Schmall, Susanne: Das Ökotourismusprogramm der Organización de Pueblos Indígenas de Pastaza (OPIP) im Amazonastiefland Ecuadors Ansätze selbstbestimmter Entwicklung einer indigenen Basisorganisation

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Kapitel 1. Einleitung

1.1. Arbeit als Entwicklungshelferin

Im Juni 1994 begann ich meine Arbeit als Entwicklungshelferin des Deutschen Entwicklungsdienstes ( DED ) für die Organización de Pueblos Indígenas de Pastaza ( OPIP ) in Puyo. Die OPIP ist eine Basisorganisation, die 136 Comunidades <2> der indigenen Völker der Quichuas, Shiwiars und Záparos in der Provinz Pastaza vertritt und gegen ihre politische, soziale, kulturelle und ökonomische Marginalisierung kämpft. Neben ihrer politischen Funktion führt sie Entwicklungsprojekte zur Verbesserung des Lebensstandards der Mitgliedscomunidades durch. Die Provinz Pastaza liegt im ecuadorianischen Teil des Amazonasbeckens. Diese Region wird in Ecuador ” Oriente “ genannt, an den sich im Westen die ” Sierra “ (Andenregion) und die ” Costa “ (Küstenregion) anschließen ( Abbildung 1 ).

Meine Aufgabe als Entwicklungshelferin bestand darin, den Koordinator der neu gegründeten technischen Abteilung (meinen Counterpart), die ” Dirigentes (gewählte Führer mit politischen Funktionen) und die Mitarbeiter der OPIP in partizipativen Planungsmethoden auszubilden und gemeinsam mit ihnen und den Comunidades Projektvorschläge zu erarbeiten.

Im ersten halben Jahr lernte ich die verschiedenen Projekte der OPIP kennen und bekam einen Eindruck von ihrem Aufbau und ihren Schwierigkeiten. Ich besuchte die Veranstaltungen der OPIP und nahm an einigen Sitzungen des Rates der OPIP, der aus den Dirigentes zusammengesetzten Führung, teil. Im August 1994 gab ich einen Kurs über partizipative Projektplanung und ihre Methoden, der den Einstieg in die praktische Planungsarbeit darstellen sollte. Gemeinsam mit den Kursteilnehmern erarbeiteten wir einen Arbeitsplan für die ersten Planungsschritte des neuen integrierten Entwicklungsprojektes Samay der OPIP in den Comunidades.

Da sich die konkrete Arbeitsaufnahme dieses Projektes aber noch um neun Monate verzögerte, kam es nie zu einer Zusammenarbeit. Statt dessen entwickelte sich zwischen den drei für die Planung von Entwicklungsprojekten zuständigen Instanzen der OPIP, dem Projekt Samay, der Technischen Abteilung und dem Institut Amazanga eine Konkurrenzsituation durch die sich überschneidenden Aufgabenbereiche. Schließlich wurde die Technische Abteilung wieder geschlossen und


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meinem Counterpart und mir Anfang 1995 die Aufgabe zugewiesen, ein Öko-tourismusprogramm ( ÖTP ) in Comunidades der OPIP aufzubauen. Der DED erklärte sich mit der neuen Schwerpunktsetzung einverstanden, so daß wir uns seitdem ausschließlich auf den Ökotourismus als einkommenschaffendes Programm mit ökologischer Zielsetzung konzentrierten.

Mein Counterpart und ich begannen, Informationen über indigene Comunidades, die eigene Ökotourismusprojekte aufgebaut hatten, zu sammeln und regten den Erfahrungsaustausch mit ihnen und den Dirigentes der OPIP an. Wir besuchten die vier Comunidades, die die OPIP für die Teilnahme am ÖTP ausgewählt hatte und veranstalteten die ersten Planungsworkshops. Nachdem wir Finanzierungen für das Programm gefunden hatten, bauten die Comunidades in den Jahren 1995 und 1996 die Infrastruktur ihrer Projekte auf. Wir organisierten Ausbildungsseminare und weitere Planungsveranstaltungen. In Puyo, der Provinzhauptstadt Pastazas mit Sitz der OPIP, entstand das Büro der Koordinierungsstelle des ÖTP.

Zusätzlich zu meiner Arbeit als Entwicklungshelferin begleitete ich das ÖTP und die Geschehnisse in der OPIP als Forscherin in der Rolle der teilnehmenden Beobachterin. Ab November 1996 zog ich mich nach und nach aus dem Programm zurück, um eine Studie über die Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Organisationen des Oriente für den DED zu schreiben ( Schmall1997a ), bis im Mai 1997 mein Entwicklungshelfervertrag endete. Über den weiteren Verlauf des ÖTP informierten mich der DED und mein Nachfolger.

1.2. Forschungsinteresse

Die Diskussion um den Treibhauseffekt machte die Erhaltung des Regenwaldes zu einem Schwerpunktthema der deutschen und internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Die indigene Bevölkerung bekam daher durch ihr Wissen über die nachhaltige Nutzung des natürlichen komplexen Ökosystems eine neue Bedeutung als Schützer des Regenwaldes. Ihre ursprünglich angepaßten Wirtschaftsformen gehen aber zunehmend verloren, da ihr Lebensraum durch Agroindustrie, Holzwirtschaft, Förderung von Rohstoffen und Rodung durch Kleinbauern eingeengt wird und sie moderne<3> Nutzungsformen übernehmen. Die Vereinten Nationen lenkten die Aufmerksamkeit auf diese Problematik, indem sie die Dekade der Indigene Völker (1994-2004) ausriefen.


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Abbildung 1: Die ecuadorianische Provinz Pastaza mit dem Anspruchsgebiet der OPIP (eigene Darstellung)

In den europäischen Medien werden indigene Völker als die letzten wahren Ökologen dieser Welt, als friedliche kommunale Gesellschaften, als Eltern mit der tolerantesten Kindererziehung usw. gepriesen. Die Widersprüche und Konflikte, die sich in der OPIP und ihren Comunidades finden lassen, zerschlagen solche von Romantik geprägten Vorstellungen schnell. Das aus der Geschichte entnommene Schwarz-Weiß-Bild mit dem Indigenen als Opfer und dem Weißen als Ausbeuter ist starr und behindert das Verständnis heutiger Entwicklungsprozesse und die Zusammenarbeit zwischen den Kulturen. Ein Beispiel hierfür sind die Verhandlungen der OPIP mit den Erdölkonzernen, die auf ihrem Territorium Öl suchen und fördern. Die OPIP fordert Gewinnanteile der Konzerne, anstatt ihre Existenz zu bekämpfen. Dies stößt auf das Unverständnis vieler Naturschützer, die nun ein Bild mit dem guten Indigenen an der Basis und dem bösen korrumpierten Dirigente, der sich aus Profitstreben gegen seine eigenen Leute stellt, schaffen. Folglich wenden sie sich von den indigenen Organisationen ab und ihrer Basis , den indigenen Comunidades, zu.

Angesichts der erfahrenen Probleme bei der Zusammenarbeit und der beobachteten Mißerfolge von Entwicklungsprojekten diskutierten wir unter Kollegen oft, ob den indigenen Comunidades mehr geholfen wäre, wenn sich die gesamten


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Entwicklungsorganisationen aus ihrer Region zurückziehen würden. Diese Antwort übersieht die Veränderungen, die im Leben der indigenen Bevölkerung durch den Kontakt zur Außenwelt (von der die Entwicklungsprojekte nur einen kleinen Teil ausmachen) bereits stattfinden und weiterhin stattfinden werden. Greenwood beschreibt zwei Extreme: ”To prohibit change is nonsensical, to ratify all change is immoral“ ( Greenwood1989 ).

Die indigene Gesellschaft war niemals statisch, sondern hat sich, wie jede andere Gesellschaft auch, weiterentwickelt und an neue Gegebenheiten angepaßt. Ursprüngliche Kultur in den Comunidades ist nur noch eine Wunschvorstellung, ebenso wie die Möglichkeit der Wahl zwischen zwei Kulturen, der traditionellen und der modernen Welt. Nicht ”der vermeintliche Dualismus zwischen Tradition und Moderne“ ( BMZ1995 , S.86) bestimmt den Alltag, sondern die Beziehungen zwischen den in den Dörfern neu entstandenen sozialen Schichten. Veränderungen sind von der indigenen Bevölkerung, die ein Recht auf Entwicklung hat, gewollt, nur sollte sie sie selbst steuern können. Die Bildung der indigenen Organisationen ist ein Schritt dazu, der aber nicht reibungslos verläuft. Auch von einer organisierten indigenen Bevölkerung kann nicht erwartet werden, daß sie mit einer Stimme spricht, sondern es gibt wie überall ein Spektrum unterschiedlichster Ansichten.

Das Leben und die Weltanschauung der indigenen Bevölkerung Pastazas ist zu komplex, als daß ich sie zu verstehen mir auch nach drei Jahren anmaßen würde. Die Einschätzung der Organisations- und Arbeitsweise der OPIP, der Wirkung des Ökotourismus auf die Kultur der lokalen Bevölkerung etc. wird bestimmt durch das Vorverständnis der Dinge, welches ich in meinem Kulturkreis erworben habe. Die Sicht der Arbeit ist immer die Sicht des Forschers, also in diesem Fall meine Sicht als Vertreterin einer europäischen Entwicklungsorganisation. Nuscheler spricht von der ”eurozentristischen“ Sicht, die dem Oberbegriff ”Ethnozentrismus“ zugeordnet ist, wenn ”wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle Verhältnisse, Vorgänge und Normen in anderen Kulturbereichen mittels Maßstäben und Werten des eigenen Kulturbereichs beurteilt werden“ ( Nuscheler1987 , S.63). Das Bewußtsein dieses Sichtweisenproblems kann aber dazu verhelfen, Interpretationen sachlich zu begründen.

Anthropologische Literatur über die traditionelle Lebensweise indigener Völker gibt es viele, über ihre Strategien, einen eigenen selbstbestimmten Platz in der modernen Welt einzunehmen oder sich zu integrieren, bedeutend weniger. Mein Anliegen ist es, mit der vorliegenden Arbeit Entwicklungs- und Naturschutzbemühungen einer indigenen Organisation aufzuzeigen. Anhand der Einzelfallstudie des ÖTP und der Beobachtung anderer Projekte der OPIP und indigener Tourismusprojekte im Oriente


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werden Tendenzen einkommenschaffender Projekte von indigenen Basisorganisationen mit nachhaltiger Nutzung der natürlichen Ressourcen dargestellt. Ich hoffe damit, indigene Basisorganisationen sowie Entwicklungs- und Naturschutzorganisationen zum Überdenken der Zusammenarbeit im Bereich einkommenschaffende Projekte anzuregen. Hierfür strebe ich die Veröffentlichung der Arbeit in Ecuador an.

Ich beabsichtige mit dieser Arbeit jedoch nicht, Entwicklungstheorien zu diskutieren und zu prüfen, inwieweit sie die Unterentwicklung der betrachteten Region und ihrer Bevölkerung theoretisch begründen oder Modelle für ihre Überwindung darstellen können. Die Entwicklungszusammenarbeit ist Gegenstand vieler interessanter wissenschaftlicher Forschungsarbeiten u.a. Veröffentlichungen ( Hirschman1967 ; Erler1985 ; Nitsch1986 ), die vorliegende Arbeit richte ich aber auf die wissenschaftliche Analyse eines Ökotourismusprogramms aus und baue die Arbeit entsprechend auf (siehe unten). Die Entwicklungszusammenarbeit beziehe ich in ihrer Wirkung auf die Entwicklung der indigenen Basisorganisationen (Kapitel 5.1 ) und als Teil des Fallbeispiels des ÖTP (Kapitel 7 und 8 ) und der Schlußfolgerungen (Kapitel 9 ) auf angewandter Ebene ein.

1.3. Ziel und Aufbau der Arbeit

In der vorliegenden Arbeit untersuche ich, ob es einer indigenen Basisorganisation gelingt, selbstbestimmte Entwicklung bei Wahrung der natürlichen Ressourcen in ihrem Territorium durchzusetzen. Ich wende die deskriptive qualitative empirische Sozialforschung unter Verzicht auf eine hypothesengeleitete Theoriebildung an ( Spöhring1995 ). Meine auf das Fallbeispiel des ÖTP hin konkretisierte Forschungsfrage lautet:

Gelingt es der OPIP, das ÖTP in den selbstverwalteten Comunidades umzusetzen und dabei die natürlichen Ressourcen zu wahren?

Das Kapitel 2 führt in die Provinz Pastaza als regionales Umfeld der OPIP und das Kapitel 3 in die indigene Bevölkerung des Oriente und der Entstehung ihrer indigenen Organisationen ein. Das Kapitel 4 stellt die OPIP als Einzelfallstudie einer indigenen Organisation mit ihren Zielen und der Arbeit in den Kommissionen und Projekten dar.

Den Schwerpunkt der Analyse lege ich auf einkommenschaffende Entwicklungsprojekte. Sie bewegen sich im Spannungsfeld zwischen ökologischer und ökonomischer Entwicklung, an denen sich der Wille und die tatsächliche Umsetzung des von indigenen Basisorganisationen angestrebten alternativen


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Entwicklungsweges beobachten lassen. Bevor das Kapitel 5 in der forschungsleitenden Frage, ob die OPIP eine alternative Entwicklung anstrebt, mündet, beschreibe ich den Einfluß, den Entwicklungsorganisationen auf die Veränderung der OPIP von einer politischen Organisation zu einer Entwicklungsagentur haben, und analysiere die Probleme, die bei der Projektdurchführung auftreten.

Da ich durch meine Arbeit als Entwicklungshelferin direkten Zugang zu Informationen bekam, wähle ich das ÖTP als Fallbeispiel für ein einkommenschaffendes Projekt der OPIP aus. Ökotourismus ist als Einkommensquelle im Oriente Ecuadors eine der neuen Hoffnungen und fordert indigene und Entwicklungsorganisationen zu einer kritischen Auseinandersetzung darüber auf, inwieweit er als Instrument des Naturschutzes zur Entwicklung der indigenen Bevölkerung dienen kann. Kapitel 6 definiert den Begriff ”Ökotourismus“ für die vorliegende Arbeit und beschreibt seine Bedeutung in Ecuador.

Ob das ÖTP für die Comunidades eine einkommenschaffende Alternative unter Erhaltung der natürlichen Ressourcen darstellt, wird in der zweiten forschungsleitenden Frage anhand der Einzelfallstudie des ÖTP untersucht. Hierfür beschreibt Kapitel 7 sein Konzept und analysiert Kapitel 8 , ob es die Kriterien des Ökotourismus erfüllt. Welche Schlußfolgerungen sich für einkommenschaffende Projekte der OPIP ergeben, wird in Kapitel 9 diskutiert.

Am Ende eines jeden Kapitels findet der Leser eine kurze Zusammenfassung und Überleitung zum nächsten Kapitel.

1.4. Angewandte Methoden

Die Informationen in der Erhebungsphase der vorliegenden Dissertation (Mitte 1994- Anfang 1997) sammelte ich mittels einer Auswahl von Methoden der qualitativen empirischen Sozialforschung: Einzelfallstudie, teilnehmende Beobachtung, informelle Interviews mit Leitfaden, Gruppendiskussionen ( Mai1976 ) sowie der Auswertung von Primär- und Sekundärliteratur. Die angewandten Methoden sind in der Übersicht der Tabelle 1 den einzelnen Kapitel zugeordnet.

Eine Form der qualitativen Erhebung von Informationen und ihrer Interpretation ist die Analyse einer Einzelfallstudie, bei der jede soziale Einheit als ein Ganzes gesehen wird ( Goode1956 ). Dieser holistische Ansatz gibt den betrachteten authentischen Ereignissen einen anschaulichen Charakter ( Spöhring1995 ). Bei der Einzelfallstudie ergibt sich die Schwierigkeit, daß eine Verallgemeinerung der Einzelfallergebnisse auf eine Grundgesamtheit, aus der der Einzelfall ausgewählt


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wurde, im allgemeinen nicht möglich ist ( Aleman1975 ). Es können aber Grundmuster über Einzelfallstudien hergeleitet werden, wobei die logische Struktur des Verfahrens nicht exakt präzisiert werden kann ( Garfinkel1980 ). Um die am Einzelfall der OPIP und des ÖTP gewonnenen Zusammenhangsvermutungen auf ihre allgemeine Gültigkeit für den Oriente zu prüfen, führte ich informelle Interviews in weiteren indigenen Basisorganisationen durch (siehe unten).

Die teilnehmende Beobachtung gilt als die klassische Erhebungstechnik der Einzelfallstudie ( Aleman1975 ). Sie wird von Friedrichs als ” ...die geplante Wahrnehmung des Verhaltens von Personen in ihrer natürlichen Umgebung durch einen Beobachter, der an den Interaktionen teilnimmt und von den anderen Personen als Teil ihres Handlungsfeldes wahrgenommen wird“ ( Friedrichs1980 , S.288) beschrieben. Sie ist besonders für die Exploration des Forschungsthemas, die forschungsleitende Fragebildung und Interpretation von Ereignissen wichtig ( Mai1976 ).

Um dem Problem der selektiven Wahrnehmung und Aufzeichnung des Geschehens zu begegnen, erstellte ich Mitschriften und nachträgliche Protokolle über die Besuche in den Comunidades und die Veranstaltungen des ÖTP, der OPIP und anderer indigener Organisationen ( Anhang1 ).

Die empirische Forschung fordert die systematische Erfassung der erfahrbaren Wirklichkeit in einer Weise, die von der Person des Beobachters und den beteiligten Untersuchungspersonen unabhängig ist. Bei qualitativen Verfahren der Datengewinnung kann eine Subjektunabhängigkeit aber nie ganz erreicht werden und findet ihre Bedeutung mehr als regulative Leitidee ( Spöhring1995 ). Heute wird von der empirisch-orientierten, analytischen Wissenschaftslogik auf das Postulat der Objektivität oftmals verzichtet. Es wird angezweifelt, daß der Forscher sich aus der Gesellschaft herauslösen und gewissermaßen von ”außen“, ”neutral“ den Gegenstand der Forschung betrachten und analysieren kann ( Mai1976 ).


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Tabelle 1: Die Kapitel mit den angewandten Erhebungsmethoden

Kapitel Daten Methoden

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Einleitung

Sekundärliteratur

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Die Provinz Pastaza

Sekundärliteratur

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Indigene Bevölkerung des Oriente

Primär- und Sekundärliteratur, teilnehmende Beobachtung

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Darstellung der OPIP

Einzelfallstudie, teilnehmende Beobachtung, Primär- und Sekundärliteratur, informelle Interviews zu Kommissionen und Projekten der OPIP

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Die OPIP als Entwicklungsagentur

Einzelfallstudie, teilnehmende Beobachtung, Primär- und Sekundärliteratur, informelle Interviews zur indigenen Entwicklung und zu einkommenschaffenden Projekten indigener Organisationen, Gruppendiskussion über Probleme der Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Organisationen

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(Öko-) Tourismus in Ecuador

Primär- und Sekundärliteratur

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Konzept des ÖTP

Einzelfallstudie, teilnehmende Beobachtung, Primär- und Sekundärliteratur

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Bewertung des ÖTP anhand ökotouristischer Kriterien

Einzelfallstudie, teilnehmende Beobachtung, Gruppendiskussion, Primär- und Sekundärliteratur, informelle Interviews zum ÖTP u.a. indigenen Tourismusprojekten, Gruppendiskussion über Wirkungen des ÖTP

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Schlußfolgerungen

Beantwortung der Forschungsfrage

Die informellen Interviews führte ich in nicht-standardisierter Form durch. Während die Themen durch den Gesprächsleitfaden vorstrukturiert waren, lag die Steuerung des Interviews, die Hervorhebung einzelner Aspekte etc. in meinem Ermessen als Interviewerin, so daß ich auf den individuellen Hintergrund und auf die Schwerpunktsetzung des Gesprächspartners eingehen konnte.

In Anhang2 sind die Interviewpartner aufgelistet. Anhang3 (spanisch) und Anhang4 (deutsche Übersetzung) zeigen den Gesprächsleitfaden, den ich für die Interviews verwendete. Während über indigene Entwicklung und einkommenschaffende Projekte mit indigener Bevölkerung im Oriente in allen Interviews mit Vertretern der indigenen Organisationen und der kooperierenden Entwicklungsorganisationen gesprochen wurde (Kapitel 5 ), befragte ich die Dirigentes und Mitarbeiter der OPIP zusätzlich zu ihrer Arbeit in den Kommissionen und Projekten (Kapitel 4 ). Die Interviews mit Mitarbeitern und Beratern des ÖTP und anderer indigener Tourismusprojekte konzentrierten sich auf das jeweilige spezifische Projekt (Kapitel 8 ).

Das informelle Interview eignet sich für die Ermittlung von Informationen über Fakten und Meinungen ( Spöhring1995 ). Es beugt einer eventuell ablehnenden Haltung durch intellektuelle Gesprächspartner vor, die sich durch vorformulierte


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Fragen eingeschränkt fühlen und kann auf die Heterogenität der Befragten (z.B. ihres Informationsstandes, ihrer Artikulationsfähigkeit) persönlicher eingehen. Eine hohe Gemeinsamkeit in der Kommunikation, die z.B. durch mein Auftreten als Mitarbeiterin im gleichen Arbeitsfeld hergestellt wurde, gibt die Meinungsstruktur der Befragten besser wieder. Ein offenes Interviewkonzept paßt sich an den Erfahrungsbereich, die Sprachgewohnheiten etc. der Befragten an. Ich verwendete zahlreiche frei formulierte Fragen, duldete Abschweifungen und fragte nicht nur Sachinformationen ab, ein Konzept, welches Mai als ”weiches Interview“ ( Mai1976 ) bezeichnet. Validität innerhalb von qualitativen Interviews strebte ich durch Antwortvergleiche und Nachfragen in den Interviews an. Widersprüchliche und interessante Meinungen von interviewten Personen hob ich in folgenden Interviews besonders heraus und konfrontierte Befragte mit der Meinung vorhergehender Interviewpartner.

Diese Vorteile informeller Interviews entfallen bei formellen Fragebögen. Letztere eignen sich für quantitative Erhebungen, die nicht Anliegen dieser Arbeit sind, da die Ergebnisse bei der geringen Zahl von Mitarbeitern innerhalb der OPIP sowie die Heterogenität der Organisationen und ihrer Projekte durch eine statistische Auswertung nicht an Aussage gewinnen würden.

Zitate aus den Interviews habe ich im Text original in spanischer Sprache gelassen, damit für den Leser mit entsprechenden Sprachkenntnissen nicht der authentische Eindruck verloren geht. In den Fußnoten habe ich sie ins Deutsche übersetzt.

Gruppendiskussionen geben einen verhältnismäßig schnellen und guten Überblick über die Meinungsbildung einer Gruppe zu einem gegebenen Thema. Menschen, die sich bezüglich des Themas in einer vergleichbaren Situation befinden, können sich relativ informell über das Thema austauschen und sich in einer gegenseitigen Wechselbeziehung zu Meinungen und Äußerungen anregen ( Mai1976 ). Im Rahmen einer DED-Fachgruppentagung zur Problematik der Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Basisorganisationen, die ich im April 1996 in Puyo organisierte, moderierte ich Gruppendiskussionen, dessen Ergebnisse in Kapitel 5 einfließen. Die Resultate der Gruppendiskussion über befürchtete Wirkungen des ÖTP in Canelos mit Teilen der Projektteams und der Asociaciones werden in Kapitel 8 wiedergegeben.

Das Studium der Primärliteratur umfaßt Projektplanungsunterlagen, Evaluierungsberichte, Abkommen, Versammlungsprotokolle, Protokolle von Seminaren und Workshops, Strategiepapiere und andere interne Dokumente. Die verwendete


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Sekundärliteratur bezieht sich vornehmlich auf Ökotourismus, indigene Bevölkerung, indigene Basisorganisationen und Entwicklung Amazoniens.

1.5. Begriffsbestimmungen

In dieser Arbeit werden unter dem Begriff ”Indigene Völker“ ethnische Gruppen verstanden, die sich auf eine gemeinsame Sprache, Geschichte und Kultur berufen und eine enge spirituelle und mythisch begründete Verbindung zu ihrem Land haben ( Dömpke1995 ). ”Indigen“ bedeutet nach Dömpke ”innerhalb einer Abstammung“, ”in etwas hineingeboren“ (S. 18). Die meisten Definitionen über indigene Völker enthalten Kriterien zur gemeinsamen historischen, kulturellen und rassischen Abstammung, zu kulturellen Charakteristika (Sprache, soziale Organisation, Rechtssystem, Kosmovision/Religion, Technologie und Medizin, Kleidung, Kunst, mündliche Überlieferung etc.), zu traditionellen Territorien, zur politisch/sozialen Dominierung durch andere und zur Selbstdefinition ( Hoffmeyer1993 ). Der Begriff ”Völker“ wurde von der UN-Arbeitsgruppe über indigene Völker in die ”Erklärung der Rechte indigener Völker“ von 1991 ( Colchester1993 ) aufgenommen. Ich schließe mich dieser Begriffsverwendung an und vermeide den häufig gebrauchten Begriff ”Ethnie“, den die indigene Bewegung Ecuadors als abwertend empfindet, da sie ihn mit ihrem Dasein als Studienobjekte für Anthropologen verbindet. Sie fordert statt dessen die Anerkennung des Begriffes ”Nacionalidad“ ( Chancoso1993 ; Andrango1993 ), der im deutschen Sprachgebrauch mit ”Nationalität“ übersetzt werden und in diesem Zusammenhang verwirren würde.

Der Begriff ” Comunidades “ wird in dieser Arbeit für indigene Siedlungen der OPIP verwandt, welche sich als indigene Organisationen ersten Grades<4> zusammengeschlossen haben. Hiermit folge ich der Terminologie der OPIP. Die Comunidades der OPIP können nicht als ”Gemeinden“ im deutschen Sinn verstanden werden, ”in welchen Selbstverwaltung, hoheitliche Verwaltung und Leistungsverwaltung institutionell zusammengefaßt sind“ ( Nitsch1985 , S.154).

Die Comunidades der OPIP haben in der Mehrheit keine eigene Rechtsperson und können daher nicht mit ”Gemeinden“ übersetzt werden.

Die Comunidad wählt in einer Vollversammlung alle zwei oder drei Jahre ihre indigene Führung, die i.d.R. aus einem Präsidenten, Vizepräsidenten, Sekretär und fallweise Kassenswart besteht. In derselben Ortschaft kann auch ein großer Anteil an


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nicht-indigener Bevölkerung siedeln, wie z.T. in der stark kolonisierten Andenfußzone Pastazas. In der genannten Region haben die Siedlungen i.d.R. den Status einer Gemeinde mit eigener Gebietskörperschaft und alle Bevölkerungsteile wählen Gemeindevertreter. Dies ist jedoch nicht in den Comunidades und ” Asociaciones “ (indigene Organisationen zweiten Grades), die am ÖTP teilnehmen, der Fall. Der Begriff “ Comunidades “ meint lediglich den selbstorganisierten Teil der indigenen Bevölkerung. Daher hat ein eventuell vorhandener Siedleranteil an der Bevölkerung keinen Einfluß auf die genannten Entwicklungsprojekte in den Comunidades der OPIP, wie z.B. auf das untersuchte ÖTP.

Mit ”kommunalen Projekten“ sind in dieser Arbeit Projekte der Comunidades und der Asociaciones gemeint.

Diejenigen indigenen Basisorganisationen, die einen Zusammenschluß aus indigenen Comunidades, Asociaciones, Kooperativen u.a. lokalen indigenen Organisationseinheiten bilden, werden auch als ” Föderationen “ bezeichnet, was dem spanischen Wort ”Federación“ entspricht, welches in den Namen der meisten dieser Organisationen enthalten ist. Die OPIP und alle anderen befragten indigenen Organisationen sind Föderationen oder übergeordnete Dachorganisationen.

Unter ”einkommenschaffenden Projekten“ verstehe ich Projekte, die, unabhängig davon, ob und in welcher Höhe sie in der Startphase eine Anschubfinanzierung von Entwicklungsorganisationen bekommen haben, sich nach einer gewissen Übergangsphase selbst finanzieren und anschließend Gewinne erwirtschaften können. Sie gehören zum Wirtschaftsmodell der nicht-indigenen Welt, welches auf einer arbeitsteiligen Geldwirtschaft aufbaut und sich von der ursprünglichen Subsistenzwirtschaft entfernt hat. In Ecuador werden diese Projekte als ”Proyectos productivos“ bezeichnet. Da dieser Terminus in der Literatur außerhalb Ecuadors nicht geläufig ist, wird er im folgenden nicht verwendet.

Mit dem Begriff ”Entwicklungsorganisationen“ fasse ich regionale, nationale und internationale Regierungsorganisationen, Nichtregierungsorganisationen ( NRO ) und kirchliche Organisationen zusammen, die Entwicklungsprojekte und Selbsthilfeorganisationen in Entwicklungsländern finanziell und/oder durch Beratung fördern. Wenn ich mich auf nur eine der genannten Institutionengruppen beziehe, wird sie im Text explizit genannt.

Den Begriff ”Ökotourismus“ erläuterte ich ausführlich in Kapitel 6 .


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Zusammenfassung von Kapitel 1

In der vorliegenden Arbeit untersuche ich die Forschungsfrage, ob es der indigenen Basisorganisation Organización de Pueblos Indígenas de Pastaza ( OPIP ) gelingt, ihr Ökotourismusprogramm ( ÖTP ) in selbstverwalteten Comunidades umzusetzen und dabei die natürlichen Ressourcen zu wahren. Das zur Beantwortung notwendige Hintergrundwissen (Kapitel 2 , 3 und 6 ) sowie Informationen zur Einzelfallstudie der OPIP (Kapitel 4 und 5 ) und ihrem ÖTP (Kapitel 7 und 8 ) erhob ich mit Methoden der qualitativen empirischen Sozialforschung und wertete Primär- und Sekundärliteratur aus. Da ich das ÖTP zweieinhalb Jahre als Entwicklungshelferin des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) beriet, hatte ich einen direkten Zugang zum Forschungsgegenstand als teilnehmende Beobachterin.


Fußnoten:
<1>

Spanische Begriffe werden im Glossar erläutert.

<2>

Spanische Begriffe werden im Glossar erläutert. Der Begriff ”Comunidad“ wird zusätzlich in Kapitel 1.5 erklärt.

<3>

Wann immer das Wort ”modern“ in dieser Arbeit erwähnt wird, ist damit der Gegensatz zu ”traditionell“ gemeint und keine Wertung beabsichtigt.

<4>

Zu den verschiedenen Organisationsgraden der OPIP siehe Kapitel siehe , S.56.


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