4 Zusammenfassung der Dissertation

↓615

Die vorliegende Dissertation beschreibt die adverbialen Kasus des Deutschen aus verschiedenen Perspektiven. Als adverbiale Kasus werden hierbei die Substantivgruppen (Determinansphrasen) im Genitiv und im Akkusativ (u.a. als Bestandteile komplexer Konstituenten wie Präpositionalphrasen und Complementizerphrasen), einige absolute Akkusative sowienominale Zwillingsformeln betrachtet. Adverbiale Kasus treten in der Regel als Adjunkte (freie Angaben) im Satz auf und sind in ihrer Form syntaktisch unabhängig.

Von besonderem Interesse sind Strukturen, interne Besetzung, semantisch-lexikalische Restriktionen, Bezugsmöglichkeiten, Bedeutungen und stilistische Besonderheiten adverbialer Kasus. Da diese Konstruktionen häufig einen archaischen Status besitzen (des Tages, dieser Tage, stehenden Fußes), erstarrt (nicht modifizierbar) sind (schnellen Schrittes - *des schnellen Schrittes, des Nachts - *des späten Nachts) und immer weitergehender Adverbialisierung unterliegen (dummer Weise - dummerweise), wird der synchronen Darstellung ein diachroner Exkurs in die Geschichte dieser Konstruktionen beigefügt.

↓616

Zusammenfassend lässt sich feststellen:

Zur diachronen Entwicklung adverbialer Kasus

Adverbiale Akkusative und Genitive stellen in den älteren Sprachstufen des Deutschen keine marginalen Erscheinungen dar, sondern sind für das Alt- und Mittelhochdeutsche häufig belegt.

↓617

Der Gebrauch adverbialer Genitive ist im Neuhochdeutschen im Vergleich zu den älteren Sprachstufen stark zurückgegangen, da viele Ausdrücke durch Adverbien (möglicherweise, allerdings, allerorts) oder Präpositionalphrasen (Got. manna sums gaggida landis - Nhd. Ein Edler zog fern in ein Land) ersetzt wurden. Die temporalen Genitive waren stets eine ergiebige Quelle für Nominaladverbien, wobei sich diachron einige Stufen der Adverbialisierung (des Morgens - Morgens – morgens; des Abends – Abends – abends; des andren Tages - andern Tags - anderntags) beobachten lassen.Noch bis vor kurzem (vor der letzten Rechtschreibreform) waren im Gegenwartsdeutschen beide Schreibweisen (Morgens - morgens, Samstags – samstags usw.) möglich.

Im Verlauf der Adverbialisierung wurden auch viele modale (keines Weges – keineswegs, kluger Weise - klugerweise) und lokale Substantivgruppen im Genitiv (l inker Hand linkerhand, gerades Weges - geradeswegs) zu einem Lexem zusammengezogen.

Die im Gegenwartsdeutschen noch verbliebenen adverbialen Genitive können nicht mit einem beliebigen Vokabular gefüllt werden (schnellen Schrittes vgl. *des schnellen Schrittes, *schnellen Schwimmens); möglich ist heute nur noch eine begrenzte Anzahl von Lexemen in diesen Konstruktionen.

↓618

Adverbiale Akkusative waren in der alt- und mittelhochdeutschen Sprachperiode weit verbreitet. Im Laufe der Zeit sind aber einige dieser Konstruktionen aus dem alltäglichen Gebrauch verschwunden, erstarrt (den Weg gehen - weggehen ) oder durch Präpositionalphrasen ersetzt worden (berg und tal - über Berg und Tal ). Die _ absoluten Akkusativ-Konstruktionen, die erst im 17.-18. Jahrhundert (vermutlich unter französischem Einfluss) entstanden, werden seit dem 18.-19. Jahrhundert insbesondere in der deutschen Schriftsprache häufiger gebraucht.

Im Allgemeinen stellt auch im Nhd. die Adverbialisierung adverbialer Kasus (ihrer Zeit - ihrerzeit, manches Mal – manchmal, linker Hand – linkerhand, dummer Weise - dummerweise usw.) eine produktive Art der Wortbildung dar.

Für die meisten adverbialen Bedeutungen gibt es unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten (so genannte syntaktische Synonyme), so dass sie z.B. durch eine Substantivgruppe (des Abends, des Tags, Nachts), ein Adverb (abends, tags /tagsüber) oder eine Präpositionalphrase (am Abend, am Tage) usw. realisiert werden.

↓619

Zum Gebrauch adverbialer Kasus im Nhd.:

Den Schwerpunkt der synchronen Beschreibung in dieser Dissertation bildet die Erfassung jeweiliger strukturell-semantischer Varianten und entsprechender Bedeutungen adverbialer Kasus. Dabei werden mögliche nominale und funktionale Köpfe und Kombinationsmöglichkeiten adverbialer Determinansphrasen mit verschiedenen Verbklassen ausführlich beschrieben.

Zuerst erfolgt die Unterteilung adverbialer Kasus in drei semantische Klassen (temporal, lokal und modal). Danach werden für sie entsprechend der Semantik, Struktur und lexikalischen Ausfüllung weitere vielfältige Gliederungen vorgeschlagen.

↓620

Bei den temporalen Adverbialien lassen sich auf der Basis möglicher Erfragung (wann? wie lange? wie oft?) und semantischer Grundmerkmale (Durativität, Punktualität, Einmaligkeit, Frequenz) vier temporale Bedeutungen unterscheiden:

Dabei bringen temporale Genitive zwei dieser Bedeutungen zum Ausdruck: einmaliger Zeitabschnitt (eines Tages, des Abends ) und Frequenz (immer des Morgens).

↓621

Temporale Akkusative können dagegen alle vier temporalen Bedeutungen ausdrücken: Zeitpunkt (als Bestandteil einer Präpositionalphrase: drei Minuten vor der Abfahrt), einmaliger Zeitabschnitt (diesen Montag), Zeitdauer (den ganzen Vormittag) und Frequenz (jeden Tag). Außerdem werden temporale Kasus bezüglich weiterer semantischer Merkmale ( vollständige bzw. unvollständige Ausfüllung mit der Handlung, genaue bzw. ungenaue Begrenztheit, bestimmte bzw. unbestimmte Anordnung auf der Zeitachse)charakterisiert.

Mit lokaler Bedeutung treten nur einzelne, stark restringierte Genitive und Akkusative auf. Lokale Substantivgruppen drücken Ort (mancher Orts, zwei Meter vor der Tür), Direktion bzw. passierten Bereich (geh deiner Wege!, gerades Weges gehen, des steilen Pfades gehen) oder räumliche Wiederholung in bestimmten Intervallen (alle/aller zwei Meilen) aus. Zahlreiche Konstruktionen diesen Typs wurden bis zum Nhd. adverbialisiert (allerwegen, allerenden, allerorten, allerorts, anderorts ).

Was die modalen Substantivgruppen betrifft, so treten im Genitiv die Adverbialien der Art und Weise (schnellen Schrittes), des inneren Zustandes (frohen Mutes) und Einstellungsoperatoren (meines Erachtens) auf. Als Akkusative mit modaler Bedeutung kommen einige absolute Konstruktionen (den Hut in der Hand) und Zwillingsformeln (Kopf an Kopf, Hahn in Hand) vor.

↓622

Kasus in adverbialer Funktion weisen, wie auch die anderen Adverbialien, verschiedene Bezugsmöglichkeiten auf (prozessbezogen schnellen Schrittes, ereignisintern frohen Mutes, propositionsbezogen meines Erachtens usw.).

Weiterhin wirdauf die Abgrenzungsprobleme sowohl zwischen den Adverbialien und anderen Satzgliedern (z.B. die immer noch problematische syntaktische Funktion der Maßakkusative) als auch zwischen verschiedenen semantischen Adverbialientypen (temporal, lokal, modal) eingegangen. So weisen einige temporale bzw. modale Substantivgruppen Ähnlichkeiten mit lokalen Substantivgruppen auf (vgl. des Weiteren, des Langen und des Breiten, des /geraden Weges, halben Weges).

Zum Gebrauch und zur Stilistik adverbialer Kasus:

↓623

Obwohl dieser Dissertation keine fachgemäße statistische Auswertung zugrunde liegt (diese würde den Rahmen sprengen), lassen sich folgende Fakten zusammenfassen:

Der adverbiale Genitiv ist nicht mehr produktiv und wird nur in wenigen Stilbereichen (Literatur bzw. Presse und Publizistik) verwendet. In der Alltagssprache ruft sein Gebrauch einen besonderen stilistischen Effekt hervor (eines Tages, schweren Herzens).

Die Zunahme semantisch-lexikalischer Restriktionen (in diachroner Hinsicht) macht die adverbialen Genitive zu einem unproduktiven Muster und die Wiederholung lexikalischer Füllungen mit denselben syntaktischen Mustern führt zu deren Erstarrung. So sind viele adverbiale Genitive des Gegenwartsdeutschen als phraseologisierte Redewendungen (eilenden Fußes, blutenden Herzens) zu betrachten. Eine Präpositionalgruppe mit fast derselben Bedeutung (vgl. schnellen Schrittes und mit schnellen Schritten) wirkt stilistisch neutraler. Es gibt auch Genitive, die dem Sinn nach einigen Akkusativen ähnlich sind und auch durch diese verdrängt werden (Er ging des Weges - den Weg; Ich schlafe des Tages /des Nachts - den Tag /die Nacht; aller vierzehn Tage – alle vierzehn Tage).

↓624

Im Vergleich zu den Genitiven sind die adverbialen Akkusative im Gegenwartsdeutschen stärker verbreitet (jeden Tag, zwei Stunden) und haben geringere semantisch-lexikalische und grammatische Restriktionen. Auch die absoluten Akkusative haben sich im Laufe der Zeit zu einem produktiven Muster weiterentwickelt, treten aber vorwiegend in einem gehobenen Stil auf.

Die in den Anhängen angeführten Tabellen bieten einen Überblick zur Struktur und internen Besetzung, zu den möglichen nominalen Köpfen sowie zu den strukturellen Varianten und konkreten Bedeutungen adverbialer Genitive und Akkusative.

Die aus dem empirischen Stoff gewonnenen Ergebnisse über die Funktion, Struktur, Semantik und den Gebrauch adverbialer Kasus können sowohl für die Weiterentwicklung funktionaler Grammatiktheorien als auch für praktische Zielsetzungen im Fach „Deutsch als Fremdsprache“ nutzbar gemacht werden.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
18.09.2006