2 Adverbialer Genitiv

↓216

2.1  Adverbialer Genitiv - diachrone Betrachtung

↓217

Seit ältester Zeit bestimmt der Genitiv die Zugehörigkeit der Handlung oder ihres Resultates zu einem Ort, einer Zeit, einer Beschaffenheit. Er kann den Raum, das Gebiet oder einen bestimmten Zeitpunkt einer Handlung bezeichnen.

Der adverbiale Genitiv war schon im Gotischen (galeiþands Makidonais = ichzog nach Mazedonien) reich belegt. Im Ahd. wurde der Genitiv nicht nur als Kasus des Attributs in Verbindung mit einem anderen Substantiv (Hiltibrantes sunu = der Sohn Hildebrands) verwendet, sondern auch oft als abhängiger Kasus in Verbindung mit den Verben, Adjektiven, Adverbien (alles guates ginuog = genug von allem Guten) usw.

Schon bei der diachronen Beschreibung lassen sich temporale, lokale und modale adverbiale Genitive unterscheiden. Sehen wir entsprechende Beispiele aus den älteren Sprachstufen des Deutschen näher an:

2.1.1  Temporaler Genitiv

↓218

Der temporale Genitiv wurde schon im Gotischen belegt:

(1)

Got. B. Thess. 5, 7 - unte þaiei slepand, naht slepand, jah þaiei drugkanai wairþand, nahts drugkanai wairþand = Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken.
Got. B. Lc. 18, 12 - sabbataus = des Samstags (Grimm 1890:120)

↓219

Man muss aber darauf hinweisen, dass für den Ausdruck der temporalen Bedeutung in der Zeit der Dativ (nahtam jah dagam faran = Tag und Nacht fahren) üblicher war und viel öfter als der Genitiv (nahts jah dagis, Alts.: dages endi nahtes = Tag und Nacht) gebraucht wurde.

Wie wir außerdem sehen, trat der temporale Dativ im Verlaufe der Zeit zurück und der temporale Genitiv drängte vor:

So wird der temporale Genitiv im Ahd. öfter als Zeitangabe gebraucht:

↓220

(2)

Tatian 8, 9 - uzouh mit fastun inti mit gibetu thionota tages inti nahtes = … Tag und Nacht
thes dages, nahtes, morgenes, thes selben jâhres, winteres, sumeres
Er stuont in themo stade thâr thô thes morganes sâr. = Er stand des Morgens da am Ufer.
Dages inti nahtes fleiz sit thâr thes rehtes. = Tag und Nacht befleißigte sie sich ihrer Pflicht. (Beispiele aus Moskalskaja 1969:122).

↓221

Aus diesem Gebrauch adverbialer Genitive sind später solche Zeitadverbien wie morgens, abends, nachts usw. hervorgegangen.

Mhd.:

(3)

↓222

tages, dës tages, aller tagen, des nahtes, dër naht, dër nehte, dër stunt59
des âbendes unde des morgens, mittes dages, dës sunnun abundes, winteres

des selben jâres = in diesem Jahr
der selben wîle = in dieser Weile

Erec 6341 - er wolde et briuten der naht = er wollte tatsächlich in der Nacht noch Hochzeit halten

Nibel.I.199 - des tages wart in sturme vil manec bluotigiu hant = an diesem Tage viele Hände vom Kampf blutig wurden

Nibel.I.206 - des tages muose ersterben vor in manec ritter guot = an diesem Tage fielen die feindlichen Ritter unter ihrer beiden Schwerthieben zu Scharen

Tristan 13475 - daz er`m ie nahtes sô bî lac = daß er nachts so nahe bei ihm lag
Tristan 13480 - eines nahtes ez geschach = eines Nachts geschah es

Aus den ahd. Genitivkonstruktionen noh dages hiutu bzw. mhd. hiutes tages haben sich die nhd. temporalen Genitive Tags, eines Tages, heutigen Tages entwickelt.

Wilmanns (1909:544) vertritt die Auffassung, dass die nominale Bedeutung bei solchen Konstruktionen früh zurücktrat, was einige unorganische Bildungen und Konstruktionen schon im Ahd. zeigen, z.B.:

↓223

(4)

Ahd. nahtes - nach dem Muster von tages,
Mhd. dës nahtes, dëssëlben nahtes usw.

Auf die Adverbialisierung der adverbialen Genitive wird des Weiteren ausführlicher eingegangen.

↓224

Im Frühneuhochdeutschen gibt es auch Beispiele mit den temporalen Genitiven:

(5)

nechten hab ich dich nit beherbergt (Albrecht von Eyb, 1420-1475)
des jars sammelt Rudolph ein grossen zeüg (Sebastian Münster, 1489-1552)60

2.1.2 Lokaler Genitiv

↓225

Der lokale Genitiv ist im reich belegt. So findet man in der Bibelübersetzung von Ulfila, dass z.B. die griechischen Akkusative mit Präposition είς 61 im Gotischen durch einen Genitiv ohne Präposition ausgedrückt werden. Lokale Genitive können dabei u.a. das Ziel bezeichnen:

(6)

Got. B. Lc.19,12 - qaþ þan: manna sums godakunds gaggida landis franiman sis þiudangardja jah gawandida sik. = Und er sprach: Ein Fürst zog in ein fernes Land, um ein Königtum zu erlangen und dann zurückzukommen.

Got. B. Lc.15,15 - jah gaggands gahaftida sik sumamma baurgjane jainis gaujis, jah insandida ina haiþjos seinaizos haldan sweina. = und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten.

Got. B. 1 Tim.1,3 - swaswe baþ þuk saljan in Aifaison galeiþandsMakedonais, ei faurbiudais sumaim ei anþarleiko ni laisjaina = Du weißt, wie ich dich ermahnt habe, in Ephesus zu bleiben, als ich nach Mazedonien zog, und einigen zu gebieten, daß sie nicht anders lehren

↓226

Für das Gotische waren adverbiale Genitive anscheinend natürlich oder sogar typisch. Da die Übersetzung der Bibel allgemein verständlich und für jedermann zugänglich sein musste, andererseits aber die Mönche, die ohnehin die Originalsprache beherrschten, keine Übersetzung brauchten, liegt der Schluss nahe, dass der Übersetzer die gebräuchlichsten Konstruktionen verwendete.

Martin Luther (1483-1546), der die frühneuhochdeutsche Bibelübersetzung schuf, benutzte zwar auch die griechische Originalversion als Grundlage für seine Übersetzung, war aber in großem Maße durch die lateinische Bibelübersetzung, die Vulgata, beeinflusst. In seiner Bibelübersetzung sind die oben angeführten Ortsangaben (Got. galeiþands Makidonais usw.) im Frnhd. schon durch eine PP ausgedrückt:

(7)

↓227

Lukas 19,12 - Ein Edler zog fern in ein Land…

Lukas 15,15 - der schickte ihn auf seinen Acker…

1Tim. 1, 3 - da ich nach Mazedonien zog…(Übersetzung von Wilmanns 1909:543)

Auch im Nhd. entsprechen diesen Konstruktionen Präpositionalphrasen u.a. mit Präpositionen in /auf /nach und einem Akkusativ.

sind genitivische Konstruktionen mit lokaler Bedeutung reicher als im Gotischen vorhanden: wuastwaldes ruafan (= durch den Wald rufen)

↓228

(8)

O.1, 27,41 - ich bin wuastwaldes stimmma ruafentes = die Stimme des über die Wüste Rufenden
O.1, 3,12 - thes wâges er sie wîsta = er leitete sie über die Flut (Beispiele und Übersetzung aus Wilmanns 1909:542)

Solche Verbindungen sind dem Gegenwartsdeutschen fast fremd (vs. j-n des Landes verweisen). Gewöhnlicher und unserem Sprachgefühl gemäßer ist, wenn die Genitive von sind, fart, gang, gleichfalls mit dem Akkusativ konkurrierend, mit Verben der Bewegung verbunden werden, so Wilmanns (1909:542-543):

↓229

(9)

O.3, 4,28 - gang ouh thines sindes
O.1, 19,13 - er fuar sar thera ferti nahtes mit giwurti
gang thînes uueges = geh deines Weges

Meist abweichend vom heutigen Gebrauch stehen präpositionslose oblique Kasus in folgenden Fällen:

↓230

(10)

Ther iungôro sun elilentes fuor. = Der jüngere Sohn reiste in die Fremde (im Ahd. Text Gen.)
Stant ûf ioh gang ouh thînes sinthes. = Steh auf und gehe deines Weges. (Beispiele und Übersetzung aus Moskalskaja 1969:122)

Im Nhd. ist fast nur der lokale Genitiv von wëg übrig geblieben, und zwar in den beschränkten Verbindungen: gerades Weges, geh deiner Wege usw.

2.1.3 Modaler Genitiv

↓231

Genitive mit modaler Bedeutung waren in den älteren Sprachstufen des Deutschen mannigfaltig repräsentiert:

Ahd.:

Bei Moskalskaja (1969:123) findet man folgende Beispiele mit ahd. modalen Genitiven:

↓232

(11)

Er herzen sich giharta. = Er wurde hart in seinem Herzen.
Thera ferti er uuard irmuait. = Er war ermüdet von der Wanderung.

steht adverbialer Genitiv mit modaler Bedeutung oft bei Verben der Bewegung:

↓233

(12)

Iwein 600 – ich vuor des endes unde vant der rede sene warheit = ich ritt dahin und fand seine Worte bestätigt

Parzival II, 69, 5 - er huob och sich des endes dar mit maneger banier lieht gevar = da zog auch er in das Revier mit manchem leuchtenden Pannier

Trojanerkrieg 19770 - zi zierte sich enwiderstrît mit manger hande rîcheit und fuor des endes unde reit = … und fuhr dorthin /weg…

Modale Genitive sind auch in einigen formelhaften Ausdrücken zu sehen:

↓234

(13)

eines mundes jehen = einstimmig
der warheit swern =wahr schwören
kindes ligen = auf dem Kindbette liegen (aus Grimm, Bd. 4, 1837:680)
brŏtes leben = von Brot leben (aus Moskalskaja 1969:183)

Weit verbreitet waren im Mittelhochdeutschen adverbiale Genitivformen von den Nomen wîs, dingo u.a.: manager wis, gelicher wis, managero dingo, maniger wegen, aller wegen, widersinnes usw.:

↓235

(14)

Mhd. aller dinge = gänzlich, durchaus
einer dinge = nur
eines zuges = auf einmal, eines Zugs, Schlags
dës endes = dorthin
ëtelîcher wëge = irgendwo
swelches endes = wo(hin) usw.

Freier Genitiv war im Mhd. (guoter heile varn, sneller verte rennen, tugentlicher sinne minnen) nicht weit verbreitet.

↓236

Im Nhd. wird er zu einem produktiven Muster: entblößten Hauptes, unverwandten Blicks, lachenden Mundes, fliegenden Haars, klingelnden Spiels, auffallender Weise usw.62 Bei den oft gebrauchten Ausdrücken wie z.B. hungeres sterben (des Hungers sterben) handelt es sich um die alte Rektion des Verbs sterben.

2.2 Übergang zum Neuhochdeutschen

Ursprünglich war der Genitiv neben den Verben häufig. Allmählich ist diese Art des Genitivs seltener geworden und mehr auf poetische Sprache beschränkt, was schon Paul (1919:346) bemerkte. In der deutschen Gegenwartssprache schwindet der Genitiv als Objektkasus immer weiter und kommt fast nur noch in festen Redewendungen (jdn. eines Besseren belehren) vor. Die partitive Verwendung des verbalen Genitivs (z.B. des Brotes essen), die im Mhd. noch verbreitet war, ist im Nhd. nicht mehr belegt.

Wenn man die einzelnen adverbialen Bedeutungen beim Übergang zum Nhd. betrachtet, so ergibt sich folgendes Bild:

↓237

sind in einigen festen Redewendungen geblieben, wie des Tages, des Nachts, dieser Tage, der Zeit, Sonntags, Markttags, Augenblicks usw. Der Genitiv ist formelhaft dort erhalten, wo er sich bequem aussprechen lässt und formell deutlich blieb; also wohl Sommers, Winters, aber nicht Herbsts, so Erdmann (1898:205)63.

Bei solchen Fällen wie beispielsweise nachts kann man davon ausgehen, dass es eine „analogische Verbreitung der nominalen Adverbialformen“ sei:

↓238

Nicht selten finden wir, besonders im Nhd., Adverbia, welche deutlich zu Nominibus gehören, und doch Endungen zeigen, die den Nominibus nicht zukommen. Der Grund liegt darin, dass adverbial gebrauchte Nomina als eine besondere Wortart empfunden und demnach ihre Endungen als Mittel der adverbialen Bildung auch ausserhalb der Grenzen ihres ursprünglichen Gebrauchs angewandt wurden. (Wilmanns, 1896:621)

So kommt zum Beispiel die genitivische Endung –es nur den Maskulina und Neutra zu. Die aber schon im Ahd. gebräuchlichen Formen, wie nahtes (noctu) zumal neben tages (tages indi nahtes) und sogar eines nahtes, haben laut Grimm (1890:127) etwas Anomales und sind vielleicht ein durch die Anomalie gehegter Überest älterer Flexion (vgl. got. nahts, f. nahtais), denn der lebendige Genitiv lautet ahd. naht, ags. nihte. Das mhd. nahtes verbindet sich noch entschiedener mit einer männlichen Form des Pronomens des nahtes, des sëlben nahtes, des vinstern nahtes, eines nahtes, doch nicht so ausschließlich, dass die regelrechte weibliche Form ganz ungebräuchlich wäre (der sëlben naht, der naht, der nehte (ea nocte), seltsamer ist die Verbindung beider Geschlechter (der dritten nahtes), nach Grimm (1890:127).

Laut Wilmanns (1896:621) hat bei nahts die Analogie von tages gewirkt, sei es, dass sie die unregelmäßige Form hervorgehoben oder das auslautende s der alten Flexion (vgl. g. nahts, nahtais) gestützt hat.

↓239

Auf ähnliche Fragestellungen stoßen wir bei dem ahd. Ausdruck mitti-wëcha, der schon im Mhd. auch als Maskulinum gebraucht wurde (vgl. nhd. – Mittwochs, zuerst bei Lessing belegt).

Bei Adverbien auf –mals handelt es sich anscheinend um eine genitivische Flexionsform des Substantivs Mal und man könnte hier eine Zusammenrückung aus einer genitivischen NP annehmen. Laut Altmann /Kemmerling (2000:165) sind aber tatsächlich synchron keine zugrunde liegenden NPs zu identifizieren (Adv. /Partik> Adv.: aber-mals, da-mals, einst-mals, erst-mals, je-mals, mehr-mals, nie-mals, noch-mals, oft-mals, vielmals usw.).

haben sich seit der mittelhochdeutschen Periode nicht weiter entwickelt. Viele davon wurden adverbialisiert (vgl. mhd.: aller wegen, allen enden usw. und nhd. allerwegen, allerenden, allerorten, allerorts, anderorts).

↓240

Nur wenige lokale DPs sind im Nhd. geblieben:

(1)

des Weges kommen, schmalen Pfades gehen, linker Hand, gerades Weges usw.

↓241

Die modalen Genitive und die Einstellungsoperatoren

Modaler Genitiv findet sich in einigen festen Formeln:

(2)

↓242

Mhd. truriges muotes =traurigen Mutes
Unverrichteter Sache (vgl. Lat. re infecta)
Eilenden Schrittes, gesenkten Hauptes, stehenden Fußes

Aus vielen mittelhochdeutschen Genitiven sind mannigfaltige Adverbien oder auch PPs entstanden, z.B.:

(3)

↓243

a. Mhd. manager wîs= Nhd. möglicher Weise → möglicherweise
b. Managero dingo= in mannigfaltiger Weise

Auch gelicher wis gleicherweise, aller dingeallerdings usw. Das Letztelement -dings ist nicht besonders produktiv. Laut Altmann /Kemmerling (2000:164) ist es aus der Verschmelzung von –dings mit dem Adverb-Suffix –s entstanden, das synchron betrachtet auch als Genitivflexiv interpretiert werden könnte. Man kann –dings- Beispiele auch als Zusammenrückung von einem Adjektiv /Quantor und einem Substantiv betrachten. So eine Kategorisierung halten aber Altmann /Kemmerling (2000:164) für falsch, da das vorausgehende Adjektiv keine in der Gegenwart mögliche Genitiv-Flexion aufweist:

Adj. /Quant.+Fugenelement –er + -dings Adv.: aller-dings, neuer-dings, platter-dings, schlechter-dings, blanker-dings.

↓244

M.E. ist jedoch die Version über eine zugrunde liegende Zusammenrückung durchaus möglich: aller dinge allerdings usw.

Laut Wilmanns (1896:621) verrät der erste attributive Bestandteil in zusammengesetzten Wörtern öfters, dass die Endung s einem anderen Kasus angehängt ist. Auf einen Akkusativ Singular weisen nhd. diesseits, jenseits (mhd. dis-, jen-, andersît), allen-, jeden-, keinenfalls, meistenteils (mhd. meistteil) usw., auf Genitiv Plural nhd. beiderseits (mhd. beider-sît, -sîten), (auch lokale: allerorts, anderorts) und die Bildungen auf –dings. Zuweilen wirkt die Neigung zur Genitivform auch auf den ersten Bestandteil: nhd. einerseits (mhd. einsît), andererseits neben andersets (mhd. andersît). Die Form eigentlicher Komposita haben nhd. gleichfalls, ebenfalls angenommen (Wilmanns 1896:621).

Auch die Wendung unseres unwissenes kommt schon im Mhd. vor:

↓245

(4)

Genesis 45,73 - der unseres unwissenes in den secken lac = der ohne unser Wissen in den Säcken lag

Wilmanns (1909:548) geht ausführlicher auf die Bedeutung dieser Konstruktion ein und ist der Meinung, dass der Redewendung unseres unwissenes eine positive Wendung unseres Wissenes in der Bedeutung „mit unserem Wissen“ entsprechen würde. Die Redewendung unseres Wissenes wird aber im Nhd. nicht in der Bedeutung „mit unserem Wissen“ gebraucht, sondern heißt soviel wie: soweit wir wissen.

↓246

Formelhaft erstarrt sind im Nhd. die Einstellungsoperatoren wie meines Wissens /Dafürhaltens /Ermessens, durch die die Aussage in das Gebiet des subjektiven Urteils verwiesen wird. Heutzutage werden von den oben erwähnten Konstruktionen vorwiegend meines /unseres usw. Wissens /Meinung /Erachtens gebraucht.

Auch die Redewendungen mit dem Verb sterben (wie des Todes sterben, des Hungers sterben) sind geblieben. Es geht dabei aber um eine ursprüngliche Genitiv-Rektion des Verbs sterben und nicht um die Angabe des Grundes, wie man es bei des Hungers sterben annehmen konnte:

(5)

↓247

a. Auch soll der jüngere Bruder Nicolas, den Menchu des Hungers sterben sah, wohlauf sein. (A98 /DEZ.825417 St. Galler Tagblatt, 17.12.1998, S. *, Ressort: TB-AKT; In vielem übertrieben?)

b. …wer sich fortan vom Stamme der Sachsen ungetauft unter seinen Namensgenossen verbirgt , zur Taufe zu kommen verachtet und freiwillig Heide bleibt , der soll des Todes sterben. (MK1 /WPE.00000, POERTNER, DIE ERBEN ROMS, Roman. Econ Verlag, Düsseldorf, 1964, 41.-70. Tausend (1965), S. 364)

c. …bis er des langsamen Todes endlich stirbt, der im Rat der Götter für ihn beschlossen war. [Lenz: Briefe über die Moralität der Leiden des jungen Werthers, S. 19. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 65566 (vgl. Lenz-WuS Bd. 1, S. 395)]

Einen interessanten Fall stellt der Gebrauch von Adjektiv- bzw. Partizipformen bei dem adverbialen Genitiv dar:

↓248

Wenn man sich die Werke der deutschen Literatur z.B. aus dem 19. Jahrhundert anschaut, so sieht man, dass zu dem Zeitpunkt bei den adverbialen Genitiven zwei Adjektivendungen möglich waren:

Die Form auf -en :

(6)

↓249

a. Wirklich hörte ich dann jedesmal etwas schweren, langsamen Tritts die Treppe heraufpoltern; das musste der Sandmann sein. [Hoffmann: Nachtstücke, S. 4. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 46641 (vgl. Hoffmann-PW Bd. 2, S. 373)]

b. Der Forstmeister stürmte immer noch ungleichen Schrittes die Laube auf und ab… [Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte, S. 54. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 7673 (vgl. Chamisso-SW Bd. 1, S. 40)]

c. Der junge Mann sah ihr mit trüben Blicken nach, dann folgte er langsamen Schrittes…[Hauff: Mitteilungen aus den Memoiren des Satan, S. 252. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 34876 (vgl. Hauff-SW Bd. 1, S. 492)]

d. …schweren Herzens trat er in den Saal und mit einem freudigen Rufe sprang ihm Susanna entgegen… [Arnim: Die Kronenwächter. Zweiter Band, S. 281. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 1695 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 963-964)] Arnim (1781-1831)

Und die Form auf -es :

(7)

↓250

a. …nicht darum, weil er politisch reinen Herzens ist, wie er sagt; sondern er tat es, weil er atemreines Mundes bleiben möchte [Heine: Ludwig Börne. Eine Denkschrift, S. 208. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 40643 (vgl. Heine-WuB Bd. 6, S. 220)] Heine (1797-1856)

b. Unter den hochbewipfelten Linden, die oft in mehreren Reihen nebeneinander stehen und der Stadt einen ländlichen Schmuck verleihen, geht man fast zu allen Jahrszeiten trocknes Fußes spazieren…[Forster: Ansichten vom Niederrhein, S. 559. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 17247 (vgl. Forster-W Bd. 2, S. 705)]

c. O du lieber Himmel! stehendes Fußes müßt' ich frisiert und silhouettiert werden …[Jean Paul: Hesperus, S. 92. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 48505 (vgl. Jean Paul-W, 1. Abt. Bd. 1, S. 531)]

d. Ich raffte mich zusammen, beschnitt Papier (in Baiern wär's unnötig) und legte stehendes Fußes die Appellation ein, die einzulegen war, und petschierte sie zusammen. [Jean Paul: Leben des Quintus Fixlein, S. 319. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 49988 (vgl. Jean Paul-W, 1. Abt. Bd. 4, S. 212)]

e. Durch Eintracht sich erhöhn, und gelehriges Ohres, entzückt, die Drommet' und das Horn vernimmt. [Klopstock: [Ausgewählte Oden und Elegien], S. 156. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 63108 (vgl. Klopstock-AW, S. 136)]

Die beiden Adjektivformen traten zu der Zeit konkurrierend miteinander auf, waren dennoch nicht gleichwertig. Die Form auf –en entsprach schon im 19 Jh. mehr der sprachlichen Norm der Zeit, die Form auf –es war altertümelnd, sie fällt auch aus dem paradigmatischen Rahmen des Gegenwartsdeutschen.

Im Gegenwartsdeutschen ist die Redewendung ohne jeweiligen Determinierer schnell Schrittes gehen grammatisch richtig, nichtaber *schnell Schrittes gehen oder auch nicht * schnell Schrittes gehen, wie es regulär nach der schwachen Deklination der Adjektive heißen sollte.

↓251

Die Form schnell Schrittes, die in der deutschen Gegenwartssprache gebraucht wird, entspricht der starken Deklination der Adjektive, bei der das Adjektiv in allen Fällen die Kasusendungen des bestimmten Artikels bekommt (schnell Schritt, schnell Auto) und nur im Genitiv Singular der Maskulina und Neutra die Endung –en hat. Admoni (1972) erklärt das mit der Tendenz der deutschen Sprache zur Monoflexion, d.h. die starke Flexionsmarkierung wird nur einmal entweder am Artkiel oder am Adjektiv realisiert.

Solche Konstruktionen werden von Helbig /Buscha in der Regel 6 zum Gebrauch des Nullartikels in der deutschen Gegenwartssprache beschrieben:

↓252-254

Der Nullartikel steht in einer syntaktischen Konstruktion aus Adjektiv bzw. Partizip + Substantiv im Genitiv, die dem Satzgliedstatus nach Adverbialbestimmung oder prädikatives Attribut ist und zumeist durch eine Präpositionalgruppe (eingeleitet durch mit) ersetzt werden kann:
Er verließ erhobenen Hauptes das Zimmer. (= mit erhobenem Haupt)
Er blickte ihn gesenkten Kopfes an. (=mit gesenktem Kopf) usw.
(Helbig /Buscha, 2001:342)

Nur beim attributiven Gebrauch ähnlicher Genitiv-Konstruktionen wird der Det. nicht ausgelassen:

↓255

(8)

a. Die künftige Kauffrau für Verkehrsservice wurde von der Chefetage der Deutschen Bahn zur Leiterin des neuen Ausbildungsbahnhofs Lichtenberg berufen. (Berliner Morgenpost, Ausgabe vom 02.09.2003, Ressort Stadtleben)

b. Gespannt verfolgen die Türken in Berlin den Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in der deutschen Hauptstadt. (Berliner Morgenpost, Ausgabe vom 02.09.2003, Ressort Stadtleben)

Auch solche Redewendungen wie eines Tages, meines Erachtens (*des meines Erachtens usw.) werden nicht durch weitere Det. bzw. Quantoren erweitert.

Kein Det. tritt außerdem in den so genannten festen Zwillingsformeln auf: Ebbe und Flut, Haus und Hof, Satz für Satz, von Haus zu Haus, weder Fisch noch Fleisch usw. (nach Helbig /Buscha 2001:343, Regel 8).

↓256

Unter dem Terminus adverbiale Zwillingsformeln werden in dieser Arbeit auch Konstruktionen Kopf an Kopf, Schritt um Schritt, Hand in Hand, Tag und Nacht usw., bei welchen auch kein Det. auftritt, geführt (vgl. Kapitel 1.3.2 (Gruppe III), 3.1.5, 3.3.2.4).

2.3 Adverbialer Genitiv im Gegenwartsdeutschen

Der Genitiv (Genetiv) auch der Wessen– bzw. Wesfall genannt, kann im Gegenwartsdeutschen verschiedenste Funktionen übernehmen:

↓257

Mit anderen Worten verfügt dieser Kasus über die meisten syntaktischen Anwendungsmöglichkeiten im Deutschen, wird aber im Vergleich zu den anderen drei Kasus am wenigsten verwendet.

Brugmann (1911:572) wies darauf hin, dass die ursprüngliche Genitivfunktion die Adverbialbestimmung war. Heutzutage können genitivische DPs zwar in adverbialer Funktion auftreten, aber dieser Gebrauch des Genitivs in der Gruppe des Verbs ist stark zurückgegangen und es werden jetzt nur einzelne, zum Teil halb erstarrte Wendungen gebraucht (vgl. Admoni 1972:118). Solche Genitive kommen im Satz als „freie“ Kasus vor.

Der Adverbialgenitiv ist laut Duden (1998: 643) das Satzglied, das im Genitiv steht, jedoch - im Gegensatz zum Genitivobjekt64 - nicht pronominal (also z. B. durch dessen oder seiner) ersetzbar ist. Sein Kasus ist außerdem nicht durch ein Element seiner Umgebung festgelegt; es handelt sich vielmehr um eine autonome Substantivgruppe. Anders als das Genitivobjekt ist der Adverbialgenitiv auch durch Elemente ersetzbar, die nicht im Kasus bestimmt sind:

↓258

Eines Abends /Da begegnete sie mir zum ersten Mal.
Dieser Tage /Neulich traf ich sie wieder.
Meines Erachtens /Wahrscheinlich lebt sie hier. (aus Duden 1998: 643)

Bei der Betrachtung der adverbialen Kasus entsteht in erster Linie die Problematik der Abgrenzung verschiedener Satzglieder von einander, was weiter unten veranschaulicht wird.

2.3.1  Abgrenzungsprobleme

Abgrenzung der adverbialen Genitive von den Prädikativen

↓259

Die DPs in adverbialer Funktion, wie:

(1)

a. Er ging schnellen Schrittes (gesenkten Kopfes) nach Hause...
b. In den Ruinen seiner Umgebung sitzt der Loriot-Mensch dennoch erhobenen Hauptes.
(Berliner Morgenpost. Ausgabe vom 12.11.2003, Ressort Kultur)

↓260

muss man streng von den Genitiven, die als nominale Teile des Prädikats (Prädikative) auftreten und den oben erwähnten sehr ähnlich sind, abgrenzen:

(2)

a. Er war gesenkten Kopfes.
b. Er ist guten Mutes (schlechter Laune) usw.
c. Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) ist frohen Mutes, dass Potsdam den Zuschlag bekommt. (Berliner Morgenpost. Europa soll sich 2010 in Potsdam wiederfinden. Ausgabe vom 06.10.2003, Ressort Brandenburg)

↓261

Zu den adverbalen Genitiven des Deutschen (d.h. Genitivobjekten von Verben) liegen mehrere Untersuchungen vor. So ist hier z.B. die Arbeit von Lenz (1996), in der die adverbalen Genitive sowohl in den älteren Sprachstufen als auch in der Gegenwartssprache beschrieben wurden, zu erwähnen. Nach Lenz (1996:3-4) gibt es Verben, die Genitiv-Objekte fordern (Nichtreflexiva: achten, beschuldigen, gedenken; Reflexiva: sich bedienen, sich erinnern usw.), idiomatische Wendungen, die noch in ganz bestimmten fest gefügten Kontexten einen Genitiv regieren können (jmd. Eines Besseren belehren, *jmd. der Vorsicht belehren, Hungers sterben, *Unfalls sterben usw.) und eine Sondergruppe der Genitive, die Ergänzungen eines Kopula-Verbes sind (frohen Mutes sein, *großer Müdigkeit sein; guter Hoffnung sein, *keiner Hoffnung sein; reinen Herzens sein, *gesunden Magens sein; anderer Meinung sein, *anderen Autos sein) und von denen einige in anderen Kontexten auch adverbial verwendet werden können: Sie ging frohen Mutes weiter /Reinen Herzens schlief sie ein.

Lenz (1996:37) kommt in ihrer Arbeit zu folgenden Schlussfolgerungen:

↓262

Dabei alternieren die Genitivobjekte in der Gegenwartssprache mit den Akkusativ- und PP-Objekten. Außerdem werden Genitivobjekte in der gesprochenen Sprache öfters durch Dativobjekte ersetzt:

Frankreich gedachte seinem langjährigen Präsidenten (vgl. Lenz 1996:39).

↓263

In dem Kapitel Forschungsperspektiven schreibt Lenz (1996:43), dass u.a. die Idiomatisierung adverbialer Genitivphrasen (Frohen Mutes ging sie weiter, *Frohen Gefühls ging sie weiter; Des Abends /des Nachts /des Morgens spielt sie Tennis usw.) untersuchenswert sei. Außerdem wären laut Lenz (1996:43) die Beziehungen der genitivischen Adverbialbestimmungen zu adverbialen Genitiven zu untersuchen (vgl. Sie war frohen Mutes vs. Frohen Mutes ging sie weiter usw.)

Der Genitiv in adverbialer Funktion ist bis heute noch nicht ausreichend untersucht worden. Ähnlich wie der adverbale Genitiv ist er im Vergleich zu den älteren Sprachstufen im Nhd. stark zurückgegangen. Im Unterschied zu den adverbalen Genitiven oder Prädikativen ist der adverbiale Genitiv meistens vom Verb unabhängig und im Satz frei hinzu fügbar:

(3)

↓264

a. Er ging gesenkten Kopfes nach Hause. - Er ging nach Hause.
b. Er ist gesenkten Kopfes. - * Er ist.

Was sind prädikative Attribute?

Von den Adverbialien und Prädikativen werden öfter auch die prädikativen Attribute unterschieden. Sehen wir folgende Sätze an:

↓265

(4)

a. Er ging schnell. - modales Adverbiale der Art und Weise
b. Er ist gut. Sie war glücklich. – Prädikativ
c. Er ging glücklich weg. – wird oft als prädikatives Attribut bezeichnet

Nach Jung (1980:71) steht das prädikative Attribut bei vollbedeutenden Verben, es kann ohne Änderung der Verbbedeutung weggelassen werden oder als Attribut zum Subjekt oder Objekt des Satzes treten oder in einen Nebensatz ausgegliedert werden:

↓266

Er liebt den Kaffee heiß (liebt heißen Kaffee, Attribut).

Prädikativ und prädikatives Attribut bezeichnen immer Merkmale derjenigen Erscheinungen, die vom Subjekt oder Objekt des Satzes bezeichnet werden. Modalbestimmungen drücken dagegen Merkmale der Prozesse aus, die vom Verb im Satz bezeichnet werden, so Jung (1980:71):

Ich liebe den Kaffee heiß (heißer Kaffee, prädikatives Attribut).
Er liebt das Mädchen heiß (heißes Lieben bzw. heiße Liebe, Modalbestimmung).

↓267

Im Duden (1998:644) findet man die Unterscheidung zwischen prädikativen Satzadjektiven mit Bezug auf Subjekt (Sie ist gut.) bzw. auf Objekt (Ich finde sie klug.) und Satzadjektiven in adverbialer Funktion (Er schläft gut.) usw. Diese verschiedenen Bezüge in der deutschen Sprache sind durch operationale Verfahren nicht immer eindeutig nachweisbar. Man muss sich manchmal damit begnügen, das betreffende Satzglied einfach formal als Adjektivgruppe (Partizipgruppe, Satzadjektiv) zu bestimmen (vgl. Duden, 1998:645).

Nach Lühr (1990:62) gibt es die so genannten „objekts- und subjektsbezüglichen“ Adjektive, die eine Zwischenstelle zwischen den Angaben und den Attributen einnehmen, wie z.B.:

Die Mutter trug den Punsch heiß herein – Beziehung auf Objekt
Die Mutter trug den Punsch fröhlich herein – Beziehung auf Subjekt

↓268

Auch bei den DPs kann man ähnliches beobachten:

(5)

a. Er ging gesenkten Kopfes - Adverbiale DP gesenkten Kopfes charakterisiert hier die Handlung gehen in ihrer Art und Weise
b. Er ist gesenkten Kopfes . Sie war frohen Mutes – Die DPs gesenkten Kopfes bzw. frohen Mutes stellen nominale Prädikatsteile (Prädikative) dar
c. Er ging schweren Herzens. Sie kam frohen Mutes. Er saß tiefernsten Gesichts -

↓269

Es wäre falsch zu behaupten, dass die DPs schweren Herzens, frohen Mutes bzw. tiefernsten Gesichts in diesen Sätzen jeweils das Gehen, Kommen oder Sitzen in ihrer Art und Weise charakterisieren. Diese DPs sind nicht verbbezogen und drücken offensichtlich den inneren Zustand des Subjekts aus wie es bei den prädikativen Attributen der Fall ist. Man könnte sie dann z.B. als prädikative DPs benennen:

(6)

Frohen Mutes kommentierte er den Abgang Manfred Stolpes, als gebe es einen Sieg zu feiern. (Berliner Morgenpost. Des Kanzlers Hoffnungsträger im Osten. Ausgabe vom 24.06.2002, Ressort Politik).

↓270

Allerdings ist es nur aus unserem Weltwissen klar, dass solche Adjektive (Er ging glücklich weg.) oder DPs (Schweren Herzens saß sie vor dem Fenster.) sich auf ein Subjekt beziehen. Das ist also kein grammatisches, sondern ein sprachliches Phänomen. Grammatisch und syntaktisch gesehen funktionieren diese Konstruktionen (glücklich /schweren Herzens) im Satz genau so wie schnell bzw. schnellen Schrittes und können daher auch zu den Adverbialien gezählt werden:

(7)

a. Er ging schnell weg. - schnell beschreibt die Art und Weise des Gehens
b. Er ging heute weg. – heute bezieht sich auf den Sachverhalt bzw. auf das Verb und ist temporal eingeordnet
c. Er ging glücklich weg. – Adverb glücklich ist jedoch was anderes als heute bzw. schnell, es drückt einen emotionalen Zustand aus und das ist ein sprachliches Phänomen. Diesen Unterschied bemerken wir aber nur dank unseres Wissensüber die Welt

↓271

Abgrenzung der adverbialen Genitive von den Attributen

Problematisch ist manchmal auch die Abgrenzung der adverbialen Genitive von den Attributen. Zu beachten sind dabei beispielsweise folgende Genitiv-Konstruktionen:

(8)

↓272

a. Der Vortrag eines Tages – adverbialer oder attributiver Genitiv
(vgl. Der Vortrag jetzt /damals /an einem Tag usw.)
b. Der Vortrag eines Wissenschaftlers – attributiver Genitiv
(vgl. Der Vortrag von einem Wissenschaftler usw.)

Dabei ist es wichtig einige semantisch-konzeptuelle Restriktionen zu beachten. Es ist zu sehen, dass bei den adverbialen Genitiven als Köpfe nur Substantive mit dem Bezug auf Zeiteinheiten möglich sind: Stunde, Tag, Montag, Morgen usw. Das ist allerdings nicht bei allen Substantiven mit dem temporalen Bezug der Fall:

(9)

↓273

*Der Urlaub eines Krieges /einer Sekunde

In anderen Fällen handelt es sich um einen attributiven Genitiv:

(10)

↓274

Der Urlaub meines Vaters

Vgl. auch:

(11)

↓275

des Tages kommen – temporaler Genitiv
des Mordes anklagen – Objekt
des Geldes berauben - Objekt

Oft ist die lexikalische Zugehörigkeit des Substantivs allein für die Ermittlung der syntaktischen Funktion einer Konstruktion im Satz nicht ausreichend und es sind auch andere Faktoren (Valenz bzw. Rektion des Verbs, Wortfolge usw.) zu beachten:

(12)

↓276

a. Die Kälte eines (des) Winters /Morgens /Abends war unerträglich - das könnte man sowohl als ein Attribut wie auch als Adverbiale betrachten
b. Eines (des) Winters /Morgens war die Kälte unerträglich – temporales Adverbiale im Vorfeld
c. Vgl. Die Kälte eines (des) Vaters /Sees /der Luft war unerträglich. – attributiver Gebrauch
* Eines (des) Vaters /Sees war die Kälte unerträglich.

Weitere Beispiele mit den attributiven Genitiven:

(13)

↓277

a. Allein die Lektion des vorigen Winters hat diese überspannten Vorstellungen von der Empfänglichkeit der Nachbaren sehr herabgestimmt. [Forster: Parisische Umrisse, S. 77. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 18172 (vgl. Forster-W Bd. 3, S. 774)]
b. …wie es Zeugen beschrieben - sei lediglich der Kälte dieses Tages geschuldet gewesen. (Berliner Morgenpost. Mord in Lichtenberg: Angeklagter Bulgare leugnet. Ausgabe vom 24.01.2004, Ressort Stadtleben)
c. Der Weber Weber ist achtundfünfzig Jahre alt, seit Mitte November vorigen Jahres ohne Arbeit. [Arnim: Dies Buch gehört dem König, S. 538. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 3826 (vgl. Arnim-WuB Bd. 3, S. 254)]

Im Allgemeinen eröffnen die Adverbiale kontextabhängige Relationen und grenzen die Wirklichkeitsmodelle ein. Dabei hat der Genitiv andere Restriktionen als z.B. der Akkusativ:

(14)

↓278

a. Die Behandlung diesen Sommer – das kann ein adverbialer Akkusativ sein (zeitliche Einordnung: Die Behandlung wird diesen Sommer fortgesetzt.)

b. Die Behandlung des Arztes – ist ein Attribut (Relation zwischen einem, der behandelt und dem, der behandelt wird)

c. Die Behandlung der Wunde – ein Attribut

Bei dem attributiven Gebrauch des Genitivs kann das Nomen sowohl belebt als auch unbelebt sein (14 b, c). Bei einer adverbialen DP kann es sich dagegen nur um einige unbelebte Nomen mit temporaler Bedeutung handeln (14 a).

In der deutschen Gegenwartssprache tritt der Genitiv am häufigsten jedoch in seiner attributiven Funktion auf:

↓279

(15)

a. Die Ufer des Sees werden je nach Jahreszeit von ganz unterschiedlichen... (Berliner Morgenpost. Treffpunkt. Ausgabe vom 11.01.2004, Ressort Stadtmenschen)

b. Die Farbe des Sommers ist Preußisch-Grün…(Berliner Morgenpost. Schlösser verzeichnen wieder mehr Besucher. [Ausgabe vom 17.01.2004, Ressort Brandenburg)

Im Folgendenwerden die semantischen Typen und Untertypen des adverbialen Genitivs und seine lexikalischen Restriktionen ausführlich beschrieben.

2.3.2 Adverbialer Genitiv und seine semantische Klassifikation

↓280

Graphisch können Typen und Untertypen der adverbialen Genitive, auf die die nächsten Kapitel genauer eingehen, mittels folgender Tabelle dargestellt werden:

Tabelle 5: Semantische Klassifikation adverbialer Genitiv-DPs

Adverbiale Genitiv-DPs

Temporal

Lokal

Modale

Einstellungsoperatoren

einmaliger Zeitabschnitt

(eines Tages)

Ort

(linker Hand)

Art und Weise im engeren Sinne

(gesenkten Kopfes)

Autorisierung

(meines Erachtens)

Frequenz

1.einfache Wiederholung

(des Morgens)

2.regelmäßige zeitliche Wiederholung in bestimmten Intervallen

(aller zwei Minuten)

passierter Bereich bzw. Trasse

(des steilen Pfades gehen)

innerer Zustand

(frohen Mutes)

Einschätzungen, Bewertungen oder Charakteristik des Wahrheitswertes einer Aussage

(dummer Weise66)

regelmäßige räumliche Wiederholung in bestimmten Intervallen

(aller zwei Meilen)

Grad (in Bezug auf Emotionen)

(vollen Herzens)

2.3.2.1  Temporaler Genitiv

Die temporalen Genitive können einmalige Zeitabschnitte oder Frequenz bezeichnen (vgl. Kapitel.1.5.1.2). Sie haben starke semantisch-lexikalische Restriktionen und stellen kein produktives Muster im Gegenwartdeutschen dar.

↓281

Die Restriktionen betreffen nur die Besetzung dieser DPs, die sich sonst im Satz mit Verben aller semantischen Klassen kombinieren lassen (siehe Kapitel 1.5.1.3).

Bei den temporalen Genitiven sind folgende substantivischen Köpfe mit temporaler Bedeutung möglich:

Gruppe I. Benennungen von unbegrenzten bzw. nicht genau begrenzten Zeiträumen:

↓282

die Zeit, der Augenblick

Gruppe II. Benennungen von Zeiteinheiten:

die Sekunde, die Minute, die Stunde (kommen nur in der Variante VI67 vor)68
der Tag (die Zeit von 24 Stunden, von Mitternacht bis Mitternacht gerechnet, vgl. Wahrig 2001:903)

↓283

Gruppe III. Benennungen von begrenzten Zeitabschnitten (Zeiträumen)

1. die sich semantisch auf die Zeiteinheit Tag beziehen:

a. die Wörter der Tag und die Nacht (als helle bzw. dunkle Zeit des Tages)

b. die Tageszeitennahmen: der Morgen, der Mittag(Vor- bzw. Nachmittag), der Tag (als Zeitraum zwischen dem Mittag und dem Abend),69 der Abend

c. die Wochentagsnahmen: (der) Montag (Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag (Sonnabend), Sonntag)

↓284

2. oder auch die Benennungen von Jahreszeiten:

der Winter, der Frühling, der Sommer (zu Herbst siehe Kapitel 2.2)

Die oben genannten Substantive können auch als Bestandteile der Komposita (der Markttag, der Herbstabend) auftreten.

↓285

Außerdem kommen in temporalen Genitiven substantivierte Komparationsformen von weit und oft vor.70

Strukturell-semantische Varianten temporaler Genitive

Aufgrund der lexikalischen Füllung, der grammatischen Form (z.B. des Numerus) und der Bedeutung lassen sich einige strukturell-semantische Varianten der temporalen Genitive unterscheiden. Es ist zu bemerken, dass das Vorhandensein bzw. Fehlen der Determinantien, Quantoren usw. für die jeweiligen Bedeutungen ausschlaggebend ist.

↓286

I Variante

Quantor ein + (Adjek.) + Subst. im Gen.(Sg.)

eines schönen Tages, eines frühen Morgens

↓287

Als nominale Köpfe dieser Variante sind die Wörter der Augenblick, der Tag und die Nacht, Benennungen von Tageszeiten (Morgen, Abend usw.,außer dem Wort der Tag in dieser Bedeutung, da die Redewendung eines Tages sovielwie einmal ausdrückt), dieWochentagsnamen (Montag usw.) und dieBenennungen von Jahreszeiten (vgl. Gruppe III) möglich.Es ist zu bemerken, dass alle diese Substantive zu den Maskulina gehören (Ausnahme ist das Wort die Nacht) und immer im Singular gebraucht werden:

(1)

a. Ich wartete auf irgend etwas, und als eines Abends Verena plötzlich vor der Tür stand, hörte ich auch damit auf. (Judith Hermann, Sommerhaus, später. 8. Aufl. 2003:73)

↓288

b. "Damals habe ich zu ihr gesagt: Mit dir spiele ich eines Tages in der Philharmonie", sagt Torsten Zwingenberger heute. (Berliner Morgenpost. Hauch des Edlen. Ausgabe vom 23.01.2004, Ressort Kultur)

c. Dann eines Sommers ist sie nicht mehr gekommen; aber die Welt ging unbekümmert ihren Gang. [Storm: Bulemanns Haus, S. 30. Digitale Bibliothek Band1: Deutsche Literatur, S. 94551 (vgl. Storm-SW Bd. 1, S. 446)]

d. Vielleicht hat man unsere undisciplinirten Truppen und unsere Feldherren eines Augenblicks nur dummdreist machen wollen, indem man sich das Ansehen gab, ihnen nicht widerstehen zu können…[Forster: Parisische Umrisse, S. 60. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 18155 (vgl. Forster-W Bd. 3, S. 764)]

e. Eines schönen Tages jedoch schien eine Entscheidung aus dem Boden zu wachsen. [Keller: Züricher Novellen, S. 202. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 60660 (vgl. Keller-SW Bd. 7, S. 145)]

Solche Konstruktionen werden oft in den narrativen Texten verwendet.

Die Auswahl der Adjektive, die hier vorkommen, ist stark begrenzt. Es handelt sich vorwiegend um qualitative Adjektive, z.B.: früh-spät (Dimension – Zeit), heiß-kalt (Dimension - Temperatur), gut-schön (subjektive Einschätzung), heiter-sonnig (meteorologische Eigenschaften) usw., seltener um relationale Adjektive mit Bezug auf die Jahreszeiten sommerlich, herbstlich usw.: eines frühen Morgens, eines späten Herbstabends, eines schönen Nachmittags, eines sommerlichen Abends, eines ganz besonderen Winterabends.

↓289

Zu beachten ist, dass die Redewendung eines Nachts (ebenso wie des Nachts) nicht durch Adjektive, Partizipien usw. erweiterbar und in ihrer Form erstarrt ist.

Die Variante hat folgende Bedeutung: der Zeitabschnitt ist einmalig und in seiner Dauer begrenzt, aber bezüglich seiner Anordnung auf der Zeitachse nicht bestimmt. So ist z.B. aus der Konstruktion eines Montags im Mai ersichtlich, dass der Zeitraum einen Tag beträgt, aber es ist nicht klar, welcher der möglichen Montage des Monats Mai gemeint ist. Die Bedeutungen der Einmaligkeit und der Unbestimmtheit bekommen die DPs dieser Variante von dem Quantor ein.

II Variante

↓290

Det. (der, dieser, derselbe, selbe 71 ) + (Adjek.)+ Subst. im Gen. (Sg.)

des nächsten Morgens, des Abends, desselben Tages

Hier kommen praktisch dieselben Köpfe wie in der Variante I vor, aber das Wort Tag tritt in allen seinen Bedeutungen (auch als Tageszeit) auf. Außerdem gehören dazu die nicht erweiterbaren Konstruktionen des Weiteren und des Öfteren. Viele DPs dieser Variante werden größtenteils ohne Attribute verwendet (des Morgens, des Nachts, dieses Abends, desselben Sommers). Manchmal werden sie jedoch durch relative Adjektive wie ander-, nächst- erweitert.

↓291

Diese Variante kann im Allgemeinen zwei Bedeutungen zum Ausdruck bringen: einmaliger bestimmter Zeitabschnitt oder sich wiederholende Zeitabschnitte (Frequenz).

1. Wenn als Det. dieser oder derselbe gebraucht werden, dann kann die DP nur einen einmaligen und zwar bestimmten Zeitabschnitt ausdrücken:

(2)

↓292

a. Wir reisten noch desselben Abends ab…[Hölderlin: [Gedichte 1784-1800], S. 300. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 43874 (vgl. Hölderlin-KSA Bd. 1, S. 280)]

b. Selben Augenblicks aber ward sie auch den Ritter gewahr und blieb staunend vor dem schönen Jünglinge stehn. [Fouqué: Undine, S. 10. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 18249 (vgl. Fouqué-RE, S. 44)]

2. Wenn der Det. der verwendet wird, dann ergibt sich die Bedeutung der temporalen Genitiv-DPs aus ihrer attributiven Erweiterung oder erst aus dem Kontext:

a) einmaliger bestimmter Zeitabschnitt

↓293

- wenn die DPs durch Adjektive (z.B. nächst-, ander- 72 ), die die Nachzeitigkeit des Zeitabschnittes in Bezug auf den anderen Zeitabschnitt angeben, erweitert werden:

(3)

a. Lucidor, des nächsten Abends (er hatte kaum die Türe angezogen, das Licht noch nicht niedergesetzt), rief aus…[Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre, S. 141. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 25133 (vgl. Goethe-HA Bd. 8, S. 91)]

b. Des nächsten Morgens erwachte ich in einem hitzigen Fieber mit Phantasien und allem Zugehör. [Grillparzer: Selbstbiographie, S. 79. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 33806 (vgl. Grillparzer-SW Bd. 4, S. 65)]

c. Des anderen Morgens sammelte ich mich, um mir bewußt zu werden, was geschehen ist…[Stifter: Der Nachsommer, S. 802. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 89166 (vgl. Stifter-GW Bd. 4, S. 582)]

↓294

- beim Gebrauch von zusätzlichen kontextuellen Mittel: Adverbien wie heute, gestern (4a), Nebensätze mit Konjunktion als (4b)oder Präzisierungen, die Einmaligkeit unterstreichen (4c):

(4)

a. Gestern des Abends kam er zu uns.

b. Als er des Abends allein in seinem Zimmer war…

c. Des Morgens, gleich nach seinem Tode, hatten ihm seine Söhne die Augen geschlossen und das Kinn hochgehoben. (Feuchtwanger. Jefta und seine Tochter)

↓295

Auch die Genitiv-DP des Weiteren kann einen einmaligen Zeitraum zum Ausdruck bringen (vgl. auch Kapitel 2.3.2.2. zum lokalen Genitiv, Variante I). Dabei ist der Zeitraum der lexikalischen Bedeutung dieser DP nach bezüglich seines Endes unbegrenzt:

(5)

a. Des Weiteren werden Spezialitätenwochen veranstaltet, in deren Rahmen Typisches verschiedenster Länder auf den Tisch kommt. (Berliner Morgenpost. Drei neue Adressen für Gourmets. Ausgabe vom 13.01.2004, Ressort Sonderveröffentlichung)

b. Des Weiteren wird die Rücknahme der Risikoabschirmung durch das Land und die Neuverhandlung beziehungsweise Rückabwicklung der Immobilienfonds verlangt. (Berliner Morgenpost. 100 Prominente fordern Konsequenzen aus dem Bankenskandal. Ausgabe vom 24.01.2004, Ressort Stadtmenschen)

↓296

Wie viele erstarrte Redewendungen kann die Konstruktion des Weiteren ihren ursprünglichen Bezug auf die Lokalität bzw. Temporalität verlieren und eine modale Bedeutung außerdem ausdrücken.

b) Frequenz (einfache Wiederholung)

- beim Gebrauch von zusätzlichen kontextuellen Mitteln wie frequentativen Adverbien oft, immer, häufig usw.(6a), iterativen Verben wie pflegen in der Bedeutung etwas gewohnt sein (6b) oder mit Konjunktion wenn eingeleiteten Nebensätzen (6c):

↓297

(6)

a. Während dieser Woche regnete es häufig des Morgens.

b. Sie pflegte des Abends und des Morgens, ehe sie sich zeigte, lange Vorbereitungen zu treffen. (Feuchtwanger. Die Jüdin von Toledo, 163)

c. Des Abends, wenn die Gaststube leer ist, les ich ihm eine Gesangbuchepistel vor, so bin ich großgezogen, so war es bei meinem Vater selig, und so war es auch auf dem Amt. [Fontane: Vor dem Sturm, S. 842. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 12990 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 2, S. 229-230)]

Die DP des Öfteren im Gegensatz zu des Weiteren beinhaltet die frequentative Bedeutung:

↓298

(7)

a. Während ihrer zehnjährigen Ehe war das frühere Traumpaar des Öfteren gemeinsam in Filmen zu sehen gewesen. (Berliner Morgenpost, Ausgabe vom 02.09.2003, Ressort Panorama)

b. Ungewöhnliche Stellenbewerbungen gab es bereits des Öfteren(Berliner Morgenpost. Info: Bewerbungen. [Ausgabe vom 21.01.2004, Ressort Stadtleben)

c. Wie man Brauner kennt, wird er sich als Freund des Hauses Springer des Öfteren in der Passage zum Kaffee verabreden. (Berliner Morgenpost. "Beeindruckt vom Geschaffenen". Ausgabe vom 14.01.2004, Ressort Stadtleben)

Dennoch gibt es Fälle, in denen beide, für die temporalen Genitive mit dem Det. der typischen Bedeutungen (die Bestimmtheit und die Frequenz) durch kontextuelle Mittel ins Gegenteil gekehrt werden:

↓299

(8)

Lieber Sohn, zuweilen haben die Väter groß Unrecht; der Himmel verzeihe meinem Vater, wie er uns einmal des Morgens aufgeschreckt, unter fürchterlichen Schimpfreden und Flüchen, die wir nicht verstanden, aus dem Bette riß und einzeln seinen Leuten übergab. [Arnim: Die Kronenwächter. Zweiter Band, S. 95. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 1509 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 856)]

So bekommt die DP des Morgens in der Kombination mit einmal die Bedeutung eines einmaligen unbestimmten Zeitabschnittes.

↓300

Besonders zu beachten sind in dieser Variante Konstruktionen mit dem Wort Tag, die Folgendes ausdrücken können:

1) die Wendung des Tages ohne Erweiterung bringt die Bedeutung am Tag zum Ausdruck, wobei es je nach dem Kontext sowohl um eine Wiederholung (9a) als auch um Einmaligkeit (9b) handeln kann:

(9)

↓301

a. Man sah sich des Tages weniger, und mit desto mehr Verlangen suchte man sich des Abends auf. [Goethe: Die Wahlverwandschaften, S. 92. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 24666 (vgl. Goethe-HA Bd. 6, S. 296)]

b. Er sah sie gestern des Tages wieder.

2) des Tages kann in bestimmtem Kontext auch in der Bedeutung pro Tag oder täglich auftreten, oft in Verbindung mit Akkusativ-DPs wie zwei /drei /manches /einziges usw. Mal, mehrere /einige usw. Male, Adverbien wie einmal, zweimal usw., die die „X-Maligkeit“ bzw. Vielfachheit bezeichnen, oder mit anderen quantitativen Angaben (z.B. 10f):

(10)

↓302

a. Gewöhnlich befanden wir uns zweimal des Tages auf hohem Wasser und zweimal auf dem Grunde. [Bürger: Münchhausen, S. 133. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 7556 (vgl. Bürger-Münchh., S. 180)]

b. Leontin dagegen durchstrich alle Morgen, wenn er es etwa nicht verschlief, welches gar oft geschah, mit der Flinte auf dem Rücken Felder und Wälder, schwamm einige Male des Tages über die reißendsten Stellen des Flusses, der im Tale vorbeiging, und kannte bereits alle Pfade und Gesichter der Gegend. [Eichendorff: Ahnung und Gegenwart, S. 155. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 10074 (vgl. Eichendorff-W Bd. 2, S. 94)]

c. Wer dies Gebetlein beten kann,
Der bets des Tages nur einmal…[Brentano: Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl, S. 8. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 5563 (vgl. Brentano-W Bd. 2, S. 778)]

d. Unter diesen Dingen ging sie manches Mal des Tages auf den Sandplatz vor dem Hause und betrachtete gleichsam wehmütig die Rosen, die an der Wand des Hauses empor wuchsen. [Stifter: Der Nachsommer, S. 353. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 88717 (vgl. Stifter-GW Bd. 4, S. 257)]

e. Eben so kann das Laster, wo es biegsamen Stoff findet, in einem hohen Grade verzerren, zumal wenn dazu, bei roher Erziehung und gänzlichem Mangel an Kenntnis sittsamer Falten, oder gar an Willen sie anzunehmen, es nicht ein einziges Mal des Tages, in irgend einer Stunde der bezahlten Pflicht, Zeit findet die Risse auszuflicken. [Lichtenberg: Über Physionomik; wider die Physiognomen, S. 70. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 69932 (vgl. Lichtenberg-SuB Bd. 3, S. 294)]

f. Seit zwei Tagen hat der zweite Sohn Arbeit als Handlanger und wird nun zehn Silbergroschen des Tages verdienen. [Arnim: Dies Buch gehört dem König, S. 506. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 3794 (vgl. Arnim-WuB Bd. 3, S. 239)]

3) die Konstruktionen mit einer attributiven Erweiterung (des anderen Tages, des nächsten Tages) oder mit dem Det. derselbe (desselben Tages) drücken 24 Stunden oder die helle Zeit des Tages aus, wobei der Zeitabschnitt bestimmt und genau begrenzt ist:

(11)

↓303

a. Die ganze folgende Nacht dachte ich an diesen Blick, an diesen Tanz, an das abenteuerliche Akkompagnement; und als ich des anderen Tages, wie gewöhnlich, durch die Straßen von London schlenderte, empfand ich den sehnlichsten Wunsch, der hübschen Tänzerin wieder zu begegnen… [Heine: Florentinische Nächte, S. 63. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 39864 (vgl. Heine-WuB Bd. 4, S. 151)]

b. Wie war ich also des nächsten Tages erstaunt, oder vielmehr entsetzt, als ich unter den fünf Besten der Schule zur gemeinschaftlichen Prüfung aufgerufen wurde. [Grillparzer: Selbstbiographie, S. 35. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 33762 (vgl. Grillparzer-SW Bd. 4, S. 39)]

c.Desselben Tages saßen wir mittags bei Tische, und zwar, seinem Wunsche gemäß, in dem Zimmer in dem er lag. [Grillparzer: Selbstbiographie, S. 67. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 33794 (vgl. Grillparzer-SW Bd. 4, S. 57-58)]

d. Damals dachte ich nicht daran, daß ich jetzt noch da sein werde, damals wiesen mich die Leute auf, daß ich fast noch selben Tages fortgelaufen wäre. [Gotthelf: Uli der Pächter, S. 512. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 30297 (vgl. Gotthelf-AW Bd. 2, S. 370)]

Das Hinfügen von mittags (11c)bestätigt, dass mit der Konstruktion desselben Tages nicht die Tageszeit zwischen dem Mittag und dem Abend gemeint wurde.

Wie mehrere Belege zeigen, wird die DP des Tages in Verbindung mit dem Adjektiv ander- im Laufe der Zeit adverbialisiert, wobei verschiedene Stufen zu beobachten sind (des anderen Tag(e)s - anderen Tag(e)s anderntags):

↓304

(12)

Trud und Gerdt sahen dabei einander an, und was in ihren Blicken sich ausgesprochen hatte, das sollte sich anderntags bestätigen. [Fontane: Grete Minde, S. 53. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 13386 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 3, S. 39)]

III Variante73

↓305

Adjektiv + Subst. der Tag im Gen. (Sg.)

nächsten Tages, anderen Tages

Solche Genitive sind kaum verbreitet und stark restringiert. Als substantivischer Kopf tritt das Wort der Tag (24 Stunden) auf und als Erweiterung sind nur Adjektive

↓306

ander-, nächst- möglich:

(13)

a. Den schickte meine Großmutter anderen Tages zu den Eltern Mischkas mit der Botschaft, ihr Sohn sei vom Feldarbeiter zum Gartenarbeiter avanciert und habe morgen den neuen Dienst anzutreten. [Ebner-Eschenbach: Er laßt die Hand küssen, S. 7. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 9112 (vgl. Ebner-GW Bd. 1, S. 233)]

b. Um sie zu beruhigen, versprach ich ihr nächsten Tages den Priester mit dem Allerheiligsten holen zu lassen, indem ich hoffte, daß bis dahin sich ihre Besinnung wieder hergestellt haben werde. [Grillparzer: Selbstbiographie, S. 121. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 33848 (vgl. Grillparzer-SW Bd. 4, S. 90)]

↓307

Bedeutung: diese Redewendungen drücken einen einmaligen bestimmten Zeitabschnitt aus, wobei die Bestimmtheit durch die Adjektive (nächst-, ander- in der Bedeutung nächst- usw.) wiedergegeben wird.

IV Variante

Det. (dies-)+ Subst. der Tag im Gen (Plural)

↓308

dieser Tage

Diese Variante ist durch nur eine erstarrte Redewendung dieser Tage repräsentiert.

Ihre Bedeutung kann den Konstruktionen in den nächsten Tagen oder in den letzten Tagen (kürzlich) ähneln, d.h. diese DP kann sich sowohl auf die Vergangenheit wie auch auf die Zukunft beziehen, was vom Kontext abhängt. Der Zeitraum ist dabei nicht genau begrenzt, weil es nicht klar ist, wie viel Tage gemeint sind.

↓309

Bedeutung: In den nächsten Tagen:

(14)

Übrigens fahre ich dieser Tage von hier weg nach Deutschland. (Seghers, Die Gefährte)

↓310

Bedeutung: In den letzten Tagen

(15)

a. Übrigens hat sie dieser Tage ein Kind bekommen, ich schrieb es dir…(Frisch, Stiller)
b. Wir mußten nämlich dieser Tage lachen, als wir Ihre Worte lasen… [Keller: Der grüne Heinrich [Zweite Fassung], S. 1126. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 59421 (vgl. Keller-SW Bd. 4, S. 758)]

↓311

Variante

Poss. + Subst. die Zeit im Gen. (Sg.)

ihrer Zeit, seiner Zeit

↓312

Diese Variante stellen feste Redewendungen ihrer Zeit und seiner Zeit dar.

Bedeutung: der Zeitraum ist bestimmt aber nicht genau begrenzt, kann sich sowohl auf die Vergangenheit (16a) als auch auf die Zukunft (16b) beziehen:

(16)

↓313

a. …und als sie… von ihrer Arbeit aufsah, sah man, dass es ihrer Zeit eine sehr schöne Frau gewesen sein musste. (Fontane. Unterm Birnbaum, 10)
b. Der Prinz ließ ihnen die Myrtenzweige abnehmen und versprach ihnen seiner Zeit Antwort sagen zu lassen. [Brentano: Italienische Märchen, S. 50. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 6140 (vgl. Brentano-W Bd. 3, S. 325)

Die ungenaue Begrenztheit des Zeitabschnittes ergibt sich aus der lexikalischen Bedeutung des Wortes Zeit.

Im Gegenwartsdeutschen werden diese Konstruktionen entweder durch PPs (zu ihrer Zeit) ersetzt oder adverbialisiert:

↓314

(17)

a. Die haben sie vielleicht ihrerzeit lebendig gebraten, aber haben die zwei nicht noch heute ihre Faust am Kragen hier meines intimen Freundes, Monsieur Leon des Beaux aus Albi? [Raabe: Die Akten des Vogelsangs, S. 121. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 79211 (vgl. Raabe-AW Bd. 6, S. 707)]
b. Es hat seinerzeit nicht an Lobpreisern dieses Romans gefehlt. [Heine: Die romantische Schule, S. 87. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 40061 (vgl. Heine-WuB Bd. 5, S. 63)]

vgl. mit der analogen Redewendung jederzeit:

↓315

c. Ja, Fräulein Heißenstein ist eben jederzeit und immer, man kann nur sagen: großartig! [Ebner-Eschenbach: Bozena, S. 166. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 8413 (vgl. Ebner-GW Bd. 2, S. 165)]

V Variante

Quantor all- + Subst. im Gen. (Plural)

↓316

Aller zwei Minuten

Als Köpfe sind Benennungen von Zeiteinheitenin Plural (die Sekunden, die Minuten, die Stunden, die Tage usw.) möglich, die in Verbindung mit dem Quantor all- auftreten:

(18)

↓317

a. Was schaut die Hilde aller Minuten durchs Fenster? (Schulz, Max Walter. Wir sind nicht Staub im Wind. Mitteldeutscher Verlag 1962:304)

Als Erweiterung kommen auch weitere Quantoren (Grundzahlwörter) in Frage:

b. Der fährt aller vierzehn Tage bis nach Hamburg. (ebenda. S. 462)

↓318

Bedeutung dieser Redewendungen: regelmäßige Wiederholung (Frequenz) in gegebenen Zeitabständen.

Solche Genitiv-Konstruktionen (wie aller vierzehn Tage und ähnliche) sind veraltet und werden im Gegenwartsdeutschen durch DPs im Akkusativ (alle vierzehn Tage) mit derselben Bedeutung verdrängt.

VI Variante

↓319

Subst. im Gen. (Sg.)

Nachts, Abends, Samstags

Diese Variante bilden nicht erweiterte eingliedrige temporale Genitive, für die bis zur Neuregelung der deutschen Rechtsschreibung sowohl Groß- wie Kleinschreibung verwendet werden konnte, z.B. samstags – Samstags, dienstags – Dienstags, Nachts - nachts usw.

↓320

Der Prozess ihrer Adverbialisierung dauert schon seit Jahrhunderten an; die nun geltende Neuregelung zeigt an, dass auch viele adverbiale DPs jetzt endgültig formell als Adverbien erstarrt sind und deswegen kleingeschrieben werden sollten. Sprachhistorisch sind sie allerdings als erstarrte adverbiale Genitive zu betrachten. Diese Konstruktionen können je nach dem Kontext Frequenz oder einmaligen Zeitabschnitt zum Ausdruck bringen. Kontextuelle Mittel sind dabei ähnlich wie in der Variante II dieses Kapitels:

a) Frequenz (Konjunktion wenn, Adverbien immer, oft usw.)

(19)

↓321

…ich fühlte mich umfaßt von der kranken Schwester Therese, die auch nicht schlafen konnte und immer Nachts durch alle Zellen schlich…[Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, S. 271. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 283 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 161)]

b) einmaliger Zeitabschnitt (Konjunktion als, Adverbien wie einmal, gestern usw.)

(20)

↓322

a. Ich bin versichert, er hat gestern Nachts kein Auge zugemacht, er fällt ja ganz ab, der arme Mensch. [Lenz: Der neue Menoza, S. 78. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 64965 (vgl. Lenz-WuS Bd. 2, S. 156)]
b.…schlich sie sich früh Morgens, als sich die jungen Leute noch im Bette erfreuten, auf den Baum… [Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, S. 296. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 308 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 175)]

c. In dieser Nische habe ich einmal Nachts hinter der Statue in der Nische gesessen! [Arnim: Die Majoratsherren, S. 36. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 2112 (vgl. Arnim-RuE Bd. 3, S. 52)]

In 20c bekommt die DP durch das Hinfügen von einmal die Bedeutung der Unbestimmtheit.

Wenn die kontextuellen Mittel (Adverbien usw.) fehlen, sind manche Sätze mit diesen Konstruktionen ambig und es kann nur der Makrokontext helfen:

↓323

(21)

a. Der Fürst schickte Nachts einen sichern Spion herüber… - Frequenz oder einmaliger Zeitabschnitt

b. Der Fürst schickte Nachts einen sichern Spion herüber und der erzählte, die Festung sei ganz leer… [Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, S. 130. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 142 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 80)] - einmaliger Zeitabschnitt74

c. Spät Abends, sehr ermüdet kam er nach der Universität auf sein kaltes Zimmer zurück… - Frequenz oder einmaliger Zeitabschnitt

d. Spät Abends, sehr ermüdet kam er nach der Universität auf sein kaltes Zimmer zurück; die Aufwärterin war nicht zu Hause, er bekam von einem neu angekommenen Studenten Licht und fand alles bei sich, wie er es verlassen, sogar sein Kaffeegerät stand noch, wie er davon zur Reisegesellschaft abgerufen worden; aber in seinem Herzen war es jetzt so warm und draußen so kalt. [Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, S. 67. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 79 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 46)] - einmaliger Zeitabschnitt

Solche Genitive werden des Öfteren sowohl adverbialisiert (22a) als auch durch Akkusative verdrängt (22 b, c):

↓324

(22)

a. Ach ich konnte gestern nachts mir nicht vorstellen, daß du Armer, indem ich neben dir schrieb, schon in den giftigen Erdschatten des Todes rücktest. [Jean Paul: Leben des Quintus Fixlein, S. 267. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 49936 (vgl. Jean Paul-W, 1. Abt. Bd. 4, S. 177)]

b. Ich sah dich gestern Nacht mit deiner ersten Gemahlin, reich geputzt, zu Tische sitzen. [Schiller: Wallenstein, S. 416. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 84258 (vgl. Schiller-SW Bd. 2, S. 531)]

c. Er erlaube mir, ihm zu sagen, daß der Schritt, den er heute Morgen in der Kirche getan, mit so vielem Anstande er ihn auch getan so unvermeidlich er ihn auch tun musste, daß dieser Schritt dennoch nicht in den Tanz gehörte. [Lessing: Emilia Galotti, S. 81. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 66419 (vgl. Lessing-W Bd. 2, S. 176-177)]

2.3.2.2 Lokaler Genitiv

Die Anzahl der lokalen Genitive ist während des Übergangs zum Gegenwartsdeutschen stark zurückgegangen, u.a. in Folge der Adverbialisierung (gerades Weges – geradeswegs, mancher Orts – mancherorts, dieserorts, jederorts usw.). Hier sind nur einige phraseologisierte und erstarrte Redewendungen möglich und es kommt eine restringierte Anzahl der substantivischen Köpfe in Betracht:

↓325

a. Substantive mit räumlicher Semantik:

der Weg, die Strasse, der Pfad, der Ort, die Ecke, das Ende, die Meile

b. einige andere Substantive:

↓326

die Hand und eine substantivierte Komparationsform von weit (des Weiteren)

Es lassen sich dabei drei strukturell-lexikalische Varianten unterscheiden:

I. Variante

↓327

(Det.) + (Poss.) + (Adjektiv) + Subst. im Genitiv

seines /geraden Weges, dieser Orte, dieser Orts, halben Weges

Am häufigsten kommen lokale DPs mit dem nominalen Kopf der Weg vor.Sehr selten werden noch Substantive der Pfad bzw. die Straße in solchen Konstruktionen gebraucht.Als Erweiterung sind Det. (der, dieser usw.) und Possessiva möglich (des /seines Weges kommen). Der Gebrauch eines Adjektivs ist eher eine Ausnahme, z.B. gerade, halb bei dem Wort der Weg (gerades /geraden /halben Weges gehen) oder steil beim Pfad (des steilen Pfades gehen):

↓328

(1)

a. "Hänsel, was stehst du und guckst dich um," sagte der Vater, "geh deiner Wege." (Grimm, Hänsel und Gretel)

b. Wir sind anschließend noch etwas gelaufen, nach dem Umziehen ist jeder seines Weges gegangen. (Berliner Morgenpost. "Der Trainer hat immer Recht" Themenfinder: Sport > Fußball > Hertha BSC > Hertha BSC - Saison 2003 /2004. Ausgabe vom 27.09.2003, Ressort Sport)

c. Halben Wegs zwischen den Dörfern lief ein Grenzgraben, über den eine steinerne Brücke führte. [Fontane: Stine, S. 147. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 14656 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 5, S. 264)]

d. Halben Weges, auf dem wüsten Felde, können Eure verkappten Leute, oder Eure Freunde des Gebirges, die freien Menschen, sie leicht entführen und schnell auf eins Eurer Schlösser, oder zu einem sichern Freunde bringen. [Tieck: Vittoria Accorombona, S. 336. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 97200 (vgl. Tieck-W Bd. 4, S. 723)]

Solche Konstruktionen bezeichnen den Ort oder den passierten Bereich und lassen sich am häufigsten mit den Bewegungsverben kommen, daherkommen, gehen, weitergehen, ziehen, traben, eilen, fahren usw. verbinden.

↓329

Mit lokaler DP des Weges kann auch nach der Richtung der Bewegung, d.h. nach dem Zielpunkt (Endpunkt) und dem Herkunfts- bzw. Ausgangspunkt, gefragt werden:

(2)

Wohin des Weges?
Woher des Weges?

↓330

Des Öfteren treten Abgrenzungsprobleme zwischen den lokalen und anderen (modalen, temporalen) adverbialen Genitiven auf:

(3)

…er verachtet die Wirtschaftshäuser, kommt vom Büro geraden Weges nach Hause (Mann. Buddenbrooks. 430)
vgl. er kommt gleich /sofort nach Hause

↓331

Zu beachten ist, dass das Wort der Weg bei adverbialen Genitiven auch im Plural auftreten kann. Dabei wird die Pluralform öfter bei den Konstruktionen mit Weg verwendet, die im übertragenen Sinne, also als modales Adverbiale auftreten (vgl. Kapitel 2.3.2.3, Variante II).

Als lokales Adverbiale, das einen Ort bezeichnet, kann in bestimmten Kontexten auch die genitivische DP des Weiteren (vgl. Kapitel 2.3.2.1, Variante II) betrachtet werden:

(4)

↓332

Am Anfang des Artikels kommt die Einleitung und des Weiteren der Hauptteil.

Nur adverbialisiert kommen die ehemaligen DPs mit Det. wie dieserorts, jenerorts vor. Andere Wendungen mit dem Substantiv Ort werden in der nächsten Variante beschrieben.

II. Variante

↓333

(Quantor1) + (Quantor2)+ Subst. im Gen.

mancher Orts, aller Orten, aller zwei Meilen, aller Ecken und Enden

Diese Variante ist durch wenige erstarrte Redewendungen, die einen Ort bezeichnen, repräsentiert. Als nominale Köpfe kommen hier die Substantive der Ort, die Ecke, das Ende, die Meile vor:

↓334

(5)

a. Mancher Orts sind die Treppen zu hoch und können nur mühselig... (www.beepworld.de/members80/mb63/soziales.htm, 26.12.2005)

b. Mit fast eintausend Quadratkilometern fühlt man sich mancher Orts wie auf dem Festland. (www.altstadthotel-stralsund.de/content2/mehr,366,0.html, 26.11.2005)

c. Aller Orts gibt es ausgezeichnete Volksmusik zu hören, denn die Kärntner singen einfach gern. (www.hotelsonthegreen.at/de-regionen-kaernten.shtml, 24.11.2005)

Dabei treten die DPs aller Orts, aller Orten und die Wendung aller Ecken und Enden in der Bedeutung überall auf(vgl. Zifonun et. al.1997:1296):

↓335

(6)

a. Aller Orten, wo Hugh in den Niederlanden turnierte, gewann er Preise… [Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, S. 32. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 44 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 27)]

b. Jetzt lauert er mir aller Orten auf, so daß mich seine törichte Leidenschaft oft zu Hause hält; denn er soll kühn sein und es gibt hier wenig öffentliche Sicherheit. [Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, S. 284. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 296 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 168-169)]

c. »Er hat mir was abgenommen, meine Ruhe; aller Orten suche ich ihn und singe: Wo suchen dich Herzliebster meine Gedanken? [Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, S. 338. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 350 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 198)]

d. Aller Orts und auf allen Ebenen der »öffentlichen Verwaltung« wird heftig das Für und Wider zum Einsatz von Freier Software diskutiert. (www2.uibk.ac.at /wuv /programm/sose03/2003-10-05_ifit_workshops.html, 25.11.2005)

Die Redewendung aller …Meilen kann in Kombination mit einem weiteren Quantor (Grundzahlwort) eine räumliche Wiederholung in bestimmten Intervallen ausdrücken75:

↓336

(7)

Wenn alle Diebe gehangen würden, die Galgen müßten dichter stehn. Man sieht ja kaum aller zwei Meilen einen; und wo auch einer steht, steht er meist leer. [Lessing: Die Juden, S. 3. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 65922 (vgl. Lessing-W Bd. 1, S. 377)]

Wie ähnliche temporale Konstruktion (aller …Tage, aller…Minuten) istdie DP aller …Meilen veraltet und wird im Gegenwartsdeutschen durch Akkusative (alle…Meilen) mit derselben Bedeutung verdrängt.

↓337

III. Variante

Adjektiv + Subst. die Hand im Gen. Sg.

linker /rechter Hand

↓338

Zu den lokalen Genitiven, die einen Ort (8a, 8b) oder Richtung (8c) bezeichnen, sind erstarrte Konstruktionen linker /rechter Hand zu zählen, die bis heute eine getrennte Schreibung beibehalten und trotzdem öfter als Adverbien wahrgenommen werden. Als Kopf ist dabei nur das Substantiv die Hand im Singular und als Erweiterung sind nur Adjektive linker und rechter möglich:

(8)

a. Man hat einen vortrefflichen Anblick: unten das Dorf, ein wenig rechter Hand die Kirche, über deren Turmspitze man fast hinwegsieht, gegenüber das Schloß und die Gärten… [Goethe: Die Wahlverwandschaften, S. 2. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 24576 (vgl. Goethe-HA Bd. 6, S. 242)]

b. In diesen Gedanken Vorwärts gehend erblickte ich, linker Hand, in der Mauer ein Pförtchen, das ich mich nicht erinnerte je gesehen zu haben. [Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, S. 78. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 26782 (vgl. Goethe-HA Bd. 9, S. 53)]

c. Hier am Teich weg und linker Hand in den Wald, so kommen wir ihnen in Rücken. [Goethe: Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand, S. 99. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 21506 (vgl. Goethe-HA Bd. 4, S. 130)

↓339

Wie man sieht, werden solche DPs manchmal mit Kommata abgesondert und dienen einer genauen Lokalisierung (8c).

2.3.2.3 Modaler Genitiv

In diesem Abschnitt werden nicht nur alle möglichen substantivischen Köpfe, sondern auch mögliche Erweiterungen der modalen Genitive (Attribute, Partizipien usw.) ausführlich beschrieben.

Nach Hentschel /Weydt ist die Zahl der Substantive, die bei den modalen Genitiven in Frage kommen, relativ begrenzt:

↓340

Bei modalen Genitiven sind Blick, Erachten, Gewissen, Haupt, Schritt, Sinn, evtl. sind auch einige weiter wie z.B. Kopf möglich… Attribute sind nur bei Schritt bis zu einem gewissen Grade frei (vgl. eiligen /hastigen /langsamen /schleppenden, unsicheren ... Schrittes); in den anderen Fällen stehen jeweils nur einige wenige (gesenkten /erhobenen Hauptes, gesenkten /niedergeschlagenen Blickes, heiteren /finsteren Sinnes…) zur Auswahl, und bei Erachten76 schließlich kann nur ein Possessivum stehen (meines /deines usw. Erachtens). (Hentschel /Weydt, 1994:348)

Während meiner Untersuchung wurde eine größere Anzahl substantivischer Köpfe herausgefunden, die sich in semantischer Hinsicht grob in folgende Gruppen unterteilen lässt77:

↓341

Substantive, die Körperteile oder Sinnesorgane bezeichnen:

der Kopf, das Haupt, die Hand, die Arm, der Fuß, das Gesicht, das Angesicht, der Mund, das Herz, das Auge, das Ohr, das Haar usw.

Bezeichnungen der Handlungen, die mit den entsprechenden Substantiven aus der ersten Gruppe korrespondieren:

↓342

der Blick, der Atem, die Stimme, der Ton, der Gang, der Schritt, der Lauf, das Steigen usw.

Bezeichnungen von geistigen Zuständen und Eigenschaften, die nur für ein Lebewesen typisch sind:

der Sinn, der Geist, der Mut, das Gewissen, das Gemüt

↓343

Alle diese Bezeichnungen befinden sich ihrerseits im semantischen Zusammenhang mit einigen Substantiven aus der ersten Gruppe: der Kopf, das Haupt und das Herz. Das hat mit der semantischen Mehrdeutigkeit der Substantive zu tun.Denn einerseits können sie als Bezeichnungen für Körperteile dienen, andererseits aber können sie auch den Sitz von geistigen Zuständen und Emotionen bezeichnen.

andere Substantive, für die keine allgemeine Bedeutung zu finden ist:

das Feuer (in Bezug auf Emotionen), das Ding, die Sache, der Kauf, der Weg, das Ende, das Teil und substantivierte (Komparativ)-Formen von nah, weit, lang, breit (des Näheren, des Weiteren;des Langen und des Breiten)

↓344

Bei den modalen Genitiven gibt es drei strukturelle Varianten, innerhalb welcher noch einige Bedeutungsuntertypen zu unterscheiden sind:

I. Variante:

Adjek /Part. I /II + Subst. im Gen. Sg. /Pl.

↓345

gesenkten Kopfes, langsamen und gemessenen Schrittes, leichten Kaufs, schweren Herzens

Diese Konstruktionen treten ohne einen Det. (Possessiva usw.), aber in Verbindung mit einem vorangestellten Attribut bzw. Partizip auf.

Sie können u.a. die Art und Weise einer Handlung im engeren Sinne ausdrücken:

↓346

(1)

a. Sie gehen gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen kein Weltkind anzuschauen. [Hauff: Mitteilungen aus den Memoiren des Satan, S. 315. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 34939 (vgl. Hauff-SW Bd. 1, S. 527)]

b. Kurth eilte schnellen Schrittes durch die Lobby. (Berliner Morgenpost. Schaulaufen der CDU-Gegenspieler. Ausgabe vom 09.05.2003, Ressort Berlin)

c. Die Menschen liefen auf das wilde Geschrei zusammen; unter ihnen ragte riesengroß der Advokat Coppelius hervor, der eben in die Stadt gekommen und gerades Weges nach dem Markt geschritten war. [Hoffmann: Nachtstücke, S. 60. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 46697 (vgl. Hoffmann-PW Bd. 2, S. 411)]

c. Reuss stützt wildes Laufes von den Bergen. (Beispiel aus Erdmann 1898:206)

d. Als wir mühsamen Steigens die Höhle erreichten. (Beispiel aus Erdmann 1898:206)

Es gibt auch modale Adverbialien, die den emotionalen, seelischen oder situationsbezogenen Zustand einer Person wiedergeben. Als nominaler Kopf solcher Phrasen dienen Wörter wie Mut, Gewissen, Sinn, Herz, Glauben usw. immer in Verbindung mit einem Attribut (frohen Mutes weggehen, ruhigen Gewissens schlafen usw.):

↓347

(2)

a. Ich setzte traurigen Herzens meinen Weg fort. [Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte, S. 89. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 7708 (vgl. Chamisso-SW Bd. 1, S. 59)]

b. Wir werden schweren Herzens nach einem Nachfolger suchen müssen. (Berliner. Morgenpost. Aids-Gala im zehnten Jahr hochaktuell. Ausgabe vom 29.10.2003, Ressort Sonderveröffentlichung)

c. Friedrich raffte sich auf und wanderte ganz verwirrten Sinnes weiter. [Hoffmann: [Aus:] Die Serapionsbrüder, S. 319. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 47459 (vgl. Hoffmann-PW Bd. 3, S. 550)]

d. Außerdem kühlt es das Gemüt, das Boot wieder klar zu machen, leer zu schöpfen und schließlich frohen Mutes weiter zu segeln. (Berliner Morgenpost. Ahoi und Glückwunsch, Wannseekids 2002. Ausgabe vom 21.09.2002, Ressort Wassersport Freizeit)

e. Guten Gewissens und ungeteilt schreiten wir fort. [Keller: Die Leute von Seldwyla, S. 889. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 60455 (vgl. Keller-SW Bd. 6, S. 610)]

f. So streckte ich unruhigen Gemütes meine fröstelnden und müden Glieder aufs Lage. [Raabe: Die Gänse von Bützow, S. 96. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 79628 (vgl. Raabe-AW Bd. 1, S. 627)]

Diese genitivischen Konstruktionen weisen eine große Ähnlichkeit mit den prädikativen Attributen auf, da sie subjekt- bzw. objektbezogen sind und keine Handlung bzw. keinen Prozess näher bestimmen, wie es bei den Adverbialien der Art und Weise der Fall ist.

↓348

Auch die DP guter Dinge 78 kann zu diesem Bedeutungsuntertyp gezählt werden:

(3)

a. Aber ich entriß mich der Schlinge,
Sang fröhlich und guter Dinge. [Arnim: Die Kronenwächter. Zweiter Band, S. 166. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 1580 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 897)]

b. Ich lebe lustig, heiter, guter Dinge. [Goethe: Faust. Eine Tragödie, S. 292. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 22894 (vgl. Goethe-HA Bd. 3, S. 189)]

c. Froh und guter Dinge langte ich an, aber ein eiskalter Blick Barbaras warf mich sogleich in meine frühere Zaghaftigkeit zurück. [Grillparzer: Der arme Spielmann, S. 50. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 33631 (vgl. Grillparzer-SW Bd. 3, S. 174)]

↓349

Einige modale DPs aus dieser Variante drücken den Zusammenhang zwischen dem inneren und dem äußerlichen Zustand eines Menschen aus:

(4)

a. Wilhelm wankt nasses Auges an das offne Grab. (Beispiel aus Erdmann 1898:206)

b. Irren, traurigen Tritts wanken wir unsern Weg. (Beispiel aus Erdmann 1898:206)

c. Getrost, zufriednen Angesichts;
Dann ging er weg und kaufte nichts. [Goethe: Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827), S. 577. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 19825 (vgl. Goethe-BA Bd. 1, S. 418)]

d. »Du gehst so freien Angesichts,
Mit muntern, offnen Augen!« [Goethe: Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827), S. 907. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 20155 (vgl. Goethe-BA Bd. 1, S. 678)]

e. Starren Blickes und wortlos passierten Rainer Schüttler und Patrik Kühnen gestern Mittag den am Court wartenden Fernsehmann. (Berliner Morgenpost. Tschüss allerseits. Ausgabe vom 22.09.2003, Ressort Sport)

↓350

Nur einzelne modale DPs drücken einen Grad (größten Teils) bzw. eine Intensität (in Bezug auf Emotionen) aus. Dabei kommen die Ausdrücke heißeres Feuers lieben und volles Herzens danken in Frage:

(5)

a. Die letzten 99km nach Hamburg werden größten Teils parallel zur Autobahn A24 ausgeführt. (http://home.fhtw-berlin.de/~s0269952/1/web3.html - 18k, gesehen am 23.12.2005)

b. Ach, heißres Feuers, liebt ich ein sterblich Weib
Als meinen Mittler, der mich entsündigte,
Vergaß des Himmels und der Hölle,
Träumte mir irdische Seligkeiten.
(An Gott, Ludwig Heinrich Christoph Hölty, 1748-1776)79

c. Nicht eine Gunst, für die
Ichs vorschnell nahm, und dir schon volles Herzens
Zu danken kam - Nein, so wars nicht gemeint,
Daß mein Geschäft mein schönstes Glück sein sollte! [Schiller: Wallenstein, S. 110. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 83952 (vgl. Schiller-SW Bd. 2, S. 340)]

↓351

Die in ihrer Form erstarrten DPs mit den nominalen Köpfen das Ding, die Sache und der Kauf sind ebenso zu den modalen Adverbialien zu zählen:

leichten Kauf(e)s davonkommen - ohne viel Schaden zu erleiden, ohne Strafe (vgl. Wahrig 2001:525)

unverrichteter Dinge - ohne etwas erreicht zu haben (vgl. Wahrig 2001:234)

↓352

Bei diesen DPs ist die Auswahl der Erweiterungen (unverrichtet, leicht) äußerst stark restringiert:

(6)

a. Der Mann zog unverrichteter Dinge ab. (Berliner Morgenpost. Nachrichten Ausgabe vom 14.09.2004, Ressort Brandenburg)

b. 'Nein Herr, so geb ich mich noch nicht', und er mußte unverrichteter Sache abziehen, ohne daß er mich zum Tode vorbereiten konnte. [Arnim: Die Kronenwächter. Zweiter Band, S. 273. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 1687 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 959)]

c. »Nein, Pastor Schleppegrell, so leichten Kaufs kommen Sie nicht los… [Fontane: Unwiederbringlich, S. 271. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 14934 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 6, S. 176)]

d. Im Klartext: Keine Kundin und kein Kunde sollen unverrichteter Dinge aus dem Geschäft gehen. (M89 /906.21719: Mannheimer Morgen, 20.06.1989, Lokales; Modisch chic bei bester Sicht)

↓353

Auch die Redewendungen wie letzten Endes und kurzer Hand (vgl. kurzerhand = schnell, eilig) gehören hierher:

(7)

a. Letzten Endes meine ich doch Erinnerungen 1933-1999
(http: //www.perlentaucher.de /buch /618.htm, gesehen am 20.11.2005)

↓354


b. Der späte Nachmittag wurde kurzer Hand für einen Einkaufsbummel durch die Stadt genutzt und es fanden sich einige brauchbare Souvenirs. (www.oszbueroverw.de/praktikum_rovaniemi1.htm - 44k, gesehen am 20.11.2005)

Erweiterungsmöglichkeiten der modalen Genitiven aus der Variante I:

Als Erweiterung treten in dieser Variante in erster Linie verschiedene Adjektive auf:

↓355

schnellen Schrittes gehen, trockenen Tones sprechen, heiteren /finsteren Sinnes weggehen, reinen /guten /schlechten Gewissens kommen, frohen /guten Mutes gehen usw.

Bei den modalen Genitiven können auch Partizipien, die einerseits Merkmale des Verbs, andererseits aber auch nominale Merkmale aufweisen, verwendet werden:

Partizip I: schlendernden Schrittes gehen; sehenden Auges, triumphierenden Auges sehen, glühenden Herzens sprechen

↓356

Partizip II: abgewandten Blicks fragen, gepressten Atems und gepresster Stimme sprechen, beklommenen Herzens fragen

Die modalen Genitiv-DPs aus der Variante I werden außerdem folgenderweise erweitert:

1. Ein neues Adjektiv (Part.) wird mittels einer Konjunktion (meistens und) in die Konstruktion hinein geflochten:

↓357

(8)

sie schaute bösen und verlangenden Blickes

2. Ein Adverb meist mit der Funktion einer Adverbialbestimmung wird hinzugefügt:

↓358

(9)

etwas schweren Herzens gehen
leicht offenen Mundes sitzen

3. In eine erweiterte Konstruktion, wie beispielsweise Adjek1+und+Adjek2+Subst. im Gen (siehe Punkt a), können in seltenen Fällen womöglich ganze Nebensätze zwischen zwei Adjektiven (Part.) eingesetzt werden:

↓359

(10)

Er ging plötzlich schnellen und, wie dem Buchhalter kurz darauf klar wurde, beinahe sicheren Schrittes davon. (Beispiel aus Rajevskij 1961:162)

Dabei wird viel häufiger von den ersten zwei Möglichkeiten Gebrauch gemacht.

↓360

Schon bei einer oberflächlichen Beobachtung fällt auf, dass bei den modalen Genitiven aus der Variante I größtenteils Substantive mit dem Bezug auf Lebewesen (Herz, Schritt, Kopf) auftreten. Die Ausnahme stellen die DPs mit den nominalen Köpfen Feuer, Ding, Sache usw.dar.

II. Variante:

(Det. der, das) / (Poss.) + Subst. im Gen. Sg.

↓361

des Näheren, des Weiteren, seiner Wege, des Langen und des Breiten

Als Erweiterungen sind Det. das bzw. der und bei dem Substantiv der Weg auch noch Possessiva möglich:

(11)

↓362

a.Der Raum dieses Büchleins, das schon viel größer geworden ist, als es im Sinne hatte, erlaubt es nicht, diese merkwürdige Badefahrt des Näheren zu beschreiben…[Gotthelf: Wie Uli der Knecht glücklich wird, S. 392. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 29597 (vgl. Gotthelf-AW Bd. 1, S. 281)]

b.Nun ist der Freund seiner Wege gegangen; seit einem Jahre sieht er sie nicht mehr. Sie ist darüber außer sich und untröstlich. [Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, S. 409. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 23980 (vgl. Goethe-HA Bd. 7, S. 248-249)]

c. Jeder konnte seiner Wege gehen und tun und lassen, was er wollte. (E. Panitz)

Wie früher erwähnt, treten Innerhalb der Adverbialklassen oft Abgrenzungsprobleme auf. So ist in einigen Fällen nicht leicht zu erkennen, ob es sich um eine lokale oder modale DP handelt:

(12)

↓363

Ein Wolf kam des Weges

So kann der adverbiale Genitiv des Weges in 11 das, dass die Erscheinung eines Wolfes unerwartet war ausdrücken.Wenn man das so nimmt, kann man diese DP zu den modalen Adverbialien zählen. Des Weges lässt sich aber auch als eine Trasse (also lokal) interpretieren.

III. Variante:

↓364

Quantor (Kein, jeder) + Subst. im Gen. Sg.

keines Weges, jeden Falls

Diese Variante bilden zwei DPs: keines Weges in der Bedeutung unmöglich, nicht und jeden Falls in der Bedeutung grundsätzlich, allerdings. Diese Konstruktionen bestehen aus einem Quantor (kein oder jeder) in Verbindung mit dem jeweiligen Substantiv im Genitiv (Singular):

↓365

(13)

a. Ich habe es ein freimütiges, ernsthaftes, gründliches, bündiges, gelehrtes Werk genannt: lauter Eigenschaften, aus welchen die Wahrheit der darin abgehandelten Materie noch keines Weges folget… [Lessing: Anti-Goeze, S. 82. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 68905 (vgl. Lessing-W Bd. 8, S. 291-292)]

b. Jeden Falls steckt der Teufel in ihr und habe ich ein schlimmes Stück Arbeit übernommen. «[Keller: Der grüne Heinrich [Erste Fassung], S. 128. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 57100 (vgl. Keller-SW Bd. 3, S. 90)]

Diese beiden DPs sind im Laufe der Sprachgeschichte adverbialisiert worden:

↓366

keines Weges – keinesweges - keineswegs; jeden Falls - jedenfalls

(14)

a. Noch andere behaupteten, es sei keinesweges ausgemacht, daß geistige Naturen nicht sollten auf Elemente und Körper wirken können, und man müsse nicht jede wunderbare Begebenheit ausschließlich entweder für Lüge oder Trug erklären. [Goethe: Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, S. 37. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 23420 (vgl. Goethe-BA Bd. 12, S. 304)]

b. »Mit einem so guten Freund hab ich es keineswegs nötig gehabt.« [Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte, S. 86. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 7705 (vgl. Chamisso-SW Bd. 1, S. 57)]

c. Er sprach sehr nüchtern von den Bauern von Krodebeck und gab sich darüber keinen Täuschungen hin; allein er sprach jeden falls wie ein guter Mann, der ein unter seinen Augen begangenes Unrecht, welches er nicht verhindern konnte, nach Kräften auszugleichen bestrebt ist. [Raabe: Der Schüdderump, S. 73. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 77575 (vgl. Raabe-AW Bd. 4, S. 419)]

d. Jedenfalls aber ist dabei mit dem bloßen Gegensatze wenig geholfen…[Eichendorff: Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands, S. 165. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 11491 (vgl. Eichendorff-W Bd. 3, S. 619)]

↓367

Auch keinesfalls (=nie, ausgeschlossen), einerseits, andererseits stellen offenbar adverbialisierte DPs dar:

(15)

Aber keinesfalls dürfen Sie mich begleiten. [Kafka: Amerika, S. 114. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 55256 (vgl. Kafka-GW Bd. 6, S. 97)]

↓368

Zur Besetzung und zum Gebrauch modaler Genitive

Nach der Analyse zahlreicher Belege mit modalen Genitiven stellt man fest, dass die Anzahl möglicher substantivischer Köpfe bei diesen Konstruktionen gar nicht so gering ist, wie es anfangs schien (vgl. Hentschel /Weydt 1994:348).

Es ist möglich eine Liste nicht nur mit den nominalen Köpfen der modalen DPs sondern auch mit den Adjektiven (bzw. Partizipien) und mit den Verben, mit denen sie gebraucht werden, zu erstellen:

↓369

I. die Substantive, die Körperteile oder Sinnesorgane bezeichnen:
der Kopf
gesenkten (gehobenen) Kopfes kommen, wackelnden Kopfes weitergehen
das Haupt
gesenkten (gehobenen) Hauptes kommen, entblößten Hauptes stehen,
verworrenen Hauptes hereinstürzen, nickenden Hauptes schreiten
weichgesenkten (gebückten, emporgehobenen, gebeugten, vorwärtsgebeugten, niedergesunkenen) Hauptes stehen,
etw. aufrechten Hauptes betrachten, sich irgendwohin hocherhobenen Hauptes begeben,
die Hand
linker(rechter) Hand liegen, sehen, stehen, sich befindender Arm
sich hinsinkendes Arms mühen, etw. gestärkten Arms hochheben
der Fuß
trockenen( eilenden, scheuen, leisen) Fußes gehen, beflügelten Fußes eilen,
etw. stehendes Fußes machen, j-n festen Fußes erwarten,
leichten
Fußes springen, schnellen Fußes eilen, wehen Fußes humpeln
das Gesicht
ruhigen (heiteren) Gesichts treten, befriedigten Gesichts zurückkehren,
bleichen (entstellten
) Gesichts herein treten,zornglühenden (flammenden, verweinten, tiefernsten, verschlossenen) Gesichts kommen,
sanften (unbewegten, ernsten, roten) Gesichts zusehen,
der Mund
trockenen, offenen, atemreines Mundes
das Herz
schweren, schwereren, leichten, beklommenen, freudigen, klopfenden, traurigen, hochklopfenden, pochenden, bewegten, gehobenen, bekümmerten, ruhigen, kalten, ehrlichen, zerrissenen, feinsehligen, trägen Herzens warten (sitzen, kommen, weggehen usw.)
das Auge
sehenden Auges blind bleiben, trockenen Auges bleiben, nassen Auges hören, betrübten Auges stehen,
aufmerksamen
Auges verfolgen, gierigen Auges blicken, matt und halbgeschlossenen Auges liegen, leuchtenden Auges entgegnen,
starren (gespannten, hellen, halb zugekniffenen, triumphierenden) Auges sehen,
träumenden Auges (offnen) Auges schauen, glänzenden Auges sitzen, dämmernden Auges denken,
unverwandten Auges anstarren, schlafgeschloßnen Auges hereinschweben, müden Auges durchfliegen,
toten
Auges ansehen, leuchtenden Auges blicken, angestrengten Auges hineinsehen, das Ohr
halben Ohres hören,
gelehriges Ohres etw. vernehmen,
das Haar
schütteren Haares, zerzausten Haares

II. die Bezeichnungen der Handlungen, die mit den entsprechenden Substantiven aus der ersten Gruppe korrespondieren:
der Blick
gesenkten (niedergeschlagenen, abgewandten, heiteren) Blickes fragen,
bösen und veranlangenden Blickes schauen,
zweifelnden (gespannten, freundlichen, gleichgültigen, ernsten, starren, tränenströmenden, kummervollen, kalten) Blickes schauen, neugierigen Blickes betrachten, demütigen Blickes stehen, unverwandten Blickes herüberschauen, scharfen Blickes verfolgen, verstohlenen Blickes forschen,
der Atem
gepressten Atems sprechen,
lebendigen
Atems zeichnen
gepresster Stimme sprechen

der Ton
trockenen (erregten, bitteren, raueren, didaktisch-pathetischen) Tones sprechen,
sich spröden hellen Tones an j-n anwenden, dumpfen (gereizten) Tones sagen(fragen),
bewegten (schmelzenden, gedämpften) Tones antworten, leuchtenden Tones vorführen
der Gang
leichten (schwerfälligen, gebückten, aufrechten) Ganges kommen,
schnellen Ganges schreiten
der Schritt
schnellen (eiligen, langsamen, hastigen, schlendernden, schleppenden, sicheren, unsicheren, gemessenen, eilenden, wiegenden, flotten, beschwingten...) Schrittes gehen
der Tritt
frohen (ungewissen, schallenden, leisen, weichen, schleichenden) Trittes gehen,
raschen Trittes hinaufsteigen
der Lauf
leichten (geflügelten) Laufes eilen, gestreckten Laufes durchmessen,
eilenden Laufes vorüberfliehen

↓370

III. die Bezeichnungen von geistigen Zuständen und Eigenschaften, die nur für ein Lebewesen typisch sind:
der Sinn
heiteren (finsteren, zerstreuten, verwirrten, frommen) Sinnes kommen,
dumpfen Sinnes liegen, bewegten (verständigen) Sinnes eilen,
leichten Sinnes scheinen, bescheidenen Sinnes geben,
der Mut
frohen (guten, fröhlichen, getrosten, stolzen, hohen, frischen, heiteren) Mutes kommen,
trüben Mutes ahnen, gehobenen Mutes gedenken,
sich an etw. ungebrochenen Mutes begeben, wachenden Mutes etw. ansehen,
etw. freien Mutes eröffnen, kühnen Mutes entgegenschlagen,
festen Mutes schlafen, feurigen Mutes rufen, j-n blühenden (freudigen) Mutes grüßen, gefassten Mutes an etw. ziehen,
erleichterten Mutes verlassen,das Gewissen
reinen /guten /schlechten Gewissens kommen (weggehen)
das Gemüt
leichten (unbewegten, unruhigen, fröhlichen) Gemütes gehen,
ganz zu sich allein zurückkehrenden Gemütes reden, andächtigen Gemütes wanden, etw. verschämten Gemütes verbergen,

IV. andere Substantive, für die keine allgemeine Bedeutung zu finden ist:
das Feuer
heißen Feuers lieben
das Ding
unverrichteter Dinge weggehen (sich zurückkehren, umkehren)
guter Dinge bleiben, singen,
die Sache
unverrichteter Sache weggehen, abziehen, hereinkommen
der Kauf
leichten Kaufs (davonkommen),
der Weg
des (seines) Weges gehen, kommen
keines Weges
das Nähere,
des Näheren betrachten, anschauen
das Weitere
des Weiteren folgen, kommen (vt)
der Fall
jeden Fallsusw.

Die modalen Genitive treten meistens mit folgenden Verben auf:
Bewegungsverben (gehen, laufen)
Verben der visuellen oder akustischen Wahrnehmung (sehen, hören)
Verben des Sprechens (sagen, antworten, erwidern, murmeln) und
Zustandsverben (stehen)Öfters treten modale Genitive mit den Tätigkeits- oder Handlungsverben (Termin von Brinkmann 1962) auf. Es kann sich dabei sowohl um einfache Verben (machen, nehmen, schenken) wie auch um finite Verben mit Präfixen (begleiten, berichten, erreichen) handeln. Auch Reflexive Verben (sich fühlen, sich werfen) lassen sich mit modalen Genitiven verbinden.

↓371

Es ist außerdem wichtig die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Verben und den modalen Genitiven zu betrachten. Man kann im Allgemeinen sagen, dass die modalen DPs von der Valenz des Verbs unabhängig und im Satz frei hinzu fügbar sind. Jedoch sind sowohl die nominalen Komponenten der modalen Genitive als auch die Verben, mit denen sie sich verbinden lassen, in ihrem Gebrauch lexikalisch begrenzt.

2.3.2.4 Einstellungsoperatoren

2.3.2.4.1  Satzadverbialien als Einstellungsoperatoren

Satzadverbialen modifizieren (im Unterschied zu Modaladverbien) den Gesamtsatz (Skopus), sie sind satzwertig, d.h. sie sind (im logischen Sinne) Sätze über Sätze. (Bußmann, 2002:579)

↓372

Die Frage nach dem syntaktischen Status und nach der Benennung solcher Konstruktionen wie vielleicht, möglicherweise usw. bleibt umstritten, da oft morphologische und syntaktische Kriterien vermischt bzw. gleichgesetzt werden. Das ist schon alleine aus allen möglichen Termini, durch welche solche Konstruktionen bezeichnet werden, ersichtlich: Satzadverbien, Satzadverbiale, Modaladverbiale, Modalwort, Modalglied, Satzmodale, Kommentaradverbien, Satz-Modifikatoren usw.

Von Heidolph et. al. (1981:374) werden die „Modalwörter (=Satzadverbien)“ zu den Adv III gezählt, die valenzunabhängig sind.

Helbig /Helbig (1990) teilen die Meinung, dass sich die Satzadverbiale mit ihrem pragmatischen Status als Kommentar, ihrer Nicht-Negierbarkeit und Nicht-Erfragbarkeit den anderen Kommentarformen (Parenthesen, Schaltsätzen) ähneln.80

↓373

In der DUDEN-Grammatik (1998:371) werden Adverbien wie bedauerlicherweise als Kommentaradverbien (Adverbien der Stellungsnahme und Bewertung) bezeichnet: “Den Kommentaradverbien kommt in der Klasse der Adverbien eine Sonderstellung zu“. Sie treten ohne Bindung zu anderen Wörtern im Satz auf und stehen außerhalb des Satzverbandes. Sie können u.a. nicht als andere Adverbien erfragt oder verneint werden. Dabei kann der Sprecher /Schreiber laut der DUDEN-Grammatik (1998:371)mit den Kommentaradverbien den Grad der Gewissheit über die Geltung einer Aussage ausdrücken, seine gefühlsmäßige Einstellung (Bedauern, Freude, Hoffnung o.Ä.) zu einer Aussage bekunden oder zu einer Aussage, zu einem Sachverhalt Stellung nehmen.

Admoni (1972:204) führt mehrere Argumente dafür an, dass die „Modalwörter“ von der Klasse der Adverbien abgegrenzt werden müssen: Modalwörter bezeichnen nicht das Merkmal eines Vorgangs, sondern die Einschätzung des Inhalts einer syntaktischen Beziehung von Seiten des Sprechenden; sie schätzen auch modal den Inhalt einer syntaktischen Beziehung - und nicht nur der prädikativen Beziehung ein; ein Modalwort genügt, um eine Antwort auf eine Entscheidungsfrage zu formen (Kommst du mit? - Vielleicht.), dagegen können die Adverbien die Bestimmungsfragen beantworten: Wie singt Klara? – Schön. Seiner Meinung nach, bilden die Modalwörter im deutschen Wortbau einen besonderen und eigenartigen Redeteil.

Nach Hetland (1989) werden die Satzadverbien als Subkategorie der Adverbien betrachtet, die zusammen mit Subklassen anderer Kategorien (APs, PPs, DPs, CPs) eine Gruppe bilden und die schon im Lexikon durch das Merkmal (+SADV) gekennzeichnet sind.

↓374

Pittner (1999:108-121) fasst in ihrer Arbeit mehrere Aufsätze über die Satz- und Modaladverbialien zusammen, hält aber die Einführung einer eigenen Wortklasse für Satzadverbien (Modalwort) nicht für nötig, da Satzadverbien mit den Adverbien entscheidende Eigenschaften wie Unflektierbarkeit und Vorfeldfähigkeit teilen. Die Satzadverbialien beziehen sich auf den ganzen Satz genauso wie die temporalen und lokalen Adverbialien. Der Unterschied liegt darin, dass Satzadverbialien eine Sprechereinstellung zur Proposition des Satzes ausdrücken und Temporal- und Lokaladverbialien mit Satzbezug eine lokale oder temporale Einschränkung der Gültigkeit der Proposition darstellen; sie können nicht im Skopus der Satznegation stehen, sind nicht durch Proform ersetzbar und können nicht als Antwort auf eine Entscheidungsfrage stehen (vgl. Pittner 1999:108).

Nach Lang (1979:201) fallen die Satzadverbiale (Sadv) aus allen traditionellen Satzgliedbestimmungen heraus. Sie sind keine eigenständigen Satzglieder wie etwa Lokal-, Temporal- oder Modaladverbiale, was sich u.a. darin zeigt, dass Sadv weder erfragt noch durch Pro-Formen ersetzt werden können. Sadv sind laut Lang auch nicht Teile von Satzgliedern wie etwa adjektivische oder präpositionale Attribute; das zeigt sich in ihren völlig andersartigen Distributions- und Permutationseigenschaften. Und erst recht sind Sadv nicht Glieder, die andere Satzglieder erhalten. In seinem Artikel beschreibt Lang den syntaktischen Status der Sadv im Rahmen der Kategorialgrammatik (als Satzoperatoren eines bestimmten Typs), diskutiert dabei auch die Frage, was die Bezugskomponente eines Sadv. sein kann. Lang (1979) beschreibt Satzadverbiale als Einstellungsoperatoren, die Propositionen in einstellungsbewertete Äußerungen überführen. Das Satzadverbial ist nach Lang nicht Teil der propositionalen Bedeutung. Das Satzadverbial gehört nicht zur Welt, über die gesprochen wird, sondern es bezeichnet eine Einstellung81, mit der über die Welt gesprochen wird, so Pittner (1999).

In den kognitiven Einstellungen spiegeln sich folglich die Beziehungen des Menschen zu den für ihn wesentlichen Objekten der Realität wider. Dank den geeigneten sprachlichen Mitteln finden Einstellungen ihren Ausdruck im Prozess der Kommunikation. Jeder sprachlichen Äußerung (z.B. Fragesatz, Aufforderungssatz, Aussagesatz) liegen also bestimmte Sprechereinstellungen zugrunde (vgl. Döpke 1984:3).

↓375

Nach Döpke (1984:112, Anmerkung 7) werden Satzadverbien häufig unter dem Terminus „Modalwort“ geführt (vgl. Admoni 1960). Während die Verwendung des Begriffs Modalwort auf die Zugehörigkeit der Kategorie der Modalität hinweist - einer Kategorie, die wie Beer (1980:188ff.) ausführlich darstellt, bisher keine einheitliche Behandlung innerhalb der Grammatiktheorie erfahren hat - wird mit dem Terminus Satzadverb der propositionale Bezug, die Satzorientiertheit dieser Adverbialen angesprochen. Die Satzadverbien unterteilt Döpke (1984:5) entsprechend ihrer Semantik in zwei Gruppen:

in Satzadverbien, die die Einstellung des Sprechers bezüglich der Geltung der Proposition reflektieren und in dem Sinne wahrheitsfunktional sind (hierzu zählen die Satzadverbien wahrscheinlich, vermutlich, offensichtlich, sicherlich, zweifellos etc.) und

in Satzadverbien, die die Einstellung des Sprechers in Form einer emotiv-evaluativen Einschätzung der Proposition reflektieren (leider, bedauerlicherweise, glücklicherweise, klugerweise, vergeblicherweise etc.). Diese Satzadverbien sind vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie die Faktizität der Proposition präsupponieren, sie gleichsam als Voraussetzung haben (vgl. Bartsch 1972:51)

↓376

Nach Pittner (1999:121) sind Satzadverbiale nie Verbkomplemente, doch können sie auch nicht völlig frei überall hinzugefügt werden, sondern unterliegen bestimmten Satzmodus-Restriktionen82.

Ohne Zweifel kommt den Einstellungsoperatoren (Satzadverbialien) ein besonderer Status in der deutschen Syntax zu. Sie bezeichnen das Verhalten des Sprechers zur Realität der Aussage, die emotionale Einstellung oder die subjektive Stellungnahme des Sprechenden.

Der Terminus Satzadverbiale ist aber für solche Konstruktionen unglücklich, weil auch satzbezogene temporale und lokale Adverbialien in einigen Grammatiken so genannt werden. Im Weiteren wird also von den Einstellungsoperatoren gesprochen.

2.3.2.4.2  Genitive als Einstellungsoperatoren

↓377

Es ist möglich die Einstellungsoperatoren, die durch eine DP im Genitiv ausgedrückt sind, der Struktur nach in zwei folgende lexikalisch stark beschränkte Varianten einzuteilen:

I. Variante:

Possessiva+ kognitive Substantive

↓378

meines /deines /seines Erachtens

Diese Variante ist nicht produktiv und ist durch eine begrenzte Zahl der kognitiven Genitiv-DPs (das Erachten, das Wissen, die Meinung, die Ansicht, die Auffassung, die Erkenntnis, der Wissenstand, das Dafürhalten) immer in Verbindung mit Possessiva repräsentiert. Eher selten werden dabei Adjektive (meines damaligen Davorhaltens 83 ) hinzugefügt (1c). Diesen DPs kommt die Bedeutung der Autorisierung einer Aussage zu:

(1)

↓379

a. Deswegen sollte meines Erachtens hier eher der regionale Bezug im Vordergrund stehen. (M99 /904.22819 Mannheimer Morgen, 12.04.1999, Lokales; "Schauen und informieren")

b. Meines Wissens kommt er ja nie«, sagte die Schlossfrau… [Ebner-Eschenbach: Das Gemeindekind, S. 267. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 8840 (vgl. Ebner-GW Bd. 1, S. 168)]

c. Unseres unvorgreiflichen Erachtens möchte der zurückgebliebenen Hälfte, dem Sanguinikus, der ein stiller, gesetzter, sedater Mensch zu sein scheint, die Aufnahme zu bewilligen sein… [Brentano: [Geschichte von BOGS dem Uhrmacher], S. 53. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 6674 (vgl. Brentano-W Bd. 2, S. 905)]

d. *meines Denkens /meines Tisches ist das gut

Zu beachten ist, dass diese Konstruktionen manchmal paranthesisch gebraucht und mit Kommata abgesondert werden:

(2)

↓380

a. Nichts, als die Verbindung mit der göttingischen deutschen Gesellschaft kann ihn, unsers Erachtens, bisher abgehalten haben, hier so lange stille zu sitzen. [Lessing: Briefe, die neueste Literatur betreffend, S. 325. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 67377 (vgl. Lessing-W Bd. 5, S. 225)]

b. Ich habe, meines Wissens, nie eine Vorlesung versäumt. [Grillparzer: Selbstbiographie, S. 46. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 33773 (vgl. Grillparzer-SW Bd. 4, S. 45)]

c. Eines Tages begab es sich, daß der König mit wenig Gefolge eine Birsch anstellte in einem entlegenen Forste, wo er, meines Wissens, sonst nicht zu jagen pflegte. [Meyer: Der Heilige, S. 59. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 71093 (vgl. Meyer-SW Bd. 1, S. 605)]

Die DPs aus der I. Variante werden in mehreren Untersuchungen zu den Satzadverbialien außer Sicht gelassen.

So werden solche Konstruktionen von Pittner (1999:58) am Anfang ihrer Arbeit zu den Satzadverbialien gezählt. Sie schreibt, dass einige Genitiv-NP wie z.B. Satzadverbialien meines Wissens (Erachtens) Restbestände bzw. Lexikoneinheiten seien. Dennoch geht Pittner im Kapitel zu Satzadverbialien auf diese Redewendungen nicht mehr ein.

↓381

Von manchen Autoren werden solche Genitive zu den modalen Adverbialien der Art und Weise gezählt. Laut Schulz /Griesbach (1960, 1996:224) wird der Genitiv als Modalangabe in nur wenigen festen Redewendungen verwendet, wie meines Wissens, meines Erachtens, angehaltenen Atems u.a.:

(3)

Meines Wissens fährt nachts kein Zug nach Salzburg.

↓382

Nach Jung (1980:321) sollen einige Konstruktionen zu den Konkurrenzformen der Modalwörter gezählt werden, z.B.:

  1. Verben des Denkens, Fühlens und Sagens und FVF
  2. Substantiv- und Präpositionalgruppen:

    (4)
    meines Erachtens, meines Wissens, meiner Meinung (nach), nach meiner Ansicht
  3. Modalverben

Auch nach Helbig /Buscha (2001:439) werden u.a. „Präpositionalgruppen, die keine direkten lexikalischen Entsprechungen in Modalwörtern haben (meinem Erachten nach, nach meiner Ansicht)“ zu den Konkurrenzformen der Modalwörter gezählt.

↓383

Bei Hetland (1989:26-34) wird durch DPs wie kein Zweifel, meines, seines etc. Dafürhaltens /Erachtens /Wissen sein Untersuchungsgegenstand (die Satzadverbien) erweitert, weil solche DPs in bestimmten Verwendungen die gleiche Distribution wie die Satzadverbien aufweisen.

II. Variante:

Adjektiv + der Subst. die Weise im Gen. Sg.

↓384

bedauerlicher Weise

Obwohl die Genitiv-DPs mit dem Kopf Weise nach der neuen Rechtschreibreform klein und zusammengeschrieben (dummerweise) werden, soll trotzdem auf ihre Bedeutungstypen und Restriktionen näher eingegangen werden, da es sich um ursprüngliche DPs handelt.

Zu dieser Variante könnten Genitiv-DPs mit dem substantivischen Kopf Weise (möglicher Weise, dummer Weise usw.) gezählt werden, bei denen eine große Zahl von Adjektiven in Frage kommt, wie z.B. schlecht, seltsam, sonderbar, komisch, interessant, dumm, klug usw. Es ist aber zu bemerken, dass es sich um besondere Art von Adjektiven handelt, und zwar sind es Adjektive, die u.a. mentale (emotionale) Einschätzungen bzw. Bewertungen wiedergeben oder den Wahrheitswert einer Aussage charakterisieren; vgl.:

↓385

(5)

a. dummer /komischer /möglicher Weise (dummerweise)
b. *schöner /roter /grüner Weise (*roterweise)
c. *kleiner /großer Weise
d. *heutiger /letzter /voriger Weise usw.
e. *freundlicher /netter /frecher /sportlicher Weise

Ungeachtet der Rechtschreibung sind bei den Weise (-weise)-Konstruktionen folgende Bedeutungsuntertypen zu unterscheiden:

↓386

A. Subjektorientierte Satzadverbialien 84 - der Sprecher beurteilt den Subjektreferenten hinsichtlich seiner Beteiligung an der Situation:

(6)

a. Nachher erfuhr ich, daß die Gestalt, die ich gesehen, Spalanzanis Tochter, Olimpia war, die er sonderbarer und schlechter Weise einsperrt, so, daß durchaus kein Mensch in ihre Nähe kommen darf. (Hoffmann, Der Sandmann 155)
b. Einer von ihnen, ein wirklicher Fantast, verglich aber höchstseltsamer Weise Claras Augen mit einem See von Ruisdael, in dem sich des wolkenlosen Himmels reines Azur, Wald- und Blumenflur, der reichen Landschaft ganzes buntes, heitres Leben spiegelt. (Hoffmann, Der Sandmann 157)

↓387

B. Evaluative (sprecherorientierte) Satzadverbialien - geben emotionale Stellungsnahme des Sprechers zur Proposition wieder85:

(7)

Bedauerlicher Weise ist das Beschneidungsbuch der Jüdischen Gemeinde Dessau verschwunden... (Berliner Morgenpost. Leben heißt Lernen. Ausgabe vom 17.08.2003, Ressort Kultur)

↓388

Einige Adverbien können sowohl evaluativ als auch subjektorientiert auftreten:

(8)

a. Doch dummer Weise gibt es Unterschiede auch zwischen den Menschen. Klassifizieren lassen sich Vernunftmenschen, Willensmenschen... (Berliner Morgenpost, Deutsch- Stunde. Ausgabe vom 02.09.2002, Ressort Kultur)
b. Es hat dummer Weise geregnet. (nur evalutiv)
c. Er hat dummer Weise in die Pfütze getreten. (subjektorientiert)

↓389

C. Epistemische Satzadverbiale - der Sprecher gibt Kommentar über den Wahrheitswert bzw. über die Wahrscheinlichkeit der Proposition ab86:

(9)

Das Council der IAAF wird sich möglicher Weise schon in der kommenden Woche in Monte Carlo mit dem Fall Ottey beschäftigen. (R99 /NOV.92834 Frankfurter Rundschau, 015.11.1999, S. 33, Ressort: N; Verband spricht keine Sperre gegen gedopte Sprinterin aus)

↓390

Syntaktische bzw. lexikalisch-grammatische Synonyme adverbialer Einstellungsoperatoren

Was die syntaktische bzw. lexikalisch-grammatische Synonyme der genitivischen Einstellungsoperatorenangeht, so werden im Gegenwartsdeutschen in ähnlichen Kontexten sehr oft ihnen semantisch ähnliche Adverbien oder PPs gebraucht:

(10)

↓391

a. seltsamer Weise - seltsamerweise - auf eine seltsame Weise
b. dummer Weise – dummerweise usw.

Außerdem werden des Öfteren ähnliche Konstruktionen mit Postpositionen verwendet:

(11)

↓392

a. meiner Meinung – nach meiner Meinung - meiner Meinung nach
b. seiner Ansicht – nach seiner Ansicht - seiner Ansicht nach

(12)

a. Auch ist der mittlere Tempel nach meiner Meinung allem vorzuziehen, was man noch in Sizilien sieht. [Goethe: Italienische Reise, S. 507. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 28461 (vgl. Goethe-HA Bd. 11, S. 323)]
b. Aber da machen Sie meiner Meinung nach einen doppelten Fehler. [Fontane: Der Stechlin, S. 337. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 16370 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 8, S. 219)]
c. und damit endete, der frivolste und liederlichste Verseschmied, nach seiner Ansicht, zu werden…[Keller: Züricher Novellen, S. 235. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 60693 (vgl. Keller-SW Bd. 7, S. 167)]
d. und da sich ihm eine nächste Gelegenheit bot, etwas nach seiner Ansicht Kühnes zu unternehmen…[Meyer: Der Schuß von der Kanzel, S. 63. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 71017 (vgl. Meyer-SW Bd. 1, S. 96)]

↓393

Laut Dürscheid (1999:34) treten die heute noch gebräuchlichen adverbialen Genitiv-NPs fast nur lexikalisiert auf. Ein produktives Muster gibt es nicht (vgl. Wegener 1995:121). Das folgende Beispiel macht laut Dürscheid deutlich, dass bei nicht lexikalisierten Formen auf eine Konstruktion mit Prä- bzw. Postposition ausgewichen wird:

(13)

a. Meines Wissens GEN kommt er heute nicht.
b. *Meiner Vermutung GEN kommt er heute nicht.
c. Meiner Vermutung nach kommt er heute nicht.

2.4 Stilistische Besonderheiten des adverbialen Genitivs

↓394

Wenn man den adverbialen Genitiv des Deutschen bezüglich seines stilistischen Wertes betrachtet, ergibt sich folgendes Bild:

Von den Genitiven in adverbialer Funktion (des Morgens, dieser Tage, gesenkten Hauptes, meines Erachtens) wird vorwiegend in der Schriftsprache (beispielsweise der schöngeistigen Literatur) Gebrauch gemacht. Außerdem treten sie oft in der Sprache der Massenmedien auf. In der Alltagssprache werden die meisten davon kaum verwendet, abgesehen von den seltenen Fällen, in denen man zu außergewöhnlichen Mitteln greift, um besondere Wirkung zu erzielen. Die gehobene stilistische Färbung solcher Genitive wird manchmal absichtlich dazu benutzt, um einen komischen oder ironischen Effekt (Er stolzierte gehoben Hauptes über den Platz…) hervorzurufen.

Mehrere adverbiale Genitive sind in der deutschen Gegenwartsprache schon teilweise oder ganz idiomatisiert, d.h. sie sind zu festen, mehrgliedrigen Wortgruppen oder Lexikoneinheiten (Idiomen oder Phraseologismen) erstarrt. Phraseologisierte Genitive werden durch den Verlust der Kombinationsmöglichkeiten im Satz gekennzeichnet,und die Gesamtbedeutung solcher Konstruktionen ist nicht mehr aus der Summe der Bedeutung der Einzelelemente beschreibbar, d.h. sie bekommen oft einen neuen Sinn.

↓395

In der folgenden Tabelle wird die Bedeutung einiger idiomatisierten Genitiv-DPs erklärt87:

Tabelle 6: Idiomatisierte adverbiale Genitive

Beispiel

Bedeutung

Temporaler Genitiv

eines (schönen)Tages

einmal, an einem Tag

dieser Tage

vor kurzem, in den letzten bzw. nächsten Tagen

aller (vierzehn) Tage

jede (vierzehn) Tage

Lokaler Genitiv

des Weges kommen

daherkommen

Woher (wohin) des Weges?

Woher kommst du? Wohin gehst du?

seines Weges gehen

fortgehen, weitergehen

geh deiner Wege!

geh weg!

aller (drei) Meilen

jede (dritte) Meile

aller Orten, aller Ecken und Enden

überall

linker /rechter Hand

links, rechts

Modaler Genitiv

frohen (guten, frischen, traurigen) Mutes kommen

gut /schlecht gelaunt

gesenkten Kopfes

traurig

leichten (blutenden, schweren, vortrefflichen, frohen) Herzens

gern /ungern, bedrückt

beklommenen Herzens (fragen)

ängstlich

vollen Herzens (danken)

vom ganzen Herzen

guten Glaubens

ohne Hintergedanken

eilenden Fußes

schnell

leichten Fußes

sich schnell bewegen

stehenden Fußes

sofort, gleich

sehenden Auges (in sein Unglück rennen)

bewusst

nassen Auges

traurig

heißren Feuers lieben

sehr stark lieben

des Weiteren

außerdem

des Öfteren

nachdrücklich, zum wiederholten Male

des Näheren

im einzelnen, genauer

des Langen und des Breiten

sehr umständlich

reinen (guten, schlechten) Gewissens

gelassen bzw. ungelassen

gesenkten (niedergeschlagenen) Blickes

schüchtern

heiteren (finsteren) Sinnes

gut /schlecht gelaunt

leichten Kauf(e)s davonkommen

ohne viel Schaden zu erleiden, ohne Strafe

unverrichteter Dinge

davonkommen

ohne etwas erreicht zu haben

keines Weges

unmöglich, nicht, nie

jeden Falls

grundsätzlich, allerdings

Einstellungsoperatoren

meines Erachtens

nach meiner Meinung

meines Dafürhaltens

nach meiner Meinung

Es scheint wichtig einige Beispiele mit den oben genannten phraseologisierten DPs anzuführen:

↓396

(1)

a. Die Kreuzfahrer sollen geräubert haben?“ fragte er beklommenen Herzens. (W. Bredel „Die Vitalienbrüder“)

b. Das wurmte meinen Bruder, und er ging stehenden Fußes unter die Drachen. [Hoffmann: Fantasiestücke in Callots Manier, S. 346. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 46388 (vgl. Hoffmann-PW Bd. 1, S. 297)]

c. Und sie sprang leichten Fußes zu ihm hinein und setzte sich ans andere Ende seines Jagers, der kaum sieben Schuh lang war. [Keller: Züricher Novellen, S. 391. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 60849 (vgl. Keller-SW Bd. 7, S. 276)]

d. Der Amtsrat ging etwas schweren Herzens zu seiner Tochter hinauf…
[Keller: Die Leute von Seldwyla, S. 486. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 60052 (vgl. Keller-SW Bd. 6, S. 337)]

e. …wenn man aber des Näheren nachgefragt, so hatten sie nichts wahrgenommen als zwei dunkle Augen, aus denen das Weib sie im Vorüberreiten angeblicket. [Storm: Renate, S. 98. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 93301 (vgl. Storm-SW Bd. 3, S. 136)]

Einige davon sind noch gebräuchlich z.B.: schweren Herzens, schnellen Schrittes, leichten Herzens, ernsten Gesichts, roten Gesichts, erhobenen Hauptesusw. Aber sowohl in der gesprochenen Sprache wie auch in der Schriftsprache werden im Gegenwartsdeutschen immer öfter statt der adverbialen Genitive PPs mit ähnlicher Bedeutung gebraucht: mit schwerem Herzen, mit traurigem Blick usw.

↓397

Eher selten werden adverbiale Genitive ad hoc nach dem schon vorher in der Sprache existierenden Schemata gebildet. Belege mit derartigen individuellen Neubildungen führt Rajevskij (1961:165) in seinem Artikel an:

(2)

a. schütteren Haares (aus Feuchtwanger, Narrenweisheit)

b. dienstreifrigen Gesichts (aus Böll, … und sagte kein einziges Wort)

c. spröden Tones, gepresster Stimme usw.

↓398

Solche Konstruktionen kann man auch als Okkasionalismen oder Gelegenheitsbildungen bezeichnen:

(3)

a. …nicht darum, weil er politisch reinen Herzens ist, wie er sagt; sondern er tat es, weil er atemreines Mundes bleiben möchte [Heine: Ludwig Börne. Eine Denkschrift, S. 208. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 40643 (vgl. Heine-WuB Bd. 6, S. 220)]

b. …sprach der Marchese didakisch-pathetischen Tones… [Heine: Reisebilder. Dritter Teil, S. 208. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 39450 (vgl. Heine-WuB Bd. 3, S. 325)]


Fußnoten und Endnoten

59  Beispiele aus Wilmanns (1909:543).

60  Beispiele aus Phillip (1980:128).

61  Entsprechende griechische Beispiele mit lokalen PPs findet man bei Wilmanns (1909:542)

62  Beispiele aus Wilmanns (1909:547).

63  Nach Erdmann sind Genitive bei dem Verb spielen noch im 15-16 Jh. ganz geläufig: sie spielen des Fuchses, der blinden Kuh, der Karten, des Königs oder auch noch heutzutage Versteckens spielen.

64  Sie erinnert sich gern ihrer Studienzeit. Er badarf dringend meiner Hilfe. (Duden, 1998:641).

65  Folgt man Leiss (1990), dann wurde der Objektgenitiv als Konkurrent des Akkusativs funktionslos, seitdem sich im Frühneuhochdeutschen neben den definiten auch die indefiniten Artikel voll etabliert hatten und die Artikel Opposition die Aufgabe der Akkusativ /Genitiv – Opposition übernahm.

66  Nach der neuen Rechtschreibung: dummerweise.

67 Verschiedene strukturell-semantische Varianten folgen weiter unten.

68  Eventuell sind auch andere Benennungen von Zeiteinheiten (die Woche, der Monat, das Jahr) möglich.

69  Z.B. des Tages in der Bedeutung am Tag in der Variante II dieses Kapitels.

70  Siehe des Weiteren, des Öfteren in der Variante II dieses Kapitels.

71  Laut Wahrig (2001:836) ist …selbe ein Demonstrativpronomen, der immer mit dem bestimmten Artikel gebraucht und mit dessen Vollform zusammengeschrieben wird. Jedoch findet man in einigen Texten die Form selbe.

72  In diesen DPs hat ander- die ähnliche Bedeutung wie nächst-.(3c)

73  Diese Konstruktionen haben sich auf der Basis der II. Variante entwickelt und stellen anscheinend die Zwischenstufe des Prozesses der DP- Adverbialisierung dar.

74  In den slawischen Sprachen wird Einmaligkeit /Wiederholung eindeutig durch den Verbaspekt ausgedrückt (vgl. Russ. послать (einmal schicken)- посылать (mehrmals schicken).

75  Vgl. mit temporalen DPs wie aller zwei Stunden.

76  In meiner Untersuchung werden Genitive wie meines /deines Erachtens zu den Einstellungsoperatoren gezählt.

77  Vgl. Rajevskij (1961).

78  Munter und guter Dinge sein = frohen Mutes, guter Laune sein, so Wahrig (2001:234).

79  (zuletzt eingesehen am 25.08.2004)http://www.thokra.de/html/holt3.html#a47 (zuletzt eingesehen am 25.08.2004)

80  Zitiert nach Pittner (1999:109).

81  Einstellung wird allgemein als relativ stabiler psychischer Zustand des Menschen definiert, in dem das Wissen, die Erfahrungen, Überzeugungen, Wertungen des Individuums ihre Aktualisierung finden. Einstellungen treten in Erscheinung als spezifische Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Verhaltenstendenzen des Menschen gegenüber Gegenständen und Sachverhalten der objektiven Wirklichkeit (vgl. Wörterbuch der Psychologie (1976:122f), zitiert nach Döpke (1984:2).

82  In diesem Kontext ist der es ist- X, dass-Test zu erwähnen. Er kann helfen Satzadverbialien in adverbialer Funktion ausfindig zu machen. Da mit ihnen die Proposition des gesamten Satzes semantisch modifiziert wird, kann der Satz auch so umgeformt werden, dass der Skopus des SAdv offensichtlich ist (Altmann /Hahnemann 1999:102):
Peter kommt gewiss /selbstverständlich.
Es ist gewiss /selbstverständlich, dass Peter kommt.
Einige Einstellungsoperatoren lassen sich nur in Kombination mit weiteren Umformungen (Einfügen von so) aus dem Satz herausziehen:
Hans geht heute vermutlich schwimmen.
Es ist vermutlich* (so), dass Hans heute schwimmen geht.
Im Allgemeinen bietet dieser Test gute Möglichkeit die Satzadverbialien aus der Vielzahl der Partikel-Funktionen herauszufiltern.

83  Beispiel aus Erdmann (1898:206).

84  Die Terminologie entnehme ich u.a. der Arbeit von Pittner (1999:110), die 5 Typen von Satzadverbialen unterscheidet: Epistemische Satzadverbiale (der Sprecher gibt Kommentar über den Wahrheitswert.. der Proposition ab: vielleicht, sicher, vermutlich); Evaluative Satzadverbiale (geben u.a. emotionale Stellungsnahme des Sprechers zur Proposition wieder: leider); Subjektorientierte Satzadverbiale (der Sprecher beurteilt den Subjektreferenten hinsichtlich seiner Beteiligung an der Situation: Adverbiale auf –weise); Bereichsadverbiale (der Sprecher verwendet diese Adverbiale, um die Gültigkeit seiner Ausssage auf einen gewissen Bereich einzuschränken: es geht ihm nicht privat, aber beruflich gut); Konjunktionaladverbiale (sprecherbezogene Adverbiale bzw. Parakonjunktionen benutzt man, um bestimmte Beziehungen zwischen Sätzen herzustellen, im Englischen: however, first, finally).

85  Vgl. gefühlsmäßige Einstellung (Bedauern, Freude, Hoffnung o.Ä.) zu einer Aussage nach DUDEN (1998).

86  Vgl. Grad der Gewissheit über die Geltung einer Aussage nach DUDEN (1998).

87  Die Bedeutungen dieser Genitive stammen u.a. aus Wahrig (2001).



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18.09.2006