Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

Kapitel 22. Textdekoration<977>

22.1 Einleitung

1. In Kap. 19.1. wurde festgehalten, daß Texte in funerären Anlagen in der Regel als Teil der Dekoration im Flachbild anzusehen sind. Auch hierbei ist die Speisetischtafel der wesentliche Ausgangspunkt der Entwicklung, da sie die ersten Belege für Namens- und Titelbeischriften, erklärende Beischriften zu Objekten (Inventaropferliste) und erläuternde Beischriften zum rituellen Rahmen (Ritualopferliste) bieten<978>. Da die bildlichen Darstellungen der Tafel aber auch als Determinative bzw. Komplemente der Beischriften verstanden werden können, ist eine Trennung von Bild und Text praktisch nicht möglich<979>.

2. Diese Feststellung trifft auch für die Textteile der oben behandelten Ikonen und Szenen der Flachbilddekoration der funerären Anlagen der folgenden Perioden zu. Selbst die ausführliche Opferliste ist als konstitutiver Teil der Speisetisch-Ikone zu verstehen, als ein Kommentar zum Bild des Speisetisches, den handelnden Personen usw. Ebenso sind die großen Titel- und Namenangaben beim Bild des Grabherrn und natürlich die die Ikonen erläuternden Überschriften


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(mAA etc.) oder Unterszenen illustrierenden Beischriften (Reden und Rufe)<980> jeweils Teil einer Komposition aus Bild und Text. Auch die biographischen Texte und der Anruf an die Lebenden sind in der Regel mit Bildern verbunden (heraustretender Grabherr, Grabherr im Redegestus), denen sie als Beischrift zugeordnet werden können, auch wenn hier eine allmähliche Emanzipation des Textes vom Flachbild nicht zu übersehen ist. Die Tendenz dieser besonders textintensiven Dekorationselemente geht dahin, das Flachbild als Illustration zum Text zu verstehen - als Vignette - und weniger die Textdekoration als Beischrift zum Bild, wie in einer Ikone<981>.

22.2 Die Opferformel

1. Ein Element der Textdekoration bleibt das ganze AR über und dann auch in den folgenden Perioden über vom Flachbild relativ unabhängig: die sogenannte Opferformel. Der Text ist zwar häufig mit dem Bild des Grabherrn versehen, dieses hat aber in der Regel den Charakter eines Determinativs und ist als solches dem Text viel enger verbunden als etwa in anderen Teilen der Dekoration. So ist der Opferformel auf Architraven gewöhnlich ein Bild des Grabherrn am Speisetisch oder auch des schreitenden Grabherrn zugeordnet<982> und auf den Scheintüren seit Periode IV.b wird an den Pfosten den langen Texten der Opferformel unten ein Bild des Grabherrn zugeordnet, das zwar typologisch dem Bild des "heraustretenden Grabherrn" an Scheintüren der Periode II.b bis IV.a vergleichbar ist, oft aber den Charakter eines Determinativs hat.

2. Die Opferformel wird durch die charakteristische Formulierung Htp-dj-nswt und Htp-dj-jnpw eingleitet. Das erste Auftreten dieser Formulierungen ist in der Dekoration von Kapellen der Periode II.b noch nicht an einen bestimmten Ort oder Kontext gebunden<983>. Ab Periode III.c wird diese Formulierung mit zwei charakteristischen "Bittenfolgen" verbunden. Der so aus Einleitung und Bittenfolge konstituierte Typ einer spezifischen Textdekoration wird in Periode III.c Teil der Dekoration der Scheintür, und zwar zuerst auf dem Architrav<984>. Seit Periode IV.a/b wird sie immer häufiger auch auf den Pfosten der Scheintür festgehalten und verdrängt dort tendenziell die zuvor


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üblichen Bilder der Angehörigen oder Opferträger<985>. Ebenfalls schon in Periode III.c wird die Opferformel auch auf den Zugang zum Scheintürraum (NS:L:1s) übernommen und von dort ausgehend auf alle Zugänge<986>. Auch hier ist jeweils der Architrav der wesentliche Aufzeichnungsort. Außerdem tritt die Formulierung im Zusammenhang mit der Speisetisch-Ikone auf<987>. Unabhängig von der Flachbilddekoration sind Opferplatten und Opferbecken, des weiteren Särge und auch Statuen mit dieser Formel beschriftet<988>.

3. Mit der Opferformel haben sich mehrere Autoren befaßt, zusammenfassend wieder W. Barta und G. Lapp, auf deren Untersuchungen sich hier gestützt wird<989>. Ein Schwerpunkt der Untersuchungen war stets die Deutung der Formulierung Htp-dj-nswt bzw. Htp-dj-jnpw (später auch andere Götter), die in der Textdekoration "Opferformel" als Einleitung einer Folge von Bitten dient, in anderen Zusammenhängen aber auch selbstständig auftritt. Nach Barta bezeichnet diese Formulierung "ein Ritual, dessen Handlungen in der Überweisung einer Opfergabe ihren Höhepunkt findet"<990>. Er übersetzt die häufigste Fassung der Formel Htp-dj-nswt Htp-dj-Gott NN als "der König gibt ein Opfer, (nämlich) das Opfer, das dem Gott NN gegeben wird; er (sc. der Gott NN) möge geben ... für NN"<991>. Der Übersetzung liegt die Vorstellung zugrunde, daß ein Gunstbeweis des Gottes an eine Privatperson nur durch Vermittlung des Königs möglich ist und daß die Formel also mehrere, wenigstens symbolisch notwendige Schritte des der eigentlichen Opferung vorausgehenden Rituals beschreibt<992>. Lapp hat dieser Auffassung widersprochen und übersetzt bedeutend einsichtiger "ein Opfer, das der König gibt (und) ein Opfer, das Anubis gibt"<993>. Auch ist die Deutung der Formulierung als ein Ritual, wie es Barta vorschlägt, sehr unwahrscheinlich, zum einen, weil die Formel selbst als Bezeichnung eines Opfertyps auftritt<994>, zum anderen, weil in der ausführlichen Opferformel die Bitten um die Durchführung des Bestattungsrituals und des Opferrituals der Formel erst folgen.

Der Ausdruck ist vor allem als Einleitung für die Opferformel belegt. Man hat die Formulierung wohl


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als eine allgemeine Einleitungsfloskel aufzufassen, die die folgenden Bitten "im Namen" der wesentlichen Bezugspunkte der funerären Kultur der Residenz im AR anführt: des Pharao, als Herrscher der Residenz, und Anubis, als Gottes der Nekropole<995>. Im hohen AR treten neben Anubis auch Osiris, der nTr aA, Chontamenti und Geb auf<996>.

4. Für die Behandlung der funerären Praxis sind die der Einleitungsfloskel folgenden "Bitten" von Interesse. Diese Bitten sind von W. Barta zusammengestellt worden<997>. G. Lapp konnte die meisten der Bitten des AR zwei grundlegenden Bittenfolgen zuordnen: Die erste Bittenfolge beschreibt das Bestattungsritual als Voraussetzung der wirksamen Anwesenheit des Grabherrn in seinem Grab<998>; die zweite Bittenfolge beschreibt das Opferritual als Voraussetzung der fortdauernden Existenz und Wirksamkeit des Grabherrn<999>.

In frühen Belegen sind die Formulierungen recht knapp gehalten. Die Bitte um eine Bestattung wird


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nur mit dem Wunsch nach hohem Alter verbunden; die zweite Bittenfolge um das Opferritual ist durch die Liste der Feste erweitert, an denen das Ritual stattfinden soll. Beide Erweiterungen sind also eine genauere zeitliche Bestimmung. Es folgt in der Regel eine recht ausführliche Titel- und Namensbeischrift. In Periode IV.b nimmt der Umfang der Beschreibung allmählich zu, in Periode IV.c sind schließlich äußerst elaborierte Opferformeln, z.T. auch mit nur sehr seltenen Formulierungen belegt. Die Tendenz zur Elaboration setzt sich in Periode V.a fort (Beispiele siehe unten Kap. 22.2.1.).

5. Bei der Beschriftung der Architrave ist zu beobachten, daß in Giza in Periode IV.a die Tendenz besteht, an der (südlichen) Scheintür nur die Bitte um das Begräbnis festzuhalten, am Zugangsarchitrav der Kultanlage aber Begräbnisbitte und Bitte um das pr.t-xrw zu kombinieren. Bei der Speisetisch-Ikone wird üblicherweise nur die Bitte um das pr.t-xrw verzeichnet<1000>.

Die beiden Bittenfolgen haben also einen sehr klaren Bezug zu den beiden wesentlichen Funktionen der Grabanlage, die sich in Periode II herausgebildet haben. Die Bittenfolge um die Bestattung (qrs) bezieht sich auf die Funktion der Anlage als Grabstelle, damit auch konkret auf den Ort der Grablege, die Sargkammer "hinter" der (südlichen) Scheintür. Damit ist die Funktion der Scheintür als ein magischer Durchgang zum Ort der Grablege im Grab ebenfalls beschrieben. Die Bittenfolge um das Opferritual (pr.t-xrw) und die Festliste beziehen sich auf die Funktion der Grabanlage als Kultstelle, damit aber vor allem auf die Kultanlage am Grab und die nördliche Scheintür bzw. den Zugang zur Anlage überhaupt<1001>.

6. Mit der Zunahme der Bedeutung des Textes als Medium der Affirmation in Periode IV.b verwischen sich die konkreten Bezüge und die Opferformel wird zu einem nach bestimmten Regeln komponierten Text, der die wesentlichen Handlungen in der Grabanlage überhaupt affirmiert: Bestattung und fortdauernder Kult. Damit beginnt die eigentliche Blüte der Opferformel als eine eigene Textgattung. Solche großen Opferformeln treten tendenziell auf Schrein-Scheintüren auf, für die oben postuliert wurde, daß sie als Kombination von "innerer" Schrein-Kultstelle und


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südlicher Scheintür-Kultstelle aufgefaßt werden können (Kap. 18.4.1.). Indem Schrein (= Kultstelle am Grab) und Scheintür (= Kultstelle im Grab) zusammenfallen, ist auch die Kombination der jeweiligen Funktionsbeschreibung nicht unlogisch. Solche großen Opferformeln der Periode IV.b und IV.c beschreiben die Funktion der funerären Anlage insgesamt, als Grablege und als Kultstelle (siehe Beispiele unten).

7. In Periode V.a ist bei Scheintüren wieder eine stärkere Konzentration der Opferformel auf nur eine Bittenfolge zu beobachten: Jetzt ist es aber tendenziell die Bitte um das pr.t-xrw, die hier verzeichnet wird, während die Bitte um die Bestattung fehlen kann<1002>. Die lange Fassung der Opferformel mit beiden Bittenfolgen tritt dafür am Zugangsarchitrav auf<1003>. Der Grund für diese Entwicklung wird darin zu suchen sein, daß in Periode V Kultstelle und Grablege strukturell getrennt werden. Die Grablege erhält einen deutlich abgetrennten Zugang (auf dem Mastabadach oder weit nach Norden versetzt) und wird als eine eigenständige Installation mit separater Ausstattung ausgebaut. Die Opferstelle an der alten Süd-Kultstelle ist nun weniger auf die Funktion des Durchganges zur Grablege im Grab als auf die Funktion der Kultstelle am Grab festgelegt. Auch die Einführung der Schrein-Scheintür hatte deutlich gemacht, daß die südliche Scheintür schon ab Periode IV.b nicht mehr als Durchgang zum Toten, sondern als Ort der Manifestation und Kultstelle verstanden wurde. Der Aspekt des Durchganges wird seitdem immer mehr nur auf die nördliche Scheintür bezogen.

Die Entwicklung setzt sich in Periode V.b fort: Die Grabanlagen im Pepi II.-Friedhof besitzen Scheintüren, die tendenziell nur die Opferformel mit der pr.t-xrw-Bitte tragen, während am Zugang zur Sargkammer Architrav und Pfosten mit der ausführlichen Fassung mit beiden Bittenfolgen beschriftet werden<1004>. Besonders klar ist die Trennung in den beiden Kleinmastabas N.VII und N.VIII, bei denen die Scheintür die pr.t-xrw-Bitte, der Zugang zur Sargkammer die qrs-Bitte trägt<1005>. Diese Kleinmastabas sind strukturell Vorläufer der sogenannten stèles-maisons. Es handelt sich bei den stèles-maisons um eine lokale Sonderform der Periode V.b oder schon Periode VI; kleine Scheinmastabas, die als unabhängige Kultstelle aufgestellt wurden. Die darauf angebrachten Scheintüren tragen nur die pr.t-xrw-Bitte<1006>. Solche Installationen sind Kultstellen, teilweise kollektiven Charakters, die unabhängig vom bestimmten Gräbern wirken. Die Scheintür


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wird nicht mehr als symbolischer Zugang zur Sargkammer mit dem dort liegenden Toten interpretiert (dieser Zugang, die alte Nord-Kultstelle, liegt separat), sondern als eine Art magischer Schrein, in dem der Tote mittelbar anwesend ist. Die stèles-maisons sind damit strukturell die Vorläufer der sogenannten Kenotaphe, Kulteinrichtungen, die unabhängig von der Grablege die Anwesenheit des Toten affirmieren<1007>.

8. Während in den frühen Belegen die Formel Htp-dj-nswt Htp-dj-jnpw in der Regel der Opferformel insgesamt vorangestellt wird<1008>, tritt ab Periode IV.b mit dem Auftreten des Osiris in der Formel eine Veränderung ein. Nun wird häufig dem Wunsch nach dem (zeitlichen) Begräbnis die Formel Htp-dj-nswt Htp-dj-jnpw vorangesetzt; dem Wunsch nach dem ewigwährenden Opferritual aber wird die Formel (Htp-dj-nswt) Htp-dj-wsjr vorgestellt<1009>. Osiris wird also mit der andauernden Existenz des Toten verbunden, während Anubis, als Herr der Nekropole, mit der Überleitung des Verstorbenen zum Toten betraut wird. Während Anubis meist als Entität auftritt, die vor allem mit der Bestattung verbunden ist<1010>, werden Osiris, der Pharao und auch der nTr aA recht ambivalent in der Beschreibung des Opferrituals und auch der jenseitigen Existenz des Toten gebraucht.

9. Opferformeln werden seit Periode IV.a auch auf anderen Objekten (Statuen, Opferplatten) angebracht. Auf Särgen sind sie gelegentlich schon in der zweiten Hälfte der 4. Dyn. in Giza belegt<1011>. Mit der Einführung der dekorierten Sargkammern und davon ausgehend des dekorierten Sargtyps in Periode V werden Opferformeln regelmäßig auf Särgen angebracht. Die Verteilung der Bittenfolgen orientiert sich dabei tendenziell an den Richtungsbezügen in der Sargkammer und der Ausrichtung des "auf seiner Seite" liegenden Toten: An der Ostwand, vor dem Gesicht des Toten werden Speisetisch und Opferliste angebracht, mit einer Bitte um das pr.t-xrw, im Namen des Osiris. An der Westseite, "hinter" dem Toten wird die Bitte um das Bestatten im Namen des Anubis festgehalten<1012>. Diese Konvention wird in Periode VI fortgesetzt<1013>.

10. Eine Analyse der einzelnen Sequenzen der Bitten soll nicht erfolgen, da diese bei G. Lapp


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ausführlich vorliegt. Bis auf einige unklare Formulierungen oder Reihungen der Bitten konnte er zeigen, daß alle Sequenzen der ersten Bittenfolge auf das Begräbnis (qrs) und seine verschiedenen Stationen zu beziehen sind<1014>. Schon in frühen Varianten der Opferformel wird die Bitte um das Begräbnis mit dem Wunsch nach einem langen Leben verbunden<1015>. Sehr wahrscheinlich ist dieser Einschub als Konzession an die magische Wirksamkeit der Textdekoration zu verstehen: Eine nicht durch den Wunsch nach einem hohen Alter relativierte Bitte um eine Bestattung könnte deren sofortiges Eintreten bewirken.

11. Auf den Zusammenhang der zweiten Bittenfolge um das pr.t-xrw / Opferritual mit dem Kultvollzug in der Kultanlage wurde oben in Kap. 20.2. schon verwiesen. Der allgemein gehaltenen Bitte um das pr.t-xrw folgt in der Regel nur eine Liste der Feste und eventuell eine Liste von gewünschten Gaben<1016>. Wie auch die qrs-Bitte, wird die pr.t-xrw-Bitte seit Periode IV.b gelegentlich erweitert; so wird insbesondere um die auch in Darstellungen des Opferrituals anschließend an die Speisung erfolgende Verlesung von sAx-Sprüchen durch den Xrj-Hb gebeten<1017>.

12. Einige Elemente der Bittenfolgen gehen jedoch über die Beschreibung konkreter Zeremonien hinaus und bieten weiterführende, spekulative Deutungen des Geschehens an. So wird der Formulierung xp=f Hr wA.wt nfr.wt "Möge er auf den schönen Wegen wandeln", die prinzipiell auf den Weg der Bestattung zu beziehen ist, die Erläuterung xpp.t jmAx.w Hr=sn xr Gott NN "auf denen die im jmAx-Verhältnis beim Gott NN stehenden wandeln" hinzugefügt<1018>. In derartigen Formulierungen werden Vorstellungen niedergelegt, die über den praktischen Ritualvollzug hinausgehen und dessen konzeptuellen Hintergund andeuten. Damit wird, wie in elaborierten Flachbildern auch, von der Ebene der Ritualbeschreibung auf die Ebene der Ritualdeutung übergegangen. Vorstellungen über das Wesen einer Überleitung vom Verstorbenen zum Toten werden besonders in der die Bitte um die Bestattung abschließenden Bittenfolge Sms.tj=fj jn kA.w=f "Möge er durch seine Kas geleitet werden" etc. niedergelegt, mit denen sich G. Lapp auseinandergesetzt hat<1019>. Der nach der Überleitung erlangte Status eines Toten wird außer der schon in Periode IV.b ganz üblichen Beschreibung des "Wandelns auf den schönen Wegen" seit Periode IV.c zusätzlich in solche Formeln beschrieben, die das Erreichen des jmAx-Verhältnisses


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beim Gott thematisieren<1020>. Da diese Konzepte die Ebene der rituellen Praxis bereits verlassen und zu deren, zum Teil sekundären Deutung übergehen, werden sie hier nicht behandelt.

13. Zusammenfassend sei festgehalten, daß die Opferformel des AR in ihrem Ursprung eine Beschreibung der Funktion der Installation "funeräre Anlage" ist. In dieser Beschreibung wird die Funktion der Anlage als Grablege und als permanente Kultstelle festgehalten. Dieser Beschreibung wird eine Einleitungsfloskel vorangestellt, die auf den Nekropolengott der Residenz - Anubis - und den Pharao als irdische höchste Instanz Bezug nimmt. Ab Periode IV.b wird der Bezug auf Osiris und gelegentlich andere Götter und den nTr-aA erweitert. Ebenfalls seit Periode IV.b wird die Funktionsbeschreibung zu einer ausführlichen Ritualbeschreibung (Bittenfolge) elaboriert. Es werden weitere Floskeln aufgenommen, die als Ritualdeutung und Beschreibung der jenseitigen Existenzweise des Toten angesehen werden können.

Die für das AR typische Erweiterung der beiden Bittenfolgen um eine Reihe von Formulierungen, die jeweils als Beschreibung einzelner Zeremonien aufgefaßt werden können, wird im MR nur noch selten und eher retrospektiv betrieben, dafür treten neue Formeln der Deutung des rituellen Geschehens auf. Im NR wird die Opferformel in anderer Weise entwickelt. Es sind nun vor allem idealbiographische und eulogische Floskeln, also Elemente der Titel- und Namensbeischrift, die elaboriert werden<1021>. Die Ritualbeschreibung hingegen geht immer mehr zurück und wird nur durch neuere Ansätze der Deutung des Ritualsinnes noch aktiviert<1022>.

22.2.1 Exkurs: Beispiele für Opferformeln der Perioden IV und V

22.2.1.1 Opferformeln auf Scheintüren der Periode IV

1. Da eine ausführliche Auseinandersetzung mit den durchkomponierten Texten der Opferformeln


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der Perioden IV.b, IV.c und V.a hier nicht erfolgen kann, sollen nur einige Beispiele vorgestellt werden, an denen sich die Art und Weise der Elaboration dieses Textes gut beobachten läßt. Darüber hinaus illustrieren die gewählten Beispiele einige der oben am Flachbildbeleg diskutierten Zeremonien der funerären Praxis.

2. In Periode IV ist die Scheintür der wesentliche Anbringungsort großer Opferformeln. Die Scheintür des tp-m-anx (A) ist inhaltlich der Periode IV.b verbunden, besonders, was die Beschreibung der Bestattungsrituals angeht, das den Flachbildbelegen bei n-anx-Xnmw / Xnmw-Htp und bei Ax.t-Htp entspricht. Der Gott Osiris wird auf dem erhaltenen Teil der Inschrift nicht genannt. Allgemein ist in Periode IV.b festzustellen, daß Osiris nur an wenigen, meist nur einer Stelle erwähnt wird<1023>.

Die Scheintür des ptH-Htp II. (B) entspricht Periode IV.c, was u.a. die häufige Bezugnahme zu Osiris belegt. Auch zeigt sie bei der Beschreibung der einzelnen Zeremonien einige Unterschiede im Vergleich mit Scheintür (A). Auch hier liegt eine Parallele zur Veränderung auch der Flachbilddarstellungen der Bestattung in Periode IV.c vor.

A. Scheintür des tp-m-anx, Saqqara D 10 (Mariette / Maspero 1889: 195; PM III: 483)

1.

2. Die Komposition und die Zusammensetzung dieser Opferformel ist vor allem unter dem Aspekt der sehr detaillierten Beschreibung der vollzogenen Handlungen interessant. Dabei ist eine Zuordnung der einzelnen Textkolumnen zu einem Zusammenhang nicht ganz unproblematisch. M. E. ist aber eine Reihung wie schon oben vorgenommen nicht unlogisch: a - b - c bilden eine Bittenfolge, während d - e eine zweite Bittenfolge darstellen. Für beide Bittenfolgen ist die Einleitung auf dem verlorenen oberen Architrav anzunehmen, denn es fehlt jeweils der Beginn mit der qrs- und der pr.t-xrw-Bitte. Daß dabei auf dem unteren Architrav nur die qrs-Bitte fortgesetzt wird, würde einer Tradition der Periode IV.a entsprechen, in der sich pr.t-xrw- bzw. die Kombination von qrs- und pr.t-xrw-Bitte auf die Gesamtanlage beziehen, die qrs-Bitte aber besonders auf die (südliche) Scheintür als Durchgang zur Grablege, was hier der untere Architrav unterstreicht.

3. Abgesehen vom unteren Architrav, der also der rechten Hälfte zuzuordnen ist, sind die Inschriften symmetrisch aufgebaut, eine Symmetrie, die sich auch in den inhaltlichen Bezügen fortsetzt. Dabei sind einige epigraphische Feinheiten nicht zu übersehen, wie die Parallelisierung von xr nTr-aA bei (c) und xr jnpw bei (e). Jede der Seiten setzt sich aus der zweizeiligen Inschrift des inneren Pfostens zusammen, wobei die zweite Zeile nur TNGH enthält, und der dreizeiligen Inschrift des äußeren Postens, wobei ganz außen ebenfalls nur TNGH festgehalten werden, ganz innen die Beschreibung des Innenpfosten fortgesetzt wird und im Zentrum eine erneute Aufnahme der Htp-dj-nst Htp-dj-jnpw-Formel erfolgt. Die Nennung der TNGH wird unten vom Bild des


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stehenden Grabherrn als Determinativ und zugleich Bild des "heraustretenden" Toten abgeschlossen.

4. Der untere Architrav (a) und die rechten Pfosten (b + c) sind als Teile der Bittenfolge um das qrs / Bestatten zu verstehen. Der Begriff selbst ist nicht enthalten, aber in der Einleitungsinschrift am oberen Architrav zu erwarten. Als verbindendes Element enthalten alle drei Abschnitte das Element jz=f "seine Grabanlage"; bei (a) konkret auf die Grablege hinter der Scheintür bezogen (pn), bei (b) auf die Nekropole (Xr.t-nTr) und bei (c) ganz allgemein auf den "Westen" (jmn.t), wohl als der Bereich der Friedhöfe und dort gelegener sakraler Einrichtungen "im Westen" der Residenz zu verstehen. An diesen Orten werden bestimmte Zeremonien vollzogen: das "Herabsteigen" zur eigentlichen Sargkammer (hA) bei (a); das "Überführen" (sDA.t) in der Nekropole zum Grabbau bei (b) und das feierliche "Geleiten" (Sms - im Sinne von Prozession-Durchführen) im "Westen" bei (c). Bevor die Prozession dort stattfindet, wird eine Ruderprozession auf dem wr.t-Kanal veranstaltet und ein Ritual gemäß der Schrift der Kunst des Xrj-Hb durchgeführt.

Man hat sich den Vollzug praktisch von "außen" nach "innen" vorzustellen, so daß die Plazierung der Texte den Bestattungsweg "nachvollzieht": Zuerst die besonderen Prozessionen im Kultbereich "Westen" (c), dann der Weg zur Nekropole (b) und schließlich, am unteren Architrav, die eigentliche Grablegung (a). Auch ein Bezug zur Position dieses Teils der Opferformel im Norden der Scheintür ist vorhanden: der ideale Weg der Bestattung verläuft im Bereich der Grabanlage von Nord nach Süd, vom "Außen" des Kapellenzuganges zum "Innen" der Sargkammer "hinter" der Scheintür.

Interessant ist die in (c) in der Mittelkolumne aufgenommene Einleitungsformel mit einer folgenden Bitte, die wie ein Kommentar oder Resumee der vorangegangenen Bestattungsbeschreibung wirkt. Der beschriebene, am realen Kultvollzug orientierte Weg der Bestattung bewirkt bzw. wird gedeutet als das Wandeln des Toten auf jenen "schönen Wegen des Westens", auf denen auch die anderen Toten - die jmAx.w xr nTr aA - in Frieden wandeln.

5. Der hier geschilderte Kultvollzug entspricht exakt dem Ablauf zeitgenössischer Flachbilder des Bestattungszuges mit der Statue und der Leiche: Zuerst die Handlungen im "Westen" (im Flachbild auch in "Sais") mit Festleitung durch den Xrj-Hb und Rudern auf dem wr.t-Kanal (c), dann die Prozession (sDA.t) mit dem Rindergespann zum Friedhof (b) und zuletzt - nicht im Flachbild abgebildet - das Einbringen des Toten in die Sargkammer (a)<1027>.

6. Wenn diese Bittenfolge der Grundbitte um die Bestattung zuzuordnen ist, so ist auf der gegenüberliegenden Seite eine Erweiterung der Bitte um das pr.t-xrw, den andauernden Vollzug des Speiseopfers zu erwarten. Das Element pr.t-xrw liegt auch in beiden Teilen vor und in der Mittelkolumne von (e) ist die Festliste verzeichnet. Um so bemerkenswerter sind die beschriebenen


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Zeremonien, die dem andauernden Kultvollzug zugeordnet werden: Es sind in (d), am Innenpfosten und so dem engeren Bereich des Grabes zuzuordnen, die Zeremonie des saHa Hr-tp qrr.t, das zu erwartende pr.t-xrw-Opferritual und die bemerkenswerte Zeremonie des nDr a=f jn kA.w=f jn jt.w=f.

Daß mit dem Stehen auf der qrr.t-Plattform eine dem in der Bestattungsdarstellung des n-anx-Xnmw und Xnmw-Htp (18.2) genannten "Stehen auf der Grabanlage" vergleichbare Zeremonie gemeint sein wird, wurde in Kap. 21 schon erwähnt. Die Zeremonie kann im Aufstellen einer Statue bestanden haben. Wie man sich das "Ergreifen seines Armes durch seine Kas und durch seine Väter" praktisch vorzustellen hat, muß an dieser Stelle offen bleiben. Es sei auf die Belege verwiesen, die im vorangegangenen Kapitel diskutiert wurden und die die Anwesenheit weiterer Statuen von Angehörigen bei bestimmten Kultanlässen nahelegen.

In (e) wird der Rahmen wieder auf den Friedhof erweitert und eine Zeremonie des "Herausgehens zur Spitze der Nekropole" erwähnt, die nach dem "Überqueren des Teiches" stattfindet. Es folgen das "Wirksam-machen" durch den Xrj-Hb und der Vollzug praktischer Zeremonien durch den wt. Erneut als Resumee oder Kommentar erfolgt eine abschließende Nennung der pr.t-xrw-Bitte mit Festliste.

7. Für den linken Teil der Beschriftung sind nur einige Zeremonien im Zusammenhang mit Flachbilddarstellungen des Opferrituals belegt, so die Handlungen des Xrj-Hb und des wt (e). Nicht im Zusammenhang mit solchen Szenen sind Bilder des Aufstellens (wohl einer Statue) auf der qrr.t-Plattform belegt und auch das Überqueren des Teiches ist so nicht dargestellt. Die Zeremonie des Überquerens des Teiches ist der Zeremonie des Ruderns auf dem wr.t-Kanal am gegenüberliegenden Pfosten parallel gesetzt. Die Art und Weise der Parallelsetzung erinnert an die in Kap. 20.3.2.1. besprochenen Belege, in denen das Einbringen der Statue und das Heraustreten des Grabherrn einander zugeordnet werden. Außerdem kann auf die dort erfolgte Deutung der Szenen der Bootsfahrt als Bilder, die auch einen praktisch-rituellen Hintergrund haben, verwiesen werden. Dasselbe gilt für die wenigen Belege einer Zusammenkunft der Toten im Rahmen von Festen und für mögliche Bewegungen (der Statue) des Toten im Bereich der Nekropole. Wenn diese Zeremonien also auch nicht direkt im Flachbild belegt sind, so kann man vergleichbare Handlungen wie eine Bootsfahrt auf einem Teich und das Versammeln von Ahnenbildern im Rahmen des funerären Kultes doch annehmen.

8. Die Zuordnung dieser Zeremonien zum Zyklus der pr.t-xrw-Bitten ist nicht ganz unproblematisch, wie im folgenden noch zu sehen sein wird. Die Plazierung dieses Bittenzyklus an der Südseite der Scheintür ist wiederum von einer inneren Logik bestimmt, denn der Süden ist im liminalen Raum die Richtung, aus der der Tote im Ritual agiert und wohin er "nach" (m-x.t) Vollzug der Zeremonien auch zurückkehrt.

Bemerkenswert ist die Verschränkung der beiden Hälften über die xr-Gott NN-Formel: In (c) endet


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die Mittelzeile mit der Formulierung xr-Osiris, als Epitheton der Toten, die schon im "Westen" weilen. In (e) endet die rechte Zeile mit der xr-Anubis-Formulierung, dort als ein Epitheton des wt-Priesters. Die semantische Verwendung ist eine völlig verschiedene, und dennoch bilden beide Götternamen den epigraphischen Schlußpunkt einer Kolumne und so eine nicht zu übersehende Parallelität. Osiris ist seit Periode IV.b dem Bereich der Toten und der andauernden Opferversorgung zuzuordnen, Anubis stets der Bestattung. Hier treten die beiden Götter aber jeweils auf der "anderen Seite" auf, wodurch offenbar eine Art Verknüpfung vorgenommen wird.

Solche epigraphischen Variationen sind ganz typisch für elaborierte Opferformeln. Wie der Statuenbestand oder das Flachbildprogramm einer funerären Anlage vielfältige Varianten einiger prinzipieller kultureller Ausdrucksformen nutzt, werden auch in der Opferformel die grundsätzlichen Komponenten individuell gedeutet und umgesetzt. Möglicherweise liegen entsprechende Prinzipien auch der Komposition der jeweiligen Titelsequenzen zugrunde, die hier aber nicht weiter untersucht werden können.

B. Südscheintür ptH-Htp II., Saqqara, Komplex westlich der Djoser-Anlage (Paget u. Pirie 1898: pl. XXXIX; PM III: 603f)

1.

2. Eine kleine Gruppe von Scheintüren, die offensichtlich in enger Abhängigkeit stehen, besitzen diese bemerkenswerte Fassung der Opferformel. Die hier zugrundegelegte Version befindet sich im Scheintür-Raum (NS:2) des ptH-Htp II: im großen Familienkomplex der ptH-Htp / Ax.t-Htp-Familie westlich der Djoseranlage in Saqqara. Nicht nur die ungewöhnlich lange Opferformel zeichnet die Scheintür aus, sondern ebenfalls zwei von der üblichen Gestaltung der Pfosten abweichende Darstellungen. Am Fuß des rechten äußeren Pfostens ist nicht der stehende Grabherr abgebildet, sondern ein Bild des sitzenden Grabherrn in einem Baldachin. Im oberen Teil des Baldachins ist ein kleiner Xrj-Hb mit Schriftrolle abgebildet und eine Inschrift verzeichnet. Der enge Raum bewirkt eine Verschränkung der Zeichengruppen und die Beischrift zum Xrj-Hb wurde als eine logische Inversion umgedreht<1028>. Die Inschrift lautet:

Am Fuß des gegenüberliegenden linken äußeren Pfostens ist abgebildet, wie der Grabherr in einer Sänfte mit einem Baldachin von vier Personen getragen wird. Diese Szene ist nicht beschriftet.

Diese Scheintür wurde einer jüngeren Anlage im selben Komplex für einen mrrj kopiert<1029>. Auf kleinere Abweichungen der beiden Textfassungen wird unten noch eingegangen. Im Gegensatz zur Scheintür des ptH-Htp ist hier der Grabherr nur als schreitender Mann jeweils am Fuß der Pfosten abgebildet.

Die Scheintür wurde ein zweites Mal in der Kapelle des Tfw kopiert, die ebenfalls im Komplex der ptH-Htp /Ax.t-Htp-Familie liegt<1030>. Hier ist nur der untere Teil erhalten, der wie bei ptH-Htp am linken äußeren Pfosten das Bild des in der Sänfte getragenen Grabherrn, am rechten äußeren Pfosten die Szene im Baldachin mit der Beischrift zeigt. An den vier inneren Pfosten ist jeweils der stehende Grabherr dargestellt. Vom Text der eigentlichen Opferformel ist nichts erhalten.

Nur ein Fragment der linken Hälfte der ähnlich gestalteten Scheintür eines sSm-nfr wurde in


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Dahschur gefunden<1031>. Es zeigt in einer etwas abweichenden Variante des Bildes des Grabherrn, der in einer Sänfte getragen wird, das auch bei ptH-Htp vorliegt. Hier wird zusätzlich an zwei äußeren Pfosten jeweils der stehende Grabherr gezeigt<1032>.

2. Bei der Reihung der Textteile wurde oben in derselben Reihenfolge wie bei der zuerst besprochenen Scheintür des tp-m-anx vorgegangen. Auch hier liegen etliche epigraphische Parallelbildungen bei der Beschriftung der Pfosten vor, so daß für die Komposition des Textes ebenfalls eine gewisse Symmetrie angenommen werden kann. Ausgenommen davon ist der obere Architrav, dessen Inschrift (a) dem üblichen Schema der Opferformel folgt. Erwähnenswert ist hier nur die schon oben erwähnte Aufteilung der Bittenfolgen an König und Anubis (qrs-Bitte) und an Osiris (pr.t-xrw-Bitte).

Die Symmetrie setzt beim unteren Architrav ein, dessen Inschrift (c) durch den in der Mitte senkrecht geschriebenen NGH in zwei Hälften zerfällt. Die obere Zeile beider Hälften nennt Titel, die untere Hälfte jeweils die Bezeichnung des Toten als jmAx.w, rechts beim "Großen Gott" (nTr-aA), links bei Osiris. Der Begriff jmAx / jmAx.w ist in der Literatur ausführlich diskutiert worden; die Diskussion soll an dieser Stelle nicht aufgenommen werden<1033>. Es soll nur festgehalten sein, daß der Begriff jmAx eine Verhältnis bezeichnet, das "bei" (xr) einer immer übergeordneten Instanz besteht und denjenigen, der durch den Begriff jmAx qualifziert wird, zu dieser übergeordneten Instanz in eine besondere Beziehung setzt. Die Beschreibung des Toten als einer Person, die im jmAx-Verhältnis zu einer übergeordneten Entität steht, wird seit Periode IV.c zu einer zentralen Vokabel der Definition des jenseitigen Status in der Residenz. Hier wird der Grabherr im Norden - zugleich der Richtung zum Grabausgang - zum nTr-aA in Beziehung gesetzt, im Süden - Ort der Grablege und damit auch der Toten - zu Osiris. Es liegt zumindest nahe, unter nTr-aA hier den Pharao zu verstehen, jedoch nicht den zeitlich-konkreten Herrscher, sondern die allgemeine Qualität des jeweiligen sakralen Herrschers der diesseitigen Welt, in Parallelität zu Osiris als dem ewigen Herrscher im Jenseits (als dessen Verkörperung der tote Pharao als Osiris NN in den kontemporären Pyramidentexten ebenfalls verstanden wird).

3. Die inneren Pfosten nehmen die Richtungsbezüge, die in der Inschrift (c) vorgegeben wurden, offenbar auf. Der im Norden stehende Text (d) wiederholt die schon bei (a) aufgeführte die Bitte um


430

das regelmäßige Opferritual, mit Nennung des Osiris. Text (f) wiederholt im Süden die Bitte um das Begräbnis, dem Anubis anvertraut.

Die Zuweisung des regelmäßigen Opfers an die Sphäre "Norden", Zugang und Platz des Kultes, und der Bestattung an die Sphäre "Süden", Grablege, ist sinnvoll; auch die bei (c) vorgegebenen Bezüge sind nach Norden dem Diesseits und nach Süden dem Jenseits zugeordnet. Diese Zuweisung ist aber genau umgekehrt der Anordnung auf der Scheintür des tp-m-anx. Dort wurde das Bestattungsritual "von Norden" nachvollzogen, während das Fest- und Opferritual "nach Süden" beschrieben wurde.

Interessanterweise wird in der Kopie der Inschrift des ptH-Htp bei mrrj diese Richtungszuweisung noch einmal uminterpretiert. Der Architrav entspricht in seiner Komposition exakt dem Vorbild, nur wird der Tote im Norden als jmAx bei Osiris, im Süden als jmAx bei Anubis qualifiziert. Beide Qualifikationen sind offenbar jenseitig ausgerichtet, was wieder der Zuordnung der Beschriftung des unteren Architravs nur an die Grab- und nicht an die Kultstelle bei tp-m-anx entspricht. Und so nehmen die beiden inneren Pfosten bei mrrj auch nur ein Element der Inschriften des ptH-Htp auf: die qrs-Bitte im Namen des Anubis, die verdoppelt wird. Wie sehr ein bewußtes "Spiel" mit symbolischen Richtungsbezügen gespielt wird, wird an diesen Varianten ein und derselben Textkomposition äußerst deutlich.

4. Würde man versuchen, die Lesung der äußeren Pfosten am Vorbild der tp-m-anx-Scheintür zu orientieren, müßte auf den Text (d) des rechten inneren Pfostens der Text (e) des rechten äußeren Pfostens folgen und analog auf Text (f) der Text (g). Diese Lesung ist m.E. aber unwahrscheinlich, denn Text (e) ist als Elaboration der qrs-Bitte anzusehen, während Text (d) das pr.t-xrw beschreibt. Für diese Interpretation spricht vor allem der Schluß der Inschrift (e), der die Floskel jAw nfr wr.t aufnimmt, die als Abschluß der qrs-Bitte schon in Periode III.c belegt ist.

Ebenso ist Text (g) als Elaboration der pr.t-xrw-Bitte anzusehen, insbesondere, da im Text der Speisetischtafel (b) einige charakteristische Wendungen dieser Inschrift (nmj.t-S, sAx.t jn wt) aufgenommen werden. Demgegenüber wird mit Text (f) die Beschreibung des qrs eingeleitet.

Eine solche Interpretation bedeutet, daß nur an den Außenpfosten bei ptH-Htp das Prinzip der Textgestaltung wie bei tp-m-anx vorliegt. Offenbar werden der "innere" Teil der Scheintür und der "äußere" Teil der Scheintür einzeln behandelt und gelesen. Text (f) und (e) Bilden die qrs-Bitte, Text (d) und (g) die Bitte um das pr.t-xrw. Die dabei auftretenden chiastische Verschränkung der jeweiligen Inschriften konnte am Detail der xr-Gott-Formel auch bei tp-m-anx beobachtet werden.

5. Auch wenn angenommen wird, daß die lange Textfolge der qrs-Bitte im Norden und die der pr.t-xrw-Bitte im Süden angebracht wurde, bleibt die Interpretation der Inschriften (e) und (g) nicht unproblematisch. Daß bei (e) sich die Formel DA.t bjA "Überqueren des 'Ehernen'" wohl auf eine der Zeremonie am wr.t-Kanal vergleichbare Handlung der Bestattung bezieht, deutet das Determinativ mit dem gewundenen Kanal an. Die folgenden Zeremonien aber, das "Heraustreten


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zur Spitze der Nekropole" und das "Ergreifen seines Armes durch seine Väter und durch seine Kas" wurde oben bei tp-m-anx ebenso wie die Aufstellung auf der qrr.t-Plattform dem Zyklus der pr.t-xrw-Bitten zugeordnet, und nicht dem der qrs-Bitten.

Eine befriedigende Lösung kann hier nicht angeboten werden. Eine unmotivierte Verwischung des Inhalts der Bittenfolgen ist bei dieser qualitätvollen Komposition auszuschließen, zumal auch bei mrrj die entsprechenden Passagen übernommen sind. Es ist wohl davon auszugehen, daß die entsprechenden Zeremonien ebenso zur Bestattung gehören, wie auch zum regelmäßigen Festritual. Auf solche Parallelen bei Flachbilddarstellungen von Zeremonien der Bestattung und des Festrituals bzw. des Verlassens des Grabes durch den Grabherrn wurde in Kap. 21.7. schon verwiesen. Die Zeremonie eines Opfers auf der qrr.t-Plattform - dem Mastabadach oder einer vergleichbaren Installation - ist in den Bestattungsdarstellungen der ersten Gruppe belegt. Sie schließt dort die Zeremonien des Bestattungsrituals ab und ist auch bei ptH-Htp am Ende der Bittenfolge eingefügt, vor der abschließenden Beschwörung des hohen Alters. Begegnungen mit den Ahnen wurden im Rahmen der regelmäßigen Feste angenommen, aber in Periode IV.c auch als Teil der Bestattung, wenn man die kleinen Sitzfiguren in diesem Zusammenhang als Ahnenstatuen deuten kann. Insofern spricht prinzipiell nichts dagegen, den Text (e) bei ptH-Htp (B) als Teil der qrs-Bittenfolge zu interpretieren, aber auch nichts dagegen, bei tp-m-anx (A) den Text (d) und (e) der pr.t-xrw-Bittenfolge zuzuordnen.

6. Diese Folgerung wird auch dadurch gestützt,daß bei ptH-Htp selbst ja dieselbe Zeremonie eines pr.t-xrw<1034> auf der qrr.t-Plattform ein zweites Mal erwähnt wird, diesmal in Text (g). Die folgenden Zeremonien des "Überqueren des Teiches" und des "Wirksam-Machens" durch die Ritualspezialisten sind an entsprechender Stelle auch bei tp-m-anx belegt.

Es läßt sich insgesamt konstatieren, daß die Beschreibung der Zeremonien des Bestattungsrituals und die der andauernden Opfer- und Festrituale in sehr enger Beziehung stehen, ja sogar in direkte Parallele gesetzt werden: In (g) steht der Begriff des "Herabsteigens" (hA) parallel dem "Überqueren" (DAj) in (e), beide Zeremonien werden "in sehr schönem Frieden" vollzogen. Die folgenden Zeremonien in (e) (Ergreifen und Empfangen) leiten eine etwas unklare Formulierung zum jmAx-Verhältnis ein, das in (g) ebenfalls beschrieben wird. Anschließend erfolgt in beiden Texten das pr.t-xrw auf der qrr.t-Plattform. Dann aber werden die beiden Texte in inhaltlich verschiedener Art und Weise beendet: In (e) schließt die Inschrift mit der Beschwörung des hohen Alters; in (g) folgen zwei weitere Zeremonien: das "Überqueren des Teiches" (nmj.t-S) und das "Wirksam-machen" (sAx.t).

7. Die beiden Zeremonien des nmj.t-S und des sAx.t sind als Besonderheit der pr.t-xrw-Bittenfolge


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anzusehen. Die entsprechende Textpassage wird auch in zwei weiteren Teilen der Beschriftung der Scheintür wiederholt: auf der Speisetischtafel (b) und in der Vignette am Fuß des rechten Scheintürpfostens. Als Teil der Speisetisch-Ikone ist die Zeremonie des "Wirksam-achens" (sAx.t) auch andernorts belegt (siehe Kap. 20.1.2.), während die Zeremonie des "Überqueren des Sees" in diesem Zusammenhang sonst nicht auftritt. Der Bezug zwischen beiden Zeremonien liegt m.E. in ihrer Zugehörigkeit zu einem ausführlicheren Festritual. Während der eigentliche Ort der sAx.t-Zeremonie durchaus bei der Scheintür und der "inneren" Kultstelle liegen wird, ist das nmj.t-S eher in der "äußeren" Kultstelle oder sogar außerhalb der Grabanlage anzunehmen.

Da der Befund der beiden Vignetten eine zeitlich begrenzte Variante darstellt, kann eine Deutung nur spekulativ sein. Geht man aber davon aus, daß die Speisetischtafel den sitzenden Grabherrn "im Grab" an der "inneren" Kultstelle abbildet, so ist es möglich anzunehmen, im Bild an den äußeren Pfosten bei ptH-Htp den Grabherrn in einer Form abgebildet zu sehen, die seiner Erscheinung in der "äußeren" Kultstelle "am Grab" entspricht. Er befindet sich hierbei in einem Baldachin sitzend, etwa den Bildern der Fest-Ikone analog. Auf der linken Seite, unterhalb der Beschreibung der verschiedenen Zeremonien eines Festrituals, wird er zusätzlich in einer Sänfte umhergetragen. Man kann die (aus Platzgründen?) nur am rechten Pfosten vorhandene Inschrift, die sAx.t und nmj.t-S nennt, auf beide Vignetten beziehen: Rechts wäre dann das sAx.t jn Xrj-Hb abgebildet, in diesem Fall nicht an der Scheintür, sondern einem anderem Ort mit Baldachin, links das nmj.t-S. In der Speisetischtafel bei Text (b) werden offenbar prinzipiell alle wesentlichen Zeremonien der pr.t-xrw-Bittenfolge zusammengefaßt: das Opferritual (siehe die Gaben), das sAx.t und das nmj.t-S.

8. Die Annahme, daß die Zeremonie des nmj.t-S als eine Sänftenprozession (mit einer Statue des Grabherrn) vollzogen wurde, muß der Bezeichnung als "Überqueren des S" nicht widersprechen, den S kann Teich, aber auch Areal überhaupt bedeuten<1035>. Dem widerspricht aber das Determinativ bei tp-m-anx, daß bei nmj.t eine Person in einem Boot zeigt. Bei ptH-Htp und den daran angelehnten Repliken ist nmj.t allerdings nicht determiniert. Eine Klärung ist nicht möglich. Ungeklärt bleibt auch, ob ein Bezug zwischen der Vignette am rechten Außenpfosten und dem darüber geschriebenen Text (e) besteht. Da dieser eher der qrs-Bittenfolge zuzuordnen ist, ist ein Zusammenhang unwahrscheinlich. Der Pfosten gilt hier als "Außen" und erhielt deshalb das Bild des Toten im Baldachin. Bei mrrj hat man auf die Vignetten verzichtet, so daß das Problem einer Zuordnung entfällt. Das Fragment aus Dahschur zeigt nur die linke Hälfte und hier liegt durch die Formulierung sAx.t=f jn Xrj-Hb ebenfalls der Bezug zur Elaboration der pr.t-xrw-Bittenfolge vor<1036>.


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22.2.1.2 Opferformeln auf Architraven der Periode V

1. Die Blüte der Textdekorationsgattung "Opferformel" setzt sich auch in Periode V.a fort. Es sind nun aber weniger die Scheintüren, die solche elaborierten Opferformeln tragen, sondern vor allem die Architrave am Zugang zur Kultstelle.

C. Architrav der Felskammer des jdw, Giza Ost-Friedhof G 7102 (BGM 2: 20f., fig. 33, pl. XV.b + c, XVII; PM III: 185f)

1.

2. unterer Abschnitt (Opferformel)<1038>:

3. Die ausführliche Opferformel des jdw befindet sich über der Zugangstür zu seiner Felskultkammer. Der Text der Opferformel weist als epigraphische Besonderheit auf, daß er von rechts nach links, also entgegen der üblichen Leserichtung orientiert ist, der Text des Anruf darüber ist dabei zusätzlich in der seltenen Art des Bustrophedon wieder zum Bild des Grabherrn zurückgeführt<1040>. Die Anlage stammt aus der ersten Hälfte der 6. Dynastie, die Gestaltung der Opferformel ist der Praxis der Periode V.a zuzuordnen<1041>. Während diese Formel sehr ausführlich komponiert ist und mit einem Anruf an die Lebenden verbunden wurde, ist die Gestaltung der Scheintür in textlicher Hinsicht eher schlicht, wobei auf das schon oben angemerkte Phänomen der


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Periode V zu verweisen ist, daß sie nur die pr.t-xrw-Bitte trägt<1042>.

4. Oberhalb der Opferformel ist ein Text des Anrufs an die Lebenden geschrieben, der dem Typ der Bitte an jeden Vorbeikommenden entspricht<1043>. Die Opferformel wird in (a) mit der Htp-dj-nswt Htp-dj-jnpw-Floskel eingeleitet, wobei Anubis u.a. mit dem nicht häufig belegten Epitheton "Herr des schönen Begräbnisses in der Nekropole" qualifiziert wird. Es schließt sich unmittelbar die Htp-dj-wsjr-Formel an, was zu dem selten belegten Fall führt, daß auf Osiris die Bitte um die Bestattung folgt. Die Beschreibung konkreter Bestattungszeremonien fehlt bei jdw auffälliger Weise völlig (zmA-tA, DA.t bjA etc.). Der Grund wird darin liegen, daß bei jdw Kultanlage und Bestattungsanlage getrennt sind. Eine Beschreibung der Bestattung am Zugang zur Kultanlage wäre deplaziert. Dafür werden dem Bestattungswunsch erläuternde und deutende Formulierungen angefügt: Die Bestattung bewirkt sein Wandeln auf den "schönen Wegen" und er soll durch seine Kas, die bisher in Parallele mit den Vätern / Vorfahren genannt wurden, geleitet werden. In der folgenden Floskel soll sein Arm vom Großen Gott ergriffen werden. Die Bittenfolge wird noch einmal variiert mit der Nennung der "abgeschnittenen" Wege (eventuell als Hinweis auf eine jenseitigen Topographie zu verstehen), dem Emporführen zum Großen Gott und die dadurch eingeleitete Beschreibung des Status als ein jmAx.w, der u.a. mit einem dauerhaften schönen Begräbnis versehen ist. In Periode IV war das "Ergreifen des Armes" von den Ahnen vollzogen worden. In Periode V ist in der jenseitigen Sphäre eine zunehmende Fixierung auf den Gott unverkennbar. Der Tote wird durch das "Ergreifen des Armes", das nun auch auf bürokratische Weise als "Ergreifen der Urkunde" gedeutet wird und das "Emporführen" in einen jmAx-Zustand bei der Gottheit versetzt.

5. Anschließend wird um das pr.t-xrw-Ritual mit dem dazugehörigen "Wirksam-machen" (sAx.t) gebeten, also um Versorgung und Aktivierung im Kult, gefolgt von der Festliste und einer ausführlichen Opferliste. Dieser Bittenfolge ist eine ausführliche Titulatur, eine Beschreibung des diesseitigen Status angefügt.

6. Die Nennung der Titel am Ende der Opferformel ist ein traditionelles Element. Neu ist aber die offenbar an diesem Vorbild diesseitiger Titel orientierte Beschreibung des jmAx-Verhältnisses am Schluß der vorhergehenden Bittenfolge. Die Beschreibung des jenseitigen Status war der Bitte um das qrs angeschlossen worden, um dem Toten die entsprechende Position "unter den Toten" zu sichern; die Titulatur am Ende der pr.t-xrw-Bitte dient traditionell dazu, dem Toten die Position "unter den Lebenden" zu sichern. An diesem Beispiel ist nachzuvollziehen, wie sich die Konzeptualisierung "religiöser" Phänomene bereits etablierter Vorbilder bedient und diese umdeutet.


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D. Architrav der Anlage des Hr-mr.w, Unas-Aufweg (Hassan Saqqara II: fig. 39; PM III: 626)

1.

2. Die Anlage des des Hr-mr.w in Saqqara am Unas-Aufweg gehört wie die des jdw zu einer Gruppe, die in den Boden versenkte Kultkammern besitzen. Der Zugang zu dieser Kammer ist mit einem Architrav geschmückt, die Seitenwände tragen gelegentlich ebenfalls Reliefs und Inschriften. Die ausführliche Inschrift des Hr-mr.w, für die es aus der Umgebung ähnlich gebaute Parallelen gibt<1047>, stellt ein Konzentrat aller wichtiger Textdekorationselemente dar. Die große Überschrift (a) nennt Titel und Namen des Grabherrn. Es folgt in (b) eine Zusammenfassung des Sinnes der Bestattung, durch die der Grabherr "als ein jmAx.w" in die Arme der personifizierten Nekropole aufgenommen werden soll. In (c) wird der Vorgang der Bestattung (zmA-tA, DA bjA, ja n nTr-aA) beschrieben und symbolträchtig ausgedeutet<1048>, mit abschließender Beschreibung der hervorragenden Position die der Tote einzunehmen wünscht und die in der Entgegennahme seiner Urkunde - nun auch als solche determiniert - durch den Gott ihren Ausdruck findet. Die Haltung der Ahnen zum Toten bleibt aber auch hier bei der Erlangung des jenseitigen Status nicht unwesentlich, der als "einer der seinen Vater liebt und seine Mutter ehrt" auftritt.

In (d) wird, genau in der Mitte der zweiteiligen Opferformel, der so erlangte Status des Toten im Namen des Osiris bekräftigt: Er geht auf den Wegen der jmAx.w, wird durch seine Kas geleitet und auf den "abgeschnittenen" Wegen geführt, seine Kas sind trefflich beim König und seine Stätten rein beim Gott.

In (e) folgt die nur sehr summarische pr.t-xrw-Bitte mit einer Festliste. Sie wird hier im Namen "aller Götter des Westens" angeführt, was eine bemerkenswerte Erweiterung gegenüber früheren Belegen darstellt. Die nun folgende Namensnennung ist in (f) und (g) zu einem Anruf an die Lebenden erweitert.

3. Das Motiv des Anrufes an die Lebenden wird in der Darstellung ganz links aufgenommen, die den Grabherrn im Redegestus zeigt. Hinter ihm steht seine Gattin; beide sind umgeben von kleiner dargestellten Nachkommen, zwei Söhne sind vor ihnen mit Opfern und Räuchern beschäftigt. So werden einige wesentliche Elemente der Flachbilddekoration ebenfalls in die Komposition aufgenommen: die Affirmation des Grabherrn, der als redend-aktive Person auftritt, die Einbindung in die soziale Gruppe und der Erhalt durch die Opfer.

E. Architrav der jntj (Fischer 1977.b: fig. 13)


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1. Fünfzeilige Inschrift von rechts, Bild der stehenden Grabherrin ganz links, vor ihr senkrechte Zeile:

2. Die Inschrift der jntj entspricht dem Modell der Architravinschriften der 6. Dynastie. Bemerkenswert ist der regelmäßige Beginn mit der seltenen Formel Htp-dj-nswt n<1051>. Dabei wird in (a) und (b) das Htp-dj-Gott-Element hinzugefügt, in (c) und (d) folgen unmittelbar Einzelbitten. Die offenbar rein aus epigraphisch-gestalterischen Gründen gewählte Voransetzung der Formel in (c) und (d) spricht dafür, daß in dieser Periode die Htp-dj-nswt-Formel nur als Einleitungsfloskel gebraucht wird<1052>.

3. Wie üblich, ist die Bitte um Bestattung nach hohem Alter dem Anubis zugeordnet, während eine Beschreibung der jenseitigen Existenz als das "Wandeln auf den schönen Wegen" dem Osiris zugeordnet wird. In (c) folgt eine bemerkenswerte Formulierung, die auf die Balsamierung und damit auf die Bestattung zu beziehen ist, damit aber den Bittenzyklus von (a) wieder aufnimmt, während in (d) die pr.t-xrw-Bitte wiederum der Einleitung von (b) zugeordnet werden kann. Es ergibt sich in dieser Architravinschrift eine chiastische Überschneidung der Zusammenhänge, wie sie oben bei den Scheintüren schon festgestellt wurde. Abschließend folgt in (e) eine Reihe von Floskeln, die dem Anruf an die Lebenden entnommen sind.


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4. In Zusammenhang mit dem oben schon besprochenen Wechsel in der Darstellung der Bestattung in der Periode V.a (zweite Gruppe) ist der nur selten belegte Wunsch nach einer Behandlung durch den wt-Priester in der wab.t zu verstehen. Auch in der Opferformel schlägt sich hier also das Bemühen nieder, eine funktionstüchtige Mumie zu besitzen, die als ordnungsgemäß (xft zS sSTA n Hm.t "entsprechend der geheimen Schrift der Kunst") bereitetes Objekt eine weitere Existenz sichert<1053>.

22.2.1.3 Die Opferformel - Zusammenfassung

1. Die besprochenen Beispiele für ausführliche Opferformeln sollten dazu dienen, aufzuzeigen, daß die Entwicklung der funerären Praxis auch am Material der Textdekoration zu verfolgen ist. Beispiele der Periode III.c und IV.a wurden nicht besprochen, da sie nur aus je einer qrs-Bitte mit dem Wunsch eines hohen Alters und der pr.t-xrw-Bitte mit Festliste bestehen. Diese Formulierungen sind in der Art einer Funktionsbeschreibung den Scheintüren, Zugängen zur Kultstelle und gelegentlich anderen Objekten oder Flachbildikonen zugeordnet.

2. In Periode IV.b treten die ersten elaborierten Opferformeln auf Scheintüren auf. Die Erweiterungen bestehen in dieser Periode in der Aneinandereihung von Bezeichnungen verschiedener Zeremonien, die im Verlauf des Bestattungsrituals und des regelmäßigen Opfer- oder Festrituals vollzogen werden sollen. In diesem Zusammenhang wird auch der Gott Osiris in der Einleitungsfloskel zur Sequenz der pr.t-xrw-Bittenfolge genannt. Mit der Nennung des Osiris verbunden sind die ersten Formulierungen, die den jenseitigen Zustand des Toten charakterisieren ("Wandeln auf den schönen Wegen"). Solche Formulierungen gehen von der Beschreibung von Zeremonien zur Deutung des Rituals über.

3. Die Bittenfolgen der Scheintüren werden in Periode IV.c weiter entwickelt, wobei eine gewisse Kanonisierung der Formulierungen festzustellen ist. Osiris wird jetzt regelmäßig erwähnt, außerdem bekommt der Begriff jmAx eine zentrale Bedeutung bei der Beschreibung des Status des Toten.

4. In Periode V.a ist die Verlegung der ausführlichen Opferformeln von der Scheintür an den Zugangsarchitrav festzustellen. In den Formeln gehen die Sequenzen, die Zeremonien beschreiben, tendenziell zurück, während Formulierungen zunehmen, die den jenseitigen Status des Toten charakterisieren. Dabei wird die Opferformel um Elemente der Idealbiographie und des Anrufs an die Lebenden erweitert.

5. Besonders bei der Beschreibung des Bestattungsrituals lassen sich direkte Parallelen zwischen


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Opferformel und Flachbilddarstellungen ziehen: In Periode IV.b ist bei tp-m-anx ein Zyklus beschrieben, der den Flachbildern bei n-anx-Xnmw / Xnmw-Htp und Ax.t-Htp entspricht. Die Belege der ptH-Htp II.-Gruppe entsprechen den etwas jüngeren Darstellungen der Bestattung, z.B. auch dem möglichen Auftreten von Ahnenfiguren am Ende der Bestattung, die den Toten empfangen. In Periode V.a sind solche Zeremonien nicht mehr beschrieben, dafür wird bei jntj auf die Balsamierung der Leiche Bezug genommen, deren Behandlung ebenfalls im Zentrum der kontemporären Bestattungsdarstellungen steht.

6. Wie oben für Statuen schon festgestellt wurde, sind die Ausdrucksformen der funerären Kultur der Residenz des AR Medien, die in individueller Form aktiviert werden. Auch die Opferformel wird in dieser Weise eingesetzt und entwickelt. Die Kompositionen sind äußerst varientenreichen und bei der räumlichen Gestaltung der Inschriften auf dem jeweiligen Textträger werden die rituellen Richtungsbezüge der funerären Anlage als kontextuelle Indizes einbezogen (Norden, Süden, Position des Toten). Auch das konkrete Textprogramm einer Opferformel ist als individuelle Ausformung eines nur habituell vorgegebenen kulturellen Vokabulars zu verstehen.

22.3 Andere Textdekorationen

1. Bei der Betrachtung der Opferformel hat sich gezeigt, daß in der 5. Dynastie von der kurzen Nennung eines Wunsches, der zugleich die Funktion von Grablege (qrs / Begräbnisplatz) und Kultstelle (pr.t-xrw / Ort der funerären Kulte) bezeichnet, zu einer immer mehr erweiterten Beschreibung des Kultes übergegangen wird. Auch hierin zeigt sich die allgemeine Tendenz zur detaillierten Deutung und auch selbstwirksamen Inszenierung im funerären Kult, die oben als "Verschriftlichung" bezeichnet wurde. Indem man die elaborierten Opferformeln an den wesentlichen Orten der Grabanlage - Kultstelle und Zugänge - anbrachte, wurde einerseits deren Funktion immer genauer festgehalten, zugleich aber auch eine gewisse Selbstwirksamkeit der Installation bewirkt.

Die Opferformel beschreibt und erklärt die Funktion der Scheintür und des Kapellenbaus, die Funktion der Grablege und der Kultanlage. Dabei treten im Zuge der Elaboration dieses Textes im nichtköniglichen funerären Bereich erstmals Texte auf, die durch eine bestimmte Begriffswahl und beschreibende Sequenzen eine Vorstellung davon vermitteln, wie der Tod und das Schicksal des Toten zu jener Zeit konzeptualisiert wurde. So werden die Kulthandlungen z.T. metaphorisch ausgedeutet ("Beschreiten der schönen Wege", "Überqueren des 'Ehernen'" etc.) und das imaginäre Geschehen um den Toten beschrieben ("Empfang seines Armes / seiner Urkunde durch seine Väter, durch seine Kas, beim Großen Gott", "Geben der Arme des Westens").

2. Diese Belege für die Konzeptualisierung des Todes und des Totenschicksals sind den Belegen der Pyramidentexte aus dem Bereich des königlichen Kultes vergleichbar. Eine Analyse dieser


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Vorstellungen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, die sich vor allem den archäologischen Belegen der funerärer Praxis widmet. Es sei nur festgehalten, daß gerade die Analyse der Opferformel zeigt, daß der Ausgangspunkt der Entwicklung religiöser Konzepte die Beschreibung und Ausdeutung der funerären Praxis, von Kulthandlungen ist. Diese werden in z.T. stark stilisierter, "geheimnisvoller" Form beschrieben ("Überqueren des 'Ehernen'"), durch in-Bezug-Setzung zu anderen Phänomenen gedeutet ("möge seine Urkunde empfangen werden") und zu Spekulationen elaboriert ("möge er von seinen Kas geleitet werden")<1054>.

3. Belege der Konzeptualisierung des Todes und des Totenschicksals sind natürlich grundsätzlich schon mit der Einrichtung einer Grabanlage im archäologischen Material gegeben. Das Grab wird als ein Aufenthaltsort und ein Versorgungsplatz des Toten entsprechend der Vorstellungen von Tod und Totenschicksal der pharaonischen Kultur gestaltet. Mit der Einführung von Bild- und Textdekoration und ebenso der Verwendung rundplastischer Abbilder wird die Konzeptualisierung vorangetrieben und zu einer wesentlichen Form gesellschaftlicher Kommunikation einer Gruppe entwickelt, die sich über die verwendeten kulturellen Ausdrucksformen verständigen kann. Alle bisher beschriebenen "Indizierungen" von Objekten mit bedeutungstragenden Merkmalen sind Ergebnis dieser Konzeptualisierung und vor allem für die Gruppe der Residenzangehörigen spezifisch. Soweit es die Beleglage erlaubt zu analysieren, sind diese Konzepte bis etwa Periode IV.a besonders auf die versorgte Existenz des Toten in seiner Grabanlage und seine weitere Wirksamkeit im Diesseits konzentriert. Periode IV.b markiert einen gewissen Übergang. Die seitdem auftretenden elaborierten Opferformeln deuten den Tod ausführlich als einen Prozeß des Überganges<1055> und konzeptualisieren auch den Moment der Ankunft am neuen Aufenthaltsort, bei den Toten, und den Status, den der Tote dort besitzt. Bisher war vor allem der Status, den der Tote unter den Lebenden besitzt, Thema der Konzeptualisierung. Der Übergang zur Konzeptualisierung jenseitiger Existenzformen des Individuums ist mit dem ersten Auftreten des Gottes Osiris in nichtköniglichen Texten verbunden.

4. Auch die anderen Elemente der textorientierten Dekoration erfahren in Periode IV.b eine schrittweise Veränderung. Es wurde oben schon auf die Jagd-Ikone eingegangen und ihre Verbindung zu den ebenfalls seit Mitte der 5. Dynastie belegten Texten der Gattung "Anruf an die Lebenden" und auch "Biographie"<1056>. Diese Dekorationselemente beschreiben nicht mehr den


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Verlauf einzelner Kulthandlungen und deren Resultate (Speisung als Existenzerhalt, Fest als Affirmation der sozialen Gruppe), sondern sie kommentieren die Funktion der Installation.

Die Idealbiographie und auch die Laufbahnbiographie, hervorgegangen aus den Titel- und Namensbeischriften zum Bild des Grabherrn, erklärt und elaboriert die Funktion der funerären Anlage als ein Denkmal, als ein Medium der Affirmation der Existenz des konkreten, hier abgebildet und durch diverse Medien vertretenen Toten unter den Lebenden<1057>. Der Anruf an die Lebenden mit der Drohung, die Frevler zu vernichten und der Verheißung, den Opfernden zu verteidigen, beschreibt in überhöhter Form die Macht des Toten im Diesseits, kommentiert aber zugleich die Funktion des Zuganges der Anlage als Sperre für alles, das den notwendigen liminalen Charakter einer funerären Anlage beeinträchtigen könnte<1058>. In derselben Richtung sind die Beteuerungen zu verstehen, die Anlage sei rechtens erworben und bezahlt worden, an die sich die Aufforderung an alle Spezialisten anschließt, ihren Dienst ordentlich zu vesehen<1059>. Und noch die jüngste Variante dieser Textgattung, die jeden Vorbeigehenden auffordert, ein Opfergebet zu sprechen, liefert eine Erläuterung zur Funktion der Anlage und wie in ihr zu Handeln sei<1060>.

5. Von besonderen Interesse sind in diesem Zusammenhang natürlich solche Texte, die über die Einrichtung einer Institution zur Sicherstellung des funerären Kultes berichten. Auch hier liegt die exakte Beschreibung dessen vor, welche Aufgabe die Institution hat und wie sie erhalten wird. Sehr früh belegt ist die Beschreibung der Versorgung des funerären Kultes in Form der Speisegabenbringerzüge (Domänen) im Flachbild; bereits bei mTn sind außerdem juristische Texte erhalten, die wenigstens teilweise auch mit dem Erhalt des Kultes des Grabherrn in Beziehung stehen. Die entsprechenden Darstellungen und Texte wurden bereits eingehend behandelt, so daß eine Erörterung an dieser Stelle unterbleibt<1061>.

6. Der kurze Überblick über die wichtigsten Gattungen von Textdekoration in einer funerären Anlage im AR sollte zeigen, daß auch hier eine ähnliche Entwicklung zu beobachten ist, wie bei den übrigen Elementen der funerären Anlage. Das gros der Texte ist als Beischrift zu Flachbildern anzusehen. Nur einige Gattungen haben sich in Periode IV vom Flachbild soweit emanzipiert, daß sie gleichwertig (Anruf an Lebende, Biographie, juristische Texte) oder praktisch unabhängig (Opferformel) eingesetzt werden. Wie das Flachbild entwickelt sich auch die Textdekoration aus der bildlich-textlichen Erläuerung von Installationen des praktischen Kultes eines funerären Anlage. Wie beim Flachbild auch, beschreibt der Text in erster Linie die Funktion einer Installation -


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Scheintür, Kapelle, Sarg, Statue, Opferplatte usw. In diese Beschreibung fließen Elemente der Konzeptualisierung der beschriebenen Installation und von deren Funktion ein. Besonders seit der Mitte der 5. Dynastie - seit Periode IV.b der funerären Praxis - wird das Element der Konzeptualisierung besonders entwickelt. Das auftretende Vokabular ist mit der Entwicklung besonderer kultureller Ausdrucksformen der Residenz und mit ihnen vertrauter Spezialisten verbunden, die in den Texten schließlich direkt angesprochen werden.

7. Die in den Texten angedeuteten Konzepte gehen über die bloße Beschreibung funerärer Praxis hinaus und entwickeln ein eigenständige Vorstellung vom Tod und dem Schicksal des Toten. In diesem Zusammenhang werden erstmals auch Vorstellungen über die jenseitige Existenzweise des bzw. der Toten überhaupt festgehalten. In der Dekoration der Kultanlagen hatten diese Vorstellungen bis Periode IV.a kaum eine Rolle gespielt, da die Funktion der Kultanlage rein diesseitig orientiert ist<1062>. Das zunehmende Interesse an der jenseitigen Existenzform wird auch durch das Auftreten des Osiris in der Rolle eines Herrschers speziell der Toten, parallel zum Pharao als Herrscher (nur noch) der Lebenden in den Texten dokumentiert.

8. Daß die Konzeptualisierung der jenseitigen Existenz sehr stark von den sozialen Gegebenheiten der Residenz geprägt ist, zeigt die große Bedeutung, die der Begriff des jmAx-Verhältnisses und die in diesem Zusammenhang genutzten Formulierungen. So wird der ursprüngliche Akt der Aufnahme des Verstorbenen in den Kreis der Toten durch das "Ergreifen seines Armes" umgedeutet in den an der Residenzbürokratie orientierten Akt der Entgegennahme einer Urkunde durch den Großen Gott. Die alte, unspezifische Definition des sozialen Umfeldes als "Familie" wird präzisiert und den sozialen Realitäten angepaßt durch die Definition als eine Institution, die dem spezifischen Modell der Residenz folgt.

9. Die Konzeptualisierung der jenseitigen Existenzform des Toten wird auch in anderen Elementen der Grabanlage reflektiert. So ist in der Flachbilddekoration ein sehr ambivalenter Gebrauch des Motivs der Bootsfahrt und des Papyrusdickichts zu verzeichnen, wobei den zugrundliegenden Indizes "weiträumige Bewegung" und "Aufenthalt in sakralen Bereichen außerhalb der Grabanlage" neue, z.T. wohl kosmologisch gedeuteter Dimensionen zugeordent werden. Der Begriff jmn.t "Westen", der ursprünglich wohl nur als Ortsangabe für den Residenzfriedhof von Memphis dient, wird offenbar überhöht gedeutet und spätestens ab Periode VI auch im Sinne von "Totenreich" verstanden<1063>.

10. Während die Periode IV vor allem durch die Entwicklung konzeptueller Elemente und der entsprechenden Ausdeutung der vorhandenen Installationen mittels Text- und Flachbilddekoration gekennzeichnet ist, wirken sich die neuen Konzepte in Periode V auch auf die Gestaltung der


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Grabanlage insgesamt aus. Das zunehmende Interesse, welches der eigentlichen Grablege, dem "Aufenthaltsort" des Toten, und der Mumie, als seiner eigentlichen jenseitigen Existenzform entgegengebracht wird, setzt eine grundlegende Umgestaltung der funerären Installationen in Gang. Der Prozeß ist deutlich als eine intellektuelle Bewegung erkennbar, die die in Periode IV erarbeiteten kulturellen Ausdrucksformen aktiviert. Der magisch-selbstwirksame Charakter von Schrift wird gezielt bei der Umgestaltung der Grablege zu einer Installation eingesetzt, in der das intellektuelle Potential der Residenz zur Bewältigung des Phänomens biologischer Tod und sozialer Weiterexistenz des Toten aktiviert wird. Die Schrift wird damit zu einem wesentlichen Medium funerärer Kultur in Periode VI. Es ist die Periode der Blüte der Textdekorationsgattung "Sargtexte".


Fußnoten:

<977>

Junker Giza XII: 81-97

<978>

Barta 1963: 7

<979>

Fischer 1977.a: 3f; Fischer 1986: 24-46

<980>

Erman 1919

<981>

Der Prozeß der Entwicklung der Grabdekoration von der Ikone zur Vignette setzt aber im AR nur an und findet erst im hohen NR im endgültigen Übergang vom Ikonen-Stil zum Vignetten-Stil in der Grabdekoration seinen Abschluß; siehe dazu Fitzenreiter (in Vorb.).

<982>

Beispiele für Dekoration von Zugangsarchitraven mit der Opferformel bei Harpur 1987: fig. 2-10, 14, 21, 22.

<983>

Bei ra-Htp in Medum ist im Mittelfeld der Scheintür die Htp-dj-jnpw-Formel belegt (Petrie 1892: pl. XIII); bei mTn tritt die Htp-dj-jnpw-Formel an der Nordwand als Einleitung der Bitte um ein pr.t-xrw (an der Serdabstatue?) und die Htp-dj-nswt-Formel an der nördlichen Ostwand als Beischrift zu einer Opferhandlung auf (LD II: Bl. 5, 4; Barta 1968: 3). Wahrscheinlich liegt in Periode II.b ein Bezug zu Anubis im "westlichen" Aufenthaltsort des Toten und ein Bezug zum König bei Handlungen in der diesseitigen Sphäre vor.

<984>

Beispiel: Scheintür des xa=f-xwfw (BGM 3: fig. 32). Wahrscheinlich ist die Opferformel schon in Periode III.a Teil der Dekoration der Scheintür, dem Vorbild der Inschrift bei ra-Htp folgend, siehe die Rekonstruktion der Scheintür des nTr-apr=f in Dahschur (Alexanian 1995: Abb. 8).

<985>

Diese Scheintüren sind ab Periode IV.b meist als Schrein-Scheintüren gestaltet (Strudwick 1984: 39f., Strudwick 1985: 15-17).

<986>

Beispiel: Zugang zum Scheintürraum des xa=f-xwfw, wo im Norden (d.h. bei den Lebenden) die Bitte um ein hohes Alter, im Süden (Aufenthaltsort des Toten) die um wsr-Macht ausgedrückt wird (BGM 3: fig. 24, 25).

<987>

Beispiel: Speisetisch-Ikone des xa=f-xwfw (BGM 3: fig. 31).

<988>

Barta 1968: 3, 11, 222f

<989>

Barta 1968 (AR bes. 3-32); Lapp 1986

<990>

Barta 1968: XIII

<991>

Barta 1968: 267

<992>

Barta 1968: 268

<993>

Lapp 1986: 38

<994>

Barta 1968: 19, 33. Nominalisiertes Htp-dj-nswt ist wohl immer als Opfertyp aufzufassen, im Gegensatz zum nominalisierten pr.t-xrw, das sowohl einen Opfertyp, aber auch eine Handlungsfolge - ein Ritual - bezeichnen kann (Lapp 1986: 96).

<995>

Instruktiv für die Deutung der Formel ist die Untersuchung von Mostafa 1982: 81-94, in der auf die Parallele der Bezeichnung Htp = "Opfer" zu arab. raHmat = "Gnade", aber im Sinne von "Totenopfer" gebraucht, verwiesen wird. Auch hier liegt ein Bezug zu typisch islamischen Einleitungsfloskeln vor (bism-illah ar-raHman war-raHim "im Namen Allahs, des Barmherzigen, des Erbarmers"; raHmat-allah wa barakat "Allah sei gnädig und segensreich" etc.), ohne daß ein semantisch-logischer Bezug zum folgenden Text bestehen muß. Inhaltlich besteht diese Logik durchaus, auch wenn in der Übersetzung kein "vernünftiger Satz" herauskommt.

<996>

Barta 1968: 15, 224-231. Das Auftreten des Osiris in der Opferformel ist von einiger Bedeutung, da sich darin gewisse Veränderungen bei der Konzeptualisierung des Totenschicksals ablesen lassen. Allgemein wird die Mitte der 5. Dyn. als Zeitpunkt der ersten Belege des Osiris in Opferformeln angenommen (etwa Zeit des Neferirkare: Munro 1993: 14; oder erst des Neuserre: Baer 1960: 297). Eine Schlüsselstellung in der Diskussion um das erste Auftreten des Osiris in der Opferformel nimmt die Anlage der Hm.t-ra auf dem Central Field in Giza ein (Hassan Giza VI: 43-65), die jüngst von Bolshakov 1992 diskutiert wurde. Seines Erachtens ist die u.a. von Harpur 1987: 35 vertretene Datierung in die späte 4. / frühe 5. Dyn. unwahrscheinlich und er spricht sich für einen Ansatz in die Mitte der 5. Dyn. aus (op. cit.: 210).

Der Name des Osiris ist bei Hm.t-ra am äußeren Architrav in der Opferformel genannt, die eingeleitet wird mit: Htp dj nswt Htp (dj) jnpw nb tA-Dsr xn.tj zH-nTr Htp dj wsjr. Es folgt die qrs-Bitte, in der zweiten Zeile die pr.t-xrw-Bitte mit Festliste und in der dritten Zeile die Titel- und Namensnennung (Hassan Giza VI: fig. 36, pl. XXIII.A). In anderen Texten ist Osiris nicht erwähnt, auch nicht in der zweiten Opferformel am inneren Architrav (Hassan Giza VI: fig. 46). Der Grundriß der Anlage entspricht den anderer Felsgräber vom Ende der 4. Dyn. in Giza. Eine Spätdatierung der Dekoration der Anlage über den Anfang der 5. Dynastie hinaus ist aufgrund der Stilistik und Thematik der Reliefs problematisch. Bemerkenswert ist die Nennung des Osiris als dritter Bestandteil der Einleitungsformel, was nur sehr selten belegt ist. In den frühen Belegen der Mitte der 5. Dyn. wird Osiris nur mit der Htp-dj-nswt-Formel verbunden und der pr.t-xrw-Bitte vorangestellt, nicht der qrs-Bitte, wie bei Hm.t-ra. Die Konstruktion der Hm-t-ra-Formel ist aber auf der Scheintür CG 1485 des anx-ma-kA aus Saqqara D 16 belegt (Borchardt 1937: Bl. 40). Wie bei Hm.t-ra ist auch bei CG 1485 der obere Architrav in drei Zeilen geschrieben, was erst in Periode IV.b üblich wird (Bolshakov 1992: 206). Auf dieser Scheintür wird der Grabherr als Angehöriger von Kultinstitutionen des Sahure und des Neuserre bezeichnet. In beiden Belegen ist noch nicht die für Periode IV.b übliche Kombination von Osiris mit der pr.t-xrw-Bitte belegt. Prinzipiell spricht nichts dagegen, die hier vorliegende Fassung der Opferformel als eine Übergangsform anzusehen. Damit entfällt das Argument, daß eine Nennung des Osiris schon in der frühen 5. Dyn., eventuell sogar der späten 4. Dyn. "zu früh" sei. Allerdings besitzt das Grab der Hm.t-ra gewisse Besonderheiten, u.a., daß nur der Bereich der "äußeren" Kultanlage dekoriert ist (Pfeilerreliefs mit Bezugnahme zum Festritual, Hassan Giza VI.II: fig. 40-45), während die "innere" Kultstelle nur eine undekorierte Scheintür aufweist (op.cit.: 64). Man muß in dieser Anlage einer Frau, die offenbar zur Familie des Chefren zählt, mit einer bewegten Belegungs- und daher auch Dekorationsgeschichte rechnen.

<997>

Barta 1968: 234-246

<998>

Lapp 1986: 39-90

<999>

Lapp 1986: 91-194

<1000>

Anlage der nn-sDr-kA: beide Scheintüren nur qrs-Bitte, zwei äußere Architrave qrs + pr.t-xrw-Bitte (Junker Giza II: Abb. 9, 10, 7); Anlage des nswt-nfr: beide Scheintüren nur qrs-Bitte, Speisetisch-Ikone mit pr.t-xrw-Bitte (Junker Giza III: Abb. 28, 9.b); Anlage des kA-n-nswt: südl. Scheintür nur qrs-Bitte; nördl. Scheintür qrs + pr.t-xrw-Bitte (Junker Giza II: Abb. 18). Bei letzterer Anlage ist die Nennung der pr.t-xrw-Bitte bei der nördlichen Scheintür mit deren Funktion als "Ausgang" zu erklären; das pr.t-xrw wird bei der vergleichbaren Anlage des nswt-nfr in der Darstellung vor dem herausgetretenen Grabherrn erwähnt (Junker Giza III: Abb. 28). Ebenso werden die Scheintüren bei kAj interpretiert, wo der südlichen die Bitte um das qrs beigeschrieben ist, der nördlichen nur die des pr.t-xrw (ohne Nennung des Anubis in der Einleitung!). Der Architrav am Zugang dieser Anlage verbindet beide Bitten (Junker Giza III: Abb. 16, 14). Auch in Saqqara ist in Periode IV.a dieses Phänomen belegt: Scheintür des Tntj nur mit qrs-Bitte (Saqq. B 1, Mariette / Maspero 1889: 88f); Scheintür der Htp-Hr=s nur mit qrs-Bitte (Saqq. B 2, Mariette / Maspero 1889: 90f). Daß in Periode IV.b diese Zuordnung der Bittenfolgen aufgehoben wird, fällt mit der Neuinterpretation der räumlichen Bezüge in (NS:L:2)-Räumen in Giza zusammen; siehe den Wechsel der Speisetisch-Ikone auf die Westwand und der Fest-Ikone auf die Südwand (s.o. Kap. 19.2.).

<1001>

Siehe z.B. die Anlage der mr=s-anx III., in der der Architrav des Durchgangs von Raum I / A zu Raum II / B mit dem Grabschacht die Opferformel mit ausführlicher qrs-Bitte, aber nur kurzer Bitte um das pr.t-xrw trägt; während der Architrav am Durchgang von Raum I / A zum Annex die qrs-Bitte äußerst kurz faßt, dafür die pr.t-xrw-Bitte in ungewohnter Weise sogar um die besonderen Opfertypen (pXr, stp.t) erweitert (BGM 1: fig. 7, 6).

<1002>

Diese Tendenz setzt sich bei den kleinen Scheintüren der 1. ZZ fort. Beispiele: Saqqara: Scheintüren CG 1395, 1397, 1399, 1400, 1401, 1409, 1425, 1455, 1459, 1478, 1500, 1505 (alle: Borchardt 1937: Bl. 14-44); Giza: Scheintüren der Anlagen des qAr und jdw (G 7101 + 7102) (BGM 2: fig. 32, 40); Anlage G 2001 (BGM 4: fig. 15, 17, 18, 25).

<1003>

Bsp. Architrav des jdw (BGM 2: fig. 33); Architrav des Hr-mr.w (Hassan Saqqara II: fig. 39); Architrav der jntj (Fischer 1977.b: fig. 13); Besprechung dieser Texte siehe im folgenden.

<1004>

Beispiele für Zugänge zu den nun dekorierten Sargkammern, die alle nördlich versetzt von der Scheintür-Kultstelle liegen: Jéquier 1929: fig. 38, 41, 46, 62, 80, 90, 118. Es treten aber auch Fälle auf, bei denen auch an dieser Stelle nur das pr.t-xrw-Opfer aufgeführt ist: op.cit.: fig. 52, 68, 85.

<1005>

Jéquier 1929: fig. 133-138

<1006>

Jéquier 1928: fig. 34, 36, 37; Jéquier 1929: fig. 128, 129

<1007>

Simpson, W. K.: s.v. "Kenotaph", LÄ III: 387-391; zu den stèles-maisons und ihnen verwandten Denkmälern: Lapp 1994.

<1008>

Es läßt sich aber beobachten, daß bei der Bitte um das pr.t-xrw Anubis gelegentlich ausfällt, insbesondere, wenn es sich nicht um die Beschriftung einer Scheintür, sondern einer Speisetisch-Ikone handelt. Das diesseitige Speiseopfer wird also im Namen des (diesseitigen) Königs erwünscht. Beispiele: Anlage des xa=f-xwfw: Speisetischikone mit pr.t-xrw (Begriff nicht genannt, ergibt sich aus Festliste und Opferliste), keine Nennung des Anubis (BGM 3: fig. 31); Anlage des kAj: nördlichen Scheintür mit pr.t-xrw-Bitte ohne Nennung des Anubis (Junker Giza III: Abb. 14).

<1009>

Lapp 1986: 222. Die Einleitung mit Htp-dj-nswt kann in diesem Fall ausgelassen werden. Eine Sammlung von Beispielen op.cit: Abb. 85-101

<1010>

Erst am Ende des AR, ganz regelmäßig in Periode V.b/VI, wird die Nennung des Anubis auch wieder mit der pr.t-xrw-Bitte verbunden; Beispiel: CG 1439 (Borchardt 1937: Bl. 31), CG 1446 (op. cit: Bl. 32), CG 1500 (op.cit.: Bl. 43), CG 1505 (op. cit. Bl. 44).

<1011>

Donadoni Roveri 1969: 94f

<1012>

Donadoni Roveri 1969: 96f; Lapp 1993: 18, 195; wobei es häufig Varianten gibt, siehe op. cit: 18.

<1013>

Lapp 1993: 195, mit lokalen Varianten (Meir, Gebelein).

<1014>

Lapp 1986: 66; besonders die Identifizierung des zmA-tA als Bezeichnung für das Landen bei der Überfahrt zur Nekropole, des dAj bjA ("Überqueren des Ehernen") als Bezeichnung für den Zug zum Grab und des ja(r) n nTr-aA ("Aufsteigen zum Großen Gott") als Bezeichnung für das Emporsteigen zum Friedhof.

<1015>

Lapp 1986: 195f

<1016>

Lapp 1986: 111-150

<1017>

Lapp 1986: 151f

<1018>

Lapp 1986: 51-58

<1019>

Lapp 1986: 76-86

<1020>

Lapp 1986: 210-219

<1021>

Assmann 1987: 221-228

<1022>

Barta 1968: 234-246 gibt eine Übersicht über die verschiedenen Bitten mit Angabe ihres Auftretens; im AR sind die Bitten 1 bis 47 schon belegt (zum größten Teil Ritualbeschreibung und einige Texte der Ritualdeutung), im MR treten Bitte 48 bis 115 hinzu (neue Elemente der Ritualbeschreibung, vor allem Texte der Deutung jenseitiger Topographien und Ereignisse, vgl. Sargtexte). Im NR werden die Bitten 116 bis 295 dem Bestand hinzugefügt (einige Elemente der Ritualbeschreibung, vor allem Bezug zur Körperbehandlung des Toten, seiner Integrität und Aktionsfähigkeit, vgl. Totenbuch) sowie ausführliche biographische Passagen, die Barta nur zum Teil berücksichtigt (Königsgunst, Amt, z.T. Elemente der persönl. Frömmigkeit). Op. cit.: 246-251 gibt eine Chronologie des prozentualen Auftretens der Bitten. Anhand der Bittenfolgen zeigt sich, daß die konzeptuelle Ausdeutung der funerären Praxis - die funeräre Religion - im AR noch relativ wenig entwickelt ist und erst mit der "Entprivilegisierung" der Schriftlichkeit und von Elementen des Königskultes im MR einen bedeutenden Schub erhält. Das belegt auch, daß konzeptionelle Ansätze jeweils Produkt ihrer Zeit sind, und nicht "uraltes" Wissen repetieren, auch wenn einzelne Textteile sehr viel älter sein können als das konkrete Text-Produkt.

<1023>

Beispiele solcher Scheintüren der Periode IV.b aus Saqqara mit Nennung des Osiris, meist als Einleitung der pr.t-xrw-Bitten siehe Mariette / Maspero 1889: 118-120 (C 4), 173f (D 1), 283f (D 40), 368f (D 69); Borchardt 1937: Bl. 20 (CG 1416). Daß tp-m-anx an Institutionen des Unas angestellt ist, würde rein chronologisch dafür sprechen, ihn eher in die Periode IV.c funerärer Praxis zu setzen. Es ist aber wichtig zu sehen, daß die Periodisierung funerärer Praxis keinen chronologischen Rahmen darstellt; die Scheintür des tp-m-anx entspricht in ihren Merkmalen den Gebräuchen der Periode IV.b, während zeitgleich unter Unas bereits die Praxis der Periode IV.c in anderen Objekten manifest sein kann, etwa in der "moderneren" Scheintür des ptH-Htp II, die im Anschluß besprochen wird.

<1024>

Barta 1968: 236; Bitte 36. Parallel ist Bitte 35 gebildet, bei der das Ergreifen durch Ssp ausgedrückt wird. Das Objekt des Ergreifens ist a, was Barta in Bitte 35 und 26 als "Arm", in Bitte 34 als "Urkunde" (dann entsprechend determiniert) übersetzt (loc. cit.); siehe die Diskussion bei Lapp 1986: 81, der die Übersetzung "Urkunde" favorisiert. M. E. ist eine Entwicklung am Material ablesbar, die von einem Verständnis der Zeremonie als "das Ergreifen des Armes" im Sinne einer Aufnahme in den Kreis der Toten, zu einer Interpretation als "Ergreifen der Urkunde" - und das dann durch den Gott - im Sinne der Aufnahme in ein jmAx-Verhältnis beim Gott führt. Letzteres Verhältnis ist offenbar am Vorbild des Status von dependent specialists der Residenz orientiert. In beiden Fällen liegt die Aufnahme des Verstorbenen durch eine Instanz des Jenseits vor, gewissermaßen seine Initiation in den Kreis der Toten, in den Status eines Toten. Im ersten Fall (Arm) wird sie als Aufnahme in den Kreis der Ahnen verstanden, im zweiten Fall (Urkunde) als Aufnahme in eine Institution mit einem jmAx-Verhältnis zu einer übergeordneten Instanz interpretiert.

<1025>

Anlautendes j bei Kausativa: Edel 1955/1964: 201 (§ 450 bb).

<1026>

Ein vergleichbarer Titel wt jnpw ist öfter belegt, Belege bei Junker Giza XII: 170.

<1027>

Settgast 1963: 67

<1028>

Fischer 1977.a: 77

<1029>

Hassan Saqqara III: 29-33, fig. 17.b

<1030>

Hassan Saqqara II: fig. 58

<1031>

de Morgan 1903: fig. 3

<1032>

Mittlerweilen wurde eine weitere Variante dieses Typs veröffentlicht: die Scheintür des nfr-sSm-ra (Kanawati / Abder-Raziq1998: 31-36, pl. 58). Hier ist die Vignette des in einem Baldachin sitzenden Grabherrn im unteren Teil des linken inneren Pfostens fragmentarisch erhalten, unterhalb der Beschreibung der Zeremonie des nmj.t-S, ohne Determinativ des rudernden Mannes. Da der Text eng an das Vorbild ptH-Htp II. angelehnt ist, wird es sich um die Szene der Sänftenprozession handeln. Am gegenüberliegenden, leider zerstörten Pfosten, wäre die Vignette des Grabherrn im Baldachin zu erwarten.

<1033>

Siehe die Zusammenfassung bei Lapp 1986: 215-217 und bei Jansen-Winkeln 1996, dessen Ableitung des Begriffes jmAx von einer Wurzel *mAxj "zusammenbinden" m.E. das Problem auf semantischer Ebene löst. Die soziologische Kategorie jmAx ist nur aus der konkreten historischen und kontextuellen Situation des Einzelbeleges zu klären.

<1034>

Bemerkenswerter weise ist hier in (g) die pr.t-xrw-Formel ohne das Determinativ mit den Speisen geschrieben, ebenso in der Kopie der Passage bei mrrj. Man kann dieses Phänomen so deuten, daß hier nur die Zeremonie des pr.t-xrw "Herauskommen der Stimme" gemeint ist, während im Text (e) das gesamte Opferritual an dieser Stelle vollzogen wird. Ich verdanke den Hinweis Stefan Grunert.

<1035>

WB IV: 398.9

<1036>

In diesem Zusammenhang ist ein weiterer Beleg der Erwähnung des nmj.t-S interessant. Er befindet sich auf der als eine mehrfach gestaffelte Nische gestalteten Kultstelle des anxj in Saqqara (Goyon 1959). Diese Kultstelle setzt die Struktur der Scheintür mit mehreren Pfosten und als Schrein gestalteten inneren Teil räumlich um: die "äußeren" Pfosten sind hier tatsächlich "Außen" plaziert, die "inneren" Pfosten und die eigentliche Scheintür im "Inneren" (op.cit: Skizze auf S. 11). An den beiden "äußeren" Pfosten befindet sich das Bild des dickleibigen Grabherrn im Redegestus, darüber ist jeweils ein gleichlautender Text geschrieben, der mit dem TNGH und der Formel Dd=f eingeleitet wird. Es folgt ohne (!) Htp-dj-nswt-Formel die Beschreibung einiger Zeremonien: aHa Hr-tp qrr.t m-x.t nmj.t-S Ssp a=f jn jmn.t nfr.t nDr a=f jn zmj.t jmn.t "Das Stehen auf der qrr.t-Plattform nach dem Überqueren des Teiches (hier mit Determinativ des Mannes in einem Boot). Das Ergreifen seiner Urkunde (mit Buchrolle determiniert) durch den schönen Westen, das Entgegennehmen seiner Urkunde (mit Buchrolle determiniert) durch das Randgebirge des Westens". Es folgt dann ein Anruf an die Lebenden mit der üblichen Einleitung jnk Ax apr etc. (op. cit.: pl. III, IX). Der Beleg ist bemerkenswert, denn er korreliert die Zeremonien "Stehen auf der qrr.t-Plattform" und "Überqueren des Teiches" eindeutig mit der rituellen Richtung "Außen" / Osten / Diesseits. Die Handlungen bewirken die (oder sind möglich aufgrund der) "Entgegennahme der Urkunde", was als eine für Periode V typische Deutung der Initiation des Verstorbenen in den wirksamen Status des Toten angesehen werden kann. Aus dieser Position heraus ist der Tote fähig, seine Rede an die Lebenden zu halten und mit Strafe zu drohen oder Lohn zu versprechen. Die Zeremonien auf der qrr.t-Plattform und dem Teich bilden also den rituellen Rahmen, in dem die diesseitige Wirksamkeit des Toten affirmiert wird. Dieselbe Funktion haben Festrituale; eine Verbindung der genannten Zeremonien und des Festrituals ist also sehr wahrscheinlich. Die Ikonographie der Darstellung des Toten trägt ebenfalls den Index "leibliche Anwesenheit".

<1037>

Übersetzung nach BGM 2: 20.

<1038>

Übersetzung nach BGM 2: 20f.

<1039>

Lapp 1986: 77

<1040>

Fischer 1977.a: 21, 53f. Fischer verweist darauf, daß bei jdw die Scheintür-Kultstelle nicht, wie bei NS:L-Räumen üblich "links" von der Tür, sondern "rechts" von der Tür liegt, womit der Grabherr logischer Weise "von rechts" spricht.

<1041>

Zu den Anlagen des qAr und jdw siehe auch Kap. 18.2.2.2.1. Sie besitzen Elemente einer besonderen Übergangspraxis von Periode IV zu Periode V, die Flachbilddekoration ist aber bereits Vorbildern der Periode V.a aus Saqqara verpflichtet, siehe auch die Bestattungsdarstellungen (18.12).

<1042>

BGM 2: fig. 40

<1043>

Sainte Fare Garnot 1938: 97-103

<1044>

Übersetzung nach Hassan Saqqara III: 76-78

<1045>

Lapp 1986: 69

<1046>

Lapp 1986: 217-219, übersetzt dabei zbj jmAx als "der sein Leben in Ansehen verbracht hat".

<1047>

Hassan Saqqara II: fig.3; Hassan Saqqara III: fig. 33

<1048>

Siehe die Analyse bei Lapp 1986: 64-70.

<1049>

Lapp 1986: 196f

<1050>

Übersetzung nach Fischer 1977.b: 173f.

<1051>

Zur Deutung siehe Lapp 1986: 30-32 mit Zusammenstellung der Lesungen.

<1052>

Das n dann als Genitivpartikel zu verstehen, zu übersetzen wäre vielleicht "Ein Htp-dj-nswt (im Sinne) des...". Im MR wird die Formulierung dann als jn "durch" interpretiert. Damit ist eine logische Lesung der Formel als "Eine Gnade die gegeben wird durch den König / Gott" möglich.

<1053>

Weitere Belege siehe Lapp 1986:196f.

<1054>

Dieser Erkenntnis, daß den funerären Texten des AR rituelle Handlungen zugrunde liegen, folgen auch die meisten Interpretationsansätze der Pyramidentexte; siehe Altenmüller 1972. Wesentlich dabei ist aber ebenso, daß die Anbringung der Texte einer gewissen Funktionsbeschreibung der Installationen der Grabanlage zugrundeliegt und den darin definierten "rituellen Richtungen"; siehe Osing 1986; Allen 1994.

<1055>

Siehe auch das Aufkommen der Bestattungsdarstellungen an den Zugängen, Kap. 21.3.

<1056>

Die Verbindung der Jagd-Ikone mit Texten, die sich auf das Diesseits und besonders die anhaltende Wirksamkeit des Grabherrn im Diesseits beziehen, ist deutlich an der Westwand des Hofes der Anlage des nb-kA.w-Hr am Unas-Aufweg dargestellt: Neben den Bildern der Jagd im Papyrus erscheinen zwei Verfügungen des Grabherrn über die Einrichtung und Gewährleistung seines Kultes (Hassan Saqqara I: 37-43, fig. 17, 18, pl. XXV-XXX).

<1057>

Assmann 1987: 213-219; Assmann 1991: 178-189

<1058>

Sainte Fare Garnot 1938: 97-103

<1059>

Sainte Fare Garnot 1938: 92-96

<1060>

Sainte Fare Garnot 1938: 63-76

<1061>

Zu den Speisegabenbringern mit Beischriften zu Versorgungsinstanzen (Domänen) grundlegend: Jacquet-Gordon 1962; zu den juristischen Texten: Mrsich 1968; Goedicke 1970; speziell zu mTn: Gödicken 1976; zur Institution: Helck 1956; Perepelkin 1966/1986.

<1062>

Kees 1956: 126

<1063>

Kees 1956: 63, 110f


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