Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

453

Teil V - Schluß

1. Im folgenden Teil sollen die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefaßt werden. Im ersten Abschnitt (Kap. 24) wird anhand der Statue als des zugrundeliegenden Fallbeispiels nachvollzogen, wie eine bestimmte kulturelle Ausdrucksform, eine "kulturelle Vokabel", im Rahmen der funerären Praxis in der Residenz im AR entwickelt und aktiviert wird.

Im Kapitel 25 werden die verstreuten Bemerkungen zu den Perioden funerärer Praxis der Residenz im AR zusammengefaßt und so die Entwicklung der Statuen in den Zusammenhang der Entwicklung funerärer Kultur als Ausdrucksform der funerären Praxis der Residenz insgesamt gestellt.

Im abschließenden Kapitel 26 wird versucht, die Bedeutung der funerären Praxis im Rahmen der gesamtgesellschaftlichen Praxis der Residenz im AR zu skizzieren.

Kapitel 24. Die Funktion von Statuen im funerären Kult an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

24.1 Ursprung der Grabstatue

1. Das Auftreten von rundplastischen Bildern in der funerären Kultur ist in Ägypten schon in der prä-formalen Periode belegt. Die systematische Verwendung von Statuen, die mit Sicherheit den Grabherrn darstellen, ist jedoch ein Phänomen, das erst in der frühdynastischen Zeit auftritt und seine besondere Entwicklung auf den Residenzfriedhöfen der 2. und 3. Dynastie erfährt. Es sind zwei Statuentypen, die in dieser Periode entwickelt werden: die Sitzfigur und die Standfigur. Beide Statuentypen sind für Männer und für Frauen belegt. Beide Typen greifen auf formale Vorbilder zurück, die außerhalb der funerären Kultur im Bereich von Tempeln bereits belegt sind.

2. Die Sitzfigur stellt den Abgebildeten auf einem thronartigen Untersatz sitzend dar. Das Bild ist am Flachbild der Speisetischtafel orientiert, das den sitzenden Toten vor einem Speisetisch zeigt, nach dem er die rechte Hand ausstreckt. In der Phase der Erfindung des Statuentyps werden meist einige Abzeichen in der linken Hand oder auch beiden Händen gehalten, die im Laufe der Formalisierung der Sitzfigur aber wegfallen. Auch tritt in der 4. Dynastie ein Wechsel der zum (imaginären) Speisetisch ausgestreckten Hand von der rechten zur linken ein. Außerdem wird die andere Hand nicht mehr vor die Brust gelegt gezeigt, sondern zur Faust geballt auf das Knie gelegt. Frauen haben beide Hände gewöhnlich geöffnet.


454

Die Standfigur stellt den Abgebildeten in einer schreitenden oder zumindest Aktivität andeutenden Pose dar, auch wenn bei Frauen die Beine meist geschlossen wiedergegeben werden. Auch hier ist die Formalisierung der Handhaltung erst in der 4. Dynastie abgeschlossen. Während Steinstatuen gewöhnlich gerade herabhängende Arme haben, können Holzstatuen Stäbe und Szepter halten.

3. Aufgrund der wenig zufriedenstellenden Befundlage ist eine Zuweisung der beiden Statuentypen zu bestimmten Installationen des funerären Kultes nur hypothetisch möglich. Demnach kann die Sitzfigur mit der Kultstelle an der südlichen Scheintür in Verbindung gebracht werden. Hier ist in mehreren Fällen in der 3. Dynastie ein seitlich liegender Serdab festzustellen. Die Sitzfigur des mTn wurde als einzige Statue in einem solchen Serdab gefunden. Analog ist anzunehmen, daß jeweils nur eine Sitzfigur pro Grabherr auftritt.

Für die Standfigur soll eine von der südlichen Kultstelle etwas getrennte Aufstellung postuliert werden, bei der die Statuen nicht verschlossen, sondern offen und dem Kult direkt zugänglich aufbewahrt werden. Es ist wahrscheinlich, daß männliche Standfiguren verdoppelt werden können, während weibliche Standfiguren in der Regel nur einmal auftreten.

4. A. Shoukry hat darauf verwiesen, daß die Grabstatue kein uraltes Element der funerären Praxis Ägyptens ist, sondern erst im frühen AR entwickelt wurde<1067>. Als Zeitpunkt der Einführung der Grabstatue setzt er die Regierung des Djoser an, von dem eine Serdabstatue erhalten ist. Diese Sitte sei für den Pharao erfunden und dann von nichtköniglichen Personen übernommen worden. In diesem Zusammenhang wies er die These von H. Ranke zurück, der die Grabstatue mit dem angeblich aus Unterägypten stammenden Gedanken des Grabes als Wohnhaus in Zusammenhang brachte<1068>. Nach Ranke bildet die Statue den im Grab wohnenden Toten ab und sei in der 2. Dynastie im Zusammenhang mit der Verlegung des königlichen Friedhofes nach Memphis formalisiert worden. Für die von Ranke angenommenen prädynastischen Grabstatuen des Deltas fehlt es jedoch nach wie vor an Belegen. Auch verweist Shoukry mit Recht darauf, daß der "Bewohner" des Grabes immer der Tote in Gestalt der präparierten Leiche selbst ist<1069>. Dieser Ansicht, daß das rundplastische Abbild des Toten vor allem ein Bild, eine visuelle Affirmation des Grabherrn und seiner Anwesenheit im bzw. am Grab ist, nicht aber der Tote selbst, schließen sich die neueren Untersuchungen an<1070>.

5. Da die Erklärung des Auftretens der Grabstatue weder aus einer gemeinägyptischen Tradition, noch als Element eines besonderen unterägyptischen Kulturkreises möglich ist, kann mit Shoukry


455

von einer residenzspezifischen Entwicklung ausgegangen werden. Auch wenn die These der Übernahme eines für den König geprägten Vorbildes durch weitere Personen etwas einfach ist, so ist dem Grundgedanken Shoukrys in jedem Fall zuzustimmen: Das Auftreten der Grabstatue ist ein lokal und sozial begrenztes Phänomen, das im frühen AR in der Residenz in der Gruppe der Elite auftritt. Nur dieser Personenkreis und selten auch ihm zuzurechnende Personen in den Elitefriedhöfen der Provinz nutzt das kulturelle Medium der formalen Grabstatue in der funerären Praxis. Dabei ist die Statue nicht das einzige kulturelle Medium, das in dieser Weise privilegiert genutzt wird, sondern ebenso werden die dekorierte Scheintür mit der Speisetischtafel, der Gebrauch von Text- und Flachbildekoration und die formalisierte Form der Grabanlage aus Grablege mit angeschlossener permanenter Kultstelle als prestigeträchtige, monumentale Installation von der Elite entwickelt.

6. Die beiden Typen der Grabstatue treten in Bereichen auf, die mit dem praktischen Kult eng verbunden sind. Auch das belegt, daß die Grabstatue nicht aus der Vorstellung des dauerhaft gemachten Körpers entwickelt hat, sondern aus der Vorstellung, daß der Tote am Ort einer ihn betreffenden Kulthandlung abgebildet werden soll.

Für die Sitzfigur ist der Bezug zur südlichen Scheintür-Opferstelle relativ gesichert. An dieser Stelle wird dem Toten ein Versorgungskult gewidmet, der seine dauerhafte Existenz im Grab gewährleistet. Zusätzlich zur textlichen und flachbildlichen Affirmation dieser versorgten Existenz auf der Speisetischtafel wird in einem verschlossenen Serdab diese Eigenschaft des Toten auch rundbildlich beschrieben und affirmiert. Der Verschluß im Serdab und die nur mittelbare Zugänglichkeit durch den Schlitz können als Umsetzung der Vorstellung gedeutet werden, daß der Tote im Rahmen dieses Kultes zwar anwesend ist, aber im Grabbau verbleibt.

Weniger sicher ist die postulierte Aufstellung der Standfigur(en) an einem offenen, scheintürfernen Kultort. An einem vergleichbaren "äußeren" Kultplatz soll im hohen AR die Statue die aktionsfähige Anwesenheit des Toten affirmieren, im Rahmen von Handlungen, bei denen der Tote nicht mehr verschlossen in seinem Grab gedacht wird, sondern als eine Wesenheit, die das Grab verlassen hat.

7. Zwei Aspekte sind also bei der Deutung des Auftretens der Grabstatue zu beachten:

Der Ausbau der Kultanlage und der sie konstituierenden Installationen - Scheintür, Kapellenbau, dessen Dekoration - geht der Zunahme der Statuenverwendung parallel. Offensichtlich kam dem praktischen Kult in der funerären Anlage der Elite im frühen AR eine besondere Bedeutung zu. Die Besonderheit dieses Kultes ist es, daß durch die Einführung neuer kultureller Medien, insbesondere Schrift und Bild, das bestattete Individuum immer genauer beschrieben werden


456

konnte. Es ist davon auszugehen, daß die Etablierung individueller Kultstellen an den funerären Anlagen und ihre Ausrüstung mit Objekten, die die Persönlichkeit des Toten besonders genau beschreiben, von großer sozialer Bedeutung bei der Etablierung der neuen Residenzelite war. Auf diesen Prozeß soll unten noch eingegangen werden. An dieser Stelle sei festgehalten, daß die Entstehung der formalen Grabstatue als die Folge einer kulturellen Entwicklung zu sehen ist, die mit der Herausbildung einer neuen sozialen und politischen Elite in Ägypten einherging.

8. Aber auch die funeräre Praxis der Elite in der Phase der Formierung des AR griff auf traditionelle Modelle zurück. Der Gebrauch von rundplastischen Abbildern der Toten in Kultstellen fern von der eigentlichen Grablege ist möglicherweise schon viel älter, auch wenn bisher entsprechende Belege nicht vorliegen. Außerdem liegen der Entwicklung der Grabstatue offenbar einige besondere, habituelle Vorstellungen der ägyptischen Kultur zugrunde. Zu diesen kulturimmanenten ("emischen") Aspekten ist das Phänomen der Vervielfältigung von Abbildern zu rechnen. Dieses Phänomen betrifft sowohl die Vervielfältigung des Abbildes an verschieden Orten, im Besonderen aber die Vervielfältigung des Abbildes an einem Ort. Bereits der früheste sichere Beleg von Statuennutzung in einer funerären Anlage in der Residenz des AR (S 3505; 2.1) besteht aus zwei offenbar identischen männlichen Standfiguren. Eine Erklärung dieses Phänomens kann mittels der spezifischen ägyptischen Vorstellungen von "Vollständigkeit" und "Vielheit der Aspekte" erfolgen, die u.a. als Dual und Plural auch in der schriftlichen Fixierung sprachlicher Kommunikation ausgedrückt werden.

9. Ein weiteres, für die Deutung von Statuen nicht unwesentliches Phänomen, ist das Auftreten von Abbildern bestimmter Personen überhaupt. Es ist charakteristisch, daß im funerären Bereich am Grab von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen (Büsten, Ersatzköpfe - deren primäre Funktion aber gerade nicht in der dauerhaften Abbildung des Toten am Grab zu liegen scheint) die menschliche Gestalt nie in abgekürzter Weise wiedergegeben wird, sondern stets als komplette Figur. Im Gegensatz zu vielen anderen Kulturen, in denen die weiterexistierenden Toten nur symbolisch (Geist) oder nur in Teilen (Schädel) vermittelt werden, sind in Ägypten vollständige Abbilder üblich. M.E. ist dieses Phänomen u.a. durch die Vorstellung zu erklären, daß im pharaonischen Ägypten die Existenz nach dem Tod immer mit der Vorstellung des Erhalts des (ganzen) Körpers im Grab verbunden ist<1071>. Die Abbilder des Toten am Grab sind zwar keine "Ersatzkörper", aber sie bilden stets den ganzen Körper ab und affirmieren somit die Existenz des Toten als "Körperwesen"<1072>. Über diese Verbindung der Vorstellung der Weiterexistenz des Toten


457

"als Körper" und der Abbildung des weiterexistierenden Toten im Rundbild sind einige Besonderheiten bei der Entwicklung naturalistischer rundplastischer Abbilder in der ersten Hälfte der 4. Dynastie zu deuten. Dabei wurde das schon oben genannte Phänomen, daß in der Statue u.a. die Möglichkeit zur exakten Beschreibung des Status einer bestimmten Person aktiviert wird, auch auf die Beschreibung der Individualität des Körpers ausgedehnt. Und auch in den folgenden Perioden wird die enge Beziehung zwischen Statue und Leiche beibehalten, was in der 5. Dynastie zur Behandlung der Leiche "wie eine Statue" und der Gestaltung als Bündelmumie seit der 1. ZZ führt.

24.2 Statuentypen und ihr Kontext

24.2.1 Ikonographie und Kommunikation

1. Bereits die beiden frühesten Typen von Grabstatuen, die Sitz- und die Standfigur, nutzen ikonographische Indizes, die auch in anderem Zusammenhang auftreten, namentlich in der Schrift und im Flachbild. Diese Indizes besitzen einen semantischen Wert, der im Zuge kultureller Kommunikation von den Teilnehmern an der Kommunikation verstanden wird und somit zur Weitergabe von Informationen nutzbar ist. Die Sitzfigur trägt u.a. den Index "erhöhtes Sitzen / Thronen", der einen gehobenen Status ausdrückt, die Standfigur den Index "Schreiten", der mit der Vorstellung von Aktivität verbunden ist usw<1073>. Außerdem ist die Vervielfältigung der Abbilder mit bestimmten Konnotationen versehen, sowohl die "symbolische" Vervielfältigung identischer Bilder, als auch die "analytische" Differenzierung in verschiedene Abbilder.

2. Im Rahmen des praktischen Kultes werden die entsprechenden Indizes in der Kommunikation aktiviert, indem die sie tragenden Gegenstände zum Objekt ritueller Handlungen werden. Allerdings ist die praktische Aktivierung der Indizes nicht in jedem Fall notwendig. Vielmehr können die indizierten Gegenstände auch als selbstwirksam, als magische Installationen aufgefaßt werden. Allerdings ist auch in diesem Fall eine "Bewußtheit" der Existenz der Objekte und ihrer Indizierung in der Gruppe der Rezipienten die Voraussetzung. D.h., auch unsichtbar verschlossene Objekte und ihre Indizierung sind a priori Objekte der kollektiven Kommunikation, denn sobald die "Bewußtheit" ihrer Existenz verloren geht, haben sie die praktisch relevante Funktion, ein rituelles Objekt zu sein, verloren und sind nur noch Artefakte.

3. Die Funktion von Statuen ist diesem Ansatz entsprechend darin zu sehen, daß sie den Abgebildeten in einer Form in die Kommunikation einführen, die über bestimmte Indizes den


458

Teilnehmern an der Kommunikation Informationen über den Dargestellten vermittelt. Das besondere der funerären Praxis - als Kommunikation betrachtet - ist, daß in der Statue eine Person abgebildet wird, deren aktive Teilnahme an der Kommunikation angenommen wird, diese in der Realität aber nur durch das Abbild realisiert ist. Jede notwendige Information muß dementsprechend in der Statue enthalten sein (bzw. von den Rezipienten als in der Statue enthalten vorausgesetzt werden).

Die entsprechenden Informationen sind aber nicht nur in Indizes der Statue enthalten, sondern es werden weitere Indizierungen durch deren Kontext vorgenommen. Das betrifft insbesondere den Rahmen der Nutzung der Statue, ihre Aufstellung und Ausrichtung, die Art der Kombination mit anderen Objekten usw. Auf diese Weise wird die Statue zum Teil eines kulturellen "Textes", der den Teilnehmern an der kulturellen Kommunikation verständlich ist. Der Prozeß der Aktivierung dieses "Textes" ist die funeräre Praxis und die Teilnehmer bzw. Rezipienten sind jene Gruppe von Menschen, die den funerären Kult durchführt.

4. Die Entwicklung des funerären Kultes in der Residenz des AR führte zu einer außerordentlichen Differenzierung der kulturellen Medien, die der Vermittlung von Informationen über den konkreten Grabherrn dienen. Eines dieser Medien ist die Grabstatue. In der Mitte der 4. Dynastie ist zuerst im unmittelbaren Umfeld der Königsfamilie auf dem Friedhof von Giza eine Zunahme rundplastischer Abbilder belegt. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Perioden werden in den Residenzfriedhof von Giza nicht nur Anlagen der Elite einbezogen, sondern es beginnt sich ein breiteres soziales Spektrum von Angehörigen der Residenz in der Friedhofsbelegung abzubilden. Auch die mittleren und niederen Residenzanghörigen nutzen Statuen in ihren funerären Anlagen. Neben dieser Verbreiterung der Beleglage selbst kommt es außerdem zur Entwicklung neuer Statuentypen.

24.2.2 Statuentypen

1. Wie schon bei der Entwicklung der Grabstatue als Medium funerärer Praxis auf habituelle Vorbilder des kulturellen Ausdrucksreservoires (Tempelstatuen) zurückgegriffen wurde, so bedient sich die Weiterentwicklung des Mediums wiederum solcher Elemente, die bereits in der Frühphase auftreten. Besonders bedeutsam ist hierbei das Prinzip der Vervielfältigung des Abbildes. Die Aktivierung der "symbolischen" Vervielfältigung führte einerseits zur Zunahme von Statuen desselben Typs in einer Anlage überhaupt, andererseits wurde das Prinzip der "symbolischen" Vervielfältigung in einem neuen Statuentyp dialektisch aufgehoben: der Pseudo-Gruppe. In der Pseudo-Gruppe werden zwei oder drei identische Abbilder einer Person auf einer gemeinsamen Basis kombiniert. Dabei wird der bereits bekannte Index "Dualität = Gesamtheit" und als Ableitung auch der Index "Plural = unbestimmte Vielheit" umgesetzt. Als ein neues Element kommt die Kombination unter dem Index "Nähe" hinzu, der hier zum Ausdruck der Einheit der so vermittelten


459

Vorstellung aktiviert wird. Zusätzlich können die Elemente der Pseudo-Gruppe dann mit denen der Gruppenfigur kombiniert werden. Die Bedeutung der "Lesbarkeit" solcher Objekte durch mit den kulturellen Ausdrucksformen vertrauten Rezipienten ist an diesem Statuentyp besonders deutlich, der ganz auf emisch-semantische Indizes aufbaut.

2. Neben die traditionelle "symbolische" Vervielfältigung tritt die Aktivierung eines hier als "analytisch" bezeichneten Prinzips der Vervielfältigung. Dieses Prinzip ist im Flachbild bereits in der 3. Dynastie belegt und wurde eventuell in Sitzfiguren mit variierten Handhaltungen und Szeptern ebenfalls bereits in der 3. Dynastie aktiviert. In der frühen 4. Dynastie wird dieses Prinzip dann auf die Gestaltung von zwei Standfiguren ausgedehnt, die im scheintürfernen Kultbereich auftreten. Dabei bleibt die eine Statue dem Typ der traditionellen Standfigur mit kurzem Schurz und Perücke verpflichtet, die andere wird in etwas modifizierter Ikonographie mit einem längeren Schurz mit einem Vorbau wiedergegeben, der Grabherr ist hierbei barhäuptig. Aus dieser Statue wird dann eine Standfigur mit Vorbauschurz formalisiert, die in mehreren Typen mit oder ohne Perücke belegt ist. Im Gegensatz zur traditionellen Standfigur, die den Toten als aktive Wesenheit in seiner Grabanlage beschreibt, wird die Ikonographie des Vorbauschurzes mit dem Index "leibliche Anwesenheit / Anwesenheit bei der Familie" verbunden. Als interessantes Phänomen ist dabei festzuhalten, daß die stilistische Besonderheit der frühen 4. Dynastie, Abbilder besonders naturalistisch zu gestalten, in diesem Darstellungstyp als eine ikonographische Metapher "Fettheit" formalisiert wird und im folgenden im Flachbild (!) üblich bleibt.

3. Ebenfalls als "analytische" Weiterentwicklung der Standfigur ist die selten belegte Nacktfigur anzusehen. In ihr wird wahrscheinlich die körperliche Integrität des Toten abgebildet, ein Index, der eigentlich der präparierten Leiche zukommt.

4. Neben diese Weiterentwicklung schon bekannter formaler Muster tritt die Einführung ganz neuer Statuentypen in den Korpus der Grabstatuen in der zweiten Hälfte der 4. Dynastie. Die Schreiberfigur setzt in ihrer Haltung, die eine Person am Boden hockend wiedergibt, einen Index um, der vor allem im Tempelkult üblich ist und eine Person bezeichnet, die in untergeordneter Position am Kult einer übergeordneten Entität - in der Regel ein Gott - teilnimmt. Diese Pose wird durch das Schreibgerät um den Index "Schreibkundiger / Beamter / Angehöriger der Residenzadministration" erweitert bzw. spezifiziert. Der Prozeß der Entwicklung dieses Statuentyps ist nicht ursächlich in der funerären Praxis einer Privatperson zu sehen, sondern als ein Element der Herausbildung spezifischer sozialökonomischer Muster, die für die Residenzbevölkerung des AR prägend sind. Ausgangspunkt dieser Entwicklung war die Etablierung von (funerären) Institutionen im Bereich des königlichen Kultes, als deren Leiter Angehörige der Königsfamilie fungieren und die im Rahmen des Kultes als "teilnehmende Verwalter" auftreten. Dieser Status beschreibt zugleich die Position eines "Angehörigen der Residenz", so daß die Statusbeschreibung auch in die funerären Anlage anderer Individuen übernommen wurde, auf die dieser Index zutrifft, und so die Schreiberfigur zu einer "analytischen" Grabstatue entwickelt wurde. Eine Sondergruppe


460

sind Schreiberfiguren von Angestellten an der funerären Institution einer nichtköniglichen Person, die noch dem Vorbild der Indizierung der hockenden Haltung als "untergeordnete Teilnahme" entsprechen.

5. Ein ganz neues Element wird in dieser Periode durch den Index "Nähe" in die kulturelle Kommunikation eingeführt. Die Schaffung eines neuen Typs von geplanten Residenzfriedhöfen, in denen die räumlichen Bezüge die Beziehungen der Individuen zueinander abbilden, und die Einführung von kollektiven Grabstellen für Familien hatten diesen Index bereits auf funerärer Ebene eingeführt. Auch die Gruppierung von Rundbildern verschiedener Personen auf einer gemeinsamen Basis in der Gruppenfigur setzt diesen Index um. Ihm liegt die "Lesung" zugrunde, daß die durch "Nähe" konstituierte Gruppe eine besondere, übergeordnete soziale Entität, eine Institution bildet. Der Index scheint ebenfalls zuerst im königlichen Umfeld beim Rundbild aktiviert worden zu sein und bildet dort die Einbindung des Königs in irdische und überirdische Institutionen ab. Er wird aber etwa gleichzeitig im Umfeld der Königsfamilie und auch im nichtköniglichen Bereich aufgenommen, um soziale Entitäten zu beschreiben. Eine wichtige Rolle spielt bei der Einführung der Gruppenfigur die Beschreibung des Status der Frau in der Gruppe der Residenzbewohner. Grundsätzlich ist im funerären Zusammenhang davon auszugehen, daß die abgebildete Entität die "Ehe" bzw. die "Famile" ist; es gibt aber auch Beispiele, in denen andere Formen sozialer Institutionen abgebildet sind (xntjw-S).

Die Gruppenfigur besitzt neben dem Index "Nähe" noch zwei weitere wesentliche Indizes, die den abgebildeten Personen zukommen: den der "Hauptfigur" und den der "Nebenfigur". Während die Hauptfiguren die eigentliche Entität bilden, sind die Nebenfiguren ihr nur zugeordnet und beschreiben vor allem eine Funktion, die die Abgebildeten in Bezug zu den Hauptfiguren haben (Funktionsfigur). Durch weitere Indizierungen, so der räumlichen Positionierung (vorn / hinten; rechts / links / mitte), der Verwendung ambivalenter Indizes (Nebenfigur in der Größe einer Hauptfigur usw.) etc., kann in der Gruppenfigur sehr differenziert auf individuelle Status und Rollen eingegangen werden.

Neben der Bildung von Gruppenfiguren durch die Kombination auf einer gemeinsamen Basis kann der Index "Nähe" und die mit ihm verbundenen Indizes (Nebenfigur / Funktionsfigur, Prestigeposition usw.) auch durch "Inszenierung" von mehreren Statuen aktiviert werden. Dieses Prinzip wird in größeren Statuendepots (Serdabtyp B, Depotserdab, Schachtdepot, Sargkammerensembles) mit Statuen derselben Person und auch von mehreren Personen umgesetzt.

6. Mit der Gruppenfigur wurde als ein besonderes Element eingeführt, daß nicht nur die eigentlichen Grabherren und Kultempfänger einer funerären Anlage abgebildet werden, sondern in den Nebenfiguren auch Personen, die eine besondere Funktion im Kult zu erfüllen haben und über diese Funktion eine Stellung zum Grabherrn definieren. Diesem Prinzip entspricht auch die Einführung von Schreiberfiguren von Beamten in den Anlagen von Eliteangehörigen. In besonderer


461

Weise wird dieses Element funerärer Kultur aber durch die sogenannten Dienerfiguren aktiviert. Diese Statuetten bilden Personen ab, die mit versorgenden und rituellen Handlungen im Rahmen des funerären Kultes beschäftigt sind. Es ist davon auszugehen, daß zumindest in der 4. und noch 5. Dynastie tendenziell konkrete Personen abgebildet werden, die zum Haushalt des Grabherrn zählen. Durch die "Inszenierung" der Aufstellung der Dienerfiguren in einem Statuendepot wird der Index der "Nähe" aktiviert. Auf diese Weise bilden die Dienerfiguren eine Institution ab, die über die Kernfamilie hinausgeht und den "Haushalt" beschreibt.

Aus diesen Statuen, die konkrete Personen bei einer konkreten Festdurchführung darstellen, werden in der 5. Dynastie selbstwirksame magische Objekte und Modelle entwickelt, die dem Toten eine dauerhafte Versorgung unabhängig vom realen Kultvollzug sichern sollen. Diese Modellfiguren haben keinen Bezug zu konkreten Institutionen und den sie konstituierenden Individuen mehr, sondern bilden ideale Versorgungsmetaphern, unter Einbeziehung der Herstellung von Lebensmitteln. Diese magisch wirksamen Objekte werden am Ende des AR zusammen mit ähnlichen Installationen, die sich aus der Miniaturisierung realer Installationen entwickelt haben (Boote, der Sarg als Miniaturisierung der gesamten Kultanlage) in den Bestattungstrakt übernommen.

7. In der ersten Hälfte der 4. Dynastie gab es das Bemühen, die genaue Beschreibung der abgebildeten Person auch auf die Individualität der Erscheinung auszudehnen. Statuen werden in Lebensgröße und mit individuellen Zügen versehen gestaltet. Dasselbe Bemühen des Erhaltes der Individualität spielte offenbar ebenfalls eine Rolle, als man in stärkerem Maße begann, die Leiche als der eigentlichen Manifestation des Toten als eine erfaßbare Person zu gestalten (Gipsmasken, Gipsüberzüge, Leinenmumien). In diesem Zusammenhang treten kurzfristig die sogenannten Ersatzköpfe auf, die individuelle Züge tragen und mit der Leiche in der Sargkammer vermauert werden. Aus den erkennbaren Spuren einer rituellen Nutzung ist zu schließen, daß an diesen Köpfen Zeremonien im Zeitraum der Bestattung vollzogen wurden.

Ebenfalls eine gewisse Ähnlichkeit zu den Ersatzköpfen besitzen drei Belege für Büsten, von denen zwei aber aus dem späten AR stammen. Analog zu jüngeren Belegen von Büsten ist eventuell anzunehmen, daß derartige Objekte auch im AR schon im häuslichen Ahnenkult verwendet wurden.

24.2.3 Ort und Funktion

1. Die Aufstellung von Statuen ist relativ uneinheitlich, was u.a. auf Unterschiede bei den ökonomischen Potenzen der verschiedenen Grabherren der Residenz zurückzuführen ist. In Klein- und Mittelanlagen hat ein Depot gewöhnlich die Aufgabe, alle Statuen der Anlage aufzunehmen. Durch die "Inszenierung" der Aufstellung in solchen Depots ist es möglich, Bezüge zu den


462

Kulteinrichtungen der Anlage, zwischen den verschiedenen Statuen eines Grabherrn bzw. den Statuen verschiedener Personen herzustellen. In der Regel sind diese Depots aber nur mit wenigen Statuen bestückt.

2. Anhand größerer Anlagen, besonders denen der Elite, lassen sich verschiedene Plätze der Statuenaufstellung und damit auch des Kultes unter Einbeziehung von Statuen feststellen. Aus dem Serdab bei der südlichen Scheintür wird in der 4. Dynastie kurzzeitig ein West-Serdab mit einer tendenziell lebensgroßen Statue des Toten entwickelt. Solche mit der Scheintür verbundenen Serdabe treten auch im folgenden selten auf (Serdabtyp A). Sie beinhalten meist nur eine Statue pro bestatteter Person; tendenziell wird die Sitzfigur bevorzugt.

Aus der Statuenaufstellung fern der Scheintür werden am Ende der 4. Dynastie große offene Statuenhäuser und dann verschlossene Serdabe mit Bezug zu den Statuenhäusern (Andeutung von Türen) entwickelt (Serdabtyp B). Diese Serdabe enthalten alle möglichen Formen von Statuen, sowohl in "symbolischer" als auch "analytischer" Vervielfältigung. Tendenziell überwiegt dabei die Standfigur und deren Ableitungen.

Ab Mitte der 5. Dynastie wird der Unterschied zwischen den beiden Serdabtypen verwischt; an beiden Kultplätzen können sich Depots vom Typ B mit einer möglichst großen Anzahl von Statuen befinden, unter Einbeziehung von Dienerfiguren.

3. Von den Serdaben und Statuenhäusern unabhängig sind Statuen in Schreinen zu sehen, die seit der späten 4. Dynastie belegt sind. Dabei sind in Giza zwei Typen von Schreinfiguren zu unterscheiden, die "äußere" Schreinfigur, die den Statuentyp der Standfigur mit Vorbauschurz übernimmt, und die "innere" Schreinfigur als traditionelle Standfigur. Es ist wahrscheinlich, daß beide Schreinfiguren ihren Ursprung in den zwei identischen, "symbolisch" vervielfältigten Standfiguren haben, die seit der 3. Dynastie im scheintürfernen Kultbereich auftreten können. In der 4. Dynastie wurden diese "analytisch" interpretiert, schließlich zu zwei Statuentypen formalisiert und wenigstens in Giza mit zwei verschiedenen kultischen Installationen verbunden. Die "äußere" Schreinfigur ist mit solchen Installationen verbunden, die mit dem Verlassen der Grabanlage und der Wirksamkeit im Diesseits zusammenhängen (Zugang zur Anlage, Position "oben"). Die "innere" Schreinfigur ist dagegen dem Kult in der funerären Anlage, aber unabhängig vom Versorgungskult an der südlichen Scheintür zuzuordnen.

Die Unterscheidung in zwei Schreinfiguren ist nur in Giza in der späten 4. und frühen 5. Dynastie möglich. Im folgenden wird die "innere" Schreinfigur offenbar durch die Statuen des Serdabtyps B ersetzt. Außerdem ist zu beobachten, daß die südliche Scheintür seit der Mitte der 5. Dynastie die Gestalt eines Schreins erhält (Hohlkehle und Rundstab). Diese Entwicklung geht mit einer zunehmenden Trennung von Kultanlage und Grablege einher, so daß die südliche Scheintür weniger als der Durchgang zum Toten im Grab verstanden wird, als der Ort der Anwesenheit des Toten beim Kult in der Grabanlage, was Serdabtyp A bzw. "innere" Schreinfigur in früheren


463

Perioden vermittelten.

4. Daneben gibt es frei aufgestellte Statuen, deren Funktionszuweisung jeweils nur am konkreten Fall erfolgen kann. Außerdem ist darauf zu verweisen, daß möglicherweise in einigen Nischen im "äußeren" Kultbereich bzw. dem Umfeld der Nord-Kultstelle nicht Statuen des Grabherrn aufgestellt waren, sondern hier fest installierte oder nur temporär anwesende Statuen von Ahnen standen, die im Zuge größerer Feste deren Teilnahme am funerären Kult affirmierten.

5. Sowohl bei "Inszenierung" in Depots, als auch bei der Aufstellung von Statuen in Statuenräumen und anderen Installationen lassen sich bestimmte Richtungsbezüge immer wieder beobachten. Es sind dies die Ausrichtung von West nach Ost und die Ausrichtung von Süd nach Nord. Beide Richtungsbezüge lassen sich anhand der Grundrisse von Serdaben und Statuenplätzen bereits in der 3. Dynastie beobachten. In der frühen 4. Dynastie wird mit der Einführung des West-Serdabes hinter der Scheintür die West-Ost-Richtung besonders betont. Im folgenden treten beide Richtungen auf, wobei die Richtungsbezüge oft nicht streng nach den Himmelsrichtungen orientiert sind, sondern auch den konkreten Richtungsbezügen entsprechen, die von der Architektur der funerären Anlage vorgegeben werden. So sind Serdabe im Bereich der südlichen Kultstelle (Serdabtyp A, dann auch Typ B) in der Regel auf die Scheintür orientiert, wobei sie sich im Westen oder Süden der Scheintür befinden. Statuendepots im "äußeren" Kultbereich (Serdabtyp B) orientieren sich auf den dort befindlichen Kultplatz (Hof) bzw. den Ausgang, es überwiegt die Südposition, aber oft ist zu erkennen, daß die Ausrichtung auf den Aus- bzw. Zugang der Grabanlage entscheidend ist. Schreinfiguren sind entweder zum Kultplatz orientiert ("innere" Schreinfigur) oder zum Ausgang der Anlage ("äußere" Schreinfigur).

6. A. Shoukry deutete die beiden wesentlichen Richtungsbezüge, offenbar beeinflußt von seinem Lehrer H. Kees, als stellaren bzw. solaren Bezug<1074>. Die angeblich ältere Nord-Süd-Ausrichtung steht demnach mit dem in den Pyramidentexten belegten Konzept in Zusammenhang, die Toten würden am nördlichen Himmel als Sterne existieren. Die von dort zum Grab heimkehrende Seele (bA) würde in der nach Norden blickenden Statue sich selbst wiedererkennen. Mit der Etablierung des Sonnenkultes in der 4. Dynastie sei der Wunsch des Toten, die aufgehende Sonne zu schauen, neben diese ältere Vorstellung getreten und so eine West-Ost-Ausrichtung eingeführt worden.

Durch die Belegung beider Ausrichtungen schon in der 3. Dynastie ist diese These fraglich. Außerdem stützt sie sich auf die erst in der späten 5. Dynastie belegte Konzeptualisierung funerärer Praxis in den Pyramidentexten, die durchaus auch als sekundäre Deutung der Vorgaben funerärer Praxis, auch der traditionellen Richtungsbezüge, interpretiert werden kann. Die beiden grundsätzlichen Ausrichtungen der Statuen spiegeln m.E. eher zwei ideale Bewegungsrichtungen


464

im funerären Bereich. Die West-Ost-Richtung ist die Ausrichtung des Toten, der in seinem Grab liegend zur Welt der Lebenden schaut. Diese Ausrichtung ist duch die Lage des memphitischen Friedhofes am Rand der westlichen Wüste vorgegeben und muß nicht primär mit solaren Vorstellungen zusammenhängen, wobei ein solcher Zusammenhang aber auch nicht auszuschließen ist. Die so abgebildete Bewegungsrichtung ist die der Kommunikation der Toten mit den Lebenden, zwischen dem auch sprachlich als jmn.t "Westen" konzeptualisierten Bereich der Toten und der durch geographische Bezeichnungen wie tA mHw "Unterägypten" und Sma.w "Oberägypten" charakterisierten Welt der Lebenden.

Die zweite Bewegungsrichtung ist weniger generell auf die Süd-Nord-Richtung festgelegt, sondern kann auch umgekehrt als Nord-Süd-Richtung umgesetzt werden. Wesentlich ist vor allem die Bewegungsrichtung quer zur West-Ost-Richtung. Diese zweite Richtung kennzeichnet in der funerären Anlage die Bewegung im liminalen Raum, dem Übergangsbereich zwischen der Welt der Toten und der Welt der Lebenden. Tendenziell ist der Tote im Süden plaziert, dem Bereich der Grabanlage, in dem sich häufig die Sargkammer befindet, die über einen Schacht nach Norden verlassen wird. Der Ursprung dieser Vorstellung wird in der Konvention des Grabbaus seit der 2. Dynastie liegen, den Zugang zum Grab von Norden anzulegen. Möglich ist auch, daß die Flußrichtung des Nils von Süd nach Nord dabei eine Rolle spielt, die sozusagen die "natürliche" Bewegungsrichtung des "Herauskommens" umsetzt. Es ist festzustellen, daß diese quer zur West-Ost-Richtung liegende Ausrichtung bei Statuenaufstellung in der funerären Anlage überwiegt, was auch logisch ist, da die Grabstatuen vor allem dem Kult im liminalen Bereich dienen. Nur ganz bestimmte Statuen, so die Statue im West-Serdab und die "äußere" Schreinfigur, setzen tendenziell die Bewegung "in das Diesseits" um.

7. Aus den Aufstellungsorten läßt sich erschließen, daß Statuen im Zusammenhang verschiedener Kulthandlungen verwendet wurden. An der südlichen Scheintürkultstelle sind Statuen als ein Medium aufzufassen, das die Anwesenheit des Toten bei den Opferhandlungen vermitteln soll. Das geschieht ursprünglich über das der Speisetischtafel entlehnte Bild der Sitzfigur, mit der generellen Zunahme der Statuennutzung und der Statuentypen kann aber jedes andere Rundbild die Anwesenheit des Toten bei diesem Kult vermitteln. Der Verschluß der Statue in einem Serdab symbolisiert die nur bedingte Zugänglichkeit des Toten, der ruhend in seinem Grab verweilt.

Statuen im "äußeren" Kultbereich, unabhängig von der südlichen Scheintürkultstelle, waren wenigstens zum Teil offen aufgestellt und vermittelten so die tatsächliche Anwesenheit des Toten. Dabei spielt offenbar die Präsentation möglichst vieler Aspekte eine Rolle, denn an diesem Ort treten die neuen Statuentypen und die "symbolische" Vervielfältigung in Statuenhäusern zuerst auf. Die "innere" Schreinfigur scheint beim Kult in diesem Bereich ebenfalls eine Rolle gespielt zu haben und eventuell die Statuen weiterer Ahnen. Seit der 5. Dynastie werden auch hier Depots selbstwirksamer Statuen angelegt.

Die "äußere" Schreinfigur ist in Zusammenhängen belegt, die einen Bezug zum Verlassen des


465

Grabes, zum Heraufsteigen auf das Mastabadach u.ä. zulassen. Bei beiden Schreinfiguren kann auch der besondere Charakter des Schreines, der geöffnet wird und die Statue "herausläßt", als ein Indiz dafür herangezogen werden, daß es um die Vermittlung einer Vorstellung vom Toten geht, der sein Grab verläßt und unter den Lebenden bzw. im Diesseits weilt.

8. Anhand der Flachbildbelege kann zudem darauf geschlossen werden, daß Statuen nicht nur als ortsfeste Installationen (Serdab, fester Schrein) sondern auch als transportable Objekte genutzt wurden. Dabei können Statuen in Schreinen, aber auch freistehende Statuen beim Transport gezeigt werden. Eine Deutung von Flachbildern als Darstellung des Kultes unter Einbeziehung von Statuen ist in der Regel problematisch, da prinzipiell der Grabherr als "lebender Toter" und nicht das seine Anwesenheit vermittelnde Medium abgebildet wird. Zumindest legen die Flachbilder die Vermittlung der Anwesenheit des Grabherrn bei kultischen Zusammenhängen des Speiseopfers an der südlichen Kultstelle (= Serdatyp A), bei Festen der funerären Praxis (= Serdabtyp B, "innere" Schreinfigur?) und auch in Bereichen unabhängig von der funerären Anlage, der Lebenswelt der Nachkommen oder auch beim Götterkult, nahe ("äußere" Schreinfigur?, Prozessionstatuen?).

9. Seit der späten 4. Dynastie hat eine Statue in einem Schrein eine Rolle bei den Zeremonien des Bestattungsrituals gespielt. Vorläufer dieser Statue sind möglicherweise die Ersatzköpfe. Im Gegensatz zu diesen wurde die Bestattungsstatue aber nicht mit in die Sargkammer überführt, sondern verbleibt offenbar im Kultbereich der funerären Anlage (als Schreinfigur?).

Die rituelle Behandlung dieser Statue wurde schrittweise auf die Behandlung der Leiche übertragen, so daß die Zeremonien des Statuenrituals während der Bestattung aus dem AR im MR und frühen NR als Zeremonien der Bestattung an der Mumie belegt sind. Daneben gibt es aus der frühen 6. Dynastie Darstellungen eines Bestattungsrituals an der Leiche, das so nicht über das Ende des AR hinaus tradiert wird.

10. Seit der zweiten Hälfte der 5. Dynastie wird der selbstwirksame Charakter von Bild und Text immer stärker betont. Diese Tendenz bewirkt die Komposition größerer Ensembles von Statuen und auch von Beigaben (Boote) in Depots, die unabhängig von bestimmten Kultinstallationen auftreten. Im Zusammenhang damit wird der Sargkammer als dem eigentlichen Aufenthaltsort des Toten größere Aufmerksamkeit geschenkt. Die Statuendepots werden diesem Bereich angeschlossen, zuerst durch die Plazierung im Bereich des Grabschachtes, dann durch die Unterbringung in der Sargkammer selbst.

Der eigentliche Kultbereich an der südlichen Kultstelle bleibt aber erhalten, wobei unsicher ist, ob die Anwesenheit des Toten hier allein durch die nun übliche Kombination von Schrein und Scheintür vermittelt wird, oder ob es weiterhin Statuen in Serdaben gab, wofür einige Belege sprechen.

11. Es läßt sich beobachten, daß es neben Unterschieden in der Statuennutzung, die auf soziale und ökonomische Unterschiede zurückzuführen sind, auch lokale Differenzen zwischen den beiden


466

großen Friedhöfen Giza und Saqqara gibt. Solche Unterschiede sind im Bereich der Statuennutzung vor allem in der Zeit des Übergangs von der 4. zur 5. Dynastie und wieder beim Übergang von der 5. zur 6. Dynastie auszumachen. So treten die großen Statuenensembles und bestimmte neue Statuentypen am Ende der 4. Dynastie offenbar zuerst in Giza auf, während in Saqqara Übergangsformen, z.B. bei der Handhaltung der Sitzfigur, und das Nachleben älterer Konventionen der Statuenaufstellung (ohne Serdab) auftreten. Beim Übergang zur 6. Dynastie werden beim Ausbau der Sargkammer in Giza zeitweise andere Wege gegangen als in Saqqara. Solche Differenzen, für die es im Flachbild noch weitere Indizien gibt<1075>, sind auf unterschiedliche handwerkliche Traditionen, eine sozialökonomisch verschieden Belegung der Friedhöfe, aber auch auf Unterschiede des funerären Brauchtums zurückzuführen.

24.3 Konzeptualisierung der Grabstatue im AR

1. Die Bezeichnung, durch die ein Objekt im Rahmen der kollektiven Kommunikation einer Gruppe bestimmt wird, gibt oft zugleich eine Beschreibung der wesentlichen Eigenschaften oder des besonderen Charakters dieses Objektes. Im Rahmen der Kommunikation ist durch diese allen verständliche Bezeichnung das Objekt mehr oder weniger eindeutig festgehalten, und zwar meist nicht nur in seiner stofflichen (oder auch nichtstofflichen) Existenzform (z.B. Stein, Nichtstofflich), sondern darüber hinaus werden besondere Eigenschaften o.ä. in die Benennung aufgenommen (z.B. Rundbild, Ax = "wirksamer Ahn").

Die Benennung als ein Akt praktischen Handelns führt das Objekt unter den spezifischen Kriterien, die sich in der Benennung widerspiegeln, in die soziale Kommunikation ein. Der Akt der Benennung stellt die Konzeptualisierung des Objektes dar, die "Nachschöpfung" des real vorhandenen (z.B. steinernes Rundbild) oder auch eine "Erschaffung" des nur vorgestellten (z.B. nichtstofflicher Ahn) Objektes auf der Ebene der sozialen Kommunikation. Ohne Benennung ist ein Objekt in der Sphäre sozialer Praxis inexistent<1076>. Die Konzeptualisierung von Phänomenen produziert selbst wiederum Phänomene (z.B. Seelenformen), die eine Eigenbewegung im Rahmen sozialer Praxis erleben usw.

2. Das Phänomen der Konzeptualisierung soll hier nicht weiter verfolgt werden. Es soll nur kurz auf die Frage eingegangen werden, wie in der Residenz des AR das Phänomen Grabstatue aus innerkultureller, emischer Perspektive charakterisiert wurde. Die altägyptischen Bezeichnungen für Statuen überhaupt und die für die Grabstatue im AR im speziellen sind bereits ausführlich diskutiert


467

worden, so daß sich im folgenden auf die entsprechenden Vorarbeiten gestützt werden kann<1077>.

3. Statuen selbst sind gewöhnlich mit Titel und Name der Person beschriftet, die in ihnen abgebildet wird<1078>. Ein Bezug zum Objekt selbst findet sich in der Regel nicht. Vielmehr wird die Einheit von Abbild und Abgebildetem suggeriert. Anhand der ikonographischen Indizierung wird die Abbildung aber auf bestimmte Eigenschaften des Abgebildeten reduziert bzw. diese spezifischen Eigenschaften werden der Funktion des Abbildes entsprechend besonders betont. Eine Beschreibung der Funktion einer Grabstatue des AR durch eine darauf angebrachte Inschrift gibt es, mit einer möglichen Ausnahme (Szp anx s.u.), nicht<1079>.

4. Im Flachbild werden Statuen in einigen Fällen unter dem Aspekt des Objektes "Statue" abgebildet. Der besondere Rahmen dieser Abbildungen wurde bereits diskutiert; es sind in der Regel Darstellungen der Herstellung von Statuen und solcher von deren Transport ins Grab. Es wird in diesem Fall - und nur in diesem Fall - eine Qualität beschrieben, die dem Objekt eigen ist. Diese Qualität wird als twt bezeichnet. M. Eaton-Krauss konnte zudem zeigen, daß wahrscheinlich auch schon die Bezeichnung rpw.t für Statuen von Frauen im AR auftritt<1080>. Die Bezeichnung twt wird gelegentlich durch eine Angabe des Materials und auch der Größe spezifiziert<1081>.

Das Substantiv twt ist eine Nominalbildung der Wurzel twt, die ganz allgemein "gleich / ähnlich", auch "zusammen / vollständig" (="*einander gleich"?) etc. bedeutet. Wahrscheinlich ist auch die Bedeutung "schön / vollkommen" (="*von gleichmäßiger Beschaffenheit"?) der Grundbedeutung dieses Wortstammes zuzuordnen. Das Substantiv twt bezeichnet also wohl "ein Gleiches", in übertragenem Sinne "Abbild"<1082>. Das Wort ist vor allem für rundplastische Objekte üblich, kann aber auch für Abbildungen im Flachbild benutzt werden<1083>. Daß die Beleglage für die Bezeichnung


468

twt für Flachbilder nur gering ist, wird u.a. daran liegen, daß die Herstellung bzw. der Transport oder die Einweihung von Flachbildern, d.h. die Momente, in denen die Qualität twt noch eine Rolle spielt und also schriftlich festgehalten wird, so gut wie nie abgebildet ist, im Gegensatz zur Statuenherstellung. Es ist aber auch ein Indiz dafür, daß dem Rundbild die Qualität twt "Abbild" in besonderer Weise zukommt.

5. Faßt man zusammen, so ist in solchen Belegen, in denen Statuen als solche auch beschrieben werden, die Qualität "Abbild" der Begriff, der im Altägyptischen das Konzept der Statue erfaßt. Grabstatuen sind Abbilder, die von einer namentlich benannten Entität existieren. Jede weitere Qualität, z.B. das Material oder die Größe, werden dieser Bezeichnung hinzugefügt.

6. Es gibt nur zwei Belege für Flachbilddarstellungen von Statuen mit Textvermerken und eine Textstelle, die auf die Funktion einer Statue zu beziehen sind. Auch diese Belege sind bereits ausführlich behandelt worden<1084>. Es handelt sich um die Bezeichnungen twt r anx <1085>, twt n Szp r anx<1086> und Szp r anx<1087>. Diese Zusätze treten im Flachbild in zwei der seltenen, in der frühen 6. Dynastie belegten Szenen auf, die nicht mehr die Herstellung oder den Transport der Statue zeigen, sondern deren Verwendung im Kult<1088>. Dieser Aspekt liegt auch der Darstellung bei mTn zugrunde, die den dickleibigen Grabherrn im Zelt zeigt, mit der wohl als Ssp anx zu lesenden Inschrift unter dem Stuhl<1089>. Im Gegensatz zu den Material- und Größenangaben, die den technischem, monumentalen Index der Qualität "Statue" hervorheben, werden hier Eigenschaften beschrieben, die mit der Funktion der Statue im Kult zusammenhängen. Daher ist es unwahrscheinlich, die Bezeichnung twt (n Szp) r anx mit H. Junker als "lebensechte (= naturalistische) Statue" zu übersetzen, sondern die von H. G. Fischer vorgeschlagene Lesung "Statue, um Leben zu empfangen" ist dem Rahmen der Affirmation eher angemessen. Liest man die Inschrift bei mTn als die Bezeichnung einer Zeremonie, dem pr.t-xrw, wp.t-r oder sAx.t in derselben und ähnlichen Szenen in diesem Grab vergleichbar, so handelt es sich hier um die Beschreibung der Zeremonie des "Leben-Empfangen" (wie "Herauskommen der Stimme", "Öffnen des Mundes", "Wirksam-machen") bzw. im Text der dbH.n-Inschrift um die Nennung der "Statue (für die Zeremonie) des Empfangens um zu Leben"<1090>. Der Darstellung bei mTn nach zu urteilen, gehört diese Zeremonie zum Festritual, bei dem der als anwesend abgebildete Grabherr in einem Zelt oder Baldachin sitzt und ein Speiseofer (pr.t-xrw) erhält. Gemäß der oben erfolgten


469

Interpretation stellt die Dickleibigkeit ein Element solcher Statuen dar, die den Grabherrn als "anwesend" charakterisieren, was im Rahmen der Zeremonie des Szp anx durchaus sinnvoll ist. Die dabei in den beiden Belegen aus der frühen 6. Dynastie im Flachbild dargestellte Statue trägt diesen Index weniger als einen Bezug zum Naturalismus (r anx als "nach dem Leben" übersetzt) als zur "Anwesenheit" bzw. zur Kennzeichnung des Statuentyp Standfigur mit Vorbauschurz, der in dieser Zeremonie (Szp r anx "(Zeremonie:) Empfangen (eines Opfers) um zu Leben") wohl Verwendung fand. Daß in der 6. Dynastie die Abbildung einer mit dem ikonographischen Index "Dickleibigkeit" versehene Statue im Flachbild keinen Bezug zu einer naturalistischen Gestaltung des Rundbildes hat, wie die Übersetzung „nach dem Leben“ voraussetzt, sondern eine ikonographische Metapher ist, hat Junker selbst festgestellt<1091>.

Weniger klar ist der Fall in der Beschriftung der Sitzfigur des anx-jr=s: jtj mit der Formulierung swt Szp anx nach dem Titel und Namen des Grabherrn auf der Vorderkante der Basis<1092>. Die Statue trägt die für Männer ungewöhnliche Strähnenperücke, die über die Schultern fällt, ist also auch unter dem Aspekt des Statuentyps ein Sonderfall, der nicht systematisch geklärt werden kann. Den Angaben A. Mariettes nach befand sie sich mit einer Anzahl von Dienerfiguren in einem (begehbaren?) Depot im Hof der Mastaba D 63 (siehe 12.15), jedoch sind alle vorliegenden Angaben für eine Interpretation nicht ausreichend.

Ebenfalls offen muß die Bedeutung der nur einmal belegte Bezeichnung rpw.t bleiben<1093>.

7. Zuletzt sei noch auf die These eingegangen, eine Statue, bestimmte Statuentypen oder alle Statuen stellen den kA der abgebildeten Person dar. Diese schon sehr alte und weit verbreitete Ansicht speist sich aus mehreren, sehr heterogenen Quellen<1094>. Im Beleg der Statuen selbst gibt es nur wenige Bezüge zum kA. So wurde im Grab des Königs Aw-jb-ra Hor aus der 13. Dynastie neben der Bestattung der Mumie die ebenso hergerichtete Bestattung einer Statue gefunden, die den kA des Königs abbildet<1095>. Es ist bei diesem Beleg festzuhalten, daß die Statue durch die entsprechende Ikonographie eindeutig als königlicher kA bezeichnet ist.

Aus dem AR gibt es in Giza am Grab des ra-wr I. eine Inschrift, die sich über dem Sehschlitz des


470

Statuenhauses befindet<1096>. In ihr wird der Begriff Hw.t-kA genannt, den H. Junker als Bezeichnung des Statuenhauses auffaßt<1097>. Mit dieser Ansicht hat sich bereits A. Blackman auseinandergesetzt und auf eine Inschrift im Grab des ppj-anx in Meir verwiesen<1098>. Dort werden Statuen als für das pr-twt bestimmt beschrieben<1099>. Während pr-twt problemlos als "Statuenhaus" übersetzt werden kann und nur in diesem Zusammenhang belegt ist, ist die Bezeichnung Hw.t-kA weitaus komplexer<1100>. Sie bezieht sich neben dem Grabbau oder einer Einrichtung beim Grabbau auch auf sogenannte Totenstiftungen in den Güteraufzügen der Flachbilddekoration und seit dem Ende des AR sind textlich und archäologisch Kapellen von Königen und nichtköniglichen Personen belegt, die sich fern der Grabstelle, in der Regel bei Tempeln befinden und die Bezeichnung Hw.t-kA tragen. Entsprechende Dekrete beschreiben die Einrichtung solcher Anlagen als Institution<1101>. Insofern ist Hw.t-kA nur als ein Name für "Statuenhaus" zu eng gefaßt, vielmehr beschreibt der Begriff eine Institution (Hw.t), die dem kA einer bestimmten Person gewidmet ist. So ist auch bei ra-wr I. die Bezeichnung Hw.t-kA weniger auf das Statuenhaus, als vielmehr auf die funeräre Anlage insgesamt zu beziehen<1102>.

8. Die übrigen Argumente für die Interpretation der Statue als Abbild oder sogar Manifestation des kA entstammen Textbelegen, die nicht mit Statuen in Verbindung stehen. Das Wort kA spielt eine Rolle bei der Konzeptualisierung von Wesenseigenschaften des lebenden Königs, der einen kA besitzt, und von (meist toten) Menschen<1103>. Im AR ist der kA des nichtköniglichen Individuums jedoch nur selten Gegenstand der Textaffirmation, erst seit dem MR wird z.B. das Opfer der


471

Opferformel "für den kA" des Toten ausgesprochen, während im AR nur Name und Titel den Toten charakterisieren<1104>. Häufiger wird von den kA.w im Plural gesprochen, meist in unmittelbarem Zusammenhang mit den Vätern und Ahnen einer Person.

9. Im Zuge des Bemühens, den emischen Begriff kA zu verstehen, wurden immer wieder die Abbilder einer Person in die Überlegungen miteinbezogen. Es muß aber betont werden, daß bei der Deutung der Grabstatue als kA-Statue nicht etwa die häufige Bezugnahme der ägyptischen Quellen auf die Statue in solchen Zusammenhängen, in denen der Begriff kA eine Rolle spielt, zugrundegelegt wurde. Vielmehr wurden die wenigen Bezüge zwischen kA und Statue, die eben besprochen wurden, mit Überlegungen der Ägyptologen zur Konzeptualisierung eines menschlichen "Doppels" verbunden, das durch den Begriff kA ausgedrückt zu sein scheint<1105>.

Eine Deutung des Begriffs kA soll hier nicht erfolgen<1106>. Soweit erkennbar, beschreibt der Begriff eine Eigenschaft, die Einzelpersonen oder Gruppen von Personen zukommt, und die in einigen Fällen auch als ein Bild mit den Schriftzeichen der erhobenen Arme bzw. eines Menschen mit diesem Zeichen auf dem Kopf in visueller Weise konzeptualisiert wird. Den Belegen nach ist dieser Begriff aber von der Statue oder sonstigen bildlichen Darstellungen primär völlig unabhängig, und darauf hat bereits G. Steindorff verwiesen<1107>.

Wie für jedes andere Phänomen auch wurden in der ägyptischen Kultur formale Möglichkeiten des Ausdrucks in Text und Bild dazu genutzt, Konzepte zu visualisieren. So sind einige wenige Belege bekannt, die einen kA tatsächlich im Rund- und Flachbild darstellen, jedoch meines Wissens nur im königlichen Bereich<1108>. Der Begriff des kA spielt zwar auch in der Konzeptualisierung des Todes nichtköniglicher Personen eine Rolle, wird aber im AR nicht in besonderer Weise bildlich affirmiert<1109>. Die mit dem kA gelegentlich in Zusammenhang gebrachten Statuentypen - Pseudo-


472

Gruppe<1110> und Nacktfigur<1111> - tragen keinerlei ikonographische Indizes, die auf den kA deuten, der schon im AR als solcher durch das Schriftzeichen Gardiner D 28 (erhobene Arme) charakterisiert ist. Auch die Interpretation aller Statuen (und Abbilder) des Toten als Bilder des kA, wie von A. O. Bolshakov neuerdings in Weiterentwicklung der Vorstellungen von Maspero und Junker vorgeschlagen<1112>, ist sehr unwahrscheinlich, da diese regelmäßig nur durch den Begriff twt bezeichnet werden.

10. Zusammenfassend soll festgehalten werden, daß die Grabstatue im AR als ein Abbild des Dargestellten aufgefaßt wurde. Das man sich der Realität des Objektes "Statue" dabei durchaus bewußt ist, dieses aber ebenso bewußt als Abbild des Grabherrn (und nicht des kA oder ähnlicher Erscheinungsformen) im Rahmen liminaler Situationen auffaßt, belegen zwei Inschriften an Serdabschlitzen: Bei mTn ist unter dem Serdabschlitz die Inschrift n twt "für die Statue / das Abbild" geschrieben<1113>. In einem vergleichbaren Zusammenhang sind bei Tjj zwei räuchernde Männer neben dem Serdabschlitz abgebildet, wobei die Inschrift kAp snTr n Tjj "Weihrauch verbrennen für Tjj" lautet<1114>. Im Sinne der sympathischen Magie (Gleiches vertritt Gleiches) kann das Abbild (twt = "das Gleiche") den Abgebildeten in bestimmten Zusammenhängen vertreten. Diese Zusammenhänge sind gewöhnlich kultischer Art, d.h. es muß eine liminale Situationen erzeugt (Räuchern) und rituelle, mit besonderen Bedeutungen indizierte Handlungen in Anwesenheit des Abbildes oder auch am Abbild selbst durchgeführt werden. Unter den spezifischen Bedingungen der liminalen Situation vertritt das Abbild den Grabherrn (hier: Tjj). Eine genauere Funktionszuweisung, etwa "Prozessionsstatue", "Opferempfänger", "Abbild des kA" o.ä. liegt dem Konzept twt nicht zugrunde, sondern wird gegebenenfalls durch ikonographischen Indizierung oder durch Beischriften (r Szp anx) spezifiziert.


Fußnoten:

<1067>

Shoukry 1951: 6-8, 312

<1068>

Ranke 1935: 52

<1069>

Shoukry 1951: 297-300

<1070>

Eaton-Krauss 1984: 76

<1071>

Die Ursache dieser Konzeptualisierung des "guten Todes" als Erhalt des Körpers wird in den klimatischen Bedingungen Ägyptens liegen, unter denen eine Wüstenbestattung zum Erhalt des Körpers in seiner äußeren Form führt und eine Zerstörung des Körpers nur durch nachträgliche,"böse" Einwirkung geschieht. Siehe dazu Fitzenreiter 1998.a.

<1072>

Davon auszunehmen sind die Erstazköpfe und Büsten. Ersatzköpfe können als Teile einer Installation gedeutet werden, die im Bestattungszeitraum der Behandlung des Verstorbenen dienen und zuletzt genau deshalb mit ihm bestattet werden, um die Vollständigkeit wiederherzustellen. Büsten entstammen eventuell einem Kontext, der dem Ahnenkult fern der Grabstelle dient. In diesem Zusammenhang ist die Vollständigkeit des Körpers nicht zwangsläufig notwendig, da sie vor allem im Grab eine Rolle spielt.

<1073>

Wood 1977: 65; Wildung 1983: 33

<1074>

Shoukry 1951: 303-308; zur solaren und stellaren Deutung der funerären Bezüge siehe Kees 1956: 59-66.

<1075>

Z. B. die Beobachtung von Harpur 1987: 80, daß die Geste des Überreichens des Papyrus in der Fest-Ikone nur in Giza auftritt.

<1076>

"5.6 Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." (Wittgenstein 1969: 64).

<1077>

Siehe Shoukry 1951: 188f; Fischer 1963: 24-28, Eaton-Krauss 1984: 77-88; Ockinga 1984: 3-35; Schulz 1992: 700-720 und die weitere dort diskutierte Literatur.

<1078>

Shoukry 1951: 93-98; Fischer 1963: 24

<1079>

Ein Sonderfall ist die Beschriftung der Statue mit der Opferformel, die besonders bei Schreiberfiguren gebräuchlich ist. Die Opferformel, gewöhnlich nur die pr.t-xrw-Bitte, ist in diesem Fall als eine Funktionsbeschreibung zu verstehen, durch die die Statue als Opferempfänger charakterisiert wird, vergleichbar der Beschriftung der Opferstellen mit dieser Formel. Dabei ist bei Schreiberfiguren die Opferformel charakteristischer Weise meist zum Schreiber gerichtet und wird von ihm selbst verlesen (siehe Kap. 7.1.), was ein Element der Selbstwirksamkeit ist. Der zur Residenzbevölkerung gehörige Tote ist so als schriftkundig affirmiert und daher in der Lage, die mit priveligierten kulturellen Installationen versehene Versorgungsanlage seines Grabes überhaupt zu nutzen, er ist zur Kommunikation qualifiziert. Prinzipiell handelt es sich bei der Beschriftung der Schreiberfigur also vor allem um eine Beschreibung der Person ("Angehöriger der Institution Residenz, dem ein regelmäßiges Speiseopfer schriftlich verbrieft ist und der die priveligierten kulturellen Ausdrucksformen der Residenz beherrscht"), weniger um eine Beschreibung der Funktion der Statue.

<1080>

Eaton-Krauss 1984: 84

<1081>

Eaton-Krauss 1984: 42

<1082>

WB V: 255-260; Eaton-Krauss 1984: 77; Ockinga 1984: 3, 5; Schulz 1992: 700f

<1083>

WB V: 256.8-12

<1084>

Junker 1951; Fischer 1963: 24-28; Eaton-Krauss 1984: 85-88; Ockinga 1984: 33-35; Schulz 1992: 701f; Bolshakov 1997: 234

<1085>

Relief aus der Anlage des sSm-nfr IV (Junker Giza XI: Abb. 89, Taf, XXIII.a.b).

<1086>

Inschrift aus dem Grab des dbH.n (Hassan Giza IV: fig. 118; Urk. I: 20.9).

<1087>

Relief des smnXw-ptH: jtwS (Smith 1946: pl. 48.a; New York 1999: Nr. 145. 397).

<1088>

Eaton-Krauss 1984: Cat. No.134-137

<1089>

LD II: 6; Staehelin 1966:190

<1090>

Eaton-Krauss 1984: 87

<1091>

Junker 1947: 180f

<1092>

Fischer 1963: 24-28

<1093>

Das Wort rpw.t für eine weibliche Statue ist in der Residenz im AR bisher nur ein mal im Flachbild bei einer Szene des Statuentransports im Grab der Prinzessin jdw.t belegt, siehe Eaton-Krauss 1984: 84f; Schulz 1992: 702f. Dekret Abydos III (Goedicke 1967: 81-86) enthält Regulierungen für Statuen der Königsfamilie im Tempel des Chontamenti, wobei die für Männer als twt, die für Frauen als rp.t bezeichnet werden. Die Deutung, daß es sich bei rp(w).t wenigstens im AR um eine Sonderform (königlicher?) weiblicher Statuen - Tempel- oder Prozessionsstatue - handelt, ist wahrscheinlich. Damit würde der Begriff ebenfalls eine Funktionsbeschreibung umfassen.

<1094>

Zuerst wurde sie offenbar von Maspero 1893: 48 geäußert und dann vor allem von Junker immer wieder vertreten (z.B. Junker Giza III: 115-123; Giza XI: 232f; Giza XII: 59-61). Siehe die ausführliche Forschungsgeschichte zum Begriff des kA bei Bolshakov 1997: 123-132.

<1095>

De Morgan 1894: Taf 33-35

<1096>

Junker Giza III: Abb. 11, Tf. XIII

<1097>

Junker Giza III: 119, und die dort erfolgte Diskussion der Lesung dieser Inschrift durch Moret 1914.

<1098>

Blackman 1916

<1099>

Blackman / Apted 1953: pl. XX

<1100>

Kaplony, P.: s.v. "Ka-Haus", LÄ III: 284-287

<1101>

Dekret Koptos A (Goedicke 1967: 41-54) beschreibt die Einrichtung eines Hw.t-kA für die Mutter Pepi I., wobei keine Statue erwähnt wird, sondern Regulierungen erlassen werden, die denen der Institutionen an Pyramidenanlagen (siehe z.B. das Dahschur-Dekret; op. cit.: 55-77) oder auch den Erlassen zur Einrichtung nichtköniglicher Totenstiftungen (z.B. Goedicke 1970: 44-67) entsprechen. Dekret Abydos III (Goedicke 1967: 81-86) reguliert die Versorgung von Statuen der Königsfamilie Pepi II. im Tempel des Chontamenti, wobei die Statuen von Männern als twt, die von Frauen als rp.t bezeichnet werden, mit jeweils der Nennung des Eigennamens der abgebildeten Person; hier ist keine Rede von kA oder Hw.t-kA. Dekret Koptos G (op. cit. 128-136) reguliert die Versorgung einer Statue (twt) Pepi II., ohne Erwähnung von kA und Hw.t-kA. Aus diesen Texten ist keinerlei Bezug zwischen Statue und kA herauszulesen, sondern es muß festgehalten werden, daß die Regulierungen für Statuen gerade nicht auf den kA Bezug nehmen. Vielmehr wird auf Statuen nur dann eingegangen, wenn sie Teil der Tempelausstattung sind, während die Regulierungen für ein Hw.t-kA diese Institution insgesamt betreffen.

<1102>

Blackman 1916: 254

<1103>

Es gibt Belege von Reden in Beischriften zu Flachbildern der Bestrafung von Dorfvorstehern und in der Anrede an den Prinzen in Papyrus Westcar, die darauf schließen lassen, daß auch der lebende Mensch einen kA besitzt (Bolshakov 1997: 150). Die meisten Flachbildbelege aber, die gebrachte oder hergestellte Gaben als für den kA einer Person bestimmt bezeichnen, die eventuell in der mAA-Ikone bei der Betrachtung solcher Handlungen gezeigt wird, beschreiben nachtodliche Aktivitäten des Grabherrn, und sind somit nicht auf den lebenden Grabherrn zu beziehen (Beispiele: Bolshakov 1997:148-150, der sie als Belege für den lebenden Grabherrn interpretiert).

<1104>

Steindorff 1910/11: 155; siehe Lapp 1986, der die Formulierung "n kA n TNGH" im AR nicht aufführt.

<1105>

Zuletzt wurde diese These ausführlich von Bolshakov 1997 entwickelt, der im kA ein "Doppel" des Menschen sieht (op. cit.: 152-154). Grundlage dieser Vorstellung ist seiner Ansicht nach die Widerspiegelung jedes Phänomens in Form eines geistigen Bildes, welches selbst als kA des Phänomens von den Ägyptern konzeptualisiert wurde (op. cit.: 144-147). Davon ausgehend sieht er im funerären Kult des AR vor allem einen Kult für den kA einer Person (und keinen "Totenkult"), der schon zu Lebzeiten der Person in dem Moment einsetzt, in dem das "Doppel"-Bild der Person, die Statue, in der Anlage installiert wird (op. cit.: 194-213). Das gesamte (dekorierte) Grab ist dann als eine "Doppel"-Welt zu verstehen, in der das "Doppel" der Person existiert (op.cit.: 261-281).

<1106>

Siehe Kaplony, P.: s.v. "Ka", LÄ III: 275-282 und die dort angegebene Literatur; sowie Bolshakov 1997.

<1107>

Steindorff 1910/11: 156

<1108>

Siehe die Darstellung des königlichen kA im Pyramidentempel des Sahure, die aber auf die menschliche Form verzichtet und nur das kA-Symbol mit menschlichen Armen versieht: Borchardt 1913: Bl. 17.

<1109>

Der Tote spricht von sich selbst nur als Ax (Anruf an die Lebenden; siehe Sainte Fare Garnot 1938), aber nicht als kA, wenn er sich als ein "weiterlebender Toter" konzeptualisiert. Im Gegensatz zum Substantiv Ax, das der Wurzel "wirksam" abgeleitet ist (Jansen-Winkeln 1996.b), ist kA offenbar ein emischer, feststehender Begriff ohne Ableitung (siehe aber den Versuch in Bolshakov 1997: 157-165, eine Grundbedeutung "plurality, augmentation and reproduction", op. cit.: 165 zu erschließen). Daher steht der abstrakte Wert kA auch eher dem ebenso abstrakten "Namen" rn nahe, als etwa dem ebenfalls eine Eigenschaft beschreibenden Begriff bA. Ax und bA sind Eigenschaften, die bei nichtköniglichen Personen vor allem dem Toten zukommen, während rn und kA Teile der Identität einer Person sind.

<1110>

Pseudo-Gruppe und auch bestimmte Gruppenfiguren als Darstellung des kA zuletzt von Rzepka 1996: 341-347 gedeutet, mit Diskussion der Literatur.

<1111>

Diese Möglichkeit erwägt Junker Giza VII: 42.

<1112>

Bolshakov 1997: 152 u. passim.

<1113>

LD II: 5

<1114>

Steindorff 1913: Taf. 132


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Wed May 2 13:49:56 2001