Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

Kapitel 7. Schreiberfiguren<209>

(Tab. 5)

7.1 Auftreten und Formen

1. Die Schreiberfigur ist ein typisches Produkt des Kunstschaffens der Residenzkultur im AR. Sie hat in ihrer charakteristischen Form, die eine "bürokratische" Handlung mit der Repräsentation einer Person verbindet, keine Vorläufer in ähnlichen plastischen oder bildlichen Darstellungsformen, die aus einer vorhergehenden Periode ägyptischer Kulturentwicklung datieren.

2. Die Typen der Schreiberfiguren der pharaonischen Kultur wurden von G. D. Scott III. zusammengestellt. Für das AR sind folgende Posen der Schreiberhaltung belegt<210>:

Pose A-I: am Boden sitzende männliche Person, Beine untergeschlagen:

3. Auch das Flachbild, das Personen in derselben, am Boden hockenden und schreibenden Haltung zeigt, wird etwa gleichzeitig mit der rundplastischen Darstellung des Schreibers entwickelt. Frühe bildliche Darstellungen von Personen in Schreiberhaltung sind die von Söhnen des Grabherrn im Eingangsbereich der Anlage des xa=f-xwfw (G 7140) sowie an der Westwand derselben Kapelle die Darstellung abrechnender Schreiber<211>. Im Flachbild ist der Schreiber meist mit einem angezogenen Bein dargestellt, mit erhobenem Papyrus<212>.

4. Die frühesten bekannten Statuen von Personen, die in der Art der Schreiber am Boden hocken, sind die der Königsabkömmlinge aus den Totentempeln des Snofru (5.1)<213> und des Djedefre (5.5) sowie die des kA-wab aus seinem Grab G 7120 (5.4). Die Statue des s.t-kA (5.5.1:) aus der Djedefre-Anlage ist der früheste Beleg für eine "echte" Schreiberhaltung (Pose A), bei der die rechte Hand so dargestellt ist, als halte sie einen Pinsel, die linke Hand so, daß sie den ausgebreiteten Papyrus erfaßt.

5. Die klassische Schreiberfigur stellt ausschließlich männliche Personen dar, die mit gekreuzten Beinen auf dem Boden sitzen. "Echte" Schreiberfiguren haben einen Papyrus auf den Oberschenkeln ausgebreitet. Sie können in den Händen Schreiberwerkzeug oder Feder halten,


92

werden aber auch ohne Werkzeug, den Papyrus mit beiden Händen erfassend dargestellt ("lesend", Pose C). Neben der Basis, die gewöhnlich mit Titel und Namen des Statueninhabers beschriftet ist<214>, kann der Papyrus ebenfalls beschriftet sein. In den meisten Fällen nennt auch diese Inschrift Titel und Namen und ist zum Betrachter gerichtet. Einige Exemplare tragen die Opferformel (5.4.2:; 5.35.1:; 5.38; 5.39; 5.44; 5.66) und in diesem Fall herrscht oft die umgekehrte Schreibrichtung vor, d.h., der Text ist so ausgerichtet, daß er von der Schreiberfigur gelesen werden könnte.

6. Die frühen Schreiberfigur stellen Personen aus dem unmittelbaren Umfeld des Pharao dar<215>. Etwa ab der Zeit des Übergangs von der 4. zur 5. Dynastie werden auch Personen in Schreiberfiguren dargestellt, die nicht zur unmittelbaren Königsfamilie gehören. Die Gruppe der Schreiberfiguren aus einigen Gräbern, die nicht den Grabherrn darstellen, können Träger von niederen Titeln der Verwaltungsebene abbilden (5.8 - 5.14). Die Schreiberfigur bleibt aber eine Darstellungsform, die vor allem Personen aus der oberen Residenzebene abbildet, und das auch nach ihrer Wiederaufnahme in das Statuenrepertoire im MR und im NR<216>. Charakteristischer Weise sind keine Schreiberfiguren sicher in die Zwischenzeiten zu datieren, während Perioden starker administrativer Durchdringung und Hierarchisierung der Residenz die Schreiberfigur als Darstellungsform neu beleben<217>. Von Königen sind keine Schreiberfiguren bekannt.

7. Am Ende des AR treten einige Varianten der Schreiberfigur auf (5.60 - 5.67). Eine Gruppe dieser Statuen stellt am Boden hockende Personen mit assymetrisch angezogenen Beinen dar (Pose K). Sie sind stets ohne Papyrus dargestellt. Eine andere Gruppe verbindet die Sitzfigur mit der Tätigkeit des Papyrushaltens bzw. -lesens. Diese Statuen sind als Zwischenformen von Schreiber- und Sitzfigur aufzufassen, die die Funktion beider Statuenformen kombinieren.

7.2 Die Darstellung hockender Personen in der ersten Hälfte der vierten Dynastie

1. Die Schreiberfigur ist ein Statuentyp, der nicht im Rahmen der funerären Praxis nichtköniglicher Personen entwickelt wurde. Ein großer Teil der frühesten Belege für Schreiberfiguren bzw. von Figuren in schreiberartiger Haltung stammt nicht aus privaten Grabanlagen, sondern aus den


93

Totentempeln der Könige Snofru und Djedefre (5.1; 5.5). Die in den beiden Tempeln gefundenen Statuen zeigen am Boden hockende Männern und Frauen der nächsten Königsumgebung. Männer sitzen mit untergeschlagenen Beinen ("Schreibersitz"), Frauen haben die Beine angewinkelt und zur Seite gelegt. Die Armhaltungen variieren, oft ist ein Arm auf die Brust gelegt, auch beide Arme können auf die Brust gelegt sein, die Hände sind in der Regel geöffnet. Die Statue des s.t-kA aus Abu Rawash (5.5.1:) zeigt den Dargestellten erstmals mit einer leicht geschlossenen rechten Faust, die offensichtlich einen Pinsel hält: in Schreiberpose A.

2. Soweit die Beschriftungen der in Totentempeln gefundenen Statuen erhalten sind, nennen sie Titel und Namen der Dargestellten. Diese Titel beschreiben vor allem zwei Aspekte der dargestellten Personen: Zum einen wird die direkte Verwandschaft zum König ausgedrückt, zum anderen treten Titel auf, die sie mit dem Kult des Königs an der Pyramidenanlage in Verbindung setzten, in der die Statuen gefunden wurden<218>. Es wird also die Zugehörigkeit zur Königsfamilie und die Zugehörigkeit zum Kultpersonal am Königskult festgehalten.

3. Es ist anzunehmen, daß der Typ der am Boden hockenden Figur ursächlich die Funktion einer Tempelstatue hat und also mit dem Aspekt der Zugehörigkeit zum Kultpersonal verbunden ist<219>. Tempelstatuen stellen Personen dar, die über eine Funktion im Kult mit dem Tempel verbunden sind und / oder durch ihr Abbild die Teilnahme am Kult im Tempel dauerhaft affirmieren. Vorläufer sind wohl jene Figuren, die seit der Frühzeit in Tempelanlagen aufgestellt wurden. Ein Bindeglied zwischen den frühen Tempelfiguren und den hier besprochenen Figuren aus den Anlagen des Snofru und des Djedefre ist die Figur des Htp-dj=f aus der 3. Dyn. (2.20). Auch sie zeigt den Dargestellten in einer am Boden hockenden Position mit geöffneten Händen, deren Handflächen verborgen sind. Eine solche Handhaltung, die auch bei der auf die Brust gelegten geöffneten Handfläche vorliegt, stellt nicht das Greifen nach Gaben dar. Vielmehr ist die geöffnete Hand, deren Handfläche verborgen wird, als ein Zeichen für "Teilnahme", mit dem Index "Unterordnung" zu verstehen. Die Beschriftung auf seiner Schulter setzt (2.20) in Beziehung zur Versorgung (einer Versorgungskultanlage?) von Königen der 2. Dyn.

4. Nicht zu vernachlässigen ist der familiäre Aspekt der Statuen aus den königlichen Tempeln der 4. Dynastie. Die Statuen stehen in einer Kultanlage des königlichen Vaters der Dargestellten, in deren Kultbetrieb die Personen über die familiäre Bindungen einbezogen sind. Diese Bindung findet ihren spezifischen Ausdruck im Rahmen der funerären Praxis, indem die Nachkommen eine Funktion an der Kultanlage des Vaters ausüben, also zum Kultpersonal gehören. Die visuelle Umsetzung dieser Funktion erfolgt über das Medium der am Boden hockenden Figur, die den


94

Index "Teilnehmer an einem Kult" trägt.

Es wurde im Kap. 5.3.2. schon vorgeschlagen, daß in Periode III.a der "äußere" Kultplatz der Angehörigen der Königsfamilie, die auf dem Friedhof von Dahschur Mitte bestattet sind, am Kultplatz des Königs und seiner Institution konzentriert wurde. Für die neue Form des kollektiven, geplanten Friedhofs, dessen Gräber nur über die eigentliche Kultstelle am Grab verfügen, wurde eine besondere Form der kollektiven Kultstelle fern vom Grab eingeführt. Diese kollektive Kultstelle, der sogenannte Taltempel der Knickpyramide, ist das Bindeglied zwischen dem einheitlich geplanten Friedhof der Königsfamilie und der königlichen Grabanlage, was auch seine Lage in der Wüste, in unmittelbarer Nähe der Nekropole Dahschur Mitte unterstreicht. Das sich hier präsentierende Kollektiv der Kultteilnehmer bildet auch die Institution "königliche Familie". Die Angehörigen dieser Gruppe sind zugleich die Exponenten einer von anderen Eliten differenzierten Residenz-Elite<220>.

5. Die Art der Aufstellung der Figuren läßt sich im Tempel des Snofru nicht sicher rekonstruieren. Auch für die Anlage des Djedefre sind die Angaben ungenau, reichen jedoch aus, um festzuhalten, daß diese Figuren in einer Säulenhalle standen, die sich am Übergangsbereich vom nordöstlichen vorderen Tempelteil zum Kultbereich oder -hof vor der "inneren" Kultstelle der Pyramide befand<221>. Strukturell stimmt diese Position etwa mit dem Hof des Taltempels der Knickpyramide überein, der eine Zwischenposition zwischen dem Zugang zur Kultanlage und der eigentlichen Kultstelle an der Pyramide einnimmt.

6. Die Figuren bei Djedefre standen der Beschreibung von E. Chassinat nach mit dem Gesicht nach Osten. Diese Positionierung ist bemerkenswert, denn in diese Richtung agieren die Abbilder der Kultempfänger einer funerären Anlage der Residenz des AR. Für die Position von Bildern der am Kultvollzug beteiligten Personen hätte man die umgekehrte Richtung erwartet.

Zur Klärung können die aus derselben Periode funerärer Praxis stammenden Reliefs der Kapelle des xa=f-xwfw in Giza (G 7140) beitragen. Sie zeigen am Zugangsbereich zum Scheintürraum (NS:L:1s) Bilder des aus dem Grab tretenden Grabherrn. An der Fassade sieht man links, im Süden, den Grabherrn mit seiner Mutter, es folgen stehende Schreiber und Gütervorsteher<222>. Die nördliche Darstellung zeigt den Toten dickleibig, mit langem Schurz und ohne Perücke, hinter ihm hocken in einem oberen Bildstreifen zwei seiner Söhne im Schreibersitz, es folgen stehende


95

Personen mit Akten und Schreiber<223>. Im Durchgang zum Scheintürraum ist an der Südwand der sitzende Grabherr beim mAA sDA.t jn.t m (pr)-nswt "Schauen der Ausrüstung die aus dem (pr)-nswt gebracht wird" gezeigt, vor ihm sitzen wieder die beiden Söhne im Schreibersitz<224>. An der gegenüberliegenden Nordwand treten bei der Szene des mAA pr.t-xrw jn.t m pr-nswt m njw.wt pr-D.t=f "Schauen des pr.t-xrw-Opfers das aus dem pr-nswt und den Gütern seines pr-D.t gebracht wird" die beiden Söhne mit geöffneten Papyrusrollen dem sitzenden Grabherrn entgegen<225>.

Während an den Zugangswänden zum Scheintürraum also die zu erwartende Kultrichtung vorliegt - die Söhne sitzen vor dem Toten bzw. bewegen sich zum Toten hin und üben ihre Funktionen aus - bilden die Söhne an der äußeren Wand mit dem Grabherrn (in der dicklich-barhäuptigen Darstellungsweise, die "leibliche Anwesenheit" indiziert) eine Gruppe. Hier ist nicht gezeigt, wie die Söhne dem Vater im Bereich der "inneren" Kultstelle das Opfer vorrechnen, sondern wie sie mit dem (leiblich anwesenden) Vater im "äußeren" Kultbereich vereint sind.

Setzt man den Durchgang von äußerem zu "innerem" Kultbereich in der Anlage des Djedefre dem der Kapelle des xa=f-xwfw strukturell gleich, so affirmiert die Position der Figuren dort ebenfalls die Einbindung der Dargestellten in die königliche Familie. Der Durchgang vom "äußeren" zum "inneren" Kultbereich der Djedefre-Pyramide entspricht dem Zugang zum Scheintür-Raum bei xa=f-xwfw. An beiden Plätzen wird die Einbindung des Grabherrn in sein Umfeld, in seine Familie beschrieben<226>.

7. Die hier entwickelte These des Ursprungs des Typs der Schreiberfigur aus dem (königlichen) Tempelkult kann auch herangezogen werden, um die Aufnahme von Schreiberfiguren in den Statuenbestand funerärer Anlagen selbst zu deuten. Denn bis hier erscheint die Schreiberfigur als ein Statuentyp, der für die Affirmation der Teilnahme (der Königsfamilie) am königlichen Kult ausgelegt ist, keineswegs als eine Darstellungsform des Grabherrn in seinem Grab.

Die Schreiberfiguren der Periode III.c in Giza stammen aus den Prinzenmastabas auf dem Ostfriedhof, keine aus den westlich gelegenen Friedhofsanlagen für Personen, die nicht der engeren sozialen Gruppe der Königsfamilie angehörten (5.2-4). Die großen Mastabas liegen im Osten vor der Pyramide des Königs und bilden mit dieser einen in dieser Form nie wieder realisierten sakralen Komplex aus Pyramide, Königinnenpyramiden, Prinzenmastabas, Aufweg und Tempel. Soweit bekannt, stellen alle diese Statuen den Grabherrn dar und nicht, was auch denkbar wäre, eine Person aus dessen näherer Umgebung. Der Aufstellungsort der Statuen ist nicht


96

gesichert, durchaus möglich ist bei kA-wab die Positionierung in dem vor dem Mastabamassiv liegenden Kapellenteil, und zwar in Nischen an der Westwand, mit Blick nach Osten<227>.

Diese Position dieser Schreiberfiguren des Grabherrn nimmt die der Schreiberfiguren im Tempel des Djedefre auf: Im Bereich der "äußeren" Kultstelle, Blick nach Osten. Nur befinden sich die Schreiberfiguren im Ostfriedhof von Giza nicht im Bereich der Kultanlage des Königs, sondern der Kultanlage der in der Schreiberfigur abgebildeten Person. Interpretiert man den gesamten Ostfriedhof aber als Teil einer riesigen königlichen Kultanlage, so hebt sich dieser Unterschied auf. Die schon für die Figuren im Totentempel des Snofru postulierte Doppelfunktion der Figur der am Boden hockenden Person als Tempelfigur - Teilnahme an kultischen Handlungen in einer Tempelanlage affirmierend und damit die Einbindung des Dargestellten in die soziale Gruppe der Königsfamilie - und Statue des Grabherrn für den "äußeren" Kult, ist damit ebenfalls gegeben: Die Anlage des kA-wab ist Teil des Tempels der Pyramide, in seiner Statue wohnt er dem kollektiven "äußeren" Kult der Institution "Königsfamilie / Residenz-Elite" bei.

Bei dieser These ist auch zu berücksichtigen, daß ursprünglich wohl auch bei den Prinzenanlagen des Ostfriedhofes keine "äußeren" Kultstellen vorgesehen waren und diese nachträglich und unter beengten Verhältnissen hinzugefügt wurden<228>. Man hat eventuell auf die ursprünglich kollektiv geplante "äußere" kollektive Kultanlage der Königsfamilie erst nachträglich verzichtet und individuelle Kultstellen an jeder Mastaba eingerichtet bzw. an den Mastabas wiederholt, wobei man aber die unter Snofru schon eingeführte hockende Figur in den Bestand übernahm.

Mit der Plazierung am Grab des Abgebildeten wird die Schreiberfigur auch in den Bestand der Grabstatuen aufgenommen. Denn daß bei kA-wab die Schreiberfigur als Grabstatue des Grabherrn angesehen wird, beweist die auf dem Papyrus von (5.4.2:) geschriebene Opferformel.

8. Eine zeitliche Fixierung und Korrelation des Umbaus der Anlagen in Giza Ost zu der Anlage des Djedefre ist problematisch. Der Friedhof der königlichen Familie in Abu Rawash liegt weit von der Pyramidenanlage entfernt und die Anlagen besitzen Kulteinrichtungen, die denen auf dem Ostfriedhof ähneln<229>. Möglich ist, daß die Umbauten auf dem Ostfriedhof von Giza zeitlich erst nach der Errichtung der Djedefre-Anlage erfolgten. Aber auch in Abu Rawash leiden die "äußeren" Kultanlagen unter Platzproblemen, so daß nachträgliche Umbauten auch hier nicht ausgeschlossen sind.

9. Es sei auf ein weiteres Indiz hingewiesen, daß für eine Deutung des Phänomens des Auftretens von Schreiberfiguren in den Grabanlagen der Königsfamilie in der Periode III unter dem Aspekt der


97

Teilnahme an einem Familien-Kult im weitesten Sinne spricht. Im Ensemble der Figuren aus den königlichen Tempeln des Snofru und Djedefre treten am Boden hockende Figuren von Frauen auf, die in Darstellungsform und Aufstellung denen der Männer entsprechen (5.1.1:; 5.5.5:-7:). Diese Frauenfiguren, die sich typologisch (wie auch die Figuren der Männer), aus der Tempelstatue herleiten lassen, treten im folgenden im funerären Bereich als Einzelfiguren nicht mehr auf<230>. Praktisch zeitgleich wird dieser Darstellungstyp der Frau aber in die ebenfalls erst in dieser Periode entwickelte Gruppenfigur übernommen. Schon aus dem Komplex des Djedefre gibt es den ersten Beleg für eine Gruppenfigur des Pharao mit einer neben seinem Bein in dieser Haltung hockenden Frau (5.5.8:). Während die hockende Männerfigur zur einer Einzelfigur (Schreiberfigur) mit einem speziellen Sinn innerhalb der funerären Kultur entwickelt wird, bleibt die hockende Frauenfigur im funerären Zusammenhang mit dem Index "Teilnahme / Teil einer Gruppe" versehen und wird entsprechend formalisiert.

10. Der einmalige Beleg einer Schreiberfigur in Kombination mit einer hockenden Frauenfigur (5.7) kann als Bindeglied zwischen dem Typ der hockenden Figuren als Tempelfigur und den daraus entwickelten Typen hockender Figuren im funerären Zusammenhang betrachtet werden. Bei dieser Figur sind der männliche Schreibertyp und die hockende Frau als Gruppenfigur zusammengefaßt. Die Statue selbst stammt möglicherweise aus einem Taltempel und zählt noch zur Gruppe der Tempelstatuen<231>. In dieser Statue sind die Indizes "Teilnahme an einem Kult", "Einbindung in eine soziale Gruppe" und "Schreiberstatus als Residenzstatus" noch kombiniert. Die Schreiberfigur tritt im folgenden nur separat auf, die hockende Frau nur im Zusammenhang der Gruppenfiguren.

7.3 Schreiberfiguren, die nicht den Grabherrn darstellen

1. In Periode IV der funerären Praxis gehören Schreiberfiguren zum üblichen Statuenbestand funerärer Anlagen. Bemerkenswerter Weise sind die ersten größeren Gruppen von Schreiberfiguren aus dieser Periode aber nicht solche, die den jeweiligen Grabherrn darstellen, sondern Abbilder anderer Personen. Dieser frühe Typ der Schreiberfigur ist dem Vorbild der Tempelstatue inhaltlich verwandt, denn er stellt nicht den eigentlichen Kultempfänger - den Grabherrn - dar, sondern Personen, deren Teilnahme am Kult dauerhaft affirmiert werden soll. In drei Felsgräbern der Periode IV.a ist der Bestand und die Aufstellung solcher Schreiberfiguren durch die ortsfeste Herstellung als Felsfigur gesichert.


98

2. Die Schreiberfiguren im Grab der mr=s-anx III.

2.1. Die für die Interpretation der Veränderungen der funerären Praxis am Beginn der Periode IV wichtige Anlage der mr=s-anx III. besitzt an der Südwand der ersten Raumes drei Nischen, von denen zwei je eine Schreiberfigur, die dritte Nische vier Schreiberfiguren enthält (5.8). Da das Grab einer Frau gehört, ist offensichtlich, daß diese Figuren nicht die Grabherrin darstellen; die eigentliche Identität der Personen ist aber nicht durch Beischriften angegeben<232>.

Die Schreiberfiguren befinden sich im Raum I / A der Kapelle, dem großen Statuenraum mit zehn weiblichen Felsfiguren gegenüber (17.1.7:-16:). Die Dekoration dieses Raumes affirmiert an der Ostwand die Anwesenheit der Grabherrin und ihrer Mutter im Diesseits<233> und die dauerhafte Einbindung der beiden Frauen in ihre soziale Gruppe an der Durchgangswand zum Raum II / B<234>. Die Südwand über den Schreiberfiguren ist mit einer Variante der Fest-Ikone geschmückt, in der dargestellt wird, wie in einem Festritual die Kommunikation der Lebenden mit der toten Grabherrin hergestellt wird. Im Rahmen dieses Festes sitzt die Grabherrin auf einem würfelförmigen Sitz, die Festteilnehmer hocken in der charakteristischen "teilnehmenden" Weise am Boden, die Arme z.T. über der Brust verschränkt; eine der "teilnehmenden" Personen sitzt direkt zu Füßen der Grabherrin<235>. Daß die hockende Pose Teilnahme von Personen am Kult einer anderen Person affirmiert, macht dieser Beleg recht deutlich. Die Anbringung der Schreiberfiguren direkt unterhalb von diesem Bild stellt einen Bezug zu der oben affirmierten Teilnahme dar, wobei es unwesentlich ist, ob die Statuen von vornherein geplant waren oder nachträglich angebracht wurden. Auch diese hockenden Figuren affirmieren die Teilnahme der Dargestellten am Kult der Grabherrin.

2.2. Allerdings sind die am Fest teilnehmenden Personen im darüberliegenden Flachbild zwar am Boden hockend dargestellt, aber nicht mit Papyrus und Schreibzeug. "Echte" Schreiber sieht man auf der Südwand von Raum II / B, unterhalb der Speisetisch-Ikone mit der Opferliste, die das regelmäßige Opferritual affirmiert<236>. Den Schreibern sitzt - bemerkenswerter Weise gegenüber und so der Grabherrin parallelisiert - der mr-pr und mr-Hm.w-kA Hmtj vor. Hmtj ist auch sonst im Grab belegt, so in der Szenen des mAA zS "Zeigens der Schriftrolle"<237>. Als Verwalter ist seine Beziehung zur Grabherrin und damit seine Einbindung in deren soziales Umfeld dadurch


99

charakterisiert, daß er mit den Abrechnungen hantiert. Seine Position mit Blick nach Osten entspricht der der Statuen in der Djedefre-Anlage oder den Flachbildern der Söhne des xa=f-xwfw an der Zugangstür zum Scheintür-Raum<238>.

2.3. Die Schreiberfiguren in Raum I / A affirmieren also a) durch die hockende Haltung und b) den Ort der Anbringung die Teilnahme am Kult der Grabherrin; die bürokratische Attitude mit der Papyrusrolle stellt c) die besondere Beziehung zur Grabherrin und damit die Einbindung in das kultische Geschehen über die Beschreibung einer amtlichen Funktion her. Diese Beschreibung ist ambivalent, denn die Schriftrolle affirmiert zum einen die Liste, also Abgaben, ordentliche Haushaltung, Sicherung der materiellen Voraussetzungen des Kultes, zum anderen kann sie aber auch die Schriftrolle des Ritualspezialisten sein, der den Kult vollzieht, beschriftet mit der Opferformel. Beides sind Voraussetzungen für den Totenkult und damit die Existenz der Toten. Die Einbindung der Schreiber der mr=s-anx in den Kult erfolgt also über eine Funktion, die in der Abstraktion "Schreiber" erfaßt wird, und nicht primär über ein familiäres soziales Verhältnis (mit der Kultbetreuung betrauter Sohn, der zugleich der Verwalter der Institution "Haushalt" ist).

Damit hat sich der Index der Schreiberfigur entschieden verändert: Ausgang war die Affirmation von Teilnahme am Kult überhaupt und die Affirmation von sozialer Bindung auf Ebene der Königsfamilie; Endpunkt ist die Affirmation von Teilnahme am Totenkult und Einbindung in das soziale Umfeld über die Beschreibung einer Funktion in einer Institution der Grabherrin.

3. Ähnlich der hier beschriebenen Funktion der Schreiber im Grab der mr=s-anx III. dürfte die der Felsschreiberfiguren in den Anlagen des anx-ma-ra (5.9) und xa=f-ra-anx (5.10) sein. Auch diese Statuen stellen Personen dar, die dem Umfeld des Grabherrn entstammen und dauerhaft an seinem Kult teilnehmen. Die Definition der Beziehung zum Grabherrn erfolgt dabei über die einer Funktion in einer Institution, sei es der Haushalt, der Totenkult oder eine Institution der Residenz.

4. Neben diesen drei Belegen ortsfester Schreiberfiguren, die dazu gleich in recht großen Gruppen auftreten, sind noch zwei Funde von Schreiberfiguren bekannt, die einem vergleichbaren Zusammenhang entstammen. Sie wurden im Schutt der Kapellen gefunden, was eine freie Aufstellung innerhalb der Kapellen möglich macht und es sich bei ihnen also nicht um Serdabstatuen handeln wird. Die Inschriften bezeichnen die Personen jeweils nicht als die Grabherren, sondern als Totenpriester. Die Inschrift auf der Statue des sTj-mw (5.11) bezeichnet den Statueninhaber als sHD-Hm(.w)-kA, mit einiger Wahrscheinlichkeit übte er diesen Posten im Kult für den Grabherrn qdns aus. Die einmalige Pose, mit der der Dargestellte einen zusammengerollten Papyrus ergreift, wird mit der Affirmation dieser konkreten Funktion


100

zusammenhängen. Auch auf der bemerkenswerten Dreiergruppe aus dem Grab des nb-m-Ax.t (5.12) ist eine Person mit dem Titel Hm-kA bezeichnet; hier haben die Personen die Hände auf die Brust gelegt, wie auch einige der Figuren aus dem Tempel des Snofru<239>. Diese Handhaltung scheint ebenfalls mit dem Index "Kommunikation", im Fall der geöffneten Hand insbesondere "Kommunikation aus einer untergeordneten Position heraus" versehen zu sein.

5. Alle bekannten Belege für Schreiberfiguren, die Personen abbilden, die als Teilnehmer am Kult des Grabherrn auftreten, entstammen der funerären Praxis der Periode IV.a in Giza. Diese Praxis leitet sich aus dem Gebrauch der Abbilder von Angehörigen der Königsfamilie im Totentempel der königlichen Anlagen ab. Sie beschränkt sich im funerären Kult nichtköniglicher Personen aber auf die Affirmation einer besonderen Beziehung zum Grabherrn, einer Beziehung, die sich über eine Funktion in einer Institution des Toten definiert. Diese Funktion - in einigen Belegen als Hm-kA benannt - wird nur von Männern ausgeübt. Die Affirmation sozialer Beziehungen auf anderer, familiärer Ebene erfolgt ab Periode IV über die Gruppenfiguren (s.u. Kap. 9).

6. Im Bereich königlicher Kultanlagen bleibt die Schreiberfigur und auch die Figur der am Boden hockenden Person als Affirmation der Teilnahme am Kult im Gebrauch. Die beiden Schreiberfiguren des dwA-ra (5.13) bezeichnen den Statueninhaber als Angehörigen der Kultinstitution der Pyramide des Snofru. Interessanter Weise stellte sich der dependent specialist dwA-ra damit in eine Reihe mit den Königskindern des Snofru, hält jedoch geflissentlich den Papyrus als Abzeichen seiner bürokratischen Bindung an den Kult. Auch die Figur des mit einem angezogenen Bein hockenden wr-kA.w-bA (5.14) aus dem Taltempel des Mykerinos kann als eine solche, die Anwesenheit eines Priesters dauerhaft affirmierende Darstellung interpretiert werden. Derartige Statuen sind die Vorläufer der Tempelstatuen des MR.

7.4 Die "klassische" Schreiberfigur als Grabstatue

7.4.1 Auftreten und Aufstellung

1. Die Diskussion der hockenden Figur als einer Statue, die im Kult königlicher Anlagen die Anwesenheit der Königsfamilie affirmiert und der Schreiberfigur, die die Teilnahme von Personen am Kult eines Grabherrn über eine "bürokratische" Funktion und die Einbindung in eine Institution affirmiert, hat die häufigste und wichtigste Funktion der Schreiberfigur im AR noch nicht berücksichtigt. Die meisten der bekannten Schreiberfiguren sind Statuen, die den Grabherrn selbst


101

darstellen. Sie waren, in der Regel zusammen mit weiteren Statuen, in den verschlossenen Statuenkammern der Grabanlagen untergebracht. Innerhalb dieser Ensemble affirmieren sie einen besonderen Aspekt des Grabherrn, stehen aber nicht in direktem Bezug mit bestimmten Kulthandlungen, wie die bisher besprochenen Belege. Das den oben diskutierten Statuen eigene Element der Affirmation von Teilnahme an einem Kultgeschehen, welches nicht primär der eigenen Person gilt, fehlt bei den Schreiberfiguren in Statuenkammern.

2. Eines der frühesten und zugleich bedeutendsten Statuenensembles aus für die Periode IV.a charakteristischen Statuenräumen ist das des bA-bA=f (12.4). Die Statuen und Fragmente stammen zum großen Teil aus zwei Statuenhäusern, die im Osten der Mastaba vorgebaut sind. Das Ensemble umfaßt auch eine Schreiberfigur, wobei deren genaue ursprüngliche Position unbekannt ist (5.15). Sie zeigt den Grabherrn mit dem Pinsel in der rechten Hand und dem Schreibzeug in der linken. Im Gegensatz zu den früheren Statuen der Königssöhne, die die Schreibutensilien oft nicht zeigen, ist hier die Rolle des Schreibers in ganz prägnanten Form abgebildet. Die Statue bildet eine Person ab, die in erster Linie mit der Fähigkeit ausgestattet ist, zu schreiben - siehe die Schreiberpalette, die hier das erste mal auftritt (Pose B). Bemerkenswert ist, daß bA-bA=f offensichtlich nur eine Schreiberfigur besaß, während andere Statuentypen - die Standfigur und die Sitzfigur - exzessiv vervielfältigt wurden. Das stimmt mit den übrigen Belegen aus Statuenkammern überein, die ebenfalls meist nur eine Schreiberfigur enthalten.

3. Im Verlauf der Periode IV der kommt es zur Verlegung der königlichen Friedhöfe und damit auch zur Verlegung der Bestattungsplätze der direkten Königsumgebung. Die Anlage des bA-bA=f und die des ra-wr (12.5), aus der kein Fund einer Schreiberfigur bekannt ist, sind die letzten Gräber dieser sozialen Schicht in Giza. Die nicht unbedeutende sSm-nfr-Familie behielt den Bestattungsplatz in Giza bei; das Statuenensemble des sSm-nfr II. enthielt eine Schreiberfigur (5.16). Auch sie repräsentiert einen neuen, formalisierten Typ, den des "lesenden" Schreibers, der den Papyrus mit beiden Händen hält (Pose C)<240>. Dieser Typ ist im folgenden der am häufigsten bei Schreiberfiguren von Grabherren auftretende, neben der "schreibenden" Pose A und der der Handhaltung von Sitzfiguren entsprechenden Pose D<241>.

Die jüngeren Anlagen in Giza gehören meist Angehörigen der Gruppe der dependent specialists, die ab der 5. Dynastie auch Schreiberfiguren in das Ensemble ihrer Grabstatuen integrieren. Die Figuren des dr-snD (5.17) und nfr-jHj (5.18) sind aus Granit und damit im Material, aber auch der Dimension und Qualität den Figuren der Königsabkömmlinge der Periode IV.a recht nahe. Jüngere Figuren sind meist aus Kalkstein.


102

Bemerkenswert ist der Beleg für gleich zwei Schreiberfiguren im "unteren" Serdab des ptH-Spss (5.22), die beide keinen Namen tragen. Während diese Figuren, wie auch die anderen, in Ensembles mit weiteren Figuren auftreten, ist bei einigen Anlagen belegt, daß eine Schreiberfigur die einzige Statue des Grabherrn war, die in seiner Grabanlage gefunden wurde (5.25; 5.26; 5.28).

4. Aus den Friedhöfen in Saqqara und Abusir stammt ebenfalls eine größere Anzahl von Schreiberfiguren. Für viele trifft das bereits gesagte zu; es handelt sich um Teile größerer Statuenensembles aus dem Serdab, wobei die Schreiberfigur gewöhnlich nur einmal auftritt, oder die Schreiberfigur ist überhaupt die einzige rundplastische Darstellung, die aus der Anlage bekannt ist.

Bemerkenswert sind vier Ensembles, in denen mehr als eine Schreiberfigur belegt ist. Das Statuenensemble der riesigen Anlage des ptH-Spss in Abusir ist zu stark zerstört, um Aufstellungsorte der Statuen sicher rekonstruieren zu können, es wurden aber Fragmente von wenigstens zwei Schreiberfiguren gefunden (5.52). Bei nn-xft-kA (5.31) und mjtr(j) (5.35) wurden je zwei Schreiberfiguren in Pose C, den Papyrus mit beiden Händen haltend und "lesend", gefunden. Die Figuren des mjtr(j) sind unterschiedlich groß und auch in der Qualität verschieden<242>. Beide zeigen den Dargestellten mit natürlichem Haar bzw. einem engen Kopftuch. Beim Ensemble des ra-Htp, das sogar vier Schreiberfiguren enthält (5.41), ist festzuhalten, daß die Figur aus Kalzitalabaster in Pose F, die Hände flach auf den Schurz gelegt, gezeigt wird, die anderen drei aus Granit in Pose D, die der Handhaltung von Sitzfiguren entspricht. Diese drei Statuen sind also nicht auf die Funktion "Schreiber" fixiert und die Vervielfältigung wird hier vom Prinzip der Vervielfältigung von Statuen überhaupt inspiriert sein.

5. „Louvre-Schreiber“ und „Kairo-Schreiber“

5.1. Zwei der berühmtesten Schreiberfiguren stammen ebenfalls aus Saqqara: der "rote" Schreiber des Louvre (5.30) und der Schreiber des Kairoer Museums (5.29). J. Capart hat beiden einen Aufsatz gewidmet<243>, in dem er die verfügbaren Daten über die Auffindung und den Bestand der Statuenensemble zusammenfaßt und eine Rekonstruktion vorschlägt. Zumindest für den Schreiber in Kairo, der von J. de Morgan gefunden wurde, ist die relative Position und das Ensemble einigermaßen gesichert. Auf dem Foto, das L. Borchardt im Catalog General veröffentlicht hat, ist zwar so gut wie nichts zu sehen, aber offensichtlich standen die Schreiberfigur und eine männliche Sitzfigur nebeneinander im Korridor einer Kapelle, wahrscheinlich an der Westwand mit Blick nach


103

Osten<244>.

Wesentlich komplizierter ist die Situation beim Schreiber des Louvre: A. Mariette verzeichnet im veröffentlichten Grundriß der Kapelle des "Tombeau de ... (dit du scribe rouge)"/ C 20 die Schreiberfigur am Nordende der Korridorkapelle, mit Blick nach Süden, und erwähnt keine weitere Statue <245>. Im Bericht über die Arbeiten am Serapeum beschreibt er die Entdeckung einer Anlage mit fünf Statuen im Schutt und "deux admirables statues" in "deux niches, cachées dans une muraille qui n'as pas été complètement abattue", deren Typ er jedoch mit Ausnahme der Erwähnung der eingelegten Augen nicht weiter spezifiziert<246>. In einer Anmerkung auf derselben Seite vermerkt der Herausgeber Maspero, daß es sich hierbei um den Schreiber des Louvre und sechs weitere Figuren handele, die sich jetzt im Louvre befinden, eine Bemerkung, die er an anderen Orten wiederholt<247>. Eine Gleichsetzung der Mastaba mit den sieben Statuen mit Mastaba C 20 wird von Maspero nicht vorgenommen.

Anhand der Bemerkung von Maspero und ohne auf die Bemerkungen Mariettes zur Mastaba C 20 einzugehen, versuchte Capart die sieben Statuen des Louvre zu identifizieren, vor allem aber das Pendant zu dem nach Maspero in einer Nische vermauerten Schreiber zu finden. Er erschloß als wahrscheinlichste Statue die männlichen Sitzfigur Louvre A 106, die den Namen des kAj trägt<248>.

5.2. Der Schreiber im Louvre hat einige stilistische Besonderheiten, die seine Berühmtheit ausmachen. Die Figur ist, nicht unähnlich der des Hm-jwnw, äußerst naturalistisch gestaltet, ohne Perücke, mit eingelegten Augen, fettem und faltigem Oberkörper und Bauch. Im Gegensatz zu


104

anderen naturalistischen Abbildern ist die Schreiberfigur aber deutlich unterlebensgroß. Aus stilistischen Gründen ist es möglich, die Figur in eine Übergangsphase von Periode III zu Periode IV zu setzen, als die naturalistischen Elemente des Abbildes einer Person zu solchen formalisiert wurden, die den ikonographischen Index "Anwesenheit" repräsentieren (siehe Kap. 8.2.)<249>. Da der Ort der Aufstellung nicht sicher zu bestimmen ist, kann nur spekuliert werden, ob die Statue den Grabherrn - etwa wie die Schreiberfiguren des kA-wab -, oder einen dauerhaft anwesenden Angehörigen der Haushaltung - wie bei mr=s-anx III. - abbildet. Da sichere Belege für Schreiberfiguren, die nicht den Grabherrn darstellen, aus Saqqara bisher nicht bekannt sind, ist aber davon auszugehen, daß auch diese Statue den Grabherrn abbilden. Die Kombination einer Sitz- und einer Schreiberfigur nebeneinander, wie für den Schreiber in Kairo belegt, tritt auch im Ensemble des mjtr(j) auf (5.35; siehe 15.36 und Kap. 15.2.1.3.).

7.4.2 Die Funktion der Schreiberfigur als Serdabstatue

1. Die Schreiberfigur im Serdab gehört zu einer Gruppe von Statuen, die in gesonderten Räumen untergebracht wurden und verschiedene Aspekte des Toten dauerhaft am Ort der Bestattung affirmieren. Solche Statuenensembles in verschlossenen Statuenräumen sind erst ab der Periode IV belegt. Die Schreiberfigur wird diesem Ensemble schon in der frühen Periode IV zugeordnet und bleibt die ganze Periode IV üblich, während das Auftreten von Schreiberfiguren in andere Funktionen - als teilnehmender Angehöriger oder Angestellter - selten wird und wohl auf Periode IV.a (in Giza?) beschränkt ist.

2. Die Schreiberfigur hat im Serdab keine besondere Funktion im Kult (es wäre die der Affirmation von "Teilnahme", die in im abgeschlossenen Statuendepot, oft fern der Kultstellen, sinnlos ist), sondern beschreibt eine Eigenschaft des Grabherrn, und zwar über das "Zeichen" der abgebildeten Aktionen:

  1. das Schreiben / Lesen einer Schriftrolle und
  2. die Präsentation einer solchen Schriftrolle vor einer höhergestellten Person, die in Schreiberhaltung zu erfolgen hat, wie aus den Belegen im Flachbild bekannt.


105

Der Schreiber ist in der Regel inschriftlich als hochstehende Persönlichkeit gekennzeichnet. Die Schreiberfigur als Bild des Grabherrn ist daher nicht jeder Abbildung von Schreibern im Flachbild gleichzusetzen, in denen häufig Personen der mittleren Verwaltungsebene in der Position des Schreibers abgebildet werden. Gemeinsamkeiten bestehen vor allem zu solchen Abbildungen, in denen die nächsten männlichen Verwandten - Söhne oder die an deren Stelle agierenden Vorsteher des Haushaltes - Schriftrollen halten oder dem Grabherrn übergeben. Das Führen und Vorweisen der Schriftrolle ist eine Abbildung, durch die sich Personen juristisch als die Inhaber der Verfügungsgewalt über ein bestimmtes Spektrum an Besitz ausweisen. Die Schreiberfigur ist daher in hohem Maße "Status-indiziert", sie bildet eine Persönlichkeit ab, die in der Hierarchie einer Verwaltung die höchste, "federführende", Position innehat<250>.

3. Die frühesten Belege von Schreiberfiguren stellen direkte Königsabkömmlinge dar und stammen aus der unmittelbaren Umgebung der Grabbauten des Königs: dem Ostfriedhof von Giza, der die königliche Familie in den Komplex des Königsgrabes einbezieht, wesentlich sinnfälliger noch bei den Statuen aus dem Tempeln des Snofru und des Djedefre. Die Rolle der Königssöhne der hohen 4. Dynastie, oberste Verwalter der Residenzaktivitäten zu sein<251>, wird durch ihre Positionierung als "Schreiber vor dem Pharao" ikonographisch umgesetzt. Ort der Visualisierung dieser Rolle ist der Kultplatz des Königs, Medium der Visualisierung ist die Figur des "teilnehmend am Boden Hockenden", diese Figur ist aber um das wesentliche ikonographische Element des Schreibgerätes ergänzt und präzisiert: Die Wahrnehmung der Rolle wird durch eine besondere Spezialisierung möglich.

Ähnlich wird das Verhältnis von Grabherr und Verwalter in den Fällen umgesetzt, in denen Schreiberfiguren von Angestellten in Gräbern nichtköniglicher Personen aufgestellt bzw. in den Felsen geschlagen sind. Damit ist das ikonographische Element "teilnehmend hockender Schreibkundiger" aber nicht mehr auf die Gruppe der Königsfamilie beschränkt, sondern bildet auch Personen ab, die, z.B. bei mr=s-anx, die Gruppe der dependent specialists von Angehörigen der Königsfamilie bilden.

4. Die Verbindung zwischen den Schreiberfiguren im Serdab und denen, die Anwesenheit am Kult affirmieren, liegt in der im Bild des Schreibers thematisierten Rolle und dem daraus resultierenden Status. Während die frühen Figuren in hockender Pose Männer und Frauen teilnehmend, oft mit auf die Brust gelegten Armen abbilden, verschiebt sich die dargestellte Aktion immer mehr zu einer auf den ältesten Sohn oder obersten Verwalter beschränkten Tätigkeit der Abrechnung und eventuell auch Durchführung eines Rituals. Damit wird der Funktions-Index "Teilnahme", der allen früheren Figuren eigen war, durch den Status-Index "Schreiber / Beamter" ersetzt. Als so indizierte Darstellung wird die Schreiberfigur in den Bestand der Serdab-Ensembles aufgenommen.


106

5. Schon bei kA-wab haben die Schreiberfiguren vor allem den Charakter einer solchen, mit dem Status des "Beamten" indizierten Grabstatue. Bei bA-bA=f und den folgenden Belegen läßt sich keinerlei Bezug zu einem ego-fremden Kult mehr herstellen. Die Schreiberfigur ist nun eine von mehreren in dieser Periode neu entwickelten Statuentypen, über die Eigenschaften des Grabherrn dauerhaft affirmiert werden. Der besondere Charakter der am Boden hockenden Figur, nämlich eine Beziehung zu einer anderen Entität bzw. Institution herzustellen, wird dabei in besonderer Weise aktiviert: Als schreibkundiger Beamter setzt sich der Abgebildete in Beziehung zur Institution "Residenz" (Verwaltungs- und Kultzentrum des frühägyptischen Staatswesens) und zugleich zu deren besonderer Elite-Kultur (Schriftlichkeit).

6. Die Aufnahme der Schreiberfigur in den Bestand funerärer Statuen wird auch durch die Tendenz der "Verschriftlichung" des praktischen Kultes befördert. Bereits eine der Schreiberfiguren des kA-wab trägt eine an den Grabherrn gerichtete, von ihm zu lesende Opferformel auf dem Papyrus (5.4.2:). Das Bild ist etwas verwirrend: der Grabherr verliest, dauerhaft affirmiert, den eigenen Opferwunsch. Das entspricht aber dem Prinzip der Verschriftlichung des Kultes: Im Akt des Verlesens (bzw. der Verewigung der entsprechenden Schrift- und Bildzeichen) wird die beschriebene rituelle Handlung real. Indem man die funeräre Anlage mit der schriftlichen und bildlichen Beschreibung des Kultes versieht, affirmiert man den Vollzug des so festgehaltenen Kultes.

Es ist nicht verwunderlich, daß in Periode IV, in der die Leitung des Opferrituals vom "handelnden" wt-Priester an den "verlesenden" Xrj-Hb-Priester übergeht<252>, auch im Bestand der Statuen ein Darstellungstyp auftritt, der das Lesen und Schreiben als eine Fähigkeit des Grabherrn affirmiert. Nur ein über dieses privilegierende Wissen verfügender Toter kann sich zur Elite zählen und kann nur so auch die kultaffirmierende Dekoration seiner Elite-Grabanlage tatsächlich nutzen, d.h. "lesen", die sich so signifikant von den meisten Grabanlagen in der Provinz unterscheidet.

Die Aufzeichnung der Opferformel auf dem Papyrus ist eher selten belegt. Damit ist die Schreiberfigur aber überhaupt der einzige Statuentyp, der sich grundsätzlich und in gewisser Weise logisch als Träger einer solchen kultaffirmierenden Inschrift anbot. Erst am Ende des AR werden Basen und Sitze von Statuen häufiger für Beischriften genutzt, die über die Namens- und Titelnennung hinausgehen. Aber auch dann sind es eher die soziale Identität und Integrität des Dargestellten festhaltende Epitheta (idealbiographische Floskeln wie jmAx.w n jt=f Hzjj n mw.t=f etc.<253>), und nur selten Ritualbeschreibungen wie die Opferformel<254>.

7. Bei Schreiberpose D - die der Handhaltung von Sitzfiguren entspricht und das Element


107

"Schreiben / Lesen" vernachlässigt - wird deutlich, daß in manchen Fällen der Darstellung des Grabherrn als "Schreiber" die verwaltende Tätigkeit gar nicht mehr der eigentliche bedeutungstragende ikonographische Index ist, sondern allein die Pose, die die des "Residenzangehörigen" ist: Teilhaber an einer Institution, Teilhaber an der privilegierten Residenzkultur und ihrer spezifischen funerären Praxis.

8. Die Sonderform der am Boden hockenden Figur mit einem angezogenen Bein und deren Ableitungen (Pose K) wurde oben als Pose einer Tempelstatue kurz erwähnt. M. E. ist der Ursprung der hier vorliegenden Pose, die nicht eine eigentliche "Schreiberfigur" abbildet, sondern wieder eine Form des teilnehmenden am-Boden-Hockens, ebenfalls im Tempelkult zu suchen. Offenbar ist sie die sekundäre Umsetzung der seit der späten 4. Dynastie üblichen Konvention der Flachbilddarstellung des mit angezogenem Bein Hockenden in das Rundbild. Im späten AR tritt diese Figur einmal im Taltempel des Mykerinos auf (5.14), einige andere Belege stammen aus Serdaben von Grabanlagen (5.61 - 5.65). Die Figuren sind nie mit einem Papyrus abgebildet, so daß die Funktion "Schreiber" als Index entfällt und nur die "Teilnahme" verbleibt. Ihr Auftreten in Serdaben hängt wahrscheinlich mit einer Tendenz zusammen, den Statuenbestand um Figuren zu ergänzen, die bestimmte Positionen des Toten durch Abbildung von Handlungen genauer zu definieren, z.B. auch durch die Gruppierung mit Dienerfiguren. Der hockend "teilnehmende" Grabherr affirmiert in dieser Statue einen Status, der die Anbindung an eine Institution in weniger abstrakter Weise beschreibt, als es die mittlerweile zum Gemeingut gewordene Schreiberfigur vermag. Die wenigen Figuren dieses Typs zeichen sich durch ihre Experimentierfreudigkeit aus und sind als Zeugnisse einer strategisch motivierten Bildfindung zu interpretieren. Sie stellen Personen dar, die zur Gruppe der dependent specialists zu rechnen sind. Das Vorbild ist hier, wie oft bei der plastischen Umsetzung neuer bedeutungstragender Elemente, das der Schrift nahestehende Flachbild.

9. Ähnliche Überlegungen werden den Fällen zugrundeliegen, in denen der Typ der Sitzfigur mit dem Element "Papyrus" verbunden wurde (5.66, 5.67). Man hat in solchen Fällen die Funktion der Serdabfiguren - bestimmte Eigenschaften des Grabherrn möglichst genau zu beschreiben - in einer Statue verbunden: Affirmation des Status als Residenzangehöriger (Schreiber), Affirmation des Status als Grabherr (thronendes Sitzen), im Fall von sxm-kA (5.66) sogar noch die Affirmation der Familieneinbindung über die Gruppenfigur<255>.

7.5 Schreiberfiguren - Zusammenfassung


108

1. Die Schreiberfigur drückt, unabhängig von ihrer konkreten Aufstellung, eine spezifische soziale Position aus: die des eine Institution (Haushalt, Kulteinrichtung) leitenden bzw. dieser Institution angehörenden Beamten, der aus der Ausübung des Amtes gegenüber einer höheren Autorität seinen Status und seine Einkünfte bezieht. Diese soziale Position ist ein Spezifikum der Residenz des AR: Erst die Etablierung größerer Residenzinstitutionen machte es möglich, daß die Definition als "Schreiber" ein solches soziales Prestige bekommen konnte. Es ist festzuhalten, daß diese Position nur von Männern eingenommen werden kann.

2. Die Schreiberfigur stellt den Grabherrn ikonographisch zusammengefaßt bei einer spezifischen Handlung, dem "Verwalten" (Anleitung, Kontrolle, Abrechnung) einer wirtschaftlichen oder kultischen Institution dar. Frühe Exemplare der Schreiberfiguren entstammen dem Bereich der "äußeren", offenen Kultanlage und setzten den Statueninhaber in Beziehung zu Kulthandlungen, die primär nicht seiner Person gelten. Spätestens ab der Einführung großer Statuenhäuser findet die Schreiberfigur aber auch dort ihren Platz und ist dann stets ein Abbild des Grabherrn.

3. Die soziale Bedeutung, die die Rolle als "Verwalter" einer Institution hat, wird deutlich in der Aufnahme dieser Darstellungsform in den Korpus der Serdabfiguren. Die Serdabfiguren affirmieren die wesentlichen Seinseigenschaften, die ein Grabherr über den Tod hinaus bewahren möchte: Die Sitzfigur den abstrakten Status des versorgten Toten und die Fähigkeit, das Opfer zu empfangen und damit als Persönlichkeit erhalten und ansprechbar zu bleiben; die Standfigur die Bewegungs- und Handlungsfähigkeit. Dazu tritt in Periode IV die Schreiberfigur, die den Status als Angehöriger der Residenzelite affirmiert. Neben das Sein und die Aktion tritt der konkrete Status in ganz ausgeprägter Form. Nicht nur Dasein und Aktionsfähigkeit "an sich" machen mehr die Identität aus, der Status als Residenzangehöriger tritt als wesentliches Element der Selbstdefinition hinzu. Die Schreiberfigur ist ein "statusindizierte Funktionsfigur", die den Statueninhaber nicht mehr nur in der abstrakten Position des kontakt- und handlungsfähigen Wesens beschreibt, sonder der konkreten Funktion des "Beamten" - und damit des mit previligierendem Wissen und einer spezifischen Position gegenüber dem Pharao bzw. einer der Spitzen der Gesellschaft ausgestatteten Residenzangehörigen.

4. Im Fall der Königssöhne der 4. Dynastie ist die Darstellung als Schreiber um so sinnfälliger, da sie, nach dem König, die oberste Macht überhaupt und die eigentliche Residenzelite darstellen. Annähernd zeitgleich wurden zwei ikonographische Möglichkeiten gefunden, um die neuen sozialen Organisationsformen zu symbolisieren und damit auch zu realisieren: Das Bild des Pharao als Sphinx faßt die menschlichen und die übernatürlichen Konzepte vom Königtum in prägnanter und dieser Unmittelbarkeit noch nicht dagewesener Weise zusammen; das Bild des "obersten Menschen" als schriftkundiger Verwalter der ökonomischen und kultischen Belange zeigt ebenso unmittelbar das Selbstverständnis der die Hochkultur monopolisierenden Residenzelite - gerade auch gegenüber anderen Eliten auf Landesebene.

5. Das Bild des Schreibers drückt auch eine soziale Situation aus, die sich von den


109

anzunehmenden traditionellen, weitgehend an familiäre Muster angelehnten sozialen Verhältnissen im Lande unterscheidet: Der Bezug von Einkünften definiert sich über die Verwaltung eines Besitzes, der ideell eine Institution darstellt, der man zugeordnet ist. Der Pharao als Institution faßt alle Erscheinungen der Welt in sich zusammen, als Verwalter dieser Erscheinungen treten die Königssöhne der 4. Dynastie auf. Weniger großartig ist das Konzept schon, wenn die Söhne des xa=f-xwfw in den Reliefs seiner Kapelle als Schreiber vor ihren nichtköniglichen Vater treten: Sie weisen sich als getreuliche Verwalter seines Besitzes und Versorger seines Kultes aus und legitimieren damit ihren Anspruch an dem, was sein Besitz war<256>. Ebenso verbinden die teilnehmenden Schreiber in den Kapellen von Giza und des dwA-ra im Tempel des Snofru die Absicherung ihrer Anwesenheit beim Kultgeschehen mit der Affirmation ihrer Ansprüche an den entsprechenden Einkünften. Das Verhältnis "Schreiber sein" drückt auch ein Versorgungsverhältnis aus, das des "an-eine-Institution-Gebundenen" und "durch-eine-Residenzinstitution-Versorgten". Es besteht eine gewisse Gemeinsamkeit zwischen der Schreiberfigur und der Formel des jmAx.w-xr-Verhältnisses, die sich zuerst auf den König (nTr-aA) als dem Synonym für Residenzinstitution bezieht, im späteren AR aber auch konkrete Personen bzw. Götter als Bezüge nennt<257>. So gesehen hat die Schreiberfigur den Aspekt "soziale Einbindung", der oben als Weg ihrer Übernahme in funeräre Ensemble postuliert wurde, nie ganz verloren; die soziale Einbindung hat aber eine für die Residenz typische Form gefunden.

6. Die Entwicklung der Schreiberfigur als Statuentyp mit einem residenzspezifischen Status-Index ist ein Beleg für die Dynamik der funerären Kultur und dafür, daß diese Ausdrucksform der sozialen Prozesse der Residenz ist. An der Schreiberfigur läßt sich ein Prozeß der kulturellen Indizierung nachvollziehen, der über die Etappen

  1. habituelle Darstellung der Affirmation von Teilnahme (am Tempelkult), zu
  2. Affirmation sozialer Einbindung in die Institution "Königsfamilie", zu
  3. Affirmation des Status als Angehöriger der Institution "Residenz" führt.

Die hockende Figur von Männern und Frauen mit der ganz allgemeinen und für die gesamte pharaonische Zeit belegbaren Funktion "Teilnahme an einem ego-fremden Kult" wird in einem planvollen Prozeß umgeformt zur den konkreten sozialökonomischen Bedingungen angepaßten, ausschließlich männlichen Figur des Schreibers mit der Funktion, den Aspekt des Grabherrn / ego als "Angehörigen der institutionellen Residenz-Elite" zu affirmieren. Es sind folglich nur sehr wenige Schreiberfiguren des AR bekannt, die nicht aus der Residenz stammen (5.56 - 5.59; 5.65). Der Typ der Schreiberfigur verliert zwangsläufig seine Funktion mit dem Ende der für das AR spezifischen Residenzinstitution. Die Schreiberfigur wird erst im MR wiederbelebt, in veränderter Typologie und mit modifizierter Funktion<258>.


110

7. Die Bedeutung ikonographischer Elemente als "Indizes" ist an der Schreiberfigur besonders offensichtlich. Die frühen Figuren von Königssöhnen betonen zum Teil die Dickleibigkeit der Personen, ein ikonographisches Element, daß die "Anwesenheit" des Dargestellten beschreibt und damit der Funktion dieser Figuren im Kontext des Kultes an einer "äußeren" Kultstelle entspricht. Bei der Formalisierung der Schreiberfigur zur Serdabfigur wird auf diese Ikonographie verzichtet. Die charakteristische Sitzhaltung ist nun grundsätzlich als "Schreiber / Beamter" zu verstehenden. Recht ambivalent bleiben die Handhaltungen, so daß neben der Tätigkeit des Schreibens / Lesens häufig - besonders in der der Handhaltung von Sitzfiguren entsprechenden Pose D - die Existenzform als Toter affirmiert wird. Diese Figuren sind dadurch in ihrer Funktion nicht mehr nur auf die Statusaffirmation festgelegt, sondern können allgemeine Abbilder des Grabherrn sein, unter Betonung seiner Zugehörigkeit zur Residenz. Schreiberfiguren in dieser Pose D und Pose C, den Papyrus haltend, treten daher mitunter als einzige rundplastische Darstellung des Toten in seinem Grab auf. Gelegentlich wird die Affirmation der Residenzzugehörigkeit - durch das Halten der Schriftrolle in Pose C - auch mit der normalen Sitzfigur verbunden, die die Existenz des Toten in seinem spezifischen Status als Toter beschreibt.

8. Die bekannte Serdabstatue des snb, die in einmaliger Weise die Gruppenfigur mit der Schreiberhaltung verbindet, ist ein schönes Beispiel für den Prozeß der künstlerischen Bildfindung, in dem verschiedene ikonographische Elemente zu einem Abbild verbunden werden, das stark von konkreten Gegebenheiten und damit einem strategischen Anliegen des Autraggebers geprägt ist (5.60). Der Zwerg snb läßt sich als eine außergewöhnliche Persönlichkeit darstellen, eine Persönlichkeit, die der körperlichen Anomalie des Zwergenwuchses offensichtlich einiges an Status-Wert beimißt (siehe dazu auch Kap. 12.2.1.). Zugleich indiziert der Schreibersitz die Zugehörigkeit zur Residenzelite, die Sitzfigur den Status als versorgter Toter, die Gruppenfigur die Einbindung in ein soziales Umfeld und seine Kontinuität. Diese Statue ist - wie viele andere auch - nicht die schematische Reproduktion geläufiger Strukturen, sondern deren sinn- und planvolle Aktivierung.


Fußnoten:

<209>

Shoukry 1951: 62-69

<210>

Scott 1989: XVI-XIX

<211>

BGM 3: Söhne: fig. 27, 28, abrechnende Schreiber: fig. 33

<212>

Scott 1989: 6-8

<213>

Die Statuen aus dem Tempel des Snofru werden von Scott mit Ausnahme von (5.1.4:) und der beiden jüngeren Statuen des dwA-ra (5.13) nicht in den Korpus der Schreiberfiguren des AR einbezogen. Es ist nicht auszuschließen, daß einige der hier als Belege des AR aufgeführten Statuen erst aus dem MR stammen, da eine ganze Reihe von Funden auf eine intensive Nutzung des Tempels im MR deuten. Dafür, daß die Statuen (5.1.1:) bis (5.1.4:) in die 4. Dynastie datieren, sprechen:

a) Die überwiegende Verwendung von Kalkstein, einem auch sonst unter Snofru belegten Material für Statuen (Statuen des ra-Htp und der nfr.t; 3.1; Statuen des jpj; 3.2; Statuen des Snofru aus seinem Tempel: Stadelmann 1995: Taf. 60-62). Schreiberfiguren der späten 4. Dynastie sind zwar eher aus Hartgestein hergestellt, das ist aber im Zusammenhang mit einer intensiven Nutzung von Hartgestein bei der Rundbildgestaltung erst ab Cheops zu korrelieren, für die es aus der Zeit des Snofru keine vergleichbaren Belege gibt. Auch hat die Hartgesteinnutzung in der 4. Dynastie eindeutig ihren Schwerpunkt in Giza, während in Saqqara Kalkstein und Holz üblich bleiben. Im MR ist aber eine deutliche Tendenz zu Hartgesteinen bei Schreiberfiguren zu verzeichnen, so daß das Material der Statuen aus dem Snofrutempel nicht auf das MR deutet (siehe Scott 1989: 124 zur überwiegenden Verwendung von Hartgestein im MR).

b) Die im AR häufiger als im MR belegten Titel zA / zA.t nswt n X.t=f sowie die anderen hohen Titel der Personen, die auf den königlichen Vater Bezug nehmen, und die im AR gebräuchlichen Namen. Schmitz 1976: 38, Anm. 1 schließt die beiden Belege 5.1: und 5.2: in ihrer Untersuchung zum zA nsw.t-Titel als "unergiebig" aus, da die Inschrift "nachlässig eingekratzt" sei und die Personen sonst als Königsabkömmlinge unbekannt sind. Eine Datierung in das MR wird von ihr aber nicht favorisiert. Schreiberfiguren des MR sind zudem überwiegend mit der Opferformel beschriftet, die hier fehlt (Scott 1989: 220), auch fehlen die typischen MR-Titel der häufig als Statuenstifter auftretenden Mittelschicht.

c) Die auch sonst im AR belegte Bekleidung, Sitz- und Armhaltungen, die nicht gegen die Datierung in das AR sprechen. In der 4. Dynastie ist die Sitzhaltung am Boden mit auf die Brust gelegten bzw. gekreuzten Armen auch im Flachbild belegt, so bei mr=s-anx III. (BGM 1: fig. 8, 9).

Ich danke Wolfram Grajetzki für wertvolle Hinweise zu den hier aufgelisteten Argumenten.

<214>

Aufgrund der relativ großen Zahl unbeschrifteter Schreiberfiguren schlägt Scott 1989: 67 vor, daß in vielen Fällen eine beschriftete separate Basis annzunehme ist, die verloren ging. Von einige Schreiberfiguren sind die separat gearbeiteten Basen erhalten (loc.cit.).

<215>

Scott 1989: 419, das trifft auch für die Statuen aus dem Tempel des Snofru zu, die von Scott nicht behandelt werden.

<216>

Scott 1989: 427

<217>

Scott 1989: 424

<218>

Dahschur: 5.1.4: Hm-nTr snfrw; Abu Rawash: 5.5.1: Xrj-Hb n jt(=f), 5.5.4: Hm-nTr Dd=f-ra, 5.5.5: Hm-nTr Dd=f-ra.

<219>

Seidel / Wildung, in: Vandersleyen et al. 1975: 212. Siehe vor allem auch die Aufnahme der Schreiberpose als die typischer Tempelstatuen ab dem MR (Scott 1989: 201f, 239, 426, 429); Beispiele bei Vandier 1958: 231-235.

<220>

Zu einem ähnlichen Schluß der Verbindung von Schreiberfigur und Teilnahme am königlichen Kult kommt Kessler 1990: 29-38. Die dort op. cit.: 43 vertretene These, jede Schreiberfigur, auch die von Personen der mittleren Residenzschicht, drücke allein die Teilnahme an königlichen Festen und daraus folgend "Versorgtheit" durch den König aus, sei aber kein Status-Zeichen, ist m. E. aber zu eng gefaßt.

<221>

Siehe den Plan bei Stadelmann 1985/1991: Abb. 36; wahrscheinlich handelt es sich um einen der Räume gleich nördlich der Bootsgrube. Säulen sind in keinem der veröffentlichten Pläne verzeichnet und die Raumsituation ist überhaupt etwas unklar, z.B. das westliche Ende der Südmauer des vorderen Tempelteils.

<222>

BGM 3: fig. 26

<223>

BGM 3: fig. 27

<224>

BGM 3: fig. 28

<225>

BGM 3: fig. 29

<226>

Es sei auf die bei Djedefre ebenfalls erstmals belegte Konvention der Gruppenfigur verwiesen (5.5.8: = 7.1.1:), die eine am Boden hockende Nebenfigur in derselben Ausrichtung wie den Statueninhaber zeigt. Die Kinder des Djedefre sitzen gewissermaßen "neben" dem Vater, wie es die Nebenfiguren einer Gruppenfigur tun. Siehe zu dieser Konvention bei Gruppenfiguren Kap. 9.2.4.

<227>

BGM 3: fig. 5

<228>

Argument ist vor allem die räumlich beengte Umsetzung der "äußeren" Kultbereiche im Friedhof G 7000 (Reisner 1942: fig. 6, 7), etwa im Vergleich mit Anlagen, bei denen im Osten genug Platz für eine "äußere" Kultanlage vorhanden war (G 7510, G 2000; Reisner 1942: fig. 8, 4).

<229>

Bisson de la Roque 1924: pl. I, Anlagen F 7, F 13, F 19

<230>

Der Statuentyp wird erst im MR - wie der der männlichen am Boden hockenden Figur - als Tempelstatue wieder belebt (Vandier 1958: 240, der nur ein Beispiel nennt).

<231>

Siehe die Diskussion der Gruppe bei Scott 1989: 19f.

<232>

Siehe die Diskussion der Identität bei Scott 1989: 35-41. Reisner und Smith sehen in ihnen Darstellungen der Totenpriesterschaft, während Scott vorschlägt, in den Schreibern männliche Familienangehörige zu sehen.

<233>

BGM 1: fig. 4

<234>

BGM 1: fig. 7, rechts. Dieses Bild, am Zugang zu Raum II / B, entspricht strukturell dem oben diskutierten Beleg bei xa=f-xwfw am Zugang zum Scheintürraum, der ebenfalls die soziale Einbindung abbildet.

<235>

BGM 1: fig. 8; die Position der hockenden Figur zu Füßen der Grabherrin entspricht formal der von hockenden Frauen in Gruppenfiguren!

<236>

BGM 1: fig. 9

<237>

BGM 1: fig. 3.b, 12

<238>

Im besonderen Fall der Anlage der Königin mr=s-anx übernimmt Hmtj etliche Positionen, die üblicherweise dem Sohn zukommen, also vor allem die Position des Verwalters der Institution "Haushalt des Toten", eine Institution, die auch als D.t, gelegentlich unter Leitung eines ernannten sn-D.t, juristisch fixiert wird.

<239>

Das Fragment einer Kalksteinfigur mit auf der Brust gekreuzten Armen, das von S. Hassan im Schacht der Anlage des Htpj gefunden wurde, kann ebenfalls von einer derartigen Statue stammen, zumal es aus einem der Gräber von Eliteangehörigen an der westlichen Steinbruchkante stammt (14.140).

<240>

Scott 1989: 46

<241>

Scott 1989: 102; von 47 von Scott untersuchten Schreiberfiguren zeigen 16 Pose C (+ zwei Sitzfiguren mit Papyrus), 10 Pose A, 11 Pose D, 4 Pose E bzw. F mit flach auf dem Schurz liegenden Händen, die Dreiergruppe und die Statue des sTj-mw Varianten der Pose I sowie 4 die hockende Pose K.

<242>

Die erste Figur ist mit einer Höhe von 76 cm etwa lebensgroß und damit überhaupt die einzige bekannte Schreiberfigur des AR, die eine solche Dimension erreicht. Üblicherweise sind Schreiberfiguren nur 30 bis 40 cm hoch, qualitätvollere Exemplare aber auch über 50 cm (letztere wohl alle aus Periode IV.a).

<243>

Capart 1921

<244>

Capart 1921: 190 zitiert aus einer Beschreibung Masperos, der erwähnt, daß die Korridorkapelle undekoriert war, aber: "Two large stelae, or, if one will, two door-shaped niches, had been fashioned in the right-hand wall, and in front of each of these stood a statue in the very spot where the Egyptian workman had set it up on the day of funeral." Mit "right-hand wall" sollte durch die Existenz von Scheintüren und eine zuvor gemachte Bemerkung, daß die Kapelle von Norden zugänglich war, die Westwand gemeint sein.

<245>

Mariette / Maspero 1889: 151. "En B posée sur le sol était la statue que nous cataloguons ci-après." Es wird ausdrücklich nur von einer Statue gesprochen.

<246>

Mariette / Maspero 1882: 11

<247>

Siehe die Zusammenstellung bei Capart 1921: 186, wo im folgenden auf die Masperosche Identifizierung des Schreibers als sxm-kA eingegangen wird.

<248>

Zur komplizierten Befundlage auch Bolshakov 1997: 238, Anm. 23. Man muß bei den Angaben Masperos mit einer Verwechslung rechnen, so daß nicht sicher ist, ob der Louvre-Schreiber aus dem Ensemble der sieben bzw. zwei Statuen stammt, oder nicht doch die einzige Statue in C 20 war. Denn laut PM III: 465f ist Mastaba No. 54 / C 19 die Anlage mit den vier von Maspero und Capart erwähnten Statuen der Familie des sxm-kA (Louvre A 102, 103, 104, 105) und eventuell auch der des phr-nfr (A 107) (15.42). Die Mastaba eines kAjj ist No. 45 /C 21, von der Mariette / Maspero 1889: 152 keinen Plan geben; PM III: 463 datiert das Grab in die 5./6. Dynastie. Die auf der Scheintür dieses Grabes genannten Titel sind von denen der Statue Louvre A 106 aber verschieden. M.E. sind die Angaben in Mariette / Maspero 1889 zuverlässiger, als die Bemerkungen Masperos und die darauf basierende Rekonstruktion von Capart. Auch W. S. Smith in Reisner 1936: 402f nimmt die Herkunft des Schreibers aus C 20 an. Die Annahme von Harris 1955, der Louvre-Schreiber könne nicht mit der Statue des kAj eine Gruppe bilden, da jener die linke Hand zur Faust geballt habe und daher Linkshänder sei, folgt einer nicht verifizierbaren Untersuchung von Engelbach 1938 und ist wenig hilfreich. Gänzlich verwirrend wird die Situation aber, wenn man der von Vandersleyen 1983: Anm. 2 zitierten Angabe von Prisse d'Avennes folgt, Mariette habe den Louvre-Schreiber gar nicht gefunden, sondern bei einem Händler gekauft! Von Ziegler 1997.b: 206-208 wird diese Angabe aber für unwahrscheinlich gehalten, sie favorisiert eine Gruppierung der Schreiberfigur mit der Sitzfigur Louvre A 107 (pHr-nfr).

<249>

Die Schreiberfiguren des Louvre und in Kairo stehen noch ganz in der Tradition individualisierender naturalistischer Plastik die ihren Ursprung in Tendenzen der Periode III hat, so daß in jedem Fall eine Datierung in die späte 4. Dynastie wahrscheinlicher ist, als die üblicherweise angegebene frühe 5. Dynastie. Man muß dabei berücksichtigen, daß die Statuen aus Saqqara stammen, wo sich die Tendenz der Periode IV etwas langsamer bzw. in anderer Ausprägung durchsetzten. Auf die Technik der eingelegten Augen und den kleinen Kinnbart als ein Indiz für eine frühe Datierung des Kairo-Schreibers in das Umfeld der Statuen des ra-Htp und der nfr.t sowie der Cheopssöhne verweist Scott 1989: 49f. Sollte die von Capart vorgenommene Zuschreibung der Sitzfigur Louvre A. 106 in das Ensemble des Louvre-Schreibers zutreffen, würde auch diese Statue für die Datierung in die in Saqqara etwas retardierte Übergangsperiode von III zu IV sprechen: Der Dargestellte hat noch in "altertümlicher" Weise die rechte Hand geöffnet und die linke zur Faust geballt, auch ist der Sitz mit einer sehr hohen und breiten Rückenlehne wie bei ra-Htp und nfr.t versehen, aber unterlebensgroß. Die Sitzfigur aus dem Ensemble des Kairo-Schreibers folgt schon dem in Giza formalisierten Muster. Siehe die Abbildungen bei Capart 1921: pl. XXXI.

<250>

Seidel / Wildung in: Vandersleyen et al. 1975: 225; Wildung 1983: 33; Wildung 1985: 26

<251>

Strudwick 1985: 312

<252>

Lapp 1986: 155f, 162; siehe auch Kap. 20.1.2.

<253>

Z.B. Berlin Inv.-Nr. 1/83 (Berlin 1983: 13)

<254>

Zum Sonderfall der Statuenstiftung siehe Kap. 9.6.

<255>

Die Statue des xnw (5.67) trägt den Vorbauschurz, hier kann demnach die Kombination von Schreiberfigur und Figur im Vorbauschurz beabsichtigt sein, siehe auch Kap. 8.6.

<256>

BGM 3: fig. 28, 29

<257>

Jansen-Winkeln 1996.a: 32f

<258>

Scott 1989: 124, 218


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Wed May 2 14:17:41 2001