Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

Kapitel 17. Statuenensembles der Perioden IV und V - Zusammenfassung

17.1 Aufstellungsort

1. Die Einbeziehung rundplastischer Abbilder in die baulich fixierte Raumstruktur einer funerären Anlage von Eliteangehörigen der Residenz des AR ist seit Periode II der funerären Praxis belegt. Seit Periode IV läßt sich die Einbeziehung rundplastischer Abbilder in Anlagen aller in formalen Grabanlagen bestatteter sozialer Schichten der Residenz durch Statuenfunde und den architektonischen Nachweis von Plätzen der Statuenaufstellung beobachten.

2. Es lassen sich zwei prinzipiell verschiedene Bereiche der Statuenaufstellung in Periode IV unterscheiden: Der "innere" Bereich der Grabanlage bei der südlichen Scheintür-Kultstelle und der "äußere" Bereich der Grabanlage, der in Beziehung zur nördlichen Scheintür-Kultstelle und weiteren Installationen (Hof, Grabzugang) steht. Erst in Periode V tritt die Bestattungsanlage (Grabschacht, Sargkammer) als ein dritter Bereich der Statuenaufstellung hinzu.

3. Der Bezug einzelner Statuen zu einem der Bereiche kann durch die Deponierung in unterschiedlichen Statuendepots (Statuenraum, Serdab, Schrein), aber auch durch die Positionierung und Ausrichtung der Statue hergestellt werden. Dabei sind häufig Ambivalenzen im Bezug zu den Kultbereichen festzustellen und wohl auch beabsichtigt.


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17.2 Aufstellungsart<672>

1. Statuen können in bestimmten, für sie errichteten Installationen deponiert werden oder frei stehen. Bei gänzlich freistehenden Statuen ist die Bestimmung des funktionalen Bezuges zu einem Kultbereich meist nur durch Analyse des Einzelfalles möglich; gewöhnlich handelt es sich um sekundäre Aufstellungen. In Saqqara läßt sich in Periode IV.a beobachten, daß die Aufstellung von freistehenden Statuen bei der südlichen Scheintür-Kultstelle als Fortsetzung einer Tradition der Periode III noch auftritt (15.30.1:-3:, vergleiche 3.8).

2. Als Installationen der Statuenaufstellung können offene Statuenräume, verschlossene Statuenräume (Serdabe) oder Schreine auftreten. Statuenschreine für eine, nur im Ausnahmefall für mehrere Statuen, treten nur im "äußeren" Bereich der Kultanlage auf. Sie werden im folgenden Kapitel separat behandelt.

3. Statuenräume sind ebenfalls nur im "äußeren" Kultbereich belegt. "Echte" begehbare Statuenräume oder Statuenhäuser sind ein Element von Groß- und Mittelanlagen, wobei die Statuenräume häufig nachträglich vermauert wurden bzw. von vornherein als verschlossene Installationen angelegt sind, die aber wie bei sSm-nfr II. mit Türen im Relief versehen sein können<673>. Die Statuenräume sind meist so positioniert, daß sie die Kultrichtung "Süd-Nord" umsetzen, wobei die Statuen sich tendenziell im Süden befinden. Vorläufer dieser Statuenräume bzw. Statuenhäuser sind die Bereiche für Statuenaufstellungen im "äußeren" Bereich in Periode II. Die dort schon belegte Vervielfältigung von Statuen wird in Periode IV fortgesetzt, dazu treten neue Statuentypen.

4. Verschlossene Statuenräume (Serdabe) treten sowohl im "inneren" als auch im "äußeren" Kultbereich auf. Ein Serdab zeichnet sich dadurch aus, daß es ein von vornherein vollständig verschlossener und nicht mehr zugänglicher Raum ist, der nur über einen eventuell vorhandenen Schlitz mit anderen Räumen einer Grabanlage verbunden ist<674>. Es sind allerdings zwei strukturell verschiedene Serdabe zu unterscheiden:

  1. Der ursprüngliche Serdabtyp A befindet sich in der unmittelbaren Umgebung der südlichen "inneren" Scheintür-Kultstelle. Er enthält in der Regel nur eine Statue (Einzelfigur oder Gruppenfigur) je Kultempfänger und ist dauerhaft verschlossen. Man kann die Motivation, eine Statue in dieser Weise abzuschließen, damit erklären, daß die im Serdab enthaltene Statue den "Toten im Grab" abbildet und über die Vermauerung ein Bezug zu dessen nur mittelbarer Anwesenheit hergestellt wird. Dieser Serdabtyp ist seit Periode II belegt (z.B. bei mTn 2.15). Er wird in Periode III als West-Serdab realisiert (z.B. bei Hm-jwnw; 3.3) und lebt im Scheintür-Serdab der Periode IV fort, der in einer mehr oder weniger direkten Beziehung zur südlichen Scheintür-Kultstelle steht (z.B. bei

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    snb; 13.1). Es ist aber festzustellen, daß Serdabtyp A, mit engem Bezug zur Scheintür und nur einer Statue pro Kultempfänger, schon in Periode IV.b kaum noch gebräuchlich ist und schließlich ganz aufgegeben wird. Die dem Serdabtyp A zugrundeliegende Vorstellung, den "verschlossen im Grab weilenden Toten" abzubilden, wird in Periode IV schrittweise von der wie eine Statue gestalteten Mumie übernommen. Als Symbol der Anwesenheit des Toten beim Opferkult wird in Periode IV.b die Schrein-Scheintür eingeführt (siehe Kap. 18.4.1.).
  2. Der zweite Serdabtyp B wurde in der frühen Periode IV entwickelt. Er leitet sich von den Statuenhäusern her, in denen rundplastische Abbildungen der Toten, oft vervielfältigt und in verschiedenen Typen, aufbewahrt werden. Solche Statuenhäuser setzen die Tradition des Scheintür-fernen Kultplatzes fort, für den in Periode III.c bereits größere Statuenensembles bei Angehörigen der Königsfamilie in Giza belegt sind. Auch diese Räume werden in Periode IV tendenziell vermauert, wobei aber ein oft recht großer Kommunikationsschlitz verbleibt. Daß dabei gelegentlich noch Türen angedeutet sind, unterscheidet den Statuenhaus-Serdab grundsätzlich vom Serdabtyp A an der südlichen Scheintür<675>. Er ist die dauerhafte Umsetzung eines Depots für ursprünglich zugängliche, freistehende Statuen. Serdabtyp B findet in Periode IV vor allem im "äußeren" Kultbereich Anwendung. In kleineren Anlagen ist er als Korridor-Serdab ausgeprägt.

5. Im Zuge der weiteren Entwicklung wird der Unterschied zwischen den beiden Serdabtypen aber verwischt. Schon in Periode IV.b ist festzustellen, daß ein Serdab prinzipiell als Depot für alle Typen von Statuen verstanden wird, unabhängig vom jeweiligen kultischen Bezugspunkt. In Groß- und Mittelanlagen werden oft zwei im Statuenbestand vergleichbare Serdabe errichtet, die jeweils mit dem "inneren" bzw. dem "äußeren" Kultbereich in Beziehung stehen (z.B. bei Tjj; 12.8)<676>. In Kleinanlagen ist diese Unterscheidung meist nicht möglich, vielmehr übernimmt oft ein Depot die Aufgabe des Serdabes und nur über die Position des Depots im Gesamtgrundriß bzw. die Ausrichtung der einzelnen Statuen werden noch verschiedene Bezüge hergestellt (z.B. bei r-r-mw; 14.48).

6. Depot-Serdabe nehmen in Periode IV zunehmend weitere Objekte wie Dienerfiguren und Beigabenmodelle (Boote, Lebensmittel) auf. Sie stehen tendenziell nicht mehr mit einem bestimmten Kultbereich in Beziehung und verzichten auch auf Kommunikationsschlitze; eine Sonderform des Depots ist der "untere" Serdab bei Doppel-Serdaben. Aus solchen Depots entwickeln sich die Schachtdepots der Periode V, die keinen Bezug mehr zur Kultanlage selbst haben, sondern mit der Bestattungsanlage verbunden sind (z.B. Ensembles 16.6 und 16.9).

7. Eine vor allem auf Giza beschränkte Sonderentwicklung ist der West-Serdab, der dem Serdabtyp A an der Scheintür entspricht. In Periode IV.a können in Giza Serdabe dieses Typs auch mit der nördlichen Scheintür-Kultstelle verbunden werden (z.B. bei snb/ 13.1, G 4970 / 13.27, G 5150 / 13.28; siehe Kap. 14.). Später treten in Verbindung mit der Nord-Kultstelle keine Serdabe mehr auf. Ebenfalls auf Giza beschränkt ist eine Sonderentwicklung am Ende der Periode IV, bei der Serdabstatuen in der Sargkammer deponiert werden (z .B. D 211; 16.37).


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8. In Periode VI werden Statuenensembles in der Sargkammer untergebracht, die sich aus dem Bestand der Schachtdepots entwickelt haben (z .B. 16.19).

17.3 Ensembles

1. Der Bestand von Schreinen wird im Kapitel 18.3 behandelt.

2. Serdabe des Typs A enthalten tendenziell nur eine Statue jeder Person. Das für Periode II aufgestellte Postulat, daß sich in solchen Serdaben nur Sitzfiguren befinden, trifft für Periode IV nicht zu.

3. Große Statuenensembles sind typisch für Statuenräume bzw. den daraus entwickelten Serdabtyp B. Neben der hier schon in Periode II belegten Standfigur tritt ab Periode IV auch die ursprünglich funktional dem Serdabtyp A zuzuordnende Sitzfigur hier auf. Daneben treten alle neuen Typen von Statuen auf (Standfigur mit Vorbauschurz, Schreiber, Gruppenfigur, Nacktfigur, Dienerfiguren). In den Ensembles werden Standfiguren, weniger häufig auch Sitzfiguren vervielfältigt. Tendenziell nur selten werden weibliche Statuen vervielfältigt; Ausnahmen sind Ensembles, die nur für Frauen bestimmt sind (12.2; 12.3.).

4. Die in verschlossenen Statuenräumen und Serdaben vom Typ B untergebrachten Statuen sind durch ihre räumliche Separierung nicht als das eigentliche Ziel ritueller Handlungen anzusehen. Durch die über Öffnungen mögliche Kommunikation ist aber gewährleistet, daß sie in kultische Handlungen am Ort ihres Bezuges ("innerer" bzw. "äußerer" Kultbereich) einbezogen werden. Über sie wird die Teilnahme / Anwesenheit der abgebildeten Personen beim Kult affirmiert, während der Kult selbst an besonderen Installationen (Scheintür im "inneren" Bereich, Schreinfigur im "äußeren" Bereich) stattfindet.

5. Neben der einfachen Affirmation der Anwesenheit wird als das für die Periode IV charakteristische kulturelle Element der Grabherr im Serdabtyp B über den Statuenbestand in verschiedenen Aspekten beschrieben. Die Beschreibung der Aspekte erfolgt über die "symbolische" Vervielfältigung desselben Statuentyps sowie über die "analytische" Vervielfältigung mittels der Präsentation in verschiedenen Statuentypen. Die "symbolische" Vervielfältigung ist schon in Periode II belegt. In den in Periode III und IV neu entwickelten Statuentypen zur "analytischen" Beschreibung besitzen die Grabinhaber ein besonderes kulturelles Medium, ihre konkrete Position zu definieren. Dabei können Neben- und Dienerfiguren als Elaboration der Beschreibung hinzutreten.

6. Durch "inszenierte" Aufstellung werden in den Ensembles die Statuen nicht nur zu den verschiedenen Kultbereichen in Beziehung gesetzt, sondern auch zueinander gruppiert. Auf diese Weise bilden sich untereinander Bezüge, die mit bestimmten ikonographischen und kontextuellen


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Indizes versehen sind. In einem Ensemble wird dadurch zusätzlich zur Affirmation der abgebildeten Personen auch die Beziehung der Personen zueinander beschrieben und rundbildlich affirmiert. Auf diese Weise entfalten die Depots mit vielen Statuen eine kulturelle Eigenbewegung, die zur Konstruktion eines eigenständigen kulturellen "Textes" führt, der unabhängig von der Affirmation der Anwesenheit an einem kultischen Geschehen ist. Diese Großdepots nehmen die allgemein zu beobachtende Tendenz der Periode IV zur magischen Automatisierung des Kultes durch Schrift- und Bildaffirmation auf und setzen sie im Rundbild um. Auf diese Weise bilden sich kultunabhängige Affirmationsformen, die die Vorbilder der Modellinstallationen mit Dienerfiguren und Bildern des Grabherrn der Periode VI sind.

7. Mit der räumlichen und funktionalen Entfernung aus dem Bereich der Kultanlage in Periode V verändert sich der Bestand der Ensembles in signifikanter Weise. Statuentypen, die eine eindeutige Beziehungen zur Kultteilnahme und der Konstruktion dauernder Bindungen zur Kultgemeinde haben - Sizfigur (= Opferempfang), Gruppenfigur (= Familieneinbindung), Schreiber (= Einbindung in die soziale Gruppe "Residenzbevölkerung") - treten nicht mehr auf, die Standfigur mit Vorbauschurz vom Typ E scheint in Periode V als allgemeines Äquivalent der Standfigur zu gelten, wird in Periode VI aber ebenfalls aufgegeben. Auch die "konkreten" Dienerfiguren der Gruppe A werden durch die "Versorgungsmethapern" der Gruppe B ersetzt.

17.4 Grabbau und soziale Position

1. Die im Rahmen dieser Arbeit nur oberflächlich anhand weniger Merkmale vorgenommene quantitative Unterscheidung der Anlagen (groß, mittel, klein) und deren Zuschreibung zu sozialen Schichten der Residenzbevölkerung erlaubt wenigstens einige Beobachtungen zur Aktivierung des Vokabulars der funerären Kultur im Rahmen konkreter, sozial determinierter Praxis. Prinzipiell ist festzuhalten, daß besonders in Periode IV der funerären Praxis der Residenz eine ausgesprochene Homogenität der verwendeten kulturellen Mittel zu beobachten ist. Diese kulturellen Ausdrucksformen unterscheiden sich von denen der vorangegangenen Perioden II und III und den folgenden Perioden V und VI in der Residenz: Für Periode II und III sind nur Anlagen mit Statuenfunden analysierbar gewesen, die der Elite zuzuschreiben sind, in Gräbern niederer sozialer Schichten sind derartige Installationen und damit verbundene Praktiken in dieser Form nicht nachzuweisen. In Periode V werden zunehmend Differenzen zwischen den funerären Anlagen von Eliteangehörigen und denen der niederen sozialen Schicht erkennbar, z.B. in der Dekoration der Sargkammern. In Saqqara Süd bildet sich ein völlig neuer Typ von Grabbau heraus, der eine "personengebundene Hierarchie" umsetzt, die in dieser Form in Kollektivgräbern oder Klientelfriedhöfen noch nicht vorlag.

Auch in den funerären Anlagen außerhalb der Residenz ist zeitgleich zu Periode IV funerärer


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Praxis der Residenz keine mit ihr vergleichbare kulturelle Bewegung zu beobachten. Liegen formal ähnliche kulturelle Elemente in der Provinz vor (Grabformen, Dekoration), so sind diese als Übernahmen oder Nachahmung der Residenzkultur zu werten, aber nicht als das Ergebnis einer eigenständigen lokalen Entwicklung. Das ändert sich prinzipiell mit Beginn der Periode V, deren funeräre Praktiken zumindest in den Elitegräbern der Provinz im späten AR überall zu beobachten sind, und erst recht in Periode VI, die nur noch die memphitische Variante einer allgemeinen kulturellen Entwicklung in ganz Ägypten zu sein scheint<677>. Für die funeräre Praxis der Periode IV kann also prinzipiell festgehalten werden, daß sie ein einheitliches kulturelles Phänomen ist, das die soziale Gruppe der Residenzbevölkerung des AR betrifft und diese von anderen Gruppen Ägyptens unterscheidet.

2. Die kulturellen Ausdrucksformen der Periode IV funerärer Praxis werden von den Angehörigen der verschiedenen sozialen Schichten der Residenz in vergleichbarer Weise aktiviert, um ihre konkrete Position kulturell umzusetzen. Wesentliche, für uns am Quellenmaterial ablesbare Parameter der Aktivierung der einheitlichen habituellen Praxis der Residenz in Periode IV waren die Art des Graboberbaus und dessen Ausstattung und Dekoration. Der unterirdische Grabteil erfährt erst in Periode V wieder größere Aufmerksamkeit. Da die Statuenausstattung ein wesentliches Element der Ausstattung des Graboberbaus ist, läßt sich die Aktivierung der kulturellen Mittel an ihr gut beobachten.

3.1. Im Verlauf der Belegbesprechung wurden die funerären Anlagen a priori in drei Kategorien geteilt und bestimmten sozialen Gruppen zugewiesen (obere, mittlere, untere soziale Schicht). Dabei waren sowohl die in der Titulatur gegebenen sozialen Bezüge (Eliteangehöriger versus dependent specialist), aber auch die Lage der Bestattung und die Größe der Anlage ausschlaggebend. Der Schwerpunkt des Interesses liegt hier auch weniger darin, distinkte Unterschiede der jeweiligen Gruppe herauszuarbeiten, als vielmehr die enge Beziehung der umgesetzten kulturellen Konzepte. Sowohl Eliteangehörige als auch Angehörige der niederen sozialen Schicht aktivieren dieselben kulturellen Vokabeln mit vergleichbarer Intention. Das vorliegende Ergebnis ist dann Ausdruck der konkreten Position von Individuen.

3.2. Die soziale Struktur der Residenz läßt sich anhand dieser Untersuchung in drei Ebenen teilen. Die Ebene der Elite ist bei der Ausprägung bestimmter kultureller Ausdrucksformen zweifellos prägend gewesen. Insbesondere die rasante kulturelle Entwicklung in der Übergangsphase von Periode III zu Periode IV ist noch ganz als kulturelle Umsetzung der Position einer neuen Residenzelite zu interpretieren: Neue Typen der "inneren" und "äußeren" Kultanlage und neue Typen von Statuen treten in Giza zuerst innerhalb dieser Gruppe auf. Auch in der folgenden Entwicklung fallen Eliteanlagen dadurch auf, daß sie neue kulturelle Ausdrucksformen zuerst und in monumentaler Weise umsetzen, wobei in praktisch jeder Anlage individuelle Züge ablesbar sind.


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3.3. Aber schon in Periode IV.a werden diese kulturellen Ausdrucksformen von der in Giza überhaupt erstmals systematisch faßbaren Gruppe der dependent specialists aufgenommen und nicht weniger dynamisch umgesetzt. Dabei kommt es z.B. in der Anlage des snb zu dem Phänomen, daß eine strukturell den Anlagen der niederen Residenzschicht verpflichtetes Grab in einer Weise entwickelt wird, daß es eine besondere, wohl individuelle Qualität des Grabherrn reflektiert. Prinzipiell treten auch in den Anlagen der niederen Residenzschicht dieselben Statuentypen auf, die in den Gräbern der Elite beobachtet werden können und auch deren Position und Bezüge in den eher bescheidenen Kultanlagen belegt, daß sie grundsätzlich den habituellen Anforderungen einer vergleichbaren Praxis folgen.

3.4. Ein besonderer Beleg für die Dynamik der sozialen Prozesse in der Residenz des AR in der 4. bis 6. Dynastie sind jene Anlagen, die einer Gruppe zugeschrieben werden können, die sich durch Titulatur, Art der Grabanlage und weitere Parameter als zwischen Elite und der Gruppe der niederen dependents stehend definiert. Diese Gruppe ist äußerst inhomogen und kann anhand der Grabtypologie in quasi zwei Segmente geteilt werden: a) Grabherren von funerären Anlagen, die das Modell der Elite-Anlagen in reduzierter Form umsetzt, und b) Grabherren, die das Modell einer Grabanlage der niederen Schicht in entwickelter Form umsetzt. Eine solche Unterscheidung wird der sozialen Realität aber kaum gerecht, da zu deren Bestimmung eine eingehendere Analyse des konkreten Befundes notwendig ist. Aber überhaupt die Existenz einer recht großen und dabei sozial offensichtlich höchst dynamischen Gruppe ist äußerst bemerkenswert.

4. Es sind insbesondere die drei Statuentypen Schreiber, Standfigur mit Vorbauschurz und Gruppenfigur sowie die Art der Aufstellung in einem "inszenierten" Serdab, die in hohem Grad mit der Indikation "Angehöriger der Residenzbevölkerung" und "Verhandlung der konkreten sozialen Position" versehen sind. Diese drei Residenz-Statuentypen verlieren mit dem Ende der Epoche der Residenz an Bedeutung und werden erst im MR, unter veränderten Bedingungen, erneut aktiviert.

Das Prinzip der "Inszenierung" und Kombination verschiedener Statuentypen wird aber in besonderer Weise in Periode V und VI in den Modellgruppen tradiert und umgeformt. In ihnen wird auf der kulturellen Ebene des "Rundbildes" das für die funeräre Residenzkultur des AR charakteristische Element der affirmierenden Konzeptualisierung sozialer Realität in privilegisierter Form (Monumentalität, Schrift, sakramentale Deutung), in einer auch für sozialökonomisch weniger komplex organisierte Gruppen umsetzbaren Weise fortentwickelt und kulturell aufgehoben.


Fußnoten:

<672>

Shoukry 1951: 206-235

<673>

Junker Giza III: Abb. 33

<674>

Zum persisch-arabischen Begriff "Serdab": Shoukry 1951: 191f.

<675>

Junker Giza III: Abb. 33

<676>

Grundriß PM III: pl. XLVIII

<677>

Siehe dazu Seidlmayer 1990: 427-430.


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