Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

Kapitel 15. Weitere Statuenensembles aus den Residenzfriedhöfen

1. Die Diskussion der vorangegangenen zwei Kapitel wurde auf eine Auswahl von Belegen beschränkt, damit eine gewisse Übersichtlichkeit erhalten bleibt. Im folgenden werden die in der Belegtabelle 14 (Giza) und 15 (Saqqara, Abu Rawash, Dahschur) für Statuenfunde mit relativ gesicherten Fundorten aufgelisteten Beispiele summarisch besprochen. Die zu beobachtenden


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Phänomene entsprechen weitgehend denen, die oben schon festgehalten wurden.

15.1 Statuen aus dem Oberbau von kleinen und mittelgroßen Anlagen der 5. und 6. Dynastie in Giza (Tab. 14)

1. Viele der in Giza ausgegrabenen Anlagen der 5. und frühen 6. Dynastie gehören Grabherren einer sozialen Schicht, die nicht zur eigentlichen Elite zu zählen ist, deren soziale Position aber oberhalb der von Besitzern von Kleinanlagen liegt. Es handelt sich oft um die Nachkommen von Elitefamilien der 4. Dynastie, um Angestellte königlicher und privater Kultinstitutionen und Vertreter einer mittleren Verwaltungsebene. Die meisten von ihnen besaßen sehr wahrscheinlich keine von den Residenzinstitutionen unabhängige Subsitenzbasis, sondern waren vollständig von der Versorgung durch Institutionen der Residenz abhängig. Sie zählen damit ebenso wie die Inhaber der oben besprochenen Kleinanlagen prinzipiell zur Gruppe der dependent specialists. An ihren Grabanlagen läßt sich die schon erwähnte Proportionalität von kulturellem Aufwand entsprechend sozialer Position und Einkommensituation recht gut erkennen, wobei sowohl "vergrößerte" Kleinanlagen - meist elaborierte Korridorkapellen mit Portikus, vergrößertem Osthof und dekorierten Scheintürräumen<622>, als auch "verkleinerte" Großanlagen - je nach Periode mit "Statuenhaus" im Süden oder (OW)-Scheintürräumen und vorgelagerten Querkorridor, Statuenkammern und (Pfeiler-)Hof - auftreten.

15.1.1 Statuen aus Statuenräumen

1. Der größte Teil von Statuenfunden stammt aus verschlossenen Statuenräumen. Frei aufgestellte Statuen und solche, die transportabel sind, werden sehr viel häufiger verloren gegangen sein, als solche, die in einem Serdab vermauert wurden. Man kann aber auch davon ausgehen, daß gerade in den kleineren Anlagen die kostbaren Rundbilder von vornherein lieber in verschlossenen Statuenräumen verwahrt wurden.

15.1.1.1.1 Scheintür-Serdabe

1. Im ersten Abschnitt der Tab. 14 sind Belege von Statuen aus Serdaben im Westen der Kultanlage zusammengetragen. Einige der Serdabe sind den Scheintür-Serdaben zuzurechnen, andere weniger spezifisch keiner Kultstelle direkt zugeordnet.


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Eine Besonderheit präsentiert die weibliche Sitzfigur aus der großen Anlage des Spss-kA=f-anx (14.17.1:), die im Scheintürraum (NS:L:2) gefunden wurde. Der Scheintürraum besaß einen Scheintür-Serdab hinter der südlichen Scheintür, in dem aber keine Statue mehr vorhanden war. Im Zuge der Erweiterung der Anlage hatte man den gesamten Scheintürraum vermauert und zu einem Serdab umgestaltet (!), mit einem Schlitz in der nun neu konstituierten südlichen Scheintür. Dieser Raum übernahm also die Funktion des Scheintür-Serdabes. Daneben gab es einen Serdab im Norden des Korridors; die den formalen Vorgaben einer Elite-Anlage folgende Kapelle unterschied demnach die beiden bereits oben besprochenen Aufstellungsorte für Statuen: a) bei der Scheintür (Kultrichtung Ost-West), und b) im äußeren Bereich / Korridor (Kultrichtung Nord-Süd).

2. Der Statuenbestand der westlich gelegenen Statuenräume ist inhomogen. Die Mehrzahl kleiner Anlagen besaß offensichtlich nur eine sehr geringe Anzahl an Statuen; mehr als ein Abbild einer Person tritt selten auf. Die Statuentypen sind verschieden, neben den traditionellen Sitz- und Standfiguren treten Schreiberfiguren (14.5; 14.16.1:), eine Statue in hockender Position (14.4) und Nacktfiguren (14.3; 14.15.2:) auf. Nicht ungewöhnlich ist die Gruppierung von männlichen und weiblichen Statuen, meist wohl von Ehepartnern. Die Gruppen treten als Gruppenfiguren oder als Einzelfiguren auf, wobei oft eine gewisse "Inszenierung" zu beobachten ist (14.9; 14.10). Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Position der weiblichen Standfigur in D 61 zur Rechten der männlichen Standfigur (14.1), eine Position, die aber auch bei mehreren Gruppenfiguren in Giza-West belegt ist (14.2; 14.5). Gelegentlich treten Dienerfiguren auf; nur in einem Exemplar bei anx.t=f (14.12) (und G 6040; 14.17, hier Bestand unsicher), in Form eines großen Ensembles bei DASA (14.15). Die Ensembles des DASA und htj (G 5480 / G 2340; 14.16) sind Belege für "echte" Statuenensembles, in denen auch das Abbild ein und derselben Person mehrfach auftritt, ergänzt um Statuen weiterer Personen.

Zu erwähnen ist die ungewöhnliche männliche Sitzfigur aus S 2411 (14.7), die beide Hände zur Faust (?) geballt auf den Knien ruhend zeigt. Sie stammt aus dem Serdab einer sehr kleinen Anlage; eine Sonderfunktion im Sinne eines eigenen Statuentyps ist wohl auszuschließen.

15.1.1.2. Süd- und Nordserdabe (Korridor-Serdabe)

1. Die zweite Position für Statuen ist die im Bereich von Kapellenanlagen. Bei Kleinanlagen sind das in der Regel die Schmalwände der Korridore, tendenziell die südliche Schmalwand. Bemerkenswert ist die Position des Ensembles des mmj (14.19), das im Süden des Korriores stand, jedoch nicht zum Eintretenden nach Norden gewandt war, sondern nach Osten. Wie bei den Statuenplätzen im Massiv der Mastaba treten auch in den Statuendepots in "äußeren" Kapellenanlagen Ambivalenzen bei der Ausrichtung, und damit dem Bezug zur "Ritualrichtung" auf. Ähnlich ambivalent, aber genau umgekehrt, war das Ensemble des qdfjj (14.22) aufgestellt: Der


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Serdab besitzt einen Schlitz nach Osten, die Statuen wenden sich jedoch nach Norden, in diesem Fall (Portikus-Kapelle) der Kultstelle zu.

2. Mit in diese Tabelle wurden die Belege von Statuen aus Serdaben im Süden von (OW)-Scheintürräumen aufgenommen. Sie folgen einem Vorbild von Eliteanlagen seit Periode IV.b, die ebenfalls einen Serdab an der südlichen Kultstelle, aber nicht im Westen der Scheintür besitzen, sondern im Süden (z.B. Tjj; 12.8). Hier liegt bei den kleinen Anlagen fraglos die Verbindung von Korridor-Serdab und Scheintür-Serdab vor, wie es auch für Süd-West-Serdabe im Mastabamassiv angenommen werden kann.

3. Der Statuenbestand der Ensembles in Kapellenanlagen unterscheidet sich nicht wesentlich von dem der Serdabe in den Mastabamassiven. Man kann eine gewisse Tendenz festhalten, häufiger Gruppenfiguren zu verwenden und auch, daß die Ensembles insgesamt größer sind und Statuen derselben Person vervielfältigt auftreten. Das Phänomen könnte durch die technisch leichter zu realisierende Plazierung größerer Statuen im Gang erklärt werden. M. E. spielt aber auch eine Rolle, daß der Kult unabhängig von der südlichen Scheintür einen Bezug zu kollektiven Formen des Kultes hat, der mehrere Personen und auch die Nachkommen einbezieht. So ist das Auftreten der in Großanlagen im "äußeren" Schrein belegten Standfiguren mit Vorbauschurz (14.20; 14.23) gerade in diesen Ensembles erklärbar. Auch die Vervielfältigung von Statuen derselben Person ist ein Phänomen, das eher den "äußeren" Bereich einer Grabanlage charakterisiert als den "inneren" Bereich. Neben den häufigen Stand- und Sitzfiguren sind ebenfalls Schreiber (14.27.2:) und Dienerfiguren (14.29) in den Ensembles vertreten.

4. Es soll hier auf vier Sonderfälle der formalen Gestaltung verwiesen werden. In drei Ensembles ist die Vervielfältigung männlicher Statuen desselben Typs belegt, wobei aber die Statuen jeweils durch ikonographische Details unterschieden werden, abgesehen von der Größe und der in Gräbern der niederen Residenzschichten stets sehr unterschiedlichen stilistischen Qualität. Wahrscheinlich stellen die beiden unbeschrifteten Sitzfiguren aus Mastaba No. 26 (14.32) jeweils den Grabherrn der Anlage dar, wobei er in einem Fall aber die Löckchenperücke, im anderen die Strähnenperücke trägt. Ebenfalls durch Strähnen- bzw. Löckchenperücke sind die beiden männlichen Standfiguren aus Mastaba No. 16 (14.33) unterschieden. Sie sind zudem auch von unterschiedlicher Größe, eine Statue hatte die Beine geschlossen und stand zu Seiten einer weiblichen Standfigur. Man kann das Ensemble als eine männliche (große) Standfigur und einer Gruppe aus männlicher (kleiner) und weiblicher Standfigur interpretieren. Bei den beiden männlichen Figuren wurden dann verschiedene Perückentypen gezeigt. Alle drei Sitzfiguren aus der Mastaba des wtT-Htp (14.34) tragen die Löckchenperücke. Hier unterscheiden sich zwei der Statuen von der dritten dadurch, daß sie die rechte Faust flach auf den Oberschenkel legen und ein Tuch halten. Derartige leichte Varianten bei der Vervielfältigung von Stand- und Sitzfiguren lassen sich häufiger beobachten und scheinen also durchaus beabsichtigt gewesen zu sein.

Neben die ikonographische Variation kann auch die Variation des Materials treten, wie z.B. bei den


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beiden Sitzfiguren des wr-xww aus Schiefer und Granit (14.35). Leider ist der ursprüngliche Standort der Statue aus der Umgebung der Anlage des wr-xww nicht bekannt, von der ein Fragment einen Mann mit deutlichen Alterszügen zeigt (14.35.3:). Die Zuordnung zu einem der bekannten Statuentypen ist bei diesem außergewöhnlichen Fragment nicht möglich.

15.1.1.3. Mehrere Statuendepots

1. Auch in Anlagen, aus denen die bis hier erwähnten Statuen stammen, gibt es im Grundriß erkennbar noch weitere Plätze, an denen Statuen aufgestellt gewesen sein können. Besonders die Anlagen jener mittleren Residenzgruppe, die ihre Grabbauten an denen der Elite orientierte, übernahm die Möglichkeit, Statuen in mehreren Statuendepots zu plazieren. Dabei können Statuendepots entweder an funktional unterschiedlichen Plätzen auftreten, z.B. einmal im Bereich der Scheintür und einmal im Bereich der "äußeren" Anlage, oder es werden Depots in einem einheitlichen funktionalen Zusammenhang vervielfältigt, z.B. als mehrere nebeneinanderliegende Statuenräume.

Eine für kollektive Anlagen häufige Form des Auftretens mehrerer Serdabe ist wohl dadurch zu erklären, daß in der Anlage mehrere Personen bestattet wurden, die eigene Scheintüren und eigene Statuenkammern besaßen, so etwa bei den drei Priestern der Hm.t-ra im Central Field kA-m-nfr.t, jr-n-Ax.t und kA-kAj-anx (14.36). Nur vom Ensemble des kA-kAj-anx wurde ein bedeutenderer Teil gefunden; es umfaßte mehrere Statuentypen des Grabherrn (Schreiberfigur, Standfigur, Standfigur im Vorbauschurz, Sitzfigur), wohl eine weibliche Standfigur und mindestens eine Dienerfigur.

Verschiedene Positionen für Statuenräume lassen sich an der sukzessive gewachsenen Anlage der kA-m-nfr.t-Familie studieren, wobei mehrfach das Phänomen auftritt, daß an ein und demselben Ort mehrere Serdabe nebeneinander liegen (14.37). Ähnlich ist der große Korridor im Westen der Mastaba des jTf zu deuten, der offensichtlich als Statuenhaus ausgelegt war, auch wenn nur in einer der Abteilungen eine Statue gefunden wurde (14.38). Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Anlage des DA-DA-m-anx vom Westfriedhof (14.39). Sie enthielt drei Serdabe, die sich an verschiedenen Positionen um den Korridor befanden. Serdab 1 im Westen entspricht dem Typ des Scheintür-Serdabes, Serdab 3 im Süden dem des üblichen Korridor-Serdabes. Nur selten werden Statuendepots wie im Falle von Serdab 2 auch in der Ostwand plaziert und mit einem Schlitz nach Westen geöffnet. Diese Richtung widerspricht zwar der "Ritualrichtung", ist in solchen Fällen aber immer durch die Ausrichtung auf einen Platz des praktischen Kultes motiviert.

2. Von solchen mehrfachen Serdaben in einer Anlage, die wohl durch das Interesse motiviert sind, möglichst viele Statuenplätze zu besitzen, sind einige Belege zu unterscheiden, in denen ein


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"oberer" und ein "unterer" Serdab auftreten<623>. Die beiden in der Tabelle aufgeführten Beleg bestehen jeweils aus zwei Statuenkammern, die in Korridorkapellen so eingebaut waren, daß die erste etwas erhöht über der zweiten lag. Bei mr-sw-anx (14.40+40.a) liegt diese Installation vor der nördlichen Scheintür, die durch sie verdeckt wird. Diese Scheintür trägt eine Inschrift, die sie als Widmung des Sohnes an die Mutter ausweist, was auf den oben besprochenen kollektiven Aspekt dieses Kultplatzes deutet. Auch bei ptH-Spss liegt der Doppelserdab im Norden des Korridors (14.41). Während bei mr-sw-anx die beiden Depots offensichtlich tatsächlich übereinander lagen, waren sie bei ptH-Spss nebeneinander gelegen, aber so, daß ein "oberer" und ein "unterer" Serdab vom Ausgräber unterschieden wurde.

In beiden Fällen treten im "oberen" Serdab weniger Statuen auf als im "unteren": bei mr-sw-anx eine kombinierte Pseudo-Gruppe und eine weibliche Dienerfigur; bei ptH-Spss eine männliche Standfigur und eine Gruppenstandfigur, der Mann jeweils mit Vorbauschurz . Man kann in beiden Fällen also die rundplastische Abbildung von Grabherr und Gattin annehmen, bei mr-sw-anx in sehr ungewöhnlichen Statuentypen (Pseudo-Gruppe und weibliche Dienerfigur), bei ptH-Spss eher konservativ. Die Ensembles der "unteren" Serdabe sind größer und umfassen bei ptH-Spss mehrere Dienerfiguren.

Offenbar wurden hier zwei Typen von Statuenräumen räumlich zusammengefaßt: Im "oberen" Serdab befinden sich solche Statuen, die im Zusammenhang mit dem Kult an der Grabanlage gebraucht wurden; bei mr-sw-anx besaß der obere Serdab einen Schlitz und die Darstellung der Speisetisch-Ikone. Dieses Depot entspricht den eigentlichen Serdaben mit Kultstatuen im Westen oder Süden des Grabes. Das zweite Depot leitet sich von den Statuenkammern ab, in denen viele Statuen aufbewahrt wurden und in denen auch immer mehr Dienerfiguren auftrete (die Dienerfigur im "oberen" Serdab bei mr-sw-anx kann als Gattin interpretiert werden und fällt so aus dem normalen Korpus der Dienerfiguren heraus).

Ein solches Depot stellt der Fund aus der Anlage des n-kA.w-Hw.t-Hr (14.42) dar, der ausschließlich Dienerfiguren umfaßte. Der Serdab befand sich im Norden der Kapellenanlage, im Bereich des Zugangs. Das Aufkommen solcher Depots, denen auch die oben erwähnten Statuenensembles des DASA (14.15) und DA-DA-m-anx (14.39) zuzurechnen sind, ist im Verlauf der 5. Dynastie zu beobachten. In ihnen werden nicht die Kultstatuen der Kultempfänger allein aufgestellt, sondern um Nebenfiguren und vor allem Dienerfiguren ergänzt. Es handelt sich um eine Form "inszenierter" Serdabe, die wie auch die Flachbilddekoration den Kultvollzug und die Verbindung von Toten und Nachkommen in rundplastischer Weise affirmieren. In den beiden Anlagen mit "oberem" und "unterem" Serdab wurde der gesamte Statuenbestand im nördlichen Teil der Anlage konzentriert, aber noch in zwei getrennten Kammern untergebracht, wobei die "obere" Kammer Statuen enthält, die der Gruppe der Kult-empfangenden Statuen zuzurechnen


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sind, die "untere" Kammer dazu noch solche, die zur Gruppe Kult-affirmierender Statuen zählen.

3. Bei der Besprechung der Dienerfiguren wurde schon darauf verwiesen, daß aus solchen Depots in Periode V die typischen Schacht- und dann Sargkammerensembles erwachsen. Die bei mr-sw-anx und ptH-Spss belegte Konzentration des Doppelserdabes im Norden, dem Ort des Zuganges zur Sargkammer, leitet zu diesen Schachtserdaben über. Auch das Ensemble des jdw II. (14.44) wurde in diesem Zusammenhang schon erwähnt. Hier sind die beiden Serdabe praktisch zusammengefallen und am Schachtmund plaziert. Damit beginnt die völlige Umorientierung des Statuenbestandes, der in Periode VI ihren Abschluß findet. Die Statuen solcher Schacht- und Sargkammerdepots sind nicht mehr als Statuen zum Kultempfang oder der Affirmation der Anwesenheit des Toten beim Kult in der oberirdischen Kapelle ausgelegt, sondern selbstwirksame magische Installationen im Bereich der Bestattungsanlage. Dabei tritt zunehmend die Affirmation des tatsächlichen Kultes hinter die Affirmation einer abstrakten, immerwährenden Versorgung des Toten zurück.

4. Ein zweiter Beleg eines solchen Schacht-Serdabes ist im Schacht der Anlage des TnA gefunden worden (14.45), einer kleinen Grabstelle, die sich ähnlich wie bei jdw II. an eine größere Anlage, hier einer Prinzessin der späten 4. Dynastie, anlehnt. Das Ensemble umfaßte nur zwei Statuen, eine Standfigur mit Vorbauschurz und eine traditionelle Standfigur aus Holz. Obwohl diese Statuen schon im unterirdischen Bereich der Anlage aufgestellt wurden, ist der Bezug zur Kultrichtung bewahrt: sie standen in einer Kammer im Süden des Schachtes und blickten nach Norden, also in jene Richtung, in der der Tote sein Grab verläßt.

15.1.2 "Inszenierte" Serdabe

1. Daß die Gruppierung von Statuen in einem Serdab bestimmten formalen Regeln folgt, wurde schon erwähnt. In den meisten Fällen enthalten Depots nur wenige Statuen, so daß sich die "Inszenierung" auf die Position "vorn" bzw. "hinten" und "zur Rechten" bzw. "zur Linken" beschränkt. Im folgenden werden einige Belege für Ensembles aufgeführt, die interessante "Inszenierungen" zeigen. Die Prinzipien der Gruppierung der Statuen zueinander entsprechen denen, die auch bei Gruppenfiguren zu beobachten sind. Für die Bestimmung der Funktion von Statuen im Kult ist darüber hinaus noch die Ausrichtung der Statuen in Bezug zu den Kultinstallationen in der Grabanlage selbst wichtig.

2. Ein Beispiel für eine häufiger belegte Kombination und Gruppierung ist im Serdab der Anlage S 2238/2243 gefunden worden (14.46). Eine männliche Standfigur ist mit einer Gruppenstandfigur kombiniert. Die Gruppenfigur steht zur Linken der Standfigur, in dieser wiederum ist die Frau zur Linken des Mannes positioniert. Die beiden männlichen Standfiguren sind durch die Perücken, je


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Strähnen- bzw. Löckchenperücke, unterschieden. Diese schlichte Art der Kombination beinhaltet einige Bezüge zu kultischen und symbolischen Richtungen und Positionen: Die Statuen wenden sich insgesamt nach Osten, stehen also in Kultrichtung des Kultes an den Scheintüren. Die Gruppenfigur ist nördlich von der Einzelstandfigur aufgestellt, sie ist damit der Position der nördlichen Kultstelle verbunden, über die Wirksamkeit im Diesseits, familiäre Einbindung etc. kultisch gesichert werden (vergleiche die in Kap. 14. besprochenen Belege 13.1. u. 13.27, die in separaten Nord-Serdaben standen). Der männliche Grabherr besitzt in den beiden nebeneinander positionierten männlichen Standfiguren ein vervielfältigtes Abbild, das aber durch Größe und Haartracht unterschieden ist.

Kombinationen dieser Art finden sich in den besprochenen Ensembles z.B. bei Mastaba No. 16 (14.33, dort keine Gruppenfigur sondern alles Einzelstatuen) und bei qdfjj (14.22; dort mit Sitzfiguren). In diesen Fällen stehen Prestige-Index der Position und kultischer Schwerpunkt in einem Zusammenhang: Die größte männliche Einzelfigur befindet sich ganz zur Rechten, zugleich mit Bezug zur südlichen Kultstelle (wobei die polare Position ganz anders sein kann, bei Mastaba No. 16 z.B. im Norden!), die weibliche Figur eher zur Linken, mit Bezug zur nördlichen Kultstelle. Grabherr und Kultherr im Süden ist der Mann, ihm ist in einem weiteren Abbild die Frau zugeordnet, mit einem Bezug zur Kontinuität der so konstituierten Institution "Familie", realisiert über eine Nord-Kultstelle.

3. Im Serdab der Anlage G 2009 sind vier Statuen gefunden worden, die wohl insgesamt acht verschiedene Personen abbilden (14.47). Ganz "vorn" befand sich eine Gruppenstandfigur, bei der die Frau zur Rechten des Mannes positioniert ist; da keine Titel angegeben sind, ist unsicher, ob es die Mutter oder die Gattin ist. Vor dieser Gruppe stand ein Modelltisch und ein Räuchergefäß (?). Dahinter befand sich eine kleine Dreiergruppe stehender Männer, wieder dahinter eine Gruppensitzfigur. Die genaue Position der nackten Knabenstandfigur ist unklar. Alle Statuen blicken in dieselbe Richtung; da kein Grundriß der Anlage veröffentlicht ist, ist das Ziel der Ausrichtung unbekannt. Die Position der Standfigur vor den Sitzfiguren kann durch die Umsetzung der Vorstellung von "Innen" (Sitzfigur) und "Außen" (Standfigur) motiviert sein. Statuenvervielfältigung liegt in diesem Ensemble nicht vor, vielmehr wurden Rundbilder wahrscheinlich von mehreren Angehörigen im Serdab versammelt, darunter auch eine Knabenstatue. Der Serdab hat den Charakter eines affirmierenden Depots, in der eine sich durch "Nähe" konstituierende Gruppe dauerhaft abbildet und durch die Anwesenheit des Knaben als Nebenfigur wohl auch perpetualisieren will. Die Bezeichnung der drei Männer (14.47.3:) als xntj-S pr-aA kann so gedeutet werden, daß diese Gruppe nicht allein auf der biologisch-sozialen Ebene "Familie" verbunden ist, sondern sich auch über die Zugehörigkeit zu einer Institution der Residenz definiert.

4. Ein typischer Korridor-Süd-Serdab befand sich in G 2099 (14.48). Das Depot enthielt vier Statuen; drei Standfiguren (zwei Gruppen-, eine Einzelstatue) blicken nach Norden, eine Sitzfigur


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nach Westen. Die Position der Standfiguren entspricht der konventionellen Kultrichtung. Sehr ungewöhnlich ist die Position der Sitzfigur, die dadurch motiviert sein wird, daß man sie in Richtung der Scheintür ausrichten wollte. Daß eine Sitzfigur mit dem Kult an der Scheintür in Beziehung gesetzt wird ("innerer" Bereich), Standfiguren mit dem Kapellenausgang ("äußerer" Bereich) entspricht einer schon genannten Tendenz bei der Statuenverwendung. Die Position der Standfiguren, der Statuentyp, der "aktiv" in Richtung Diesseits wirkt, und die Vervielfältigung von Statuen unter Einbeziehung von Angehörigen sind alles Elemente des nach "außen" gerichteten Korridorserdabes. Durch die Sitzfigur hingegen wird der Bezug zu einem Scheintür-Serdab hergestellt.

Die Sitzfigur ist bemerkenswert, da sie an den Seiten Flachbilder des Sohnes und der Tochter des Grabherrn beim Opfern zeigt, also in gewisser Weise eine "zuordnende" Gruppenfigur ist. Derselbe Grabherr r-r-mw ist auch in beiden Gruppenstandfiguren (einmal mit Gattin, einmal in einer Pseudo-Gruppe mit zwei Namen?<624>) vertreten. Auf der Basis der Pseudo-Gruppe (?) steht noch eine kleine männliche Standfigur, deren Name nachträglich in qdns geändert wurde. Derselbe Name ist ebenfalls wohl nachträglich auf dem Rückenpfeiler der Standfigur angebracht worden, deren Basis den Namen kA-Hr-s.t=f trägt; nach den Reliefs der Sitzfigur war dieser ein Sohn des Grabherrn<625>. Ob es sich hierbei um zwei Namen einer Person oder eine Usurpation handelt, ist unsicher.

5. Die typologisch bemerkenswerten Statuen des pn-mrw wurden schon in Kap. 10. besprochen (14.49). Sie stammen aus einer schlicht gestalteten Anlage mit einem OW-Scheintürraum, für den im Grundriß zwar eine Scheintür angegeben ist, von der aber keinerlei Reste o.ä. in der Publikation erwähnt werden, sondern nur ein längerer Stiftungstext direkt neben dem Serdabschlitz<626>. Südlich des Scheintürraumes befand sich der Serdab, mit einer ungewöhnlichen Nord-Süd-Ausdehnung, die so eher für Scheintürräume gebräuchlich ist. Zwei qualitätvolle Statuen - eine Nischen-Stele und eine Dreier-Pseudo-Gruppe - waren nach Osten gerichtet, eine dritte Zweier-Pseudo-Gruppe blickte nach Süden. Die Nischen-Stele (14.49.1:) nimmt in diesem Serdab praktisch die Position einer südlich versetzten Scheintür in einem NS-Scheintürraum ein, eine Position, die in der Gestaltung dieses Objektes mit "Rundholz" und Opferformel offenbar bewußt anklingt. In dieser Stele ist im Süden die Standfigur des Grabherrn positioniert, zur Linken - im Norden - die Gruppenfigur des Grabherrn mit Gattin und Nachkommen. Die Installation faßt quasi den Statuenbestand der oben besprochenen Doppel-Serdabe zusammen. Nördlich davon stand die große Dreier-Pseudo-Gruppe (14.49.2:), einer der wenigen Belege dieses Statuentyps. Ein anderer Beleg, die Dreier-Pseudo-Gruppe des ra-wr, wurde im nördlichen Kultbereich seiner Anlage, in der


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"offering hall" gefunden (12.5.4:). An strukturell vergleichbarer Stelle befinden sich drei Statuenschreine in der ptH-Spss-Mastaba in Abusir (12.9.22:). Auch die Nordposition dieser Statue ist demnach kaum zufällig. Die dritte Statue (14.49.3:) stand an der Nordwand, direkt unterhalb des Serdabschlitzes. Die Position ist nicht ohne weiteres einleuchtend. Interpretiert man die gesamte Installation als eine Miniatur-Kultanlage, mit "innerer" Scheintürkultstelle (Nischen-Stele) und "äußerer" Nord-Kultstelle (Dreier-Pseudo-Gruppe), so wurde die stilistisch nicht zu den beiden anderen Statuen passende dritte Gruppe möglicherweise nachträglich dem "nördlichen" Bereich zugeordnet.

6. Ein zweites interessantes Ensemble befand sich im Serdab von G 2320 / G 5280 (14.50). Dieser Serdab liegt zwischen Korridor und Scheintürraum und verbindet durch seine Öffnung zum Korridor, aber mit Position im Westen, die beiden Kultbezüge "Innen" und "Außen". Auch hier liegt die Nord-Süd-Ausdehnung vor und wie bei pn-mrw treten ungewöhnliche Statuentypen auf. Der Serdab enthielt einige Fragmente, deren Zuornung nicht ganz sicher ist (14.40.4:-6:); recht gut erhalten sind eine Gruppensitzfigur (14.50.3:), eine Gruppenstandfigur (14.50.2:) und die ungewöhnliche männliche Standfigur (14.50.3:), die das rechte (!) Bein vorgestellt hat. M. Eaton-Krauss hat die Gruppensitzfigur als eine Pseudo-Gruppe gedeutet, die die Mutter des Grabherrn vom zweimal dargestellten Grabherrn flankiert zeigt<627>. Diese Deutung kann herangezogen werden, um auch die Gruppenstandfigur und vor allem die separate Standfigur zu deuten. Bei der Gruppenstandfigur (14.50.2:) fällt auf, daß die Mutter in der weniger prestigeträchtigen Position zur Linken steht, während sie in der Gruppensitzfigur die Prestigeposition in der Mitte einnimmt. Ebenso fällt das vorgestellte rechte Bein bei der Standfigur (14.50.1:) auf, das kaum als Zufall interpretiert werden kann. Im Moment der Auffindung wurden die beiden Statuen in offenbar orginaler Position gefunden, wobei die Standfigur zur Linken der Gruppenfigur stand<628>. In dieser Position bilden beide Statuen eine Gruppe, die strukturell der Gruppensitzfigur entspricht: im Zentrum die Mutter, zu beiden Seiten der Sohn, wobei die Abbildung zur Rechten von der Mutter umarmt wird. Daß die separate Standfigur größer ist, als die Gruppenstandfigur, sollte dabei nicht als Problem gesehen werden. Denn daß sie als Pendant zur Gruppenfigur gedacht ist, wird m.E durch die ungewöhnliche Schrittstellung unterstrichen: sie stellt die Spiegelung der Statue zur Rechten der Mutter dar<629>.

Das die Sitzfiguren im Süden und die Standfiguren im Norden aufgestellt waren, kann wieder als Bezug zu den beiden Kultplätzen Süden / "Innen" - ruhende Existenz im Grab - und Norden / "Außen" - Verlassen des Grabes / Aktivität im Diesseits - gedeutet werden. Ähnlich wie bei pn-mrw


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ist hier besonderer Wert auf die Statuenausstattung gelegt worden.

7. Zuletzt sei noch ein Beispiel für die Kombination einer Einzelfigur mit einem Ensemble aus Felsstatuen erwähnt. In der Kapelle des k-Hr-s.t=f auf dem Central Field befindet sich ein Ensemble aus Felsstatuen dem Zugang gegenüber, der Position eines Korridor-Statuenraumes vergleichbar (14.51). Diesem Ensemble wurde eine männliche Standfigur offensichtlich nachträglich hinzugefügt; sie steht der Standfigur im Vorbauschurz zur Linken, wie schon die in Fels geschlagene Knabenfigur zur Linken der traditionellen Standfigur steht. Während bei echten Scheintür-Serdaben eine nachträgliche Erweiterung des Statuenbestandes eher unwahrscheinlich ist, muß bei den nur teilweise vermauerten Statuenräumen im Kapellenbereich damit gerechnet werden, daß wie hier Statuen nachträglich hinzugefügt wurden. Auch dabei wurde dann eine gewisse Zuordnung der Statuen untereinander und zur Ritualrichtung berücksichtigt.

15.1.3 Statuen außerhalb von Statuenräumen

1. Die bisher besprochenen Statuen stammen aus einer besonderen Form der Deponierung von Statuen, dem sogenannten Serdab. Während die Statuen im Scheintür-Serdab immer dauerhaft vermauert sind, können solche, die den Korridor-Serdaben zuzurechnen sind, gelegentlich auch frei an den Kapellenschmalwänden oder auch in den Kapellen gefunden werden. Neben diesen Belegen, die sich mit den bisher besprochenen vergleichen lassen, gibt es aber einige Belege für außerhalb von Statuenräumen gefundene Statuen aus Giza, die davon unabhängige Formen der Statuenaufstellung bezeugen.

2. Drei aufgeführte Belege wurden im Kapellenbereich, vor den Scheintüren gefunden. Weitere Belege für derartige Aufstellungen wurden oben in Kap. 13.2. schon diskutiert. Die Sitzfigur aus G 2184 (14.52) und die vor der Scheintür des jTw gefundene Gruppenstandfigur (14.53) stehen nicht in direkter Beziehung zu den Kultstellen, an denen sie gefunden wurden. M.E. handelt es sich hierbei aber um spätere Hinzufügungen, etwa der einer männlichen Standfigur zu den Felsfiguren des k-Hr-s.t=f (14.51) vergleichbar. Da kein Depot vorhanden war, hat man die Statuen frei bei den Kultstellen aufgestellt. Eventuell muß mit einer sehr viel größeren Gruppe solcher nachträglich hinzugefügten Statuen gerechnet werden, die durch ihre offene Plazierung verloren gegangen sind. Nimmt man an, daß Grabanlagen längere Zeit in Betrieb waren - und darauf deuten die Umbauten und später hinzugefügte Grabschächte hin -, dann ist auch die sukzessive Ausstattung mit Statuen zu erwarten.

Ein Sonderfall ist die schon besprochene Gruppe aus vier Sitzfiguren aus der "Mastaba of the Inspector of the wab.t-workshop" (14.54). Auch hier könnte es sich um die Statue später hier bestatteter Personen handeln bzw. um Personen, deren Totenkult ebenfalls in der Kapelle durchgeführt wurde.


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3. Neben diesen Belegen für frei in der Kultanlage gefundenen Statuen gibt es zwei Belege für männliche Sitzfiguren, die den Zugang zur Kultanlage flankieren (14.55; 14.56). Vergleichbare Statuen wurden oben bei ra-wr (12.5) in den die Durchgänge flankierenden Serdaben und bei ptH-Spss (12.9.21:) im Bereich eines Durchganges der Statuenkultstelle erwähnt. Eventuell kann auch die Beeinflussung durch Königsstatuen angenommen werden, die die Eingänge von königlichen Bauten flankieren, was aber erst nach dem AR archäologisch sicher belegt ist. Auffällig ist auch, daß in beiden Belegen die Kopfbedeckung der Sitzfiguren ungewöhnlich ist: sxm-anx-ptH trägt eine am königlichen nms orientierte Kopfbedeckung, sSm-nfr IV. eine Strähnenperücke, deren Strähnen über die Schultern fallen, was bei Männern nur sehr selten belegt ist und ebenfalls an das Königskopftuch erinnert<630>. Im Gegensatz zu den bisher besprochenen Serdabstatuen sind die Sitzfiguren etwas überlebensgroß.

Da die Statuen die Eingänge flankieren, handelt es sich wohl nicht primär um Kultbilder, sondern rundplastische Abbildungen des Grabherrn, die seine Anwesenheit im Grab affirmieren. Die überlebensgroße Abbildung am Grabzugang ist eine besondere Formen der Monumentalisierung, über die der Grabherr seine Position sinnfällig machen kann. Ein Kultbezug ist bei diesen Statuen nicht vorauszusetzen; es sind affirmierende Rundbilder, etwa den seit Periode IV.b belegten anthithetischen Flachbilddarstellungen des jagenden Grabherrn am Grabzugang oder den "illustrierenden" Serdaben des ra-wr vergleichbar.

15.1.4 Einzelbemerkungen und Zusammenfassung

1. Im letzten Teil der Belegtabelle sind weitere Beispiele für Statuenensembles angeführt, die nicht mehr im Einzelnen besprochen werden sollen. Faßt man die Ergebnisse zu den Belegen für Statuen und Statuenensembles der Periode IV und V in Giza noch einmal zusammen, so läßt sich prinzipiell feststellen, daß sich einige wesentliche Aspekte immer wieder beobachten lassen. Es sind vor allem das Auftreten von zwei Kultrichtungen, nach Norden und nach Osten, und die Teilung der Kultanlage in einen "inneren" und einen "äußeren" Bereich. Zugleich wird gerade in den kleinen Anlagen diese Teilung kaum konsequent umgesetzt, sondern meist durch kombinierte Installationen verwirklicht. Diesem Prinzip unterliegt auch die Statuenaufstellung und die Zusammensetzung der Statuenensembles. Darin zeigt sich auch, daß es keinen prinzipiellen Unterschied in der funerären Praxis der Elite und der niederen Residenzschicht gibt. Vielmehr stellt jede funeräre Anlage eine konkrete Umsetzung der Vorgaben der Periode IV funerärer Praxis der Residenz dar, die der sozialen Position und den ökonomischen Potenzen des jeweiligen Grabherrn bzw. Statueninhabers (bei nachträglicher Plazierung) entspricht.


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2. Trotz der vielfältigen Überschneidungen und Ambivalenzen können drei Aufstellungsorte von Statuen in kleinen und mittleren Anlagen unterschieden werden:

  1. Die Aufstellung in einem Serdab im Westen der Anlage, bezogen auf oder in Verbindung mit der Scheintür (Scheintür-Serdab). Diese Aufstellung entspricht dem eigentlichen Serdabtyp der Perioden II und III, der in Eliteanlagen der Periode IV nur noch in der Form des Statuendepots im "inneren" Bereich der Grabanlage belegt ist.
  2. Die Aufstellung in einem Statuenraum / Serdab im Bereich des Korridores, tendenziell im Süden, aber auch im Norden und Osten (Korridor-Serdab). Diese Aufstellung entspricht Statuenplätzen im "äußeren" Bereich der Eliteanlagen.
  3. Die Aufstellung frei in der Kapelle oder, als Sonderfall, an den Zugängen. Da es sich bei frei aufgestellten Statuen um nachträgliche Erweiterungen des Bestandes handeln kann, ist eine funktionale Zuschreibung nur im individuellen Fall möglich.

3. Belege für Statuen in Schreinen, die in den Großanlagen der Periode IV häufig auftreten, sind in den kleinen und mittleren Anlagen kaum vorhanden. Es sei aber darauf verwiesen, daß gerade diese Installation auch sonst selten erhalten ist - oft markiert sich bei Großanlagen nur der Schrein im Grundriß - und im Fall von Felsstatuen auch bei mittleren Anlagen angenommen werden kann (siehe Kap. 18.3.). Zudem gibt es einige Belege für freistehend in der Kapelle oder offen an den Schmalwänden des Korridors aufgestellte Statuen, die zumindest ein funktionales Äquivalent der Schreinfigur sein können.

4. Charakteristisch für kleinere Anlagen ist die Kombination beider kultischer Ausrichtungen durch die Position des Depots z.B. im Südwesten, wodurch mehrere Funktionen durch eine Installation wahrgenommen werden. In einem Serdab können darüber hinaus mehrere Statuen durch unterschiedliche Aufstellung die verschiedenen Kultrichtungen abdecken, oder beide Kultrichtungen werden durch die verschiedenen Ausrichtung von Statue und Serdabschlitz umgesetzt (z.B. Statue nach Norden, Serdabschlitz nach Osten).

5. Der Statuenbestand und die auftretenden Typen in kleinen und mittleren Anlagen sind vor allem von sozialökonomischen Parametern bestimmt, d.h. wie viele und welche Statuen für den Statueninhaber erschwinglich waren. Das Auftreten großer Ensembles und seltener Statuentypen (Schreiber, Nacktfigur, Pseudo-Gruppe) sind mit einem gewissen Prestige indiziert. Praktisch kann jeder Statuentyp in den Serdaben auftreten, als Tendenz ist aber festzuhalten, daß große Ensembles und vervielfältigte Statuen einer Person vor allem in Korridor-Serdaben auftreten. Einzelne weibliche Dienerfiguren treten in West-Serdaben auf, größere Gruppen von Dienerfiguren nur in den Korridor-Serdaben. Aus diesen Depots der Korridor-Serdabe entwickelt sich in Periode V eine neue Form der Statuenverwendung, die in der Deponierung eines den Kult und vor allem die Versorgung des Toten rundplastisch affirmierenden Ensembles am oder im Schacht besteht.

6. Es sei an dieser Stelle noch auf die gelegentlich beobachtete Deponierung von Beigaben in Serdaben verwiesen. Bei snb (13.1) können diese Beigaben mit solchen verglichen werden, die in Sargkammern abgelegt wurden, was mit dem Gedanken des im Grab weilenden bestatteten Toten verbunden werden kann, dessen mittelbare Anwesenheit die eigentliche Serdabstatue affirmiert. Im


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Zusammenhang mit den Kulthandlungen, an denen die Teilnahme des Toten über die Statue affirmiert werden soll, sind die Beigabe eines Räuchergefäß im Serdab des Ax.w (13.22) und eines Tischchens mit Räuchergefäß (?) bei G 2009 (14.47) zu sehen. Mit der vermehrten Einführung von Dienerfiguren verändert sich der Charakter der Beigaben. Es sind nun vor allem Werkzeuge und Modellebensmittel, die in Serdaben auftreten, wie in G 2385 (14.101) und G 2004 (14.84). Auch die "drei rotgestrichenen Töpfchen mit schwarzen nilschlammähnlichen Inhalt" aus D 20 (14.39) werden wohl zu Dienerfiguren / Modellen gehört haben. Diese Beigaben haben denselben magischen Charakter wie die Dienerfiguren, die nun den Kult unabhängig vom Kultvollzug sichern sollen. Solche Ensembles gehören schon zu den Depots, die im Verlauf der Periode V zum Schachtserdab entwickelt werden.

15.2 Statuenfunde aus Oberflächenserdaben in Saqqara, Abu Rawash und Abusir (Periode IV) (Tab. 15)

15.2.1 Saqqara

1. Die Zahl der Statuen mit gesichertem Fundzusammenhang aus Saqqara ist etwas geringer als die aus Giza. Das liegt vor allem daran, daß kleine Grabanlagen, die in Giza eine Vielzahl von Statuen erbracht haben, in Saqqara bisher kaum untersucht wurden. Auf einige Eliteanlagen und die in ihnen gefundenen Statuenreste wurde oben in Kap. 13.1.2. schon eingegangen; recht gut untersucht sind daneben die Anlagen der mittleren Residenzbewohnerschaft, wenn auch oft nicht in der Qualität, wie in Giza.

2. Die Verlegung des Königsfriedhofes nach Giza hat in der 4. Dynastie offenbar zu keinem Hiatus in der Belegung des Friedhofes von Saqqara geführt. Die von A. Mariette sowie von W. B. Emery und G. T. Martin in Saqqara Nord freigelegten Gräber zeigen strukturell eine kontinuierliche Entwicklung, bei der Merkmale der Perioden II und III in solche überführt werden, die für Periode IV typisch sind. Dabei erlebt die materielle Ausstattung in Saqqara im Übergang von Periode III zu Periode IV eine gewisse Eigenentwicklung, unabhängig von Mustern, die in Giza entwickelt wurden. Der in Giza seit Periode III.c gebräuchliche Typ des Scheintür-Raumes (NS:L) ist in Saqqara nicht üblich<631>. Man bevorzugte hier im Übergang zur Periode IV den an die flachen, vor der Mastabfront liegenden Kultstelle der Periode III.a angelehnten Typ (NS:T) mit einem in der Mitte liegenden Eingang, wobei gelegentlich die Scheintür nicht in der Mitte der Westwand liegt, sondern nach Süden versetzt, so daß eine gewisse Ähnlichkeit zum Typ (NS:L:1s) der Periode III.c


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in Giza besteht. Tritt in Saqqara der Typ (NS:L:2) auf, ist mit Sonderfällen zu rechnen<632>. Möglich ist zudem, daß in Saqqara die alte Nischen- oder Kreuzkapelle der Periode II in kleineren Anlagen noch in der 5. und sogar 6. Dynastie gebräuchlich war<633>. In Periode IV.b tritt der südliche Scheintürraum mit Ost-West-Ausdehnung auf (OW), wobei Sonderformen wie die modifizierte Kreuzkapelle oder quadratische Scheintür-Räume auftreten<634>.

3. Die Kapellenanlagen kombinieren in einer mit den Beispielen aus Giza vergleichbaren Weise die im "Inneren" der Grabanlage liegende Südkultstelle mit einem Korridor und der Nordkultstelle. Entlang des Korridors treten gelegentlich Kultstellen weiterer Personen auf (z.B. bei Tjj, No. 60 / D22). In einigen Familiengrabstellen wie denen der kA-m-Hz.t und kA-m-snw-Familie (15.30; 15.31) werden mehrere ausgebaute Scheintürräume in einem Mastabamassiv angelegt, was strukturell der Vielzahl an Scheintüren in Korridorkapellen von Kleinanlagen in Giza entspricht.

15.2.1.1. Aufstellung

1. Aufgrund der bisher kaum erfolgten Untersuchung von Kleinanlagen in Saqqara sind Statuenfunde aus entsprechend einfachen Grabtypen mit Korridorkapellen kaum bekannt. Es überwiegen Funde aus solchen Anlagen, die einen entwickelten Kapellentyp besitzen, vor allem mit einem ausgebauten Kultraum vor der südlichen Scheintür. Von A. Mariette wurde oft überhaupt nur dieser Bereich freigelegt, während "äußere" Kultbereiche selbst bei größeren Anlagen nur oberflächlich untersucht wurden.

2. Wenig gebräuchlich ist der in Giza in der frühen Periode IV noch häufig belegte Scheintür-Serdab. In zwei Anlagen wurden Statuen in Serdaben gefunden, die in dieser Position im Mastabamassiv liegen (15.1, 15.2). Da der West-Serdab in Periode III in Giza eingeführt wurde, ist es nicht unwahrscheinlich, daß diese Tradition und die davon inspirierte Kombination von Scheintür und Serdab vor allem dort üblich blieb, während man in Saqqara die Tradition des tendenziell südlich der Scheintür gelegenen Serdabes der Periode II fortführte, was sich mit dem Befund der Großanlagen von Saqqara deckt. Die Mehrzahl der Statuenfunde in Saqqara Nord stammt aus Serdaben, die im Süden eines (OW)-Scheintürraumes gefunden wurden.

3. Die Aufstellung von Statuen im "äußeren" Bereich der Kapellen ist hingegen in beiden


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Friedhöfen vergleichbar. Im Süden des Korridors oder eines Vorraumes befindet sich häufig ein abgeteilter Serdab, in dem die Statuen meist mit dem Blick nach Norden aufgestellt waren; bei ra-Spss (15.28) ist eventuell auch der umgekehrte Fall mit einem Statuenraum im Norden des Korridors belegt. Vorläufer dieser Aufstellungskonvention sind die Belege für scheintürferne Statuenräume in Periode II<635>.

4. Die in Periode III bekannte Aufstellung von freistehenden Standfiguren südlich der Scheintür wie beim "Dorfschulzen" (3.9) oder ra-nfr (3.8) ist in Beispielen aus Saqqara auch in Anlagen noch belegt, die typologisch schon Merkmale der Periode IV aufweisen (Scheintürraum NS:T; entwickelte Dekorationsprogramme). Auf einige wesentliche Anlagen aus dem Übergang zu Periode IV in Saqqara, in denen Statuen frei im Bereich einer Kapelle aufgestellt waren, wurde schon eingegangen, die Diskussion soll hier nicht wiederholt werden ("Kairo- und Louvre-Schreiber": 15.21; 15.22; siehe Kap. 7.4.1.). Eine vergleichbare Position hat die große Holzfigur in S 3513 (15.27), die südlich neben der Scheintürnische aufgestellt war, dem Zugang gegenüber. An der Südwand des Scheintür-Raumes (NS:T:1) des kA-m-snw (15.31) waren drei Holzfiguren aufgestellt: zwei Standfiguren und eine der seltenen hölzernen Sitzfiguren in der Mitte. Aufstellungsort und Zusammensetzung des Ensembles erinnern an einen Serdab, doch hatte man auf eine Vermauerung verzichtet. Die Aufstellung einer freistehenden Statue im südlichen Teil des Scheintür-Raumes ist auch in B 14 (15.23) belegt. Der Typ der Kreuzkapelle ist hier noch der Periode II funerärer Praxis verpflichtet, während die Statue vom Typ der Gruppenfigur schon die Praxis der Periode IV vertritt.

5. Die eben erwähnte Kapelle des kA-m-snw ist Teil einer großen Familienanlage mit insgesamt fünf Scheintür-Räumen (NS:T:1) (15.31). Wie für die westlich davon gelegene Anlage der kA-m-Hz.t-Familie (15.30) ist die von den Ausgräbern angenommene und in PM aufgenommene Datierung in die 6. Dynastie anzuzweifeln. Sehr viel wahrscheinlicher handelt es sich bei den beiden Anlagen um Teile eines Friedhofs der mittleren Ebene von dependent specialists der frühen 5. Dynastie, der bei der Anlage der Teti-Pyramide und ihres Friedhofes teilweise überbaut wurde<636>. Bemerkenswert bei beiden Anlagen ist die Art der Gruppierung mehrerer Scheintürräume in einer Mastaba, was der Kombination von vielen Scheintüren im Korridor einer Kleinanlage gleicht. Mehrere der so gebildeten Kapellen enthielten Statuen, wobei sowohl Serdabe im Westen


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(Scheintür-Serdab) und im Süden des Scheintürraumes, im Süden in einem "äußeren" Kapellenbereich (Korridor-Serdab), und auch die eben erwähnte freie Aufstellung von Statuen südlich neben der Scheintür belegt sind.

Ein interessantes Detail ist die Angabe, daß bei der kA-m-Hz.t-Anlage eine Holztür gefunden wurde, auf der kA-m-Hz.t, weitere Angehörige und ein Stiftungstext genannt sind<637>. Es bietet sich an, in der Tür den Zugang zu einer Familienkultstelle zu sehen, in der neben dem Grabherrn / Stammvater kA-m-Hz.t auch der Kult anderer Familienangehöriger stattfand. Allerdings spielt bei der Etablierung der "Gemeinde" dieser Kultanlage den Inschriften der Tür nach weniger die gemeinsame biologische Abkunft eine Rolle, als die allen Genannten gemeinsame Tätigkeit als königliche Bildhauer und Baumeister. Es liegt wohl eine Verbindung von Familien- und Berufsfriedhof der dependent specialists vor, wie schon in Giza beobachtet<638>.

6. Eine sehr ungewöhnliche Art der Statuenaufstellung ist in der Anlage D 17 (15.32) angegeben. Die Mastaba besaß eine Korridorkapelle, die die beiden Kultstellen voneinander separierte. Im Süden lag die südliche Kultstelle mit einer ausgebauten Scheintür-Nische und einem südlich davon gelegenen Serdab (5), für den A. Mariette keinen Statuenfund angibt. Der nördliche Teil des Korridors markiert den Kultbereich vor der nördlichen Kultstelle, einer etwas flacher gehaltenen Scheintür-Nische. In der Ostwand (!) dieses Korridors befinden sich vier kleine Räume mit jeweils im Süden liegendem Serdab (1 bis 4), im Norden noch ein zusätzlicher Raum. In diesen Serdaben fand Mariette sechs Statuen, von denen L. Borchardt aber nur eine männliche Standfigur identifizieren konnte. Die Positionierung von mehreren Serdaben im Osten einer Kultanlage ist selten. Oben wurde ein Fall eines Statuenraumes im Osten erwähnt, der aber durch einen Bezug zur südlichen Scheintür-Kultstelle motiviert war (14.39), wie auch die Ausrichtung der Sitzfigur im Serdab von G 2099 (14.48.2:). Hier liegt aber ein Bezug zur nördlichen Scheintür vor; außerdem ist die systematische Art der Vervielfältigung bemerkenswert. Die gefundenen Objekte tragen die Namen n-mAa.t-ra und ptH-Spss; Beschriftungen der Kapelle sind nicht dokumentiert, so daß nicht ausgeschlossen werden kann, daß es sich hier nicht um Statuen des an der südlichen Scheintür verehrten Grabherrn handelt, sondern um die anderer Personen, die in den Kult an der nördlichen Kultstelle einbezogen werden. Auf das Phänomen nördlich gelegener Familienkultstellen soll in Kap. 18.3.4.2. noch eingegangen werden.

7. In der Anlage des ptH-Htp: jj-n-anx (15.35) befand sich im Süden des Scheintürraumes (OW)


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der Beleg für zwei voneinander getrennte Serdabe, die etwa dem Typ des "oberen" und "unteren" Serdab in Giza entsprechen. Die Serdabe waren fast völlig zerstört, dafür wurden mehrere Fragmente für hölzerne Figuren im Scheintürraum gefunden. Ob diese hier aufgestellt waren oder aus den Serdaben stammen, ist unklar.

15.2.1.2. Statuentypen und Anzahl

1. Es treten in Saqqara einige Übergangs- und Sonderformen von Statuentypen auf, die in Giza nicht oder nur selten belegt sind. So zeigt die männliche Sitzfigur aus der Anlage des Hw.tj (15.4.1:) die "alte" Handhaltung der Periode II mit ausgestreckter rechter Hand und zur Faust geballter linker Hand, aber die rechte Hand ist nicht mehr vor die Brust gelegt. Man kann diesen Typ als eine Zwischenform der männlichen Sitzfigur ansehen, der in der Übergangszeit von Periode III zu Periode IV auftritt. Sie ist einige Male in Saqqara belegt, so auch bei der Statue des kAj im Louvre<639>, die angeblich aus dem Ensemble des "Louvre-Schreibers" stammt (15.22.2:). In Periode IV setzt sich auch in Saqqara die Haltung mit zur Faust geballten rechter Hand und ausgestreckter linker Hand bei männlichen Sitzfiguren durch.

Weitere für Saqqara charakteristische Statuentypen sind die Gruppenfiguren vom Typ III (eine Hauptfigur sitzend, eine Hauptfigur stehend) und die Standfigur mit Vorbauschurz vom Typ D (keine Perücke, langer Schurz). Letzterer Statuentyp ist nur als Holzstatuen belegt; Statuen aus Holz sind insgesamt häufiger und vor allem auch in höherer Qualität aus Saqqara bekannt. Es wurde oben darauf verwiesen, daß Holzstatuen auch in Giza öfter anzunehmen sind und wohl zu großem Teil zerstört wurden. Dennoch läßt sich als Tendenz festhalten, daß zumindest aus der frühen Periode IV bemerkenswert qualitätvolle Ensembles mit Holzstatuen aus Saqqara stammen (3.9; 15.30; 15.36; 15.37)<640>. Mehrere dieser Statuen erreichen annähernd Lebensgröße. Holz war auf dem Friedhof von Saqqara ein durchaus prestigeträchtiges Material, wie auch das Auftreten von qualitätvollen hölzernen Scheintüren in Periode IV.a zeigt<641>.

3. Der Bestand der Ensembles ist dem der mittleren Anlagen in Giza vergleichbar. In einigen Fällen haben sich jedoch sehr große Ensembles erhalten, die besonders viele Statuen des Grabherrn enthalten. Die Zusammensetzung dieser großen Ensemble ist durch die z.T. widersprüchlichen Angaben nicht gesichert, es sei hier auf die des ptH-Spss (15.10) und des ra-Htp (15.11) verwiesen. In diesen Ensembles überwiegen Stand- und Sitzfiguren in unterschiedlichen Formaten und Materialien, daneben treten Gruppenfiguren, Schreiber und auch Dienerfiguren auf. Bemerkenswert ist das Ensemble des ra-Htp, das angeblich neben einer Gruppenfigur von dem


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vor allem für Saqqara typischen Typ III, drei männlichen Standfiguren, sieben männlichen Sitzfiguren noch fünf Schreiberfiguren, eine Standfigur mit Vorbauschurz und eine Standfigur mit vor die Brust gelegter rechter Faust umfaßt. Nicht nur die große Anzahl der Statuen, sondern auch das Auftreten ungewöhnlicher Statuentypen verweist auf die gehobene soziale Position dieses Grabherrn.

4. In einigen Ensembles treten Gruppen von Dienerfiguren auf (15.13; nur zwei bei 15.10). Sollte die Bemerkung von Mariette zutreffen, daß der Serdab von D 20 (15.13) vollständig verschlossen war und keinen Kommunikationsschlitz zur Kultstelle besaß, so wäre das ein weiterer Beleg dafür, daß in der fortgeschrittenen Periode IV Depots auftreten, in denen der Kult und die handelnden Personen unabhängig vom Vollzug rundplastisch affirmiert werden. Das Ensemble enthält tatsächlich auch die einmalige Statue des Hm-kA k-m-qd; auch alle anderen Dienerfiguren sind beschriftet. Durch die Beschriftung wird den Statuen ein besonderes Element mit dem Index "magische Selbstwirksamkeit" hinzugefügt. Strukturell entspricht dieser Typ des verschlossenen Depots im Graboberbau dem "unteren" Serdab der Belege aus Giza.

5. Bereits in Kap. 12.2.7. besprochen wurde der Fund von elf Modellbooten am Mund des Schachtes No. 240 in der kA-m-snw-Anlage (15.31.4:). Da die Datierung des Komplexes erst in die 6. Dynastie unwahrscheinlich ist, deutet der Fund auf die Deponierung von unbemannten Modellbooten schon in der Mitte der 5. Dynastie.

15.2.1.3. Die Ensemble des mjtr(j) und Ax.t-Htp

1. Die beiden Ensembles des mjtr(j) und des Ax.t-Htp verdienen eine eingehendere Betrachtung, da es sich hierbei um vollständige Ensembles mit weitgehend gesicherter Zusammensetzung und Aufstellung handelt. Beide Grabanlagen gehören Grabherren, die der gehobenen Schicht der Residenzbevölkerung zuzurechnen sind. Die Datierung beider Anlagen, insbesondere der des mjtr(j) ist umstritten<642>. M.E. sprechen sowohl die Lage der Gräber als auch die Grabtypen für eine Entstehung in der frühen 5. Dynastie, wobei für mjtr(j) sogar eine Datierung in die Übergangszeit von der 4. zur 5. Dynastie denkbar ist. Die Vielzahl der verwendeten Statuen und die auftretenden Statuentypen weisen auf die funeräre Praxis der Periode IV.a/b. Beide Ensembles enthalten ausschließlich Holzfiguren, was besonders typisch für Statuenensembles aus Saqqara angesehen werden kann.

2. Die genaue Lokalisation der Anlage des mjtr(j) ist nicht ganz gesichert; wahrscheinlich handelte es sich um eine Mastaba an der Südostecke der Djoser-Anlage, nördlich vom später angelegten Aufweg zur Unas-Pyramide. Nach dem Übersichtsplan von S. Hassan<643> besaß die Anlage zwei


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Nord-Scheintüren an der Mastabafront, einen Scheintürraum (NS:T) im Süden und südlich davon einen Serdab im Mastabamassiv. In diesem Serdab wurden elf hölzerne Statuen gefunden (15.36).

Sechs Statuen stellen eine männliche Person dar, wahrscheinlich den Grabherrn. Zwei dieser Statuen sind Standfiguren, wobei es sich bei der einen um den Typ der traditionellen Standfigur mit kurzem Schurz und Perücke handelt, bei der anderen um Typ D der Standfigur mit Vorbauschurz. Dazu kommen eine nackte männliche Standfigur, eine männliche Sitzfigur und zwei Schreiberfiguren. Die beiden Schreiberfiguren sind von unterschiedlicher Größe. Die größere ist mit Titel und Namen des Grabherrn beschriftet, auf ihrer Basis ist eine kleine Standfigur (Knabe?) eingelassen gewesen, die verloren ist. Außerdem enthielt das Ensemble vier weibliche Statuen: drei Standfiguren und eine weitere, deren Typ mir nicht bekannt ist (ebenfalls Standfigur?). Zuletzt enthält das Ensemble noch die einmalige Statue eines nackten buckligen Mannes mit auf die Schulter gelegter linker Hand, für die in Kap. 12.2.1. die Deutung als Dienerfigur vorgeschlagen wurde.

3. Die Vielfalt der Typen ist bemerkenswert. Das Ensemble des mjtr(j) umfaßt mit Ausnahme der Gruppenfigur alle Statuentypen, die in Periode IV in Gebrauch sind, darunter auch die als Holzstatue selten belegte Sitzfigur und den Schreiber. Der männliche Grabherr ist in dem Ensemble in allen wesentlichen Aspekten abgebildet, für die es rundplastische Beschreibungen im Bereich funerärer Anlagen gibt: die Sitzfigur als Beschreibung der versorgten und statusgerechten Existenz im Grab, die Standfigur als Beschreibung der fortdauernden aktiven Wirkungsfähigkeit, die Standfigur mit Vorbauschurz als Beschreibung der fortdauernden diesseitigen Anwesenheit (Zugehörigkeit zur Institution "Familie"), die Schreiberfigur als Beschreibung des fortdauernden diesseitigen Status als Residenzangehöriger (Zugehörigkeit zur Institution "Residenz") und die Nacktfigur als Beschreibung der fortdauernden körperlichen Integrität. Dazu treten die Nebenfiguren (Knabe?) bei der Schreiberfigur und die Statue des buckligen mr-sSr (?), über die das Umfeld des Grabherrn genauer charakterisiert und in bestimmten Personen festgehalten wird. Deutet man die kleine Nebenfigur bei der Schreiberfigur als Sohn, so ist die familiäre Kontinuität festgeschrieben, die zudem durch die Statuen der Frau im Ensemble affirmiert wird.

Daß auch die weiblichen Statuen vervielfacht auftreten, ist vor allem in der frühen Periode IV belegt (siehe 12.2; 12.3; 14.60/17.1). Ob die vier Statuen dieselbe Frau abbilden oder zwei oder mehr verschiedene, ist nicht gesichert. Da Belege mehrerer Gattinnen im funerären Bereich nicht üblich sind, können Gattin und Mutter, eventuell Tochter auftreten; wahrscheinlich ist aber die viermalige Abbildung der Gattin.

4. Durch zwei Fotos, die die Fundumstände zeigen, ist die Position der Statuen einigermaßen zu bestimmen<644>. Da die Identität der Grabanlage nicht eindeutig feststeht, kann hier nur


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angenommen werden, daß der Statuenraum im Süden der südlichen Scheintür-Kultstelle lag und seine größte Ausdehnung in Ost-West-Richtung hatte. Demnach standen ganz im Osten der Südwand, nach Norden gerichtet, die männliche Sitzfigur und zu ihrer Linken die kleine Schreiberfigur. Die Position der Sitzfigur entspricht der einer Sizfigur in einem Serdab der Periode II, südlich der Scheintür. Die enge Gruppierung mit der kleinen Schreiberfigur scheint beabsichtigt; eventuell stellt sie eine besondere Form der Verdopplung des sitzenden Abbildes des Grabherrn dar<645>. Etwas westlich davon waren die männliche Nacktfigur und die Standfigur mit Normalschurz aufgestellt; auch hier also die Kombination von einer traditionellen Darstellungsform mit einer neuartigen. Auch diese wenden sich nach Norden.

Die Sitzfigur und die traditionelle Standfigur beschreiben zusammen die beiden wesentlichen Aspekte, die seit Periode II dem Toten im Kult zugeschrieben und so rituell verwirklicht werden: Existenz im Grab und Handlungsfähigkeit. Diese beiden Aspekte werden auch hier beschrieben, wobei die alte Ausrichtung gemäß Periode II - nach Norden zur Scheintür gerichtet - beibehalten ist. Die Standfigur(en) steht dabei zur Linken der Sitzfigur(en), was auch ein Bezug zur Nordkultstelle herstellt: positioniert man die Statuen "ideal westlich", so befindet sich die Standfigur "im Norden", dem Ort, das Grab zu verlassen und aktiv zu wirken; die Sitzfigur "im Süden", dem Ort der Existenz im Grab.

Erweitert wird diese Beschreibung von Existenz und Handlungsfähigkeit durch zwei neuartige Statuentypen. Die Standfigur - Bild der Handlungsfähigkeit - ist kombiniert mit der Definition der körperlichen Unversehrtheit mittels der Nacktfigur, dem Bild der Voraussetzung für die Weiterexistenz. Die Sitzfigur - Bild der Existenz im Status des versorgten Toten - ist kombiniert mit dem Schreiber als Erweiterung der Definition des Status zu dem des Residenzangehörigen. Jeder der beiden "Grundaspekte" eines Toten, sitzend-versorgt und schreitend-aktiv, wurde durch eine neue, in Periode IV zum klassischen Bestand hinzutretende Statuenform verdoppelt und gewissermaßen "kommentiert": die Sitzfigur durch den Schreiber, die Standfigur durch die Nacktfigur.

5. Eine zweite kultische Richtung wird durch die an der Westwand des Serdab aufgestellten Statuen eingeführt, die nach Osten blicken. Diese Ausrichtung ist hier als Ausrichtung "zu den Lebenden" zu interpretieren. Zwei Statuen waren dort aufgestellt: vorn die Standfigur im Vorbauschurz, dahinter die große Schreiberfigur. Über beide wird die fortdauernde Einbindung des Grabherrn in diesseitige Institutionen beschrieben: die Familie (Standfigur mit Vorbauschurz) und die Residenz (Schreiberfigur). Daß die Standfigur vorn plaziert ist, ist auch in "inszenierten" Serdaben in Giza belegt (14.47) und kann mit der stärker "ins Diesseits" gerichteten Aktivität der schreitenden Figur erklärt werden. Die in Richtung diesseits wirkende Schreiberfigur ist zudem mit


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der Nebenfigur (des Sohnes?) kombiniert, was als Affirmation der Perpetualisierung des Residenzstatus in der Familie verstanden werden kann. Dieser klare Bezug zu "Diesseits / Familie" unterscheidet diese Schreiberfigur von der an der Südwand.

6. Zwei weibliche Standfiguren waren an der Nordwand aufgestellt, der männlichen Nacktfigur und der männlichen Standfigur im traditionellen Schurz an der Südwand direkt gegenüber. Diese Position erscheint auf den ersten Blick unmotiviert, da sie keiner der beiden bisher immer wieder auftretenden Kultrichtungen zu entsprechen scheint. Es sei aber an die oben Kap. 14. geführte Diskussion zu den Nord-Kultstellen erinnert, die Frauen gewidmet sind bzw. den Kult der Frau einbeziehen. Es wurde dabei auf einige Belege im Flachbild verwiesen, in denen sowohl an den Pfosten von Scheintüren als auch an dekorierten Nordwänden von Scheintürräumen (NS:L:1s) die Gattin dem Gatten "von Norden" entgegentritt<646>. Dieses Motiv ist im Serdab des mjtr(j) mit den Statuen "inszeniert": die Statue der Gattin „tritt“ den Standfiguren entgegen. Es sei auf die Markierung von zwei Nischen an der nördlichen Mastabafront der mjtr(j) zugeschriebenen Anlage verwiesen, von denen eine die Kultstelle der Gattin, die zweite die Nord-Kultstelle (oder die des den Kult in die nächste Generation tragenden Sohnes) sein kann.

7. Die Position der übrigen Statuen - zwei weibliche Figuren und die Statue des Buckligen - ist unklar. Eventuell waren sie an der auf den Fotos nicht erkennbaren östlichen Nordwand oder an der Ostwand aufgestellt. Am Platz an der östlichen Nordwand sollte theoretisch der Serdab-Schlitz vorhanden sein, was eine Aufstellung direkt davor ungewöhnlich machen würde. Die Position an der Ostwand wäre insofern nicht unlogisch, als damit wieder zwei weibliche Figuren den beiden männlichen Figuren an der Westwand gegenüberständen und außerdem der als Dienerfigur interpretierte Bucklige "aus dem Osten" agieren würde, eine Position, die den Schreiberfiguren in Felsgräbern in Giza entspräche, die eine ähnliche "dienende" Funktion haben. Die Position von Frauenstatuen im Osten würde das Motiv des "Entgegentretens" wieder aufnehmen, das schon die Kombination an der Nord- und Südwand bestimmte. Das "Entgegentreten" hier bezieht sich auf die "in das Diesseits" gerichteten Statuen des Grabherrn: Standfigur mit Vorbauschurz und Schreiberfigur. Durch diese wurde die Einbindung des Grabherrn in die diesseitigen Institutionen Familie und Residenz beschrieben; die Verbindung mit der Gattin hat dabei ebenfalls einen besonderen Bezug: den der Kontinuität der Generation. Das Motiv der Kombination entspricht genau der Darstellung an den erwähnten Nordwänden von Scheintürräumen, und sogar bis in die Details: der Grabherr ist hier ohne Perücke und im Vorbauschurz abgebildet, wie es die gegenüberstehende Statue auch ist.

8. Die Kombination von Statuenanzahl, Statuentyp und Statuenposition im Serdab des mjtr(j) belegt, daß in einer durchgeplanten Anlage eines Residenzbeamten die Komposition der Statuenausstattung denselben Prinzipien gehorcht, die man z.B. auch in den ausgefeilten


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Dekorationsprogrammen im Flachbild wiederfindet. Dabei werden die tatsächliche polare Richtung, aber auch die symbolische Kultrichtung und der Bezug der Statuen untereinander berücksichtigt. Ein Teil der Statuen steht im Süden und ist auf die Scheintür-Kultstelle gerichtet, bildet aber zugleich den "im Süden" im Grab verweilenden (Sitzfigur) und den "im Norden" heraustretenden Toten (Standfigur) ab. Den Standfiguren tritt die Gattin von Norden entgegen, eventuell wird dieses Motiv aber noch einmal an der Ostwand wiederholt, dort mit Bezug auf Statuen an der Westwand. Die Zuordnung der einzelnen Statuentypen zu den verschiedenen kultischen Richtungen ist dabei für die Interpretation ihrer Funktion von äußerstem Interesse.

9. Die Aufstellung der Statuen im Grab des Ax.t-Htp ist weniger spektakulär (15.37). Das Felsgrab nimmt die Struktur einer Korridorkapelle auf, an deren Südwand sich ein großer Serdab mit Kommunikationsschlitz befindet. Komposition und Bestand dieses sehr qualitätvollen Ensembles sind leider weniger gut dokumentiert als im Fall des mjtr(j). Die Statuen waren offenbar alle nebeneinander an der Südwand aufgestellt und blicken nach Norden. Ganz im Westen stand eine männliche Nacktfigur, zur Rechten eine weibliche Standfigur. Die übrigen männlichen Standfiguren folgten, eine große männliche Standfigur mit Vorbauschurz muß etwa im Zentrum der Statuengruppe plaziert gewesen sein.

Der Bestand beider Ensembles ist vergleichbar: auch bei Ax.t-Htp tritt eine Nacktfigur und eine Standfigur mit Vorbauschurz im Saqqara-Typ D auf. Es fehlen die Schreiberfiguren und eine der Statue des Buckligen vergleichbare Figur. Dafür gibt es gleich vier (oder fünf?) männliche Standfiguren im traditionellen Schurz, aber nur eine weibliche Standfigur. Festzuhalten ist noch, daß drei der traditionellen Standfiguren des Mannes die bei Holzfiguren übliche Armhaltung mit einem Stab in der erhobenen linken Hand zeigen, eine aber beide Arme am Körper herabhängend hat. Ob diesem Umstand eine besondere funktionale Zuweisung zugrundeliegt, läßt sich nicht ausmachen. Die Standfigur mit Vorbauschurz ist lebensgroß und damit bedeutend größer als die traditionellen Standfiguren. Es zeigt sich hier m.E. die Herleitung dieses Statuentyps aus den "lebensechten" Statuen der Periode III, die in besonders unmittelbarer Weise die Anwesenheit des Toten darstellen. Durch die Vermauerung im Serdab haben die Statuen des mjtr(j) und Ax.t-Htp zwar die Funktion etwa der Schreinfigur als Kultbild verloren; wie die Nacktfigur beschreiben sie dessen Existenz und Gegenwart aber in sehr viel unmittelbarer Weise als die traditionellen Statuen. Mit der großen Vorbauschurz- und der Nacktfigur wurde ein charakteristisches Element der Periode III in die Statuenensembles der Periode IV aufgenommen.

15.2.2 Abu Rawash, Abusir und Dahschur

1. Statuenfunde aus Abu Rawash, Abusir und Dahschur belegen, daß auch auf diesen Friedhöfen die formalen Vorgaben Periode IV der funerären Praxis der Residenz wirksam waren.


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2. Interessant ist die Aufstellung der Statuen in der Anlage in Abusir, die einem wsr-kA=f-anx zugeschrieben wird (15.67). Die Kultanlage besteht aus einem Scheintürraum (NS:T:1s) im Süden und einer an der Mastabafront gelegenen Nord-Scheintür. Vor der Nord-Scheintür befindet sich eine Kapelle aus zwei Räumen. Im Raum direkt vor der Scheintür war eine Gruppenstandfigur aufgestellt. In dem östlich davon gelegenen zweiten Raum befand sich die Standfigur des wsr-kA=f-anx. Der Name ist nur auf dieser Statue belegt.

Daß eine Gruppenfigur im Bezug zur nördlichen Kultstelle stehen kann, wurde oben in einigen Belegen für Doppel-Serdabe aus Giza besprochen. Die Anlage in Abusir zeigt in der Gestaltung des Scheintür-Raumes (NS:T:1s) mit nur einer Scheintür noch Bezüge zur funerären Praxis der Periode III.c, wie überhaupt "altertümliche" Praktiken wie der Gebrauch des Ersatzkopfes in der Sargkammer des kA-Htp (4.34) in Abusir in der frühen 5. Dynastie üblich gewesen zu sein scheinen<647>. Es ist also denkbar, daß auch hier die Gruppenfigur mit der Vorstellung der Einbindung des Grabherrn in die Familie über die nördliche / "äußere" Kultstelle in Beziehung steht.

Die in einem östlich davon gelegenen Raum aufgestellte Statue des wsr-kA=f-anx ist ebenso mit dem Kult der nördlichen Kultstelle zu verbinden. Es kann sich um eine Darstellung des "heraustretenden" Grabherrn handeln, etwa der Schreinfigur vergleichbar. Möglich ist aber auch, daß diese Statue gar nicht den Grabherrn selbst abbildet, sondern eine andere männliche Person, deren Kult in den kollektiven Kult des "äußeren" Bereiches der Grabanlage integriert ist.

3. In Dahschur ist auf dem Friedhof des späten AR eine Kapellentyp sehr gebräuchlich, der aus einem Korridor mit mehreren Scheintüren und einer südlich gelegenen Hauptkultstelle mit Scheintürraum (OW) besteht. Hier ist der auch in Giza belegte Serdab im Westen der südlichen Scheintür, der in Saqqara verhältnismäßig selten ist, regelmäßig belegt. In einem dieser Scheintür-Serdabe wurde das Fragment der aufgeführten Gruppenfigur gefunden (15.72).

15.2.3 Zusammenfassung

1. Die Belege der übrigen Residenzfriedhöfe von der späten 4. bis frühen 6. Dynastie zeigen auch auf der Ebene der mittleren Residenzbewohnerschaft keine wesentlichen Differenzen zu den in Giza festgestellten funerären Praktiken. Es lassen sich aber Unterschiede in bestimmten formalen Traditionen feststellen.

2. Die Aufstellungsorte von Statuen und die Art der Aufstellung in meist verschlossenen Serdaben


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sind im genannten Zeitraum auf allen Residenzfriedhöfen vergleichbar. Es lassen sich zwei grundsätzliche Positionen unterscheiden: a) im Bereich der südlichen Scheintür-Kultstelle, wobei in Saqqara hier die Position hinter der Südwand des Scheintürraumes bevorzugt wird, und b) im "äußeren" Bereich der Kapelle. Belege für Statuen aus den "äußeren" Bereich sind jedoch spärlich. Dafür treten in Saqqara gelegentlich freistehende Statuen südlich neben der Scheintür-Kultstelle auf, was als Fortsetzung einer Tradition der Periode III angesehen werden kann.

3. Auch die auftretenden Statuentypen und ihre Anzahl und Gruppierung ist der in Giza vergleichbar. Als eine auf Saqqara beschränkte Sonderform tritt die Standfigur mit Vorbauschurz vom Typ D auf. Ebenfalls vor allem in Saqqara belegt ist der Typ III der Gruppenfigur. Außerdem wurden in Saqqara offenbar häufiger Holzfiguren verwendet, wobei aber berücksichtigt werden muß, daß in Giza die entsprechenden Parallelen eventuell zerstört sind.

4. Faßt man die Beobachtungen zu den formalen Unterschieden zwischen Giza und Saqqara zusammen, so ergibt sich, daß Differenzen vor allem in der Übergangszeit von der Praxis der Periode III zu der der Periode IV bestehen. Der für die Periode III.c in Giza typische Scheintürraum (NS:L:1s) mit einem West-Serdab ist in Saqqara kaum belegt und der für Periode IV.a in Giza charakteristische Typ (NS:L:2) so gut wie gar nicht. Dafür kann in Saqqara eine kontinuierliche Weiterentwicklung der flachen Südnische der Periode III zu einer in das Mastabamassiv verlegten Nische (NS:T) und schließlich der "Verlängerung" dieser Nische zum Scheintürraum (OW) verfolgt werden. In diesem Zusammenhang bleibt der "innere" Serdab gewöhnlich im Süden des Scheintürraumes plaziert.

Auch bei den Statuentypen gibt es in Saqqara Übergangstypen, die in dieser Form in Giza nicht häufig sind. Bei der männlichen Sitzfigur läßt sich im Wechsel der Handhaltung ein allmählicher Übergang vom Typ der Periode II (linke Hand zur Faust) zum Typ der Periode IV (rechte Hand zur Faust) beobachten. Die Standfigur mit Vorbauschurz vom Typ D ist die direkte Weiterentwicklung der in Saqqara belegten naturalistischen Standfigur der Periode III und als Typ in Giza nicht belegt.

Auch in der Bevorzugung der Gruppenfigur vom Typ III in Saqqara in Periode IV.a läßt sich eine lokale Tendenz erkennen, Gatte und Gattin noch als verschiedene, individuelle Entitäten zu behandeln, wie in Periode II und III üblich, und weniger als eine sozial-kollektive Entität, wie in der hohen Periode IV üblich. Diese Tendenz ist ebenfalls in der Widmung der Scheintür-Kultstellen erkennbar: "Nördliche" Kultstellen in einem Scheintürraum (NS:L:2), die den Kult von Gatte und Gattin verbinden, sind in Saqqara selten, dafür gibt es gelegentlich echte, abgetrennte Nord-Kultstellen für den Kult von Gatte und Gattin oder eigenständige Kultstellen für die Gattin (siehe Kap. 14.).


Fußnoten:

<622>

Reisner 1942: 285-288 (Typ 11)

<623>

Hassan Giza V: 48

<624>

A. M. Roth vermutet, daß beide Figuren dieselbe Person abbilden, die neben dem ungewöhnlichen Namen r-r-mw den gebräuchlicheren n-kA.w-ptH trägt (BGM 6: 152).

<625>

BGM 6: 151f

<626>

BGM 4: 24; fig. 27

<627>

Eaton-Krauss 1995: 58f

<628>

Brovarski 1997: pl. XLVII.1

<629>

Ein Beleg für die "gespiegelte" Beinstellung bei einer Pseudo-Gruppe, allerdings mit genau umgekehrter Schrittstellung und erst aus dem MR, ist die Gruppe des Fische opfernden Amenemhet III (Kairo 1986: Nr. 104).

<630>

Vandier 1958: 104

<631>

Reisner 1942: 303

<632>

So etwa bei No. 13 / D44, wo die südliche Scheintür für den Gatten, die nördliche Scheintür für die Gattin dekoriert ist (Mariette / Maspero 1889: 298). Der Raumtyp (NS:L:2) der Periode IV.a von Giza mit der oben besprochenen Sonderfunktion der nördlichen Scheintür als Kultstelle der Familienbindung ist in Saqqara kaum belegt; hier treten dafür klar getrennte Kultstellen für Gatte, Gattin und gegebenenfalls Sohn auf, siehe Kap. 14.

<633>

So Martin 1981: 109, wobei m.E. aber deutlicher als dort vorgenommen zwischen Mastabas mit Nischen-/ Kreuznischenkapellen und solchen mit "tiefen" OW-Nischen zu unterscheiden ist. Nischenkapellen sind typisch für die Praxis der Periode II, sehr flache Nischen für Periode III, ab Periode IV.b sind OW-Räume gebräuchlich, die oft nur als tiefe, aber sehr viel breitere Nischen als die Kapellen der Periode II markiert sind.

<634>

Reisner 1942: 302-304

<635>

Siehe z.B. den Grundriß von S 3070, einer Mastaba mit zwei Bestattungsanlagen und zwei Scheintür-Kultstellen in der Tradition der späten Periode II, die am Südende des Korridors einen verschlossenen Serdab besitzt (Emery 1968: pl. II).

<636>

Siehe die Bemerkung "The two mastabas were completely buried under a great mound of Old Kingdom debris" (Firth / Gunn 1926: 31), die die Ausgräber zwar auf die Neubelegung in der 1. ZZ / MR beziehen, die aber auch schon bei Anlage des Teti-Friedhofes angefallen sein kann, für dessen Gräber eine solche Schuttschicht nicht angegeben wird. Siehe auch den Hinweis von Zayed auf das notebook von Firth mit dem Vermerk, die Gräber könnten älter als der Teti-Friedhof sein (Zayed 1956: 11). Cherpion 1989: 112-115, 136f; Cherpion 1998: 100 setzt sich ausführlich mit der Datierung auseinander. Sie datiert die Stilistik der Flachbilder und der kA-m-Hz.t-Statuen aus Kalkstein an das Ende der 4. Dyn. / Djedefre, die des kA-m-snw in die 5. Dyn. / Neuserre. Da es sich in beiden Fällen um Familiengrabstellen handelt, ist eine Belegung vom Ende der 4. Dynastie bis in die Mitte der 5. Dynastie wahrscheinlich.

<637>

Kairo JE 47749; PM III: 542f; Zayed 1956: 8-11, fig. 8. Auf den mir bekannten Plänen ist keine Anlage verzeichnet, die der Angabe "from Mastaba west of Kaemhest" in PM III: 543 entspricht. Zayed 1956: 8 gibt an "provenant de la chapelle funéraire de Kaemhesit".

<638>

Vergleiche die ganz ähnlich gestaltete Holztür, die in der Aufschüttung des Unas-Aufweges gefunden wurde und wohl von einer ähnlichen Installation im Friedhof der dependents der 5. Dynastie in diesem Gebiet stammt (Moussa 1972: Taf. XXIX). Hier sind neben einem groß dargestellten Paar und deren Kinder in zwei Bildstreifen weitere Personen, darunter solche in der Ikonographie von Dienerfiguren abgebildet, die wohl ebenfalls zur Kultgemeinde zählen.

<639>

Louvre A. 106 (Vandier 1958: pl. XIX.6; Ziegler 1997.b: 104-108)

<640>

Harvey 1999: 365

<641>

Z.B. die ST JE 72201 (Kairo 1986: Nr. 58), zur Datierung in die späte 4. Dyn.: Cherpion 1989: 115.

<642>

Zuletzt: Munro 1993: 7.

<643>

Hassan Saqqara I: General Plan of the Site of Excavations

<644>

Zayed 1956: fig. 11, 12

<645>

Siehe auch die Sonderform von Kombinationen von Sitzfigur und Schreiberpose, die in der frühen Periode IV belegt ist: 5.66; 15.12.1:.

<646>

Harpur 1987: pl. 7, pl. 30

<647>

Die Rücksicht, die beim Bau der Neuserre-Anlage auf die Mastabas genommen wurde zeigt, daß einige Anlagen der Mastabagruppe östlich der Pyramide des Neuserre schon in die Zeit vor dem Bau der Pyramidenanlage, also in die frühe 5. Dynastie, datiert (Borchardt 1907: 109-134).


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