Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

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Kapitel 12. Dienerfiguren

(Tab. 11)

12.1 Auftreten und Formen

1. Die Dienerfiguren des AR sind eine Gruppe von Statuen, die sich dadurch auszeichnen, daß sie Personen bei bestimmten, oft typisierten Handlungen abbilden. Die Handlungen sind dabei vor allem produktiver Natur, d.h., die Dienerfiguren sind dabei dargestellt, wie sie etwas - zumeist Lebensmittel - herstellen bzw. verarbeiten. Daneben treten versorgende Handlungen in weiterem Sinne auf. Zu diesen Handlungen gehört der Antransport von Gegenständen, aber auch die rituelle Betreuung eines Kultes.

Dienerfiguren gehören zur Gruppe der Funktionsfiguren, die eine Person bei einer bestimmten Tätigkeit abbilden, wobei der Sinn der Statue primär in der Beschreibung der Tätigkeit, und erst sekundär in der Beschreibung der Person liegt. Über diese Tätigkeit wird eine Rolle beschrieben, die wiederum mit einem bestimmten Status indiziert sein kann. Über diesen Status wird auch die soziale Position der dargestellten Person genauer beschrieben. Die Dienerfigur als Darstellung einer Tätigkeit steht aber primär mit der Funktion in Beziehung, die eine solche Statue im Kult zu erfüllen hat: erst sekundär dient sie der Statusdefinition der dargestellten Person<459>.

2. Dienerfiguren stellen niemals den eigentlichen Grabherrn dar, sondern sind Statuen, die dessen Ensemble an Statuen zugeordnet sind. Einige Exemplare sind mit Namen und Titeln beschriftet. Die Titel setzen die Abbgebildeten in Beziehung zum Grabherrn der jeweiligen funerären Anlage, sei es über die Institution "Familie" als seine Tochter (11.7.4:), oder über die Institution eines D.t (11.55). Die Mehrzahl der Dienerfiguren trägt jedoch keine Beschriftung.

3. Dienerfiguren sind zuerst in der späten 4. Dynastie aus Anlagen weiblicher Angehöriger der Königsfamilie belegt. Sie treten in der 5. und frühen 6. Dynastie in Ensembles aus Serdaben auf, sind aber aufgrund der unregelmäßigen Belegung eher als fakultativer Bestandteil der Ensembles anzusehen. Die Anzahl der Dienerfiguren in diesen Ensembles variiert stark; dabei treten einige


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Grundtypen regelmäßig auf - insbesondere die Korn mahlende Frau, weniger häufig eine Person beim Brauen von Bier; andere Typen sind selten und z.T. nur ein- oder zweimal belegt. Die erhaltenen Dienerfiguren der 4. und 5. Dynastie sind Einzelfiguren, in Ausnahmefällen werden zwei Figuren auf einer Basis kombiniert. Die meisten Dienerfiguren dieser Periode sind aus Kalkstein<460>.

4. Ab der frühen 6. Dynastie treten vermehrt hölzerne Dienerfiguren auf, die auch in die Schacht- und Sargkammerdepots am Ende des AR und der 1. ZZ übernommen werden. Dabei setzt eine Veränderung bei den bevorzugten Typen ein, so wird die vorher sehr häufige Einzelfigur der Korn mahlenden Frau durch die der weiblichen Korbträgerin ersetzt. Außerdem treten tendenziell Modellgruppen auf, die viele Figuren in ein räumlich geordnetes Ensemble, unter Einbeziehung von Bauwerken, Geräten und Tieren auf einer Basis kombinieren. Dabei sind erstmals Darstellungen belegt, die auch die Erzeugung von Grundstoffen, insbesondere von Getreide durch Feldarbeit, zeigen. Es läßt sich in den Schacht- und Sargkammerensembles eine Zunahme der Dienerfiguren gegenüber der vorangegengenen Periode feststellen, so daß Dienerfiguren spätestens ab dem Ende der 6. Dynastie als Grundbestandteil der Statuenausrüstung angesehen werden können. Das Abbild des Grabherrn ist in diesen Ensembles oft nicht wesentlich größer als die Dienerfiguren; im MR ist die Einbeziehung des Abbildes des Grabherrn in Modellensembles belegt, sowohl in Form einer aktiven Person (Teilnehmer am Fest, sitzend im Boot), als auch der mumifizierten Leiche<461>.

5. Aus der 5. und frühen 6. Dynastie sind erste Modellboote in funerären Anlagen belegt. Diese Boote sind aus Holz, von unterschiedlicher Anzahl und zuerst unbemannt. In der 6. Dynastie werden sie in Serdabensembles aufgenommen und auch mit Figuren von Leuten der Bootsbesatzung ausgestattet. In den Sargkammerensembles seit der 1. ZZ sind Boote fester Bestandteil der Ausrüstung.

6. Anhand der genannten Merkmale lassen sich zwei Gruppen von Dienerfiguren unterscheiden<462>:


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7. Dienerfiguren der Gruppe A - Typen

7.1. Bei den Dienerfiguren der Gruppe A lassen sich folgende Typen unterscheiden<463>.

I. Dienerfiguren der Brotherstellung<464>:

  1. Die Korn mahlende Frau.
  2. Der Teig knetende, Brote formende Mann.
  3. Frau oder Mann am Backfeuer<465>.
  4. Frau oder Mann bei anderen Tätigkeiten im Zusammenhang mit Brotherstellung (Mehl sieben, Getreide auf Mahlstein schütten, Getreide scheffeln, Speicherung).

II. Dienerfiguren des Bierbrauens<466>:

  1. Frau oder Mann am Gärbottich<467>.
  2. Mann beim Ausschmieren der Krüge<468>.
  3. Mann oder Frau bei anderen Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Bierherstellung (Krüge herstellen, aus Gefäß schöpfen, Krüge bringen).

III. Dienerfiguren bei der Fleischzubereitung:

  1. Mann beim Schlachten und Zerlegen.
  2. Mann beim Braten und Kochen.
  3. Mann bei anderen Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Fleischzubereitung (Hund mästen?, Nudelteig für Geflügelmast herstellen?<469>).

IV. Dienerfiguren der rituellen Versorgung:

  1. Priester.
  2. "Kammerdiener" (Träger mit Bekleidung, Zwerg) .
  3. Person mit Waschgefäß<470>.

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  4. Musiker.
  5. Mann oder Frau bei anderen Tätigkeiten im Zusammenhang mit der rituellen Versorgung (Tanz, Spiel).

V. Frau mit Kind.

7.2. Die Grundtypen lassen sich funktional wiederum in zwei Untergruppen einteilen, eine Untergruppe der Versorgung mit Speisen, und eine Untergruppe der rituellen Versorgung. Zur Untergruppe der Versorgung mit Speise gehören die Figuren der Typen I bis III. Hierbei lassen sich wieder die Typen I und II vom Typ III trennen. Typ I (Brotbereitung) und II (Bierbereitung) gehören zum Bereich der Herstellung fermentierter Speisen, der in der traditionellen afrikanischen Küche von dem der Herstellung von Speisen aus schnell verderblichen Lebensmitteln (Fleisch, Gemüse) getrennt ist<471>. Entsprechend hängen einige Tätigkeiten von Typ I und Typ II, wie die Getreidebehandlung und das Brotbacken, eng zusammen. Die hier hergestellten Lebensmittel Brot und Bier sind die grundsätzlichen Versorgungsgüter, die für die Existenz einer Person unabdingbar sind. Das schlägt sich in der Grundform der Opferformel mit der Bitte um Brot und Bier nieder.

7.3. Mit der Bereitung von Fleischspeisen sind ausschließlich männliche Personen beschäftigt. Die Zubereitung von Fleischgerichten kann unter normalen Bedingungen als durchaus seltener Fall angesehen werden, der aber im Zusammenhang mit Festen, z.B. im Rahmen des funerären Kultes, eintrat. Betrachtet man den Zusammenhang der Nahrungsbereitung unter diesem konkreten Gesichtspunkt, ergibt sich die Möglichkeit, zwischen den Figuren von Typ I bis III und denen von Typ IV, Dienerfiguren der rituellen Versorgung, ebenfalls Verbindungen herzustellen, die vor allem darin bestehen, daß hier Tätigkeiten im Zusammenhang mit Totenfesten dargestellt werden. Die Figuren von Typ IV zeigen Personen, deren Handlungen als Bestandteile von Zeremonien gedeutet werden können und die in entsprechenden Darstellungen im Flachbild auch so belegt sind. Es sind dies die Durchführung des Kultes durch den Priester selbst, das Bringen von Kleidung bzw. die Anwesenheit des mr-sSr, das Bringen des rituellen Waschgerätes und die Herstellung liminaler Situationen durch Musik. M.E. kann auch das im AR nur einmal belegte Spielen von Kindern (11.7.20:?) im Zusammenhang mit Festen gesehen werden, bei dem derartige Übungen möglicherweise üblich waren<472>. Eine Sonderstellung nehmen einige Frauenfiguren ein (Typ V), auf die weiter unten eingegangen wird.

8. Dienerfiguren der Gruppe B - neue Typen


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Im Vergleich mit den Dienerfiguren der Gruppe B fällt auf, daß eine Reihe von zu dieser Gruppe gehörenden Dienerfiguren in der älteren Gruppe A noch nicht belegt sind. Dazu gehören:

  1. Die "Korbträgerin"<473>. Diese Figur einer Frau in Schrittstellung mit einem Gabenkorb auf dem Kopf und weiteren Versorgungsgütern in der Hand ist ikonographisch aus dem Flachbild der gabenbringenden Dienerin abgeleitet, das seit der frühen 4. Dynastie besonders für die Personifikation sogenannter Totengüter gebräuchlich ist<474>. Als Serdabstatue tritt dieser Statuentyp in der frühen 6. Dynastie auf und wird im folgenden sehr populär, so daß sie zum Kernbestand eines Sargkammerensembles der Periode VI zu zählen ist. An den Schachtserdaben des ra-xw=f (11.14) und des jdw II. (11.39) ist zu verfolgen, daß dieser Statuentyp die Einzelfigur der kornmahlenden Dienerin funktional ablöst (s.u.). Die kornmahlende Dienerin, die in Gruppe A äußerst häufig belegt ist, tritt in Gruppe B hingegen als Einzelfigur kaum noch in Erscheinung. Dafür werden die korbtragenden Frauen häufig - wie die Standfigur des Grabherrn - verdoppelt und schließlich sogar zu langen Reihen gabenbringender Frauen in der Art von Modellen kombiniert. Dabei treten auch männliche Gabenbringer auf.
  2. Mit der Bildung solcher Gabenbringergruppen entsteht in Periode VI ein ganz neuer und häufig auftretender Typ von Dienerfiguren, der eine größere Anzahl von Personen bei einer Handlung zeigt, die nicht primär als aktive Tätigkeit (Herstellung eines Produktes) ausgewiesen ist, sondern allgemein versorgenden Charakter hat. Es ist wahrscheinlich, daß auch die Darstellungen von Soldaten im Zusammenhang mit solchen Gabenbringerfiguren zu sehen sind, die alle den Aspekt der "Gefolgschaft", der dem Grabherrn zugeordneten sozialen Gruppe, besitzen.
  3. Figuren / Modelle der landwirtschaftlichen und der handwerklichen Produktion<475>. Vorbilder der hier in der Regel im Zusammenhang von Modellen dargestellten Handlungen sind Flachbilder des AR, die aber sehr frei und lebendig dreidimensional umgesetzt werden. Aus der Landwirtschaft sind sowohl Szenen des Feldbaues als auch der Tierhaltung dargestellt. Wie im Flachbild auch, können die Darstellungen als Elaboration der Darstellung der Herstellung von Lebensmitteln angesehen werden. Auch die Darstellungen handwerklicher Produktion werden gewöhnlich in Modellen zusammengefaßt und zeigen die Herstellung von Gebrauchsgegenständen aus Papyrus, Leder, Flachs, Keramik; eventuell sogar Läden.

Die aus Gruppe A schon bekannten Figuren werden in Periode B ebenfalls meist zu Gruppen zusammengefaßt und um die Darstellungen weiterer Tätigkeiten erweitert:

  1. Figuren / Modelle der Lebensmittelherstellung. Hierbei wird die Brot- und Bierherstellung und deren Vorbereitung (Getreidespeicherung etc.) von der Fleischbereitung und deren Vorbereitung (Schlachtung etc.) getrennt.
  2. Figuren / Modelle ritueller Zusammenhänge. Neben dem Festzusammenhang mit Musik und Wettkämpfen treten als völlig neue Gruppe im MR Klagefrauen und Modelle auf, die den Toten als Mumie auf Booten zeigen<476>.
  3. Die in einigen Belegen schon zeitgleich mit Ensembles der Gruppe A auftretenden Boote werden in Gruppe B zu einem Ruderboot für die Bewegung des Grabherrn nach Norden und einem Segelboot für die Bewegung nach Süden standardisiert<477>. Es treten aber

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    auch Sonderformen wie das genannte Bestattungsboot oder Boote im Zusammenhang mit Produktion (Fischerei) auf.

12.2 Dienerfiguren der Gruppe A

12.2.1 Funktion

1. Die ersten Belege für Dienerfiguren stammen aus den Anlagen der xa-mrr-nb.tj und der mr=s-anx III. vom Ende der 4. Dynastie. In beiden Fällen ist der Aufstellungsort nicht gesichert. Bei xa-mrr-nb.tj besteht die Möglichkeit, daß man Dienerfiguren in einem nachträglich abgeteilten und zugemauerten schmalen Raum an der Südwand von Raum H untergebracht hatte <478>. Die Figuren beider Ensembles (11.1; 11.2) stellen Personen bei der Zubereitung von Bier, Brot und Fleischspeisen dar, die also den Typen I, II und III der Verarbeitung von Lebensmitteln zugeordnet werden können. Damit sind die drei wichtigsten und häufigsten Typen von Dienerfiguren schon in zwei der frühesten funerären Anlagen belegt, die eine für die Periode IV.a typische Statuenausstattung besitzen. Als Charakteristikum dieser Periode wurde bereits festgehalten, daß der rundplastischen Affirmation eine besondere Bedeutung zukommt. Vor diesem Hintergrund ist auch die Enstehung der Dienerfiguren der Gruppe A zu sehen.

2. Die Verarbeitung von Lebensmittel ist im Grab der mr=s-anx III. auch zum ersten Mal ausführlich im Flachbild dargestellt. Im Gegensatz zu den Bildern der Herstellung der Kultausrüstung und der Produktion der Lebensmittelgrundlagen (Vogelfang, Viehhaltung, Fischfang - nur als Fischerkampf -, Feldarbeit), die an der Ostwand der Kapelle dargestellt werden<479>, sind die Bilder der Zubereitung von Nahrung im direkten Zusammenhang mit zwei Fest-Ikonen angebracht. Die Schlachtung von Rindern und einer Gazelle sowie die Darreichung von Fleisch sind im Rahmen der Zurichtung des großen Festes mit dem Baldachin an der Südwand von Raum A / I abgebildet <480>. Es liegen hier die flachbildlichen Umsetzungen einer Reihe von Tätigkeiten vor, die bei Dienerfiguren vom Typ III im Rundbild belegt sind; die Konvention der Abbildung unterscheidet sich aber von denen, die im Rundbild üblich sind. So ist die Schlachtungszene im Flachbild stets vielfigurig, während sie im Rundbild der Gruppe A stets einfigurig wiedergegeben wird. Wie bei den Dienerfiguren von Typ III sind auch im Flachbild alle Personen, die mit der Fleischbereitung beschäftigt sind, männlichen Geschlechts.


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Im Rahmen der Fest-Ikone mit Musik und Tanz an der Nordwand von Raum B / II ist die Herstellung von Brot und Bier exakt in der auch im Rundbild vom Typ I und II üblichen Ikonographie dargestellt: Das Mahlen des Getreides, das Sieben des Getreides, das Formen der Brote, das Backen am offenen Ofen, das Stehen am Bottich, das Abfüllen der Krüge; durchgeführt von Frauen und Männern<481>.

3. Die Gleichzeitigkeit des Auftretens der Dienerfiguren im Flachbild und im Rundbild zeigt, daß ähnlich wie bei der Schreiberfigur und der Standfigur mit Vorbauschurz die Bildfindung im Flach- wie im Rundbild quasi parallel verlief und zu vergleichbaren ikonographischen Typen führte. Die Parallelität macht ebenfalls deutlich, daß die ersten elaborierte Darstellung des Festrituals im Flachbild und das Auftreten von Dienerfiguren nicht nur in einem zeitlichen, sondern auch einem funktionalen Zusammenhang stehen. Damit ist auch eine funktionale Verortung der Dienerfiguren gegeben: Dargestellt sind jene Personen, die im Rahmen des Kultes, und zwar konkret des Festrituals, bestimmte Aufgaben wahrnehmen, wobei sie in erster Linie mit der Verarbeitung der benötigten Lebensmittel beschäftigt sind, wie in den Typen I, II und III abgebildet. In einem ganz anderen Zusammenhang wird die eigentliche Herstellung von Lebensmitteln im Flachbild gezeigt, nämlich in Szenen, die die Aktivität des Grabherrn im Diesseits beschreiben. Dienerfiguren der Gruppe A, die entsprechenden Handlungen abbilden, gibt es nicht.

4. Im Flachbild der mr=s-anx III. geben einige Beischriften die Reden der dargestellten Personen wieder, eine im folgenden sehr verbreitete Konvention. Nur bei zwei der Männer, die an der Südwand von Raum A / I Fleischgaben bringen, ist ein Name wohl nachträglich hinzugefügt worden. Es handelt sich um einen xrp-zH Hm-kA rrj und den Hm-kA Tzw. Die eigentlichen Arbeiter sind nicht benannt. Die nur selten vorhandene Benennung der Personen und die Art der Titulatur (nur den Zusammenhang mit der Institution des Grabherrn herstellend) ist eine weitere Gemeinsamkeit, die Flach- und Rundbild bei der Darstellung von Dienern haben.

5. Die Deutung der "produzierenden" Dienerfiguren I bis III als Darstellung von Personen, die das Festritual der funerären Praxis ausrichten, macht es möglich, auch die Funktion der übrigen Typen von Dienerfiguren als Funktionsfiguren zu deuten, deren funktionelle Verortung im Rahmen der funerären Praxis zu suchen ist. Es wurde schon ausgeführt, daß auch die Schreiberfiguren an der Südwand des Grabes der mr=s-anx III. Personen abbilden, deren Anwesenheit im Rahmen des Totenkultes rundbildlich affirmiert wird. Diese Personen, die über die Darstellung der Tätigkeit als Schreiber eine Einbindung in eine Institution anzeigen - den Haushalt bzw. die "Stiftung" (D.t) der Grabherrin -, sind wohl auch jene Personen, die für die ordnungsgemäße Absicherung des Kultes zuständig sind. Die Schreiberfiguren von nicht den Grabherrn darstellenden Personen stehen damit auch in enger Beziehung zu jenen Dienerfiguren, die die rituelle Seite des Kultvollzuges sichern. Sie gehören praktisch zum Typ IV der Dienerfiguren und sind etwa dem Bild des


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hockenden Priesters gleichzusetzen.

6. Die bei dem "Priester" abgebildete Handlung ist jedoch nicht dieselbe, die die Schreiber auszeichnet. Die Schreiber sitzen in der Pose der abrechnenden Verwalter vor dem Grabherrn, einer Pose, die für das große Totenfest auch im Flachbild für die Anwesenden üblich ist. Die Pose des knienden Priesters ist am ehesten der des wt und des wdpw xntj-wr beim Opferritual vergleichbar . Eventuell kann daraus geschlossen werden, daß die in Schreiberfiguren abgebildeten Personen als Verwaltungsfachleute für die materielle Absicherung zuständig sind, die knieenden Figuren als Ritualspezialisten für den Kultvollzug. Die unterschiedlich typisierte Handlungsbeschreibung beschreibt also verschiedene Rollen und damit verschiedene Positionen innerhalb der "Gemeinde" der im Totenkult versammelten Personen.

Figuren von Schreibern, die man als "Anwesende" am Kult des Grabherrn interpretieren kann, sind nur selten und die als Priester zu identifizierende Dienerfiguren ebenfalls<482>. Man muß dabei berücksichtigen, daß in der Mehrzahl der Fälle die mit dem Kultvollzug betraute Person der Sohn des Grabherrn war, dessen Anwesenheit anderweitig affirmiert wurde, z.B. über die Nebenfigur in der Gruppenfigur. Das Medium der Dienerfigur scheint darüber hinaus nicht mit einem sehr hohen Prestige versehen gewesen zu sein, so daß, soweit erkennbar, Figuren von Priestern oder anderen mit der Sicherung des Kultes betrauten Personen (Schreiber) nur in einigen Anlagen der Elite auftreten. Nur in diesem Kreis waren die sozialen Voraussetzungen gegeben, daß der reale Kultvollzug über nicht zur biologischen Kernfamilie gehörende Personen abgesichert wurde<483>.

7. In diesen Zusammenhang der Sicherung des rituellen Ablaufes eines Festes funerärer Praxis soll auch eine Gruppe von Dienerfiguren eingeordnet werden, die als Darstellung von "Kammerdienern" / mr-sSr o.ä. bezeichnet werden kann. Das Festritual beinhaltete nach den Darstellungen die Aufstellung von Baldachin, Bett und Stuhl des Grabherrn und damit verbunden wohl einige weitere Handlungen, die auf den Körper des Toten gerichtet waren. Dabei werden im Flachbild Personen abgebildet, die entsprechende Objekte bringen, mit ihrer Aufstellung beschäftigt sind und gelegentlich auch Handlungen am Grabherrn selbst vornehmen<484>.

Die Darstellung des nackten Sandalenträgers (11.40.1:) kann als Darstellung einer mit dieser Behandlung betrauten Person interpretiert werden. Die Nacktheit dieser Dienerfigur ist wohl nicht als Zeichen der Kindlichkeit zu deuten, da ikonographische Abzeichen wie die Kinderlocke fehlen.


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Eher fällt die Nacktheit dieser Figur in den Bereich einer ikonographischen Indizierung im Flachbild, die für die Gruppe der mr-sSr oder ähnlicher Angestellter charakteristisch ist: Diese Personen sind tendenziell zwergenwüchsig, dickleibig (Eunuchen?), mit körperlichen Anomalien (Bucklige), oder eben nackt dargestellt.

Der Sinn dieser über Körpermerkmale vermittelten Indizierung wird darin liegen, daß hier Männer beschrieben sind, die eine nicht dem Status "vollwertiger Mann" entsprechende Rolle spielen. Die "Kammerdiener" übernehmen in einem Elitehaushalt die Funktion der Hausherrin, einer für den "inneren" Bereich des Hauses zuständigen Person, also eine mit dem Index "weiblich" verbundene Rolle. Die Tendenz, Männer mit körperlichen Besonderheiten mit dieser Aufgabe zu betrauen, wird ihren Ursprung darin haben, daß durch diese Besonderheiten die Definition ihres sozialen Geschlechts weniger determiniert ist<485>. Welche Besonderheit bei (11.40.1:) angedeutet wird, ist offen; allein die Nacktheit an sich drückt bei einer männlichen Person aus, daß nicht der soziale Status "vollwertiger Mann" vorliegt<486>. Die besondere Rolle solcher mit intimen Aufgaben beschäftigten Personen des transitionellen Geschlechtes setzt sich auch im funerären Kult fort; so ist bei ptH-htp II. im Flachbild eine Sonderform der Fest-Ikone angebracht, die eine Zeremonie der Körperbehandlung durch dickleibige mr-sSr abgebildet<487>.

8. In diesem Zusammenhang ist die Statue des Zwerges Xnmw-Htp (11.50), der den Titel des mr-sSr trägt, ebenfalls als Dienerfigur vom Typ IV zu interpretieren. Schon L. Borchardt hatte aufgrund der geöffneten Hände der Standfigur vermutet, daß diese Statue den Charakter einer Dienerfigur haben könnte<488>. Ebenfalls als Darstellung eines solchen mr-sSr kann die nackte Zwergenfigur mit einem Sack aus dem Ensemble des n-kA.w-jnpw angesehen werden (11.7.16:). Zwerge wurden in Elitehaushalten des AR sehr gern mit "häuslichen" Aufgaben betraut und konnten relativ hohe Positionen erreichen<489>.


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Auch die Holzfigur eines Buckligen aus dem Serdab des mjtr(j) ist wohl hier einzuordnen (11.51). Die ungewöhnliche Statue bildet einen nackten buckligen Mann ab, der die linke Hand geöffnet auf die rechte Schulter gelegt hält. Weitere Dienerfiguren sind im Serdab des mjtr(j) nicht enthalten, so daß es schwierig ist, in dieser Statue ein dem Korpus der Dienerfiguren ohne weiteres zuzuordnendes Objekt zu sehen. Die geöffnete Hand auf der Brust oder Schulter ist eine Geste der "untergeordneten Teilnahme", so daß die Interpretation dieser Statue als ein naturalistisches Bild des Grabherrn - im Gegensatz zu den idealisierenden übrigen Bildern - nicht wahrscheinlich ist. Für eine Darstellung eines Untergebenen ist die Pose jedoch angemessen<490>. Als "Grußgebärde" drückt die Pose sogar eine Handlung bzw. Rolle aus, was wiederum typisch für Dienerfiguren ist. Die Einbeziehung dieser Statue in das Ensemble belegt, daß die abgebildete Person innerhalb des Haushaltes des mjtr(j) eine hohe Position einnahm, die eventuell der eines mit dem Kult betreuten Sohnes (= Nebenfigur der Gruppenfigur) gleichkam<491>.

9. Für die Tätigkeiten, bei denen Dienerfiguren der Gruppe A dargestellt sind, ist also festzuhalten, daß sie im Prinzip alle im unmittelbaren Umfeld des Kultvollzuges stattgefunden haben. Die meisten Personen werden bei der Zurichtung der Speisen des Festrituals dargestellt, während die Produktion der Lebensmittel im Feldbau u.ä. erst in der Gruppe B abgebildet ist. In das Ensemble der Dienerfiguren der Gruppe A werden zwar schon Modelle von Speichergebäuden aufgenommen, aber das im Ensemble des n-kA.w-jnpw erhaltene Exemplar trägt eine Inschrift, die die aus den Vorräten hergestellten Speisen ausdrücklich als solche für Festrituale beschreibt (11.7.2:). Dazu kommt gelegentlich die Darstellung solcher Personen, die für die Durchführung des Rituals wichtige Handlungen vollziehen.

10. Die in Periode IV allgemein festzustellende Tendenz, die funeräre Praxis in großem Maße über rundplastische Medien zu realisieren, erfährt durch die zeitgleich mit dem Beginn der Statuenvervielfältigung erfolgte Einführung der Dienerfiguren eine bemerkenswerte Nuance. Es sind nicht nur Darstellung des oder der Kultempfänger / Grabherren, die in plastischer Form affirmiert werden, sondern auch die von Beteiligten. Damit erweist sich der funeräre Kult als weniger einseitig, als er auf den ersten Blick wirkt. Es gibt durchaus auch Personen neben dem Grabherrn, deren Stellung und Rolle Thema der rituellen Handlungen und deren Affirmation sind. Es sei in diesem Zusammenhang auf die etwa zeitgleich auftretenden Gruppenfiguren verwiesen, die in Form der Nebenfigur ebenfalls die Rolle weiterer Personen thematisieren. Auch dort sind die Personen über die Art der Darstellung vor allen in einer bestimmten Funktion, einer zu spielenden Rolle festgehalten. Wie die Nebenfiguren der Gruppenfigur sind die Dienerfiguren keine "vollwertigen" Statuen in dem Sinne, daß sie als Kultempfänger, als Ziel eines Kultes auftreten. Vielmehr sind sie selbst dem Ziel des Kultes, der Statue des Grabherrn im Serdab, zugeordnet. Die


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zu beobachtenden Ambivalenzen, gerade bei Dienerfiguren vom Typ IV, stellen die strategische Ausdeutung dieses wechselseitigen Verhältnisses zwischen Grabherr und "Kultgemeinde" dar. Diese Ambivalenz kann durchaus dazu führen, daß Dienerfiguren in einer Position auftreten, die sie der Statue eines Kultempfängers gleichwertig macht, wie bei der Figur des Buckligen im Serdab des mjtr(j), oder möglicherweise auch den Darstellungen der Gattin als Dienerfigur (s.u.). Auch hier sind analoge Fälle der strategischen Aktivierung von Nebenfiguren bei der Gruppenfigur bekannt.

11. Leider ist aus keiner der Großanlagen der Periode IV der genaue Aufstellungsort der Dienerfiguren sicher belegt. Aus dem Befund der kleineren Anlagen läßt sich erkennen, daß die Statuen im Serdab konzentriert wurden. Einige Anlagen der späten Periode IV zeigen dabei die Tendenz, mehrere Serdabe zu besitzen, wobei die Dienerfiguren in nur einem der Depots konzentriert werden. Zum Teil mag das auf den sukzessiven Ausbau der Grabanlagen zurückzuführen sein und daß mehrere Serdabe von verschiedenen Grabherren genutzt wurden, die je nach ihrer konkreten Position Dienerfiguren in ihr Ensemble aufnahmen, oder eben nicht. Dennoch ist festzuhalten, daß in den Fällen, wo zwei Serdabe offensichtlich in Beziehung stehen - so als "oberer" und "unterer" Serdab wie bei ptH-Spss (11.8) - nur ein Serdab mit Dienerfiguren ausgestattet wurde. Eine ähnliche Beobachtung läßt sich bei den Ensembles des n-kA.w-Hw.t-Hr (11.5) und kA-xn.t (11.6) machen, die wohl je ein separates Depot für Dienerfiguren besaßen. Gerade in solchen Ensembles nimmt die Anzahl der Dienerfiguren schlagartig zu. In diesen Sonderserdaben bahnt sich zugleich die Entstehung der vom eigentlichen Ort der kultischen Handlungen getrennten Schacht- und Sargkammerdepots an. Indem man die "den Toten erhaltenden" Figuren zusammenfaßt, multipliziert und an einem vom Kultgeschehen entfernten Ort konzentriert, manifestiert sich die Tendenz, nicht mehr den praktischen Kultvollzug zu affirmieren, sondern eine selbstwirksame rundplastische Affirmation des Ritualsinnes "dauerhafte Versorgung" zu etablieren. Auf diese Weise werden die in Periode IV nur fallweise belegten Dienerfiguren zum charakteristischen, konstitutiven Bestandteil der Schacht- und Sargkammerdepots der Periode V und schließlich - in der 1. ZZ und MR - der Periode VI.

12. Der Übergang vom Sonderdepot mit Dienerfiguren zum echten Schachtserdab ist im Ensemble des jdw II. in Giza dokumentiert (11.39). Das Ensemble enthält einerseits noch die für die Periode IV konstitutiven Elemente wie männliche Standfigur und Gruppenfigur und daneben eine Anzahl typischer Dienerfiguren der Gruppe A. Diese sind aber schon auf gemeinsamen Basen zu Modellen kombiniert. Außerdem sind Bootsmodelle und zwei Korbträgerinnen vertreten, die je typische Bestandteile der Gruppe B sind. Die Lage des Serdabs am Schachtmund zeigt ebenfalls den transitionellen Charakter dieses Ensembles an. Dieselbe Einschätzung gilt für das kleine Ensemble des ra-xw=f in Saqqara (11.14). Hier treten nur eine männliche Standfigur und eine Korbträgerin auf, der Serdab befindet sich am Schachtmund. Die Korbträgerin hat offensichtlich das Bild der Korn mahlenden Frau als "Universaldienerfigur" ersetzt. Damit ist auch in der


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Ikonographie der Schritt von der konkreten, Kult-bezogenen Bereitung von Brot, zur allgemeinen, universellen Beschreibung der Versorgung durch die Gaben im Korb (= Bild der Versorgungsinstitution "Domäne") getan. Es sei auch darauf verwiesen, daß in beiden Ensembles keine Sitzfigur des Grabherrn mehr auftritt, die ihre rituelle Funktion in der Affirmation des Empfangens von Versorgungsgütern im Rahmen eines konkreten Kultvollzuges hat. Der Grabherr ist nur über die Standfigur als existent und handlungsfähig affirmiert, die Fähigkeit des Kultempfanges ist in diesen Ensembles nicht mehr berücksichtigt.

12.2.2 Dienerfiguren mit Beschriftung

1. Es stellt sich nun die Frage, ob in Periode IV die Dienerfiguren konkrete Personen abbilden, oder ob die Mehrzahl der Dienerfiguren als vor allem magisch wirksame, anonyme Installationen anzusehen sind. Betrachtet man die Belege für beschriftete Dienerfiguren, so geben diese in der Regel Titel und Namen der abgebildeten Personen. Daraus kann geschlossen werden, daß zumindest gelegentlich die Dienerfiguren konkrete Personen abbilden. Diese Beobachtung deckt sich mit dem Befund der Flachbilddekoration, bei der die verschiedenen Teilnehmer an kultischen Handlungen fallweise ebenfalls benannt sind.

2. Die aus dem Grab eines Eliteangehörigen stammenden Dienerfiguren des jr-n-wr (11.3) tragen alle einen Titel, der sie als Angehörige des D.t des Grabherrn kennzeichnet. Auf diesen Titel, der die institutionelle Anbindung an die Kulteinrichtung beschreibt, folgt der Name, der die Identität jeder einzelnen Person festhält. Bei der schönen Statue des k-m-qd (11.3.5:) ist zusätzlich der Titel Hm-kA angegeben.

Überhaupt nur der Titel und Name des Grabherrn hat sich auf drei Dienerfiguren aus dem Ensemble des nn-xf.t-kA (11.4) erhalten. In einem solchen Fäll wäre es möglich, anzunehmen, die Persönlichkeit der Dargestellten sei bewußt nicht festgehalten worden, wodurch die Statuen die Funktion der Dienerfigur anonymisieren und so von der realen Person und dem realen Kultvollzug durch die konkrete Person unabhängig machen. Für die Dienerfiguren der Gruppe B ist eine solche Verlagerung der Funktion von der Affirmation des Kultvollzuges durch reale Personen hin zu einer magisch selbstwirksamen Kultaffirmation durch anonyme Installationen evident, ob schon in diesem Ensemble ein solcher Fall vorliegt, ist zumindest unsicher. Da die Beschriftung der Dienerfiguren des nn-xf.t-kA nur unvollständig erhalten ist, kann die Frage nicht sicher geklärt werden.

3. Die anderen Ensemble bezeichnen je einige Dienerfiguren mit Eigennamen. Gelegentlich sind Titel angegeben, die die Anbindung an den Kult näher beschreiben, so als Hm-kA - bei kA-xnt (11.6) und n-kA.w-Hw.t-Hr (11.5) - und einmal über die Angabe von Familienbeziehungen (zA=f; zA.t=f) bei n-kA.w-jnpw (11.7.4:). Es sei festgehalten, daß dabei auch Frauen den Titel des Hm-kA


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tragen. Aus diesen Belegen läßt sich schließen, daß die in Dienerfiguren dargestellten Personen jene Angehörige des Haushaltes sind, die für den Totenkult des Grabherrn zuständig waren. Während bei Eliteangehörigen ein D.t oder eine vergleichbare Institution den Kult absichert, ist es in den meisten Fällen der mittleren Residenzebene wohl die Familie.

4. Anhand dieser Belege ist es durchaus möglich, davon auszugehen, daß sogar die Mehrzahl der Dienerfiguren der Gruppe A konkrete Personen abbildet, auch wenn die Statuen keine Beschriftung tragen. Über die typisierte Rollenbeschreibung wird ihre Position und Funktion im Totenkult des Grabherrn affirmiert, über die gelegentlich festgehaltenen Namen auch die Identität. Auch das ist ein Element, das darauf verweist, daß die funeräre Praxis nicht eine einzig der Person des Grabherrn dienende Form sozialen Handelns ist, sondern ebenso die Position der am Kult beteiligten Personen untereinander und zu dem Toten bestimmt<492>. Je mehr jedoch die Selbstwirksamkeit der Installation Dienerfigur in den Vordergrund tritt, desto unspezifischer und anonymer werden diese Statuen.

12.2.3 Weibliche Dienerfiguren in Kleinensembles

1. Von der oben gemachten Einschätzung der Dienerfigur als eine Statue, die in der Regel nicht Empfänger eines Kultes ist, muß wahrscheinlich eine Ausnahme gemacht werden. In einer Reihe von Serdaben der mittleren und niederen Residenzbevölkerung ist zu beobachten, daß mit einer oder zwei Statuen des Grabherrn die Dienerfigur nur einer Frau aufgestellt war. In einigen Fällen sind sogar die räumlichen Bezüge dokumentiert; so war in der Anlage des n-wDA-ptH in einem Serdab der Statue des ra-wr eine Korn mahlende Frau zur Linken zugeordnet (11.9), im "oberen" Serdab des mr-sw-anx stand die Figur einer Frau am Bottich vor der Pseudo-Gruppe des Grabherrn (11.11), zur Linken der Standfigur des Grabherrn stand die hölzerne Korbträgerin im Serdab des ra-xw=f (11.14). In diesen Gräbern fehlen Statuen, die die Gattin des Grabherrn in anderer Form, etwa als Sitzfigur, beschreiben. Es ist - darauf hat D. Wildung als erster verwiesen<493> - somit nicht auszuschließen, daß diese Dienerfiguren die Gattin des Grabherrn im


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Ensemble des Serdabs abbilden.

2. Leider ist keiner der aufgelisteten Belege beschriftet, so daß die Annahme, die erwähnten Dienerfiguren stellten die Gattin dar, nur Hypothese sein kann. Für diese Deutung spricht aber nicht nur das schlichte Fehlen von Statuen der Gattin (das in anderen Serdaben auch vorliegt) sondern eine Reihe von Indizien, die der Gruppierung von Abbildern des Gatten und der Gattin in Gruppenfiguren und im Flachbild analog sind. So ist die Position zur Linken eine, die im Flachbild regelmäßig und im Rundbild häufig von der Gattin eingenommen wird. Außerdem besitzt die Darstellung der Frau in einer Gruppenfigur durch die Umarmung oder durch ihre Positionierung als Nebenfigur oder ambivalente Standfigur neben der Sitzfigur des Grabherrn oft einen Bezug zur konkreten Rolle, die sie gegenüber dem Grabherrn spielt (Typ III der Gruppenfigur). In der Gruppenfigur ist diese Rolle die der Gattin - über die Umarmung ausgedrückt - und der Witwe, die als Nebenfigur den Kult des Grabherrn sichert. Die Dienerfigur entstammt ebenfalls der Affirmation des Vollzuges des Kultes, so daß die Rolle der Frau als Witwe - zumal der niederen Schichten - sehr konkret durch die Tätigkeit der Speisenbereitung beim Festritual beschrieben werden kann. Ebenfalls über diese Tätigkeit wird aber auch die grundsätzliche Rolle einer Frau als Vorsteherin des Haushaltes beschrieben. Damit stellt sich eine gewisse Distanz zur männlichen Person des Ensembles ein, die aber durchaus die soziale Situation einer Frau der mittleren und niederen Residenzebene reflektieren kann.

Die Nutzung einer derart funktionsindizierten Statue für die Darstellung einer in der Anlage bestatteten Person hat eine Parallele in der Einführung der Schreiberfigur als Serdabstatue eines männlichen Grabherrn. Auch hier liegt ursprünglich ein Abbild vor, das den Dargestellten funktionsspezifisch einer anderen Person zuordnet; erst nachträglich wurde die Schreiberfigur zum Abbild des Kultempfängers selbst formalisiert, das zugleich seinen Status als Residenzangehöriger beschreibt. Das Bild der weiblichen Dienerin ist primär eine dem Statuenensemble der Elite zugeordnete Funktionsfigur - z.b. bei mr=s-anx III. (11.2) den Schreibern geradezu analog -, in Gräbern der niederen Schichten aber die Statusfigur der betreffenden Frau. Der so beschriebene Status ist der der "Versorgerin", was die Versorgung im Diesseits wie im Jenseits umfassen kann. Die Rollenbeschreibung einer Frau der niederen Residenzschicht ist damit wahrscheinlich äußerst präzise getroffen.

3. Eine der häufigsten Formen der Dienerfigur ist die der Korn mahlenden Frau. Daß bei mr-sw-anx eine Frau am Gärbottich die einzige Dienerfigur im "oberen" Serdab war (11.11), ist eher ungewöhnlich, aber eventuell auch im Sinne der Darstellung der Gattin zu deuten<494>. Hier ist eine männliche Pseudo-Gruppe und eine weiblichen Dienerfigur bewußt vom übrigen Statuenbestand im "unteren" Serdab abgesetzt. Sehr bezeichnend ist das Auftreten der Korbträgerin in der schon erwähnten Anlage des ra-xw=f (11.14). Der Serdab dieser Grabanlage befand sich direkt neben


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dem Grabschacht und entspricht damit der frühesten Form von Schachtdepots, die den Statuenbestand allmählich von der oberirdischen Kultstelle weg in die Sargkammer verlagern. Die dabei auftretenden Dienerfiguren gehören gewöhnlich zur Gruppe B. In Gruppe B tritt die Korn mahlende Frau kaum noch auf, dafür wird die Korbträgerin übernommen. Bei ra-xw=f tritt sie genau einmal und in der Position zur Linken auf, die nahelegt, in ihr die Darstellung der Gattin des Grabherrn zu sehen.

4. Der Ursprung der Ikonographie der Korbträgerin liegt nicht wie bei den anderen Dienerfiguren in der Darstellung von Handlungen im Rahmen des Kultvollzuges. Die Ikonographie einer Frau, die einen gefüllten Korb auf dem Kopf trägt und eine weitere Gabe in der herabhängenden Hand hält, ist im Flachbild für die Darstellung von personifizierten Ortschaften geschaffen worden, die den Grabherrn mit Abgaben versorgen<495>. Daraus entwickelte sich die Personifikation der sogenannten Opferstiftungen an der Residenz, die ebenfalls als Korbträgerinnen abgebildet werden. Indem die Ikonographie dieser Figuren auf eine Dienerfigur übertragen wurde, bahnt sich eine wesentliche Änderung in der Vorstellung vom Kult des Toten und damit der funerären Praxis überhaupt an. Nicht mehr die Zurüstung zu einem bestimmten Festritual - also ein konkreter Kultvollzug - sind Gegenstand der Affirmation, sondern eine dauerhafte Versorgung, auch unabhängig vom tatsächlichen Kultvollzug. Daß dabei die Korbträgerin durchaus konkrete Personen abbilden kann, zeigt die Darstellung südlich der Scheintür des DAtj, die ebenfalls aus der frühen 6. Dynastie stammt <496>. Hier sind im Flachbild zwei Korbträgerinnen als sn.t=f bezeichnet, die vordere noch mit dem Titel Hm-kA. Die auf diesem Relief dargestellten Handlungen bewegen sich aber alle noch im Rahmen von Kulthandlungen, die von konkreten Personen vollzogen werden; so treten auch namentlich benannte Personen bei der Brotbereitung und beim Bierbrauen auf. Die Kultstelle des DAtj ist, ähnlich dem Serdab des jdw II., ein Beleg des Übergangs von Periode IV zu Periode V, in dem die Konzentration auf die wesentlichen Elemente der Versorgungsaffirmation bereits geschehen ist.

12.2.4 Die Frauenfiguren (Typ V)

1. Neben der sehr häufig belegten Darstellung von Frauen als Korn mahlende Dienerin in Gruppe A und als Korbträgerin in Gruppe B - alle mit dem Index "Versorgung des Grabherrn" versehen - treten einige Frauenfiguren auf, die einem ganz anderen Funktionszusammenhang entstammen. Es sind Figuren von Frauen, die Kinder auf dem Schoß (11.53.1:) oder auf der Hüfte tragen (11.52); ein Beleg, angeblich aus dem Ensemble des n-kA.w-jnpw, zeigt eine Frau, die einem Kind


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die Brust gibt, hinter ihr ein weiteres Kind (11.7.23:). Es ist evident, daß diese Figuren nicht in den Rahmen der bisher besprochenen Funktionsfiguren passen, die alle Tätigkeiten beschreiben, die im Zusammenhang mit der Zurichtung eines Festrituals für den Toten stehen. Abgebildet ist vielmehr die Rolle der Frau als Mutter, als Garantin und Versorgerin der Nachkommenschaft. Eine mögliche Interpretation dieser Figuren ist, in ihnen Darstellungen der Gattin eines Grabherrn zu sehen, analog der Darstellung als weibliche Dienerfigur. Während dort die Rolle als "Versorgerin" thematisiert wird, ist in der Darstellung von Mutter und Kind die Rolle als Garantin der Nachkommenschaft abgebildet. Für das Ensemble (11.53) aus G 1903, das aus einer kleinen männlichen Sitzfigur und der Sitzfigur von Mutter und Kind besteht, ist diese Interpretation nicht unwahrscheinlich. So gesehen stellt die Figur der Mutter mit Kind eine Sonderform jener Gruppenfiguren dar, die jeweils eine Einzelfigur mit Nebenfiguren, oft der Nachkommen, verbinden<497>. Der Typ der Einzelfigur einer Frau mit Nebenfigur ist aber nur einmal in der Sitzfigur der xn.t mit einer nackten Knabenstandfigur belegt (7.10), der mit einer weiblichen Standfigur überhaupt nicht. Auch die weiblichen Figuren mit Kindern sind sehr selten und könnten somit als Sonderfälle diesem Typ zugeordnet werden.

2. Sollte die Statue der stillenden Frau in New York (11.7.23:) tatsächlich aus dem Ensemble des n-kA.w-jnpw stammen, wäre hier die Interpretation als Darstellung der Gattin zumindest problematisch, da das Ensemble zwei traditionelle Gruppenstandfiguren von Mann und Frau enthält<498>. Die allgemein übliche Interpretation dieser weiblichen Figuren sieht in ihnen auch weniger die Abbildung einer konkreten Person, die in einer bestimmten Rolle (hier: Gattin als Mutter der Nachkommen) beschrieben wird, sondern einen Zusammenhang zu oft nackten Frauenfiguren mit oder ohne Kindern, die in verschiedenen Perioden der pharaonischen Kultur belegt sind<499>. Diese Frauenfiguren werden als magische Installationen interpretiert, die dem oder der Toten entweder Nachkommenschaft im Jenseits<500> oder die eigene Regeneration durch eine postmortale Wiedergeburt im beigegebenen Frauenkörper<501> sichern sollen. Damit fallen diese Figuren in den Bereich magischer Installationen, die in der Art einer Beigabe dem Toten zur Verfügung stehen.

3. Daß ein Kind Nachkommenschaft darstellt, steht außer Frage; es bleibt aber zu entscheiden, ob das Kind der Frauenfiguren im AR die diesseitige Nachkommenschaft abbildet - damit wäre die Figur dem Korpus Diener-/Gruppenfigur verwandt und stellt tendenziell konkrete Personen dar -,


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oder jenseitige Nachkommenschaft, was für eine magisch selbstwirksame Installation spricht.

Der Sinn einer Sicherung von Nachkommenschaft im Jenseits ist insofern fraglich, da Nachkommenschaft für einen Toten vor allem als Garantie seiner Weiterexistenz in Beziehung zum Diesseits Bedeutung hat. Als Belege der These herangezogene Textstellen der Pyramidentexte oder jüngeren Datums beschreiben in der Regel vor allem die Fähigkeit zu sexuellen Handlungen - also die Fähigkeit eine normale, befriedigte Existenz führen zu können -, weniger den Wunsch, als Toter noch Nachkommen zu zeugen<502>. Insofern ist die These der Garantie nachtodlicher Nachkommenschaft m. E. wenigstens für das AR auszuschließen<503>.

4. Die Frage der eigenen Wiedergeburt als Voraussetzung der Existenz als Toter ist hingegen sehr komplexer Natur und verdient eine eingehende Betrachtung, die im Rahmen dieser Arbeit nicht erfolgen kann. Es wurde oben bei der Besprechung der Nacktfiguren abgelehnt, in diesen den wiedergeborenen, kindlichen Körper eines Toten zu sehen. Bei den Frauenfiguren mit Kindern ist diese Vorstellung eher plausibel, da die Kinder ja tatsächlich als Säuglinge / Neugeborene abgebildet werden. Es stellt sich hier aber die Frage, ob die eher geringe Qualität und Quantität der Belege nicht gegen diese These spricht. In dem Säugling wäre ja der wiedergeborene Grabherr selbst zu sehen. Da aber keine anderen Belege einer Vorstellung der Wiedergeburt eines Toten mittels einer magischen Installation in Form einer Frauenfigur in der Residenz des AR zu finden sind, die Figürchen aber nur höchst selten auftreten, ist diese Interpretation m.E. sehr unsicher. Die Rollenbeschreibung "Mutter" in Bezug zu einer konkreten weiblichen Person - bevorzugt der Gattin eines Grabherrn - erscheint mir im Moment die am ehesten zutreffende. Die Bezeichnung "Konkubine", die eine Rollenbeschreibung der Frau als Lustobjekt des Mannes impliziert, ist für die im AR bekannten Statuen kaum zutreffend, da keine in diese Richtung deutenden Attribute wie die Betonung sexuell stimulierender Körperteile (Gesäß, Schamdreieck, Brüste) oder die Darstellung sexuell konnotierten Schmuckes oder Körpergestaltung (Tätowierung, Frisur) belegt sind<504>.

12.2.5 Exkurs: Plastische Grabbeigaben der FZ, "Beischläferinnen" und die Spezifität funerärer Praxis der Residenz im AR

1. Es sei in diesem Zusammenhang kurz auf die These eingegangen, die die Dienerfiguren des AR


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als mehr oder minder direkte Fortsetzung der Figürchen sieht, die in der FZ als Grabbeigaben auftreten. Es handelt sich bei diesen FZ-Figürchen um einen bisher nicht eingehend untersuchten, sehr heterogenen Korpus, der eine große Anzahl von Frauenfiguren - oft in stilisierter Form mit "Vogelköpfen" und erhobenen Armen -, aber auch männlicher Figuren und kleineren, modellartigen Ensembles umfaßt<505>. Das Material ist vor allem Ton oder Elfenbein. In den Frauenfiguren werden weibliche Fruchtbarkeitssymbole gesehen, die mit dem Gedanken der sexuellen Leistungsfähigkeit, der Sicherung von Nachkommenschaft und der persönlichen Wiedergeburt des Toten in Zusammenhang stehen können. Die anderen Objekte gelten als Dienerfiguren und Gegenstände, die die jenseitige Versorgung des Toten absichern sollen.

Da die funerären Vorstellungen wie auch die funeräre Praxis dieser prä-formalen Periode kaum untersucht sind, können die vorliegenden Interpretationen nicht diskutiert werden. Es sei im Bezug zu den Dienerfiguren des AR aber darauf verwiesen, daß zwischen den Belegen der FZ und denen des AR eine signifikante Beleglücke liegt. Weder in der materiellen Ausstattung von Anlagen der Periode II noch der Periode III der funerären Praxis der Residenz lassen sich vergleichbare, nicht den Toten abbildende figürliche Objekte feststellen<506>. Erst in Periode IV treten Dienerfiguren schlagartig und in sehr spezifischer, einer konkreten Etappe funerärer Praxis verpflichteten Form auf. Die Ähnlichkeit von Tonfiguren in einem Bottich und der Dienerfigur am Gärbottich besteht vor allem in der dargestellten Situation, daß aber ein funktionaler Zusammenhang der Objekte selbst besteht, ist damit keineswegs gesichert<507>. Es scheint daher sinnvoller, die Dienerfiguren der Gruppe A als ein Produkt der funerären Kultur der Periode IV der Residenz zu sehen und Sonderformen im Rahmen der in dieser Periode manifesten Praxis zu deuten.

2. Es ist aber von einem longue durée bestimmter, habitueller Vorstellungen vom Tod und dem Toten in Ägypten auszugehen, das konkreten Formen der funerären Praxis immer wieder zugrunde liegt. Zu diesen Vorstellungen gehört sowohl die Notwendigkeit, daß der Tote als Persönlichkeit versorgt und ausgestattet sein muß, als auch die besondere Rolle, die "das Weibliche" im funerären Kontext spielt. Auf dieser - prinzipiellen - Ebene besteht ein Zusammenhang zwischen den FZ-Objekten und den Dienerfiguren der Gruppe A, der konkrete Rahmen des Auftretens und die Verwendung in der funerären Praxis ist aber differenziert zu betrachten.


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Die Thematisierung der Weiblichkeit spielt in beiden kulturellen Ausdruckssystemen - dem der FZ und dem der Residenz im AR - eine äußerst wichtige Rolle. Die Art und Weise ist jedoch sehr verschieden. In der Residenz im AR wird die weibliche Rolle bis zur Periode V immer über konkrete Frauen thematisiert. Die Art der Thematisierung reicht dabei von der Darstellung einer konkreten Frau als Grabherrin und Kultempfängerin (Stand- und Sitzfigur) über deren Rollenbeschreibung als Gattin und Witwe (Gruppenfigur) bis zu der als Versorgerin (Dienerfigur) und eventuell Garantin der Nachkommenschaft (Frau mit Kind?). In diesem Rahmen sind die Aspekte der Frau als autonome soziale Persönlichkeit (Grabherrin), ihrer sozialen Position als Hausherrin und Versorgerin (Gattin, Dienerfigur), auch der Aspekt der sexuellen Befriedigung des Mannes (Gattin), der Kontinuität der Generation und der "Wiedergeburt" des Toten (Mutter, Witwe) eingeschlossen. Charakteristisch und wesentlich für die Interpretation der funerären Praxis der Residenz des AR ist dabei, daß diese Thematisierung stets über eine konkrete Person läuft, und nicht über abstrakt-magische Installationen. Die Konkretheit der funerären Installation, die in gewisser Weise auch die Individualisierung der Abbilder in Periode III (naturalistische Gestaltung) und Periode IV (Namensbeischrift) bewirkt, ist ein ganz wesentliches Element der funerären Residenzkultur des AR. Erst mit der Veränderung der funerären Praxis im Übergang von Reriode IV zu Periode V, in der immer mehr selbstwirksame Installationen an die Seite und schließlich an die Stelle des realen Kultvollzuges treten, wird die Konkretheit der Beschreibung zumindest abgeschwächt, werden die Frauen- und Männerfiguren anonymisiert und zu magischen Diener-Installationen entwickelt.

3. Ebenso problematisch ist es, eine Beziehung zwischen den Dienerfiguren der Gruppe A und den sogenannten "Beischläferinnen" herzustellen, die seit dem MR auftreten<508>. Diese Beigabe in Form einer geschmückten Frauenfigur mit unterschiedlicher Ikonographie, gelegentlich mit Kind, ist in der Residenz des AR nicht sicher belegt<509>. Auch den Dienerfiguren der Gruppe B, die aus denen der Gruppe A entwickelt wurden, ist diese Objektgattung kaum funktionell zuzuordenen; "Beischläferinnen" treten vielmehr neben den Dienerfiguren der Gruppe B auf. Wahrscheinlich setzt sich in diesen Objekten tatsächlich die Tradition der FZ-Frauenfiguren fort und sie sind, wie von Ch. Desroches Noblecourt vorgeschlagen, als Installationen zu deuten, die der Regeneration des Toten selbst dienen sollen.

Im funerären Kult der Residenz im AR scheinen die Figuren aber keinen besonderen Platz eingenommen zu haben. Das Spezifische eines Grabherrn wurde hier weniger als biologisch gesicherte Weiterexistenz nach dem Tode interpretiert, sondern als Fortsetzung seiner sozialen Position als Familienoberhaupt gegenüber den Nachkommen. Damit hatte der Kultvollzug durch die Lebenden und die Absicherung der Ansprüche des Toten gegenüber den Lebenden zentrale


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Bedeutung. Der Komplex der Wiederherstellung der körperlichen Integrität, dem die Beischläferinnen möglicherweise dienen, wurde in der Residenz durch die Bestattungsform als Mumie abgeschlossen. Erst mit der "Entprivilegisierung" der funerären Kultur der Residenz am Ende des AR und der Übernahme kultureller Ausdrucksformen der Residenz in der Provinz setzte eine intensive Auseinandersetzung mit jenen funerären Praktiken ein, die außerhalb der Residenz üblich waren. Diese Auseinandersetzung führte im Verlauf des frühen MR zu neuen Formen formalisierten Totenkultes, der Periode VI funerärer Praxis. In diesem Zusammenhang sind dann auch "Beischläferinnen" belegt.

12.2.6 Feindfiguren

1. In einem Grab auf dem Westfriedhof von Giza wurden stilisierte Feindfiguren gefunden (11.54). Sie gehören nicht zur Grabausstattung im bisher besprochenen Sinne, sollen hier aber erwähnt werden, da auch sie auf rituelle Praktiken deuten, die sich auf Personen beziehen, die nicht der Grabherr selbst sind. Wie bei Diener- und Frauenfiguren können auch zu diesen Figuren Bezüge zum Bestand funerärer Anlagen der FZ gezogen werden<510>. Größere rundplastische Darstellungen gebundener Feinde sind aus den königlichen funerären Anlagen des AR bekannt<511>. Die Deutung dieser Statuen wird vor allem im Bereich der magischen Abwehr von Feinden liegen, die den Toten, aber auch die Lebenden heimsuchen. Eine eingehende Studie zu diesem Komplex wird von S. Seidlmayer vorbereitet<512>, so daß eine Erörterung hier unterbleibt<513>.

12.2.7 Bootsmodelle

1. Modelle von Schiffen oder Booten sind ein typischer Bestandteil von Sargkammerensembles im MR<514>. Sie treten aber schon in der 5. Dynastie in der Residenz auf und werden bereits in Schachtdepots aus Periode V.a gefunden. Als Ausgangspunkt der Verwendung von Bootsmodellen im Rahmen der funerären Praxis lassen sich zwei Phänomene ausmachen:


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  1. Die Verwendung von Modellbooten aus Ton, orginalen Schiffen und Schiffsmodellen in Orginalgröße im Zusammenhang mit königlichen und auch nichtköniglichen Anlagen seit der FZ. Schon in der Periode der Formation der altägyptischen Kultur spielen Schiffe als ikonographisches Element, aber auch als plastisches Modell im funerären Zusammenhang eine Rolle<515>. Im Bereich der Mastaba S 3357 in Saqqara Nord wurde der bisher früheste Beleg einer Bootsgrube in Orginalgröße gefunden<516>. Weitere Bootsgruben der ersten Dynastie sind bei S 3035, 3036 und 3503 belegt<517>. Bootsgruben sind im Süden und Osten der Pyramidenanlage des Cheops gefunden worden. Im Osten der Pyramide des Djedefre befindet sich ebenfalls eine Bootsgrube; weiterhin bei der Chefren-Pyramide und am Aufweg der Unas-Pyramide. Auch im Umfeld der funerären Anlagen von Königinnen befinden sich Bootsgruben<518>. In der 5. Dynastie wurde ein Modellboot aus Ziegeln südlich vom Sonnenheiligtum des Neuserre erbaut. Auch bei der Anlage des Neferirkare und im Bereich der Anlage des Neferefre fanden sich Boote<519>. Aus der Mitte bis späten 5. Dynastie datiert der Beleg einer großen Bootsgrube in der Anlage des ptH-Spss in Abusir; aus der frühen 6. Dynastie ein vergleichbarer Beleg des kA-gm.n<520>.
  2. Die Darstellung von Booten und der Nutzung von Booten durch den Grabherrn in Flachbildern der Kapellen seit der 4. Dynastie. Ein früher Beleg ist die Darstellung an der Ost-Wand des Scheintürraumes des ra-Htp in Medum, die den Grabherrn beim Betrachten des Bootsbaus zeigt<521>. Bilder des Bootsbaus bleiben im Dekorationsprogramm als Szene der Tätigkeiten im Diesseits üblich. Seit Periode IV.a tritt dazu an den Ost-Wänden dekorierter Scheintürräume, direkt über der Tür, eine Darstellung auf, die den Grabherrn bei der Fahrt in meist zwei Booten darstellt . Als Zielort der Fahrt sind Kultorte (Heliopolis, Buto), oder die anonymen sx.t-Htp genannt. Diese Ikone ist im folgenden in Periode IV und V im Flachbild sehr beliebt und tritt auch im Bereich dekorierter Hofanlagen auf. Die Fahrt wird nun meist als "nach Westen" bezeichnet<522>.

2. Die Deutungsvorschläge der Orginalboote bzw. der Modelle in Orginalgröße bei funerären Anlagen sind recht unterschiedlich. Einerseits wird davon ausgegangen, daß die beigesetzten Boote Bestattungsschiffe sind, die anschließend beim Grab deponiert blieben, oder daß es sich um das ehemalige Staatsschiff des Pharao handelte, also jeweils Artefakte eines praktischen Gebrauches. Eine andere Deutung geht davon aus, daß die Boote und Bootsmodelle der nachtodlichen Bewegung des Grabherrn dienen sollen, wobei diese Deutung mit der ersten als Bestattungsbarke verbunden sein kann<523>. Als Fahrt während der Bestattung oder im Sinne der Bewegung des Toten werden auch die Flachbilddarstellungen gedeutet. Bei letzterer Möglichkeit bleibt unentschieden, ob die dort abbgebildete Fahrt im Diesseits stattfindet oder stattfinden soll,


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oder ob eine rein jenseitige Fahrt zu bestimmten mythischen Orten abgebildet wird. Letztere Deutung setzt eine jenseitige Topographie voraus, in der sich ein Toter wie im Diesseits zu bewegen hat.

Daneben steht die rein religiöse Deutung des Bootes beim Sonnenheiligtum des Neuserre oder den königlichen Anlagen überhaupt als Sonnenbarke, das der Sonne die Fahrt über den Tages- und den Nachthimmel ermöglichen soll. Im Fall der Boote bei den Pyramiden wäre auch hier an eine nicht-irdische Fahrt des Pharao zu denken.

3. Die Beigabe von großen Schiffen ist also schon seit der 1. Dynastie im memphitischen Bereich gesichert. Es handelt sich bei diesen Schiffen nicht um Teile der Ausstattung der Kapelle oder eines Serdab, sondern um aufwendige Beigaben, die im Bereich der funerären Anlage untergebracht waren. Enstprechend der Deutung der Mastabas der 1. Dynastie in Saqqara Nord als Gräber von Königen wird gelegentlich davon ausgegangen, daß die Beigabe eines Schiffes königliches Privileg war und bei ptH-Spss dieses Privileg erstmals einer nichtköniglichen Person zugestanden wurde. Da die Interpretation der Saqqara-Anlagen als Königsgräber eher unsicher ist, erscheint diese Deutung unwahrscheinlich.

4. Aus den Flachbilddarstellungen ist zu erkennen, daß Bilder mit Schiffen mit dem Index "Bewegung" von Orten und zu Orten versehen sind. Unter den territorialen Bedingungen Ägyptens ist ein Boot nicht nur das beste, sondern sogar ein unbedingt notwendiges Transportmittel, ohne das eine weiträumige Bewegung im Land praktisch ausgeschlossen ist<524>. Schiffsdarstellung treten bei Flachbilddekoration stets in Bereichen auf, die dem "Diesseits" im Rahmen der Definition kultischer Richtungen in einer funerären Anlage zugewiesen werden können. Wenigstens für den nichtköniglichen Bereich ist eine Deutung der Boote als Bewegungsmittel im Jenseits sehr unwahrscheinlich, zumal selbst in der späteren funktionalen Einbindung von Schiffsmodellen der Gruppe B im MR und den entsprechenden Flachbildern nicht der Transport in einer jenseitigen Topographie affirmiert wird, sondern der Besuch diesseitiger Kultstätten wie Abydos und Buto. Es ist daher m.E. am sinnvollsten, den in Flachbilddarstellungen der Bootsfahrt des Grabherrn affirmierten Sinn darin zu sehen, daß seine fortdauernde Bewegungsfähigkeit beschrieben wird, und zwar konkret die Fähigkeit, bestimmte Kultorte aufzusuchen.

Dabei spielt eine wichtige Rolle, daß schon in den frühesten Belegen von Darstellungen von Bestattungszeremonien der Prozeß der Bestattung und Überleitung des Toten als ein Weg symbolisiert wird, den der Tote zurücklegt. Bewegung zu bestimmten Orten schließt damit die Bewegung zum Bereich des Toten ("Westen") mit ein, wobei an dieser Stelle nicht entschieden werden kann, ob der Begriff jmn.t im funerären Gebrauch nichtköniglicher Anlagen im AR den diesseitigen Bereich der Nekropole oder einen nicht-irdischen jenseitigen Bereich beschreibt. Die


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Komplexität der Vorstellung von "Bewegungsfähigkeit" und vor allem der Definition des Raumes, in dem diese Bewegungsfähigkeit wirksam sein soll, kann hier nicht weiter erörtert werden. Es sei nur darauf verwiesen, daß die genannten Örtlichkeiten vor allem kulttopographische Bezüge besitzen, z.T. als realer Kultort, z.T. aber als Metapher wie sx.t-Htp oder "Papyrusdickicht". Die entsprechenden Flachbilddarstellungen beschreiben zusammen mit der Affirmation der "Bewegungsfähigkeit" ein räumliches System, in dem ein Toter sich bewegt, und das daher über den Bewegungsrahmen der Lebenden hinausgehen muß.

5. Die Vielschichtigkeit aller mit der Metapher "Boot / Schiff" versehenen Bewegungsformen macht eine konkrete Festlegung, welche Art von Bewegung in jedem Fall gemeint ist, in dieser frühen Periode problematisch. Es soll deshalb im Rahmen dieser Betrachtung nur folgendes postuliert werden: Das Auftreten von Booten im Flachbild, als Orginalbeigabe und als Modell impliziert "Bewegungsfähigkeit", und zwar Bewegungsfähigkeit nicht nur innerhalb des engen, von der Grabanlage und ihr zugeordneten Kultplätzen räumlich und von der Familie / Kultgemeinde sozial definierten Bereiches (hier tritt die Standfigur, ab Periode IV besonders die Standfigur mit Vorbauschurz in Funktion), sondern über große, praktisch nicht bemessene Entfernungen, einschließlich realer und mythischer (?) Kultplätze. Diese Bewegungsfähigkeit umfaßt nicht nur Grabanlage und Heimatort, sondern ganz Ägypten und den "Westen" als einen besonderen, liminalen Raum. Sie bezieht sich nach der Position der entsprechenden Darstellungen im Flachbild zu urteilen aber vor allem auf einen diesseitig verstandenen Raum, der erst sekundär die Vorstellung auch einer Bewegung in jenseitiger bzw. nächtlicher Topographie einbeziehen kann. Für weitergehende Vorstellungen einer jenseitigen Bewegung gibt es im nichtköniglichen funerären Kult im AR noch keine Belege.

6. Die Affirmation dieser dem Grabherrn zukommenden Eigenschaft zur "weiträumigen Bewegungsfähigkeit" erfolgt in den funerären Anlagen der Perioden III und IV primär über die Flachbilddekoration. Im Rahmen der Bestattungszeremonien sind Handlungen belegt, die mittels der Benutzung von Booten diese Fähigkeit praktisch-symbolisch umsetzen; ob es im Rahmen weiterer Totenfeste ähnliche Ausfahrten oder Wasserprozessionen gab, ist nicht gesichert, aber möglich (siehe Kap. 20.3. u. 21.7.).

7. Die frühesten Schiffsmodelle sind solche, die keine Modellmannschaft besitzen. Sie sind stark verkleinerte Imitationen jener großen Orginalboote, die wenigstens in zwei Elitegräbern auftreten<525>. Der Aufstellungsort der Modelle ist nicht der Serdab: Die Boote der Königin n.t aus der 6. Dynastie waren im oberirdischen Bereich der Anlage südlich der Kapelle abgelegt worden (11.58)<526>. Die diesem Ensemble nicht unähnliche Bootsgruppe bei der Anlage des kA-m-snw


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(11.57) wurde am Schachtmund gefunden. Dieses Ensemble kann schon in die Mitte der 5. Dynastie datiert werden, sofern man nicht annimmt, der Schacht 240 sei erst sehr viel später als die übrigen Grabstellen belegt worden. Wurden Bootsmodelle wie hier am Schachtmund auf der Mastaba deponiert, ist ihre Zerstörung in anderen Fällen sehr leicht möglich. Beide Ensembles umfassen eine Vielzahl verschiedener Schiffstypen. Man kann hier von der Beigabe von Modellen ausgehen, die für Orginalschiffe stehen, die im Bereich der Anlage abgelegt oder vergraben werden sollten.

8. Wie das Fehlen der Besatzung spricht auch der Aufbewahrungsort dagegen, in den Bootsmodellen Objekte in Art von Dienerfiguren zu sehen. Vielmehr sind die Schiffe eigenständige Beigaben. Sie sind eher dem Grabbau als dem Aufenthaltsort des Toten, der Scheintür als Durchgangsbereich für den Toten oder den Kultgeräten wie Tragestuhl und Baldachin als Mittel der Affirmation der diesseitigen Anwesenheit des Toten zu vergleichen, die zu einer Elite-Kultausstattung gehören. Das Boot - in Orginalgröße oder als Modell - stellt eine Installation dar, die dem Toten weiträumige Bewegungsfähigkeit garantiert.

Die Verkleinerung solcher Beigaben und ihr Ersatz durch Modelle ist eine Tendenz, die typisch für die funerären Praxis der Periode V ist. Orginalobjekte werden zunehmend durch dauerhafte, symbolische Imitationen ersetzt; ebenso, wie an die Stelle realen Kultvollzuges dessen bildliche und schriftliche Affirmation tritt. Es ist dies ein Prozeß, der zur Umwandlung der Kultausrüstung zu einer magisch wirksamen Beigabe führt; ein Prozeß, der auch Installationen wie die gesamte Kapelle mit der Scheintür betrifft, die als Sargkammer bzw. Sarg mit magischer Funktion in Periode VI den Toten umgibt.

9. Mit der "Schrumpfung" der Boote werden die Bootsmodelle aber sehr bald in die aus dem Serdab der Periode IV entwickelten Depots solcher magischen Objekte übernommen. Bei jdw II (11.39) und in der Anlage des jttj: anx-jr=s (11.47) sind in transitionellen Oberflächenserdabs schon bemannte Boote belegt, bei jdw II. auch die Unterscheidung in ein Segelboot für die Südfahrt und ein Ruderboot für die Nordfahrt. Ikonographisches Vorbild sind die in der Periode IV entwickelten Flachbildkonventionen, die die "weiträumige Bewegungsfähigkeit" des Toten über die Fahrt in zwei solchen Booten affirmieren. Damit ist eine weitere für die Periode V typische Tendenz belegt, nämlich die, Darstellungskonventionen diesseitiger Tätigkeiten im Flachbildes im Rundbild umzusetzen. Bisher hatten Dienerfiguren ausschließlich Handlungen im Zusammenhang mit dem Kultvollzug am Grab abgebildet; mit dem Auftreten bemannter Modellboote beginnt die Übernahme weiterer Szenen, wie der Herstellung von Lebensmittelgrundlagen durch Ackerbau und Viehzucht.

12.3 Gruppe B - der Übergang zur materiellen Ausstattung der Periode V

1. Die Diskussion der Veränderungen im Bestand der Serdabe in der späten Periode IV und der


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Bootsmodelle hat wesentliche Aspekte der Entwicklung der funerären Praxis bereits genannt, die mit der Umgestaltung des Bestandes an Dienerfiguren zur Gruppe B zusammenhängen. Einzelbelege dieser Ensembles aus Schachtserdaben oder Sargkammern werden hier nicht diskutiert, siehe dazu Kap. 16 und die Belege in Tab. 16. Die Befundlage zeigt bis in die frühe 6. Dynastie eine gleichartige Entwicklung in den Friedhöfen von Giza und Saqqara: In der Mitte von Periode IV treten Serdabe auf, in denen Dienerfiguren konzentriert werden, wobei sich die Anzahl und die Typenvielfalt der Figuren tendenziell erhöht. Am Ende der Periode IV treten die ersten Depots in unmittelbarer Schachtnähe auf, in denen Standfiguren des Grabherrn zusammen mit Dienerfiguren aufbewahrt werden. In diesen Ensembles sind Korbträgerinnen, Bootsmodelle und erste Modellgruppen vertreten. Die Figuren dieser transitionellen Serdabe sind tendenziell aus Holz.

2. Bei der Betrachtung der nun einsetzenden "Serdabwanderung" ist zu beachten, daß schon in der späten Periode IV die Sargkammer immer mehr Aufmerksamkeit im Rahmen der funerären Praxis erfährt. Häufig sind die Sargkammern nun schon mit Inschriften, Opferlisten oder sogar Flachbildekorationen versehen (siehe Kap. 16). Bei der Ausrüstung mit Statuen läßt sich bisher nur in Giza eventuell eine Sonderentwicklung erkennen, bei der großformatige Holzstatuen des Grabherrn direkt am Sarg deponiert werden. Die Einführung von Schrägschächten stellt zudem eine engere Verbindung von Sargkammer und Kultbereich her. Die ganze Entwicklung läuft darauf hinaus, die umfangreichen Kultinstallationen der Periode IV näher an den Leichnam heranzuführen.

3. Eine weitere, für die Entwicklung der Gruppe B von Dienerfiguren wesentliche Tendenz, ist die schon oben mehrfach angesprochene magisch-selbstwirksame "Automatisierung" des Kultvollzuges. Im Verlauf von Periode IV hatte man ein großes Potential an magisch-affirmativen Möglichkeiten vor allem im Bereich der Schriftlichkeit und der Flachbilddarstellung entwickelt, das dazu diente, den "Sinn" funerärer Praxis zu beschreiben, zu kommentieren, auszudeuten und so auf komplexe Weise zu affirmieren. Dieses privilegierte Wissen, das ausschließlich in der Residenz entwickelt wurde, wird dazu eingesetzt, einen Bestand an funerären Beigaben zu entwickeln, der die rituelle Definition des Grabherrn in seinen Existenzform als Toter unabhängig von einem praktischen Kultvollzug durch Nachkommen macht. Die Ursachen dieser Entwicklung sind vielfältig und können nur zum Teil in einer Verknappung der Ressourcen gesehen werden, die für den realen Kultvollzug zur Verfügung standen. Durch den Einsatz neuartiger magischer Installationen war man bemüht, eine dauerhafte Definition und Versorgung des Toten zu gewährleisten. Dabei griff man häufig auf die schon seit der FZ bekannte Methode des Modells zurück, das als wirksames Abbild der Realität gilt. Dieser Prozeß bedeutet die schrittweise Negation der funerären Kultur der Periode III und IV, deren besonderer Charakter gerade darin liegt, die Dinge mit großen Aufwand so real wie irgend möglich zu gestalten bzw. sogar noch über das natürliche Maß hinaus zu monumentalisieren. Die nunmehr umgekehrte Tendenz führt zu einer "Miniaturisierung" der


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relevanten Installationen.

Daß die Veränderungen der materiellen Seite der funerären Kultur auch die Seite der Praxis betrafen - also ob tatsächlich auch auf Kultvollzug verzichtet wurde -, ist kaum anzunehmen. Letztendlich liegt die soziale Dimension funerärer Kultur in deren praktischer Umsetzung, so daß die "Automatisierung" der materiellen Installationen nicht mit einem Ende des praktischen Kultvollzuges verwechselt werden darf. Die "Automatisierung" ist vielmehr eine Reaktion auf die Ansprüche eines Grabherrn und die Anpassung dieser Ansprüche an eventuell limitierte ökonomische Gegebenheiten, vor allem aber auch an potenzierte magisch-intellektuelle Möglichkeiten. Die Seite der rituellen Definition der Nachkommenschaft muß davon kaum betroffen sein, da der Erwerb entsprechender funerärerer Installationen seit Periode III so gut wie immer vom zukünftigen Grabherrn ausging. Außerdem ist die zu beobachtende "Entprivilegisierung"<527> etlicher Elemente der funerären Residenzkultur überhaupt nur über eine "Automatisierung" möglich, da deren praktische Umsetzung dem größeren Teil der Bevölkerung - auch gehobener Provinzschichten - aus ökonomischen Gründen gar nicht möglich gewesen wäre<528>.

4. Die Vorlagen für die magisch-selbstwirksamen Installationen, die in Periode V im Bereich oder Umgebung der Sargkammer konzentriert werden, sind zumeist Schrift- und Flachbildaffirmationen, die in Periode IV entwickelt wurden. Dazu kommen reale Installationen wie die Kapelle, Scheintüren und Schiffe, die ebenfalls in reduzierter, verkleinerter oder modellhafter Form umgesetzt werden (Kleinkapellen, Modellmastabas, Modellboote, dekorierte Särge). Eine Kulteinrichtung der Periode V konzentriert eine Scheintürinstallation mit entsprechender Opferstelle oft in Schacht- bzw. Zugangsnähe zur Sargkammer. Ebenfalls am Schacht bzw. in oder bei der Sargkammer befinden sich diverse Beigaben. Diese Beigaben haben die Eigenschaft, selbstwirksam zu sein. Sie können in weitgehend realer Form, als modellhafte Nachbildung oder nur als Schrift- oder Bildbeleg vorhanden sein. Zu diesen Beigaben gehören statusdefinierende Insignien (Stöcke, Szepter, Sandalen etc.), die ursprünglich als Realinstallation auftretenden Boote und ein Bestand an Statuen. Dieser Statuenbestand bedient sich des Vorbilds des auch in Statuenräumen oder Serdaben der Periode IV üblichen Inventars, wobei aber bei der Darstellung des Grabherrn eindeutig Typen von Standfiguren bevorzugt werden. Die Sitzfigur des ein Opfer


220

empfangenden Toten bleibt dem Bereich des aktiven Kultvollzuges verpflichtet und eignet sich weniger für die Affirmation einer Kult-unabhängigen Existenz.

5. Besonders der Korpus der Dienerfiguren erfährt eine Aufwertung. Dienerfiguren der Gruppe A waren von vornherein Objekte, die den Kultvollzug sichern sollten. Bei ihrer Übernahme in Gruppe B setzt aber eine Schwerpunktverlagerung ein. Während die Gruppe A neben der konkreten Tätigkeit (Gewährleistung des Kultes mit Nahrung und ritueller Betreuung) in mehreren Fällen auch eine konkrete Person affirmiert, wird der Aspekt der Person nun fast völlig vernachlässigt. Die aus den Dienerfiguren der Gruppe A entwickelten Modelle stellen die symbolisch-immerwährende Produktion von Versorgungsgütern dar. Dabei werden im Flachbild schon länger übliche Elaborationen hinzugefügt, die die Herstellung der Grundlagen der Versorgungsgüter abbilden, was in Gruppe A nicht üblich war. Diese Modellgruppen sind sogar das Charakteristikum der Gruppe B.

6. Das bedeutet aber nicht, daß gänzlich auf den Aspekt der sozialen Einbindung des Toten und die Abbildung konkreter Personen seines sozialen Umfeldes verzichtet wird. Interessanter Weise wird aber dafür auf Statuentypen zurückgegriffen, die nicht im Repertoire der Gruppe A auftreten. Vielmehr treten Standfiguren auf, die mit verschiedenen Attributen im Sinne einer Funktionsindizierung versehen werden. Es sind dies die Korbträgerin und im MR auch die Figuren männlicher Träger oder sogar Soldaten. Diese Personen haben nicht nur eine Funktion bei der magischen Sicherstellung der Versorgung des Toten, sondern definieren ihn als soziale Persönlichkeit, als Inhaber von Status. Gehobener Status wird hier in einer für die soziale Situation der 1. ZZ und des MR sehr charakteristischen Weise als das Innehaben von (z.T. militärischer) "Gefolgschaft" interpretiert. In der Residenz des AR war noch die Präsentation eines "Haushaltes" im Korpus der Dienerfiguren oder im Flachbild die Definition von Status gewesen. Aus dem memphitischen Bereich ist im hier interessierenden Zeitraum aber kein Ensemble von Statuen der Gefolgschaft bekannt, so daß eine weitere Erörterung nicht notwendig ist.

7. Inwieweit einige Kalksteinmodelle von Lebensmitteln, die aus Sargkammerensembles stammen, zu verlorengegangenen Holzfiguren gehörten, oder ob sie separate Modelle waren, ist nicht sicher zu entscheiden; jedoch scheint eine Funktion unabhängig von Dienerfiguren sehr wahrscheinlich zu sein. Es sei die Beschriftung dieser Objekte in Saqqara (16.9.3:+4:) erwähnt, die als magische Benennung fungiert. Interessant sind noch zwei Modelle von kapellenartigen Gebäuden aus Saqqara Süd, die möglicherweise den beim Festritual gebrauchten Baldachin oder einen Statuenschrein abbilden (16.42; 16.44). Ein Modell eines kompletten Festrituals mit Musik und Anwesenheit des Grabherrn im Tragestuhl, mit Gattin bzw. weiblichem Pendant, ist im "Early Middle Kingdom Tomb" in Saqqara T gefunden worden<529>. Der Bezug zum Ritual, der den


221

Dienerfiguren der Gruppe A eigen ist, kann auch bei Gruppe B also durchaus eine Rolle spielen. Die Modelle, die eine Leichenbehandlung zeigen, oder auch die Belege für Figuren von Klagenden affirmieren ebenfalls rituelle Handlungen. Es ist auch der Aspekt der Behandlung des Leichnams und die Sicherung seiner Überleitung in den Zustand des versorgten Toten, der in der magischen Installation des Sarges mit Dekoration und Sargtexten - neben den Dienerfiguren dem zweiten Charakteristikum der Perioden V und VI - seine magisch-selbstwirksame Affirmation erfährt<530>. Insgesamt bleibt der Schwerpunkt der Funktion der Dienerfiguren der Gruppe B aber die Sicherung der Versorgung des Toten mit Lebensmitteln und Gütern sowie, über die Bootsmodelle, die Sicherung seiner unbeschränkten Bewegungsfähigkeit.

12.4 Dienerfiguren - Zusammenfassung

1. Dienerfiguren gehören zu jener Gruppe rundplastischer Darstellungen, die in Periode IV der funerären Praxis der Residenz entwickelt werden. Sie teilen das allen diesen neuen Statuentypen eigene Element, daß eine ikonographische Indizierung vor allem durch abgebildetes Rollenverhalten erfolgt (Schreiber - Schreiben, Verwalten; Gruppenfigur - Beziehung zur Hauptfigur herstellen, Beziehungen zwischen Hauptfiguren herstellen), wobei auch auf die "analytische" Form der Beschreibung über bestimmte ikonographische Abzeichen bei weiteren Statuentypen (Standfigur mit Vorbauschurz; Nacktfigur) zurückgegriffen wird. Die Entstehung solcher durch besondere Rollen indizierten Darstellungsformen ist als Ausdruck einer sozialen Dynamik zu interpretieren, in deren Verlauf neue soziale Positionen über neue soziale Rollen erreicht werden. Mittels der Beschreibung dieser Rollen wird der neue Status kulturell verständlich festgehalten. In einigen Fällen kann bei der Beschreibung auf Vorformen früherer Zeit zurückgegriffen werden (bei einfachen Handlungen der Versorgung), in anderen sind völlig neue Darstellungsformen notwendig (Priester, Schreiber, Wäscher etc.).

2. Mit der Schreiberfigur und der Gruppenfigur verbindet die Dienerfiguren, daß in allen diesen Bildwerken Personen dargestellt werden können, die nicht eigentlich Kultempfänger sind, sondern solche, die am Kult teilhaben. Dabei führt die Dienerfigur das in den genannten Statuen vertretene soziale Spektrum sehr viel weiter, bis zur Ebene der "mittelbaren" Produzenten in einem Residenzhaushalt. Die "unmittelbaren" Produzenten bleiben - da sie nicht zu den an der Residenz vertretenen Institutionen zählen - in der Gruppe A unberücksichtigt und treten erst in der Gruppe B als symbolische Funktionsfiguren in Erscheinung. Das charakteristische der Gruppe A ist hingegen, tendenziell konkrete Funktionsträger, Individuen abzubilden.


222

3. Während in der Gruppenfigur die "engere" soziale Umgebung des Grabherrn abgebildet wird (die biologische Familie), werden in den Dienerfiguren Angehörige der "weiteren" sozialen Umgebung (der institutionelle Haushalt) abgebildet. Dabei gibt es eine interessante Ambivalenz bei der Beschreibung der Rolle von Frauen im Bezug zum männlichen Grabherrn, da die Gattin wohl auch als Dienerfigur dargestellt werden kann. In dieser Rolle wird sie primär als Angehörige der Institution "Haushalt" beschrieben, weniger als Teil der biologischen Familie. Beschreibungen der Rolle der Frau als Garantin biologischer Nachkommenschaft sind möglicherweise Figuren von Frauen mit Kindern. Die Definition der Frau als Teil der Institution Haushalt ist tendenziell in den mittleren und niederen Schichten der Residenzbevölkerung üblich und setzt sich auch in den Ensembles der Periode V und VI fort, dort in der Ikonographie der "Korbträgerin".

4. Eine besondere Gruppe von Dienerfiguren sind neben den Darstellungen der versorgenden Frau die von Männern bei kultischen oder "kultisch versorgenden" Handlungen. Solche Statuen treten tendenziell nur in Anlagen von Eliteangehörigen auf und bilden Personen ab, die zur Institution des Haushaltes einer Eliteperson gehören und dort eine führende Funktion wahrnehmen. Indizien deuten darauf, daß bei Angestellten des Haushaltes eine ambivalente Deutung des sozialen Geschlechtes (gender) vorliegt, die sie der Rolle der Frau als Hausherrin annähert. Ritualspezialisten im Kultvollzug sind hingegen als Männer definiert, die einen gehobenen Status besitzen. Auch die Umdeutung der Schreiberfigur von einer Funktions(=Diener)figur zu einer statusindizierten Darstellung des Grabherrn ist in diesem Zusammenhang zu sehen, da sich die abgebildete Person als Angehöriger der Institution "Residenz" im weitesten Sinne versteht und diesen besonderen Status im Schreiber abbildet.

5. Die Position der übrigen in Dienerfiguren abgebildeten Personen definiert sich über Handlungen, die im Zusammenhang mit den Totenfesten durchzuführen sind. Diese Art der Einbindung in eine Gruppe ist auch auf entsprechenden Flachbilddarstellungen belegt. Es ist dies der eigentliche Personenkreis der Institution "Haushalt". Schon früh läßt sich hier die Tendenz beobachten, nicht konkrete Personen, sondern abstrakte Funktionssymbole darzustellen (nicht mehr die konkrete Müllerin, sondern die Brotherstellung an sich). Diese Tendenz verstärkt sich mit der allgemein zu beobachtenden Zunahme selbstwirksamer Installationen und mündet in die Umwandlung der Ensembles der Dienerfiguren von solchen der Gruppe A zu solchen der Gruppe B.

6. Auch wenn die meisten Dienerfiguren anonym sind und die abgebildeten Handlungen nur einen geringen sozialen Status indizieren, so sind sie doch Abbildungen, die das Spektrum der im funerären Zusammenhang präsentierten Personen erweitern. Wie schon das Auftreten der Nebenfiguren in der Gruppenfigur auch die Position und Rolle von Teilnehmern am funerären Kult affirmiert, die nicht die eigentlichen Kultempfänger sind, sondern die für die Kultdurchführung Verantwortlichen, so bilden die Dienerfiguren Rolle und auch Status der weiteren Umgebung des Grabherrn ab. Das Auftreten von Dienerfiguren ist dabei an einen Grad sozialer Differenzierung gebunden, der die Bildung von "Haushalten" auf einer Ebene voraussetzt, die die der biologischen


223

Kernfamilie sprengt. Dienerfiguren sind damit primär ein Element von Elitekultur, was sich insbesondere in den Figuren der Gruppe IV - Priester, Kammerdiener, eventuell Schreiber - niederschlägt. Dem strategischen Bemühen der Elite-Grabherren folgend, in Periode IV die neuen sozialen Bedingungen auch in die nachtodliche Existenz zu perpetualisieren, stimuliert die Abbildung auch dieses weiteren sozialen Spektrums im funerären Bereich; in elaborierter Form im Flachbild, in besonders konkreter Form und wohl auf bestimmte Personen bezogen auch im Rundbild. Das eher seltene Auftreten von Dienerfiguren in Periode IV.a ist ein Indiz für den elitären Charakter dieser Institution.

7. Die Komplexität funerären Kultes erfährt in den Ensembles mit Dienerfiguren deutlichen Ausdruck: Funerärer Kult stiftet eine Gemeinschaft, eine Institution, der der Grabherr vorsteht und die durch die Exponenten der Funktionsfiguren (Nebenfiguren der Gruppenfigur oder Dienerfiguren) aufrechterhalten wird. Die Aktivierung / Verwirklichung dieser Institution erfolgt über kultische Handlungen, in deren Mittelpunkt immer die Versorgung mit Lebensmitteln steht. Dieser Aspekt der Versorgung kann durchaus reziprok interpretiert werden: Bereitstellung der Lebensmittel für den Chef der Institution beinhaltet die Eigenversorgung. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen den "mittelbaren" Produzenten, die Angehörige der Institution sind, und den "unmittelbaren" Produzenten, die von der Institution als Versorgungsgemeinschaft ausgeschlossen sind<531>.

8. Die Konkretheit der Definition der Institution nimmt in dem Maße ab, in dem Personen die entsprechenden Ausdrucksformen übernehmen, die über eine solche Institution gar nicht verfügen, also besonders Angehörige der niederen Residenzschicht. Das ambivalente Bild der Frau als Versorgerin versetzt die Institution "Haushalt" wieder zurück in den Bereich der Kernfamilie. Daneben beginnt die Umwandlung der Abbildungen, die eine konkrete Institution und ihre Konstituenten beschreiben, hin zu Abbildungen, die als Metapher einer symbolischen Affirmation von Versorgung dienen. Die Dienerfiguren werden in diesem Zuge zu magischen Installationen, zu echten Beigaben. So wird aus der in Periode IV.a/b nur fallweise, meist bei Eliteangehörigen auftretenden Beschreibung der Kultinstitution durch bestimmte Dienerfiguren die obligatorische Grabbeigabe der Periode VI, bezeichnender Weise unter Einbeziehung der unmittelbaren (aber nur magischen) Produzenten.

9. Dienerfiguren treten in Periode IV vor allem als Serdabfiguren auf. Dabei werden sie bei mehreren Statuenräumen tendenziell in einem Depot konzentriert und zunehmend vermehrt. In


224

diese Depots sich multiplizierender Statuen werden im Übergang zur Periode V der funerären Kultur weitere Elemente der Kultausrüstung aufgenommen, insbesondere Bootsmodelle. Diese Objektdepots - von Statuenräumen im eigentlichen Sinne kann mit der Aufnahme von diversen Modellinstallationen nicht mehr gesprochen werden - werden in der 6. Dynastie an den Schachtmund, in den Schacht und schließlich die Sargkammer verlagert. Die in diesen Depots aufbewahrten Figuren und Objekte haben keinen direkten Bezug zum Kultvollzug, sondern affirmieren Versorgtheit und Bewegungsfähigkeit des Grabherrn an sich.

10. Für die Betrachtung der Bewegung der funerären Praxis ist insbesondere die Eigendynamik bei der Entwicklung von Dienerfiguren bemerkenswert. Ähnlich wie im Flachbild jeweils gefundene Ausdrucksformen die Herausbildung neuer Ausdrucksformen stimulieren, wird aus dem relativ begrenzten Formenbestand der Gruppe A die unglaublich vielfältige Gruppe B entwickelt. Dabei ist aber festzuhalten, daß diese Veränderung nicht einfach evolutionären Charakter hat, sondern auch qualitative Veränderungen der funerären Praxis spiegelt und - durch die Bereitstellung entsprechenden symbolischen Vokabulars - auch stimulierte.


Fußnoten:

<459>

Der Gegensatz zur Funktionsfigur wäre die Statusfigur, die vor allem den Status der dargestellten Person beschreibt. Eine strikte Trennung ist jedoch nicht möglich; auch die primär statusindizierten Sitz- und Standfiguren bilden eine Handlung ab, die der Funktion der Statue entsprechen (Ergreifen der Opfergaben; Bewegung in Richtung Diesseits). Die Schreiberfigur, die primär eine Tätigkeit abbildet, hat in der Übergangszeit von Periode III zu Periode IV noch einen deutlichen Funktionsbezug, besonders bei den Schreiberfiguren von am Kult teilnehmenden Angestellten der Totenstiftung oder des Haushaltes, ist aber schon in Periode IV eindeutig vor allem statusindiziert, besonders deutlich bei Pose D ohne jedes Schreibutensil (siehe Kap. 7). Ebenso ambivalent ist die Nebenfigur bei Gruppenfiguren, die primär die Funktion einer Person als Erhalter des Kultes an der Hauptfigur abbildet, dabei zugleich aber den Status des Nachfolgers (und Erben) beschreibt (siehe Kap. 9).

<460>

Es muß möglicherweise mit einer größeren Gruppe hölzerner Dienerfiguren aus dieser Periode gerechnet werden, die aber zerstört sind. Häufig werden von den Ausgräbern Reste von völlig zerfallenen Holzstatuen in Ensembles erwähnt, die Steinstatuen des Grabherrn enthielten, z.B. Hassan Giza VII: 91 zum Serdab der Mastaba No. 16 im Central Field: "Buried in the debris in the southern part of the serdab were three statuettes of painted limestone, standing and facing westwards. In the northern part of the serdab we also found in the debris some remains of completely decayed wood, wich we suppose to have been wooden statues."

<461>

Breasted 1948: 67-71

<462>

Vandier 1958: 92. Eine Einteilung auf stilistischer Basis in Group A, B und C schlägt M. Hill in New York (1999): 386 vor; wobei es sich um Objekte handelt, die hier zur Gruppe A gezählt werden.

<463>

Borchardt 1897; Breasted 1948; Vandier 1948: 92-97

<464>

Zum Prozeß siehe Wild, H.: s.v. "Backen", LÄ I: 594-598; Faltings 1998: 37-155.

<465>

Aufgrund der gegen die Hitze schützend vor das Gesicht gelegten Hand wurden Einzelfiguren dieses Typs von Mariette noch als "pleureur / pleureuses" angesehen; die Identifizierung erfolgte durch Borchardt 1897: 125.

<466>

Zum Prozeß siehe Borchardt 1897: 129f; Helck, W.: s.v. "Bier", LÄ I: 789-792; Faltings 1998: 156-225.

<467>

Zum Charakter der Tätigkeit, die entweder das das Zerstampfen oder Verrühren der Gärmasse oder das Durchseihen durch ein Sieb abbildet, siehe Borchardt / Schäfer 1899: aftj "Brauer" von jaf "auspressen / durchseien". Zur Möglichkeit, daß einige der Figuren am Bottich auch mit der Herstellung von sTt-Brot in Beziehung stehen Faltings 1998: 138-155.

<468>

Der Charakter der Tätigkeit des Mannes, der seine Hand in die leeren Bierkrüge steckt, ist viel diskutiert worden; Faltings 1998: 204f faßt die gängigen Lösungsvorschläge zusammen: 1. Ausschmieren mit Tonschlick, um das Aufschäumen / Schalwerden zu verhindern, 2. Abdichten der Krüge, 3. Einbringung von Schlick zur Bindung von Trübstoffen im Bier.

<469>

Zu dieser Deutung der Gruppe eines Mannes mit Hund aus G 7715 (11.16.2:) und einer Person am Kochtopf (11.7.13:) siehe Breasted 1948: 100 und 44f.

<470>

Die Identifizierung der Statue Leipzig 2570 (11.15.12:) als Mann mit dem rituellen Waschgerät aus Gießgefäß und Schüssel gelang Krauspe 1997: 75; zu den verwendeten nms.t-Gefäßen mit Gießtülle und entsprechenden Funden im funerären Bereich Faltings 1998: 278-280.

<471>

Allgemein zur Bedeutung fermentierter Speisen in Afrika und der kulturhistorischen Entwicklung der Nahrungszubereitung am Beispiel des Sudan: Dirar 1993: 1-47.

<472>

Siehe die Darstellungen von Kinderspielen im Zusammenhang von mAA-Ikonen bei ptH-Htp II (Paget / Pirie 1898: pl. XXXIII). Roth 1991: 70 verweist auf den Zusammenhang der Wettkämpfe mit der Beschneidungszeremonie. Die Beschneidung und Initiation als ein wesentliches Element sozialer Ritualpraxis bezieht offenbar auch die Anwesenheit der Ahnen ein.

<473>

Breasted 1948: 60-67; Vandier 1958: 147-153

<474>

Jacquet-Gordon 1962: 26-39

<475>

Vandier 1958: 153-155. Breasted 1948: 6, pl. I datiert die Holzfigur eines Mannes mit Hacke New York MMA 26.2.10, angeblich aus dem Serdab des TTj aus Saqqara, in die 6. Dynastie, was der früheste Beleg einer Figur der landwirtschaftlichen Produktion ist. Alle anderen Darstellungen - Modelle oder Teile von Modellen - datieren in die 1. ZZ und das MR (op.cit.: 6-16).

<476>

Breasted 1948: 67-71

<477>

Breasted 1948: 75

<478>

Raum H ist der ursprüngliche Scheintürraum (NS:2?). Aufgrund der längeren Bau- und Umbaugeschichte der Anlage ist aus den hier gefundenen Fragmenten kein ursprünglicher Aufstellungsort zu erschließen. Zur Baugeschichte: Callender / Jánosi 1997.

<479>

BGM 1: fig. 4, 5

<480>

BGM 1: fig. 8

<481>

BGM 1: fig. 11

<482>

Sicher als Priester zu identifizieren ist CG 119 (11.3.5:). Borchardt 1897: 120 erwähnt das Fragment CG 320 von einer ähnlichen Figur aus dem Ensemble des nfr-jr.t-n=s, das aber nicht sicher bestimmbar ist. Ebenfalls von einer knieenden Priesterfigur kann das Fragment (11.27) aus der Gegend der Anlage des ra-wr stammen. Ein Fragment eine Kniefigur aus Granit ist aus der Anlage des ptH-Spss in Abusir bekannt (11.49). ra-wr und ptH-Spss zählen zu den Inhabern gewaltiger Grabanlagen, die wohl eine fest instalierte Priesterschaft besaßen, so daß das Auftreten von Priester-Dienerfiguren hier nicht unwahrscheinlich wäre.

<483>

Zu den seltenen Belegen von Priesterphylen nichtköniglicher Personen siehe Roth 1991: 91-118.

<484>

Vasiljevic 1995: 74-85; die häufigsten Titel dieser Personen sind Hm-kA, xtm.w ("Beschließer"), mr-sSr (op. cit.: 77-79).

<485>

Zur Frage von natürlichem / biologischem Geschlecht (sex) und sozialem / kulturellem Geschlecht (gender) siehe weiterführend: Bernbeck 1997: 327-335.

<486>

Siehe im Gegensatz dazu die ikonographischen Elemente der Statusbeschreibung (Halskragen, Amulett, z.T. Perücke) bei der Nacktfigur des vollwertigen Toten, Kap. 11.

<487>

Paget / Pirie 1898: pl. XXXV. Bei der weiblichen Grabherrin mr=s-anx III sind die die Objekte der Festausrüstung bringenden Kammerdiener im Gegensatz zur sonst gebräuchlichen Praxis offenbar alle weiblichen Geschlechts (BGM 1: fig. 8), was ebenfalls auf die Bedeutung von gender im Zusammenhang mit diesen Verrichtungen im intimen Bereich deutet.

<488>

Borchardt 1911: 106

<489>

Dasen 1993: 109-133. Siehe auch das Bemühen des Zwerges snb, sich in den Darstellungen als "vollwertiger" Mann mit Gattin und Nachkommen zu präsentieren und zugleich den ambivalenten Charakter seiner sozialen Geschlechtsdefinition zu präsentieren (13.1.2:). Hier liegt das strategische Bemühen vor, sowohl die Definition Gattin + Kinder = Mann = Vorsteher eines Haushaltes als auch Zwerg = drittes / transitionelles Geschlecht = Verwalter intimer Hausbereiche (des Königs) abzubilden. Das trifft genauso für weitere zwergenwüchsige Hausangestellte zu, die im Gebiet des snb-Friedhofes bestattet wurden, siehe die Statue des pr-n-anx aus einem benachbarten Grab (13.6.3:). Eine eventuell ebenfalls einen Zwerg darstellende Statue wurde in einem Scheintür-Serdab in G 1105 als soweit dokumentiert einzige Statue gefunden (13.16).

<490>

Zu den Fällen, in denen Grabherren in dieser Pose abgebildet werden, siehe die Diskussion Kap. 8.6.

<491>

Siehe die Diskussion des Ensembles Kap. 15.2.1.3.

<492>

Ein schöner Beleg für diese These ist die Holztür einer (kollektiven?) Kultanlage, die in der Aufschüttung des Unas-Aufweges gefunden wurde (Moussa 1972: Taf. XXXIX). Sie bildet ein groß dargestelltes Paar ab, umgeben von je zwei männlichen und zwei weiblichen benannten Personen (wohl die Nachkommen in der Position von Nebenfiguren). In zwei Bildstreifen darunter sind weitere benannte Personen abgebildet (Verwandte, Ahnen?). Ganz am Ende des untersten Bildstreifen werden vier Personen in der Ikonographie von Dienern (Korn mahlend, Bier brauend, Getreide stampfend, Teig knetend) abgebildet, die ebenfalls benannt sind. Die Dienerschaft ist also namentlich benannter Teil der konkreten Kultgemeinde. Dieselbe Beobachtung ist an der Scheintür des DAtj in Giza zu machen, auf der die Familienangehörigen in der Ikonographie von Dienern auftreten (BGM 4: fig. 41). Ebenso auf der Scheintür JE 56994 (Cherpion 1982: pl. XV-XIX), auf der das ganze Spektrum der Diener-Ikonographie der Gruppe A gezeigt wird und die handelnden Personen ebenfalls benannt sind. Die Liste derartiger Scheintüren mit benannten Personen im "Dienerikonographie" läßt sich noch verlängern. In allen Fällen liegen Beschreibungen der Haushalte von Angehörigen der mittleren Residenzebene vor.

<493>

Wildung / Schoske 1984: 91-94

<494>

Wildung / Schoske 1984: 94

<495>

Jacquet-Gordon 1962: 26-39

<496>

BGM 4: fig. 41. Vergleiche die ähnliche Gestaltung der Scheintür JE 56994 (Cherpion 1982: pl. XV-XIX).

<497>

Gruppenfiguren Typ I.b und II.b.

<498>

(7.125), mir ist eine mögliche Beschriftung der Statuen nicht bekannt, so daß die Identität der Frau zur Rechten des Mannes als die Gattin nicht gesichert ist.

<499>

Ich danke Caris-Beatrice Arnst für wertvolle Hinweise zu diesem Thema.

<500>

Sogenannte "Totenbraut" nach Wiedemann, siehe Bonnet 1952: s.v. "Beischläferin": 93-95; so Krauspe 1997: 78 für die Frauenfigur Leipzig 2446 (11.52).

<501>

Desroches-Noblecourt 1953: 15-19, 42

<502>

Textbelege Kees 1956: 202f.

<503>

Die Sitte, Frauenfigürchen als magische Mittel der Erlangung von Nachkommenschaft zu stiften und in Tempeln, Hausaltären, aber auch in Friedhöfen bei den wirksamen Ahnen zu deponieren, steht in einem anderen Zusammenhang. Auch hier geht es aber um diesseitige Fruchtbarkeit und diesseitige Nachkommenschaft; Belege siehe Bonnet 1952: s.v. "Beischläferin": 94; Robins 1996: 28-30. Zum damit zusammenhängenden Komplex der "Großen Göttin" und der Fruchtbarkeitskulte überhaupt siehe Helck 1971: 13-70.

<504>

So auch nur mit Einschränkung den Begriff "concubines" gebrauchend Breasted 1948: 93.

<505>

Belege, jeweils den Typen von Dienerfiguren zugeordnet, bei Breasted 1948: 30 (Bierbrauer), 49 (Handwerker), 57 (männl. Träger), 60 (weibl. Träger), 73 (Modellboot), 89 (Tänzerinnen), 93f, 98 (nackte Frauenfiguren); weiterhin: Vandier 1952: 415-435, 959-971 (Männer, Frauen, Diener, Gefangene, Tänzerinnen), 816-820 (Modellbeigaben).

<506>

Shoukry 1951: 256

<507>

Figur im Bottich: Breasted 1948: pl. 31.a. Es sei darauf verwiesen, daß typologisch vergleichbare Objekte - Sitzfiguren, Standfiguren, hockende Figuren etc. - von der FZ bis in die SZ in grundverschiedenen funktionalen Zusammenhängen auftreten. "Reine" Typologien, die nur formale Aspekte berücksichtigen, den funktional-konkreten Rahmen aber vernachlässigen, sind im Endeffekt für die Deutung von Zeugnissen der materiellen Kultur von geringem Wert. Das ist z.B. der große Nachteil der umfangreichen Typologie von Hornemann 1951-1966.

<508>

Belege Breasted 1948: 94-96; Desroches Noblecourt 1953.

<509>

Die wenigen nackten Frauenfiguren des AR können in Analogie zu den männl. Nacktfiguren gedeutet werden, siehe Kap. 11.

<510>

Vandier 1952: 415-435, 963

<511>

Jéquier 1940: 27-29; pl. 47, 48; Verner 1985; New York 1999: Nr. 173 + 174, 440f

<512>

Seidlmayer in Vorb.

<513>

Zu entsprechenden Funden stilisierter Feindfigürchen in Töpfen auf den Friedhöfen von Giza (11.55) siehe neben Junker Giza VIII: 30-38 auch Posener 1958; Abu Bakr / Osing 1973; Osing 1976 und die dort angegebene Literatur. Diese der magischen Beeinträchtigung von Personen dienenden Depots deuten auf eine blühende Friedhofsmagie, die eine ganz eigene Dimension der funerären Praxis darstellt. Vergleiche dazu auch die Briefe an die Toten (Grieshammer, R.: s.v. "Briefe an Tote", LÄ I, 1975: 864-870).

<514>

Dreyer, G.: s.v. "Schiffsmodelle", LÄ V: 622

<515>

Bootsmodelle der FZ: Breasted 1948: 73; Vandier 1952: 409-413, 816.

<516>

Emery 1939; Stadelmann 1985: 27-29, Abb. 8

<517>

Stadelmann 1985: 29

<518>

Belege für Könige und Königinnen siehe Verner 1992: 595-599; Jánosi 1996.a: 164f.

<519>

Verner 1992

<520>

Belege siehe Martin-Pardey, E.: s.v. "Schiff", LÄ V: 603; Verner 1992: 599f.

<521>

Petrie 1892: pl. XI

<522>

Junker Giza II: 66-96; Harpur 1987: 83; Kessler 1987

<523>

Siehe die Zusammenstellung der Interpretationen bei Martin-Pardey, E.: s.v. "Schiff", LÄ V: 603, Verner 1992.

<524>

Martin-Pardey, E.: s.v. "Schiff", LÄ V: 601f

<525>

Auch in den königlichen Kultanlagen sind möglicherweise neben den großen Orginalbooten in den Gruben kleinere Boote für den Gebrauch im Ritual vorhanden gewesen, siehe die Belege für zwei ca. 4 m lange Boote bei Neferefre (Verner 1992: 592-594).

<526>

Jánosi 1996.a: 164

<527>

Ich ziehe diesen Begriff dem der sogenannten "Demokratisierung" des Totenglaubens vor. Die Frage der kulturellen Entwicklung am Ende des AR wird häufig etwas verkürzt nur unter dem Aspekt der Übernahme königlichen Ritualswissens durch nichtkönigliche Personen gesehen, und nicht als Prozeß kultureller Diffusion insgesamt. Siehe insbesondere zur Diskussion um die Übernahme von Sprüchen der Pyramidentexte in die Sargtexte und der Aufnahme von königlichen Insignien in die Objektfriese der Särge des MR, die erst in der 12. Dyn. erfolgte, Willems 1988: 222, 244-249.

<528>

Der Ersatz der Korbträgerin als Güterpersonifikation durch konkrete Frauen auf der Scheintür des DAtj zeigt, wie ein für den Angehörigen der niederen Residenzschicht gar nicht vorhandenes Element funerärer Kultur - die ökonomische Absicherung des Kultes durch eine „Domäne“ - unter Beibehaltung der formalen / priviligierten Ausdrucksform umgedeutet und der ökonomischen Realität angepaßt wird. Eine konkrete Person des Haushaltes übernimmt die Ikonographie der "Domäne"; der Sinn der Abbildung bleibt die Affirmation der Versorgung des Toten, der Inhalt der affirmierten ökonomischen Grundlage der Versorgung ist grundverschieden. (BGM 4: fig. 41).

<529>

Quibell 1908: pl. XVI; die Gruppe entspricht sehr genau der Flachbilddarstellung im Grab des mrr.w-kA (Duell 1938: pl. 94, 95).

<530>

Klassisch formuliert von Willems 1988: 239 "Although this is not necessarily the only explanation for some ornaments, the consistent recurrence of ritual themes gives one the impression that the decoration as a whole served to regenerate the reality of the funerary ritual. In a disrespectful way, the coffin could be called a "ritual machine"."

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Dieses Bild kann als Modell der ökonomischen Definition der Institution "Residenz" insgesamt dienen: Die Angehörigen der "Residenz" sind als Teile dieser Institution in verschiedenen Ebenen einander verbunden und realisieren ihre Reproduktion über den Verbrauch von Ressourcen, die insgesamt der Residenz von außen zufließen. Unmittelbare Produzenten gehören nicht zur Residenz und sind nicht Teil ihrer Institutionen, auch nicht der individuellen Haushalte. Unmittelbare Produzenten treten erst in Gruppe B der Dienerfiguren auf, unter veränderten sozialökonomischen Voraussetzungen, die gleichbedeutend mit der Auflösung der "Residenz" als Institution sind.


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Wed May 2 14:17:41 2001