Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

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Kapitel 16. Periode V: Schacht- und Sargkammerensembles in Saqqara, Giza und Saqqara Süd

(Tab. 16)

16.1 Saqqara

1. Bei der Besprechung der Statuendepots in Kap. 15.1.1.3. wurde bereits auf solche Ensembles eingegangen, die in gänzlich abgeschlossenen Serdaben bzw. in solchen, die als "unterer" Serdab eines Doppelserdabes untergebracht wurden. Es handelt sich hierbei in der Regel um Ensembles, die größere Gruppen von Dienerfiguren inkorporieren. Da diese Ensembles nicht durch Kommunikationsschlitze mit bestimmten Kultplätzen im "inneren" oder "äußeren" Kultbereich in Verbindung stehen, scheint hier die Affirmation der Teilnahme der abgebildeten Personen am Kult nicht mehr der eigentliche Zweck der Deponierung zu sein. Vielmehr wird der Aspekt der "mittelbaren" Anwesenheit, des "im-Verborgenen-existieren" aktiviert, der besonders den Statuen in einem Scheintür-Serdab seit Periode II zukommt. Diese Statuen affirmieren vor allem die Existenz, dauerhaft und unabhängig von Handlungen, der Abgebildeten im Bereich des Grabbaues.

Spätestens für die Statuendepots in Schächten ist ausgeschlossen, daß sie noch mit Kulthandlungen in der Kapelle direkt in Verbindung standen. Die in ihnen untergebrachten Statuen hatten demnach nicht die Funktion, die Anwesenheit des Grabherrn bei einer kultischen Handlung rundbildlich zu affirmieren - sei es die (verborgene)Teilnahme am Kult an der südlichen "inneren" Kultstelle, sei es die Abbildung des Grabherrn beim Kult an einer Schreinfigur im "äußeren" Bereich. Aufgabe solcher verborgenen Statuen ist die magische Sicherung von Aspekten des Grabherrn (Existenz, körperlichen Integrität, Handlungsfähigkeit) und seiner weiteren und dauerhaften Versorgung.

2. Serdabe, die sich noch im Bereich der oberirdischen Anlage, aber direkt dem Schachtmund zugeordnet befinden, stellen die ersten Belege für "echte" magische Depots bei kleineren und mittleren Anlagen dar, die damit auf die Praxis der Periode V verweisen. Der Schachtserdab des ra-xw=f (16.1) wurde bei der Besprechung der Dienerfiguren schon diskutiert. Wie der entsprechende Beleg des jdw II. in Giza (14.44) stellt dieser Serdab einen Übergangsbeleg zu Bräuchen der Periode V dar. Interessant ist die "inszenierte" Anordnung der beiden Statuen, die noch ganz den Prinzipien der Periode IV folgt: die Frau steht zur Linken des Mannes, beide Figuren sind nach Osten, in Kultrichtung ausgerichtet. Wenn der Bestand dieses Ensembles typologisch schon denen der Periode VI gleicht (insbesondere die Frauenfigur als Gabenbringerin), so sind die räumlichen Bezüge und der Aufstellungsort noch der Periode IV verpflichtet: die Position des Serdab und die Ausrichtung stellen einen Bezug zum Kult her, die Statuen sind nicht


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allein magische Installationen, sondern affirmieren weiterhin auch die Teilnahme der Dargestellten am oberirdischen Kultgeschehen.

3. In Großanlagen der Periode V.a lassen sich solche Depots im Bereich der Bestattungsanlage nicht nachweisen. Hier werden vielmehr die Sargkammern selbst als magisch wirksame Installationen der Opferversorgung ausgebaut. G. Lapp hat die zuerst in Großgräbern auf dem Unas- und dem Teti-Friedhof auftretenden Belege dekorierter Sargkammern beschrieben<648>. Die Dekoration setzt sich aus der Abbildung der Opferliste und des großen Speiseopfers, des Kultinventars und der Prunkscheintür zusammen. Abbildungen von Menschen oder andere Bezüge zum praktischen Kultvollzug in der oberirdischen Kapelle werden vermieden, nur einmal ist vor dem Speiseopfer ein leerer Stuhl abgebildet, auf dem der in der Sargkammer in der Mumie anwesende Tote Platz nehmen soll<649>. Die Dekoration affirmiert also die andauernde Versorgung des Toten (Speiseopfer, Kultinventar) und seine Fähigkeit, die Sargkammer zu verlassen (Prunkscheintür). Der Tote ist in diesem Zusammenhang in Form der Mumie anwesend (= Körperfigur), zum Opferempfang befähigt (= Sitzfigur) und durch die Scheintür auch bewegungsfähig (= Standfigur); die konservierte Leiche übernimmt die Rolle des Abbildes des Grabherrn, eine rundplastische Abbildung wäre in diesem Zusammenhang prinzipiell unlogisch. Auch die bei der Dekoration von Sargkammern und später Särgen zu beobachtende Scheu, Menschen in unmittelbarer Umgebung der Leiche abzubilden, wird als Erklärung dienen können, warum in Periode V.a keine Rundbilder in der eigentlichen Sargkammer, sondern nur im Schachtbereich zu finden sind.

4. Schachtdepots sind in Saqqara in kleineren Anlagen sowohl in Nischen innerhalb des Schachtverlaufes belegt (16.6; 16.9) als auch in Depots ganz am Schachtboden bzw. dem Zugang zur Sargkammer (16.3; 16.4; 16.5). Eine klare Trennung der Schachtdepots von den jüngeren Sargkammerensembles ist nicht immer möglich, allerdings gibt es einige Unterschiede im Bestand. So enthalten die Schachtdepots vor allem vervielfältigte Standfiguren des Grabherrn, darunter den für diesen Serdabtyp charakteristischen Typ E der Standfigur mit Vorbauschurz, und einige Dienerfiguren und Bootsmodelle, aber noch nicht die Vielzahl der Modelle von Wirtschaftsanlagen der Sargkammerensembles. Die Dienerfiguren entsprechen zwar typologisch meist schon der Gruppe B, sind aber oft noch als Einzelfiguren ausgeführt. Auch das Auftreten von beschrifteten Modellspeisen unabhängig von Dienerfiguren oder Modellen der Nahrungsherstellung ist für die Schachtdepots charakteristisch.

5. "Echte" Sargkammerensemble treten in Saqqara dann im Friedhof um die Teti-Pyramide auf und


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datieren vor allem aus der 1. ZZ und dem MR. Die Leichen liegen in diesen Anlagen meist in sorgfältig dekorierten Särgen, die die Tradition der Sargkammerdekoration vom "Saqqara-Typ" aufnehmen<650>. Die Leiche ist in diesen Särgen in eine magische Installation eingebunden, die die Existenz, Versorgtheit und Aktionsfähigkeit gewährleistet. Um den Sarg als dem zentralen Teil der Bestattung in Periode VI der funerären Praxis werden weitere Elemente der magischen Affirmation aufgebaut, darunter die Holzfiguren der Sargkammerensembles. Die Ensembles sollen hier nur in der Belegtabelle aufgelistet werden. Charakteristisch sind die Dienerfiguren der Gruppe B und das Fehlen von Sitzfiguren. Standfiguren des Grabherrn treten gewöhnlich verdoppelt auf und sind in der Regel aus härterem Holz gefertigt als die übrigen Statuen. Die Standfigur mit Vorbauschurz (Typ E) tritt in den entwickelten Sargkammerensembles nicht mehr besonders in Erscheinung.

Wie schon bei den Schachtdepots festzustellen war, haben diese Installationen keinen Bezug zum Kult in der Kapelle. Die Abbilder affirmieren also nicht mehr die Anwesenheit bestimmter Personen im Rahmen von kultischen Handlungen, sondern allein die magisch wirksame Existenz der jeweils abgebildeten Person oder Personengruppe.

6. Mit der endgültigen Verlegung der Statuenräume in den Schacht und schließlich die Sargkammer scheinen Statuen im Bereich der oberirdischen Kultstelle kaum noch aufzutreten. Dieser Befund sollte aber nicht dazu verleiten, anzunehmen, daß in Periode VI gar keine Statuen mehr im oberirdischen Kult verwendet wurden. Der Beleg des xnw (II) (16.2) ähnelt dem des ra-xw=f (16.1). In einem kleinen Serdab südlich der Opferstelle wurden hier zwei Holzfiguren gefunden, von denen eine den Grabherrn im Vorbauschurz zeigt. Die Position des Serdabes und die Vervielfältigung haben deutliche Bezüge zur Statuenverwendung der Periode IV. Die Anlage datiert aber in die Mitte der 6. Dynastie. So ist es nicht auszuschließen, daß derartige kleine Holzfiguren weiterhin im oberirdischen Kult genutzt wurden. Die Deponierung in einem kleinen Serdab wie bei xnw (II) ist jedoch in Saqqara nicht mehr belegt.

16.2 Giza

1. Beispiele für Schachtdepots in Giza wurden oben schon angeführt (13.19; 14.44; 14.45)<651>. Belege für Sargkammerensembles, die denen von Saqqara vergleichbar sind, gibt es in Giza selten (16.28-30). Die Belegung des Friedhofes von Giza scheint am Ende des AR eingestellt worden zu sein, so daß dieses für die funeräre Praxis der Periode VI charakteristische Phänomen


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kaum auftritt<652>.

2. Auf eine mögliche Sonderentwicklung bei der Einbeziehung von Statuen im Bereich der Sargkammer in Giza schon im Übergang von der 5. zur 6. Dynastie wurde im Kap. 11.2. schon eingegangen. Die Beleglage ist spärlich, so daß eine Entscheidung problematisch ist, ob man es bei den wenigen z.T. sehr große Holzfiguren (darunter Nacktfiguren), die in der Sargkammer gefunden wurden, mit einer eigenständigen Entwicklung funerärer Praxis zu tun hat (16.31-38). Ein Bezug zu den jüngeren Schacht- und Sargkammerensembles besteht nur mittelbar, denn die für diese charakteristischen Dienerfiguren fehlen. Für ein so nur in Giza belegtes Interesse, die Sargkammer in der Übergangszeit von Periode IV zu Periode V stärker in die funeräre Praxis einzubeziehen, sprechen einige Belege für die Übernahme von Dekorationselementen in den unterirdischen Grabteil, die aus der Dekoration oberirdischer Kapellen stammen. Dieser von G. Lapp beschriebene "Giza-Typ" der Sargkammerdekoration steht in Bildauswahl und Komposition in keiner Beziehung zu den dekorierten Sargkammern der Periode V in Saqqara und Saqqara Süd<653>. Abgebildet werden die Speisetischszene mit dem Bild des Grabherrn, die Opferliste und in der Anlage des kA-m-anx ein ausführliches, an die Dekoration oberirdischer Scheintürräume angelehntes Bildprogramm<654>. Charakteristisch für den "Giza-Typ" ist, daß es sich um die Übernahme von formalen Vorgaben der oberirdischen Kapellenausstattung handelt und nicht um eine kompositorisch und konzeptionell geschlossene Neuschöpfung wie in der Dekoration von Sargkammern in Saqqara. Auch ist hier nicht die dort belegte Vermeidung der Abbildung von Menschen / Lebewesen zu beobachten<655>.

3. Wie die Sargkammerdekoration im "Giza-Typ" eine Übernahme von Elementen des oberirdischen Kultbereiches darstellt, so ist auch der Statuenfund aus D 211 (16.37) offenbar als Übernahme eines Serdab-Ensembles in die Sargkammer zu deuten, wobei wie dort üblich die Standfigur vervielfacht, die Sitzfigur aber nur einmal auftritt. Insbesondere das Auftreten der Sitzfigur ist charakteristisch für die Sonderstellung der Sargkammerfunde aus Giza: Sitzfiguren eines Grabherrn treten in den Schacht- und Sargkammerensembles der Perioden V und VI nicht auf; diese Statue affirmiert die Anwesenheit des Toten beim Kult im Grab, eine Aufgabe, die


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innerhalb der magischen Depots der Periode V und VI keine Bedeutung hat<656>.

16.3 Statuennutzung in Anlagen des Pepi II.-Friedhofes in Saqqara Süd

1. Der Friedhof um die Pyramide Pepi II. enthält Grabanlagen, die neue, eigenständige Typen darstellen. Neben einigen Großanlagen mit quadratischem Grundriß, die nur eine oder zwei Bestattungen aufweisen (z.B. N V, O I, O II), und kleinen Miniaturmastabas mit nur einer Bestattung (z.B. N VII, N VIII) gibt es Großgräber, die eine Vielzahl von Bestattungen aufnehmen, die deutlich hierarchisch voneinander abgesetzt sind (z.B. M VIII, M X, M XI, M XII, N IV)<657>. Die Bestattungsanlagen der Hauptbestattungen sind in einer sehr charakteristischen Form als dekorierte Kammern aus Kalkstein angelegt, in denen die Leiche selbst oft in einer Bodenmulde liegt. Die Kammern sind in einheitlicher Weise dekoriert; das Dekorationsprogramm stellt die Weiterentwicklung der Dekoration der Sargkammern von Großanlagen auf dem Teti-Friedhof dar und ist das Vorbild für die dekorierten Särge der Periode VI<658>. Auch, wenn viele Elemente der Grabgestaltung schon auf Periode VI verweisen, sollen die wesentlichen Anlagen des Friedhofes noch als eine Spätform der Praxis der Periode V (V.b) gewertet werden<659>.

2. Die Statuenfunde aus den Sargkammern und Schächten entsprechen im Bestand in etwa denen aus Schachtdepots in Saqqara. Es treten Dienerfiguren, Modellensembles und Boote auf. Es sind aber auch Modelle von Opfergaben und die Standfigur mit Vorbauschurz vom Typ E vertreten, beides Elemente der Periode V.

3. Neben der Einführung dieser neuen Objekte in den Bereich der Bestattungsanlage deuten Funde wie die von Miniatur-Mundöffnungsgeräten und Modellgefäßen aus Stein und Ton (16.40; 16.43; 16.45; 16.49) auch auf ein Fortleben der Beigabenpraxis der Periode IV. Solche Objekte der Leichenbehandlung und Leichenversorgung (im Gegensatz zu Gegenständen, die als Ausrüstung und Versorgung bei oberirdischen Kulthandlungen dienen) treten in den Schachtdepots der Periode V.a nicht auf; sie zählen aber zum üblichen Beigabenbestand einer Sargkammer schon in


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Periode III und IV. Beigaben in Sargkammern werden hier nicht eingehend untersucht, es sei daher auf die Beobachtungen von H. Junker verwiesen<660>. In Giza bestehen demnach die Beigabendepots in Sargkammern, die gewöhnlich an der Ostseite des Sarges abgelegt wurden, aus Naturalopfern (Rinderknochen, Geflügelknochen, Brot, Gefäße für Getränke), diverser Lebensmittelkeramik, Steingefäßen für Öle, Tischchen, Waschgeräten (alles als Gebrauchsgeräte und / oder Modelle) sowie einem Satz von Werkzeugen aus Stein und Kupfer. Die Menge der Beigaben bleibt in der 4./5. Dynastie etwa konstant und nimmt erst am Ende des AR sprunghaft zu, was mit dem insgesamt verstärkten Interesse an der Bestattungsanlage korreliert<661>. Anzahl und Art der Objekte werden von Junker mit den Handlungsschritten und dem Gabeninventar der Opferlisten verglichen<662>; demnach bildet der Beigabenbestand in der Sargkammer eine Opferritual gemäß Opferliste ab, z.T. in modellhaft-magischer Form. Hinzu kommt als ein wesentliches Element ein Satz an Werkzeugen, die wohl mit der Herstellung und Behandlung der Statue / Leiche in Beziehung stehen und Vorläufer der kanonisierten Mundöffnungs-Geräte sind<663>. Man hatte als letzte Zeremonien in der Sargkammer offenbar ein Opferritual mit Mundöffnung angedeutet (oder durchgeführt, zumindest im Rahmen der Aufstellung der Objekte "inszeniert") und alle dabei verwendeten Gerätschaften am Sarg belassen.

Von diesen Beigaben zu trennen sind einerseits die Gegenstände der Sarg- und Leichenausstattung (Leichenmodellierung, Schmuck, Kopfstütze, Kanopen; im späten AR Stäbe, Sandalen, Stoffe etc.<664>) und andererseits die Objekte, die auf Zeremonien im Schacht deuten<665>.

4. Auch in Saqqara wurden vergleichbare Beigaben gefunden, so u.a. in den Sargkammern der 6. Dynastie am Teti-Friedhof, darunter des mrr.w-kA, kA-gm.n und anx-ma-Hr<666>. Wie erwähnt, enthalten diese Sargkammern in allen Fällen keinerlei Hinweise auf figürliche Objekte. Und auch die aufgeführten Belege für Scheingefäße und Mundöffnungsgeräte aus Saqqara Süd sind nicht mit Dienerfiguren oder Statuen zusammen gefunden worden, so daß sicher ist, daß es in Periode V.b in Saqqara Süd noch keine Vermischung des Bestandes der Serdab-Depots und der


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Sargkammer-Beigaben gab. Die Modelle von Lebensmitteln stellen in dieser Beziehung eine ambivalente Gruppe dar, da man sie als Modelle der Lebensmittelbeigaben in der Sargkammer deuten kann, aber auch als Teile einer selbstwirksamen Ritual- und Versorgungsausrüstung aus dem Serdab-Depot. Spätestens in Periode VI ist der Unterschied zwischen beiden Objektgruppen verwischt.

5. In diesem Zusammenhang ist noch festzuhalten, daß die auf Stein- oder Holzplatten besteckartig zusammengefaßten Mundöffnungsgeräte aus Saqqara Süd (16.43; 16.49) offensichtlich zu den frühesten Belegen dieser Art von Formalisierung einer Beigabengruppe gehören, da sie weder in Giza noch in der 6. Dyn. am Teti-Friedhof bisher belegt sind<667>. Das spricht für die Einführung eines formalisierten Mundöffnungsrituals an der Mumie erst relativ spät im AR und korreliert mit dem Auftreten des Listentyps B der Opferliste, die insgesamt neunundzwanzig Stichworte des Mundöffnungsrituals enthält und zuerst in solchen Opferlisten belegt ist, die in dekorierten Sargkammern und Särgen der Perioden V.b und VI auftreten<668>. Auch hierbei ist von der schon oben für Periode V.a diagnostizierten Angleichung der Mumie an die Statue auszugehen. Die Einführung der ebenfalls formalisierten Platte aus Kalzitalabaster für die sieben Öle scheint dagegen schon früher erfolgt zu sein und ist in Giza und Saqqara im späten AR gut belegt<669>.

6. Die Statuenfunde aus Saqqara-Süd zeigen, daß die in Periode V.a in Saqqara zu beobachtende Regel, Rundbilder möglichst nur im Schachtbereich, aber nicht in der Sargkammer unterzubringen, keine strikte Beachtung mehr findet. Allerdings sind nur in der Anlage M XVI (16.53) die Aufstellungsorte der Objekte wirklich gesichert: Am Fußende des Sarges waren ein Modellgebäude mit Dienerfiguren und ein unbemanntes (?) Bootsmodell aufgestellt, östlich vom Sarg in einer Wandnische befand sich ein weiteres, bemanntes Boot, am Kopfende des Sarges schließlich in einer weiteren Nische eine Standfigur mit Vorbauschurz vom Typ E. Allerdings kann gerade diese Anlage etwas jünger sein, zumindest ist der Sarg mit seiner außergewöhnlichen Schriftdekoration (Nut-Sprüche) in der 6. Dynastie noch ungewöhnlich. Die Fundumstände einiger anderer Anlagen deuten aber ebenfalls auf die Deponierung von Holzfiguren in unmittelbarer Nähe des Sarges (16.39; 16.41).

7. Neben den Objekten, die mit einiger Sicherheit im Schacht bzw. der Sargkammer untergebracht waren, gibt es Statuenfunde, die dem oberirdischen Bereich der Grabanlage zuzuschreiben sind. Insbesondere die Fragmente von Statuen aus Kalkstein (16.50; 16.48) werden eher im Bereich der Opferstellen gestanden haben. Den eigenartigen Fundort der schönen Standfigur mit Vorbauschurz aus M XIII (16.54) hat G. Jéquier diskutiert und festgestellt, daß es sich durchaus


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um eine Aufbewahrung in einer Art oberirdischen Serdab gehandelt haben kann<670>. Auf die Existenz einer oberirdischen Kultstelle im Massiv von M XIII deuten auch die dort gefundenen Opfertafeln anderer Personen. Ebenfalls für eine Aufstellung im Bereich der oberirdischen Kultanlage spricht der Fundort der Holzfigur aus N V (16.47).

8. Abschließend sei noch auf zwei Belege für ungewöhnlich umfangreiche Depots an Statuen hingewiesen, die bereits in in den Übergang zum MR datiert werden können (16.57; 16.58). Beiden Depots ist eigen, daß sie eine höchst große Zahl von Statuetten verschiedenster Typen (Standfigur, Standfigur mit Vorbauschurz, Nacktfigur, hockende Figur, Sitzfigur) und Stilistik umfassen, die inschriftlich einem Grabherrn zugewiesen sind. Eine Wiederbenutzung älterer Objekte ist dabei nicht auszuschließen. Neben den Bildern des Grabherrn gibt es die für Periode VI üblichen Modelle und Boote.

Bemerkenswert ist vor allem das Vorkommen von Sitzfiguren, die in den Schacht- und Sargkammerensembles sonst nicht belegt sind. Es handelt sich hierbei wohl um Depots, in denen der gesamte Statuenbestand eingelagert wurde, der im funerären Kult überhaupt Verwendung fand. Ein vergleichbarer Fall liegt im Ensemble (16.27) vor, daß vier Sitzfiguren umfaßt. Die Existenz der Sitzfigur in diesem Zusammenhang kann als Indiz gewertet werden, daß auch in Periode VI solche Statuen in einem Kult genutzt wurden, der prinzipiell aber im Bereich einer zugänglichen, oberirdischen Kultstelle anzusiedeln ist. Die „Mitbestattung“ solcher Figuren und die bei (16.58) belegte schwarze Bemalung deuten auf eine Dimension magischer Praktiken, die in der Residenz im AR noch nicht belegt ist<671>.

16.4 Zusammenfassung

1. Das Auftreten von Statuendepots im Bereich der Grabschächte markiert den Übergang von der Praxis der Periode IV zur Periode V. Die Schachtdepots enthalten rundplastische Objekte, die auf magische Art und Weise die Existenz und Versorgtheit des Toten sichern sollen. Darunter befinden sich nicht nur rundplastische Abbilder des Grabherrn (nur noch als Standfigur) und von Dienern, sondern auch verschiedene Beigabenmodelle wie Nahrungsmittel und Boote. Diese Ensemble stehen kaum noch in Bezug zu den Kultplätzen und den realen Kulthandlungen am Grab, sondern sind selbstwirksam.

2. Zeitgleich mit der Verlagerung von der rundplastischen Affirmation der Kultteilnahme in Serdaben im oberirdischen Kultbereich zur rundplastischen Affirmation von unabhägiger


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Versorgtheit im Bereich des Grabschachtes treten in Großgräbern in Saqqara erste Belege für Dekoration in der Sargkammer auf. In dieser Dekoration werden nicht mehr, wie im oberirdischen Bereich, Kulthandlungen und Rituale beschrieben, sondern die immerwährende Versorgtheit (Motiv der Opferliste und des Speisetisches, zusätzlich der Kultausrüstung) und Bewegungsfähigkeit (Motiv der Prunkscheintür mit dem Index "Zugang / Ausgang") wird durch magische Abbilder gewährleistet. Aus diesem Dekorationsprogramm entwickelt sich die Sarggestaltung der Periode VI.

3. In Periode V.a wird die Aufstellung von Statuen im Bereich der Sargkammer vermieden; der Tote wird dort in Gestalt der Leiche als anwesend empfunden (siehe den leeren Stuhl bei anx-ma-Hr). Die magischen Statuen- und Beigabendepots finden im Bereich der Schächte ihren Platz. In Periode VI treten die rundplastischen Objekte auch in der Sargkammer auf, wobei die Leiche nun in einen dekorierten Sarg gelegt wird. Die Ensembles nehmen darüber hinaus Objekte auf, die zum Bestand der Sargkammerausrüstung in Periode IV (Modellbeigaben) gehören.

4. Ensembles in den Schächten und Sargkammern enthalten vor allem Holzfiguren, nur die in Periode V gebräuchlichen Beigabenmodelle können aus Stein sein. Nicht mehr vertreten sind Sitzfiguren, über die die Teilnahme des Toten am Kult beschrieben wird, was nicht Aufgabe der in der Bestattungsanlage deponierten Objekte ist. Das Fehlen der Gruppenfigur kann darauf zurückzuführen sein, daß Gruppenfiguren aus Holz nicht üblich sind. Es scheint aber auch damit zusammenzuhängen, daß die Gruppenfigur vor allem ein Medium ist, über das die fortdauernde Einbindung des Toten in die Gruppe der Lebenden affirmiert wird. Diese Aufgabe ist in den Schacht- und Serdabensembles unnötig, da hier ausschließlich individuelle Aspekte wie Existenz und Aktionsfähigkeit magisch gesichert werden. Die Rolle der Gattin wird dabei von weiblichen Gabenbringerinnen übernommen, die ebenfalls ganz auf den Aspekt der Versorgung festgelegt sind und nicht mehr den der familiären Einbindung beinhalten, der der traditionellen weiblichen Figur in Gruppierung mit einer männlichen Figur eigen war. Entsprechend treten auch keine Nebenfiguren mit kindlicher Ikonographie mehr auf.

5. In Giza hat es offensichtlich eine kurzzeitige Sonderentwicklung gegeben, die dadurch charakterisiert ist, daß die Bestattungsanlage und der Bereich der oberirdischen Kultanlage eng verbunden wurde. Indizien dafür sind einige Belege für die Übernahme von Dekorationselementen der oberirdischen Anlagen in die Sargkammer, die Verbindung von oberirdischem und unterirdischem Bereich durch den Schrägschacht (zu Sonderformen bei Felsgräbern siehe Kap. 18.2.2.2.1.) und das Auftreten von Serdabstatuen im unterirdischen Bereich (Sitzfigur, Nacktfigur, große Standfiguren). Eine Beziehung zwischen dieser Erscheinung in Giza und der Entwicklung der Schacht- und Sargkammerensembles in Saqqara besteht nur mittelbar, da einerseits weder die für Saqqara typischen Dienerfiguren bzw. Modelle in diesem Zusammenhang auftreten, andererseits in Giza die Statuen direkt in der Sargkammer plaziert sind und in der Dekoration der Sargkammer der Grabherr abgebildet ist. Am Ende des AR setzt sich in Giza mit der Deponierung


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von Modellensembles im Schachtbereich ebenfalls die Praxis der Periode V durch.

6. Insgesamt kann festgehalten werden, daß die Periode V funerärer Praxis der Residenz dadurch gekennzeichnet ist, daß der Bestattungsanlage, dem unterirdischen Teil der Grabanlage, besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. In Periode IV hatte die Bestattungsanlage nur eine untergeordnete Rolle bei der kulturellen Elaboration gespielt und war erst im Zuge der wachsenden Bedeutung der nördlichen, "äußeren" Kultstelle und damit auch des Zuganges zur Bestattung entwickelt worden. In Periode V nutzt man die in Periode IV erfundenen Möglichkeiten der magischen Affirmation via Abbildung und Schrift, um im Bestattungstrakt eine ganz neue Form einer selbstwirksamen Installation einzuführen. Die wesentlichen neuen Installationen sind der dekorierte Sarg, der Elemente der kultaffirmierenden Kapellendekoration der Periode IV in magisch selbstwirksame Dekoration umwandelt, und die Modellensembles, die die kultaffirmierenden Statuenensembles der Periode IV in kultunabhängige Versorgungsinstallationen umwandeln.


Fußnoten:

<648>

Lapp 1993: 2-12, 36, der "frühe Saqqara-Typ". Siehe auch mit Bezug zum ebenfalls die Periode V charakterisierenden Beginn der Schriftdekoration der Bestattungsanlage der Pyramiden: Munro 1993: 15. Belegliste auch Bolshakov 1997: 113f.

<649>

In der Sargkammer des anx-ma-Hr (Firth / Gunn 1926: pl. 6.A). In den anderen Fällen sind nur Name und Titel des Grabherrn an der Stelle genannt, an der er "sitzend" zu denken ist (Lapp 1993: 4).

<650>

Lapp 1993: 34f, 37f

<651>

Weitere Beispiele für Schachtserdabe in Giza: Junker Giza IX: 216f, Abb. 99 (Schachtserdabe in Kleinanlagen, dabei auch ein Korridor-Serdab in Süd-Position an der Oberfläche).

<652>

Siehe die wenigen Belege für Inventare, die für die 1. ZZ charakteristisch sind und wohl alle von sekundären Bestattungen stammen: Seidlmayer 1990: 386.

<653>

Junker Giza IV: 45; Lapp 1993: 28-31, 37. Der von Lapp 1993: 23 angeführte Beleg für eine Sargkammer in Giza, die im "Saqqara-Typ" dekoriert ist (Hassan Giza VII: 62f, pl. 32), zeigt nur den Opferaufbau und ist zu unspezifisch, um eine klare Unterscheidung von Giza- und Saqqara-Typ zu treffen. In der Sargkammer des qAr im Ost-Friedhof von Giza haben sich Reste einer Dekoration mit Opferspeisen und Opfergerät (u.a. Öle) erhalten, die dem Saqqara-Typ nahestehen (BGM 2: fig. 7). Der sog. "Giza-Typ" ist insgesamt äußerst inhomogen, Übernahmen der Dekorationsprinzipien, die in Saqqara entwickelt wurden, sind in der 6. Dyn. daher wahrscheinlich. Belege auch Bolshakov 1997: 116f.

<654>

Junker Giza IV: 43-96

<655>

Grabherr am Speisetisch bei kA-xr-ptH (Junker Giza VIII: Abb. 56, Taf. XXI). Bei kA-m-anx ist der Grabherr nicht am Speisetisch abgebildet, aber beim "Rascheln im Papyrusdickicht" (Junker Giza IV: Taf. XI), und es tritt eine Vielzahl anderer Personen beim Opfer auf (op.cit.: Taf. XVI).

<656>

Eine Ausnahme sind die vier Sitzfiguren aus der unterirdischen Anlage des n-anx-ppj am Unas-Aufweg in Saqqara (16.27), die aber vielleicht erst in die 1. ZZ datieren. Es ist bei einigen Gräbern am Unas-Aufweg aber ein den Giza-Belegen aus der frühen 6. Dynastie vergleichbare Tendenz zu beobachten, die Kultanlage der Bestattungsanlage anzunähern und unterirdisch zu gestalten; siehe die Anlagen n-anx-ppj (Hassan Saqqara II: 1-23); jj-n-Hr (Hassan Saqqara III: 59-67); Hr-mrw (op.cit.: 69-81).

<657>

Seidlmayer 1990: 382f

<658>

Lapp 1993: 12-22, 36f, der "späte Saqqara-Typ". Siehe die dort erwähnten Belege auch aus den kaum publizierten Friedhöfen bei der Pepi I.- und der Merenre-Pyramide, die die Lücke zwischen den Belegen der Periode V.a und denen der bei Pepi II belegten Periode V.b schließen. Belege auch Bolshakov 1997: 114-116.

<659>

Die Datierung der einzelnen Bestattungen ist oft nicht gesichert, überwiegend werden sie aber noch in die späte 6. Dynastie zu setzen sein; Seidelmayer 1990: 382; Munro 1993: 15f.; Lapp 1993: 21.

<660>

Junker Giza I: 101-131. Der Bestand der Felskammer in G 7000X kann nicht für die Analyse von Beigaben in Sargkammern herangezogen werden, da es sich um ein Depot der gesamten Kultausrüstung einer funerären Anlage, also der im oberirdischen Bereich genutzten Geräte und Objekte und der Ausrüstung einer Sargkammer zusammen handelt (Reisner / Smith 1955).

<661>

"Zu dieser Ausstattung gehören gewöhnlich: Waschnapf und Waschkrug, 7 Vasen für Öle, darunter eine mit Henkel, etwa 8 Krüge für Bier und Wein und über 60 kleine Näpfe und Schüsseln, zusammen rund 80 Stück, die Höchstzahl 85 ... Erst am Ende des Alten Reiches fanden wir wesentliche Abweichungen von dieser Zahl, so hat man sSm-nfr über 600 Alabasterscheingefäße mitgegeben." (Junker Giza I: 108).

<662>

Junker Giza I: 108

<663>

Zum Bestand: Junker Giza I: 129-131; Junker Giza VII: 58-60. Eine Deutung der Objekte als Gegenstände der persönlichen Kosmetik (Rasiermesser o.ä.) ist bei den meisten Geräteformen nicht möglich. Siehe die Überlegungen von Tefnin 1991: 93 zur möglichen Behandlung der Ersatzköpfe mit diesen Geräten.

<664>

Beispiele siehe Junker Giza VII: 52-55; Junker Giza VIII: 106f.

<665>

Junker Giza I: 103f; Alexanian 1998: 11-18

<666>

Firth / Gunn 1926: 15f, pl. 12-14

<667>

Siehe die Diskussion der Belege in van Walsem 1978/79: 224f; Roth 1992: 114-116.

<668>

Otto 1960: 6-8; Barta 1963: 61f, 78-82

<669>

Roth 1992: 122f

<670>

Jéquier 1935-38: 110f

<671>

Vergleiche die Bestattung der „schwarzen Statue“ Mentuhoteps II. im Bab el-Hosan in Deir el-Bahari und die damit verbundenen osirianischen Vorstellungen; siehe Munro 1984: 77-79.


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