5 Diskussion

5.1 Einfluß von NS-398 auf Proliferation und Apoptose von Ovarialkarzinomzellinien

5.1.1 NS-398 führt in den untersuchten Zellinien OVCAR-3 und SKOV-3 zu Proliferations-hemmung durch Akkumulation der Zellen in der G0/G1-Phase

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NS-398 führt sowohl in der COX-2-positiven Zellinie OVCAR-3 als auch in der COX-2-negativen Zellinie SKOV-3 zu einer dosisabhängigen Abnahme der Proliferation sowohl unter Bedingungen, bei denen die COX-2-Expression durch IL-1ß-Gabe hochreguliert ist als auch ohne diese Stimulation. Diese Ergebnisse sind mit den Ergebnissen von Rodriguez-Burford et al. über die Wirkung von NSAIDs auf Ovarialkarzinomzellinien vergleichbar [91]. In Übereinstimmung mit anderen Arbeiten, in denen die Wirkungen von NSAIDs auf Tumorzellen untersucht wurden (vgl.5.2.:Tab.7), konnten auch in diesen Versuchen Effekte erst mit relativ hohen Konzentrationen erreicht werden. Die IC50 von NS-398 wird für die COX-2 mit 0,35µM angegeben; 80% des COX-2-Enzyms sind bei 1µM inhibiert. Bei einer Konzentration von 6,9µM NS-398 wird bereits die IC50 der COX-1 erreicht. Die IC80 der COX-1 wird mit 65µM angegeben [15]. Signifikante Proliferationshemmungen konnten in der vorliegenden Arbeit erst ab 10µM (mit IL-1ß) bzw. 50µM (ohne IL-1ß) bei OVCAR-3 erzielt werden. Diese hohen Konzentrationen lassen an einer Rolle des COX-2-Proteins bei der Proliferationsinhibition zweifeln.

Zusätzlich wurde im PGE2-ELISA gezeigt, daß der Inhibitor NS-398 bereits bei 1µM die

COX-2 bzw. deren PGE2-Produktion vollständig hemmt. Die PGE2-Produktion dient als verläßlicher Parameter für die COX-2-Aktivität in den OVCAR-3-Zellen, denn mittels der siRNA-Transfektion wurde nachgewiesen, daß nur die COX-2-siRNA die PGE2-Produktion vermindern konnte, während die COX-1-siRNA keinen Einfluß darauf hatte. Somit kommt nur die COX-2 als Quelle der PGE2-Produktion in den OVCAR-3-Zellen in Betracht.

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Die PGE2-Produktion war zwar durch die COX-2-siRNA nicht so stark reduziert worden wie durch NS-398, aber signifikant im Vergleich zu Lamin A/C-siRNA und COX-1-siRNA. Eine Ursache dafür kann in der nicht hundertprozentigen Transfektionseffizienz liegen. Außerdem hat die Ausschaltung der mRNA einen naturgemäßen Zeitaufschub gegenüber der direkten medikamentösen Proteinhemmung. Zum Zeitpunkt der Transfektion ist ja bereits eine gewisse Menge Protein in der Zelle vorhanden, das weiterhin PGE2 bilden kann.

Mehrere Arbeiten zeigen, daß durch Zugabe von PGE2 der proliferationshemmende oder apoptotische Effekt von NSAIDs zumindest teilweise reversibel ist [33,60].
Der in diesem Zusammenhang von einigen Autoren geäußerten Vermutung, daß der Entzug von Prostaglandin E maßgeblich für die NSAID-induzierte Wachstumshemmung verantwortlich ist, muß im hier untersuchten Modellsystem der Ovarialkarzinomzellinien OVCAR-3 und SKOV-3 in mehreren Punkten widersprochen werden:
1. Die Diskrepanz zwischen der zur PGE2-Reduktion notwendigen Konzentration von NS-398 (1µM) und der zur Wachstumshemmung erforderlichen (mindestens 10µM) spricht dagegen.
2. Die durch NS-398 induzierte Proliferationshemmung konnte nicht durch exogene PGE2-Gabe aufgehoben werden.

Damit wird nicht der Aussage widersprochen, daß PGE2 am Zellwachstum essentiell beteiligt ist. In beiden Zellinien ließ sich unter PGE2 ein vermehrtes Wachstums im XTT-Test nachweisen. Für SKOV-3 und eine andere Ovarialkarzinomzellinie war dieser PGE2-Effekt zuvor gezeigt worden [99].

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Mit den bisherigen Ergebnissen kann andererseits keine Aussage darüber getroffen werden, ob möglicherweise andere Prostaglandine am Zellüberleben essentiell beteiligt sind, deren Konzentrationen durch COX-Inhibition stark vermindert werden könnten. Bereits einleitend erwähnt wurde die Rolle von Prostacyclin und dessen positiv stimulierende Funktion als Ligand an dem für die Zellproliferation wichtigen Transkriptionsfaktor PPARδ. Möglich wäre, daß es durch das Fehlen von bestimmten Prostaglandinen bzw. durch die veränderte Zusammensetzung des Prostaglandinspektrums in der Zelle zu PPAR-vermittelter Wachstumshemmung kommt.
Es gibt weiterhin die Vermutung, daß die NSAID-induzierte Proliferationshemmung durch die gleichzeitige Inhibition beider COX-Isoformen zustande kommt. Dagegen spricht die Tatsache, daß in den vorliegenden Untersuchungen die COX-negative Zellinie SKOV-3 ähnlich auf NS-398 reagiert wie die COX-positiven OVCAR-3-Zellen.
Auch Indomethacin, ein unselektiver COX-Inhibitor, konnte die Proliferation der Zellen erst weit oberhalb der IC80 beider Isoformen inhibieren (OVCAR-3 bei 50µM; SKOV-3 bei 500µM). Die IC50 von Indomethacin wird für die COX-2 mit 1,0µM angegeben. 80% des COX-2-Enzyms sind bei 5µM inhibiert. Bei 0,013µM Indomethacin liegt bereits die IC50 der COX-1. Die IC80 der COX-1 beträgt 0,46µM [15].

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, daß es sich bei der Proliferationshemmung um einen COX-1- und COX-2- und somit auch Prostaglandin-unabhängigen Mechanismus handelt und weisen auf ein non-COX-Target hin.

In beiden Zellinien akkumulieren die Zellen in der G0/G1-Phase des Zellzyklus. Dieser G0/G1-Arrest bietet eine plausible Erklärung für die aufgetretene Proliferationshemmung unter NS-398-Gabe. Damit geht eine deutliche Abnahme der S-Phase einher. Diese Ergebnisse sind mit den bereits von einigen Arbeitsgruppen gefunden Hinweisen für einen G1-Arrest durch NS-398 vereinbar (vgl. 5.2:Tab.7). Die eingesetzten Konzentrationen sind auch hier wesentlich höher als die zur COX-1- und COX-2-Proteinhemmung notwendigen.

5.1.2 Die Transfektion von OVCAR-3 mit COX-1- bzw. COX-2-siRNA bewirkt keine Proliferationshemmung

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Weder die Ausschaltung der COX-1 noch der COX-2 durch siRNA führte zu Veränderungen der Proliferationsrate oder der Zellzyklusdistribution. Mit diesen Untersuchungen können die Ergebnisse von Toyoshima et al. nicht bestätigt werden, die fanden, daß durch COX-2-Antisense-Ausschaltung in Plattenepithelkarzinomzellinien ein G1-Arrest induziert wurde [100]. Diese unterschiedlichen Ergebnisse beruhen möglicherweise auf den verschiedenen Zellsystemen und den angewandten Methoden der Genausschaltung.

5.1.3 NS-398 bewirkt keine Apoptose in den Zellinien OVCAR-3 und SKOV-3

NS-398 führte in Konzentrationen bis zu 200µM in keiner der beiden hier untersuchten Zellinien zu Apoptose oder Nekrose (vgl. 4.1.1). Die maximale Konzentration lag bereits über den von anderen Arbeitsgruppen zur Induktion von Apoptose eingesetzten Dosen, die in anderen Modellsystemen durch NSAIDs Apoptoseinduktion in Tumorzellen zeigen konnten (vgl. 1.1.7:Tab.4).

Außerdem gibt es parallel zu dieser Arbeit mehrere Untersuchungen, in denen bei NS-398-Konzentrationen bis zu 100µM keine Apoptose beobachtet werden konnte, dagegen jedoch eine deutliche Proliferationshemmung als Ursache für die Abnahme der Zellzahl gefunden wurde [101,102].

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Weiterhin konnte in den vorliegenden Experimenten auch keine nekrotische Zellschädigung durch NS-398-Gabe nachgewiesen werden. Dies ist von Bedeutung, da die Autoren Subbegowda und Frommel in ihrer Arbeit gezeigt hatten, daß es sich bei dem Zelltod von Kolonkarzinomzellen durch Aspirin um Nekrose und nicht Apoptose handelte [103].

Im Gegensatz zur alleinigen NS-398-Applikation ohne nekrotische Effekte, ließ sich jedoch durch IL-1ß zytotoxische Nekrose bei den OVCAR-3 induzieren. In der Kombination von IL-1ß mit 200µM NS-398 erhöhte sich diese Zytotoxizität in beiden Zellinien um ca. 30 %.

Es ist bereits seit längerem bekannt, daß IL-1ß eine wichtige Rolle bei der Ovulation spielt. Dieser Prozeß erfordert sowohl Gewebsreifung als auch Zelltod. Zytotoxische Effekte durch Applikation von IL-1ß auf Ovarialdeckepithelzellen von Ratten [104], aber auch Apoptoseinduktion durch kombinierte Gabe von IL-1ß mit Interferon-γ (IFN-γ) und Tumornekrosefaktor-α wurden zuvor beschrieben. Die vermehrte Apoptose konnte mit der Induktion der iNO-Synthase begründet werden [105].

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Der Einsatz von Zytokinen in der Therapie von Ovarialkarzinomen wurde für Interleukin-1α [106] und IFN-γ [107] bereits in klinischen Studien untersucht mit Hinweisen auf eine verbesserte Wirkung der Chemotherapie gegen das Tumorwachstum. Für IL-1ß ist bisher nichts über klinische Anwendungen in der Behandlung von Krebserkrankungen bekannt. Dazu bleiben weitere experimentelle Studien abzuwarten. Die hier beobachtete vermehrte Zellnekrose durch zusätzliche Gabe von NS-398 kann vielleicht mit der durch COX-2-Inhibitoren bewirkten Sensibilisierung für apoptotische Stimuli erklärt werden, auf die später noch eingegangen wird.

5.1.4 Die Transfektion von OVCAR-3 mit COX-1- bzw. COX-2-siRNA bewirkt keine Apoptose

Die Transfektion der OVCAR-3-Zellen mit COX-1 bzw. COX-2-siRNA führte nicht zu vermehrter Apoptose gegenüber der Transfektionskontrolle.

Aus diesen und den oben genannten Ergebnissen läßt sich ableiten, daß die Inhibition der COX-2 mit großer Wahrscheinlichkeit für die Apoptoseinduktion in den OVCAR-3-Zellen keine Rolle spielt. Ähnliche Ergebnisse enthält die Arbeit von Song et al. [108], wo durch Ausschaltung der COX-2 in Prostatakarzinomzellen mit der Antisense-Methode ebenfalls keine Apoptose beobachtet werden konnte, während Celecoxib in diesen Zellen Apoptose induzierte. Die Autoren zeigten zusätzlich, daß man durch chemische Modifikationen von Celecoxib die COX-inhibitorische Aktivität von der apoptoseinduzieren Aktivität des Medikaments dissoziieren kann. Medikamente ohne COX-inhibitorische Aktivität konnten in gleichem Maße Apoptose induzieren wie Celecoxib. Die Apoptose durch Celecoxib war innerhalb von wenigen Stunden aufgetreten. Dagegen konnten ähnlich potente COX-2-Inhibitoren wie z.B. NS-398, Rofecoxib oder DuP697 erst sehr verzögert (nach 96-120h) apoptotische Effekte induzieren. Die Autoren vermuteten, daß Celecoxib über andere Mechanismen Apoptose bewirkt als die erwähnten COX-2-selektiven Medikamente.

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Mit den Ergebnissen der vorliegenden Untersuchungen und der zuvor genannten Arbeiten erscheint es wichtig, die NSAIDs hinsichtlich ihrer Strukturunterschiede und der vermittelnden apoptoseregulierenden Pathways genauer zu charakterisieren. Es häufen sich die Hinweise dafür, daß es kein allgemeingültiges Schema gibt, mit dem die Wirkung von NSAIDs auf Tumorzellen erklärt werden kann, sondern daß vielmehr Wirkungsweise und Zielstruktur von unterschiedlichen NSAIDs auf verschiedene Zellen stark divergieren.

5.1.5 Die durch NS-398 induzierte Proliferationshemmung ist vermutlich COX-1- und COX-2-unabhängig

Mehrere Ergebnisse dieser Arbeit sprechen dafür, daß es sich bei dem durch NS-398 induzierten G1-Arrest um einen COX-2-unabhängigen Effekt handelt:

  1. Die Konzentration von NS-398, die zur Inhibition der Proliferation notwendig war, lag wesentlich höher als die zur Inhibition der PGE-2-Produktion und damit zur Hemmung der COX-2 eingesetzte.
  2. Der antiproliferative Effekt von NS-398 trat ebenfalls in einer COX-2-negativen Zellinie (SKOV-3) auf.
  3. Exogene Gabe von PGE2 konnte die durch NS-398 hergestellte Proliferationshemmung nicht aufheben.
  4. Auch das unselektive NSAID Indomethacin konnte in beiden Zellinien eine Verringerung des Zellwachstums bewirken. Dieser Effekt trat wie auch bei NS-398 erst bei wesentlich höheren Konzentrationen auf als sie zur Hemmung von sowohl COX-1 als auch COX-2 notwendig sind.
  5. Weder COX-1- noch COX-2-siRNAs zeigten der Proliferationshemmung von NS-398 vergleichbare Effekte, obwohl die COX-2-siRNA durch Ausschaltung der COX-2 ebenfalls zur Inhibition der PGE2-Synthese führte.

5.2 Mögliche Zellzyklus-Targets der NSAIDs

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Im folgenden sollen Ansatzpunkte für weitere Studien diskutiert werden, die zur Aufklärung eines COX-unabhängigen Wirkmechanismus von NS-398 beitragen könnten. Es gibt bereits verschiedene Hinweise für eine Beeinflussung von Zellzyklus-regulierenden Proteinen durch NSAIDs:

Der Zellzyklus wird von Cyclinen und den assoziierten Cyclin-abhängigen Kinasen (Cyclin dependent Kinases, CDKs) reguliert. Spezifische Cyclin/CDK-Komplexe regulieren die Checkpoints des Zellzyklus – die Phasenübergänge. Einer der wichtigsten Checkpoints liegt in der späten G1-Phase, kurz vor dem Start der DNA-Replikation. Dieser wird durch D-Typ-Cycline reguliert, die mit CDK2 und CDK4 assoziiert sind. Mehrere CDK Inhibitoren (CKIs) wurden identifiziert. CKIs inhibieren die Cyclin/CDK-Komplexe und somit den Fortgang des Zellzyklus. Zwei strukturelle Klassen von CKIs sind beschrieben worden: die p21-Familie, dazu gehören p21CIP1, p27KIP1 und p57KIP2, welche speziell die G1- und die S-Phase inhibieren, und die IKN-Familie, zu der die p16INK4A, p15INK4B, p18INK4C und p19INK4D gehören, die nur die G1-spezifische D-CDK4/6 inhibieren [109].

Tabelle 7 stellt zusammen, welche Angriffspunkte in der Regulation des Zellzyklus für COX-2-Inhibitoren bereits gefunden wurden.

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Für fast jedes der in Tabelle 7 erwähnten Targets gibt es ebenfalls Arbeiten zu den Wirkungen von nichtselektiven COX-Inhibitoren (Aspirin, Ibuprofen, Sulindac, Indomethacin u.a.) [zusammengefaßt in 70]. Zum großen Teil sind die Effekte in bezug auf Expressionsminderung oder -steigerung eines Proteins zwischen COX-2-selektiven und -nichtselektiven NSAIDs übereinstimmend. Mehrere NSAIDs konnten die Expression von Cyclinen und CDKs mindern, während die Expression von p21, p27 und p53 verstärkt wurde. Das relativ homogene Verhalten könnte doch zumindest auf eine gemeinsame Endstrecke der NSAIDs für die Induktion des G1-Arrestes hinweisen.


Tabelle 7 : Proliferationshemmung durch selektive COX-2-Inhibitoren und Expressions-steigerung (↑) oder Expressionsminderung (↓) von Zellzyklusproteinen als mögliche Targets der NSAIDs

NSAID

Konzentration des NSAIDs für den Wachstumsseffekt

Zellinie

Proliferations-effekt

Target

NS-398

79,5µM

squamöses Karzinom

der Zunge [100]

G0/G1-Arrest

p21↑

NS-398

100µM

Bronchialkarzinom [101]

G0/G1-Arrest

p27KIP1

Cyclin E DK↓

NS-398

75µM

Kolonkarzinom [110]

G0/G1-Arrest

-

NS-398

100µM

Osteosarkom [111]

G0/G1-Arrest

p21↑

p53↑

NS-398

100µM

Pankreaskarzinom [102]

G0/G1-Arrest

Cyclin D1↓

Cyclin E↓

Cyclin B1↓

Cyclin A↓

p27KIP1

NS-398

100µM

Magenkarzinom [112]

Proliferations-hemmung

MAPK↓

SC-58125

-

humanes Kolonkarzinom-Xenograft in Mäusen [65]

verzögerter G2/M-Übergang

p34(cdc2)↓

Insgesamt stellen diese Untersuchungsresultate, die gut zu den Ergebnissen der vorliegenden Arbeit passen, ebenso die spezifische Funktion der COX-2 als einziges für die Proliferationshemmung verantwortliches NSAID-Target infrage. Im Gefolge dieser Arbeit soll in weiteren Projekten die Zellzyklusregulation in Ovarialkarzinomzellinien näher untersucht werden.

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Im folgenden sollen nun einige Arbeiten vorgestellt werden, die Grundlage weitergehender Studien sein könnten:

Interessanterweise gibt es zwei Arbeiten, die durch Überexpression der COX-2 eine Proliferationshemmung auslösen konnten. Diese Beobachtung trat in verschiedenen Zelltypen auf, darunter Gefäßendothelzellen, embryonale Nierenzellen [113] und Mesangialzellen [114].

Tumorzellen wurden bisher nicht untersucht. In der Arbeit von Zahner et al. [114] wurde gleichzeitig mit der Proliferationshemmung die Induktion mehrerer Gene festgestellt, darunter p53, p21 und p27, die für die Zellzykluskontrolle insbesondere die G1-Arretierung, eine wichtige Funktion einnehmen. Diese Genregulation paßt sehr gut zu der Arbeit von Trifan et al. [113], in der durchflußzytometrisch ein G1-Arrest als Ursache der Wachstumsinhibition durch COX-2-Überexpression nachgewiesen wurde.

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Vermittelt wird diese Wachstumshemmung möglicherweise durch das COX-Produkt PGJ2, von dem ebenfalls bekannt ist, daß es in den glatten Muskelzellen von Blutgefäßen einen G1-Arrest induzieren konnte [115]. PGJ2 kann zusätzlich als Agonist an PPARγ die Expression der COX-2 in Makrophagen unterdrücken, so daß hier ein negativer Feedbackmechanismus vorliegen könnte, mit dem die Expression der COX-2 in der Zelle reguliert wird [116].
Störungen der COX-2-Regulation könnten u.a. die Ursache für die erhöhte COX-2-Expression in bestimmten Tumoren sein.

Auf der anderen Seite wird durch hohe Konzentrationen von NS-398 die mRNA der COX-2 kompensatorisch hochreguliert [58,117]. Dasselbe wurde auch nach Gabe von Indomethacin und dem selektiven COX-1-Inhibitor SC-560 gezeigt, während bei Rofecoxib-Behandlung nach 6h keine vermehrte COX-2-mRNA-Expression meßbar war [118]. Eine Erklärung dafür könnte die Interaktion der NSAIDs mit NFκB (vgl. 1.2.1) bieten, denn NFκB kann als Promotor die Transkription der COX-2 induzieren. Ob diese kompensatorische Hochregulation der COX-2 in Zusammenhang mit dem G1-Arrest steht oder nur ein „Nebenprodukt“ im Rahmen einer komplexen Genanschaltung für die Wachstumshemmung darstellt, ist bisher nicht untersucht.

Bei der Suche nach weiteren Targets sollte auch noch die mögliche Funktion des mTOR-Pathways und der p70s6k, einer Mitogen-aktivierten Proteinkinase, Erwähnung finden. Diese komplex regulierte Kinase p70s6k spielt ebenfalls eine wichtige Rolle für den G1-Zellzyklusfortgang. Law et al. zeigten, daß die Inhibition dieses p70s6k-Proteins mit Salizylat-induziertem Wachstumsarrest assoziiert und gleichzeitig für die aufgetretene Downregulation von c-Myc, Cyclin D1, Cyclin A und Proliferating Cell Nuclear Antigen verantwortlich ist [119]. Allgemeingültig scheint jedoch auch dieser Weg nicht zu sein, da Acetaminophen und Indomethacin keinen Effekt auf die p70s6k -Aktivität zeigten.

↓68

Des weiteren wurde die Theorie aufgestellt, daß die Hemmung der intrazellulären Freisetzung von Kalzium an dem G1-Arrest verschiedener NSAIDs ursächlich beteiligt sein könnte [120]. Kalzium fungiert in Kolonkarzinomzellinien als wichtiger Wachstumsstimulus. Sulindac Sulfid und Mefenamic Acid konnten die Freisetzung von Kalzium blockieren und einen G1-Arrest induzieren. Acetylsalizylsäure bewirkte dagegen keinen G1-Arrest und führte auch nicht zur Kalziumfreisetzung.

Diese oben genannten Einzelbeobachtungen bieten interessante Punkte für eine weitere Erforschung der genauen intrazellulären Transduktionswege für den Zusammenhang von

NS-398 und Zellzyklusarrest.

5.3 Apoptosepriming durch NSAIDs – klinische Perspektiven

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Zum klinischen Einsatz von COX-2-Inhibitoren bei Ovarialkarzinomen sowohl chemopräventiv als auch in der adjuvanten Chemotherapie gibt es bisher keine Daten. Das Problem der Anwendung von Proliferationshemmern in der Kombination mit einem Zytostatikum besteht in ihrer möglicherweise antagonistischen Wirkung durch die reduzierte Zahl an Zellen, die sich in der S-Phase befinden, wodurch weniger Zellen durch das Zytostatikum angegriffen werden können. Andererseits gibt es bereits Arbeiten, die zeigen, daß die Zytotoxizität von Chemotherapeutika auf Tumorzellen in vitro durch COX-2-Inhibitoren eher verstärkt werden kann [61,121].

Möglicherweise kann NS-398 in OVCAR-3 sogenanntes Apoptosepriming hervorrufen, d.h. die Zellen für apoptotische Stimuli sensibilisieren. Die Proliferationshemmung gilt als wichtiger initialer Schritt auf dem Weg zur Apoptose.

In der Arbeit von Hida et al. wurde gezeigt, daß die Kombination mit Nimesulid, einem COX-2-Inhibitor, die Wirksamkeit mehrerer Chemotherapeutika verstärken kann [61].

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Celecoxib steigert bei gleichzeitiger Anwendung mit Lovostatin die Apoptoserate bei Kolonkarzinomzellen im Vergleich zur Einzelanwendung um ein Vielfaches [121].

In einer weiteren Studie wurde eine Verstärkung der Radiosensitivität von Zellen beobachtet, die zuvor mit NS-398 (150-400µM) behandelt worden waren [122].

Auch die Proliferationshemmung wird durch kombinierte Anwendung verstärkt: Gemcitabine konnte in Pankreaskarzinomzellen bei gleichzeitiger Gabe von Sulindac oder NS-398 eine größere Proliferationshemmung erreichen als in der Einzelanwendung [102].

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Diese Ergebnisse könnten auf ähnlichen Mechanismen basieren wie die in dieser Arbeit erzielten Apoptose-/Nekrosesteigerungen bei gleichzeitiger Anwendung von NS-398 mit IL-1ß. Im Gefolge dieser Arbeit wurden erste Versuche einer kombinierten Gabe von Cisplatin mit NS-398 bei OVCAR-3 unternommen, die Hinweise für eine Verstärkung der Cisplatin-induzierten Apoptose lieferten.

Ein möglicher Mechanismus für die NSAID-vermittelte Apoptose-Sensibilisierung von Tumorzellen wäre z.B. denkbar über das Prostate apoptosis response gen (Par-4-Gen). Par-4 ist bekannt als Gen, das allein nicht zur Apoptoseinduktion ausreichend ist, aber Zellen für apoptotische Stimuli sensibilisieren kann. Von mehreren NSAIDs wurde gezeigt, daß sie in Kolonkarzinomzellen das Par-4-Gen hochregulieren [123]. Par-4-Überexpression in Phäochromozytomzellen resultierte in einer Blockade der DNA-Bindung von NFB und in fehlender NFB-Aktivierung nach Entzug von Nährstoffen, was mit vermehrter Apoptose einherging. Zusätzlich war die Expression des antiapoptotischen Bcl-2 deutlich reduziert [124], was damit erklärt wurde, daß Bcl-2 u.a. zu den Genen gehört, die durch NFB reguliert werden [125]. Hier könnte ein Zusammenhang zu den Beobachtungen bestehen, wo durch NS-398 die Bcl-2-Expression in Tumoren vermindert wurde (vgl.1.1.6).

Der bereits einleitend erwähnten Einflußnahme der NSAIDs auf die Funktion von NFB, welches eine zentrale Rolle sowohl im Zellzyklus als auch für die Apoptose von Tumoren hat, sollte daher weiter nachgegangen werden.

↓72

Auch unter dem Aspekt der Apoptose-Sensibilisierung wird es wichtig sein, die Zielstruktur eines in der Chemotherapie adjuvant eingesetzten NSAIDs zu kennen, um den zu behandelnden Tumor auf die Expression der entsprechenden Gene zu testen und dann durch gezielte NSAID-Applikation den Erfolg einer Chemotherapie zu verbessern.


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17.01.2005