Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

Kapitel 10. Pseudo-Gruppen<400>

(Tab. 9)

10.1 Auftreten und Formen

1. Eine Sonderform von Grabstatuen sind die sogenannten Pseudo-Gruppen. Diese Objektgruppe wurde kürzlich von M. Eaton-Krauss ausführlich behandelt<401>, so daß hier nur die wesentlichen Ergebnisse zusammengefaßt und in den Rahmen der funerären Praxis des AR eingeordnet werden.

2. Pseudo-Gruppen bestehen aus der Kombination von zwei oder drei Einzelstatuen, die alle denselben Statueninhaber darstellen. Ein wesentliches Kriterium für die Interpretation einer Gruppenfigur oder eines Teils einer Gruppenfigur als Pseudo-Gruppe ist, daß die Figuren sich nicht intentionell berühren, also weder umfassen noch an den Händen halten<402>. In einigen Fällen werden die Statuen derselben Person mit den von weiteren Personen verbunden, die nur einmal dargestellt sind (Pseudo-Gruppe in Verbindung mit Gruppenfigur, siehe dazu auch Kap. 9.5.).

Die Pseudo-Gruppen besitzen eine gemeinsame Basis, Rückenpfeiler und gegebenenfalls einen zusammenhängenden Sitz. Die Vervielfachung bezieht sich meist auf einen Statuentyp, so wird entweder eine Sitzfigur oder eine Standfigur vervielfacht. In einem Fall ist der Inhaber einer Pseudo-Gruppe aus zwei Sitzfiguren noch in einer Standfigur neben die Gruppe gestellt (9.7.2:), in einem weiteren Fall ist der Statueninhaber einmal stehend und einmal sitzend zu Seiten einer weiblichen Sitzfigur dargestellt (9.21). Unterschiede zwischen den vervielfältigten Figuren


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desselben Statueninhabers zeigen sich in Abweichungen der Haartracht (nur bei Dreiergruppen: 9.2; 9.7.2:; 9.9.2:; 9.21) und Details der Bekleidung (9.9.3:; 9.11.1:). Bei beschrifteten Pseudo-Gruppen können die Titel von Figur zu Figur variieren. Die begleitenden Figuren von Verwandten können eine der Figuren der Pseudo-Gruppe umfassen oder ergeifen (9.4; 9.8; 9.9.3:; 9.21) aber auch ohne Berührung dabeistehen (9.10; 9.23.2:; 9.23.3:).

Pseudo-Gruppen sind meist aus Kalkstein, gelegentlich aus Hartgesteinen. Erst am Ende des AR sind vervielfachte Statuen auf einer Basis bekannt, die aus Holz gearbeitet sind (9.24).

3. Es lassen sich folgende Typen von Pseudo-Gruppen unterscheiden<403>:

Typ I: Zwei identische Statuen, die dieselbe Person abbilden.

Typ II: Drei Statuen, die dieselbe Person abbilden.

Typ III: Zwei Statuen, die dieselbe Person abbilden, ergänzt um die Darstellung einer dritten Person. Die Statuen derselben Person müssen dabei nicht nebeneinander positioniert sein, sondern können das Abbild einer sitzenden Frau flankieren (9.4; 9.21).

Da bei (9.10) keine Berührung zwischen den zwei männlichen und der weiblichen Standfigur vorliegt, ist eine Zuweisung dieser Statue zu Untertyp III.b möglich, eine Interpretation nach III.a, mit einer sich nicht berührenden echten Gruppenfigur, aber auch.

Nur die Typen I.a, I.b und II.a sind als "echte" Pseudo-Gruppen anzusehen, die kombinierenden Typen II.b und vor allem III.a und III.b als sekundäre Weiterentwicklung.


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4. Die Mehrheit der Statuen in Pseudo-Gruppen bilden Standfiguren. Nur fünf Belege vom Typ I.a sind bekannt, von denen (9.25) aus Abydos stammt, also nicht aus der Residenz, und für (9.13) die Identifizierung als Pseudo-Gruppe fraglich bleibt. Sichere Pseudo-Sitzgruppen sind nur die des bA-bA=f, die aus einem Ensemble mit einer weiteren Pseudo-Standgruppe stammt (9.1), die Gruppe (9.23.1:), die von Eaton-Krauss einem größeren Ensemble zugeschrieben wird, und die Gruppe (9.20), die möglicherweise mit der Pseudo-Standgruppe (9.19) ein Ensemble bildete<405>. Figuren sitzender Personen beinhalten die kombinierten Gruppen vom Typ II.b und III, aber auch hier liegt praktisch eine Ensemblebildung vor.

5. Für die Interpretation einer Gruppenfigur als Pseudo-Gruppe ist es entscheidend, die Identität der abgebildeten Personen sicher zu bestimmen. Liegt die Darstellung verschiedener Personen vor, handelt es sich um eine Gruppenfigur; nur wenn die Identität von wenigstens zwei der in einer Gruppe vereinten Personen gesichert ist, kann von einer Pseudo-Gruppe gesprochen werden. Aufgrund der Varianten der Titelnennung wurden Pseudo-Gruppen gelegentlich als Gruppenfiguren gleichnamiger Väter und Söhne interpretiert. Bei einigen der so interpretierten Fällen identischer Statuen ist die Annahme, daß es sich um eine Pseudo-Gruppe jeweils desselben Statueninhabers handelt, jedoch plausibel zu machen<406>. Alle anderen Fälle gleichnamiger, aber in verschiedener Darstellungsweise abgebildeter Personen, sind als echte Gruppenfiguren anzusehen<407>. Ebenso ist bei sich intentionell berührenden Personen davon auszugehen, daß in diesem Fall keine Pseudo-Gruppe vorliegt, sondern die Darstellung zweier verschiedener Personen<408>.

6. Die frühesten Belege für die Verdopplung der Statue eines Grabherrn als Pseudo-Gruppe stammen aus dem Ensemble des bA-bA=f, und zwar sowohl für Sitz- als auch für Standfiguren (9.1)<409>. Der erste Beleg einer Dreiergruppe ist die des ra-wr (9.2). Pseudo-Gruppen treten dann von der frühen 5. Dynastie bis zum Übergang zur 6. Dynastie auf, wobei der Korpus insgesamt eher klein ist und sich weitgehend auf die mittlere soziale Ebene der dependent specialists beschränkt<410>. Das Fehlen von Pseudo-Gruppen der Elite der 5. Dynastie ist aber dadurch zu


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begründen, daß überhaupt wenig intakte Statuenensemble dieser Schicht erhalten sind; bei ptH-Spss in Abusir hat sich die Reliefdarstellung einer Pseudo-Gruppe erhalten (9.27). Bei dem relativ geringen Korpus fällt auf, daß einige Statueninhaber mehrere Pseudogruppen besitzen<411>.

Die Mehrheit der Pseudo-Gruppen vervielfacht die Darstellung eines Mannes. Die beiden Belege für die Vervielfachung der Darstellung einer Frau - eine Gruppe aus zwei Standfiguren (9.3) und die Gruppe des nackten xnw mit zwei identischen weiblichen Standfiguren (9.23.3:) - müssen als äußerst bemerkenswerte Ausnahmen gelten<412>. Eine der erhaltenen Pseudo-Gruppen des AR stellt einen König dar (9.26).

7. Pseudo-Gruppen, deren Fundumstände gesichert und ungestört sind, stammen meist aus dem Serdab<413>. Pseudo-Gruppen können daher zu den Serdab-Statuen gezählt werden. Eine Ausnahme ist die Dreiergruppe hockender Hm.w-kA aus dem Grab des nb-m-Ax.t (9.17), die aber wohl nicht zum Korpus der Pseudo-Gruppen zählt; wahrscheinlich waren hier - wie auch für die anoynymen Schreiberfiguren in den Felsnischen weiterer Gräber der Periode anzunehmen - mehrere Personen dargestellt, deren Teilnahme am Kult über die Statuen affirmiert wurde. Eine ähnliche Erklärung kann für die Vierergruppe angenommen werden (9.16), die vor der Scheintür in einem Grab ohne bekannten Grabherrn gefunden wurde (siehe Kap. 9.5.).

Für die mögliche Auftellung von Pseudo-Gruppen in offenen Kultbereichen spricht der Fundort der Dreiergruppe des ra-wr im Süden der sogenannten "offering hall" vor einem altar- oder opfertischartigen Untersatz, dem Betretenden gegenüber (9.2).

In den Schacht- und Sargkammerensembles ab Periode V treten die klassischen Pseudo-Gruppen aus Stein nicht mehr auf. Dafür sind in Saqqara in Schacht- und Sargkammerdepots aus der 6. Dynastie und der Zeit des Übergangs zur I. ZZ häufig genau zwei identische Holzfiguren des Grabherrn belegt<414>, in einem Fall auf einer gemeinsamen Basis (9.24). Wie auch bei der echten Gruppenfigur scheint die Kombination von Statuen in Holz nur selten durchgeführt worden zu sein, sondern man stellte die Objekte eher nebeneinander. Das mag durch die Herstellungstechnik in


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Holz bedingt sein, bei der man einzelne Glieder der Statuen sowieso separat fertigt und dann erst kombiniert, während bei steinernen Skulpturen von Anfang an die endgültige Gruppierung berücksichtigt wird.

10.2 Interpretation

1. Ch. Boreux unterschied in der ersten ausführlichen Behandlung der Pseudo-Gruppen zwei Typen dieser Statue: einen Typ absolut identischer Figuren und einen Typ leicht voneinander verschiedener Figuren. Der erste Typ bildet seiner Meinung nach den Toten in der als ein spezifischer Ausdruck des Königtums angesehenen Dualität ab; diese "pseudo-groupes à intention royal" seien daher im Zusammenhang mit der Übernahme königlicher Ausdrucksformen durch Privatleute im Verlauf des AR zu deuten, die sich so dem Bild des Königs annähern. Durch den zweiten Typ würden verschiedene Alterstufen abgebildet, wie es auch in verschiedenen Statuen möglich sei<415>. H. Junker setzte sich mit der Interpretation von Boreux auseinander und lehnt die Abbildung verschiedener Alterstufen ab, da die Differenzen zwischen den Figuren nur gering seien. Er bezog Statuen in seine Interpretation mit ein, bei denen eine Person die andere umarmt<416> und deutet Pseudo-Gruppen als Darstellung des Toten mit seinem oder - bei Dreiergruppen - seinen kA.w, die teilweise, mit ausgebreiteten Armen wie im Schriftzeichen Gardiner D 28, den Toten umarmen<417>.

Gegen diese spekulative Deutung der Pseudo-Gruppe wandten sich A. Shoukry und J. Vandier, die die Pseudo-Gruppe als eine Sonderform der auch sonst belegten Statuenvervielfältigung ansehen, der aber keine besondere, von anderen mehrfach vorhandenen Statuen verschiedene Bedeutung zukomme<418>. Inspiriert sei die Bildung der Pseudo-Gruppen von der etwa zeitgleich aufkommenden Sitte der Felsfiguren, die ebenfalls die Statuenvervielfältigung mit quasi gemeinsamer Basis praktiziert. Die Gruppierung auch der Einzelfiguren habe vor allem praktische Gründe da so "on obtenait ... une solidité plus grande"<419>. M. Eaton-Krauss spricht sich in ihrer Publikation für die These von Vandier und Shoukry aus, wonach die Pseudo-Gruppe eine Variante der auch sonst belegten Statuenvervielfältigung sei<420>.


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In seiner Publikation der Gruppe des Neuserre (9.26) - die Boreux noch nicht bekannt war! - greift D. Wildung den Gedanken der Dualität des Königtums auf. Er sieht in den beiden Darstellungen leichte Differenzen der Alterszeichnung, die die "menschlich-göttliche Natur des Königs" und damit die "menschlich-göttliche Dualität des Königtums" zum Ausdruck bringen<421>. S. Rzepka hat kürzlich auch die Junkersche Idee der Verbindung von Pseudo-Gruppe und kA wieder aufgegriffen. Er bezieht wiederum Bildnisse sich berührender Personen mit in die Interpretation ein und sieht die Pseudo-Gruppe als die bildliche Umsetzung eines Konzeptes, das den kA als erbliche Kraft in verschiedenen Generationen abbildet. Die Pseudo-Gruppe zeigt dannach entweder Vater und Sohn oder Vater, Sohn und Enkel in derselben Gestalt, da der kA der Familie in allen Generationen wirke. So stelle der Statueninhaber, auf das Vorbild der Gruppenfigur der Familie zurückgreifend, in seiner eigenen Person die Kontinuität Vater-Ego-Sohn dar<422>.

2. Faßt man die vorliegenden Interpretationen von Pseudo-Gruppen zusammen, so lassen sich zwei Ansätze unterscheiden. Der Ansatz von Shoukry, Vandier und Eaton-Krauss setzt die Phänomene Pseudo-Gruppe und Statuenvervielfältigung durch Einzelfiguren oder Felsfiguren gleich. Die Pseudo-Gruppen sind damit nur ein Sonderfall der auch in anderer Art und Weise belegten Vervielfältigung, dem kein neuer Sinn oder Inhalt eigen ist. Die anderen Autoren sehen in den Pseudo-Gruppen eine Statuenform, die den Toten in besonderer, in anderen Statuen nicht üblicher Weise beschreiben soll; in verschiedenen Alterstufen (Boreux, zweiter Typ), als Teil einer sich ergänzend gedachten königlichen Dualität (Boreux, erster Typ; Wildung) oder in Verbindung mit dem kA (Junker, Rzepka).

Bevor eine zwischen den beiden wichtigsten Thesen - Vervielfältigung vs. konkreter Sinn - vermittelnde Interpretation vorgeschlagen wird<423>, soll die Entstehung der Pseudo-Gruppe und ihre wesentlichen Charakteristika noch einmal besprochen werden.

3. Die Pseudo-Gruppe wurde formal etwa zeitgleich mit der echten Gruppenfigur entwickelt, im Zuge einer Tendenz, die auch zur Herausbildung der Schreiberfigur, der Standfigur mit Vorbauschurz und von Dienerfiguren führte. Echte Gruppenfiguren sind zwar etwas früher als die Pseudo-Gruppe schon bei kA-wab, xa-mrr-nb.tj und mr=s-anx III. belegt (siehe Kap. 9.2.), aber die ersten Beispiele für Pseudo-Gruppen stammen schon aus den großen Anlagen des bA-bA=f und ra-wr, die als Höhepunkt der in Periode IV.a entwickelten neuen Formen funerärer Praxis der Elite gelten dürfen. Der Beleg einer Pseudo-Gruppe des Neuserre läßt es sogar möglich erscheinen, daß die Pseudo-Gruppe, wie die echte Gruppenfigur, in direktem Zusammenhang der Formulierung neuer ideologischer Inhalte des Königtums entwickelt wurde; den Beleg einer


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königlichen Pseudo-Gruppe schon aus der späten 4. Dynastie gibt es jedoch nicht und auch die Gruppe des Neuserre ist bisher einmalig.

Die Enstehung der Pseudo-Gruppe als Statuentyp in diesem innovativen Umfeld spricht dafür, in ihr einen besonderen Inhalt ausgedrückt zu sehen, über den, wie auch die genannten neuen Statuentypen, auf differenzierte Weise der Toten beschrieben wird.

4. Im Gegensatz zur Gruppenfigur, die eine ganz neue Schöpfung dieser Zeit darstellt, konnte bei der Gestaltung der Pseudo-Gruppe aber auf die sehr alte Tradition der Verwendung von verdoppelten Statuen im funerären Kult zurückgegriffen werden. Schon der früheste sichere Beleg für Statuen in einer funerären Anlage im Kultbereich der Mastaba S 3505 in Saqqara Nord vom Ende der 1. Dynastie besteht aus zwei nebeneinander aufgestellten männlichen Standfiguren (2.1). Die hier belegte Verdopplung männlicher Standfiguren scheint schon in der funerären Praxis der Periode II durchaus üblich gewesen zu sein, wie die absolut identischen Standfiguren des zpA belegen (2.2.1:+2:). Oben wurde ausgeführt, wie in Periode III aus den so "symbolisch" gruppierten Statuen die ersten Belege für "analytische" Vervielfältigung des Bildes des Grabherrn durch unterschiedlicher Statuentypen abgeleitet wurden (siehe Kap. 8.2.). Die Wiederaufnahme (oder eher Kontinuität) der symbolischen Vervielfältigung desselben Statuentyps ist im Ostfriedhof in Giza durch die Reste des Ensembles des kA-wab (3.5) belegt und erlebt in der späten 4. Dynastie in Gestalt riesiger Statuenhäuser und großer Felsfigurenensembles ihren absoluten Höhepunkt. Aus diesem Zusammenhang stammen die hier als früheste Belege aufgeführten Beispiele des bA-bA=f und des ra-wr. Unter diesem Aspekt gesehen, ist die Pseudo-Gruppe im Zuge der allgemeinen Tendenz zur Statuenvervielfältigung entstanden. Auch sind die Bezüge zwischen dem Auftreten der ersten Felsfigurenensembles und den ersten Pseudo-Gruppen nicht zu übersehen<424>. Damit bleibt das Phänomen der mehrfachen Abbildung einer Person in der Pseudo-Gruppe auf das engste mit der allgemeinen Vervielfältigung des Abbildes eines Grabherrn verbunden.

5. Die Besonderheit der in Periode IV auftretenden Pseudo-Gruppen gegenüber den Verdoppelungen der vorangegangenen Perioden und auch zeitgleicher Statuenvervielfältigung ist aber die Kombination der Statuen auf einer gemeinsamen Basis. Dabei bedient sich die Pseudo-Gruppe des in dieser engen Gruppierung liegenden ikonographischen Index der "Nähe", der auch bei der echten Gruppenfigur aktiviert wird. Dieses ikonographische Element wird in der echten Gruppenfigur genutzt, um eine Entität zu beschreiben, die sich durch die enge Verbindung der so kombinierten Komponenten konstituiert. Die Pseudo-Gruppe ist damit zwar den Belegen einfacher Statuenvervielfachung inhaltlich verwandt, stellt aber in der Betonung der "Nähe" eine neue Qualität dar, die sich eines bei der Vervielfachung von Einzelstatuen so nicht gegebenen Index bedient.


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6. Pseudo-Gruppen vervielfältigen jeweils einen der Grundtypen der rundplastischen Abbildung einer Person, die Sitz- oder die Standfigur. Dabei überwiegt deutlich die Verdopplung der Standfigur, bei der Verdreifachung ist die Standfigur sogar ausschließlich belegt. Das entspricht der Tendenz der Statuenensembles, die in einem funktionalen Zusammenhang (also einem Statuenraum oder Serdab) häufig mehrere Standfiguren derselben Person, aber nur selten mehrere Sitzfiguren derselben Person aufweisen<425>. Ebenfalls analog zum Beleg der Statuenvervielfältigung ist, daß nur zwei Pseudo-Gruppen weiblicher Statueninhaber bekannt sind. Auch in Ensembles, die nicht aus Anlagen stammen, deren Grabherrn weiblichen Geschlechts sind, ist die Vervielfältigung weiblicher Statuen selten belegt. Und das Fehlen von Pseudo-Gruppen aus Schreiberfiguren und die nur zwei mal belegte Verdopplung der Standfiguren im Vorbauschurz (9.5; 9.7.1:) entspricht ebenfalls der Praxis, solche Statuen tendenziell nur einmal in einem funktionalen Zusammenhang aufzubewahren.

7. Es zeigt sich, daß es zwischen der Vervielfältigung eines Statuentyps und der Pseudo-Gruppe eine Anzahl von Parallelen gibt, die deutlich machen, daß beide Phänomene gemeinsame Ursachen haben. Das belegt insbesondere die gemeinsame Herkunft aus der Praxis der Statuenverdopplung in Periode II, das etwa zeitgleiche Auftreten von massiver Statuenvervielfachung und ersten Pseudo-Gruppen - sogar in denselben Ensembles - und die prinzipiell selben Statuentypen, die vervielfältigt werden bzw. in Pseudo-Gruppen auftreten. Das insgesamt eher seltene Vorkommen der Pseudo-Gruppen, die Varianten der Darstellung und die fallweise Konzentration von Pseudo-Gruppen in einigen Statuenensembles machen eine Erklärung der Pseudo-Gruppen als Träger eines besonderen, von anderen Statuen verschiedenen "Sinnes" ebenfalls unwahrscheinlich. Insbesondere wäre die Seltenheit der Pseudo-Gruppen verwunderlich, wenn es sich bei ihr um die bildliche Affirmation einer für die Weiterexistenz so zentrale Kategorie wie den kA und seines Wirkens in den Generationen handeln würde<426>. So wird die Deutung des Phänomens Pseudo-Gruppe also tatsächlich in der Deutung des Phänomens der Typenvielfalt und Typendoppelung von Statuen eines Statueninhabers allgemein liegen.

8. Nicht von der Hand zu weisen ist aber die besondere Qualität der als Pseudo-Gruppe vervielfältigten Statue gegenüber anderen Statuen, ausgedrückt in der "Nähe", einem ikonographischen Index, der in Periode IV bei den echten Gruppenfiguren einige Bedeutung besitzt. Und ebenfalls bemerkenswert ist das Auftreten der Pseudo-Gruppen zusammen mit anderen Statuentypen, die eine Tendenz der Periode III weiterentwickeln, den Toten so genau wie möglich zu beschreiben. Dieses Interesse zur differenzierten Beschreibung liegt wohl auch den Sonderfällen zugrunde, bei denen Pseudo-Gruppen und weitere Statuen kombiniert werden. Ist die Deutung des Phänomens Pseudo-Gruppe auch eng mit dem Phänomen Statuenvervielfältigung


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verbunden, so stellen Pseudo-Gruppen gegenüber mehrfach vorhandenen Einzelstatuen eine besondere Qualität dar.

9. Überwiegend<427> wird in der Pseudo-Gruppe ein Statuentyp nur verdoppelt, so in den frühen Belegen des bA-bA=f komplettierend je eine Sitz- und eine Standfigur (9.1). Weit weniger häufig ist die Verdreifachung eines Statuentyps, zuerst bei ra-wr als Verdreifachung der Standfigur, belegt (9.2). Denselben Typ der Verdreifachung wiederholen die Statue des pn-mrw (9.9.2:) und eventuell das Fragment (9.14), während die Statue des mr-sw-anx (9.7.2:) den Statueninhaber zweimal sitzend und einmal stehend wiedergibt, also eine ungleiche Kombination der Komponenten der Pseudo-Gruppe ist. Die übrigen Belege vom Typ III bestehen aus der Kombination von einem Abbild einer Person mit dem einer weiteren Person, die Pseudo-Gruppe ist hier auch wieder nur verdoppelt.

Üblich ist also vor allem die Doppelung eines Statuentyps, was als "eigentliche" Pseudo-Gruppe angesehen werden kann. Dieser Typ folgt prinzipiell genau den separaten doppelten Standfiguren, für die es seit dem Ende der 1. Dynastie in Saqqara Belege gibt. Aus dieser Doppelfigur hatte man in Periode III die Beschreibung verschiedener Aspekte des Grabherrn durch unterschiedliche Statuentypen entwickelt (traditionelle Standfigur und Standfigur mit Vorbauschurz). Mit der explosionsartigen Zunahme der Verwendung von Statuen im Übergang von der Praxis der Periode III zu der der Periode IV hatte man offensichtlich das Bedürfnis, die "traditionelle" Doppelfigur wieder in besonderer Weise vom Ensemble der übrigen Vielheit der Statuen abzuheben. So ist sicher nicht zufällig, daß gerade das große Ensemble des bA-bA=f neben vielen anderen Statuen je eine Pseudo-Stand- und eine Pseudo-Sitzgruppe enthält. Daß dieses Statuenensemble so viele andere Statuen enthält, schließt auch aus, daß man die Pseudo-Gruppe aus Gründen der Stabilität o.ä. eingeführt hat (wie Vandier vorschlägt); es liegt vielmehr deutlich der Wunsch vor, sie von den übrigen Statuen abzuheben. Im Gegensatz zur "analytischen" Differenzierung durch verschiedene Statuentypen bzw. der "funktionalen" Differenzierung durch Austellung an vielen Kultplätzen (Serdabe, Schreine etc.) wird hier Wert auf die absolute Identität und Nähe der Abbilder gelegt. Die Betonung dieser Identität und deren Verbindung zu einer Zweiergruppe kann als der Grund der Einführung der Pseudo-Gruppe angesehen werden. Die traditionelle Doppelstatue wird damit "neu erfunden" und den anderen, "analytisch" und funktional vervielfältigten Abbildern gegenübergestellt. Die Pseudo-Gruppe ist damit eine privilegierte Form der Vervielfältigung, ein Medium, um das Prinzip der Vervielfältigung im traditionellen Sinne neu zu beleben.

9. Als Deutung des "Sinnes" der Verdoppelung des Abbildes und seine Kombination unter Ausdruck der "Nähe" soll vorgeschlagen werden, die zugrunde liegende Idee im Ausdruck des Duals als semantisches Konzept zu suchen. Die Kombination zweier identischer Abbilder ist die bildliche Umsetzung des Duals, wie er auch in der Schrift "archaisierend" üblich ist. Dual ist in


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diesem Sinne nicht als einfache Zweiheit zu verstehen, sondern drückt die Paarbildung identischer Dinge aus, die zusammen eine Einheit bilden. Das entspricht auch dem Gebrauch des Duals in der Schrift (und respektive auch der Sprache), der als Phänomen wohl überhaupt aus dem paarweisen Aufbau des menschlichen Körpers und dessen sprachlicher Umsetzung resultiert. Die Verdopplung eines Abbildes kann man also als Versuch interpretieren, die Ganzheit / Einheit des Einzeldinges zu beschreiben. Wesentlich ist, daß aber die beiden Komponenten absolut identisch sind, denn nur so werden sie der Indizierung mit "Dual" gerecht. Sobald die Komponenten abweichen, drücken sie differenzierte Erscheinungsformen aus und werden damit "analytisch". Die semantische Potenz des Konstruktes Dual liegt aber gerade darin, in symbolischer Form eine absolute Ganzheit der Erscheinungen zu beschreiben<428>. Der Begriff der "Dualität" bzw. des "Dualismus", der in der Ägyptologie traditionell als Zweiheit verschiedener Teile aufgefaßt wird, entspricht diesem Prinzip also nicht. Dieses häufig besprochene Prinzip ist besser durch den Begriff "Komplementarität" zu beschreiben, der das Ganze als sich ergänzende, voneinander verschiedene Komponenten auffaßt<429>. Boreux' Ansatz ist also nur insofern zu korrigieren, als daß das Ziel der Erfindung der Pseudo-Gruppe nicht die Imitation des Königs war, sondern der Ausdruck absoluter Einheit, der auch in einigen ideologischen Konstrukten des Königtums auftritt.

10. Ursprünglich waren Verdoppelungen wohl nur für Standfiguren üblich. Die Vervielfachung auch von Sitzfiguren in der späten 4. Dynastie ließ in sekundärer Ableitung auch hier eine Pseudo-Gruppe von Sitzfiguren entstehen, wie im Ensemble des bA-bA=f belegt. Und auch die Dreiergruppe des ra-wr (9.2) kann als spekulative Weiterentwicklung dieser Denkfigur angesehen werden. Hier liegt die Beschreibung der Wesenheit des Grabherrn über den Plural vor - in der Schrift ebenfalls als Dreiheit gleicher Dinge abgebildet, aber durchaus auch als Dreiheit leicht differenzierter Dinge. Der Plural ist semantisch nicht auf eine bestimmte und abschließende Vielzahl beschränkt, er ist offen und umfaßt die verschiedensten Erscheinungsformen einer Sache<430>, ganz im Gegensatz zum "abschließenden" Dual der identischen Teile. Während die


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"dualischen" Pseudo-Gruppen tendenziell tatsächlich identisch sind, variieren die "pluralischen" Gruppen regelmäßig einige Details, wie z.B. die Perücken! Die Dreier-Pseudo-Gruppe beschreibt nach diesem Erklärungsversuch also die unbegrenzte, für jede Variante offene Vielheit der Aspekte eines Toten.

11. Bei der Königsfigur (9.26) und vor allen den in diesem Zusammenhang wichtigen Statuen des bA-bA=f und des ra-wr, den beiden Personen, die die wahrscheinlich größten nichtköniglichen Statuenensembles des AR überhaupt besitzen, ist nicht unwahrscheinlich, daß derartige semantische Spekulationen der Erfindung dieses Statuentyps zugrundelagen. Was bei einer solchen, sich auf die Prinzipien der Schrift stützenden Erklärung jedoch auffällt, ist, daß es die entsprechende Verdoppelung bzw. Verdreifachung von Bildern des Grabherrn in dieser spezifischen Weise im Flachbild nicht gibt<431>. Dafür tritt die Pseudo-Gruppe besonders in solchen Anlagen auf, die dem Rundbild dem Flachbild gegenüber deutlich den Vorzug geben<432>. Außerdem stammen die meisten und aufwendigsten Belege dieser "Denkschule" aus Giza<433>.

12. Die Pseudo-Gruppe erfreut sich in der 5. Dynastie offensichtlich einer gewissen Beliebtheit und wird in die Depot-Serdabe etlicher Anlagen aufgenommen. Ob dabei der hier als Erklärung vorgeschlagene spekulative Sinn in den Serdabstatuen der mittleren Residenzelite tatsächlich noch eine große Rolle gespielt hat, ist nicht sicher, da immer mehr die Vervielfältigung aller magisch potenten Installationen in den Mittelpunkt des Interesses rückt, wie z.B. in der Anlage des ptH-Spss zu sehen, die gleich zwei Pseudo-Stand-Gruppen enthält (9.11). Die Vorstellung aber, daß die im Dual gefaßte komplexe Einheit eine sinnvolle Form der Beschreibung eines Toten ist, scheint bis zum Ende des AR erhalten zu sein. Die im Übergang vom AR zur 1. ZZ üblichen Schacht- und Sargkammerensembles enthalten häufig genau zwei annähernd identische Holzstandfiguren des Grabherrn, die oft aus härterem Holz als die sie umgebenden Dienerfiguren gefertigt sind.

13. Neben den beiden frühen Belegen aus Großanlagen verdienen drei Ensembles Erwähnung, die sehr ungewöhnliche Varianten von Pseudo-Gruppen enthalten: das des mr-sw-anx, des pn-mrw und das einer Familie mit unbekanntem Fundort. Einzelne Objekte der jeweiligen Gruppen werden an anderen Orten ausführlicher behandelt, so daß hier nur kurz auf die Ensemble selbst eingegangen werden soll.


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Das Ensemble des pn-mrw umfaßt die neben der ra-wr-Gruppe einzige sicher belegte Dreier-Pseudogruppe (9.9.2:) und den einzigen Beleg einer Nischenfigur, die Elemente der Pseudo-Gruppe und der Gruppenfigur inkorporiert (9.9.3:). Während diese beiden Objekte sich durch die Qualität der bildhauerischen Arbeit auszeichnen, fällt die der "normale" Pseudo-Gruppe sichtlich dagegen ab (9.9.1:). Auch die sonst fehlende Dekoration der Anlage (eventuell auch die fehlende Scheintür?) und der lange Siftungstext neben dem Serdabschlitz deuten an, daß hier eine sehr ungewöhnliche funeräre Anlage vorliegt, deren Anomalien wohl auf konkrete Gegebenheiten zurückzuführen sind, denen hier nicht nachgegangen werden kann.

Das Ensemble des mr-sw-anx umfaßt zwei, eventuell sogar drei Pseudogruppen (9.7 und 9.8?). Hier ist möglicherweise davon auszugehen, daß die Anlage des ra-wr, an der mr-sw-anx als Priester angestellt war, die reiche Verwendung von Statuen in der sonst eher kleinen Anlage inspirierte. Auf die interessante Doppelgruppe des Grabherrn mit Vorbauschurz und auf die Brust gelegter Hand wurde schon eingegangen (siehe Kap. 8.4.6); wahrscheinlich impliziert die Geste das jmAx.w-Verhältnis, das mr-sw-anx mit ra-wr verband. Durch die spiegelbildliche Armhaltung "durchbricht" die Gruppe das Prinzip des Duals, ebenso, wie die Dreiergruppe aus zwei Sitz- und einer Standfigur den Plural "bricht". Ebenso deutet der Vorbauschurz - die Schreiber- und Residenztracht - an, daß es hier nicht nur um die "dualische" Verdoppelung der traditionellen Standfigur geht, sondern um die Verdoppelung einer Statue des Grabherrn als dem ra-wr dienender jmAx.w. Ähnlich sind wohl die ebenfalls im Vorbauschurz verdoppelten Statuen des jn-kA=f "the priest" zu deuten (9.5). Man darf wohl davon ausgehen, daß dieses intellektuelle Spiel mit den Möglichkeiten der Gruppenbildung beabsichtigt ist.

Die zwei Statuen vom Typ III.b stellen jeweils den nackten stehenden xnw dar, dem zur Rechten sich die Pseudo-Gruppen zweier sitzender Männer und zweier stehender Frauen befinden (9.23.2:+3:). Der Typ ist einmalig und auch hier ist davon auszugehen, daß er für diese Anlage erfunden wurde. Eaton-Krauss schreibt diesen zwei Pseudo-Gruppen noch eine weitere zu (9.23.1:), so daß auch hier von sehr konkreten Interessen und Gründen der Affirmation in so ungewöhnlicher Form ausgegangen werden muß.

14. Die vier Mal belegte Verbindung von einer Figur der Pseudo-Gruppen mit Figuren von sie umfassenden Familienangehörigen entspricht den Prinzipien der Gruppenfigur (siehe Kap. 9.5.). In diesen Statuen liegt prinzipiell die Kombination zweier Statuentypen eines Grabherrn vor: der Einzelfigur und der Gruppenfigur, die interessanter Weise also vor allem als Bild des Grabherrn verstanden wird. Diese Gruppen bedienen sich weitaus eher "analytischer" Formen der Beschreibung eines Toten, als daß die Symbolik des Duals deutlich zum Ausdruck kommt. Bei (9.9.3:) und wohl (9.8) ist davon auszugehen, daß die Idee der Pseudo-Gruppe noch von Bedeutung ist, denn sie stammen aus Ensembles, die weitere Pseudo-Gruppen enthielten bzw. in deren Umfeld solche auftreten. (9.21) und (9.4) hingegen bestehen jeweils aus einer Gruppensitzfigur, die den Grabherrn als Sohn bzw. wohl Gatten beschreibt, und einer weiteren


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Figur, die ihn als Individuum zeigt. Beide Gruppen bleiben in ihrer Deutung als Pseudo-Gruppe problematisch.

10.3 Pseudo-Gruppen - Zusammenfassung

1. Pseudo-Gruppen sind ein Produkt der funerären Praxis der Periode IV. Bei der formalen Gestaltung der Pseudo-Gruppe wird auf die seit der Periode II belegte Verdoppelung männlicher Standfiguren zurückgegriffen. Pseudo-Gruppen treten zuerst in Großanlagen vom Ende der 4. Dynastie auf und sind in der 5. und wohl noch frühen 6. Dynastie vor allem als Serdab-Statuen gebräuchlich. Schacht- und Sargkammerensembles der Perioden V und VI enthalten keine Pseudo-Gruppen im engeren Sinne mehr; die Verdoppelung einer männlichen Standfigur aus Holz ist aber weiterhin üblich.

2. Der Grundtyp der Pseudo-Gruppe stellt dieselbe Person zwei- oder dreimal auf annähernd identische Art und Weise in einer durch Basis, Rückenpfeiler und eventuell Sitz verbundenen Statue aus Stein dar. Die Personen berühren sich nicht intentionell. Es überwiegen die in dieser Form vervielfältigten Standfiguren; Sitzfiguren sind aber ebenfalls belegt. Üblich ist diese Form der Vervielfältigung vor allem für männliche Figuren, zwei Belege für Pseudo-Gruppen von Frauen müssen als Sonderfälle gelten. In Sonderformen treten nicht-identische Darstellungstypen nebeneinander auf (Stand- und Sitzfigur) und es werden weitere Personen in die Gruppe inkorporiert.

3. Pseudo-Gruppen sind vor allem als Serdab-Statuen belegt und formal den vervielfältigten Einzelstatuen in Statuenräumen und Serdaben ähnlich. Durch die enge Kombination werden sie aber zusätzlich mit dem Index "Nähe" versehen, der auch in der echten Gruppenfigur zum Ausdruck einer aus den so gruppierten Komponenten gebildeten übergeordneten Entität dient.

4. Die Verdopplung der Einzelfigur geht auf das Vorbild einer früh-formalen funerären Praxis zurück. Wahrscheinlich drückt die Verdopplung identischer Komponenten ein kognitives Konzept aus, daß in der Schrift als Dual umgesetzt auftritt. Dieses Konzept beschreibt die absolute und abschließende Vollständigkeit einer Sache über die Paarbildung identischer Teile. Das verdoppelte Abbild des Grabherrn stellt ihn als den absolut vollständigen Toten vor.

5. Die Dreierbildung ist als spekulative Weiterentwicklung dieses Konzeptes in der Praxis der Periode IV aufzufassen; man bedient sich hier der semantischen Kategorie des Plurals, um symbolisch die Wesensheit des Grabherrn zu beschreiben. Hier wird die offene Vielheit aller möglicher, auch abweichender Erscheinungsformen thematisiert. Das dreifache Abbild des Toten beschreibt ihn in seiner unendlichen Vielheit an Erscheinungs- und Wesensformen. Dieser Aspekt ist für die Periode IV und ihr Bemühen typisch, über eine Vielheit von Affirmationen den Toten zu


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beschreiben, wird aber nur selten in dieser Weise umgesetzt.

6. Einige kombinierende Sonderformen stammen aus Anlagen, in denen die Möglichkeiten der Pseudo-Gruppe spekulativ ausgedeutet werden, oder man kombiniert die Pseudo-Gruppe mit Elementen der echten Gruppenfigur, wobei der beiden Statuentypen eigene Index der "Nähe" das verbindende Element ist.


Fußnoten:

<400>

Shoukry 1951: 152-155, 174-176

<401>

Eaton-Krauss 1995; ihrem Katalog hinzugefügt wurden die beiden Fragmente (9.14) und (9.15).

<402>

Eaton-Krauss 1995: 57; der Begriff Pseudo-Gruppe wurde von Capart 1924: 221 geprägt, auf den auch die Definition zurückgeht, daß das Kriterium der Pseudo-Gruppe ist, aus identischen Statuen zu bestehen, die sich problemlos voneinander trennen lassen, d.h. keine gegenseitige Berührung vorliegt.

<403>

Vandier 1958: 89f. Nicht in die Typologie aufgenommen sind die beiden Fälle Eaton-Krauss 1995: Cat. 21, drei Figuren im Schreibersitz (9.17 = 7.129.1:) und Cat. 25, vier Sitzfiguren (9.16 = 7.130), die m.E. je verschiedene Personen abbilden und keine Pseudo-Gruppen sind.

<404>

Zu diesem Typ könnte eine problematische Gruppe aus G 2099 zählen, die zwei identische männliche Standfiguren mit geschlossenen Beinen zeigt, zwischen denen eine kleine männliche Standfigur steht (7.75.2:). Die beiden identischen Figuren tragen verschiedene Namen (eventuell zwei Namen einer Person?, BGM 6: 152), die kleine Figur ist als zA=f n X.t=f bezeichnet.

<405>

Borchardt 1911: CG 165 + 168, Bl. 37, gibt für beide nur den Fundort Saqqara an. Ähnlich ist in beiden Fällen das Material (Granit), beide tragen keine Beschriftung und die Dimensionen sind vergleichbar (H: 47,5 cm; H: über 58 cm). Auch stilistisch passen die Gruppen zusammen.

<406>

Siehe die Diskussion entsprechender Fälle in: Eaton-Krauss 1995: 57-74 und Rzepka 1996: 335-347.

<407>

Siehe Kap. 9.5, dort auch zur umstrittenen Gruppe der ppj, Hildesheim Nr. 17 (7.62); dazu: Rössler-Köhler 1989 und Eaton-Krauss 1995: 58f.

<408>

So auch Eaton-Krauss 1995: 62; contra Junker Giza VII: 98 und Rzepka 1996: 337.

<409>

Rzepka 1996: 340 sieht in den Gruppen (7.3.2:+3:) an der West-Wand von Raum II der Kapelle der mr=s-anx III. die frühsten Belege für Pseudo-Gruppen, hier noch als Felsfiguren. Allerdings umarmen sich die zwei Frauenfiguren in beiden Gruppen, eine Geste, die üblicherweise familiäre Beziehungen ausdrückt. So ist die Deutung als mr=s-anx und ihre Mutter Htp-Hr=s eher wahrscheinlich.

<410>

sHD Hm.w-kA: (9.7.1:); jmj-r/sHD wab.t: (9.6); swnw: (9.24); sHD Hm.w-kA+jdnw Xnm: (9.7.2:); xrp-sH: (9.9.2:); jmj-r xntjw-S + jmj-r sDA.t: (9.10)

<411>

bA-bA=f: (9.1); mr-sw-anx: (9.7); pn-mrw: (9.9); ptH-Spss: (9.11); eventuell Familie des xnw: (9.23)

<412>

Ob die Gruppe (9.3) tatsächlich eine Pseudo-Gruppe ist, bleibt fraglich. Nach dem Foto Hassan Giza IX: pl. XLII.A ist keine Identität der beiden weiblichen Figuren festzustellen, vielmehr scheint die zur Rechten die Beine geschlossen zu haben oder nur eine leichte Schrittstellung anzudeuten, wärend die zur Linken deutlich ausschreitet. Sollten die Reste der Inschrift als Stiftungstext deutbar sein, ist eher davon auszugehen, hier eine Gruppenfigur zu sehen, die zwei verschiedene Personen abbildet, die sich nicht berühren, wobei eine die Stifterin der Statue ist.

<413>

Eaton-Krauss 1995: 60; 9.4; 9.7; 9.9; 9.10; 9.11; 9.14

<414>

Beispiele: Saqq.-W (Ende AR): Schacht des Tfw (Hassan Saqqara III, 12, pl. VIII.A + VIII.B-D); Schacht des jSTj (Drioton / Lauer 1958: Kairo JE 88575, 215, pl. VIII, IX + Kairo JE 88576, 215f, pl. VIII.a); Teti-Friedhof (1. ZZ): HMK 30 (Kopenhagen AE.I.N. 1626-7, Firth / Gunn 1926: pl. 29.B); S 2757, zwei Bestattungen (Quibell / Hayter 1927: 13 (ohne Abb.) + Kairo JE 46769-46770, 14, pl. 26.2); "Early Middle Kingdom Tomb" (Kairo JE 39150-3, Quibell 1908: 7-12, pl. XIV). Siehe auch die Bemerkung zum Serdab von Giza G 3003 in Fisher 1929: 75: "In the serdab were the remains of a small pair statuette of wood."; auf Foto pl. 29 sind aber eher zwei separate Figuren zu erkennen.

<415>

Boreux 1935-38: 807; die These der Alterstufen fußt auf der Interpretation von verschiedenen Holzfiguren aus der Nekropole von Sedment, die nach Ansicht von Petrie / Brunton 1924 I: 3 den Grabherrn in verschiedenen Lebensaltern abbilden; siehe Kap. 11.2.

<416>

So die Figur zur Linken, die die mittlere Figur der Gruppe (9.8) umarmt und die Gruppenfigur zweier Männer Kairo JE 43752 (7.61), bei der der Mann zur Rechten den zur Linken umarmt.

<417>

Junker Giza VII: 96-100

<418>

Shoukry 1951: 174-176; Vandier 1958: 85-88

<419>

Vandier 1958: 88

<420>

Eaton-Krauss 1995: 58

<421>

Wildung 1984: gegenüber Abb. 3; siehe den Kommentar zur angeblichen Verschiedenheit der Figuren in Seidel 1996: 54-56.

<422>

Rzepka 1996: 341-343

<423>

W. K. Simpson faßt in der Publikation der pn-mrw-Ensembles die geläufigen Ansichten zusammen und stellt ebenfalls fest, daß die Möglichkeit besteht, die Ansätze zu verbinden (BGM 4: 26).

<424>

Zu den Felsfiguren siehe Kap. 18.1.

<425>

Bei mehreren Serdaben können hingegen mehrere Sitzfiguren auftreten, siehe die große Anzahl solcher Statuen des ra-wr (12.5), dazu Kap. 13.1.1.2.

<426>

Zum kA und der Statue siehe Kap. 24.3.

<427>

19 von 22 als echte Pseudo-Gruppen anzusehende Belege bei Eaton-Krauss 1995.

<428>

Das Problem der praxisbezogenen Deutung eines semantischen Phänomens kann hier nur angerissen werden, zumal durch das weitgehende Fehlen des Duals in der Praxis der europäischen Kommunikation eine erhebliche Mentalitätsbarriere besteht, die "Zweiheit / Paar" nicht einfach als "Zweizahl" mißzuverstehen. Man muß sich verdeutlichen, daß in diesem Zusammenhang der Singular die konkrete Einzelheit beschreibt, der Plural die Vielheit, der Dual aber die dazwischen liegende "Ganzheit" einer Sache, die über die Einzelheit hinausgeht. Siehe Russmann, E. s.v. "Totalitätsbezeichnungen", LÄ VI : 639-64, mit Beispielen von die Ganzheit beschreibenden Paarbildungen identischer oder nicht identischer / ergänzender Komponenten. Zur Morphologie der Schreibung von Dual und Plural: Faulkner 1929: § 5-13, zum Dual konkret: § 27-29; Gardiner 1957: § 34, 72, 73.1.2.4. Zur Verwendung des Duals in Ämterbezeichnungen als Ausdruck der Ganzheit: Helck 1954: passim: "Inhaber der Oberaufsicht"; Strudwick 1985: 265: "The most plausible explanation for the dual form of jmj-r Snwtj is that it implied control of the granaries of the whole land and not two particular ones."

<429>

Siehe dazu Otto, E.: s.v. Dualismus, LÄ I: 1148-1150; Berner 1976.

<430>

Siehe die häufige Determinierung des Plurals durch verschiedene Zeichen: Faulkner 1929: § 9.a (dort auch Beispiele für den Dual mit verschiedenen Determinativen!), z.B. auch die Determinierung des Plural von twt durch verschiedener Statuentypen bei Tjj (Steindorff 1913: Taf. 61; Épron et.al. 1939-1966: pl. LVII; eine Sitzfigur mit Stab, eine Standfigur mit Vorbauschurz und Stab, eine Standfigur mit kurzem Schurz - der Plural der Statuen besteht aus einer Sitzfigur und den zwei sich analytisch ergänzenden Standfigurentypen).

<431>

Junker Giza VII: 99 führt als eine mögliche vergleichbare Variante im Flachbild die doppelte Darstellung des Grabherrn auf der Speisetischtafel einiger Scheintüren an, die er gemäß seiner Interpretation der Pseudo-Gruppe ebenfalls als Darstellung des Toten und seines kA auffaßt. Eine Art "symmetrische Spiegelung" von Bildern des Grabherrn ist besonders im Bereich der Scheintüren belegt und kann als Dualbildung und deren Potenzierung angesehen werden.

<432>

So besaß die Anlage des bA-bA=f offensichtlich gar keine Flachbilddekoration, ebenso die des pn-mrw, des mr-sw-anx, des ptH-Spss und des pHn-ptH. Bei ra-wr liegt zumindest der Schwerpunkt der Kultaffirmation bei den unzähligen Statuenplätzen.

<433>

Für das Ensemble (9.23) nimmt Eaton-Krauss 1995: 60 Saqqara als Fundort an, aufgrund einer alten Fundortangabe des Stückes in Kopenhagen.


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Wed May 2 14:17:41 2001