Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

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Teil III - Statuen im archäologischen Kontext

1. In den beiden vorangegangenen Teilen wurden die in der funeräre Kultur der Residenz des AR auftretenden Statuentypen und ihre Indizierung untersucht. In Teil I waren die entsprechenden Statuentypen dabei bereits in den Kontext der Entwicklung der funerären Praxis der Perioden I bis III gestellt worden. Für Periode IV und V funerärer Praxis der Residenz sind ungleich mehr Belege erhalten. Im folgenden Teil sollen die Statuenfunde in ihrem unmittelbaren Kontext - also ihrer Aufstellung und ihren Beziehungen zueinander - und in den archäologischen Kontext der funerären Anlage und ihrer Installationen gestellt werden.

2. Als ein besonderes Charakteristikum der Periode IV der funerären Praxis der Residenz wurde festgehalten, daß in bisher nicht bekanntem Maße Statuen im funerären Kult Anwendung finden. Die Tendenz, den rundplastischen Abbildungen des Grabherrn besondere Aufmerksamkeit zu widmen, zeichnete sich in der Periode III schon ab und kulminiert im massenhaften Auftreten von Statuen in einigen Grabanlagen von Angehörigen der Königsfamilie auf dem Giza-Plateau in Periode III.c. Ebenfalls einer Tradition der Periode III folgend, die rundplastische Darstellung durch ikonographische und typologische Variationen mit zusätzlichen bedeutungstragenden Indizes zu versehen, treten dabei neue, in Periode IV standardisierte und auf bestimmte Bedeutungen (und z.T. wohl Funktionen) festgelegte Statuentypen auf.

3. Da Grabanlagen in Periode IV und V in ganz verschiedener Größe und Ausstattung belegt sind, ist zu klären, ob sich signifikante Unterschiede in der Statuenverwendung und dem Aufbau der Anlagen zwischen den verschiedenen sozialen Schichten beobachten lassen oder ob von einer gemeinsamen Grundstruktur der funerären Praxis in der Residenz ausgegangen werden kann. Daher wird in Kap. 13 eine Auswahl von Statuenensembles aus Großanlagen solchen aus kleineren Anlagen gegenübergestellt. Der Befund wird in Kap. 15 auf weitere Belege ausgedehnt. In diesem Zusammenhang wird in einem Exkurs in Kap. 14 etwas auführlicher auf die Funktion der nördlichen Kultstelle einer Grabanlage der Residenz eingegangen, da besonders diese Kultstelle und ihre Funktion in der Periode IV einer gewissen Veränderung unterliegt, die für die Beschreibung der funerären Praxis der Residenz von Bedeutung ist.

4. Für die Untersuchung der funerären Praxis der Periode IV sind vor allem Statuenfunde von Bedeutung, die aus dem oberirdischen Teil der Grabanlage stammen. Belege für die Verwendung von rundplastischen Abbildern auch im unterirdischen Grabteil gibt es aus Periode III (Ersatzköpfe) und dann vor allem aus Periode VI (Sargkammerensembles). Aus Periode IV sind eine Reihe von Fällen bekannt, die eine sorgfältige Gestaltung der Leiche als Gips- oder Leinen-Mumie belegen<532>, eine Sitte, die sich auch in Periode V fortsetzt und in Periode VI zur Gestaltung der Leiche als


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Bündel-Mumie mit Gesichtsmaske führt. Der Gebrauch von rundplastischen Abbildern in den Sargkammern, die mit Praktiken zusammenhängen, die für Periode IV typisch wären, ist hingegen nicht belegt. Eine mögliche Sonderentwicklung aus der späten Periode IV bzw. dem Übergangszeitraum der Periode V, bei der in Giza in einigen Gräbern recht große hölzerne Statuen in der Sargkammer auftreten, wurde oben schon erwähnt (Kap. 11). Die in Periode V auftretenden Schachtdepots und die für Periode VI charakteristischen Sargkammerensembles wurden ebenfalls bereits angesprochen (Kap. 12). Beide Phänomene werden im Anschluß an die Belege an Oberflächenfunden noch einmal in Kap. 16 diskutiert.

5. Die eine besondere Beleggruppe darstellenden Felsstatuen und ihnen verwandte Denkmäler, bei denen in besonderer Weise die Identität von Statue und funktionaler Rahmen gegeben ist, werden im abschließenden Kap. 18 separat behandelt und mit den Ergebnissen der vorangegangenen Kapitel verglichen.

Kapitel 13. Aufstellungsort und Bestand von ausgewählten Statuenensembles der Perioden IV und V

13.1 Statuen in Großanlagen in Giza, Abusir und Saqqara (Tab. 12)

13.1.1 Großensembles der hohen 4. bis frühen 5. Dynastie in Giza

1. Die Statuenensembles aus Grabanlagen von Angehörigen der Königsfamilie und Königsumgebung der späten 4. und frühen 5. Dynastie aus Giza wurden schon mehrfach erwähnt. Es sind diese Anlagen, in denen neue Formen der funerären Praxis zum ersten Mal und - durch die monumentale Gestaltung - auch in erster Linie erkennbar und am Befund ablesbar werden. Parallel zur Erfindung neuer kultureller Ausdrucksformen, die der Realisierung der Position des Pharao im Rahmen eines um die Pyramide kreisenden Kultes dienen, werden in diesen Gräbern kulturelle Ausdrucksformen entwickelt, die der Bestimmung der sozialen Position der jeweiligen Grabherrn dienen sollen. Dabei werden habituelle Muster, die schon in Periode II und III beobachtet werden können, genutzt, interpretiert und aktiviert. Für die Inhaber der höchsten sozialen Positionen ist dabei eine oft sehr individuelle und in der jeweiligen konkreten Form so nicht noch einmal belegte Umsetzung der kulturellen Muster typisch. Die für solche individuellen Anlagen erfundenen kulturellen Formen können aber, oft in etwas reduzierter Weise, zu einem gewissen Standard entwickelt und über eine gewisse Zeit von einer bestimmten Gruppe tradiert werden.

2. Ausgangspunkt der Einführung großer Statuenensembles im oberirdischen Teil der Grabanlage


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scheinen die Gräber der Angehörigen der Königsfamilie des Cheops in Giza Ost gewesen zu sein. Weder der genaue Bestand der Statuenensembles noch die konkrete Aufstellung der einzelnen Statuen ist gesichert, so daß zu diesen, den Ausgangspunkt der Entwicklung der Großanlagen bildenden Grabanlagen anhand des am besten erhaltenen Ensemble des kA-wab (12.1) nur festgehalten werden soll, daß:

  1. in der späten Periode III die Zahl der Statuen explosionsartig zunimmt, wobei die klassische Stand- und Sitzfigur vervielfältigt wird, neue Typen wie Schreiber, Gruppenfigur und auch schon die Standfigur mit Vorbauschurz (nicht bei kA-wab belegt) auftreten, und
  2. ein Teil dieser Statuen in offenen Bereichen der Kultanlage aufgestellt war, für andere aber auch eine gänzlich verschlossene Statuenkammer (Serdab) in Frage kommt.

Neu ist in diesem Zusammenhang vor allem die Vielzahl der Statuen und Statuentypen. Die zwei grundsätzlichen und getrennt zu interpretierenden Formen der Statuenaufstellung wurden hingegen bereits für Periode II postuliert. Eine Aufstellungsart - die im verschlossenen Serdab bei der Scheintür-Kultstelle - hatte das besondere Interesse der Praktiken der Periode III gefunden (Erfindung des West-Serdab). In Periode IV ist die zweite Aufstellungsart - Statuen fern und unabhängig von der Kultstelle an der Scheintür - der Schwerpunkt der Entwicklung.

13.1.1.1 Ensembles von Frauen vom Central Field

1. Unter Chefren wird für Angehörige der Königsfamilie ein Friedhof mit Felsgräbern südlich vom Taltempel seiner Pyramidenanlage im Central Field angelegt, der unter Mykerions auch entlang der Westkante des ehemaligen Steinbruchs fortgeführt wird. Die seit Periode III.c stark vergrößerten Kulträume vor den Mastabas werden hier in Felsarchitektur in neuer Weise umgesetzt und z.T. in einen Mastabatyp mit oberirdischem Mastababau aus Werkstein und unterirdischen Kultanlagen im Fels übernommen<533>.

2. Die Anlage der xa-mrr-nb.tj

2.1. Im Central Field wurde die Anlage der xa-mrr-nb.tj mit einer noch gut erhaltenen Statuenausstattung gefunden (12.2). Die recht kompliziert strukturierte und in mehreren Abschnitten errichtete Kapellenanlage zerfällt in zwei Bereiche<534>. Im Osten liegen rechts und links vom Zugang (A) zwei hallenartige Räume mit Pfeilern (B + C), eine Installation, die die "äußeren", vor der Mastaba liegenden Kapellenteile von Periode II und III aufnimmt, vergleiche etwa die


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Kultstelle der anx-HA=f-Mastaba<535>. Es folgt eine Raumeinheit mit (Nord?-)Scheintür (G), die wohl die Funktion der Mastabafront der Periode III übernimmt, und schließlich ein den "inneren" Kapellenteil darstellender Raum, der wohl ein ursprünglicher Scheintürraum (NS:2?) war (H), mit einer unterirdischen Sargkammer (J). Besonders dieser "innere" Raum wurde stark verändert und hinter einer geplanten nördlichen Scheintür (?) eine neue Sargkammer eingerichtet (I). Außerdem wurde im Norden der Kapellenanlage eine zweite Kultstelle mit Sargkammer eingerichtet (D + E).

2.2. Der "äußere" Bereich am Zugang (A) zerfällt in zwei sich gegenüberliegende Räume im Norden und im Süden. Der hintere Teil des südlichen Raumes (B) wurde sekundär vermauert, in ihm wurden vier annähernd vollständige Statuen und Fragmente von weiteren Statuen gefunden. Die Statuen standen an der Südwand und blickten nach Norden. Ganz im Westen befand sich eine weibliche Sitzfigur, es folgte die ungewöhnliche Mantelstatue einer schreitenden Frau, dann eine Gruppensitzfigur der Grabherrin mit ihrem Sohn und schließlich, im Osten, eine weitere weibliche Sitzfigur. Fragmente aus Kalzitalabaster und Diorit deuten auf die Existenz weiterer Statuen. Ob die Statuen von Anfang an hier aufgestellt waren, oder erst zum Zeitpunkt der Vermauerung hier abgestellt wurden, ist nicht gesichert. Ob die Vermauerung vollständig war, oder einen Schlitz zur Kommunikation ließ, ist nicht bekannt. Die zur Raummitte zeigende Seite des Pfeilers in diesem Raumteil schmückt eine unvollendete weibliche Felsfigur (17.17).

2.3. Im nördlichen Raumteil (C) befand sich eine männliche Sitzfigur in einer nach Süden geöffneten Wandnische. In welcher Beziehung der abgebildete sxm-ra zu xa-mrr-nb.tj stand, ist unbekannt; V. Callender und P. Jánosi nehmen an, daß es sich hierbei um den Grabherrn der nördlich angebauten Bestattung handelt<536>. Östlich davon stand eine überlebensgroße Sitzfigur der xa-mrr-nb.tj, ebenfalls zur Raummitte orientiert.

2.4. Das Ensemble der xa-mrr-nb.tj ist vor allem durch die Existenz des sonst nicht noch einmal sicher belegten Typs der weiblichen Standfigur im Mantel und die ebenso singuläre überlebensgroße Sitzfigur außergewöhnlich. Der Typ der Mantelfigur wurde oben bereits besprochen, ebenso die Gruppensitzfigur von Mutter und Sohn (Kap. 8.2. u. Kap. 9.2.2.). In der Existenz der überlebensgroßen Sizfigur (12.2.7:) zeigt sich ein Element, das die Praxis der Periode IV von der der Periode III unterscheidet. Für Periode III wurde postuliert, daß die Statue in hohem Maße "als der Tote" verstanden wird. In Periode IV wird diese enge Verbindung von Statue und Körperlichkeit der konkreten Person wieder aufgehoben. Körperlichkeit bleibt nun eine Eigenschaft nur der Leiche selbst, die in gewissem Sinne als "Statue", als "Körperbild" (Gips- oder Leinenmumie) gestaltet wird. Das Rundbild hingegen wird vor allem als ein symbolisches Medium verstanden, das die Anwesenheit nur "vermittelt", die Existenz nur "affirmiert". Kleine, unterlebensgroße Abbilder tun das und auch monumentale, überlebensgroße. Überlebensgröße


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bei Statuen ist als eine besondere Form der Symbolik aufzufassen, eine besonders massive Vermittlung von "Anwesenheit", ohne daß ein Bezug zu realer Größe und Naturalismus vorliegt. Überlebensgröße ist somit der Unterlebensgröße strukturell gleichzusetzen; die symbolische Beschreibung wird durch die über das übliche Maß hinausgehende Größe aber gesteigert, d.h. "monumentalisiert". Die übrigen bei xa-mrr-nb.tj erhaltenen Statuen entsprechen den bekannten Typen der Sitzfigur mit zum Opferempfang geöffneten Händen, beim Mann mit der zur Faust geballten rechten Hand.

2.5. Das vermauerte Ensemble enthält die für weibliche Statueninhaber bekannten Statuentypen: die Sitzfigur, hier verdoppelt; die Gruppenfigur, hier als Gruppensitzfigur mit dem Bild des Sohnes; die Standfigur in der Sonderform der Mantelstatue. Welche Typen die zerstörten Statuen vertraten, ist unbekannt. Das verschlossene Depot beherbergte also einen Satz rundplastischer Abbilder, die verschiedene Aspekte der Grabherrin beschreiben. Daß einzelne Statuen eine kultische Sonderfunktion gegenüber anderen des Ensembles hatten, ist nicht möglich, da alle nur gemeinsam kultisch behandelt werden konnten. Das Ensemble insgesamt bildet die Grabherrin ab und hat seine Funktion an diesem Platz als ein Ensemble, nicht als Einzelstatuen<537>.

Anders ist die Situation bei den zwei Statuen nördlich vom Zugang. Die monumentale Sitzfigur der Grabherrin stand frei, während die Sitzfigur eines Mannes in einer Nische in der Wand untergebracht war. Die freistehende weibliche Statue war dem direkten und unmittelbaren Kult zugänglich, ebenso die männliche Sitzfigur, für die man eine zeitweisen Verschluß der Nische durch eine Holztür annehmen kann. Beide Statuen im Norden gehören nicht zum Ensemble des Süddepots, sondern bilden eigenständige Kultziele.

2.6. Die beiden Statuenräume befinden sich getrennt von den Raumteilen mit Scheintüren. Durch die Vermauerung war auch ein zeitweiser Transport und die Anwesenheit der Statuen am Scheintürkult nicht möglich, auch bei der überlebensgroßen Statue dürften sich Transporte verboten haben und auch die Statue in der Felsnische macht den Eindruck einer ortsfesten Installation. Es zeigt sich so eine deutliche Trennung von zwei grundsätzlichen Bereichen: Zum einen die Scheintürkultstelle, bei der sich der Handelnde nach Westen wendet; hier wurden keine Statuen der Grabherrin, sondern nur Dienerfiguren gefunden. Zum anderen ein Bereich, der mit ortsfesten Statuen ausgestattet ist und in dem verschiedene Richtungen auftreten, hier nach Süden und Norden.

3. Die Anlage des wp-m-nfr.t und der mr=s-anx (?)


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3.1. Ein dem der xa-mrr-nb.tj vergleichbares Ensemble wurde in der Anlage des wp-m-nfr.t und seiner Familie ebenfalls im Central Field gefunden (12.3). Die Anlage aus einer Felskapelle und späteren Anbauten war in der hohen 5. Dynastie in Betrieb, wie die Bildung eines Namens mit dem Namen des Neferefre in der Inschrift mit der Verfügung belegt<538>. Die Errichtung der Felskapelle und auch die nicht beschrifteten Statuen einer Frau, eventuell der zA.t nswt mr=s-anx, sind m.E. schon in die Übergangszeit von der 4. zur 5. Dynastie zu datieren. Diese Statuen wurden in einem unverschlossenen Raum im Süden der Felskapelle gefunden. Der Raum öffnet sich zu einem Vorraum, von dem man in den westlich gelegenen eigentlichen Scheintürraum gelangt.

3.2. Die Statuenkammer enthielt mindestens fünf weibliche Statuen; eine Sitzfigur aus Granit, zwei Standfiguren mit geschlossenen Beinen und zwei Standfiguren in Schrittstellung aus Kalkstein. Ob das stilistisch verwandte Fragment einer weiteren weiblichen Standfigur (12.3.2:) tatsächlich von hier stammt, wie S. Hassan animmt, ist ungewiß. Die konsequente Verdoppelung jeder Standfigur und vor allem, daß nebeneinander zwei weibliche Typen von Standfiguren - mit geschlossenen Beinen und in Schrittstellung - auftreten, ist bemerkenswert. Wie auch bei xa-mrr-nb.tj wurde im Bereich des Statuendepots Wert auf die Präsentation der Statueninhaberin in verschiedenen Aspekten gelegt. Die Mantelfigur hatte sich als Typ nicht durchgesetzt, eventuell wird in diesem besonderen Fall die weibliche Standfigur in Schrittstellung mit der Konnotation "konkrete Anwesenheit im Diesseits" versehen. Daß jede Standfigur genau zwei Mal vorliegt, entspricht einem in Periode II und III nur für männliche Statuen belegten Prinzip. Ebenso bemerkenswert und als Indiz für den außergewöhnlichen Status der abgebildeten Frau zu werten ist, daß keine männliche Statue im Bereich des Depots gefunden wurde.

13.1.1.2 Ensembles von Männern

1. Die Anlage des bA-bA=f

1.1. Die Anlage des bA-bA=f befindet sich westlich der Cheops-Pyramide, im äußersten Südosten des Westfriedhofes, in einem Bereich, in dem sich Grabanlagen von z.T. bedeutendem Ausmaß befinden, die einem Zweig der königlichen Familie der 4. Dynastie zuzuschreiben sind<539>. Im Bereich der bA-bA=f-Anlage wurden Fragmente von 30 bis 50 Statuen unterschiedlicher Typen gefunden (12.4). Die starke Zerstörung macht die Rekonstruktion genauer Aufstellungsorte unmöglich. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß der Großteil der Statuen in zwei Statuenhäusern untergebracht waren, die der Mastaba vorgelagert sind. Andere sinnvolle Aufstellungsorte für


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Statuen sind in dem veröffentlichten Grundriß nicht zu erkennen; einen im Mastabamassiv gelegenen Serdab scheint es nicht zu geben. Die Statuenhäuser begrenzen im Norden und im Süden einen Hof, in dessen Zentrum sich eine Scheintür-Kultstelle an der Mastabafront befindet. Diese Scheintür-Kultstelle entspricht der südlichen Scheintür-Kultstelle von kleineren Anlagen, denn nördlich davon, vom nördlichen Statuenhaus praktisch verdeckt, gibt es eine weitere Scheintür (= Nord-Kultstelle).

Die Statuenhäuser haben ihren Zugang je von Osten; im Inneren befindet sich eine Querhalle mit Kommunikationsschlitzen zu je vier langestreckten Räumen. Das Betreten dieser Statuenräume war nach dem Verschluß nicht mehr möglich. Bemerkenswert ist, daß der Zugang zu den Statuenhäusern von Osten erfolgt, die Räume aber so angeordnet sind, daß man eine Aufstellung der Statuen Seite an Seite mit Blick nach Norden bzw. Süden erwarten sollte, also quer zur Ost-West-Achse und damit der Aufstellung bei xa-mrr-nb.tj und mr=s-anx (?) analog.

1.2. Eine der des bA-bA=f vergleichbare Anlage ist sonst auf den Residenzfriedhöfen nicht gefunden worden; es handelt sich hierbei also um eine jener individuell geprägten Varianten, wie es etwa für die Anlage des Hm-jwnw aus der Periode III auch zutrifft. Die klare Trennung von Grablege (Mastaba) und Kultstelle (Hof und Statuenhäuser) ist ebenfalls Periode III verpflichtet. Die Deponierung eines umfangreichen und typologisch vielgestaltiger Ensembles in den Statuenhäusern stellt ein Bindeglied zwischen Bräuchen der Periode III.c und IV.a dar.

2. Die Anlage des ra-wr

2.1. Die Anlage des bA-bA=f präsentiert ein sehr einheitliches Bild und stammt wohl aus einer in sich geschlossenen Planungs- und Bauphase. Wesentlich komplizierter ist hingegen die Anlage des ra-wr gestaltet. Die endgültige Form der Kapellenanlage, die eine ganze Friedhofstraße des Central Field verbaut, ist das Resultat mehrerer Bauphasen, die hier nicht untersucht werden können. Besonderheiten der Gestaltung sind wohl auf Platzprobleme beim Ausbau der Anlage zurückzuführen; im Endeffekt stellte die ra-wr-Anlage aber ohne Frage einen der bemerkenswertertesten und ambitioniertesten Kultkomplexe des ganzen Giza-Friedhofes dar (12.5; 12.6).

2.2. Im vorliegenden letzten Baustadium umfaßt die Anlage zwei Bereiche: den eigentlichen Grabkomplex im Süden und einen größeren, nahezu tempelartigen Kultkomplex im Norden. Im südlichen Komplex lassen sich Elemente erkennen, die auch in anderen Großanlagen der frühen Periode IV auftreten: ein Kultraum im Felsmassiv, der aber um mehrere Etappen "gestreckt" wurde, mit einer Nische im Westen, die eventuell für eine Scheintür vorgesehen war (wenn man nicht, in Tradition der Periode III, eine Statue im West-Serdab als Kultziel annimmt<540>). Vor diesem


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Bereich liegt ein Hof mit mehreren Gebäuden, insbesondere aber ein Kultbereich im Süden, der über eine große Statuennische (N.20) und einen Serdab (S.23) verfügt. Der Bereich entspricht etwa dem Statuenhaus im Süden bei xa-mrr-nb.tj und in der Anlage des wp-m-nfr.t. Diesem südlichen Kultbereich gegenüber ist im Norden eine Schreinfigur aufgestellt (N.19). Es liegt hier eine gewisse Ähnlichkeit zu den zwei gegenüberliegenden Statuenräumen der xa-mrr-nb.tj vor, die ebenfalls vor dem Zugang zum Scheintür-Raum liegen.

Der eigentümliche nördliche Kultkomplex ist von der südlichen Anlage durch einen Hof ("open court") mit einer Art Pfeilerportikus getrennt. M. E. wiederholt dieser Komplex in seiner südlichen Hälfte in monumentalisierter Weise den nördlich vom Zugang zur Felskapelle liegenden Bereich um die Nische N.19: der Portikus und der folgende "Principal Serdab" genannte Kultraum liegen in dessen Verlängerung und wiederholen den dort aufgestellten Schrein. Es schließt sich eine lange "sloping passage" nach Norden an, die eine Scheintür-Installation (zwischen S.6 und S.7) und eine Schreinfigur passiert (N.7). Ganz im Norden, mit einem separaten Zugang, liegt eine große Kultstelle ("offering hall"), die möglicherweise kollektiven Charakter hatte (siehe Kap. 18.3.4.2.).

2.3. Die Anlage war mit einer Unmenge von Statuen ausgerüstet. Ein großer Teil davon war in den ca. 25 Serdaben aufgestellt, die S. Hassan verzeichnet. Die Serdabe besaßen in der Regel recht große Schlitze bzw. Sichtfenster; bei Serdab S.5 in der nördlichen Kultanlage war ein Podest so vor dem Serdab gemauert, daß ein bequemes Betrachten der Statuen möglich war. Daneben gab es etwa 20 Nischen, in denen Statuen offen bzw. in Schreinen aufgestellt waren.

Leider ist das Ensemble des ra-wr so fragmentarisch erhalten, daß nur in einigen Fällen Bezüge zwischen Statuentyp und Aufstellungsort hergestellt werden können. Bei der Besprechung der Standfigur mit Vorbauschurz wurde bereits auf die Statue (12.5.6:) verwiesen, die in der Nische N.7 der nördlichen Kultanlage aufgestellt war und m.E. die besondere Funktion einer "äußeren Schreinfigur" besitzt. Auf diese und auch die postulierte "innere Schreinfigur" (12.5.9:) in der Kapelle des "principal serdab" wird in Kap. 18.3. noch eingegangen. Ein Fragment einer Standfigur aus Kalzitalabaster (12.5.3:) läßt sich der Statuennischen N.3 in der "offering hall" zuweisen. Vor dem im hinteren Raumteil der "offering hall" stehenden Untersatz fand Hassan die Dreier-Pseudo-Gruppe (12.5.4:; siehe Kap. 10). Die Serdabe enthielten Fragmente, wohl vor allem von Sitzfiguren. Im Serdab nördlich vom Zugang zum Scheintürraum befand sich die Basis der großen Gruppenfigur des ra-wr (12.5.19:; siehe Kap. 9.2.5.). Zu den von Hassan gefundenen Objekten sind noch eine Anzahl schon am Ende des 19. Jahrhunderts ausgegrabener und z.T. in das Kairoer Museum gelangter Stücke zu zählen (12.6).

2.4. An der Anlage des ra-wr läßt sich eine geradezu zwanghaftes Bedürfnis beobachten, an jedem Platz der Anlage Rundbilder des Grabherrn aufzustellen. Besonders im Bereich von Zu- und Durchgängen befinden sich oft symmetrisch angeordnete Serdabe, gelegentlich mit mehreren Kommunikationsschlitzen. Bei der Menge der die Durchgänge flankierenden Serdabe kann angenommen werden, daß hier die Anwesenheit des Grabherrn in einer Weise affirmiert werden


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soll, wie es sonst über Flachbilder an solchen Zugangsbereichen geschah. So war selbst die Scheintür im nördlichen Kultbereich von zwei Serdaben (S.6 + S.7) flankiert, was den Bildern der heraustretenden Grabherrn an Scheintürpfosten entspricht. Diese Serdabe hatten, im Gegensatz zur üblichen Praxis, senkrechte Schlitze und im Inneren einen erhöhten Podest<541>. Der senkrechte Schlitz nimmt wohl ein Element der Scheintür - die schlitzförmige "Öffnung" - auf, der Podest eventuell den Aspekt der Treppe oder Erhöhung, der im Bereich der Nord-Kultstelle häufig auftritt (s.u.). Gelegentlich sind auch symmetrische Nischen belegt, die für eine offene Plazierung von Statuen an Durchgangsbereichen sprechen (N.15 + N.16). Dieses regelmäßig in der Anlage belegte und so nur bei ra-wr auftretende Phänomen ist als Besonderheit zu sehen, als eine Aktivierung des Mediums Statue, die über das habituell übliche Maß der funerären Praxis der Residenz hinausgeht. Von diesen "illustrierenden" Serdaben, deren Inhalt man als "rundplastische Dekoration" ansehen kann, sind aber Statuen in solchen Serdaben zu unterscheiden, die auch in anderen Kultanlagen mit bestimmten Funktionen auftreten, so insbesondere im Bereich des südlichen Komplexes der große Serdab S.23 neben Nische N.20, der in seiner Position den oben besprochenen Süd-Statuenräumen der Felsgräber entspricht.

Die Funktion der Statuen in den offenen Nischen ist sicher im Zusammenhang mit an ihnen zu vollziehenden Zeremonien zu sehen. Diese Nischenstatuen treten nicht, wie die "illustrierenden" Serdabe an beliebigen Plätzen auf, sondern markieren in beiden Komplexen je Kultstellen mit bestimmten Richtungsbezügen (im Nordteil: N.7 und "principal serdab"; im Südteil: N.19 und N.20). Dazu kommt eine große leere Statuennische (N.1) ganz im Norden der Anlage und eine weitere ganz im Osten (N.14). Offen oder in Nischen aufgestellt waren die Statuen in der "offering hall".

2.5. Eine Zuschreibung von bestimmten Statuentypen zu den drei Kategorien offene (Kult-)Nische, Serdab mit Kultbezug und "illustrierender" Serdab ist problematisch. Man muß wohl davon ausgehen, daß Sitz- und Standfiguren in jedem Serdab untergebracht sein konnten. Bemerkenswert ist die große Anzahl von Fragmenten, die auf lebensgroße oder annähernd lebensgroße Statuen deuten. Im Gegensatz zu den vielen Fragmenten von traditionellen Stand- und Sitzfiguren sind die neuen Typen der Periode IV aber nur selten belegt: eine Standfigur mit Vorbauschurz (12.5.6:) in Nische N.7, die Gruppenfigur (12.5.19:) in Serdab S.18 und die Pseudo-Gruppe (12.5.4:) in der "offering hall". Die Schreiberfigur fehlt bemerkenswerter Weise. Auch dieser Befund ist sehr unsicher, kann aber darauf verweisen, daß diese Statuentypen für besondere Funktionen an bestimmten Orten genutzt wurden, während beim gros der vervielfältigten Statuen auf die traditionellen Typen Stand- und Sitzfigur zurückgegriffen wurde.

3. Die Anlagen der sSm-nfr-Familie


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Im Vergleich zur ra-wr-Anlage sind die des sSm-nfr II. (12.7) und die fast baugleiche Anlage sSm-nfr III. äußerst bescheiden. Sie sollen aber abschließend zu den Großanlagen der frühen Periode IV besprochen werden, da in ihnen die wesentlichen Kultbereiche in sehr viel einfacherer und klarerer Form vorliegen, strukturell aber denen der Großanlagen vergleichbar sind. Vor der Ostfassade der Mastaba befindet sich ein hofartiger Gang mit einer kleinen nördlichen Kultstelle<542>. Die südliche Scheintür-Kultstelle befindet sich in einem in das Mastabainnere verlegten Scheintürraum (NS:L:2). Vor dem Zugang zum Scheintürraum befindet sich ein Portikus, in dessen Süden sich ein begehbareres Statuenhaus befindet. Die Statuen im Statuenhaus befinden sich in unzugänglichen Kammern mit Schlitzen, symbolisch sind bei sSm-nfr II. entlang der Mauern aber Türen im Süden und eine Prunkscheintürgliederung im Norden im Relief angebracht<543>. Varianten dieses Kapellentyps mit einem südlich gelegenen Statuenhaus oder Statuenraum sind auf dem Giza-Friedhof recht häufig, so daß man von einem Standard sprechen kann, der bei der mittleren Residenzebene recht beliebt war (*Abb. 63). Die Größe des Statuenhauses bei sSm-nfr und die gefundenen Fragmente von Statuen zeigen, daß diese Statuenhäuser substantielle Ensembles enthalten konnten.

13.1.2 Großanlagen der hohen 5. bis frühen 6. Dynastie in Abusir und Saqqara

1. Der Statuenbestand der großen Grabanlagen des hohen und späten AR ist offensichtlich besonders stark der Zerstörung anheimgefallen. So besitzen wir nur wenige Statuen oder Statuenfragmente aus den großartigen Anlagen des Tjj, des mrr.w-kA oder kA-gm.n. Es deutet sich darin aber auch an, daß der Höhepunkt extensiver Statuennutzung in der frühen Periode IV lag, während man ab der Mitte der 5. Dynastie andere Formen des kulturellen Ausdrucks bevorzugte. Die Anlage des bA-bA=f aus der Periode IV.a besaß zwar zwei gigantische Statuenhäuser, aber offensichtlich kaum Flachbildekoration; die Anlage des ra-wr war mit Reliefs dekoriert, gerade die vielen "illustrierenden" Serdabe an den Durchgängen bezeugen aber eine deutliche Bevorzugung des Rundbildes. Demgegenüber sind die großen Grabanlagen der späten 5. und frühen 6. Dynastie überreich mit Flachbildern dekoriert, während die Anzahl der Statuenräume deutlich zurückgeht.

2. Die Anlage des Tjj

Die Anlage des Tjj in Saqqara steht in der Tradition eines Grabtyps, der in Saqqara in Periode IV.b


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häufig auftritt (12.8)<544>. Im Osten eines großen Mastabamassivs sind zwei Kultplätze angeordnet: im Süden die Hauptkultstelle, die als eine tiefe und breite Nische mit zwei Scheintüren angelegt ist (OW:2) und ein davorliegender Korridor, in dem sich eine oder mehrere weitere Kultstellen im Norden befinden. Bei Tjj sind diese Kultstellen der Gattin (21) und dem Sohn des Grabherrn (8) gewidmet. Neu ist die Erweiterung der "äußeren" Kultanlage in Form eines großen Pfeilerhofes im Nordteil der Anlage. In diesem Hof befindet sich der Zugang zum Schacht zur Sargkammer. Der Schachtzugang korresponiert mit dem nördlichen, "äußeren" Kultbereich, während die Sargkammer selbst sich direkt unterhalb der "inneren", südlichen Kultstelle befindet.

Die Anlage besitzt zwei, jeweils auf einen der beiden Kultbereiche bezogene Serdabe. Ein Serdab liegt im Süden des Scheintürraumes. Hier wurde neben den Fragmenten von ca. 20 nicht weiter klassifizierten Statuen angeblich die große Standfigur des Tjj im Vorbauschurz (12.8.1:) gefunden. Ein zweiter Serdab liegt in der Nordwand des Pfeilerhofes, mit Kommunikationsschlitzen zum Hof und zum Zugangsportikus.

3. Die Anlage des ptH-Spss

3.1. Die große Mastaba des ptH-Spss in Abusir stellt einen Übergangstyp zwischen den Anlagen des ra-wr und Tjj aus der späten 4. / frühen 5. Dynastie und den Großanlagen der 6. Dynastie dar (12.9). Mit der Anlage des ra-wr und Tjj hat sie die Trennung in zwei kultische Bereiche gemeinsam, mit den jüngeren Anlagen verbindet sie die Integration dieser Bereiche in eine rechteckige Gesamtanlage. Die zwei Komplexe sind auch hier klar erkennbar: ein Kultkomplex um einen Pfeilerhof im Osten mit Zugang von Nordosten, und ein zweiter Komplex mit Scheintür-Kultstelle, Bestattungsanlage und Beigabendepot (Bootsgruben) - die eigentliche Mastaba - im Westen davon<545>.

Ein Trakt (I-III), der der "offering hall" des nördlichen Teils der ra-wr-Anlage vergleichbar ist, liegt wie dort dem Zugang direkt gegenüber. In der Achse des Traktes befinden sich drei Schreine für wohl lebens- oder überlebensgroße Statuen des Grabherrn. Statuenbasen an den Seiten des mittleren Raumes (II) zeigen Aufstellungsplätze freistehender Statuen an, die mit den die Zugänge flankierenden Serdaben des ra-wr verglichen werden können. Im Hof befindet sich im Zusammenhang mit dem inneren Portikus (A) bei (B) ein großer Statuenraum und an der südlichen Hofseite bei (C) ein weiterer.

Die westlich gelegene Kultanlage ist stark zerstört. Es gab aber im Süden einen Scheintürraum (OW), sowie im Norden die bemerkenswerter Weise ebenso gestaltete nördliche Kultstelle. Im Korridor zur nördlichen Kultstelle befindet sich der Zugang zur Sargkammer und ein Serdab.


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Südlich der beiden Scheintürräume gab es eine zum Mastabadach führende Treppe.

3.2. Die gefundenen Statuenfragmente erlauben keine Rekonstruktion des Ensembles und seiner Aufstellungsorte. Bemerkenswert ist die durch Fragmente angezeigte Existenz von Gruppenfiguren, die in der Art von Hochreliefs mit gemeinsamen Rückenpfeilern gestaltet waren (12.9.3:, 14:, 15:). Anhand des Grundrisses lassen sich einige Orte der Statuenaufstellung aber relativ sicher ausmachen: Drei freistehende Statuen in eventuell verschließbaren Schreinen gab es in der Kultanlage am Zugang in Raum (III). Um den Hof liegen drei Räume, in denen Statuen aufgestellt gewesen sein können: Raum (B) im Osten, Raum (C) im Süden und der Eingangsraum (D) zur Scheintür-Kultstelle im Westen. Außerdem sind Statuen in dem einzigen verschlossenen Serdab im Bereich von Korridor und Bestattungsanlage zu erwarten. Im Gegensatz zu diesem verschlossenen Serdab im Westen gibt es im "äußeren" Bereich des ptH-Spss nur Räume zur Aufstellung von freistehenden Statuen, die in Schreinen an allen vier Seiten des Hofes aufgestellt waren<546>. Der große Statuenkultplatz am Zugang, der auch bei ra-wr vorhanden ist, tritt in dieser Form in jüngeren Anlagen nicht mehr auf<547>.

4. Weitere Anlagen

4.1. Nur wenige Installationen verweisen auf die Nutzung von Statuen in den folgenden großen Anlagen, wie denen der ptH-Htp / Ax.t-Htp-Familie in Saqqara-West <548>, denen im Unas-<549> und Teti-Friedhof <550>. Die Anlagen zeigen gewöhnlich eine klare Zweiteilung in einen "äußeren" Bereich mit Pfeilerhof, in dessen Umgebung sich auch der Zugang zur Sargkammer bzw. eine Teppe zum Mastabadach befindet, und einen "inneren" Bereich mit der Scheintür-Kultstelle. Die Anlagen folgen offensichtlich einer gemeinsamen Struktur, jedoch sind die konkreten Lösungen, dem hohen sozialen Rang der jeweiligen Grabherren angemessen, in unterschiedlicher Weise umgesetzt worden.

4.2. Wenn auch die Menge der Statuen seit der späten 5. Dynastie zurück geht, so haben sich einige Plätze herausgebildet, an denen die Aufstellung von Statuen in Großanlagen üblich war. Verschlossene Statuenräume (Serdabe) treten gewöhnlich einmal im Bereich des Pfeilerhofes bzw. in der Umgebung der Nord-Kultstelle auf, zum zweiten südlich der Süd-Kultstelle. Man legte


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also Wert darauf, rundplastische Abbildungen an beiden wesentlichen Kultplätzen, dem "inneren" wie dem "äußeren" zu deponieren.

Keines der Ensemble der erwähnten Anlagen ist so erhalten, daß eine genauere Analyse des Bestandes dieser Depots möglich wäre. Auch für die z.T. recht großen Statuenensembles, die A. Mariette in Saqqara gefunden hat, läßt sich die Aufstellung und selbst die genaue Zusammensetzung kaum zufriedenstellend rekonstruieren. Zwei Belege seien als Beispiele hier angeführt. Das Ensemble des nn-xf.t-kA (12.14) wurde offenbar in einem Serdab im Süden des Scheintürraumes einer Anlage aus der ersten Hälfte der 5. Dynastie gefunden. Die Zuschreibung der einzelnen Statuen ist nicht gesichert, da Mariette nur zwei Statuen erwähnt, L. Borchardt aber vierzehn auflistet. Es handelt sich dabei um ca. sieben Sitzfiguren, nur eine Standfigur und zwei Schreiberfiguren des Grabherrn. Dazu kommen eine Gruppenfigur des vor allem in Saqqara belegten Typ III (12.14.4:) und drei Dienerfiguren, die beschriftet sind. Aufgrund der Angabe von Mariette ist nicht auszuschließen, daß einige der Statuen außerhalb des Serdab bzw. in einem zweiten Serdab aufgestellt waren. Insgesamt belegt das Ensemble die typischen Serdabstatuen der Periode IV.

Für das Ensemble, das in einem großen und offensichtlich begehbaren Statuenraum im Süden des Pfeilerhofes der Anlage des jttj (12.15) gefunden wurde, hat Mariette nur eine kurze Beschreibung gegeben. Danach enthielt der Statuenraum nicht nur zwei Kalksteinstatuen des Grabherrn - eine Sitz- und eine Standfigur<551> -, sondern daneben eine große Anzahl hölzerner Statuen, Dienerfiguren, Bootsmodelle und Beigabenmodelle. Besonders das Auftreten der Boots- und Beigabenmodelle sind Merkmale, die für den Statuenbestand erst der Übergangszeit zu Periode V charakteristisch sind.

13.1.3 Zusammenfassung

1. In der frühen Periode IV funerärer Praxis haben sich in Giza Typen funerärer Anlagen der Elite herausgebildet, die die beiden wesentlichen Elemente der Kultanlage seit Periode II - "innere" Scheintür-Kultstelle sowie "äußerer" Kultbereich - in neuer Weise realisieren. Schwerpunkt der Entwicklung war dabei der "äußere" Kultbereich, der zugleich jener Ort ist, in dem Statuen in größerem Umfang Verwendung fanden. Die Lösungen wurden oft erst über mehrere Bauperioden realisiert (xa-mrr-nb.tj; 12.2; ra-wr, 12.5) und sind teilweise äußerst individuell gestaltet (bA-bA=f, 12.4). Davon ausgehend bilden sich aber gewisse Standards sowohl im Typ des Felsgrabes (wp-m-nfr.t, 12.3) und besonders des Mastabagrabes (sSm-nfr-Familie, 12.7) heraus, die von


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Angehörigen der mittleren Residenzschicht im weiteren Verlauf der Periode IV übernommen und tradiert werden. Merkmale dieser Anlagen sind die im Mastabamassiv liegende südliche Scheintür-Kultstelle in Form eines Scheintürraumes, die nur sehr sparsam ausgestattete nördliche Kultstelle an der Mastabafront und der besonders aufwendig gestaltete "äußere" Kapellenteil. Er besteht oft aus einer Eingangssituation - auch als Portikus oder Pfeilerraum gestaltet - und einem tendenziell südlich gelegenen Statuenraum. Diese Statuenhäuser enthalten größere Ensembles, in denen verschiedene Statuentypen auftreten und vervielfältigt werden. Die Statuenhäuser sind meist vermauert (Serdabe). In diesen Statuendepots sind die Statuen gewöhnlich in Nord-Süd-Richtung aufgestellt, also quer zur Kultrichtung an der Scheintür. Einzelne Statuen werden von diesen Ensembles separiert aufgestellt, meist in Schreinen.

2. Einen letzten Höhepunkt erlebte die Statuenverwendung in der großen Mastaba des ptH-Spss in Abusir, deren Aufbau Elemente der Perioden IV.a und IV.b aufnimmt und solche der Periode IV.c ausprägt (12.9). Die ganze Anlage ist zu einem großen, mastabaähnlichen Rechteck zusammengefaßt, das in sich die genannten Kultbereiche aufnimmt. Am Zugang befindet sich ein besonderer Kultbereich mit drei Statuenschreinen. Es folgt ein großer Pfeilerhof, der den "äußeren" Kultbereich in neuer Weise umsetzt und so in der folgenden Periode bei Großanlagen formalisiert wird. Im Hof sind mehrere Kultstellen für Statuen angeordnet. Der Bereich der "inneren" Scheintürkapelle ist erweitert und mit einem Serdab ausgestattet. Die nördliche Kultstelle ist hier in diesen, den Nukleus einer Mastaba bildenden Bereich integriert. Mit ihr ist ein Korridor mit dem Grabzugang in Art eines Schrägschachtes verbunden.

3. Die Großanlagen aus der Übergangszeit von 5. zu 6. Dynastie (ptH-Htp / Ax.t-Htp-Komplex, Unas-Friedhof, Teti-Friedhof) entwickeln dieses Muster weiter. Als ein nun regelmäßig zu beobachtendes Element tritt eine vom "äußeren" Kultbereich zum Mastabadach führende Treppe auf, die als ein Merkmal der Perioden IV.c und V.a der funerären Praxis der Residenz gewertet werden soll. Auf die Mastaba führenden Rampen sind schon seit der frühen Periode IV belegt<552> und gehe wohl auf Hilfskonstruktionen für die Bestattung zurück. In der Periode V.a ist die Treppe ein konstituierender Teile der Kultanlage von Großanlagen, deren Grabschacht vom Mastabadach aus zugänglich ist. Die Art der Aufstellung der mrr.w-kA-Statue (12.13) oberhalb einer kurzen Treppe, die selbst in Parallele zum Treppenaufgang (II) im Komplex B der Frau des mrr.w-kA liegt, deutet an, daß diese Treppen auch mit dem Statuenkult zu verbinden sind.

4. In der frühen Periode IV in Giza zeigt sich bei Großanlagen ein deutliches Übergewicht der Statuenverwendung im "äußeren" Bereich der Kultanlage, unabhängig von der Scheintür. Der in Periode III in Giza auftretende West-Serdab bzw. der weniger spezifische Scheintür-Serdab ist in keiner der besprochenen Großanlagen vorhanden und wird nur in kleineren Anlagen in Giza noch tradiert (s.u.).


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In den Großanlagen von Abusir und Giza seit der 5. Dynastie gibt es gewöhnlich zwei Serdabe. Man empfand offensichtlich die Notwendigkeit der Deponierung von Statuen auch im Bereich der "inneren" Scheintür-Kultstelle, die dort entweder im Bereich eines Korridors (ptH-Spss) oder südlich des Scheintür-Raumes (Tjj) untergebracht wurden. Ein weiteres Depot befindet sich oft im Bereich der Höfe bzw. Hallen.

In diesen Serdaben sind Ensembles zu erwarten, die verschiedene Aspekte des Toten in rundplastischen Abbildern dauerhaft affirmieren, also alle bekannten Statuentypen und vervielfältigte Stand- und Sitzfiguren. Vor allem in Depots im Bereich der Höfe sind auch Dienerfiguren und - ab Periode V - Schiffsmodelle möglich.

5. Aus den in den vorangegangenen Perioden II und III unabhängig von der Scheintür aufgestellten Statuen entwickelte man solche Statuen, die in fest installierten Schreinen an bestimmten Plätzen des "äußeren" Kultbereiches aufgestellt waren. In den meisten Fällen sind nur die entsprechenden Schreine erhalten. Diese befinden sich bei ra-wr noch in verschiedenen Bereichen der Anlage verteilt; seit der Herausbildung geschlossener Großanlagen treten sie im Zugangsbereich und den Höfen auf. Auch in den Höfen befinden sich die Schreine meist dem Zugang gegenüber (Ax.t-Htp, mrr.w-kA). Im Bereich der südlichen Scheintürkultstelle, dem "inneren" Bereich, sind keine solchen Schreine belegt. Die wenigen Belege für Figuren in Schreinen werden in Kap. 18.3. noch diskutiert.

6. Die Vervielfältigung von Statuen ist in Periode IV nur bei Statuen in geschlossenen Statuenräumen (Statuenhaus / Serdab) gebräuchlich. Ausnahmen stellen die offen aufgestellte Dreier-Pseudo-Gruppe des ra-wr (12.5.4:) und die für drei Statuen (den Pfosteninschriften nach derselben Person) bestimmten Schreine bei ptH-Spss dar.

13.2 Statuen in Kleinanlagen der späten 4. Dynastie und der 5. Dynastie im Bereich Giza NW und Giza SO (Berufsfriedhöfe) (Tab. 13)

1. Die Großanlagen der eigentlichen Residenzelite bieten durch ihre weitläufige Raumsequenz gute Möglichkeiten, kultisch relevante Bereiche voneinander zu unterscheiden. Zugleich sind diese Anlagen aber oft auch äußerst individuelle Lösungen, so daß Verallgemeinerungen und Rückschlüsse auf allgemein übliche Kultpraktiken nicht ohne weiteres getroffen werden können. Deshalb wird der Betrachtung der Großanlagen im folgenden die Betrachtung einer Reihe von Gräbern in Friedhöfen der unteren Residenzschichten gegenübergestellt. In ihnen waren zur Gruppe der dependent specialist zu zählende Individuen und ihre Familien bestattet. Es handelt sich um Personen, deren soziale Existenz auf das engste an Institutionen der Residenz gebunden war, wobei die jeweilige Institution meist nicht der Haushalt einer Eliteperson war, sondern eine Organisation im Zusammenhang mit einer königlichen Einrichtung. Dependents, die einem Elitehaushalt angehörten, wurden eher im Bereich der Grabanlage des Oberherrn bestattet, zu


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dem sie auf diese Weise eine Beziehung herstellen; die Angestellten der Institution "Residenz" - dem königlichen Wirkungsbereich an sich - nutzten Bestattungsplätze, die formal dem Kriterium eines Berufsfriedhofes genügen und wohl in Bezug zur königlichen Grabanlage positioniert sind.

2. Die Friedhöfe der dependent specialists der Residenz in Giza befinden sich am nordwestlichen und südöstlichen Rand der Friedhöfe der Elite. Es lassen sich gewisse Berufsgruppen voneinander unterscheiden, deren soziale Position untereinander ebenfalls verschieden war; so der Friedhof der Bauhandwerker im Südosten (Giza GSE) und der von Angestellten der königlichen Haushaltung in Norden (snb-Friedhof). Jede Grabanlage eines Friedhofes hat die Tendenz, sich zu einer Familienanlage auszudehnen.

Wenn die Anlagen in der Regel auch schlicht gestaltet sind und abgesehen von der Scheintür fast nie Dekorationen im Flachbild besitzen, so sind sie doch als formale Anlagen ausgewiesen, die die wesentlichen Komponenten einer funerären Anlage der Residenz des AR aufweisen: den Grabbau (Mastaba) mit der Bestattungsanlage (Schacht und Bestattungsraum, nicht zwangsläufig mit einem Sarg ausgestattet) und einen Kultplatz mit Scheintür(en). Die Scheintüren stellen die "Schnittstelle" zwischen dem in sich geschlossenen Grabbau und dem offenen, mit Zugängen versehenen und "in Richtung" der Lebenden (= Osten) liegenden Kultplatz dar. Der Kultplatz schließt einen gewissen Raum im Osten des Grabbaues ein, der als eine kleine, meist nicht überdachte Kapelle gestaltet sein kann. Es überwiegt dabei die Form einer einfachen Korriodkapelle<553>.

3. Häufig sind Statuenräume und auch Statuenreste in diesen Anlagen zu beobachten, so daß postuliert werden kann, daß neben der mehr oder weniger aufwendig gestalteten Scheintür ein oder mehrere Rundbilder zur obligaten Ausstattung der Kultanlage einer funerären Anlage der dependents der Residenz in Periode IV gehören. Die in der Belegliste Tab. 13 verzeichneten Beispiele werden im folgenden kurz besprochen, um eine Vorstellung davon zu gewinnen, an welchen Plätzen Statuen gefunden wurden. Belege für Serdabe, in denen keinerlei Statuenreste gefunden wurden, sind nicht aufgenommen. Es wurden nicht alle der sozial unteren Ebene zuzuschreibende Friedhofsareale einbezogen, sondern einige räumlich und zeitlich verschiedene Beispiele ausgewählt, um eine zu starke Beeinflussung des Bildes durch etwaige lokale oder Familientraditionen zu vermeiden.

13.2.1 snb-Friedhof

1. Die Anlage des snb

1.1. Um die Anlage des Zwerges snb gruppiert sich ein Friedhof, der nach den Untersuchungen


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von N. Cherpion in die zweite Hälfte der 4. Dynastie zu datieren ist<554>. Die Anlage des snb ist für eine Person seines Standes ungewöhnlich groß und reich ausgestattet, was als Indiz einer individuell herausragenden Rolle des Grabherrn gedeutet werden kann (13.1). Im Mastabamassiv befinden sich zwei Serdabe, jeweils in Bezug zu einer Scheintür. Im Gegensatz zu den "echten" West-Serdaben der Periode III liegen die Serdabe aber nicht direkt hinter den Scheintüren, sondern etwas versetzt daneben. Durch einen Schlitz waren Serdab und Scheintür-Kultstelle verbunden.

In dem im Bezug zur südlichen Scheintür stehenden Serdab wurden Reste einer männlichen Standfigur aus Holz gefunden. Im Bezug zur nördlichen Scheintür steht der Serdab, in dem die berühmte Gruppensitzfigur des Grabherrn mit Frau und zwei Kindern gefunden wurde. Bemerkenswert ist die Deponierung jeder der Statuen in einer Kalksteinkiste mit Sehschlitzen. Außerdem befanden sich in jeder Kiste Miniaturen einer Opferausrüstung (Tisch, Geschirr) und eventuell der Ausrüstung zur Mundöffnung (Steingeräte?). Die Deponierung von Serdabstatuen in separaten Kisten ist bisher nicht wieder belegt<555>; kleinere Beigaben wie Tisch und Räuchergefäß treten gelegentlich auf (s.u.), aber keine so vollständigen sets von Scheingeräten. M. E. besteht eine enge Beziehung zwischen der Deponierung bei snb und der eigentlichen Bestattung, für die ein eigenes Behältnis (Sarg) und vor allem die Ausstattung mit Scheinbeigaben und Werkzeugen für eine Mundöffnung üblich ist<556>. Daß man die Statuen im Mastabamassiv in einer solchen Weise "bestattete", zeigt Anklänge an die Periode III mit der in dieser Periode charakteristischen engen Beziehung von Leiche und rundplastischem Abbild. Die Statuen im Serdab bilden den in der Mastaba bestatteten Grabherrn ab, werden wie dieser im Moment der Deponierung behandelt und parallel zu ihm beim Kult an der Scheintür in die Kulthandlungen einbezogen.

Deratige Scheintür-Serdabe enthalten in der Regel, wie hier, nur eine Statue (Einzel- oder Gruppenfigur). Es sind also keine Statuendepots im Sinne der oben bei den Elitegräbern besprochenen Ensemble-Serdabe, die der Affirmation mehrerer Aspekte dienen, sondern den Statuen der West-Serdabe in Periode III zu vergleichen, die ein eigenes Kultziel sind.

1.2. Ein weiterer Statuenraum befindet sich bei snb südlich des "Kult-Raumes". Das Depot war zerstört und H. Junker fand nur Fragmente einer Statuenbasis sowie einer Kalksteinkiste. Der Statuenraum war verschlossen, besaß aber einen Schlitz nach Osten. Die Position des Schlitzes ist interessant, denn über ihn wird der Raum nicht nur mit dem Kult an der Scheintür, sondern auch mit dem im südöstlichen Vorbau der Kapelle verbunden. Dieser Vorbau wurde etwas später angebaut, der Schlitz bezog sich ursprünglich also nur auf den "Ort" südöstlich vom Scheintürraum, der erst nachträglich auch baulich gestaltet wurde. Der Vorbau besteht neben dem


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Verbindungsgang, zu dem sich der Statuenraum öffnet, und einem Nebenraum vor allem aus einem quadratischen Kuppelraum und einem Vorraum zu diesem Kuppelraum. Der Kuppelraum ist in dieser Weise einmalig und schwer mit anderen Belegen vergleichbar. Der Vorraum hingegen hat eine charakteristische Nische an der Ostseite, die in einfachen Korridorkapellen im Südosten häufig auftritt<557>. In den nahegelegenen Anlagen des mmj und von Schacht S 2530/2531 ist diese Nische überwölbt, was einen Bezug zum Kuppelraum des snb möglich macht<558>. Die Korridorkapellen dieses Typs sind selten mit Flachbildern dekoriert, die einen Hinweis auf die Funktion dieser Nische geben könnten. Nur im Felsgrab des nfr und kA-HA am Unas-Aufweg in Saqqara ist die Rückwand einer vergleichbaren Nische mit Reliefs dekoriert, die neben der Haltung von Ziegen und Rindern und dem Schlachten von Geflügel das Bauen eines Bootes, Holzeinschlag und die Fertigung des Sarges, eines Bettes und eines Baldachinpfostens zeigen<559>. M.E. kann diese Nische mit der Aufbewahrung eines Teils der Ausrüstung für das Festritual in Zusammenhang gebracht werden, namentlich mit Stuhl, Bett und Baldachin. Dieses Ritual hat einen starken Bezug zum "Diesseits", im Gegensatz zum "jenseitigen" Bezug des Kultes an den Scheintüren, insbesondere der südlichen Scheintür, der die Existenz des Grabherrn im Grab sichert. Der Bezug der "äußeren" Räume der snb-Kapelle ist daher in Zusammenhang mit Kulthandlungen zu sehen, die nicht die an der Scheintür sind. Ebenso stellt der Serdab im Süden, der sich nach Osten in diesen Bereich öffnet, einen Bezug zu solchen Kulthandlungen fern der Scheintür her.

2. Weitere Anlagen

2.1. Zwei Statuenfunde aus kleinen Anlagen auf dem snb-Friedhof stammen je aus einem Scheintür-Serdab. Die Sitzfigur der nb.t-pDw wurde hinter der südlichen Scheintür gefunden (13.2), während ein Serdab hinter der nördlichen Scheintür der Anlage von Schacht S 4040 zwei Miniatur-Sitzfiguren enthielt (13.3).

2.2. Dem Typ des Statuenraumes unabhängig von der Scheintür, wie für den dritten Serdab des snb angenommen, entsprechen Funde aus zwei Grabanlagen. In der Mastaba des snfr wurde ein Teil einer Gruppensitzfigur in einem abgeschlossenen Statuenraum im Süden der Korridorkapelle gefunden, den Blick nach Norden gerichtet (13.4). Die eigenartige Abarbeitung der Frauenfigur zur Linken wurde verschieden interpretiert, die Erklärung als Resultat eines auch die juristische


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Institution "Ehe" auflösenden Scheidungsfalles hat einiges für sich<560>. Genau in anderer Richtung war wohl eine Gruppensitzfigur in der Korridorkapelle von S 4419 orientiert, die möglicherweise frei im Norden des Korridors stand (13.5). Der Zugang zur Korridorkapelle befindet sich hier im Süden, nicht wie sonst eher üblich im Norden, was darauf verweist, daß die Position von Statuen, die nicht im Zusammenhang mit der Scheintür stehen, vor allem so gewählt wird, daß sie dem Besucher der Anlage gegenüber plaziert sind.

Ebenfalls bemerkenswert ist die Möglichkeit, daß diese Statue nicht in einem verschlossenen Serdab verwahrt war, sondern frei stand. Auch diese Variante tritt noch gelegentlich auf (s.u.), was wiederum als Indiz gewertet werden kann, daß solche Statuen nicht zwangsläufig vermauert sein müssen, sondern als Kultziel auch offen stehen können. Das unterscheidet sie von Statuen im Scheintür-Serdab, die immer vermauert sind, was wohl einen Bezug zum "Toten im Grabe" herstellt. Dieser Bezug ist bei Scheintür-fernen Aufstellungsorten nicht gegeben. Vermauerung ist hier als ein sekundärer Verschluß anzusehen, nicht als ein Bezug zur Bestattung. Und noch ein Indiz sei festgehalten, das ebenfalls öfter belegt ist: Statuen in Scheintür-fernen Positionen sind häufig wie hier Gruppenfiguren bzw. Ensemble aus mehreren Statuen (die so eine Gruppe konstituieren).

2.3. Da die hochinteressante Anlage des pr-n-anx (13.6) noch nicht publiziert ist, kann eine eingehende Analyse des Befundes nicht angeboten werden. Nicht nur, daß der Grabherr ein Zwerg war, verbindet sein Grabmal mit dem des snb. Auch das Vorhandensein von Scheintür-Serdaben bei jeder der beiden Scheintüren (nur mit weiblichen Figuren?) entspricht dessen Anlage. Die Statue des Grabherrn wurde hingegen in einem Serdab gefunden, der im Norden der Anlage angefügt ist, mit Blick nach Osten. Strukturell würde diese Installation wieder dem dritten Depot bei snb entsprechen, wobei die Nord-Position ungewöhnlich ist und eventuell mit dem Zugang zur Grabanlage korrespondiert.

13.2.2 Minor-Cemetery

1. Auch der sog. Minor Cemetery ist sicher schon an das Ende der 4. Dynastie zu setzen, und nicht erst in die 6. Dynastie, wie Porter-Moss angibt<561>. Für die Betrachtung der Statuenausstattung ist die Anlage G 2093/3093 äußerst interessant, in der ganz verschiedene Möglichkeiten der Statuenaufstellung auftreten, die wohl mit mehreren Belegungsetappen in Zusammenhang stehen (13.7).


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Die Anlage besitzt fünf Schächte im Mastabamassiv, fünf Scheintürschlitze unterschiedlicher Bauweise, eine Korridorkapelle mit der charakteristischen Südost-Nische und Zugang von Norden. Die südlichste Scheintür war zuerst als einfache Ziegel-Nische gebildet und wurde dann für xa-m-xnm.t erweitert und mit einer Scheintür aus Kalkstein (No.5) versehen. Dahinter schuf man Raum für die Deponierung einer hölzernen Figur, wobei deren Typ (männlich oder weiblich, Stand- oder Sitzfigur) unbekannt ist (13.7.1:). Einen Schlitz gab es für diesen Scheintür-Serdab wohl nicht. Zur Rechten der Scheintür fügte man eine sehr ungewöhnliche Nischenstele (No.4) mit einer männlichen Standfigur im Hochrelief ein (13.7.4:). Dieser seltene Statuentyp wird in Kap. 18.4.1. noch besprochen, es kann aber davon ausgegangen werden, daß in dieser Darstellung Scheintür und Statue im Scheintür-Serdab zusammengefallen sind.

Hinter der Südost-Nische wurde ein Statuendepot angelegt, indem man den Zwischenraum zur östlich gelegenen Mastaba verschloß. In dem so entstandenen Raum wurde nur eine männliche Standfigur (No.2) aus Kalkstein gefunden (13.7.2:), die so aufgestellt war, daß sie nach Norden, zum Hof und Kapellenzugang blickte. Sie stellt nicht den in der Nischenstele abgebildeten mddj dar, sondern eine dritte Person. Lage des Statuenraumes und Ausrichtung der Statue verbindet die Installation mit den Aufstellungsorten von Statuen fern der Scheintür, etwa Statuenhäusern von sSm-nfr II.-Typ.

Eine weitere, sehr roh gearbeitet männliche Standfigur wurde neben der nördlichsten Scheintür an der Wand lehnend gefunden (13.7.3:). Gerade diese Statue macht deutlich, daß in kleinen Anlagen rundplastische Abbilder nicht eng auf bestimmte Funktionen und kultische Zusammenhänge festgelegt werden können, sondern äußerst universell konnotiert sind. Die Statue steht wohl in Beziehung zu einer Scheintür - was der funktionalen Zuordnung Scheintür-Serdab entspräche -, sie ist aber auch dem Zugang gegenüber so positioniert, daß das Kriterium Scheintür-ferner Kultzusammenhang, eventuell Diesseits-Bezug ebenfalls erfüllt ist. Die Flexibilität der Statue setzt damit aber nicht die Beobachtung zu tendenziell verschiedenen Orten und Kultbezügen im Statuengebrauch außer Kraft, sie belegt nur, daß einzelne Installationen mehrere Funktionen übernehmen können, siehe auch die Nischenstele des mddj in derselben Anlage, die Scheintür und Scheintür-Serdab samt Statue verbindet.

2. Noch zwei Belege von Statuenfunden aus Scheintür-Serdaben wurden im Minor Cemetery dokumentiert (13.8; 13.9). Beide Serdabe standen nur mittelbar in Beziehung zu Scheintüren und enthielten Holzfiguren. Ebenfalls zwei Holzfiguren - hier konnte noch festgestellt werden, daß es sich um eine männliche Standfigur und eine weibliche Standfigur zu deren Linken handelte - wurden in einem Serdab in G 3035 gefunden, der dem Zugang zur Kapelle gegenüber in der Südwand des Kapellenhofes lag (13.10). Der Serdab besaß einen Schlitz. Die Gruppe der Holzfiguren ist ein Beleg für die "Inszenierung" der Aufstellung von Statuen in Serdaben mit der tendenziell häufige Position der Frau zur Linken des Mannes. In G 3086 gab es im Norden der Korridorkapelle, beim Zugang, ein verschlossenes Statuendepot, das gestört war (13.11). Es


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enthielt Fragmente von Holzfiguren und eine Opfertafel, die wohl im Zuge der Plünderung hierher gelangte. Oberhalb des Depots wurde eine kleine, roh gefertigte Sitzfigur gefunden, die die Arme auf den Oberkörper legt, etwa der Statue der nfr.t aus Medum vergleichbar. Dieser Statuentyp verweißt darauf, daß die meisten Anlagen in diesem Friedhofsteil in das Ende der 4. Dynastie / eventuell noch die frühe 5. Dynastie zu datieren sind und entsprechend den Gepflogenheiten der Periode IV.a funerärer Praxis der Residenz gestaltet wurden.

13.2.3 Fare West Cemetery

1. Die Anlagen dieses Friedhofes sind noch nicht im Grundriß veröffentlicht, so daß die genaue Position der Statuenkammern meist nicht bekannt ist. Dafür sind die Ensemble und ihre Zusammensetzung durch H. F. Lutz und W. S. Smith gut dokumentiert. Die Anlagen sind meist jünger als die der zwei bisher besprochenen Friedhöfe und präsentieren wahrscheinlich die Praxis der mittleren und späten Periode IV, wie sie in Anlagen der unteren Residenzebene gepflegt wurde. Ein sehr großes und gut erhaltenes Ensemble stammt aus G 1039 (13.12). Zwei Statuen, eine männliche Sitzfigur und eine weibliche Sitzfigur, wurden in einem nicht näher bestimmten Serdab gefunden. Sieben weitere Statuen sollen im Korridor gestanden haben, wobei offen bleibt, ob sie frei oder vermauert zu denken sind. Soweit beschriftet, stellen alle Statuen unterschiedliche Personen dar. Neben einer Sitzfigur waren alle anderen Statuen aus dem Korridor Standfiguren: eine Gruppenstandfigur, drei männliche Standfiguren und zwei weibliche Standfiguren. Daß die Scheintür-fernen Orte der Statuenaufstellung häufig Gruppen bzw. Ensembles enthalten, wurde oben schon erwähnt. Festzuhalten ist hier zudem das Übergewicht von Standfiguren, während die beiden im Serdab aufgestellten Statuen Sitzfiguren sind.

2. Ebenfalls nicht bekannt ist die Art der Deponierung der Statuen aus G 1020, G 1214 und G 1314. In G 1020 wurde ein Ensemble aus einer Gruppensitzfigur und einer männlichen Standfigur gefunden, die jeweils verschiedene Personen darstellen (13.13). Die Standfigur war vor der Gruppensitzfigur aufgestellt, was auch in anderen "inszenierten" Ensembles auftritt und wohl auf einen stärker "nach außen" bezogenen Aspekt dieses "aktiven" Statuentyps verweist. Das Ensemble enhielt wohl auch weitere Holzfiguren. Ob das Ensemble aus G 1214 (13.14) aus je einer männlichen und einer weiblichen Sitzfigur - dem Serdab von G 1039 vergleichbar - bestand, oder ob es noch eine weitere männliche Sitzfigur gab, ist unklar, da Lutz und Smith unterschiedliche Angaben machen. Eine Statue des nur seltenen Typs der männlichen Standfigur mit einer kleinen Knabenstandfigur (Typ II.a) wurde in G 1314 gefunden (13.15).

3. Eine der wenigen rundplastischen Darstellungen von Zwergen wurde nach der Beschreibung bei W.S. Smith in einem Serdab in Zusammenhang mit einer Scheintür gefunden (13.16). Der Fundort schließt die Deutung als Dienerfigur aus, da keine weitere Statue dokumentiert ist und


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Dienerfiguren nie in Scheintür-Serdaben auftreten. Es handelt sich hierbei also wohl um das Abbild eines zwergenwüchsigen Grabherrn, den Zwergen snb und pr-n-anx vergleichbar, wenn man nicht annehmen will, die auf die ungewöhnliche Statur deutenden Proportionen seien einfach der geringen Qualität der Statue geschuldet.

Der Beschreibung nach aus einen Korrodior-Serdab stammt die Gruppenfigur aus G 1206 (13.17). Der Verschluß dieser Statue erfolgte erst nachträglich. Das entspricht dem schon oben erwähnten Umstand, daß die Vermauerung von Scheintür-fernen Statuen eher eine sekundäre Entwicklung ist. Mit der Gruppe dieser Statuen hat die Statue den Typ der Standfigur gemein und daß sie mit weiteren Statuen - hier drei nicht näher bestimmte Holzfiguren - auftritt.

Zwei Statuen stammen aus der Korridorkapelle von G 1673 (13.18). Bemerkenswert ist der Hinweis, daß die Schreiberfigur eines sHD Hm-kA mit Namen sTj-mw vor der Scheintür eines qdns aufgestellt war. Der Beleg ist zu schlecht dokumentiert, um weitreichende Schlüsse zu ziehen, könnte aber analog zu Schreiberfiguren in den Felsgräbern der Elite der frühen Periode IV als eine Art Dienerfigur des verantwortlichen Totenpriesters gedeutet werden. Aufgrund der eher bescheidenen Anlage ist diese Deutung jedoch unwahrscheinlich, so daß sTj-mw eher als ein Verwandter und Nutznießer des funerären Kultes anzusehen ist.

4. Widersprüchlich sind die Angaben zu zwei kleinen Statuen, die einen sitzenden Mann und eine sitzende Frau mit einem Kind auf dem Schoß zeigen. Nach W. S. Smith stammen sie aus einer Nische im Grabschacht von G 1903 während A. M. Roth annimmt, die Statuen stammen aus G 2097 (13.19). Wenn möglicherweise bei Smith auch die Zuschreibung der Statuen fehlerhaft ist, so kann man aber davon ausgehen, daß es in G 1903 eine Statuendepot im Grabschacht gab. Diese Form der Statuendeponierung unterscheidet sich grundsätzlich von der der Periode IV, die nur die Varianten oberirdischer Statuenaufstellung kennt. Die Einführung des Schachtdepots markiert den Übergang zur Periode V der funerären Kultur in den kleinen Anlagen.

13.2.4 Giza Nord-West

1. Die nordwestliche Kante des Giza-Plateaus war längere Zeit Bestattungsplatz für Angehörige der unteren und mittleren Residenzbewohnerschaft. Die im Korridor der Anlage des zpn / nfr-jHjj gefundenen Statuen deuten stilistisch auf eine recht frühe Entstehung der Anlage in der Mitte der 4. Dynastie (13.20). Zwei der Statuen zeigen stehend und sitzend die Dame nfr-jHjj, die beide Male einen Arm vor den Bauch legt, ein Motiv, das auch weibliche Statuen der Periode II und die der nfr.t aus Medum in Periode III zeigen. Von einer männlichen Person hat sich nur eine Sitzfigur erhalten.

Sehr ungewöhnlich und ebenfalls auf einen frühen Ansatz deutet die Gruppenfigur aus Grab Nr. 5


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(13.21). Wenn mit der "Vertiefung in der Südostecke" die auch bei anderen Korridorkapellen belegte Südost-Nische gemeint ist, so entspräche die Aufstellung etwa der der männlichen Standfigur in G 3093 hinter dieser Nische bzw. allgemein von Korridor-Statuen unabhängig von den Scheintüren.

2. Sicher aus einem Scheintür-Serdab stammt das Ensemble in der Anlage des Axw (13.22). Es besteht aus einer männlichen Standfigur, zu deren Linken eine weibliche Standfigur aufgestellt wurde. Vor den Statuen stand ein Räuchergefäß mit Holzkohle. Die Räucherung, durch die Statuen in einen liminalen Zustand versetzt wurden, sollte damit entweder dauerhaft affirmiert werden bzw. die Zusammenstellung deutet auf Zeremonien, die im Zusammenhang mit der Aufstellung und dem Verschluß des Serdabes durchgeführt wurden. Der Beleg erinnert an die Beigaben in den Serdaben des snb. Während es sich dort aber um Objekte handelt, die auf eine Art Bestattungsbeigabe deuten, sind hier die Beigaben eher am Kult und fortdauernder Kommunikation orientiert.

3. Neben Mastabas wurden in Giza Nord-West etwas später auch Felsgräber angelegt. Im Gegensatz zu den großen Felsgräbern der Elite, die die entwickelte Raumkonzeption von freistehenden Elitenanlagen im Fels umsetzen, sind diese Anlagen dem Vorbild der Korridorkapellen nachempfunden und bestehen in der Regel aus einem stollenartigen Gang, an dessen Westwand sich Scheintüren befinden. Die mit Felsstatuen reich versehene Anlage des n-wDA-ptH besaß auch einen Serdab in der Südwand, der einem Korridor-Serdab entsprechend dem Zugang gegenüber liegt (13.23). In ihm wurde die männliche Standfigur des ra-wr gefunden, wohl dem Sohn des Grabherrn. Zur Linken der Standfigur befand sich die Dienerfigur einer Korn mahlenden Frau. Auf die Möglichkeit, daß solche Statuen die Position einer Gattin der niederen Residenzschicht abbilden können, wurde schon verwiesen. Die "Inszenierung" des Depots mit der Frau zur Linken deutet eine hierarchische Beziehung zumindest an, die aufgrund fehlender Inschriften aber nicht genauer gedeutet werden kann. Ob die Holzfigur, von der nur Pulver gefunden wurde, ra-wr, eine weitere Dienerfigur oder eine andere Person abbildete, muß offen bleiben.

Festzuhalten ist, daß auch in einem Felsgrab eine Statuenaufstellung möglich ist, die der in freistehenden Grabanlagen gleicht. Es handelt sich bei der Deponierung sicher um den Beleg der Weiternutzung der Anlage, die vom Vater als Felsgrab mit Felsstatuen angelegt und für die Bestattung des Sohnes mit einer neuen Installation zur Aufnahme von Statuen versehen wurde.

13.2.5 Giza Süd-Ost

1. Der Friedhof der Bauhandwerker in Giza Süd-Ost ist noch in Ausgrabung begriffen, so daß eine endgültige Beurteilung nicht möglich ist. Drei bemerkenswerte Statuenfunde wurden bisher


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publiziert, die ebenfalls als Belege für Statuenverwendung bei niederen Residenzschichten erwähnt werden sollen. Die Gruppe aus G 7 (13.24) ist nicht sicher auf dem Grundriß zuzuordnen; die Existenz einer Dienerfigur würde jedenfalls auf einen Korridorserdab deuten, wofür auch die vom Ausgräber erwähnte fehlende Abdeckung spricht. Das Ensemble kann als ein Mikro-Ensemble unter Einbeziehung einer Dienerfigur angesehen werden: je ein Rundbild von Mann und Frau und eine Dienerfigur zur Gewährleistung der Versorgung. Das Auftreten einer Dienerfigur in einem solchen Ensemble deutet auf die mittlere bis späte Periode IV.

Nur relativ selten ist die Aufstellung einer Statue offen vor einer Scheintür wie bei GSE 1919 belegt (13.25). Oben wurden schon die Belege aus G 3093 (13.7) - dort steht die Statue neben der Scheintür - und aus G 1673 (13.18) genannt. Man kann diese Aufstellung entweder als einfache Variante einer Aufstellung im Sinne des Scheintür-Serdabs interpretieren, oder eine bewußte Ambivalenz zwischen Scheintür- und Korridor-Serdab vermuten.

2. Ein sehr schön "inszenierter" Serdabfund wurde im Serdab von GSE 1915 gemacht (13.26). Der ungewöhnlich plazierte Serdab verbindet eventuell wieder Scheintür-Serdab (Position im Westen, Blick nach Osten) und Korridor-Serdab (Position fern der eigentlichen Scheintüren, dem der die Kultanlage betritt gegenüber). Fünf Statuen, wohl alle dieselbe Person abbildend, waren nebeneinander aufgestellt und zwar so, daß sich eine Symmetrie der Größenverhältnisse ergab: Im Zentrum befand sich die mit 75 cm Höhe größte Sitzfigur. Zu beiden Seiten standen je eine weitere, etwas kleinere Sitzfigur. Diese beiden Statuen unterscheiden sich in einem ikonographischen Detail: die zur Rechten hat die rechte Faust flach auf den Oberschenkel gelegt, die zur Linken hat die Faust aufrecht stehend. Es folgt zur Linken eine männliche Standfigur und auch ganz zur Rechten gab es wohl eine hölzeren männliche Standfigur. Im Gegensatz zu den bisher erwähnten Belegen für Serdab-Inszenierungen, die jeweils Abbilder verschiedener Personen in Beziehung zueinander setzten, sind hier die Abbilder einer Person einander zugeordnet. Das zugrundeliegende Prinzip ist dabei die Symmetrie der Aufstellung und die abnehmende Größe. Innerhalb der Aufstellung bildet sich zudem eine Dreiergruppe von Sitzfiguren, die in eine sehr große Statue und zwei kleinere zerfällt, und eine Zweiergruppe aus Standfiguren. Die beiden etwa kleineren Sitzfiguren sind durch die Haltung der Faust voneinander unterschieden, die beiden Standfiguren durch das Material.

13.3 Zusammenfassung

1. Größe, Ausstattung und Morphologie der bescheidenen Anlagen der unteren Residenzschichten in Giza unterscheiden sich beträchtlich von den funerären Großanlagen der Elite in den Perioden IV und V. Dennoch lassen sich eine Anzahl Gemeinsamkeiten feststellen, die als konstitutiv für eine funeräre Anlage der Residenz angesehen werden können.


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  1. Alle Anlagen besitzen einen eigentlichen Grabbau mit der Bestattungsanlage. Die Anzahl der Bestattungen ist aber äußerst unterschiedlich: Elitegräber besitzen die Tendenz, nur eine oder zwei Bestattungsanlage zu besitzen; treten weitere hinzu, werden auch eigene Kultanlagen gebaut (Doppelmastabas, Grabkomplexe). Anlagen der niederen Residenzschichten sind in Periode IV so gut wie immer Familiengräber mit einer Vielzahl von Grabschächten und Bestattungen.
  2. Östlich des Grabbaus befindet sich eine Kultanlage. Die Größe dieser Anlage, ihre Gestaltung, Dekoration usw. - wie auch die Größe des eigentlichen Grabbaus - sind proportional der sozialen Position eines Grabherrn. Es zeigt sich aber sowohl bei Eliteangehörigen als auch bei Angehörigen der niederen Residenzschichten, daß die jeweils verfügbaren Ressourcen in vergleichbarer Weise dazu genutzt werden, die funeräre Anlage als ein Medium der Präsentation der individuellen sozialen Position zu nutzen. Dabei ergibt sich eine interessante, etwa "gegenläufige" Bewegung: Einerseits können Einzelpersonen der sozial niederen Straten ihre Anlagen in einer Weise ausbauen, die den Rahmen der üblichen Elemente einer Kleinanlage zwar nicht sprengt, quantitativ und qualitativ aber übersteigt - siehe etwa die snb-Anlage. Andererseits werden von der Gruppe der Residenzangehörige in mittleren sozialen Positionen Elemente von Eliteanlagen übernommen und in reduzierter Form realisiert, so etwa von den Nachkommen der sSm-nfr-Familie (ra-wr II.)<562>. Auf diese Weise bildet sich eine Gruppe funerärer Anlagen, die zwischen denen der Elite und den einfachen Kollektivgräbern der dependent specialists steht und von der Beispiele unten noch in Kap. 15 besprochen werden.
  3. Der wichtigste Kontaktpunkt zwischen Grabbau und Kultanlage ist die Scheintür. Eliteanlagen unterscheiden dabei die eine nördliche Scheintür von der südlichen. Eine solche Trennung ist in den meisten Kleinanlagen nicht auszumachen; vielmehr besitzen diese mehrere Scheintür-Kultstellen, die offenbar jeweils verschiedenen Bestattungen zugeordnet sind.
  4. Getrennt von den Scheintüren gibt es in Eliteanlagen der Periode IV einen "äußeren" oder "vorderen" Kultbereich, der Statuenkultstellen und oft einen Hof umfaßt. In kleinen Anlagen ist die Gestaltung des Kultbereiches äußerst bescheiden. Es läßt sich gelegentlich ein im Südosten des Korridors liegender Nebenraum oder eine breite Nische feststellen, die eine Sonderfunktion gehabt haben wird. Außerdem können sich an den südlichen oder nördlichen Schmalwänden der meist nicht überdachten Kultbereiche Plätze (Podeste, Serdabe) für die Aufstellung von Statuen befinden.

2. Eliteanlagen wie auch Kleinanlagen kennen zwei grundsätzliche Formen der Statuenaufstellung. Statuen können zum einen in verschlossenen Kammern (Serdaben) aufgestellt werden. Diese Kammern besitzen in der Regel einen Schlitz oder ein Fenster, das die darin aufbewahrten Rundbilder mit einem Bereich verbindet, an dem kultische Handlungen vollzogen werden. Dieser Bereich kann ein Platz an der (südlichen) Scheintür sein, wobei es in kleineren Anlagen die Möglichkeit gibt, daß sich in einem solchen Fall der Serdab direkt hinter der Scheintür befindet. Häufiger befinden sich die Statuenräume aber neben der Scheintür oder hinter den Seitenwänden der Scheintür-Räume. Die Plazierung von Statuen in einem Scheintür-Serdab hinter der Scheintür folgt einer Tradition der Periode III (West-Serdab) und wurde wohl nur in kleinen und mittleren Anlagen in Giza in Periode IV tradiert, während sie in Elitenanlagen nicht mehr üblich ist. Statuen im Bereich der Scheintür sind so ausgerichtet, daß sie sich zum Ort der kultischen Handlungen vor der Scheintür wenden (meist nach Osten bzw. nach Norden).

3. Neben den Serdaben im Bereich der (südlichen) Scheintür gibt es vergleichbare Statuendepots


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auch im Bereich von Korridoren oder anderen Teilen der Kultanlage. In Eliteanlagen können diese Depots von der südlichen Scheintürkultstelle deutlich räumlich getrennt sein, während in Kleinanlagen schon aus Platzgründen eine solche Unterscheidung kaum zu realisieren war. Die Statuen wenden sich hier meist nach Norden oder Süden, dem Zugang zur Kultanlage zu.

4. Die für Eliteanlagen gesicherte Aufstellung von Statuen in offen zugänglichen Schreinen ist bei Kleinanlagen so nicht zu beobachten. Einige der Statuen im Kultbereich standen aber auch frei, so daß eine gwisse Ambivalenz von Serdabstatue und Statue in offener Aufstellung zu bemerken ist. Eine klare Trenung in (eine) "offene" Statue als Kultziel und (viele) "verschlossene" Statuen als Affirmation von Aspekten des Grabherrn, wie für Eliteanlagen postuliert, ist in Kleinanlagen nicht möglich.

5. Bei der Verwendung bestimmter Statuentypen sind für die Kleinanlagen keine eindeutigen Präferenzen feststellbar. Insgesamt ist eine große Anzahl von Holzfiguren anzusetzen, die meist völlig zerstört wurden. Bei erhaltenen Holzfiguren handelt sich es überwiegend um Standfiguren, unabhängig vom Ort der Aufstellung. Bei Statuen aus Stein läßt sich unter Vorbehalt festhalten, daß bei der offenen oder verschlossenen Aufstellung im Korridor / "äußeren" Kultbereich tendenziell eher Standfiguren Verwendung fanden, in "Scheintür-Serdaben" eher Sitzfiguren.

Kleinanlagen enthalten Rundbilder ganz verschiedener Personen; Vervielfältigung des Bildes einer Person ist aber nur selten belegt. Ebenso treten einige der neuen Statuentypen der Periode IV - Schreiberfigur, Standfigur mit Vorbauschurz - nur selten auf. Häufiger sind hingegen Gruppenfiguren, weniger häufig und nur auf Einzelsücke beschränkt Dienerfiguren. Alle diese neuen Typen treten eher im Bereich der "äußeren" Kultanlage auf als in "Scheintür-Serdaben".

6. In einigen Fällen läßt sich beobachten, daß die Zusammenstellung von Statuen an einem Aufstellungsort bestimmten Prinzipien folgt ("Inszenierungen"). In den meisten Fällen werden Statuen verschiedener Personen gruppiert, sehr häufig die Gattin zur Linken des Gatten; es kann sich aber auch um die Gruppierung von mehreren Rundbildern einer Person handeln.


Fußnoten:

<532>

Tacke 1996

<533>

Reisner 1942: 219-247, 300f

<534>

Zu Baugeschichte und Struktur siehe Callender / Jánosi 1997: fig. 6 u. passim; zur Diskussion über die Belegung auch Baud 1995, Baud 1998.a.

<535>

Reisner 1942: fig. 8

<536>

Callender / Jánosi 1997: 12, 21

<537>

Die Aussage ist insofern zu relativieren, als daß nicht gesichert ist, daß in allen weiblichen Statuen die Grabherrin xa-mrr-nb.tj abgebildet ist; siehe die Diskussion Callender / Jánosi 1997: 18 und Baud 1998.a. Es ist aber sicher anzunehmen, daß mehr als eine Statue der xa-mrr-nb.tj im Ensemble enthalten ist und somit für diese der Charakter eines "Ensembles verschiedener Aspekte" zutrifft.

<538>

Hassan Giza II: fig. 219, pl. LXXIV-LXXVI

<539>

Neben G 5230, der Anlage des bA-bA=f, sind dazu noch G 5110 und die schon am Ende der 4. Dynastie belegten Mastabas der Südhälfte des cemetery én echelon zu zählen, etwa G 5140; siehe die Pläne in Reisner 1942.

<540>

Jánosi 1996.a: 134 erwägt diese Möglichkeit für die ähnlich gestaltete Kultanlage der Königinnen-Pyramide G III-c.

<541>

Hassan Giza I: 16f, pl. XV

<542>

Junker Giza III: Abb. 36

<543>

Junker Giza III: Abb. 33

<544>

PM III: pl. XLVIII

<545>

Jánosi 1999: 34-36, fig. 16

<546>

Vergleichbar ist der Grundriß mit mehreren um einen Hof orientierten Statuenschreinen der Anlage des pHn.w-kA / D 70 / LS 15, von der Mariette / Maspero 1889: 370-372 nur einen Grundriß abbilden.

<547>

Eine vergleichbare Installation mit drei Statuenschreinen zeigt der Grundriß der Anlage D 40 / No. 21 des anx-ma-ra (Mariette / Maspero 1889: 280). Statuenkultplätze mit mehreren Schreinen für vervielfältigte Statuen treten in den königlichen funerären Anlagen seit Userkaf (je fünf Schreine) und in Gräbern von Königinnen (vier oder drei Schreine) auf; siehe Jánosi 1996.a: 145-149.

<548>

Hassan Saqqara III: fig. 12

<549>

Hassen Saqqara I: General Plan

<550>

Firth / Gunn 1926: pl. 51

<551>

Beide Kalksteinstatuen sind typologisch ungewöhnlich: die Sitzfigur trägt die bei Männern sehr seltene Strähnenperücke mit über die Schulter fallenden Strähnen, die männliche Standfigur hat die Beine geschlossen.

<552>

Junker Giza IX: 4, Abb. 2, 3; Alexanian 1998.b: 4, 18

<553>

Reisner 1942: 256-260 (Typ 5), 272-283 (Typ 8); Junker Giza XII: 45

<554>

Cherpion 1989: 85-103

<555>

Martin-Pardey 1978: 95

<556>

Zu Beigaben in Sargkammern siehe Junker Giza I: 100-131, Giza IX: 19-22.

<557>

Beispiele bei Reisner 1942: fig. 168 (G 3010), fig. 172 (G 1121), fig. 173 (G 3033), fig. 175 (G 5020), fig. 182 (G 2091); zu dieser Nische am Beispiel der Mastaba des xwfw-snb I: Junker Giza VII: 120-123, der die in der Nische bzw. strukturell vergleichbaren Räumen auftretenden Becken nicht - wie etwa S. Hassan - mit der Leichenbehandlung in Zusammenhang sieht, sondern mit Libationen.

<558>

Junker Giza IX: 141f, Abb. 65, wo der Raum als Platz für Riten und zur Aufbewahrung von Kultgeräten gedeutet wird

<559>

Moussa / Altenmüller 1971: pl. 18-23

<560>

Schmitz in Hildesheim 1986: 102

<561>

Baud 1998.b: 84-86

<562>

Junker Giza III: Abb. 44


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