Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

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Teil IV - Die Flachbilddekoration als Quelle für den funerären Kult und die Statuenverwendung im funerären Kult

1. Die bisherige Diskussion hatte sich auf die Zeugnisse der in Gräbern gefundenen Statuen selbst sowie deren Bezug zum Grabbau und dessen kultisch relevanten Installationen beschränkt. Szenen der Flachbilddekoration wurden gelegentlich zur Interpretation herangezogen, aber nicht systematisch als Quellengruppe behandelt. In diesem Teil soll daher die Flachbilddekoration als eigenständige Quelle eingeordnet und ihre Darstellungen zur Interpretation des funerären Kultes und der Funktion von Statuen im Kult herangezogen werden. Dazu wird im ersten Kapitel die Spezifik und Funktion der Flachbilddekoration kurz umrissen. Anschließend werden die Informationen zusammengefaßt, die aus der Flachbilddekoration über den Ablauf und den Inhalt funerärer Rituale zu gewinnen sind.

Etwas ausführlicher wird auf Belege der Darstellung des Bestattungsrituals eingegangen, da hierbei die Verwendung einer Statue von zentraler Bedeutung gewesen zu sein scheint und außerdem die Behandlung dieser Statue selbst wieder auf die Behandlung der Leiche zurück gewirkt hat. Die Bedeutung, die die Statue als Abbild des Toten in der funerären Praxis im AR hat, wird an diesem Ritual bzw. dessen Belegen besonders deutlich.

Da das Flachbild, im Gegensatz zum Rundbild, untrennbar mit Schrift verbunden ist, sollen auch einige sich aus Beischriften und anderen Textzeugnissen ergebende Fragen diskutiert werden.

2. Der thematische Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf den Statuen und deren Verwendung im Kult, daher kann das Phänomen der Flachbilddekoration hier nur in verkürzter Form behandelt werden, insbesondere unter dem Aspekt der Beschreibung kultischer Aktivitäten. Die reich entwickelten ikonographischen, typologischen und kontextuellen Indizes des Flachbildes im einzelnen zu untersuchen, würde den Rahmen dieser Untersuchung sprengen, ebenso der Umstand, daß die kulturelle Ausdrucksform "Flachbild" noch mehr als das Rundbild in individueller, nur konkret zu deutender Art und Weise aktiviert wird. Auch die besondere Dimension der "bildlich-textlichen Affirmation", die gegenüber dem Medium Statue und den anderen Installationen der Grabanlage eine eigene Qualität besitzt, kann dabei nicht in der nötigen Breite behandelt werden<732>.


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Kapitel 19. Flachbilddekoration funerärer Anlagen der Residenz im Alten Reich

19.1 Das Flachbild als kulturelles Medium

1. Der Ausgangspunkt der Flachbilddekoration in funerären Anlagen ist die reliefierte Platte mit dem Bild des Grabherrn, die seit Periode II die südliche Kultstelle bezeichnet. Auf ihr ist der nach rechts, zur "Leserichtung" ausgerichtete Grabherr zu sehen, der auf einem Stuhl sitzt und die Hand nach Speisen ausstreckt, die vor ihm auf einem Tisch liegen. Durch ikonographische Elemente ist der Dargestellte genauer charakterisiert (Mann, Frau, gehobener Status) und durch eine Namensbeischrift identifiziert. Weitere Schriftzeichen bezeichnen die Speisen und rituelle Objekte bzw. deuten rituelle Tätigkeiten an (Salben, Weihrauch, Reinigung). Dieses Bild bleibt im gesamten Zeitraum des AR das wesentlichste und am häufigsten belegte Motiv der Flachbilddekoration. Ist ein Grab mit weiteren Flachbildern dekoriert, so treten diese zu dieser Darstellung hinzu; auf das Bild des Toten am Speisetisch, in unmittelbarer Beziehung zur südlichen Kultstelle, wird in dekorierten Gräbern nie verzichtet.

Der Raum um die südliche Kultstelle ist auch primär der Bereich, der mit Flachbilddekoration versehen wird: von ihm ausgehend können weitere Teile des Grabes dekoriert werden. Dabei sind wiederum - in Anlehnung an die Dekoration der Türnische der Scheintür-Kultstelle - zuerst die Tore und Zugänge der Bereich, der mit bildlichen Darstellungen versehen wird, dann die übrigen Wandflächen<733>.

Flachbilddekoration ist aber nur bei einem insgesamt geringen Prozentsatz von funerären Anlagen belegt. Kleinanlagen verzichten praktisch auf Flachbilddekoration unabhängig von der Scheintür. Mittelgroße Anlagen sind eher selten mit Flachbildern dekoriert; wenn, dann beschränkt sich die Dekoration meist auf den Scheintürraum und die Zugänge. Erst Großanlagen tragen regelmäßig und auch über den Scheintürraum hinausgehend Flachbilddekoration.

2. Bildliche Darstellung im Flachbild und Beschriftung sind eng verbunden. Auch die Textdekoration einer funerären Anlage leitet sich von der Speisetischtafel her (Kommentar der Darstellung). Hinzu kommt eventuell als ein zweiter ursprünglicher Ort für Textdekoration die als Tür gestaltete Kultnische mit einer Namensaufschrift (Name, Titelsequenzen, Epitheta). Da aber


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Speisetischtafel und Türnische seit Periode II eng verbunden sind, ist eine Trennung der beiden Installationen und ihrer Dekoration kaum möglich. Unter "Flachbilddekoration" wird daher im folgenden immer Bild- und Textdekoration verstanden, wenn nicht ausdrücklich unterschieden wird.

3. Wie durch die Statue auch, wird durch eine Darstellung im Flachbild ein Phänomen "affirmiert", d.h. in der gezeigten Art und Weise nicht nur abgebildet, sondern auch auf magische Weise verwirklicht. Das Medium des Flachbildes ist durch den engen Zusammenhang von Schrift und Bild dabei in der Lage, sehr differenziert konkrete Sachverhalte zu beschreiben, sei es durch die Kombination von ikonographischen Attributen mit dem semantischen Wert (= ikonographischen Index) von Schriftzeichen, sei es durch kommentierende Beischriften. Die funeräre Kultur der Residenz benutzt dieses Medium in besonderer Weise, um die spezifische soziale Situation der Residenzelite zu reflektieren und abzubilden. Die Präferenz des Mediums Flachbild als Mittel des Ausdrucks neuartiger Phänomene zeigt sich u.a. darin, daß etliche ikonographische Elemente zuerst im Flachbild entwickelt und dann auf das Medium Rundbild übertragen werden bzw. überhaupt nur im Flachbild belegt sind.

4. Anders als über das Rundbild ist über das Medium Flachbild möglich, den Kontext einer Darstellung in die bildliche Affirmation einzubeziehen<734>. Auf diese Weise wird nicht nur die beschriebene Entität definiert, sondern es werden weitere Elemente, die mit dieser Entität und ihrer Beschreibung zusammenhängen, in die bildliche Affirmation einbezogen. Im Bild der Speisetischtafel ist der Grabherr nicht nur sitzend dargestellt, sondern vor dem Speisetisch, zu dem er die Hand ausstreckt. So ist der Tote als "versorgter Toter" definiert, dessen Versorgtheit im Empfang von Nahrung besteht. Die hinzugefügte Opferliste erläutert Form und Rahmen der Versorgung. Das Bild des schreitenden Toten bildet die Fähigkeit zur Bewegung, zur Aktion ab. Wird das Bild über eine Beischrift erläutert, z.B. als das mAA /"Schauen" von Arbeiten im Diesseits, und mit Szenenfolgen z.B. landwirtschaftlicher Arbeiten verbunden, ist die Art der Aktion, der Bereich der Bewegung und das Ziel der Handlung genau beschrieben.

5. Die Möglichkeit des Mediums Flachbild, die Bildaffirmation der Entität "Grabherr" mit kontextuellen Elementen zu verbinden, wird weiterhin genutzt, um den Ablauf ritueller Handlungen zu beschreiben. Im Rahmen der funerären Praxis sind es bestimmte kultische Handlungen (Zeremonien) oder Handlungskomplexe (Rituale), durch die einer imaginären toten Person bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden<735>. Der schrittweise Ausbau der Grabstelle zu einer permanenten Kultstelle in Periode II geht einher mit der Affirmation der notwendigen Kulthandlungen im Flachbild. Die Speisetischtafeln zeigen nicht nur den versorgten Toten, sondern enthalten in Form kurzer Beischriften bereits wesentliche Hinweise auf ein Ritual, in dem durch


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Zeremonien der Erzeugung liminaler Zustände (Reinigung, Räucherung, Salbung) der Empfang des Opfers durch den Toten ermöglicht wird.

6. Durch die Kombination des Abbildes des Grabherrn in den beiden Grundformen "sitzend / ruhend" und "schreitend / aktiv" mit weiteren Elementen aus Bild und Text werden eine Reihe von standardisierten Abbildungen des Grabherrn in charakteristischen Situationen geschaffen, die hier als "Ikonen" bezeichnet werden. Jede dieser Ikonen beschreibt in prägnanter Weise einen wesentlichen Zustand, eine wesentliche Eigenschaft des Toten. Der affirmierende Charakter dieser Ikonen ist außerordentlich, denn sie erzeugen mittels der ihnen eigenen Bild- und Textmagie im Kultbereich der funerären Anlage alle Bedingungen, die notwendig sind, dem Grabherrn die gewünschten Eigenschaften dauerhaft zu vermitteln. Die Aktivierung des Mediums Bild / Text in dieser Form ist kennzeichnend für die funeräre Kultur der Residenz seit Periode II. Dabei zeichnet sich eine Tendenz ab, die konkreten Bedingungen, Handlungen und erwünschten Resultate immer genauer und detaillierter festzuhalten, eine Tendenz, die hier als "Verschriftlichung" bezeichnet wird. Dieser Tendenz liegt u.a. die Vorstellung zugrunde, daß durch die Selbstwirksamkeit der Bilder und Texte die erwünschten Resultate dauerhaft und unabhängig vom konkreten Kultvollzug werden. So werden zuerst der Vollzug der Rituale, der Antransport und schließlich in elaborierter Weise auch die Herstellung der notwendigen Gegenstände und Gaben beschrieben. Ebenso wird die Fähigkeit des Grabherrn, sein Grab zu verlassen, im Diesseits anwesend, bewegungsfähig und aktiv zu sein, immer ausführlicher, detaillierter und gegebenenfalls auch konkret auf den individuellen Grabherrn zugeschnitten beschrieben.

7. Im Rahmen von Darstellungen ritueller Handlungen oder von Eigenschaften des Toten beschreibenden Ikonen werden weitere Personen in Beziehung zum Grabherrn gesetzt, wodurch sich das Spektrum der Abgebildeten erheblich erweitert. Auf diese Weise ergibt sich die Möglichkeit, soziale Beziehungen über die Gruppierung von bestimmten Personen um den Grabherrn abzubilden. Das erlaubt, eine besondere Dimension der funerären Praxis im Flachbild visuell umzusetzen, nämlich, vor allem auch soziale Praxis zu sein, Medium der Vermittlung sozialer Positionen in einer Gruppe, die sich über die gemeinsame Beziehung zur Bezugsperson "Grabherr" definiert. Die Aktivierung dieses Mediums ist durchaus reziprok: primär ist es natürlich der Grabherr, der seine Position durch den Bau der funerären Anlage umsetzt, die Angehörigen der sozialen Gruppe werden durch Zuordnung zum Grabherrn aber auch in ihren Beziehungen untereinander definiert und haben durch Stiftung von Statuen, Erwerb von Positionen im funerären Kult und dessen Institution etc. die Möglichkeit, ihre soziale Stellung zu verhandeln.

8. Die Flachbilddarstellungen haben in elaborierten Anlagen eine Funktion, die über den Charakter einer nur beschreibenden Dekoration hinausgeht und sich dem Charakter einer Installation annähert, über die kulturelle, symbolische Realitäten vermittelt werden<736>. Diese Eigenschaft bleibt


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in der Residenz des AR aber weitgehend mit der Funktion der Installation der funerären Anlage verbunden, an deren Wänden sich die Flachbilder befinden (Scheintür, Scheintürraum, Hof etc.). Erst am Ende des AR wird diese Eigenschaft in Form von selbstwirksamen Texten über das Maß von "Dekoration" hinaus aktiviert und praktisch unabhängig und damit variabel einsetzbar (Pyramidentexte, Sagtexte). In den hier interessierenden Perioden funerärer Praxis ist die Flachbilddekoration prinzipiell als "affirmierende Dekoration" von kultisch relevanten Installationen anzusehen.

9. Als Dekoration beziehen sich die Flachbilder jeweils auf die Installation und deren Funktion. Dabei geht die Beschreibung aber meist über die Beschreibung der konkreten Funktion der Installation hinaus und bezieht den "Sinn" der Handlungen an der Installation mit ein. So beschreibt die Dekoration des Scheintürraumes nicht nur das Opferritual an der Scheintür, sondern auch den "Sinn" des funerären Kultes überhaupt, von der Versorgung des Toten bis hin zur Fähigkeit, das Grab zu verlassen und im Diesseits aktiv zu sein. Dabei werden zwangsläufig Handlungen abgebildet, die fern vom Scheintürraum stattfinden. In solchen Fällen werden über die Bewegungsrichtung und Anbringungsort der Abbildung die entsprechenden Bezüge hergestellt.

10. Die Verteilung der Ikonen der Dekoration und die Bewegungsrichtungen der Personen sind dabei dem System ritueller Richtungsbezüge unterworfen, die in einer funerären Anlage herrschen. Prinzipiell sind es drei "Orte", die in Beziehung gesetzt werden: der "Westen" als Aufenthaltsort des Toten, der "Osten" als Aufenthaltsort der Lebenden und die in der "Mitte" liegende funeräre Anlage, die als permanente liminale Installation den Kontakt zwischen beiden Bereichen ermöglicht. Die rituelle Bezugsrichtung zwischen dem Toten und den Lebenden ist, vom Toten gesehen, West-Ost. Im liminalen Bereich der Kultstelle am Grab herrscht aber die Richtung Süd-Nord vor, die die Aktivität des Toten im liminalen Bereich beschreibt<737>. Dabei ist festzuhalten, daß diese örtlichen Bezüge den rituell definierten Richtungen einer funerären Anlage unterliegen und nicht zwangsläufig den tatsächlichen Himmelsrichtungen.


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19.2 Abriß der Entwicklung der Flachbilddekoration funerärer Anlagen der Residenz im AR<738>

1. Das Bild der Speisetischtafel als Ausgangspunkt für die Flachbilddekoration funerärer Anlagen wurde oben schon beschrieben. Komplettierend zu diesem Bild, das den Toten in seinem versorgten Zustand im Grab an der Stelle des Kultes für den Toten im Grab beschreibt, werden in Periode II.b Bilder des schreitenden Toten an der oder den Nischen eingeführt, über die der Tote in die Welt der Lebenden agiert, bzw. das Bild des schreitenden Toten "im Türdurchgang" wird mit dem Bild des sitzenden Toten "hinter der Tür" kombiniert<739>. Ebenfalls noch in Periode II.b werden diese Bilder des Toten an der Scheintür um Bilder von rituellen Handlungen vor dem Toten und von Aktivitäten des Toten im Diesseits an den Seitenwänden der Kreuzkapellen erweitert<740>. Die Verteilung der Szenen ist in den wenigen Belegen kaum standardisiert, es herrscht aber ein klarer Richtungsbezug West-Ost vor: Im Westen der Grabherr, zu dem sich die Gabenbringer und Ritualisten hinbewegen, im Osten der Grabherr bei Handlungen (u.a. des mAA / "Schauen") im Diesseits.

2. Die Scheintürdekoration der Periode III.a entspricht dem Muster der Periode II.b<741>. In Periode III.b wird, soweit bisher bekannt, auf Flachbilddekoration an den Kapellenwänden verzichtet, nur die Opferstelle am Grab bleibt durch die Speisetischtafel markiert. In Periode III.c wird die ausführliche Dekoration der Wände des Scheintürraumes und seines Zuganges wieder aufgenommen. Als Konsequenz der Entwicklung in Periode III.b wird aber die "liminale" Kultrichtung Süd-Nord im Scheintürraum durch dessen Längsausdehnung architektonisch umgesetzt. Durch die Aufnahme dieser Kultrichtung in die Raumstruktur und die Betonung bzw. Neuinterpretation der Bedeutung der nördlichen Kultstelle, erfährt auch die Komposition der Dekoration eine Neuordnung:

  1. Die Speisetisch-Ikone tritt an der Südwand auf, dem Ort im Süden (= Grablege / Sargkammer), von dem aus der Tote in den liminalen Raum hinein agiert.
  2. An der Westwand gibt es nördlich der Scheintür ein Bild des Grabherrn im Kreise der Familie, der "von Norden" - dem Ort des Verlassens der Grablege / Sargkammer - in Richtung von Gabenbringern agiert.

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  3. An der Nordwand gibt es das Bild der Vereinigung von (dickleibigem) Grabherr und Gattin oder eines Familienfestes (Fest-Ikone); im Norden, dem "Aktionsraum" des Grabherrn im liminalen Raum und Bereich der "äußeren" Kultstelle.
  4. An der Ostwand befindet sich eine Szene der Präsentation der Kultausstattung oder die mAA-Ikone; in Bezugsrichtung auf die Welt der Lebenden<742>.

3. In Periode IV werden in Giza durch die Einführung der zweiten Scheintür als "innere" Nord-Kultstelle neue Standards für die Dekoration des Scheintürraumes (NS:L:2) von Kapellen entwickelt. In Periode IV.a wird das Bildprogramm nur leicht modifiziert, die grundsätzlichen Richtungsbezüge und Ikonen bleiben dieselben wie in Periode III.c:

  1. An der Südwand verbleibt die Speisetisch-Ikone oder eine vergleichbare Szene einer Opferhandlung.
  2. An der Westwand ist die Szene des Grabherr im Kreis seiner Familie, dem Gaben gebracht werden, zwischen die beiden Scheintüren gesetzt, der Grabherr tritt dabei "aus" der nördlichen Scheintür, der Installation des Verlassens der Grablege / Sargkammer<743>.
  3. An der Nordwand gibt es eine besondere Ikone der familiären Verbindung, eine Variante der Fest-Ikone ("Schauen / Zeigen der Schrift des pXr-Opfers") oder eine verwandte Form der mAA-Ikone, was den Charakter des Kultes um die "innere" Nordkultstelle als den der Einbindung in die soziale Kerngruppe unterstreicht.
  4. An der Ostwand befindet sich eine mAA-Ikone<744>.

4. In Periode IV.b verliert die "innere" Nordkultstelle ihren besonderen, mit dem Kult der Familie verbundenen Charakter und wird tendenziell als zweite Süd-Scheintür gedeutet. Das bewirkt eine erneute Veränderung der Dekorationsverteilung, wobei der Bezug der West-Ost- und der Süd-Nord-Richtung in der Kapelle verändert wird:

  1. An der Südwand befindet sich nun die Fest-Ikone, der Grabherr agiert dabei in den liminalen Raum "von Süd" hinein, die zuvor übliche Konzentration dieses Kultbezug "im Norden" ist aufgegeben<745>.
  2. An der Westwand, zwischen den beiden Scheintüren, befindet sich die Speisetisch-Ikone. Der Tote wird als "im Westen" befindlich interpretiert, praktisch "hinter" den Scheintüren sitzend.
  3. Die Dekoration der Nordwand ist uneinheitlich, mit mAA-Ikonen, Handlungen des Grabherrn im Diesseits (Jagd) oder mit Gabenbringern.
  4. Die Ostwand zeigt die immer mehr elaborierte mAA-Ikone<746>.


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5. Die Dekoration der Scheintürräume (NS:T) in Saqqara zeigt an der Westwand gewöhnlich nur die Scheintür, gegebenenfalls von Ritualgaben und Bildern des Toten am Speisetisch eingefaßt, an der Ostwand die mAA-Ikone, während die beiden Schmalwände entweder Speisetisch- und Fest-Ikone zeigen, oder Varianten der Ikonen diesseitiger Aktivitäten (mAA-Ikone / Jagd-Ikone)<747>. Mit der Einführung des Scheintür-Raumes (OW) wird die Dekoration dieses Bereiches stark vereinfacht, die Westwand wird von der Scheintür eingenommen, beide Seitenwände zeigen entweder die Speisetisch-Ikone, die Fest- und Speisetisch-Ikonen gegenüber oder übereinander<748>. An der Ostwand befinden sich Gabenbringer oder Schlachtungsszenen, ist der Raum nach Osten erweitert (umgekehrte T-Form / modifizierte Kreuzkapelle), befinden sich dort mAA-Ikone und Fest-Ikone<749>.

6. In Großanlagen werden darüber hinaus auch die Wände des "äußeren" Kultbereiches mit Flachbildern dekoriert, eine Tendenz, die von den Felsgräbern in Giza in Periode IV.a ausgeht . Die im Bereich der "äußeren" Kultanlage hinzutretenden Ikonen bei Großanlagen elaborieren Bilder der Wirksamkeit des Toten im Diesseits (Fest-Ikone, mAA-Ikone, Jagd-Ikone, Handlungen im Papyrusdickicht, Bootsfahrt) und fügen solche hinzu, die die rituellen und materiellen Voraussetzungen der jenseitigen Existenz beschreiben (Werkstattszenen, Bestattungsszenen)<750>.

7. Periode V ist zudem dadurch gekennzeichnet, daß in dekorierten Großanlagen die Tendenz zur detaillierten szenischen Beschreibung ("Verschriftlichung") zunimmt und größere Textpassagen die Bilddarstellungen begleiten<751>. Außerdem werden Teile der Flachbilddekoration (Bild und Text) in die Sargkammer übernommen. Es bahnt sich hier die Betonung des selbstwirksamen Charakters der Flachbilder an, die in Periode V.b zur Umwandlung von Sargkammer bzw. Sarg in eine magische Installationen unter Einbeziehung von Bild und Text führt. Mit der Reduzierung der Kultanlagen in Periode V.b werden auch die dekorierten oberirdischen Bereiche immer mehr verringert und schließlich meist auf die Scheintür und gegebenenfalls die Seitenwände der Scheintürnische beschränkt.

8. Zusammenfassend ist festzuhalten, daß sich in der Entwicklung der Flachbilddekoration vergleichbare schrittweise Veränderungen beobachten lassen, wie sie auch der Periodisierung des Auftretens und der Verwendung von Statuen zugrundegelegt wurden. Während die Entwicklung


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von Statuentypen und deren differenzierter Einsatz im funerären Bereich aber in Periode IV.a einen Höhepunkt hat und dann allmählich abnimmt, nimmt die Bedeutung der Flachbilddekoration im Verlauf der 5. und 6. Dynastie wenigstens in den Großanlagen weiter zu. Periode V.a ist geradezu dadurch geprägt, daß die Flachbilddekoration über den bisher üblichen Rahmen hinaus Bedeutung erlangt; der "narrative" Charakter des Flachbildes wird dabei auch auf die Zusammensetzung der Statuendepots übertragen und gewinnt mit der Einführung von neuen Typen der Dienerfiguren und von Modellen auch im Bereich dieser Gegenstände an Bedeutung. Damit wird der Charakter der funerären Anlage als "Kultinstallation", die immer mit konkreten Kulthandlungen im Zusammenhang steht, schrittweise reduziert und in der Form von "selbstwirksamen Installationen" im unterirdischen Grabteil aufgehoben.

19.3 Flachbild und Statue - Werkstattszenen

1. Die wesentlichen Ikonen der Kapellendekoration - die Speisetisch-Ikone, die Fest-Ikone und in gewissem Sinne die mAA-Ikone - bilden Rituale der funerären Praxis ab. Darstellungen funerärer Rituale oder Zeremonien sind jedoch nicht die einzigen Szenen, die Abbildungen des Grabherrn in den Flachbilddarstellungen begleiten und kommentieren. Dennoch ist für den hier besprochenen Zeitraum davon auszugehen, daß jede Flachbilddarstellung einen rituellen Hintergrund hat und diesen affirmiert. Denn der praktische Sinn der Errichtung einer dauerhaften Kultstelle am Grab war es, Raum und Installationen für die Handlungen der funerären Praxis zu etablieren. Über diese Handlungen werden dem Toten die erwünschten Eigenschaften verliehen; sie finden in Räumen und an Installationen statt, die mit Flachbildern dekoriert sind, die den Inhalt und den Sinn der dort stattfindenden Rituale affirmieren. So sind auch die Bilder der Herstellung von Nahrungsmitteln und Kultgerät als Affirmation von Handlungen zu verstehen, die in mittelbarer Beziehung zum Ritual stehen, denn sie bilden die Voraussetzungen zur Durchführung der Rituale ab. Ebenso stehen Bilder, die den Grabherrn als "lebend anwesenden" Toten bei der Betrachtung von Tätigkeiten im Diesseits oder als aktiv handelnde Person in kultischem Zusammenhang (Papyrusdickicht) zeigen, mit den funerären Ritualen im Zusammenhang, da sie darstellen, welche Eigenschaften dem Grabherrn im Ritual verliehen werden und wie er sie umsetzt; sie bilden gewissermaßen das Ergebnis bzw. den "Sinn" der Rituale ab<752>. Einige Motive dieser Bilder, bestimmte rituelle Geräte (Baldachin, Tragestuhl, Schiffe) und Handlungen bestimmter Personen (Übergabe der Schrift durch den Verwalter, Führen des Grabherrn durch den Sohn) deuten den praktischen Rahmen bzw. Hintergrund dieser rituellen Definition gelegentlich noch an.


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2. Für den konkreten Bezug der Untersuchung, die Statuen und ihre Funktion im Kult, ist eine Gruppe von Darstellungen heranzuziehen, die die Herstellung von Statuen zeigt, deren Einbringung und Deponierung in der funerären Anlage und selten auch rituelle Handlungen an einer Statue. In diesem Zusammenhang ist notwendig festzustellen, wann überhaupt in der Dekoration Statuen als solche dargestellt und gekennzeichnet werden. Mit diesem Problem hat sich M. Eaton-Krauss ausführlich auseinandergesetzt, so daß sich im folgenden auf die Ergebnisse ihre Untersuchungen gestützt wird<753>.

3. Die Abbildung von rituellen Handlungen im Flachbild ist seit Periode II.b belegt<754>. In allen Belegen der Periode II und Periode III ist dabei immer eine Darstellung des Grabherrn Ziel der Handlungen, die diesen als "lebendige Person" abbildet. Es werden also nicht die rituellen Handlungen vor einer Installation gezeigt, sondern die Handlungen werden als Handlungen am bzw. für den "lebenden Toten" interpretiert. Objekte, die als Installationen der Vermittlung der Anwesenheit des Toten dienen (Scheintür, Statue), werden nicht abgebildet<755>.

4. In Periode IV.a kommt es in diesem Zusammenhang zu einer bemerkenswerten Veränderung. Im Rahmen der neu eingeführten Bilder, die die Herstellung der Ritualobjekte zeigen, werden auch die wesentlichen Installationen Sarg, Scheintür und Statue abgebildet<756>. Dazu treten Bilder des Transports der Statuen in das Grab und die rituelle "Inbetriebnahme" der Rundbilder<757>. In einer parallel zum Antransport der Statuen entwickelten Szenenfolge werden darüber hinaus Statuen im Zusammenhang mit dem Bestattungsritual abgebildet<758>. Im Rahmen der endgültigen Ritual-Durchführung ist dann aber stets der "lebende" Grabherr Ziel der Handlungen. Mit der "Inbetriebnahme" der Statue ist diese ein funktionsfähiges Abbild und affirmiert die tatsächliche Anwesenheit des Toten. Die Qualität "Statue / Ritualobjekt" ist nur im Zusammenhang der Affirmation von Herstellung und im besonderen Übergangsmoment der "Überführung" in den


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liminalen Raum relevant. Mit Abschluß der Überführung ist die Qualität "Abbild" erreicht und wesentlich, eine Affirmation der Qualität "Statue" hat keine Bedeutung mehr.

5. Interessanter Weise ist zu bemerken, daß in einigen Elitegräbern der Periode IV offenbar das strategische Bemühen vorliegt, den Prestige-Index, der dem Statuenbestand als Teil einer monumentalisierten Grabanlage eigen ist (Anzahl der Statuen, Material, Größe), auch im Flachbild dauerhaft zu affirmieren. Der Prestigewert von Statuen kann naturgemäß nur in solchen Darstellungen präsentiert werden, in denen die Eigenschaft "Statue" noch relevant ist. Das erklärt die Beliebtheit der Abbildung der Statuenproduktion und des Transportes der Statuen in funerären Anlagen. Größen- und Materialangaben bei den Statuen halten Qualitäten fest, die im Zusammenhang der funerären Rituale selbst nicht mehr dargestellt werden konnten, da hier das Bild des "lebenden" Grabherrn an die Stelle der Statuendarstellung getreten ist<759>.

Diese strategische Aktivierung der Abbildung von Statuen steht in engem Zusammenhang mit der Tendenz der Periode IV, die Dekoration des "äußeren" Kultbereiches zur Präsentation von konkretem Status zu nutzen, insbesondere in den Ikonen, die mit Aktivitäten im Diesseits verbunden sind. In den großen Darstellungen der Herstellung der Ritualausrüstung, bevorzugt aus kostbaren Materialien, den endlosen Domänenaufzügen und den Bildern von Abrechnung des Besitzes wird die soziale Position des Grabherrn vermittelt, ebenso wie durch die Präsentation des Status als Angehöriger der Residenzelite bei der "Inspektion" diverser Institutionen privater oder staatlicher Art. Durch Inschriften werden zudem außergewöhnliche oder regelmäßige Gunstbeweise der übergeordneten Instanzen festgehalten, worunter auch Teile der Grabausrüstung zählen<760>.

6. In Periode V werden mit der zunehmenden Tendenz zur Verschriftlichung auch mehrmals Statuen im Rahmen von zeremoniellen Handlungen abgebildet. Es handelt sich hierbei um einige Sonderfälle, die unten noch diskutiert werden<761>.

7. Ebenfalls in Periode V treten Darstellungen von Statuen an den Wänden des Serdab auf<762>. Diese Bilder stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Tendenz, auch die Sargkammer mit Bildern der Ritual- und Opferausrüstung zu versehen. In beiden Fällen werden abgeschlossene Installationen mit einer affirmierenden Dekoration versehen, die die Selbstwirksamkeit dieser Installation auf magische Weise sichern sollen. Das Abbild im Flachbild erhält damit selbst den Charakter einer Installation, unabhängig davon, ob das Objekt - in diesem Fall die Statue -


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überhaupt vorhanden ist oder nicht. Die wenigen Belege für dekorierte Serdabe zeigen entsprechend eine geradezu maßlose Anhäufung von Statuen, wobei auch verschiedene Statuentypen unterschieden werden<763>.

8. In diesem Zusammenhang ist noch ein Phänomen zu erwähnen, nämlich die Differenzen, die sich aus den Flachbildbelegen für Statuentypen und den tatsächlich belegten Typen ergeben. Am häufigsten im Flachbild dargestellt finden sich männliche Sitz- und Standfiguren, beide Typen sind aber auch für Frauen belegt. Darstellungen von männlichen Standfiguren zeigen aber in der Regel nicht den im Statuenkorpus üblichen Typ der Standfigur mit herabhängenden Händen, sondern meist hält der Dargestellte Stab und abA-Szepter<764>. Eine ähnliche Diskrepanz zum Korpus der Orginalstatuen läßt sich auch bei der Abbildung von Sitzfiguren feststellen, von denen einige ebenfalls einen Stab halten, der so im Rundbild nicht belegt ist<765>. Auch die Handhaltungen unterscheiden sich von denen echter Rundbilder. Sicherlich zutreffend ist die von M. Eaton-Krauss vorgeschlagene Erklärung dieses Phänomens, daß man sich bei der Darstellung von Statuen an den Konventionen für die Darstellung des "lebenden" Grabherrn im Flachbild orientiert hat<766>.

Sehr selten sind Gruppenfiguren abgebildet<767>. Nacktfiguren treten einige Male im Zusammenhang mit der Statuenherstellung auf<768>. Schreiberfiguren des Grabherrn werden im Flachbild nicht dargestellt. Nach M. Eaton-Krauss wird dieser Umstand damit zusammenhängen, daß im Flachbild das Bild des Schreibers, anders als im Rundbild, immer mit dem Index "untergeordneter Beamter" verbunden wird, was als Darstellung des Grabherrn nicht adäquat ist<769>. Daß bei der Abbildung von Statuen die Konventionen des Flachbildes eine Rolle spielen, belegt auch die Uneinheitlichkeit, mit der Statuen mitunter "im Profil", meist aber nach den Konventionen der ägyptischen kombinierten Perspektive gezeigt werden<770>. Nur bei Prüfung des konkreten Falles ist es demnach möglich zu entscheiden, ob die in einem bestimmten rituellen Zusammenhang gezeigte Statue tatsächlich den Statuentyp präsentiert, der in diesem Zusammenhang auch benutzt wird. Ebenso ist es selten sicher, daß die im Flachbild gezeigten Statuen mit dem realen Statuenbestand einer Anlage etwas zu tun haben. Durchaus wahrscheinlich ist vielmehr die Präsentation "idealer" Ensembles, wie z.B. an den Serdabwänden in Periode V mit der Unzahl "symbolischer" Statuen. Nur bei solchen Fällen,


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in denen genaue Angaben zu Material und Größe gemacht werden, ist denkbar, daß reale Statuen abgebildet sind<771>.

9. Betrachtet man die Belege für Statuendarstellungen in Werkstattszenen, so sind alle im Flachbild dargestellten Typen (männliche und weibliche Stand- und Sitzfigur, Gruppenfigur, männliche Nacktfigur) in diesem Zusammenhang vertreten<772>. Es ist zu beobachten, daß im Zusammenhang mit Werkstattszenen tendenziell das Bemühen vorliegt, ein gewisses Ensemble zu präsentieren, also etwa eine Sitz- und eine Standfigur<773> bzw. jeweils mehrere Statuen, wobei die Standfigur häufiger auftritt<774>. Dazu treten fallweise die Sondertypen Gruppenfigur und Nacktfigur<775>. Auch wenn nicht davon auszugehen ist, daß diese Statuen das tatsächliche Ensemble der Anlage abbilden, so stellen sie doch einen idealisierten, erwünschten Bestand dar. Kern dieses "idealen" Statuenbestand sind eine Sitz- und eine Standfigur; Erweiterungen bestehen in der Vervielfachung, insbesondere der Standfigur, und der Hinzufügung von Sondertypen.

10. Die Belege für Statuendarstellungen an Serdabwänden stammen aus Periode V; aus dem Bereich der Residenzfriedhöfe ist nur ein Beleg bekannt, die beiden anderen stammen aus der Provinz (Meir)<776>. Sie zeigen ausschließlich männliche Standfiguren. Auch das stimmt mit der Tendenz der realen Ensembles in dieser Periode überein, auf die Sitzfigur im (Schacht-)Depot tendenziell zu verzichten.

11. Zusammenfassend läßt sich bis hier feststellen, daß die Darstellung von Statuen im Flachbild zwar bestimmten Konventionen der Flachbilddekoration unterworfen ist und nur in Ausnahmefällen in der bestimmten Anlage wirklich vorhandene Statuen abbildet, daß aber dennoch grundsätzlich ein Bezug zu den Statuen besteht, die in bestimmten Zusammenhängen in einer Anlage auftreten. Im Kontext der Werkstattszenen werden dabei gewisse Regeln der Zusammensetzung von Ensembles beachtet, die auch in tatsächlich vorhandenen Statuenensembles belegt sind: In Periode IV die Gruppierung von einer Sitz- und einer Standfigur, die Tendenz zur Vervielfältigung besonders der Standfigur und die fallweise Ergänzung des Ensembles mit Sondertypen (Gruppenfigur, Nacktfigur). Diese Sondertypen, die als reine Serdabstatuen im praktischen Kultvollzug keine Rolle spielen, treten aber in den unten noch zu besprechenden Szenen, die einen rituellen Kontext besitzen, nicht mehr auf.


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Fußnoten:

<732>

Fragen der Flachbilddekoration der funerären Anlagen des AR und ihrer Deutung sind seit einer ersten umfassenden Besprechungen durch Junker Giza III: 32-77 immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Eine Zusammenstellung des Dekorationsprogrammes der bekannten Gräber bietet neben PM III vor allem Harpur 1987, zur Frage der stilistischen Datierung siehe Cherpion 1989. Mit der Deutung einzelner Szenen befassen sich eine Vielzahl von Aufsätzen und Monographien, auf die im Einzelnen verwiesen wird. An älteren Publikationen sind vor allem zu nennen Montet 1925 und Vandier 1964, 1969, 1978. Wichtige neue Ansätze zur Interpretation der Gesamtheit der Dekoration und ihres Bezuges zur Funktion einer funerären Anlage bieten Kessler 1987, El-Metwally 1992, van Walsem 1994 und 1998, Bolshakov 1997: 24-122, 261-281. Ein eigener Interpretationsansatz, auf den im folgenden zurückgegriffen wird, ist in Fitzenreiter (im Druck) dargelegt.

<733>

Ein zweites Element, das als Ausgangspunkt für Teile der Dekoration in Frage kommt, sind die freistehenden Stelen, die oft paarweise an königlichen Anlagen (Vandier 1952: 731-733) und in einigen Fällen auch in nichtköniglichen Anlagen belegt sind (Alexanian 1995: 6 mit Belegen). Sie tragen den Namen des Grabherrn und können auch mit dessen Abbildung versehen sein. Da diese Objektgruppe bisher nur wenig untersucht ist, wird darauf nicht weiter eingeangen (zum Zusammenhang von Stelenpaar und Grabobeliskenpaaren: Martin 1977: 55-59).

<734>

Erst sekundär wird diese Möglichkeit im Statuentyp Gruppenfigur und über die Dienerfiguren sowie die "Inszenierung" von Statuendepots auch auf das Rundbild übertragen, siehe Kap. 9, 12, 15.1.2.

<735>

Zur Definition rituellen Handelns siehe ausführlich Fitzenreiter (im Druck).

<736>

Der Ausdruck "symbolische Realität" scheint in sich widersprüchlich zu sein, aber man muß sich z.B. darüber im klaren sein, daß die Existenz eines toten Grabherrn, eines Ahn, zwar keine materielle, natürliche Realität ist, daß diese Existenz aber auf kultureller, immateriell-imaginärer Ebene den Wert einer Realität besitzt. Die kulturelle Position eines Toten ist auf sozialer Ebene prinzipiell genauso real wie die kulturelle Position eines Lebenden. Eine uns geläufige Form der Reflektion der kulturellen Position eines Toten ist die als Erblasser, durch die er auch lange nach seinem realen Verschwinden direkt Einfluß im hier und jetzt ausübt.

<737>

Dabei kann der Grabherr auch "von Norden" agieren, da der Ort des Verlassens der Grablege / Sargkammer die nördliche Kultstelle ist, von der aus der Grabherr dann im liminalen Bereich der Kultanlage am Grab agiert. Diesem Prinzip liegt die Positionierung von Darstellungen des Grabherrn an einigen Westwänden von Scheintürräumen (NS:L:1s) und die Position der "inneren" Schreinfigur im "principle serdab" bei ra-wr (12.5.9:) zugrunde.

<738>

Harpur 1987: 175-221, 226-229; Bolshakov 1997: 50-105

<739>

Der erste, noch nicht formalisierte Beleg für die Abbildung des schreitenden Toten sind die Türnischenpaneele des Hzj-ra (Quibell 1913: pl. VII.3, XXIX-XXXI), wobei durch das Fehlen von Ritualbeischriften bei diesen Bildern, im Gegensatz zur Darstellung des sitzenden Grabherrn am Speisetisch, klar ausgedrückt ist, daß sie sich auf den "beweglichen" Grabherrn beziehen, und nicht auf den, dem ein Speiseopfer am Grab gereicht wird (Barta 1963: 28f). Die Kombination von Speisetischfafel und schreitendem Toten an den Seitenpfosten der Scheintür tritt erstmals bei xa-bA.w-zkr (Murray 1905: pl. I, II) auf. Die Kombination von Speisetischtafel und schreitendem Toten im Mittelfeld der Scheintür ist zuerst bei mTn (LD II: Bl. 3) und ra-Htp (Petrie 1892: pl. XIII, XV) belegt.

<740>

El-Metwally 1992: 23, 25-30 (Grab FS 3078), 34-58 (Gräber Medum), 59- 66 (Ax.t-Htp / FS 3076?), 67-78 (mTn).

<741>

Alexanian 1995: Abb. 8

<742>

Beispiele sind die dekorierten Scheintürräume der Prinzenmastabas auf dem Ost-Friedhof und zeitgleiche Anlagen in Giza-West sowie Saqqara-Nord; Harpur 1987: pl. 7 / 84 (xa=f-xwfw), pl. 8 (Dd=f-mnw), pl. 13 (?, Dd=f-xwfw), pl. 18 / 89 (jttj), pl. 30 (kA-apr).

<743>

Als ein Sonderfall tritt der Grabherr von Süden aus der südlichen Scheintür auf seine Gattin zu, die aus der nördlichen Scheintür tritt. Diese Variante versetzt die Dekoration der Nordwand in Periode III.c an die Westwand, zwischen die beiden Scheintüren; z.B. Curto 1963: fig. 22. Ähnlich ist eine Übergangsvariante aus Periode IV.a/b der Gestaltung von Westwänden von (NS:L:2)-Räumen gestaltet, bei der der Grabherr mit Familie nicht mehr von Norden, sondern von Süden - und damit "in Leserichtung" - zwischen den beiden Schéintüren stehend abgebildet wird (Harpur 1987: pl. 49/90, 53, 88). Hier kommen Grabherr und Gattin "aus dem Westen", der "hinter" den Scheintüren liegt.

<744>

Beispiele befinden sich vor allem auf dem Westfriedhof in Giza und in Varianten in den Felsgräbern im Central Field, alle aus der Übergangszeit von der 4. zur 5. Dynastie; Harpur 1987: pl. 39, 42, 43, 46, 47 / 82, 48, 49 / 90 (sSm-nfr I., Variante), 50 / 90, 51 (wHm-kA; Familieneinbindung betont).

<745>

In Giza ist der Grabherr in dieser Ikone meist im polaren Osten sitzend gezeigt, was als eine Darstellung "in Leserichtung", also den vor dem Betrachter sitzenden Grabherrn abbildend interpretiert werden muß. Im Saqqara wird meist die Position des Grabherrn im polaren Westen bevorzugt.

<746>

Diese Verteilung besitzt den Charakter eines verbreiteten Standards mit vielen Varianten; Beispiele auf den Friedhöfen der 5. Dynastie in Giza, Varianten auch in Saqqara; Harpur 1987: pl. 38, 40, 52, 55, 56 / 95, 58, 59, 61, 65, 66 (Variante, Fest-Ikone im Osten), 67, 70, 72, 74, 77.

<747>

Harpur 1987: pl. 31, 34, 120, 122 / 133, 123 (Fest-Ikone im Osten), 124.

<748>

Harpur 1987: pl. 97, 98, 99, 121, 129, 131, 138.

<749>

Harpur 1987: pl. 3.

<750>

Harpur 1987: pl. 135, 136, 137; Bolshakov 1997: 86-105

<751>

Idealbiographische Inschriften, siehe: Assmann 1991: 178-189; Anruf an Lebende, siehe: Müller, Ch.: s.v. "Anruf an Lebende", LÄ I: 294.

<752>

Dabei bildet sich eine Art logische Schleife, denn der Grabherr betrachtet gelegentlich genau solche Szenen, die Opfergaben und Objekte bzw. deren Herstellung zeigen, die für den Ritualvollzug notwendig sind, um ihm die Fähigkeit zu dieser Betrachtung zu verleihen - Voraussetzung und Ergebnis des Rituals treffen sich also. Der locus classicus dafür sind die Bilder, auf denen der Grabherr den Bau seines eigenen Grabes inspiziert (Roth 1994).

<753>

Siehe insbesondere die Diskussion der Konventionen der Flachbilddarstellungen von Statuen und der abgebildeten Statuentypen (Eaton-Krauss 1984: 6-37), die hier nicht wiederholt werden sollen. Das Kriterium der Identifizierung einer Abbildung eines Menschen als Darstellung einer Statue ist generell die Angabe der Basisplatte (Eaton-Krauss 1984: 5).

<754>

El-Metwally 1992: 20f

<755>

Ausnahme ist die Abbildung einer Statue im Kontext der Ritualobjekt im Grab des Hzj-ra, ein Beleg, der für die Perioden II und III bisher einmalig ist (Eaton-Krauss 1984: Cat. No. 149; Quibell 1913: pl. XVI). Aber auch hier wird die Statue nicht im Kontext ritueller Handlungen, sondern im Kontext des Bestandes der Ritualobjekte gezeigt.

<756>

Der früheste Beleg befindet sich in der Anlage der mr=s-anx III. (BGM 1: fig. 5; Eaton-Krauss 1984: Cat. No. 1, 2). Insgesamt zur Darstellung der Statuenherstellung: Eaton-Krauss 1984: 38-60; zu den Darstellungen der Herstellung der Ritualausrüstung (Handwerkerszenen): Drenkhahn 1976.

<757>

Der früheste Beleg ebenfalls bei mr=s-anx III.; der Transport findet schon unter Einbeziehung ritueller Handlungen statt (BGM 1: fig. 5; Eaton-Krauss 1984: Cat. No. 58, 59), als endgültige "Inbetriebnahme" interpretiere ich die Darstellung an der Südwand, wo im Zusammenhang mit dem Fest-Ritual die Ritualausrüstung einschließlich der Statue installiert wird (BGM 1: fig. 8; Eaton-Krauss 1984: Cat. No. 3, dort als Werkstattszene interpretiert). Zum Zusammenhang dieser Szene und dem Bestattungsritual siehe unten. Zur Darstellung des Statuentransportes insgesamt: Eaton-Krauss 1984: 60-70.

<758>

Eaton-Krauss 1984: 70-72

<759>

Siehe dazu Rochholz 1994 zu entsprechenden Darstellungen in der ptH-Spss-Anlage, wo op. cit.: 262f auf die symbolisch zu sehende Bezeichnung der Statuengröße mit sieben Ellen - ein emischer Ausdruck für "Monumentalität" - verwiesen wird. Zu Material und Größe von Statuen: Eaton-Krauss 1984: 40f, 45-60.

<760>

Siehe z.B. den Text am Zugang zur Mastaba des Ax.t-Htp: Ziegler 1993: 110-114.

<761>

Eaton-Krauss 1984: 72-75

<762>

Eaton-Krauss 1984: 75

<763>

Eaton-Krauss 1984: Cat. No. 144, 145; Fischer 1963: frontispiece, pl. II, III.

<764>

Eaton-Krauss 1984: 6f.

<765>

Eaton-Krauss 1984: 16f

<766>

Eaton-Krauss 1984: 9 u. passim, siehe besonders: 23 (weibliche Statuen werden entsprechend der Flachbildkonvention mit leicht vorgestelltem "hinteren" Fuß gezeigt), 32 (Sandalen sind bei Orginalstatuen nicht belegt, aber im Flachbild).

<767>

Eaton-Krauss 1984: 21-23, hinzuzufügen ist der Beleg Leclant / Clerc 1997: Tab. XIII, fig. 17.

<768>

Eaton-Krauss 1984: 33

<769>

Eaton-Krauss 1984: 20

<770>

Das Phänomen ist diskutiert von Eaton-Krauss 1984: 1-5

<771>

So z.B. wohl bei ptH-Spss; Eaton-Krauss 1984: 10

<772>

Eaton-Krauss 1984: Cat. No. 1-57, 106-141

<773>

Eaton-Krauss 1984: Cat. No. 1 + 2; Cat. No. 4 + 5 (plus eine weibl. Standfigur Cat. No. 6 und eine männliche Schreinfigur Cat. No. 7); Cat. No. 8 + 9; Cat. No. 23 + 24

<774>

Eaton-Krauss 1984: Cat. No.11-15; Cat. No. 18-20; Cat. No. 21 + 22; Cat. No. 34 + 35; Cat. No. 36-38; Cat. No. 39-41

<775>

Eaton-Krauss 1984: Cat. No. 26-33 (Großensemble des Tjj); Cat. No. 42-45 (Großensemble des anx-ma-Hr)

<776>

Eaton-Krauss 1984: Cat. No. 144-148


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Wed May 2 13:49:56 2001