Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

Kapitel 5. Die Entwicklung der Kultanlagen in Periode II und III

1. Die beiden vorangegangenen Kapitel haben den Statuenbestand funerärer Anlagen des frühen AR und deren Position innerhalb dieser Anlagen diskutiert. Dabei wurde auf die Funktion dieser Statuen im Kult und ihre Einbindung in die bauliche Struktur einer Kultanlage schon eingegangen. Es hat sich gezeigt, daß die Veränderungen bei den auftretenden Statuentypen und deren Funktion in enger Verbindung auch mit Veränderungen der Kultanlagen insgesamt stehen. Im folgenden Abriß sollen diese Veränderungen zusammengefaßt werden.

5.1 Entwicklung der Grabanlage in Periode II

1. Die funeräre Kultur der Residenz des Alten Reiches hat ihre Wurzeln in einer hier als Periode I bezeichneten Entwicklungsstufe funerärer Praxis, deren kulturelle Ausformung in verschiedenen lokalen Ausprägungen in Elitenekropolen, aber auch kleineren Friedhöfen des gesamten Reichsgebietes des frühpharaonischen Staatswesens beobachtet werden kann. G. Reisner hat die Entwicklung der Grabtypen jener Epoche zusammengestellt. Das Merkmal der Elitegräber der 1. Dynastie ist der Oberbau in Form einer großen rechteckigen Mastaba, in deren Zentrum sich die Sargkammer befindet, umgeben von einem System von Magazinräumen<135>. Diese Räume enthalten häufig größere Mengen an Beigaben, die wohl der Versorgung des Toten in seinem Grab dienen sollen. Wenn die Deutung auch nur unter Vorbehalt angeführt werden soll, so scheint diesem Grabbau die Vorstellung zugrundezuliegen, daß die Grabstelle ein dauerhafter Aufenthaltsort des Toten im Sinne des "Grab als Wohnhaus" ist, in dem der Tote dauerhaft, unabhängig und fern der Lebenden fortexistiert<136>. Neben der im Mastabamassiv verborgenen


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Bestattungs- und Versorgungsanlage gibt es Hinweise auf kleine zugängliche Kultstellen am Mastabarand, an denen ein fallweiser Versorgungskult für den Toten durchgeführt werden kann<137>. Diese Kultstellen sind in der Regel aber recht bescheiden; oft ist an der nischengegliederten Fassade einer Eliteanlage nicht auszumachen, ob und wo sich besondere Kultplätze befinden. Es sei aber festgehalten, daß dieser weitgehend negative Befund für Kultplätze sich auf die unmittelbare Umgebung der Grabanlage beschränkt. Ob und in welcher Form es Kultstellen entfernt vom Grab gab, ist im Moment nicht zu entscheiden<138>.

2. Aus dem Elitegrabtyp der großen, ebenerdigen Mastaba wird im Verlauf der 1. Dynastie und dann besonders der 2. Dynastie ein etwas modifizierter Typ entwickelt, bei dem die Bestattungsanlage und die sie umgebenden Räume tief in den Boden hinein verlagert werden. Die Räume sind nun untereinander verbunden und bilden ein z.T. sehr entwickeltes Raumsystem; der Zugang erfolgt über eine Treppe, die in Saqqara tendenziell von Norden zur Bestattungsanlage führt. Die Sargkammer befindet sich hier im Süden der Mastaba. Die Elitenekrople von Saqqara war ein Schwerpunkt der Entwicklung dieses Grabtyps, aber auch dieser Typ ist nicht auf die memphitische Region beschränkt, sondern auf mehreren Friedhöfen belegt<139>.

3. Vereinzelt schon in der späten 1. und dann der 2. und vor allem 3. Dynastie beginnt sich abzuzeichnen, daß dem oberirdischen Kultplatz dieses Grabtyps immer größere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Es werden zwei hauptsächliche Kultnischen an einer Seite der Mastaba markiert. In Saqqara liegen diese Kultplätze an der Ostfront der Mastaba und bilden eine nördliche und eine südliche Kultstelle. Auch diese Entwicklung ist nicht auf die Residenzfriedhöfe von Memphis beschränkt, sondern ebenfalls in Provinzfriedhöfen zu beobachten<140>.

4. Parallel zur Einführung dieses Kriteriums wird der unterirdische Grabteil ebenfalls weiterentwickelt und mit umfangreichen Raum- und Gangsystemen ausgestattet<141>. Während die Perfektionierung der unterirdischen Anlage und ihrer Ausstattung als die Weiterführung einer Tendenz der Periode I anzusehen ist, stellt die Tendenz der Entwicklung einer oberirdischen


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Kultanlage eine neue Qualität dar. Das von nun an systematische Auftreten der beiden klar voneinander getrennten Kultstellen an der Ostseite der Mastaba soll hier als Kriterium für den Übergang zu Periode II funerärer Praxis, mit dem besonderen Schwerpunkt in der Residenz, angenommen werden. Die neuartige Installation deutet an, daß es zu Veränderungen in der Funktion einer Grabstelle kommt. Neben den Gedanken der Grabstelle als eines dauerhaften und mit allem zur Weiterexistenz Notwendigen dauerhaft ausgestatteten Aufenthaltsort des Toten, seines nachtodlichen "Wohnhauses" im weitesten Sinne, tritt der Gedanke der Grabanlage als eine Kultstelle. An dieser Kultstelle wird die Weiterexistenz des Toten zunehmend nicht nur fallweise durch Kult gesichert, sondern die Kultstelle am Grab erhält den Charakter einer unbedingt notwendigen Installation, um die Existenz des Toten zu gewährleisten.

5. In Anlehnung an die Nischengliederung der Graboberbauten der Periode I werden die beiden wesentlichen Kultstellen am Grab als Nischen gestaltet<142>. Wenn auch der Charakter der frühen Nischengliederungen nicht unumstritten ist, so ist doch einigen dieser Nischen sicher eine symbolische Bedeutung, ein Index eigen, der mit der Vorstellung "Tor / Durchgang" verbunden ist<143>. Beide Plätze sind also dadurch ausgezeichnet, daß der Tote hier die Möglichkeit besitzt, aus dem Grab heraus zu agieren, nicht nur dort versorgt und dauerhaft zu verweilen. Diese Vorstellung liegt bereits der Praxis der Periode I zugrunde und wurde dort durch die Nischengliederung der Elite-Grabbauten architektonisch umgesetzt, durch die dem Grabherrn symbolisch die Bewegungsfreiheit in alle Richtungen vermittelt wird. Diese diffus vermittelte Bewegungsfähigkeit wird in Periode II auf zwei Punkte festgelegt, die Orientierungen aufweisen, die vor allem für das Gebiet des Residenzfriedhofes von Saqqara von Bedeutung sind<144>:

  1. Beide Nischen liegen an der Ostseite der Mastaba. Da die Nekropole von Saqqara westlich der Siedlung liegt, ist der symbolische Durchgang so angebracht, daß er zwischen dem Toten im Westen und den Lebenden im Osten vermittelt.
  2. Eine Nische liegt im Norden der Ostfassade der Mastaba. Tendenziell führt in Saqqara der Grabschacht von Norden zur Sargkammer. Man kann in dieser Nord-Nische einen symbolischen Ein- und Ausgang vom und zum Grab sehen. Häufig sind die Rampen oder Treppen im Mastabakörper so gebaut, daß sie einen L-förmigen Wegeverlauf haben, der von (Nord-)Osten erst nach Westen und dann nach Süden führt.
  3. Die zweite Nische liegt im Süden der Ostfassade der Mastaba. Im Süden der Mastaba befindet sich üblicherweise die Sargkammer. Man kann in der Südnische eine symbolische Verbindung zwischen der Sargkammer mit dem dort befindlichen Toten und dem Bereich vor der Mastaba sehen. Hier befindet sich in Periode II eine Kultstelle, über die der in seinem Grab weilende Tote versorgt werden kann.

6. Die Vorstellung, daß der Tote nicht nur über Grabbeigaben im Grab dauerhaft versorgt ist, sondern daß er auch und vor allem über die Kultstelle an seinem Grab versorgt werden muß, wird in Periode II in einer neu geschaffene Installation visualisiert: durch die Speisetischtafel, die den


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Toten sitzend zeigt, der die Hand nach einem Speisetisch ausstreckt<145>. Neben dem Speisetisch werden auf diesen Tafeln weitere Beigaben abgebildet, in denen man einen Bezug zu den Beigaben sehen kann, die in den unterirdischen Räumen verwahrt wurden. Dieses Inventar an Speisen und Beigaben (Stoffe, Gefäße) steht noch ganz in der Tradition der Periode I funerärer Praxis. Entsprechend wurden die hier aufgeführten Objekte von W. Barta als "Inventaropferliste" bezeichnet; sie bilden das Inventar an Grabbeigaben ab, die für die Existenz des Toten im Grab wichtig sind<146>. Bei ausführlicheren Listen dieses Typs treten aber in der 3. Dynastie immer mehr Gaben auf, die selten im Bereich der Bestattung gefunden werden, darunter Möbel und rituelles Gerät. Bei Hzj-ra sind diese Objekte in einer ausführlichen Liste an der Ostwand des Korridors. Der Platz liegt den Nischen gegenüber und verweist nicht auf die geplante Deponierung solcher Inventare in der Bestattungsanlage, sondern weist sie als Teil einer Kultausrüstung aus<147>.

Die Abbildung des sitzenden Toten am Speisetisch mit der Aufzählung des Kultinventars führt das neue Moment des "Kultes" in die Dekoration ein. Nicht mehr die schlichte Existenz der Ausrüstung in den unterirdischen Depots ist entscheidend, sondern die praktische Durchführung eines Kultes, die den Toten in die Lage versetzt, diese Ausrüstung zu nutzen und vor allem die gebotenen Speisen zu genießen. Diese Tendenz zeigt sich im Auftreten und der steten Zunahme von Beschriftungen auf den Tafeln, die im Zusammenhang mit der Beschreibung der tatsächlich vollzogenen rituellen Handlungen stehen: Reinigung, Räucherung, Salbung, Vorlegen der Speise, schließlich Aufrufung des Toten usw.<148>.

Die Vorstellung, daß zur Gewährleistung der Existenz des Toten rituelle Handlungen notwendig sind, ist natürlich nicht neu. Neu ist vor allem die Betonung dieses Elements funerärer Kultur am Platz der Bestattung.

7. Die Intensivierung des Kultes an der Grabstelle, sein stärkerer Bezug zu dem dort bestatteten konkreten Toten, steht in enger Beziehung mit der Monumentalisierung der funerären Anlagen von Elitepersonen. Die im Bereich der Kultanlage eingesetzten Mittel der Monumentalisierung sind zum Teil dieselben, die schon in Periode I bei der Entwicklung von Elitegrabstellen eingesetzt wurden: Vergrößerung der Anlage, Vermehrung der Räume. Neu in den in Periode II am Grab auftretenden Kultanlagen ist aber das Element der Beschreibung, der bildlichen und schriftlichen Darstellung der konkreten Objekte und - in noch sehr spärlichen Ansätzen - auch der zu vollziehenden Handlungen. In der Anlage des Hzj-ra wird der Tote nicht mehr nur als im Grab sitzend und sein Opfer empfangend gezeigt, sondern in vielfältigen Aspekten seiner Existenz als Angehöriger der


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Residenzelite; auf der gegenüberliegenden Wand war detailliert das Inventar des Grabes in Malereien affirmiert und im Bereich des äußeren Ganges vor dem eigentlichen Mastabamassiv wurden offenbar Beschreibungen von nachtodlichen Fähigkeiten des Grabherrn in einer Wasserlandschaft und von Ritualhandlungen abgebildet<149>. Insbesondere dieser massive Einsatz von Schrift und Bild unterscheidet die Anlage des Hzj-ra von denen der vorangegangenen Periode und von solchen, die außerhalb der Residenz errichtet wurden.

8. Allerdings sind einige Tendenzen der Periode II noch nicht nur auf die Residenz beschränkt. Die Formalisierung der Kultstellen an der Anlage ist auch in der Provinz zu beobachten und sogar die Kennzeichnung durch eine dekorierte Tafel ist neben Helwan und Saqqara auch in Reqaqnah belegt<150>. Der Formalisierung der bildlichen und schriftlichen Dekoration der Kultstelle selbst gehen Siegelbilder der FZ und frühe Stelen bei den Königsgräbern in Abydos voraus<151>. Die erste Stufe der Entwicklung der Kultstelle zu einem eigenständigen Element der funerären Anlage scheint also noch charakteristisch für die funeräre Kulter wenigstens der Elite auch außerhalb der memphitischen Residenz gewesen zu sein und soll deshalb als Periode II.a bezeichnet werden. Eine Vorbildwirkung der Residenz ist in dieser Periode aber bereits anzunehmen<152>. Spätestens ab Djoser ist aber eine Trennung der kulturellen Entwicklung in der Residenz von der an anderen Orten Ägyptens nicht mehr zu übersehen<153>. Diese zweite Stufe soll als Periode II.b bezeichnet werden.

9. Eine von der Entwicklung der beiden Kultstellen an der Mastabfront unabhängige Entwicklung ist für jenen Kultplatz anzunehmen, der etwas getrennt von der Mastaba etwa zeitgleich mit der Einrichtung der Nord- und Südkultstellen auftritt. Ein separater Kultplatz ist erstmalig in S 3505 und S 3030 in Saqqara belegt und steht in keiner Beziehung zu den beiden bis hier besprochenen


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Kultstellen, sondern ist als eigenständiger Bau im Norden an die Mastaba angefügt<154>. Erst in der 3. Dynastie wird ein Kapellentyp standardisiert, bei dem die südliche Hauptkultstelle an der Mastaba und die Räume eines davon unabhängigen, seitlich eingerichteten Statuenkultes in einem Bauwerk zusammengeführt sind (Hzj-ra, xa-bA.w-zkr)<155>.

Diese "äußere" Kultstelle ist strukturell als ein eigenständiger Funktionskörper zu interpretieren und nicht aus der Funktion der Grabanlage als Grablege herzuleiten. Die Grablege, d.h. der Bestattungstrakt aus Sargkammer und Zugang zur Sargkammer verfügt bereits über einen Kultplatz für den Toten im Grab in Form der Süd-Kultstelle und der Nord-Nische als symbolischen Ausgang. Anhand der vorliegenden Quellen ist nicht sicher zu belegen, ob es Vorläufer für diesen zweiten Kultplatz am Grab gibt. Es sei aber als Hypothese aufgestellt, daß in Saqqara mit der Tendenz, am Platz der Grablege eine dauerhaft zu betreibende Kultstelle einzurichten, ein hypothetischer Kultplatz an das Grab verlegt und schließlich mit dem Platz des Kultes für den in seinem Grab ruhenden Toten verbunden wurde, der ursprünglich fern der Grablege existierte und dem Kult des aktiven Toten, des Ahn, unter den Lebenden diente<156>.

10. Daß die Potenzen von Schrift und Bild im Rahmen der funerären Kultur aktiviert werden, ist ebenfalls ein Kriterium der Residenzkultur. Seit Periode II.b treten Dekorationselemente auf, die über die Abbildung des Grabherrn oder ornamentale Verschönerungen hinausgehen<157>. Neben der Abbildung des Toten im Rund- und Flachbild und der bildlichen Affirmation auch aller im Grab notwendigen Ausstattungsstücke und Opfergaben werden in Periode II.b erstmals Personen abgebildet, die den Kult aktiv durchführen. Damit wird eine ganz neue Dimension der funerären Praxis in der Residenz auch archäologisch manifest: Der Kult am Grab ist nicht allein ein Medium individueller Präsentation, sondern hat eine kollektive Dimension. Diese kollektive Dimension


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betrifft in erster Linie die direkte Verwandschaft; aber schon in dieser frühen Periode treten Personen hinzu, die einem weiteren, institutionellen Sozialgefüge entstammen. In den jüngsten Anlagen dieser Periode, etwa bei mTn und der noch zu Periode II zu zählenden Dekoration der Anlagen von nfr-mAa.t und ra-Htp in Medum, liegen an den Kultstellen voll entwickelte Dekorationsprogramme vor, die nicht nur die Existenz (Abbilder) und rituelle Versorgung des Grabherrn (Ritualdarstellung, Ritualgabenbringer) ausführlich beschreiben, sondern auch die Fortdauer von dessen sozialer Position in der Residenz und unter den Nachkommen (Titel, Abbildung des sozialen Umfeldes) und die institutionellen Voraussetzungen für die Gewährleistung des funerären Kultes ("Domänenaufzug"/ Versorgungsgabenbringer, juristische Verfügung)<158>. Der Kult an einer solchen funerären Anlage der Periode II.b funerärer Praxis der Residenz dient nicht nur der Versorgung eines toten Individuums, sondern reziprok ebenso der affirmierenden Festschreibung und damit dem Erhalt einer um dieses Individuum existierenden kollektiven Institution.

11. Auch das gros der vorhandenen Statuen aus funerären Anlagen der Residenz ist erst der Periode II.b zuzuordnen. Insbesondere die Sitzfigur steht in enger Beziehung zur Entwicklung des Kultes direkt an der Grabstelle. Über sie wird der Tote zusätzlich zum Flachbild noch mit einem weiteren Medium ausgestattet, das ihm die Teilnahme am Kult - nicht nur die versorgte Existenz im "Wohnhaus" Grab, sondern Teilnahme am konkreten Kult der Kultgemeinde - sichern soll.

12. Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß die Aktivierung des Kultes an der Grabstelle und dessen Entwicklung zu einer offensichtlich bedeutenden Form gesellschaftlicher Praxis das wesentliche Charakteristikum der funerären Kultur der Periode II ist. Die Errichtung einer monumentalen funerären Anlage und deren Ausstattung mit einer Unzahl von Beigaben war schon in Periode I als ein Element gesellschaftlicher Praxis aktiviert worden, über das Eliteangehörige ihre soziale Position in besonderer Weise verhandelten. Diese Aktivierung war ausgesprochen kurzlebig und in ihrer Wirkung praktisch auf das Individuum beschränkt, das zur Mobilisierung der notwendigen Mittel in der Lage war; eine Institutionalisierung der statuserhöhenden Wirkung und damit eine Perpetualisierung der sozialen Differenzierung war so über dieses kulturelle Medium nicht möglich. In Periode II tritt als neues Element die Aktivierung des permanenten Kultes. Damit wird die auf die Lebenszeit eines Individuums beschränkte Wirksamkeit der strategischen Statuserhöhung über Handlungen im Bereich der funerären Kultur um eine neue Dimension bereichert: die der fortgesetzten Wirksamkeit dieser Neudefinition. Daß funerärer Kult auch die Position der Nachkommen definiert, ist ein traditionelles Element funerärer Praxis<159>; in Periode II wird dieser Aspekt von einer bestimmten Gruppe von Eliteangehörigen ganz bewußt entwickelt und gipfelt schließlich in der Ausformung einer spezifischen funerären Kultur, die als Teil der Kultur der


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Residenz zeitweise in klarem Gegensatz zu kulturellen Ausdrucksformen in der Provinz steht. Der Ausgangspunkt der Entwicklung einer spezifischen funerären Kultur der Residenz ist die Verbindung der Grabstelle mit einer permanenten Kulteinrichtung.

5.2 Entwicklung der Grabanlage in Periode III

1. Der Übergang von Merkmalen der Periode II funerärer Praxis zu denen, die auf neue Formen solcher Praxis deuten, ist ungewöhnlich abrupt und in mancher Beziehung radikal. Auch die relativ kurze Dauer dieser Periode, die in der Regierungszeit des Snofru beginnt und unter Cheops ihren Höhepunkt findet, deutet auf eine bewußte, gezielte und strategisch motivierte Umgestaltung. Die Komplexität dieses gesellschaftlichen Phänomens kann hier bei weitem nicht erörtert werden, es sollen nur solche Aspekte besprochen werden, die mit der Deutung des Befundes der funerären Anlagen in Zusammenhang stehen.

Zu diesen Aspekten zählen<160>:

  1. Die Einführung einer neuen Form von unmittelbar auf das Königsgrab bezogenen Friedhöfen für die direkte Königsumgebung.
  2. Die planmäßige und systematische Einführung der Steinbauweise auch bei nichtköniglichen funerären Anlagen.
  3. Der völlige Verzicht auf unterirdische Räume neben der eigentlichen Sargkammer; die Aufgabe des schrägen Grabschachtes und dessen Ersetzung durch einen senkrechten Schacht.
  4. Die Umgestaltung der oberirdischen Kultanlage.

2. Für einige dieser Aspekte gibt es bereits Vorläufer und es lassen sich Übergangsformen feststellen<161>. Spätestens in der Mitte der Regierungsszeit des Snofru wird auf dem Friedhof Dahschur Mitte aber ein neuer Friedhofs- und Grabtyp für Angehörige der Königsumgebung standardisiert, der alle diese Merkmale besitzt. In Giza werden Grabanlagen dieses Typs dann auch für die weitere Umgebung des königlichen Hofes errichtet. Inwieweit neben diesen Grabanlagen andere Typen in Saqqara Nord üblich waren, ist im Moment nicht sicher zu bestimmen. Die Entwicklung der folgenden Periode IV auf den beiden Hauptfriedhöfen der Residenz zeigt, daß in Giza die Anlagen des königlichen Friedhofes den Ausgangspunkt der weiteren Entwicklung bilden, während in Saqqara eine lokale Sonderentwicklung beobachtet werden kann, die an Traditionen der Periode II anknüpft. Im folgenden werden zuerst die Beispiele der königlichen Nekropolen in Dahschur und Giza besprochen.


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3. Die Veränderung der Installationen einer Grabanlage der Residenz in Periode III manifestieren, daß der Tendenz der Periode II zum Durchbruch verholfen wurde, das Grab insbesondere als Kultanlage zu entwickeln. Die unterirdischen, selbstwirksamen Einrichtungen werden radikal reduziert. Selbst der Beigabenbestand in der Sargkammer ist auf ein Minimum beschränkt<162>. Für alle weiteren Aspekte der Versorgung des Toten ist allein die oberirdische Kultanlage vorgesehen. Diese besteht in der ersten Phase der Periode III (Periode III.a), belegt auf dem Friedhof Dahschur Mitte, aus zwei Nischen an der Ostfassade der Mastaba: einer kleinen, undekorierten Nische im Norden und einer größeren, dekorierten und als Scheintür mit Opfertischtafel dekorierten Kultstelle im Süden<163>. Diese Kultstelle ist aber nicht mehr als eigener, in das Massiv hineinverlegter Raum gestaltet wie in der späten Periode II, sondern verhältnismäßig flach gehalten. Dafür ist vor der Kultstelle ein Raum (Hof) als Kapelle markiert.

4. In seiner Weiterentwicklung auf dem Westfriedhof in Giza wird die Kultstelle dieses Grabtyps noch einmal reduziert: Auf symbolische Tür-Nischen (Scheintüren) wird verzichtet. Die kleine Nord-Nische verschwindet ganz und die Südkultstelle wird nicht mehr durch eine Nische mit dem Index "Tor / Durchgang" markiert, sondern nur durch einen Platz, an dem eine Tafel mit der Speisetischszene an der Mastabafront angebracht ist. Der davor liegende Bereich ist durch entsprechende Installationen (Tafel, Ständer) als Opferstelle gekennzeichnet und als ein meist überdachter Raum gestaltet, der mehrere Neben- bzw. Zugangsräume besitzen kann<164>.

5. Dieser Grabtyp ist auf den Westfriedhof von Giza beschränkt und offenbar nur sehr kurze Zeit üblich (Periode III.b). Einige der so gestalteten Grabanlagen werden nachträglich umgebaut, wobei insbesondere der Einbau einer Scheintür an Stelle der Speisetischtafel charakteristisch ist<165>. In einem Fall ist auch der nachträgliche Einbau einer kleinen Nord-Kultstelle belegt<166>. Auf dem Ostfriedhof von Giza tritt dieser Kapellentyp an den Großanlagen der Königsfamilie nach ihrer mit mehreren Planänderungen verbundenen Fertigstellung gar nicht auf. Diese Doppelmastabas besitzen alle Kultanlagen, die sich aus einem im Mastabamassiv liegenden Scheintürraum (NS:L:1s) und vor der Mastabfront selbst liegenden weiteren Räumen zusammensetzten; in der Regel scheint es auch eine kleine Nordkultstelle gegeben zu haben<167>. Der Scheintürraum (NS:L:1s) wird bei Umbauten von Mastabamassiven auf dem Westfriedhof gelegentlich auch vor den Mastabakörper gebaut<168>, allgemein üblich ist aber auch dort die Lage im Massiv<169>. Dieser


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Kapellentyp ist kennzeichnend für Periode III.c funerärer Praxis.

Die Scheintür-Räume (NS:L:1s) sind auch wieder mit einem aufwendigen Dekorationsprogramm im Flachbild versehen, auf das soweit bisher bekannt in Periode III.a weitgehend (abgesehen von der Scheintür selbst) und in Periode III.b gänzlich (abgesehen von der Speisetischtafel) verzichtet wurde<170>.

6. Aber auch der Scheintür-Raum (NS:L:1s) ist nur eine kurzlebiges Phänomen. Noch in der Hauptnutzungsphase des Giza-Friedhofes, ca. unter Mykerinos, wird er durch einen Scheintür-Raum mit zwei Scheintüren (NS:L:2) ersetzt. Dieser neue Typ kennzeichnet den Übergang zur Praxis der Periode IV.

5.3 Die Veränderungen der Kultstellen in Periode III

(Abb. 1)

5.3.1 Süd- und Nord-Kultstelle - Zum Problem der isolierten Speisetischtafel

1. Zur Klärung des besonderen Charakters der Entwicklung der funerären Praxis der Periode III und ihrer Installationen ist neben der Analyse der auftretenden Statuen die Deutung des Phänomens des kurzzeitigen Auftretens der isolierten Speisetischtafel notwendig. Als Ausgangspunkt der Analyse ist festzuhalten, daß die Scheintür-Nische mit dem Index "Tor / Durchgang" und die Darstellung der Speisetischtafel mit dem Index "versorgter Toter im Grab" ursächlich zwei getrennte Phänomene sind<171>. Die Markierung einer Kultstelle unter dem Aspekt, an ihr das Heraustreten eines Toten zu bewirken, und einer Kultstelle, um an ihr die Versorgung eines Toten zu bewirken, beschreiben jeweils verschiedene rituelle Schwerpunkte. Die Nische ist als Installation schon in Periode I belegt, das Bild des Toten am Speisetisch erst ab Periode II. Während die Tor-Nische noch mit der Vorstellung des Grabes als "Haus"/ Aufenthaltsort zu verbinden ist, steht die Speisetischszene (und die Sitzfigur) in engster Beziehung zur Vorstellung vom Grab als Kultplatz.

2. Die beiden für Periode II funerärer Praxis der Residenz charakteristischen Nischen setzen eine Tradition der Periode I fort, die dem Toten mittels symbolischer Durchgänge die Möglichkeit zuschreibt, sein "Grab als Wohnhaus" beliebig verlassen zu können. Dabei wird in Periode II aber


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der Bestand an Nischen auf zwei reduziert und jeder Nische eine bestimmte Funktion zugeschrieben. Die (ideal) nördliche Nische ist auch in Periode II der alten Vorstellung verpflichtet geblieben, einen symbolischen Ausgang aus dem Grab darzustellen. Sie steht dementsprechend mit dem meist von Norden in die Sargkammer führenden Grabschacht in enger Verbindung und liegt außen an der Mastabafront. Die südliche Nische dagegen wird mit der Vorstellung des Versorgungskultes am Grab verbunden und bildet eine symbolische Verbindung zwischen Opferstelle und Sargkammer, in deren räumlicher Nähe (Süden) sie sich gewöhnlich befindet. Zudem hat sie die Tendenz in den Mastabakörper, "zum Toten hinein", verlegt zu werden. Auf diese Weise bildet sich ein erster Typ eines im Massiv liegenden Scheintürraumes, die sogenannte "Kreuzkapelle". Sie ist als eine echte, ein eigenes Raumvolumen besitzende Kapelle in das Mastabamassiv hineingebaut und steht räumlich in einem gewissen Bezug zur tendenziell südlich gelegenen Sargkammer.

3. Folgende Maßnahmen sind bei der Veränderung der Kultstellen in Periode III.a/b zu beobachten:

  1. In Dahschur Mitte wird der enge, im Mastabamassiv liegende südliche Scheintürraum durch eine flach an der Mastabafront liegende Nische ersetzt. Davor befindet sich ein größerer Raum oder Hof, der eine Konzentration kultischer Handlungen an diesem Platz ermöglicht. Dieser Raum ist unter Snofru ausgesprochen schlicht gestaltet, während die Grabanlage selbst monumentalisiert wird. Es wird vollständig auf unterirdische Versorgungsinstallationen (Nebenräume) verzichtet und auch der Zugang zur Sargkammer nur als senkrechter Schacht gestaltet. Die Grabanlage entbehrt damit aller an ein "Wohnhaus" oder ähnliche Einrichtungen erinnernde magische Installationen und ist offensichtlich ganz bewußt auf den Index "Grablege" reduziert worden. Auch der Kultplatz wurde aus dem Massiv dieser "Grablege" entfernt und vor die südliche Ostfront verlegt. Er bleibt in der schon in Periode II.b üblichen Art und Weise als dekorierte Scheintürnische gestaltet. Der Kultplatz erhält damit eindeutig den Charakter einer Installation des Kultes "am" Grab.
  2. Eine kleine Nordnische bezeichnet weiterhin einen Platz, an dem das Grab vom Toten verlassen werden kann. Sie steht dabei noch in Verbindung mit einer den alten Schrägschacht nachempfundenen, aber zugeschütteten Rampe, die eventuell beim Bau der Bestattungsanlage verwendet wurde und die für die Gräber der Übergangsperiode vom Schrägschacht-Grab zum Grab mit senkrechten Schacht typisch ist<172>.
  3. Die Veränderungen der Kultstelle in Giza in Periode III.b stellen offensichtlich die Konsequenz aus der in Dahschur begonnenen Umgestaltung der funerären Anlagen dar. Bei der Gestaltung der Süd-Kultstelle und bei der Nord-Kultstelle wird auf das Element der Nische mit dem Index "Tor / Durchgang" verzichtet. Die Süd-Kultstelle ist nun nur noch durch die Speisetischtafel markiert, die Nord-Kultstelle verschwindet ganz.

4. Das Charakteristische dieser Entwicklung ist also, daß man die funeräre Anlage selbst ganz klar in zwei Bereiche teilt: die eigentliche Grablege und die Kultstelle "am" Grab. Jeder Aspekt der Überschneidung, z.B. die Position der südlichen Kultstelle "im" Grabbau, wird vermieden. In Periode III.b verzichtet man selbst auf die symbolische Andeutung des Durchganges in Form der Scheintürnische zwischen Grabbau und Kapelle. Die Speisetischtafel und die vorhandenen Opferinstallationen (Tafel, Ständer) zeigen, daß davon ausgegangen wurde, daß der Tote im


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Opferraum der Kapelle anwesend ist und das hier dargereichte Opfer empfängt. Negiert wird nur, daß er dazu einen symbolischen Durchgang (Scheintür) benötigt. Ebenfalls negiert wird das symbolische "Wohnhaus" mit symbolischen Depots; die Grablege ist nichts anderes als ein Aufbewahrungsort für die Leische. Und ebenso wird die symbolische Abbildung des Toten durch eine Statue negiert - der Tote ist in Gestalt seiner Leiche anwesend.

5. Die folgende Umgestaltung der Kultstellen in Periode III.c zum Scheintür-Raum (NS:L:1s) betrifft zum einen die Rückverlagerung der südlichen Kultstelle in das Massiv der Mastaba hinein und die Wiederaufnahme der beiden symbolischen Durchgänge in Form von Scheintür-Nischen im Süden und Norden. Während bei der Gestaltung der Nord-Kultstelle wohl direkt an die Tradition der Periode II angeknüpft wurde, hat man bei der Gestaltung der Süd-Kultstelle einen völlig neuen Raumtyp eingeführt:

  1. Der äußere Zugang zum Raum ist mit Elementen der Scheintür-Dekoration versehen, was auf eine Deutung als ein kultischer Zugang verweist<173>.
  2. Der Zugang ist seitlich versetzt, tendenziell nach Norden, was der Lage der Nord-Kultstelle und ihrer Indizierung mit "Zugang zur Grabstelle" seit Periode II entspricht<174>. Die größte Ausdehnung des Scheintürraumes ist Nord-Süd. Die sich ergebende L-artige Raumform<175> setzt zwei wesentliche "Ritualrichtungen" um, die innerhalb von funerären Anlagen der Residenz wirken: Erstens die Richtung von Süden nach Norden, in der der Tote aus seinem Grab heraus wirkt und die durch die Lage der Grabtreppen und -rampen in Periode II bereits vorgegeben wurde. Diese Richtung ist die Bewegungsrichtung im "liminalen Raum", innerhalb der funerären Anlage. Hier ist sie als Richtung der größten Tiefe des Scheintürrauemes umgesetzt. Zweitens die Richtung von Westen nach Osten, in der der Tote in die Welt der Lebenden hinein wirkt. Diese Bewegungsrichtung verbindet die Welt der Toten mit der Welt der Lebenden, wirkt daher über die Grabanlage hinaus. Die Bewegung im "liminalen Raum" stellt dabei das Verbindungsglied zwischen beiden Sphären dar.
  3. Die eigentliche Süd-Kultstelle wird wieder in Form der Scheintür mit Speisetischtafel gestaltet. An dieser Stelle wirkt die "Ritualrichtung" Ost-West, der Opfernde steht dem im Westen im Grab ruhenden Toten gegenüber. Zusätzlich kann der Tote in Periode III.c hier in einem West-Serdab ganz unmittelbar "hinter der Tür" anwesend sein.

6. Nutzt man diese durch Dekoration und Beschriftung erleichterte Interpretation des Scheintürraumes (NS:L:1s) zur Deutung des Vorgängertyps der Periode III.b, so ergibt sich:


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  1. Die Rolle der symbolischen (Schein-)Türnischen in Periode II wird in Periode III.b durch die tatsächlichen Zugänge zum Opferraum übernommen. Der symbolische Durchgang wird als reale Tür interpretiert, die zum Toten führt.
  2. Die Kapelle der Periode III.b hat eine versetzte Wegführung, in der die Richtungen Ost-West und Nord-Süd kombiniert werden. Diese Wegführung nimmt in der Kultanlage vor der Mastaba eine bis dahin von der Bestattungsanlage in der Mastaba räumlich umgesetzte Vorstellung auf<176>.
  3. Der Raum vor der Mastaba enthält eine Opferstelle, an der der Tote anwesend ist. Dieser Raum bildet gewissermaßen den "Raum hinter der Scheintür" in Kapellen der Periode II.b, denn der Türdurchgang, die ehemalige Scheintür, befindet sich davor<177>. Eine eigene Scheintür an dieser Stelle wäre unlogisch, die Rolle des Durchganges wurde schon von der Zugangstür zum Opferraum übernommen.
  4. Mit endgültiger Einführung des senkrechten Grabschachtes (ohne eine symbolische Schrägrampe) hatte eine Nord-Tür keinen Sinn mehr und auf sie wird verzichtet. Die Rolle dieses "Zugangs zum Grab" wird in der äußeren Tür zur Kapelle real (siehe a) umgesetzt.

7. Die Umgestaltung der Kultanlage in Periode III.a/b steht also in engster Verbindung mit der Trennung von Bestattungsanlage und Kultanlage: Zum einen werden beide Bereiche räumlich klar getrennt, die Kultanlage wird an den Mastabakörper verlegt, zum anderen bewirkt die Umgestaltung der Bestattungsanlage (insbesondere der Wegfall der schrägen Rampe) den Verzicht auf symbolische Durchgänge in Form von Nischen. Damit werden praktisch die letzten Elemente der funerären Praxis der Periode I eleminiert: symbolische Versorgungseinrichtungen in der Bestattungsanlage und symbolische Durchgänge (Nischen) am Mastabaoberbau.

8. Folgt man der hier kurz skizzierten Interpretation, so ist die Umgestaltung der Kultstelle in Periode III nicht als eine "Reduzierung" zu werten, sondern vielmehr als eine architektonisch-"naturalistische" Umsetzung der in Periode II.b nur symbolisch vermittelten Bezüge. Die beiden Scheintür-Nischen werden als Türen der Kapelle umgesetzt (Nord-Nische als äußere Tür und Süd-Nische als innere Tür) und nur das Bild des Toten am Speisetisch behält seinen Platz. Der Verzicht auf die Nordkultstelle in Periode III.b ist sogar ausgesprochen logisch, da mit der Einführung des senkrechten Grabschachtes der Zugang zur Sargkammer gar nicht mehr im Norden liegt. All diese Bemühungen decken sich mit der Tendenz zur naturalistischen Gestaltung der Statuen: in beiden Fällen wirkt das Bemühen, Dinge real und weniger symbolisch darzustellen.


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9. Diese Interpretation der Kultstelle setzt sich nicht durch. Die Markierung der Kultstelle auch als (Tür-)Nische wird wieder aufgenommen und die eigentliche Opferstelle wieder "zum Toten" in die Mastaba verlegt. Dabei wird aber nicht auf die alte Kreuzkapelle zurückgegriffen, sondern der L-förmige Raumtyp der Periode III.b übernommen. Die Wiedereinführung einer Nord-Kultstelle in diesem Zusammenhang ist besonders bemerkenswert, denn in gewisser Weise wird die Funktion der Nord-Tür (Grabausgang) von der Zugangstür zum Scheintür-Raum (NS:L:1s) übernommen<178>. Die nördlich gelegene Kultstelle wird seit Periode III.c wieder als "Ausgang" des Toten zur Welt der Lebenden eingeführt, während man die Zugangstür zum Scheintür-Raum als "Zugang" der Lebenden zum Toten interpretiert. Es zeigt sich, daß die Nord-Kultstelle im Übergang von Periode III zu Periode IV neu interpretiert wird, was u.a. auch die Einführung einer zweiten Scheintür an der Süd-Kultstelle belegt (NS:L:2). Da diese Veränderungen schon in die Periode IV. funerärer Praxis fallen, werden sie separat behandelt (s.u. Kap. 14).

5.3.2 Die "äußere" Kultstelle

1. Als ein weiteres Charakteristikum der Anlagen der Königsnekropolen von Periode III.a und III.b ist, daß auf mehrräumige "äußere" Kultanlagen weitgehend verzichtet wird. In Periode II.b hatten Anlagen wie die des Hzj-ra oder xa-bA.w-zkr recht entwickelte Anbauten besessen, für die oben der Kult an Standfiguren und die Herleitung aus Kultbereichen wie der Anlage von S 3505 postuliert wurde. Solche Anlagen fehlen in Dahschur Mitte und auf dem Giza-Westfriedhof völlig; erst die Prinzenanlagen der Periode III.c führen auch diese Einrichtungen vor dem eigentlichen Mastabakörper wieder ein.

2. Es wurde oben angedeutet, daß die Verbindung der "äußeren" Kultplätze mit der Grabstelle selbst ein Phänomen der Periode II ist und diese eventuell Nachfolger von Kultstellen sind, die sich an anderen Orten befunden haben. M. E. ist das Fehlen solcher Einrichtungen auf den geplanten Königsfriedhöfen der frühen 4. Dynastie dadurch zu erklären, daß man diese Kulteinrichtung zeitweise wieder vom Grab trennte. Als mögliche Stelle der Konzentration des "äußeren" Kultes kommt für die auf den Friedhöfen der Königsumgebung bestatteten Personen der Tempel der königlichen Grabanlage in Frage. Bei Snofru ist dieser nicht direkt auf die Pyramide bezogen,


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sondern liegt scheinbar unmotiviert auf halber Höhe des Aufweges. Dort befindet er sich aber in Höhe und räumlicher Nähe zum Friedhof von Dahschur Mitte und stellt so einen Bezug zwischen der der Königsumgebung und der Knickpyramide her<179>. In diesem Tempel wurden Statuen gefunden, die Angehörige der Königsfamilie am Boden hockend abbilden (siehe dazu Kap. 7.2.)<180>. Charakteristischer Weise enthält im Gegensatz zu den Anlagen der Königsfamilie die Anlage des jpj, der nicht zur königlichen Familie gehört aber in etwa zur selben Zeit lebte, eine separate Installation für den Statuenkult und auch zwei Standfiguren des Toten (3.2). Auch die ebenfalls in die Zeit der unmittelbaren Nachfolger des Snofru zu datierenden ra-nfr und kA-apr hatten eine bescheidene Nische mit Standfiguren in ihrem Kapellenanbau (3.8; 3.9), Installationen, die bei keiner der Anlagen auf den geplanten Königsnekropolen belegt sind, aber auf die Existenz "äußerer" Kultplätze in Periode III verweisen.

3. Inwieweit in der ersten Planung der Nekropole von Giza eine dem Snofru-Tempel vergleichbare kollektive Kultinstitution vorgesehen war, ist unbekannt. Die Anlage des Ostfriedhofes zeigt, daß die hier wieder auftretenden "äußeren" Kultanlagen der Prinzengräber mit Raumproblemen zu kämpfen haben und wohl nicht ursprünglich vorgesehen waren. Eine klare Vorstellung von der Struktur einer "äußeren" Kultanlage in Periode III.c vermitteln aber die Kapellenbauten der Großmastabas G 2000 und G 7510, die im Osten nicht unter Raumproblemen litten<181>. Die Kombination von Hof und Zugangsräumen sowie die noch deutliche architektonische Trennung der "äußeren" Kultanlage von der eigentlichen Mastaba bei G 7510 hat diese Anlage mit dem Taltempel der Knickpyramide gemein.

4. Erst in Periode III.c wird die "äußere" Kultstelle also wieder mit der Grabstelle verbunden. Sie ist der Bereich, in dem die Nutzung sehr großer und vielgestaltiger Statuenensembles wie das des kA-wab (3.5) ansetzt. Die vermeintliche Armut an Statuen an funerären Anlagen der Periode III.a/b muß also vor allem auch damit erklärt werden, daß der übliche Platz für Statuen fern der Scheintür - die "äußere" Kultanlage der Periode II - zumindest auf den Königsfriedhöfen vom Grabbau getrennt wurde. Wo diese Trennung nicht vorliegt - in Saqqara bei ra-nfr und kA-apr - oder durch nachträgliche Umbauten aufgehoben wird (kA-wab), treten Statuen durchaus auf.

Auch die in Periode III.c erneut vorgenommene Verlegung der Süd-Kultstelle in das Mastabamassiv ist vor allem dadurch zu deuten, daß man die "äußere" Kultstelle wieder an das


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Grab selbst anschloß. Die Süd-Kultstelle wird durch ihre Lage in der Mastaba als Kultstelle für den Toten im Grab definiert, die "äußere" Kultanlage durch ihre Position vor der Mastaba als Kultstelle, in der der Tote nach Verlassen der eigentlichen Grablege anwesend ist.

5.4 Die Entwicklung der Kultanlagen in Periode II und III - Zusammenfassung

1. In der Entwicklung der Grabanlagen der memphitischen Residenzfriedhöfe zeichnet sich in der Periode der Enstehung des um diese Residenz konzentrierten ägyptischen Staatswesens eine relativ klare Tendenz ab. Aus den großen Grabanlagen der noch landesweit verbreiteten Periode I funerärer Kultur der Elite wird ein Grabtyp entwickelt, der den spezifischen Bedingungen der Residenz angepaßt ist. Das wesentliche Kriterium dieses Grabtyps ist die immer stärkere Betonung seines Charakters als eine permanente Kultstelle<182>. In Periode II der funerären Kultur verläuft die Entwicklung der oberirdischen Kultanlagen noch parallel zum Ausbau von unterirdischen Einrichtungen einer symbolischen Selbstversorgung im Grab. Erst in Periode III werden alle nicht mit dem permanenten Kult verbundenen Installationen schlagartig reduziert.

2. Die Einrichtung permanenter Kultanlagen führt in Periode II zur Formalisierung mehrerer Kultplätze. Systematisch erfaßbar sind zwei Kultstellen an der Ostfassade der Mastaba, wobei der südliche Platz mit dem Versorgungskult für den Grabherrn in Verbindung steht, der nördliche Kultplatz mit dem Zugang zur Sargkammer. Weniger standardisiert tritt ein weiterer, "äußerer" Kultplatz in Erscheinung, der getrennt vom eigentlichen Mastabamassiv nördlich oder östlich der Anlage angeschlossen wird.

3. Im Verlauf der Periode II werden die Kultplätze mit formalisierten Installationen versehen, bei deren Ausformung Elemente einer Elitekultur aktiviert werden, die zunehmend auf die Residenz beschränkt sind und in der Provinz eher imitiert als unabhängig erarbeitet werden. Solche Elemente sind die Gestaltung der Kultstellen als Scheintüren, die Formalisierung des Abbildes des sitzenden Grabherrn am Speisetisch, der Einsatz von Flachbilddekoration und Schrift zur Affirmation von Ritual und Ritualsinn. Dazu ist auch die Formalisierung zweier Statuentypen zu zählen, Sitz- und Standfigur, die wenigstens hypothetisch konkreten kultischen Bezügen zugeordnet werden können: die Sitzfigur dem Versorgungskult für den Toten im Grab, die Standfigur dem Kult des aktiven Toten am Grab oder sogar fern vom Grab.

4. Unter Snofru werden die in Periode II entwickelten kulturellen Ausdrucksformen der funerären Kultur in ungewöhnlich deutlicher Art und Weise interpretiert und umgestaltet. Die Periode III dieser aktiven strategischen Ausdeutung wird unter Cheops fortgesetzt. Sie ist vor allem an Grabanlagen


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der unmittelbaren Königsumgebung zu beobachten, Elemente der neuen Praxis sind aber auch an Grabstellen außerhalb der Königsfriedhöfe erkennbar.

5. Grablege und Kultanlage werden in Periode III klar voneinander getrennt. Die Kultstelle am Grab erhält den Charakter einer unbedingt notwendigen Installation der Versorgung des Toten. Dabei wird ein Bemühen deutlich, den funerären Kult in möglichst realer, individuell bestimmter und konkreter Art und Weise durchzuführen. Es wird so weit wie möglich auf Formen symbolischer Affirmation verzichtet: Die Statue wird in Gestaltung und Position so eingesetzt, daß sie nicht für den Toten, sondern als Toter wirkt. Zeitweise wird auf die Statue ganz verzichtet, was damit erklärt werden kann, daß der als menschlicher Körper hergerichtete Leichnam des Toten die Funktion der Statue ganz übernimmt (gegebenenfalls um einen Ersatzkopf ergänzt). Der symbolische Durchgang der Scheintür wird durch die radikale Umgestaltung der südlichen Kultstelle ersetzt, so daß die Nische nicht mehr symbolisch für eine Tür steht, sondern als Tür umgesetzt wird. Die Bestattungsanlage wird nicht mehr als symbolische Versorgungsanlage interpretiert, sondern durch die reale Versorgungsanlage in der Kapelle ersetzt. Diese Kultkapelle übernimmt dabei die kultischen Richtungsbezüge des Bestattungstraktes der Periode II (Süd-Nord als Richtung im liminalen Grabbereich, West-Ost als Richtung zwischen Grabbereich und Welt der Lebenden).

6. Ein weiteres Kriterium der Periode III ist die zeitweilige Trennung der "äußeren" Kultanlage vom Grabbau bei Angehörigen der königlichen Familie. Dieser "äußere" Kultbereich war wahrscheinlich überhaupt erst in Periode II mit der Grabstelle verbunden worden. Da dieser äußere Kultbereich nicht der Versorgung des Toten im Grab dient, sondern der Affirmation seiner Wirksamkeit im Diesseits, ist auch dieses Phänomen als eine bewußte Maßnahme der Neustrukturierung der funerären Praxis zu verstehen. Vorgeschlagen werden soll, daß dieser Aspekt des Kultes unter Snofru in einen Kollektivkult der königlichen Familie integriert wurde, was auch unter Cheops anfangs geplant war, dort aber offenbar auf die gesamte Institution "Residenz" erweitert. In diesem Bereich ist auch die Verwendung von spezifischen Statuentypen (Schreiberfigur) belegt. Kultanlagen der Periode III.a/b sind also weniger durch eine Reduzierung der Installationen gekennzeichnet, sondern durch eine bewußte Trennung der verschiedenen kultischen Funktionen.

7. Die aktive, bewußte und manipulative Deutung des Vokabulars der funerären Kultur durch Reduzierung der Symbolik und Multiplikation des Aufwandes für "reale" Installationen - die Tendenz zur "Entsymbolisierung" - wird in Periode III.c unter erneuter Einbeziehung der in Periode II entwickelten Formen magisch-schriftlicher Affirmation aufgehoben, beginnend mit Anlagen wie der des Hm-jwnw und endend mit der Formalisierung eines neuen, für Giza spezifischen Kapellentyps mit Scheintürraum (NS:L:1s) und vorgelagertem "äußerem" Kultbereich. Die damit einhergehende Tendenz zum "Narrativen", zur ausführlichen Beschreibung und Deutung schlägt sich auch in der Verwendung von Statuen wieder, die nun in immer größerem Maße und in ganz neu entwickelten Typen eingesetzt werden.

8. Die zur frühen Entwicklung der funerären Praxis der Residenz gemachten Beobachtungen sind


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auf die Ebene der Eliteangehörigen beschränkt, wobei neben der Königsfamilie aber auch eine Gruppe hoher Beamter schon gut belegt ist. Grabanlagen auch mittlerer und niederer Residenzschichten lassen sich erst ab der Übergangsphase von Periode III zu Periode IV analysieren. Insofern kommt den Perioden II und III der funerären Kultur der Charakter einer Elite-Kultur zu. Das Besondere an ihr ist, daß es sich um die spezifische Gruppe der in der Residenz ansässigen Elite ist, die zunehmend von den Eliten anderer Lokalitäten Ägyptens verschiedene kulturelle Ausdrucksformen entwickelt.

9. Durch die Aktivierung des Mediums "permanenter Kult am Grab" sind die Eliteangehörigen befähigt, die strategische Statusdefinition mittels monumentaler Grabanlagen, die schon in Periode I belegt ist, dauerhaft zu gestalten. Auf diese Weise können extrem individuelle Positionen in kulturell faßbare materielle Erscheinungsformen umgesetzt werden, was besonders in Periode III zu nahezu einmaligen Belegen der "Individualisierung" bei einzelnen Elitepersonen führt (Hm-jwnw, anx-HA=f, naturalistische Repräsentationen). Aber auch dieses Phänomen ist in eine größere Tendenz eingebunden, in der sich die Etablierung neuer und umfassender Institutionen abbildet, die für die Residenz als soziales Phänomen charakteristisch sind (geplanter Königsfriedhof, Schreiberfigur als Statusfigur, s.u.). Die Dialektik von individueller Repräsentation und der Etablierung neuer Formen kollektiver Institutionen ist bezeichnend für die soziale Dynamik der Frühphase der Etablierung der Residenz des AR.

10. Für die auf H. Junker und A. Shoukry zurückgehende Annahme, es habe unter Cheops eine Art Luxusverbot im funerären Bereich gegeben, das ausgiebige Dekoration und auch das Aufstellen von Statuen verbot, gibt es außer dem Bericht Herodots über die Strenge des Cheops keinerlei Anhaltspunkte<183>. Es ist vielmehr festzustellen, daß die Reduzierung bestimmter kultureller


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Elemente (Dekoration, Statuenanzahl) durch die Massierung anderer Elemente (Steinbau, Prestigepositionen der Anlagen im Königsfriedhof, Qualität der wenigen Statuen und Flachbilder) wettgemacht bzw. sogar übertroffen wird. Die Veränderungen an Grabanlagen unter Snofru und Cheops können durch die konsequente Entwicklung der Grabstelle zu einem Ort permanenten Kultes erklärt werden. Dabei wurde durch den Verzicht auf universelle Symbolik das Konkrete einer Grablege (verschlossener Ort) und einer Kultstelle (zugänglicher Ort) heraus- und gegeneinandergestellt, so, wie in der naturalistischen Statue auch das Individuelle der Person, der dieser bestimmte Kult an einem bestimmten Grab dient.

11. Der Verzicht auf praktisch jede symbolische Affirmation erwies sich jedoch als Übergangsstufe. Die symbolische Affirmation durch Rundbild, Flachbild und Schrift bot sich als ein Medium intensivierter funerärer Praxis an, die bei einer konsequenten Reduzierung des symbolischen Vokabulars verarmt und damit als Mittel kultureller Auseinandersetzung obsolet geworden wäre. Die klare Strukturierung der funerären Praxis in Periode III und die Verschiebung der Funktion einer funerären Anlage von der Grablege zur Kultstelle bildet aber die Voraussetzung für die breit angelegte Entwicklung von symbolischen Ausdrucksformen der funerären Kultur in Periode IV.


Fußnoten:

<135>

Reisner 1936: 27-42 listet entsprechende Elitegräber dieser Periode auf, die in Naqada (fig. 21), Saqqara (fig. 22), Giza (fig. 23), Tharkhan (fig. 24, 27) gefunden wurden. Reisner op.cit.: 42-56 gibt eine Liste vergleichbarer Klein- und Mittelanlagen. Zur Entwicklung jetzt auch: Kaiser 1998.

<136>

Scharff 1947: 18-20 u. passim

<137>

Reisner 1936: 239-241, fig. 126 (Tarkhan)

<138>

Die Markierung der Grabstelle durch Stelen und deren Funktion im Königs- und Klientelfriedhof von Abydos liegt außerhalb des hier betrachteten Rahmens; Belege siehe Vandier 1952: 731-733. Ein Hinweis auf die Existenz vom eigentlichen Grabbau entfernt liegender Kultanlagen sind die sogenannten "funerary palaces" (Kemp 1966) oder "Talbezirke" (Kaiser in Kaiser / Dreyer 1982: 253-255) der Königsgräber in Abydos und eventuell auch in Hierakonpolis (O'Connor 1989: 84; Alexanian 1998.a: 14-17). Hinweise auf vergleichbare Einrichtungen nichtköniglicher Personen am Fruchtlandrand oder im Siedlungsbereich gibt es bisher nicht.

<139>

Reisner 1936: 64-74, 136-145, 154-167, 172-183, 248-256 mit entsprechenden Belegen aus Saqqara (fig. 46, 47, 48, 52, 58, 59, 72, 139, 147), Giza (fig. 73, umgebautes Grab Periode I?), Mahasnah (fig. 49), el-Amrah (fig. 50), Naga ed-Der (fig. 51, 86, 87), Tarkhan (fig. 53), Bet Khallaf (fig. 79-83), Reqaqnah (fig. 84, 85). Übersicht der Belege aus Helwan: Vandier 1952: 674-680.

<140>

Reisner 1936: 136-145, 248-256, Saqarra (fig. 58, 59, 72, 139, 147), Reqaqnah (fig. 84, 85), Naga ed-Der (fig. 86, 87).

<141>

Reisner 1936: fig. 60-67, 74-76

<142>

Reisner 1936: 184; eine Übersicht von Belegen aus Saqqara, Giza, Reqaqnah, Naga ed-Der: Reisner op. cit.: 186-189.

<143>

Haeny 1971: 160, Wiebach 1981: 29-34

<144>

Reisner 1936: 249

<145>

Vandier 1952: 733-765, Quibell 1923: pl. XXVI-XXVIII.1,2; Junker Giza I: 23-35, Junker Giza XII: 53, Saad 1957, Haeny 1971: 148-153

<146>

Barta 1963: 8-10

<147>

Quibell 1913: pl. X-XIV, XVI-XXII

<148>

Barta 1963: 45

<149>

Quibell 1913: pl. XV (Fragmente der Dekoration mit Kultszenen).

<150>

Garstang 1904: pl. 25, 28, 29

<151>

Zur Diskussion der Beziehungen dieser Installationen zueinander siehe Vandier 1952: 740-752.

<152>

Reisner 1936: 122f sieht den Beginn der Unterscheidung in eine memphitischen Residenztyp und weniger komplexe Grabanlagen in der Provinz schon in der 2. Dynastie, also ca. mit Beginn der Periode II. Insbesondere die Übernahme der für Saqqara spezifischen Lage der Kultstellen an der Ostseite der Mastaba auch in der Provinz ist bemerkenswert, da dort nicht zwangsläufig "die Welt der Lebenden" im Osten liegt. Die den Perioden I und II.a zuzuweisenden Anlagen in Helwan hatten offenbar die Kultstellen noch an der Westseite, der Seite, die durch die Lage am Ostufer zum Fruchtland und der Siedlung ausgerichtet ist (Kaplony, P.: s.v. "Heluan", LÄ II: 1115). Man kann in der Tendenz zur Bevorzugung der Ostseite als Kultplatz einen Hinweis dafür sehen, daß die memphitische funeräre Praxis bereits zum Vorbild für die Praktiken auch in der Provinz geworden ist, dort also auf Elemente einer spezifischen Residenzkultur zurückgegriffen wird.

<153>

Auch die Anlage des Djoser ist wie die Grabanlagen nichtköniglicher Personen der 2./3. Dynastie noch durch die Parallelität von unterirdischen und oberirdischen Räumen gekennzeichnet. Ausgebaute unterirdische Anlagen sind bei nichtköniglichen Anlagen ein Element der Periode I, ausgebaute oberirdische Anlagen eines der Periode II funerärer Praxis. Offenbar gewinnt bei Djoser im Zuge der Bauentwicklung aber die oberirdische Anlage - oft noch im Sinne einer magischen, kultunabhängigen Installation - an Bedeutung. Siehe den Überblick der Bauentwicklung bei Vandier 1952: 874-899 (unterirdische Anlage), 900-941 (oberirdische Anlage).

<154>

Emery 1958: 10, pl. 24-27; Tavares 1998: fig. 2

<155>

Diese Entwicklungslinie ist nicht unumstritten. Aufgestellt wurde die These des Zusammenhanges der Kultanlage von S 3505 und der "äußeren" Kultplätze von Kemp 1967, dem widersprochen hat Lauer 1980.

<156>

Ein Indiz für eine erst sekundäre Verbindung dieser ehemals unabhängigen "äußeren" Kultanlage mit der eigentlichen Grabstelle kann sein, daß in der Übergangszeit von Periode I zu Periode II die "äußeren" Kultstellen nur sporadisch auftreten und noch deutlich von der eigentlichen Mastaba und deren Kultstellen isoliert sind. Siehe die Beispiele bei Kemp 1967: fig. 3. Die Existenz von funerären Kultanlagen ("Talbezirke") fern der Grabstelle ist in Periode I bisher nur für königliche Anlagen belegt (Kemp 1966; Kaiser in Kaiser / Dreyer 1982: 253-255, Abb. 13; O'Connor 1989; Alexanian 1998.a). Nach Kemp 1966: 22 ist bei den königlichen Anlagen ab Djoser davon auszugehen, daß die Talanlage, der eigentliche Kultplatz, und die Grabstelle zusammengelegt und zu einer Installation entwickelt wurden, die Kultstelle und Grablege verbindet. Eine Analogie zu nichtköniglichen Anlagen zu sehen ist nur unter Vorbehalt möglich, aber in Anbetracht der Tatsache, daß es sich um eine Entwicklung handelt, die an der königlichen Residenz und innerhalb der um den König angesiedelten Elite stattfindet, zumindest denkbar. Die von Kemp gezogenen Parallelen werden von Lauer 1980 abgelehnt, der die Saqqara-Mastabas als Gräber der Könige der 1. Dynastie interpretiert und die Kultanlagen im Norden von S 3505 nur in Beziehung mit dem späteren Totentempel königlicher Anlagen sieht, aber keinen Bezug zu nichtköniglichen Anlagen. Siehe auch die Untersuchungen von Stadelmann 1983: 237-241 über die Kultplätze an königlichen funerären Anlagen, der auf zwei verschiedene und voneinander getrennt zu interpretierende Installationen - Scheintür am Grab und Stelenpaar an einem grabfernen Kultort - verweist. Eine Zweiteilung der Kultplätze in eine Kultstelle am Grab und eine Kultstelle fern davon, jeweils mit ganz spezifischen Installationen, ist also durchaus häufig zu beobachten.

<157>

El-Metwally 1992: 19-31

<158>

El-Metwally 1992: 33-82

<159>

Fitzenreiter (im Druck)

<160>

Roth 1993: 51

<161>

Stein als Baumaterial in früheren Gräbern: Reisner 1942: 5f; Übergang von Schrägschacht zum senkrechten Schacht in Medum: Reisner 1936: 206-225. Auf das Problem der inneren Bezüge von Friedhofanlagen zeitlich vor den geplanten Königsfriedhöfen der 4. Dynastie kann hier nur verwiesen werden.

<162>

Junker Giza I: 100f

<163>

Alexanian 1995: Abb. 1, 8

<164>

Reisner 1942: 183-200, 294-296, fig. 93-101; Junker Giza I: 17-23; Haeny 1971: 153-159; Wiebach 1981: 35-44; Der Manuelian 1998

<165>

Reisner 1942: 294, fig. 102-106

<166>

G 2130; Reisner 1942: 295

<167>

Reisner 1942: fig. 6, 7

<168>

Reisner 1942: fig. 109, 110, 111(?), 112, 113(?)

<169>

Reisner 1942: 296

<170>

Reisner 1942: 305 erwägt, daß diese Kapellen eventuell gemalte Dekoration besaßen, von der nichts erhalten blieb.

<171>

Haeny 1971: 160

<172>

Alexanian 1991: 3

<173>

Junker Giza XII: 75-81

<174>

Die Nordposition ist zwar am häufigsten belegt, der Zugang kann aber auch von Süden erfolgen. Siehe die beiden frühen Anlagen des Hm-jwnw (Junker Giza I: Abb. 18) und des nfr G 2110 (Reisner 1942: 422-430) aus dem Übergang von Periode III.b zu III.c. Wesentlich ist, daß der Zugang nie linear ist, sondern stets versetzt, also zwei gegeneinander auch in der räumlichen Tiefe versetzte Knickpunkte hat. Diese Punkte sind strukturell die Nachfolger der beiden seit Periode II ursprünglich im Grabbau definierten Orte "Zugang zum Toten" (Rampe) und "Aufenthaltsort des Toten" (Sargkammer). Sie werden in Periode II durch die Nord-Kultstelle (Zugang) und die in das Mastabamassiv hineinverlegte Süd-Kultstelle mit Abbild des Toten (Ort der Anwesenheit) umgesetzt. In Periode III wird die räumliche Umsetzung dieser Vorstellung aus der Mastaba heraus in die Kultstelle verlagert. Zur Ambivalenz der Vorstellungen von "Nord" / "Süd" zu "Außen" / "Innen" siehe auch Kap. 14.2.

<175>

Eigentlich ist die Raumachse Z-förmig, von Ost nach West (Zugang), dann von Nord nach Süd (Raumtiefe), und wieder von Ost nach West (Scheintür).

<176>

Es liegt hier ein interessantes Phänomen der Konzeptualisierung von Ritualrichtung vor: Ursprünglich ergaben sich die Richtungsführungen wohl ganz einfach aus dem architektonischen Aufbau eines Elitegrabes der Periode II, für das die Anlage eines von Nord nach Süd führenden Grabschachtes, einer Sargkammer im Süden und des Zugangs zum Grab von Osten aus baulichen und wohl auch religiösen Gründen (so konnte der Tote, auf der Seite liegend, zur Siedlung blicken; die Vorstellung, daß er von Süden nach Norden die Sargkammer verläßt, kann mit dem Nillauf und dessen Flußrichtung zusammenhängen) sinnvoll, aber keineswegs verbindlich war. Mit der Umgestaltung der Grabarchitektur wird diese Ritualrichtung aber als strukturierendes Element beibehalten und auf einen völlig anderen Baukörper - die Kultanlage - übertragen.

<177>

Diese Situation bildet die Anlage des ra-Htp in Medum nach dem Umbau ab: Der Grabherr und seine Gattin sitzen hinter der Scheintür. Auch Hm-jwnw nutzt diese Vorstellung bei der Einführung des West-Serdabs in seiner Anlage. In beiden Anlagen sind die Räume aber nicht, wie in Periode III.b, zugänglich, sondern vermauert und wieder nur mit einem symbolischen Durchgang versehen. Der "echte" West-Serdab (im Gegensatz zum reduzierten Nachfolgetyp "Scheintür-Serdab", s.u. Kap. 17.1.) ist strukturell die Umsetzung des Kultraumes der Kapellen vom Speisetischtafeltyp, unter Hinzufügung der Statue des das Opfer emfangenden Toten.

<178>

Die Zugangstür zum Scheintürraum (NS:L:1s) ist nicht die Verlängerung der Süd-Kultstelle, wie es in Periode II die Zugangstür der Nischenkapelle ist, die ebenfalls Dekorationselemente der Scheintür aufweisen kann (z.B. beschriftete Rundholz und Architrav bei mTn, LD II: 7.a). Die Tür ist nach Norden versetzt und nimmt die Ritualrichtung der Kapelle der Periode III.b auf. Daher ist auch die Überlegung von Reisner 1942: 293 nicht stichhaltig, der die Einführung des NS-Raumes dadurch begründet, daß man auf diese Weise mehr Fläche für Flachbilddekoration gewonnen wollte. Das wäre auch bei linearer Raumführung oder mittig angeordneten Türen möglich. In Saqqara wird eine solche Kapellenform mit mittigem Eingang (NS:T) in Periode IV.a eingeführt, für die aber gerade charakteristisch ist, daß die Entwicklung der Periode III.b (Verlagerung beider Ritualrichtungen in eine Installation) nicht nachvollzogen wird. Aus dem Saqqara-Raumtyp wird die ab Periode IV.b sehr beliebte Raumform der "tiefen Halle" (OW) entwickelt, siehe Kap. 13.1.2.

<179>

Stadelmann 1985/1991: Abb. 23. Die Kultanlage der Knickpyramide ist zweigeteilt: der „innere“ Tempel mit der Versorgungskultstelle befindet sich direkt an der Ostseite der Pyramide; der „äußere“ Tempel mit einer Kultanlage, die das diesseitige Wirken des Königs und seine Bindung an die Königsfamilie thematisiert, befindet sich im sogenannten Taltempel auf halber Höhe des Aufweges. Unter Cheops werden durch die unmittelbare räumliche Kombination von Pyramide und Nekropole der Königsfamilie auch die beiden Kultbereiche zusammengefaßt. Zur Entwicklung der Kultanlagen siehe Ricke 1950 und Stadelmann 1985/1991.

<180>

Fakhry 1961: 9-13

<181>

Reisner 1942: fig. 4, 8

<182>

Roth 1993: 50

<183>

Zum Verzicht auf Dekoration und Scheintür aus einem "Stilwillen" bewußt sparsamer Gestaltung heraus, der nur unter Druck durch die Obrigkeit zu halten gewesen wäre: Junker 1928.a: 8; Junker Giza I: 75-86. Dieser Deutung als besonderer, bewußt eingesetzter "Stil" schließt sich Bolshakov 1997: 37-39 an. Shoukry 1951: 40f, 50f nimmt ein als Strafe zu verstehendes Verbot luxuriöser Ausstattung unter Cheops an, das durch Thronstreitigkeiten motiviert gewesen sei. Das gerade die Grabanlagen der hohen 4. Dyn. mit bisher nicht gekanntem Aufwand errichtet wurden, widerspricht diesen Thesen.

Haeny 1971: 158 und ähnlich Jánosi 1999: 30 gehen davon aus, das Auftreten der Ziegelkapelle mit Speisetischtafel sei nur eine Zwischenlösung; der eigentliche Plan habe bei allen Anlagen eine Süd- und eine Nord-Kultstelle wie bei G 2110 vorgesehen. Bei der insgesamt recht großen Zahl vollendeter Kapellen dieses Typs ist das aber unwahrscheinlich; die umgebauten Kapellen sind als Sonderfälle anzusehen, die den Standards der Periode III.c angepaßt wurden. Die dabei auftretende Vermauerung der Speisetischtafel hinter einer Scheintür schafft eine Situation, die dem West-Serdab bei ra-Htp und nfr.t oder bei Hm-jwnw vergleichbar ist: der Tote ist anwesend, verbleibt aber hinter dem magischen Durchgang.

Der Vorschlag von El Metwally 1992: 110-114, 120-122, in den nur mit der Speisetischtafel dekorierten Gräbern die Anlagen einer mittleren Residenzschicht zu sehen, die unter Cheops überhaupt zum ersten Mal einen formalen Grabbau erhält, aber auf aufwendige Dekoration noch verzichten muß, hat einiges für sich, da hierbei berücksichtigt wird, daß in Giza erstmals ein viel größeres Segment der Residenzbevölkerung in „formalen“ Anlagen bestattet wird, als bisher üblich. Diese Deutung kann aber u.a. nicht den Verzicht auf die Markierung der Nord-Kultstelle erklären. Es ist also doch wahrscheinlicher, die besondere Form der Ausstattung aus Veränderungen der funerären Praxis zu erklären.

Der Manuelian 1998: 132-134 faßt die einschlägigen Deutungen zusammen und stellt fest, daß auch die Kultstellen der Periode III.b voll funktionstüchtige Installationen sind und insofern von einer Reduktion nicht die Rede sein kann.


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