)40

↓151

Ehrich (1989:2) nimmt an, dass das System der Zeitreferenz und das System der Raumreferenz in grundlegenden Eigenschaften übereinstimmen, weshalb die sprachlichen Mittel zur Herstellung von Raum- und Zeitreferenz (in gewissen Grenzen) füreinander austauschbar sind. Raumbegriffe können manchmal zeitlich gedeutet werden und umgekehrt:

(1)

a. Die Ferien liegen vor uns.
b. Emmerich ist noch in Deutschland, Arnheim ist schon in Holland. (Beispiel 4 aus Ehrich 1989:2)
c. Wustrau liegt an der Südspitze des Sees. Der Boden ist fruchtbar, und wo die Fruchtbarkeit aufhört, beginnt das Wustrausche Luch. (Beispiel 5 aus Ehrich 1989:2)

↓152

In westlichen Kulturen wird die Zeit ebenso wie der Raum als infinit und dicht konzeptualisiert betrachtet. Entsprechend gibt es in der Sprache neben den deiktischen und topologischen Raumbegriffen auch deiktische und topologische Zeitbegriffe. Anders als der Raum, den wir als dreidimensional und statisch sehen, fassen wir die Zeit als eindimensional und dynamisch auf, was uns eine lineare Orientierungsrichtung vermittelt - nach Ehrich (1989:3).

Ein Ereignis lässt sich aber nicht nur bezüglich seiner Raum- bzw. Zeitreferenz, sondern auch hinsichtlich seiner Art und Weise, seines Grundes usw. charakterisieren. Diesen semantischen Funktionen entspricht u.a. die traditionelle Klassifizierung nach lokalen, temporalen, modalen, instrumentalen, komitativen, kausalen, konsekutiven, konditionalen, konzessiven, finalen u.a. Adverbialien (vgl. Kürschner 2003:182-185). Das heißt es kommt eine sehr große Palette in Betracht.

In der vorliegenden Untersuchung wird aber nur auf drei Adverbialientypen (temporal, lokal und modal), die durch adverbiale Substantivgruppen (DPs) ausdrückt werden, eingegangen. Überdies werden weitere spezifische Einordnungen und Unterteilungen, die jeweils auf der Semantik und /oder Struktur der adverbialen Kasus basieren, vorgeschlagen.

↓153

Was die Gebrauchsfrequenz der adverbialen Kasus anlangt, so werden im Gegenwartsdeutschen am häufigsten die temporalen Substantivgruppen insbesondere temporale Akkusative, die auch weniger restringiert sind, gebraucht.

1.5.1  Temporale Begriffe

Im Gegensatz zum Raum ist die Zeit nicht selbst Wahrnehmungsobjekt, sondern eine Eigenschaft der Gegenstandswahrnehmung. Physikalisch ist die Zeit ein Kontinuum, hat also keine diskreten Teile, individuell wird sie vom Menschen jedoch als Folge quantifizierter Momente wahrgenommen (vgl. Vater 1991c:22, Brandt et. al. 1999:338).

Nach Lyons (1983:290) gibt es einen Nullzeitpunkt t (jetzt) und Zeitmomente t+1, t+2, …, t+i, die t folgen bzw. t-1, t-2, …, t-i, die t vorangehen. Zeit ist somit eine eindimensionale Variable mit Vergangenheit-Zukunft-Orientierung, die in diskrete, nummerierbare Intervalle geteilt werden kann.

↓154

Alle Handlungen, Ereignisse oder auch alle Situationen sind zu einer bestimmten Zeit gegeben. Deshalb ist der Zeitbezug eine sehr wichtige Eigenschaft eines jeden Satzes und wird durch Interaktion unterschiedlicher strukturell-syntaktischer, morphologischer und lexikalischer Mittel zum Ausdruck gebracht.

Als Dominante des funktional-semantischen Feldes Temporalität ist die verbale Kategorie Tempus zu verstehen, mit deren Hilfe eine Proposition hauptsächlich als gegenwärtig, vergangen oder künftig charakterisiert wird. Was die lexikalischen Mittel wie Adverbien, adverbiale Substantivgruppen oder Präpositionalgruppen angeht, so werden sie verwendet, um den Zeitstellenwert (zeitliche Lokalisierung) oder die quantitative Charakteristik des Zeitintervalls bezüglich seiner Ausdehnung oder seiner Frequenz zu spezifizieren. Es entspricht der Unterteilung in temporale, durative und frequentative Adverbialien.

Laut Ehrich (1992:64) besetzen die Sachverhalte einerseits bestimmte zeitliche Regionen und andererseits stehen sie in bestimmten zeitlichen Relationen zueinander und können also in verschiedenen zeitlichen Perspektiven betrachtet werden.

↓155

In diesem Zusammenhang ist es möglich zwischen absoluten und relationalen ( relative n) temporalen Konstruktionen zu unterscheiden. Als Beispiele werden des Weiteren temporale Substantivgruppen (DPs) angeführt:

geben eine objektive temporale Charakteristik einer Situation wieder, ohne sich auf andere Ereignisse zu beziehen (eines Tages).41

können entweder Gleichzeitigkeit bzw. Simultaneität (desselben Abends) oder Ungleichzeitigkeit (z.B.: Vorzeitigkeit bzw. Anteriorität vorigen Samstag oder Nachzeitigkeit bzw. Posteriorität nächsten Sommer) in Bezug auf ein anderes Ereignis oder bezüglich eines Redemomentes ausdrücken.

↓156

Für die Beschreibung relationaler Konstruktionen sind die von Reichenbach (1947: 287-298) eingeführten Begriffe - point of reference (R, Referenzzeit), point of speech (S, Sprechzeit) und point of event (E, Ereigniszeit) - von großer Bedeutung, weil damit die Unterteilung dieser Konstruktionen in oder verbunden ist:

Was die absoluten Konstruktionen (drei Wochen, den 25. September, eines Tages, jede Woche) angeht, so sind sie weder deiktisch noch anaphorisch (vgl. Oversteegen 1988: 138).

↓157

Durative und frequentative Adverbialien gehören zu absoluten zeitlichen Konstruktionen und beziehen sich weder auf den Kontext noch auf den Redemoment.

Temporaladverbialien können sowohl absolut als auch relational sein und lassen unterschiedliche Betrachtungsweisen zu.

So werden zur Klassifikationen der Temporaladverbialien alleine von Ehrich (1989, 1992) zwei Tabellen vorgeschlagen.

↓158

In Ehrich (1989:4) werden die Temporaladverbialien zuerst in kalendarische und nicht-kalendarische unterteilt, die ihrerseits weiter gegliedert werden:

Wie aus der Tabelle ersichtlich, stellt sie den absoluten die kontextrelativen Adverbialien gegenüber, anscheinend fasst sie dabei den Terminus Kontext breit auf, d.h. einschließlich des Redemomentes.

↓159

In der weiteren Tabelle von Ehrich (1992:108) „Subkategorien von TADV“, die Zeitrelationen (Anteriorität, Simultaneität, Posteriorität) darstellt, werden deiktische Konstruktionen als situative Deiktika (+DEIKT, +SIT) und anaphorische als nicht-situative Deiktika (+DEIKT, -SIT) bezeichnet42. Zu den nicht-deiktischen (-DEIKT) zählt sie dabei nur die absoluten Adverbien, die allein aufgrund historischen Faktenwissens als vor-, nach- oder (partiell) gleichzeitig mit einer gegebenen Bezugszeit einzuordnen sind. In allen Gruppen gibt es außerdem kalendarische (+K) und nicht-kalendarische (-K) Ausdrücke.

Syntaktisch gesehen sind Temporaladverbiale nach Ehrich (1992:108) Modifikatoren von V-bar. Semantisch betrachtet legen sie die Ereignis- oder Referenzzeit einer Situation auf bestimmte, kalendarisch oder topologisch (nicht-kalendarisch) charakterisierbare, Bereiche der Zeitachse Ti fest. Die Tatsache, dass es im System der situativen Temporaldeixis lexikalisierte Kalenderadverbien (wie gestern, heute, morgen) gibt, hebt einerseits die zentrale Stellung der Deixis im Bereich der Zeitadverbiale hervor und reflektiert andererseits die essentielle Bedeutung der konventionalisierten Zeitmessung für unsere Konzeptualisierung von Zeit, so Ehrich (1992:109).

↓160

Die Zeiteinteilung kann dabei öffentlich (abhängig von Periodizität von Naturerscheinungen usw.) oder persönlich (subjektiv eingeschätzte Dauer) sein (vgl. Brandt et. al. 1999:338).

Das öffentliche Zeitsystem wird durch den verbindlichen Gebrauch von Kalender und Uhren charakterisiert.43 Die Einheiten der bürgerlichen Zeitrechnung sind Jahr, Woche, Tag, Stunde, Minute, Sekunde. Dabei wird als Grundintervall die Sekunde angenommen und die Länge aller übrigen Einheiten ergibt sich dann automatisch als Vielfaches der Einheit Sekunde, so Wunderlich (1970:238-239). Für einige der indizierten Zeitintervalle gibt es besondere Namen. So bezeichnet beispielsweise Mai das Zeitintervall Monat (5) bzw. die Klasse aller Tage, die Element vonMonat (5) sind. Laut Wunderlich (1970:241) gilt allgemein folgendes:

↓161

Dabei bezeichnen Namenwie Februar, Montag, Drei Könige nicht Konstanten, sondern Variablen im Zeitsystem. Konstanten können nur dadurch bezeichnet werden, dass man sich auf das singuläre Ereignis bezieht (z.B. Daten).

Die Einheiten der Zeitmessung stellen nominale Komponenten adverbialer PPs bzw. DPs dar und können auch als Basis für einige Adverbien (wie täglich) dienen.

Auf die Semantik der temporalen Konstruktionen wird in den folgenden Abschnitten näher eingegangen.

1.5.1.1  Klassifikation der temporalen Adverbialien

↓162

Temporale Adverbialien unterteilen sich aufgrund entsprechender Fragen (vgl. Pittner 1999:27, 75; Duden 1998:368) in:

Von einigen Sprachwissenschaftlern wird eingestanden, dass der Terminus Zeitpunkt darunter jedoch relativ und ungenau ist. So kann laut Bartsch (1982:18) unter „Punkt“ auch eine längere Zeitdauer verstanden werden. Auch Pittner (1999:80) schreibt, dass manche Zeit-„Punkte“ ziemlich lange dauern können und führt dabei folgende Beispiele an: in diesem Jahrhundert /Jahrtausend /Erdzeitalter. Andererseits findet man bei Hentschel /Weydt (1994:163-164) folgendes:

↓163

Ursprünglich drücken die adverbialen Akkusative eine Zeit- oder Raumausdehnung (viel seltener) aus: den ganzen Monat, jeden Donnerstag, den lieben langen Tag /Die Straße führt erst einen Kilometer geradeaus, dann geht es einige hundert Meter in Serpentinen weiter.....
Die Ausdehnung kann dabei auch sehr kurz sein, vgl.: Ich bin selbst erst diesen Augenblick heimgekommen (der Augenblick dauerte noch an), oder es kann sich auch um eine einmalige Ausdehnung in der Zeit handeln (vgl.: Diesen Montag fahre ich nach Sarajevo), so dass der Unterschied zwischen Dauer und Ausdehnung nicht immer nachvollziehbar ist. (Hentschel /Weydt, 1994:163-164, eigene Hervorhebung)

↓164

Es ist also manchmal schwer eine klare Unterscheidung zwischen der Zeitdauer, der Ausdehnung und dem Zeitpunkt (Moment) zu finden, weil ein Moment in der Wirklichkeit eine ganz kurze Dauer darstellt.

Auf das oben genannte wurde schon in den früheren Arbeiten zur Intervalllogik bzw. Intervallsemantik (vgl. Cresswell 197745, 197846, Dowty 1977) eingegangen, wobei ein Zeitpunkt als ein minimales Zeitintervall angesehen wird und eine geordnete Menge von Zeitpunkten nach Steube (1980:18) eine Zeitspanne ist.

↓165

Dementsprechend sollte man bei den mit Wann? erfragbaren Adverbialien zwei Bedeutungen unterscheiden, was auch bei einigen Autoren der Fall ist:

Außerdem ist zu bemerken, dass zu den jeweiligen temporalen Untertypen semantisch und strukturell unterschiedliche Konstruktionen gehören. Rolland (1997:198) weist darauf hin, dass es bei jedem Satzglied, nach dem man zunächst mit einer allgemeinen Frage fragt, mindestens 4 Ausprägungen gibt.

↓166

So kann sich z.B. die Frage wie lange? laut Rolland in folgender Weise spezifizieren:

Auch die Frage wann? lässt sich weiter konkretisieren:

↓167

Daher unterscheidet Rolland (1997:199) unter „wie-lange-Konstruktionselementen“:

↓168

und unter „wann-Konstruktionselementen“ :

Es ist zu erkennen, dass alle Ausprägungen, die die Frage wie lange? beantworten, homogen sind und die Zeitdauer ausdrücken. Bei den Konstruktionen, die mit wann? erfragbar sind, entspricht aber dem Begriff Zeitpunkt nur die erste Ausprägung; die drei weiteren drücken nicht einen Zeitpunkt (Moment), sondern einen Zeitraum (Zeitabschnitt) aus.

↓169

Was die frequentativen Konstruktionen (allgemeine Frage wie oft?) angeht, so sind m.E. darunter folgende Ausprägungen zu unterscheiden:

Folglich ist es nicht möglich nur aufgrund drei allgemeiner Fragen (wann? wie lange? wie oft?) die tatsächlichen Bedeutungen der temporalen Adverbialien herauszugliedern. Dafür sollen noch vier inhärente semantische Grundmerkmale berücksichtigt werden:

↓170

So ist z.B. den mit Wie lange? erfragbaren Konstruktionen (drei Jahre) nur das Merkmal Durativität eigen. Unter den mit Wann? erfragbaren Konstruktionen kommen sowohl solche, die das Merkmal Durativität (letzten Sommer) als auch solche, die das Merkmal Punktualität (um drei Uhr) besitzen vor.

1.5.1.2 Bedeutungen temporaler DPs

Erst durch die Interaktion von Fragen und semantischen Grundmerkmalen kommt die Unterscheidung von vier temporalen Bedeutungen (Zeitdauer, Zeitpunkt, einmaligerZeitabschnitt, Frequenz), die des Weiteren am Beispiel der temporalen DPs beschrieben werden, zustande:

↓171

Temporaladverbialien (Wann?)drücken aus:

Durativadverbialien (Wie lange?) drücken aus:

↓172

Obwohl bei dem Zeitabschnitt und der Zeitdauer die Merkmale (+DUR; +EINM) zusammenfallen, beantworten sie unterschiedliche Fragen.

Bei Zeitpunkt (-DUR; +EINM) und Zeitabschnitt (+DUR; +EINM) fallen die Merkmale nicht zusammen, aber sie beantworten dieselbe Frage (Wann?).

↓173

Frequentativadverbialien (Wie oft?) drücken aus:

Aus dem oben Gesagten ergibt sich folgende Tabelle:

↓174

Tabelle 3: Untertypen temporaler DPs und ihre Bedeutungen

Durativadverbial

(Wie lange?)

andauernder Zeitabschnitt, der mit einer andauernden Handlung voll ausgefüllt ist

(+DUR; +EINM)

Temporaladverbial

(Wann?)

einmaliger Zeitpunkt (Moment), zu dem die Handlung stattfindet

(-DUR; +EINM)

einmaliger Zeitabschnitt, in dessen Rahmen die Handlung abläuft

(+DUR; +EINM)

Frequentativadverbial

(Wie oft?)

sich wiederholende Zeitabschnitte die mit sich wiederholenden Handlungen ausgefüllt sind

(-EINM; + /-DUR)

Aufgrund der Gegenüberstellung von vier semantischen Grundmerkmalen Durativität vs. Punktualität (+ /-DUR) und Einmaligkeit vs. Frequenz (+ /-EINM) bilden temporale DPs zwei Oppositionen:

1) DPs, die Zeitdauer (+DUR) oder einmaligen Zeitabschnitt (+DUR) benennen, bilden eine Opposition zu den DPs, die einen Zeitpunkt (-DUR) darstellen.

↓175

2) DPs, die die Frequenz (-Einm.) ausdrücken, stehen denen, die eine Zeitdauer (+Einm.), einen Zeitpunkt (+Einm.) und einen Zeitabschnitt (+Einm.) wiedergeben, gegenüber.

Außer den Grundmerkmalen, die für die Herausgliederung temporaler Bedeutungen wichtig sind, gibt es noch zusätzliche semantische Merkmale temporaler Konstruktionen:

↓176

Diese zusätzlichen semantischenMerkmale werden unten anhand adverbialer Kasus näher beschrieben:

1. Vollständige bzw. unvollständige Ausfüllung des Zeitraums mit der Handlung
(+ /-VOLL)

Für eine Beschreibung dieser Merkmale sind die von Bäuerle (1977, 1979:45) gebrauchten Termini Aktzeit (Zeitspanne, die die eigentliche Handlung einnimmt) und Betrachtzeit (Zeitspanne, die von den Zeitausdrücken expliziert wird) sehr wichtig.

↓177

Da bei den durativen Adverbialien Aktzeit und Betrachtzeit zusammenfallen, ist für sie die vollständige Ausfüllung des Zeitraums mit der Handlung typisch, was auch zusätzlich lexikalisch betont werden kann (eine volle Stunde, den ganzen Vormittag usw.).

Für die Adverbialien, die einen einmaligen Zeitabschnitt bezeichnen, ist die vollständige Ausfüllung nicht charakteristisch, dennoch auch nicht ganz ausgeschlossen. Die vollständige bzw. unvollständige Ausfüllungkannverbabhängig sein oder durch einen weiteren Kontext zum Ausdruck gebracht werden:

- Bei den momentanen (nicht durativen) Verben ist der mit der DP genannte Zeitraum bzw. Betrachtzeit umfangreicher als die Laufzeit des Ereignisses (Handlungsdauer) bzw. Aktzeit und folglich nicht ganz von der Handlung ausgefüllt:

↓178

(1)

Er kam letzten Samstag - die Handlung hat nicht den ganzen Dienstag gedauert, sondern geschah an einem Moment innerhalb dieses Tages

- In den Sätzen mit durativen Verben ist unklar, ob der Zeitraum mit der Handlung ganz oder nicht ganz erfasst ist:

↓179

(2)

Es regnete letzten Samstag

Und nur weitere Angaben können dies verdeutlichen:

↓180

(3)

a. Es regnete letzten Samstag den ganzen Tag. - der Zeitraum ist ganz mit dem Ereignis erfasst, d.h. die Aktzeit und Betrachtzeit fallen zusammen
b. Es regnete letzten Samstag zwei Stunden usw. - der Zeitraum (Betrachtzeit) ist umfangreicher als die die Laufzeit des Ereignisses (Aktzeit)

Wenn die Betrachtzeit ausgedehnter als die Aktzeit ist (Beispiele wie 4 oder 6b), bleibt die Aktzeit innerhalb des von der Betrachtzeit gesetzten Rahmens indefinit (vgl. Bäuerle 1979:45), kann aber durch zusätzliche Ausdrücke genauer präzisiert werden:

↓181

(4)

a. Er kam letzten Samstag um 8 Uhr morgens.
b. Es regnete letzten Samstag zwei Stunden von 7 bis 9 Uhr morgens.

Die Bedeutungen Zeitdauer und einmaliger Zeitabschnitt bilden eine Opposition in Bezug auf die vollständige bzw. unvollständige Ausfüllung des Zeitraums mit der Handlung. Zeitdauer ist dabei als markiertes Glied dieser Opposition zu betrachten.

↓182

Hier soll noch eine Besonderheit erwähnt werden:

DPs, die vollständige Ausgefülltheit ausdrücken, können auf der Satzebene bzw. im Zusammenhang mit dem Prädikat sowohl Ununterbrochenheit als auch Unterbrochenheit verbergen:

Dazu findet man bei Krifka (1989:167) folgendes: der Satz Anna sang gestern zehn Minuten lang kann z.B. die Lesart Anna sang gestern zehn Minuten hintereinander haben. Dieser Satz ist aber auch in einer Situation, in der Anna gestern Morgen und gestern Abend jeweils fünf Minuten lang sang, wahr, wobei das Prädikat auf „gestückelte“ Sing-Ereignisse von insgesamt zehn Minuten Dauer zutrifft (Krifka 1989:167). In diesem Fall geht es also um die Unterbrochenheit der Handlung und der Zeitspanne gleichzeitig.

↓183

Andererseits folgt aus einem Satz wie z.B. Sie bereitete sich das ganze Wochenende auf die Prüfung vor nicht, dass sie in Wirklichkeit während dieses Zeitrahmens nichts anderes (schlafen, essen usw.) tat. Wenn man andere Aktionen zulässt, dann geht es um eine innerhalb des Zeitraums unterbrochene Handlung. Die DP benennt aber eine ununterbrochene Zeitspanne.

2. Genaue bzw. ungenaue Begrenztheit des Zeitraums (+ /-BEGR)

Die genaue bzw. ungenaue Begrenztheit des Zeitraums hängt von der lexikalischen Füllung jeweiligen DPs ab.

↓184

So bezeichnen die Benennungen von Zeiteinheiten in Verbindung mit Grundzahlwörtern genau begrenzte und in Verbindung mit unbestimmten Pronomina ungenau begrenzte Zeiträume (drei Jahre vs. einige Jahre).

3. Bestimmte bzw. unbestimmte Anordnung auf der Zeitachse (+ /-BEST)

Durative (sie studierte fünf Jahre) und frequentative DPs (sie sah ihn nur zwei Mal) charakterisieren das Ereignis quantitativ (hinsichtlich der Zeitmessung), ohne seine zeitliche Lokalisierung zu bestimmen.

↓185

Durch temporale Adverbialien wird die Anordnung auf der Zeitachse entweder als bestimmt oder als unbestimmt aufgewiesen:

Die bestimmte Anordnung auf der Zeitachse wird durch folgende Mittel zum Ausdruck gebracht:

- durch Datums- bzw. Uhrangaben

↓186

- durch den Bezug auf den Redemoment (deiktisch): letzten Silvester, nächstes Jahr

- oder durch den Bezug auf ein anderes Ereignis (anaphorisch): eine Stunde vor der Hochzeit

Die unbestimmte Anordnung auf der Zeitachse ist für temporale DPs wie eines Tages (vs. den 5.Mai 2005) typisch.

↓187

Abschließend stellt die Tabelle 4 den Zusammenhang zwischen den Bedeutungen und den inhärenten semantischen Merkmalen temporaler DPs dar:

Tabelle 4: Bedeutungen temporaler DPs und semantische Merkmale

Bedeutung

semantische Grundmerkmale

zusätzliche semantische Merkmale

DUR

EINM

VOLL

BEGR

BEST

Zeitpunkt

-

+

+

+

+

Zeitabschnitt

+

+

+

-

+

-

+

-

Zeitdauer

+

+

+

+

-

-

Frequenz

+

-

-

+

-

+

-

-

Folgende Beispiele veranschaulichen diese Tabelle:

↓188

(5)

a. Diesen Samstag waren wir im Kino. - Zeitabschnitt (+DUR, +EINM, –VOLL, +BEGR, +BEST)
b. Er arbeitete drei Monate. - Zeitdauer (+DUR, +EINM, +VOLL, +BEGR, -BEST)
c. Er arbeitete einige Monate. - Zeitdauer (+DUR, +EINM, +VOLL, -BEGR, -BEST)

1.5.1.3 Temporale DPs und ihr Gebrauch

Adverbiale DPs sind syntaktisch verbunabhängig und treten in der Regel als freie Angaben auf. Das Vorkommen eines bestimmten Types hängt jedoch mit der Verbsemantik zusammen:

↓189

Durative DPs,bezeichnen einen andauernden Zeitabschnitt, der mit einer andauernden Handlung voll ausgefüllt ist. Dabei sind nicht-resultative durative (atelische) Verben (6a, 6b) typisch; auch iterative Verben kommen vor (6c). Semelfaktive Verben bekommen in Verbindung mit durativen Adverbialien eine iterative Interpretation (6d) und resultative (verblühen, aufessen) oder momentane (kommen, ergreifen, finden, treffen) Verben sind ausgeschlossen (6e):

(6)

a. Es schneite die ganze Nacht.
b. Er arbeitete drei Monate.
c. Das Mädchen streichelte den ganzen Abend die Katze.
d. Er hustete drei Tage.
e. *Er kam drei Monate - grammatisch unkorrekt

↓190

Die Tatsache, ob sich die Verben mit durativen Adverbialien kombinieren lassen, diente für Vendler (1967) als linguistisches Testkriterium für die Klassifikation der Aktionsarten, so Erich (1992:76).

„Eigentlich“ temporale DPs , bezeichnen einen Zeitpunkt, zu dem die Handlung stattfindetodereinen Zeitabschnitt, in dessen Rahmen die Handlung abläuft. Dabei lässt sich über die Verben folgendes sagen:

- Für den Zeitpunkt sind punktuelle (momentane) Verben typisch (er rief fünf Minuten vor der Mitternacht an). Es können aber auch durative Verben vorkommen, wenn das Adverbial dabei einen Moment aus dem Zeitraum, der mit andauernden Handlung ausgefüllt ist, benennt (z.B. in der Situation, wenn Hans von drei bis vier Uhr las, kann man fragen Was hat Hans zehn Minuten vor vier gemacht? Und dann folgt die Antwort: Zehn Minuten vor vier las er).

↓191

Dennoch können solche DPs in Verbindung mit durativen Verben ambig sein und zwei Lesearten zulassen:

(7)

Er frühstückte eine Stunde vor der Vorlesung.
a. Er frühstückte eine Stunde (lang) vor der Vorlesung. – Zeitdauer
b. Er frühstückte eine Stunde vor der Vorlesung. – Zeitpunkt (z.B. im Russischen nur PP: за час до лекции)

↓192

- Beim Zeitabschnitt kann die Handlung innerhalb seines Zeitrahmens momentan (punktuell, nicht andauernd) (8a), andauernd (8b) oder sich wiederholend (8c) sein, was durch das Verb (Aktionsart, u.a. durativ, punktuell, iterativ, semelfaktiv) oder durch den Kontext (z.B. zusätzliches Adverbiale) wiedergegeben wird:

(8)

a. Sie kam letzte Woche an.
b. Es regnete letzte Woche.
c. Sie kam bei uns letzte Woche mehrmals vorbei.

↓193

Frequentative DPs, bezeichnen sich wiederholende Zeitabschnitte, die mit sich wiederholenden Handlungen ausgefüllt sind.Mit diesen DPs verbinden sich Verben, die seiner Natur nach Wiederholung (9a) oder Unterbrechung mit einem darauf folgenden Wideranfang (9b) zulassen:

(9)

a. Er kommt jedes Wochenende zu uns.
b. Er las jeden Abend.

↓194

Im Allgemeinen kommen frequentative Adverbialien mit allen Verbklassen (im Sinne von Brinkmann 1962), jedoch mit Ausnahme einiger Zustandsverben, vor. So sind z.B. neben Verben, die konstante (ständige) Eigenschaften (blond sein, eine Frau sein) oder mentale bzw. emotionale Zustände (lieben, hassen, respektieren) ausdrücken, frequentative Adverbialien nicht möglich52.

(10)

a.*Anna ist jeden Samstag eine Frau.
b. *Dieses Tier ist des Nachts ein Hamster.
a. *Er respektiert mich jeden Montag.

1.5.2 Lokale Begriffe

↓195

Für Raumbezeichnungen werden im Deutschen normalerweise PPs, Dimensionaladjektive, Adverbien, Verben und ziemlich selten lokale DPs gebraucht.

Was die verschiedenen Raumkonzepte (Raum als Ordnung körperlicher Objekte bzw. Raum als Behälter für körperliche Objekte usw.) betrifft, so sind sie z.B. in Brandt et. al. (1999) recht ausführlich zusammengefasst.

Im Allgemeinen lässt sich dabei nach Brandt et. al. (1999:340) zwischen Positionierung (statische Raumreferenz), Direktionalisierung (dynamische Raumreferenz) und Dimensionierung unterscheiden. Bei Positionierung geht es um die Beschreibung der Lage eines oder mehrerer Objekte im Raum, bei Direktionalisierung um die Bewegung eines oder mehrerer Objekte im Raum und bei Dimensionierung um die Beschreibung der Ausdehnung (Größe) eines oder mehrerer Objekte im Raum.

↓196

Lokale Adverbialien und u.a. lokale DPs drücken also eine räumliche Situierung aus.

Der Pittnerschen Terminologie nach (1999:60-61) können lokale Adverbialien in Lokaladverbiale, die einen Ort bezeichnen (im Wald laufen), und Direktionaladverbiale, die einen Weg bezeichnen, unterteilt werden. Ein Weg kann dabei durch Angabe des Endpunktes (Richtung: in den Wald gehen) bzw. des Ausgangspunktes (Herkunft: aus dem Wald kommen)53 oder durch den passierten Bereich54 (Medium: durch den Tunnel fahren) sowie durch Kombination aus diesen spezifiziert werden. Außerdem sind noch die Adverbialen der räumlichen Extension (fünf Meter lang /breit) zu unterscheiden.

Schematisch kann man die Klassifikation der lokalen Adverbialien wie folgt darstellen:

↓197

Dabei beantworten Lokaladverbialien die Frage wo?, Direktionaladverbialien die Fragen wohin?, woher? usw.

(2)

↓198

a. Linker Hand ließen wir das Städtchen Schiedam mit seinen zahlreichen Geneuwer- (oder Wachholderbranntwein-) Brennereien liegen. [Forster: Ansichten vom Niederrhein, S. 554. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 17242 (vgl. Forster-W Bd. 2, S. 702)]
b. Er ging seines Weges.

Was die Genitiv-DPs mit lokaler Bedeutung (linker Hand, aller Orten, des steilen Pfades gehen) anbelangt, so sind sie im Gegenwartsdeutschen (insbesondere im Vergleich zu den früheren Sprachstufen) nicht mehr weit verbreitet und sehr stark lexikalisch restringiert. Lokale Akkusativ-DPs kommen oft als Teil einer PP vor und sind weniger restringiert (zwei Meter vor der Tür).

1.5.3 Modale Begriffe

Unter Modaladverbialien (allgemeine Frage: wie?) sind verschiedene Klassen (Untertypen) zu unterscheiden: Art und Weise (langsam gehen), Instrumentale (mit dem Messer schneiden), Komitative (Anna arbeitet mit Paul.), Adverbiale der Subjekthaltung (Er arbeitet gerne nicht) usw. (Pittner 1999:93-108).

↓199

Der modale Genitiv hat seinen Ursprung nach der Meinung von vielen Linguisten (u.a. Paul, Sommer, Dahl) in den prädikativen Genitiven (des Todes, des Amtes, des Teufels sein usw.), tritt aber als nicht obligatorische Angabe vor allem im gehobenen, leicht archaischen Stil oder in formelhaften Ausdrücken auf:

(1)

Der Knabe küßte mir die Hand, und ging leichten Gemütes in die Kinderstube. [Stifter: Bunte Steine, S. 212. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 91596 (vgl. Stifter-GW Bd. 3, S. 159)]

↓200

Im Gegenwartsdeutschen kommen folgende Genitive mit modaler Bedeutung vor:

- adverbiale Genitive der Art und Weise im engeren Sinne, die Handlungen und Vorgänge charakterisieren (langsamen Schrittes kommen)

- adverbiale Genitive des inneren oder situationsbezogenen Zustandes (frohen Mutes sitzen)

↓201

- adverbiale Genitive des Maßes, des Grades bzw. der Intensität (in Bezug auf Emotionen vollen Herzens lieben)

- propositionsbezogene Einstellungsoperatoren (meines Erachtens, seines Wissensstandes), die Sprechereinstellungen zum Sachverhalt ausdrücken

Auch Akkusativ-DPs treten als Modaladverbialien auf und zwar sind dies:

↓202

- einige Zwillingsformeln (Hand in Hand weggehen) und

- einige absolute Akkusative (er stand, den Hut in der Hand), die Art und Weise eines Prozesses oder die Begleitumstände der Haupthandlungausdrücken

Die sprachlichen Realisierungsmöglichkeiten der temporalen, lokalen und modalen DPs werden in den Kapiteln 2 und 3 dargestellt.

1.5.4 Abgrenzungsprobleme zwischen den Adverbialientypen

↓203

Außer dem Problem der Abgrenzung verschiedener Satzglieder (Adverbial, Objekt, Attribut usw.) voneinander, das im Kapitel 2.3.1 und 3.3.1 diskutiert wird, gibt es auch Abgrenzungsprobleme innerhalb der Adverbialientypen (temporal, lokal, modal).

So ist nicht bei allen adverbialen DPs die Zugehörigkeit zu einer bestimmten semantischen Adverbialienklasse zweifelsfrei. Manche adverbiale DPs können je nach dem Gebrauch zu der einen oder zu der anderen Klasse gezählt werden. Einige ursprünglich lokalen DPs (des Weiteren, geraden Weges, halben Wegs, des Weges, des Langen und des Breiten) werden im Gegenwartsdeutschen oft temporal (geraden Weges= gleich /sofort) oder modal (des Weiteren = außerdem, des Langen und des Breiten = sehr umständlich, halben Wegs bzw. halbwegs =auf halbem Wege, fig. ungefähr, einigermaßen) verwendet, worauf in den empirischen Kapiteln genauer eingegangen wird.

1.6 Zum stilistischen Wert adverbialer Kasus

Es ist zweifellos von großem Interesse die adverbialen Kasus des Deutschen auch stilistisch zu bewerten.

↓204

Alle Wörter und Wendungen besitzen nach Sanders (1990:183) von sich aus einen gewissen Stilwert. Erst dieser erlaubt es, sie einer bestimmten Stilebene zuzuordnen, und umgekehrt ist es ebenfalls der Stilwert, der sie im Stilbruch aus einer bestimmten Ebene herausfallen lässt.

Was den Begriff Stilschicht (auch Stilebene) anbelangt, so geht er auf die drei Stilarten der antiken Rhetorik (genus sublime /grande, genus medium, genus subtile) zurück, d.h. auf die Unterscheidung von kunstsprachlich /gehoben, normalsprachlich und umgangssprachlich /gesenkt. Diese Unterscheidung hat sich besonders in der Lexikographie zur Kennzeichnung stilistisch markierter Wörter eingebürgert und wird hier mit Konnotationen wie poetisch, salopp oder vulgär weiter differenziert, so Bußmann (2002:654).

In der modernen Linguistik unterscheidet man außerdem mehrere Stiltypen (auch Stilarten, Stilklassen): Textsortenstil (Nachrichten-, Feuilleton-, Predigstil), Bereichsstil eines Kommunikationsbereiches (Verwaltungs-, Wissenschaftsstil), Gruppenstil einer sozialen Gruppe oder Altersgruppe, Zeit- und Epochenstil und Individualstil. Verwandt mit „Bereichstil“ sind Funktionalstil und Register. Der für die aktuelle Untersuchung wichtiger Begriff “Funktionalstil“ (Riesel, 1975) umfasst einen alltagssprachlichen und einen künstlerischen Stil.

↓205

In Rahmen der Funktionalstilistik ist Stil - ein historisch veränderliches, durch gesellschaftliche Determinanten bedingtes Verwendungssystem der Sprache, objektiv verwirklicht durch eine qualitativ und quantitativ geregelte Gesamtheit sprachlicher Mittel – mit anderen Worten: realisiert aufgrund kodifizierter Normen für die einzelnen Kommunikationsbereiche, so Riesel /Schendels (1975:16). Nach Sanders (1990:174) bilden sich dabei stereotype, d.h. weitgehend normierte Sprachgebrauchsmuster heraus, deren funktionale Zweckbestimmtheit die verschiedenen Kommunikationsbereiche auf eine differenzierte und jeweils spezifische Art prägt. Als daraus resultierende Stilbereiche unterscheidet Riesel die folgenden55:

Sanders (1990:183) erwähnt ein Stilschichten-Modell, das variable Abstufungen auf der Skala von positiven (dichterisch, gehoben) bis zu eher negativen (vulgär, grob) Stilwerten festlegt. Da zumindest in Schrifttexten Vulgarismen usw. tabuisiert sind, schlägt Sanders vor dieses Modell auf ein einfaches Dreierschema (gehoben, normalsprachlich, umgangssprachlich) zu reduzieren und illustriert es u.a. mit folgenden Beispielen:

↓206

Antlitz – Gesicht – Visage
Roß – Pferd – Gaul usw.

Des Weiteren beschreibt Sanders (1990:184-185) Schwierigkeiten, die so eine Klassifizierung nach Stilschichten mit sich bringen kann:

erst der Kontext legt einen aktuellen Stilwert fest

↓207

innerhalb von Synonymreihen besteht keine derart klare Abstufung, wie die Beispiele suggerieren

die stilistische Bewertung eines Wortes kann sich je nach Anwendungsbereich verschieden regeln

stilistische Abstufungen können sprachgeographische und sprachhistorische Gründe haben

↓208

in idiomatischen Redewendungen nehmen Wörter fast immer eine andere Stilfärbung an usw.

Darüber hinaus kann jedes Wort, unabhängig von seinem normalen Stilwert, in seiner Verwendung stilistische Nuancierungen (scherzhaft, pejorativ, euphemistisch usw.) erfahren. Das ist dann die so genannte stilistische Polyvalenz der Wörter und Wendungen. Sie macht einerseits eine außenordentliche Ausdrucksvarianz möglich, andererseits ist es unmöglich generell gültige Anwendungs- und Kombinationsregel zu formulieren.

Auch bei den adverbialen Kasus soll vor allem auf die Zugehörigkeit zu den unterschiedlichen Stilschichten (kunstsprachlich /gehoben, normalsprachlich und umgangssprachlich /gesenkt) eingegangen werden.

↓209

Wichtig sind u.a. auch die Markierungen der adverbialen Kasus:

Die Zugehörigkeit der adverbialen Kasus zu einer bestimmten Stilschicht oder Markierung ist aber oft nicht eindeutig. Manchmal werden diese Redewendungen entgegen den damit verbundenen Gebrauchsrestriktionen verwendet, was besondere stilistische Effekte ergibt. Andererseits können auch unmarkierte „neutrale“ Einheiten unter bestimmten situativen und textuellen Bedingungen gerade infolge dieser Unmarkiertheit konnotativ wirken, so Fleischer u.a. (1993:83). Sandig (1986:97) nach Rossipal (1973) gibt folgende Unterscheidung der Stilwerte lexikalischer Einheiten:

↓210

„lexikaler“ (lexikonspezifischer) Stilwert

„kontextueller“ (textspezifischer) Stilwert innerhalb der Textstruktur

„kommunikativer“ Stilwert, den ein Rezipient in Relation zu seinen Erwartungen in der Sprechsituation hergestellt hat (nach Fleischer u.a. 1993:83).

↓211

Lexikalische Einheiten können also nur im Zusammenhang mit ihren paradigmatischen, syntagmatischen und textuellen Beziehungen als stilistisch potentiell relevante Erscheinung gesehen werden (vgl. Fleischer u.a. 1993:83).

Am meisten sind unter adverbialen Kasus die Zwillingsformeln, einige adverbiale Genitive und die Absoluten Akkusative in ihrer Stilistik markiert:

Die Zwillingsformeln treten überwiegend als Phraseologismen auf und können dabei semantisch in unterschiedlicher Beziehung zueinander stehen: als Antonyme (heiß und kalt, gut und böse), Gegenwörter (Tag und Nacht) oder Synonyme (Angst und Bange, Pech und Schwefel). Oft wird aber auch ein und dasselbe Wort doppelt gebraucht (Hand in Hand, Seite an Seite, Schritt für Schritt). Nach Akar (1991) sollte man zwischen Zwillingsformeln, die aus identischen (Hand in Hand, nach und nach), synonymen (Hab und Gut, steif und fest) oder entgegengesetzten Monemen (Mann und Weib, Tag und Nacht, groß und klein) bestehen, unterscheiden.

↓212

Nach Lenz (2002:194-195) sind für die Zwillingsformeln folgende Klassifizierungskriterien möglich (vgl. Akar 1991:358):

Auch der Austausch beider Wörter (vgl.: Mann und Frau; Frau und Mann) ist in vielen ikonischen (vergeben und vergessen) bzw. idiomatisierten Einheiten ohne Bedeutungsänderung nicht möglich.

↓213

Lenz (2002: 190-204)57 beschreibt in ihrem Artikel die Reihenfolge der Zwillingsformel-Elemente und kommt zur Schlussfolgerung, dass diese sich vor allem durch zwei Kriterien erklären lässt:

semantische Kriterien (nah vor entfernt: hier und dort; agentiv vor nicht-agentiv: Sprecher und Hörer; unmarkiertes Lexem vor dem markierten: Gut und Böse usw.)

phonologische Kriterien (mehrsibbiges Element an zweiter Stelle58: Ehe und Familie; bezüglich der Vokal-Quantität – heller Vokal vor einem dunklen: Licht und Luft; hinsichtlich der Konsonanten-Qualität – die initiante Segmente des ersten Elements sollen stärker obstruent sein als die des zweiten: hier und jetzt, Tag und Nacht usw.)

↓214

Als adverbiale Akkusative werden in der Dissertation Zwillingsformeln wie Kopf an Kopf, Schritt für Schritt, Tag und Nacht betrachtet (vgl. Kapitel 1.3.2, 3.1.5, 3.3.2.1, 3.3.2.).

Auch viele adverbiale Genitive (stehenden Fußes, meines Dafürhaltens) sind in der deutschen Gegenwartsprache als idiomatisierte Redewendungen zu betrachten, was im Kapitel 2.4 genauer beschrieben wird (zu Stilistik adverbialer Akkusative siehe Kapitel 3.4).

Was die absoluten Akkusative (den Hut in der Hand) angeht, so sind sie z.B. im Vergleich zu mit -Konstruktionen (mit dem Hut in der Hand) als gehoben markiert (näher dazu Kapitel 3.3.2.3).

1.7 Zusammenfassung

↓215

Das Kasussystem und die Adverbialbestimmungen des Deutschen sind im Allgemeinen gründlich beschrieben worden. Nur die adverbialen Kasus wurden kaum untersucht, obwohl sie ein sehr interessantes Forschungsfeld sowohl diachron als auch synchron darstellen.

In den vorhergehenden Kapiteln wurde vorgeschlagen die DPs im Genitiv (eines Tages, leichten Herzens, linker Hand) bzw. im Akkusativ (jeden Abend, den ganzen Sommer) sowie einige absolute Akkusative (den Hut in der Hand) und fallunmarkierte Zwillingsformeln (Hand in Hand) zu den adverbialen Kasus zu zählen. Dabei handelt es sich in der Regel um die so genannten semantischen Kasus, bei welchen die DP den Fall aufgrund ihrer Bedeutung im entsprechenden Satz erhält.

Die Theorie, dass adverbiale NPs als PPs zu betrachten sind, wurde kritisiert und es wurde beschlossen eine DP der neueren Rektions- und Bindungstheorie nach als eine übergeordnete Kategorie für alle NPs (also auch für die in adverbialen Funktion) aufzunehmen.

↓216

Unter dem Terminus Adverbial wird des Weiteren eine Satzgliedfunktion verstanden. Zu bemerken ist, dass die adverbialen DPs im Satz vorwiegend als freie Angaben auftreten, wobei die Unterscheidung in Ergänzungen (Komplemente) und Angaben (Adjunkten) nicht immer eindeutig zu funktionieren scheint. Obwohl die meisten adverbialen Genitive und Akkusative im Satz als freie (valenzunabhängige) Adverbialien auftreten, wird der Terminus absolut des Weiteren nur für die Konstruktionen vom Typ den Hut in der Hand verwendet.

Was die Bezugsmöglichkeiten adverbialer Kasus angeht, so ist es möglich zwischen prozessbezogenen (schnellen Schrittes), ereignisinternen (frohen Mutes), propositionsbezogenen (meines Erachtens) usw. zu unterschieden.

Die nachfolgende empirische Beschreibung adverbialer DPs basiert auf ihrer in den vorhergehenden Abschnitten dargestellten inneren Struktur, semantischen Unterteilung in Klassen bzw. Typen (temporale, lokale, modale) und Subklassen (Untertypen), Charakterisierung bezüglich der bestimmten semantischen Merkmalen (+ /-EINM, + /-DUR usw.) und des stilistischen Wertes. Überdies wird auf die semantisch-konzeptuellen Restriktionen der adverbialen DPs in der deutschen Gegenwartssprache ausführlich eingegangen.


Fußnoten und Endnoten

10  Vgl. Weddige (1996:7).

11  Vorschläge verschiedener Autoren zur Periodisierung der deutschen Sprachgeschichte werden z.B. in Philipp (1980:5) schematisch dargestellt.

12  Näher dazu siehe Pittner (1999:52).

13  Das von Lenz (2002) zusammengetragenes Datenkorpus enthält 496 tradierte Zwillingsformeln, 19 Drillingsformeln und einige wenige Vierlingsformeln.

14  D.h. Substantivgruppe.

15  Das geht auf die aristotelische Logik zurück, in der Urteile logisch zweigeteilt werden in den Gegenstand der Aussage und das, was darüber gesagt wird, so Dürscheid et al. (1994:68).

16  Diese Methode erhielt ihren Namen aus dem Englischen: Immediate Constituents (IC).

17  Eine Alternative ist Dependenzgrammatik. In ihr wird nicht eine Struktur in Teilstrukturen zerlegt, sondern es werden Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Elementen einer Struktur beschrieben.

18  Die Wortklasse der Determinantien umfaßt traditionell die Artikel, Demonstrativa, Possessiva (vgl. Vater 1986).

19  Die Arbeit von Steinitz (1969) “Adverbial-Syntax” stellt einen Versuch dar auf der Basis des Aspects-Modells von Chomsky (1965) die deutsche Syntax zu beschreiben und eine syntaktisch fundierte Subklassifizierung der deutschen Adverbialen zu erstellen.

20  Oft hängt es auch von Artikel, Attribut usw. ab.

21  Vgl. McCawley (1988:588).

22  Determinansphrase bzw. Determiniererphrase (Abkürzung: DP) →Syntaktische Kategorie (bzw.→ DP Phrase), die in der neueren Rektions- und →Bindungstheorie als →Maximale Projektion einer funktionalen Kategorie D angenommen wird, unter der die Kongruenz-Merkmale AGR (engl. agreement) der DP (Kasus, Genus, Numerus, Person) positioniert sind (Bußmann 2002:157).

23  Traditionell wurde ein als unbestimmtes Artikel betrachtet und zu den Determinantien gezählt. Vater (u.a. 1985:39) führt Argumente dafür an, dass der so genannte „unbestimmte Artikel“ kein Artikel ist, sondern Numerale, und als solches zu den quantifizierenden Ausdrücken (also: Q) gehört.

24  Eigentlich Spec D’.

25  Unter leeren Kategorien sind diejenigen zu verstehen, die nicht lexikalisch gefüllt sind, wohl aber grammatische Merkmale tragen, so Bhatt (1990a:9).

26  Determination ist eine Relation zwischen D und dem Rest der Nominalphrase, wobei die Determinantien ein N (mit allen etwaigen Modifikatoren) als definit markieren, so Vater (1991a:17).

27  M.E. konnte man in diesen Fällen den Terminus „definiter oder bestimmter„ Determinant benutzen vs. Determinant bzw Determinator als strukturelle Position in einem Baumdiagramm.

28  Solche Konstruktionen lassen weitere Elemente zu (diesen Samstag). Es gab auch Konstruktionen, die prinzipiell eingliedrig waren Winters /Sommers /Markttags, aber im Verlauf der Spachgeschichte adverbialisiert wurden und nach der neuen Rechtschreibreform kleingeschrieben werden.

29  Die Wörter als und wie werden von verschiedenen Linguisten u.a. in Abhängigkeit von jeweiligem Kontext als Konjunktionen (Jung 1980:360), Präpositionen (vgl. Brinkmann 1962, Helbig 1968) oder Komparativpartikel betrachtet.

30  Vgl. Bußmann (2002:675).

31  Ebenda S. 727.

32  Zu den neueren Arbeiten siehe Schumacher (1987): Valenzbibliographie.

33  Satzadverbialien sind nie Verbkomplemente, doch können sie auch nicht völlig frei überall hinzugefügt werden, sondern unterliegen bestimmten Satzmodus-Restriktionen (siehe Pittner 1999:120).

34  Vgl. ADV I bei Heidolph et. al. (1981:378)

35  Zitiert nach Pittner (1999:18).

36  So betrachtet Dürscheid (1999:28) nur Akkusative (den Hut in der Hand) und Nominative (Peter will nun doch auswandern, ein schwerer Entschluß.) als absolute Kasus. Unter den syntaktischen Funktionen des Genitivs wird absoluter Gebrauch bei Dürscheid (1999:24) gar nicht erwähnt.

37  Prädikatsbezogene Adverbialien können in der modalen und instrumentalen Funktion auftreten: Sie fängt sie mit ihren scharfen Krallen (aus Renz 1993:29); Er ging langsamen Schrittes nach Hause.

38  Vgl. weil dem Peter versehentlich eine Tasse hinunter gefallen ist; weil ein Kollege freiwillig diese Arbeit übernommen hat (Frey /Pittner 1999:39).

39  Vgl. weil Maria heute was sorgfältig durchgearbeitet hat; Petra tanzt wunderbar (Frey /Pittner 1999:39).

40  Ehrich (1989:4). Die temporale Festlegung lokaler Referenz. In: Habel et.al. 1989.

41  Was eigentlich den zeitlichen Regionen entspricht (vgl. Ehrich 1992:64).

42  Deiktische Adverbien (+DEIKT) kennzeichnen Ti relativ zu einer Bezugszeit Ej als vorzeitig (ANT: Ti < Ej), nachzeitig (POST: Ti > Ej) oder (partiell) gleichzeitig (SIM: Ti, Ej). Situative Deiktika (+DEIKT, +SIT) haben im isolierten Satz eine sprechzeitrelative Deutung (Ej = E0). Im Diskurs lassen sie sich (mit gewissen Ausnahmen…) auch antezendenszeitrelativ (= anaphorisch) interpretieren (Ej = Ei-n oder Ej = Ei-n /res). Nicht-situative Deiktika (+DEIKT, -SIT) sind auf die anaphorische Verwendung beschränkt, so Ehrich (1992:108).

43  Einen ausführlichen Exkurs zum öffentlichen System der Zeitmessung findet man z.B. bei Wunderlich (1970).

44  Nicht alle Autoren rechnen Frequenzadverbialien zu den temporalen Adverbialien (z.B. Nøjgaard 1995 nicht), so Pittner (1999:81).

45  Cresswell (1977). Interval Semantics and Logical Words. In: Rohrer (Hrsg.) 1978.

46  Cresswell (1978). Interval semantics for some event expressions, Preprint Konstanz.

47  Vgl. bestimmte Zahl der Wiederholungen zweimal des Morgens - unbestimmte oft des Morgens; Regelmäßigkeit jeden Dienstag des Morgens – Unregelmäßigkeit manchmal des Morgens.

48  Vgl. definitive und indefinitive Angaben, die Bartsch (1982:23-24) unter Iterativa unterscheidet.

49  Das Merkmal DUR ist für die Herausgliederung der Bedeutungen frequentativer DPs nicht relevant: jedes Jahr (+DUR), jede Sekunde (-DUR) und die Konstruktionen mit dem lexikalischen Kopf das Mal drücken keine Zeitmessung aus.

50  Dabei wird der Terminus Zeitabschnitt im weiteren Sinne des Wortes verstanden. Vgl. bei Rolland (1997:199) Zeitabschnitt, punktuell – Zeitabschnitt im Verlauf.

51  Den durativen Adverbialien ist die zusätzliche Bedeutung vollständige Ausfüllung mit der Handlung zugehörig.

52  Dies entspricht der Unterteilung der Zustandsverben in dynamische (sit, stand, lie + Loc.) und statische Zustände (love, own, resemble x) von Bach (1986).

53  Vgl. Ziel- und Ausgangspunkt.

54  Vgl. Trasse.

55  Zitiert nach Sanders (1990:174).

56  Fleischer et.al. (1993:82) beschreiben auch weitere stilistische Markierungen der lexikalischen Einheiten, die aber für unsere Untersuchung unrelevant sind.

57  Überdies geht sie auf die so genannten Zwillings-Klangspiele, bei welchen eine vokalische (bim-bam, ding-dong) oder konsonantische Variation (Kuddelmuddel, Hokuspokus) zu beobachten ist, ein.

58  Vgl. Behaghel (1924): Vor zwei Gliedern geht, soweit das möglich ist, das kürzere dem längeren vor.



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18.09.2006