3 Adverbialer Akkusativ

↓398

3.1  Der adverbiale Akkusativ - diachrone Betrachtung

↓399

Der adverbiale Akkusativ war schon in den älteren Sprachstufen des Deutschen verbreitet, was aus zahlreichen Beispielen weiter unten ersichtlich wird.

3.1.1  Temporaler Akkusativ

Der Temporale Akkusativ bestimmt eine Zeitdauer, welche die Handlung ausfüllt, oder er lässt sich als eine spezielle Art des inneren Objekts auffassen.

(1)

↓400

Alts.Was thâr folk allan langan dag = den ganzen langen Tag (durativ, Zeitdauer)

Schon im Gotischen war durativer Akkusativ verbreitet, wie etwa:

(2)

↓401

a. Got. B. 2 Kor.11,25 - þrim sinþam wandum usbluggwans was; ainamma sinþa stainiþs was; þrim sinþam usfarþon gatawida us skipa; naht jah dag in diupiþai was mareins = bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer.

b. Got. B. Römer 10, 21 - iþ du Israela qiþiþ: allana dag usbraidida þos handuns meinos du managein ungalaubjandein jah andstandandein = Zu Israel aber spricht er: «Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach dem Volk, das sich nichts sagen läßt und widerspricht.»

Es ist in diesem Kontext zu erwähnen, dass im Gotischen auch adverbiale Genitive (nahts jah dagis) und Dative (nahtam jah dagam) mit temporaler Bedeutung vorkommen. Der ursprüngliche Unterschied, dass der Akkusativ die Erstreckung über einen Zeitraum und der Genitiv einen Zeitpunkt oder einen Zeitabschnitt bezeichnet, ist einigermaßen fließend, wodurch ein Übergreifen des einen in das Gebiet des anderen ermöglicht worden ist, so Paul (1919:373).

Laut Paul (1919) ist der Akkusativ im Allgemeinen auf Kosten des Genitivs vorgedrungen.

↓402

Ahd.:

Der präpositionslose Akkusativ wurde auch im Ahd. oft als Zeitdauerangabe gebraucht, so Moskalskaja (1969:77, 122):

(3)

↓403

a. er fiar jâr thâr wâri = er war dort viele Jahre

b. Ziu stêt ir allan tag unnuzi? = Wozu steht ihr den ganzen Tag unnütz?

c. Er uuas thionônti thar gote filu manag iâr. = Er diente Gott viele Jahre.

Der Temporale Akkusativ war im Ahd. außerdem in Verbindung mit einer Ordinalzahl belegt:

(4)

↓404

a. O. 3, 24,2 – thâr ther sîn friunt uuas iu êr lag fiardon dag bigrabanêr = wo der, welcher früher sein Freund gewesen war, den vierten Tag begraben lag

b. Er fiar jâr thâr wâri = er war dort viele Jahre

Auch im gibt es viele Beispiele mit dem temporalen Akkusativ:

(5)

↓405

a. Nibel. 686,1 – diu hôchzît werte unz den vierzehenden tac = Das Fest dauerte bis zum vierzehnten Tag

b. Walther v. 88.1 - nieman ritter wesen mac drîzec jâr und einen tac = … volle dreißig jahre

c. Parz. 336.13 - doch beliben se ûf dem plân bî Clâmidê den dritten tac = drei Tage blieben sie im Wald bei Clamide

d. Parz. 280.7 - sus reit er mit den werden sîns lands und anderr erden, diz mære giht, den ahten tac = so ritt er mir der Runde auf eignem un fremdem Grunde acht Tage, wie die Märe sagt

Sehr oft tritt er auch in formelhaften Wendungen auf:

(6)

↓406

alle zît (= die ganze Zeit), diese zît (= in dieser Zeit), ir zît (= zu ihrer Zeit)

Nibel.I.18 - sît lebte diu vil guote vil manegen lieben tac = Danach lebte das edle Mädchen noch lange Jahre

Die Vorstellung der Dauer kann auch in den Hintergrund treten, besonders wenn von der Wiederholung eines Zeitabschnittes gesprochen wird:

(7)

↓407

Walth. 114,13 - tusent sorgen, die mich twingent beide den abent und den morgen = Tausend Sorgen quelen mich von Abend bis Morgen

Im Mittelhochdeutschen wurden die temporalen Akkusative auch ohne Det. oder einer näheren Bestimmung gebraucht, was sie besonders auffällig macht, z.B.:

(8)

↓408

a. MSF.174.17 - daz ich ir gediente ie tac = … jeden Tag88

b. Nibel. I.65 - Dô sâzen schoene frouwen naht unde tac = Da saßen schöne Damen Tag und Nacht

3.1.2 Lokaler Akkusativ

Der lokale Akkusativ war schon im Ahd. und im Mhd. laut Wilmanns (1909:475) sehr verbreitet, z.B. bei den Verben wie faran, gangan und ähnlichen, wo er z.B. die Richtung oder die durchmessene Strecke (faramês then weg, gang thesan weg, fuar êr thie strâza, einen smalen weg) bezeichnete:

(9)

↓409

a. Gang thesan uueg. = Geh diesen Weg. (Ahd. Beispiel aus Moskalskaja 1969:122)

b. Parz. 502, 2 - in sîner jugent fürt unde wissen reit er vil durch tjostieren = in seiner Jugend – Furte, Auen überritt er zu Turnieren

c. Parz. 584,14 - si kom einen engen pfat in Gâwânes herze = sie ging einen engen Pfad zu Gawans Herzen

d. swelchen endes ich kêre = nach welcher Richtung ich gehe

Neben Verben der Bewegung bezeichnet der Akkusativ in der älteren Sprache das Gebiet über das sich die Bewegung ausdehnt:

(10)

↓410

a. O. 2,4,81 thô fuar ër mit imo hôhe bërga = er fuhr mit ihm über hohe Berge
b. Parz. 821,29 - ine weiz wie manec lant er reit = …durch manche Länder zog der Held

Nach Wilmanns (1909:475) ist dies vielleicht die ursprüngliche Bedeutung des Akkusativs gewesen, und aus ihr sind seine übrigen Funktionen, auch die das Objekt zu bezeichnen, herzuleiten:

(11)

↓411

a. Tristan 579 - Daz vulte da berge unde tal = erfüllte Berge und Täler

b. Willehalm 1, 45,24 - die heiden berge unde tal mit here bedacten schiere = in kurzer Zeit bedeckten die Heiden mit ihrem Heer Berge und Täler

Im Mhd. waren außerdem lokale Akkusative, die als formelhafte Verbindungen zweier Substantive auftreten (erde unde mer, berg unde tal, holz unde heide riten), stark verbreitet:

(12)

↓412

a. Wigal. 2351 - dô reit diu maget wol getân beidiu bërge unde tal =… über Berge und Täler

b. Erec 3107 - riten si beide âne holz niuwan heide = beide ritten durch Wald und Feld

Im Gegenwartsdeutschen werden solche Wendungen meistens als PPs (der Wind bläst über Feld und Wald) mit den Präpositionen über oder durch gebraucht.

3.1.3 Modaler Akkusativ

Qantitäts- und Gradbestimmungen konnten in den älteren Sprachstufen durch substantivische Akkusative ausgedrückt werden (Mhd. ein wenic), die in den neueren Sprachstufen adverbialisiert wurden (einwenig, diesseits, jenseits usw.):

↓413

(13)

a. Iwein 828 - slâfet ein lützel dar nâch = überschlaft es erst ein bisschen

b. Nibel. 1.615 - In magtlîchen züten si schamte sich ein teil = In ihrer mädchenhaften Scheu schämte sie sich sehr

Die Frage danach, ob auch Maßakkusative (einen Zentner wiegen) zu den modalen DPs zu zählen sind, wird in dem Kapitel zur synchronen Betrachtung des Akkusativs diskutiert.

3.1.4 Modaler absoluter Akkusativ

↓414

Um Einsicht in die grammatische Natur der Konstruktion vom Typ den Hut in der Hand zu gewinnen, ist es sinnvoll ihre sprachhistorische Entwicklung zu verfolgen.

Laut Paul (1919:278), Blatz (1900:357) und Dal (1900:357) ist der so genannte Accusativus absolutus eine erst im 18. Jh. aufgekommene Art des freien (adverbialen) Akkusativs, der unter dem französischen Einfluss entstand.

Flink (1924:124-221) vertritt die Auffassung, dass die absoluten Konstruktionen nicht nur für die indoeuropäischen Sprachen typisch waren, sondern sie waren auch im Finnischen und Estnischen verbreitet. Seiner Meinung nach spricht es dafür, dass solche Konstruktionen sich auch in den nichtverwandten Sprachen parallel entwickeln konnten.

↓415

Hier ist zu erwähnen, dass es auch im Russischen denabsoluten Konstruktionen ähnliche Redewendungen gibt, die aber für das Russische im Allgemeinen untypisch sind (vgl. Peschkovskij 1938:316-317):

(14)

a. A.Н. Майков, СЕНОКОС –
Уши врозь, дугою ноги, u как будто стоя спит89=

↓416

die Ohren auseinander, die Beine in Bogenform, so als schlüfe er im Stehen
b. A. С. Грибоедов, ГОРЕ ОТ УМА –
Молчанин на лошадь садился: ногу в стремя, а лошадь на дыбы =
Moltschanin setzte sich aufs Pferd: den Fuß in den Bügel, das Pferd auf die Hinterbeine
c. С. В. Михалков, ВСАДНИК –
Уши врозь, дугою ноги, Лошадь стала на дороге.90 =
die Ohren auseinander, die Beine in Bogenform, blieb das Pferd auf der Straße stehen

Die absoluten Akkusative des Deutschen (den Kopf auf dem Tisch) werden in der einschlägigen Literatur öftermit den absoluten Partizipialkonstruktionen (den Kopf gesenkt) gleichgesetzt. So betrachten u.a. Paul (1919:278) und Dal (1952:19-20) die „absoluten Partizipialkonstruktionen“ und „Accusativus absolutus“ als zwei Arten von derselben Erscheinung, d.h. als die Konstruktion mit einem absoluten Akkusativ.

Nach Helbig /Buscha (2001:589) sind es verkürzte Partizipialkonstruktionen, die um bedeutungsleere Partizipien wie habend, seiend, haltend verkürzt worden sind:

↓417

(15)

Der Gast, der die Zigarre in der Hand hatte (hielt), betrat das Lokal.
*Die Zigarre in der Hand habend (haltend)(,) betrat der Gast das Lokal.
Die Zigarre in der Hand, betrat der Gast das Lokal.

Nach Behaghel (1923) ist der absolute Akkusativ keinem anderen Satzglied untergeordnet, bezeichnet einen Teil oder ein Zubehör des Subjekts und hat eine Adverbialbestimmung oder ein prädikatives Adjektiv neben sich:

↓418

(16)

Da kommt sie selbst! Den Christus in der Hand
Die Hände voll von Beeren

Die Konstruktionen mit einem Partizip (den Kopf gesenkt) werden von Behaghel nicht zu den absoluten Akkusativen gezählt. In den Partizipialkonstruktionen fehlt das Verbum (z.B.: haben, halten usw.), von dem das durch das Partizip bestimmte Objekt abhängig ist (vgl. Behaghel 1923).

↓419

Es drängt sich die Frage auf: Wie sind die absoluten Akkusative entstanden?

Für absolute Konstruktionen gibt es u.a. die Möglichkeit, dass eine prädikative Konstruktion vorliegt, wobei das zweite Glied ein Prädikativ zur Akkusativ-NP (oder Nominativ-NP) ist. Der Akkusativ hat dabei die Funktion, die syntaktische Unterordnung der Konstruktion zu kennzeichnen. Für diese Analyse spricht vor allem auch, dass das Partizip in diesen Konstruktionen im Althochdeutschen ursprünglich kongruierte, so Bausewein (1990:77).

Dittmer (1988:71f.) nimmt an, dass Konstruktionen mit absolutem Akkusativ die schon im Althochdeutschen vorhandenen Konstruktionen mit absolutem Dativ fortsetzen, für die wiederum der lateinische absolute Ablativ Vorbild war, so Bausewein (1990). Auf den fremden Einfluss weist laut Bausewein (1990:77) die Tatsache hin, dass diese Konstruktion fast nur in der Urkunden- und Übersetzungsliteratur auftrat. Da der Dativ genauso wie der Ablativ im Althochdeutschen adverbiale Funktionen innehatte, schien er eine geeignete Übersetzung des Ablativs zu sein. Der Wechsel zum Akkusativ mag dadurch motiviert gewesen sein, dass der Dativ seine adverbialen Funktionen verlor und immer mehr zum Kasus der Person wurde. Dies gilt für den temporalen und konditionalen Typ. Für den modalen Typ ist es sehr wahrscheinlich, dass er auf französisches Vorbild zurückgeht, da er gehäuft erst im 18. Jh., also in einer Zeit mit starkem französischen Einfluss auftritt, so Bausewein (1990:77).

↓420

Nach Hetschel /Weydt (1994:348) handelt es sich bei modalen Adverbialbestimmungen im Akkusativ wie die Augen niedergeschlagen um ein Objekt zum Partizip (hier: niedergeschlagen) oder aber um Wendungen, die man elliptisch interpretieren kann.

Curme (1952) nennt den Akkusativ in absoluten Konstruktionen „logical subjekt“ und den zweiten Teil, bei dem Partizipien, ungebeugte Adjektive, Adverbien und Präpositionalverbindungen vorkommen, „the predicate“.

Wie oben erwähnt, werden die absoluten Akkusative häufig als elliptisch erklärt (vor allem der modale Typ), wobei man annimmt, dass ein Verb wie haben, halten oder sein getilgt wurde (vgl. Behaghel 1923, Helbig /Buscha 2001:589). Auch in der Duden-Grammatik (1998) werden die absoluten Akkusative als Partizipialgruppen, bei denen das Partizip habend oder seiend eliminiert ist, erklärt. Bei diesen Gruppen handelt es sich um freie Angaben, die meistens auf das Subjekt bezogen sind, gelegentlich ist auch ein Objektbezug möglich.

↓421

Diese Analyse hat den Vorteil, dass damit das Auftreten des Akkusativs als Objektakkusativ erklärt wird. Die dabei zugrunde gelegten Sätze sind aber eher unplausibel (vgl. Bausewein 1990:77):

(17)

den Hut in der Hand haltend??? den Kopf nach vorne haltend???
er stand da, den Hut auf dem Kopf habend?
er stand da, die Augen auf die Gäste habend?
Dies getan habend???

↓422

Solche Formulierung, wie die oben angeführte über die eliminierten Partizipien, sollte nach Arne Dittmer (1980:65) in der Oberflächengrammatik nicht vorkommen, weil Sätze, in denen die Partizipien habend oder seiend nicht eliminiert wurden, in Sprachwirklichkeit kaum zu finden sind.

Was die diachrone Entwicklung absoluter Akkusative anlangt, so waren sie im Ahd. kaum verbreitet, während sie für das Gotische belegt sind (vgl. Grimm 1854:910).

Im Mittelhochdeutschen gibt es einige Beispiele mit dem absoluten Akkusativ ähnlichen Konstruktionen:

↓423

(18)

a. „Vile thikke sie nihter vielen, thie palmen an den handen“ (Das Rolandslied des Pf. Konrad, Beispiel aus Behaghel 1923:727)

b. „er saz, schlilt an den arm, sper in die hant“ (Beispiel aus Grimm 1854:761)

Der äußeren Form nach ist es zuweilen schwer den absoluten Akkusativ von dem absoluten Nominativ zu unterscheiden. Nur wenn ein Maskulinum mit einem Determinator (den Kopf auf dem Tisch usw.) gebraucht wird, kann man eindeutig den Akkusativ erkennen. Nach Dolgich (1973:10)91 liegt der Hauptunterschied zwischen dem absoluten Nominativ und dem absoluten Akkusativ in ihren Tiefenstrukturen: für den absoluten Akkusativ sind das die Verben haben /halten, für den absoluten Nominativ sein und andere.

↓424

Schon im 17. Jh. wird die Akkusativform bei Maskulina im Unterschied zu den Beispielen aus dem Mhd. eindeutig durch den Det. erkennbar:

(19)

Gute Worte im Munde, den Huth in der Hand, das kostet kein Geld, und bringet einen ehrlichen Kärl efft sehr weit. (J.Sch. Fr. 56)

↓425

Im 17. Jh. waren absolute Akkusative meistens nicht durch Adjektive bzw. Partizipien erweitert.Dabei wurden siemeistens für die Beschreibung der äußeren Eigenschaften der Lebewesen gebraucht:

(20)

Anzusehen war er unbärtig als ein alter Mönch, mit einer Beltzkappe uff dem Haupt, einen Beltzin Rock umb sich, einen Degen an der Seite, als ein Alter Rather… (J.M.G.PH. 341)

↓426

Erst im 18. Jahrhundert hat sich der absolute Akkusativ im Deutschen richtig eingebürgert:

(21)

…wäre nicht ein junges Mädchen mit fliegenden Haaren, einen Degen in der Hand, aus der offenstehenden Küche gesprungen, die ihn mit großer Geschicklichkeit entwaffnete. [Arnim: Die Kronenwächter. Zweiter Band, S. 35. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 1449 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 821)]

↓427

Bei Paul (1919:278-284) findet man zahlreiche Beispiele für den absoluten Akkusativ aus den Werken verschiedener Autoren des 18-19 Jahrhunderts:

(22)

a. Den tapferen Dromo an seiner Seite, wer sollte sich fürchten? (Lessing)
b. Einen kritischen Freund an der Seite kommt man…schneller vom Fleck. (Goethe)

↓428

Als zweite Konstituente werden nicht nur PPs sondern auch Adverbien, Partizipien, Kurzformen der Adjektive, Genitive oder Reflexivpronomen gebraucht:

(23)

a. Einen Beltzin Rock umb sich…
b. Alle Hände voll, wollen Sie noch immer mehr greifen. (J.G. 67)

↓429

Häufig sind absolute Akkusative auch in den Bühnenanweisungen zu_finden:

(24)

a. Agnes Sorel, ein Kästchen in der Hand, zu den Vorigen. [Schiller: Die Jungfrau von Orleans, S. 33. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 84533 (vgl. Schiller-SW Bd. 2, S. 708)]
b. Camilo Rota, Schroften in der Hand (Lessing, EG)
c. Medea, in der linken Hand einen Dolch, mit der rechten hocherhobenen Hand Stillschweigen gebietend. (Fr. Gr. M, 353)
d. ISIDORA (nähert sich). Ich freue mich sehr - (Die Tränen in den Augen) meines lieben Vaters Schwester zu sehen. [Brentano: Ponce de Leon, S. 124. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 4513 (vgl. Brentano-W Bd. 4, S. 199)]

↓430

Schon seit dem 18. Jh. werden die absoluten Akkusative immer öfter z.B. durch Adjektive erweitert (vgl. 24 c: in der Hand einen Dolch).

Was die syntaktische Funktion der absoluten Akkusativ-Konstruktionen betrifft, so traten sie früher häufig als Appositionen auf. Erst im 19-20. Jh. wurde die adverbiale Funktion für den absoluten Akkusativ viel gebräuchlicher. Beides (Apposition, Adverbiale) ist aber eigentlich eine Nebenfunktion, in der Nominativ und Akkusativ auftreten können, denn die Hauptfunktion des Nominativs - ein Subjekt und die des Akkusativs direktes Objekt ist.

Die absoluten Akkusative werden noch in dem synchronen Kapitel 3.3.2.3 genauer beschrieben.

3.1.5 Modale Zwillingsformeln

↓431

Auch die festen Verbindungen wie Hand in Hand, Kopf an Kopf, Schritt für Schritt, Schlag auf Schlag usw.weisen einen adverbialen Charakter (Art und Weise) auf. Obwohl der Kasus dabei nicht explizit ausgedrückt wird, kann man sie zu den Akkusativen zählen.

Modale Zwillingsformeln kommen in vielen indoeuropäischen Sprachen vor (Englisch: hand by hand = Hand in Hand, Französisch: tête-à-tête = unter vier Augen, Russisch: плечо к плечу = Schulter an Schulter usw.)

Wann sind solche Zwillingsformeln entstanden?

↓432

Laut dem Wörterbuch „The Oxford English Dictionary“ sindsolche Konstruktionen im Englischen ca. im 12-14 Jh. entstanden. So z.B. hand by hand wurde zum ersten Mal 1205 verwendet: „Hond wi honde fuhten pa heze men“ und arm in arm – 1377 bei Chaucer: “They wenten arm in arm yfre into the gardyn…“

Leider geben die Grammatiken keine ausreichenden Informationen darüber, wann solche Konstruktionen im Deutschen entstanden sind.

Man findet z.B. im Hildebrandslied (8-9 Jh., Ahd.) die Wendung ort widar orte:

↓433

(25)

Hildebrandslied 35 - Hadubrant gimahaltahttp://www.ib.hu-berlin.de/~hab/arnd/anm14.html, Hiltibrantes sunu:
"mit geru scal man geba infahan,
ort widar orte92 = Hadubrant, Hildebrands Sohn, sagte:
"Mit dem Speer soll man Geschenke annehmen,
Spitze gegen Spitze!93

In Grimm (1854) wird der Ausdruck „über ars und kopf“ als dasselbe wie „hals über kopf“ betrachtet, was bei Fischart (1588) schon im 16 Jh. vorkommt: über ars und kopf bürzeln. 94

3.2 Übergang zum Neuhochdeutschen

↓434

Temporaler Akkusativ

Im Neuhochdeutschen werden einige temporale Akkusativ-DPs häufig gebraucht:

(1)

↓435

den Sommer auf dem Lande leben
jeden Tag ins Kino gehen
zehn Jahre studieren
Anfang Mai wegfahren usw.

Die anderen Redewendungen hören sich heutzutage schon einigermaßen veraltet an:

(2)

↓436

folgenden Tag
ich bin bei euch alle Tage

Formelhaft erstarrt sind die Redewendungen: allzeit, mein Tag u.a.

Viele temporale DPs werden in der deutschen Gegenwartssprache durch Präpositionalphrasen ersetzt, z.B.: an allen Tagen, zu allen Zeiten usw.

↓437

Um die Vorstellung der Dauer bestimmter auszudrücken, werden im Nhd. außerdem Adverbien über, durch, lang usw. hinzugefügt:

(3)

den Tag über, das ganze Jahr hindurch, zehn Monate lang

↓438

Vgl. mit dem Beispiel aus dem Mhd.:

(4)

Nibel.I.38. - Swie vil si kutzwîle pflâgen al den tac = Nhd. Während sie sich so den ganzen Tag über vergnügten

↓439

Temporaler Akkusativ tritt jetzt immer öfter dort auf, wo bis in neuere Zeit noch der Genitiv gebraucht wurde, vgl. heute Morgen und heute Morgens. Es kommen auch adverbialisierte Genitive vor: heute morgens.

Heutzutage sagt man den vorigen Montag /Monat, vorige Woche, letzten Montag, vergangenen Montag oder auch den ersten /zweiten Mai usw., wo früher ein Genitiv (z.B.: Mais) verwendet wurde.95

(faramês then weg, gang thesan weg, fuar êr thie strâza), der in den älteren Sprachstufen des Deutschen eine durchmessene Strecke bezeichnete, hat sich nicht weiter entwickelt.

↓440

Im Nhd. werden nur noch wenige Redewendungen mit dem lokalen Akkusativ (seinen Weg gehen, seine Strasse ziehen, einen anmutigen Pfad wandeln) gebraucht. Die anderen treten derzeit nur in Verbindung mit Adverbien der Richtung (den Fluss entlang fahren) auf.

Im Neuhochdeutschen tritt der lokale Akkusativ beschränkter und nicht mehr ohne Det. auf, wie es noch im Mittelhochdeutschen der Fall ist. Einige oben angeführte Beispiele aus dem Mittelhochdeutschen (wie berg und tal) benötigen im Gegenwartsdeutschen einen präpositionalen Gebrauch (über Berg und Tal, durch Wald und Feld).

Was die uns interessierenden Akkusative in adverbialer Funktion betrifft, so sind die Ausdrücke wie den Weg gehen, einerseits,geblieben, andererseitsin weg-gehen, weg-fahren usw. erstarrt.

↓441

Modaler Akkusativ

Auf einen ursprünglichen Akkusativ Singular weisen die nhd. Adverbien wie diesseits, jenseits (mhd. dis-, jen-, andersît), allen-, jeden-, keinenfalls, meistenteils (mhd. meistteil) usw. (vgl. Wilmanns 1909:621) hin.

Absoluter Akkusativ

↓442

Nachdem die Entwicklungslinien der absoluten Akkusativ-Konstruktionen in groben Zügen verfolgt wurden, lässt sich folgendes feststellen:

Der Akkusativ gewinnt immer mehr an Vielfalt in semantischer Hinsicht und die zweite Konstituente erweitert sich dabei in grammatischer Hinsicht.

Seit dem 17. Jh. kann der Akkusativ nicht nur ein konkretes sondern auch ein abstraktes Nomen sein:

↓443

(5)

Immer noch rief er, Sehnsucht im Herzen, Ungeduldig den heut´gen Tag. (Chamisso, Frauen-Liebe und Leben 5)

Im Laufe der Zeit erfuhr auch die zweite Konstituente der absoluten Akkusativ-Konstruktionen einen Wandel. Früher wurde sie öfters durch Präpositionalphrasen mit in, an, auf und einen Substantiv im Dativ ausgedrückt (6a), manchmal auch durch PPs mit um +Substantiv im Akkusativ (6b):

↓444

(6)

a. Man sitzt beim Bier, eine Pfeife im Mund (W.Al, R 425)
b. Willehalm 3,109, 25 - Umb ir kel ein swaeren stein = einen schweren Stein um den Hals

Erst im 19-20 Jh. kommt dabei eine größere Anzahl der Präpositionen (z.B.: vor, hinter, unter, bei, zwischen, über usw.) vor:

↓445

(7)

Da kommt ein Lehrer, seine Bücher unter´m Arm (WRChr.4)

Es ist zu bemerken, dass eine PP (an, in, auf +Subst. im Akk.) das Substantiv im Akkusativ u.a. hinsichtlich seiner Richtung beschreiben kann:

↓446

(8)

a. Die Augen auf den Boden, ging er gradaus. (W.Al, R. 304)
b. den Blick auf den Teller..

Absolute Akkusative können sowohl das Äußere als auch den inneren Zustand beschreiben:

↓447

(9)

a. Ein Paraplui und einen Spazierstock zusammengebunden unter dem Arm und ein kleines Felleisen auf dem Rucken, aus dem Sack steht ihm das kurze Tabakrohr seiner eingesteckten Pfeife. [Raimund: Der Verschwender, S. 92. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 80268 (vgl. Raimund-SW, S. 564)]

b. Wie sie da in Zweifel also lange genug gestanden und nach allen Weltgegenden hinausgesehen hatten, da kam eine Magd gelaufen von weither, die Sichel in der Hand, die Schürze halb voll von Gras, die hatte ihre Zweifelhaftigkeit wohl bemerkt, [Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, S. 543. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 555 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 312)]

c. Diese Gnade befeuerte den Grafen, er bewaffnete schnell die besten Leute; der Saal, wo die Ritter bankettierten, ward von ihnen besetzt, als der König, die Krone auf dem Haupte, das Schwert in der Hand, von vielen bewaffneten Fackelträgern umgeben, an seiner Seite der Graf in den Saal trat. [Arnim: Die Kronenwächter. Erster Band, S. 321. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 1236 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 696)]

d. Ja, und tausendmal ja! dachte Rosenzweig, Tränen in den Augen, erschüttert in allen Fugen seines Wesens. [Ebner-Eschenbach: Der Kreisphysikus, S. 84. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 9077 (vgl. Ebner-GW Bd. 3, S. 290)]

Im letzten Beispiel (9d) wird der Zusammenhang zwischen dem inneren und dem äußeren Zustand ausgedrückt.

↓448

Nach dem Kopulaverb sein könnendie absoluten Akkusative subjekt- bzw. objektbezogen sein:

(10)

Sie ist eine dürre, ältere Frau, das Tuch um den Kopf… (H.F., Jed.116)

↓449

Sehr oft werden die absoluten Akkusative durch Appositionen, Adverbien, Nebensätze usw. erweitert:

(11)

a. und unter einem derselben stand mein dicker Oheim in grüner Jacke, ein silbernes Waldhörnchen, in welchem eine Zigarre rauchte, im Munde und eine Doppelflinte in der Hand. [Keller: Der grüne Heinrich [Erste Fassung], S. 309. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 57281 (vgl. Keller-SW Bd. 3, S. 210)]

b. Auf den Hacken sich wiegend, die Hände noch immer in den Taschen. (W.Al, R 407)

↓450

Der Gebrauch von absoluten Akkusativen und Zwillingsformeln mit adverbialem Charakter wird noch in den synchronen Kapiteln näher beschrieben.

3.3 Adverbialer Akkusativ des Gegenwartsdeutschen

Der Akkusativ (der „Wen-Fall«) ist im Gegenwartsdeutschen der Kasus des direkten Objektes (Die Mutter liebt den Sohn), kann aber auch andere Funktionen im Satz erfüllen.

So kann eine Akkusativ-DP außerdem als Attribut (Die Sitzungen jeden Montag belasteten uns schwer), prädikativer Akkusativ96 (Ich nenne ihn einen Faulenzer) oder als uns interessierendes Adverbiale (Er saß bei uns vier Stunden. Er kommt jeden Tag zu uns.) auftreten.

↓451

Vergleichbar mit dem Genitiv kann also auch der präpositionslose Akkusativ als freies Adverbiale im Satz auftreten.

Um die adverbialen Akkusativ-DPs näher zu beschreiben, muss in erster Linie auf die Abgrenzung des adverbialen Akkusativs von anderen Satzgliedern eingegangen werden.

Laut Duden (1998:642) ist derAdverbialakkusativ ein Satzglied, das im Akkusativ steht, jedoch - im Gegensatz zum Akkusativobjekt - nicht durch ein Pronomen (also z.B. durch ihn, sie, es) ersetzt werden kann. Sein Kasus ist nicht durch ein Element seiner Umgebung festgelegt, z.B. durch das Prädikat; es handelt sich vielmehr um eine autonome Substantivgruppe. Bei Umsetzung eines Aktivsatzes in einen Passivsatz kann der Adverbialakkusativ nicht (wie das Akkusativobjekt) in den Nominativ treten, sondern bleibt erhalten. Bei sinnorientierter Ersatzprobe sind auch Ersatzstücke möglich, die nicht im Kasus bestimmt sind:

↓452

(1)

Er kommt jeden Tag - Er kommt täglich.
Wir haben die ganze Zeit geschlafen - Wir haben immer geschlafen. (aus Duden 1998:642)

Da es nicht immer leicht ist den Adverbialakkusativ eindeutig zu erkennen, beschäftigen sich einige Linguisten (Bausewein 1990:57-61, Renz 1993, Pittner 1999:49-52 u.a.) ganz präzise mit der Herausarbeitung der Kriterien zur Abgrenzung der Nominalphrasen in adverbialer Funktion von Nominalphrasen in Objekt- und Attributfunktion, worauf im Weiteren eingegangen wird.

3.3.1  Abgrenzungsprobleme

↓453

Abgrenzung der Adverbialien und Objekte

Ein Hauptunterschied zwischen adverbialen und Objektsakkusativen liegt nach Bausewein (1990:57) darin, dass der Kasus von Objekts-Nominalphrasen vom Verb festgelegt wird, d.h. regiert ist. Der adverbiale Akkusativ ist dagegen nicht regiert, sondern hat eine selbständige semantische Funktion (wie auch der adverbiale Genitiv in: Eines Tages erwachte er als Millionär etc.).

Adverbiale Akkusative können nicht umgeformt werden. Sie können bei Passivierung nicht zum Subjekt werden (es gibt aber Ausnahmen: Er saß zehn Jahre (lange) im Gefängnis. Zehn Jahre wurden von ihm im Gefängnis gesessen.) und bei Nominalisierung des Verbs nicht zum Genitivattribut werden.Ein weiteres Kriterium „grammatische Notwendigkeit“ kann auch keine klare Abgrenzung der Akkusativobjekte von den adverbialen Akkusativen leisten, schon alleine deswegen nicht, weil viele Akkusativobjekte fakultativ sind. Dabei verhalten sich die so genannten Maßakkusative wie obligatorische Akkusativobjekte (vgl. Bausewein 1990:57).

↓454

Eine weitere Möglichkeit liegt in der Erfragbarkeit und Pronominalisierbarkeit. Akkusativobjekte lassen sich mit wen oder was erfragen und durch Pronomina ersetzen. Adverbialien müssen dagegen ihrem semantischen Typ entsprechend erfragt werden (z.B.: wie lange? wohin?) und können durch ein entsprechendes Adverb ersetzt werden:

(2)

Er las den ganzen Roman.
- Er las ihn.
Er las den ganzen Tag.
- Er las damals /dann.

↓455

Zu den Abgrenzungskriterien gehören laut Bausewein (1990:58) die folgenden: Regiertheit des Akkusativs (Tests: Subjektfähigkeit bei Passivierung, Genitivattribut bei Nominalisierung des Verbs), grammatische Notwendigkeit (Test: Weglassbarkeit), Ersetzbarkeit (Tests: Erfragbarkeit und Pronominalisierbarkeit).

Eine mögliche Vorgehensweise zur Abgrenzung der Satzglieder wird u.a. im Duden (1998:642) mit folgenden Beispielen illustriert:

Akkusativobjekt:

↓456

(3)

a. Wir haben die ganze verfügbare Zeit (die ganze Woche, den ganzen Monat) eingesetzt.
b. Wir haben sie eingesetzt.
c. Die ganze verfügbare Zeit ist von uns eingesetzt worden.

Adverbialer Akkusativ:

↓457

(4)

a. Wir haben die ganze verfügbare Zeit (lange Zeit, lange) geschlafen.
b. * Wir haben sie geschlafen.
c. * Die ganze verfügbare Zeit ist von uns geschlafen worden usw.

Es gibt aber auch Fälle (u.a. bei den Akkusativen der Strecke), wo die oben erwähnten Tests zu den nicht eindeutigen, gemischten Ergebnissen führen vgl.:

↓458

(5)

a. Wir sind 110 Kilometer die Stunde (schnell /langsam) gefahren.
110 Kilometer die Stunde wurden von uns gefahren.
*Wir sind sie gefahren.
Wir sind gefahren.


b. Er ist die ganze Strecke (sehr lange) zu Fuß gegangen.
Die ganze Strecke wurde von ihm zu Fuß gegangen.
Er ist sie zu Fuß gegangen.
Er ist zu Fuß gegangen.

c. Er nahm zehn Kilo (viel) ab.
*Zehn Kilo wurden von ihm abgenommen.
*Er nahm sie ab.
Er nahm ab usw.

↓459

Maßakkusative

Eine spezifische Fragestellung betrifft die so genannten Maßakkusative nach Verben wie dauern, kosten, wiegen:

(6)

↓460

Der Sack wiegt einen Zentner
Die Zwiebeln kosten 80 Cent das Kilo

Normalerweise ist ein Adverbialakkusativ im Gegensatz zum Akkusativobjekt nicht durch ein Pronomen ersetzbar, bei Passivierung kann er nicht in den Nominativ treten, ist für den Satz nicht obligatorisch usw. Jedoch können diese Abgrenzungskriterien bei den Maßakkusativen erfahrungsgemäß nicht weiter helfen vgl.:

(7)

↓461

a. Der Sack wiegt einen Zentner.
* Der Sack wiegt ihn.
* Ein Zentner wurde von dem Sack gewogen.
* Ein Sack wiegt.

Viele Maßakkusative verhalten sich eigentlich wie obligatorische Akkusativobjekte:

(8)

↓462

a. Der Vortrag dauerte zwei Stunden (lange /bis zum Abend).
*Der Vortrag dauerte.
b. Der Zwischenfall kostete mich 3 Stunden (*sehr lange, viel?)
*Der Zwischenfall kostete mich usw.

Es gibt also viele Fälle, in welchen es schwer ist die syntaktische Funktion der Akkusative eindeutig zu bestimmen.

Karin Bausewein (1990:57-61) diskutiert das Problem der Abgrenzung der Maßakkusative und kommt zur Schlussfolgerung, dass sie sich genauso wie Akkusative der Strecke in einer „fuzzy area“ zwischen Objekt und Adverbial befinden, weil sie sich u.a. oft wie obligatorische Akkusativobjekte verhalten.

↓463

Es wärenatürlich wünschenswert weitere Kriterien zur Abgrenzung der DPs in adverbialer Funktion von DPs in Objektfunktion herauszuarbeiten. Dies ist aber im Rahmen der vorliegenden Untersuchung nicht möglich.

Adverbiale und attributive Akkusative

Die Struktur einer Akkusativ-DP und die lexikalische Zugehörigkeit ihres Kopfes sind für die Ermittlung der syntaktischen Funktion dieser DP im Satz nicht immer ausreichend. So können Akkusative mit temporaler Bedeutung wie jeden Abend, jeden Tag usw. verschiedene Funktionen im Satz erfüllen:

↓464

a) selten gebrauchte Attributive alsAngabe der Zeit (Welche Gespräche /Sitzungen?):

(9)

Unsere Gespräche jeden Abend waren für mich sehr anstrengend.
Die Sitzungen jeden Donnerstag belasteten uns schwer.

↓465

b) Adverbiale Angabe der Zeit (Wann?):

(10)

Wir sind jeden Abend (jeden Donnerstag) spazieren gegangen.
Wir haben unsere Gespräche jeden Abend geführt.
Wir haben die Sitzungen jeden Donnerstag besucht.

↓466

Außerdem ist zu verdeutlichen, dass nicht alle Substantive mit dem temporalen Bezug bei den adverbialen Akkusativen möglich sind:97

(11)

a. Wir waren diesen Sommer immer erschöpft.
b. * Wir waren diesen Krieg immer erschöpft.

↓467

Auf die substantivischen Köpfe temporaler Akkusative wird noch im Kapitel 3.3.2.1ausführlich eingegangen.

Oft ist es ist also schwierig, den adverbialen Akkusativ auf den ersten Blick und ohne Tests zu identifizieren.

3.3.2 Adverbialer Akkusativ und seine semantische Klassifikation

Im Weiteren werden die Bedeutungen und die lexikalischen Restriktionen adverbialer Akkusative ausführlich betrachtet. Die unten angeführte Tabelle gibt einen Überblick zu den Bedeutungstypen bzw. Untertypen der Akkusativ-DPs in adverbialer Funktion:

↓468

Tabelle 7: Semantische Klassifikation adverbialer Akkusativ-DPs

Adverbiale Akkusativ-DPs

Temporale

Lokale

Modale

Absolute Akkusative

Zwillingsformeln

Zeitpunkt

(fünf Minuten vor zehn)

Ort

(zwei Schritte vor der Tür)

Art und Weise

(den Hut in der Hand)

Art und Weise

(Kopf an Kopf)

einmaliger Zeitabschnitt

(letzte Woche)

passierter Bereich bzw.

Direktion

(einen Pfad wandeln)

Zeitdauer

(drei Wochen)

Frequenz

(jeden Abend)

3.3.2.1  Temporaler Akkusativ

Temporale Akkusative sind in der deutschen Gegenwartssprache weit verbreiteter und mannigfaltiger als die Genitive. Sie können vier temporale Bedeutungen zum Ausdruck bringen (Zeitdauer, Frequenz, Zeitpunkt und einmaliger Zeitabschnitt). Genauso wie beim Genitiv lassen sich Adverbialien, die den einmaligen Zeitabschnitt oder die Frequenz ausdrücken, mit allen semantischen Verbklassen kombinieren. Für die Durativadverbialien ist das Auftreten mit durativen Verben typisch.

Was die Auffüllung der DPs selbst angeht, so sind die semantisch-lexikalischen Restriktionen des adverbialen Akkusativs nicht so stark wie es beim Genitiv der Fall ist.

↓469

Als nominale Komponente treten bei den temporalen Akkusativ-DPs in erster Linie Substantive auf, in deren semantischer Struktur die temporale Bedeutung vorherrschend ist:

1) Benennungen von Zeiteinheiten98:
die Sekunde, die Minute, die Stunde
der Tag,
die Woche, der Monat,
das Jahr,
2) Benennungen von unbegrenzten bzw. nicht genau begrenzten Zeiträumen (Zeitabschnitten):
die Zeit, die Zeitlang, die Weile, die Ewigkeit
der Augenblick, der (das) Moment
3) Benennungen von Tageszeiten:
der Morgen, der Mittag, der Abend, die Nacht usw.
4) Benennungen von Wochentagen:
der Montag, der Dienstag usw.
5) Benennungen von Monaten: der Januar, der Februar usw.
6) Benennungen von Jahreszeiten: (der Sommer, der Herbst, der Winter, der Frühling)
7) Benennungen von Lebensperioden eines Lebewesens :
das Leben, die Jugend, die Kindheit
die Ferien, der Urlaub
8) Benennungen von Feiertagen: der Silvester, die Weihnachten usw.
9) Komposita, denen Benennungen von einigen Zeiteinheiten zugrunde liegen:
das Jahrtausend, das Jahrhundert, das Jahrzehnt
das Vierteljahr, die Viertelstunde, das Halbjahr
der Feiertag, Markttag, Kirchentag
10) Substantiv das Mal
11) Weiterhin gehören hierher Substantive (Der Weg, die Strecke, der Atemzug, der Augenaufschlag, der Schritt usw.), deren temporaler Bezug erst im Kontext realisiert werden kann, wie im folgendem Beispiel:

Er selbst dachte die ganze Strecke an seine Mutter und an den Admiral. (Mann. Die Jugend des Königs Henri Quatre.).

↓470

Im Gegensatz zu temporalen Genitiven scheint es bei temporalen Akkusativen, um einen besseren Überblick zu bekommen, logisch sie zuerst der vier temporalen Bedeutungen nach (Zeitdauer, Frequenz, Zeitpunkt und einmaliger Zeitabschnitt) zu gruppieren. Dabei ist zu bemerken, dass diese Bedeutungen ihrerseits durch bestimmte strukturell-semantische Varianten realisiert werden.

3.3.2.1.1  Zeitdauer

Am häufigsten drückt ein temporaler Akkusativ die Zeitdauer aus, wobei der Zeitabschnitt voll mit der Handlung bzw. dem Ereignis ausgefüllt wird.

Der Struktur nach lassen sich bei den durativen Akkusativen 3 Varianten unterscheiden:

↓471

I. Variante

(Q) (Det.) (Poss.) (Adjek.) + Subst. im Akk. Sg. /Pl.

einen Monat, zwei Stunden, ein dreiviertel Jahr, einige Minuten,
eine Ewigkeit, alle folgenden Tage

↓472

In der Variante I sind praktisch alle oben genannten temporalen Köpfe möglich, außer dem Wort das Mal, da seine Semantik dem Begriff der Durativität widerspricht.

Was die Struktur solcher DPs angeht, so können sie außer dem Nomen unterschiedliche Konstituenten (Q, Det, Poss, Adjektiv) beinhalten. Die Nomen treten in beiden Numeri (Sg., Pl.) auf, wobei die nicht zählbaren Wörter wie die Zeit, die Ewigkeit, die Weile eine Ausnahme darstellen. Die nominalen Köpfe solcher Akkusative können sich mit einzelnen Konstituenten (einen Monat, lange Jahre) oder mit unterschiedlichen Kombinationen von mehreren Konstituenten (zwei lange Abende, die ersten fünfzehn Jahre) verbinden. Es ist außerdem zu bemerken, dass die Determinanten immer an der ersten Stelle auftreten und die Quantoren sowohl vor als auch nach dem Adjektiv (die drei langen Jahre bzw. die langen drei Jahre, zwei lange Sekunden, volle zwölf Monate) stehen können.

Vorkommen von Quantoren

↓473

Die Reihe der Quantoren ist dabei sehr zahlreich: der traditionellen Terminologie nach sind es Grundzahlwörter (ein, zwei, drei), Ordnungszahlwörter (zweiter, dritter), Bruchzahlen (dreiviertel, anderthalb) und Indefinitpronomina mit quantitativer Bedeutung (viele, alle, einige, mehrere, wenige, manche, beide, kein):

(1)

a. Rubehn ist jetzt ein rundes Vierteljahr in unserer Stadt und hat nichts gesehen, als was zwischen unserem Comptoir und dieser unserer Villa liegt. [Fontane: L'Adultera, S. 75. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 13574 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 3, S. 157)]

b. Ein Vierteljahr will die Senatsverwaltung alle Vorschläge sammeln... (Berliner Morgenpost. Berlin startet Initiative zum Bürokratieabbau. Ausgabe vom 22.02.2005, Ressort Wirtschaft)

c. Der Cylinder der Feuermaschine hat vier und vierzig Zoll im Durchmesser, und wenn die Kaskade anderthalb Stunden laufen soll, werden sechzig Centner Steinkohlen verbrannt. [Forster: Ansichten vom Niederrhein, S. 437. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 17125 (vgl. Forster-W Bd. 2, S. 631)]

d. Demokritus hatte noch keinen Monat unter den Abderiten gelebt, als er ihnen, und zuweilen auch sie ihm, schon so unerträglich waren…[Wieland: Geschichte der Abderiten, S. 55. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 101814 (vgl. Wieland-W Bd. 2, S. 158)]99

e. Die zwei haben sich getroffen und waren beide Nächte zusammen.
( eingesehen am 26.07.2005)http://www.blick.ch/showbiz/artikel15633 eingesehen am 26.07.2005)

↓474

Vorkommen von Determinanten

In der durativen Bedeutung treten Akkusativ-DPs in Verbindung mit Determinanten auf, wenn dabei noch ein Quantor (2a) oder Adjektiv ganz, voll, rund (2 b) gebraucht werden. Im anderen Fall drücken sie einen einmaligen Zeitabschnitt (2c) aus vgl.:

(2)

↓475

a. Er arbeitete diese zwei Wochen.
b. Er arbeitete den ganzen Monat.
c. Er arbeitete diese Woche.

Die DPs in 2a und 2b beantworten eher die Frage Wie lange? und drücken die Zeitdauer aus, 2c beantwortet eher die Frage Wann? und drückt einen einmaligen Zeitabschnitt aus.

Vorkommen von Possessiva

↓476

Viel seltener kommen bei den durativen Akkusativen Possessiva vor. Dabei sind als nominale Köpfe das Substantiv das Leben in Verbindung mit dem Adjektiv ganz (3a)und wenige andere, die die Perioden des Lebens (die Jugend, die Kindheit) bezeichnen, möglich. Viel öfter werden solche Konstruktionen mit lang gebraucht, insbesondere, wenn das Adjektiv fehlt (3b):

(3)

a. Sein ganzes Leben schrieb er an diesem Buch.
b. Sein Leben lang schrieb er an diesem Buch.
c. *Sein Leben schrieb er an diesem Buch.

↓477

Vorkommen von Adjektiven

Für die Konstruktionen dieser Variante sind als Erweiterung bestimmte Adjektive typisch:

- So werden die Adjektive ganz, voll, rund als lexikalische Mittel für den zusätzlichen Ausdruck der vollen Ausgefülltheit des Zeitraums mit der Handlung verwendet:

↓478

(4)

a. Ich habe die ganze Nacht gebetet und geweint nach jenem Abend… [Brentano: Godwi, S. 707. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 5347 (vgl. Brentano-W Bd. 2, S. 438)]b. Ich sah ihn fast eine volle Stunde mit Erstaunen an…[Bürger: Münchhausen, S. 112. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 7535 (vgl. Bürger-Münchh., S. 153)]

- Und solche Adjektive wie lang und geraum unterstreichen extra die Dauer:

↓479

(5)

a. Ihr bücktet euch lange Jahre in den Dornäckern der Knechtschaft… [Büchner: Der hessische Landbote, S. 22. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 6993 (vgl. Büchner-WuB, S. 345)]

b. Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie, und noch lange Jahre bewahrte Georg die Erinnerung an diese Gruppe. [Hauff: Lichtenstein, S. 355. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 34360 (vgl. Hauff-SW Bd. 1, S. 204)]

c. und hat er nachher lange Jahre die königliche Mühle getrieben. [Brentano: Italienische Märchen, S. 119. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 6209 (vgl. Brentano-W Bd. 3, S. 367)]

d. In Jena hat sie eine geraume Zeit geweilt und war in einer wissenschaftlichen Verbindung mit meinem Freund… [Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz, S. 74. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 2917 (vgl. Arnim-WuB Bd. 1, S. 47)]

e. Er stützte gedankenvoll den Kopf in die Hände und verharrte so eine geraume Zeit. [Ebner-Eschenbach: Die Freiherren von Gemperlein, S. 71. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 8964 (vgl. Ebner-GW Bd. 1, S. 318)]

Außerdem kommen hier einige Adjektive in ihren Komparationsformen (längere Zeit, drei weitere Abende) vor, die aber im Kontext keinen Vergleich zum Ausdruck bringen:

↓480

(6)

a. Sie reichte ihm die Hand zum Kusse, er kniete längere Zeit still vor ihr. [Arnim: Die Kronenwächter. Erster Band, S. 131. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 1046 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 589)]
b. Das Publikum selbst schätzte längere Zeit die Vossischen früheren Arbeiten…[Goethe: Campagne in Frankreich 1792, S. 278. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 29130 (vgl. Goethe-HA Bd. 10, S. 360)]

Der Ausdruck längere Zeit ist ihrerseits zur erstarrten Redewendungen zu zählen.

↓481

Was die zusätzlichen kontextuellen Mittel angeht, so sind für die Sätze mit durativen DPs konkretisierende Adverbien wie schon, noch, etwa, ungefähr, fast, beinahe, kaum, mindestens usw. charakteristisch:

(7)

a. Er sitzt schon anderthalb Stunden im Prüfungsraum.

b. Er achtete Wind und Schneegestöber nicht, sondern irrte wohl anderthalb Stunden auf dem Wall und in der Stadt umher und überließ sich seinem Gram und seinen lauten Klagen. [Moritz: Anton Reiser, S. 323. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 73517 (vgl. Moritz-Reiser, S. 217)]

c. Wir sind nun schon fast zwei Tage hier und haben noch nicht einmal Ihren Namen erfahren. [Fontane: Vor dem Sturm, S. 840. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 12988 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 2, S. 228)]

d. Und ich warte nun schon manches Jahr und manchen Tag darauf. [Fontane: Grete Minde, S. 131. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 13464 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 3, S. 86)]

↓482

Es sind außerdem noch folgende Bedeutungsfeinheiten bei den durativen DPs zu beachten:

Wenn als nominale Köpfe durativer Akkusative die Benennungen von Wochentagen, Monatsnahmen, Feiertagen usw. im Plural auftreten, wird nicht eine ununterbrochene Dauer, sondern eine sich wiederholende Dauer ausgedrückt (vgl. Kapitel 1.5.1):

(8)

↓483

a. Er arbeitete fünf Tage – entweder hintereinander, d.h. eine ununterbrochene Dauer, oder eine unterbrochene Dauer
b. Er arbeitete fünf Dienstage – nur eine unterbrochene Dauer

Wenn eine adverbiale DP mit temporaler Bedeutung eine Ordinalzahl enthält, so umfasstdie Laufzeit der Handlung einen größeren Zeitraum als der, der mit der DP benannt wird:

(9)

↓484

a. Er arbeitete schon den dritten Tag in Berlin als Verkäufer.
b. Er arbeitete schon den dritten Samstag in Berlin als Verkäufer.

Aus diesen Sätzen (9a, 9b) ist klar, dass er schon den ersten und den zweiten Tag bzw. Samstag gearbeitet hat und der wirkliche Laufzeit der Handlung drei Tage beträgt und nicht nur einen Tag, der mit der DP genannt wurde.

Außerdem ist im Satz 9a nicht eindeutig, ob die Dauer unterbrochen oder ununterbrochen war (er hat dort schon, d.h. hintereinander oder schon zum gearbeitet).Dagegen handelt es sich beim Satz 9b um eine unterbrochene Dauer, was sich analog zu 8b erklären lässt.

↓485

Was die Gebrauchsfrequenz der durativen DPs der I. Variante angeht, so werden im Gegenwartsdeutschen an ihrer Stelle viel öfter Konstruktionen mit dem Zusatz von lang, über, hindurch usw. (er hat auf sie zwei Stunden lang gewartet; das dauerte mehrere Wochen lang, das ganze Jahr über) verwendet.

Laut Bierwisch (1987:18) sind Konstruktionen wie ziemlich breit, 2 Meter breit usw. Adjektiv-Phrasen mit dem Adjektiv als Kopf und einer Ergänzung, die seinen quantitativen Aspekt spezifiziert.

Nach Pittner (1999:58) handelt es sich in den Fällen mit lang um verkappte Adjektivphrasen, nicht jedoch um verkappte PPs, da eine die Dauer bezeichnende Präposition im Deutschen nicht existiert (vgl. Heidolph et. al. 1981:367) -und bei hindurch bzw. über (in solchen Phrasen wie diese Nacht durch /hindurch, den ganzen Tag über) um fakultativ auftretende Postpositionen, die den Kopf einer PP bilden.

↓486

M.E. sind sowohl die Konstruktionen mit lang als auch die mit hindurch, über usw. als PPs zu betrachten.

II. Variante

Subst. im Akk (Pl.)

↓487

Stunden, Wochen, Jahre

Die Bedeutung der Zeitdauer wird auch durch den Gebrauch von nicht erweiterten Akkusativen im Plural ausgedrückt. Die Anzahl solcher DPs ist begrenzt. Als substantivische Köpfe treten dabei nur die Benennungen von Zeiteinheiten auf:

(10)

↓488

Sie sang in der Wohnung, während ich arbeitete, sie putzte meine Fenster,
telefonierte Stunden mit ihren Freunden in Hamburg… (Judith Hermann, Sommerhaus, später. 8. Aufl. 2003:61)

Im Gegensatz zu den Konstruktionen mit einem Quantor (wir warteten zwei Stunden /Wochen /Tage /Jahre) drücken nicht erweiterte Akkusative (wir warteten Stunden /Wochen /Tage /Jahre) ebenso einen andauernden, aber ungenau begrenzten Zeitraum aus.

Durch solche Konstruktionen wird eine subjektive Einschätzung der Dauer ausgedrückt:

↓489

(11)

a. Er lebte dort (nur? oder schon?) vier Jahre – hier ist es unklar, ob vier Jahre als lange oder kurze Zeit eingeschätzt werden
b. Er lebte dort Jahre - er ist subjektiv eindeutig als ein langer Zeitraum eingeschätzt

Die Akkusativ-DPs der II. Variante werden dagegen wenig gebraucht. An ihrer Stelle sind ebenso die Konstruktionen mit lang (er hat auf sie Stunden lang gewartet; er erholte sich dort Wochen lang) viel üblicher, wie es auch bei den DPs der I. Variante der Fall ist.

↓490

III. Variante

Zwillingsformeln: Subst. 1+ Subst.1 /2

Jahre und Jahre, Sommer wie Winter, Jahr und Tag

↓491

Die Zeitdauer kann außerdem durch den doppelten Gebrauch der Substantive, d.h. durch die Zwillingsformeln ausgedrückt werden. Der doppelte Gebrauch der Substantive unterstreicht dabei extra die Zeitdauer (die zeitliche Erstreckung der Handlung).

Der Struktur nach lassen sich genauer zwei Gruppen unterscheiden. Als nominale Köpfe kommen in der ersten Gruppe Benennungen von Zeiteinheiten (das Jahr, die Stunde usw.) und in der zweiten Gruppe - Gegenwörter mit temporaler Bedeutung (der Tag - die Nacht, der Sommer – der Winter) in Betracht.Die Zwillingsformeln werden nicht zusätzlich erweitert und sind in ihrer fallunmarkierten Form erstarrt. Wie früher (Kapitel 1.2, S.21) erwähnt ist jedoch anzunehmen, dass dies Akkusative sind:

1) Subst. 1 im Akk. Plural + und + Subst.1 im Akk. Plural

↓492

Diese Konstruktionen sind zweiköpfig. Es wird dabei ein und dasselbe Substantiv im Akkusativ (Plural) mit der koordinierenden Konjunktion und verbunden (Jahre und Jahre, Monate und Monate):

(12)

Ihr ist, als hätten sie lange zusammen gelebt, der Fremde und sie, Jahre und Jahre. [Rilke: Der Totengräber, S. 16. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 81343 (vgl. Rilke-SW Bd. 4, S. 701)]

↓493

2) Subst.1 im Akk. Sg. + und /wie + Subst. 2 im Akk. Sg

Hierher gehören Zwillingsformeln, die mit und bzw. wie 100 verbunden werden, aber als Köpfe zwei unterschiedliche Substantive im Singular haben (Tag und Nacht, Sommer und Winter, Sommer wie Winter, Jahr und Tag 101 ):

(13)

↓494

Sauber und altmodisch gekleidet, trug sie Sommer und Winter denselben kleinen Seidenmantel… [Fontane: Schach von Wuthenow, S. 40. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 13765 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 3, S. 398)]

Die Redewendungen Tag und Nacht bzw. Sommer und Winter besteheneigentlich aus zwei Antonymen bzw. Gegenwörtern. Die ursprüngliche Gegenüberstellung beider Substantive ist aber in den Konstruktionen nicht mehr zu sehen. Den Redewendungen Tag und Nacht bzw. Sommer und Winter kommt also eine neue Bedeutung zu, die sie an die Adverbien wie immer und stets annähert:

(14)

↓495

Gevatter Breme, Ihr seid ein wunderlicher Mann; es ist Euch alles eins, Nacht und Tag, Tag und Nacht, Sommer und Winter. [Goethe: Die Aufgeregten, S. 18. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 22280 (vgl. Goethe-HA Bd. 5, S. 177)]

Auch die Redewendung Sommer wie Winter bedeutet laut Wahrig (2001:850) soviel wie bei jeder Temperatur, in jeder Jahreszeit, das ganze Jahr über.

3.3.2.1.2  Zeitpunkt

Die Bedeutung des Zeitpunktes wird nur durch die Akkusativ-DPs, die als Bestandteil einer PP oder einer CP (Nebensatz) auftreten, zum Ausdruck gebracht. Dabei sind zwei strukturell ähnliche, aber der Ausfüllung nach ungleiche Varianten zu unterscheiden:

↓496

I. Variante:

Q+ Subst. die Minute, das Viertel im Akk. + vor /nach +Q

zehn Minuten vor elf (10.50), ein Viertel nach elf (11.15)

↓497

Diese Variante bilden zweigliedrige Konstruktionen, die wie analoge lokale (vier Meter hinter der Tür) aufgebaut sind (vgl. Brandt 1999:86), aber die genaue Uhrzeit ausdrücken. Als nominaler Kopf der ersten Konstituente tritt das Wort die Minute im Akk. Sg. oder Pl. auf. Außerdem war vor der Neuen Rechtschreibreform in der ersten Konstituente das Substantiv das Viertel, das jetzt kleingeschrieben wird, möglich (15b). Als zweite Konstituente treten dabei Quantoren (Stundenangaben) auf, die früher auch großgeschrieben werden konnten (15b):

(15)

a. Zehn Minuten vor eins läutete die Tischglocke durch alle Korridore hin, und wiewohl die Haute-Saison noch nicht begonnen hatte, versammelte sich doch eine stattliche Zahl von Gästen im großen Speisesaal. [Fontane: Cécile, S. 22. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 13968 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 4, S. 326)]

b. Ein Viertel vor Zwölf ward das Thor der Abtei geschlossen... [Forster: Ansichten vom Niederrhein, S. 678. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 17366 (vgl. Forster-W, Bd. 2, S. 780)]

↓498

II. Variante:

DP als Bestandteil einer PP oder CP:

Q+ Subst. im Akk. + vor /nach + Subst. im Dat.

↓499

Q+ Subst. im Akk. + bevor /nachdem + CP

zehn Minuten vor /nach der Prüfung, einige Stunden bevor /nachdem er kam

Diese Variante ist der Struktur nach den Konstruktionen aus der Variante I ähnlich.

↓500

Die erste Konstituente (DP) besteht aus einem Quantor (Grundzahlwort, Indefinitpronomen) und einem Substantiv im Akkusativ, der eine Zeiteinheit mit kurzer Dauer (die Sekunde, die Minute, die Stunde) benennt102. Kommen in solchen DPs Zeiteinheiten von längerer Dauer vor (die Woche, der Tag, das Jahr usw.), so lässt sich kaum von einem Moment sprechen (vgl. fünf Minuten vor der Hochzeit und fünf Jahre vor der Hochzeit).

Die zweite Konstituente ist eine durch bevor /nachdem eingeleiteteCP oder eine PP, die aus der Präpositionen vor bzw. nach und einer DP im Dativ besteht. Als nominale Komponente solcher PPs sind Substantive typisch, die Ereignisse im weiten Sinne des Wortes bezeichnen: die Prüfung, die Vorlesung, das Treffen, der Krieg, der Semesterbeginn /-ende, der Geburtstag, Silvester usw.:

(16)

↓501

a. … er wollte einige Minuten vor seinem Tode, da er sich sehr heiter fühlte, noch auf der Laute spielen... [Brentano: Godwi, S. 720. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 5360 (vgl. Brentano-W Bd. 2, S. 444-445)]

b. Erst mehrere Stunden nach ihrer Auswanderung verbreitete sich das Gerücht derselben und große Scharen frommer Pilger folgten ihnen nach. [Arnim: Die Kronenwächter. Erster Band, S. 334. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 1249 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 704)]

c. Neun Jahre nach François Mitterrands Tod legt seine uneheliche Tochter Mazarine Pingeot Zeugnis ab. (Berliner Morgenpost. Mein Papa, der Präsident. Ausgabe vom 08.03.2005, Ressort Kultur)

d. Schon anderthalb Stunden vor Ankunft des Zuges war der Salpeter der weiblichen Volksmenge an den Mauern und Fenstern angeschossen. [Jean Paul: Titan, S. 342. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 51311 (vgl. Jean Paul-W, 1. Abt. Bd. 3, S. 223)]

Mit dieser Variante lassen sich meistens nicht durative Verben kombinieren, obwohl auch die durativen nicht ganz ausgeschlossen sind (vgl. Kapitel 1.5.1):

Wie oben gesagt, drücken solche Akkusativ-DPs als Bestandteil anderer Phrasen (PP, CP), die die Nach- bzw. Vorzeitigkeit bezeichnen (17a, 17b), einen Zeitpunkt aus. Ähnlichen unabhängigen DPs kommt die Bedeutung der Zeitdauer (17c) zu, was die Unmöglichkeit ihrer Kombination mit nicht durativen Verben (17d) beweist:

↓502

(17)

a. Er kam zehn Minuten vor /nach der Vorlesung
b. Er kam zehn Minuten bevor die Vorlesung begann
c. Er las zehn Minuten.
d. *Er kam zehn Minuten

3.3.2.1.3  Einmaliger Zeitabschnitt

Eine weitere Bedeutung, die die temporalen Akkusativ-DPs haben können, ist ein bestimmter einmaliger Zeitabschnitt, in dessen Rahmen die Handlung abläuft. Wie früher erwähnt, unterscheiden sich DPs mit dieser Bedeutung von den DPs, die die Zeitdauer ausdrücken, darin, dass sie die Frage Wann? und nicht Wie lange? beantworten103. Deswegen sind die temporalen Akkusative genauso wie Genitive, die den einmaligen Zeitabschnitt ausdrücken, in Bezug auf volle bzw. nicht volle Ausgefülltheit des Zeitraums mit der Handlung nicht markiert, sondern es hängt vom jeweiligen Kontext ab (vgl. Kapitel 1.5.1).

↓503

Der Gebrauch von Determinanten (der, dieser, jener usw.) kann dabei zusätzlich die Bestimmtheit des Zeitabschnittes unterstreichen.

Einige dieser Akkusative werden durch Attribute (vorig, letzt) und Partizipien (vergangen) erweitert, die die Nacheinanderfolge bezüglich des Redemoments (Er schenkte vergangenes Jahr dem Freunde das Buch) oder einer anderen Handlung ausdrücken (Am Mittwoch waren wir im Kino und nächsten Tag waren wir im Theater).

Hier lassen sich drei strukturell-lexikalische Varianten unterscheiden:

↓504

I. Variante

(Det.) (Adjek. /Part.) + Subst. im Akk. (Sg.)

diese /letzte Woche, voriges Jahr, vergangenen Frühling

↓505

Als lexikalischer Kopf sind unterschiedliche Zeiteinheiten, Wochentagsnamen, Monatsnamen, das Wort das Jahr, Benennungen von Jahreszeiten usw. möglich.

Außer denNomina kommen in diesen DPs Determinantien (der, dieser usw.), Adjektive und Partizipien I /II, die den genannten Zeitraum identifizieren (letzt-, nächst-, vorletzt-, übernächst-, folgend, kommend, vergangen) vor:

(18)

↓506

a. »Als ich vergangenen Sommer«, setzte sie nach einer Weile hinzu, »mit der Gräfin aus Rom kam…[Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts, S. 145. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 11040 (vgl. Eichendorff-W Bd. 2, S. 646)]

b. Die Kleene war in Afrika letztes Jahr, im Flüchtlingslager - die ist mir immer einen Schritt voraus. (Berliner Morgenpost. Chamäleon und Ufo-Gläubige: Punklady Nina Hagen wird 50. Ausgabe vom 06.03.2005, Ressort Stadtmenschen)

c. Was war das wieder für ein Spektakel vergangenen Sonntag! [Meyer: Der Schuß von der Kanzel, S. 33. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 70987 (vgl. Meyer-SW Bd. 1, S. 79)]

Einige Substantiva (Sekunde, Minute, Tag, Abend) treten in Verbindung mit den oben genannten Adjektiven und Determinantien kaum auf (vgl. vorigen /nächsten Tag, diesen Tag). So werden anstelle der Benennungen von Tageszeiten und des Wortes Tag mit solchen Erweiterungen (vorig-, dieser usw.) meistens Adverbien wie heute, gestern, morgen usw. gebraucht. Was Sekunde und Minute betrifft, so kann man dies damit erklären, dass nur selten auf eine bestimmte Sekunde oder Minute referiert wird (vgl. Pittner 1999:57).

Im Allgemeinen sind Adjektive wie vorig, letzt, nächst usw., die die Reihenfolge der Zeitabschnitte bezeichnen, beim Ausdruck eines bestimmten einmaligen Zeitabschnittes üblich, in dessen Rahmen die Handlung (Wann? - voriges Jahr) abläuft. Dennoch ist zu beachten, dass die Verbindung eines Quantors (zwei, alle) mit einem temporalen Akkusativ im Plural die Zeitdauer, d.h. einen voll mit der Handlung ausgefüllten Zeitraum (Wie lange? - alle folgenden Tage, die zwei letzten Jahre usw.) ausdrücken kann:

↓507

(19)

So hatte ich meinen Gesellen bis gegen Weihnachten immer als Schlafkameraden gehabt, als ich ihn die zwei letzten Tage und Nächte vor dem Christtag ausbleiben sah. [Brentano: Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter, S. 25.Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 5473 (vgl. Brentano-W Bd. 2, S. 667)]

II. Variante

↓508

Det (der)+ Q+ Subst. im Akk. (Monatsnahmen im Sg.)

den 6. Mai, den 22. Juni

Diese Variante drückt kalendarische Datumsangaben aus. Die DPs bestehen aus Quantoren (nur Ordnungszahlen, die ein Datum ausdrücken) in Verbindung mit Substantiven, die nur die Monate benennen:

↓509

(20)

Von Paris reisten wir den 6. Julius über Livry und Cloye nach Meaux, welches eine alte, sehr schöne Kathedralkirche hat. [Forster: Ansichten vom Niederrhein, S. 823. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 17511 (vgl. Forster-W Bd. 2, S. 867)]

Dabei handelt es sich um einen eindeutigen, explizit ausgedrückten Akkusativ.

↓510

III. Variante

Impliziter Akkusativ

Subst. 1+ (Subst. 2) + (Q)

↓511

Samstag, Anfang Mai 2004, Mitte Februar usw.

In der deutschen Gegenwartssprache wird neben den expliziten Akkusativen (den 25. Mai) und anstelle der PPs mit grammatisch ausgedrücktem Kasus (am Freitag, am 2. Mai, am Anfang des Januars) auch der implizite Akkusativ (Freitag, Ostern, Nachmittag, Anfang 1996) verwendet. Dieser Kasus tritt des Öfteren in der Geschäftskorrespondenz und in der Sprache der Massenmedien auf, die besonders zur Sprachökonomie tendieren. Zu den impliziten Akkusativen ist folgendes zu zählen:

- die Bezeichnungen von den Wochentagsnamen, Benennungen von Tageszeiten und einigen Festen ohne jeweiligeErweiterung104:

↓512

(21)

Fakt ist: Wer Sonntag gewinnt, hat erst einmal einen klaren Vorteil in der Meisterschaft", sagt Frankfurts Trainer Hans-Jürgen Tritschok. (Berliner Morgenpost.Showdown am Brentanobad. Ausgabe vom 06.03.2005, Ressort Sport)

- Datumsangaben und Verbindungen von Substantiven Anfang, Mitte, Ende mit den Monatsnamen und /oder mit den Grundzahlen, die Jahre benennen:

↓513

(23)

a. So kam der Einsegnungstag, Ende September, und den Sonntag darauf war Abendmahl, an dem alle Mitglieder des Hauses teilnahmen. [Fontane: Grete Minde, S. 52. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 13385 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 3, S. 38)]
b. Ende März kommt sie das nächste Mal nach Berlin. (Berliner Morgenpost , Für Karl Lagerfeld auf dem Catwalk in Paris. Ausgabe vom 08.03.2005, Ressort Stadtmenschen)
c. Es geschah Anfang September 1999 in München.

Es kommen auch die unerweiterten Jahresangaben vor:

↓514

(24)

Er wurde 1998 geboren.

Des Öfteren ist für den Ausdruck eines Datums auch eine Mischung von expliziten (Variante II) und impliziten Akkusativen (Variante III) möglich:

↓515

(25)

Die Versammlung findet Freitag, den 12. Mai 2004 statt.

Es ist zu erwähnen, dass neben temporalen Genitiven (nachts, samstags) auch viele Akkusative adverbialisiert wurden:

↓516

(26)

»Persepolis« habe ich gestern nacht gelesen. [Goethe: Italienische Reise, S. 657. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 28611 (vgl. Goethe-HA Bd. 11, S. 412)]

3.3.2.1.4  Wiederkehr oder Frequenz der Handlung

Bei frequentativen Akkusativen lassen sich Konstruktionen, die regelmäßige Wiederholung, Vielfachheit, Vielfachheit innerhalb eines begrenzten Zeitrahmens oder implizite Iteration ausdrücken, unterscheiden (vgl. Kapitel 1.5.1). Der Struktur und Bedeutung nach kann man sie in 5 Varianten unterteilen:

↓517

I. Variante

Q1 jeder /alle + (Q2) + (Adjek.) + Subst. im Akk. (Sg. /Pl.)

jeden Morgen /Tag /, jeden ersten /zweiten /letzten Samstag, jedes Mal
alle Tage, alle zehn Jahre, alle paar Minuten
alle Augenblicke

↓518

Die DPs dieser Variante drücken regelmäßige Wiederholung aus. Dabei geschieht die Angabe der Häufigkeit des Zeitraums meist unter Bezug auf das durch Kalender und Uhrzeit festgelegte Zeitsystem. Als nominale Köpfe dieser Variante treten nahezu alle in dem Kapitel 3.3.2.1. genannten Substantiva(Tag, Monat, Dienstag, Sommer usw.) auf.Substantive wie das Leben, die Jugend, die Ewigkeit und einige andere,die der Idee der Wiederholung widersprechen, kommen nicht vor.

Mit dem Quantor jeder treten die oben erwähnten Nomina und auch das Substantiv das Mal im Singular auf. Dabei können weitere Quantoren (Ordinalwörter: jeden ersten Montag) oder Adjektive vorkommen (jeden sonnigen Nachmittag):

(27)

↓519

a. Ich kriege natürlich jeden Tag meine Zeitung, aber es is mir immer zuviel und das große Format und das dünne Papier. [Fontane: Der Stechlin, S. 433. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 16466 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 8, S. 281)]

b. …ungefähr jeden vierten Markttag wird sie von einer andern Magd begleitet. [Hoffmann: Des Vetters Eckfenster, S. 10. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 48294 (vgl. Hoffmann-PW Bd. 6, S. 748)]

c. Jeden zweiten Monat wird ein Heft von zwölf Bogen in gr. 8 broschiert und mit einem Umschlag geliefert. Der Preis der Unterzeichnung [Schiller: [Ankündigung der Rheinischen Thalia], S. 11. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 85415 (vgl. Schiller-SW Bd. 5, S. 860)]

In der Bedeutung jeder kommt auch der Quantor alle vor, der sich mit den Nomina im Plural und Grundzahlwörter bzw. dem Indefinitpronomen paar verbindet:

(28)

↓520

a. Sagen Sie Otto doch, wenn Sie ihn sehen, dass ich alle Tage, dass ich jede Stunde an ihn denke. (Fallada. Jeder stirbt für sich allein.)

b. Die jungen Spartaner mußten sich alle zehn Tage vor den Ephoren nackend zeigen, die denjenigen, welche anfingen fett zu werden, eine strengere Diät auflegten. (Winckelmann: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke ..., S. 6. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 102326 (vgl. Winckelmann-BDK, S. 4)

Außerdem können die ursprünglich lokalen DPs wie jede zehn Schritte bzw.alle zehn Schritte je nach dem Kontext auch die temporale Funktion erfüllen:

(29)

↓521

Alle zehn Schritte machte ich eine Marke aus Russ. (Frisch. Stiller 123).

Im Gegensatz zu anderen Konstruktionen dieser Variante drückt die DP jedes Mal keine Regelmäßigkeit in der Wiederholung aus. So bleibt in dem Satz (30) unklar, ob die Zeitintervalle zwischen den Handlungen gleich oder ungleich sind (vs. jeden Samstag):

(30)

↓522

Jedes Mal, als Opa zu seinen Enkelkindern kam, brachte er Geschenke mit.

Die an sich wenig informative Redewendung jedes Mal wird öfters durch weitere temporale Angaben oder Nebensätze verdeutlicht:

(31)

↓523

a. Nach der Kirche aber pflegte er jedes Mal bei der alten Hofdame anzutreten… [Arnim: Die Majoratsherren, S. 7. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 2083 (vgl. Arnim-RuE Bd. 3, S. 35)]

b. Sie kleidete sich jedes Mal, wenn ein Gast da war, zum Speisen neu an… [Stifter: Der Nachsommer, S. 798. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 89162 (vgl. Stifter-GW Bd. 4, S. 579)]

c.Es war mir dieselbe Wohnung eingeräumt und hergerichtet worden, welche ich jedes Mal, so oft ich in dem Sternenhofe gewesen war, inne gehabt hatte. [Stifter: Der Nachsommer, S. 770. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 89134 (vgl. Stifter-GW Bd. 4, S. 558)]

Die Redewendung jeden dritten Tag, kann sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinne (=sehr oft) verstanden werden:

(32)

↓524

Sonst sahen wir Sie jeden dritten Tag, und Sie haben diesmal eine Woche vergehen lassen, fast eine Woche. [Fontane: L'Adultera, S. 105. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 13604 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 3, S. 176)]

Obwohl die meisten Konstruktionen mit dem Quantor jeder sich wiederholende Zeitabschnitte bezeichnen, in deren Rahmen sich wiederholende Handlungen ablaufen (Er kommt zu uns jeden Tag), können sie auch sich wiederholende Zeitabschnitte darstellen, in denen jeweils nur eine einmalige Handlung erwartet wird:

(33)

↓525

Sie können jeden Tag zu uns kommen
Sie kann jede Minute anrufen.
Etw. kann jede Sekunde platzen

D.h. Quantor jeder hat in solchen Fällen die Bedeutung - beliebiger.

II. Variante

↓526

Subst.1 im Akk. Sg. + um /für + Subst. 1 im Akk.Sg.

Jahr um Jahr, Tag um Tag (=jedes Jahr /jeden Tag),
Tag für Tag, Morgen für Morgen (=jeden Tag /Morgen),
Mal auf Mal, Mal für Mal (=jedes Mal)
einen Tag um den anderen, ein Mal ums andere oder ein um das andere Mal (=jeden zweiten Tag, jedes zweite Mal)
Schlag auf Schlag (=ohne Unterbrechung, schnell nacheinander)
Stunde um Stunde (=ständig, immer)105

Solche Zwillingsformeln, bei denen zwei gleiche Substantive mit den Präpositionen um, für und auf verbindet werden, können Frequenz (regelmäßige Wiederholung) ausdrücken:

↓527

(34)

a. Tag für Tag wiederholte sich dieselbe Tortur. [Ebner-Eschenbach: Der Vorzugsschüler, S. 45. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 9241 (vgl. Ebner-GW Bd. 1, S. 541)]

b. Ich kann hier nicht leben und an ihrem Hause Tag um Tag gleichgiltig vorübergehen, als wüßt ich nicht, wer hinter den herabgelassenen Rouleaux seine Tage vertrauert. [Fontane: Cécile, S. 259. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 14205 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 4, S. 475)]

III. Variante

↓528

(Q) + (Adjek.)+Subst. Mal im Akk. (Sg. /Pl.)

zwei /drei /hundert /tausend Mal(e), einige /mehrere Mal(e), manche Male, manches Mal, unzählige Male

Diese Variante drückt Vielfachheit aus und wird aus dem Substantiv Mal im Sg. oder Pl. in Verbindung mit Quantoren und eventuell Adjektiven (unzählig, letzt) gebildet.

↓529

Als Quantoren kommen hier Grundzahlwörter außer ein 106 und indefinite Pronomina mit quantitativer Bedeutung (manche, viele, mehrere) vor.

Durch Grundzahlwörter wird eigentlich die bestimmte Zahl der Wiederholungen (fünf Mal) benannt, dennoch werden einige Redewendungen wie hundert bzw. tausend Mal auch oft im übertragenen Sinne (mehrmals) gebraucht.

Indefinite Pronomina und Adjektiv unzählig in Verbindung mit Mal bezeichnen die unbestimmte Zahl der Wiederholungen:

↓530

(35)

a. Er hat sich schon einige Male mit ihm geschlagen [Eichendorff: Ahnung und Gegenwart, S. 168. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 10087 (vgl. Eichendorff-W Bd. 2, S. 102)]

b. Vor allem, wenn man bedenkt, daß es sich im wirklichen Leben unzählige Male ähnlich abspielt. (Berliner Morgenpost. Unter Freuden. Ausgabe vom 03.02.2005, Ressort Bühne)

In den Sätzen sind Kombinationen verschiedener Quantoren untereinander oder mit Adjektiven möglich:

↓531

(36)

a. Cöleste, sei gegrüßt, sei viele tausend Male gegrüßt! [Stifter: Studien, S. 1130. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 90685 (vgl. Stifter-GW Bd. 2, S. 173)]

b. Selten ist mir einer von ihnen verachtungswürdig erschienen, aber Hunderte unzählige Male beklagenswert. [Ebner-Eschenbach: Der Kreisphysikus, S. 110. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 9103 (vgl. Ebner-GW Bd. 3, S. 305)]

c. …und da er die lange Brücke von Mestre wohl schon einige hundert Male passiert hatte… [Raabe: Der Schüdderump, S. 496. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 77998 (vgl. Raabe-AW Bd. 4, S. 682)]

d. Ich habe schon 8 mal bei buch24.de bestellt und war alle 8 Male sehr begeistert! (www.ciao.de/Erfahrungsberichte/Buch24_de__943259 - 28k - 9. Okt. 2005)

Der Gebrauch von Numerus ist bei den Konstruktionen dieser Variante oft unkonsequent (37a, 37b), was mit der Erstarrung adverbialer Kasus zusammenhängt. So werden im Gegenwartsdeutschen einige DPs mit Mal meistens in ihrer adverbialisierten Form (manchmal, mehrmals, zweimal usw.) gebraucht. Aufgrund vorhandener Beispiele (37a, 37b, 37c) lassen sich verschiedene Adverbialisierungsstufen (mehrere Male - mehrere Mal - mehrmals, zwei Male - zwei Mal - zwei mal - zweimal usw.) beobachten:

↓532

(37)

a. Rosa hatte unterdes über dem Gespräche mehrere Male gegähnt. [Eichendorff: Ahnung und Gegenwart, S. 57. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 9976 (vgl. Eichendorff-W Bd. 2, S. 38)]

b. Es muß dies schon mehrere Mal geschehen sein, denn die Ritter verwunderten sich nicht als er weiter fortfuhr…[Hauff: Lichtenstein, S. 375. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 34380 (vgl. Hauff-SW Bd. 1, S. 215)]

c. Da fällt das Haupt, vor dem Frankreich zwei mal hat gezittert! [Arnim: Gespräche mit Dämonen. Des Königsbuches zweiter Band, S. 261. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 4088 (vgl. Arnim-WuB Bd. 3, S. 376)]

Einige DPs dieser Variante stellen idiomatisierte Wendungen dar:

↓533

(38)

a. Ich habe mich manches Mal auch feige gefühlt. [Fontane: Frau Jenny Treibel, S. 91. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 15170 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 6, S. 325)]

b. Ich habe mich manches liebes Mal selbst in einer solchen Lage der Versuchung befunden. [Bürger: Münchhausen, S. 16. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 7439 (vgl. Bürger-Münchh., S. 27)]107

IV. Variante

↓534

DP1(Q+Subst. Mal im Akk. Sg. /Pl.) + PP /DP2

fünf Mal in der Woche /pro Woche, zwei Mal im Monat, drei Mal am Tag,
zehn Male pro Stunde, mehrere Male pro Monat, wenige Male pro Jahr, viele hunderte Male pro Sekunde,
fünf Mal die Woche, drei Mal des Tages

Die meisten in der Variante III beschriebenen DPs bilden auch komplexe Konstituenten mit PPs oder weiteren DPs, die verschiedene Zeitintervalle benennen. Durch diese komplexen Konstituenten (z.B. zwei Mal am Tag /im Leben ) wird die Vielfachheit innerhalb eines begrenzten Zeitrahmensausgedrückt.

↓535

In PPs kommen unterschiedliche Nomina mit temporaler Semantik (Sekunde, Jahr, Ferien, Leben) und Präpositionen in, an, pro vor. In DPs2 treten einige wenige Nomina im Genitiv (des Tages, des Jahres) 108oder Akkusativ (die Woche, die Stunde) auf.

(39)

a. Jetzt traf man die Einrichtung, daß der junge Priester, der den Religionsunterricht der Kinder besorgte, zwei Mal in der Woche von der Pfarre herüber kam, um das Mädchen Gott und die Gebräuche unserer heiligen Religion kennen zu lehren. [Stifter: Bunte Steine, S. 423. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 91807 (vgl. Stifter-GW Bd. 3, S. 312-313)]

b. Er kam einige Male in den Ferien zu seiner Mutter… [Raabe: Die Akten des Vogelsangs, S. 130. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 79220 (vgl. Raabe-AW Bd. 6, S. 712)]

c. Da Lichtwellen mehrere hunderttausendmilliarden Male pro Sekunde schwingen… (www.taz.de/pt/2005/10/07/a0232.nf/text, gesehen am 10.10.2005)

↓536

Der komplexen Struktur nach sind diese DPs einigen temporalen (zehn Minuten vor der Prüfung) und lokalen DPs (vier Meter vor der Tür) ähnlich.

V. Variante

Implizite Iteration

↓537

(Det.) /(Q1) +(Q2) /(Adjek.)+Subst. Mal im Akk. (Sg.)

das erste /zweite Mal, das nächste /letzte /vorige Mal
ein /kein Mal, ein nächstes Mal, ein anderes Mal, ein einziges Mal,
dieses /dies Mal
erstes /zweites Mal, letztes /voriges Mal

Für die DPs dieser Variante ist die Verbindung des Substantivs Mal im Sg. in erster Linie mit Ordinalzahlen und Adjektiven wie vorig, letzt, nächst typisch, es kommen aber auch Det. (das, dies, dieses) und Quantoren ein /kein vor:

↓538

(40)

a. Endlich sagt er ganz freundlich, das nächste Mal werde er gewiß eine Form gefunden haben, um mir's begreiflich zu machen…[Arnim: Die Günderode, S. 159. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 2308 (vgl. Arnim-WuB Bd. 1, S. 292)]

b. Das eine Mal aber kam es mir vor, als wenn es dabei von unten: »Pst! pst!« heraufrief. [Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts, S. 76. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 10971 (vgl. Eichendorff-W Bd. 2, S. 606)]

c. Und dies zweite Mal sang ich noch besser… [Arnim: Die Günderode, S. 117. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 2266 (vgl. Arnim-WuB Bd. 1, S. 273)]

d. …o könnt ich nur ein einzig armes Mal noch ihn umarmen! [Brentano: Ponce de Leon, S. 142. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 4531 (vgl. Brentano-W Bd. 4, S. 209)]

Solche Konstruktionen drücken einerseits einen einmaligen konkreten Fall aus (erstes Mal, nächstes Mal), andererseits birgt das Substantiv Mal die Bedeutung der Wiederholung und der Vielfachheit in sich. So ist laut Wahrig (2001:612) Mal – ein Zeipunkt von mehreren, Wiederholung von Ähnlichem zu verschiedenen Zeitpunkten.

↓539

Also wenn es auf irgendein Mal referiert wird, so sollten auch vorherige und nachfolgende Male existieren. Deswegen kann an dieser Stelle von impliziter Iteration gesprochen werden.

Die Redewendung kein Mal ist m.E. auch zu dieser Variante zu zählen, da sie eine Nulliteration darstellt:

(41)

↓540

Kein Mal, nicht ein einziges Mal tat Roderer seiner Tochter Erwähnung. [Stifter: Nachkommenschaften, S. 73. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 91932 (vgl. Stifter-GW Bd. 3, S. 617)]

Unklare Fälle

Außer impliziter Iteration, die an der Schnittstelle zwischen Frequenz und Einmaligkeit liegt, gibt es unter temporalen Akkusativ-DPs auch andere unklare Fälle, deren semantische Zugehörigkeit zweideutig interpretierbar ist.

↓541

In erster Linie ist dies bei den Konstruktionen mit Ordinalwörtern der Fall:

- Wenn als lexikalischer Kopf Substantive auftreten, die die Zeiteinheiten (Tag, Woche usw.) benennen, ist der Unterschied zwischen Zeitdauer und Frequenz nicht nachvollziehbar:

(42)

↓542

Er arbeitete schon den dritten Tag in Berlin als Verkäufer.

Der oben angeführte Satz ist ambig und lässt zwei Lesarten zu: er arbeitet dort schon oder schon zum

Außerdem ist nicht immer eindeutig, ob durch den temporalen Akkusativ der Zeitabschnitt oder die Zeitdauer ausdrückt wird:

↓543

(43)

a. Sie hat die Nacht nicht geschlafen.
b. Sie arbeitet diesen Monat.

Temporale DPs in 43a und 43b sind sowohl mit Wie lange? als auch mit Wann? erfragbar

↓544

Öfters können dabei weitere lexikalische Mittel helfen:

(44)

a. Sie hat die ganze Nacht nicht geschlafen.
b. Sie arbeitet nur diesen Monat. - also Zeitdauer (Wie lange?)

3.3.2.2 Lokaler Akkusativ

↓545

Was zu den lokalen Akkusativen und was zu den Objekten gezählt werden soll ist eine strittige Frage. Eine verbreitete Meinung ist die, dass der lokale Akkusativ sich aus dem Akkusativ des inneren Objektes entwickelt hat.

Wilmanns (1909:486) nennt solche Ausdrücke, wie Trab laufen, Schritt gehen, Kopf stehen usw., zweifelhafte Akkusative, weil es strittig ist, ob man sie zu den Adverbialien oder zu den Objekten zählen soll.

Brugmann (1904:441) führt als Beispiele zu den Akkusativen des inneren Objektes folgende Beispiele an:

↓546

(1)

Er geht einen Botenweg; er führt ein gutes Leben

Heyse (1908:428) und Schmidt (1977:146) betrachten als Akkusative des inneren Objektes Konstruktionen wie: einen Weg (einen Gang) gehen, eine Strecke gehen, und als lokaler Akkusativ werden Ausdrücke einen Kilometer gehen, die Strecke von A bis B fahren betrachtet. Heutzutage werden solche Konstruktionen wie einen Kilometer gehen öfters als Akkusative der Strecke (vgl. Bausewein 1990:59, Pittner 1999:51) bezeichnet. Die Frage aber, ob es sich dabei um ein Objekt oder ein Adverbiale handelt, bleibt offen.

↓547

In den „Grundzügen einer deutschen Grammatik“ von Heidolph et. al. (1981:367) werden als Bestimmungen der räumlichen Extension (Adv.III) z.B. Konstruktionen wie einen Kilometer (in: Wir müssen noch einen Kilometer zu Fuß gehen) betrachtet. Außerdem kann man solche Strukturen auch als Maßangaben betrachten. Dabei bleibt unklar, ob eine Maßangabe ihrer Funktion nach ein Objekt oder eine valenznotwendige Adverbialbestimmung ist (Heidolph et. al., 1981:392).

Bausewein (1990:59-60) findet bei den NPs mit lokaler Bedeutung sowohl Eigenschaften, die sie den Adverbialien annähern (sind nicht valenzgebunden, sind erfragbar, können durch Lokaladverb ersetzt werden usw.), als auch Merkmale, nach welchen sie zu den Objekten zu zählen sind (kommen nur nach Verben der Bewegung, sind passivierbar und pronominalisierbar usw.) vgl.:

(2)

↓548

Sie lief 100m in 9 Sekunden.
100m wurden von ihr in 9 Sekunden gelaufen.
Sie lief 100m weit.
*100m weit wurden von ihr gelaufen.

Solche Akkusative treten öfters auch mit Postpositionen auf:

(3)

↓549

Sie gingen den Fluss entlang.
? Der Fluss wurde von ihnen entlanggegangen.
Wo /was sind seid ihr entlanggegangen?
?? das Entlanggehen des Flusses /am Fluss
Sie sind dort entlanggegangen usw.

Nach Bausewein (1990:60) befinden sich die Akkusative der Strecke genauso wie die Maßakkusative in einer „fuzzy area“ zwischen Objekt und Adverbial.

Durch lokale DPs kann eigentlich eine Strecke (Trasse), eine Direktion (Richtung) oder ein Ort benannt werden.

↓550

Der Struktur und der Bedeutung nach sind dabei zwei Varianten zu unterscheiden:

I. Variante

(Det.)+(Q)+ (Poss.)+ (Adjek.) + Subst. im Akk.

↓551

Diese DPs können eine Trasse bzw. eine Direktion zum Ausdruck bringen. Dabei geht es um Einzelfälle, meistens um die Konstruktionen mit dem Kopf der Weg:

(4)

Er ging diesen (seinen) Weg

↓552

Als substantivische Köpfe kommen Wörter: die Straße, der Korridor, der Gang, der Pfad, der Kilometer und eventuell wenige andere in Frage:

(5)

seine Straße ziehen, einen anmutigen Pfad wandeln

↓553

Solche Akkusative kommen meistens nach den Verben der Bewegung wie gehen, kommen, ziehen, wandern, fahren, schreiten, laufen, fahren usw. vor.

Es ist manchmal schwer die lokalen und modalen Adverbialien nicht nur von den Objekten sondern auch voneinander abzugrenzen:

(6)

↓554

a. Die Straße führt erst einen Kilometer geradeaus, dann geht es einige hundert Meter in Serpentinen weiter.....
b. Er ist die ganze Strecke zu Fuß gegangen.

Die Konstruktionen mit dem Wort der Weg (einen, seinen eigenen usw. Weg gehen) werden auch im übertragenen Sinne gebraucht:

(7)

↓555

a. Seine Gedanken gingen andere Wege als seine Blicke.
b. Er geht seine eigenen Wege =er lässt sich nichts vorschreiben, kümmert sich nicht um die anderen usw.

Im bestimmten Kontext kommt einigen Redewendungen mit Weg eine neue Bedeutung zu:

(8)

↓556

einen Weg (Wege) gehen = etwas besorgen, erledigen
einen schweren Weg gehen = einen unangenehmen Gang erledigen
den letzten Weg(Gang) gehen; den Weg alles Fleisches gehen; den Weg gehen, den alle gehen müssen = sterben
den Weg alles Irdischen gehen = vergänglich sein
krumme Wege gehen = unehrlich handeln
ausgetretene Wege gehen = Altbekanntes wiederholen
krumme Pfade wandeln = unrechte Dinge tun (u.a. Wahrig. 2001:1029) usw.

II. Variante

adverbiale DP als Bestanteil einer PP:

↓557

Q +Subst. im Akk.+ vor /nach /hinter /unter+Subst. im Dat.

zwei /mehrere /ein paar Kilometer vor dem Haus, zwei Meter hinter dem Hauseingang,
zwei Schritte vor der Tür

Diese Konstruktionen beantworten die Frage Wo? und drücken einen Ort aus. Die DP besteht aus Quantoren in Verbindung mit Substantiven wie der Meter, der Kilometer, der Schritt usw. Als zweite Komponente treten PPs mit lokaler Bedeutung auf, die verschiedene Präpositionen (vor /nach /hinter /unter) und Substantive bzw. Pronomina im Dativ beinhalten.

↓558

(9)

a. Denn einige Schritte vor mir, lang und unbeweglich an einem Baume, stehe ich selber leibhaftig. [Eichendorff: Ahnung und Gegenwart, S. 419. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 10338 (vgl. Eichendorff-W Bd. 2, S. 246)]

b. »Du wirst doch nicht einer von denen sein, welche meinen, daß wenn sie drei Schritte vor das Dach hinausgehen, es gefahren sein müsse? [Gotthelf: Uli der Pächter, S. 623. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 30408 (vgl. Gotthelf-AW Bd. 2, S. 449)]

c. Er hörte mit halbem Ohr hin und sah eben auf die von Globsow her heraufführende schmale Straße, als er einer alten Frau von wohl siebzig gewahr wurde, die, mit einer mit Reisig bepackten Kiepe, den leis ansteigenden Weg heraufkam, etliche Schritte vor ihr ein Kind mit ein paar Enzianstauden in der Hand. [Fontane: Der Stechlin, S. 370. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 16403 (vgl. Fontane-RuE, Bd. 8, S. 240-241)]

d. Etwa zur selben Zeit, rund 430 Kilometer vom Olympiastadion entfernt, ging Manuel Gräfe auf ... mir dafür auch nichts kaufen", kochte Andreas Neuendorf vor Wut. (Berliner Morgenpost. Hoeneß für TV-Beweis. Ausgabe vom 08.03.2005, Ressort Sport)

3.3.2.3 Modaler absoluter Akkusativ

Im Kapitel 3.1 wurde schon die diachrone Entwicklung des absoluten Akkusativs und der absoluten Partizipialkonstruktionen beschrieben.

↓559

Das spezielle an diesen Konstruktionen ist unter anderem ihre Zweigliedrigkeit und dass sie als freie Angaben im Satz auftreten. Strukturell sind im Gegenwartsdeutschen einige Varianten solcher Akkusativ-Konstruktionen in Bezug auf ihre zweite Konstituente zu unterscheiden.

Grundmodell ist dabei: DP (Akk.)+ zweite Konstituente:

DP im Akkusativ + PP als zweite Konstituente

↓560

(1)

Er ging, den Hut in der Hand, durch die Stadt spazieren.

DP im Akkusativ + Präposition in Verbindung mit einem Reflexivpronomen sich als zweite Konstituente

↓561

(2)

eine Tasse Kaffee neben sich

DP im Akkusativ + Adjektiv als zweite Konstituente

↓562

(3)

a. den Rücken leicht rund
b. den Mund noch offen
U.a. kann das Adjektiv voll durch ein Substantiv ergänzt werden:
c. den Blick voller Qual, ein Blick voller Hass

DP im Akkusativ + Adverb als zweite Konstituente

↓563

(4)

den Kopf voran

DP im Akkusativ + Adverb als zweite Konstituente oft mit Präposition:

↓564

(5)

Er geht, den Blick nach innen

DP im Akkusativ + Partizip II als zweite Konstituente

↓565

(6)

a. Den Kopf gesenkt
b. Sie saß, den Kopf in die Hand gestützt

Fraglich bleibt aber, welche von den oben erwähnten strukturellen Modellen zu den adverbialen DPs gezählt werden können.

↓566

M.E. ist es der Struktur nach möglich davon nur die absoluten Akkusative mit einer PP als zweiter Konstituente zu den DPs mit adverbialem Charakter (vgl. Bausewein 1990:79) zu zählen.

3.3.2.3.1  Modale absolute Akkusativ-DPs

Wenn man als absolute Akkusative nur die Konstruktionen vom Typ DP im Akkusativ + PP als zweite Konstituente (den Hut in der Hand) betrachtet, bleibt noch zu diskutieren, was dabei „absolut“ (losgelöst, losgerissen) ist: die ganze Konstruktion oder nur der Akkusativ?

Nach Dittmer (1980:76) funktionieren diese Akkusative (die Konstruktionen) genau wie ein Adverbial im Satz und sind immer freie Angaben, jedoch sind sie nicht absolut. Vielmehr handelt es sich dabei um die Absolutheit des Akkusativs. Absolut ist laut Dittmer nicht die gesamte Konstruktion, sondern nur der Akkusativ. Die Wahl des Akkusativs ist bei solchen Konstruktionen nicht durch Kongruenz oder Rektion motiviert. Der absolute Akkusativ hat keinen engen Anschluss an ein Verb oder einen anderen Akkusativ, der Gebrauch ist unabhängig von der Umgebung. Der absolute Akkusativ ist also isoliert, von syntaktischen Zusammenhängen losgerissen und die Wahl des Akkusativs kann nicht von der Oberflächenstruktur heraus erklärt werden (Dittmer 1980: 77).

↓567

Hält man die Annahme von Dittmer für plausibel, dann sollte man Ausdrücke wie den Hut in der Hand nicht als „Absolute Akkusativ-Konstruktion“ sondern als „Konstruktionen mit dem absoluten Akkusativ“ bezeichnen.

Was die syntaktische Funktion dieser DPs angeht, so treten die absoluten Akkusative und Nominative in adjungierten Strukturen mit adverbialem Charakter auf (Bausewein 1990:76-79). Absolute Akkusative liegen vor, wenn kein Regen vorhanden ist, das den Akkusativ zuweisen könnte.

Absolute Akkusative beschreiben in der Regel die Art und Weise eines Prozesses oder die Begleitumstände der Haupthandlung und funktionieren im Satz meistens wie ein Adverbial zur näheren Bestimmung der Situation. Dabei hat nicht nur der absolute Akkusativ, sondern die gesamte Konstruktion einen adverbialen Charakter. Wir haben es also mit einem Syntagma zu tun, das aus dem absoluten Akkusativ und einer zweiten Größe besteht:

↓568

(7)

a. Er stand, den Hut in der Hand, vor der Tür.
b. Er stand (unruhig, gerade, mit dem Hut in der Hand) vor der Tür.
c. Er stand vor der Tür.

Es sieht so aus, als gäbe es eine Art Adverbial-Macher, der von der Präpositionalphrase herrührt, d.h. der Akkusativ (wie den Hut) wird nur im Zusammenhang mit einer adverbialen PP adverbial bzw. zum Teil einer adverbialen Konstruktion.

↓569

Absolute Akkusativ-DPs stellen im Gegenwartsdeutschen ein produktives Muster dar, sind aber in stilistischer Hinsicht meistens als gehoben markiert. Bei diesen DPs kommen drei Gruppen der substantivischen Köpfe in Betracht:

I. Gruppe

Die häufigste Gruppe bilden Substantive, die unterschiedliche menschliche Körperteile bezeichnen.

↓570

Der Kopf und alles was dazu gehört: der Kopf (das Haupt), der Hinterkopf, das Haar, die Locken, der Schädel, der Nacken, das Gesicht, die Stirn, das Ohr, das Auge (hierzu gehört auch der Blick), die Wange, die Nase, der Mund (das Maul), die Lippen, die Zunge, die Zähn, das Kinn, außerdem der Hals und die Stimme

Der Körper und die Körperteile: der Körper, die Schulter, die Brust (auch das Herz), der Rücken

Die Extremitäten (die Gliedmaßen): der Arm, die Ellbogen, die Hand, das Handgelenk, die Faust, der Finger (der Zeigefinger usw.), der Daumen, das Bein, das Knie, der Fuß

↓571

II. Gruppe

Zu der zweiten Gruppe gehören Substantive, die menschliche Kleidung (der Mantel, die Jacke usw.) und unterschiedliches Zubehör (z.B. die Tasche, der Beutel, der Sack) bezeichnen.

III. Gruppe

↓572

Diese Gruppe bilden unterschiedliche Substantive mit sachlicher Bedeutung, Abstrakta, Benennungen von Lebewesen und Eigennahmen (Geld in den Händen, Kind /Emil /Weib auf den Armen, das Tier auf dem Schoß):

(8)

a. Auf dieser Schwindelbrücke ging er hin und schritt wieder herüber, das Weib auf den Armen, den Vogel auf dem Kopfe und das leckende Feuer unter sich. [Keller: Die Leute von Seldwyla, S. 689. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 60255 (vgl. Keller-SW Bd. 6, S. 474)]

b. Einmal als ich, wie es ja jedem geschehen kann, in meinen Geschäften und allem, was damit zusammenhängt, keinen Ausweg mehr finden konnte, alles verfallen lassen wollte und in solcher Verfassung zu Hause im Schaukelstuhl lag, das Tier auf dem Schoß, da tropften, als ich zufällig einmal hinuntersah, von seinen riesenhaften Barthaaren Tränen. [Kafka: Prosa aus dem Nachlaß, S. 80. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 56839 (vgl. Kafka-GW Bd. 8, S. 83)]

c. Das Alter sitzt in einem alten Hausrock, der bis an die Knie reicht, darin, den Kopf mit einer Pelzschlafhaube bedeckt, die Füße in Polster gewickelt, auf dem Schoß einen schlafenden Mops und auf der Achsel eine Eule. [Raimund: Das Mädchen aus der Feenwelt, S. 68. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 79993 (vgl. Raimund-SW, S. 175)]

↓573

Die meisten Substantive dieser drei Gruppen werden sowohl im Singular als auch im Plural verwendet.

Wie oben erwähnt sieht das Grundmodell der absoluten Akkusativ-DPs so aus:

DP im Akkusativ + PP als zweite Konstituente

↓574

Dieses Modell ist in der deutschen Gegenwartssprache überaus gebräuchlich und lässt sich in drei Varianten unterteilen. Es gibt dabei eine breite Palette von Präpositionen. Die Substantive kommen im Dativ oder im Akkusativ vor, je nach dem, welchen Kasus die jeweilige Präposition regiert:

I. Variante

DP im Akkusativ + in, an, auf, hinter, über, unter, vor, zwischen + Subst. im Dativ.

↓575

das Buch unter dem Arm, den frischen Salzwind im Gesicht, den Hut in der Hand

Dabei treten als zweite Konstituente oft die PPs in der Hand, in den Taschen, auf dem Rücken, auf dem Kopf auf. Es sind auch viele andere möglich:

(9)

↓576

a. Und sie, verklärten Angesichts, einen Himmel in der Brust, beugte sich über ihn, preßte die schmale Wange in seine Haare, küßte seinen Nacken, seine Schläfen, seine Stirn. [Ebner-Eschenbach: Das Gemeindekind, S. 319. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 8892 (vgl. Ebner-GW Bd. 1, S. 200)]

b. Der junge Mann, der sich als Schwarzer vorstellte, erzählte, wie er K. gefunden, einen Mann in den Dreißigern, recht zerlumpt, auf einem Strohsack ruhig schlafend, mit einem winzigen Rucksack als Kopfkissen, einen Knotenstock in Reichweite. [Kafka: Das Schloß, S. 6. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 55898 (vgl. Kafka-GW Bd. 4, S. 8)]

II. Variante

DP im Akkusativ + um, auf, vor, über + Substantiv im Akkusativ

↓577

Sehr verbreitet sind auch adverbiale Akkusative mit um + Akk. als zweite Konstituente:

(10)

a. Ich stellte mir darunter immer einen Mann vor zwischen fünfzig und sechzig Jahren, gut erhalten, braunen Angesichts, ein farbiges Tuch um den Hals, einen Hut mit breiten Krempen, einen lichten, meistens gelben Rock an - einen Mann, der in irgendeinem Indien Pflanzer war, alle seine Neger hindanngegeben und nun in Europa viel Gold genießt und grob ist. [Stifter: Studien, S. 114. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 89669 (vgl. Stifter-GW Bd. 1, S. 91)]

↓578

III. Variante

DP im Akkusativ+ als+ Substantiv

Absolute Konstruktionen, bei welchen die zweite Konstituente einen zu verwendenden Gegenstand benennt, treten mit als auf:

↓579

(11)

den Hut als Kopfkissen

Die Abfolge der Konstituenten (Subst. im Akk. + PP bzw. PP+ Subst. im Akk.) kann variieren, wobei von dem zweiten Modell viel seltener Gebrauch gemacht wird:

↓580

PP + DP im Akkusativ als zweite Konstituente

den Kopf auf dem Tisch; in der Hand den Hut usw.

(12)

↓581

Die Blondine, die ich liebe,
Ist so fromm, so sanft, so mild!
In der Hand den Lilienstengel,
Wäre sie ein Heil'genbild. [Heine: Neue Gedichte, S. 115. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 38075 (vgl. Heine-WuB Bd. 1, S. 297)]

Absolute Akkusativ-DPs im Hinblick auf das Merkmal Belebtheit bzw. Unbelebtheit

Sowohl Substantive, die in der Akkusativ-DP, als auch die, die in der zweiten Konstituente (PP) vorkommen, kann man hinsichtlich des Ausdrucks der Belebtheit bzw. Unbelebtheit (+ /- animé) charakterisieren. Dabei lassen sich unterschiedliche Kombinationen herausfinden:

↓582

Subst. im Akk. (+ anim.) + präpositionelles Sub. (-anim.)

(13)

a. die Hand auf dem Tisch
b. Ich rauchte die erste Zigarette, Blick auf die Uhr. (M. Frisch. Mein Name sei Gantenbein)
c. Sie stand am Fockmast, den Blick im Weiten. (T. Mann. Der Tod in Venedig)

↓583

Viel seltener sind Fälle, in denen der absolute Akkusativ durch die Benennung einer Person bzw. eines Tieres ausgedruckt wird:

(14)

a. einen guten Mensch am Tisch
b. Als es dunkel wird, gehen wir unseren Häusern zu, Tjaden in der Mitte. (Remarque, Im Westen nichts Neues)

↓584

Solche Konstruktionen haben aber keinen direkten Bezug auf das Subjekt bzw. Objekt des Satzes.

Subst. im Akk. (- anim.) + präpositionelles Sub. (+anim.)

(15)

↓585

a. Einer saß auf seinem Bett, den Koffer auf den Knien. (L.Renn. Krieg ohne Schlacht)
b. Carlo bleibt auf dem Boden liegen, die Börse in der Hand, und wartet. (A. Schnitzler. Der blinde Geronimo und sein Bruder, 2000:61)

Hier sind im Gegenteil zum ersten Typ auch Abstrakta möglich, die den inneren Zustand des Menschen ausdrücken:

(16)

↓586

Empörung in den Augen, Trauer und Zorn im Herzen

Sowohl die Konstruktionen vom Typ I (die rechte Hand in der tragenden Hüfte) als auch die vom Typ II (die eingewickelte Pralinenpackung in der Hand) werden oft durch unterschiedliche Adjektive, Partizipien usw. erweitert.

Subst. im Akk. (+ anim.) + präpositionelles Sub. (+anim.):

↓587

(17)

a. das Kind im Arm; einen Arm unter dem Kopf; die schweren Hände auf den Knien
b. Und plötzlich …wandte er den Oberkörper, eine Hand in der Hüfte, in schöner Drehung aus seiner Grundpositur. (T. Mann. Der Tod in Venedig)

Als erstarrte Konstruktion wird im Gegenwartsdeutschen der absolute Akkusativ die Hände auf dem Rücken wahrgenommen.

↓588

Man kann feststellen, dass bei den absoluten Akkusativ-DPs mit einer PP als zweiter Konstituente mindestens eine Konstituente die Bedeutung der Belebtheit (auch im weiteren Sinne des Wortes bzw. metonymisch) trägt.

Was den Gebrauch bzw. das Fehlen eines Determinators in den absoluten Akkusativ-DPs (den) Hut in der Hand angeht, so kann man das eher durch die individuellen Vorlieben des einen oder anderen Autors als durch irgendwelche grammatikalischen bzw. stilistischen Gründe erklären. Sogar bei ein und demselben Autor bleibt die Verwendung des Determinators oft unkonsequent:

(18)

↓589

a. Ich stand im Gang, das Gewicht fest auf beide Beine verteilt, die Hände in den Taschen… (H.Hauptmann. Der Kreis der Familie)
b. Atze, Hände in den Taschen, musterte mein Melonenstück. (ebenda)

Wenn ein Determinator fehlt, ist es eigentlich unmöglich die absoluten Akkusative und Nominative von einander zu unterscheiden. Außerdem ist es im Gegenwartsdeutschen nicht selten, dass in einem Satz mehrere aufeinander folgende absolute Akkusative verwendet werden.

Syntaktische Synonyme der absoluten Akkusativ-DPs

↓590

Es ist wichtig darauf zu achten, wie die absoluten Akkusativ-DPs mit den anderen Strukturen, die eine ähnliche Bedeutung haben oder ihnen sogar syntaktisch synonym sind, konkurrieren. Wenn dabei mehrere Alternativen festzustellen sind, dann drängt sich die Frage auf, aus welchem Grund der absoluten Akkusativ-Konstruktion Vorrang gegeben wird.

Ein und dieselbe Funktion kann in der Sprache durch verschiedene grammatische Mittel ausgedrückt werden. Unter dem Terminus syntaktische Synonyme werden Konstruktionen mit einer ähnlichen Semantik, aber mit unterschiedlicher Struktur verstanden:

(19)

↓591

Er ging, das Buch in der Hand. - vgl. Er ging mit dem Buch in der Hand.

Außerdem unterscheiden sich die absoluten Akkusative von den anderen synonymischen Konstruktionen durch ihr spezifisches stilistisches Potenzial. Stilistisch gesehen sind die absoluten Akkusativ-Konstruktionen im Vergleich zu der mit -Konstruktionen als gehoben markiert. Wenn die absolute Akkusativ-Konstruktion durch eine PP ersetzt wird, büßt der Satz an seiner stilistischen, dynamischen Färbung und Wirkungsfähigkeit ein. Die absoluten Konstruktionen sind dynamisch, lakonisch, ökonomisch und sie bereichern die Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache.

Es ist auch wichtig darauf hinzuweisen, dass absolute Akkusativ-Konstruktionen im Satz meistens abgesondert werden:

↓592

(20)

Geronimo , den Kopf auf dem Tisch , schien zu schlafen. (A. Schnitzler. Der blinde Geronimo und sein Bruder, 2000:55)

Es geht hier um die so genannte Zeichensetzung oder Interpunktion 109 Solche Grenzsignale im Text aller moderner Sprachen verdeutlichen sowohl grammatische als auch semantische Aspekte des Textes. Sie kennzeichnen Zitate, direkte Rede oder Auslassungen und spiegeln Intonationsverläufe der gesprochenen Sprache wider, so Bußmann (2002:762).

↓593

Durch die Absonderung wird anscheinend die Selbständigkeit der absoluten Akkusative in der Satzstruktur unterstrichen.

Andererseits können auch Redewendungen mit mit abgesondert werden:

(21)

↓594

Ich sehe ihn am Kaminfeuer stehen, mit einer Wunde über Stirn und Auge. (BBr MC, 109)

Nach Dittmer (1988:63) hat der absolute Akkusativ vorher und nachher eine Pause. Ein Satz mir einer absoluten Akkusativ-Konstruktion weist ein besonders gespanntes melodisches Bild auf. Die PPs sind in stilistischer Hinsicht eher neutral, auch wenn sie abgesondert sind.

Was die Wortfolge (Konstituentenfolge) angeht, so bleibt sie bei den PPs fast immer die gleiche:

↓595

PP1 (mit mit ) + PP2

(22)

Mit dem Hut in der Hand

↓596

* in der Hand mit dem Hut

Bei den absoluten Akkusativen kann die Konstituentenfolge unterschiedlich variieren:

Der Akkusativ kann sowohl als die erste, wie auch als die zweite Konstituente der absoluten Akkusativ-Konstruktion auftreten. Dabei liegt auf der ersten Konstituente die logische Betonung:

↓597

(23)

Den Hut in der Hand
In der Hand den Hut usw.

Es entwickelte sich auch eine Verknüpfungsart solcher Konstruktionen zu dem Satz - und zwar durch die Pronominaladverbien:

↓598

…, dabei die Hände auf dem Rücken.

Von dem Individualstil derjenigen Person, die eine Aussage trifft, ist es abhängig, ob sie sich für die eine oder die andere Konstruktion entscheidet.

Die absoluten Akkusative unterscheiden sich also von den anderen synonymischen Konstruktionen nicht nur durch ihre interpunktionale Absonderung, sondern auch durch ihr spezifisches stilistisches Potenzial.

3.3.2.3.2  Latente (implizite) Prädikation

↓599

Jeder Ausdruck, der Informationen enthält bzw. präzisiert, macht eine Prädikation über seinen Referenten. Die Bedeutung eines Satzes ist ein Netzwerk von Prädikationen. Dabei ist Prädikation eine semantische Funktion. Jedes Verb, Nomen, oder Adjektiv fügt eine Prädikation zur Proposition des Satzes hinzu.

Die Prädikativität, die Subjekt-Prädikat-Beziehung, ist also das Verhältnis der Aussage zur objektiven Wirklichkeit.

In einer Arbeit zur Syntax des Deutschen beschrieb Charitonowa (1976) u.a. den latenten Ausdruck der Prädikativität. Die Oberflächenstruktur eines Satzes wird dabei als das Resultat verschiedener Transformationen einer oder mehrerer Kernstrukturen betrachtet. Jeder Kernsatz zeichnet sich durch eine Subjekt-Prädikat-Beziehung aus und stellt eine Prädikation dar. Dabei kann ein Satz eine Hauptprädikation (des Matrixsatzes) und eine oder mehrere sekundäre Prädikationen (der Konstituentensätze) enthalten.

↓600

Nach Charitonowa (1976:124) wird unter einer sekundären Prädikation jedes Satzsegment verstanden, was potentiell ein verbum finitum birgt oder sich in ein Prädikativum verwandeln kann (Sie sprach lächelnd = Sie lachte). In der modernen Logik wird jedem Satz eine sekundäre Prädikation zugeschrieben, in dem potentiell zwei Urteile verbunden sind (Mein Freund, ein bekannter Journalist, sagte… = Er ist ein bekannter Journalist) usw.

Je nach dem lexikalischen Bestand des Hauptsatzes kann seine Prädikation vollständig oder defizient (nicht voll) sein (vgl. Gulyga 1971:47). Die sekundäre Prädikation kann offen oder latent (verdeckt) sein. Unter einer offenen (expliziten) Prädikation versteht Charitonowa (1976) die Prädikation eines Satzes, in dem die Kategorien Temporalität, Modalität, Person, auch Affirmation /Negation durch formale grammatische Mittel in der Oberflächenstruktur ausgedrückt sind.

Unter latenter (verdeckter) Prädikation wird die sekundäre Prädikation eines Satzteiles verstanden, dessen Kategorien Temporalität, Modalität, Person, auch Affirmation /Negation nicht durch grammatische Mittel expliziert werden. Das ist nach Charitonowa (1976:126) eine implizite Prädikation, die in einer Infinitivgruppe (Er verspricht diese Arbeit zu machen – Ausdruck einer Bejahung usw.), in einer Nominalisierung oder in einer Wortfügung als prädikatives Attribut, zum Teil in einer Partizipialgruppe vorliegt.

↓601

M.E. beinhalten auch die absoluten Akkusativ-Konstruktionen eine implizite Prädikation.

In der Duden-Grammatik (1998) werden unter den lockerer integrierten Substantivgruppen (darunter auch Anredenominativ, absoluter Nominativ) absolute Akkusative (den Kopf im Nacken, das Kneiferband hinter dem Ohr) angeführt. In solchen Beispielen kann man Erscheinungsformen des Übergangs zum zusammengesetzten Satz sehen: Sie wirken wie unvollständige Teilsätze (Duden, 1998:644).

In den absoluten Akkusativ-Konstruktionen werden nicht alle der oben genannten Kategorien (Temporalität, Modalität, Person, auch Affirmation /Negation) durch formale grammatische Mittel zum Ausdruck gebracht:

↓602

Er stand, den Hut in der Hand - in diesem Satz sind zwei Urteile verbunden:
Er stand, den Hut in der Hand haltend.
Er stand. Er hatte den Hut in der Hand.

Auch die adverbialen Genitive des inneren oder situationsbezogenen Zustandes (vgl. prädikative Attribute, Kapitel 2.3.1) weisen eine latente Prädikation auf:

Er saß ernsten Gesichts. – Er saß. Sein Gesicht war ernst.
Er ging frohen Mutes weg. – Er ging weg. Er war frohen Mutes.

3.3.2.4 Modale Zwillingsformeln

↓603

Was die äußere Form dieser DPs angeht, so sind sie eigentlich fallunbestimmt (möglich sind Nominativ oder Akkusativ), d.h. sie weisen keinen erkennbaren Kasus auf (vgl. Kapitel 1.3.2 und 3.1.5):

(1)

Kopf an Kopf, Hals über Kopf, Auge in Auge, Schritt für Schritt, Schlag auf Schlag, Schritt vor Schritt, Wand an Wand

↓604

Solche Zwillingsformeln kommen im Gegenwartsdeutschen oft vor und sind als erstarrte Redewendungen zu betrachten. Für den Satz sind sie nicht obligatorisch und weisen einen adverbialen (modalen) Charakter auf. Zur Veranschaulichung kann man folgende Sätze vergleichen:

(2)

a. Sie standen Hand in Hand auf der Brücke.
b. Sie standen (zusammen) auf der Brücke usw.

↓605

In diesen Konstruktionen können nur bestimmte Substantive auftreten, das sind:

1) Substantive, die Körperteile oder Sinnesorgane bezeichnen (der Kopf, der Hals, der Arm, der Knie, der Fuß, die Brust, der Schulter, das Auge usw.)

2) einzelne andere Substantive (der Schritt, die Wand, das Stück, der Schlag)

↓606

Strukturell werden sie wie folgt aufgebaut:

Subst.1+Präposition (in, an, zu, für, auf) + Subst.1 /2

Da es um erstarrte Redewendungen geht, sind hier keine Determinantien, Quantoren usw. möglich.

↓607

Bei den meisten modalen Zwillingsformeln wird ein und dasselbe Substantiv doppelt gebraucht ( Hand in Hand, Kopf an Kopf):

(3)

a. »So kommt doch arm zu arm! « sagte er. [Storm: Ein Doppelgänger, S. 61. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 94131 (vgl. Storm-SW Bd. 4, S. 173)]

b. Ihr gegen über, Knie an Knie,
Und Fuß an Fuß, ist meine Stelle. [Bürger: Gedichte [Ausgabe 1789], S. 84. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 7096 (vgl. Bürger-G Bd. 1, S. 53)]

c. Nah und näher sitzen sie schon
An einander gelehnet,
Schulter an Schulter, Knie an Knie,
Hand in Hand wiegen sie sich
Über des Throns [Goethe: Faust. Eine Tragödie, S. 450. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 23052 (vgl. Goethe-HA Bd. 3, S. 283)]

d. Und sie hatten beide das Gefühl, daß weder der Ernst noch der Scherz, weder die Lust noch der Schrecken der Sterblichkeit sie noch einmal so Brust an Brust, Schulter an Schulter zusammenführen werde. [Raabe: Im alten Eisen, S. 142. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 78649 (vgl. Raabe-AW Bd. 6, S. 348)]

e. Ich hatte sie noch nie geküsst, ich hatte sie noch nie berührt, wir gingen nachts Arm in Arm durch die Straßen, und dabei blieb es. (Judith Hermann, Sommerhaus, später. 8. Aufl. 2003:71)

f. Sich die Erinnerung zurückzuholen, Stück für Stück. (Judith Hermann, Sommerhaus, später. 8. Aufl. 2003:89)

↓608

Auch die DPs Schritt für Schritt und Schlag auf Schlag werden in modaler Bedeutung gebraucht. Es ist aber zu erwähnen, dass diese DPsaußer einer modalennoch eine frequentative Bedeutung implizieren:

(4)

a. Langsam und Schritt für Schritt steigt man eine Treppe hinauf. [Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, S. 69. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 37361 (vgl. Hebel-PW, S. 52)]

↓609

b. Ehe dieser Brief anlangte, waren in seinem Schlosse manche ängstliche herzzerreißende Ereignisse Schlag auf Schlag über die armen Unschuldigen eingebrochen. [Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, S. 14. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 26 (vgl. Arnim-RuE Bd. 1, S. 16)]

Viel seltener sind Fälle, wo zwei unterschiedliche Nomen als Köpfe modaler Zwillingsformeln verwendet werden:

(5)

↓610

Herr Richard schickte mich dann Hals über Kopf zum Könige…[Meyer: Der Heilige, S. 168. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 71202 (vgl. Meyer-SW Bd. 1, S. 666)]

3.4 Stilistische Besonderheiten des adverbialen Akkusativs

Adverbiale Akkusative treten in allen Stilbereichen des Gegenwartsdeutschen (Öffentliche Rede, Wissenschaft, Presse und Publizistik, Alltagsrede, Literatur) auf.

Am häufigsten wird dabei der temporale Akkusativ (diese Woche, voriges Jahr, nächsten Frühling, einen Monat, viele lange Jahre, jeden Samstag usw.) verwendet. Er wirkt meistens stilistisch neutral und wird oft in der gesprochenen Sprache gebraucht. Bei einigen temporalen Akkusativen weist aber der Gebrauch von Determinanten und Quantoren interessante Besonderheiten auf z.B.:

↓611

(1)

a. Sie geht eine Stunde spazieren.
b. * Sie geht die Stunde spazieren.
c. * Sie geht Stunde spazieren.

(2)

↓612

a. Sie geht den ganzen Tag (diesen Abend) spazieren.
b. * Sie geht den Tag (den Abend) spazieren.
c. * Sie geht Tag (Abend) spazieren.
d. * Sie geht einen Tag (einen Abend) spazieren.

Man sollte auch darauf hinweisen, dass z.B. die Redewendung den /einen ganzen Tag (temporale Bedeutung - Zeitdauer) mit dem Det. (der) bzw. Quantor verwendet wird, letztes Mal aber(auch temporale Bedeutung - aber implizite Iteration) im Gegensatz dazu ohne einen Determinierer. Diese Unlogik lässt sich u.a. damit erklären, dass solche temporalen Akkusative (die ganze Zeit, längere Zeit usw.) im Gegenwartsdeutschen lexikalisiert bzw. erstarrt sind.

Lokale Akkusative werden selten gebraucht und stellen kein produktives Muster dar.

↓613

Die modalen absoluten Akkusative sind in der Schriftsprache sehr gängig und meistens als kunstsprachlich und gehoben markiert. Die lexikalische Füllung dieser Konstruktionen unterscheidet sich oft von einem Autor zum anderen und kann somit den individuellen Stil eines Autors charakterisieren.

Die temporalen und modalen Zwillingsformeln treten im Gegenwartsdeutschen oft auf und sind lexikalisiert.

Im Allgemeinen ist die Zahl der zu Idiomen oder Phraseologismen erstarrten adverbialen Akkusative nicht so groß, wie es bei den adverbialen Genitiven der Fall ist (vgl. Kapitel 2.4). Trotzdem werden einige adverbiale Akkusative heutzutage als adverbiale Phraseologismen mit einem geringen Grad der Idiomatizität (Idiomatisierung) betrachtet:

↓614

(3)

a. Den lieben langen Tag hab´ ich nur Schmerz und Plag´. (Volkslied)
b. Tag für Tag kam er ans Tor des Schloßgartens und spähte in den Hof hinein und starrte die Fenster des Hauses an. [Ebner-Eschenbach: Das Gemeindekind, S. 35. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 8608 (vgl. Ebner-GW Bd. 1, S. 27)]
c. Alle Tage etwas Neues, nur nichts Gutes.

Beispiele mit phraseologisierten Akkusativen und ihre Bedeutungen sind in der Tabelle 8 zu finden110:

↓615

Tabelle 8: Idiomatisierte adverbiale Akkusative

Beispiel

Bedeutung

Temporaler Akkusativ

den ganzen lieben langen Tag

den ganzen Tag

Tag für Tag

von Tag zu Tag, den Tag

Tag um Tag

jeden Tag

jeden dritten Tag

u.a. oft

Tag und Nacht

Tag wie Nacht

den ganzen Tag und die ganze Nacht lang, 24 Stunden

Sommer wie Winter

bei jeder Temperataur, in jeder Jahreszeit, das ganze Jahr über

alle Tage

an allen Tagen, jeden Tag

manches liebes Mal

manchmal, oft

Stunde um Stunde

ständig, immer

Modaler Akkusativ

Auge in Auge

zu zweit, unter vier Augen

Schlag auf Schlag

ohne Unterbrechung, schnell nacheinander

seinen (eigenen) Weg gehen

seinen eigenen Weg im Leben gehen


Fußnoten und Endnoten

88  http: //etext.lib.virginia.edu /etcbin /browse-mixed-new?id=MosMinn&images=images /modeng&data= /lv1 /Archive /german-parsed&tag=public (eingesehen am 10.08.2005)

89  Vgl. http: //www.litera.ru /stixiya /authors /majkov /paxnet-senom-nad.html (zuletzt eingesehen am 10.05.2005)

90  Vgl. http: //www.litera.ru /stixiya /authors /mixalkov /ya-priexal-na.html (zuletzt eingesehen am 10.05.2005)

91  Долгих В.Г. (1973). Абсолютные падежные конструкции в современном немецком языке, канд. диссертация. Ярославль.

92  http: //www.ib.hu-berlin.de /~hab /arnd /text.html (zuletzt eingesehen am 20.12.2004)

93  http: //www.ib.hu-berlin.de /~hab /arnd /uebers.html (zuletzt eingesehen am 20.12.2004)

94  J. Fischart (1886:26), Geschichtlitterung, Halle.

95  Beispiele aus Paul (1919:371-372).

96  Wird auch Gleichsetzungsakkusativ genannt.

97  Siehe dazu auch das Kapitel über den adverbialen und attributiven Genitiv (Der Urlaub eines Tages /meines Vaters usw.).

98  Auch in Zwillingsformeln wie Tag für Tag usw.

99  Negativer Ausdruck der Dauer.

100  M.E. tritt wie in der Redewendung Sommer wie Winter in der Funktion, die einer koordinierenden Konjunktion ähnlich ist, auf.

101  Jahr und Tag = sehr langer Zeitraum, so Wahrig (2001:509).

102  Erweiterungen (Adjektive, Part. usw.) sind hier nicht möglich. Vgl. zwei lange Stunden vor der Prüfung - Zeitdauer.

103  Zur Unterscheidung der Termini Zeitabschnitt und Zeitpunkt vgl. Kapitel 1.5.1.

104  Brinkmann (1962:16) betrachtet die Redewendung Montag als unmarkiert im Unterschied zu Montags (Gen.),die markiert ist und Frequenz der Handlung bezeichnet.

105  Die Bedeutung mancher DPs liegt an der Schnittstelle zwischen Frequenz und Dauer.

106  Weil ein Einmaligkeit ausdrückt und der Idee der Vielfachheit wiederspricht.

107  Manches Mal und manch(es) liebes Mal bedeutet soviel wie manchmal, oft (vgl. Wahrig 2001:613).

108  Vgl. Kapitel 2.3.2.1, Variante II, wo des Tages = pro Tag.

109  Regeln zu optischen Gliederung von geschriebener Sprache durch nichtalphabetische Zeichen wie Punkt, Komma, Ausrufungszeichen usw. (vgl. Bußmann 2002:762).

110  Die Bedeutungen der phraseologisierten Akkusative stammen u.a. aus Wahrig (2001).



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18.09.2006