Fitzenreiter, Martin: Statue und Kult Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich

Kapitel 9. Gruppenfiguren<313>

(Tab. 7)

9.1 Auftreten und Typen

1. Als Gruppenfiguren sollen solche Statuen bezeichnet werden, die verschiedene Personen auf


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einer gemeinsamen Basis abbilden. Eine Sonderform der Gruppenfigur ist die sogenannte Pseudo-Gruppe, die dieselbe Person mehrmals auf derselben Basis abbildet; diese Statuentyp wird in Kap. 10 separat behandelt. Nicht zu den Gruppenfiguren im engeren Sinne gehören Dienerfiguren und Modelle, die verschiedene Personen auf einer gemeinsamen Basis, oft bei gemeinsamer Arbeit, abbilden. Auch diese Objekte werden in Kap. 12 separat behandelt.

2. Der überwiegende Teil der bekannten Gruppenfiguren ist aus Stein, in der Regel Kalkstein, aber auch aus Granit und anderen Hartgesteinen gearbeitet. Ausnahmen bilden die hölzerne Gruppenfigur des Louvre (7.119) und die nicht erhaltene Gruppe des jdw II. (7.14). In Ensembles, die sich aus Holzstatuen zusammensetzen, werden Gruppen offensichtlich selten in der aus Stein bekannten Form produziert sondern eher kombiniert, d.h., man stellt die Figuren der verschiedenen Typen nur nebeneinander, wie es bei den kleinen Standfiguren auf den Basen der Standfigur des kA-p-nswt (7.91.2:) und der Schreiberfigur des mjtr(j) (5.35:1) auch auf einer gemeinsamen Basis geschehen ist<314>.

3. Gruppenfiguren gehören zu den Statuentypen, die in der Residenz in der 4. Dyn. erfunden wurden (Periode III) und in der 4. und 5. Dyn. in funerären Ensembles weite Verbreitung finden (Periode IV). Die Gruppenfigur als Teil der Ausstattung einer funerären Anlage hat in dieser Form keine Vorläufer in Objekten der vor- und frühformalen funerären Praxis (Perioden I und II). In Periode IV der funerären Praxis erhält die Gruppenfigur eine besondere Funktion im Rahmen der Serdabensembles. In den Schacht- und Sargkammerensembles des späten AR und der I. ZZ (Perioden V und VI) sind Gruppenfiguren nicht mehr vertreten. Ab dem MR sind Gruppenfiguren wieder häufiger, treten von nun ab aber auch in anderen formalen Typen und funktionalen Zusammenhängen (offene Kultstellen) auf<315>.

4. Die Gruppenfigur entsteht durch die Kombination von Einzelfiguren mit kleiner dargestellten Nebenfiguren sowie durch die Kombination gleichgroßer Einzelfiguren. Den kombinierten gleichgroßen Einzelfiguren können dann wieder kleiner dargestellte Nebenfiguren zugeordnet werden. Bei der Kombiation mehrerer Figuren werden bestimmte Regeln einer harmonischen Gestaltung befolgt (Symmetrie, Isokephalie der Nebenfiguren, Einbindung der Nebenfiguren in das Maßsystem der Hauptfiguren)<316>. Es lassen sich folgende Typen von Gruppenfiguren unterscheiden<317>:

Gruppenfiguren vom Typ VI und VII können in einigen Fällen mit Nebenfiguren kombiniert werden. Alle Statuen dieser beiden Typen sind Einzellösungen und müssen individuell interpretiert werden.

5. Ein wesentliches, wenn auch nicht ausschließendes Kriterium für Gruppenfiguren vom Typ III, IV, V und auch VI und VII ist, daß sich die Hauptfiguren in den meisten Fällen berühren<320>. Überwiegend geht die Berührung von der Frau aus, während die männliche Figur ganz dem Typ der Einzel-Stand- oder Sitzfigur mit deren charakteristischen Arm- und Handhaltungen folgt. Es lassen sich folgende Posen der Berührung unterscheiden<321>:

6. Hauptfiguren können mit den Titeln und Namen der Dargestellten beschriftet sein; häufig fehlt aber die Beschriftung. Von den beschrifteten Exemplaren beschreiben nur einige die Beziehung der Personen untereinander, auch hier (wie bei der Berührung) gewöhnlich so, daß über die weibliche Figur eine Beziehung zur männlichen Figur herstellt wird. Häufigste Bezeichnung ist die als Hm.t=f, als Gattin. In drei Fällen ist die Bezeichnung als Mutter (mw.t=f) belegt, in einem Fall die einer männlichen Figur als Vater (jt=f)<327>. Einmal ist die Frau als "Schwester" (sn.t=f) bezeichnet<328>, wobei offen bleiben muß, ob diese Bezeichnung, wie im NR, die Gattin meint.

Daneben gibt es einige Sonderfälle, in denen in der Größe, Position und Ikonographie einer Hauptfigur dargestellte Personen als Söhne und Töchter der anderen Hauptfigur(en) benannt sind<329>.

Im Gegensatz zu der nur fallweise auftretenden Angabe von Verwandschaftsverhältnissen bei Hauptfiguren sind Nebenfiguren bei beschrifteten Exemplaren sehr häufig mit einer Bezeichnung versehen, die sie in Beziehung zur Hauptfigur setzt (Hm.t=f, zA=f, zA.t=f, jmAx(.w) n jt(=f)<330>). Die


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weiblichen Hauptfiguren bei Typ III tragen ebenfalls tendenziell häufig eine sie in Beziehung zur männlichen Hauptfigur setzende Bezeichnung, was die Ambivalenz dieses Statuentyps unterstreicht (s.u.).

7. Als Nebenfiguren treten drei Typen von Statuen auf, die z.T. auch separat belegt sind<331>:

  1. Die hockende weibliche Figur. Dieser Statuentyp ist im AR nur in der 4. Dynastie in den Pyramidentempeln des Snofru und des Djedefre separat belegt (5.1.1:; 5.5.5:). Er dient dort der Affirmation der Teilnahme am kultischen Geschehen. Dieser Statuentyp wird als Nebenfigur zuerst in die Gruppenfigur vom Typ I.a integriert, belegt unter Djedefre (7.1.1:). Abgesehen von der singulären Variante einer Gruppenfigur aus männlicher Figur in Schreiberpose und hockender weiblicher Figur aus Nazlet es-Samman (5.7) tritt seit dem Ende der 4. Dynastie die hockende weibliche Figur nur noch als Nebenfigur in Gruppenfiguren vom Typ I.a und II.a (männl. Sitz- bzw. Standfigur mit Nebenfiguren) auf, die wohl alle aus Saqqara stammen. Sie hockt stets so am Boden, daß die Füße an der der männlichen Figur abgewandten Seite neben ihrem Körper plaziert sind, mit dem Arm der männlichen Figur zugewandten Arm umschlingt sie deren Bein<332>, die andere Hand liegt entweder ausgestreckt auf dem Oberschenkel (Pose A) oder berührt das Bein der männlichen Figur (Pose B). Die hockende weibliche Figur ist immer bekleidet und trägt eine Perücke; sie stellt die Gattin der männlichen Hauptfigur dar<333>. In zwei der aufgeführten Belege ist eine kleine bekleidete weibliche Standfigur an der Seite einer männlichen Sitzfigur dargestellt, was als Sonderform der hockenden weiblichen Figur oder auch der Mädchenstandfigur aufzufassen ist<334>.
  2. Die Knabenstandfigur. Dieser Statuentyp tritt, im Gegensatz zur hockenden weiblichen Figur, erst sekundär separat auf und wurde als Einzelfigur wahrscheinlich aus der Nebenfigur der Gruppenfigur entwickelt (siehe Kap. 11.). Er stellt einen Knaben ohne Perücke und oft - aber nicht immer - mit der Jugendlocke an der rechten Schläfe dar. Der Knabe ist immer nackt. Er steht in Schrittstellung oder hat die Beine geschlossen, eine Präferenz einer Beinstellung zu bestimmten Zeiten ist nicht auszumachen. Seine rechte Hand kann zum Mund geführt sein, mit einem ausgestreckten Finger zu den Lippen. Häufig umfaßt er mit dem der männlichen Statue zugewandten Arm deren Bein. Knabenstandfiguren stehen häufig zur Rechten der männlichen Figur, wodurch sie ihren rechten Arm für die "Kinderpose" und den linken Arm zum Umfassen des Beines des Mannes frei haben. Knabenstandfiguren als Nebenfiguren treten bei Gruppenfiguren vom Typ I.a und I.b, bei Typ II.a und den Typen IV.b und V.b auf, zweimal auch bei Typ III.b und in der Sondergruppe des pn-mrw (7.73) in Kombination mit einer Pseudo-Gruppe. Selten ist die Knabenstandfigur in realistischem Größenverhältnis mit Hauptfiguren kombiniert<335>. In den Fällen, in denen eine Beschriftung vorliegt, ist die Knabenstandfigur immer als Sohn der männlichen Hauptfigur bezeichnet. Ausnahmen sind die Verbindung von Gruppenfiguren mit einer kleinen männliche Sitzfigur<336> oder einer kleinen männlichen Standfigur<337>. In beiden Fällen liegt ikonographisch die Kombination der Gruppe mit der stark verkleinerten Darstellung einer erwachsenen Person vor (s.u.).

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  3. Die Mädchenstandfigur. Ob dieser Statuentyp als Einzelfigur belegt ist, ist nicht gesichert, da eine bekleidete weibliche Figur ohne Perücke (bzw. mit Kappe?) nicht zwangsläufig als Mädchenfigur gedeutet werden kann. Für die Mädchenfigur trifft wie für die Knabenfigur zu, daß sie keine Perücke tragen, tendenziell nackt dargestellt sind und die rechte Hand zum Mund führen können, sogar die eher für Knaben typische Kinderlocke ist belegt<338>. Im Gegensatz zur Knabenfigur treten Mädchenfiguren aber auch bekleidet auf. Sie werden gewöhnlich zur Linken plaziert und umfassen ebenfalls häufig ein Bein der größeren Figur (weibliche oder männliche Figur). Mädchenfiguren treten bei Gruppenfiguren vom Typ I.a , II.a, IV.b und V.b auf, außerdem in der Sondergruppe des pn-mrw; sie sind jedoch seltener als Knabenfiguren. Sie sind in den beschrifteten Exemplaren als Tochter der Hauptfigur bezeichnet.

8. Die Typen der Gruppenfiguren können unter dem Gesichtspunkt der beschriebenen Entität in drei Gruppen eingeteilt werden.

  1. "Echte" Gruppenfiguren sind solche Gruppen, die aus gleichgroßen oder etwa gleichgroßen Figuren zusammengesetzt werden, also die Typen IV.a, und V.a sowie VI und VII. Auf die Typen III.a und III.c wird unten noch eingegangen; grundsätzlich sind auch sie als "echte" Gruppenfigur anzusehen. Die in dieser Weise gruppierten Personen werden in annähernd gleichwertiger Weise in Beziehungen zueinander gesetzt; Inhalt der rundplastischen Beschreibung ist diese gemeinsame Beziehung und die durch sie konstituierte kollektive Entität (in den meisten Fällen die Kernfamilie aus Gatte und Gattin).
  2. "Zuordnende" Gruppenfiguren sind solche Gruppen, die eine Hauptfigur mit Nebenfiguren kombinieren, also die Typen I.a, I.b und II.a. Die Zuordnung der Nebenfiguren dient vor allem der Beschreibung der Hauptfigur; die Nebenfiguren werden durch ikonographische Elemente und die Beischrift in einer speziellen Situation beschrieben und auf eine bestimmte Rolle festgelegt (Kind, Teilnehmender).
  3. Eine Mischform sind die "kombinierten" Gruppenfiguren, die aus einer "echten" Gruppenfigur bestehen, der Nebenfiguren zugeordnet werden, also die Typen III.b, IV.b, V.b und Einzelfälle der Typen VI und VII. Inhalt der Beschreibung ist eine kollektive Entität, die über Nebenfiguren in bestimmten Funktionen eine zusätzliche Konkretisierung erfährt.

9. Es läßt sich im AR kein eindeutiges Prinzip feststellen, nachdem festgelegt wäre, daß bei der Gruppierung eine bestimmte Seite für den Mann und eine für die Frau bevorzugt würde<339>. Bei der seltenen Gruppierung von mehr als zwei Personen ist aber zu beobachten, daß die wichtigste Person tendenziell im Zentrum der Gruppe plaziert wird und weibliche Personen, sofern sie nicht im Zentrum stehen<340>, zur Linken plaziert werden. Ebenfalls tendenziell zur Linken sind Mädchenstandfiguren als Nebenfiguren plaziert. Zumindest bei Gruppenstandfiguren in Pose C steht die Frau immer zur Linken des Mannes<341>. Bei den Hauptfiguren einer Gruppe kann es Variationen der räumlichen Plazierung ("vorn" und "hinten") und erhebliche Größenunterschiede


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geben, die wohl als Mittel der strategischen Ausdeutung der Position der Dargestellten zu interpretieren sind<342>.

Als Hypothese seien folgende Abstufungen des "Prestigeindex" bei Hauptfiguren im AR gegeben, die aber in jedem Fall anhand ihrer konkreten Aktivierung zu prüfen sind:

  1. Die Position "Vorn" ist prestigeträchtiger als "Hinten".
  2. Die Position "zur Rechten" ist prestigeträchtiger als die "zur Linken"<343>.
  3. Die Position in der Mitte von drei Figuren ist prestigeträchtiger als eine an den Seiten; davon ist wieder die zur Rechten prestigeträchtiger als die zur Linken.
  4. Eine größer dargestellte Person nimmt eine prestigeträchtigere Position ein als eine kleiner dargestellte Person<344>.

Somit ist die Position einer Frau nicht grundsätzlich die "zur Linken", da in vielen Statuen weitaus komplexere soziale Bezüge beschrieben werden als nur die Entität aus Gatten und (untergeordneter) Gattin. Zumindest als Tendenz ergibt sich aber, daß die Frau als Gattin in einer Position steht, die einen niederen Index trägt. Für die Mutter des Mannes muß das aber z.B. nicht gelten<345>. Es ist offenbar gerade die Gruppenfigur, in der die bei der Gestaltung von Flachbilddekoration, der Verteilung der Kultstellen u.ä. häufig zu beobachtende Pose der Frau "zur Linken" nicht die Regel ist, sondern das deren Position der besonderen Funktion dieses Statuentyps entsprechend intensiv "verhandelt" wird.

Analog gilt die Indizierung für Nebenfiguren untereinander. Einige besonders interessante Belege strategischer Ausdeutung verwischen darüber hinaus den Unterschied zwischen Haupt- und Nebenfigur (s.u.).


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9.2 Gruppenfiguren in der 4. Dynastie

9.2.1 Auftreten von Gruppenfiguren

1. Der früheste Beleg einer Gruppenfigur ist die Sitzfigur des Djedefre mit der zu seiner Linken am Boden hockenden kleinen Frauenfigur aus dem Pyramidentempel dieses Königs (7.1.1:). Fragmente von weiteren Statuen dieses Typs wurden zusammen mit diesem Statuenbruchstück gefunden<346>. Der genaue Aufstellungsort der Statuen ist nicht bekannt; sie lagen verworfen in der Bootsgrube im Südosten der Tempelanlage.

Auf die Besonderheit der hockenden Figur als ein Statuentyp, der die Teilnahme einer Person an einem kultischen Geschehen dauerhaft affirmieren soll, wurde im Kap. 7 zu den Schreiberfiguren eingegangen. Folgt man der dort aufgestellten These, so hatte in der Periode III der königliche Kult die Tendenz, auch den Kult der Königsumgebung zu integrieren, was sich u.a. auch in den zentralisierten und einheitlich geplanten Nekropolen der Residenzelite und besonders der Königsverwandten abbildet. Die Teilnahme der Königsumgebung am Kult des Königs wurde über die Darstellung der Personen als ein am Boden Hockender rundplastisch affirmiert. Die Übernahme einer dieser Figuren - die der Gattin - in die direkte Nachbarschaft einer Königsfigur ist bemerkenswert und kann als Beleg der These gelten, daß Königskult und Kult der Königsumgebung an der "äußeren" Kultstelle in der hohen 4. Dynastie verknüpft waren.

Die kleine hockende Figur zu Füßen der Königsstatue affirmiert in besonderer Weise die Teilnahme der Frau am Kult. Die (oder eine) königliche Gemahlin wird in diesem Statuentyp dem Pharao in enger Weise zugeordnet, was besonders durch das Umschlingen seines Beines ausgedrückt ist. Als erster Beleg einer Gruppenfigur beschreibt die Statue den Pharao in einer Situation, in der ihm eine Frau zugeordnet ist, die - durch ihre Haltung ausgedrückt - an dieser Situation "teilnimmt". Über die Beschreibung der "Teilnahme" hinaus wird aber auch die Verbindung von Pharao und dieser bestimmten Frau besonders thematisiert. Diese Frau ist nicht nur Teil der sozialen Institution "Königsfamilie" - wie es die Aufstellung der anderen Statuen von am Boden hockenden Personen ausdrückt - sondern darüber hinaus Teil einer besonderen sozialen Institution, der "Ehe" mit dem Pharao.

Mit der Kombination von königlicher Statue und kleiner Nebenfigur der "teilnehmenden" Frau wurde so ein Statuentyp geschaffen, der in neuartiger Weise auch eine besondere soziale Situation beschreibt, und zwar die einer Frau der königlichen Umgebung. Es wurde schon auf die Synchronität der Erfindung neuer rundplastischer Abbildungen und damit Beschreibungen von


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Individuen des Königsfamilie hingewiesen, die alle aus dem Umfeld des Cheops / Djedefre stammen: die Sphinx als Bild des Pharao, der Schreiber als Bild des "verwaltenden Prinzen", hier nun die Gruppenfigur des Pharao und der hockenden Frau als Bild einer weiblichen Position im Königsumfeld.

2. Auch der zweite Beleg einer Gruppenfigur aus dem königlichen Bereich dient der Präsentation der Beziehung von Pharao und einer weiblichen Angehörigen des Königshauses. Die Statue des Mykerinos und einer Frau (7.2)<347> geht in der Beschreibung der Position und auch der Rolle der Frau aber bedeutend weiter, als bei Djedefre, wo nur die Teilnahme der Frau am Kult Inhalt der Rollenbeschreibung war. Die weibliche Figur der Mykerinos-Gruppe steht annähernd gleichgroß in Schrittstellung zur Linken des Pharao, sie umfaßt seine Hüfte und berührt seinen linken Arm.

Leider ist auch bei dieser Statue die ursprüngliche Aufstellung nicht bekannt. Es kann aber als sicher gelten, daß die Statue einem Zusammenhang entstammt, in dem die aktive Rolle beider Personen - Pharao und Frau - und die dadurch erzeugte Einheit Gegenstand kultischer Affirmation war. Die "echte" Gruppenfigur ordnet die Frau dem Pharao nicht mehr nur zu, wie bei der Djedefre-Statue, sondern verbindet Pharao und Frau zu einer Entität, die der eigentliche Gegenstand der Beschreibung ist - und nicht nur (aber auch) die Position der jeweiligen Einzelpersonen.

3. Der erste Beleg für eine Gruppenstandfigur nichtköniglicher Personen stammt ebenfalls aus der direkten Königsumgebung und steht wiederum mit der Darstellung von weiblichen Angehörigen des Königshauses in Beziehung. Die Gruppe aus dem Grab der mr=s-anx III. zeigt die stehende Htp-Hr=s, die ihrer zur Linken stehende Tochter mr=s-anx den Arm über die Schulter auf die linke Brust legt (7.3). In den beiden Felsgruppenfiguren an der Westwand derselben Anlage kann man wahrscheinlich dieselben Personen sehen; die nördliche Gruppe (17.1.18:) hält sich an den Händen - Pose C -, die südliche legt jeweils den Arm um die Hüfte der anderen, was eine doppelnde Variante der Pose A ist (17.1.17:). Nimmt man den Beleg der Mykerinosgruppe mit Pose B hinzu, sind alle grundsätzlichen Armhaltungen von Gruppenfiguren bei diesen Beispielen mit Frauen der Königsfamilie der 4. Dynastie schon belegt.

4. Auch der erste Beleg einer Gruppensitzfigur stammt aus der Anlage einer weiblichen Angehörigen der Königsfamilie. Die nur durch eine kurze Notiz bekannte Statue bildete einen Mann und eine Frau ab und war in einer Art Statuenraum mit anderen Statuen der xa-mrr-nb.tj vermauert worden (7.4). Es handelt sich um die Sitzfigur der Grabherrin mit einer gleichgroßen männlichen


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Sitzfigur, die sehr wahrscheinlich ihren Sohn xw-n-ra darstellt. Die Pose einer möglichen Berührung zwischen den Statuen ist nicht bekannt. Ob ein ebenfalls erwähntes Dioritfragment tatsächlich von einer weiteren Gruppenfigur stammt und welcher Art, ist nicht überprüfbar.

5. Vergleicht man den Befund aus diesen beiden für die Entwicklung des Kultes an Statuen so wichtigen Gräbern der Frauen mit dem der beiden in dieser Hinsicht ebensowichtigen Anlagen der Männer kA-wab (12.1) und bA-bA=f (12.4), so fällt auf, daß es dort keinen Hinweis für "echte" Gruppenfiguren gleichgroßer Hauptfiguren gibt. Von kA-wab ist hingegen durch eine kurze Notiz bekannt, daß sein Ensemble eine große - eventuell lebensgroße - Standfigur mit einer kleinen Nebenfigur enthielt (7.5). Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um eine Statue vom Typ II.a; die Nebenfigur könnte eine kleine Knabenstandfigur sein. Ein Fragment einer solchen Gruppenfigur vom Typ II.a wurde auch auf dem Westfriedhof im Bereich der Anlage des Axj gefunden, die formal noch der funerären Praxis der Periode III.c entspricht (7.6). Das Kopffragment kann einer Knabenfigur zugeordnet werden. Damit ist in den Ensembles von Männern ein anderer Typ der Gruppenfigur als bei den Frauen belegt, der eine kleine Nebenfigur mit der deutlich größeren Hauptfigur kombiniert. Die Beschreibung der Beziehung zwischen den Personen der Gruppe bedient sich einer spezifischen ikonographischen Indizierung, die eine ganz bestimmte Position der Nebenfigur - als "Kind" - fixiert. Während die "echten" Gruppenfiguren bei kA-wab und bA-bA=f fehlen, sind in den Ensembles andere, typisch "männliche" Statuentypen wie der Schreiber und, nur bei bA-bA=f, die Standfigur mit Vorbauschurz belegt.

9.2.2 "Echte" Gruppenfiguren

1. Die "echte" Gruppenfigur gleichgroßer Hauptfiguren wurde offenbar im Umfeld der königlichen Familie in der 4. Dynastie geschaffen, um die besondere Rolle der weiblichen Familienmitglieder zu beschreiben. Während bei Djedefre noch die Teilnahme am Kult des Gatten die typische Rolle der Frau zu sein scheint, die geschildert wird, so drückt die Verbindung von Mykerinos und einer Frau eine engere Beziehung aus.

Die Parallele der Gruppe des Mykerinos zu den Standbildern des Pharaos und einer Göttin<348> und zu den Triaden, die Mykerinos mit der Göttin Hathor verbinden<349>, ist offensichtlich und insgesamt kann die Entwicklung der Gruppenfigur als Statuentyp in seinem formalen Aspekt wohl nicht von der Entstehung dieser königlichen Bildwerke getrennt werden. Die Gruppenfiguren des Königs sind rundbildliche Affirmation von Konzepten, die den Pharao als Teil übernatürlicher kollektiver


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Entitäten beschreiben<350>. Bei der Gruppierung von Pharao und Göttin bzw. Frau liegt wohl eine Beschreibung männlicher und weiblicher Komplementarität im Konzept des Königtums vor. Diese Komplementarität umfaßt die Generationen, d.h. die Frau ist in zwei Rollen Teil des Systems, als Gattin und als Mutter<351>.

Während die Beschreibung der königlichen Frau in ihrer Rolle als Gattin und / oder Mutter des Königs nur im königlichen Kult auftritt, da hier der Ort der Affirmation des so konstituierten Systems ist, ist die Beschreibung der königlichen Frau als Mutter anderer Kinder auch im funerären Kult von Angehörigen des königlichen Haushaltes möglich. Über die Thematisierung dieser Mutterrolle ist die Verbindung der Htp-Hr=s mit ihrer Tochter mr=s-anx und die der xa-mrr-nb.tj mit ihrem Sohn xw-n-ra in den Statuen aus funerären Anlagen der Frauen zu erklären.

2. Die "echten" Gruppenfiguren der 4. Dynastie, im königlich-göttlichen wie nichtköniglichen Bereich, beschreiben die Dargestellten also als Komponenten eines Systems, in dem jede der Komponenten eine bestimmte Position einnimmt und eine Rolle spielt. Gegenstand der Affirmation im Rundbild ist dabei

  1. das so konstituierte System selbst, das ohne die Komponenten inexistent ist,
  2. die Identität der das System konstituierenden Personen und
  3. durch das ikonographischen Elemente der Berührung durch eine weibliche Person die Beschreibung einer Rolle.

Die Deutung des "ikonographischen Index" der Berührung ist schwierig, da ja nicht einmal in jedem Fall eine Berührung vorliegt und die Kombination der Personen in einer Statue an sich schon eine Beschreibung von "Nähe" ist<352>. Die durch Berührung oder einfache Gruppierung hergestellte "Nähe" beschreibt in jedem Fall eine Gruppe, die sich durch äußerst enge Abhängigkeit auszeichnet und die durch diese spezifische Beziehung überhaupt erst konstituiert wird.

Diese grundsätzliche Indizierung der Gruppenfigur mit dem Index "durch Nähe konstituierte Gruppe (= Entität)" ist aber sorgfältig von der konkreten Ausdeutung und Aktivierung des Index in der Praxis zu trennen; eine Göttertriade beschreibt eine durch "Nähe" konstituierte Gruppe und so real gewordene Entität, die von einer formal ähnlich gestalteten Familiengruppen inhaltlich äußerst verschieden ist!

3. Der gesicherte Fundort der beiden nichtköniglichen Gruppenfiguren in den Anlagen der xa-mrr-nb.tj und der mr=s-anx III. zeigt, daß in der frühen Periode IV der funerären Praxis der Typ der "echten" Gruppenfigur in den Statuenbestand der Grabanlagen von Frauen der königlichen Familie


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übernommen wurde. Die Gruppenfiguren waren mit weiteren Rundbildern in Statuenräumen aufgestellt. Die Belege aus den Anlagen des kA-wab und des Axj deuten an, daß etwa zur gleichen Zeit ein anderer Typ der Gruppenfigur in die Statuenensemble funerärer Anlagen nichtköniglicher männlicher Personen aufgenommen wurde. Der "zuordnende" Typ dieser Gruppenfiguren unterscheidet sich deutlich von den "gleichberechtigten" Gruppen und setzt ein Prinzip fort, das bei der Gruppe des Djedefre belegt ist. Hierbei wird die Hauptfigur mit einer Nebenfigur kombiniert, die eine sichtlich von der Hauptfigur verschiedene Position einnehmen. Dieser Typ ist auch im folgenden praktisch ausschließlich für männliche Hauptfiguren belegt<353>. Die "echte" Gruppenfigur bleibt hingegen die Form der Darstellung der weiblichen Person par excellence - Einzelfiguren von Frauen sind äußerst selten.

9.2.3 "Zuordnende" Gruppenfiguren

1. Die Gruppenfiguren des sanx.w-ptH

1.1. Es soll an dieser Stelle das Ensemble des sanx.w-ptH besprochen werden, in dem der Typ der Kombination einer männlichen Hauptfigur mit Nebenfiguren exemplarisch belegt ist (7.7). Der Fundort und die genaue Datierung des Ensembles sind unbekannt; aufgrund stilistischer und ikonographischer Details kann es aber in die Periode des Übergangs von der 4. zur 5. Dynastie datiert werden. Sehr wahrscheinlich ist die Herkunft aus Saqqara, u.a. auch deshalb, weil der Typ der am Boden hockenden weiblichen Figur bei nichtköniglichen Statuen aus gesichertem Zusammenhang nur aus Saqqara belegt ist. sanx.w-ptH trägt in allen drei Fällen einen ungewöhnlichen Schurz<354>, was dafür spricht, daß die Statuen aus der Periode des Experimentierens mit neuen Ausdrucksformen am Ende der 4. Dynastie stammen. Die stilistische Qualität der Gruppen und die Größe sprechen ebenfalls für einen frühen Ansatz.

1.2. Zwei der Statuen - eine Standfigur und eine Sitzfigur - zeigen sanx.w-ptH mit einer kleinen hockenden Frauenfigur zur Linken; eine weitere Sitzfigur zeigt ihn mit zwei kleinen Knabenstandfiguren. Die weibliche Figur ist als seine Gattin beschriftet, einer der beiden Knaben als sein Sohn (bei dem zur Linken ist die Inschrift zerstört). Die Größenverhältnisse der Abgebildeten macht offensichtlich, daß alle drei Statuen in erster Linie Abbilder des sanx.w-ptH sind, dem zweimal die Gattin und einmal die Söhne nur zugeordnet werden. Die Identität der Nebenfiguren wird in Beziehung zum Statueninhaber beschrieben (Hm.t=f, zA=f), was die Anbindung an die Hauptfigur unterstreicht. Weder die Frau noch die Söhne werden in einer Position abgebildet, die der des Mannes als anderen Teil eines Systems annähernd entsprechen


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würde.

Während der Mann in den beiden prinzipiellen Erscheinungsformen eines Toten auftritt - sitzend-versorgt und schreitend-aktiv - sind die Nebenfiguren keine vollwertigen Abbilder im Sinne der Beschreibung von Empfängern eines Kultes, sondern Funktionsfiguren. Sie stellen die Personen in einer bestimmten Position bzw. bei einer bestimmten Handlung dar: bei der Frau das "teilnehmende" Hocken am Boden, bei den Söhnen die Position des Kindes, des Nachkommens. Die Kinder-Ikonographie impliziert über die soziale Position zugleich die für Nachkommen typische Rolle, die u.a. in der Pflege des Kultes der Vorfahren, konkret des Vaters, besteht. Sie werden nicht als "vollwertige" Persönlichkeiten abgebildet, sondern durch die Ikonographie auf diese bestimmte Rolle festgelegt. Der Unterschied zu den oben besprochenen, gleichwertige Komponenten eines Systems beschreibenden "echten" Gruppenfiguren ist fundamental und man muß sich fragen, welche Art von "durch Nähe konstituierte Gruppe" in diesem Typ der Gruppenfigur beschrieben wird.

1.3. Für die hockende Frauenfigur kann aus der Analogie zu der Statue des Djedefre und den Einzelfiguren von am Boden Hockenden geschlossen werden, daß in dieser Darstellungskonvention die "Teilnahme" der kleiner dargestellten Personen Thema der Beschreibung ist. Die abgebildete Frau ist demnach nicht der Kultempfänger dieser Statue, sondern affirmiert durch das hockende Abbild ihre Teilnahme am Kultgeschehen an der männlichen Statue. Wiederum analog sind auch die Knabenfiguren demnach nicht Kultempfänger, sondern wohnen dem Kult bei. Beschrieben wird hier also weniger die Existenz einer Entität aus mehreren Komponenten ("Familie"), sondern vor allem die Existenz der Entität "Grabherr", ergänzt um Komponenten, die für die Erzeugung und Erhaltung dieser Entität notwendig sind. Die Nebenfiguren haben den Charakter von Akzidenzien, ohne deren Anwesenheit / Teilnahme die Existenz der Hauptfigur in der beschriebenen Weise nicht möglich ist, die Existenz der Nebenfiguren selbst ist aber nicht der eigentliche Gegenstand der rundplastischen Affirmation.

2. Die unterschiedliche Größe drückt also nicht in erster Linie eine soziale Hierarchie aus, sondern vor allem eine kultische Rolle, eine Funktion, die für die verschiedenen Teile der Statue unterschiedlich ist: die Hauptfigur ist Kultempfänger, die Nebenfiguren sind Bilder, die die Teilnahme der Abgebildeten am Kult affirmieren. Daß Größenunterschiede dabei auch immer auf soziale Abstufung deuten, soll nicht bezweifelt werden, ist aber im Fall der Kombination von Haupt- und Nebenfiguren nicht primär der Inhalt der beschriebenen Situation<355>.

3. Gegen diese These, die kleinen Figuren würden nur die Teilnahme der Dargestellten affirmieren, spricht aber die Ausrichtung der Nebenfiguren: Nebenfiguren sind stets ebenso ausgerichtet wie die Hauptfigur. Für diese ist davon auszugehen, daß sie "frontal zur Kultrichtung" steht und daß


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Teilnehmer am Kult an der Statue logisch gesehen in entgegengesetzter Richtung zu agieren haben. Diesem Prinzip folgt zumindest die Dekoration der Kapellen seit den ersten Belegen von Kultaffirmation in der Übergangszeit von Periode II zu Periode III. Es ist aber nicht die einzige Variante, mit der Kultvollzug und soziale Beziehungen zwischen Personen im Flachbild affirmiert werden. Vielmehr ist das Prinzip der "Gruppierung" von zueinander in Beziehung stehenden Personen ein noch älteres. Im folgenden Exkurs zu den Konventionen der Darstellung im Flachbild soll zuerst die Darstellung der Nachkommen eines Grabherrn betrachtet werden, da die Belege für kleine Knaben- und Mädchenstandfiguren im Flach- und im Rundbild häufiger sind als die für die hockende weibliche Figur.

9.2.4 Exkurs: Nebenfigur und "Kultrichtung" - Konventionen im Flachbild

1. Die ersten Belege für die ausführliche Abbildung sozialer Bindungen im Flachbild befinden sich an den Pfosten von Scheintüren, auf denen die Angehörigen des Grabherrn, zumeist seine Kinder abgebildet sind<356>. Sie befinden sich gewöhnlich an den Pfosten der Scheintür, nach rechts gewandt am linken Pfosten und nach links gewandt am rechten Pfosten, was jeweils der "Leserichtung" entspricht und damit die Vorstellung umsetzt, die abgebildete Person "steht vor dem Leser"<357>. Diese Konvention der Abbildung von Nachkommen ist nur bis in die Übergangszeit von Periode III zu Periode IV belegt und wird dann durch andere Formen der Affirmation sozialer Bindungen, die auf die Prinzipien der "Kultrichtung" Rücksicht nehmen, ersetzt. Dabei stehen oder sitzen sich der Grabherr und die Nachkommen gegenüber, wie im Kult üblich<358>. Die frühen Belege implizieren also keineswegs, daß auch die Kinder des Grabherrn Empfänger des Kultes an diesen Scheintüren sind, sondern ihre Abbildung ist Teil der sozialen Definition des Toten und der Beschreibung der seine Existenz sichernden Handlungen. Prinzipiell wird die Existenz des Toten ja durch die Existenz von Nachkommen und deren Teilnahme am Kult gesichert.

In Beispielen aus der späten Periode III und frühen Periode IV wird auf den Scheintürpfosten und an angrenzenden Wänden das Bild des "heraustretenden" Grabherrn mit Bildern seiner Kinder kombiniert, die dabei sehr viel kleiner als der Grabherr dargestellt sind <359>. Die stark verkleinerte Abbildung der Nebenfiguren entspricht der im Flachbild gebräuchlichen "Bedeutungsperspektive", die den zentralen Gegenstand der Darstellung sehr viel größer abbildet, als jene Dinge, die nur in Beziehung zu ihm stehen. Die "Bedeutungsperspektive" bezieht sich aber vor allem auf die


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Funktion der abgebildeten Person im affirmierten rituellen Prozeß; soziale Positionen werden erst dadurch vermittelt, daß sozial tiefer stehende Personen weniger wichtige Funktionen ausüben bzw. nicht Ziel der abgebildeten Handlungen sind. Ehefrauen und Mütter werden z.B. üblicherweise dann in derselben Größe wie der Grabherr abgebildet, wenn auch sie bzw. die durch sie und den Grabherrn konstituierte Entität Ziel der Kulthandlungen sind. Auch bei den Darstellungen des heraustretenden Grabherrn ist also nicht davon auszugehen, daß die kleinen Figuren bei und hinter ihm Kultempfänger sind; vielmehr affirmiert ihre Darstellung beim Toten ihre dauerhafte Beziehung zu ihm.

2. Die Darstellung der Kinder in Gruppenfiguren ist als direkte "Übersetzung" dieser Darstellung aus dem Flachbild ins Rundbild zu verstehen. Der Größenunterschied gemäß der "Bedeutungsperspektive", die Ikonographie der "Kindlichkeit", die Art der Positionierung und auch die Struktur der Beischriften aus zuerst erfolgender Status / Rollenbeschreibung (z.B. zA=f) und dann folgender Titel- und Namensnennung entsprechen genau den Vorgaben des Flachbildes.

3. Etwas anders ist die Situation bei der Ehefrau. Sie wird in Gruppenfiguren vom Typ I und II nie als Standfigur, sondern immer als hockende Figur an der Seite des Mannes abgebildet. Einmal ist auch eine Tochter des Grabherrn in dieser Weise dargestellt<360>. Vorbild sind hierfür die Statuen des Djedefre, die aus der Kombination von königlicher Sitzfigur und am Boden hockender Statue, die Teilnahme affirmierend, bestehen<361>. Der Ursprung dieses Elementes der Gruppenfigur ist also nicht die Flachbilddekoration der Kapelle, sondern der Statuentyp der "teilnehmend" am Boden hockenden Person. Schon im Prozeß ihrer Entstehung erweist sich die "zuordnende Gruppenfigur" also als ein äußerst komplexes kulturelles Phänomen, das verschieden indizierte Elemente zu einer neuen Einheit formalisiert. Die Darstellungskonvention der Kinder ist im Flachbild vorgeprägt, die der hockenden Gattin im "teilnehmenden" Statuentyp.

4. Allerdings ist die bloße Affirmation der Teilnahme einer Ehefrau am funerären Kult ungewöhnlich. Üblicherweise wird die Frau etwa seit Periode II.b (siehe Kap. 14.2) in den funerären Kult des Mannes als Kultempfängerin eingebunden. Die Einzelfigur des Grabherrn mit der hockenden Gattin ist daher als eine Sonderform anzusehen, die sich eng an das Vorbild aus der Zeit des Djedefre anlehnt. Soweit bekannt, stammen die Belege für diesen Typ alle aus Saqqara und stellen somit eine besondere, lokale Tradition innerhalb der Residenzkultur dar; wahrscheinlich sogar mit tendenzieller Präferenz durch die soziale Oberschicht, die auch den Typ


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III bevorzugt (s.u.). Leider ist kein hinreichend genauer Fundort einer solchen Statue bekannt, um den Charakter einer eventuellen Sonderfunktionen innerhalb der Grabanlage feststellen zu können.

Im nichtköniglichen Flachbild wird das Bild der beim Grabherrn hockenden Frau erst ab der Mitte der 5. Dynastie in Szenen der Aktivität des Toten im Diesseits populär<362>. Im Flachbild ist die Abbildung der hockenden Frau weitaus häufiger auch für Töchter des Grabherrn gebräuchlich; dann eher mit dem Index "Erwachsene", analog der Darstellung von Söhnen als vollwertige Männer. Während die Darstellung der Nachkommen als kleine Nebenfiguren im ganzen AR üblich bleibt, wird die Ehefrau tendenziell eher als zweite Hauptfigur in die Gruppenfigur integriert.

5. In funerären Anlagen nichtköniglicher Personen wird durch die Aufnahme der Gruppenfigur in das Ensemble der Grabstatuen ein Thema aufgenommen, das auch im Flachbild im Übergang von Periode III zu Periode IV immer größere Bedeutung bekommt: Der Tote als Individuum wird als Teil einer sozialen Gruppe und deren biologische Kontinuität verstanden und durch entsprechende Abbildungen beschrieben. Die verschiedenen Personen der Gruppe werden im Grab in Flachbildern dargestellt und durch Namensbeischriften und z.T. ikonographische Elemente in ihrer Individualität und ihren Rollenmustern festgehalten. Als Beispiel der Flachbildaffirmation sei hier die nördliche Scheintür CG 1414 des n-kA.w-ra und der jHA.t angeführt, auf der eine Reihe der wesentlichen Varianten der Darstellung sozialer Bindungen im Flachbild zu finden sind<363>. Auf dem Architrav ist das sitzende Paar abgebildet, wobei die Frau den Mann in Pose B umarmt; in orgineller Weise ist dabei durch das vor den Knien der Frau plazierte Gesäß des Mannes ausgedrückt, daß sie zu seiner Linken sitzt. In der Speisetischszene sitzen sich die beiden Grabherren gegenüber, hinter dem Mann wohnt der "älteste Sohn" und hinter der Frau die Tochter der Speisung bei. Auf den beiden inneren Pfosten stehen rechts der Mann, links die Frau, jeweils mit einer kleinen Mädchen, das ihr Bein umfaßt. Auf den äußeren Pfosten ist rechts die Frau mit dem sie berührenden, kleiner dargestellten "ältesten Sohn" zu sehen, links steht sie ihrer gleichgroß abgebildeten Mutter in gegenseitiger Umarmung gegenüber.

Die Verbindung der Kernfamilie, auch zur Elterngeneration, wird durch eine Reihe von Gruppierungen der Personen ausgedrückt, die dieselben sind, die in den Gruppenfiguren angewandt werden: Beisammenstehen und -sitzen, gegenseitige Berührung in unterschiedlichen Posen, Darstellung der Nachkommen in kindlicher Ikonographie und in kleinerem Maßstab. Besonders die Berührung, die gewöhnlich von den Frauen bzw. Kindern ausgeht, stellt eine enge Beziehung her, die, wenn auch nicht direkt sexuell indiziert (die Berührungen zwischen Mutter und


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Tochter, Sohn und Tochter zu Vater und Mutter sollten wohl nicht so interpretiert werden), so doch den Index "familiäre Bindung / gegenseitige Abkunft" besitzt<364>. Die Ikonographie der Gruppenfigur in funerären Anlagen aktiviert die ikonographischen Ausdrucksformen von "Nähe", um die Kernfamilie und deren Reproduktion zu beschreiben. Meist sind die Elterngeneration und die Kindergeneration verbunden, gelegentlich auch die Generation der Großeltern, wobei eher die Mutter des Grabherrn als der Vater auftritt.

9.2.5 "Kombinierte" Gruppenfiguren

1. Die Triade des ra-wr

Eine ungewöhnlich große Grabanlage in Giza, die für die Interpretation der funerären Praxis der Periode IV von außerordentlicher Bedeutung ist, ist die des ra-wr. Die Basis einer großen Gruppenfigur - eventuell der größten und sicherlich großartigsten aus dem nichtköniglichen Bereich des AR überhaupt - wurde von Selim Hassan in situ im Serdab S.18 am Zugang zur südlichen Kultstelle der Anlage gefunden (7.8). J. Cooney konnte dieser Basis mit großer Wahrscheinlichkeit die entsprechenden Torsi zuweisen<365>. Selbst wenn deren Zuweisung als unsicher angesehen würde, so ist die Kompositon der Gruppe durch die Basis und Inschriften gesichert.

Die Standfigur des Grabherrn befindet sich in der Mitte, zu ihrer Rechten die Standfigur des Vaters, zur Linken die Standfigur der Mutter die, wenn die Zuschreibung von Cooney stimmt, ihren rechten Arm um die Schulter des Sohnes legt. Zwischen den großen Standfiguren befanden sich kleine Standfiguren eines Sohnes zur Rechten und einer Tochter zur Linken des ra-wr.

2. Gruppen mit drei Hauptfiguren sind nur selten belegt und in allen Fällen individuelle Lösungen. Nicht zufällig ähnelt die Komposition der Gruppe des ra-wr der königlicher Triaden, wie sie im Tempel des Mykerinos gefunden wurden; auch dort steht die mittlere Person etwas vor den beiden flankierenden Personen und wird von einer weiblichen Person berührt. In den königlichen Gruppen werden Konzepte des Königtums visualisiert und beschrieben; ra-wr bedient sich der formalen Elemente der Beschreibung und deren Indizierung mit "durch Nähe konstituierte Gruppe" und affirmiert über sie die Kontinuität der Generationen: Er steht etwas vor seinen Eltern, die als Hauptfiguren ebenfalls als Kultempfänger auftreten<366>, bei ihm wiederum stehen die Kinder, die am Kult als Nebenfiguren teilnehmen und durch ihre Existenz auch absichern. Die ganze Gruppe ist in


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ihrer Konzeption außergewöhnlich und kann als Beispiel einer praktischen Umsetzung der formalen Möglichkeiten der Gruppenfigur dienen. Dabei bleibt die Statue der grundsätzlichen Funktion der Gruppenfigur im funerären Bereich verpflichtet: die soziale Einbindung des Toten zu beschreiben und zu gewährleisten.

9.3 Gruppenfiguren aus in situ Serdabensembles in Giza

1.Im folgenden sollen eine Reihe von in situ-Funden von Gruppenfiguren besprochen werden, um das Auftreten und die Funktion der Gruppenfigur und ihrer Varianten im nichtköniglichen funerären Kult genauer zu beleuchten. Aufgrund der guten Beleg- und Publikationslage stammen alle Belege aus dem Westfriedhof von Giza und wurden von H. Junker publiziert.

2. Die drei Anlagen des snb, nswt-nfr und zSA.t-Htp stammen aus der späten 4. Dynastie und enthalten Installationen, die für die funeräre Praxis des Übergangs zur frühen Periode IV üblich sind. Die drei Anlagen besitzen einen nur in dieser Periode in Giza belegten "doppelten" Scheintür-Serdab, d.h. hinter bzw. in unmittelbarer Nähe der nördlichen und südlichen Scheintür je einen Serdab, mit dem über einen Schlitz kommuniziert werden kann. Im Gegensatz zum West-Serdab der Periode III sind diese Serdabe nicht für lebensgroße und lebensnahe Abbilder ausgelegt, sondern für kleine magische Figuren (siehe hierzu auch Kap. 14).

3. Bei snb befand sich im südlichen Serdab eine hölzerne Standfigur des Grabherrn. Im nördlichen Serdab fand Junker die berühmte Gruppe des im Schreibersitz hockenden Zwerges, mit seiner ihn in Pose B umarmenden Frau zur Linken und den beiden kleinen Kinderstandfiguren vor ihm (7.9). Ein weiterer Statuenraum befand sich im Kapellenbereich im Süden der Anlage.

Die klare Aufteilung der Statuen auf verschiedene Kultplätze knüpft an Traditionen der Periode III an, wie sie etwa bei Hm-jwnw belegt sind. Die südliche Scheintür dient dem Kult des Grabherrn allein, der dort in der Standfigur eine Statue besitzt, die, in Tradition der Periode III im Westen, "in Kultrichtung", aufgestellt, als Empfänger der entsprechenden Kulthandlungen auftritt. Im nördlichen Serdab ist der Grabherr als Sitzfigur präsent. Allerdings ist der Tote nicht allein, sondern im Kreis der Familie abgebildet. Hier liegt eine Verbindung zu der schon in Periode II belegten Nutzung der nördlichen Kultstelle als Platz für den Kult der Frau vor, in der Regel gemeinsam mit dem Kult des männlichen Grabherrn<367>. Die Einbindung der Kinder ist in der Dekoration der südlichen und nördlichen Scheintür schon länger belegt, hier erfolgt sie im Rahmen einer Gruppenfigur. Die nördliche Kultstelle dient also dem Kult des im Grab weilenden Ehepaares - präsent in den beiden Sitzfiguren; und dieser Kult realisiert sich über die Kontinuität der Generationen - affirmiert in der


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Teilnahme der beiden Kinder.

4. Die Anlage des nswt-nfr besitzt die in Giza in Periode IV weit verbreiteten Scheintürraum vom Typ (NS:L:2). Hinter jeder Scheintür befand sich ein kleiner Serdab, in dem je eine Sitzfigur gefunden wurde, im Süden die des Mannes, im Norden die der Frau mit einer kleinen Knabenstandfigur zur Rechten (7.10)<368>. Prinzipiell ist hier das Muster der Kultstellenverteilung dasselbe wie bei snb: die südliche Kultstelle ist die des Mannes, die nördliche Kultstelle die der Frau und der Generationeneinbindung. Die Statue der xn.t ist der einzige Beleg einer einzelnen Frauenfigur mit Nebenfigur; sehr viel üblicher bleibt die Verbindung von männlicher und weiblicher Sitzfigur mit den Nebenfiguren der Kinder.

5. Die Anlagen des zSA.t-Htp und des nswt-nfr gleichen sich bis in Details der Dekoration<369>. Der Statuenbestand war aber verschieden: Im südlichen Serdab des zSA.t-Htp befand sich eine Gruppenstandfigur, die den Grabherrn und seine Frau in Schrittstellung zeigt, die Frau legt den Arm in Pose A an die Schulter des Mannes (7.11)<370>. Daß im südlichen Serdab Standfiguren aufgestellt waren, entspricht dem Befund bei snb; beiden schon besprochenen Anlagen entspricht, daß die Personen hier ohne Nebenfiguren auftreten. Leider ist im nördlichen Serdab keine Statue erhalten, so daß nur spekuliert werden kann, ob dort die Generationeneinbindung thematisiert wurde. Die gefundenen Fragmente einer männlichen Standfigur stammen offensichtlich eher von einem Kultplatz außerhalb des Scheintürraumes, etwa im Süden der Anlage.

6. Alle drei Anlagen haben strukturelle Gemeinsamkeiten, aber in Varianten. Es zeigt sich, daß die Gruppenfigur nicht nur zur Beschreibung der sozialen Einbindung des Grabherrn an der Nord-Kultstelle genutzt wird, sondern auch, um den Toten und seine Frau gemeinsam als Kultempfänger an der Südscheintür zu manifestieren. Es zeigt sich auch, daß die Statuenverwendung zwar strukturell bestimmten Prinzipien folgt, in der konkreten Auswahl aber sehr flexibel ist. Das schönste Beispiel für eine sorgfältig auf konkrete Bedürfnisse eines Grabherrn zugeschnitte Komposition ist gewiß die Gruppenfigur des snb.

7. In Periode IV.b kommt der Scheintür-Serdab mit seinem Prinzip, die Statue "in Kultrichtung" hinter einer Scheintür aufzustellen, tendenziell außer Gebrauch. Die Anlage des qdfjj hat eine Kapelle vom Portikus-Typ, die einen Serdab in der Südwand integriert (7.12)<371>. Dieser Serdab entspricht dem Typ des Südserdabes, der sich aus dem Statuenhaus größerer Anlagen herleitet und auch in den Korridorkapellen gut belegt ist (siehe Kap. 17.1.). Der Serdab hatte einen Fensterschlitz nach Osten, die beiden Statuen waren darin aber mit Blick nach Norden, zur


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Kultstelle aufgestellt. Es handelt sich um eine männliche Sitzfigur des Grabherrn und um eine Gruppensitzfigur von Grabherr und Gattin. Die beiden Statuen beschreiben wesentliche Aspekte des Grabherrn: seine singuläre Entität und seine soziale Verbindung mit der Frau über die Entität Kernfamilie. In der Gruppenfigur besitzt die Frau zugleich eine eigene Statue zum Zwecke des Kultempfanges, während für den Mann eine Vervielfachung seiner Sitzfigur vorliegt, letzteres ebenfalls ein charakteristisches Phänomen der Periode IV. Die Statuen sind nicht mehr getrennt an separaten Kultplätzen untergebracht, sondern in einem Statuendepot konzentriert; eine Tendenz, die sich in Periode IV immer mehr durchsetzt. Auch die Aufstellung der beiden Statuen scheint mit Bedacht geschehen zu sein: Im Osten befindet sich die männliche Sitzfigur, westlich davon, zur Linken, die Gruppenfigur, wobei der Mann wieder im Osten, zur Rechten, die Frau zu seiner Linken, plaziert ist. Schon bei der Aufteilung in Süd- und Nordserdab befand sich die Kultstelle der Familieneinbindung im Norden, für den "aus dem Grab blickenden" Grabherrn also zur Linken. Und durch das Nebeneinanderrücken der beiden männlichen Sitzfiguren entsteht eine Statuenverdopplung, wie sie in einigen Kombinationen von Pseudogruppe und Gruppenfigur gelegentlich auch auf gemeinsamer Basis umgesetzt wird (s.u.).

8. Eine Anlage, die Merkmale der funerären Praxis der Periode IV.c, schon mit Tendenz zur Periode V aufweist, ist die des ptH-Spss (7.13). Hier liegt das selten belegte Phänomen des "oberen" und "unteren" Serdabs vor, das offensichtlich die schlichte Variante der Trennung der Statuendepots in solche des Kultes und solche der Statuenhäuser oder Massenserdabe darstellt<372>. Beide Aufbewahrungsorte wurden am nördlichen Ende der von Süden zugänglichen Korridorkapelle konzentriert, aber voneinander separiert. Im "oberen" Serdab befand sich neben einer männlichen Standfigur im Vorbauschurz noch eine Gruppenstandfigur, die eine männliche Standfigur im Vorbauschurz und eine weibliche Standfigur kombiniert <373>. Beide Statuen repräsentieren den Grundbestand einer Statuenausrüstung für den Opferkult an den Scheintüren wie bei qdfjj: die männliche Figur und die Vervielfachung der männlichen Figur mit einer weiblichen Figur, eventuell sogar um den Aspekt der "Anwesenheit im Diesseits" durch das ikonographische Element des Vorbauschurzes erweitert<374>. Im eigentlichen "unteren" Serdab werden alle möglichen Statuentypen, die Aspekte der Toten beschreiben, sowie Dienerfiguren versammelt und können auf magische Weise den Fortbestand der Toten sichern.

Charakteristischer Weise fehlt im "unteren" Serdab die Gruppenfigur, die den Aspekt der kollektiven Identität und der Generationeneinbindung besitzt. Das Fehlen der Gruppenfigur ist auch


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für die Schachtdepots der Periode V typisch, denn diese Depots affirmieren keinen praktischen Kultvollzug mehr - bei dem die Affirmation der Entität "Familie" und die Anwesenheit der Kinder-Generation notwendig ist -, sondern sind magisch selbstwirksame Installationen. Der Serdab des jdw II., der sich direkt neben dem Grabschacht befand, enthielt wahrscheinlich einen der letzten Belege einer Gruppenfigur im funerären Kontext des AR in Giza, auch wenn die Angaben dazu sehr spärlich sind (7.14). Jüngere Anlagen verzichten ganz auf Gruppenfiguren.

9. Verfolgt man diesen kurzen Abriß der Nutzung von Gruppenfiguren in funerären Anlagen in Giza, so zeigt sich, daß dieser Statuentyp in Periode IV als typische Serdabstatue etabliert ist. Dabei erfüllt die Gruppenfigur strukturell zwei ganz verschiedene Funktionen, die aber im praktischen Gebrauch oft verschmelzen.

  1. Primär dient die Gruppenfigur der Affirmation der Verbindung eines Grabherrn und seiner Gattin in Form einer besonderen sozialen Einheit, konkret der "Ehe". Diese Einheit setzt sich aus dem Toten und einer ihm als Hm.t=f zugeordneten Frau zusammen, wobei die Gattin aber als zweite Hauptfigur in annähernd gleicher Position auftritt. Die Kombination der Abbilder des Grabherrn und seiner Gattin erhält schon in Periode IV die einfache Funktion eines Doppelbildes, in dem die zwei im Grab bestatteten Personen eine Statue besitzen, die ihre Anwesenheit am Kult affirmiert. Solche Statuen sind zuerst an der dem eigentlichen Versorgungskult im Grab dienenden Südscheintür üblich, werden dann zum Bestandteil des üblichen Statueninventars, auch unter dem Aspekt der Vervielfältigung des Abbildes des männlichen Grabherrn. Diese Gruppenfiguren sind noch im Übergang von Periode IV zu Periode V in Gebrauch, werden aber tendenziell durch Einzelfiguren der jeweiligen Personen ersetzt. Die angedeutete soziale Rolle - eheliche Berührung zum Zwecke der Sicherung von Nachkommenschaft / der Kontinuität der diesseitigen Institution "Familie" - hat keine Funktion in der ab Periode V selbstwirksamen Existenzsicherung jedes einzelnen Toten mehr.
  2. Die Einbindung der Generationen wird durch die Kombination von Hauptfiguren mit Nebenfiguren der Kinder bildlich umgesetzt. Der Ort der entsprechenden kultischen Affirmation dieser sozialen Realität ist in Periode IV.a die nördliche Scheintür. Spätestens ab Periode IV.b wird eine Trennung der Kultstellen bei der Statuenverwahrung nicht mehr berücksichtigt und alle Statuen in einem Serdab deponiert. In Periode V, in der durch das oberirdische Statuenensemble nicht mehr der Kult in Abhängigkeit von der Nachfolgegeneration affirmiert wird, sondern die Statuen und Dienerfiguren als selbstwirksame Installation in den Grabschacht verlagert werden, endet der Gebrauch von Gruppenfiguren mit Nebenfiguren.

9.4 Die Gruppenfigur in Statuenensembles in Giza und Saqqara

1. Beim Vergleich der in Giza und Saqqara auftretenden Typen von Gruppenfiguren finden sich einige Unterschiede in der Häufigkeit der verwendeten Typen. Aufgrund der sehr ungleichmäßigen Befundlage - die meisten Statuen aus Giza stammen aus gut dokumentierten Grabungen von G. Reisner und H. Junker, die meisten aus Saqqara aus den weniger gut dokumentierten Grabungen A. Mariettes - sind Vergleiche zwar problematisch, aber es zeigen sich einige klare Differenzen. Die Ursachen der Differenzen sind vielschichtig. Zum einen kann man annehmen, daß in Saqqara und in Giza verschiedene Handwerkergruppen mit der Herstellung der Grabausrüstung zumindest


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der mittleren und unteren Residenzebene beschäftigt waren. Es sind also mehrere Schulen bzw. formale Traditionen anzunehmen. Außerdem muß berücksichtigt werden, daß die Elite zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Begräbnisplätze bevorzugte. Entsprechend werden Innovationen, die ihren Ursprung in der sozialen Situation der Elite haben, an anderen Plätzen auftreten, als Inovationen, die in der sozialen Situation der niederen Schichten begründet sind.

9.4.1 Giza - Affirmation der Kernfamilie und Generationeneinbindung

1. Betrachtet man den Bestand an Gruppenfiguren aus Giza, der in die Zeit der 5. und 6. Dynastie datiert wird, so fällt auf, daß männliche Einzelfiguren mit einer am Boden hockenden Frau als Nebenfigur gar nicht belegt sind. Überhaupt ist der Typ I und II, die Einzelfigur mit Nebenfiguren, nur selten. Auch die "ungleiche" Kombination von männlicher Sitzfigur und weiblicher Standfigur (Typ III) ist nur einmal belegt (7.18). In schöner Regelmäßigkeit treten dafür die "echten" Gruppenfiguren auf, die eine männliche und eine weibliche Statue kombinieren. Das entspricht wohl auch der sozialen Sitution der mittleren bis niederen Residenzschicht, die in der 5. und 6. Dynastie den Friedhof von Giza belegt: Die soziale Bindung in der Kernfamilie ist ein wesentliches Element der Identität dieser Gruppe; was sich auch in den vielen Familiengrabstätten abbildet. Die Frau ist mit ihrem Gatten in derselben Anlage bestattet und tritt mit ihm als Empfängerin des Kultes auf. Dabei ist sie nicht einmal regelmäßig als Hm.t=f, "seine" Gattin, beschrieben, sondern tritt durch die einfache Namensnennung praktisch unabhängig auf; allerdings über die Umarmung deutlich genug dem Mann ver- bzw. angebunden. Beide zusammen besitzen am Grab ihren dauerhaften Platz und auch die Fähigkeit zu Bewegung und Handlung. Es ist überhaupt der überwiegende Teil von Frauendarstellungen in den Statuentyp der Gruppenfigur eingebunden; weibliche Einzelfiguren sind selten.

2. Das Auftreten der Statuentypen mit Nebenfiguren ist in Giza weitaus weniger häufig als das der "echten" Gruppenfiguren. Nebenfiguren sind vor allem bei Gruppensitzfiguren zu beobachten, was die schon bei snb belegte Tradition fortsetzt, die Affirmation der Generationeneinbindung um ein Sitzbild des Toten kreisen zu lassen. Nebenfiguren sind immer die Kinder in ihrer "kindlichen" Ikonographie; also keine als vollwertige Abbilder einer Person zu interpretierende Darstellungen, sondern funktionsbeschreibende Figuren, die den Söhnen und Töchtern die Rolle des Nachkommens und Garanten der Weiterexistenz des Toten durch Kult zuschreibt.

3. Der überwiegende Teil der in Giza gefundenen Gruppenfiguren stand in Serdaben bzw. ist ihre Herkunf aus Serdaben sehr wahrscheinlich, auch wenn sie verworfen gefunden wurden. Eine Gruppe, die stilistisch noch in die 4. Dyn. datieren dürfte, stellt eine Gruppenstandfigur in einem Schrein dar (7.40). Es handelt sich hierbei um den einzigen Beleg einer Gruppenfigur in einem Schrein; Größe und Qualität der Gruppe lassen sie als Besonderheit erscheinen, deren Funktion


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von der üblicher Gruppenfiguren verschieden war (siehe Kap. 18.3.).

Bei den frei im Korridor stehend gefundenen Exemplaren ist meist davon auszugehen, daß auch sie die Funktion der Serdabfigur erfüllten - die Anwesenheit der Dargestellten am Opferkult im Grab rundbildlich zu affirmieren. Daß Gruppenfiguren bei Prozessionen o.ä. Verwendung fanden, ist nicht belegt.

4. Oft ist die Gruppenfigur die einzige einer Grabanlage zugeordnete Statue. Dieser Umstand spiegelt wohl die relativ bescheidene ökonomische Situation der meisten Grabherren in Giza in der 5. und 6. Dynastie wieder. Um so bemerkenswerter ist die Konzentration auf die Gruppenfigur, in der die Kernfamilie und die Identität der beiden, eine soziale Kleinstgruppe bildenden Personen affirmiert wird. Ebenfalls häufig ist der Bestand um eine oder mehrere weitere Statuen des Mannes - Sitzfigur, Standfigur oder auch Schreiberfigur - ergänzt. Hier wird das Prinzip der Vervielfältigung der männlichen Statuen aktiviert, sowohl nach dem "symbolischen" Prinzip der zahlenmäßigen Vervielfältigung desselben Typs, als auch dem "analytischen" Prinzip der Beschreibung unterschiedlicher Aspekte des Grabherrn durch verschiedene Statuentypen.

5. Nur in einigen Fällen sind in Giza bis zum Ende der 5. Dynastie wirklich große Statuenensembles belegt. Bei einigen ist davon auszugehen, daß diese Ensemble Statuen mehrerer männlicher und weiblicher Personen enthalten, die in diesem Grab tatsächlich bestattet waren und somit Statuen als Kultempfänger besaßen<375>. In den übrigen Fällen wirkt die Tendenz zur Vervielfältigung jedes Statuentyps und zur Umwandlung der Serdabe in Depots magisch selbstwirksamer Installationen; eine Tendenz, die den Übergang von Periode IV zu Periode V der funerären Praxis charakterisiert. Doch selbst in größeren Ensembles sind mehrere Gruppenfiguren selten. Die drei Belege solcher Ensembles aus Giza, die mehrere "echte" Gruppenfiguren besitzen - mzj, wrj und von G 4522 - sind wahrscheinlich schon zu den Fällen zu rechnen, in denen überhaupt ungewöhnliche Statuen wie die Kombination von Gruppenfigur und Pseudo-Gruppe auf ein besonderes Interesse deuten, über das Medium der rundplastischen Abbildung bestimmte Sachverhalte zu affirmieren.

Bei mzj liegt durch die Inschriften gesichert ein Gruppenserdab mit Statuen verschiedener Personen vor (7.68); das Ensemble besitzt außerdem die einmalige Dreiergruppe sich an den Händen haltender verschiedener männlicher Standfiguren (Typ VI.b, s.u.). Das Ensemble von G 4522 (7.70) komplettiert wohl den Satz der Gruppenfiguren je als Gruppenstand- und Gruppensitzfigur, während bei wrj (7.69) die Gruppenstandfigur verdoppelt vorliegt. Es ist hier das Prinzip der Vervielfältigung - in zahlenmäßig-symbolischer und in beschreibend-analytischer Form - als zugrundeliegende Tendenz anzunehmen, vor allem aber das am Ende der Periode IV zunehmende Bemühen der Massierung magischer Installationen.


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9.4.2 Saqqara - Präferenz der Typen I, II und III; Ambivalenz der Position der Frau

1. Die in Saqqara vor allem im nördlichen Friedhof gefundenen Gruppenfiguren, zu denen sicher ein großer Teil der Exemplare mit unsicherem Fundort gerechnet werden muß, unterscheiden sich typologisch und stilistisch z.T. erheblich von denen aus Giza. Mehrere Gruppenfiguren können in die erste Hälfte der 5. Dynastie datiert werden, als ein größerer Teil der Residenzelite den Friedhof Saqqara Nord belegte. Das eventuell etwas frühere Ensemble des sanx.w-ptH wurde oben schon besprochen. Die zuerst bei Djedefre belegte männlichen Einzelfigur mit Nebenfiguren,Typ I.a und II.a, scheint für einige Zeit der in Saqqara bevorzugte Typ der Gruppenfigur gewesen zu sein. Die gefundenen Beispiele sind oft von außerordentlicher bildhauerischer Qualität, sowohl was die Detailarbeit angeht, als auch die Ausgewogenheit der Komposition. Man könnte vermuten, daß in der Bildhauerschule von Saqqara die Einzelfigur mit Nebenfiguren auch aufgrund der gefälligen formalen Struktur so beliebt war.

2. Ein besonderer Grund des häufigen Auftretens der Typen I und II scheint aber der zu sein, daß die soziale Position der Frau in der Schicht der Residenzelite, der die abgebildeten Grabherren in der Regel entstammen, wesentlich anders im Verhältnis zum Ehegatten betrachtet wurde, als bei den mittleren und niederen Residenzangehörigen, deren Friedhof in Giza oben besprochen wurde. Während dort kein Beispiel sicher belegt ist, in dem eine Gattin des Grabherrn nur zu seinen Füßen kauernd als Nebenfigur abgebildet wurde, ist dieser Fall in Saqqara oft gegeben. Man hat natürlich im ersten Moment den Eindruck, die Position der Gattin der Elite sei eine - verhältnismäßig - geringere, als die der "Hausherrin" der mittleren oder niederen Ebene. Allerdings sei davor gewarnt, die geringe Größe einer Nebenfigur vordergründig als Ausdruck eines sozial niederen Status zu bewerten. Die geringe Größe der Nebenfiguren drückt vor allem eine Funktion aus, und zwar die einer Person, die an einem Kult teilnimmt und teilhat, der primär nicht der klein abgebildeten Person gilt. Es ist zu erwägen, ob bei den Angehörigen der Elite nicht die Frau unabhängig vom Mann eine eigene Kultstelle haben konnte, und deshalb in der Statue des Gatten nur "teilnehmend" abgebildet ist. Dagegen spricht, daß eine entsprechende Anzahl von dann zu erwartenden einzelnen Frauenfiguren nicht belegt ist. Es sei aber auf die recht häufigen Belege für separate Kultstellen von weiblichen Angehörigen der Elite verwiesen<376>. Die Frau des sanx.w-ptH trägt den Titel eine zA.t nswt n X.t=f und auch einige andere der am Boden hockenden Frauen


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tragen Titel<377>, im Gegensatz zu vielen Frauen der mittleren oder gar niederen Residenzebene.

3. Auch, daß die eigentliche Präferenz für den Statuentyp III in Saqqara liegt, ist m. E. damit zu deuten, daß hier die Rollen von Mann und Frau wesentlich differenzierter - und mit einer gewissen Ambivalenz - beschrieben werden, als in der nur kombinierenden Art der Gruppensitz- und Gruppenstandfigur (Typen IV und V). Die Statuen vom Typ III.a und III.b, die eine sitzende männliche Figur mit danebenstehender weiblichen Figur verbinden, sind auch formal eine Weiterentwicklung des Typs I.a, bei dem die am Boden hockende weibliche Figur "aufgestanden" ist und nun nicht mehr die Position einer zugeordneten Nebenfigur, sondern einer annähernd gleichberechtigten Hauptfigur einnimmt. Die Ambivalenz zwischen Nebenfigur und Hauptfigur scheint bei der Standfigur beabsichtigt; so ist auffällig, daß die Frauen dieses Typs meist in ihrer Beziehung zur männlichen Figur beschrieben sind (Hm.t=f), was in dieser Konsequenz eher bei Nebenfiguren üblich ist.

4. Die Ambivalenz der Rolle der Frau im funerären Kult liegt darin, daß sie einerseits trauernde Witwe und Mutter der folgenden Generation ist - also Garantin des Kultes und damit die Position einer Nebenfigur besitzt -, andererseits aber Gattin und damit Teil der dauernden sozialen Einbindung des toten Mannes ist, wodurch ihr die Position der Hauptfigur zukommt<378>. Typ III eignet sich, diese Ambivalenz bildlich umzusetzen, da der jeweils sitzenden Figur eine hervorgehobene Position zukommt, während die jeweils stehende Figur sich in aktiver Weise zu dieser Person in Beziehung setzt. Dabei wird die Stufe der bloßen "Teilnahme" überschritten, die Standfigur wird Teil einer Entität. So ist die Gruppenfigur vom Typ III aber nicht nur die Kombination zweier Kultempfänger - wie etwa die Gruppensitzfigur - sondern betont die besondere Rolle der stehenden weiblichen Figur. Das die Beschreibung gerade der Rolle der Frau der wesentliche Impuls bei der Entwicklung des Typs der Gruppenfigur war, wurde oben schon festgehalten.

5. Es muß dabei eine Gruppe relativ früher Statuen vom Typ III von den späteren, formalisierten Belegen unterschieden werden. Zu dieser frühen Gruppe zählen wohl die Statuen aus dem Ensemble des nn-xf.t-kA (7.83), des Tjj (7.88), aus dem Ensemble des ra-Htp (7.89) und eventuell des n-anx-ra (7.87). nn-xf.t-kA und ra-Htp werden zwei der größten Statuenensembles aus Saqqara überhaupt zugeschrieben, die beide aber keine weiteren Gruppenfiguren enthalten. Alle Grabherren gehören ihren Titel nach zur Elite, was sich auch in der stilistischen Qualität der Statuen spiegelt. Außerdem zeigen alle Statuen experimentelle Züge, die für das Bemühen


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sprechen, Ausdrucksformen zur Darstellung besonderer oder neuartiger Realitäten zu finden.

6. Dieses Bemühen zeigt sich besonders an den beiden Belegen des ungewöhnlichen Typs III.c: Die Statuen des Tjj und des ra-Htp zeigen je eine sitzende Frau mit einem zu ihrer Rechten stehenden Mann. Bei Tjj (7.88) wird der stehende Grabherr von der sitzenden Frau, beschriftet als seine Gattin, in Pose B umarmt, bei ra-Htp (7.89) berührt der Mann in ungelenker Weise den Arm der neben ihm sitzenden Frau. Die Reste einer Inschrift auf der Basis des ra-Htp können von einem Stiftungstext stammen, in dem die Stiftung der Statue durch den Sohn an seine Mutter genannt wird.

Man muß wohl davon ausgehen, daß in beiden Fällen den Frauen eine besondere Position zukommt, die in dieser bildlichen Wiedergabe beschrieben wird. Zugleich bilden sich die Männer ebenfalls in besonderer Rolle ab. In ihrer Ambivalenz zwischen stiftender, den Kult erhaltender Nebenfigur und dem Auftreten als Kultempfänger und Hauptfigur entsprechen sie genau der oben beschriebenen Ambivalenz der Rolle der Frau als Witwe (kulterhaltende Nebenfigur: Mutter der Nachkommen; kultempfangende Hauptfigur: Gattin). Parallelen solcher ungewöhnlichen Lösungen liegen hier, wie etwa auch bei der außergewöhnlichen Gruppenfigur des ra-wr, eher im Bereich der königlichen Plastik, als daß ähnliche Beziehungen Gegenstand rundplastischer Affirmation im Normalfall nichtköniglicher funerärer Praxis waren<379>.

7. Die Statue aus dem Ensemble des nn-xf.t-kA (7.83) und n-anx-ra (7.87) zeigen den sitzenden Grabherrn mit der stehenden Frau, die ihn in Pose B umarmt, bei n-anx-ra sind außerdem zwei kleine Knabenstandfiguren als Nebenfiguren angebracht. Sie prägen ein Vorbild, das im folgenden auch weniger hochgestellte Personen kopieren. Man kann bei nn-xf.t-kA und wohl auch n-anx-ra davon ausgehen, daß der Bildfindung das Bedürfnis zugrundeliegt, eine konkrete, besondere Position von Mann und Frau zu beschreiben, und auf die Statue des anx-jr-ptH (7.85), die von seiner neben ihm stehenden Frau gestiftet wurde, wird unten noch eingegangen.

Bei anderen Gruppenfiguren vom Typ III ist aber durchaus anzunehmen, daß sie im Sinne der Gruppensitz- und Gruppenstandfiguren als Abbilder der beiden im Grab bestatteten Personen fungieren. Ob sich in der Pose der stehenden Frau in jedem Fall ein Rollen- oder Statusunterschied abbildet, und welcher, ist nur durch Prüfung des konkreten Beleges auszumachen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sich Typ III der Gruppenfigur in Saqqara in der fortgeschrittenen Periode IV als eine gebräuchliche Variante der "echten" Gruppenfigur mit denselben funktionalen und inhaltlichen Konnotationen wie die Gruppensitz- und Gruppenstandfigur etabliert hatte.

8. Betrachtet man den Bestand an "echten" Gruppenfiguren vom Typ IV und V, so lassen sich in


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etwa dieselben Beobachtungen machen wie in Giza. Da die Fundumstände und der Bestand der Statuenensemble in der Regel weniger gut dokumentiert sind, ist ein Vergleich mit Giza im Einzelnen kaum möglich, aber auch in Saqqara scheint die Gruppenfigur eine typische Serdabstatue zu sein, die meist nur einmal im Ensemble auftritt. Auffällig ist, wenn aufgrund der Befundlage auch nicht als signifikant zu bewerten, daß die Gruppensitzfigur Typ IV.a in Saqqara gar nicht bzw. bei eventuell aus Saqqara stammenden Exemplaren nur sehr selten vertreten ist. Möglicherweise wurde die Funktion dieses Typs in Saqqara durch Statuen vom Typ III.a übernommen. Das ist nicht unlogisch, denn aus der Zuordnung der Gruppensitzfigur zur nördlichen Kultstelle in Giza war zu schließen, daß über sie die Einbindung des Grabherrn in das Umfeld der Kernfamilie und deren Kontinuität affirmiert wird; die Gruppenfigur vom Typ III affirmiert genau denselben Ritualsinn, präzisiert um die konkretere Beschreibung der ambivalenten Rolle der Frau als Gattin (Kernfamilie) und Witwe / Mutter der Nachkommen (Einbindung der Familie, Kontinuität des Kultes).

9. Ensemble in Saqqara, in denen vor allem Holzfiguren auftreten, verzichten auf Gruppenfiguren. In den zwei Fällen des kA-p-nswt, Sohn des kA-m-Hz.t, und des mjtr(j) ist aber eine Sonderform der Gruppenbildung zu beobachten. Im etwas älteren Ensemble des kA-m-Hz.t wurde eine traditionelle Gruppensitzfigur mit der Nebenfigur des Sohnes aus Kalkstein gefunden (7.91.1:). Sein Sohn kA-p-nswt - es ist nicht gesichert, daß es sich bei ihm um den Knaben der Gruppenfigur handelt, da diese nicht beschriftet ist - besaß ein Serdabensemble aus Holzfiguren, darunter eine männliche Standfigur, in deren Basis eine sehr viel kleinere Figur in Schrittstellung hinter dem linken Bein eingesetzt war (7.91.2:). Von der kleinen Figur sind nur die Füße erhalten, so daß nicht zu klären ist, ob es sich um eine kleine männliche Standfigur oder eine nackte Knabenstandfigur in Schrittstellung handelte. Die kleine Figur ist als jmAx (.w) n jt(=f), also wohl der Sohn, bezeichnet. Die Besonderheit bei kA-p-nswt ist die Befestigung der kleinen Figur in der Basis seiner Standfigur, was formal eine Gruppenfigur vom Typ II.a produziert. Ein ähnlicher Fall liegt im Ensemble des mjtr(j) vor, wo zur Linken einer großen hölzernen Schreiberfigur ebenfalls die Füße einer kleinen männlichen Figur in Schrittstellung erhalten sind (5.35.1:). Es ist also nicht unwahrscheinlich, die separat gefundenen Knabenstandfiguren wenigstens zum Teil derartigen Gruppen aus Standfigur des Grabherrn und Knabenfigur zuzuschreiben, wobei nicht zwangsläufig von einer gemeinsamen Basis auszugehen ist, da solche Ensemble auch durch eine gruppierende Aufstellung im Serdab herzustellen sind (siehe Kap. 11). Wesentlich ist, daß in den Saqqara-Ensembles mit Holzfiguren die "echte" Gruppenfigur mit sich gegenseitig berührenden Personen nicht belegt ist, nur die Kombination mit einer kleinen Figur des Sohnes, die "Nähe", bringt die Kontinuität der Generationen zum Ausdruck<380>.


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9.5 Sonderfälle und Sonderensembles

1. Bei der Besprechung der häufig auftretenden Typen von Gruppenfiguren wurde mehrfach auf Besonderheiten und individuelle Lösungen bei den einzelnen Belegen verwiesen. Die Gruppenfigur stellt im Korpus der Rundbilder die am meisten komplexe Gattung dar, so daß durch die individuelle Kombination traditioneller Elemente und die Hinzufügung ungewöhnlicher Einzelheiten konkrete Sachverhalte sehr differenziert dargestellt bzw. beschrieben werden konnten. Die einfache Kombination einer Hauptfigur mit Nebenfiguren bzw. von zwei Hauptfiguren und diese wiederum mit Nebenfiguren bot eine gewisse Breite an Varianten und Ausdrucksmöglichkeiten, denen die meisten Belege folgen. In einigen Fällen wurden die Muster aber in ungewöhnlicher Form variiert, so daß diese Belege einer speziellen Interpretation bedürfen, die aber durch das Fehlen eines entsprechenden Kontextes oft nur hypothetisch sein kann. Im folgenden sollen einige solcher Belege besprochen werden, zuerst Varianten der Typen IV und V, im Anschluß Beispiele für vielgestaltige Ensembles und die Kombination von Gruppenfigur und Pseudo-Gruppe.

2. Ein Beleg verbindet eine Gruppenstandfigur mit einer kleinen männlichen Sitzfigur (7.121). Diese Lösung ist insofern äußerst ungewöhnlich, als das die Sitzfigur eindeutig auf die Funktion "Affirmation von Existenz und Kultempfang" festgelegt ist, und keinerlei Bezüge zur Funktion der bisher besprochenen Nebenfiguren hat. Die Gruppierung ist als eine Variante aufzufassen, die eine Beziehung zwischen den Statuen durch den Index "Nähe" herstellt, ohne aber, daß die Rolle der kleiner dargestellten Person auf die einer Nebenfigur festgelegt werden soll. Vergleichbar ist diese Kombination der einer Statue aus dem Ensemble von G 2099 (7.75.2:). Hier steht eine kleine Standfigur, die ikonographisch nicht als Knabe ausgewiesen ist (Vorbauschurz?, Arme gerade herabhängend, Hände zur Faust, keine Kinderlocke) zwischen zwei identischen männlichen Standfiguren. Die beiden großen Statuen bilden formal eine Pseudo-Gruppe, tragen aber verschiedene Namen (zwei Namen einer Person?); die kleine Standfigur ist inschriftlich als zA=f n X.t=f ausgewiesen. Es ist also der Sohn, der sich in Position und Größe einer Nebenfigur abbildet, ohne ikonographisch auf deren Funktion beschränkt zu sein. Solche Gruppierungen werden gewöhnlich durch die gemeinsame Aufstellung von Statuen verschiedener Personen nebeneinander hergestellt, während hier die Abbildung einer Person in Größe und Dimension einer Nebenfigur, aber Ikonographie einer Hauptfigur bevorzugt wurde<381>.

3. In der Belegliste treten zwei Gruppenstandfiguren auf, die je zwei Männer darstellen. Die Statue aus dem Ensemble des nfr-sHfn zeigt zwei männliche Standfiguren, die zur Rechten legt ihren Arm in Pose A.2 um die Hüfte der Figur zur Linken (7.61). Die Statue ist unbeschriftet, so daß nicht


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sicher ist, wer hier in dieser Weise abgebildet ist. Prinzipiell erinnert die Statue an eine Pseudo-Gruppe, jedoch wäre die Umarmung für diesen Statuentyp äußerst ungewöhnlich<382>. So ist eher davon auszugehen, daß es sich hierbei um eine Gruppenfigur handelt, die zwei Männer verbindet, die in enger Beziehung zueinander stehen. Möglichkeiten sind der Grabherr mit seinem Vater, oder die folgende Generation, also Grabherr und eigener Sohn. Letztere Variante ist in der Statue CG 150 durch die Bezeichnung der einen Person als zA=f mrjj=f gesichert (7.122). Im Gegensatz zur Gruppe aus der Anlage des nfr-sHfn ist hier der Sohn aber etwas kleiner als der Vater und nicht, wie dieser, in Schrittstellung dargestellt; auch liegt keine gegenseitige Berührung vor. Prinzipiell kann man diese Statue auch als einen Sonderfall von Typ II.a - männliche Standfigur mit Nebenfigur - ansehen, jedoch ist der Sohn durch seine Bekleidung nicht mehr als Kind gekennzeichnet. Ob er damit als Kultempfänger der Statue auftritt, ist unsicher, aber wahrscheinlich. Da der Fundort der Statue nicht bekannt ist, kann über eine eventuelle gemeinsame Bestattung des Sohnes und des Vaters nichts ausgesagt werden.

4. Ähnlich groß wie in dieser letzten Gruppenfigur sind die Söhne auch in zwei anderen Gruppenfiguren dargestellt, allerdings unter Beibehaltung der kindlichen Ikonographie. Die Statue Brooklyn 49.215 ist ein Sonderfall von Typ III.b, mit männlicher Sitzfigur, weiblicher Standfigur zur Linken und einem in seiner Baby-Ikonographie etwas gigantisch wirkenden Knaben zur Rechten (7.124.1:). Die Ikonographie deutet auf die Funktion der Darstellung des Knaben als Nebenfigur, ob durch die Größe eine besondere Situation beschrieben wird, muß offen bleiben.

Realistischer wirkt die Größe des Knaben in der bemerkenswerten Gruppe der ppj und der beiden ra-Spss (7.62). Die prominente Plazierung der größer als die anderen Figuren dargestellten Frau in der Mitte, mit einer männlichen Standfigur zur Linken, die von ihr in Pose B umarmt wird, und einer naturalistisch bemessenen Knabenstandfigur zur Rechten, die den Arm um die Frau legt, macht wahrscheinlich, daß hier die Frau und ihre soziale Position der eigentliche Gegenstand der Affirmation sind<383>. Nicht eindeutig zu klären ist, wie die Benennung der männlichen Standfigur als zA=s ra-Spss und die der Knabenfigur als ra-Spss zu interpretieren sind. U. Rössler-Köhler sieht darin eine Darstellung desselben Sohnes der ppj sowohl als Kind als auch als Erwachsenen und damit, der These folgend, daß Pseudo-Gruppen Personen in verschiedenen Lebensaltern abbilden können, in der Statue eine Sonderform einer Pseudo-Gruppe des ra-Spss mit seiner Mutter. R. Schulz sieht eine Verwechselung der Inschrift, die Vater und gleichnamigen Sohn bezeichnet, als eher wahrscheinlich an. Nach M. Eaton-Krauss ist die Interpretation als Pseudo-Gruppe durch die gegenseitige Berührung der Personen auszuschließen, sie schlägt vor, die Statue als Abbildung der ppj mit zwei gleichnamigen Söhnen anzusehen<384>. Eine endgültige Lösung des Problems ist


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durch die Einmaligkeit des Beleges kaum möglich, es sei aber darauf verwiesen, daß die kindliche Ikonographie des Knaben zur Rechten seine Interpretation als Hauptfigur, der männlichen Standfigur zur Linken analog und gleichberechtigt, problematisch macht<385>.

5. Zu erwähnen sind im Zusammenhang mit Gruppen, die ungewöhnlich große Knabenstandfiguren inkorporieren, sind auch solche Statuen, die nackte männliche Figuren in der Position von Hauptfiguren zeigen. Die Gruppenfigur vom Typ V.a des Htp-jb (7.63) stellt den Mann nackt dar, mit einer zur Rechten stehenden bekleideten Frau, die ihren Arm um seine Schulter legt. Der Kopf der männlichen Figur fehlt, so daß nicht zu erkennen ist, ob sie eventuell kindliche Ikonographie besaß, was aber bei der sehr muskulösen Körpermodellierung und vor allem der erkennbaren Beschneidung unwahrscheinlich ist. Auch ist die Beziehung der beiden Personen nicht beschrieben; es kann sich bei der Frau stp.t um die Gattin des Htp-jb oder, dafür spräche die "Prestigeposition" zur Rechten, seine Mutter handeln. Dieser Einzelfall muß als Besonderheit ohne sichere Deutung bleiben.

Problematisch ist auch die Deutung der nackten männlichen Standfigur des xnw, die je einmal zur Linken von zwei Pseudogruppen steht (7.127 + 7.128). Ihre deutlich geringere Größe verweist auf die Nebenfigur des nackten Knaben; sie besitzen aber keinerlei ikonographische Elemente, die auf "Kindlichkeit" verweisen<386> (siehe Kap. 11).

6. Das Statuenbruchstück Brooklyn 49.215 erinnert in der Komposition an die Gruppe des ra-wr bzw. Triaden des Mykerinos (7.123). Der lange Schurz mit der Vorbaufalte der männlichen Figur läßt eine Datierung in das Ende der 4. Dynastie zu, also in die Periode der individuellen und innovativen Ausdeutungen der Gruppenfiguren. Da weder Beschriftung vorhanden noch Fundort bekannt sind, ist auch dieses Stück als besonderer Einzelfall einzustufen.

7. Wesentlich konventioneller ist da die Gruppierung dreier sich an den Händen haltender Männer aus dem Ensemble des mzj (7.68.3:). Eine Triadenbildung mit unterschiedlicher Gewichtung der einzelnen Personen liegt hier nicht vor. Vielmehr bilden die drei eine Einheit, was durch die gegenseitige Berührung unterstrichen wird, die von jeder Person ausgeht. Es kann sich bei den Personen um Vertreter verschiedener Generationen handeln, aber auch nahestehende Angehörige derselben Generation. Die Beischrift sichert, daß drei verschiedene Männer abgebildet sind, die


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eine gemeinsame Funktion ausüben: alle drei tragen den Titel xntj-S.

Die hier affirmierte Gruppe ist wohl nicht auf der Ebene der Kernfamilie anzusiedeln, sondern stellt eine völlig andere Form sozialer Organisation dar, die sich über die Berufsgruppe bzw. Angehörigkeit zu einer Institution definiert. Diese Ebene sozialer Bindung spielte in den bisher besprochenen Belegen keine Rolle, die ausschließlich die Ebene der biologischen Verwandtschaft und daraus resultierender Bezüge und gegenseitige Abhängigkeiten beschreiben. Die rundplastische Affirmation von institutionellen Beziehungen bleibt äußerst selten, obwohl sie für die Definition der Identität der Einzelpersonen von äußerster Wichtigkeit war, denn die Nennung eines Titels ist die Beschreibung der Zugehörigkeit zu einer Institution, vom Haushalt bis zum Tempel. Der "biologische" Aspekt der in Gruppenfiguren beschriebenen "Nähe" ist für die Gruppenfigur des AR aber prägend, andere Beziehungen wurden so kaum affirmiert. Für die Dreiergruppe aus der Anlage des mzj, die drei sonst in der Anlage nicht in Statuen belegte Personen abbildet, ist eine biologische Beziehung dabei nicht auszuschließen. Die Zugehörigkeit zur selben Institution war aber immerhin so wesentlich, daß sie in der Inschrift festgehalten wird.

8. M. E. können zwei weitere Belege dieser besonderen Form der Gruppenfigur zugeordnet werden: die Dreiergruppe von im Schreibersitz hockenden Personen mit auf der Brust gekreuzten Armen aus der Anlage des nb-m-Ax.t (7.129) und die vier männlichen Sitzfiguren aus einer unbeschrifteten Mastaba im Zentralfeld von Giza (7.130). In beiden Fällen sind nur Reste der Beischrift je einer der Personen erhalten. Eine der im Schreibersitz sitzenden Personen bei nb-m-Ax.t ist Hm-kA. Die Gruppe ist als frei gearbeitete Variante der sonst als Felsfiguren belegten Gruppen "teilnehmender" Schreiber bzw. Angestellter des Grabherrn zu interpretieren (siehe Kap. 7.3.). Analog dazu ist eventuell auch die Gruppe der Sitzenden aus dem unbeschrifteten Grab als Reihung verschiedener Personen die am Kult teilhaben anzusehen. Die sitzende Position weist sie aber als Empfänger des Kultes, nicht nur als Teilnehmer aus. In welcher Beziehung sie zur Hauptbestattung stehen, muß offen bleiben.

Diese Kombination der Abbilder mehrerer männlicher Personen auf einer Basis ist nicht als Gruppenfiguren im engeren Sinne zu interpretieren. Die Gruppenfigur affirmiert die soziale Kerngruppe (Familie), während die Gruppierung verschiedener männlicher Personen andere soziale Gruppenbildungen affirmiert, die auch eine außerbiologische, institutionelle Basis haben. Damit verschiebt sich auch die Funktion und der Ort dieser Statuen im funerären Kult; die Dreiergruppe des mzj wurde im Serdab gefunden, die beiden anderen aber im offenen Bereich der Kapelle<387>. Auch die schon besprochenen Felsstatuen von Schreibern in Elitegräbern der späten 4.


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Dynastie sind als solche Gruppenfiguren anzusehen, in denen der Index "Nähe" die Zugehörigkeit zu einer Institution, aber nicht zu einer "Familie" ausdrückt.

9. Pseudo-Gruppen als ein besonderer Typ vervielfältigter Statuen in Periode IV sollen im folgenden Kapitel separat besprochen werden. Gruppenfiguren in Verbindung mit Pseudo-Gruppen treten in der Regel in solchen Ensembles auf, in denen auch weitere ungewöhnliche Statuentypen belegt sind. Bei der Kombination von Pseudo-Gruppe zu Ensembles<388>, die den Gruppenfiguren vergleichbar sind, gibt es zwei Varianten:

  1. Eine Gruppenfigur von Typ IV oder V (Gruppenstand- oder Gruppensitzfigur, bei pn-mrw sogar mit Nebenfiguren) wird mit einer weiteren Statue des Mannes im selben Darstellungstyp wie in der Gruppenfigur<389> oder in einem anderen Darstellungstyp<390> kombiniert. So entsteht eine Statue, die der Kombination einer Gruppenfigur mit einer Einzelfigur entspricht. Die zur Gruppenfigur zählenden Personen berühren sich, während die "dazugestellte" Statue unberührt bleibt. Das entspricht der Kombination von einer Gruppenfigur mit einer weiteren Statue des Mannes, wie es in Serdaben häufig mittels Einzelfiguren geschieht. Innerhalb dieser Komposition bleibt der spezifische Charakter der Gruppenstatue erhalten. Sie beschreibt eine soziale Beziehung zwischen den sich berührenden bzw. als Haupt- und Nebenfiguren (Kinder) dargestellten Personen auf der Ebene der Kernfamilie. Der männliche Teil der Gruppe wird dazu in einer weiteren Statue nach "symbolischem" (bei gleichem Statuentyp) oder "analytischem" (bei verschiedenen Statuentypen) Prinzip vervielfältigt.
  2. Eine Pseudo-Gruppe, die den Dargestellten zweimal auf dieselbe Weise ohne gegenseitige Berührung abbildet, wird mit einer weiteren Figur verbunden<391>. Hier liegt keine Verbindung mit einer Gruppenfigur im oben besprochenen Sinne vor, sondern die Kombination einer Pseudo-Gruppe mit einer Einzelfigur. Im Fall der Gruppe des mr-sw-anx stellt jede Figur dieselbe Person dar, in den übrigen Fällen wird die Pseudo-Gruppen mit der Abbildung einer anderen Person kombiniert.

In beiden Fällen ist das zugrundeliegende Prinzip das der Bildung von Pseudo-Gruppen: Rundplastische Abbildungen ein und derselben Person werden auf einer gemeinsamen Basis kombiniert. Die rundplastischen Abbildungen können vom selben Statuentyp sein (Pseudo-Sitz- und Pseudo-Standgruppe), oder von verschiedenen Typen, also eine Kombination von Sitz- und Standfigur oder von Stand- bzw. Sitzfigur und Gruppenfigur. Die Gruppenfigur gilt in diesem Fall also als eine übliche Darstellungsform der Person (in der Regel des Grabherrn), die in der Pseudo-Gruppe ein vervielfältigtes Abbild besitzt. Das ist ein Indiz dafür, daß in der Gruppenfigur vor allem eine Person (gewöhnlich der Mann) beschrieben wird, der die anderen Figuren durch Berührung bzw. die Darstellung als Nebenfigur zugeordnet sind.


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9.6 Exkurs: Statuenstiftung, reliefierte Sitzflächen und die Funktion der Nebenfigur<392>

(Tab. 8)

1. Die Gruppenfigur verbindet Abbildungen von Personen auf zwei funktional verschiedenen Ebenen. Die Gruppierung der Hauptfiguren dient der Beschreibung einer besonderen Entität, die durch die "Nähe" der Personen zueinander konstituiert wird. Auf einer wesentlich anderen Ebene werden die als kleine Nebenfiguren dargestellten Personen den Hauptfiguren zugeordnet. Es wurde oben versucht, die ihnen zukommende Funktion als die der Teilnahme am Kult der Hauptfigur(en) und der Absicherung des Kultes durch die biologische Kontinuität zu erklären. Im folgenden sollen einige Belege für Beschriftung und Dekoration an Sitzflächen von Gruppen- und Einzelfiguren besprochen werden, die diese These untermauern und präzisieren können.

2. Stiftungsvermerke auf Statuen treten nur selten auf. Die Seltenheit dieser Vermerke auch auf anderen Elementen der Grabausstattung macht es wahrscheinlich, daß der größere Teil der Ausrüstung vom jeweiligen Grabherrn zu Lebzeiten selbst in Auftrag gegeben und erworben wurde, wie es entsprechende Vermerke über die Zahlung der Handwerker ebenfalls belegen<393>. Bei den Statuen (oder anderen Gegenständen), die einen Stiftungsvermerk tragen, ist besonders angegeben, daß sie dem jeweiligen Grabherrn von einem Stifter in die Anlage gegeben wurden, was zu Lebzeiten des Grabherrn geschehen sein kann (so wie es mit Objekten geschah, die der König stiftete), aber auch nach dessen Tod. Ein früher Beleg für eine Statuenstiftung ist der auf dem Fragment einer Standfigur der mr=s-anx III. erhaltene Text (8.1). Der Stifter ist ihr ältester Sohn, wie auch drei weitere Belege für Stiftungsvermerke auf Einzelstatuen den Sohn als Stifter nennen (8.2; 8.4; 8.5). Bemerkenswert ist der Beleg einer Stiftung durch einen sn-D.t, was die Bedeutung dieser Position als "Titularsohn", als mit der Durchführung des Totenkultes und damit Übernahme aller Rechte und Pflichten eines Sohnes verbundene soziale Stellung belegt (8.3).

3. Für die Interpretation von Nebenfiguren sind nun solche Gruppenfiguren interessant, die einen Stiftungstext tragen, die stiftende Person aber ebenfalls abbilden. Vier solche Fälle sind in der Belegliste aufgeführt. Die Gruppensitzfigur des xwfw-anx und einer Frau wurde von seinem Sohn gestiftet, der selbst als nackte Knabenstandfigur in der Position einer Nebenfigur dargestellt ist (8.6). Ebenso läßt sich die Gattin des zTw als kleine hockende Nebenfigur neben der Statue ihres Mannes abbilden, die sie selbst gestiftet hat (8.7). Die Rolle des Sohnes und der hockenden Gattin ist über den Stiftungstext recht deutlich ausgedrückt: Sie sorgen für den ordnungsgemäßen Kult des Grabherrn und dessen Ausstattung. Als Nebenfiguren können sie sich dabei selbst abbilden


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lassen, denn sie nehmen am Kult teil, in privilegierter Position. So bleibt die Beziehung zum Verstorbenen eine so enge, wie sie die Statue auch zeigt. Besonders für den Sohn des xwfw-anx ist anzunehmen, daß er zum Zeitpunkt der Stiftung das Kindesalter lange hinter sich gelassen hat; dennoch wird er in der, seine Position als Verantwortlicher für den Kult beschreibenden, Kinderikonographie abgebildet.

4. Die Gruppenfiguren des ra-Htp (8.8) und des anx-jr-ptH (8.9) setzt die Personen in anderer Weise in Beziehung. Es wurde oben schon angedeutet, daß man den Statuentyp III auch als eine Hauptfigur mit "aufgestandener" Nebenfigur interpretieren kann, wodurch die neben dem Sitz stehende Person eine Art Zwischenposition zwischen Nebenfigur und Hauptfigur einnimmt, zumindest in den frühen Beispielen dieses Statuentyps. Die Inschrift der Gruppe des ra-Htp ist nur fragmentarisch, kann aber bedeuten, daß der Sohn hier mit seiner Mutter abgebildet ist, der er diese Statue gewidmet hat. Daß die Berührung vom Sohn ausgeht, bezeugt ebenfalls, daß die Statue der Frau der eigentliche Fokus der rundbildlichen Affirmation ist.

Aufwendiger ist die Statue des anx-jr-ptH gestaltet. Seine Gattin steht neben dem sitzenden Grabherrn, zwei Söhne und eine Tochter sind auf den Seiten des Sitzes der Statue im Relief abgebildet. Die Größe der Frau übersteigt die einer Nebenfigur. Der ausführliche Stiftungstext beschreibt die Gattin zwar als Stifterin und damit Garantin des Kultes, offensichtlich hat sie sich in dieser Statue aber auch selbst ein Medium des Kultempfanges geschaffen und tritt so als Hauptfigur auf. Da in den wenigen hier aufgeführten Belegen die stiftenden Frauen immer auch rundbildlich auftreten - was bei stiftenden Söhnen nicht immer belegt ist -, kann sogar angenommen werden, daß auch bei einer Statuenstiftung durch die Gattin die schon oben erwähnte ambivalente Rolle der Frau im Kult des Mannes beschrieben wird. Einerseits ist sie in den Kult des verstorbenen Gatten als trauernde Witwe, als Mutter der folgenden Generation und sogar Stifterin einer Statue involviert und damit Nebenfigur. Andererseits bildet sie das Pendant bei der Beschreibung der sozialen Verbindung von Grabherr und Gattin und ist so Hauptfigur.

Interessant sind die Reliefs der Kinder auf dem Sitz des anx-jr-ptH, die über diese bildliche Affirmation ebenfalls dem Kult an der Statue beiwohnen, mit auf die Brust gelegter Hand, die als "teilnehmende Geste" in untergeordneter Position schon oben besprochenen wurde (siehe Kap. 8.4.6.). Hier sind die Kinder nicht als rundplastische Nebenfiguren in die Gruppenfigur aufgenommen, sondern als Flachbilder. Bemerkenswerter Weise hat man dabei auf die im Rundbild übliche Kinderikonographie verzichtet - auch im Flachbild der Grabdekoration treten seit Periode IV.b die sorgenden Nachkommen kaum noch als "Kinder" auf. Die Kinderikonographie der Nebenfiguren ist also ein Element, das auf die Entstehung des Statuentyps in der späten Periode III verweist, in der im Flachbild die Kinderikonographie weitaus konsequenter verwendet wird. Auf der Rückseite des Sitzes wird der rituelle Rahmen der Anwesenheit der Nebenfiguren genauer beschrieben. Männer schlachten ein Rind; es findet ein Speiseopfer statt, das der sitzende Grabherr empfangen soll.


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5. Sechs weitere Statuen tragen an den Seiten des Sitzes vergleichbare Darstellungen (8.10 - 8.15). Auch hier sind in mehreren Fällen die Personen als Kinder der Hauptfigur ausgewiesen. Neben dem einfachen Anwesend-Sein wird auch die Tätigkeit abbgebildet, die der Sohn im Rahmen des Kultes durchzuführen hat: auf der Statue des r-r-mw ist sein Sohn beim Räuchern zu erkennen (8.12). In anderen Fällen sind Speisegabenbringer abgebildet, wodurch die Bilder ebenfalls in direkten Zusammenhang mit dem Kult an der Statue gerückt werden. Solche Darstellungen entsprechen der Tendenz, im Flachbild immer mehr zur Affirmation des tatsächlichen Ritualgeschehens überzugehen. Damit wird die Statue in ihren praktischen Zusammenhang gerückt, der sonst nur durch die "Anwesenheit" der Nebenfiguren im Rundbild angedeutet ist. Sehr bemerkenswert ist in dieser Hinsicht die Statue des sxm-kA (8.10), die, wie die Gruppe des snb oder die Triade des ra-wr, in sehr interessanter Weise die ikonographischen Möglichkeiten einer Gruppenfigur aktiviert. Der Grabherr sitzt und hält einen aufgerollten Papyrus auf dem Schoß, der mit den elf ersten Eintragungen der Opferliste beschriftet ist. Schon dadurch ist ein Bezug zum Opferritual hergestellt, darüber hinaus ist die Sitzfigur auch mit der Position des Grabherrn als "Schreiber / Residenzangehöriger" ikonographisch indiziert. Eine Frau hockt zu seiner Rechten; sie ist nicht als Gattin beschriftet, aber bildet diese sehr wahrscheinlich ab. Zur Linken des Grabherrn befindet sich an der Sitzvorderseite das Relief eines Mannes nach links, zum Grabherrn, der einen Lotos hält. Der Mann ist mit Titel und Name beschriftet; es ist anzunehmen, daß es sich um den Sohn handelt<394>. Der Lotos ist ein im Festritual in Giza belegtes Symbol, das der Sohn als Zeichen der Kommunikation dem Grabherrn reicht - auch hier ist der rituelle Zusammenhang also angedeutet (siehe Kap. 20.2.2.1). An den Seiten des Sitzes sind Männer mit Speiseopfern abgebildet, auf der Rückseite solche mit Ritualgaben, darunter auch einer beim Räuchern. Die Statue vereinigt in sich also die bildliche Affirmation des Grabherrn als Opferempfänger in seinem Grab mit der des Ritualvollzuges und der Darstellung der beiden wichtigsten Teilnehmer: wohl der Gattin und dem Sohn. Da die Frau aber im Gegensatz zum Sohn rundplastisch dargestellt ist, ist ihre Position, ähnlich dem Statuentyp III, hervorgehoben - sie nähert sich einer Hauptfigur an.

Festzuhalten ist, daß bei den Darstellungen im Flachbild alle Handlungen an den Sitzseiten in derselben Richtung durchgeführt werden, in der auch die Hauptfigur ausgerichtet ist, sich "logisch" aber zur Hauptfigur hin richten (erkennbar am vermutlichen Sohn des sxm-kA mit Lotos). Das entspricht der schon oben diskutierten Ausrichtung der Nebenfiguren, die ebenfalls nicht impliziert, daß die kleinen Figuren als Kultempfänger anzusehen sind, sondern als Teilnehmer.


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9.7 Gruppenfiguren - Zusammenfassung

1. In der Gruppenfigur wurde eine Darstellungsform entwickelt, die in komplexer Art und Weise Personen in Beziehung zueinander setzt. Dabei übernahm das Rundbild eine Reihe von schon etwas früher entwickelten Konventionen des Flachbildes, solche Beziehungen auszudrücken (Posen der Berührung, Arten der Gruppierung durch Groß und Klein / "Bedeutungsperspektive", Ikonographie der Kinder) und kombinierte sie mit bekannten Typen von Rundbildern (primär: Sitzfigur, Standfigur, hockende Frau; sekundär: Standfigur mit Vorbauschurz, Nacktfigur<395>). Ein Element der Gruppenfigur entwickeln sich zu einer separaten Statuenform: die Knabenstandfigur.

2. Die ersten Belege der Kombination von Darstellungen mehrerer Personen in einer Statue datieren ab der zweiten Hälfte der 4. Dynastie. Sie treten im Umfeld der königlichen Familie auf und dienen dazu, die besondere Position und Rolle der weiblichen Angehörigen der Königsfamilie rundplastisch zu beschreiben. Die beschriebenen Rollen sind die der Gattin und der Mutter; diese Position des "Weiblichen" wird in sakramental überhöhter Form (Göttin) auch in königlichen Gruppenfiguren dargestellt.

3. Etwa gleichzeitig treten Gruppenfiguren in den Statuenensembles der Gräber von Frauen und von Männern der Königumgebung in der zweiten Hälfte der 4. Dynastie auf. Während in den Frauengräbern über den Typ der "echten" Gruppenfigur eine soziale Entität aus zwei ergänzenden Komponenten beschrieben wird, tritt in den Gräbern von Männern der "zuordnende" Typ der Gruppenfigur auf. Hier wird die Existenz der Hauptfigur über die Beschreibung des praktischen Hintergundes - Kontinuität der Generation und damit Sicherung des Kultvollzuges durch den Sohn - genauer definiert.

4. "Kombinierende" Gruppenfiguren sind ab der zweiten Hälfte der 4. Dynastie vor allem bei Angehörigen der mittleren Residenzschicht gebräuchlich. Sie kombinieren in der Regel die Affirmation der statischen sozialen Entität "Ehe" (Gatte und Gattin) mit der Affirmation der progressiven sozialen Entität "Familie" (Eltern und Nachkommen).

5. Gruppenfiguren treten in der Periode IV der funerären Praxis der Residenz vor allem in Serdaben / Statuendepots funerärer Anlagen auf. In Periode V geraten Gruppenfiguren außer Gebrauch.

6. Die grundsätzliche ikonographische Indizierung der Gruppenfigur ist "Nähe", ausgedrückt durch die gemeinsame Statuenbasis und häufig durch Berührung. Über diese Nähe wird eine soziale Realität beschrieben, die sich durch die Verbindung der abgebildeten Personen definiert. In so gut wie allen Fällen der Nutzung von Gruppenfiguren im funerären Bereich ist die Verbindung durch


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eheliche Vereinigung oder gegenseitige biologische Abkunft konstituiert. Die dadurch existierende Entität ist komplexer sozialer Natur und hat den Charakter einer überindividuellen Institution. Diese Institution wird in der funerären Praxis durch rituelle Handlungen realisiert, die im Rundbild ebenfalls durch den Index "Nähe" (häufig umgesetzt durch Berührung) ausgedrückt werden. Analoge Flachbilddarstellungen - auch auf den Seitenflächen der Sitze von Gruppenfiguren - können die Handlungen konkretisieren (Opferitual, Festritual).

7. In der Gruppenfigur werden die Dargestellten auf zwei funktionalen Ebenen verbunden.

  1. Hauptfiguren nehmen die Funktion des eigentlichen Kultempfängers wahr; sie bilden einen Verstorbenen ab, dessen Existenz in der Hauptfigur so affirmiert wird, wie es die entsprechenden Einzelfiguren (Sitz- und Standfigur) tun, die hier verbunden vorliegen. Üblich sind die beiden Grundbeschreibungen sitzend / versorgt und schreitend / aktiv. Über gegenseitige Berührungen werden Verbindungen zwischen den Hauptfiguren hergestellt. Diese Verbindungen bewegen sich auf der Ebene der Kernfamilie, im häufigsten Fall die Verbindung Gatte und Gattin, in einigen Fällen auch zwischen Eltern- und Nachkommengeneration.
  2. Nebenfiguren haben die Funktion von rollenindizierten Funktionsfiguren; sie bilden Personen ab, deren Anwesenheit in einem rituellen Zusammenhang die Voraussetzung ist, daß die in der Gruppenfigur affirmierte Entität konstituiert wird. Die so Abgebildeten besitzen in der Statue keine allgemeingültige Beschreibung ihrer Person und damit auch kein Medium des Kultempfanges. Vielmehr werden sie in einer sie auf eine bestimmte Rolle reduzierenden Weise beschrieben. Diese Rolle ist die der Nachkommen (Sohn oder Tochter) und, als ein Sonderfall, der "teilnehmenden" Gattin, was am ehesten der Witwenrolle gleichzusetzen ist.

8. Die beiden verschiedenen funktionellen Ebenen werden in den unterschiedlichen Typen der Gruppenfigur zum Zwecke der Beschreibung einer im jeweiligen rituellen Zusammenhang zu behandelnden Entität kombiniert. Der Zweck der Beschreibung bezieht sich dabei immer auf die Hauptfigur(en), sie stellt den oder die Toten dar, deren soziale Situation in der Gruppenfigur bildlich affirmiert und im Ritual praktisch realisiert wird. Tendenziell wird über sitzende Hauptfiguren deren versorgte Existenz im Grab beschrieben, über stehende Hauptfiguren Aspekte ihrer aktiven Wirksamkeit im Diesseits. Eine derartige Unterscheidung ist aber bei der Masse der Statuen aus Depotserdaben nicht mehr nötig; hier beschreibt die Gruppenfigur die soziale Situation der Hauptfigur(en) ganz allgemein.

9. Werden mehr als zwei Hauptfiguren in einer Gruppenfigur verbunden (Typ VI) liegen Sonderfälle vor, die entweder in der Kombination mehrere Generationen bestehen (Triaden), oder soziale Entitäten beschreiben, die nicht mehr allein die Institution der biologisch eng verbundenen Kernfamilie sind, sondern über z.T. außerfamiliäre Phänomene (Berufszugehörigkeit) konstituiert werden. Solche Fälle sind selten, ebenso wie die Kombination von Pseudo-Gruppe und Gruppenfigur (Typ VII). Hier liegt ein Prinzip der Gruppenbildung vor, das primär zur Bildung von Pseudo-Gruppen geführt hat: Darstellungen desselben Grabherrn werden vervielfältigt und auf einer gemeinsamen Basis kombiniert, wobei diese Statuen auch unterschiedliche Typen repräsentieren können, u.a. die Gruppenfigur.

10. In den Gruppenfiguren wird die Position und Rolle verschiedener Angehöriger einer sozialen


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Institution ausgesprochen präzise und dabei den konkreten Bedingungen angepaßt auch variabel beschrieben. Die Dynamik der Positionsbestimmung liegt in der Nutzung der prestigeindizierten Positionen der Figuren untereinander und der prinzipiellen Rollenverteilung von Haupt- und Nebenfiguren. Die Einführung der Gruppenfigur in der hohen 4. Dynastie ist als Produkt der sozialen Differenzierung der Residenzbevölkerung aufzufassen, wobei in der Gruppenfigur besonders die sozialen Positionen der Frauen in der Institution "Ehe" und die Bewegung der sozialen Institution "Familie" durch die Kontinuität der Generationen beschrieben werden (neue Positionen und Rollen von Männern werden in der Schreiberfigur und der Standfigur mit Vorbauschurz abgebildet).

11. Die Gattin eines Grabherrn besitzt in der funerären Praxis eine Doppelfunktion: Als Witwe spielt sie eine wichtige Rolle im Kult zur Erhaltung der Identität ihres verstorbenen Gatten; als Gattin ist sie Teil der durch ihn und sie konstituierten Kernfamilie. In Giza wird nach den vorliegenden Belegen so gut wie ausschließlich die Rolle als Gattin in den Gruppenfiguren thematisiert. In Saqqara bedient man sich differenzierterer Formen der Rollenbeschreibung der Frau, zumindest innerhalb der Elite. In Statuen vom Typ I und II tritt die Gattin als Nebenfigur auf und bleibt damit weitgehend auf ihre Rolle als Witwe und Garantin der Existenz des toten Gatten via funerären Kult beschränkt. Im Statuentyp III wird offensichtlich die Ambivalenz ihrer Position durch die Position als stehende Figur neben dem sitzenden Mann bildlich umgesetzt, die als Abbildung der Rolle als Witwe (Nebenfigur) und der Position als Gattin (Hauptfigur, Teil der Entität Kernfamilie) angesehen werden kann.

12. Aufgrund der wenigen beschrifteten Belege für Hauptfiguren, in denen die Beziehung der beiden Komponenten sicher definiert ist, bleibt es unsicher, in welchem Maße die Mutter des Grabherrn in Gruppenfiguren auftritt. Für sie kommt nur die Position der Hauptfigur in Frage, bei der Gruppenstandfigur (7.74.1:) steht sie in der weniger prestigeträchtigen Position zur Linken, was aber durch die "Inszenierung" des Serdabes und die Kombination mit der einmaligen Standfigur des Sohnes mit vorgestelltem rechten Bein relativiert wird . Die anderen beiden mit mw.t=f beschrifteten Belege sind Sonderfälle: die Triade des ra-wr (7.8) und die Statue vom Typ III.c (7.89). Ebenfalls die Mutter ist in den Gruppen der mr=s-anx III. (7.3) abgebildet, einmal sicher in der Position zur Rechten. Durch die Benennung des Mannes als zA=s ist zudem die in der Prestigeposition befindliche ppj als Mutter gesichert (7.62). Im Gegensatz zu den doch häufigen Belegen der Mutter ist der Vater des Grabherrn nur einmal in der Triade des ra-wr (7.8) in eine Gruppe eingebunden.

13. Söhne und Töchter sind fast ausschließlich als Nebenfiguren abgebildet. Über die in ihnen manifeste Kontinuität der Generationen ist die Existenz der Hauptfiguren via Kult abgesichert. Die Kinder werden regelmäßig in einer Ikonographie abgebildet, die den Aspekt der Generationenfolge auch visuell umsetzt und ihnen "dauernde Kindlichkeit" zuschreibt. Diese ikonographische Indizierung trägt zugleich die Bedeutung "Sohnschaft" und die darin konzeptualisierte Vorstellung


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von "Erbe" in sich. Die Selbstdarstellung als Sohn, z.B. bei Statuenstiftungen, drückt über die Verantwortlichkeit für den Kult der Eltern zugleich die Legitimation der Nachfolgerschaft aus.

Die Fälle, in denen von der Ikonographie oder Position als Nebenfigur abgewichen wird, sind als Sonderfälle mit strategisch motiviertem Hintergrund zu interpretieren.

14. Innerhalb des durch die ikonographischen Parameter definierten funktionalen Rahmens haben Gruppenfiguren eine außerordentlich große Potenz der individuellen Gestaltung einzelner Elemente. Die Gestaltung kann sich dabei auf stilistischer Ebene bewegen, z.B. der besonders eleganten Darstellung oder Variation des Ausdrucks der "Nähe" der abgebildeten Personen<396>, aktiviert aber auch die einzelnen Elemente der Gruppenfigur zum Ausdruck besonderer Realitäten. Über die Abstufung der Dimensionen und Positionen der Haupt- und Nebenfiguren oder überhaupt die Verwischung bestimmter rollenindizierter Elemente (Benennung oder Darstellung von Hauptfiguren als Kinder) können Lösungen gefunden werden, die zur Formulierung einer individuellen, ungewöhnlichen sozialen Situation dienen<397>. So ist die Gruppenfigur das Medium für strategische Ausdeutung rundplastischer Abbildungen par excellence.

15. Die Bildung von Statuengruppen - in Form von Gruppenfiguren, aber auch durch die Kombination von Statuen verschiedener Personen in einem Serdab - ist ein Charakteristikum der funerären Praxis der Periode IV. Innerhalb dieser Statuengruppen werden Personen und ihre Beziehungen untereinander abgebildet, deren Gruppenzugehörigkeit sich durch Teilnahme am funerären Kult in dieser Anlage definiert. Die Teilnahme besteht dabei darin, auf der einen Seite Empfänger des Kultes = Hauptfigur zu sein, auf der anderen Seite Garant des Kultes / Handelnder = Nebenfigur. Die Statuengruppen geben damit - wie die entsprechenden Flachbilder der dekorierten Kapellen - einen Eindruck der Struktur sozialer Kerngruppen der Residenz. Diese Kerngruppe besteht aus dem offensichtlich monogam auftretenden Mann und der ihm als Hm.t=f zugeordneten Gattin. Dazu treten die in der Regel als "seine" Nachkommen bezeichneten Kinder. In einigen Fällen werden die Eltern genannt, wobei die Mutter eindeutig überwiegt. Ein Fall nennt eine "Schwester"; ein Stiftungstext einen sn-D.t.

16. Es ist bemerkenswert, daß es offensichtlich keinen Titel gibt, der die Zugehörigkeit zu dieser Kerngruppe als soziale Institution bezeichnet, sieht man von dem als Angehöriger des D.t ab, der einen Sonderfall der Institutionalisierung darstellt. Die auftretenden Titel der Männer und zum Teil auch der Frauen beschreiben die Zugehörigkeit dieser zu einer oder mehreren Institutionen der Residenz. Im Gegensatz dazu gibt es für die Beschreibung der Institution "Kernfamilie" keinen Institutions-Titel; die Entität wird über den Anschluß der Frau, Mutter und Kinder an den Mann (Hm.t=f, mw.t=f, zA=f, zA.t=f) beschrieben. Die Position der Frau kann in späterer Zeit über die


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Beschreibung ihrer Rolle als Vorsteherin des Haushaltes (nb.t-pr) definiert werden<398>. Dem Haushalt der eigenen Frau wird der Mann nie in dieser Weise zugeordnet, die Institution pr ist also nicht mit der Kernfamilie gleichzusetzen, sondern weiter gefaßt. Bildlich umgesetzt findet der Anschluß der Gattin an den Gatten (Hm.t=f) in der Umarmung der Gruppenfigur seinen rundplastischen Ausdruck. Es ist ebenfalls signifikant, das "zuordnende" Gruppenfiguren vom Typ I und II, die die frühesten Belege für die Abbildung der sozialen Kontinuität der Generationen sind, von einer Ausnahme abgesehen nur mit männlichen Hauptfiguren belegt sind. Diese enge Bindung aller sozialen Bezüge an den Mann und die Gruppierung Vater (Hauptfigur) und Sohn (Nebenfigur) belegen, daß Patrilinearität ein grundsätzliches Prinzip der Bewegung sozialer Organisationen der Residenz im AR war. Demgegenüber deutet die gelegentliche Darstellung der Mutter in Gruppenfiguren an, daß die biologische Abkunft vor allem über die Mutter definiert wird. Mit der Mutter kann der Mann eine durch "Nähe" charakterisierte Gruppe bilden, während zum Vater das Verhältnis über die Rolle der Nebenfigur charakterisiert ist.

17. Zu den Bezeichnungen, die die Position der Personen innerhalb der Kerngruppe definieren, treten gelegentlich Bezeichnungen wie mrjj=f, die die geflissentliche Wahrnehmung der Rolle im Kult beschreiben - der "liebende" Sohn oder auch der "älteste" Sohn ist der, der den Kult garantiert. Bemerkenswert ist der Fall bei kA-p-nswt, einem hölzernen Ensemble aus Saqqara (7.91.2:). Die kleine Nebenfigur, die ohne Berührung hinter der Standfigur des Grabherrn steht, ist als jmAx(.w) n jt(=f) bezeichnet. Das Abhängigkeitsverhältnis wird also umgekehrt: nicht die Existenz des Vaters ist von der ordnungsgemäßen Durchführung des Kultes durch den liebenden Sohn abhängig, sondern die "versorgte" Position des Sohnes! In diesem Ensemble bahnt sich nicht nur formal das Ende der Gruppenfigur an, auch inhaltlich, vom Standpunkt des Ritual-Sinnes, läßt sich erahnen, warum die Gruppenfigur im Übergang zur Periode V außer Gebrauch gerät: Die in ihr affirmierte Entität der Kernfamilie und deren Reproduktion war für den Kult der Periode IV die unabdingbare Voraussetzung für die Weiterexistenz des Toten. In dem Maße, in dem der Tote sich selbstwirksame Mittel des Existenzerhaltes schafft, ist er vom Vollzug des Kultes durch Nachkommen unabhängig. Deren Position allerdings bleibt von der Legitimation ihrer Herkunft abhängig. Die Durchsetzung des Konzeptes des jmAx-Verhältnisses, das den Übergang zur Periode V kennzeichnet und seine Ursachen in der sozialökonomischen Entwicklung der Residenz hat, drückt auch der funerären Praxis den Stempel auf. Die Abhängigkeit des Individuums von der sozialen Kerngruppe wird aufgehoben durch die Abhängigkeit des Indiviuums von der übergeordneten (Residenz-)Institution, zu der das mit dem Terminus jmAx (xr nTr aA) bezeichnete Verhältnis besteht. Auch der Totenkult bildet eine solche Institution (D.t), die fallweise ganz der Aufsicht der Kernfamilie entzogen wird. Erkennbar wird diese Tendenz u.a. am Verzicht auf


170

Gruppenfiguren und der Entwicklung großer, selbstwirksamer Versorgungsinstallationen (Dienerfiguren, Modelle)<399>.


Fußnoten:

<313>

Shoukry 1951: 141-164

<314>

Harvey 1999:366

<315>

Vandier 1958: 240-246

<316>

Vandersleyen 1973: 14

<317>

Vandier 1958: 73-85

<318>

Ausnahme: Der einmalige Beleg einer weibl. Standfigur zwischen den Beinen einer männl. Sitzfigur, angeblich aus Giza (7.15).

<319>

Ein Beleg zeigt eine kleine weibliche Standfigur zur Linken der männl. Sitzfigur; Louvre A. 102 (7.79).

<320>

Keine Berührung bei BMFA 27.1122 (Typ V.a; 7.52), Louvre E. 25368 (Typ IV.a, 7.110), Gruppe des Spss-nswt und der nfr.t-jw=s aus der Anlage des anx-ma-ra (Typ IV.a; 7.25), MMA 51.37 (Typ. III.a; 7.107). Diese Statuen sind stets ohne Nebenfiguren.

<321>

Vandier 1958: 73f

<322>

Ausnahme: Hildesheim Inv. 1 (7.18): freie Hand der Frau zur Faust.

<323>

mr=s-anx III. und Htp-Hr=s, BMFA 30.1456 (7.3.1:)

<324>

Cherpion 1995: 33: auch im Flachbild selten nach Neuserre belegt.

<325>

Ausnahme: Berlin 12547 (7.114): freie Hand der Frau zur Faust.

<326>

Falke 1987. Berührung von Seiten des Mannes: BMFA 13.3164 (Typ. V.a; 7.42), CG 107 (Typ III.c; 7.89;), MMA 48.111 (Typ. V.a; 7.118). Die Handhaltung in Pose C impliziert eine Berührung durch den Mann: Leipzig 3155 (Typ V.a; 7.46), Cambridge E 42.1926 (Typ V.a; 7.51), CG 151 (Typ V.b; 7.95). Außerdem liegt eine Berührung durch einen Mann oft bei solchen Gruppenfiguren bzw. Gruppenfiguren in Kombination mit Pseudogruppen vor, die nur Männer darstellen.

<327>

Mutter: Gruppenstandfigur des pHn-ptH Wien KHM 7502 (7.74.1:); Mutter und Vater benannt bei der Triade des ra-wr (7.8), eventuell die Mutter in der Gruppe des ra-wr CG 107 / 312 (7.89)

<328>

Gruppenstandfigur Cambridge E. 42.1926 (7.51)

<329>

Gruppe der ppj Hildesheim 17: zA=s (7.62), Gruppenstandfigur des mr-sw-anx mit Töchtern JE 66617: zA.t=f (7.71.3:), Gruppenstandfigur CG 150: zA=f (7.122)

<330>

Hölzerne Gruppe JE 67369 (7.91.2:)

<331>

Vandier 1958: 75 Anm. 2 + 3, 76 Anm. 1.

<332>

Ausnahme: keine Berührung bei CG 190 (7.77).

<333>

Ausnahme: Zwei hockende weibl. Figuren, eine als Gattin, eine als Tochter bei CG 44 (7.78).

<334>

Als Gattin beschriftet: Louvre A. 102 (7.79); ohne Beischrift: Hornemann 1951-1966: V. 1180 (7.15).

<335>

Hildesheim 17 (7.62), Brooklyn 49.215 (7.124.1:); unwahrscheinlich ist bei den beiden Pseudogruppen Leiden AST 9 (7.127) und Kopenhagen N.M. A.A.b 27 (7.128), daß es sich bei den großen nackten Standfiguren um Knaben handelt (s.u.).

<336>

Gruppenstandfigur in Turin Galleria Sabauda (7.121)

<337>

Gruppenstandfigur aus G 2099 (7.75.2:)

<338>

Nischenstele des pn-mrw (7.73)

<339>

Es ist im Fall von mehreren Gruppenfiguren innerhalb ein und desselben Ensembles belegt, daß die Frau einmal die Position zur Rechten und einmal zur Linken des Mannes einnimmt: mzj (7.68). Es handelt sich aber um die Darstellung von zwei verschiedenen Paaren. Siehe zum Problem Engelbach 1938: 296. Von 55 in der Belegliste aufgeführten "echten" Gruppenfiguren der Typen IV.a und V.a hat die Frau in 28 Fällen die Position zur Rechten und in 27 Fällen die zur Linken inne, mit etwa gleicher Verteilung auf die beiden Typen (zur Rechten: 10 mal bei IV.a und 18 mal bei V.a; zur Linken 8 mal bei IV.a und 19 mal bei V.a).

<340>

So bei der Gruppenfigur des pHn-ptH und seiner Mutter (Typ VII; 7.74.2:).

<341>

Vandier 1958: 74

<342>

Rössler-Köhler 1989: 236-265.

<343>

Siehe auch die Positionierung von Personen im Flachbild, wo in Leserichtung die prestigeträchtige Position "vorn" zugleich "zur Rechten" bedeutet. So in Darstellungen der sitzenden Paares in Speisetischszenen oder in der Positionierung von Söhnen vor (im Rundbild = rechts) weiteren Nachkommen / Töchtern hinter (= links) dem stehenden Grabherrn. Auch in der Darstellung einer Gruppenfigur im Flachbild im Grab des kA-jrr (Saqq.N, No. 160, Leclant / Clerc 1997: Tab. XIII, fig. 17) wird der Zusammenhang von "Rechts" und "Vorn" deutlich: die Gruppenfigur ist so abgebildet, daß vorn die männliche Standfigur steht, dahinter die weibliche Standfigur, die seinen rechten Arm erfaßt. Die Frau steht "zur Linken", dargestellt ist Pose A der Berührung.

<344>

Daß es einen Unterschied des Prestiges zwischen "Stehen" und "Sitzen" gibt, und welchen ist nicht gesichert. Auch bedeutet "aktive Berührung" nicht in jedem Fall ein geringeres Prestige als "Nichtberühren", wie die Position berührender Frauen zur Rechten oder in der Mitte zeigt.

<345>

Die Gruppe (7.74.2:) zeigt die Mutter in der Position zur Linken, was zwar als für Frauen üblich, für die Mutter aber ungewöhnlich angesehen werden kann. Die Situation klärt sich, wenn man die "Inszenierung" des Serdabes berücksichtigt (Brovarski 1997: pl. XLVII; siehe 14.50), in dem diese Gruppe so aufgestellt war, daß zur Linken eine Standfigur des Mannes stand. Diese Statue hat in sehr ungewöhnlicher Weise das linke Bein vorgestellt; m. E. ist diese Anomalie durch das Bemühen zu erklären, eine "gespiegelte" Figur der männlichen Figur von Gruppe (7.74.2:) anzudeuten. Damit kombiniert sich die Gruppe (7.74.2:) mit der Standfigur zu einer Gruppe entsprechend der Gruppensitzfigur (7.74.1:) - mit der Mutter in der Prestigeposition in der Mitte! Wie intensiv kontextuelle Bezüge bei der Interpretation von Statuen heranzuziehen sind, zeigt dieser Beleg recht deutlich; siehe auch Kap. 15.1.2.

<346>

Baud 1999: 48, es sind auch Fragmente gefunden worden, bei denen die Frau zur Rechten des Königs hockt; Baud loc.cit. nimmt an, daß es symmetrisch aufgestellte Gruzppen von je zwei Stauen gab.

<347>

Die Statue trägt keine Inschrift, die Benennung der weiblichen Figur als Königin xa-mrr-nb.tj (II.) geht auf Reisner 1931: 110 zurück, ist aber keineswegs gesichert. Es kann sich auch um eine andere Königin (Seipel 1980: 165) oder um die Mutter des Königs handeln. Rzepka 1998: 84-86 schlägt vor, aufgrund der Größe der Frau in ihr keine Königin oder Mutter zu sehen, sondern eine Göttin, konkret die Hathor. Diese Ansicht vertritt auch Stadelmann 1999: 176. Dem steht entgegen, daß in allen als Parallelen herangezogenen Gruppenfiguren des Mykerions die Hathor stets den prestigeträchtigeren Platz zur Rechten des Königs einnimmt oder im Zentrum der Gruppe thront (MFA 09.200; Seidel 1996: Taf. 8). Der prestigemindere Platz zur Linken käme eher einer rangniederen Göttin zu, für die dann aber ein eindeutiges Götterattribut zu erwarten wäre. M. E. bleibt die Deutung als Königin bzw. eher Mutter des Königs wahrscheinlich.

<348>

Siehe die Belege bei Seidel 1996: 10-12: König und katzenköpfige Göttin, 4. Dynastie; op.cit: 17-19: Chefren und Bastet.

<349>

Seidel 1996: 25-42

<350>

Eine Deutung königlicher Gruppenfiguren ist nicht Ziel dieser Arbeit, siehe dazu Seidel 1996: 57f.

<351>

Dazu: Troy 1986: 25-32, 44, 54-68 u. passim; Lohwasser 1997: 286-288.

<352>

So variieren die Triaden des Mykerinos die Posen der Berührung, von Varianten der Posen A, B und C bis hin zu keiner Berührung untereinander, siehe Seidel 1996: Taf. 5-8. Eine grundsätzliche inhaltliche Differenz zwischen den verschiedenen Berührungsposen und wohl auch der Pose des "sich-nicht-Berührens" liegt offensichtlich nicht vor. Es handelt sich in jedem Fall um eine Variante des ikonographischen Index "Nähe".

<353>

Einzige Ausnahme ist die Sitzfigur der xn.t (7.10) mit dem Sohn als Nebenfigur.

<354>

Staehelin 1966: 5f

<355>

Anders als Größenunterschiede zwischen Hauptfiguren, die sehr wohl einen Statusindex besitzen.

<356>

z.B. Medum, Anlage des nfr-mAa.t: Petrie 1892: pl. XXVI; Anlage des ra-Htp. op.cit.: pl. XII-XIV

<357>

Fischer 1977: 5

<358>

Z.B. in der in dieser Zeit formalisierten Fest-Ikone; z.B. BGM 1: fig. 8.

<359>

Harpur 1987: 78: 1.3.8.4. Family groups including tomb owner, his wife, and a child (or children) side by side.

<360>

Als Pendant zur hockenden Gattin: CG 44 (7.78).

<361>

Das ikonographische Vorbild diesers Statuentyps ist eventuell ebenfalls im Flachbild zu sehen; siehe das Fragment einer Darstellung des Snofru aus Heliopolis, mit drei kleinen Frauenfiguren zu Füßen der Sitzfigur (Smith 1946: 133, fig. 48; New York 1999: Nr. 7.C, 175f). Nach Stadelmann 1999: 172f handelt es sich dabei um die Abbildung einer Statue, was die Erfindung dieses Statuentyps um einiges vorverlegen würde. Da es sich um eine Abbildung aus dem wenig bekannten Bereich des Tempelkultes handelt, ist diese Annahme nicht unwahrscheinlich. In jedem Fall ist bereits in der Anlage des Djoser eine Art „gruppierende“ Statue aus vier Personen belegt, die zwar keine gemeinsame Basis, wohl aber den funktionalen Zusammenhang teilen op. cit.: 174, fig. 5).

<362>

Harpur 1987: 77: 5.3.8.2 Standing tomb owner and kneeling wife (or femal relative). Der erste Beleg einer neben dem Grabherrn hockenden Frau aber schon bei nfr-mAa.t in Medum (Petrie 1892: pl. XIX); dort auch die Darstellung der Kinder mit der "kindlichen" Ikonographie (Hand am Mund) an den Seiten der Scheintür und am Grabzugang (op. cit.: pl. XVII, XX, XXIV, XXVI).

<363>

Borchardt 1937: Bl. 19; Kairo 1986: Nr. 57; die südliche Scheintür, dem Kult des Grabherrn n-kA.w-Hr vorbehalten, ist CG 1416, Borchardt 1937: Bl. 20.

<364>

Zur Deutung der Umarmung von Gatte und Gattin als Symbol für geschlechtliche Vereinigung: Westendorf 1967: 145.

<365>

Cooney 1945

<366>

Die Gruppe befand sich im Serdab nördlich vom Zugang zur südlichen Kultstelle; der nördliche Teil der Anlage diente dem Kult des Grabherrn im Diesseits und wahrscheinlich dem Kult der Ahnen; siehe Kap. 18.3.4.2.

<367>

Vergleiche die oben besprochene nördliche Scheintür des n-kA.w-ra und der jHA.t, siehe Kap. 14.

<368>

Junker Giza III: Abb. 26; die Serdabe hinter den Scheintüren im Scheintürraum sind im Grundriß nicht markiert.

<369>

Junker Giza III: 71-76

<370>

Junker Giza II: Abb. 23; auch hier sind die Serdabe nicht markiert und von Junker nur im Text beschrieben.

<371>

Junker Giza VI: Abb. 21, 24

<372>

Junker Giza VII: Abb. 38; zu den Doppelserdaben: Hassan Giza V: 48; weitere Belege für "oberen" und "unteren" Serdab in Giza CF: Anlage des mr-sw-anx (Hassan Giza I: 113-117); eventuell in Saqqara W die Anlage des ptH-Htp: jj-n-anx (Hassan Saqqara II: 100). Siehe Kap. 15.1.1.3.

<373>

Die Zuschreibung eines weiteren Fragmentes einer Gruppenfigur aus dem Schutt der Umgebung durch Junker Giza VII: 93 ist spekulativ und wie auch die Postulierung der Existenz einer weiteren Statue nur durch die Größe des sonst leeren "oberen" Serdab motiviert.

<374>

Zur Verbindung von Gruppenfigur und Statue mit Vorbauschurz siehe Kap. 8.4.

<375>

So möglicherweise im Ensemble des ptH-Spss, dessen Statuen unbeschriftet sind (7.13). Inschriftlich gesichert z.B. im Ensemble von G 2009 / mzj (7.68).

<376>

Siehe z.B. die Prinzessinengräber der späten 4. Dyn. im Central Field von Giza und die "Prinzessinnenmastaba" in Abusir. Auch die folgenden Königsfriedhöfe (Unas, Teti, Pepi II.) beziehen separate Kultanlagen weiblicher Angehöriger mit ein. In Saqqara sind zudem nördlich gelegene Kultstellen der Frauen, die den Gatten nicht mit einbeziehen, häufiger belegt, als in Giza; z.B. die nördliche Scheintür der NS:L:2-Kapelle von D 44 / No. 13 (Mariette / Maspero 1889: 297f); die nördlich gelegene Scheintür CG 1415 aus Saqqara D 11 (Mariette / Maspero 1889: 196; Borchardt 1937: Bl. 19); die Scheintür der Gattin des Tjj (Steindorff 1913: Taf. 45). Siehe dazu auch Kap. 14.2.

<377>

Bei CG 44 (7.78) sind beide Frauen Hm(.t)-nTr Hw.t-Hr, die hockenden Frauen bei CG 21 (7.80), CG 62 (7.81), CG 190 (7.77), CG 314 (7.98) und ebenfalls die von CG 44 (7.78) sind rx.t-nswt.

<378>

Diese Doppelfunktion der Gattin im funerären Kult tritt erst in weitaus jüngeren Belegen deutlich hervor; es sei an die Rolle der Witwe erinnert, die als die der Isis sakramental ausgedeutet wird, oder die Darstellungen in Gräbern des NR, die einerseits die Frau als trauernde Witwe beim Begräbnis, dann aber selbst als verstorbene Gattin an der Seite des Mannes beim Gebet vor Osiris und beim Kultempfang zeigt (Barthelmess 1992: 99).

<379>

So entspricht die Pose der sitzenden Gattin, die den stehenden Tjj umarmt, formal der der Göttin Hathor in der Triade des Mykerinos BMFA 09.200 (Seidel 1996: Taf. 8).

<380>

Das separate Einfügen einer kleinen Figur in die Basis einer Gruppenfigur ist auch bei Steinfiguren belegt, z.B. München ÄS 7146 (7.112).

<381>

Ein ähnlicher Fall liegt bei k-Hr-s.t=f im Central Field von Giza vor, wo eine kleine männliche Standfigur in vergleichbarer Position vor einer Felsgruppenfigur aufgestellt gefunden wurde (Hassan Giza VI: pl. XXXI, XXXII).

<382>

Eaton-Krauss 1995: 62, Anm. 34

<383>

Schulz 1995: 123f; Rössler-Köhler 1989

<384>

Eaton-Krauss 1995: 58f

<385>

Als spekulative Lösung wäre anzubieten, in der Statue primär ein Standbild der ppj und ihres Sohnes zur Linken zu sehen. Die hervorgehobene Stellung der Mutter entspricht der in anderen Belegen. Die Statue wurde eventuell von einem Familienangehörigen mit Namen ra-Spss, z.B. dem Enkel, gestiftet, der sich als Nebenfigur und Garant des Kultes zur Rechten abbilden läßt. Dieser ra-Spss ist verwandschaftlich so weit von ppj entfernt, daß er seine Beziehung zu ihr nicht durch die einteilige Sequenz zA=s o.ä., die auf Statuen üblich ist, ausdrücken kann. Zu dem "erwachsenen" ra-Spss wird keine Beziehung hergestellt, da stets nur Beziehungen zur Hauptperson einer Gruppe beschrieben werden. Der stiftende ra-Spss kann durchaus dessen Sohn sein, aber auch in ganz anderer Beziehung zu den beiden Hauptfiguren stehen. Die gleichartige Benennung von zwei Söhnen der ppj als ra-Spss ohne unterscheidendes Srj o. ä. wäre ungewöhnlich.

<386>

Eaton-Kraus 1995: 63 verweist darauf, daß die beiden Darstellungen xnw ohne Locke und Finger am Mund, dafür aber in Schrittstellung und beschnitten zeigen, was alles nicht auf eine Kinderdarstellung paßt.

<387>

Nicht auszuschließen ist die von Eaton-Krauss 1995: 60-62 vorgeschlagene Deutung der beiden letzten Gruppen als Pseudo-Gruppen. Für die Pseudo-Gruppe spricht die fehlende Berührung der Personen, im Gegensatz zur Dreiergruppe aus der Anlage des mzj. Diese wurde in einem Serdab gefunden, was eine biologische Beziehung zwischen den Abgebildeten, über die institutionelle hinaus, wahrscheinlich macht, so daß die Berührungspose als Affirmation dieses Umstandes gedeutet werden kann. Wenn bei den anderen zwei Gruppen diese biologische Beziehung fehlt, ist das Fehlen der Berührung plausibel.

<388>

Eaton-Krauss 1995: 73f: pseudo-groups incorporating family members, Cat. 26-32

<389>

Nischenstele des pn-mrw (7.73), Gruppe aus Schacht 151 + 145 Giza CF JE 66616 (7.72), Gruppe des pHn-ptH BMFA 13.4330 (7.74.2:)

<390>

CG 101 (7.126)

<391>

Gruppe des DADA-m-anx JE 37826 (7.76); Dreier-Pseudogruppe des mr-sw-anx JE 66618 (7.71.1:), Leiden AST 9 (7.127), Kopenhagen N.M. A.A.b. 27 (7.128).

<392>

Shoukry 1951: 97f

<393>

Ein solcher Vermerk ist auch auf einer Statue erhalten: Sitzfigur des mmj, Leipzig 2560 (14.19.2:).

<394>

James 1963: 8, Anm. 4; er verweist auch darauf, daß an dieser Position sonst oft das Rundbild einer kleinen Knabenstandfigur auftritt.

<395>

Ein Ausnahmebeleg ist die Kombination einer Schreiberfigur und einer weiblichen hockenden Figur (5.7).

<396>

Cherpion 1995

<397>

Rössler-Köhler 1989

<398>

Der Titel nb.t-pr ist im AR aber offensichtlich nicht sehr gebräuchlich, Junker Giza XII verzeichnet ihn nicht im Index der Titel, PM III: 923 verzeichnet den Titel zwar unter Nr. 365, gibt aber nur einen Beleg auf der Statue JE 37718 aus G 1039 (13.12.4:) an. Fischer 1976: 76 gibt an, daß der Titel erst ab der 12. Dyn. gebräuchlich ist.

<399>

Die Typen von Gruppenfiguren des AR sind von denen des MR verschieden; im MR sind besonders Gruppierungen sehr vieler Familienmitglieder (drei und mehr) typisch (Vandier 1958: 240-246), was noch deutlicher auf den "Familienstelen" dieser Zeit wird. Es scheint im MR eine veränderte Form der Repräsentation der sozialen Kerngruppe vorzuliegen als in der Residenz des AR. Siehe dazu die Untersuchung von Franke 1983, der op.cit.: 175f zwar davon ausgeht, daß grundsätzlich die Struktur der sozialen Kerngruppe im AR und MR gleich ist, aber ebenfalls op.cit.: 154f darauf verweist, daß die konkrete Benennung von Verwandtschaft eine bewußte, praktische Bezugnahme ist, d.h. die Konstruktion von Verwandtschaft ein kulturelles Produkt darstellt. Die Spezifik der Präsentation der sozialen Kerngruppe in der Residenz des AR gerade auch im Gegensatz zur Struktur der sozialen Kerngruppe im MR sollte daher nicht als Zufall, sondern als Kriterium der Deutung sozialer Besonderheiten der Residenz des AR gewertet werden.


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