Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

Kapitel 18. Felsstatuen und Schreinfiguren

(Tab. 17)


311

18.1 Einleitung

1. In den vorangegangenen Kapiteln wurden die Aufstellungsorte und die Zusammensetzung von Ensembles aus freistehenden Statuen von der späten 4. Dynastie bis in die 6. Dynastie untersucht. Das hier folgende Kapitel stellt einen spezifischen Zusatz zur dort geführten Diskussion dar, indem nun solche in Tab. 17. zusammengestellten Belege besprochen werden sollen, bei denen die Statuen nicht freistehende und bewegliche Einzelobjekte sind, sondern ortsfeste, in den Fels geschlagene Rundbilder. Ebenfalls in diesem Zusammenhang soll mit den Schreinfiguren und diesen verwandten hybriden Statuentypen (Scheintürfigur, Nischenstele) eine Gruppe von Objekten behandelt werden, die diesen ortsfesten Statuen insofern verwandt ist, als daß auch in ihr die Statue fest mit einem Aufstellungsbezug verbunden ist.

2. Ziel der Untersuchung ist wie im vorangegangenen Kapitel, Bezüge zwischen dem Auftreten von Statuen und der Funktion einer funerären Anlage insgesamt herzustellen. Der Schwerpunkt liegt dabei in diesem Kapitel auf dem "äußeren" Kultbereich, auf den etwas ausführlicher eingegangen wird. Zum Abschluß werden einige an den hier besprochenen Belegen gut zu verfolgende formale Fragen der Statuenverwendung (Ambivalenz, Vervielfältigung) behandelt, die für die Interpretation von Statuen und ihrer Funktion im Kult von Bedeutung sind.

18.2 Felsstatuen

18.2.1 Merkmale und Auftreten

1. Felsstatuen zeichnen sich dadurch aus, daß sie im Gegensatz zu den üblichen Statuen aus Stein oder Holz nicht frei gearbeitet sind, sondern in den anstehenden Felsen geschlagen wurden. Sie bleiben am Rücken mit dem Felsmassiv weiterhin verbunden und treten naturgemäß nur in solchen Gräbern auf, die ganz oder teilweise in Felsen geschlagen wurden. Formal gesehen handelt es sich bei den Felsstatuen um Hochreliefs, eine Bezeichnung, die dem Charakter dieser Bildwerke aber nicht gerecht wird, da es sich nicht um Flachbilder - was mit dem Ausstattungstyp "Dekoration" assoziiert ist -, sondern um Statuen handelt.

2. Felsstatuen repräsentieren nur einen Teil der im AR üblichen Statuentypen. Die Mehrheit stellt männliche Standfiguren dar. Aus technischen Gründen sind in diesen Fällen die Beine oft geschlossen; ein funktionaler oder inhaltlicher Unterschied zu freistehenden Standfiguren in Schrittstellung ist in diesem Fall nicht gegeben. Da dieses Phänomen als typisch für Felsstatuen anzusehen ist, sind in der Belegtabelle nur Ausnahmen in Schrittstellung vermerkt. Weiterhin treten weibliche Standfiguren auf. Gruppenstandfiguren sind ebenfalls vertreten; sie zeichnen sich


312

dadurch aus, daß die dargestellten Personen sich gegenseitig berühren (an den Händen halten oder umarmen)<678>. Dieses Kriterium ist im Fall der Felsstatuen insofern wichtig, da durch die oft enge Gruppierung mehrerer Einzelstatuen ebenfalls gruppenartige Ensemble entstehen. Einige Felsstatuen stellen nackte Knabenstandfiguren dar (17.2.3:; 17.3.1:; 17.29.1:?). Als Ausnahme ist die männliche Sitzfigur an der Ostwand des Hofes im Grab des qAr (17.2.1:) anzusehen. Ebenfalls eine Besonderheit sind die Gruppen von Schreiberfiguren bei mr=s-anx III., anx-ma-ra und xa=f-ra-anx (17.1.1:-6:; 17.5; 17.28) und die Büste in der Scheintür des jdw (17.3.7:;).

3. Felsstatuen treten zuerst in der späten 4. Dynastie in Giza auf. Es handelt sich hierbei um Felsstatuen in den unterirdisch gelegenen Kapellen der Gräber der Residenzelite im Central Field (17.17; 17.18, 17.27; 17.28), den Felsgräbern am Westhang des Central Field (17.25) und im Grab der mr=s-anx III. im Ostfriedhof (17.1). Das Auftreten der Felsstatuen fällt damit zeitlich zusammen mit der rapiden Zunahme des Statueninventars in Elitegräbern dieser Periode insgesamt. Die Felsstatuen sind dabei im Zusammenhang mit freistehenden Statuen belegt.

4. In den folgenden Perioden treten Felsstatuen vor allem dann auf, wenn es durch die bauliche Situation der Grabanlage im Felsen günstig ist, solche Statuen zu verwenden. Es handelt sich bei diesen Anlagen entweder um Korridorkapellen an einem Hang in Giza und Saqqara oder um Anlagen in den Felsstümpfen des ehemaligen Steinbruches im Central Field von Giza. Einige typologische Besonderheiten präsentieren die Felsgräber des qAr und jdw auf dem Ostfriedhof von Giza (17.2+3; s.u.).

Es ist zu beachten, daß die Felsgräber im memphitischen Bereich nach der kurzen Blüte in der Periode IV keinen eigen Grabtyp mehr präsentieren, sondern Varianten der üblichen Kapellenformen, meist der Korridorkapelle, aber auch der Kapelle mit Scheintürraum (OW) sind. Im Gegensatz dazu wird in der Provinz das Felsgrab am Ende des AR zu eigenen, regional verschiedenen Grabtypen entwickelt<679>.

5. Da sie nur fallweise auftreten, ist davon auszugehen, daß Felsstatuen keinen eigenen funktionalen Statuentyp darstellen, der neu in den Kult integriert wurde. Felsstatuen repräsentieren oder duplizieren einen Teil der üblichen Statuenausstattung<680>. Die Variationsbreite bei der Verwendung von Felsstatuen - Anzahl, Aufstellungsort, verwendete Typen - zeigt, wie sehr der Statuenbestand einer funerären Anlage individuellen Planungen und Entscheidungen unterworfen war.

Felsstatuen präsentieren in der Regel den Statuensatz, der im Moment der Planung der Anlage


313

vorgesehen war, und sind nicht sukzessiv ergänzte Ensemble, was bei freistehenden Statuen gut möglich ist. In Anlagen wie der des n-wDA-ptH (17.15) ist allerdings denkbar, daß Statuen wie die dort unvollendete Gruppenfigur im Norden der Westwand eine etwas jüngere Ergänzung des Bestandes sind.

6. Felsstatuen sind nicht als rundplastische Umsetzung von Elementen der Dekoration im Flachbild anzusehen, sondern als Statuen mit deren spezifischer Funktion in der Grabanlage. Allerdings sind Darstellungen des Grabherrn im Rund- und Flachbild immer vor allem ein "Bild" und als solches durchaus ambivalent. Das Flachbild kann möglicherweise in einigen Fällen für eine Statue stehen, so an der Rückwand von Schreinen, die eine Statue enthielten oder enthalten sollten (s.u.). In einigen Fällen ist der Anbringungsort von rundplastischen Bildern offensichtlich vom Flachbild inspiriert, so in den seltenen Beispielen von Scheintürdekoration im Rundbild und eventuell bei den Felsstatuen an Pfeilern (s.u.).

7. Felsstatuen sind für die Bestimmung von Statueninventaren und Statuenstandorten von besonderer Bedeutung. Sie sind nicht beweglich und in der Regel wenigstens in erkennbaren Fragmenten erhalten. Man kann daher annehmen, daß in den Gräbern mit Felsstatuen der Satz an Statuen vollständig erhalten ist, der in Gestalt von Felsstatuen konzipiert wurde (ausgenommen natürlich solche Fälle, in denen ganze Grabteile völlig zerstört wurden). Da in Gräbern mit Felsstatuen häufig auch Belege für frei gearbeitete Statuen gefunden wurden, ist aber davon auszugehen, daß nur ein begrenzter Teil des Statueninventars der Anlage insgesamt in den vorhandenen Felsstatuen vertreten ist. Charakteristisch für den in Felsstatuen repräsentierten Teil des Statuensatzes ist, daß er beständig und unbeweglich in der Kapelle untergebracht war und nur am Ort verwendet werden konnte. Damit ist im Fall der Felsstatuen die Einheit von Statuentyp, -ensemble und -aufstellung gesichert - ein Umstand, der für andere Statuenbelege nur noch im Falle von in situ Serdabfunden gegeben ist.

18.2.2 Typ, Funktion und Standort

18.2.2.1 Stand-, Sitz- und Schreiberfigur

1. Abgesehen von einigen frühen Belegen für Schreiberfiguren, handelt es sich bei den Felsstatuen fast ausschließlich um Standfiguren. Man muß möglicherweise in Betracht ziehen, daß die Umsetzung einer Sitzfigur in den anstehenden Felsen technisch sehr viel schwieriger ist als die einer Standfigur. Allerdings treten gerade zu Beginn der Verwendung von Felsstatuen - im Grab der mr=s-anx III. (17.1) - Schreiberfiguren auf, deren Herstellung nicht weniger aufwendig ist. Sitzfiguren sind in ihrem Grab, das durchaus experimentell und innovativ ist, nicht als Felsstatuen


314

vertreten. Daß Felssitzfiguren aber technisch möglich sind, zeigt der singuläre Beleg aus dem Grab des qAr (17.2.1:).

2. Männliche Standfiguren repräsentieren den Dargestellten als physisch existente und handlungsfähige Entität. Die Unterscheidung von Statuen in deutlich unterlebensgroße Abbilder und solche, die den Abbgebildeten in Lebensgröße oder etwa Lebensgröße darstellen, ist bei einigen Felsstatuen zu beobachten. Allerdings treten lebensgroße oder annähernd lebensgroße Abbilder (bei Höhen über 150 cm ist hiervon auszugehen) sehr viel häufiger auf als im Falle freistehender Statuen. Da Lebensgröße im Falle von Felsstatuen technisch recht problemlos zu realisieren ist<681>, kann eine Unterscheidung nur in solchen Fällen gemacht werden, in denen Felsstatuen in Lebensgröße deutlich mit kleineren Statuen in derselben Anlage kontrastieren. In einigen Fällen kann die Variation in der Größe auch durch Rücksichtnahme auf den vorhandenen Platz erklärt werden (Nordwand des Vorraumes bei kA-xr-ptH (17.4), in einigen anderen Fällen liegt aber wohl eine beabsichtigte Unterscheidung vor: Bei jr.w-kA-ptH sind die vier Figuren der Westwand lebensgroß, die zehn Figuren im östlichen Kapellenteil hingegen unterlebensgroß (17.32). Bei n-wDA-ptH überragt die lebensgroße Einzelfigur mit Vorbauschurz deutlich alle anderen Felsstatuen (17.15). Es handelt sich hierbei um Statuen vom Typ der Schreinfigur bzw. mit Bezug zur Schreinfigur, die funktional, aber durch die Dimension auch formal von den übrigen ("Serdab"-) Statuen abgesetzt werden (s.u.).

Bei mr=s-anx III. drückt der Größenunterschied der weiblichen Standfiguren an der Nordwand des Annex von Raum A sehr wahrscheinlich Statusabstufungen (Muttergeneration - Tochtergeneration) aus, entsprechend einem Prinzip, dem auch Gruppenfiguren folgen. Ebenfalls als Statusabstufung sind die Größenunterschiede unter den Schreiberfiguren an der Südwand desselben Raumes zu deuten (17.1).

3. Weibliche Standfiguren sind als Felsstatuen vertreten und werden im Grab der mr=s-anx III. auch vervielfältigt (17.1). In Gräbern männlicher Grabherren treten weibliche Standfiguren dagegen meist nur einmal auf, wobei sie immer mit männlichen Standfiguren gruppiert sind.

4. Neben der traditionellen männlichen Standfigur tritt auch die Standfigur mit Vorbauschurz als Felsstatue auf. In Ensembles mit traditionellen Standfiguren ist sie stets nur einmal vertreten, während die traditionelle Standfigur oft mehrmals auftritt (17.2; 17.29). Eine Sonderform ist das Auftreten der männlichen Felsstandfigur mit Vorbauschurz in einer schreinartigen Nische (s.u.).

5. Neben den in der Regel vervielfältigten männlichen Standfiguren sind Gruppenfiguren der zweite Statuentyp, der bei Felsstatuen recht häufig auftritt. Da durch die Anordnung der Felsstatuen an einer Wand in einer meist gemeinsamen Nische den Statuen insgesamt der ikonographische Index "Nähe" eigen ist, der bei freistehenden Statuen durch die gemeinsame Basis umgesetzt wird, sind


315

praktisch alle Felsstatuen, die an einer Wand in einer Nische angebracht sind in dieser Weise indiziert, auch wenn keine Berührung vorliegt. Insbesondere bei der Gruppierung von Felsstatuen von Männern, Frauen und Kindern ist von der Erzeugung des Statuentyps "Gruppenfigur" auszugehen, auch wenn diese Beziehung nicht durch Berührung eindeutig umgesetzt ist. Das Prinzip entspricht der Gruppierung von Einzelstatuen in einem Aufstellungszusammenhang, meist einem Serdab, wie es oben schon in verschiedenen Fällen angenommen wurde. Besonders deutlich wird dieses Prinzip der Gruppierung in den Fällen, in denen Knabenstandfiguren den übrigen Felsstatuen zugeordnet werden, ohne sie zu berühren (17.2; 17.29). Die Knabenstandfigur stellt, im Gegensatz zur männlichen Nacktfigur, keinen "selbstwirkenden" Statuentyp dar, sondern ist immer Teil einer Gruppierung, eine Nebenfigur. Besonders instruktiv ist der Fall bei jdw, wo jede Statue, auch die nackte Knabenfigur, in einer eigenen Nische steht, aber offensichtlich doch der Index "Nähe" umgesetzt wird (17.3).

Als "echte" Gruppenfiguren, die den Index "Nähe" auch über gegenseitige Berührung realisieren, sind Zweiergruppen belegt, meist Ehepartner, im Fall der mr=s-anx III. Mutter (?) und Tochter (17.1.17:+18:). Außerdem treten Dreiergruppen auf (17.15). Die Darstellungskonventionen entsprechen denen freistehender Gruppenfiguren (zu den Pseudo-Gruppen s.u.).

6. Frühe Gräber mit Felsfiguren - das der mr=s-anx III. und das des anx-ma-ra - zeigen Schreiberfiguren in Positionen, die als "diesseitig" innerhalb der Raumdisposition der Kapellen anzusprechen sind (17.1; 17.5)<682>. Bei mr=s-anx III. ist dies die Südwand von Raum A / I: Sie liegt in Verlängerung des Zuganges (der zur gesamten Anlage von Süden erfolgt) und in der Flachbilddekoration darüber wird die Kommunikation mit dem Diesseits in einer Fest-Ikone affirmiert. Bei anx-ma-ra befinden sich die Schreiberfiguren an den Wänden des nördlichen Raumteiles I, über den der Hauptzugang zur Kapelle erfolgt und dessen Reliefs den Kult des Grabherrn, vor allem auch seine Kommunikation mit dem Diesseits affirmieren ("äußerer" Kultbereich). Es handelt sich in allen Fällen nicht um Felsstatuen der Grabherren, sondern um solche von Angehörigen bzw. Angestellten, deren Position als Abrechnende - und damit auch Verfügende - vis-á-vis dem Grabherrn dauerhaft affirmiert wird (siehe Kap. 7.3).

7. Außer der Sitzfigur im Hof der Anlage des qAr ist mir kein weiterer Beleg dieses Statuentyps im Korpus der Felsstatuen bekannt (17.2.1:). Der Abgebildete ist, wie für den Statuentyp üblich, als Teilnehmender und Empfangender dargestellt, wobei die Handhaltung ungewöhnlich ist, denn die rechte Hand ist ausgestreckt, die linke zur Faust geballt. Die Deutung der singulären Beleges ist unsicher: Sollte sie den Grabherrn abbilden - es ist keine Beischrift vorhanden - so ließe die Position im Hof und mit Blick nach Westen, von wo die Treppe zum Grab herabführt, an eine Schreinfigur denken, wofür der Statuentyp aber äußerst ungewöhnlich wäre. Möglich ist aber


316

ebenso, daß es sich um die Darstellung einer anderen Person - etwa eines Ahn - handelt (s.u.).

8. Festzuhalten ist, daß neben dem bis auf eine Ausnahme nicht vorhandene Typ der Sitzfigur offensichtlich auch keine Schreiberfiguren eines Grabherrn als Felsstatuen angefertigt wurden; die Beispiele der Periode IV.a sind alle Angestellten des jeweiligen Grabherrn zuzuschreiben. Die passiv-ruhende Position beider Statuentypen wurde bei den offen aufgestellten Felsstatuen offensichtlich vermieden. Nicht vertreten ist als Felstatue außerdem der Typ der männlichen Nacktfigur (nackte Knabenfiguren treten auf) sowie der Typ der Dienerfigur. Felsstatuen repräsentieren also vor allem die aktiven (Standfiguren), mit einem diesseitigen Bezug versehenen (Gruppenfigur einschließlich Knabenfigur) Statuentypen, während die Statuentypen, die eine ruhende, die Existenz im Grab beschreibende Indizierung besitzen (Sitzfigur, Nacktfigur) nicht auftreten.

18.2.2.2 Anbringungsort<683>

1. Die Typen von Felsstatuen (Standfigur, Standfigur mit Vorbauschurz, Gruppenfigur, Schreiberfigur) entsprechen denen von freistehenden Statuen. Von besonderem Interesse ist daher der unveränderlich fixierte Ort dieser Statuen, von dem auch auf den prinzipiellen - was nicht immer heißt den tatsächlichen - Ort freistehender Statuen und daraus auf ihre Funktion geschlossen werden kann.

2. Felsstatuen können offensichtlich in allen Bereichen der Kapelle auftreten: Im Scheintürraum ebenso wie im Bereich eines Vorraumes, dem Zugang oder der Fassade. Auch an allen Wänden (Nord, Süd, West, Ost) der Kapellen sind Felsstatuen belegt. Eine pauschale Zuschreibung der Felsstatuen zu einer bestimmten Funktion ist daher nicht möglich - was wiederum belegt, daß in den Felsstatuen ein Teil des regulären Statuensatzes vertreten ist und kein eigener Statuentyp. Die Interpretation der Aufstellung kann also nur am konkreten Fall erfolgen.

18.2.2.2.1. Ensembles der Statuenräume / Serdabtyp B und die Anlagen des qAr und jdw (G 7101 + 7102)

1. Der Statuenraum der mr=s-anx III.

In der Kapelle der mr=s-anx III. ist die gesamte Nordwand des Annex von Raum I /A als eine Nische mit insgesamt zehn Felsstatuen gestaltet (17.1.7:-16:). Der Raumteil selbst ist durch zwei Pfeiler abgetrennt und war durch Türen verschließbar. Die Position dieses Raumteiles im Gesamtgrundriß macht es wahrscheinlich, in ihm strukturell jenen Kapellenbereich zu sehen, der


317

dem "äußeren" Kultbereich zugeordnet werden kann, im Gegensatz zum "inneren" Kultbereich an der Scheintür. Dieser Bereich ist in anderen Grabanlagen dieser Periode auch als zugängliches Statuenhaus oder als nur über einen Schlitz der Kommunikation zugänglicher Serdab (Typ B) ausgebildet. Somit stellt der Bestand an Felsstatuen in diesem Raumteil das Ensemble des Statuenhauses der mr=s-anx III. dar, vergleichbar den schon besprochenen Statuen der xa-mrr-nb.tj und der mr=s-anx (?)(12.2; 12.3)<684>. Es ist zu vermuten, daß neben diesen ortsfesten Statuen auch die freistehenden Statuen hier ihren Platz hatten, von denen Fragmente gefunden wurden, wenn diese nicht, wie von den Ausgräbern vermutet, in einer Nische südlich vom Zugang gestanden haben<685>. Auch in diesem Fall wären derselbe Richtungsbezug und die Zuordnung zum "äußeren" Kultbereich gegeben.

2. Analog zu dieser Interpretation sind in der Regel solche Felsstatuen im monumentalen Felsgräbertyp der Periode IV, die sich in Nebenräumen, Nischen oder auf Podesten an Nord- oder Südwänden befinden, als Statuenhaus-Ensembles aufzufassen. Aus dem Statuenhaus hatte sich nach der Untersuchung im vorangegangenen Kapitel der Serdabtyp B entwickelt, der vor allem im "äußeren" Kultbereich, im Hof oder Korridor auftritt. Ebenfalls zu solchen Ensembles zählen daher Felsstatuen in kleineren Anlagen, die entlang der Wände von Vorräumen oder solchen Raumteilen von Felskapellen angebracht sind, die einen Vorraum darstellen. Recht häufig stehen diese Statuen dem Zugang zur Kapelle direkt gegenüber, so daß der Besucher ihnen beim Betreten der Kapelle gegenübersteht (17.12-14). Das hat Parallelen in den aufgemauerten Kapellen, wo die Statuenhäuser gewöhnlich dann im Süden der Anlage liegen, wenn der Zugang von Norden erfolgt, bzw. umgekehrt. Da Felskapellen oft von Osten betreten werden, sind hier die Statuen auch an Westwänden der Vorräume angebracht.

3. Diese Interpretation als Serdabensemble ist auch für Felsstatuen in jüngeren Anlagen wahrscheinlich, die den Typ der Korridorkapelle im Fels umsetzen. Hier wird auch die in den Korridorkapellen längere und für Vervielfältigung von Statuen geeignete Ostwand in den Bereich einbezogen, in dem Felsstatuen angebracht sind (17.3; 17.32; 17.33). Auch die Statuen der Ostwände sind dabei als Serdabfiguren aufzufassen, siehe die Parallele zwischen der Anlage des qAr mit einem typischen Korridor-Serdab-Ensemble an der Südwand des Vorraumes, dem Zugang gegenüber (17.2), und der Anlage seines Verwandten jdw mit einer Reihe Felsstatuen an der Ostwand des Scheintürraumes (17.3). Wie hier sind die Statuen in jüngeren Gräbern oft jeweils in Einzelnischen gestellt und durch Varianten der Titelnennungen unterschieden. Wichtig für die


318

Interpretation der Felsstatuen an Ostwänden als Serdabstatuen ist, daß sie auf die "innere" Kulststelle, die Scheintür orientiert sind. Parallelen dieser Ensembles von Felsstatuen an Ostwänden sind solche Serdabe mit freistehenden Statuen, die sich an Ostwänden von Korridoren gegenüber der Süd-Kultstelle befinden (siehe 14.39).

4. Die Funktion dieser Felsstatuen ist den Ensembles in Statuenräumen bzw. Depotserdaben vom Typ B analog zu sehen: in ihnen wird die Anwesenheit der Dargestellten am jeweiligen Ort rundplastisch affirmiert. Im Gegensatz zu den Serdabstatuen sind die Felsstatuen aber nur in Ausnahmefällen verschlossen zu denken (der Statuenraum der mr=s-anx III. war durch eine Tür verschließbar, konnte also im Rahmen der Nutzung geöffnet werden). Der Verschluß von Statuen in Serdaben vom Typ B ist analog dieses Befundes auch weniger als ein Versteck der Statuen anzusehen denn als eine Gewährleistung der Dauerhaftigkeit der Installation. Bei Felsstatuen ist diese Dauerhaftigkeit durch den Verbund mit der Wand gewährleistet, bei freistehenden Statuen wird sie durch den Verschluß des Depots erreicht, der sich zwar am Verschluß von "inneren" Serdaben vom Typ A orientiert, aber erst sekundär ist (siehe die Flachbilder von Türen bei sSm-nfr II.<686>).

5. Der Bestand der Ensemble aus Felsstatuen an Plätzen, die dem Serdabtyp B entsprechen, ist ebenfalls dem solcher Serdabe vergleichbar. Es handelt sich ausschließlich um Standfiguren, was einerseits, wie oben festgestellt, auf die technisch leichtere Realisierung dieses Statuentyps im Fels zurückzuführen ist, andererseits aber auch der Tendenz von Statuendepots im "äußeren" Kultbereich entspricht, eher "aktive" Statuentypen zu enthalten.

Die traditionelle Standfigur wird wie in Serdaben vervielfältigt, die Standfigur im Vorbauschurz tritt in solchen Ensembles nur einmal auf. Dieselbe Beobachtung läßt sich für den Typ der zuordnenden Gruppenfigur mit Kindern als Nebenfiguren machen (17.29). Frauenstatuen werden, mit Ausnahme der einer weiblichen Grabherrin gewidmeten Anlage der mr=s-anx III. nicht am selben Ort vervielfältigt. Auch dieser Befund stimmt mit dem der Serdabe überein.

Die Entwicklung zu kultunabhängigen Statuendepots ist bei Felsstatuen nicht zu verfolgen, was sich u.a. auch darin zeigt, daß keine Dienerfiguren auftreten.

6. Die Anlagen des qAr und jdw

Die beiden Anlagen des qAr und jdw (17.2+3) stellen eine Besonderheit dar. Sie datieren in die erste Hälfte der 6. Dynastie und gehören damit zu den jüngsten Anlagen der memphitischen Nekropolen, die noch Felsstatuen inkorporieren. Vor allem der verwendete Grabtyp ist ungewöhnlich: die Kultanlanlagen aus einem Hof und einem "inneren" Kultbereich mit der


319

"südlichen" Scheintür-Kultstelle sind in den Boden vertieft und über eine Treppe zugänglich. Eine "nördliche" Kultstelle ist nicht erkennbar bzw. bei jdw erst nachträglich durch eine Rille im Scheintürraum markiert worden<687>. Als formales Vorbild können Anlagen der Periode IV.a wie das nahegelegene Grab der mr=s-anx III. gedient haben, die ebenfalls unterirdische Kulträume besitzen; die strukturelle Umsetzung folgt aber einer deutlich veränderten Grabkonzeption, die für Periode V.a typisch ist. In vergleichbaren Anlagen in Saqqara gibt es oft eine Treppe, die zum Dach und dort wohl zum Grabschacht und einer dort angenommenen Nord-Kultstelle führt (siehe Kap. 14.2.). Bei qAr und jdw liegen die Grabschächte der Hauptbestattungen und die von Nebenbestattungen ebenfalls so, daß sie sich "oberhalb" der Treppe befinden. Die Struktur der Elite-Anlage von Periode V.a in Saqqara hat hier aber eine wesentliche Modifikation bzw. Umkehrung erfahren: Nicht die Nord-Kultstelle wurde erhöht, sondern die "äußere" Kultanlage ist in den Boden in Richtung der Bestattung versenkt worden. Das korreliert mit einer schon im letzten Kapitel besprochenen Tendenz in Giza in der Übergangszeit von der 5. zur 6. Dynastie, die oberirdische Kultanlage und die Bestattungsanlage einander anzunähern bzw. Elemente der oberirdischen Anlage in die unterirdische Anlage zu verlegen (Serdabstatuen und Kapellendekoration in der Sargkammer)<688>.

In diese neue Konzeption sind die Felsstatuen bei qAr und jdw noch in traditioneller, der Praxis der Periode IV entsprechender Weise eingebunden: Bei qAr befindet sich ein Serdab-Ensemble aus vier männlichen Standfiguren, einer nackten Knabenstandfigur und einer Standfigur mit Vorbauschurz im Süden des Vorraumes; bei jdw ein vergleichbares Ensemble aus fünf männlichen Standfiguren und einer nackten Knabenstandfigur an der Ostwand des Scheintür-Raumes. Dazu treten als Sonderformen die Sitzfigur im Hof des qAr und die dickleibige Scheintür-Büste des jdw (s.u.).

18.2.2.2.2. Raum B / II der Anlage der mr=s-anx III. (Felsstatuen an der Position eines West-Serdab / Serdabtyp A)

1. Neben der Nord- und der Südwand von Raum A / I ist auch die Westwand von Raum B / II in der Kapelle der mr=s-anx III. mit Felsstatuen versehen (17.1.17:+18:). Es sind zwei Gruppenfiguren je zweier sich umarmender bzw. an den Händen haltender Frauen. Die beiden Gruppen befinden sich je in einer Nische zu beiden Seiten einer Scheintür und werden selbst wiederum von Prunkscheintüren flankiert. Die Gruppe stellt mit einiger Wahrscheinlichkeit jeweils die Grabherrin mit ihrer Mutter Htp-Hr=s dar, mit der sie auch in einer ebenfalls in der Kapelle gefundenen


320

Gruppenfigur abgebildet ist<689>. Die Besonderheit der Position der Statuen ist, daß sie im "Westen" stehen, also entsprechend der Aufstellung von Statuen in einem West- bzw. Scheintür-Serdab (Serdabtyp A).

Diese Interpretation kann auch für die übrigen Belege gelten, bei denen Felsstatuen an Westwänden von Räumen mit Scheintüren auftreten. Dieser Serdabtyp wurde oben als besonders für Giza charakteristisch besprochen und es ist nicht unwahrscheinlich, daß eine vergleichbare Position von Felsstatuen auftritt, da auch das Felsgrab und die Ausstattung mit Felsstatuen eine Erfindung zu sein scheint, die in Giza in Periode IV.a eingeführt wurde. Da der Serdabtyp A aber spätestens in Periode IV.b mit Typ B zusammenfällt, ist auch bei jüngeren Belegen in Anlagen mit Felsfiguren an der Westwand nur eine Deutung ganz allgemein als "Statuen an Serdabposition" möglich.

2. Es ist jedoch noch ein Aspekt zu beachten, der im Fall der mr=s-anx-Statuen bemerkenswert ist. Sie flankieren eine Scheintür, die auf den ersten Blick eine Süd-Scheintür darstellt: Sie befindet sich im "innersten" Bereich der Kapelle, zeigt die Grabherrin am Speisetisch und die Dekoration der Seitenwände entspricht der von Scheintürräumen in Periode IV.a<690>. Die zweite, sich im "vorderen", "äußeren" Raum A / I befindende Scheintür könnte die Funktion der Nord-Kultstelle besitzen, was auch der hier befindliche Statuenraum und die Dekoration mit diesseitigen Szenen nahelegen. Sie ist aber ebenfalls mit dem Bild der Grabherrin am Speisetisch versehen, was eine solche Deutung problematisch macht<691>. Und die Bezüge in der mr=s-anx-Anlage sind noch verwickelter: Direkt vor der "inneren" Scheintür in Raum B / II befindet sich der Grabschacht und rechts und links von den Statuen an der Westwand je eine Prunkscheintür-Dekoration. Grabzugang und Prunkscheintür sind aber eher Elemente, die dem Bereich "Außen" / "Norden" zuzuweisen sind.

3. Um einer Deutung der kultischen Bezüge in der mr=s-anx III.-Anlage näher zu kommen wäre zu klären, welchen Typ von Statuenaufstellung die hier angebrachten Gruppenfiguren zuzuordnen sind. Ihrer Position in der Westwand eines Scheintürraumes nach sind sie dem West- oder Scheintür-Serdab zuzuordnen. Es sind oben in Kap. 14. schon die wenigen Belege für verdoppelte Scheintür-Serdabe diskutiert worden, in denen in zwei Fällen bei der nördlichen Scheintür


321

Gruppenfiguren unter Einbeziehung verschiedener Generationen gefunden wurden (13.1.2:; 13.27.2:). Auch die einmalige Situation in der Anlage der mr=s-anx III. ist m.E. vor dem Hintergrund der Einführung einer besonderen Form von "innerer" Nord-Kultstelle in Giza In Periode IV.a zu deuten, die sich in formalisierter Form im Scheintürraum (NS:L:2) manifestiert.

Die Funktion der neuen nördlichen Scheintür war es nach der oben angebotenen Interpretation, dem Kult der Entität "Familie" und der andauernden Wirksamkeit der Toten in dieser diesseitigen Institution zu dienen. Das bei der Beschreibung der familiären Kontinuität die Beziehung zur Mutter neben der zur Gattin und den Nachkommen eine gewisse Rolle spielt, war bei der Besprechung der Gruppenfigur in Kap. 9. schon festgestellt worden. Besonders bei der Beschreibung der Position von Frauen der königlichen Familie wird die Einbindung in die soziale Institution "Familie" in etwas anderer Form als bei nichtköniglichen (in der Regel männlichen) Personen thematisiert, besonders über die Verbindung mit der Mutter<692>. Offenbar spielt dabei eine Rolle, daß der Pharao bei der Beschreibung dieser Entität im funerären Bereich nicht einbezogen werden konnte. Die beiden Felsgruppenfiguren an der Westwand von Raum B / II können strukturell als Scheintür-Serdab an einer Nord-Scheintür der Periode IV.a interpretiert werden, den dort gefundenen Gruppenfiguren des snb und der xn.t vergleichbar<693>. Da es sich bei der Anlage um die Grabstelle einer Frau der königlichen Familie handelt, wird die auffällige Betonung gerade dieser Kultstelle, die in den Anlagen nichtköniglicher Personen den weiblichen Teil nur quasi beiläufig einbezieht, hier in einer besonderen Weise entwickelt worden sein. Es wurde schon in Kap. 14.3. darauf verwiesen, daß die Einführung der "inneren" Nordkultstelle in Giza in Beziehung mit einer Neuformulierung der Rolle der Frau gestanden haben muß<694> und ebenso der Typ der hier angebrachten "echten" Gruppenfiguren im Zusammenhang mit der Definition der sozialen Position von Frauen erfunden wurde (siehe Kap. 9.2.2.).

4. Versucht man die Installationen in der mr=s-anx III.-Anlage insgesamt zu deuten, kann folgende Lösung angeboten werden: Der Ausbau der Mastaba ist sekundär erfolgt und interpretiert einen


322

oder zwei vorgegebene Mastabakörper der Periode III<695>. Der Ausbau fügt sich so in die vorgegebene architektonische Situation der Umgebung ein, daß der Zugang von Südosten erfolgt, eventuell, weil die in anderen Anlagen des Ostfriedhofes übliche Wegführung von Norden aufgrund bereits vorhandener Bebauung nicht möglich war. Im Norden der Anlage, dem "weiblichen" Teil, wurde eine in zwei Bereiche gegliederte unterirdische Kapelle angelegt, wie sie zeitgleich auch im Central Field auftritt. In diese Kapelle wurde ein Statuenraum mit Felsstatuen der Grabherrin und weiterer ausschließlich weiblicher Personen integriert, der in Richtung "Grabausgang"/"Diesseits" orientiert ist. Vom "Grabausgang"/"Diesseits" her agiert eine Gruppe von Schreiberfiguren<696>. Die Kultrichtung in diesem Bereich ist die Nord-Süd-Richtung. Durch die "Verdrehung" des Zuganges wurde dabei der tendenziell südlich gelegene Statuenraum im Norden plaziert.

Westlich dieses Bereiches schließen sich zwei für Scheintürräume der Periode IV.a typische Scheintür-Kultstellen an. Die eigentliche Süd-Scheintür befindet sich noch in Raum A / I und ist offensichtlich von geringer Bedeutung. Der zweiten Scheintür in Raum B / II, an der nördlichen, "weiblichen" Position, kommt hingegen große Aufmerksamkeit zu. Man hat diese Kultstelle mit dem Zugang zur Bestattungsanlage und einem verdoppelten West-Serdab versehen. Die Kultrichtung ist in diesem Bereich die Ost-West-Richtung.

Analog zu anderen Anlagen der Periode IV.a in Giza wäre anzunehmen, daß die Anlage im oberirdischen Bereich noch eine Kultstelle besitzt, die die Aufgabe der traditionellen Nord-Kultstelle an der Mastabafassade übernimmt. Mögliche Plätze sind die wohl ursprünglich vorgesehene Nord-Kultstelle des Mastabakörpers wenig südlich vom Zugang zur unterirdischen Kapelle an der Mastabafront oder die oberirdische Süd-Kultstelle<697>; wahrscheinlich übernahm aber der Zugang zur unterirdischen Kultanlage diese Aufgabe, da hier die entsprechenden Indizes ("Zugang" / "Außen") real umgesetzt sind. Auch hier liegt wieder eine "Verdrehung" vor, die aber durch die Lage des Zuganges zur Gesamtanlage im Süden motiviert ist. Daß gerade in Felsgräbern der Periode IV.a weniger die polare Lage als der räumliche Bezug "Innen" und "Außen" eine Rolle spielt, war im vorangegangenen Kapitel bereits festgestellt worden.


323

18.2.2.3 Pfeilerfiguren

1. Problematisch bleibt die Deutung der Funktion von Felsstatuen auf Pfeilern. Es sind männliche und weibliche Einzelfiguren, bei kA-xr-ptH auch eine Gruppenfigur belegt (17.4.15:). In letzterem Grab befinden sich über den Felsstatuen Reliefdarstellungen. Möglicherweise wurde im Fall von Pfeilerfiguren die auf Pfeilern übliche Darstellung des Grabherrn im Flachbild durch eine im Rundbild ersetzt wurde - siehe etwa die Parallelität der Darstellung auf Pfeilern vor dem Statuenraum (Annex von Raum A / I) bei mr=s-anx III. im Flachbild<698> und bei etwa zeitgleichen Anlagen (dbH.n, xa-mrr-nb.tj) im Rundbild (17.17; 17.25.2:). Eine solche Ambivalenz bei der Umsetzung des "Bildes" des Grabherrn sowohl im Rund- wie im Flachbild ist selten und beschränkt sich auf Einzelfiguren (siehe auch unten: Scheintürfiguren). Bei kA-xr-ptH ist zu erwägen, ob die Felsstatuen im unteren Teil der Pfeiler zur Gruppe der vervielfachten Serdabfiguren zählen, die auch an der Nord-, Süd- und dem südlichen Teil der Westwand (neben den Pfeilern) auftreten.

18.2.3 Zusammenfassung: Felsstatuen und Serdabstatuen

1. Felsstatuen sind eine Sonderform von Statuen und werden wie freistehende Statuen in die Gesamtstruktur einer funerären Anlage eingebunden. Sie treten am Ende der 4. Dynastie erstmals auf und sind in der Residenz bis in die 6. Dynastie belegt. Schwerpunkt der Verwendung von Felsstatuen scheint der Friedhof von Giza gewesen zu sein.

2. Felsstatuen treten in Periode IV.a in einigen Großanlagen der Elite in Giza auf. Ab Periode IV.b sind Elitegräber im Fels nicht mehr üblich, Felsgräber mit Felsstatuen werden nun eher von der mittleren Ebene der Residenz errichtet. Die beiden Anlagen des qAr und jdw aus der 6. Dynastie sind wahrscheinlich die jüngsten Anlagen mit Felsstatuen in Giza. Sie repräsentieren eine lokale Eigenentwicklung, die in Giza am Ende der Periode IV funerärer Praxis auch bei anderen formalen Elementen beobachtet werden kann (Sargkammerdekoration, Holzstatuen in der Sargkammer).

3. Felsstatuen repräsentieren nur einen Teil des in Periode IV üblichen Statuensatzes: männliche und weibliche Standfigur, Standfigur mit Vorbauschurz, Gruppenfigur (mit Mädchenfigur und nackter Knabenfigur). Die Schreiberfigur als Abbild des am Kult teilnehmenden Beamten in Eliteanlagen der Periode IV.a ist nur in Felsgräbern sicher belegt; Felssschreiberfiguren eines Grabherrn treten nicht auf. Einen Sonderfall stellt die Sitzfigur im Hof der Anlage des qAr dar.


324

4. Das gros der Felsstatuen ist an Plätzen in der Grabanlage angebracht, die strukturell dem der Serdabe vom Typ B gleichzusetzen sind. Die Felsstatuen sind an diesen Plätzen in der Regel in größeren Ensembles vertreten, denen durch die Anbringung in einer gemeinsamen Nische der ikonographische Index "Nähe" eigen ist. Auf diese Weise bilden sich Gruppen aus Statuen verschiedener Personen (= Gruppenfigur) und aus vervielfältigten Abbildern derselben Person (= Pseudo-Gruppe). Da Felsstatuen an diesen Plätzen in der Regel nicht verschlossen sind, kann auch durch diesen Beleg erhärtet davon ausgegangen werden, daß der Sinn der aus den offenen Statuenräumen oder -häusern entwickelten Serdabe vom Typ B weniger im Verschluß der Statuen besteht, als eher in der dauerhaften Fixierung der Installation.

18.3 Schreinfiguren und weitere Statuen im "äußeren" Kultbereich

18.3.1 Einleitung

1. Im ersten Abschnitt des Kapitels wurden jene Belege von Felsstatuen besprochen, die strukturell den Statuen in Serdaben gleichzusetzen sind. Daneben gibt es eine Gruppe von Felsstatuen, die nicht in diese Kategorie fällt. Diese Statuen sind nicht, wie die meisten der Felsstatuen, in einer einfachen Nische angebracht, sondern von einem Rahmen umgeben, der einen Schrein imitiert. Offensichtlich wird bei diesen Belegen die Aufstellung der Statue in einem Schrein dauerhaft und ortsfest umgesetzt. Es sollen deshalb an dieser Stelle die Belege von Felsstatuen in Schreinen und einiger frei gearbeiteter Schreine mit Statuen besprochen werden. Eine Reihe der Belege wurde im Kap. 8.3. schon unter dem Aspekt des Statuentyps der männlichen Standfigur mit Vorbauschurz diskutiert .

2. In einem Exkurs wird ausgehend von der Betrachtung der Schreinfiguren die Struktur der "äußeren" Kultanlage einer funerären Anlage der memphitischen Residenz untersucht. In ausgebauter Form sind diese "äußeren" Kultanlagen nur in einigen Großanlagen vorhanden, die wiederum jeweils stark individuell geprägte Besonderheiten besitzen. Insofern sind diese Betrachtungen gegenüber denen zum "inneren" Kultbereich und der Funktion der beiden Kultstellen an der Mastabafront im Kap. 14. vor allem hypothetischer Natur.

18.3.2 Schreinfiguren

1. Als Schreinfigur sollen Statuen bezeichnet werden, die so gearbeitet wurden, daß sie fest mit dem Schrein verbunden bleiben, in dem sie stehen. Es ist natürlich davon auszugehen, daß diese Statuen die Ausnahme bilden und normalerweise bewegliche Statuen in Schreinen oder


325

Statuennischen ihren Platz fanden. Der Vorteil der Schreinfiguren für die Interpretation funerärer Praxis ist derselbe wie bei den Felsfiguren: sie sind fest mit ihrem Aufstellungsort (hier: Schrein) verbunden und daher sicher einem Aufstellungsort und damit Funktionszusammenhang zuschreibbar. Der Schrein ist durch einen Rahmen - gelegentlich mit Beschriftung - und meist den Abschluß mit einer Hohlkehle als solcher gekennzeichnet. Im Fall der Schreinfigur des mrr.w-kA (17.37) ist gesichert, daß der Schrein durch eine Tür verschlossen werden konnte, die Gestaltung der Schreinrahmen legt dies auch in anderen Fällen nahe.

2. Eine Gruppe von Felsstatuen ist als Schreinfiguren zu identifizieren: Im Grab des jwn-ra im Cenral Field sind nördlich des Zuganges zwei Schreine mit darin enthaltenen lebensgroßen Standfiguren aus dem Fels geschlagen. Die Statue im "äußeren" Schrein trägt einen Vorbauschurz, die im "inneren" den traditionellen einfachen Schurz (17.27). Sehr ähnlich der Figur mit Vorbauschurz ist die ca. lebensgroße Einzelfigur in einer schreinartigen Nische neben einer Prunkscheintür an der Westwand im Grab des n-wDA-ptH (17.15.1:). Auch die kleine Figur in der Nische über dem Eingang im Grab des mr-anx=f trägt den Vorbauschurz (17.19), ebenso die Felsstatue im nördlichen Teil des Korridors der Anlage des sd-Htp (17.23.4:). Die eigenartige Kompositfigur in Schrittstellung, die im nördlichen Teil der Westwand der Kapelle des ns.t-TmAa.t in einer schreinartigen Nische steht, scheint in eine Art Mantel gehüllt zu sein (oder einen unfertigen Vorbauschurz?) (17.31). Die beiden in einem Schrein mit Hohlkehle stehenden Felsstatuen in der Anlage des wr-xww tragen ebenfalls den Vorbauschurz (17.26). Sie flankieren den als "tiefe Halle" (OW) gebildeten Scheintürraum.

3. Eine andere Gruppe von Schreinfiguren sind solche Statuen, die zusammen mit einem sie umgebenden Schrein aus einem Block gefertigt wurden und mit diesem Schrein verbunden blieben, aber nicht mit einem Felsmassiv verbunden sind. Eine solche etwa lebensgroße Figur im Vorbauschurz in einem Schrein steht in der Westwand des nördlich gelegenen Hofes im Grab des nfr-bA.w-ptH, dem Zugang zur Anlage direkt gegenüber (17.34). Neben ihr befindet sich ein unfertiger Grabschacht<699>. Die Statue ist samt Schrein als Monolith gebildet, wurde aber in eine Werksteinmauer eingesetzt. Eine ganz ähnliche Statue im Vorbauschurz befindet sich in einer Nische im nördlichen Teil der Anlage des ra-wr im Central Field (17.35.1:). Sie ist von Süden über einen ansteigenden Gang erreichbar, der Gang passiert auch eine als Nord-Scheintür anzusehende Installation (zwischen S.6 und S7). Eine weitere Schreinfigur des ra-wr steht in der von Selim Hassan "principal serdab" genannten Kapelle; hier trägt der Grabherr den traditionellen


326

kurzen Schurz (17.35.2:). Eine dritte Schreinfigur ist in einer Nische nördlich vom Zugang zum Scheintürraum des ra-wr belegt (17.35.3:). Die Schurztracht ist hier nicht feststellbar. Die bekannteste Schreinfigur ist schließlich die Statue des mrr.w-kA an der Nordwand im Saal A XIII, der strukturell wiederum mit der Kultstelle an der nördlichen Scheintür (Raum A XI) und dem dort befindlichen Zugang zur Sargkammer in Verbindung steht (17.37). Der Grabherr trägt den Vorbauschurz, ist in Schrittstellung wiedergegeben und befindet sich in einem verschließbaren Schrein. Eine kurze Treppe führt zum Schrein und der davor befindlichen Opfertafel. Die Schreinfigur steht dem Zugang zu Saal A XIII gegenüber.

4. Faßt man die Belege zusammen, so ist allen gemeinsam, daß sie im "äußeren" Bereich einer Kultanlage gefunden wurden bzw. angebracht sind. Tendenziell befindet sich eine ortsfeste Schreinfigur an einem Platz, der eines oder mehrere der folgenden Kriterien erfüllt:

  1. Position am Zugang zur funerären Anlage,
  2. Position im Norden der Kultanlage,
  3. Position in der Nähe des Zugangs zur Bestattungsanlage,
  4. Position in der Nähe einer Prunkscheintür / Nord-Kultstelle.
  5. Position in einem erhöhten Bereich, oben an der Grabfassade, oberhalb einer Treppe oder Rampe.

Die Statuen, die in diesen Belegen auftreten sind außerdem tendenziell lebensgroß und alle vom Typ der Standfigur mit Vorbauschurz (Typ B und C). Dieser Statuentyp wurde bereits besprochen und als mit dem ikonographischen Index "Anwesenheit im Diesseits" belegt interpretiert (siehe Kap. 8.). Die Funktion, die eine Statue dieses Typs in einem Schrein an den erwähnten Plätze erfüllt, soll als die einer "äußeren" Schreinfigur bezeichnet werden. Aus den örtlichen Bezügen läßt sich ableiten, daß sie im Rahmen von Zeremonien Verwendung fand, die dazu dienten, die Fähigkeit des Toten rituell umzusetzen, seine Bestattungsanlage, aber auch die Grabanlage insgesamt zu verlassen und im Diesseits wirksam zu sein. Die eingesetzten symbolischen Installationen sind neben der Statue in einem Schrein, bei dem die symbolträchtige Öffnung als das "Herauslassen / Herausführen" des Toten interpretiert werden kann, vor allem der Zugang zur Bestattungsanlage und die damit verbundene Nord-Kultstelle sowie das ikonographische Element der Prunkscheintür. Für die Untersuchung des praktischen Kultvollzuges ist darüber hinaus das Element "Treppe / ansteigender Gang" und die Position "oben" bemerkenswert. Es wurde in Kap. 14.2. schon festgehalten, daß Treppen zum Mastabadach schon seit Periode III archäologisch belegt sind und spätestens in Periode V.a in Eliteanlagen das Mastabadach eine besondere Rolle spielt.

5. Neben diesen recht häufigen Belegen für die "äußere" Schreinfigur und ihre Einbindung in die Struktur der funerären Anlage sind zwei Belege aufgeführt worden, die deren Kriterien nicht entsprechen: die "innere" Statue bei jwn-ra (17.27.2:) und die Statue im "principal serdab" bei ra-wr


327

(17.35.2:)<700>. Diesen Belegen kann noch eine Statue mit unklarem Fundort zugewiesen werden: die Gruppenfigur in einem Schrein in Turin, die aus den Grabungen von E. Schiaparelli auf dem Ostfriedhof von Giza stammt (17.36). Das Foto, das die Fundsituation wiedergibt, belegt, daß die Statue seitlich einer Mastabafront aufgestellt war. Diese Position ist allen drei Belegen eigen: sie befinden sich ebenfalls im "äußeren" Bereich der Kultanlage, sind aber nicht in einer der "äußeren" Schreinfigur vergleichbaren Weise mit den Merkmalen "Verlassen des Grabes" versehen. Vielmehr wird eine Beziehung zur "inneren" Kultstelle durch die Ausrichtung auf die Scheintür bzw. in Richtung des Scheintürraumes hergestellt. Auch der verwendete Statuentyp - die traditionelle Standfigur - ist zwar mit dem Index "Aktivität" versehen, aber nicht in dem Maße wie die Standfigur im Vorbauschurz auf das Diesseits festgelegt. Andererseits verweist der Typ der Gruppenfigur bei dem Stück in Turin auch auf einen kollektiven Aspekt dieser Installation. Dieser Typ der Schreinfigur, die sich zwar im Bereich der „äußeren“ Kultanlage befindet, aber einen Bezug zur „inneren“ Kultstelle herstellt, soll als „innere“ Schreinfigur bezeichnet werden.

6. Explizite Belege der "inneren" Schreinfigur, die bei Kulthandlungen fern der Scheintür, aber in der Grabanlage selbst eine Rolle gespielt haben, sind nur aus Periode IV.a in Giza bekannt. Es ist denkbar, daß deren Rolle in jüngeren Anlagen von den strukturell vergleichbaren Statuen in Serdaben vom Typ B aufgehoben wurde, die ja nicht nur die traditionelle Standfigur und die Gruppenfigur - die als "innere" Schreinfigur belegt sind - inkorporieren, sondern oft auch eine Standfigur mit Vorbauschurz, die primär als "äußere" Schreinfigur gelten kann. Als Beleg für die Aufnahme der "inneren" Schreinfigur in den Korpus der Depotserdabe vom Typ B kann die sekundär erfolgte Vermauerung der "inneren Schreinfigur" des ra-wr im "principal serdab" gelten<701>. Strukturell befindet sich die nun vermauerte Statue damit in einem Serdab im Bereich des inneren Hofes - exakt der Position, die der der "äußeren" Kultanlage zugeordnete Serdab vom Typ B von Großanlagen in der späten Periode IV einnimmt (siehe Kap. 17.2.).

7. Die drei Belege dieser hier als "innere" Schreinfigur benannten Installation stammen alle aus der Periode IV.a funerärer Praxis in Giza. In dieser Periode wurden die aus Periode III übernommen kulturellen Ausdrucksformen ausgedeutet und weiterentwickelt. Als ein charakteristisches Element der Periode III war angeführt worden, daß die "symbolische" Vervielfältigung zweier Statuen im "äußeren" Kultbereich (Verdoppelung desselben Typs der Standfigur; Bsp.: spA / 2.2) durch die differenzierende "analytische" Vervielfältigung abgelöst wurde (traditionelle Standfigur und Standfigur mit Vorbauschurz; Bsp.: ra-nfr / 2.8). In Periode IV.a wird die Nutzung der beiden


328

Statuen auch räumlich differenziert:

  1. Eine Statue, die den aktiven Grabherrn im Diesseits abbildet, wird zur "äußeren" Schreinfigur formalisiert (Standfigur mit Vorbauschurz).
  2. Eine Statue, die den aktiven, handelnden Toten innerhalb des Kultbereiches seiner Grabanlage abbildet, wird zur "inneren" Schreinfigur formalisiert (traditionelle Standfigur, Gruppenfigur).

8. Instruktive Statuenfunde aus Schreinen außerhalb von Felsgräbern sind kaum belegt, es soll hier aber auf die im vorigen Kapitel erwähnten Belege von (leeren) Schreinen in Großanlagen in Saqqara verwiesen werden. Diese Schreine treten bis zum Ende der Periode IV auf<702>. In diesen Schreinen können Statuen aufbewahrt gewesen sein, die dem Typ der "inneren" Schreinfigur entsprochen haben (traditionelle Standfigur, eventuell Gruppenfigur). Die Anzahl dieser Statuenplätze nimmt aber ab, in Periode V.a sind Statuenschreine in der Grabanlage selbst so gut wie nicht mehr belegt, allerdings deutet der Befund der Schreinfigur (17.37) bei mrr.w-kA an, daß man mit (temporären?) Schreinen im Bereich der Treppe rechnen muß. Solche Schreine würden dem "äußeren" Schrein der Periode IV entsprechen (siehe auch die Diskussion der Flachbildbelege in Kap. 20 u. 21).

18.3.3 Ambivalente Funktionsbestimmungen

1. Zu den bis hier erwähnten Fällen, bei denen die Zuweisung zum Typ Schreinfigur recht eindeutig ist, gesellen sich einige ambivalente Belege. Der Fall der mr=s-anx III. wurde oben schon besprochen. Hier treten die beiden Gruppenfiguren von Grabherrin und Mutter (?) an der Westwand des Raumes B / II auf, eine Normalscheintür flankierend, aber zugleich in Verbindung mit Prunkscheintüren und Zugang zur Bestattungsanlage. Die Kriterien deuten auf einen nördlichen Scheintür-Serdab und zugleich auch auf Schreinfiguren. Der Aspekt des "Weiterwirkens im Diesseits" ist bei der Einführung der "inneren" Nord-Kultstelle produktiv gewesen, so daß die gegebene Verbindung von Schreinfigur und Serdab an der "inneren" Nord-Kultstelle durchaus sinnvoll erscheint.

Ähnlich ist die Situation bei der merkwürdigen Statue in der Anlage des ns.t-TmAa.t (17.31), die sich an der Stelle der nördlichen Scheintür eines Scheintürraumes (NS:L:2) befindet, strukturell also exakt in der Position der in Kap. 13. diskutierten nördlichen Serdabe des nswt-nfr und sSA.t-htp (13.27; 13.28) bzw. der verdoppelten Felsgruppenfigur der mr=s-anx III.

2. Auch bei n-wDA-ptH befinden sich neben der gesicherten ca. lebensgroßen Schreinfigur (Standfigur mit Vorbauschurz) an der Westwand noch zwei kleiner Gruppen von Felsfiguren,


329

ebenfalls in schreinartigen Nischen mit Hohlkehle (17.15.2:+3:). Bei der Dreiergruppe kann es sich um eine Schreinfigur (Typ "innere" Schreinfigur) oder ebenfalls Statuen eines Scheintür-Serdabs handeln. Die unfertige Gruppe im Norden derselben Wand stellt die männliche Person im Vorbauschurz dar. Eventuell ist diese Gruppe eine etwas spätere Zutat (des Sohnes?) und kombiniert "äußere" und "innere" Schreinfigur.

Hier wie in anderen Fällen muß immer damit gerechnet werden, daß eine Installation oft mehrere Funktionen abdecken kann. Das Ensemble der Felsstatuen in der Anlage des k-hr-st=f (17.29) erfüllt wahrscheinlich sowohl die Funktion der Serdabfiguren - Affirmation von Existenz, Handlungsfähigkeit und (als Gruppenfigur) soziale Einbindung - als auch mit der Standfigur im Vorbauschurz die eines "äußeren" Schreines. Ähnlich kann das Auftreten des Vorbauschurzes bei einer Felsstatue in dem Ensemble des qAr erklärt werden (17.2).

3. Diesem Prinzip, funktional verschiedene Elemente in einer Installation zusammenzufassen, steht ein zweites zur Seite, nach dem ganze Installationen in Felsstatuen vervielfältigt werden. Die Multiplikation solcher Installationen war im Fels offenbar gut realisierbar, so daß hier sehr aufwendige Beispiele auftreten.

Die Anlage des kA-xr-ptH (17.4) multipliziert im Vorraum dreimal den Bestand jeweils eines funktional vollständigen Serdabs vom Typ B: An der Nord- der Süd- und einem Teil der Westwand sind je ein Ensemble aufgereiht (und am Zugang gab es offenbar einen Serdab mit freistehenden Statuen). Die Statuen im Vorraum stehen in einfachen Nischen. Die Statuen im Scheintürraum der Anlage stehen hingegen sämtlich in Nischen mit Hohlkehlen und die beiden Gruppen der Westwand flankieren die nördliche Scheintür mit einem Zugang zur Sargkammer (wie bei mr=s-anx III.). Im Scheintürraum wurde der Statuenbestand "im Westen" der Kapelle und dem Grabzugang vervielfältigt, wobei keine klare Trennung von Scheintür-Serdab und "innerem" Schrein möglich und wohl auch nicht beabsichtigt ist.

4. Es sei noch auf eine Besonderheit verwiesen, die bei der Interpretation kultisch relevanter Bezüge in Grabanlagen nicht vernachlässigt werden sollte: die Ambivalenz bei der formalen Repräsentation eines Abbildes selbst. Zwei Belege können darauf verweisen, daß die Schreinfiguren auch in Form von Flachbildern in einem Schrein ihre Funktion erfüllten: Neben den zwei erwähnten Schreinfiguren besitzt die Anlage des ra-wr einen im Osten (!) gelegenen schreinartigen Bau mit kurzer Treppe (N.14), an dessen Rückwand sich eine in ihrer Art einmalige Tafel aus Kalzitalabaster mit dem Relief des Grabherrn im Vorbauschurz befand (17.35.4:). Die Installation ist sicher keine Scheintür, so daß eine Verbindung zu den Schreinen mit Statuen nicht unwahrscheinlich ist. Ob eine Statue vor dem Relief aufgestellt war oder gewesen sein könnte, ist nicht dokumentiert.

In der Anlage des n-wDA-ptH befand sich eine vergleichbare Reliefdarstellung des Grabherrn im Vorbauschurz in einer Nische über dem Eingang (17.15) - der Position der Felsstatue der Anlage


330

des mr-anx=f vergleichbar (17.19).

18.3.4 Exkurs: Statuen und Kult im "äußeren" Kultbereich

1. In Kap. 14. waren Besonderheiten der Statuennutzung im "inneren" Kultbereich, bei der südlichen Kultstelle und an den Scheintüren ausführlich besprochen worden. Im folgenden sollen die Standorte und Typen von Statuen zusammenfassend betrachtet werden, die im "äußeren" Kultbereich auftreten.

18.3.4.1 "Innerer" und "äußerer" Schrein

1. Gemeinsames Kriterium der Schreinfiguren war es, daß sie alle mit dem "äußeren" Kultbereich einer funerären Anlage in Beziehung stehen. Während die "äußere" Schreinfigur sowohl vom Ort ihrer Plazierung her, aber auch durch den Statuentyp Standfigur mit Vorbauschurz einen Bezug zum Diesseits außerhalb der Grabanlage besitzt, ist die "innere" Schreinfigur eng mit dem Kult in der Kultanlage des Grabes selbst verbunden. Durch die Unterscheidung dieser beiden kultischen Aspekte ergibt sich die Möglichkeit, innerhalb der Raumstruktur von Eliteanlagen Installationen zu unterscheiden, die der rituellen Umsetzung dieser beiden Aspekte im Kult dienen. Eine derartige Unterscheidung kann jedoch nur bei einigen Großanlagen vorgenommen werden. In kleinen Anlagen sind die "äußeren" Kultbereiche auf eine Minimalausstattung reduziert, die prinzipiell alle postulierten Installationen darstellen kann, ohne daß eine gesicherte Zuschreibung aber möglich wäre. Durch die Deponierung des gesamten Statueninventars in einem Serdab vom Typ B hat man zudem alle potentiellen Aufstellungsorte zusammengefaßt, was insbesondere dann sinnvoll war, wenn aufgrund begrenzter ökonomischer Potenz nur wenige Rundbilder erschwinglich waren.

2. Bei jwn-ra (17.27) befindet sich die "äußere" Schreinfigur in einem Schrein an der Nordwand eines kleinen Hofes, der als "äußerer" Kultbereich interpretiert werden kann. Der Schrein befindet sich direkt am Ende des Zugangskorridores, im Norden. Die "innere" Schreinfigur befindet sich praktisch hinter dieser Installation in einer Art Nebenraum. Diese Statue ist nach Westen, zum eigentlichen Grabbau ausgerichtet. Besonders in der verschiedenen Ausrichtung drückt sich der getrennt zu sehende kultische Bezug beider Statuen aus.

Ein ähnliches Muster sich kreuzender Richtungsbezüge wird bei ra-wr wiederholt (17.35): Die "äußere" Schreinfigur (N.7) befindet sich im Bereich eines Korridores mit der Nord-Kultstelle und ist nach Osten, ins Diesseits gewendet. Zusätzlich deutet der ansteigende Gang eine Erhöhung an. Die "innere" Schreinfigur im "principal serdab" wendet sich nach Süden, zur eigentlichen


331

Grabstelle. Beide Statuen bei jwn-ra und ra-wr sind Teile des "äußeren" Kultbereiches, besitzen aber deutlich differenzierte kultische Richtungen und Bezüge.

3. Diese beiden Bezüge einer "äußeren" Kultanlage, ein in das Diesseits, in die Welt der Lebenden hineinwirkender Bezug, und ein auf die Kultanlage selbst beschränkter Bezug, sind in jeder Anlage der Periode IV funerärer Praxis vorauszusetzen, auch wenn die bauliche Umsetzung der Installationen das nur selten ablesbar gestaltet.

Kriterien des Bezuges einer Installation "ins Diesseits" sind:

  1. Lage am Zugang zur funerären Anlage / bei der nördlichen Kultstelle,
  2. Ausrichtung nach Osten / weg von der funerären Anlage,
  3. bei Statuen: der Typ der Standfigur mit Vorbauschurz.

Kriterien des Bezuges einer Installation zum "Kult in der Grabanlage" sind:

  1. Lage im Bereich der "äußeren" Kultstelle,
  2. Ausrichtung in die funeräre Anlage hinein / hin zur südlichen Kultstelle,
  3. bei Statuen: Typ der traditionellen Standfigur / Gruppenfigur.

Die nördliche Kultstelle bildet eine Art Bindeglied zwischen den beiden Bezügen der "äußeren" Kultanlage: bei ra-wr liegt die Nord-Kultstelle direkt östlich vom "principal serdab", die "innere Schreinfigur" befindet sich quasi "hinter" der Nord-Kultstelle; an der Nord-Kultstelle vorbei führt der ansteigende Gang zur Nische mit der "äußeren Schreinfigur" .

4. Es ist anzunehmen, daß die hier beschriebene Differenzierung der Kultschwerpunkte der „äußeren“ Kultanlage auch mit dem Aufkommen des Scheintürraumes (NS:L:2) in Zusammenhang steht. Dessen Charakteristikum ist ja die Verdopplung bzw. die Differenzierung der nördlichen Kultstelle. Eine der beiden Nord-Kultstellen verbleibt an der Mastabafassade und steht mit dem Grabausgang / Ausgang der funerären Anlage in Verbindung - hier ist der Kult um die „äußere“ Schreinfigur angesiedelt. Die zweite Nord-Kultstelle wird in den Scheintürraum verlegt, behält aber auch dort den Bezug zum Ausgang, jedoch hier den Ausgang in die „äußere“ Kultanlage. In dieser „äußeren“ Kultanlage ist der Kult an der „inneren“ Schreinfigur angesiedelt.

5. In den Großanlagen der Perioden IV und V.a werden diese Bezüge in unterschiedlicher Weise hergestellt. Grundsätzlich kann der dabei auftretende Innenhof/halle mit dem Bezug des Kultes in der Grabanlage verbunden werden, damit dem Bereich einer "inneren" Schreinfigur, die Bereich am Zugang und insbesondere auch auf dem Dach der Mastaba mit dem Bezug zum Diesseits, dem Bereich einer "äußeren" Schreinfigur.

18.3.4.2 Die kollektive Kultstelle

1. Im Nordteil der Anlage des ra-wr gibt es neben den beiden genannten Installationen - "innerer"


332

Schrein" und "äußerer" Schrein - noch einen dritten Kultkomplex. Es handelt sich um einen großen Raumtrakt, die sogenannte "offering hall", der dem Hauptzugang zur Gesamtanlage gegenüberliegt. In der Ostwand der "offering hall" befinden sich fünf Nischen für Statuen, dazwischen insgesamt vier Scheintürnischen mit jeweils einem runden Opfertisch davor; am Ende der Kammer steht eine Art Altar oder Untersatz, vor dem S. Hassan die Dreier-Pseudo-Gruppe des ra-wr fand (12.5.4:)<703>.

Die gesamte Installation ist offensichtlich mit den Indizes "Position im Norden" und "Position am Eingang" versehen; wohl auch gegenüber der "inneren" Kultanlage erhöht und in der Nähe der Nord-Kultstelle gelegen; alles Bezüge, die sie mit dem Diesseits, dem Bereich außerhalb der Kultanlage in Verbindung setzen. Ausgesprochen ungewöhnlich ist hier die Lage von Statuennischen und Scheintüren an einer Ostwand der Kultanlage, während die Westwand vollkommen frei von derartigen Installationen blieb und nur mit Reliefs von Opferbringern geschmückt war<704>.

Belege für Statueninstallationen in Ostwänden wurden schon erwähnt; sofern man bei ihnen einen Bezug zur südlichen Kultstelle aussmachen kann, sind sie aber als Serdabe oder "innerer" Schrein anzusehen. Genau dieser Bezuge fehlt hier und ist durch den Bezug "Norden / Zugang" ersetzt. M. E. besitzt dieser deutliche Unterschied der kultischen Richtung und damit des kultischen Bezuges einige Bedeutung, so daß eine besonderen Form von Kultstelle angenommen werden soll.

2. Sucht man nach vergleichbaren Installationen mit Nischen in der Ostwand einer Opferanlage, die sich im nördlichen "äußeren" Kultbereich befindet, so sind mir vor allem zwei Belege bekannt: die Felsensitzfigur in einer Nische in der Ostwand des Hofes bei qAr (17.2.1:) und die vier (Scheintür?-)Nischen mit fünf Statuendepots in der Anlage D 17 in Saqqara (15.32). Aus keiner der drei Anlagen sind Funde bekannt, die eine Zuschreibung der gefundenen Statuen in den Nischen bzw. der Scheintüren an den Grabherrn der Gesamtanlage sichern, allerdings auch keine Funde, die einer solchen Zuschreibung sicher widersprechen. A. Mariette hat der Installation in D 17 Statuen zugeschrieben, die mindestens zwei verschiedene Personen abbilden; ob einer davon der Grabherr der südlichen Kultstelle ist, kann durch das Fehlen weiterer Inschriften im Grab nicht geklärt werden. Neben der Dreiergruppe des ra-wr an der Stirnseite der "offering hall" fand Hassan die Fragmente einer Statue aus Kalzitalabaster vor der zweiten Nische von Norden, die er ra-wr zuschreibt, auf der aber offenbar keine Inschrift erhalten ist (12.5.3:)<705>. Die Sitzfigur im Hof des qAr ist ebenfalls ohne Inschrift.

Die Zuschreibung solcher Kultstellen, die "von Osten"/"von außen" in die Kultstelle im Norden


333

wirken, an den Grabherrn, erscheint mir aus Gründen der sonst beobachteten Kultrichtungen sehr unwahrscheinlich. Auch wenn ein wirklicher Beweis ausbleiben muß, soll deshalb vorgeschlagen werden, in diesen wenigen Belegen Kultstellen zu sehen, die nicht nur dem Grabherrn selbst, sondern auch Angehörigen gewidmet sind.

3. Einige Indizien können diese These stützen. Der Grabherr wirkt in den nördlichen Kultbereich über die Nord-Kultstelle. Diese Kultstelle ist auch die, an der kollektive Aspekte der sozialen Entität eines Toten rituell behandelt werden, indem er in die Familie integriert wird. Die Anlage D 17 in Saqqara kann diese Wirksamkeit gewissermaßen bildhaft umsetzen: der Grabherr tritt an der Nord-Scheintür aus dem Grab und in die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten (östliche gelegene Kultstellen) ein.

In Giza wird in Periode IV.a in (NS:L:2)-Räumen dieser Gedanke modifiziert und in die "innere" Kultstelle in Form einer "inneren" Nord-Scheintür integriert: der Tote tritt aus der Grablege kommend in seine Kultanlage ein und verbindet sich dort mit lebenden und toten Angehörigen, erst in einem zweiten Schritt verläßt er das Grab in Richtung diesseits. Etwa dieser Gedanke findet sich bei ra-wr in weitaus geräumigerer Weise umgesetzt: Die "offering hall" korrespondiert mit dem "inneren" Schrein ("principal serdab") und liegt "hinter" dem "äußeren" Schrein (N.7); der Grabherr ist in seiner Dreiergruppe (die eventuell in einer schreinartigen Installation auf dem Untersatz oder im Bereich dahinter untergebracht war) anwesend und agiert aus der Richtung seiner Bestattung im Süden, die Angehörigen treten von Osten dazu. Ein Heraustreten aus der Anlage selbst (über die "äußere" Nord-Kultstelle und mittels der "äußeren" Schreinfigur bei N.7) findet aber nicht statt.

4. Ein weiteres Indiz sind die seltenen Belege, in denen in der Flachbildekoration das Zusammentreffen von Grabherren und eigenen Vorfahren thematisiert wird<706>. In solchen Fällen stehen sich Grabherr und Vorfahre gewöhnlich gegenüber. Im Grab des nfr-bA.w-ptH sind an den Pfeilern des Portikus die Personen dabei jeweils so abgebildet, daß der Grabherr "in Leserichtung" aus dem Grab heraustritt, sein Vater und Großvater aber ihm entgegentreten - das heißt in "kultische Richtungen" umgesetzt: sie kommen von Osten<707>. Aus derselben "kultischen Richtung" bewegt sich kA-wab in der Anlage der mr=s-anx III. auf den Statuenraum seiner Tochter zu<708>. In der Anlage des sSA.t-Htp sitzen im nördlichen Teil des Scheintürraumes (NS:L:2) zwei Personen - wahrscheinlich die Eltern - an der Ostwand dem an der Nordwand in der Fest-Ikone dargestellten


334

Grabherrn und seiner Gattin gegenüber <709>. Und in der Anlage des n-anx-Xnmw und Xnmw-Htp treten die Angehörigen den beiden Grabherren im Zusammenhang mit einem Stiftungstext von Norden, entsprechend der Grabarchitektur von "außen" kommend entgegen<710>.

In rituelle Handlung umgesetzt affirmieren diese Bilder das Kommen (eines Abbildes) von Vorfahren aus dem Bereich "außerhalb der Grabanlage" in den Bereich der nördlichen, "äußeren" Kultstelle. Während man in der Regel davon auszugehen hat, daß diese Vorstellung nur in bestimmten Festzusammenhängen und dann am ehesten mit transportablen Statuen umgesetzt wurden, sind in der außerordentlich elaborierten Anlage des ra-wr die Kultplätze für Angehörige, die "von Osten" her am Kult teilnehmen, fest installiert. Daß sie auch fest installierte Statuen enthielten, ist dabei nicht zwingend, die Statuen können jeweils zu bestimmten Anlässen in die Nischen gestellt worden sein.

5. Akzeptiert man diese Vorstellung, bietet sich auch eine, allerdings wieder nicht stichhaltig zu belegende Lösung für die dreizehn Felsstatuen in einer Nische mit Hohlkehle an der Ostwand des ersten Raumes der Anlage des dbH.n an (17.25.1:): entweder, handelt es sich um Untergebene - was den Schreiberfiguren an dieser Position entspräche - oder um Angehörige. Die Position "im Osten" und im "äußeren" Kultbereich haben beide Statueninstallationen gemeinsam, die Unterbringung in einer schreinartigen Installation ist aber eher für Statuen von Ahnen anzunehmen. Aber sogar für die Abbildung der "teilnehmenden" Schreiberfiguren trifft ja derselbe Sinnzusammenhang zu, wie für die Abbildung lebender und toter Angehöriger: Affirmation der Teilnahme von Angehörigen der sozialen Institution Familie / Versorgungsgemeinschaft am funerären Kult.

6. Die genannten Belege datieren alle in die Zeit des Überganges von der 4. zur 5. Dynastie. Jüngere Belege wie die Felssitzfigur im Grab des qAr deuten an, daß derartige Praktiken aber auch bis in die frühe 6. Dynastie auftreten können (17.2.1:). Nimmt man ernst, daß die Sitzfigur gewissermaßen "aus Richtung" des Grabes des jdw positioniert ist, kann man das als ein Indiz dafür werten, daß diese Statue jdw abbildet, was wiederum andeutet, daß dieser wahrscheinlich tatsächlich der Vater bzw. ein Vorfahre des qAr ist<711>.

Auch bei nfr-bA.w-ptH stimmt der Ort, aus dem die Vorfahren in sein Grab "kommen", mit den realen Gegebenheiten überein: die Anlagen G 6020 (jj-mrj) und G 6040 (wsr-kA=f-anx) liegen nördlich von der des nfr-bA.w-ptH<712>.


335

7. Ein weiteres Indiz für die Existenz kollektiver Kultformen, die auch rundplastische Abbilder von Vorfahren einbeziehen, soll noch angeführt werden. In Periode IV.c wird in Großgräbern eine recht elaborierte Form der Darstellung der Bestattung üblich, die erstmals auch die Behandlung des Sarges und seinen Transport zum Grab einbezieht (siehe dazu Kap. 21.). Als eine letzte Etappe ist dabei gezeigt, daß der Sarg in einem Festzusammenhang zum Grab transportiert wird. Dabei deuten umfangreiche Opferaufbauten den rituellen Rahmen an. Neben diesen Opferaufbauten sind dabei in zwei Belegen Bilder sitzender Personen zu erkennen: bei zSzS.t : jdw.t nur zwei fragemtarisch erhaltene Abbilder<713>, bei ptH-Htp mindestens drei, die sich zudem in einer Art Rahmen (Schrein?) befinden<714>. Es kann sich hierbei theoretisch um am Fest teilnehmende Angehörige handeln, für die das Sitzen auf stuhlartigen Untersätzen aber sehr ungewöhnlich wäre, da lebende Angehörige im Festzusammenhang gewöhnlich am Boden sitzend dargestellt werden. Angemessen ist diese Pose für bereits Verstorbene. Da die Darstellungen der Handlungsaffirmation in Periode IV.c äußerst detailgenau sind und alle wesentlichen Gaben und Objekte des Rituals abbilden, werden hier m.E. Sitzfiguren gezeigt, die im Rahmen der Bestattung in rituelle Handlungen einbezogen sind. Der als Schrein deutbare Rahmen bei ptH-Htp macht das ebenfalls wahrscheinlich. Da diese Statuen ruhen und nicht, wie der Sarg oder das Abbild des Toten, transportiert und behandelt werden, stellen sie wohl nicht den Verstorbenen dar, sondern andere Personen, am ehesten Vorfahren, die im Rahmen der ersten großen Totenfeier versammelt werden. Es sei auf die ebenfalls in Periode IV.c auftretende Phrase der Opferformel verwiesen, die den Empfang des Toten durch "seine Väter und seine Kas" beschreibt (siehe Kap. 22.2.).

Eine ähnliche Darstellung von sitzenden Personen, die wohl nicht den Grabherrn abbilden, befindet sich an der Ostwand der Kapelle des wr-xww im Central Field in Giza<715>. Auch diese Darstellungen sind als Sitzfiguren von Ahnen zu deuten, denen der Grabherr im Rahmen der anderen auf dieser Wand noch dargestellten Aktivitäten im Diesseits entgegentritt. Die Szene ist hier nicht auf den konkreten Zusammenhang der Bestattung festgelegt, sondern wie etwa bei nfr-bA.w-ptH als Begegnung im Rahmen des Ahnenfestes.

8. Kehren wir noch einmal zum Ausgangspunkt der Betrachtung zurück. Bei ra-wr gibt es am Zugang zur Anlage die große "offering hall" mit den Ost-Kultstellen. Östlich dieser Kultstellen befinden sich zwei Installationen. Das ist zum Einen die große Nische (N.7) mit der "äußeren" Schreinfigur, die am Ende der "sloping passage" ihren Platz hat. Nördlich davon liegt ein stark zerstörter Bereich aus wohl zwei (?) breiten Nischen. Von hier gelangt man zum sogenannten Vestibul, das die Verbindung von "offering hall" und dem südlich gelegenen Kapellenbereich herstellt, den man, die "sloping passage" herabsteigend, erreicht. An der Stirnseite des Vestibuls


336

befindet sich ein Relief, daß den Grabherrn und seine Mutter zeigt<716>. Relieffragmente aus dem folgenden Raumteil ("chamber for offerings (?)" und S.4) zeigen Dekorationselemente, die auf die Darstellung eines Baldachins deuten<717>. Der Baldachin ist Teil der Fest-Ikone, in der ein kollektives Totenfest bildlich affirmiert wird, bei dem der Tote mit seinen Nachfahren in Verbindung tritt (siehe Kap. 20.2.). Auch diese Details sind Indizien für die Interpretation des gesamten nördlichen Bereiches der Anlage des ra-wr als Installation, die besonders Formen des kollektiven Kultes unter Einbeziehung des Grabherrn, der Nachfahren, aber auch der Vorfahren dient.

9. Das auffällige Fehlen von Kultstellen, die der des ra-wr gleichen, in jüngeren Anlagen, ist wohl dadurch zu erklären, daß ein solche Installation nicht zur obligaten Ausstattung einer funerären Anlage gehört. Der temporäre Charakter des in den Flachbildern gezeigten Baldachins macht es wahrscheinlich, daß der Ort derartiger kollektiver Feste nicht eigentlich der Grabbau ist. Bei ra-wr läßt sich aber zumindest die Tendenz erkennen, in einer großen und repräsentativen Anlage diesen Bereich fest zu etablieren. Auch in jüngeren Großanlagen können besondere Räume mit Motiven dekoriert werden, die dem Umfeld der Fest-Ikone entstammen. Nur in seltenen Fällen ist aber anzunehmen, daß damit ein spezieller Funktionsbereich der Anlage gekennzeichnet wird; meist liegt die bildliche Affirmation von Richtung und Ort in symbolischer Weise vor<718>.

10. Zuletzt sei noch die schon einmal erwähnte Holztür aus dem Bereich der Anlage der kA-m-snw-Familie in Saqqara genannt, deren genauer Fundort zwar nicht bekannt ist, die aber ebenfalls auf eine kollektive Kultstelle deutet. Allerdings war hier der kollektive Kult nicht nur über die biologische Institution "Familie" bestimmt, sondern auch über eine Verbindung auf beruflich-sozialer Ebene<719>.

18.3.4.3 Zusammenfassung

1. Anders als der Kult vor der Scheintür im "inneren" Kultbereich einer Grabanlage ist der Kult im "äußeren" Kultbereich mit einem deutlichen Schwerpunkt des Kultes an Statuen versehen. Daneben spielt die nördliche Scheintür-Kultstelle als Ort des Heraustretens des Toten aus dem Grab in der "äußeren" Kultanlage eine Rolle. Ganz selten treten Belege von Scheintüren in Zusammenhang mit Statuennischen in einem Bereich auf, der m.E. eine kollektive Opferstelle


337

darstellt und die dem Kult anderer Personen dienen können.

2. Anhand der Statuenfunde aus Großanlagen und vergleichbaren Installationen in Felsgräbern auch der mittleren Residenzebene kann auf die Existenz zweier verschieden ausgerichteter Kultbezüge im "äußeren" Kultbereich geschlossen werden. In beiden Fällen werden Statuen in Schreinen rituell behandelt, wobei die universellen Depotserdabe vom Typ B und ihnen vergleichbare Felsstatuen-Installationen die jeweiligen Funktionen auch kombinieren können.

3. Ein Kultbezug findet seinen Fokus in der "äußeren" Schreinfigur, die den Grabherrn gewöhnlich im Typ der Standfigur mit Vorbauschurz abbildet. Dieser Kultplatz ist in größeren Anlagen so angelegt, daß er die andauernde Wirksamkeit des Toten in das Diesseits durch verschiedene räumliche (Position am Zugang, im Norden, "oben", Ausrichtung nach Osten) und ikonographische (Prunk-Scheintür, Standfigur mit Vorbauschurz) Indizes umsetzt.

4. Der zweite Kultbezug ist auf die aktive Anwesenheit des Toten in seiner Kultanlage gerichtet. Sein Fokus ist die "innere" Schreinfigur, deren räumliche und ikonographische Indizes eine Beziehung zur Grabanlage als rituellen Ort herstellen. Dieser "innere" Schrein wird in Giza in Periode IV.a wohl auch im Bezug mit der Entwicklung der nördlichen Scheintür im Scheintür-Raum (NS:L:2) mit dieser Installation in Verbindung gebracht, die die andauernde Wirksamkeit eines Toten über die Einbindung in die soziale Kernfamilie beschreibt. Es besteht daher auch ein Bezug zu Formen des kollektiven Kultes, was sich u.a. in der Existenz einer Gruppenfigur in einem Schrein zeigt. Während die nach außen fokussierende "äußere" Schreinfigur einen über die eigentliche soziale Kerngruppe hinausgehenden Aspekt besitzt, ist der Kult an den beiden Installationen nördliche Scheintür bei (NS:L:2) und "innerer" Schrein eher auf die Kerngruppe beschränkt. Außerhalb von Giza und nach Periode IV.a sind diese beiden Sonderinstallationen aber kaum zu beobachten, so daß beide Phänomene in der hier beschriebenen Ausprägung vor allem als lokale und zeitlich begrenzte Sonderentwicklung angesehen werden müssen.

5. Ein dritter Kultbezug ist nur in ganz wenigen Belegen am archäologischen Befund ablesbar, sollte aber als Funktion der "äußeren" Kultanlage berücksichtigt werden. Es ist der Kollektivkult, der auch die rituelle Behandlung von Abbildern der Vorfahren einbezieht. Auch dieser Kult ist in Giza wohl eng mit "innerem" Schrein und diesbezüglichen Handlungen innerhalb der "äußeren" / kollektiv orientierten Kultanlage verbunden. In den meisten Fällen sind entsprechende Kultinstallationen nicht baulich oder durch Objekte fixiert, eher hat man damit zu rechnen, daß Abbilder der Vorfahren in den Kult im "äußeren" Kultbereich einer funerären Anlage ähnlich temporär einbezogen wurden, wie auch die Anwesenheit der lebenden Angehörigen nur zeitweilig ist.

18.4 Formales: Ambivalenzen und Vervielfältigung


338

1. Es hat sich bei der Diskussion der Belege immer wieder gezeigt, daß bei der praktischen Umsetzung der habituellen Vorgaben der funerären Praxis verschiedene Formen ambivalenter Interpretation, auch als formale Varianten, eine wichtige, oft strategische Rolle spielen. Dazu gehört auch das Phänomen der Vervielfältigung, das für die Residenzkultur im AR äußerst charakteristisch ist und sich an den Belegen von Felsstatuen gut untersuchen läßt.

18.4.1 Scheintürstatue, Nischenstele und die Scheintür mit Hohlkehle (Schrein-Scheintür)

1.1. Zu den Sonderfällen sind die Belege zu zählen, die rundplastische Darstellungen im Zusammenhang mit Scheintüren zeigen<720>. Scheintüren bilden in Periode II im Mittelfeld den Grabherrn im Flachbild ab, wie er nach rechts - aus der Tür hinaus - schreitet<721>. Die Darstellung des Grabherrn im Mittelfeld ist in Periode III selten und kommt in Periode IV außer Gebrauch. Einige jüngere Scheintüren jedoch, die deutlich experimentellen Charakter haben, zeigen im Mittelfeld den Grabherrn rundplastisch in Frontalansicht. Hier liegt fraglos die Umsetzung des Flachbildes des aus seinem Grab schreitenden Grabherrn im Rundbild vor - ein Prinzip, das dann sogar zur "Rückübersetzung" des Rundbildes in ein Flachbild des Grabherrn in Frontalansicht an der Scheintür des rdj-ns führt<722>! Formale Vorlage für die rundplastische Umsetzung sind Felsstatuen, wie die meist geschlossenen Beine der Rundbilder an Scheintüren zeigen (17.23; 17.40; 17.41; 17.42). Zu nfr-sSm-ptH (17.43) ist noch zu bemerken, daß die beiden Standfiguren nicht im Mittelfeld der Scheintür stehen, sondern an den Pfosten, also Umsetzung der dort üblichen Flachbilder des heraustretenden Grabherrn sind<723>.

1.2. Auch bei der Gestaltung der Scheintür selbst - also der Komposition von Pfosten, Architrav etc., die den symbolischen Durchgang markieren - wird mit Ambivalenzen experimentiert: Die unterirdische Kapelle des jAzn hat an ihrer Westwand eine Felsfigur des Grabherrn in einer Nische (17.38). Der nördliche / rechte Pfosten ist mit einer Variante der Opferformel beschriftet (pr.t-xrw-Bitte ohne einleitendes Htp-dj-nswt), so daß Ort und Form auf eine Scheintür schließen lassen. Die Anlage besitzt auch keine andere Scheintür in der unterirdischen Kapelle<724>. Der Grabherr trägt jedoch den Vorbauschurz, was für Scheintürfiguren nicht typisch ist; die Opferformel ist


339

ungewöhnlich, und die Form der Nische hat nichts mit einer formalen Scheintür zu tun. Man kann die Installation daher wohl als Kombination von Scheintür und Schrein interpretieren, denn auch der Zugang zur Sargkammer liegt direkt neben ihr. Die versenkte Lage der Kultkammer verbindet die Anlage mit jenen auf Giza beschränkten Anlagen aus der Übergangszeit von Periode IV zu Periode V, die Kultstelle und Grablege zusammenführen (z.B. auch qAr und jdw), so daß die Ambivalenz der Installation mit dem Bemühen der Verbindung von unterirdischer und oberirdischer Anlage in Verbindung stehen wird.

Recht ähnlich ist die Platte des mddj mit einer Art frontalem Hochrelief neben der Scheintür der xa-xnm.t zu interpretieren (17.39). Sie weist sich nicht als klassische Scheintür aus, übernimmt aber wenigstens teilweise die Funktion einer solchen.

Eine andere Idee liegt der einmaligen Darstellung im Grab des jdw zugrunde, die vor der Scheintür den dickleibigen Grabherrn mit geöffneten Händen aus dem Boden ragen läßt (17.3.7:). Es ist nicht das Heraustreten aus dem Grab, das hier affirmiert wird, sondern die Fähigkeit des Opferempfanges<725>.

2.1. Eine zweite Gruppe von bewußt ambivalent gestalteten Objekten soll hier als "Nischenstele" bezeichnet werden. Einige wenige Beispiele dieser Objektgattung zeigen den oder die Dargestellten in einem nischenartigen Rahmen, der auch Anklänge an eine Scheintür besitzen kann. Die Objekte sind aber keine in den architektonischen Zusammenhang der Kultstelle integrierte Nischen (Schrein, Scheintür), sondern freistehende plastische Objekte.

Auf die außergewöhnliche Gruppe des pn-mrw (17.46) wurde bereits in Kap. 15.1.2. eingegangen: Sie stellt den Grabherrn zweimal in identischen Standfiguren dar - besitzt also Elemente einer Pseudo-Gruppe -, zugleich wird die Figur zur Linken von der Frau umarmt und den Kindern begleitet - ist also eine Gruppenfigur. Eine vollständige Opferformel mit qrs- und pr.t-xrw-Bitte steht auf dem Rahmen, der obere Abschluß des Innenraumes ist als Rundholz gebildet. Die Statue verbindet über ihren Rahmen Elemente der Scheintür mit solchen des Serdab, dem die Statuentypen entstammen und in dem das Objekt auch Aufstellung fand. Im Serdab war die Gruppe an der Westwand angebracht, nach Süden versetzt, was der Position einer Süd-Kultstelle in einem (NS)-Scheintürraum entspricht. Die Ambivalenz von Serdab und Kultstelle ist sicher beabsichtigt<726>.


340

Die Statue des jj-kA.w zeigt den Besitzer im Vorbauschurz in einem Rahmen, der nicht als Scheintür gekennzeichnet ist (17.45). Der Text enthält jedoch die Opferformel mit der qrs-Bitte. Auch hier ist wohl eine Ambivalenz, diesmal von "äußerem" Schrein und Scheintür, beabsichtigt.

2.2. An solchen nur sehr selten belegten Objekten zeigt sich, daß bestimmte Installationen und ihre Funktionen aus einem ursprünglichen Zusammenhang gelöst werden können. Die neuen Objekte, hier statuenartige Ensembles mit Elementen der Scheintür und / oder des Schreines, werden dann in neue funktionale Zusammenhänge eingefügt. Im Fall von solchen statuenartigen Objekten ist der Serdab der Ort, in dem diese Ausstattungsstücke im Zuge der Entwicklung zu "selbstwirksamen" Installationen konzentriert werden.

3. Ein vergleichbares Phänomen ist die Entwicklung der Scheintür mit Hohlkehle und Rundstäben<727>. Eine solche Scheintür ist als die Verbindung von Scheintür und einem (Statuen-)Schrein zu deuten („Schrein-Scheintür“). Solche Scheintüren treten erst ab Periode IV.b auf und sind immer mit der südlichen / inneren Kultstelle verbunden. Die Funktion der südlichen Scheintür war es, dem Toten einen symbolischen Zugang zu seiner Kultanlage zu schaffen, damit er dort sein Versorgungsopfer empfangen kann. In Periode IV.a hatte man in Giza den Kultbezug an der südlichen Kultstelle differenziert, indem man im Scheintürraum (NS:L:2) die traditionelle Süd-Scheintür dem Kult des Grabherrn „im Grab“ widmete, eine neue Nord-Scheintür mit dem Bezug des Ausganges des Grabherrn in seine Kultanlage verband (gegebenenfalls verbunden mit dem Kult der Gattin und weiterer Angehöriger; siehe Kap. 14). Die Einführung dieser zweiten Nord-Kultstelle hatte offenbar in engem Bezug mit der Schaffung eines Kultplatzes an einem „inneren“ Schrein gestanden (s.o.).

In Saqqara ist die zweite, „innere“ Nordkultstelle kaum belegt und auch Belege für eine „innere“ Schreinfigur sind nicht gesichert. Dafür wird hier die südliche Scheintürkultstelle äußerlich mit einer Schreinfassade umgeben. Die ersten Belege treten schon in der Mitte der 5. Dynastie auf, ab Isesi und Unas werden Scheintüren sehr häufig in dieser Weise gestaltet<728>. Visuell werden so die


341

Elemente der traditionellen Scheintür, als dem klassischen Opferplatz, und des ("inneren") Schreines, als dem Ort der Erscheinung des aktiven Toten "in seinem Grab", verbunden. Interessant an dieser Lösung ist, daß damit der Grabbau als eine Art Schrein oder schreinartiges Behältnis interpretiert wird, in dem der Tote verwahrt wird. Damit entspricht die Leiche des Toten einer Statue, die in einem Schrein ruht und zu bestimmten Gelegenheiten durch das Öffnen der Schreintür anwesend gemacht wird. Diese Vorstellung kann vor dem Hintergrund der sich entwickelnden Leichenbehandlung plausibel wirken; wie in Kap. 21 noch gezeigt wird, nähern sich Leichenbehandlung und Statuenbehandlung in Zuge der Entwicklung der Mumifizierungstechnik in Periode IV einander an.

In Periode V wird diese formale Lösung immer mehr als typisch für Scheintüren überhaupt interpretiert. Dabei verliert die Scheintür endgültig den Bezug zu ihrer Herkunft vom symbolischen Tor-Durchgang an der Mastaba; die angedeuteten Türflügel bei jüngeren Schrein-Scheintüren beziehen sich entsprechend eher auf die Tür eines Schreines als die eines Hauses. Parallel dazu wird auch in der Opferformel der Scheintüren ab Periode V tendenziell auf die mit der Bestattung und dem Zugang zur Sargkammer verbundene qrs-Bitte verzichtet und nur die Bitte um das regelmäßige pr.t-xrw genannt (siehe dazu Kap. 22.2.). Die Schrein-Scheintür ziert nun auch Installationen, die fern der eigentlichen Bestattung im funerären Kult Verwendung finden (z.B. die sog. „Scheinmastabas“, steles-maisons); nur das Motiv der Prunkscheintür bleibt eng mit der Bestattung verbunden (z.B. auf den Särgen).

18.4.2 Statuenvervielfältigung

1. Ein wesentliches Phänomen der Statuenverwendung in der Residenz des AR tritt bei den Felsfiguren sinnfällig vor Auge:

  1. die Vielzahl von Statuen unterschiedlicher Typen, aber ein und derselben Person in einer Grabanlage und
  2. die Vervielfältigung ein und desselben Statuentyps.

Besonders das letztere Phänomen - die Vielzahl formal identischer Statuen an einem Ort, in ein und demselben funktionalen Zusammenhang - ist geradezu typisch für Felsstatuen und wird nur von einigen Sonderensembles freistehender Statuen erreicht oder übertroffen.

2. Folgende Beobachtungen lassen sich im Fall der Felsstatuen zur Vervielfältigung desselben Statuentyps machen:

  1. Es sind Statuen in Statuenhaus-/ Serdabtyp-B-Ensembles, die vervielfältigt werden<729>.

    342

  2. Es sind Statuen des Grabherrn bzw. der Grabherrin (mr=s-anx III.), die mehrfach auftreten. Statuen anderer Personen - z.B. des Sohnes oder der Gattin - treten nur einmal auf.
  3. Es sind männliche Standfiguren im Normalschurz bzw. weibliche Standfiguren im Trägerkleid, die vervielfältigt werden.
  4. Gruppenfiguren und Standfiguren mit Vorbauschurz werden innerhalb eines Ensembles nicht vervielfältigt.
  5. Die Vervielfältigung folgt bestimmten Regeln, denen besonders die Zwei- und die Dreizahl von Figuren zugrundeliegt. Es kann zur Bildung sogenannter "Pseudo-Gruppen" kommen, bei denen zwei oder drei gleichartige Statuen in engstem Zusammenhang kombiniert werden, ohne daß diese Figuren sich berühren (was ein Indiz für eine Gruppenfigur wäre).
  6. Sind Beischriften vorhanden, so variieren sie oft die Titel des Grabherrn.

3. Bei Statuenvielheit sind die einzelnen Figuren einer Vielheit in der Regel identisch, jedoch werden besonders bei Gruppen die Perücken auch variiert. Eine "sinntragende" Regel ist nicht feststellbar. Im Grab des kA-xr-ptH (17.4) und an anderen Belegen gewinnt man vielmehr den Eindruck, daß mittels verschiedener Perücken innerhalb einer Gruppe eine gewisse Auflockerung und Symmetrie des Bildes bezweckt wurde: je zwei gleichartige Perücken flankieren eine andere. Alle diese Beobachtungen lassen sich auch auf Belege von Statuen in Ensembles freistehender Statuen übertragen.

4. Ein zweites Phänomen ist die Vervielfältigung des Abbildes einer Person durch die Darstellung in unterschiedlichen Statuentypen. Im Fall der Belege von Felsstatuen sind das nur die Standfigur mit Vorbauschurz und die Gruppenfigur, die neben den traditionellen Standfiguren noch einem Ensemble hinzugefügt werden. In Depots freistehender Statuen können außerdem Abbilder des Grabherrn als Schreiber und als Nacktfigur auftreten.

5. Vervielfältigungen des Abbildes des Grabherrn in dieser Art treten aber nicht nur im Rundbild auf, sondern auch im Flachbild: Einige Architrave zeigen eine Reihung von Bildern des Grabherrn, auch in verschiedenen Trachten, und die Beischriften variieren die Titel, ohne daß bisher Regeln der Titelverteilung auf die Trachten festzustellen waren<730>. Ebenso sind auf Pfeilern oft Darstellungen des Grabherrn in wechselnder Tracht und Beischrift angebracht.

6. Das Phänomen der Vervielfältigung von Statuen desselben Typs ist durch die zwei Holzbasen in S 3505 aus der ersten Dynastie belegt und wieder im Statuenpaar des spA aus der dritten Dynastie (2.1; 2.2). Mit dem Aufkommen elaborierter Dekorationsprogramme wird auch die Vervielfachung des Bildes des Grabherrn im Flachbild üblich. Im Grab des Hzj-ra werden an den Scheintüren der Gangkapelle verschiedene Aspekte des Grabherrn in verschiedenen Darstellungen und mit verschiedenen Titelbeischriften beschrieben<731>. Die Paneele zeigen den


343

Grabherrn dabei schreitend und einmal auch sitzend. Die Vervielfältigung scheint den Zweck zu haben, die Existenz des Grabherrn unter verschiedenen Aspekten zu affirmieren: als versorgter Toter, als bewegungsfähiger Ahn, als verfügungsberechtigter Residenzangehöriger etc. Diese Tendenz - den Toten in verschiedene Aspekte zu gliedern und diese Aspekte in verschiedenen Formen beschreibbar, faßbar und behandelbar zu machen - ist eine Element der Residenzkultur des AR, das bei der Entwicklung kultureller Ausdrucksformen sehr produktiv ist. Schon die Darstellung des Toten in zwei grundsätzlichen Formen - sitzend / empfangend und schreitend / agierend - im Flachbild und Rundbild geht auf die Vorstellung zurück, daß unterschiedliche Aspekte in unterschiedlicher Form beschrieben und umgesetzt werden. Die Vervielfältigung und die Entwicklung neuer Darstellungstypen verfeinert diese Art der analytischen Definition des Toten. Über seine unmittelbaren Eigenschaften als "Seiender" hinaus wird der Tote auch als Inhaber bestimmter sozialer Positionen beschrieben. Besonders die stehende Figur, die den Toten als Handelnden, als Ausführenden von Rollen abbildet, bietet sich dafür an. In solchen Belegen, wo Standfiguren im Rund- oder Flachbild mit wechselnden Titeln versehen sind, ist dieses Prinzip der Vervielfältigung recht deutlich.

7. Neben dieser "analytischen" Tendenz unterliegt die Vervielfältigung einem zweiten Prinzip, das eng mit der Verschriftlichung als einem typischen Phänomen der Residenzkultur des AR zusammenhängt. Duplizierung und Verfielfältigung vermehren und sichern den Bestand einer Sache über das besondere kulturelle Medium der selbstwirksamen Zeichen - der Schrift -, oder besser: über symbolische Formen der Konzeptualisierung, die auch in der Gestaltung der Schrift wirksam sind. Auch die Verwendung unterschiedlicher Materialien ist wahrscheinlich mit symbolischen Konnotationen versehen. Die Doppelung desselben Statuentyps tritt - neben der Gliederung in Stand- und Sitzfigur - bei Statuen schon in Periode II auf (S 3505, zpA). Neben der Symmetrie, die als gestalterisches Element vor allem im Flachbild von großer Bedeutung ist, kann der Zweizahl auch die Vorstellung vom Dual - der Ganzheit als Summe zweier gleicher Teile - zugrundeliegen. Analog vertritt die Dreizahl den Plural als eine besondere, umfassende Vielheit (siehe dazu Kap. 10.).

8. Zu diesen formalen Prinzipien der Vervielfältigung - "analytische" Definition von Wesensaspekten und "symbolische" Wertsteigerung durch Zahlen- und Materialsymbolik - gesellt sich die Selbstdefinition des Individuums mittels des Einsatzes monumentaler kultureller Ausdrucksformen. Statuen gehören zu den Installationen einer funerären Anlage und sind wie jede andere Installation zur symbolischen Umsetzung einer gesellschaftlichen Position geeignet und scheinen als Mittel der Umsetzung einer Position besonders in Periode IV üblich gewesen zu sein. Gerade Felsstatuen bieten sich aufgrund ihrer guten Sichtbarkeit als prestigeindizierte Symbole an. Diese "monumentale Vervielfältigung" umfaßt die Vervielfachung ganzer Installationen und Statuenensembles in mehreren Statuenhäusern oder Serdaben bzw. - im Fall der Felsstatuen - an mehreren Wänden der Kapelle. Ein gutes Beispiel dafür ist die Anlage des kA-xr-ptH (17.4) und


344

auch die Anlagen, in denen sich lange Reihen von Einzelfiguren in Nischen wiederholen (17.3; 17.32; 17.33). Die Gestaltung jedes der auf diese "monumentale" Weise vervielfachten Elemente unterliegt dann wieder analytischen und symbolischen Prinzipien. Auch hier ist die Anlage des kA-xr-ptH instruktiv : Der Vorraum vervielfältigt auf "monumentale" Weise Sätze von Serdabstatuen. Jeder Satz ist in sich in symmetrisch gebaute Dreierguppen und eine Vierer- bzw. 2 x Zweiergruppe an der Nordwand gegliedert. Im Scheintürraum wird eine Synthese aus Schreinfigur und Serdabfigur "monumental" vervielfältigt, wiederum jeweils in symmetrisch gestalteten Dreiergruppen.

18.5 Zusammenfassung - die Felsstatue als spezifische Form der Realisierung des Statueninventars

1. Aus den hier besprochenen, durch Felsstatuen oder ähnliche Bildwerke belegten Fällen ergibt sich, daß den konkreten Erscheinungen von Statuen und Statuenensembles jeweils einige häufig auftretende Prinzipien zugrundeliegen. Diese werden aber in sehr individueller Form angewandt und damit funktional mobilisiert. Anhand der Felsstatuen lassen sich folgende Prinzipien der Verwendung von Statuen feststellen:

  1. Statuen besitzen wie jede Installation einer funerären Anlage einen bestimmten Ort, der von den räumlich umgesetzten kultischen Bezügen innerhalb der Anlage bestimmt wird. Der konkrete Ort der Statue(n) hängt von der Gesamtkonzeption der Anlage ab, diese unterliegt gewissen Standards, ist aber ebenso durch individuelle Ausdeutungen dieser Standards bestimmt.
  2. Von diesem Aufstellungsort ist die Funktion der Statue und damit der Typ der Statue abhängig. Deutlich wird das z.B. an der nur kurzzeitig belegten Anbringung von Schreiberfiguren von dependent specialists im "östlichen" Teil der Grabanlage oder den Schreinfiguren.

2. Anhand der Felsstatuen lassen sich Statuenensembles feststellen, die auch als freistehende Ensembles in einem Statuenhaus oder Serdab vom Typ B aufbewahrt werden. Es handelt sich dabei um Standfiguren (bei Männern in der Regel im einfachen Schurz, in Einzelfällen mit Vorbauschurz) und Gruppenfiguren (einschließlich Einzelfiguren von Knaben oder Mädchen, die an einer Bezugsfigur orientiert sind). Es fällt auf, daß Sitzfiguren, als freistehende Statuen in solchen Ensembles gut belegt, in der Gruppe der Felsstatuen so nicht belegt sind. Möglicherweise klingt hier noch an, daß in Periode II (und III?) die Sitzfigur vor allem im Serdabtyp A üblich war. Das Fehlen der männlichen Nacktfigur ist eventuell dadurch zu erklären, daß die Affirmation der körperlichen Integrität nur an "verborgenen" Orten üblich war; für das Fehlen der Schreiberfigur als Darstellung des Grabherrn gibt es jedoch keine plausible Erklärung. Beide ikonographischen Typen, die Darstellung als nackte Person bzw. als Schreiber, sind jedoch auch im Flachbild nicht für den Grabherrn belegt.

3. Eine andere Gruppe sind solche Felsstatuen, die in einem Schrein aufbewahrt werden. Diese


345

Schreinfiguren, für die es auch freistehende Belege gibt, stehen im Zusammenhang mit dem Kult im "äußeren" Bereich der Kultanlage. Ein Typ der Schreinfigur, hier als "äußere" Schreinfigur bezeichnet, tritt an der nördlichen Scheintür bzw. dem Zugang zur Sargkammer und dem Ausgang aus dem Grab auf. "Äußere" Schreinfiguren tragen den Vorbauschurz. Weniger gut belegt ist eine Gruppe "innerer" Schreinfiguren, die den Normalschurz tragen und mit dem Kult in der funerären Anlage selbst in Verbindung stehen.

4. Innerhalb der Statuenensembles gibt es Ambivalenzen und Überschneidungen:

a) Eine Trennung von Schreinfiguren und Serdabfiguren ist nicht immer möglich und wohl auch nicht beabsichtigt. Dafür sprechen:

b) Scheintürdekoration mit rundplastischen Bildern des Grabherrn, Schreinstatuen an Westwänden von Felsgräbern, Scheintüren mit Hohlkehlen und Rundstab (Schrein-Scheintür) und freistehende "Nischenstelen" kombinieren Aspekte unterschiedlicher Installationen (Scheintür, Schrein, Serdab). Ab Periode IV.b wird die Funktion des "inneren" Schreins durch die Gestaltung der Süd-Kultstelle als Schrein-Scheintür (mit Hohlkehle und Rundstab) aufgehoben.

5. Die kultischen Bezüge einer Grabanlage, die sich anhand der Gruppierung von Installationen mit Statuen ausmachen lassen sind:

  1. der eigentliche Kult für "den Toten im Grab", der an der südlichen, "inneren" Kultstelle durchgeführt wird. Statuen treten hier im Serdab vom Typ A, ab Periode IV auch vom Typ B auf. Solche Installationen sind als Felsstatuen nur durch Sonderfälle (Scheintürstatuen, ambivalente Installationen) belegt.
  2. der Kult des "aktiven Toten in seiner Grabanlage", der im "äußeren / vorderen" Bereich der Anlage durchgeführt wird. Der Kult ist besonders auf Statuen gerichtet, die in einem "inneren" Schrein oder einem Statuenhaus / Serdab Typ B aufbewahrt werden. Mit der Einführung der Schrein-Scheintür geht dieser Bezug auf den Kult an der südlichen Kultstelle über.
  3. der Kult des "aktiven Toten im Diesseits", der im Bereich der nördlichen Kultstelle, dem Zugang zur Bestattungsanlage bzw. dem Ausgang der gesamten funerären Anlage lokalisiert ist. Hierbei findet eine Statue vom Typ der "äußeren" Schreinfigur Verwendung.
  4. der Kult von Ahnen, der im Rahmen von Handlungen entsprechend Punkt b) auch in der funerären Anlage einer Persone stattfinden kann.

6. Die Zusammenstellung der Statuenensembles unterliegt einer Reihe von formalen Prinzipien:

  1. Das "analytische" Prinzip: Verschiedene Statuentypen beschreiben verschiedene Aspekte einer Entität. Neben der frühen Gruppe, die Personen als Mann, Frau, Empfangender, Handelnder beschreibt, tritt ab Periode IV die Beschreibung der Person als Mitglied einer Gruppe (Gruppenfigur) und als Inhaber von bestimmten Positionen in der Residenz. Letzteres wird über eine Vielheit an Standfiguren, z.T. mit unterschiedlichen Titeln, realisiert, sowie über neue Statuentypen (Standfigur mit Vorbauschurz, auch, aber als Felsstatue nicht belegt: Schreiberfigur).

    346

  2. Das "symbolische" Prinzip: Auf der Grundlage emischer Codes tragen Anzahl, Material (Farbe, Härte, Herkunft) und eventuell noch andere Phänomene bestimmte Indizes, die bei der Beschreibung einer Identität verwendet werden. Es sind dies die Zwei- und Dreizahl und ihre Potenzen, sowie das Material (letzteres im Rahmen der Felsstatuen nur durch die Vervielfältigung des Statuentyps auch als freistehende Statuen in anderem Material belegt). Die Prinzipen a) und b) treten beide mit dem Beginn der Errichtung formaler Grabanlagen auf und sind oft verbunden.
  3. Das "monumentale" Prinzip: Monumentalisierung - d.h. über das habituell normale Maß hinausgehende Umsetzung von habituellen Mustern - ist ein wesentliches Prinzip der individuellen (strategischen) Umsetzung der Elemente funerärer Kultur im AR. Im Fall der Felstatuen schlägt es sich in der ungewöhnlich häufigen Verwendung sehr großer Statuen, vor allem aber in der Vervielfältigung ganzer Statuenensembles nieder.

Fußnoten:

<678>

Rzepka 1995: 230

<679>

Siehe Brunner 1936; zu den Belegen von Felsstatuen in Gräbern des AR außerhalb der Residenz siehe die Zusammenstellung bei Kendall 1981: 104f, Anm. 1.

<680>

Rzepka 1995: 228

<681>

Rzepka 1995: 236

<682>

Nach Smith 1946: 189 befinden sich auch in der Kapelle des xa=f-ra-anx im Mykerinos-Friedhof in den Fels geschlagene Schreiberfiguren. Anzahl und Position konnten nicht geprüft werden.

<683>

Shoukry 1951: 238-248

<684>

In jenen beiden Anlagen liegt der Statuenraum im Süden. Die Anlage der mr=s-anx besitzt im Gegensatz zur üblicheren Konvention einen Zugang von Südosten, womit eine Drehung des kultischen Bezuges verbunden ist, der wohl auch die Lage des Statuenhauses im Norden des "äußeren" Kultbereiches bewirkte (s.u).

<685>

BGM 1: 8

<686>

Junker Giza III: Abb. 33

<687>

BGM 2: 1, fig. 1 (Gesamtlage), pl. XXXIII, XXIX.c

<688>

Eine vergleichbare Tendenz in Saqqara belegen einige Gräber mit vertieft liegenden Kulträumen am Unas-Aufweg, die etwa kontemporär sind: Anlagen n-anx-ppj (Hassan Saqqara II: 1-23); jj-n-Hr (Hassan Saqqara III: 59-67); Hr-mrw (op.cit.: 69-81).

<689>

BGM 1: 18; der enge Bezug zur Mutter wird auch sonst in der Dekoration und Installationen der Nordhälfte der Anlage betont (auch Statuen der Mutter wohl im Statuenraum im Norden von Raum I und den Gruppenfiguren an der nördlichen "inneren" Scheintür: BGM 1: pl. VI.b, XI.b; nördl. Teil der Dekoration der Ost- und Westwand von Raum I / A: fig. 4, 7) sowie durch die Stiftung des Sarges der Mutter für die Tochter (op.cit.: fig. 14). Die Verbindung Mutter-Tochter nimmt hier offensichtlich den Aspekt der "Einbindung in die soziale Kerngruppe (Familie)" auf, der dem nördlichen Bereich funerärer Anlagen insgesamt zukommt. Eine Verbindung mit dem Gatten war bei beiden Frauen - königliche Gemahlinnen - im Grab nicht möglich. Die besondere Betonung der Rolle der Frauen der Königsfamilie ist zudem charakteristisch für die hohe 4. Dynastie.

<690>

BGM 1: fig. 10

<691>

BGM 1: fig. 7

<692>

Siehe auch die Gruppenfigur von Mutter und Sohn, die im Statuenraum der xa-mrr-nb.tj gefunden wurde (12.2.2:), die Betonung der Hathor in den königlichen Gruppenfiguren, die Rolle der Königsmütter beim Dynastiewechsel etc. Dieser Betonung einer retrospektiven Kontinuität im königlichen Bereich (erwachsener Sohn mit Mutter / Hathor) steht die Betonung der perspektivischen Kontinuität bei männlichen nichtköniglichen Personen in Form der Darstellung in "zuordnenden" Gruppenfiguren mit Nachkommen (Vater mit kindlichem Sohn) gegenüber. Im nichtköniglichen Bereich ist die Gruppe der xn.t (13.27.2:) der einzige Beleg, in dem eine Frau allein mit einem Nachkommen in Position der Nebenfigur dargestellt wird.

<693>

Die symmetrische Verdoppelung einer Installation an beiden Seiten der Scheintür ist ein seltenes, aber belegtes Phänomen (z.B. 17.26). Sie ist von der funktionalen Vervielfachung zu unterscheiden, bei der jedem der Elemente eine eigene Funktion zukommt. Verdoppelte Installationen haben hingegen nur ein und dieselbe Funktion in potenzierter, "monumentalisierter" Weise zu erfüllen; siehe dazu unten.

<694>

Vergleiche auch die ähnlich ungewöhnliche Lage des Grabschachtes (J) und der sekundär gearbeiteten Sargkammer (I) am Platz der nördlichen "inneren" Scheintür in Raum H bei xa-mrr-nb.tj (Daressy 1910: 42). Die besondere Entwicklung der nördlichen "inneren" Scheintür ist charakteristisch für Anlagen von Frauen der königlichen Familie. Siehe auch die seltenen Belege aus genau dieser Periode, in der Frauengräber die nördliche Kultstelle als "eigentlichen" Kultplatz nutzen: G 2097' (BGM 6: 137, fig. 190); bw-nfr G 7152 ( (Badawy 1976: fig. 24; die südliche Kultstelle wurde offenbar sekundär von sxm-anx-ptH ausgebaut); wnS.t G 4840 (Junker Giza I: Abb. 62, 63).

<695>

Zur Baugeschichte siehe Jánosi 1996.b: 52f.

<696>

Neben der Einbeziehung der Mutter in Dekoration und Installationen, die alle im Nordteil der Anlage liegen, ist die auffällige Präsentation des mr-kA xmt.n im Südteil der Anlage (südl. Türleibung: BGM 1: fig. 3.b; wohl eine der Schreiberfiguren an der Südwand von Raum I: pl. VIII; an der südlichen "inneren" ST: fig. 7; an der Südwand von Raum II: fig. 9 sowie an der Ostwand des Pfeilers, von Süden herantretend: fig. 12) eine charakteristische Besonderheit der Kapelle. Der stets als Handelnder abgebildete dependent specialist übernimmt die Aufgabe der aus dem Diesseits den Kult sichernden Personen, die einem männlichen Angehörigen der Königsfamilie hier wohl nicht zufällt.

<697>

BGM 1: plan B, bei Schacht X oder aber der oberirdische Scheintürraum. Aufgrund der starken Zerstörung der oberirdischen Bereiche ist nicht festzustellen, ob diese Kultplätze dem Kult der mr=s-anx dienten, oder einer anderen Person. Die kleine Nord-Kultstelle trägt Datumsangaben, der Fassadeninschrift der mr=s-anx vergleichbar, die aber von jener verschieden ist (BGM 1: fig. 1.e; pl. I.b). Die obere Süd-Scheintürraum war dekoriert und somit funktionsfähig (BGM 1: pl. XIII). Das spricht jeweils eher für eine weitere Kultstelle, für die dann aber keine Bestattung gefunden wurde (BGM 1: 3f, 7).

<698>

BGM 1: fig. 6

<699>

Es kann sich dabei um einen der seit Periode III.c in Giza häufig zu beobachtenden "Scheinschächte" (B-Schächte) handeln, die neben dem eigentlichen Grabschacht auftreten und meist über keine vollwertige Sargkammer verfügen; siehe die Übersicht bei Reisner 1942: 52-56. Das Problem der "Scheinschächte" kann hier nicht weiter diskutiert werden, es sei aber darauf verwiesen, daß a) ihr Auftreten etwa mit dem Verzicht auf die von Norden zur Sargkammer führende Rampe bzw.die Scheinrampe in Periode III.b/c zusammenfällt und b) solche "Scheinschächte" seit der Einführung von neuen Schrägschächten in Periode IV.b bzw. den Dachtreppen in Periode IV.c / V.a nicht mehr auftreten. "Scheinschächte" hängen offenbar mit der Vorstellung "Grabausgang" in Periode III.c und VI.a/b in Giza zusammen.

<700>

M. E. stellt der nördlich vom Zugang zur Felskapelle des ra-wr befindliche Schrein (N.19 / 17.35.3:) die erste Fassung einer Kultstelle mit "innerer Schreinfigur" dar, die dann im "Principal Serdab" monumental wiederholt wurde; insofern wäre eine Statue im Normalschurz zu erwarten, was aber aufgrund der Zerstörung der Statue nicht belegbar ist.

<701>

Die nachträgliche Vermauerung ist auf dem Plan Hassan Giza I: Site Plan of the Excavations erkennbar und führte wohl zur Benennung "principal serdab". Auch für die "innere" Schreinfigur bei jwn-ra ist aufgrund der dort gefundenen Steinblöcke möglich, daß sie nachträglich verschlossen wurde (Hassan Giza VI: 33).

<702>

ptH-Spss: PM III: pl. XXXIX: Raum III sowie Raum D; ptH-Htp / Ax.t-Htp-Komplex: Hassan Saqqara III: fig. 12: ptH-Htp I.: im Hof, in Verlängerung des Scheintürraumes, Ax.t-Htp: dem Zugang gegenüber.

<703>

Hassan Giza I: pl. V

<704>

Hassan Giza I: 10-12, fig. 6, pl. V

<705>

Hassan Giza I: 10, pl. X

<706>

Kanawati 1981; hier sind nur die Beispiele aus der Residenz relevant.

<707>

LD II: Bl. 55. Neben dieser Darstellungen gibt es in den drei mittelgroßen Anlagen auf Friedhof G 6000 noch weitere Darstellungen, die die Verbindung der Generationen in anderem Zusammenhang als dem "Zusammentreffen" thematisieren, aber hier nicht diskutiert werden sollen; siehe BGM 5: 6.

<708>

BGM 1: fig. 4. Die im Grab im Nordteil vorgenommene Verbindung von Mutter und Tochter und auch Sohn liegt auf einer anderen Ebene. Mit ihrer Mutter und ihren Kindern bildet mr=s-anx eine "biologische Gruppe", vergleichbar einer Familiengruppe in der Gruppenfigur. Daß der Vater in die Gruppe integriert wird, ist auch bei Gruppenfiguren nur einmal belegt (siehe Kap. 9.).

<709>

Junker Giza II: Abb. 29, 30

<710>

Moussa / Altenmüller 1997: Taf. 29, Abb. 11

<711>

Siehe die Lage der Gräber BGM 2: fig. 1; aus der man sogar ablesen kann, daß die Sitzfigur praktisch in der Verlängerung der Scheintür mit der Büste des jdw angelegt ist. Zur Frage der familiären Beziehung zwischen qAr und jdw: BGM 2: 1f, wo Anm. 4 ebenfalls Argumente für eine Abfolge jdw - qAr gebracht werden.

<712>

BGM 5: fig. 2

<713>

Lauer 1956: pl. V.1

<714>

Wilson 1944: pl. XIII

<715>

LD II: Bl. 43.a; Hassan Giza V: fig. 104

<716>

Hassan Giza I: 8, fig. 5, pl. IV

<717>

Hassan Giza I: pl. XI.2

<718>

Gewöhnlich nimmt in dekorierten Kleinanlagen die Fest-Ikone tendenziell die Südwand des Scheintür-Raumes ein, in größeren Anlagen tragen Durchgangsbereiche zwischen dem "inneren" und "äußeren" Kultbereich diese Dekoration; siehe Kap. 20.2.

<719>

Zayed 1956: fig. 8

<720>

Shoukry 1951: 235-237; Wiebach 1981: 142-149

<721>

Vandier 1954: 410f. Der Grabherr kann in seltenen Fällen auch sitzend abgebildet sein: nördliche Scheintür des nfr-jHj (Barsanti 1902: pl. II); Scheintür des ffj (Hassan Giza I: 100, fig. 169, pl. LX).

<722>

Der Manuelian 1994: 71-75

<723>

Zur Büste über der Tür siehe Kap. 6.2.

<724>

Im Korridor vor der Felskapelle befinden sich zwei Scheintüren, die wohl zu anderen Schächten der Mastaba gehören (BGM 4: fig. 28).

<725>

Zur Büste siehe Kap. 6.2.

<726>

Die Grabanlage des pn-mrw besteht nur aus einem kurzen Gang und dem sehr großen und aufwendig gestalteten Serdab mit einem einmaligem Ensemble an Pseudo-Gruppen. Im Gang, neben dem Serdabschlitz, befindet sich ein Stiftungstext, der eine Verfügung über das aus der Anlage des Vezirs sSm-nfr zu bringende pr.t-xrw enthält. Auf dem Grundriß der Mastaba ist zwar eine Scheintür eingezeichnet, diese wird in der Publikation aber nur als "niche" erwähnt, ohne daß irgendwelche Befunde dokumentiert werden (BGM 4: 24). Text der Verfügung: BGM 4: 24f, pl. XLVI.b; Grundriß: ebenda: fig. 27.

<727>

Wiebach 1981: 133-153

<728>

Rusch 1923: 113; der von Junker 1928.b: 58 gemachte Einwand, solche Scheintüren würden in Giza im AR kaum auftreten, trifft nicht zu, siehe z.B. die Anlage G 2001 mit fünf Schrein-Scheintüren (BGM 4: fig. 15-18, 25). Nach Strudwick 1985: 15 ist der Typ der Schrein-Scheintür schon unter Sahure belegt. Als ein früher Beleg gilt die Doppel-Scheintür des Tjj (Steindorff 1913: Taf. 135, 139), wobei interessant ist, daß die beiden nördlich gelegenen "äußeren" Scheintüren der Gattin und des Sohnes im traditionellen Stil gehalten sind (Steindorff 1913: Taf. 18. 19. 45). Die Verbindung der Scheintür mit Elementen des ("inneren") Schreines ist offenbar nur für die ("innere") Süd-Kultstelle typisch, während die Nord-Kultstelle eher als Normal-Scheintür oder Prunk-Scheintür gebildet wird, siehe den sehr klaren Beleg bei ptH-Htp II., bei dem die Kultstellen des aus Giza übernommene Scheintür-Raumes (NS:2) so interpretiert werden: im Süden der „Schrein“ des dort anwesenden Toten, im Norden der „Ausgang“(Prunk-Scheintür) (de Garis Davies 1900: pl. XXIX). Jánosi 1994: 159f leitet die Entstehung dieses Scheintürtyps aus dem königlichen Vorbild seit Sahure ab, wobei er ebenfalls darauf verweißt, daß in diesem Scheintürtyp kein imaginärer Durchgang zu sehen ist, sondern die Andeutung eines Schreines.

<729>

Statuenvervielfältigung bezieht sich auf das mehrfache Auftreten desselben Statuentyps in einem Ensemble. Daneben steht die Verfielfältigung der Ensembles selbst. Die Verdoppelung von Schreinfiguren oder Gruppen zu beiden Seiten einer Scheintür z.B. sind keine Statuenvervielfältigungen im hier besprochenen Sinne, sondern die Vervielfältigung von Installationen. Die Vervielfältigung von Installationen und ihren Ensembles ist ein "monumentales" Prinzip, s.u.

<730>

Diskussion und Belege: Junker Giza VII: 98; Staehelin 1966: 208f; Simpson BGM 4: 26; Harpur 1984: 44.

<731>

Quibell 1913: pl. VII.3, Borchardt 1937: Bl. 25-27


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Wed May 2 14:17:41 2001