Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

Kapitel 25. Periodisierung funerärer Praxis der Residenz im Alten Reich

(Tab. 1)


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25.1 Einleitung

1. Ein Ziel der Untersuchung war es, den kulturellen Artefakt "Statue" mit sozialen Handlungen der Gesellschaft zu korrelieren. Das Spektrum kollektiver und individueller Handlungen einer Gesellschaft wird, Karl Marx und der Entwicklung des Gedankens durch Pierre Bourdieu folgend, als soziale Praxis bezeichnet<1115>. Der konkrete Fall der um den Tod und die Toten kreisenden Handlungen einer Gesellschaft ist die funeräre Praxis dieser Gesellschaft. Im Rahmen dieser Praxis werden Objekte geschaffen und verwendet, die als kultureller Ausdruck der jeweiligen konkreten Praxisformen angesehen werden können. Dazu zählen das Grab und die hergerichtete Leiche ebenso wie Objekte, die dem Toten beigegeben werden oder die im Kult Verwendung finden. Die in diesen Produkten der funerären Praxis manifeste funeräre Kultur stellt gewissermaßen die Existenzform des funerären Aspektes einer Gesellschaft dar, die funeräre Praxis dessen Bewegungsform. In der Dialektik dieser beiden Erscheinungsformen, Existenzform, die stets an die Bewegung gebunden ist, und Bewegungsform, die ohne Manifestation der Existenz nur virtuell ist, liegt die Möglichkeit begründet, über Objekte der funerären Kultur auch auf die funeräre Praxis und deren Bewegung zu schließen. Jedes kulturelle Zeugnis, als archäologischer Befund oder als Artefakt registriert, ist das Produkt der funerären Praxis. Die Bewegung der funerären Praxis selbst spiegelt sich in der Veränderung der kulturellen Objekte, die selbst wieder Veränderungen stimulieren usw.

2. Um Rückschlüsse auf die funeräre Praxis ziehen zu können, wurden in den vorangegangenen Kapiteln jeweils bestimmte kulturelle Merkmale - Installationen, Objekte, Darstellungsformen - zu Gruppen zusammengefaßt, die als temporär spezifische Erscheinungsformen der funerären Kultur gelten können. Da diese Erscheinungsformen der funerären Kultur Produkte der funerären Praxis sind, deuten sie bei einer hinreichenden Menge von Informationen auch auf die Handlungen, die die funeräre Praxis zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort auszeichnen. In diachroner Perspektive deuten die Veränderungen der kulturellen Erscheinungsformen auf Veränderungen der funerären Praxis. Besonders an den Veränderungen der funerären Objekte läßt sich zudem erkennen, welche Aspekte der funerären Praxis, welche Handlungen und welche diesen Handlungen zugrundeliegende Konzepte von besonderer Bedeutung bei der Ausformung neuer Manifestationen, neuer Existenzformen der funerären Kultur sind.

3. Schwerpunkt der Betrachtung war das kulturelle Objekt "Statue", das im funerären Bereich in der Residenz des AR eine besondere Bedeutung gewann und eine spezifische Entwicklung erlebte. Anhand der formalen Entwicklung der Statuentypen, ihrer Positionierung in der funerären Anlage und der Analyse kontextueller Quellen wie der Flachbilddekoration konnten eine Reihe von


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Perioden unterschieden werden, in denen der Gebrauch der Statue im funerären Bereich gewissen Veränderungen unterworfen war. Dabei wurde bereits festgestellt, daß sich diese periodischen Veränderungen nicht allein auf die Statue und deren Nutzung beziehen, sondern weitere kulturelle Elemente betreffen, auf die im Rahmen der Untersuchung aber nur oberflächlich eingegangen werden konnte. Im folgenden sollen die verschiedenen Merkmale zusammengestellt werden, die einer jeweiligen Periode zuzuweisen sind. Es sei festgehalten, daß diese Merkmalszusammenstellung äußerst unvollständig ist, da nur für die Betrachtung der Statuen ein hinreichender Belegkorpus zugrundeliegt, während sich die Beobachtungen bei anderen kulturellen Objekten (Grabbau, Scheintüren, Dekoration etc.) auf Stichproben bzw. Materialzusammenstellungen anderer Autoren stützen.

4. Merkmale, die auf bestimmte, in diachroner Perspektive distinkte Handlungen schließen lassen, können ein Mittel der chronologischen Fixierung eines Phänomens sein. Es ist aber falsch anzunehmen, daß bestimmte kollektive Handlungen und die durch sie geprägten kulturellen Manifestationen und deren Merkmale einer strengen zeitlichen Achse folgen. Vielmehr ist kollektiven Handlungen eine gewisse Diffusität eigen, da kollektive Handlungen die Summe individueller Handlungen sind, die jeweils in hohem Grad subjektiven, individuellen Faktoren unterliegen. Erst die Tendenz, die "vektorisierte Summe" jener individuellen Handlungen prägt den Charakter der kollektiven Handlung (Habitus), der selbst aber umgekehrt wieder jeder individuellen Handlung als zu aktivierendes Muster dient<1116>. Das bedeutet, daß innerhalb eines zeitlich und räumlich identischen Rahmens eine größere Anzahl gegenläufiger Handlungen möglich ist und entsprechend verschiedenartige kulturelle Manifestationen vorliegen. Je differenzierter die soziale Position der Handlungsträger ist, je größer der zeitliche und örtliche Rahmen und je bedeutender der jeweilige Handlungskomplex in der sozialen Praxis einer Gesellschaft ist, desto stärker divergieren konkrete Handlungsformen und deren Produkte<1117>.

Es ist daher nicht möglich, die hier aufgeführten Charakteristika als Datierungsmittel zu nutzen<1118>. Vielmehr kennzeichnen sie Gebräuche und Traditionen, die zu bestimmter Zeit unter bestimmten


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sozialen Bedingungen typisch sind, aber praktiziert werden können, während parallel dazu ganz andere Bräuche üblich sind. Insofern ist die Einteilung in Perioden vor allem als eine Zusammenfassung von solchen Merkmalen zu verstehen, die eine einheitliche Tendenz funerärer Praxis anzudeuten scheinen. In der individuellen Ausformung können sehr wohl Merkmale der einen Periode neben solchen einer anderen Periode stehen. Man hat sich die Periodisierung also als einen überlappenden Prozeß vorzustellen, wobei jene Merkmale, die bereits in chronologisch vorhergehenden funerären Anlagen auftreten, einer frühen Periode zugerechnet werden, solche Merkmale, die in chronologisch folgenden funerären Anlagen prominent sind, einer späteren. Natürlich ergibt sich so für bestimmte Merkmale auch ein gewisser chronologischer Rahmen ihres Auftretens. Die Periodisierung funerärer Praxis stellt aber nur eine relative chronologische Beziehung zwischen den Phänomenen her, eine Relation "auch vorher üblich" zu "noch nachher üblich", wobei die Relation "zugleich üblich" immer impliziert ist.

Da es nicht das Anliegen der Untersuchung ist, kulturelle Ausdrucksformen zu datieren, sondern deren Bewegung als Resultat sozialer Praxis zu beschreiben, ist die absolute Datierung in die Regierungszeit bestimmter Pharaonen nur bedingt von Interesse. Es ist aber ohne einen absoluten Zeitrahmen nicht möglich, die soziale und lokale Differenzierung funerärer Praxis auch in synchroner Perspektive zu beurteilen und mit der historischen Entwicklung zu korrelieren. Daher wird die ungefähre Einordnung der Perioden funerärer Praxis in die traditionelle absolute Chronologie der Pharaonen und Dynastien zumindest versucht.

25.2 Periode I

1. Die prä- oder früh-formale funeräre Praxis ist nicht Gegenstand der vorliegenden Untersuchung. Als kulturelle Merkmale der Periode I wird hier ein Gruppe von Erscheinungsformen besonders der Elitekultur zusammengefaßt, die bereits vor der Herausbildung distinkter kultureller Ausdrucksformen der funerären Kultur der Residenz in ganz Ägypten, aber auch auf dem Gebiet der späteren memphitischen Residenzfriedhöfe Saqqara und Giza existieren. Zu diesen Merkmalen gehören:

2. Außerdem wird hier unter den Merkmalen der Periode I zusammengefaßt, was an kulturellen Ausdrucksformen im Prozeß der kulturellen Entwicklung der Reichseinigungszeit geschaffen wurde. Dazu zählen ganz generell die monumentale (d.h. über ein habituell notwendiges Maß an


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Baumasse, architektonische Differenzierung oder Ornamentik hinausgehende) Baukunst, die Schrift, das Flachbild und auch das Rundbild. Im Rundbild sind die Sitz- und Standfigur schon belegt, Standfiguren eventuell schon in Verbindung mit funerären Anlagen.

3. Periode I funerärer Praxis ist anhand dieser wenigen Merkmale als die funeräre Praxis einer Elitegruppe zu charakterisieren, die im gesamten ägyptischen Reichsgebiet ähnliche kulturelle Ausdrucksformen benutzt. Diese kulturellen Ausdrucksformen sind das Produkt einer funerären Praxis, die in einen kulturellen Habitus eingebettet ist, der in ganz Ägypten verbreitet zu sein scheint. Diesem funerären Habitus liegt u.a. die Vorstellung zugrunde, daß ein Toter dauerhaft und versorgt in seinem Grab existiert. Außerdem ist festzustellen, daß der Grabbau als Monument eine gewisse Bedeutung bei der Präsentation von sozialem Status besitzt, daß also eine Verbindung zwischen sozialer Position und Art der Bestattung besteht.

Die Entstehung der spezifischen kulturellen Ausdrucksformen der Periode I - formalisiertes Mastabagrab, Schrift, Flachbild, Rundbild - steht im Zusammenhang mit der Etablierung einer sozialen Gruppe, die die politische Oberhoheit über das pharaonische Reichsgebiet ausübt. Es handelt sich um kulturelle Ausdrucksformen, die die soziale Praxis dieser Gruppe besonders kennzeichnen, wobei diese kulturellen Ausdrucksformen besonders in der funerären Praxis belegt sind.

25.3 Periode II

1. In Periode II funerärer Praxis kommt es zur Herausbildung kultureller Ausdrucksformen, die eine Differenzierung zwischen Residenz und Provinz erkennbar machen. Die Periode ist in zwei Phasen zu unterscheiden. In Periode II.a sind die Residenzfriedhöfe von Saqqara und Helwan bereits durch die sehr dichte Belegung und die intensive Aktivierung der kulturellen Ausdrucksformen von den Elitefriedhöfen der Provinz unterschieden. In den Elitefriedhöfen der Provinz werden aber prinzipiell dieselben kulturellen Ausdrucksformen genutzt und eventuell auch parallel zur Residenz entwickelt. Ab Periode II.b ist die kulturelle Entwicklung in der Residenz konzentriert, während in der Provinz praktisch nur kulturelle Muster repetiert werden, die in der Residenz ihren Ursprung haben. Dennoch bleiben Elitefriedhöfe in der Provinz erhalten.

2. Merkmale der Periode II.a sind:

3. Merkmale der Periode II.b sind:

4. Merkmale der Periode II.a funerärer Praxis lassen sich bereits in der 1. Dynastie vor allem auf den Friedhöfen von Saqqara und Helwan, aber auch auf anderen Elitefriedhöfen beobachten. Merkmale der Periode II.b treten etwa seit der Regierung des Djoser auf, dessen Grabbau auch auf bedeutende Veränderungen in der (funerären) Praxis um den Pharao schließen läßt.

5. Der Schwerpunkt der Entwicklung kultureller Ausdrucksformen liegt in Periode II bei der Kultanlage. Als ein Element der Periode I wird die Grablege zwar weiterhin mit einem immer mehr elaborierten System von Räumen mit Versorgungsgaben umgeben, aber neue kulturelle Ausdrucksformen (Schrift, Flach- und Rundbild) werden nur im oberirdischen Kultbereich aktiviert. Es zeigt sich die Abkehr von der Vorstellung des Grabes als eine selbstwirksame Installation ("Grab als Wohnhaus") und die Einrichtung einer ständigen Kultstelle als Ort des funerären Kultes am Grab. Dabei wird die hypothetische Kultstelle fern der Grabanlage aus Periode I direkt mit dem Grab verbunden. Diese unmittelbare Verbindung von individueller Grablege und permanenter Kultstelle ist eine wesentliche Neuerung, die auf eine prinzipielle Veränderung auch im funerären Kult, der funerären Praxis deutet.

6. Ein Merkmal der funerären Praxis der Periode II.b ist das Auftreten von Kollektivgräbern der Elite. Die Bildung von Kollektivgräbern besteht primär in der einfachen Kombination von zwei formalen Grabanlagen. Es handelt sich wohl um die Bestattung von Ehepartnern; dabei ist die


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nördlich gelegene Anlage tendenziell die der Gattin. In den Belegen für Flachbilddekoration solcher Anlagen in Medum ist deutlich, daß in den Kultanlagen die Institution aus Gatte und Gattin ("Ehe") auch unter Einbeziehung von Nachkommen ("Familie") und Angestellten ("Haushalt") rituell behandelt wird. Im Grab des mTn ist die Dekoration der südlichen Kultstelle um Texte erweitert, die das Spektrum an Besitz und Verfügungsberechtigungen des Grabherrn beschreiben. Auch hier ist also nicht nur die biologische Existenz des Grabherrn, sondern seine soziale Existenz, die durch ihn und um ihn konstituierte Institution Gegenstand der Affirmation.

7. Merkmale der Periode II der funerären Praxis treten vor allem in der Gruppe der Elite auf, wobei in der Provinz einige Merkmale auch von lokalen Eliten übernommen werden (Naga ed-Der, Beît Khallaf, Reqaqnah). In der Residenz zeichnet sich eine innere soziale Differenzierung ab, die sich auch in der Belegung von Friedhöfen zeigt. Die direkte Königsumgebung erhält privilegierte Bestattungsplätze, während Angehörige der nicht unmittelbar dem König verbundenen Elite davon entfernt bestattet werden.

25.4 Periode III

1. In Periode III funerärer Praxis der Residenz spiegelt sich eine Umbruchsituation wider. Die kulturellen Merkmale dieser Periode sind teilweise durch einen geradezu radikalen Bruch mit traditionellen kulturellen Ausdrucksformen gekennzeichnet bzw. durch eine äußerst spezifische, zum Teil bis auf individuelle Lösungen (Umbauten, Planänderungen, einmalige Varianten) zurückführbare Aktivierung kultureller Muster. In Periode III unterscheidet sich die funeräre Kultur der Residenz grundsätzlich von der der Provinz.

2. Die Periode III läßt sich selbst in drei Phasen unterscheiden, wobei hier in besonderer Weise gilt, daß es nicht sicher ist, ob diese Phasen tatsächlich aufeinanderfolgen, oder zum Teil kontemporär sind. Außerdem lassen sich Unterschiede zwischen den funerären Anlagen der Königsumgebung und denen der nicht zur königlichen Familie zählenden Elite sowie zwischen den Friedhöfen in Saqqara und in Giza feststellen.

25.4.1 Periode III.a

1. Merkmale der Periode III.a bei Gräbern von Angehörigen der Königsfamilie sind:

2. Diese Merkmale sind an den umgebauten Anlagen der Periode II.b in Medum und an den planmäßig errichteten Anlagen des Friedhofes von Dahschur Mitte zu beobachten. In Medum wurden in der Anlage des ra-Htp und der nfr.t zwei Sitzfiguren der Grabinhaber in der alten Süd-Kultstelle vermauert. Für die Anlagen in Dahschur soll als Hypothese angenommen werden, daß der Statuenkult im "äußeren" Kultbereich nicht an der Mastaba selbst, sondern als ein Kollektivkult der königlichen Familie im Taltempel der Knickpyramide stattfand, wo Statuen von Angehörigen der Königsfamilie in am Boden hockender Haltung gefunden wurden.

3. Einige Gräber in Dahschur und Saqqara, die Elitepersonen gehören, die nicht zur Königsfamilie zählen, besitzen leicht abweichende Merkmale:

4. Gegenüber Periode II setzt sich Periode III durch eine deutliche Veränderung der kulturellen Ausdrucksformen ab. Schon die Verwendung der Steinbauweise in den funerären Anlagen der Königsfamilie zeigt, daß offenbar bewußt ein neuer Typ von Bestattung und Bestattungsplatz entwickelt wird, der klar auf die königliche Grabanlage ausgerichtet und mit dieser verbunden als ein großer Komplex verstanden wird. Damit wird bewußt der Schritt zu einer spezifischen funerären Residenzkultur vollzogen, die sich vom Rest des Landes absetzen soll. Entsprechend sind die kulturellen Spezifika der Periode III.a (und der Periode III insgesamt) praktisch auf die Friedhöfe der Residenz beschränkt. Diese enge Verbindung von Pyramide und Grabanlagen einer besonderen Elitegruppe macht es zumindest denkbar, daß in den Kultanlagen der Pyramide auch der Kult weiterer Personen mit dem des Pharao verbunden wurde.


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5. Ein weiteres charakteristisches Element ist die Aufgabe aller "magischen" Versorgungseinrichtungen im Grabbau. In Periode II war die Ausstattung der Bestattungsanlage als Weiterführung einer Tendenz der Periode I noch entwickelt worden. In Periode III.a wird mit dieser Tradition radikal gebrochen. An die Stelle der magisch-selbstwirksamen Versorgung durch deponierte Güter tritt die rituelle, permanente Versorgung in einer Kultstelle.

6. Die "Individualisierung" des Kultes, die schon in Periode II mit der genauen Beschreibung des konkreten Grabherrn einsetzt, wird in Periode III.a zu ihrem Höhepunkt getrieben. Das zeigt sich einerseits im Auftreten von naturalistischen Bildwerken, andererseits im Verzicht auf Statuen in dem Bereich, in dem der Tote durch seine Leiche tatsächlich vorhanden ist.

7. In Anlagen, die nicht den Angehörigen der Königsfamilie zuzuordnen sind, lassen sich vergleichbare Beobachtungen machen. Charakteristisch ist aber, daß hier ein "äußerer" Kultbereich mit Statuen am Grab erhalten bleibt, während man auf Statuen in einem Serdab ebenfalls verzichtet. Offenbar wurden diese Grabherren nicht in den Kollektivkult der Königsfamilie an der Pyramide eingebunden, was auch die entfernte Lage dieser Gräber am Fruchtlandrand in Dahschur bzw. in Saqqara-Nord abbildet.

25.4.2 Periode III.b und III.c

1. Merkmale der Periode III.b, die nur auf dem Friedhof von Giza auftreten sind:

2. Merkmale der Periode III.c, die vor allem auf den Friedhöfen von Giza und Abu Rawash auftreten, sind:

3. Periode III.b und III.c sind das Produkt einer kontinuierlichen und offenbar gezielt entwickelten funerären Praxis, was sich u.a. in dem häufigen Fall des Umbaus von Anlagen der Periode III.b zu solchen mit Merkmalen der Periode III.c manifestiert. Die gezielte Aktivierung kultureller Ausdrucksformen spiegelt sich auch in der Verwendung von Statuen, wobei als besonderes Element weiterhin die naturalistische Gestaltung vieler Bildwerke hervorzuheben ist. Außerdem werden die wesentlichen neuen Statuentypen der Residenz des AR in dieser Periode entwickelt: die Schreiberfigur, die Standfigur im Vorbauschurz und die Gruppenfigur. Umgestaltet wird auch die Handhaltung der Sitzfigur. Ebenso wird das Flachbildprogramm, das schon in der späten Periode II.b eine Differenzierung erfahren hatte, neu konzipiert. Dabei spielt die Aufnahme der Süd-Nord-Richtung im Scheintürraum vor der Süd-Kultstelle eine große Rolle.

4. Der Schwerpunkt der Entwicklung liegt auch in Periode III.b/c auf der Definition der Funktion von Bestattungsanlage und Kultanlage. Die Bestattungsanlage wird auf die wesentliche Installation Grabschacht und Sargkammer reduziert. Alle Aufgaben der kultischen Versorgung werden in der Kultanlage konzentriert, die in Periode III.c eine dreiteilige Struktur bekommt: eine Versorgungskultstelle an der südlichen Scheintür, die wieder in das Massiv "zum Toten" verlegt wird, eine Kultstelle im Norden, die dem Verlassen des Grabes und der Kommunikation mit dem Diesseits dient, und eine "äußere" Kultstelle, die vor der Mastabafront errichtet wird.

5. Das Problem der Repräsentation des Grabherrn an der südlichen Kultstelle findet in Periode III besondere Aufmerksamkeit. Einerseits wird auf eine symbolische Vermittlung der Anwesenheit des in seinem Grab zu versorgenden Toten in Periode III.a und III.b praktisch verzichtet, da er in seiner Mumie offenbar als anwesend konzeptualisiert wird. In Periode III.c wird diese Vorstellung durch den West-Serdab mit der naturalistischen Statue, die dem Opfernden gegenüber aufgestellt wird, aufgehoben.

6. Problematisch ist die Frage der Abbildung des Grabherrn in kultischen Zusammenhängen, die


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nicht seiner Versorgung im Grab dienen, sondern seine Aktivität im Diesseits behandeln. In Anlagen der geplanten Königsfriedhöfe in Periode III.a und III.b sind keine freistehenden Statuen belegt, wohl aber in Anlagen in Dahschur und Saqqara, die unabhängig von den geplanten Friedhöfen sind. In Periode III.c treten schlagartig große "äußere" Kultbereiche auch bei den Angehörigen der Königsfamilie auf, die nun mit einer Vielzahl von Statuen und Statuentypen ausgestattet werden. Während die Beschreibung des Toten im Grab mit der einfachen Affirmation von "Existenz" auskommt, werden im Bereich der Kommunikation mit dem Diesseits viele Aspekte der sozialen Persönlichkeit des Toten beschrieben.

6. In Periode III werden die zwei wesentlichen Funktionen der funerären Anlage in der Opferformel beschrieben. Durch die endgültige Verbindung von Grablege - mit der Bitte um die Bestattung - und Kultstelle - mit der Bitte um das immerwährende pr.t-xrw-Opfer - ist in Periode III eine Tendenz zum Abschluß gekommen, die schon für Periode II charakteristisch war. Die Grablege einer bestimmten Person wird zu einem Kultort ausgebaut und mit allen Installationen verbunden, die dem Erhalt dieses individuellen Grabherrn als soziale Entität dienen. Diese Installationen werden in ihrer Funktion in der Opferformel beschrieben - konzeptualisiert - und mit zwei übernatürlichen Mächten in Beziehung gesetzt: dem Nekropolengott Anubis und dem sakralen Herrscher (nswt).

7. Anlagen mit Merkmalen der Periode III.a befinden sich auf den Friedhöfen an den Pyramiden des Snofru in Medum und Dahschur. Periode III.b ist in Giza in der Regierungszeit des Cheops belegt. Nach G. Reisner setzt der Umbau der Anlagen zu solchen mit Merkmalen der Periode III.c bereits in der Regierungszeit des Cheops ein<1119>.

8. Merkmale der Periode III.b und III.c sind in ausgeprägter Form nur auf den neuen Friedhöfen von Giza und Abu Rawash und bemerkenswerter Weise auch in Abusir (Ersatzkopf, NS:1s-Raum) vorhanden. In Saqqara gibt es eine Weiterentwicklung von Merkmalen der Periode III.a, die eine Übergangsphase kennzeichnen, wobei es nicht möglich ist, einen Übergang von Periode III zu Periode IV sicher zu definieren. So treten neue Statuentypen wie die Schreiberfigur und die männliche Sitzfigur mit ausgestreckter linker Hand freistehend in Kapellen auf, die weitgehend dem Muster der Anlagen der Periode III.a entsprechend. Man hat in Saqqara mit einer lokalen Sonderentwicklung im Übergang von Periode III zu Periode IV zu rechnen, deren Merkmale anhand der hier untersuchten Belege nicht hinreichend bestimmt werden können. Entsprechende Anlagen können versuchsweise in die zweite Hälfte der 4. Dynastie datiert werden.

25.5 Periode IV


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1. Periode IV setzt die Entwicklung fort, die in Periode III einsetzt. Während Periode IV.a noch eine lokal mehr oder weniger auf Giza beschränkte Weiterentwicklung der Merkmale von Periode III.c darstellt, ist ab Periode IV.b eine gewisse Einheitlichkeit zwischen den Anlagen in Giza und Saqqara festzustellen. Das trifft weitgehend auch für Periode IV.c zu, wobei sich im Übergang zu Periode V in Giza eine kurzzeitige Sondertendenz andeutet.

2. In Periode IV werden die teilweise divergierenden und individuell geprägten Lösungen der Periode III vereinheitlicht, standardisiert und in großem Maße von einer sozial stark differenzierten Residenzbewohnerschaft aktiviert. Mit Beginn der 5. Dynastie gibt es zudem die ersten Belege für die Übernahme von kulturellen Merkmalen der Periode IV funerärer Praxis der Residenz auch in der oberägyptischen Provinz<1120>.

25.5.1 Periode IV.a

1. Merkmale der Periode IV.a sind:

2. Sonderfälle sind Anlagen von weiblichen Angehörigen der Königsfamilie, die eine besondere Betonung der in Periode IV.a auch mit dem Index "weiblich" belegten nördlichen Kultstelle zeigen. Einige Belege für Sonderensembles weiblicher Personen und z.B. das Auftreten einer Mantelstatue


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der xa-mrr-nb.tj (12.2.3:) sprechen ebenfalls für eine besonderes Interesse für die rituellen Umsetzung der Rolle von Frauen.

3. Außerdem wird in Großgräbern, zuerst in Felsgräbern, die Flachbilddekoration auch im "äußeren" Bereich der funerären Anlage eingeführt. In diesem Bereich treten erstmals Darstellungen auf, die die Herstellung und "Inbetriebnahme" der Ritualausrüstung zeigen.

4. Bei der Verwendung der Opferformel ist zu beobachten, daß sich die qrs-Bitte um die Bestattung im Namen des Anubis tendenziell auf die südliche Scheintür (= Durchgang zur Grablege) bezieht, die Bitte um das pr.t-xrw-Opfer im Namen des Königs auf die Kultanlage.

5. Das besondere Merkmal der Periode IV.a ist die Verdoppelung der Scheintüren. Diese Entwicklung steht wohl mit der endgültigen Einführung von Kollektivgrabstellen und kollektiver Kultformen in Zusammenhang. Dabei bleibt die südliche Kultstelle die der Versorgung des Grabherrn in seinem Grab, die "innere" nördliche Kultstelle ist mit dem Kult der Gattin, der Familieneinbindung und dem Wirken des Grabherrn aus seiner Grabanlage heraus verbunden. Ein ähnlicher Aspekt der begrenzten Wirksamkeit innerhalb der Kultgemeinde scheint mit der "inneren" Schreinfigur in Zusammenhang zu stehen. Die "äußere" Schreinfigur hingegen stellt zusammen mit der an der Mastabafront verbliebenen "äußeren" Nord-Kultstelle einen Bezug zum Diesseits her.

6. Erste Belege für die Merkmale der Periode IV.a können bereits in die Zeit der Nachfolger des Cheops datiert werden (Chefren), der Höhepunkt der Entwicklung liegt in der Zeit des Mykerinos und seiner Nachfolger Schepseskaf und Userkaf.

7. Die typischen Merkmale der Periode IV.a sind in Saqqara nicht zu beobachten. Der Scheintürraum (NS:L:2) tritt kaum auf, dafür werden Traditionen der Periode III.a weiterentwickelt (offene Statuenaufstellung, Nischenkapellen). Eine Sonderentwicklung scheint auch die Bevorzugung der Gruppenfigur von Typ III zu sein, die Gatte und Gattin in besonderer Weise zueinander in Beziehung setzt.

25.5.2 Periode IV.b

1. Merkmale der Periode IV.b sind:

- tendenziell in Giza:


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- tendenziell in Saqqara:

2. In Großanlagen, besonders in Saqqara, wird die Flachbilddekoration auch des "äußeren" Kultbereiches weiterentwickelt. Dabei treten im Zusammenhang mit Darstellungen des Einbringens der Kultausrüstung, insbesondere der Statuen, auch Darstellungen eines Statuenrituals auf, das im Zusammenhang mit der Bestattung durchgeführt wird.

3. In der Opferformel tritt als dritte Instanz, in deren Namen die Bitten ausgesprochen werden, der Gott Oisris auf. Dabei ist die Nennung des Osiris zuerst noch auf die Einleitung der Opferformel beschränkt und wird dann mit der Bitte um das pr.t-xrw verbunden. Die Opferformel selbst wird zu einem Element der Textdekoration entwickelt, das besonders auf Schrein-Scheintüren auftritt. In ihr wird erstmals über die Beschreibung der Funktion der funerären Anlage hinausgegangen und eine Konzeptualisierung des Totenschicksals erkennbar, wobei die Vorfahren, Eltern und ein als jmAx bezeichnetes soziales Verhältnis eine besondere Rolle spielen. Bestimmte Zeremonien der Bestattung und des Totenkultes werden in symbolischem Vokabular ausgedrückt und gedeutet. Der Höhepunkt der Entwicklung dieser elaborierten Opferformeln an Scheintüren liegt in Periode IV.c.

4. Periode IV.b ist besonders mit der Regierungszeit der in Abusir bestatteten Könige der 5. Dynastie zu verbinden (Sahure, Neferirkare, Neferefre, Neuserre).

25.5.3 Periode IV.c

1. Merkmale der Periode IV.c sind:

2. Periode IV.c ist dadurch gekennzeichnet, daß die kulturellen Ausdrucksformen zunehmend unter dem Aspekt der möglichst genauen und detaillierten Beschreibung der erwünschten Kulthandlungen und des erstrebten Status stehen. Diese Tendenz zur "Verschriftlichung" des Kultes beinhaltet die Aktivierung des Elementes der "Affirmation", der magischen Selbstwirksamkeit von Text und Bild. Insbesondere zeigt sich diese Tendenz zur Verschriftlichung im Auftreten der Pyramidentexte in den königlichen Anlagen.

3. Periode IV.c ist etwa mit der Regierungszeit der letzten Könige der 5. Dynastie Djedkare-Isesi und Unas zu verbinden, wirkt aber noch in die 6. Dynastie hinein.

25.5.4 Zusammenfassung Periode IV

1. Die hier für Periode IV aufgezählten Merkmale treffen vor allem für Elite-Anlagen zu. In reduzierter Form lassen sich grundsätzliche Elemente aber auch in mittleren und kleinen Anlagen beobachten, die weitere Segmente der Residenzbewohnerschaft repräsentieren. Periode IV ist von Periode III vor allem dadurch unterschieden, daß sich ein sehr viel breiteres soziales Spektrum der Residenzbewohnerschaft in formalen Grabanlagen bestatten läßt. Dabei ist zu beobachten, daß im Bereich der jeweiligen Pyramiden (Abusir, dann ab Periode IV.c die Bildung der ersten typischen Einzelpyramidenfriedhöfe des späten AR) nur die eigentliche Residenzelite zum Teil ungewöhnlich monumentale Anlagen anlegt, während die mittleren und niederen Residenzschichten über längere Zeiträume bestimmte Berufsfriedhöfe okkupieren. Dort kommt es auch zur Bildung größerer Familien- und Klientelfriedhöfe. Diese äußerst komplexe Friedhofsgeographie spiegelt nicht nur die gestiegene Zahl der Residenzbewohnerschaft und ihre soziale Differenzierung, sondern zum Teil auch merkliche Unterschiede im funerären Habitus, sowohl bei der Verwendung kultureller Ausdrucksformen (z.B. ist der Typ D der Standfigur mit Vorbauschurz nur in Saqqara belegt), als auch bei kultischen Praktiken (z.B. Überreichen des Lotus nur in Giza dargestellt).

2. Das zeigt sich besonders in der Übergangsphase von Periode IV zu Periode V in Giza, wenn einige nur für Giza spezifische Formen der Verbindung von Kultanlage und Bestattungstrakt auftreten. Das besondere Interesse für die Gestaltung der Bestattungsanlage ist bereits ein Element der Periode V funerärer Praxis, die in Giza dabei verwendeten kulturellen Ausdrucksformen (Giza-Typ der Sargkammerdekoration, Serdabstatuen) zählen jedoch noch zu Periode IV.

3. Der Schwerpunkt der kulturellen Entwicklung liegt in Periode IV auf dem Bereich der "äußeren" Kultstelle. Diese wird in sich differenziert und teilweise neu interpretiert, wobei die Süd-Kultstelle


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die alte Rolle des symbolischen Durchganges zur Sargkammer verliert und zur universellen Kultstelle ausgebaut wird (Schrein-Scheintür). Durch die immer mehr entwickelte Flachbilddekoration wird die andauernde Verbindung des Grabherrn mit dem Diesseits detailliert beschrieben. Die neuen Statuenformen Gruppenfigur und Dienerfiguren nehmen den Aspekt der dauernden sozialen Einbindung des Toten ebenfalls auf. Eine ähnliche Tendenz zeigt die Einrichtung von Kollektivkultplätzen, bei denen auch der Kult von Vorfahren eingeschlossen wird. Die andauernde Versorgung des Toten im Grab spielt zwar nach wie vor eine Rolle, die Entwicklung kultureller Ausdrucksformen ist aber besonders auf den Bereich konzentriert, der der Bestimmung und Verhandlung von Positionen im Diesseits dient. Selbst die konkrete Funktion der Süd-Kultstelle als Kultstelle des "Toten im Grab" mit dem Serdabtyp A als Abbild der "mittelbaren Anwesenheit des Toten im Grab" verblaßt und wird zu einer allgemeinen Kultstelle des "Toten am Kultplatz" entwickelt.

4. Formal ist Periode IV dadurch gekennzeichnet, daß die kulturellen Ausdrucksformen vereinheitlicht, standardisiert und in gewissem Sinne repetierbar gemacht, "verschriftlicht" werden. Während die kulturellen Ausdrucksformen der Periode III besonders das "Individuelle" eines Grabherrn beschrieben, wird nun das "Typische", das "Allgemeine" charakterisiert. Besonders deutlich wird das z.B. an der Formalisierung der Dickleibigkeit. Aus einem stilistischen Element, das Individualität beschreiben soll, wurde ein ikonographisches Element mit dem Index "leibliche Anwesenheit". Durch das angewachsene Vokabular an kulturellen Ausdrucksformen ist aber die spezifische Definition einzelner Persönlichkeiten möglich.

25.6 Periode V

1. Periode V als letzte Variante einer spezifischen funerären Praxis der Residenz stellt in gewissem Sinne eine dialektische Negation der vorangegangenen Entwicklung dar. Während seit Periode II die Bestattungsanlage immer mehr reduziert wurde, rückt sie in Periode V wieder in den Mittelpunkt der kulturellen Aufmerksamkeit. Auch der Aspekt der magischen Selbstversorgung, der zugunsten des praktischen Kultvollzuges zurücktrat, wird nun wieder aktiviert. In beiden Fällen wird aber nicht einfach an die Praktiken der Periode I angeknüpft, sondern gerade die in den dazwischenliegenden Perioden entwickelten kulturellen Ausdrucksformen werden entsprechend interpretiert und aktiviert.

2. Periode V ist in mindestens zwei Phasen zu unterteilen. Periode V.a ist eine noch relativ weit verbreitete Stufe, die in mehreren sozialen Varianten und sowohl in Saqqara als auch in Giza zu beobachten ist. Periode V.b bezeichnet hier eine lokale Variante, die im Friedhof der Pepi II.-Pyramide auftritt. Inwieweit weitere lokale Varianten festgestellt werden können, die noch in der Zeit der 6. Dynastie im Gebiet der Residenz auftreten, muß vorerst offen bleiben. Parallel zur


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Periode V der funerären Praxis der Residenz treten an verschiedenen Orten in der Provinz Friedhöfe lokaler Eliten auf, die die kulturellen Ausdrucksformen der Residenz oft eigenständig aktivieren und weiterentwickeln.

25.6.1 Periode V.a

1. Merkmale der Periode V.a sind:

2. Eliteanlagen der Periode V.a an der Unas- und der Teti-Pyramide entwickeln in ihren oberirdischen Installationen die Tendenzen der Periode IV.c weiter und führen sie in vielen Punkten zu ihrer eigentlichen Blüte, besonders was die Vielfalt der Flachbild- und Textdekoration angeht. In kleineren Anlagen werden die oberirdischen Installationen jedoch merklich reduziert. Der eigentliche Schwerpunkt der Entwicklung liegt eindeutig beim Bestattungstrakt, in dessen Bereich alle wesentlichen Installationen der rituellen Versorgung in modellhaft reduzierter Form wiederholt werden.

3. Die stärkere Aufmerksamkeit für den Platz der Bestattung und die Ausstattung dieses Bereiches mit kultunabhängigen Installationen führt zu einer gewissen Trennung von Bestattung und Kultanlage, was sich u.a. in der Beschriftung der Scheintür nur noch mit der pr.t-xrw-Bitte spiegelt.

4. Ein weiteres Charakteristikum der Periode V.a ist die Zunahme von Textdekoration, wobei an die Stelle der Beschreibung und Deutung ritueller Handlungen immer mehr die Konzeptualisierung des Totenschicksals tritt. Insgesamt ist festzustellen, daß der Schwerpunkt der kulturellen Entwicklung


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in Periode V.a nicht mehr den Bereich des Diesseits ("äußerer" Kultbereich) und die Verhandlung der Position des Toten im Diesseits und unter den Lebenden ist, sondern daß die jenseitige Versorgtheit, der Erhalt der Leiche und die Absicherung der sozialen Position im Jenseits besondere Aufmerksamkeit der funerären Praxis und ihrer Ausdrucksformen finden. Deutlich wird das an der wachsenden Bedeutung der Definition eines jmAx-Verhältnisses zu einer jenseitigen Instanz.

25.6.2 Periode V.b / VI

1. Periode V.a fällt etwa in die Regierungszeit des Teti und der folgenden Pharaonen der 6. Dynastie, wobei vorerst unklar bleibt, ob sich bereits unter Pepi I. oder Merenre lokale Varianten an den Königsfriedhöfen gebildet haben. Die Anlagen um die Pyramide Pepi II. besitzen eine Reihe von Besonderheiten, die es sinnvoll macht, die hier üblichen funerären Praktiken als eine lokale Sonderform in der Übergangszeit von der 6. Dynastie bis in die 1. ZZ zu beschreiben.

2. Merkmale der Periode V.b sind:

3. Viele Merkmale, die in Periode V.b auftreten, werden in lokalen Varianten am Ende des AR und in der 1. ZZ sowohl in den Friedhöfen der memphitischen Residenz als auch in der Provinz umgesetzt. Die für die memphitische Residenz typische Ausprägung, die besonders im Bereich der Teti-Pyramide gut belegt ist, wird hier als kultureller Ausdruck der Periode VI funerärer Praxis der Residenz bezeichnet. Charakteristisch ist hier die Einführung des dekorierten Sarges als einer Installation, die auf magisch-selbstwirksame Weise den Erhalt der Existenz des Grabherrn bewirken soll, und die Gruppierung von Modellen um den Sarg. Die oberirdischen Kultstellen dieser Gräber sind kaum bekannt. Es ist auch nicht sicher, ob es für jedes Grab eine separate Kultstelle gab oder ob der Kult an Kollektivkultstellen zusammengefaßt war.

25.7 Zusammenfassung: Die Tendenz funerärer Praxis der Residenz im AR

1. Die zusammengetragenen kulturellen Merkmale sollen dazu dienen, eine Grundtendenz der


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funerären Praxis zu erkennen, die sich in der Ausprägung spezifischer kultureller Ausdrucksformen manifestiert. Anhand der Merkmale lassen sich folgende Charakteristika der Perioden funerärer Praxis der Residenz feststellen:

2. Während diese Abfolge jeweils die hervortretende Tendenz jeder Periode herausstreicht, ist aber zu beobachten, daß in der Realität die Tendenzen jeweils überlappend auftreten bzw. sich Grundbestandteile funerärer Praxis ständig erhalten. Am Ende einer Periode sind wesentliche Aspekte der folgenden Periode oft bereits ausgeprägt: die neuen Statuentypen treten in Periode III.c auf, werden in Periode IV dann auf breiter Basis aktiviert; Treppen zum Dach treten in Periode IV.c auf und werden in Periode V.a besonders üblich; die Tendenz zur "Entprivilegisierung" des kulturellen Vokabulars ist in Periode V in den Eliteanlagen der Provinz schon eingeleitet, erfährt ihren Höhepunkt aber in der Einführung der Sargtetxte in Periode VI; die Ausprägung lokaler Varianten beginnt bereits in Periode V, erlebt ihren Höhepunkt in Periode VI etc.

Andererseits werden charakteristische Tendenzen einer Periode auch in der folgenden Periode noch fortgeführt und gelegentlich überhaupt erst in dieser Periode zur Blüte getrieben: der Höhepunkt des Ausbaus der unterirdischen Grabanlage - ein Element der Periode I - erfolgt noch


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parallel der Entwicklung der Kultstelle der Periode II; die Entwicklung des Dekorationsprogrammes der "äußeren" Kultanlage, die Schwerpunkt der Entwicklung in Periode IV ist, erlebt ihren Höhepunkt in Eliteanlagen mit Merkmalen der Periode V.a.

3. Von besonderem Interesse bei der Betrachtung der Entwicklung kultureller Ausdrucksformen der Residenz ist die zunehmende Tendenz zur Konzeptualisierung der funerären Kultur in Form der "analytischen" und "symbolischen" Vervielfältigung im Rundbild, der Entwicklung neuer Darstellungszusammenhänge (Ikonen) im Flachbild und der architektonischen Umsetzung bestimmter funerärer Konzepte (Scheintür als magischer Durchgang; Lage und Achse des Scheintürraumes als Umsetzung ritueller Richtungen; Entwicklung des Grundrisses des "äußeren" Kultbereiches und der Dekoration zu einer "sakralen Landschaft"; magisch-selbstwirksamer Ausbau unterirdischer Anlagen). Die kulturellen Ausdrucksformen werden also jeweils neu gedeutet und gegebenenfalls weiterentwickelt.

Auch die funeräre Praxis selbst, die Handlungen des Kultes und ihr "Sinn", werden diesem Prozeß der Konzeptualisierung unterworfen. In den Opferformeln ist seit Periode IV die Deutung des Ritualgeschehens ablesbar. In Periode V wird die Deutung und zunehmend spekulative Erklärung auf eine ganz neue, imaginäre Ebene gehoben. In diesem Prozeß spielt der Gott Osiris offenbar eine wichtige Rolle, der neben den schon den Konzepten der Periode I zuzuordnenden Anubis als Nekropolengott und den Pharao als Herr der Residenz tritt. In den ersten Nennungen ist er keiner Funktion sicher zuzuordnen, wird dann vor allem mit der immerwährenden Versorgung durch das pr.t-xrw verbunden und nimmt schließlich die Position eines universellen Hochgottes in der funerären Religion ein.

4. Die Übernahme des spezifischen kulturellen Vokabulars der Residenz - seine "Entprivilegisierung" - seit Periode V ist nicht als die einfache Übernahme königlicher kultureller Ausdrucksformen mißzuverstehen. Es handelt sich um einen umfassenden Prozeß kultureller Diffusion von ursprünglich für die spezifische Situation der Residenz entwickelten Ausdrucksformen, die nicht nur für den Königskult charakteristisch sind. Dieser Prozeß, der für die kulturelle Entwicklung des pharaonischen Ägypten von kaum zu unterschätzender Bedeutung ist, setzt prinzipiell parallel zur jeweiligen Entwicklungsstufe kultureller Ausdrucksformen in der Residenz ein. Im funerären Bereich ist er ab der Periode IV funerärer Praxis der Residenz gelegentlich, ab Periode V regelmäßig zu beobachten. Es sei aber davor gewarnt, die Belege der funerären Kultur in der Provinz in der 6. Dynastie und erst recht der 1. ZZ als Ausdruck derselben funerären Praktiken (und den ihnen zugrundeliegenden sozialen Muster) zu deuten, wie jene Praktiken der Residenz es waren, als deren kultureller Ausdruck die jeweilige Erscheinungsform erstmals aktiviert wurde. Bei der "Entprivilegisierung" der Residenzkultur handelt es sich prinzipiell nur um die Diffusion von formalen Standards. Sie bedeutet jedoch nicht, daß mit der Übernahme eines formalen Musters auch die Übernahme einer sozialen Praxis verbunden ist; vielmehr drückt die Übernahme einer "kulturellen Vokabel" nur aus, daß ein ähnlicher "kultureller Text" praktisch


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realisiert wird. Es ist unter den veränderten sozialen Bedingungen der Aktivierung des kulturellen Vokabulars daher stets zu prüfen, ob dieser Umsetzung dieselben Praxisformen zugrundeliegen, wie in der Residenz im AR, oder eventuell völlig veränderte. Das Auftreten von Pyramidentexten auf den Särgen der 1. ZZ oder von Bestattungsszenen des AR in der "frühen Gruppe" der Bestattungsdarstellungen im MR und der 18. Dynastie sind kein a priori Beleg für dieselben funerären Praktiken, sondern nur für die Aktivierung vergleichbarer kultureller Ausdrucksformen.

Man muß aber ebenso berücksichtigen, daß bestimmte kulturelle Ausdrucksformen, die sich im Rahmen der kulturellen Kommunikation als besonders wirksam erwiesen haben, wieder auf die praktische Handlung zurückwirken. Der besondere Charakter einer "großen Tradition" ist es, einen Korpus von Konzepten und Ausdrucksformen bereitzustellen, der immer wieder, aber in spezifischer und konkret-angepaßter Weise, aktiviert wird. Diese Dialektik von Existenz- und Bewegungsform der spezifischen kulturellen Ausdrucksformen der funerären Praxis der Residenz im AR hat die Bewegung der funerären Kultur des gesamten pharaonischen Ägypten geprägt.


Fußnoten:

<1115>

MEW 3: 5, 533; Bourdieu 1979: 139-202 u. passim

<1116>

Zur Dialektik von Habitus als Existenzform und Handlung als Bewegungsform der sozialen Praxis siehe: Bourdieu 1979: 164-189.

<1117>

Keramikformen sind deshalb ein hervorragendes Mittel zeitlicher Fixierung, weil die Produktion von Keramik in der Regel einer distinkten sozialen Gruppe obliegt und die Keramikform als kulturelle Ausdrucksform kaum strategische Potenz besitzt (von "fancy forms" abgesehen). So kann sich eine praktisch kaum von individueller Interpretation des Habitus beeinträchtigte Serie bilden, die die Selbstbewegung des kulturellen Produktes "Keramikform" in fast idealer Weise in jedem Einzelbeleg spiegelt. Funeräre Praxis, als ein zentrales Segment sozialer Praxis, ist hingegen ein von allen sozialen Gruppen getragenes und aktiviertes Phänomen, dessen Ausdrucksformen entsprechend differenziert und praktisch immer individuell sind.

<1118>

Im Gegensatz dazu sind die von Cherpion 1989, 1998 entwickelten Charakteristika stilistischer Gestaltung sehr wohl signifikant für Datierungen, da sie von der gesamtsozialen Praxis abstrahieren und auf Merkmale einer nur von einer begrenzten Gruppe von Spezialisten aktivierten Ausdrucksform zurückgreifen. Siehe dazu auch Baud 1998.b, Seidlmayer 1997, besonders op. cit.: 35f zum Problem der dennoch auftretenden chronologischen Verschiebungen der Übernahme stilistischer Standards z.B. zwischen Elite und dependents oder Residenz und Provinz.

<1119>

Reisner 1942: 296

<1120>

Tehna (PM IV: 131); Scheich Said (PM IV: 187f)


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