Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

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Teil I - Grabstatuen im frühen Alten Reich

1. Im folgenden ersten Teil der Untersuchung werden Statuen behandelt, die im Zusammenhang mit funerären Monumenten aus der Zeit der 1. Dynastie bis in die hohe 4. Dynastie stehen. Die behandelte Zeitspanne ist die der Formierung der Residenz des AR als ein eigenständiges und vom übrigen Reichsgebiet unterscheidbares soziales und kulturelles Phänomen. Entsprechend der Schwerpunktsetzung der Untersuchung werden Quellen, die nicht aus dem Gebiet der Residenz stammen, nur in beschränktem Maße herangezogen.

2. Der in diesem Teil behandelte Zeitraum wird in drei Perioden funerärer Praxis unterteilt, wobei immer der memphitische Beleg bzw. die memphitische Variante entscheidend ist. Unter "Periode I" funerärer Praxis in Memphis wird ein imaginärer Ausgangspunkt verstanden, bei dem eine weitgehend homogene funeräre Elitekultur der Reichseinigungszeit vorausgesetzt wird, die als Aspekt der Naqada III-Kultur anzusehen ist. Diese Periode bildet den Hintergrund bei der Betrachtung der folgenden Entwicklung, wird selbst aber nicht in den Mittelpunkt einer eigenständigen Untersuchung gestellt.

Periode II funerärer Praxis baut auf Traditionen der Periode I auf, in ihr beginnt sich aber immer mehr die memphitische Residenz und die deren Bevölkerung zuzuweisenden Friedhöfe kulturell vom Rest des Landes abzuheben. Die in dieser Periode durchgesetzte Konzentration aller um den Pharao angesiedelten Institutionen im Gebiet von Memphis schlägt sich auch in Veränderungen in den Ausdrucksformen der funerären Kultur nieder. Diese Periode setzt schon in der 1. Dynastie ein und erreicht in der 3. Dynastie ihren Höhepunkt.

Periode III funerärer Praxis schließlich ist ein ausgesprochenes Residenzphänomen. Sie prägt jene funerären Monumente, die unter Snofru, Cheops, Djedefre, Chefren und zum Teil noch Mykerinos errichtet wurden. Merkmal der zu den Ausdrucksformen dieser Periode zu zählenden Monumente ist die Einbindung in zentral organisierte und um die jeweilige königliche Anlage errichtete Großfriedhöfe.

Kapitel 2. Skulpturen der frühdynastischen Periode (Periode I)<63>

(Tab. 2)

1. Rundplastische Darstellungen von Menschen und Tieren sind in Ägypten seit der vor- und frühdynastischen Zeit belegt; als Fundorte sind sowohl Gräber, als auch Tempelbereiche bekannt.


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Auf Friedhöfen, als Teil der Grabausstattungen, wurden kleine Elfenbein- und Tonfiguren gefunden, die mehr oder weniger stilisiert Frauen und Männer wiedergeben<64>. Bestand und Bedeutung dieser frühen Grabausrüstungen sollen nicht Gegenstand der hier geführten Diskussion sein, es sei nur darauf verwiesen, daß rundplastische Abbildungen von Menschen schon mit Beginn der geschichtlichen Zeit im funerären Kontext auftreten.

2. Die ersten größeren Komplexe rundplastischer Darstellungen von Menschen und Tieren der 0. und 1. Dynastie stammen aus den Tempeln von Hierakonpolis, Abydos und Koptos. Unter den dort gefundenen Objekten befinden sich Darstellungen stehender und schreitender Männer und Frauen<65>, erst jüngere Belege zeigen den Typ der Sitzfigur. Die frühesten bekannten Exemplare größerer Sitzfiguren sind zwei Statuen aus Kalkstein, die in Hierakonpolis gefunden wurden und etwa in die 1. Dynastie datieren<66>.

3. In den Königsgräbern der 1. Dynastie in Abydos wurden in den Gräbern des Djer und des Den Fragmente von Holzfiguren gefunden<67>. Das Fragment einer Statue aus dem Grab des Den deutet auf eine etwa lebensgroße Statue. G. Dreyer rekonstruiert für eine derartige Statue die Aufstellung in einem gesonderten zugänglichen Statuenraum, eventuell so, daß sie einen Aus- oder Zugang im Südwesten hatte<68>.

4. Der erste Beleg für die Aufstellung von Statuen im Bereich einer Grabanlage im memphitischen Raum stammt erst vom Ende der 1. Dynastie. In Raum 6 des nördlich vom Mastabamassiv gelegenen Kultbereiches der Mastaba 3505 fanden sich die Basen mit Resten der Beine zweier ca. 2/3-lebensgroßer Standfiguren aus Holz (2.1). Die auseinanderstehenden Füße machen deutlich, daß es sich bei beiden Figuren um Männer in schreitender Pose handelt. W. B. Emery identifizierte das Grab als die unterägyptische Anlage des Pharao Qaa. Der Fund einer Stele und von beschrifteten Steingefäßen des mr-kA machen aber eine Zuweisung an diese nichtkönigliche Person der späten 1. Dynastie wahrscheinlich<69>. Die beiden Statuen standen im Bereich einer öffentlichen Kultanlage, die nördlich an die eigentliche Mastaba anschließt.

4. Ebenfalls eine Herkunft aus dem memphitischen Raum wird für die Berliner Sitzfigur aus Kalkstein angegeben, für die eine Entstehung in der Zeit des Überganges von der 1. zur 2.


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Dynastie, oder auch von der 2. zur 3. Dynastie<70> angenommen wird (2.7). Die Herkunft aus einer Grabanlage ist nicht gesichert, im Vergleich mit ähnlichen Statuen aber nicht unwahrscheinlich. Die Figur stellt eine auf einem würfelförmigen Sitz mit bogenartigen Stützen sitzende männliche Person dar, die in einen Mantel gehüllt ist. Der linke Arm ist auf die Brust gelegt, die Hand zur Faust geballt. Der rechte Arm liegt ausgestreckt auf dem Oberschenkel. Der vordere Teil der Statue ist zerstört, so daß über die Haltung der rechten Hand nichts ausgesagt werden kann.

5. Wenn auch das Material der 0. bis 2. Dynastie zu spärlich ist, um Art und Funktion von Statuen im funerären Kult zu rekonstruieren, so lassen sich doch einige Beobachtungen festhalten, die hier als Merkmale für den Ausgangspunkt der Periodisierung (Periode I) stehen sollen:

  1. Rundplastische Darstellungen von Menschen treten seit frühgeschichtlicher Zeit im funerären Zusammenhang auf.
  2. Einen ersten Höhepunkt erlebt das rundplastische Schaffen im Umfeld der Tempel, hier werden die Typen der Standfigur (mit geschlossenen Beinen und in schreitender Pose) und auch der Sitzfigur auf einem thronartigen Untersatz erstmals formal umgesetzt.
  3. In den Grabanlagen von Königen und auch von nichtköniglichen Personen der 1. Dynastie gab es hölzerne Figuren. In S 3505 in Saqqara NO standen zwei wahrscheinlich identische Standfiguren nebeneinander in einem Kultbereich. Gegen Ende dieser Periode ist erstmals eine Sitzfigur belegt, die möglicherweise aus einer funerären Anlage stammt.

Die Nutzung von Statuen im funerären Bereich ist also schon in der frühdynastischen Periode wenigstens in einigen Gräbern gesichert. Die wesentlichen Statuentypen - Stand- und Sitzfigur - wurden ebenfalls in dieser Periode entwickelt, sind aber keine auf den funerären Bereich beschränkte Darstellungsformen. Die Mehrfachverwendung von Statuen in einem einheitlichen funktionalen Zusammenhang ist im Grab S 3505 zum ersten Mal belegt.


Fußnoten:

<63>

Shoukry 1951: 1-17

<64>

Smith 1946: 1f; Vandier 1952: 409-435

<65>

Smith 1946: 6f, Vandier 1952: 962-983; Sourouzian 1998: 307-310

<66>

Smith 1946: 8, pl. I.d, e

<67>

Petrie 1901: 39, pl. XII.2, XL.92

<68>

Dreyer 1990: 77f, Abb. 8

<69>

Kemp 1967: 26-30; Wood 1977: 12f. Zu den angeblichen oberägyptischen Gräber der Könige der 1. Dynastie in Saqqara siehe Kemp 1967 und Kaiser in Kaiser / Dreyer 1982: 255-260, die beide die These von Emery ablehnen. Demgegenüber halten Lauer 1980 und Stadelmann 1985 / 1991: 10f an der Zuschreibung einiger Gräber in Saqqara Nord an Pharaonen fest.

<70>

Berlin 1967: Nr. 187; Smith 1946: 15, pl. 2.a


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