Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

Kapitel 4. Grabstatuen der frühen und hohen 4. Dynastie (Periode III)

(Tab. 3)

4.1 Frühe Periode III

1. Die etwa in der Regierungszeit des Snofru einsetzende Periode III funerärer Praxis in der Residenz ist durch eine ungewöhnliche Menge an Innovationen gekennzeichnet. Planung und Anlage der königlichen und nichtköniglichen Elitegrabanlagen unter Snofru und seinen Nachfolgern Cheops, Djedefre und Mykerinos sind in hohem Maße Ausdruck der Umsetzung neuer sozialer Positionen im Rahmen funererärer Kultur und in einigen Fällen als individuelle Strategien gekennzeichnet, so daß konkrete Interpretation und Verallgemeinerung zusammenfallen müssen. Wie die königlichen Anlagen dieser Periode äußerst individuelle und innerhalb mehrerer Bauperioden wechselnde Konzepte anzeigen, so ist auch das Bild der nichtköniglichen Grabanlagen auf den ersten Blick recht heterogen. Dennoch liegt der Entwicklung eine gewisse Tendenz zugrunde, die die Zusammenfassung der Phänomene zu einer Periode der funerären Praxis rechtfertigt.

Im Fall der Statuenverwendung stehen zwei außergewöhnliche Erscheinungen nebeneinander. Einerseits erlebt die altägyptische Kunst geradezu eine Klassik des rundplastischen Schaffens, andererseits kommt es praktisch zeitgleich zum stellenweise gänzlichen Verzicht auf rundplastische Darstellungen im funerären Bereich. Ähnliche Phänomene lassen sich auch im Flachbild verfolgen, das zwischen der Entwicklung ausführlicher Dekorationsprogramme und der völligen Reduzierung der Flachbilddarstellungen zu schwanken scheint. Die Art und Weise der


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Abbildung des Toten im Kult scheint ein zentraler Punkt der funerären Praxis dieser Epoche gewesen zu sein.

2. Die Statuen des ra-Htp und der nfr.t

2.1. Die berühmten Sitzfiguren des ra-Htp und der nfr.t (3.1) wurden in sekundärer Aufstellung im südlichen Scheintürraum der Mastaba gefunden<106>. Formal zählt das Ensemble nur bedingt zum Typ der aus Periode II bekannten Sitzfiguren. Wie schon bei mTn ist der Sitz nicht mehr als Stuhl oder Thron gekennzeichnet, sondern als Block gearbeitet. Die sehr hohen und breiten Rückenpfeiler oder eher Lehnen nennen Titel und Namen der Dargestellten. Bemerkenswert ist, daß keine der Figuren eine geöffnete Hand ausstreckt; nfr.t hält beide Hände unter der Brust gekreuzt, ra-Htp legt die rechte Faust vor die Brust, die linke Hand ruht zur Faust geballt auf dem linken Oberschenkel; eine Pose, die seitenverkehrt einer der Statuen des anx gleicht (2.8.2:). Gänzlich verschieden von den bisher besprochenen Sitzfiguren ist die Dimension der Statuen: sie sind lebensgroß und durch Bemalung und eingelegte Augen ausgesprochen lebensecht<107>. Außerdem trägt ra-Htp keine Perücke.

2.2. Weder der ursprüngliche Aufstellungsort noch der genaue Zeitpunkt der sekundären Vermauerung sind sicher zu bestimmen. Soweit erkennbar, besaß die Anlage vor ihrem Umbau keinen Serdab oder ähnlichen Raum, in denen die Statuen im Mastabamassiv etwa wie die des mTn untergebracht gewesen sein könnten. Daß die Statuen aber schon zur "Erstausstattung" der Anlage zu zählen sind und nicht erst für den nun verschlossenen Statuenraum der umgebauten Kapelle angefertigt wurden, legen Abarbeitungen an den Seiten der Sitze nahe, durch die die Statuen ihrem neuen Aufstellungsort angepaßt wurden. Die erst sekundär erfolgte Einbringung der beiden Statuen in den Scheintürraum und die Vermauerung plaziert diese in einem West-Serdab, einem neuen Serdabtyp (s.u.).

Im Umbau der Kapelle manifestiert sich der Übergang vom Scheintürraum der Periode II (Nischen- bzw. Kreuzkapelle) zum Kapellentyp der Periode III (Vorraum oder -hof mit flacher Nische), der dann im Friedhof von Dahschur Mitte üblich ist. Der Umbau wird also erst der Praxis der Periode III zuzuordnen sein, während die ursprüngliche Anlage noch zur späten Periode II tendiert<108>. Das bedeutet, daß die ursprüngliche Funktion der Statuen nicht die einer Serdab-Statue gewesen sein


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muß, sondern daß durchaus andere Aufstellungsplätze und Funktionen möglich sind. Gegen die ursprüngliche Funktion als Serdab-Statue spricht auch das Fehlen der zum Speisetisch ausgestreckten Hand. Mögliche Kapellenbauten vor oder neben der Mastaba, in denen die Statuen zuerst aufgestellt gewesen sein könnten, sind durch die Ummantelung der Mastaba beim Umbau verschwunden. Es ist aber auch denkbar, daß die Statuen ursprünglich an einem Kultplatz fern der Mastaba untergebracht waren<109>.

2.3. Die Lebensgröße und die durch Einlage der Augen, Bemalung und plastisch meisterhafte Gestaltung erreichte "Lebensechtheit" unterscheidet die beiden Statuen von den kleinen magischen Bildern, die bisher besprochen wurden. Für jene älteren Statuen ist anzunehmen, daß sie als wirksames Abbild des Toten angesehen wurden, als magische Figuren, die im Rahmen entsprechender Rituale den Verstorbenen darstellen, vertreten und an seiner statt behandelt werden können. Die Identität von Verstorbenem und Abbild ist dabei nur mittelbar. Bei den Statuen des ra-Htp und der nfr.t fällt das Bemühen auf, die Identität von Dargestelltem und Darstellung, von Verstorbenem und Abbild, so unmittelbar wie möglich zu gestalten. Man kann vermuten, daß dahinter eine Tendenz steht, daß die Statue nicht mehr nur magisch für den Toten wirken soll, sondern viel unmittelbarer als der Tote selbst. Daß in beiden Fällen nicht nach dem Speisetisch gegriffen wird, kann als Indiz gewertet werden, daß die Statuen weniger eine bestimmte Funktion im Kontext des funerären Kultes spielen sollten - Affirmation der Existenz und des Empfangens von Opfern -, keine rundplastisch-allgemeine Hieroglyphen für "am Fest teilnehmender Toter" sind, sondern vielmehr die Anwesenheit eines ganz bestimmten, individuellen Verstorbenen in jedem denkbaren Zusammenhang manifestieren. Die fehlende Perücke des ra-Htp nimmt der Statue einiges der Formelhaftigkeit der älteren Bildnisse und läßt sie "persönlicher", unmittelbarer und weniger auf eine bestimmte Funktion festgelegt wirken. Die Statuen waren daher wohl keine Serdabfiguren im Sinne der älteren Sitzfiguren, sondern eher für einen Kultplatz vorgesehen, an dem die Anwesenheit der Toten in persona vorgesehen war. Die schon in der vorangegangenen Periode belegte Haltung der Arme auf der Brust kann als ein mit dem universellen ikonographischen Index "Kommunikation" belegtes Element interpretiert werden, während der konkrete, auf eine bestimmte Form rituellen Umganges festgelegte Index "Empfang des (Scheintür-)Opfers" fehlt.

3. Die Statuen des jpj

3.1. Erst kürzlich konnte den wenigen bekannten Statuenfunden aus der frühen 4. Dynastie ein weiteres bedeutendes Ensemble hinzugefügt werden. Es handelt sich um die beiden Standfiguren


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aus der Anlage des jpj im Snofru-Friedhof von Dahschur (3.2)<110>. Die Anlage besitzt im Süden eine kreuzförmige Kapelle, die vom Typ her noch auf die Periode II verweißt. Am südlichen Flügel der Kapelle befindet sich eine Nische, in der offenbar die zwei männlichen Standfiguren gefunden wurden. Die genaue Position dieser Figuren ist unklar, sehr wahrscheinlich ist die Aufstellung mit Blick nach Osten<111>.

3.2. Die zur Rechten stehende Statue ist etwa lebensgroß; der Grabherr hält eine Flöte in der herabhängenden linken Hand, während sein rechter Arm über den Bauch zu ebendieser Flöte herübergreift. Die zur Linken stehende Statue ist etwas kleiner. Der Grabherr hält hier in der rechten herabhängenden Hand einen Stab, der an seinem Arm "hochgeklappt" abgebildet ist, wie auch bei den Standfiguren des spA (2.2.1:+2:). Der linke Arm ist vor die Brust gelegt, die Hand hält ein Szepter. Bekleidet ist er mit einem Pantherfell über dem Schurz. Die Figuren besitzen hohe und breite Rückenpfeiler, die Basen sind beschriftet.

Einige Details wie die "hochgeklappe" Art der Darstellung von Amtsstäben sind stilistische Elemente, die bei Statuen der Periode II auftreten. Aber die ungewöhnliche Größe und die Varianten der Armhaltung schließen diese Statuen eng an die des ra-Htp und der nfr.t an. Die Statuen standen offenbar frei<112>.

Die beiden Statuen bilden ein Paar, wie es schon in S 3505 und durch das Statuenpaar des spA belegt ist. Anders als spA sind die beiden Statuen verschieden groß und durch Armhaltung und auch das Ornat unterschieden. Es liegt hier ein Fall vor, in dem die Statuenvervielfältigung nicht allein einen Aspekt des Grabherrn mehrfach abbildet, sondern verschiedene Aspekte des Grabherrn beschreibt.

4. Auch bei jpj trifft, wie für ra-Htp und nfr.t zu, daß wenigstens eine Statue etwa lebensgroß und damit tendenziell naturalistisch ist. Die Verdoppelung der Statuen zeigt zugleich an, daß von dem Konzept der Vervielfältigung nicht abgerückt wird. Auch die naturalistischen Statuen können also als magische Bilder oder Zeichen verschiedene Aspekte abbilden. Die funeräre Praxis dieser Periode scheint sich in einem Spannungsverhältnis bewegt zu haben: Einerseits war der Gebrauch verschiedener Abbilder des Grabherrn (Sitzfigur, Standfiguren, Vervielfältigung) als "Zeichen" in


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verschiedenen rituellen Zusammenhängen seit Periode II üblich. Andererseits liegt als typisches Element der Periode III der funerären Praxis eine Tendenz zu stilistischen Individualisierung und typologischen Konkretisierung der Statue(n) vor, die Abbild und bestimmte, einmalige, nicht-formelhafte Identität eng zusammenführt. Die Bilder des ra-Htp und der nfr.t stellen nicht den allgemein sitzenden Grabherrn vor, sondern zwei sitzende Individuen; die beiden Standfiguren des jpj verdoppeln nicht die überindividuelle Standfigur, sondern beschreiben zwei konkrete, voneinander verschiedene Wesensheiten dieser bestimmten Person, die als ein "Vorsteher der Lustbarkeiten" die Flöte als ein typisches, individuelles Attribut bei sich trägt und in der zweiten Statue das Pantherfell des Ritualisten umgelegt hat.

5. Im folgenden scheint diese Spannung zu zwei Lösungsvarianten geführt zu haben: Auf der einen Seite wurde der symbolische Bildbestand an der Grabstelle zugunsten der einmaligen, individuellen Abbildung reduziert, sogar so weit, daß zeitweise die Leiche (und ein Ersatzkopf) allein den Verstorbenen am Grab repräsentierten. Andererseits wurde die Statuenvervielfältigung vorangetrieben, um die unterschiedlichen Aspekte der Existenz des Verstorbenen besser beschreiben zu können. Während die erste Variante recht kurzlebig war und offensichtlich vor allem eine beinahe individuelle Tendenz einer sozial sehr bestimmten, kleinen Gruppe realisierte, wird die zweite Variante als strategische Möglichkeit von einer breiteren Gruppe der Residenzelite forciert.

4.2 Mittlere und späte Periode III in Dahschur und Giza

1. Dahschur

1. In der zweiten Hälfte der Regierungszeit des Snofru, als die rote Pyramide und der damit in Zusammenhang stehende Friedhof von Dahschur Mitte angelegt wurden, scheint der Gebrauch von Statuen im funerären Kult an der Grabanlage praktisch aufzuhören. Die Kapellen dieses Friedhofes besitzen keine Räume oder Installationen, die auf Statuenaufstellung verweisen; Reste von Statuen wurden nicht gefunden<113>. Dieses Phänomen verweist auf ein Charakteristikum der Periode III der funerären Praxis der Residenz: deren Tendenz, Abbild und Person des Toten möglichst eng zu verbinden. Die Tendenz wird über die Angleichung der Statue an das lebendige Bild einer Person vorbereitet - wie bei ra-Htp und nfr.t -, kann aber auch bis zur vollständige Identifizierung der Persönlichkeit des Toten allein mit der Leiche führen, die als seine einzige "rundbildliche" Wesensheit und Erscheinungsform im Grab existiert.

Auch die allgemeine Reduktion der symbolischen Abbilder des Grabherrn, die geradezu


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charakteristisch für die Grabanlagen dieser Periode ist, scheint in diese Richtung erklärbar zu sein. Die äußerst aufwendigen steinernen Grabanlagen mit ihren sorgfältig gebauten Sargkammern werden als der Aufenthaltsort einer bestimmten Person verstanden. Diese Person ist nicht durch Symbole am Kultort vertreten die nur im Rahmen ritueller Handlungen aktiviert sind, sondern sie ist als voll wirksame, einheitliche und spezifische Person dauerhaft existent: in Form der sorgfältig als "Mensch" gestalteten Leiche. Diese Reduzierung der symbolischen Elemente der funerären Kultur geht parallel mit der Multiplizierung des Aufwandes für die "realen" Elemente der Grabanlage: dauerhafte Steinmastaba, monumentale Sargkammer und Särge<114>, wahrscheinlich verbesserte Leichenbehandlung.

2. Giza - Ersatzköpfe

2.1. In Dahschur sind keine Leichen gefunden worden, die für diesen Erklärungsversuch sprechen würden. Aus den frühen Gräbern der Friedhöfe in Giza sind jedoch die sogenannten "Ersatzköpfe" bekannt, die in einem engen Bezug zur Sargkammer und der Leiche stehen. Diese Köpfe sind deutbar als die Konsequenz der hier beschriebenen Entwicklung, die Leiche und die Persönlichkeit des Toten auf das engste zu verbinden. Da den Ersatzköpfen außerdem eine besondere Rolle im Rahmen der Bestattung zuzuschreiben ist, sollen sie im folgenden ausführlich besprochen werden (s. u. Kap. 6.1.). An dieser Stelle sei folgendes angemerkt: Daß ein lebensechter Kopf des Toten hergestellt wurde, spricht dafür, daß ein solches Abbild des Toten im Rahmen ritueller Handlungen notwendig war. Die Leiche reichte demnach nicht aus, im Rahmen des Bestattungsrituals der hohen Periode III alle Rollen zu spielen, in denen der Tote präsent sein sollte. Indem man den Ersatzkopf mit in der Sargkammer unterbrachte, stellte man die "Einheit" von Verstorbenem, Leiche und Abbild aber zum Abschluß der Bestattung wieder her. Statuen des Toten im Oberbau sind in keiner Anlage mit Ersatzköpfen gefunden worden.

2.2. In Giza gehen die Bestattungen mit Ersatzköpfen mit dem Auftreten eines Kapellentyps parallel, der auf die Installation der Scheintür verzichtet und die südliche Kultstelle nur durch eine Speisetischtafel markiert. Dieser Kapellentyp blieb nur kurze Zeit im Gebrauch (s.u. Kap. 5.3.1.). Ersatzköpfe werden zwar noch bis in die frühe 5. Dynastie gelegentlich benutzt, aber sie sind dann nicht mehr die einzige mögliche Form der rundplastischen Abbildung des Toten. Wahrscheinlich waren sie es sogar nie, denn ebenfalls unter Cheops setzt sich die Tendenz fort, Statuen des Grabherrn zu verwenden. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß in Giza die Einführung größerer oberirdischer Kultanlagen mit Installationen zur Statuenaufstellung erst etwas später als die der Speisetischtafel-Kapellen erfolgte, aber mit einiger Wahrscheinlichkeit doch schon unter


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Cheops<115>.

3. Giza - Die Anlage des Hm-jwnw

3.1. Die Sitzfigur des Hm-jwnw wurde in einem Serdab im Westen der nördlichen Scheintür seiner Grabanlage in Giza West gefunden (3.3). Sie zeigt den Grabherrn in frappierend naturalistischer Weise, mit ursprünglich eingelegten Augen, fett und ohne Perücke. Beide Hände sind auf die Oberschenkel gelegt, die rechte ist zur Faust geballt, die linke geöffnet. Diese Handhaltung ist bei der überwiegenden Zahl der Sitzfiguren im AR ab der späten Periode III üblich<116>. Die Gründe der Aufgabe des Motivs der vor die Brust gelegten rechten Hand<117> und des Wechsels der geöffneten, zum Speisetisch ausgestreckten Hand von der rechten zur linken sind mir unbekannt<118>. Davon abgesehen folgt die Statue dem Typ der Sitzfiguren der Periode II. Was aber einen entscheidenden Unterschied macht, sind die Dimension und Ausführung sowie die Aufstellung; diese Elemente hat die Statue mit denen des ra-Htp und der nfr.t gemein.

3.2. Der Serdab hinter der Scheintür besaß einen kleinen Schlitz, über den die Kommunikation mit der Statue möglich war. Die Scheintür selbst war nicht mit einem Bild des Grabherrn versehen, weder dem schreitenden Toten am Scheintürdurchgang, noch dem sitzenden auf einer Speisetischtafel. Sie ist nicht mehr die eigentliche Kultstelle, wie es die dekorierten Scheintüren der


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Periode II waren, sondern nur noch ein symbolischer Durchgang, der dem im Serdab durch die Statue manifesten Grabherrn symbolisch die Möglichkeit verschafft, aus dem Grab heraus zu agieren. Anders als bei Statuen, die am Kultort den Grabherrn zeitweise vertreten, ist hier durch die Positionierung die große Nähe von (naturalistischer) Statue und Grabherr unterstrichen: Die Statue steht nicht bei bzw. neben der Kultstelle, sondern ist die eigentliche Kultstelle, der alleinige Bezugspunkt des Kultes. Alles deutet darauf hin, daß in dieser Statue das Abbild des Grabherrn kaum als symbolisches Zeichen verstanden wird, sondern als konkrete Manifestation. Die einzelnen Elemente - ruhendes Sitzen, ausgestreckte Hand, Namens- und Titelbeischrift - ergeben für sich den funktionalen Sinn der Statue als Grabfigur, dieser tritt aber hinter dem der Verkörperung des Grabherrn als Individuum zurück.

3.3. Ähnlich ist die Situation an der südlichen Kultstelle. Hier, dem Zugang zur Kapelle direkt gegenüber, befand sich hinter einer ebenfalls undekorierten, also nur mit dem Index "Durchgang" versehenen Scheintür ein Serdab, der den Maßen nach eher für eine lebensgroße Standfigur denn für eine Sitzfigur ausgelegt war<119>. Eine Standfigur "hinter" einer Scheintür-Kultstelle war bisher nicht belegt. Die Statuenplätze, die in Periode II mit den Standfiguren in Zusammenhang gebracht wurden, befanden sich seitlich (Hzj-ra) oder neben (jpj) der Scheintürnische. Interessant sind die Treppenstufen vor dieser Scheintür, die dem "Heraustreten" aus dem Grab auch den Aspekt des "Herabsteigens" geben. Dieses Element ist in der folgenen Periode IV ebenfalls zu beobachten.

3.4. Die Konzeption der Kapelle des Hm-jwnw ist einmalig und stellt möglicherweise den ersten Beleg geplanter West-Serdabe dar, denn die Vermauerung der Statuen des ra-Htp und der nfr.t ist sekundär. Es war bisher nicht üblich gewesen, ein Rundbild im Massiv der Mastaba so unterzubringen, daß es dem Offizianten gegenüber befindlich das eigentliche Kultziel darstellt. Die Einmaligkeit der Kapelle des Hm-jwnw zeigt sich auch in ihrer ungewöhnlichen Disposition, die zwei solche Serdab-Kultstellen in einer langen Gangkapelle verbindet. Im Süden, am Zugang zur Kapelle, tritt der Grabherr aus dem Grab heraus; im Norden ist die Kapelle geschlossen, dort ruht der Grabherr in seiner versorgten und dauernden Existenzform<120>. Die bisher in Periode III beobachtete Entwicklung wird auf einer ganz außergewöhnlichen Ebene zusammengeführt: Die Statue(n) folgen den mit funktionalen Indizes versehenen symbolischen Typen der Periode II (Sitzfigur am Speisetisch, möglicherweise "heraustretende" Standfigur), nehmen aber die Tendenz zur Individualisierung des Toten aus Periode III in sich auf.


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4. Giza - Westfriedhof

Der West-Serdab wird noch in der späten Periode III in einer etwas anderen Kapellenform formalisiert. Die Anlage des Axj, unweit der des Hm-jwnw im Westfriedhof gelegen, besitzt eine nachträglich vor die Kernmastaba gesetzte Kapelle (NS:L:1s), die wie die Prinzenmastabas auf dem Ostfriedhof mit Reliefs und Inschriften, auch an der Scheintür, dekoriert war<121>. Hinter der Scheintür befindet sich ein Serdab, der für eine lebensgroße Statue dimensioniert ist. Ob das Fragment einer Gruppenstandfigur, das den Grabherrn mit der kleinen Figur eines Knabens zeigt, aus diesem Serdab stammt, ist nicht gesichert, aber möglich (3.4). Ähnlich positioniert und dimensioniert ist der Serdab des kA-n-nswt (I.), ebenfalls in einem Anbau an eine Kernmastaba des Westfriedhofes<122>. Die Kapelle (NS:L:2) mit zwei Scheintüren zählt schon zum Typ der Kultstellen der Periode IV.a und ist eine der letzten, die einen für eine lebensgroße Figur dimensionierten West-Serdab besitzt. Im folgenden sind Serdabe, die direkt hinter der Scheintür liegen und durch diese einen Schlitz zur Kommunikation mit dem Diesseits besitzen nicht ungewöhnlich. Es werden in diesen Serdaben aber keine lebensechten Einzelfigur in der Art der Periode III aufgestellt, sondern der hier befindliche Serdab entwickelt sich, wie alle anderen verschlossenen Statuenräume, zu einem Depot magisch wirksamer Rundbilder, das häufig verschiedene Statuentypen umfaßt (s.u. Kap. 17).

5. Giza - Ostfriedhof

5.1. Die Mastabas der Königsfamilie in Giza Ost entsprechen in der Anlage ihrer Kapellen nicht der Lösung, die bei Hm-jwnw gefunden wurde. Die Bauweise der Kultanlagen und die Platznot, mit der man bei der Disposition der äußeren Kulträume offenbar zu kämpfen hatte, machen es sehr wahrscheinlich, daß die vorliegenden Kapellen Produkt einer Planänderung sind. In der endgültigen Fassung besitzen die acht großen Kernmastabas des Friedhofes Kapellen, die weitgehend einem gemeinsamen, zweiteiligen Muster folgen<123>:

  1. Der Scheintürraum (NS:L:1s) liegt im Inneren des Massivs und hat eine, nach Süden versetzte Scheintür. Hinter dieser Scheintür befindet sich in mehreren Fällen ein geräumiger West-Serdab.
  2. Vor der Mastabafront befindet sich eine mehrräumige Kapelle, an deren Westwänden in einigen Fällen Nischen für Statuen nachgewiesen sind<124>.

5.2. Im Bereich der Kapelle des kA-wab (G 7120) wurden Teile der Statuenausstattung gefunden. Es handelt sich hierbei um das erste große Statuenensemble einer nichtköniglichen Person (3.5).


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Die Statuen sind teilweise lebensgroß und zeigen den Grabherrn in verschiedenen Posen, wobei neben der Stand- und der Sitzfigur als neue Typen die Schreiberfigur und offenbar schon die Gruppenfigur auftreten. Auch aus der benachbarten Anlage des xa=f-xwfw (I.) (G 7130 + 7140) sind einige Statuenfragmente geborgen worden (3.6), so daß die Ausstattung dieses Kapellentyps insgesamt mit einer Anzahl an Statuen als gesichert angesehen werden kann. Die Fundlage macht es unmöglich, den Statuen bestimmte Plätze innerhalb der Kapelle sicher zuzuschreiben; D. Dunham und W. K. Simpson nehmen an, daß die Schreiberfiguren und einige Standfiguren in den Nischen des Kapellenvorbaus von G 7120 aufgestellt waren, andere Statuen im West-Serdab und frei in der Kapelle<125>.

5.3. Spätestens am Ende der Periode III werden demnach wieder Statuen regulär in den Kult an der Grabstelle integriert. Diese Statuen sind an verschiedenen Plätzen der Kapelle aufgestellt, wobei einige in Nischen eines außerhalb der eigentlichen Mastaba liegenden Kapellenbereiches untergebracht sind<126>, andere (oder zu dieser Zeit nur eine?) in einem im Mastabamassiv hinter der Scheintür liegenden fest verschlossenen Serdab stehen. Besonders bemerkenswert ist die große Anzahl an Statuen, die nun in einigen Gräbern der Elite auftreten können, und daß am Ende der Periode III neue Typen von Statuen in den Korpus der Grabstatuen aufgenommen werden. Dieses Phänomen erlebt seine Blüte in der Periode IV und wirkt bis in das Ende des AR fort.

6. Die Anlage des anx-HA=f

Ein Sonderfall stellt die in der gigantischen Mastaba des anx-HA=f (G 7510) gefundene Büste dar (3.7.1:). Stilistisch steht sie den Ersatzköpfen nahe (naturalistisch-porträthaft, lebensgroß, keine Kopfbedeckung, fehlende Ohren, keine vollständige Figur), ist aber im Gegensatz zu diesen ein Bruststück und wurde innerhalb der oberirdischen Kapelle gefunden, in einem Zusammenhang, der eine Herkunft aus dem Grabräuberschutt der Sargkammer ausschließt.

Die Kultanlage der Mastaba des anx-HA=f besteht aus einem im Massiv gelegenen Scheintürraum (NS:L:2) mit geräumigem West-Serdab und einer vorgebauten Kapelle aus einer Säulenhalle, einem Vorraum und Nebenräumen. Eine ganz ähnliche Kapelle besitzt die ebenso dimensionierte Mastaba G 2000 auf dem West-Friedhof, bei der noch eine Nordkultstelle an der Mastabaostfront angegeben ist, die bei G 7510 fehlt. Grundsäzlich stimmt die Struktur dieser Kapellen (Scheintür-Raum, Halle / Hof, Vorraum, Nebenräume), mit der der normierten Doppelmastabas vom Ostfriedhof überein, nur ist die Abfolge der vor dem Massiv liegenden Räume wohl aus Platzgründen bei den Doppelmastabas anders gestaltet. Statuen sind auch bei anx-HA=f im Serdab und wahrscheinlich der Säulenhalle - analog dem Nischensaal bei kA-wab / G 7120 - zu


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erwarten. Das Fragment einer Schreiberfigur (3.7.3:) aus der Umgebung der Anlage ist dem Ensemble zuzuordnen, die Rekonstruktion des weiteren Statuenbestandes aber nicht möglich. Die Büste, die den Grabherrn nicht in der traditionellen Weise als durch symbolische Indizes beschriebenes Wesen darstellt (stehend / handelnd, sitzend / empfangend etc.), muß eine von den bekannten Statuen verschiedene Funktion gehabt haben. Aufgrund der Einmaligkeit ist der Beleg nicht systematisch zu erklären; einige Überlegungen sind dem Kap. 6 zu den Ersatzköpfen angefügt.

4.3 Grabstatuen der Periode III in Saqqara

1. Zwei bekannte und häufig besprochene Ensemble aus Saqqara Nord sollen hier ebenfalls in die Periode III und damit in die hohe 4. Dynastie gesetzt werden. Die Statuen der Anlage des ra-nfr (3.8) wurden noch von A. Mariette und G. Maspero in die 4. Dynastie gesetzt. Seit den großen Grabungen zu Beginn dieses Jahrhunderts in Giza setzte sich immer mehr die Ansicht durch, daß diese Statuen - wie auch das Ensemble des "Dorfschulzen" (3.9) - aus dem Übergang von der 4. zur 5. oder überhaupt erst aus der 5. Dynastie stammen<127>. Diese allgemeine Tendenz zur Spätdatierung muß sicher korrigiert werden, wie u.a. auch die Untersuchungen von N. Cherpion zeigen<128>.

2. Die Anlage des ra-nfr

J. Capart hat sich in einem Aufsatz mit den Ensembles beschäftigt und die wesentlichen Informationen über die Fundumstände zusammengetragen<129>. Die Statuen des ra-nfr standen nebeneinander an der Südwand eines im Südosten vor die Mastabafront gebauten Raumes oder Hofes, den Blick nach Norden - zum Zugang - gerichtet. Aus den Unterlagen ist nicht zu ersehen, welche der Statuen westlich und welche östlich positioniert war. Rechts neben dem Zugang zum Raum oder Hof war die Sitzfigur der Frau Hknw an der Westwand, Blick nach Osten, aufgestellt. Bemerkenswert ist die Notiz von A. Mariette, daß keine Nische in Art einer Scheintür vorhanden war. Abgesehen von den Statuen hat der Typ der vorgebauten Kapelle ohne Scheintür Ähnlichkeit


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mit dem Kapellentyp der Periode III.b auf dem Westfriedhof von Giza; man müßte an der Kultstelle des ra-nfr eventuell eine Speisetischtafel annehmen. Eine entsprechende Vertiefung kann von Mariette übersehen worden sein, wie wohl auch der Schacht zur Sargkammer.

Die naturalistische und lebensgroße Ausführung der männlichen Statuen verbindet diese mit den Statuen des ra-Htp, der nfr.t und des Hm-jwnw. Auch zu den Statuen des jpj lassen sich Bezüge herstellen: der Aufstellungsort im Süden des Kultplatzes, die Zweizahl, selbst der sehr breite Rückenpfeiler, den auch die Sitzfiguren des ra-Htp und der nfr.t besitzen<130>. Auch die Sitzfigur der Hknw ist lebensgroß und in der Gestaltung des Sitzes mit der breiten und hohen Rückenlehne der Figur der nfr.t sehr ähnlich. Im Gegensatz zu dieser hat Hknw beide Arme auf die Oberschenkel gelegt und die Hände geöffnet. Diese Handhaltung ist im folgenden bei den (nicht sehr häufigen) Einzelsitzfiguren von Frauen üblich<131>. Die Aufstellung der Statue der Frau im Norden der Kultstelle bzw. (in "Blickrichtung") zur Linken des Mannes korrespondiert mit einer häufigen Position der Frauen im Rund- und Flachbild bzw. deren Kultstellen in funerären Anlagen (s.u. Kap. 14.3.).

3. Die Anlage des kA-apr

Für das Ensemble des kA-apr (3.9) wurde von J. Capart eine analoge Aufstellung rekonstruiert: Auch hier standen die männliche Standfiguren im Süden einer der südlichen Mastabafront vorgebauten Kapelle<132>, eine Frauenfigur wahrscheinlich an der Westwand, nördlich der Scheintür, Blick nach Osten. Für diese Kapelle ist eine undekorierte, nur mit dem Namen des Grabherrn beschriftete Scheintür als Kultstelle gesichert. Diese Kapelle entspricht dem Kapellentyp mit flacher Kultstelle wie etwa in Dahschur. Die beiden hier gefundenen Holzstatuen sind im Gegensatz zu denen aus der ra-nfr-Anlage jedoch leicht unterlebensgroß. Allerdings ist die klare Unterscheidung von kleinen magischen Abbildern und lebensgroßen naturalistischen Repräsentationen nur bei Sitzfiguren gegeben. Die magischen Bilder der Periode II waren wohl in kleinen Serdaben aufgestellt, wodurch sich ein kleines Format aus praktischen Gründen anbot, sofern nicht aus inhaltlichen Gründen ganz bewußt eine lebensechte und lebensgroße Darstellung erwünscht war. Dieser Fall liegt nur beim West-Serdab der Periode III sicher vor. Die an offenen, "äußeren" Kultstellen zu lokalisierenden Standfiguren aber, wie das Ensemble des spA und der nj-sj-wa zeigt, hatten schon in Periode II die Tendenz, durch Größe möglichst unmittelbar zu wirken. Hier muß vor allem das Element bewußt naturalistischer Gestaltung als Kriterium für eine Zuordnung zur Periode


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III gelten, wie es beim "Dorfschulzen" durch die Darstellung von Korpulenz und Barhäuptigkeit gegeben ist.

4. Neben der Frage der Aufstellung der Statuen diskutiert Capart vor allem das Phänomen der Verdopplung von Statuen. Er stellt dem Ensemble des ra-nfr das seiner Ansicht nach ebenfalls als Zweiergruppe zu ergänzende Ensemble des "Dorfschulzen" / kA-apr zur Seite. Die Zweizahl männlicher Standfiguren ist oben schon für Periode II erwähnt worden; auch die Statuen des jpj, die überhaupt als direkte Vorläufer der ra-nfr-Statuen angesehen werden können, folgen diesem Prinzip. Capart verweist auf die seit ra-nfr belegte Unterscheidung der Statuen derartiger Zweiergruppen in eine, die mit Perücke und kurzem Schurz dargestellt ist, und eine, die keine Perücke trägt und in einem langen, vorn durch eine Falte oder später einen dreieckigen Vorbau gekennzeichneten Schurz auftritt. Diese Unterscheidung, die für die Deutung der Statuenensemble der folgenden Perioden bedeutsam ist, soll im folgenden ausführlich diskutiert werden (s.u.Kap. 8.2). Festzuhalten ist außerdem, daß in beiden Anlagen wieder nur je eine Frauenfigur gefunden wurde, die sich zudem im nördlichen Teil der Kapelle befand.

5. Die schlichte Gestaltung der Kapellenbauten haben beide Anlagen wie erwähnt mit solchen der Periode III in Dahschur Mitte und auf dem Westfriedhof in Giza gemein. Dort wurden jedoch keine Hinweise auf Statuen gefunden, was als Beleg für leicht differenzierende funeräre Gewohnheiten zwischen Giza und Saqqara in der späten Periode III gedeutet werden kann. Solche Unterschiede werden auch daran deutlich, daß der in der späten Periode III (Periode III.c; s.u.) in Giza eingeführte Typ des Scheintür-Raumes (NS:L:1s) in Saqqara so gut wie nicht auftritt<133>. Aus diesem Grund sind in der Übergangszeit von Periode III zu Periode IV die Befunde der beiden großen Residenzfriedhöfe schwer vergleichbar. Da die Publikationslage der Anlagen aus Saqqara sehr viel unbefriedigender ist als jener aus Giza, ist die Zuschreibung einiger Gräber und deren Statuenfunde zu einer bestimmten Periode funerärer Kultur oft problematisch. Auf die beiden Gräber S 39 / C 16 und S 35 / C 20, die zwei der berühmtesten Schreiberfiguren (15.22.1:, "Louvre-Schreiber" und 15.21:1:, "Kairo-Schreiber") enthielten und deren Installationen Merkmale besitzen, die auf die Übergangsphase von Periode III zu Periode IV lokal geprägter funerärer Praxis in Saqqara weisen, soll im Kap. 7 zur Schreiberfigur noch eingegangen werden.

4.4 Grabstatuen der frühen und hohen 4. Dynastie (Periode III) - Zusammenfassung

1. Die aus Periode II bekannten Statuentypen - Sitzfigur und Standfigur - werden in Periode III


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weiterhin im funerären Bereich genutzt. Standfiguren desselben Grabherrn können doppelt auftreten, wobei die Belege aus Saqqara und Dahschur nicht identische Standfiguren, sondern voneinander verschiedene Statuentypen zeigen. Eine dieser Figuren, die den Grabherrn ohne Perücke und mit gebauschtem langen Schurz zeigt, scheint einen neuen Statuentyp, wenigstens eine Modifikation des bisher bekannten darzustellen. Ebenfalls keine Perücke tragen die Sitzfiguren des ra-Htp und des Hm-jwnw. In den Prinzenmastabas von Giza werden zudem ganz neue Typen in das Statuenensemble aufgenommen: die Schreiberfigur und die Gruppenfigur. Außerdem geht dort die Statuenvervielfältigung weit über das bisher bekannte Maß hinaus. Diese Phänomene kennzeichnen den Übergang zu einer neuen Periode funerärer Praxis, die dem Statuenkult besondere Bedeutung beimißt.

2. Ein besonderes Charakteristikum der Statuen der Periode III ist, daß sie häufig lebensgroß und lebensecht / naturalistisch sind. Versucht man dieses Phänomen im Zusammenhang mit der Entwicklung der funerären Praxis insgesamt zu sehen, so kann als seine Ursache das Bemühen postuliert werden, den Toten in einer sehr viel konkreteren Weise als bisher am Kultplatz manifest werden zu lassen. Die Zeichenhaftigkeit der Statuen wird dabei um solche Aspekte erweitert, die der Beschreibung eines bestimmten, einmaligen Individuums dienen<134>. Das Phänomen tritt auch an den sogenannten "Ersatzköpfen" und der Büste des anx-HA=f auf.

3. In der Mitte der Periode III - auf dem Friedhof von Dahschur Mitte und den frühen Anlagen der Giza-Friedhöfe - setzt die Nutzung von Statuen an der Grabanlage zeitweise aus. Statt dessen treten in Giza sogenannte "Ersatzköpfe" auf, die in oder bei der Sargkammer deponiert werden. Sie zeigen Nutzungsspuren, die wahrscheinlich aus dem Zeitraum der Bestattung herrühren (s.u. Kap. 6.1). Die Nutzung dieser Abbilder ist im Zusammenhang mit einer Tendenz zu sehen, die Leiche selbst als Träger aller Wesensmerkmale des Verstorbenen an seinem Begräbnisplatz zu gestalten, einer Tendenz, die der Individualisierung der rundplastischen Abbilder parallel geht. Diese besondere Kultpraxis ist bis in die frühe 5. Dynastie noch belegt, setzt sich aber nicht durch.

4. Ebenfalls mit der Individualisierung des Kultbezuges ist die Einführung eines neuen Serdabtyps zu verbinden. In Giza werden Statuen direkt hinter einer undekorierten Scheintür aufgestellt, durch die sie - mittels eines Serdabschlitzes - mit dem Diesseits kommunizieren können. Somit befindet sich die Statue in direkter Kultrichtung und nicht mehr seitlich davon. Die Widersprüchlichkeit, die die Einführung der Serdab-Sitzfigur seitlich der Scheintürkultstelle in Periode II mit sich brachte - der Tote selbst ist "hinter" der Scheintür und zugleich im Medium Statue seitlich davon im Serdab -, wurde so aufgehoben; der Tote als Ziel der rituellen Handlung und sein Abbild als praktisches Kultziel sind verschmolzen. Daneben ist in Saqqara und in Giza in der späten Periode III auch die frei zugängliche Aufstellung von Statuen in Kapellenbereichen belegt; gegenüber von Eingängen,


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nach Norden blickend, und entlang der Westwand von Kapellenräumen, nach Osten blickend. Diese offen aufgestellten Statuen befinden sich immer im "äußeren", von der Scheintür-Kultstelle getrennten Bereich der Grabanlage.

5. Abschließend soll angemerkt werden, daß die Periode III der funerären Praxis der Residenz zu einer ausgesprochenen Blüte der Bildhauerkunst im AR geführt hat. Das Interesse für eine naturalistische Gestaltung der Statuen und die Einführung ganz neuer Typen von Statuen schufen Voraussetzungen, in denen einige Meisterwerke ägyptischer Plastik entstehen konnten.


Fußnoten:

<106>

Shoukry 1951: 27-31

<107>

Der bisher früheste Beleg einer ca. lebensgroßen Statue in funerärem Zusammenhang ist die "Serdab"-Statue des Djoser; Kairo JE 49158 (Lange / Hirmer 1967/1985: Tf. 16, 17; Kairo 1986: Nr. 16). Smith 1946: 41 erwähnt außerdem Fragmente von einer überlebensgroßen Statue des Djoser.

<108>

Beim Umbau wurde eine Kultstelle aus einem Raum / Hof mit flacher Scheintür vor dem nun zu einem West-Serdab umgewandelten früheren Scheintürraum errichtet. Im Hof befanden sich frei aufgestellt zwei Stelen. Die beiden Stelen tragen nach Petrie 1892: pl. XII die Beschriftung eines rx nswt zA nswt (n) X.t=f nb jmAx bw-nfr (BM 1273, 1274; James 1961: 2, pl. II.1 + 2). Ob es sich hierbei um einen Zweitkult, eine Usurpation oder eine spätere Hinzufügung handelt, ist unklar (siehe Martin 1977: 56, Anm. 2).

<109>

Die königliche Anlage von Medum, die Pyramide und ihr Tempel, wurde durch die Verlegung des Friedhofes nach Dahschur in eine Königskultstätte umgewandelt (Stadelmann 1980). Die baulichen Veränderungen waren also nicht auf die Prinzengräber beschränkt.

<110>

Ich danke Nicole Alexanian für die hier wiedergegebenen Informationen zu den Statuen des jpj. Zur Grabanlage des jpj siehe Alexanian in Stadelmann / Alexanian 1998: 301-303, Abb. 4, Taf. 50.b. Die von Nicole Alexanian identifizierten und von Hourig Sourouzian im Magazin der Altertümerverwaltung wiederentdeckten Statuen wurden von Sourouzian 1999 publiziert.

<111>

Alexanian in Stadelmann / Alexanian 1998: 303; siehe die vergleichbar West-Ost orientierte Seitenkammer, wohl ein offener Statuenraum, bei xa-bA.w-zkr (Reisner 1937: fig. 158).

<112>

Auf dem Foto Alexanian in Stadelmann / Alexanian 1998: Taf. 50.b sind vor der Nische einige Brocken zu erkennen, bei denen unklar ist, ob es sich um Versturz oder um Reste einer sekundären Vermauerung handelt. Sollten es Reste einer sekundäre Vermauerung dieser Statuen sein, dann wäre diese der bei ra-Htp und nfr.t vergleichbar.

<113>

Siehe die sorgfältige Untersuchung der Mastaba II/1 von Dahschur Mitte (Alexanian 1995), in der keinerlei Statuenreste oder mögliche Installationen für Statuen gefunden wurden.

<114>

Auf die besondere Aufmerksamkeit bei der Gestaltung der Sargkammer in dieser Periode verweist u.a. Junker Giza I: 102.

<115>

Reisner 1942: 296 (Einführung des Scheintürraumes NS:L:1s).

<116>

Smith 1946: 22; Shoukry 1951: 56-58; Vandier 1958: 65

<117>

Im Flachbild bleibt beim Bild des am Speisetisch sitzenden Grabherrn die vor die Brust gelegte Hand im ganzen AR üblich. Meist hält der Grabherr in dieser Hand einen Wedel, als jüngere Variante ein Salbgefäß, Frauen ab Periode V auch einen Spiegel. Wedel oder Lotos, Salbgefäß und Spiegel sind Elemente, die im Zusammenhang mit Zeremonien der Herstellung liminaler Situationen auftreten und somit in konkreterer Weise als die geöffnete oder zur Faust geballte Hand mit dem Index "rituelle Kommunikation" versehen sind. Beispiele und Varianten siehe Vandier 1954: 430; Junker Giza XII: Abb. 3. Die Speisetischtafel des nfr, wohl aus G 2110 und ca. zeitgleich der Hm-jwnw-Statue setzt die neue Handhaltung auch im Flachbild um: beide Hände liegen auf den Knien, sind aber auch beide geöffnet (Vandier 1952: 763f, fig. 507).

<118>

Siehe die Überlegungen Shoukry 1951: 119-127, der davon ausgeht, daß der "Schattenstab" in der geschlossenen Hand die symbolische Abkürzung eines Würdezeichens ist (op. cit. 128f). Einige Statuen zeigen weiterhin die umgekehrte Handhaltung (Vandier 1958: 66). Beispiele für Sitzfiguren des AR mit geöffneter rechten Hand und zur Faust geballten linker Hand: Statue des Hwtj CG 64 (15.4.1:); Statue des nfr=f-ra-anx CG 87 (15.20); Statue des kAj Louvre A. 106 (15.22.2:); Statue eines Mannes (Abu-Bakre 1953: pl. XV); Statue des snnw aus G 1608 (Smith 1946: pl. 22.d); Statue des mmj Leipzig 2560 (14.19.2:); Männliche Figur der Gruppensitzfigur des jpzx (13.21; mit auf die Brust gelegter geöffneter linken Hand); Sitzfigur Leipzig 2464 (14.117). CG 650 wurde nicht in der Residenz gefunden, zeigt aber ebenfalls diese Handhaltung. Engelbach 1938: 286 geht davon aus, daß diese Statuen Linkshänder darstellen, was allgemein abgelehnt wird. In einigen Fällen, so besonders CG 64 und Louvre A. 106, kann davon ausgegangen werden, daß die Statuen aus der Übergangszeit von den Konventionen der Periode II und III.a zu denen der Periode IV stammen und noch die "alte" Handhaltung der ausgestreckten rechten Hand zeigen, aber schon nicht mehr vor der Brust liegender rechter Faust. Die "neue" Handhaltung wurde wohl zuerst in Giza eingeführt und erst etwas später auch in Saqqara übernommen.

Die Haltung der Faust - aufrecht auf dem Handballen oder liegend auf den Fingern (oft mit Tuch) - ist kein Datierungskriterium, da die liegende Haltung schon bei einer Statue des anx auftritt (2.8.2:) und beide Handhaltungen nebeneinander in Ensembles desselben Grabherrn belegt sind, z.B. das des jntj-Sdw, Giza GSE (13.26); Ensemble des wtT-Htp, Giza CF (14.34).

<119>

Neben der traditionellen Standfigur könnte es sich auch um eine Standfigur mit Vorbauschurz oder um eine Gruppenfigur mit einer kleinen Knabenfigur (Typ II.a) gehandelt haben (zu den Typen siehe Kap. 8.1 u. 9.1). Beide Statuentypen wären in dieser Position, die einen Bezug zum Diesseits herstellt, sinnvoll. Die neuen Statuentypen werden in der Periode entwickelt, aus der auch die Anlage des Hm-jwnw stammt.

<120>

Diese Disposition der beiden Kultstellen ist im memphitischen Raum ungewöhnlich. Tendenziell häufig ist, daß an der südlichen Kultstelle der ruhende Grabherr auftritt, an der nördlichen der aktive. Wie die Diskussion im folgenden aber zeigen wird, sind weniger die polare Ausrichtung bei der Kultstellendispoistion entscheidend, als der Bezug zum Zugang und dem "Inneren" der Grabanlage: Der Kult des aktiven Grabherrn bezieht sich besonders auf den "vorderen"/"äußeren" Bereich und dem Zugang zur Grabanlage, der des ruhenden auf den "inneren" Bereich, wie es die Disposition bei Hm-jwnw auch vorgibt (s. u. Kap. 14.2.).

<121>

Junker Giza I: Abb. 56, 57

<122>

Junker Giza II: Abb. 12, 13

<123>

Reisner 1942: Map of Cemetery G 7000, fig. 6, 7; BGM 3: fig. 1

<124>

G 7120: Reisner 1942: fig. 6; G 7430: Reisner 1942: fig. 7, BGM 3: fig. 4, 5

<125>

BGM 3: 2, fig. 2, 4, 5, pl. V.a, c

<126>

Die Nischen waren möglicherweise z.T. verschließbar, so etwa bei G 7430 (Reisner 1942: fig. 7).

<127>

Für die Datierung des ra-nfr-Ensembles in die 5. Dyn. sprechen sich u. a. aus: Borchardt 1911: 19; Hamann 1957: 150-153; Wolf 1957: 157-159; Vandier 1958: 120; Seidl u. Wildung in Vandersleyen et al. 1975: 224; Leclant 1979: Abb. 188. Für die Datierung des "Dorfschulzen" in die 5. Dyn.: Borchardt 1911: 32; v. Bissing 1911: Nr. 11; Hamann 1957: 154f; Wolf 1957: 172f; Vandier 1958: 58f, 120; Seidl u. Wildung in Vandersleyen et al. 1975: 226; dagegen spricht sich Capart 1920: 231 für die Datierung des "Dorfschulzen" in die 4. Dyn. aus; Leclant 1979: Abb. 189 für das Ende der 4./Anfang der 5. Dyn.. Zuletzt hat Vandersleyen 1983: 64 für eine Datierung des "Dorfschulzen" in die späte 4. Dyn. plädiert.

<128>

Cherpion 1989, 1998

<129>

Capart 1920

<130>

Derartig hohe und breite Rückenpfeiler treten auch sonst gelegentlich auf: bei den Triaden des Mykerinos (Reisner 1931: pl. 38-45); Standfigur des kA-m-Hz.t Kairo JE 44174 (15.30.2:); die große Standfigur des Tjj mit dem Vorbauschurz Gairo CG 20 / JE 10065 (12.8); und andere.

<131>

Ausnahme: Statue der jTA.t mit unbekannter Herkunft, CG 135 (Borchardt 1911: Bl. 30); rechte Hand wie bei männl. Sitzfiguren zur Faust geballt.

<132>

Capart nimmt an, eine zweite hier zu erwartende Standfigur sei CG 32 / JE 10177, was sich jedoch nicht endgültig beweisen läßt (Kairo 1986: Nr. 42).

<133>

Reisner 1942: 302-304

<134>

Zum Zusammenhang von naturalistischer Gestaltung und Betonung von Individualität im Rundbild siehe Assmann 1991: 138 u. die dort genannte Literatur.


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Wed May 2 14:17:41 2001