Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

Kapitel 23. Zusammenfassung von Teil IV

23.1 Flachbild und Schrift als kulturelle Medien - Das Phänomen der „Verschriftlichung“

1. Flachbild und die damit in engster Beziehung stehende Schrift stellen innerhalb der Audrucksmittel der funerären Kultur eine eigene Qualität dar. Charakteristisch für die Flachbilder und Texte in funerären Anlagen der Residenz im AR ist, daß es sich hierbei um Dekorationselemente handelt, um bildliche und schriftliche Beschreibungen der Funktion der Installation, auf der die jeweilige Darstellung bzw. der jeweilige Text angebracht ist.

2. Aufgrund des besonderen Charakters von Bild und Text besitzen Flachbild und Schrift in funerären Anlagen die Eigenschaft, die gegebene Funktionsbeschreibung nicht nur festzuhalten, sondern auf magische Weise auch zu verwirklichen, zu "affirmieren". Diese Potenz ist wesentlich für die Entwicklung von Flachbild und Schrift zu einem besonderen Medium der funerären Kultur der Residenz. Die Tendenz dieser Entwicklung besteht darin, über Flachbild- und Texdekoration die Funktion der Installationen der funerären Anlage detailliert zu beschreiben, zu deuten (konzeptualisieren), dauerhaft und vor allem auch selbstwirksam (affirmierend) zu gestalten.

Diese Tendenz zur "Verschriftlichung", zur Umsetzung kultischer Funktionen in "lesbare" und selbstwirksame Installationen, ist auch an anderen Elementen der funerären Kultur ablesbar, so an der räumlichen Entwicklung der Kultanlage ("innerer" Kultbereich vs. "äußerer" Kultbereich, rituelle Richtungsbezüge, Integration temporärer Kultplätze in dauerhafte Installationen, Entwicklung der Sargkammer), der Entwicklung unterschiedlicher Statuentypen und der "Inszenierung" des Statuenbestandes in Serdaben.


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3. Die Entwicklung der Flachbild- und Textdekoration verläuft in Perioden, die denen der Entwicklung der funerären Anlage und ihrer Installationen entsprechen. Die Flachbild- und Textdekoration hat ihren Ursprung in Periode II in der Markierung der südlichen Kultstelle als Platz der Anwesenheit des Grabherrn durch die Speisetischtafel. An dieser Stelle wird die Identität des Grabherrn und sein versorgter Status als Toter im Grab beschrieben. Davon ausgehend wird auch die Funktion der Installation als Kultplatz und die daraus resultierende Fähigkeit des Grabherrn zur Aktivität im Diesseits in Bild und Text beschrieben. Dazu treten Beschreibungen des Kultvollzuges, der Voraussetzungen für den Kult und schließlich auch Beschreibungen, die die Existenz des Toten auf konzeptueller Ebene behandeln.

4. In Periode IV werden eine Reihe von Darstellungen in "Ikonen" standardisiert, in denen wesentliche rituelle Inhalte beschrieben werden. Die wesentlichen, in den meisten dekorierten Grabanlagen vorhandenen Ikonen sind:

Diese Ikonen werden mit bestimmten Installationen in der Kultanlage verbunden, so daß sich eine klare Funktionsbeschreibung ergibt. Dabei werden die durch die Architektur der Grabanlage seit Periode I definierten rituellen Richtungsbezüge (West-Ost und Süd-Nord) als semantische Indizes aufgenommen. Das ermöglicht die Konstruktion einer "sakralen Landschaft" innerhalb der Kapelle, insbesondere in dekorierten Scheintürräumen, in der die verschiedenen Rituale und die durch sie erwirkten Eigenschaften des Toten detailliert beschrieben werden.

5. In Periode V wird diese Tendenz fortgesetzt. Die Besonderheit dieser Periode ist die Einführung von Bild- und Textdekoration auch in der Sargkammer. Damit wird in diesem Bereich vor allem die magisch-selbstwirksame Eigenschaft des Bildes gegenüber der nur beschreibenden Funktion betont. Die besondere Aktivierung des magisch-selbstwirksamen Aspektes wird u.a. in der Meidung oder Verstümmelung bestimmter Zeichen deutlich.

6. Die Tendenz der "Verschriftlichung" ist ein spezifisches Element der Residenzkultur im AR. Sie geht einher mit der für die Residenz charakteristischen Tendenz zur "Monumentalisierung", zu einer quantitaiv über das habituelle Maß hinausgehenden Aktivierung der kulturellen Ausdrucksformen. Auch der Einsatz von Flachbild und Schrift über den Bereich der Kerninstallationen (Scheintür, Zugang zur Kultstelle) hinaus ist dem Prinzip der "Monumentalisierung" verpflichtet und auf die obere Schicht der Residenzelite beschränkt. Das


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Bemühen um die Etablierung einer dauerhaft funktionsfähigen Kultinstitution geht dabei einher mit dem Bemühen, die Etablierung dieser Institution als Mittel der (diesseitigen!) Statusdefinition zu aktivieren. Unter diesen beiden Aspekten - momentane Präsentation und perspektivische Dauerhaftigkeit - werden beide Prinzipien aber auch von anderen sozialen Segmenten der Residenzbevölkerung aktiviert, wenn auch in entsprechend bescheidenerem Maße.

7. Die Tendenz zur "Verschriftlichung" führt zur Etablierung einer Gruppe von Ritualspezialisten (Priester und Handwerker), die befähigt ist, die kulturellen Ausdrucksformen in adäquater Weise anzuwenden. Die Etablierung dieser Gruppe von Spezialisten, die z.T. als dependents von den jeweiligen Kultinstitutionen abhängig sind, forciert die soziale Differenzierung der Residenzbevölkerung. Zugleich befördert diese Entwicklung den Transfer der kulturellen Ausdrucksformen auch über die Grenzen der spezifischen Residenzkultur hinaus. Die "Verschriftlichung" und die Etablierung der Gruppe von Spezialisten löst die entsprechenden kulturellen Ausdrucksformen aus dem konkreten soziokulturellen Kontext der Residenz und ermöglicht deren Integration in andere soziokulturelle Systeme.

8. Die Tendenz zur "Verschriftlichung" stellt keine Reaktion auf Krisenerscheinungen dar, sondern ist die Perfektionierung des rituellen Handelns auf der Basis intellektueller Konzeptualisierung. Im Rahmen der Konzeptualisierung werden soziale und ökonomische Defizite sowie der Gesellschaft inhärente Widersprüche reflektiert (Drohungen im Anruf an die Lebenden; Verträge); das geschieht aber von Beginn der Konzeptualiserung an, und nicht erst als späte Verfallserscheinung.

Mit der "Verschriftlichung" des kulturellen Vokabulars der Residenz des AR (in Schrift, Flachbild, Rundbild, Architektur etc.) wurde die Voraussetzung für die Herausbildung einer "Großen Tradition" geschaffen, die prägend für die gesamte pharaonische Geschichte blieb.

23.2 Die Beschreibung von Kult durch Flachbild und Schrift

1. Im Rahmen der Bestimmung der Funktion bestimmter Installationen einer funerären Anlage wird in der Flachbild- und Textdekoration auch der dort zu vollziehende Kult beschrieben. Auf diese Weise ist es möglich, Installationen der Kultanlage zu identifizieren, Kulthandlungen zu rkonstruierenund auch den rituellen Sinn dieser Handlungen im Rahmen der funerären Praxis des AR in gewissen Grenzen zu bestimmen.

2. Es ist stets zu berücksichtigen, daß das Ziel der Flachbilddekoration die dauerhafte Affirmation des grundsätzlichen, d.h. idealen Kultvollzuges ist. Die Variationsbreite etlicher Details ist jedoch beträchtlich und deutet an, daß es einen "idealen" Kult kaum gegeben hat. Vielmehr hat sich der Kult an gewissen habituellen Vorgaben orientiert; diese Vorgaben wurden aber nur durch konkreten Kultvollzug etabliert und so auch permanent verändert. Auch das sehr unterschiedliche


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Niveau der Ausstattung der Grabanlagen mit bestimmten Installationen macht deutlich, daß mit erheblichen Unterschieden im Kultvollzug, sowohl in synchroner, als auch in diachroner Perspektive zu rechnen ist.

3. Es lassen sich aber seit Periode II.b, mit dem Aufkommen umfangreicherer Dekoration in den funerären Anlagen der oberen und auch mittleren Residenzbewohnerschaft, einige wesentliche Elemente des Kultvollzuges beobachten. Es sind dies:

4. Der Opferkult an der Grabstelle ist sehr wahrscheinlich an Formen der funerären Praxis orientiert, die schon in der prä-formalen Periode gebräuchlich waren. Er dient dem Erhalt des Toten in seinem Grab. Der Erhalt geschieht über die Speisung, die im Rahmen eines als pr.t-xrw-bezeichneten Rituals vorgenommen wird. Solche Speisungen sollen zu mehreren Zeitpunkten im Jahr vorgenommen werden (Festliste).

In Periode IV wird dieses Opfer zu einem mehr oder weniger kanonisierten Ritual entwickelt und zunehmend unter Einbeziehung von Ritualspezialisten durchgeführt (Opferliste). Das Auftreten der Spezialisten hängt offenbar mit der Entwicklung einer besonderen Spruchliteratur zusammen (sAx.w), deren Kenntnis der Potenzierung der Wirksamkeit des Rituals dient und von der sich Proben in den Pyramidentexten erhalten haben<1064>.

Der Opferkult an der Grabstelle ist den Zeugnissen nach zu urteilen aber nicht unabhängig und losgelöst von weiteren sakralen Anlässen zu sehen. Die Nennung der Festdaten und ganz verschiedener Opfertypen macht wahrscheinlich, daß die durch das pr.t-xrw erfolgte "Erweckung" des Toten vor allem dazu dient, seine Anwesenheit in weiteren rituellen Zusammenhängen sicherzustellen. Prinzipiell erfolgte die Versorgung des Toten in seinem Grab an der südlichen Kultstelle mit der Scheintür.

5. Einer der Anlässe für das pr.t-xrw waren Rituale, in denen ein Zusammentreffen der Toten mit den Lebenden im Rahmen eines Festes verwirklicht wurde. Der Kultplatz für diese Rituale ist in entwickelten Kultanlagen in die Kultanlage integriert, aber entfernt von der "inneren" Kultstelle an der südlichen Scheintür. Archäologisch ist nachzuvollziehen, daß die Integration dieses Kultplatzes in die funeräre Anlage erst im Verlauf der Periode II / III erfolgte, als die Grabanlage zu einer permanenten Kultstelle ausgebaut wurde. Der Zugang des Toten zu diesem "äußeren" Kultplatz wurde über die nördliche Kultstelle realisiert, die als symbolischer Ein- und Ausgang in die Grabanlage fungiert.


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Der wesentliche Inhalt eines Festrituals scheint die Zusammenkunft der Nachkommen mit dem Toten zu sein. Dieses Ritual diente der sozialen Strukturierung jener Gruppe, die sich über die Abkunft vom Toten oder durch ein Versorgungsverhältnis beim Toten definiert. In diesem Rahmen ist es sogar wahrscheinlich, daß auch andere Ahnen in den Kult einbezogen wurden.

6. Die dritte Gruppe der Rituale, die den Toten in rituelle Ereignisse außerhalb der Grabanlage und unabhängig von der engeren funerären Praxis einbindet, ist in den Quellen nur schlecht belegt. Es gibt aber eine Anzahl von Hinweisen auf die Anwesenheit des Toten bei sakralen Zusammenhängen außerhalb der Grabanlage. Z.T. wird es sich dabei um Rituale des Götterkultes gehandelt haben (Handlungen im Papyrusdickicht). Dazu gehören aber auch Besuche des Lebensraumes der Nachkommen (mAA-Ikonen).

Der Sinn solcher Rituale liegt in der permanenten Integration des Toten in die Lebenssphäre der Menschen und die diese Lebenssphäre strukturierenden rituellen Handlungen. Die Integration des Toten orientiert sich dabei an dem Status, den der Tote zu Lebzeiten besaß. Auf diese Weise ist der Bereich der Affirmation der Inkorporation des Toten in die diesseitige Sphäre zugleich der Bereich der Repräsentation des diesseitigen Status. Entsprechend wirkt hier die Tendenz zur "Monumentalisierung" besonders intensiv. Das kann sogar zu Fällen einer "reziproken" Affirmation führen, indem konkrete, statusbezogene Voraussetzungen des Kultes wie die Errichtung der funerären Anlage oder die Ausstattung mit besonders prestigeindizierten Objekten (Statuen, königliche Zuwendungen etc.) in Bildern festgeschrieben werden, die den andauernden Kult mittels dieser Installationen selbst affirmieren.

7. Nur in sehr eigenartiger Weise wird das Ritual der Überleitung des Verstorbenen zum Status des Toten - die Bestattung - in den Flachbildern im AR thematisiert. Entsprechende Darstellungen orientieren sich an denen der Überführung und Inbetriebnahme der Kultausrüstung, wobei konkret eine Statue den Verstorbenen in der Übergangssituation abbildet. Erst allmählich wird die Statue von der realen Leiche im Sarg verdrängt. Dabei werden Elemente des Statuenkultes in die Behandlung der Leiche inkorporiert. Die Leiche wird so schrittweise zu einem einer Statue vergleichbaren Medium umgestaltet. Dieses Medium wird in Periode VI als Bündelmumie mit Gesichtsmaske formalisiert. Die schrittweise Veränderung und überhaupt erst Erfindung eines entwickelten und von Spezialisten betreuten Rituals in der Residenz des AR läßt sich an diesem Beispiel gut verfolgen.

Im Rahmen der Bestattung wird mit dem Verstorbenen bzw. seinem Abbild im Verlaufe umfangreicher Prozessionen die passage vom Leben zum Tod dramatisch umgesetzt. Auffällig ist, daß viele Momente des Bestattungsrituals auch (oder in ähnlicher Form) als Zeremonien von Festritualen belegt sind. Es ist denkbar, daß der Verlauf der Bestattung einerseits die Lösung des Toten von der diesseitigen Lebenssphäre vollzieht, parallel dazu aber zugleich die für den Totenstatus gebräuchlichen Formen der Reintegration in die diesseitige Lebenssphäre vollzogen wird. Die Bestattung kann in einigen Abschnitten als ein "inverses" Festritual angesehen werden.


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Am Abschluß der Bestattung steht die soziale Reintegration im Rahmen eines Opfer-, oder wahrscheinlich sogar größeren Festrituals im Kreis der Nachkommen.

Nur in der Periode V.a wird im Rahmen der Bestattungsdarstellung auch die Behandlung der Leiche und damit verbunden die emotionale Lösung vom Toten durch Trauer thematisiert<1065>.

23.3 Flachbild und Statue

1. Das Flachbild beschreibt die Funktion der Grabanlage und der in ihr verfügbaren Installationen. Da die Statue als Symbol bzw. Medium des Grabherrn dient und seine Funktion die ist, den Grabherrn abzubilden, wird in der Regel nicht sie, sondern der Tote dargestellt.

Statuen als solche werden im Flachbild daher vor allem im Zuge der Herstellung der Ritualausrüstung und beim Transport als Teil der Ritualausrüstung in das Grab abgebildet. Ein Sonderfall des Transportes ist die Einbringung einer Statue im Zuge der Bestattung. Einige Beispiele zeigen auch die "Inbetriebnahme" einer Statue und in Periode V auch Kulthandlungen an Statuen.

2. In den Werkstattszenen werden gelegentlich "ideale" Statuensätze gezeigt, die im Kern aus Stand- und Sitzfiguren, diese auch vervielfacht, und einigen Einzelfiguren anderer Typen bestehen. Solche Ensembles sind in Serdaben üblich und affirmieren dort verschiedene Aspekte der Existenz des Grabherrn.

Demgegenüber werden beim Statuentransport nur Stand- und Sitzfiguren gezeigt. Da diese Szenen mit Bildern der "Inbetriebnahme" von Kultstatuen in einem gewissen Zusammenhang


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stehen (Räucherung), werden hier m.E. Statuen gezeigt, die in der Kultanlage freistehend aufgestellt waren und als Kultstatuen dienten.

3. Unabhängig von diesen Darstellungen ist in der Regel nur aus Indizien zu schließen, daß in einem Ritual Statuen verwendet wurden. Im Flachbild sind das besonders solche Szenen, in denen Teile der Ritualausrüstung auftreten, die gewöhnlich zusammen mit den Statuen in den Bildern der Herstellung von Ritualausrüstung gezeigt werden: Baldachin, Bett, Stuhl, Sänfte. Dazu kommen archäologische Belege von Schreinfiguren, Statuennischen oder Statuenhäuser im "äußeren" Kultbereich und Treppen zum Dach. Diese Belege sind wiederum mit einigen Texten zu korrelieren, die Zeremonien bei der Bestattung, aber auch bei weiteren Ritualen beschreiben.

4. Auch wenn explizite Belege der Statuenverwendung im Kult äußerst spärlich sind, läßt sich so mittelbar auf die äußerst intensive Nutzung von Statuen in der funerären Praxis der Residenz des AR schließen. Nicht nur die affirmierenden Statuen in den verschlossenen Serdaben werden in Periode IV außerordentlich vermehrt, es ist davon auszugehen, daß auch der Bestand an Kultstatuen, die zu verschiedenen Gelegenheiten Verwendung fanden, in Großanlagen nicht unbeträchtlich war.

Da für diese Statuen eine gewisse Transportfähigkeit vorauszusetzen ist, werden sie in der Regel aus Holz gewesen sein. Über die dabei verwendeten Statuentypen kann man nur spekulieren. Es ist aber wahrscheinlich, daß es sich bei den Statuen, die für Prozessionen außerhalb der Anlage Verwendung fanden, um Standfiguren handelte. Den Flachbildbelegen nach sollte man dabei vor allem Statuen im Vorbauschurz vom Typ A oder D erwarten. Ebenso ist es nicht unwahrscheinlich, daß im Festritual transportable Sitzfiguren Verwendung fanden.

5. Man hat spätestens ab Periode IV, mit der Einführung größerer Serdabensembles, grundsätzlich zwischen zwei verschiedenen Funktionen von Statuen zu unterscheiden. Zum einen befinden sich Statuen in einem oder mehreren Serdaben und affirmieren dort die Anwesenheit des Toten am Ort der Kulthandlungen. Diese Statuen werden tendenziell vervielfältigt und um Sondertypen erweitert. Solche Ensembles haben den Charakter von Installationen, die wenigstens teilweise selbstwirksam sind.

Daneben stehen jene Statuen, die freistehend an Kultplätzen installiert oder transportabel sind. Es handelt sich hierbei um die eigentlichen Kultstatuen, die im Rahmen der funerären Praxis behandelt werden und den Toten abbilden.

6. In diesem Zusammenhang soll noch einmal die von M. Eaton-Krauss festgestellte Diskrepanz zwischen den üblichen Statuentypen im archäologischen Beleg, und den Statuentypen im Flachbildbeleg erwähnt werden<1066>. Besonders auffällig war, daß im Flachbild weitaus häufiger der Typ der Standfigur im Vorbauschurz gezeigt wird, als es der archäologische Befund belegt.


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Daneben werden sogar Sizfiguren mit Vorbauschurz im Flachbild gezeigt und ungewöhnlich häufig Stäbe und Szepter in den Händen der abgebildeten Statuen. Die Deutung, daß hierbei die Konventionen des Flachbildes Anwendung fanden, in dem der Grabherr häufig in dieser Ikonographie abgebildet wird, ist sicher zutreffend. Es sei aber auch darauf verwiesen, daß es sich beim archäologischen Befund weitgehend um Serdabstatuen handelt. Im Serdab fanden vor allem die traditionellen Statuentypen Verwendung. Statuentypen an offenen Kultplätzen, zumal wenn es sich um Holzstatuen handelt, können durchaus andere Typen repräsentieren, insbesondere solche mit Vorbauschurz.

7. Die besondere Rolle von Statuen als ein Medium der Affirmation der Anwesenheit des Toten in rituellen Zusammenhängen wird auch in den Belegen deutlich, die Zeremonien im Zusammenhang mit dem Bestattungsritual abbilden. Ausgangspunkt dieser Darstellungen sind Bilder des Transports der Kultausrüstung in das Grab, darunter auch der Statuen, wobei eine Statue schon im Moment der Überleitung des Verstorbenen diesen abbildet und im Rahmen verschiedener Zeremonien wesentliche Eigenschaften des zukünftigen Toten "eingeschrieben" bekommt. In Periode V wird, den Flachbildbelegen nach zu urteilen, aber auch am archäologischen Material nachvollziehbar, diese Statue mit dem Verstorbenen und seiner Leiche gleichgesetzt und zum dauerhaften und selbstwirksamen Objekt "Mumie" entwickelt.


Fußnoten:

<1064>

Assmann, J.: s.v. "Verklärung", LÄ VI: 998-1006

<1065>

Die Abusir-Papyri geben einen Eindruck des rituellen Geschehens in einer königlichen Anlage der späten 5. Dyn. (Neuserre bis Unas; Posener-Krieger 1976: 483). Die einfache Gleichsetzung von königlichen und nichtköniglichem Kult ist nicht möglich, es fallen aber strukturelle Gemeinsamkeiten auf, die teilweise gleichartige Details enthalten. So wird für den König zweimal täglich wohl an der Scheintür ein Speisungsopfer durchgeführt (op.cit.: 536-540). Daneben gibt es eine Reihe von Festen, die in aufwendigerer Weise zu bestimmten Anlässen stattfinden. Das Monatsfest (Abd) wird an den Statuen in den fünf Schreinen im Übergangsbereich vom wsx.t-Hof zum "inneren" Kultbereich durchgeführt (op. cit. 544-549). Strukturell entspricht der Platz der fünf Statuen dem des "inneren" Schreines bzw. dem Serdabtyp B, ebenfalls die auch dort seit Periode IV übliche "narrative" Vervielfältigung von Statuen, die natürlich in königlichen Anlagen gänzlich andere Aspekte beschreibt als bei einer nichtköniglichen Person. Dieses Fest entspricht strukturell solchen Festen, die im Hof der nichtköniglichen Anlagen vor dort deponierten Statuen stattfinden. Ein weiteres wichtiges Fest im königlichen Kult ist das Sokar-Fest, das am 25./26. IV. Ax.t stattfindet (op.cit. 549-552). Hier ist ein zH "Zelt" erwähnt, das Posener-Krieger als "Scheintürraum" deutet (op.cit.: 68f), was m. E. aber eher einen Baldachin meint, der erwähnt wird, um den besonderen Ort dieses Opfers zu beschreiben. Im Rahmen dieses Festes werden zwei wx-Objekte genutzt, bei denen es sich um kostbare Symbole in der Form einer Papyrus- oder Lotosblüte handelt (op.cit.: 73-76). Es ist durchaus denkbar, daß die wx-Objekte in Zeremonien Verwendung finden, die der Überreichung des Lotos im Baldachin im nichtköniglichen Kult vergleichbar sind. An weiteren Festen sind ein eventuell mit dem Neujahr in Zusammenhang stehendes wdn-jhj (op.cit.: 552f), ein Hathor-Fest (op.cit. 553-558) und ein Min-Fest (op.cit.: 561f) erwähnt, für die es in den nichtköniglichen Festlisten bzw. im Bild des zSS-wAD n Hw.t-Hr Parallelen gibt. Das sd-Fest (op.cit: 561) ist natürlich nur im königlichen Bereich vorstellbar, kann aber in ähnlichen, die andauernde bzw. erneuerte Existenz des Ahn affirmierenden Festen im nichtköniglichen Bereich strukturelle Parallelen haben (z.B. wAg).

<1066>

Eaton-Krauss 1984: 6-37


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