Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

Kapitel 8. Männliche Standfiguren mit "Vorbauschurz"

(Tab. 6)

8.1 Auftreten und Formen

1. Als Standfiguren mit "Vorbauschurz" sollen solche Statuen bezeichnet werden, die einen Mann nicht mit dem häufigeren kurzen und enganliegenden Schurz zeigen (glatter Schurz oder


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"Galaschurz")<259>, sondern einem etwas längerem Schurz, der nach vorn gebauscht ist<260>. Bei den frühen Belegen ist der Bausch nur aus dem umgeschlagenen Saum eines langen und weiten Schurzes gebildet, der eine charakteristische Umschlagfalte bildet. Häufiger ist der Bausch aber in Form eines steifen, dreieckigen Vorbaus ausgeprägt, der oft plissiert ist. Folgende Typen lassen sich unterscheiden:

2. Etwa zeitgleich mit den ersten Belegen der langen Schurztracht im Rundbild tritt der Vorbauschurz als ikonographisches Element im Flachbild auf. In der Anlage der xa=f-xwfw ist der Grabherr an der Nordwand des Scheintürraumes (NS:L:1s) in einer Typ A entsprechenden Weise abgebildet: er trägt den langen Schurz mit der Vorbaufalte, keine Perücke und stützt sich auf einen Stab<262>. Soweit erkennbar, trägt er auch in der nördlichen Darstellung am Zugang zum Scheintürraum diesen Schurz, außerdem das Pantherfell und er ist dickleibig dargestellt<263>. Hm-jwnw war am Zugang zu seiner Kapelle auf der nördlichen Seite mit dem langen Schurz und offensichtlich ebenfalls dickleibig dargestellt<264>.


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Auch im Flachbild lassen sich im folgenden mehrere Typen der Tracht mit dem Vorbauschurz beobachten<265>. Die Typ A der Statuen entsprechende Ikonographie, wie eben bei xa=f-xwfw und Hm-jwnw erwähnt, ist in der späten 4. Dynastie belegt. Leicht modifiziert - der Grabherr trägt nun gewöhnlich einen langen Schurz mit z.T. plissiertem Dreieckvorbau, ist aber weiterhin barhäuptig und oft formalisiert fett mit hängender Brust dargestellt - ist dieser Typ dann bis in die 6. Dynastie und die 1. ZZ üblich, dem Typen D der Statuen entsprechend. Seit der 5. Dynastie ist auch eine Typ B entsprechende Darstellung im Flachbild belegt, bei der der Dargestellte mit Perücke und einem kürzeren Schurz mit Vorbau auftritt. Offensichtlich unterscheidet das Flachbild dabei sogar zwischen zwei Formen von Schurzen mit Vorbau, einem kurzen, nicht einmal bis zum Knie reichenden - dieser wird besonders von Höflingen in den Huldigungsszenen der Pyramidentempeldekoration getragen<266> - und einem längeren, über das Knie reichenden, der seit der 5. Dynastie für beinahe alle Darstellungen des Grabherrn in der Grabdekoration üblich wird. Dazu tritt in komplettierenden Darstellungen auf Pfeilern oder Architraven das Abbild des Grabherrn mit dem traditionellen kurzen engen Schurz und Darstellungen entsprechend Typ D mit langem Vorbauschurz, ohne Perücke<267>.

3. Die Standfigur mit Vorbauschurz tritt - analog zur Schreiberfigur - erst in der späteren Periode III der funerären Praxis im Statuenbestand der funerären Anlagen auf. Sie hat, soweit erkennbar, keine formalen Vorläufer in Statuentypen der Periode II oder im prä-formalen Statuenbestand. Ebenfalls analog zur Schreiberfigur tritt die Standfigur mit Vorbauschurz in Statuenensembles tendenziell nur einmal auf.

8.2 Standfiguren mit Vorbauschurz aus der hohen und späten 4. Dynastie

1. Zwei frühe Ensembles mit Standfiguren mit Vorbauschurz wurden in Kap. 4.3. bereits erwähnt und sind von J. Capart untersucht worden: das des sogenannten "Dorfschulzen" und das des ra-nfr (6.1; 6.2)<268>. Ausgehend von Befunden aus Provinznekropolen des späten AR beschäftigt sich Capart mit dem Phänomen, daß derselbe Grabherr in zwei verschiedenen Statuen in seiner Grabanlage präsent ist: einer Statue, die ihn in traditioneller Weise mit kurzem Schurz und


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Perücke, mit athletischen Körperbau abbildet, und einer zweiten, in der er barhäuptig, gelegentlich fett und mit dem langen Schurz mit Vorbau auftritt. Er stellte schlußfolgernd eine "zwei-Statuen-These" auf, nach der ein ägyptischer männlicher Grabherr - bei Frauen sind die zwei unterschiedlichen Statuentypen nicht belegt - in zwei Aspekten abgebildet wird: einmal mit engem Schurz und Perücke und einmal im Vorbauschurz und barhäuptig<269>. Diese Paarung wird allgemein als die Gegenüberstellung eines ideal-ewig-jugendlichen und eines naturalistisch-zeitlich-altersbetonten Aspekt des Toten interpretiert, wobei neben dem Gegensatzpaar Jugend-Alter auch die Vorstellung des versorgten Beamten in den dickleibigen Darstellungen ausgedrückt gesehen wird<270>.

Grundsätzlich ist gegen die Interpretation der verschiedenen Darstellungsformen als ein sich ergänzendes Paar unterschiedlicher Aspekte des Toten nichts einzuwenden. Man muß aber anmerken, daß die postulierten Statuenpaare in dieser Form kaum sicher belegt sind<271> und die These eher durch Flachbilddarstellungen erst aus der 5. und 6. Dynastie zu untermauern ist. Diese Flachbilder bilden oft an Kapellenzugängen und auf Pfeilern im "äußeren" Kultbereich den Grabherrn

  1. einmal (tendenziell im Süden bzw. "links") in idealer Körperform, aber meist mit dem Vorbauschurz und in einer Typ B entsprechenden Ikonographie ab, und
  2. an der gegenüberliegenden Seite (tendenziell nördlich bzw. "rechts") in einer formalisierten fetten, barhäuptigen und mit dem langen Schurz bekleideten Erscheinungsform (= Typ D)<272>.

Dieses Gegensatzpaar im Flachbild der Periode IV und der Periode V (auf Scheintüren auch der Periode VI) bezieht sich also auf zwei Formen der Darstellung des Toten mit dem Vorbauschurz!


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Auch trifft nicht für alle Statuen mit Vorbauschurz zu, daß sie den Statueninhaber barhäuptig und mit naturalistisch-altersbetonter Tendenz abbilden; Statuen von Typ B, C und auch des barhäuptigen Typs D entsprechen durchaus den athletischen Idealbildern<273>. Die Interpretation der Statuen mit Vorbauschurz als Altersbeschreibung bzw. Bild der Zeitlichkeit ist also spätestens ab der 5. Dynastie nicht hinreichend.

2. Das Statuenpaar des ra-nfr

2.1. Das schon erwähnte Ensemble des ra-nfr (3.8) hat einen Vorläufer im Statuenpaar des jpj aus Dahschur (3.2). Beide Statuenensembles sind Zeugnisse der funerären Praxis der Periode III, die durch eine Tendenz zur ausgeprägt individuellen Beschreibung des Toten gekennzeichnet ist, d.h., der Verstorbene wird weniger im Rahmen habitueller Vorstellungen summarisch und unspezifisch als dauernder idealer Toter beschrieben, sondern als eine konkrete Persönlichkeit. Das schlägt sich u.a. in der naturalistischen Gestaltung der Statuen wieder. Diese Praxis der Beschreibung individueller Toter und ihres konkreten Status aktiviert jedoch das habituelle kulturelle Vokabular, d. h. sie bedient sich üblicher kultureller Ausdrucksformen, die sie ausdeutet und umformt. Im Falle der Standfigur ist seit Periode II belegt, daß solche Statuen von Männern doppelt auftreten<274>. Im Ensemble des jpj und des ra-nfr ist das traditionelle Prinzip der Vervielfältigung aber variiert, indem man zwar zwei Statuen derselben Person nebeneinander im offenen Kultbereich aufstellt, diese aber durch ikonographische und stilistische Details unterscheidet. Bei jpj sind es vor allem die unterschiedlichen Gegenstände und Armhaltungen, die die beiden Statuen differenzieren<275>. Das Prinzip der Verdoppelung wird so in ganz neuer Weise umgesetzt, indem man es zum Zwecke der Beschreibung unterschiedlicher "Erscheinungsformen" des Grabherrn nutzt und damit offensichtlich umdeutet. Denn die Verdoppelung ein und derselben Statue nutzte ein rein symbolisches Begriffsystem<276>, während die Verwendung unterschiedlicher ikonographischer Elemente gewissermaßen "analytisch" differenzierend vorgeht. Die Statuen des jpj haben damit ein in Periode II schon im Flachbild belegtes "schriftartiges" Prinzip der Definition verschiedener Aspekte über unterschiedliche Darstellungsweisen auf ein Statuenpaar in einem offenen Kultbereich übertragen<277>.


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2.2. Das Paar des ra-nfr folgt diesem Prinzip und ist zudem ein Beleg der einsetzenden Formalisierung des zweiten, neuen Statuentyps. Beide Statuen stellen den Grabherrn lebensgroß und mit naturalistischer Tendenz dar, nur die Tracht ist verschieden. Die Statue CG 19 (3.8.2:) mit Perücke und kurzem Schurz präsentiert den Toten in der traditionellen Weise, in der er bereits in Periode II im Rundbild dargestellt wird. Diese Darstellungsform wird im folgenden weiterhin als "traditionell" verstanden; die Mehrzahl der uns bekannten Standfiguren (und so gut wie alle Sitzfiguren) aus dem AR stellt den männlichen Toten so dar<278>. Neu und zum ersten Mal in einer erst durch die folgende Formalisierung ebenfalls geläufigen Form tritt der Tote in der Standfigur CG 18 (6.1) auf: barhäuptig, mit langem Schurz.

2.3. Nimmt man an, daß die erste Statue den Grabherrn in einer als traditionell verstandenen Erscheinungsform, als dauerhaft existierenden und - da schreitend - handlungsfähigen Toten beschreibt, ergibt sich die Frage, welche Eigenschaft in der zweiten Statue erfaßt wird.

Eine Lösungsmöglichkeit ergibt sich wieder über die Analyse der kontemporären Flachbilder, die den Grabherrn in dieser Darstellungsform in einem etwas ausführlicheren Sinnzusammenhang abbilden und von anderen Sinnzusammenhängen (Ikonen) differenzieren. Das Bild des barhäuptigen Grabherrn im langen Schurz ist in einigen Scheintürräumen der späten Periode III vom Typ (NS:L:1s) an der Nordwand angebracht, in einer Darstellung, in der der meist dickleibige Grabherr seiner Frau gegenübertritt <279>. Ebenfalls in dieser Periode, zum ersten Mal bei Hm-jwnw und xa=f-xwfw, ist der Grabherr in dieser Form an der nördlichen Seite des Zugangs zum Scheintürraum an der Mastabafassade abgebildet<280>. Allen Darstellungen dieses Typs im Flachbild ist gemein, daß sie rituelle Inhalte affirmieren, die die Anwesenheit des Toten unter den Lebenden betreffen: an der Nordwand die fortwährende Verbindung von Grabherrn und Gattin<281>; am Zugang die Einbindung des Toten in die Gruppe im Diesseits, nördlich gelegen, da der Grabausgang und die um ihn kreisenden Riten tendenziell im Norden der Anlage lokalisiert sind (s.u. Kap. 18.3.). Beide Szenen sind Neuschöpfungen der Periode III.c und ergänzen das Bildprogramm, das aus


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der späten Periode II bekannt ist<282>.

Folgt man dieser Interpretation des Bildes des Grabherrn im Flachbild, so ist die zweite Statue des ra-nfr als eine rundplastische Beschreibung des Aspektes des Toten zu interpretieren, unter dem er als Person im Diesseits fortdauernd anwesend ist. In diese Beschreibung fließt die des errungenen sozialen Status mit ein, wie er schon seit längerem von verschiedenen Autoren in diesem Bild ausgedrückt gesehen wird. Das Statuenpaar des ra-nfr beschreibt den Toten damit unter zwei Aspekten:

  1. als traditionell / habituell verstandenen "jenseitigen" Toten mit gemeingültiger und überlieferter Ikonographie, und
  2. als faßbar und anwesenden "diesseitigen" Toten, mit einer neuartigen Ikonographie.

3. Das Element der Dickleibigkeit

3.1. Die Konkretheit der Persönlichkeit des Toten wird in Periode III im Flachbild ebenso wie einer Reihe von naturalistischen Rundbildern durch die Betonung der Dickleibigkeit und die Barhäuptigkeit vermittelt. Es handelt sich bei den Rundbildern aber um verschiedene Statuentypen (Standfigur, Sitzfigur, Schreiberfigur, Büste)<283>, d.h. die Dickleibigkeit ist ein stilistisches Mittel, das ganz allgemein dem Ziel dient, den Toten als erfaßbare, konkrete Person erscheinen zu lassen. Dickleibigkeit ist damit beim Rundbild in Periode III kein ikonographisches Element der Statue vom Typ A, sondern nur ebenso mit ihr verbunden, wie mit anderen Darstellungstypen! Sehr deutlich wird das am Statuenpaar des ra-nfr, dessen angebliche stilistische Verschiedenheit von R. Engelbach überzeugend widerlegt wurde<284>: Beide Statuen bilden den Grabherrn mit derselben naturalistischen Tendenz ab, die Verschiedenheit liegt allein in der Tracht und der Verschiedenheit der damit "beschriebenen" Aspekte des Toten.

3.2. In der folgenden Periode IV wird die Dickleibigkeit aber zu einer ikonographischen Metapher formalisiert, die der Affirmation von "leiblicher Anwesenheit" dient. In dieser Formalisierung wird sie der "idealen", "jenseitigen" Erscheinungsform des Toten gegenübergestellt. Es ist wichtig festzuhalten, daß dieser formale, ikonographische Aspekt der Dickleibigkeit sekundär ist. Er hat seinen Ursprung in der Tendenz, bisher nicht formalisierte Abbilder von Grabherren in Periode III


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naturalistisch zu gestalten<285>, die aber sorgfältig von der formalisierten Fettheit der folgenden Perioden zu unterscheiden ist. Das neue Bild des Grabherrn, das seine "Anwesenheit" als konkrete Person unter den Lebenden affirmiert, behält ab Periode IV die als für solche Bilder typisch empfundene naturalistische Fettheit; die übrigen Bilder setzen traditionelle Konventionen fort. So bildet sich ein Gegensatzpaar von "jenseitigem" idealen Abbild, und "diesseitigem", im Grunde ebenso idealem, aber fettem Abbild, das zudem den fetten Körper als Element einer neuen Definition von "Versorgtheit im Diesseits / Satuiertheit" aufnimmt. Diese Konvention hat sich vor allem im Flachbild durchgesetzt, das bei der Affirmation diesseitiger Anwesenheit den Grabherrn in bestimmten Zusammenhängen barhäuptig, fett und sogar mit heller Hautfarbe abbildet. Diese Konvention wird im späten AR auch auf die Darstellung von Statuen im Flachbild übertragen, während sich tatsächliche Belege im Rundbild in dieser ausgeprägten Form nur selten finden<286>.

4. Der wahrscheinlich etwas jüngere Beleg aus dem Ensemble des bA-bA=f entspricht weitgehend der Statue des ra-nfr mit dem Vorbauschurz (6.3). Ob bA-bA=f mehrere Statuen dieses Typs besaß, ist aufgrund der Publikationslage nicht bekannt. In jedem Fall wurde der traditionelle Typ der Standfigur mit kurzem Schurz in seinem Statuenbestand in verschiedenen Materialien und auch als Pseudo-Gruppe vervielfältigt, während die Standfigur mit Vorbauschurz in seinem und vergleichbaren Ensembles seltener vertreten ist. Die in Periode IV beliebte "symbolische" Vervielfältigung von Statuen bezieht sich vor allem auf die "traditionellen", den Status des Toten in allgemeiner und "jenseitiger" Weise beschreibenden Abbilder. Ebenso bleibt die formalisierte Darstellung des dickleibigen Grabherrn ohne Perücke im Flachbild auf wenige charakteristische Ikonen und Szenen (Fest-Ikone, Sänften-Szene, Heraustreten nach Norden) beschränkt, bei denen stets ein ritueller Hintergrund vermutet werden darf, bei dem der "leiblich anwesende" Grabherr in dieser oder jener Weise eine Rolle spielt.

5. Der Typ der Statue mit Vorbauschurz war aus dem Bemühen der experimentierfreudigen Periode III entstanden, unterschiedliche Aspekte der Existenz des Toten zu beschreiben. In ihr wird - zumindest legen das die entsprechenden Darstellungen im Flachbild nahe - eine "diesseitige" Erscheinungsform affirmiert<287>. In der folgenden Periode IV wird dieser Typ zu einer Statue


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formalisiert, die in ganz bestimmten Funktionszusammenhängen auftritt und einen bestimmten Aspekt des Toten definiert. Auf die Parallelen zur ebenfalls in Periode IV zu einer Serdabstatue formalisierten Schreiberfigur wurde schon verwiesen; auch dieser Statuentyp wurde in Periode III entwickelt und in Periode IV als Darstellungsform des Grabherrn formalisiert, die seinen Aspekt als Angehöriger der Residenzelite definiert.

6. Ehe auf die Funktionen der Standfigur mit Vorbauschurz ab Periode IV genauer eingegangen wird, sollen zwei Sonderfälle erwähnt werden. Die von J. de Morgan in Dahschur gefundene Statue (6.4) wurde erst kürzlich neu publiziert. Soweit mir bekannt, handelt es sich hierbei neben dem "Dorfschulzen" um die einzige rundplastische Wiedergabe des Grabherrn im Vorbauschurz, die die Dickleibigkeit in prägnanter Weise betont. Dieses naturalistische Element würde für eine Entstehung der Statue in Periode III sprechen; der Schurzvorbau hingegen ist als plissiertes Dreieck gestaltet, was erst bei Statuen aus Funktionszusammenhängen der Periode IV belegt ist. Ganz außergewöhnlich ist der Verzicht auf einen Rückenpfeiler. Die bisher dürftigen Angaben zu den Mastabas und der summarische Grundriß der Kultstelle lassen noch nicht zu, die Statue genauer zu datieren<288>.

7. Recht gut läßt sich hingegen die bemerkenswerte Statue aus der Kapelle der xa-mrr-nb.tj datieren, die in einem nachträglich vermauerten Statuendepot gefunden wurde (6.5). Der Typ der mit einem langen, über den rechten Arm gelegten Mantel bekleideten weiblichen Figur in Schrittstellung ist sonst nicht mehr belegt. Insofern kann eine Interpretation nur hypothetisch sein, aber m. E. liegt auch hier ein für die Übergangszeit von Periode III zu Periode IV typisches Phänomen vor, das eine gewisse Parallelität in der Entwicklung der Schreiberfigur hat. Jener ausschließlich für Männer belegte Statuentyp hat seinen Ursprung in einem für Frauen und Männer gleichermaßen belegten Statuentyp, der die Personen am Boden hockend abbildet. Im Zuge der Formalisierung wurde der Typ dann auf eine Männern vorbehaltene Funktionsbeschreibung festgelegt. Die Standfigur mit Vorbauschurz wurde unter etwas anderen Umständen entwickelt; sie ist die "analytische" Interpretation einer der schon in Periode II belegten männlichen Doppelstatuen. Eine der Statuen stellte nun den ideal-jenseitigen Toten dar, die andere den Toten als im Diesseits leiblich anwesende Entität. Statuenvervielfältigung bei Frauen ist sehr selten; in größerem Umfang ist sie nur in der späten 4. Dynastie in Giza belegt<289>. Aus diesem Umfeld stammt auch die Mantelstatue der xa-mrr-nb.tj. Diese Statue kann als Versuch gedeutet werden, auch für Frauen einen "diesseitigen" Statuentyp zu entwickeln - diesmal in direkter Anlehnung an


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das männliche Vorbild: die Statue ist lebensgroß, zeigt die Schrittstellung<290> und trägt ein nicht-traditionelles Gewand, das, wie der weite Vorbauschurz auch, der tatsächlichen Kleidung der Zeit entlehnt zu sein scheint. Letzeres ist übrigens ein Element der naturalistischen Tendenz, die bei der Formung dieses Abbildungstyps wirksam war.

Der weibliche Statuentyp setzte sich nicht durch, wahrscheinlich, weil die Definition des Status einer toten Frau als weiterhin "leiblich" anwesendes Familienoberhaupt nicht ihrer üblichen sozialen Position entsprach. Die "großen Königinnen" am Übergang von der 4. zur 5. Dynastie bilden da eine charakteristische Ausnahme<291>.

8.3 Die Formalisierung der Standfigur mit Vorbauschurz I: Schreinfiguren

1. Auf die Besonderheit der Felsstatuen, Statuentypen ortsfest in ihrem ursprünglichen Funktionszusammenhang zu verankern, wird weiter unten in Kap. 18 noch ausführlich eingegangen. Für die Interpretation der Funktion eines Typs der Standfigur mit Vorbauschurz sind schon an dieser Stelle einige Belege für Felsstatuen bzw. Statuen, die mit einem Schrein monolithisch verbunden sind, heranzuziehen, da freistehende Statuen aus vergleichbaren Funktionszusammenhängen praktisch nicht erhalten sind. Die Belege datieren vom Ende der 4. Dynastie bis in die frühe 6. Dynastie und gehören zu Anlagen, die die funeräre Praxis der Periode IV bzw. den Übergang zu Periode V repräsentieren.

2. Im Felsgrab des jwn-ra befinden sich zwei Felsstatuen nördlich vom Zugang zur Kapelle (6.6). Beiden Statuen ist gemein, daß sie in einer Art verschließbaren Schrein stehen. Die eine, "innere" Statue trägt den traditionellen kurzen Schurz; die zweite, "äußere" Statue trägt den von Periode IV an für den Statuentyp mit Vorbauschurz üblichen Schurz mit dreieckigem Vorbau und eine Perücke. Die "äußere" Statue repräsentiert also den Typ B der Statuen mit Vorbauschurz. Die Situation der Anbringung der beiden Felsstatuen schließt aus, in ihnen Serdabstatuen zu sehen. Es handelt sich vielmehr um Statuen an einem offenen Kultplatz unabhängig und fern der


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Scheintür. In der Art der Aufstellung erinnert einiges an die Anlage des ra-nfr (kein Serdab, neben der Scheintürkultstelle, gegenüber dieser veränderte Orientierung), allerdings tragen beide Statuen Perücken und der Bereich und die Ausrichtung jeder Statue ist von dem der anderen deutlich abgesetzt.

3. Die riesige Anlage des ra-wr enthält neben vielen Serdaben mehrere Schreine und offene Statuenplätze (6.7). Im nördlichen Teil der Anlage befinden sich zwei Statuen in Schreinen, die den eben genannten des jwn-ra ähneln: Eine "innere" Statue in einem Schrein befindet sich im sogenannten "principal serdab". Hier trägt der Grabherr den kurzen Schurz. Mit dem Dreieckschurz ist er, wieder in einem Schrein, in Nische N.7 im nördlichen Teil der "Grabfassade" dargestellt. Ein dritter Schrein befand sich in Verlängerung des "principal serdab" im südlichen Teil der Kapelle; leider lies sich der Typ der Schreinfigur in Nische N.19 nicht mehr bestimmen.

4. Ein dritter Beleg befindet sich in der Anlage des nfr-bA.w-ptH (6.8). Hier befindet sich die Statue des Grabherrn mit dem Dreieckschurz in einem Schrein dem Zugang direkt gegenüber in einem Hof im Norden der Grabanlage, unmittelbar dem Zugang zur Anlage gegenüber.

5. Die Statue mit Vorbauschurz wird in Periode IV in diesen Belegen in einem ganz besonderen Zusammenhang eingesetzt, und zwar als typische Statuenform, die beim Kult an einem Schrein Verwendung fand. Dieser Schrein befindet sich im nördlichen Teil der Grabanlage und steht mit dem Zugang zum Grab in Verbindung bzw. wendet sich nach "außen". Daneben gibt es einen weiteren Typ von Statuen in einem Schrein, der dem Muster traditioneller Standfiguren mit kurzem Schurz folgt; dieser Schrein befindet sich tendenziell im Inneren der Grabanlage, aber fern der südlichen Scheintür<292>.

6. Die Statuen im "äußeren" Schrein repräsentieren den Typ B der Standfigur mit Vorbauschurz: sie tragen eine Perücke, zeigen athletisch-ideale Körperformen und haben den dreieckigen Schurzvorbau. Es ist durch die enge Beziehung der Statuen mit Schurzfalte vom Typ A zu diesem Statuentyp, z.B. zwischen dem Ensemble des ra-nfr und dem des jwn-ra, und der Verwendung desselben Dreieckschurzes auch bei barhäuptigen Statuen vom Typ D und E davon auszugehen, daß es sich hierbei um eine Formalisierung und Umdeutung dieser Schurzart und damit des Statuentyps A handelt. Im "äußeren" Schrein findet also ein Darstellungstyp Verwendung, der mit dem Vorbauschurz ein ikonographisches Element nutzt, das die leibliche Anwesenheit des Toten im Diesseits beschreibt. Daß die Statuen im Gegensatz zu denen von Typ A aber alle Perücken tragen und die ideale Körperform besitzen, deutet darauf hin, daß der Inhalt der Beschreibung des Toten sich verändert hat. Sowohl die Perücke als auch die ideal-athletische Körperform entsprichen dem traditionellen Bild vom Status eines Toten. Über die Schurzform wird der Index "Anwesenheit" mit diesen Indizes verbunden, so daß sich die Affirmation von "leiblicher


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Anwesenheit" in der Familie zu einer Affirmation der "statusgerechten Anwesenheit" im Diesseits verschoben hat.

Soweit erkennbar, scheint die Verwendung der Perücke bei diesem Statuentyp in Giza eingeführt worden zu sein. Daß der etwas kürzere Dreieckschurz im Flachbild bei der Darstellung von Würdenträgern vor dem König üblich ist, wurde oben schon erwähnt und deutet ebenfalls auf die Status-Indizierung der Schreinfigur. Perücke und Dreieckschurz bleiben bei den Schreinfiguren dann allgemein üblich und treten auch in Serdabensembles auf (s.u.).

7. Diese Interpretation von Statuen des Typs B wirft ein neues Licht auf die schon oben erwähnte Gruppierung von Flachbilddarstellungen des dickleibigen Grabherrn ohne Perücke und mit langem Vorbauschurz (Typ D) und Darstellungen des athletischen Grabherrn mit Perücke und kurzem Dreieckschurz (Typ B) an Grabzugängen und auf Pfeilern. Beide Darstellungen zeigen den Grabherrn, der seinen ewigen Aufenthaltsort in Richtung "Diesseits" verläßt, und er tut das unter zwei Aspekten. Einmal tritt er als "leiblich Anwesender" zu seiner Familie: als dickleibiges Familienoberhaupt ohne Perücke. Der andere, und weitaus häufiger abgebildete Aspekt ist der, den auch die Statue vom Typ B beschreibt: Er tritt in das Diesseits als ein Inhaber von Status und idealer Macht, als ein "wirksam Anwesender". Genau in diesen zwei ikonographischen Typen wird der Grabherr nämlich auch im Flachbild im jeweiligen Kontext abgebildet: in der Fest-Ikone und ihren Varianten ist er entsprechend Typ D ohne Perücke abgebildet - hier geht es um die Affirmation der "leiblichen Anwesenheit" des Toten im Rahmen der Ahnenfeste. In den Bildern aktiver Einwirkung im Diesseits, der mAA-Ikone und besonders der davon abgeleitete Jagd-Ikone, tritt er entsprechend Typ B mit Perücke und Dreieckschurz in Erscheinung - hier steht die Affirmation der "wirksamen Anwesenheit", unabhängig von der realen Manifestation in einem Fest im Vordergrund. In beiden Fällen bleibt der Vorbauschurz das ikonographische Element mit dem Index "Anwesenheit im Diesseits" (siehe auch Kap. 20.2.).

8. Die bekannte überlebensgroße Statue des Tjj entspricht ebenfalls Typ B der Standfigur mit Vorbauschurz (6.9). Daß es sich bei ihr um eine den bisher besprochenen Statuen vergleichbare Schreinfigur handelt, ist aber unsicher, da sie angeblich mit den Fragmenten von ca. zwanzig weiteren Figuren im Serdab südlich vom Scheintürraum der Anlage gefunden wurde<293>. Die Aufstellung einer Standfigur mit Vorbauschurz in einem Serdab im Süden des Scheintürraumes ist in Saqqara durch weitere Funde belegt (s.u.). Die Dimension der Statue als Serdabstatue ist aber ungewöhnlich und prinzipiell eher einem offenen Kultplatz angemessen.

9. Von besonderem Interesse für die Funktion einer Standfigur mit Vorbauschurz als Schreinfigur ist die Anlage des mrr.w-kA, die schon der frühen Periode V zuzuordnen ist (6.10). Auch typologisch stellt sie eine Übergangslösung dar, da bei ihr die rechte Hand ausgestreckt auf den


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Schurz gelegt ist (Typ C), wie es bei den Statuen vom Typ E aus Periode V üblich wird. Die Statue ist ortsfest in einem Schrein untergebracht, der etwas erhöht in der Nordwand der Pfeilerhalle A XIII steht, dem Zugang zum Pfeilersaal direkt gegenüber. Die Nord-Position und die Ausrichtung nach "außen" sind Elemente, die oben als charakteristisch für die "äußere" Schreinfigur benannt wurden. Außerdem macht die Parallelität der kurzen Treppe zur Schreinfigur und der Treppe zum Dach (B II) in der südlich gelegenen Anlage der Gattin des mrr.w-kA deutlich, daß zwischen den Dachtreppen der Periode V und der "äußeren" Schreinfigur eine Beziehung besteht (siehe dazu Kap. 18.3.).

10. Faßt man die hier besprochenen Belege zusammen, ergibt sich folgendes: Die Standfigur mit Vorbauschurz vom Typ B wurde in Periode IV aus der Statue vom Typ A entwickelt. In ihr wird ein Element formalisiert, das die "Anwesenheit" des Toten im Diesseits affirmiert, es aber mit der Statusbeschreibung des Toten durch die Perücke und die ideale Körperform verbindet. Diese Statue wird u.a. in einen funktionalen Zusammenhang eingebunden, in dem der Kult des Toten unabhängig von der Scheintür stattfindet. Ort dieses Kultes ist der nördliche Bereich der Grabanlage. Die Statue befindet sich dabei in einem Schrein, tendenziell nach "außen", zum Zugang der Grabanlage oder dem Diesseits gerichtet, wobei zusätzlich eine Tendenz zur Erhöhung der Statue festzustellen ist (ansteigender Gang bei ra-wr; Treppe bei mrr.w-kA).

8.4 Die Formalisierung der Standfigur mit Vorbauschurz II: Serdabstatuen

1. Die Formalisierung des Statuenkultes in Periode IV ist vor allem durch die Bildung großer Statuenensembles geprägt, die in Statuenräumen oder verschlossenen Serdaben konzentriert werden. Diese Ensembles besitzen die Tendenz

  1. alle bekannten Statuentypen in sich aufzunehmen, und
  2. einzelne Statuentypen innerhalb des Ensembles zu vervielfältigen.

Zu den Statuentypen, die in den Serdabensembles auftreten, gehören auch Standfiguren mit dem Vorbauschurz. Sie treten als Einzelfiguren, in einigen Fällen als Pseudo-Gruppen und bemerkenswert häufig im Bestand von Gruppenfiguren auf. Die Vervielfältigung der Standfigur mit dem Vorbauschurz ist im Vergleich zur "traditionellen" Standfigur aber selten belegt.

2. Aus Giza sind bisher fast nur Statuen aus Kalkstein bekannt, die Typ B repräsentieren<294>. Es handelt sich um Einzelfiguren, die zum überwiegenden Teil aus gesicherten Serdabfunden stammen (6.12-20). Die meisten Statuen wurden in Gräbern der mittleren und niederen Residenzschicht gefunden. In einem Fall ist eine offene Aufstellung in den Kapellen möglich (6.11),


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so daß auch an die Interpretation als Schreinfigur gedacht werden kann<295>. In den übrigen Fällen ist die Zweckbestimmung als Serdabstatue gesichert.

3. Man wird das Auftreten der Standfigur mit Vorbauschurz von Typ B in den Serdaben von Giza mit der allgemeinen Tendenz mittlerer und kleiner Grabanlagen in Periode IV erklären können, den Statuenbestand in den sicheren Depots der Serdabe zu konzentrieren. Damit werden die einzelnen Statuen zwar aus ihrem ursprünglichen Funktionszusammenhang entfernt, zugleich aber als Ensemble im Bestand gesichert und haben die Möglichkeit, auf magische Weise ihre Funktion unabhängig vom vollzogenen Kult zu vollziehen. Diese Tendenz ist Teil der allgemeinen Tendenz zur "Verschriftlichung" in Periode IV. Indem die Standfigur mit Vorbauschurz dem Serdabensemble zugeordnet wird, kann sie zwar nicht mehr als Schreinfigur fungieren, sichert aber als unabhängiges magisches "Zeichen" die Beschreibung des Grabherrn als eine Entität, die auch im Diesseits anwesend ist und einen bestimmten Status besitzt, wie es die Schreinfigur im tatsächlichen Kult tut.

4. Es ist in Giza eine Entwicklung zu beobachten, die in Saqqara und Dahschur noch auffälliger wird: Am Ende des AR wird die Darstellung des Grabherrn mit dem Vorbauschurz immer beliebter und hat die Tendenz, die traditionelle Darstellung mit dem engen Schurz abzulösen (6.35). In diesem Fall ist der Vorbauschurz kein besonders indiziertes ikonographisches Element mehr, sondern Teil der allgemeinen Beschreibung des Toten als dauernde Entität. Das Vorbild dieser Entwicklung wird im Flachbild liegen, das schon in Periode IV den Grabherrn außerhalb der Speisetischszene nur sehr selten noch im engen traditionellen Schurz abbildet<296>.

5. Von Interesse sind die Gruppenfiguren, die eine Standfigur mit Vorbauschurz integrieren (6.12.2:; 6.17.2:; 6.18; 6.19; 6.20; 6.27.1: + 2:). Sie treten mit gesichertem Fundort nur in Giza auf. Die Gruppen stellen den Toten mit seiner neben ihm stehenden Frau dar, einmal, mit unbekanntem Fundort, steht neben der Frau noch ein kleiner Knabe (6.28). Solche Gruppenfiguren treten in Ensembles zusammen mit weiteren Statuen auf, von denen eine den Grabherrn ebenfalls im Vorbauschurz abbilden kann. Dieser Typ der Gruppenfigur ist im Gesamtbestand der Gruppenfiguren nicht so prominent, daß man ihm eine systematische Bedeutung zusprechen kann (siehe Kap. 9), aber die Beliebtheit der Standfigur mit Vorbauschurz als Darstellungsform des Mannes in Ensembles, die die Kernfamile aus Gatte und Gattin abbilden, ist erwähnenswert. Es sei an das frühe Auftreten der mit dem Index "diesseitige Anwesenheit" versehenen Bilder des Toten im Flachbild erinnert, die ihn an der Nordwand des Scheintürraumes in der Szene der Verbindung zu seiner Gattin zeigen. Der Einsatz des Index "dieseitige Anwesenheit" ist im Rahmen der


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Affirmation der sozialen Kerngruppe und ihrer Kontinuität nicht unlogisch. In den Gruppenfiguren wird dieses Bild rundplastisch umgesetzt und im Serdab dauerhaft aufbewahrt.

Leider ist der Fundort des Fragmentes einer Gruppenfigur im Metropolitan Museum unbekannt, das eine männliche Figur mit dem Schurz mit der Vorbaufalte, flankiert von zwei weiblichen Figuren zeigt (6.26). Stilistisch steht die Gruppe den Statuen aus Periode III nahe; ob es sich um eine Serdabstatue handelt, oder ob die Gruppe eine andere Funktion hatte, ist bei diesem wahrscheinlich frühesten Beleg einer Gruppenfigur mit dem Vorbauschurz nicht bekannt.

6. Die geöffnete Hand auf der Brust

6.1. Zwei Belege für Pseudo-Gruppen im Vorbauschurz sind bemerkenswert. Wie oben schon erwähnt, werden Standfiguren mit Vorbauschurz nur selten in einem Ensemble vervielfältigt<297>. Pseudo-Gruppen haben jedoch experimentelle Züge und sind oft Bestandteil von Ensembles, die besondere, individuell spezifische Lösungen aufweisen (siehe Kap. 10). Während die Gruppe des jn-kA=f noch dem üblichen Muster folgt und aus zwei identischen Figuren besteht (6.13), haben die Figuren des mr-sw-anx in ungewöhnlicher Weise je einen Arm vor die Brust gelegt (6.12.1:).

6.2. Diese Armhaltung ist im Rundbild nur selten belegt und geht wohl auf die in Periode II bekannte Pose der auf die Brust gelegten linken Faust bei Männern und geöffneten Hand bei Frauen zurück. Oben wurde vorgeschlagen, in dieser Pose, die als eine Gebärde mit "Grußcharakter" interpretiert wird<298>, die Andeutung der Kommunikation im Rahmen einer liminalen Situation zu sehen; siehe die entsprechenden Darstellungen von Festteilnehmern im Flachbild. Ab Periode IV ist diese Pose beim Grabherrn im Flachbild fast nur noch beim Sitzen am Speisetisch üblich, als Element der ikonographischen Tradition dieser Ikone. Auch hier ist die Hand stets zur Faust geballt, was für übergeordnete Teilnehmer der Kommunikation angemessen ist. Die Belege von Statuen von Männern, die die geöffnete Hand - nicht die Faust! - vor die Brust legen, drücken hingegen die auch durch das Flachbild belegte Unterordnung unter einen Höhergestellten aus. Sie treten bei Schreiberfiguren von Personen auf, die dem Kult einer höhergestellten Person dienen oder hier in einem Grab, das sich als Anbau bzw. Teil der Anlage eines Höhergestellten versteht - bei mr-sw-anx als Anbau an den ra-wr-Komplex. Die Pose drückt damit das Verhältnis des dependent specialist zu seinem Oberherrn aus, ist die körpersprachliche Umsetzung des jmAx.w-Verhältnisses. Die Titel, die mr-sw-anx auf dieser Pseudo-Gruppe trägt sind entsprechend der eines sHD-Hm.w-kA und der des jmAx.w xr nb=f jrj mrr.t nb=f sHD Hmw-kA<299>.


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6.3. Diese "unterordnende" Haltung ist klar von der älteren zu trennen, bei der eine geschlossene Faust auf die Brust gelegt wird, die eher ein "übergeordnetes" Verhältnis ausdrückt. Statuen der 4. bis 6. Dynastie, die die Pose mit zur Faust geballter Hand zeigen, setzten die Tradition eines ikonographischen Elementes der Periode II fort<300>, während die seltenen männlichen Statuen mit der geöffneten Hand dieses Element umdeuten. Was auf den ersten Blick nur eine unbedeutende Variante zu sein scheint, trägt einen wesentlichen ikonographischen Index und beschreibt einen grundlegenden Unterschied in der sozialen Situation des Dargestellten.

8.5 Serdabensemble in Saqqara in Periode IV bis VI

1. Vergleicht man die Statuen, die sicher oder mit einiger Wahrscheinlichkeit aus Saqqara kommen, mit denen aus Giza, fällt auf, daß Standfiguren mit Vorbauschurz vom Typ B nicht in der dort üblichen Ausschließlichkeit vertreten sind. Die Statue des ra-Htp (6.22), des n-mAa.t-sd (6.23) und die wahrscheinlich aus Saqqara stammende Statue des jj-m-Htp (6.29) tragen die typische Perücke; bei letzterer ist es aber durchaus möglich, daß es sich um eine Schreinfigur - vergleichbar des des mrr.w-kA - handelt, und nicht um eine Statue aus dem Serdab. Andere Statuen, alle aus Holz, verzichten auf die Perücke und bilden so, sicher zeitgleich mit dem Auftreten von Typ B in Giza, den für Saqqara in Periode IV charakteristischen Typ D. Man kann annehmen, daß sich im Verzicht auf die Perücke eine in Saqqara gebräuchliche Tradition der Periode III fortsetzt, bei solchen Darstellungen auf die Kopfbedeckung zu verzichten, bei denen Wert auf den Index "Anwesenheit" gelegt wird. Der direkte Vorläufer der Saqqara-Statuen vom Typ D ist die Statue des "Dorfschulzen" (6.2), die ebenfalls Stab und abA-Szepter in den Händen hält. Grundsätzlich entspricht das Auftreten von Statuen vom Typ D in Serdabensembles in Saqqara dem von Statuen vom Typ B in solchen Ensembles in Giza. Es gibt kein Ensemble, das sowohl eine Statue vom Typ B und eine vom Typ D umfaßt.

2. Aus den beiden reichen Serdaben des mjtr(j) und des Ax.t-Htp aus der ersten Hälfte der 5. Dynastie stammt jeweils nur eine große Figur vom Typ D (6.24; 6.25). Sieht man von der fehlenden Perücke ab und davon, das die Statuen aus Holz gearbeitet sind und Szepter halten, gilt für die Ensembles das schon für die Serdabensemble in Giza Gesagte<301>.

3. Im Verlauf der Periode V setzt die Tendenz ein, den Serdab eng an den Grabschacht und


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schließlich an die Sargkammer selbst anzunähern. Depots dieser Art sind in Giza und in Saqqara belegt. Sie enthalten einige der in Periode IV üblichen Statuen, werden aber zunehmend um neue Typen, vor allem Dienerfiguren und Modelle, ergänzt. So treten auch Standfiguren mit Vorbauschurz in den Depots auf, charakteristischer Weise in dem Beleg des TnA aus Giza vom Giza-Typ B (6.33). In Saqqara und den Pyramidenfriedhöfen der 6. Dyn. wird Typ D in den Serdaben an den Schächten bzw. der Sargkammer von Typ E abgelöst, bei dem der Dargestellte keine Szepter hält, sondern mit der rechten Hand den Schurz berührt oder ergreift (6.36-6.48). Diese Darstellung scheint dann spätestens in Periode V.b als übliche Darstellungsform eines Grabherrn angesehen zu werden, etwa im Gegensatz zu Dienerfiguren mit dem kurzen Schurz. Im Flachbild hat sich schon in der späten 5. Dynastie der Dreieckschurz als die "normale" Tracht durchgesetzt<302>, so daß die Indizierung mit "Anwesenheit" bzw. "Diesseitigkeit" nur noch bedingt gegeben ist. Diese Statuen werden dann auch vervielfältigt<303>. Es wird bei den hölzernen Beispielen aus Periode V und VI auch oft auf die Betonung des Vorbaus verzichtet und einfach ein barhäuptiger Mann mit langem Schurz dargestellt ("long skirt"). Solche Statuen sind sowohl in Saqqara, in Giza und in Saqqara Süd in Sargkammern gefunden worden, oft zusammen mit weiteren Statuen des Grabherrn sowie mit Dienerfiguren und Bootsmodelle.

8.6 Sonderfälle

1. Selten ist der Vorbauschurz auch bei nicht stehenden Figuren erkennbar. Es wurde von verschiedener Seite bereits festgehalten, daß der Schurz des Schreibers kaum der traditionelle enge Schurz gewesen sein wird, sondern eine Variante des längeren und weiten Schurzes<304>. Dafür spricht auch die abweichende Haltung der Frauen in engen Kleidern, die die Beine in derselben, am Boden hockenden Pose, zur Seite legen müssen (z.B. 5.1.1:); bei den Männern im engen Schurz wäre nur eine kniende Pose wie in der frühen Statue des Htp-dj=f (2.20) oder der des Priester k-m-qd (11.3.5:) möglich. Die frühe Form des weiten Schurzes mit der Vorbaufalte (= Typ A der Standfigur) ist bei einer der im Schreibersitz sitzenden dickleibigen Statuen aus dem Tempel des Snofru erkennbar (5.1.4:). Man kann vielleicht sogar soweit gehen, daraus zu schließen, daß der weite Schurz mit der Schreiberfunktion und damit dem Status des Residenzangehörigen verbunden ist. Die Erfindung beider Statuentypen hat ja etwa zeitgleich stattgefunden. Die Affirmation der diesseitigen Anwesenheit durch Statuen vom Typ A und D wäre damit auch mit der Beschreibung des Status indiziert, wie es oben für die Schreinfiguren vom Typ


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B, mit Perücke und Dreieckschurz, angenommen wurde (Schreibertracht = Residenztracht).

Die Sitzfigur des xnw, die ihn sitzend, mit dem Vorbauschurz bekleidet und den Papyrus haltend zeigt (6.49), kann als die ungewöhnliche Kombination von Schreiberfigur - mit Papyrus und in Schreibertracht, d.h. Vorbauschurz - und Sitzfigur gedeutet werden. Interessant ist die Sitzfigur des ptH-Spss (6.50), die, wenn sie aus Mastaba C 1 stammt, in die frühe Periode IV datiert. Die sorgfältige Körpermodellierung und der hohe Rückenpfeiler würden eine Datierung in die späte 4./ frühe 5. Dynastie stützen. Der weite Schurz impliziert "Anwesenheit", während der Typ der Sitzfigur den versorgten Status als Toter in der Grabanlage affirmiert. Möglicherweise stellt die Statue des ptH-Spss den Versuch dar, den Index der Figur im Vorbauschurz auf den Typ der Sitzfigur zu übertragen - ebenfalls ein Beleg für das Experimentieren dieser Periode mit neuen ikonographischen Motiven. In den Ensembles von (6.49; 6.50) gab es je eine weitere Sitzfigur, die den Grabherrn unter traditionellem Aspekt abbildet. Auch das kann dafür sprechen, daß es den Versuch gab, das traditionelle Sitzbild durch ein "diesseitiges" Sitzbild "analytisch" zu komplettieren, so, wie man die traditionelle Standfigur mit der Standfigur mit Vorbauschurz komplettierte. Im Gegensatz zur Standfigur, die traditionell einen Bezug zur Wirksamkeit des Toten im Diesseits besitzt, wurde der "Diesseitsbezug" bei der Sitzfigur jedoch nicht formalisiert.

2. Die Standfigur des Zwerges Xnmw-Htp zeigt den Dargestellten ohne Perücke in einem kurzen Schurz mit dreieckigem Vorbau, einer Darstellungsweise, die Typ A weitgehend entspricht, nur, daß er mit geöffneten Händen und offensichtlich nicht in Schrittstellung dasteht (6.51). Da der Fundort nicht bekannt ist, bleibt es offen, ob man in ihr eine Figur eines Grabherrn - vergleichbar dem Zwerg snb - oder um eine Dienerfigur - erkennbar am Titel als Totenpriester und, nach L. Borchardt<305>, den geöffneten Händen - sehen soll. Für die Interpretation als Dienerfigur spricht eine Darstellung im Grab des ptH-Htp II., in der in einer Variante der Fest-Ikone der sitzende Tote von dickleibigen und z.T. zwergenwüchsigen mr.w-sSr versorgt wird, deren Ikonographie mit der des Xnmw-Htp übereinstimmt<306>.

3. Zuletzt seien noch andere Statuentypen erwähnt, bei denen der männliche Dargestellte keine der beiden üblichen voluminösen Perückenarten - Löckchenperücke oder Strähnenperücke - trägt. Obwohl die Unterscheidung nicht immer eindeutig ist, scheint kein Bezug zur Barhäuptigkeit der Standfiguren mit Vorbauschurz vom Typ A, D und E vorzuliegen. Daher ist der bis hier den besprochenen Standfiguren mit dem Vorbauschurz eigene ikonographische Index "Anwesenheit im Diesseits" nicht auf solche Statuen zu übertragen, die den Dargestellten als Schreiber, als Sitzfigur und als Standfigur mit engem Schurz und natürlichem Haar oder einer Art engen Kappe abbilden. Daß es sich hier in den meisten Fällen bei dieser Haartracht um eine Kopfbedeckung - also nicht


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das natürliche Haar - handelt, zeigen der Königskopf Boston MFA 09.103<307> und einige andere Beispiele<308>. M. E. handelt es sich bei dieser Kopfbedeckung um eine enge Sonderform der Löckchenperücke, wie sie auch am Kopf einer Statue des bA-bA=f aus Kalzitalabaster erkennbar ist (12.4.2:). Diese Sonderform der Kopfbedeckung ist vor allem in der späten 4. Dynastie belegt<309>. Die enge Kopfbedeckung ist also wahrscheinlich kein systematisches, "indiziertes" ikonographisches Element, sondern eine stilistische Variante der Perückengestaltung<310>. Das spricht insgesamt dafür, daß im Gegensatz zu den verschiedenen Schurztrachten die Art der Perücke (Löckchen-, Strähnen-, enge Perücke) keinen ikonographischen Index trägt, sondern nur ein Mittel stilistischer Gestaltung ist. Nur die deutlich betonte Barhäuptigkeit trägt in Periode IV einen Index, sowohl bei der Standfigur mit Vorbauschurz, als auch bei der "Nacktfigur" (siehe Kap. 11).

8.7 Standfigur mit Vorbauschurz - Zusammenfassung

1. Die männliche Standfigur mit dem Vorbauschurz ist ein Statuentyp, der als Ausdruck der Periode III funerärer Praxis der Residenz geschaffen wurde (Typ A). In Periode IV wird dieser Statuentyp formalisiert und in bestimmte Funktionszusammenhänge eingeordnet. Dabei sind Unterschiede zwischen Giza, dem Zentrum der Entwicklung funerärer Ausdrucksformen in der frühen Periode IV (Typ B), und Saqqara (Typ D) festzustellen. In Periode V tritt eine Weiterentwicklung des Saqqara-Typs (Typ E) auf und wirkt über das Ende des AR hinaus.

2. Auch in Flachbild werden Darstellungen mit dem Vorbauschurz formalisiert, wobei zwei Varianten zu einer Art Gegensatzpaar entwickelt werden: ein idealisiert-athletisches Abbild entsprechend Typ B der Statue und ein idealisiert-fettes Abbild entsprechend Typ D. Besonders die Darstellung des Grabherrn im Typ B verdrängt im Verlauf der Periode IV allmählich die traditionelle Darstellung des Grabherrn mit dem engen Schurz, schließlich sogar auf der Speisetischtafel der Scheintür. Typ D hingegen bleibt auf einige Szenen mit dem Index "leibliche Anwesenheit im Diesseits" (Fest-Ikone, Sänfte) und am (nördlichen) Grabzugang als zweite Form des Bildes des heraustretenden Toten beschränkt.


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3. Ausgangspunkt der Entwicklung des Rundbildes des Grabherrn vom Typ A ist die Tendenz der Periode III, konkrete Erscheinungsformen des Grabherrn "analytisch" zu beschreiben. Das Bild des Grabherrn im Vorbauschurz, ohne Kopfbedeckung, wird dabei mit den Indizes "Anwesenheit im Diesseits", eventuell auch "Amt / Status im Diesseits" und "Versorgtheit im Diesseits" versehen; im Gegensatz zu den traditionellen Indizes des Statuen (Stand- und Sitzfigur) im kurzen Schurz "Existenz im Bereich der Toten", "Aktionsfähigkeit als Toter", "Versorgtheit als Toter".

4. Die Formalisierung in Periode IV übernimmt einige der "diesseitigen" Indizes in den neuen Statuentyp B, der u.a. als Statue in einem Schrein Verwendung findet. Der Kult an dieser Schreinstatue scheint dem Grabherrn bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben, die "in Richtung Diesseits" wirken und mit dem zeitweisen Verlassen der Grabanlage in Verbindung stehen. Derselbe Statuentyp wird auch in die Depots der verschlossenen Statuenkammern übernommen. Hier tritt er zudem als Teil von Gruppenfiguren auf, in denen die Kernfamilie aus Grabherr und Gattin affirmiert wird.

5. In Saqqara ist eine dem Typ A näher stehende Variante im Statuentyp D formalisiert und in die Serdabensemble übernommen worden. Aufgrund der Befundlage ist über eine mögliche Funktion dieses Statuentyps außerhalb der Statuenkammern nichts auszusagen. Aus diesem Typ wird der für das Ende des AR übliche Typ E entwickelt. Dieser Typ ersetzt tendenziell die traditionelle Standfigur als allgemein übliche Darstellung eines Toten und wird auch in symbolischer Weise vervielfältigt.

6. Die Entwicklung der Standfigur mit Vorbauschurz läßt einige Prinzipien deutlich werden, die der funerären Praxis als einem Komplex von Handlungen zugrundeliegen, der sich hier als die Erzeugung und Verwendung rundplastischer Abbilder manifestiert:

  1. Die Beschreibungen neuartiger Phänomene (soziale Verhältnisse, Status) erfolgt über die Findung bisher nicht vorliegender Darstellungsformen. Diese neuen und variantenreichen Darstellungsformen werden erst sekundär als ikonographische Elemente definiert und mit bestimmten Indizes versehen. Als solche werden sie im Zusammenhang mit der Affirmation bestimmter Inhalte eingesetzt und aktiviert. Derartige ikonographischen Elemente sind hier der Vorbauschurz, die Barhäuptigkeit und die Dickleibigkeit. Besonders die Metapher der Dickleibigkeit und Barhäuptigkeit als "ikonographischer Index" für "Anwesenheit" wurde nicht als solche geschaffen, sondern erst in einem anschließenden Formalisierungsprozeß als solche gedeutet. Ausgangspunkt war die Tendenz zum Naturalismus, das Ziel, jede rundplastische Abbildung so real - und damit "anwesend" bzw. "Anwesenheit vermittelnd" - wie möglich zu gestalten. In der Phase der Formalisierung wurden das naturalistische, d.h. stilistische Elemente der Darstellung, zu einem ikonographischen Element mit dem Index "Anwesenheit" formalisiert und nur auf einen bestimmten Darstellungstyp festgelegt.
  2. Bei der Findung neuer Darstellungsformen werden zuerst bekannte, traditionelle Darstellungsmuster variiert und interpretiert. So greift die "analytische" Beschreibung der "diesseitigen" Erscheinungsform des Toten - als Gegensatz zu seiner "jenseitigen" - auf die "symbolische" Verdoppelung identischer Standfiguren zurück.
  3. Im Prozeß der Bildfindung kommt es auch zu Ergebnissen, die nicht formalisiert werden bzw. kurzlebige strategische Erscheinungen sind, um bestimmte Status zu beschreiben,

    130

    z.B. die Kombinationen von Vorbauschurz und Sitzpose oder von Schreiberfigur und Sitzfigur, oder auch die Erfindung der Mantelstatue der xa-mrr-nb.tj.
  4. Es ist zu beobachten, daß sich manche Tendenzen neuartiger Beschreibungen zuerst im Flachbild beobachten lassen und erst etwas später im Rundbild. Das wird mit der größeren Nähe des Flachbildes zur Schrift zusammenhängen und damit, daß die Formalisierung in der Residenz des AR tendenziell als ein Prozeß der "Verschriftlichung" verläuft. Besonders bei der Indizierung ikonographischer Details sind Prinzipien der Schriftlichkeit zu beobachten. So wird im Flachbild die formalisierte Fettheit schon in Periode III der formalisiert-athletischen Gestalt des Grabherrn gegenübergestellt (mTn, xa=f-xwfw)<311>. Naturalistische Tendenzen und die "analytische" Vervielfältigung bei der Beschreibung des Toten treten im Flachbild schon in Periode II auf (Hzj-ra, xa-bA.w-zkr)<312>, sind im Rundbild aber erst in Periode III prominent. Das Bild des Grabherrn im Vorbauschurz löst schon im Laufe der Periode IV im Flachbild immer mehr die altertümliche Darstellung mit dem engen Schurz ab, während im Rundbild diese Tendenz erst in Periode V hervortritt.

7. Für das Prinzip der Statuenvervielfältigung läßt sich am Prozeß der Entwicklung der Standfigur mit Vorbauschurz folgendes beobachten: Es kam zur Herausbildung des Statuentyps A, indem das "symbolische" Prinzip der Verdopplung identischer Statuen durch das "analytische" Prinzip der Beschreibung verschiedener Aspekte in verschiedenen Darstellungen ersetzt wurde. In der frühen Periode IV wird das Prinzip der "symbolischen" Vervielfältigung fortgeführt, betrifft aber vor allem die traditionelle Standfigur im kurzen Schurz (s.u. Kap. 10). Die neuen Varianten der Standfigur mit Vorbauschurz - Typ B und D - sind nur selten vervielfacht. Erst im Verlauf der Periode IV.b/c wird das Prinzip der "symbolischen" Vervielfältigung in den Gräbern der mittleren und niederen Residenzbevölkerung durch die Häufung von Statuen in den verschlossenen Statuendepots aufgehoben. Hier erfolgt die Vervielfältigung der verschiedensten Statuentypen - auch Sitzfiguren, Gruppenfiguren, selten Schreiber treten jetzt mehrfach in verschiedenen Größen und Materialien auf - unter dem Aspekt der Massierung magischer Mittel. In Fortsetzung dieser Tendenz werden dann die Statuen vom Typ E, die überhaupt die Tendenz haben, die alte Standfigur im kurzen Schurz zu ersetzen, in Periode V ebenfalls gelegentlich vervielfältigt.


Fußnoten:

<259>

Staehelin 1966: 7f, 11-23

<260>

Junker Giza VII: 104f

<261>

Eine bis in das MR reichende Belegliste dieses Typs gibt Munro 1994: 245-277.

<262>

BGM 3: fig. 34

<263>

BGM 3: fig. 27

<264>

Hildesheim 2146; Junker Giza I: Abb. 23.b

<265>

Staehelin 1966: 9-11

<266>

Außer bei Personen mit Priestertiteln stets ohne Kopfbedeckung: Borchardt 1907: Abb. 6, Bl. 16, Abb. 49; Jéquier 1938: pl. 46, 48, 49, 54, 57, 58, 59. Dieser kurze Vorbauschurz wird so im Rundbild wohl nicht wiedergegeben; eventuell kann man annehmen, daß der seit der 5. Dynastie in der Realität wohl kaum noch getragene "Galaschurz" zum kurzen Vorbauschurz umgedeutet wurde; zum "Galaschurz" siehe: Staehelin 1966: 11-24.

<267>

Als Beispiel der sich komplettierenden Schurzvarianten im Flachbild siehe: Pfeiler im Grab des Ax.t-Htp (Hassan Giza I: pl. XLVIII, XLIX); Architrav und Pfeiler im Grab des xa=f-xwfw II. G 7150 (BGM 3: fig. 44-46); Architrav des kA-m-anx (Junker Giza IV: Abb. 10.B).

<268>

Capart 1920

<269>

Capart 1920: 232f

<270>

Dabei werden in der Regel Flachbilddarstellungen in die Deutung des Gegensatzpaares miteinbezogen. Im Sinne des Gegensatzes "jung / ideal" vs. "alt / real" z.B.: Wolf 1957: 158f: "Dannach gewinnt man den Eindruck, der Tote habe sich einmal durch eine Statue vertreten lassen, die ihn in einem offiziellen, feierlichen Idealbild festhält, ein andermal durch eine realistische Wiedergabe, die ihn als sorglosen, wohllebigen Privatmann im Hausgewand erscheinen läßt."; Fischer 1959: 247 Anm. 33: das Bild des fetten Grabherrn "... intended to complement, as a secondary ideal, the primary ideal of youthful vigor that is portrayed opposite or beside them..."; Harpur 1987: 131: "... because the two usually complete each other it is logical to interpret them as different ideal states; on the one hand, the young official, and on the other the experienced man whose body reflects his sucsess."; Schulz 1995: 120: Der fette Körper als Ausdruck für den "Prototyp des wirtschaftlich satuierten Beamten" und Element im Begriffspaar Abend / Alter vs. Morgen / Jugend. Historisch differenzierend und auf den Unterschied von Flach- und Rundbild eingehend Junker 1947, der beide Konventionen auch im Sinne zweier Idealvorstellungen, aber mit naturalistischem Bezug auf tatsächliche Fettheit zumindest in der späten 4. Dyn. deutet. Dieser Deutung schließt sich auch Bolshakov 1997: 233f, 257-260 grundsätzlich an.

<271>

Die bei Staehelin 1966: 184 aufgezählten Paare sind: a) das des ra-nfr (3.8.1:+2:), an dem kein Unterschied von schlank / jugendlich vs. fett / alt erkennbar ist (Engelbach 1935-38; contra die Versuche, in geringfügigen stilistischen Unterschieden ikonographische Gestaltungselemente zu finden); b) das von Capart postulierte aber nicht gesicherte Paar des "Dorfschulzen" (CG 32 / 3.9.2: + CG 34); c) das ebenfalls von Capart nur postulierte Paar des Louvre-Schreibers und der Sitzfigur Louvre A. 106 (15.22); d) das Ensemble des mjtr(j) (15.36), dessen Statue im Vorbauschurz jedoch keine Altersbetonung aufweist und e) die von Junker postulierte Existenz eines ideal-schlanken Standbildes des Hm-jwnw im südlichen Serdab seiner Anlage (3.3). Es gibt damit praktisch keinen sicheren Beleg dieser Paarung im Rundbild.

<272>

Belege im Flachbild siehe: Harpur 1987: 4.11 Entrance thicknesses: Corpulent figures: 54f; 6.2.7 Tomb owner shown as a corpulent man: 131-133; Bolshakov 1997: 219-231.

<273>

Die weiche Körpermodellierung bei Exemplaren vom Typ E ist ebenfalls eher als ein stilistisches Element anzusehen, daß Statuen der 6. Dynastie insgesamt gemein ist; zur Stilistik der Periode V: Russmann 1995.a: 272 u. passim.

<274>

S 3505 (2.1), spA (2.2)

<275>

Die Statue zur Rechten trägt den traditionellen Schurz. Die zur Linken trägt ein Pantherfell, ein Abzeichen, das xa=f-xwfw in einer Flachbilddarstellung über dem langen Schurz trägt (BGM 3: fig. 27). Man kann hierin eine frühe Variante der neuen Ikonographie sehen. Diese Variante der Bekleidung trägt auch die Standfigur des Ax.t-Htp (15.57.3:), eine ungewöhnliche Statue, die ebenfalls zur Gruppe der analytisch differenzierenden Statuen zu zählen ist, deren Ikonographie aber nicht formalisiert wurde.

<276>

Zum Phänomen der Verdoppelung desselben Statuentyps siehe Kap. 10.

<277>

Das bisher früheste bekannte Beispiel dieser als "analytisch" zu bezeichnenden Differenzierung im Flachbild (auch die "symbolische" Vervielfältigung bedient sich in der Schrift auftretender Prinzipien) sind die Scheintürpaneele des Hzj-ra. Sie bilden den Grabherrn jeweils in verschiedenen Posen und mit verschiedenen Ornaten und Szeptern ab; die Beischriften variieren dabei seine Titelsequenz. Jedes Paneel beschreibt wohl eine konkrete Eigenschaft bzw. einen konkreten Aspekt des Grabherrn; dabei ist der Grabherr nur einmal sitzend dargestellt, aber in fünf (erhaltenen) verschiedenen Posen bzw. Typen von stehenden Figuren (Quibell 1913: pl. VII.3; Borchardt 1937: Bl. 25-27). Es ist also vor allem die stehende Figur, die das Medium "analytischer" Vervielfältigung par excellence ist.

<278>

Eine Unterscheidung der Schurztracht in "glatten Schurz" und einseitig plissierten "Galaschurz" wie im Flachbild scheint im Rundbild keine sinntragende Bedeutung zu haben. Ein Beispiel für offenbar planvolle Unterscheidung der beiden Schurzarten bei zwei Standfiguren derselben Person ist aber die Pseudogruppe der Nischenstele des pn-mrw (14.49.1:).

<279>

Fischer 1959: 248-250; Harpur 1987: 5.3.8.3 Standing tomb owner facing standing wife, 78

<280>

Junker Giza I: Abb. 23.b; BGM 3: fig. 27

<281>

Diese Bild ist der Vorläufer der Fest-Ikone, die den kultischen Rahmen der Vereinigung von Grabherr und Familie genauer festhält. In der Fest-Ikone ist die Darstellung des Grabherrn in einer Typ A oder Typ D entsprechenden Tracht weiterhin üblich, zur Fest-Ikone siehe Kap. 20.2.2.1.

<282>

Der früheste Beleg eines dickleibigen Grabherrn im Gegensatz zu traditionellen Darstellungen im übrigen Bildprogramm findet sich an der Südwand der Kapelle des mTn (LD II: Bl. 6). Es handelt sich hier um einen frühen Beleg der Fest-Ikone, in dem ebenfalls die Kommunikation im Diesseits in Anwesenheit des Grabherrn affirmiert wird. Nicht in diesem Zusammenhang ist die dickleibigen Darstellungen des Toten auf der Scheintür des xa-bA.w-zkr zu sehen (Murray 1905: pl I), die einer allgemeinen Tendenz zum Naturalismus im Flachbild schon in Periode II entspringen, wie es auch für die Darstellungen des Hzj-ra zutrifft.

<283>

Die Standfigur des "Dorfschulzen" (6.2); Standfigur aus Dahschur (6.3); hockende Figur aus dem Tempel der Knickpyramide (5.1.4:); der "Louvre-Schreiber" (5.30), die Büste des anx-HA=f (3.7.1:); die Sitzfigur des Hm-jwnw (3.3); auch die Sitzfigur des pHr-nfr, die aber eine Perücke trägt (15.42.5:) u.a.

<284>

Engelbach 1935-1938

<285>

Bereits formalisierte Abbildungsformen, besonders im Flachbild, werden auch in Periode III nur geringfügig modifiziert. Das Bildprogramm der Kapellen wird eher um die neuen Ikonen der Affirmation von Anwesenheit erweitert, als daß man den Toten auch in traditionellen Bildern fett und barhäuptig abbildet.

<286>

Fischer 1963: 17-22; mit Beschreibung und Abbildung des Statueninventars, wie es an den Wänden des Serdabs des nxbw abgebildet ist. Statuen vom Typ D sind dort betont dickleibig, mit der "hinteren" Schulter in Profilansicht und in gelber Farbe gezeigt; Statuen vom Typ B und vom "traditionellen" Typ mit kurzem Schurz in konventioneller Ansicht und rotbrauner Farbe (op. cit.: Frontispiece, pl. II, III).

<287>

Es ist riskant, Vorstellungen unserer europäischen Mentalitätsmuster auf das AR zu übertragen, aber die "bequeme" Kleidung ohne Perücke, die "behäbigen" Körperformen, die oft "lässige" Haltung bei Flachbilddarstellungen und die "häusliche" gelbe Hautfarbe suggerieren ebenfalls ein "diesseitiges", nicht-transzendentes Bild des Grabherrn, der als Gatte und Familienoberhaupt unter den Seinen verweilt.

<288>

Sourouzian 1999: 159 schließt nicht aus, daß die Statue in die frühe 4. Dyn. zu setzten wäre. In Anbetracht, daß in diesem Gräberfeld auch der eher spät anzusetzende Ersatzkopf (4.1) gefunden wurde, ist auch an ein "Weiterleben" von Handlungen und Ausstattungsobjekten der Praxis der Periode III zu denken, während formale Elemente wie der Schurz schon denen von Periode IV entsprechen.

<289>

Das bekannteste Beispiel sind die Felsstatuen der mr=s-anx III (17.1), neben dem Ensemble der xa-mrr-nb.tj (12.2) siehe noch das einer Frau (Htp-Hr=s?) aus der Anlage des wp-m-nfr.t (12.3).

<290>

Die Schrittstellung bei Frauen ist in dieser Periode jedoch häufig, siehe Belege in Kap. 3.2.2.

<291>

Dittmann 1939 und Staehelin 1966: 170f verweisen noch auf den Mantel der nfr.t aus Medum und das Fragment einer weibl. Figur mit dem erkennbaren Kragen eines Mantels, daß Smith 1946: fig. 14.c veröffentlicht hat (Abb. jetzt auch bei Fay 1999: fig. 23). Beide Belege stammen aus demselben experimentierfreudigen Umfeld und können ebenso als Versuche interpretiert werden, neue weibliche Statuentypen zu schaffen. Siehe aber auch Fay 1999:113-115, die Beleg für Frauen im Mantel im Flach- und Rundbild seit der FZ behandelt und einen Zusammenhang dieses Darstellungstyps mit dem Sed-Fest vorschlägt.

Es seien hier auch noch die seltenen Belege für Frauenstatuen ohne voluminöse Perücke erwähnt, die ebenfalls aus der Übergangszeit von Periode III zu Periode IV stammen: Gruppenfigur der mr=s-anx III und ihrer Mutter (14.60.1:); Statuette einer mr=s-anx aus der Umgebung von Mastaba F im Central Field von Giza (Hassan Giza VI: 239, pl. XCVII, XCVIII.A). Auch hier ist die Analogie zu männl. Statuen ohne Kopfbedeckung gegeben; eventuell handelt es sich also ebenfalls um einen Statuentyp zur Beschreibung des "diesseitigen" Aspektes der Toten.

<292>

Zu dieser nur schlecht belegten "inneren" Schreinfigur siehe Kap. 18.3.

<293>

Steindorff 1913: 5, Anm. 2 nach dem Austellungsführer von G. Mariette: Not. des principaux monuments du Musée de Boulaq, 6. Aufl., Kairo, 1876: 93.

<294>

Ausnahme ist die kleine Statue aus der Gegend von D 83 / 84, die Typ C entspricht (6.21).

<295>

Ebenso möglich bei der eben erwähnten Statue bei D 83 / 84 (6.21). Auch die kleine Statue 13.25 ohne Namen vom selben Arbeiterfriedhof, die vor einer Scheintür nach Osten gewendet gefunden wurde trägt eventuell einen Schurz mit angedeuteter Vorbaufalte und kann als "Schreinfigur" interpretiert werden. Zur Ambivalenz der Statuenposition siehe Kap. 17.2.

<296>

Staehelin 1966: 243

<297>

Treten mehrere Standfiguren mit Vorbauschurz in einem Ensemble auf, dann handelt es sich meist um eine Einzelfigur und eine im Bestand einer Gruppenfigur. Bei ptH-Spss ist in jedem Serdab eine Einzelfigur mit Vorbauschurz vorhanden, im "oberen" Serdab befand zusätzlich eine in einer Gruppenfigur (6.17).

<298>

Müller 1937: 100-107; Dominicus 1994: 5-10

<299>

Zum Kreuzen der Arme auf der Brust als "Demutsgebärde" im Rundbild: Schulz 1992: 736-742. Weitere Belege der Haltung: Fragment einer männl. Standfigur mit rechtem Arm zur linken Schulter aus der Umgebung der Anlage des mr-sw-anx (Hassan Giza I: pl. LXXXVII). Auch die drei Schreiber mit auf der Brust gekreuzten Armen aus der Anlage des nb-m-Ax.t zeigen eine so deutbare Handhaltung (14.137.1:). Ebenfalls die geöffnete Hand auf die Brust gelegt hat die männliche Figur der Gruppensitzfigur des jpzx (13.21), der sich als jmAx.w xr nb=f bezeichnet.

<300>

Beispiele: Standfigur CG 172 des ra-Htp aus Saqqara No. 66 / C 24 mit rechter Faust auf der Brust (15.11.5:); Gruppenfigur des bA-kA CG 176 (7.104); männl. Sitzfigur CG 91 (Borchardt 1911: Bl. 23).

<301>

Zu den beiden Ensembles siehe Kap. 15.2.1.3.

<302>

Staehelin 1966: 200f, 243

<303>

Im Schachtensemble des jpj aus Schacht C 1/5c am Unas-Friedhof Nord-West (16.58) befindet sich unter den ca. 40 Statuetten offenbar eine große Anzahl von Statuen des Typs E (Munro 1994: 245).

<304>

Staehelin 1966: 22

<305>

Borchardt 1911: 106, Anm. 1

<306>

Paget / Pirie 1898 pl. XXXV.E; für die Interpretation als Dienerfigur spricht sich auch Aldred 1949: No. 52 aus. Siehe Kap. 12.2.1.

<307>

Vandier 1958: pl. V.4+5;

<308>

Die Gruppenfigur Louvre A. 44 (7.113); die Gruppenfigur MMA 53.19 (7.124.2:); die Sitzfigur Louvre A. 40 (Vandier 1958: pl. XLI.5); der Schreiber Kairo CG 83 (5.39). Nicht als Perücke gekennzeichnet bei der Sitzfigur des rdj=f Wien KHM 8018 (14.113).

<309>

Russmann 1995.b: 116

<310>

Daß verschiedene Perücken, einschließlich der engen Kappe, nur eine stilistische Varianz darstellen, ist bei der Dreiergruppe BMFA 06.1882 (14.47.3:) recht deutlich, die drei verschiedene Personen nebeneinander mit drei verschiedenen Kopfbedeckungen darstellt: der Strähnenperücke, der Löckchenperücke und der engen Kappe mit den horizontalen Streifen.

<311>

LD II: Bl. 6; BGM 3: fig. 26, 27

<312>

Quibell 1913: p. VII.3; Borchardt 1937: Bl. 25-27; Murray 1905: pl. I


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Wed May 2 14:17:41 2001