Schmall, Susanne: Das Ökotourismusprogramm der Organización de Pueblos Indígenas de Pastaza (OPIP) im Amazonastiefland Ecuadors Ansätze selbstbestimmter Entwicklung einer indigenen Basisorganisation

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Kapitel 4. Darstellung der OPIP

Mit diesem Kapitel beginnt die Einzelfallstudie der OPIP, deren Ergebnisse mit den Methoden der teilnehmenden Beobachtung, informellen Interviews der Dirigentes und Mitarbeiter der OPIP sowie der kooperierenden Entwicklungsorganisationen gewonnen wurden. Die inhaltliche Beschreibung der Arbeit in den Kommissionen und den Entwicklungsprojekten greift außerdem auf Primärliteratur wie Dokumente der OPIP ( OPIP1994a , OPIP1994b , OPIP1995a und OPIP1995b ), Projektanträge und -unterlagen zurück.

4.1. Ziele und Aufbau

Ein wesentliches Motiv zur Gründung der Federación de Centros Indígenas de Pastaza (FECIP) im Jahr 1979, die sich im zweiten Kongreß im Oktober 1981 zur OPIP umbenannte, war die Notwendigkeit der Verteidigung der traditionellen Landrechte. Den Anlaß dazu gaben katholische Missionare, die 1979 in die Comunidades reisten, um die Aufteilung des Landes für die Kolonisierung zu diskutieren ( Reeve1988 ). Der Zusammenschluß der indigenen Bevölkerung Pastazas folgte damit anderen Föderationen des Oriente , wie der FOIN und der FOISE , die sich bereits in dem Prozeß der juristischen Anerkennung ihrer Comunidades als Voraussetzung zur Legalisierung des Landbesitzes befanden.

Die 1983 in der Generalversammlung verabschiedeten ersten Statuten der OPIP wurden 1984 vom Sozialministerium anerkannt ( CONAIE1989 ). Ihre überarbeitete Version ( OPIP1995c ) gibt 21 Ziele an, die wie folgt zusammengefaßt werden können:


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Die OPIP umfaßte anfänglich Comunidades aller in Pastaza lebenden indigenen Völker. Nach der Abspaltung der Huaoranis und der Achuars vertritt sie heute noch ca. 20.000 Personen der Quichuas, Shiwiars und Záparos. Die 136 Comunidades als Organisationen ersten Grades ordnen sich elf Asociaciones , den Organisationen zweiten Grades, zu<37>, welche wiederum in der OPIP als Organisation dritten Grades organisiert sind ( Abbildung 14 ). In den Asociaciones werden der Präsident, Vizepräsident, Buchhalter, Sekretär und ”Varayuj“<38> gewählt ( Villamil1993 ).

Einige wenige Comunidades, wie auch die am ÖTP teilnehmenden Comunidades Llanchamacocha und Pavacachi, sind keiner dieser elf Asociaciones zugeordnet, sondern stehen in direkter organisatorischer Verbindung mit der OPIP ( Abbildung 14 ). Hierbei handelt es sich i.a. um neue Siedlungen, die abgelegen von den Zentren der Asociaciones liegen. Sie stellen nicht die Existenz der Asociaciones in Frage, die als organisatorische Zusammenschlüsse Machtblöcke innerhalb der OPIP bilden. Vertreter der Asociaciones wählen alle drei Jahre im Kongreß die Führungsspitze ( Dirigentes ) der OPIP, wobei die Asociaciones jeweils eine geschlossene Stimme abgeben.

Abbildung 14: Organisationsgrade der OPIP (eigene Darstellung)

Der gewählte Präsident der OPIP, der Vizepräsident und sechs weitere Dirigentes bilden den Rat der OPIP (Consejo de Gobierno). Er tagt regelmäßig und entscheidet


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über die Belange der Organisation. Die Dirigentes stehen je einer Kommission vor (politische Funktion), denen Entwicklungsprojekte (technische Funktion) zugeordnet sind. Im siebten Kongreß der OPIP im Mai 1996 wurden die damaligen elf Kommissionen auf die in Abbildung 15 dargestellten sechs Kommissionen reduziert. Eine in der OPIP häufiger gewählte Darstellung der Organisation ist in Abbildung 16 zu sehen.

Abbildung 15: Organigramm der OPIP (OPIP-Versammlung in Canelos, August 1996)

4.2. Kommissionen und Projekte

4.2.1. Natürliche Ressourcen und Land

Nachdem in Pastaza zwischen 1947 und 1973 lediglich in drei Comunidades offizielle Landtitel für Familienparzellen von 40-50 ha vergeben wurden ( Reeve1988 ), begann sich die OPIP in den 80er Jahren dafür einzusetzen, daß den Comunidades ihr Land in den traditionellen Grenzen formal zugesprochen wird ( Viteri1992 ). Zusätzlich forderte sie 1986 die staatliche Landvermessungsbehörde IERAC auf, die eigenständige Grenzziehung der Comunidades zu akzeptieren, weil


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IERAC die zahlreichen beantragten Vermessung nicht mehr bewältigen konnte. Da die indigene Bevölkerung nicht für Landvermessungen bezahlen mußte, bevorzugte die an Mitteln knappe Behörde die Arbeit für die Siedler ( Uquillas1993b ).

Abbildung 16: Die Projekte der OPIP (OPIP-Vollversammlung in Unión Base, Oktober 1996)

Im April 1990 wurde nach einer Kampagne der Föderationen im Namen der CONFENIAE ein Territorium für die Huaoranis ausgewiesen ( Serrano1993 ). Im selben Jahr schrieb die OPIP an die ecuadorianische Regierung und beantragte die formelle Anerkennung ihres gesamten traditionellen Gebietes von 2,3 Mio. ha als zusammenhängendes Territorium ( Abbildung 17 ). Der territoriale Anspruch wurde mit der Forderung nach Selbstverwaltung mit traditionellem Recht verbunden ( AbyaYala1990 ). Diese Aktion brachte der OPIP die Anerkennung als politisch präsente Organisation ein. Es gab aber auch Vorwürfe von Regierungsseite, daß die OPIP einen ”Staat im Staat“ bilden wollte, und von der Seite anderer indigener Organisationen und NRO , daß sie den Dialog zwischen indigener Bewegung und der Regierung gefährden würde ( Ruiz1993a ; Serrano1993 ).


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Ein zweiwöchiger Marsch von Puyo nach Quito im April 1992, an dem ca. 2.000 Indigene und Sympathisanten teilnahmen, verlieh den Forderungen Nachdruck. Die damalige Regierung unter Präsident Rodrigo Borja sprach der OPIP 1,1 Mio. ha zu, womit erstmalig in Ecuador dem Anspruch der indigenen Bevölkerung auf ein selbstzuverwaltendes Territorium nachgegeben wurde. Interne Grenzen sollte die OPIP mit ihren Asociaciones und Comunidades eigenständig festlegen.

Mit den schon vorher legalisierten Parzellen in den Comunidades außerhalb dieses Territoriums umfaßt das gesamte legalisierte Gebiet der OPIP heute etwa 1,9 Mio. ha ( Unupi1993b ), d.h. 70 % der Provinz Pastaza. Weitere Teile der von der OPIP geforderten Gebiete wurden ihr nicht zugesprochen, sondern vom Staat als militärischer Sicherheitsstreifen zur Grenze nach Peru deklariert bzw. als Nationalpark Yasuní (seit seiner Erweiterung von 1991) belassen ( Abbildung 17 ). In Nationalparks wird die eingeschränkte Nutzung des Waldes durch indigene Ansiedlungen lediglich toleriert<39> ( Figueroa1992 ).

Die OPIP erkennt die Existenz des Parks und des militärischen Sicherheitsstreifens nicht an ( VargasE , Dirigente für politische und rechtliche Fragen der OPIP, Interview). Sie will statt dessen die betreffenden Gebiete mit neuen indigenen Siedlungen besetzen, die die dichtbevölkerten Asociaciones Santa Clara und San Jacinto in der Nähe von Puyo entlasten sollen (OPIP-Versammlung in Allishungu, Dezember 1994).

”Hay la necesidad declararse como provincia protegida con estatuto de protección, no como parque nacional. En parques nacionales no hay quíen que protege, aquí estamos nosotros, las comunidades protegen. Queremos que las autoridades de la Provincia se preocupen de eso y se integren“<40> ( ViteriL , Interview)

Zentrale Aufgabe der Kommission seit dem Marsch 1992 ist die Ziehung der Grenzlinien und ihre Kennzeichnung im Gelände sowie die Schlichtung von Landstreitigkeiten zwischen Indigenen untereinander und mit den Siedlern.


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Abbildung 17: Anspruchsbereich und Territorium der OPIP (eigene Darstellung)

4.2.2. Politische und rechtliche Fragen

Wenn die Comunidades und Asociaciones auftretende Konflikte nicht alleine lösen können, tragen sie sie an die OPIP heran. Es handelt sich häufig um Landfragen, da viele Grenzen für Comunidades und Asociaciones noch nicht festgelegt wurden. Die OPIP strebt darüberhinaus die Anerkennung der Rechtsperson für ihre Comunidades und Asociaciones an, um sich z.B. besser in den Verhandlungen mit der Erdölindustrie verteidigen zu können ( VargasE , Interview). Für diese Arbeiten stellte sie zeitweise Rechtsanwälte ein.

Weiterhin soll die Kommission die politische Linie der OPIP definieren und verbreiten. So müssen z.B. Straßenbauvorhaben des Staates durch das OPIP-Territorium verfolgt und diskutiert werden.

Im Jahr 1996 nahm die indigene Bewegung Ecuadors das erste Mal mit einer eigenen Partei Pachakutik an den Wahlen zum Nationalparlament teil. Die OPIP organisierte erfolgreich den Wahlkampf in Pastaza ( Foto 7 ). Der damalige Präsident der OPIP,


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Héctor Villamil, wurde zusammen mit sieben weiteren Delegierten des Parteibündnisses Pachakutik/Nuevo País aus anderen Provinzen als Abgeordneter ins Nationalparlament gewählt.

Nach dem Beschluß des letzten OPIP-Kongresses im Mai 1996 sollen Arbeiten für die Föderation und Parteipolitik jedoch zukünftig getrennt werden, da zu viel Arbeitszeit und finanzielle Mittel auf Kosten der laufenden Projekte und Aktivitäten der OPIP verlorengingen. Amtierende Dirigentes dürfen sich seitdem nicht mehr an Parteipolitik beteiligen bzw. politische Ämter bekleiden ( OPIP1996 ).

4.2.3. Gemeindeentwicklung

Die Kommission für Gemeindeentwicklung soll die ökonomische Entwicklung in den Comunidades z.B. durch vermehrte Initiativen zur Tierhaltung, Fischzucht und Kunsthandwerkvermarktung fördern. Mit dem Aufbau von einkommenschaffenden Projekten in den Comunidades soll sich ein fairer Handel zwischen indigener und nicht-indigener Bevölkerung entwickeln. Hierzu wurde dem zuständigen Dirigente die umfassende Aufgabe der Erstellung eines lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Vermarktungskonzepts auf Grundlage einer Marktstudie unter Berücksichtigung ökologischer Gesichtspunkte gegeben ( OPIP1994a ). Das neue Konzept soll die Wiederaufforstung des weichen Balsaholzes (Myroxylon balsamun) für Schnitzarbeiten enthalten und den Handel mit Produkten aus Vogelfedern, Häuten und vom Aussterben bedrohter Arten verbieten. Darüberhinaus werden Wege zum Schutz, zur Kontrolle und zum Handel mit der Artenvielfalt gesucht (Planungsworkshop OPIP / ILDIS in Capirona, Februar 1995).

Ein Teil des Konzepts wird bereits in dem Kunsthandwerkladen Yana Puma der OPIP umgesetzt. Er kauft unter Umgehung von Zwischenhändlern Keramik, geschnitzte Balsaholzvögel u.a. Kunsthandwerk in den Comunidades ein und verkauft sie z.T. an alternative Handelsorganisationen in Ecuador<41> oder direkt ans Ausland weiter. Die OPIP bot den Produzenten in den Comunidades, i.d.R. Frauen, erst einen höheren Preis als die Zwischenhändler, der aber nicht gehalten werden konnte. Die Comunidades ihrerseits produzierten mit niedrigerer Qualität als Siedlerfamilien, von denen Yana Puma zunehmend mehr kaufte.


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Foto 7: Wahlkampfpropaganda für die Partei Pachakutik in Pastaza (eigene Aufnahme)

In dem Kunsthandwerkladen der OPIP in Puyo werden heute auch Naturmedizin, Bücher über Amazonien und Souvenirs für Touristen verkauft. Der Betrieb wird gemeinsam mit einer Geschäftsfrau aus Puyo geführt, die ihre Erfahrungen an das indigene Personal weitergibt. Der unkontrollierte Zugriff von Dirigentes auf die Einnahmen wird durch diese Zusammenarbeit begrenzt. Yana Puma trägt sich selbst, erwirtschaftet aber kaum Gewinne und leistet geringe und unregelmäßige Abgaben an die OPIP. Trotzdem kritisieren viele Mitglieder der OPIP, daß der Laden von einer nicht-indigenen Besitzerin dominiert wird und kaum mehr den Comunidades als Produzenten nutzt.

Eine weitere Komponente der Gemeindeentwicklung war die Einrichtung von kommunalen Läden in einigen Asociaciones , die vorwiegend Grundnahrungsmittel verkaufen. Viele Mitglieder der Asociaciones verstanden die Läden aber als Gemeinbesitz, in dem die Ware nicht bezahlt werden muß. Zunehmende Schwierigkeiten mit ausstehenden Schulden veranlaßte die OPIP in einer Planungssitzung für das Jahr 1995, die kommunalen Läden wieder zu schließen.


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Die Schreinerei der OPIP stellte zwölf Jahre lang Bretter, Konstruktionsmaterial und Möbel her und wurde seit ihren Anfängen vom DED unterstützt<42>. Sie sollte die OPIP finanzieren, Jugendliche aus den Comunidades ausbilden und die nachhaltige Waldwirtschaft in den Comunidades einführen.

Das häufig wechselnde auszubildende Personal schwächte die Rentabilität des Betriebs. Auch wenn viele Jugendliche eine praktische Ausbildung erhielten, konnte diese nie als allgemein anerkannte Ausbildung institutionalisiert werden. Ende 1996 wurde das Konzept des von der OPIP geführten Betriebes aufgegeben und die Schreinerei verpachtet. Die Gründe für das Scheitern der Schreinerei sind in erster Linie in ihrer Abhängigkeit von den Dirigentes der OPIP zu finden. Die Leitung der OPIP entzog ihr für politische Zwecke Gelder, die zur Erhaltung und Investition benötigt worden wären ( Kilian ; ehemaliger Entwicklungshelfer, Interview; Villamil , ehemaliger Koordinator der Schreinerei, Interview). Weiterhin fehlten andere Finanzierungsmöglichkeiten, da die Schreinerei keine Bankkredite aufnehmen konnte. Die Leitung der OPIP wehrte sich gegen den Erwerb der eigenen Rechtsperson für ihre Projekte, die dafür notwendig gewesen wäre. Darüberhinaus führten ihre Verzögerungen von Personalentscheidungen zu mehrmonatigen Stillegungen des Betriebes. Der Anspruch, Holz nur aus nachhaltigen Bewirtschaftungsystemen der Comunidades zu verarbeiten, hat sich bisher nur in unbeantwortet gebliebenen Projektanträgen niedergeschlagen.

In den Asociaciones Sarayacu, Canelos, Montalvo, Arajuno und Santa Clara wurden über die zwölf Jahre hinweg kleine Schreinereien zur Schaffung von temporären Arbeitsplätzen und Deckung des lokalen Bedarfs aufgebaut. Sie scheiterten an der mangelnden Nachfrage und unzureichenden Managementkenntnissen.

Eine Mechanikerwerkstatt der OPIP, die Reparaturarbeiten an Außenbordmotoren, Funkgeräten etc. für die Comunidades durchführte, hatte ihre Dienstleistungen an die Comunidades nie mit dem Anspruch der Wirtschaftlichkeit verbunden. Daher existierte die Werkstatt nur zu den Zeiten, in denen sie finanziell und technisch durch die schwedische NRO UBV (Technische Kooperation Schweden) unterstützt wurde, und erscheint nicht mehr in dem Organigramm der OPIP von August 1996.


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Eine geplante Spar- und Kreditkooperative Palati verlor die zugesagte Finanzierung vom Projekt Samay (siehe Kapitel 4.2.8 ) und wurde vorerst eingestellt. In Diskussion ist weiterhin die Errichtung eines indigenen Marktes und eines Restaurants in Puyo sowie eines Kühlzentrums für Fleisch aus den Comunidades.

Das ÖTP , welches in den Kapiteln 7 und 8 detailliert dargestellt wird, untersteht ebenso der Kommission für Gemeindeentwicklung.

4.2.4. Frauen und Gesundheit

Nach der Gründung der Frauenkommission im Jahr 1990 entstanden in fünf Asociaciones Frauenkomitees. Die Frauen sind traditionell für die Kinder, Hausarbeit und die Chacra zuständig ( Foto 8 , Foto 9 und Foto 10, Abbildung 18 ) und leiden unter hoher Arbeitsbelastung und Marginalisierung durch die Männer-dominierte Gesellschaft der Quichuas ( Tassi1995b ). In ihren Versammlungen betonen sie jedoch ihre Rolle in der indigenen Gesellschaft als aktives Mitglied in allen Aspekten der kommunalen Entwicklung. Die Kommission organisiert Fortbildungsveranstaltungen<43> und nimmt an nationalen und internationalen Tagungen teil.

Familienplanung wird zum Teil in die Seminare über Gesundheit einbezogen, ist jedoch sehr umstritten, da moderne Formen der Empfängnisverhütung als Kontrolle vom Staat zur Reduzierung der indigenen Bevölkerung angesehen werden und nicht der Tradition entsprechen (Frauentreffen der CONFENIAE / CONAIE in Unión Base, August 1994).

Die Kommission für Gesundheit, die 1996 mit der Frauenkommission verbunden wurde, versucht, die medizinische Versorgung in den Comunidades zu verbessern und die traditionelle Medizin zu fördern. In Pastaza gibt es neben den drei staatlichen Krankenhäusern, zwei öffentliche Gesundheitszentren mit Ärzten, 17 Subzentren mit Pflegepersonal (u.a. in Curaray und Canelos) und 16 Gesundheitsstationen mit Hilfspersonal ( DirecciónProvincialdeEducación 199 6). Das Gesundheitsprogramm der OPIP bildete zusätzlich in 22 Comunidades Hilfskräfte aus und versorgte sie mit Notfallapotheken.


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Foto 8: Eine Quichuafrau aus Curaray in der Kochecke ihres Hauses (eigene Aufnahme)

Abbildung 18: Anzahl Kinder pro Frau in Pastaza ( INEC1990 , eigene Darstellung)


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Foto 9 und Foto 10: Mädchen werden früh zur Sorge für die jüngeren Geschwister erzogen (eigene Aufnahmen)


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4.2.5. Erziehung

”Los indios tienen que valorar a si mismo. No hay respeto entre nosotros por la aculturación“<44> ( Grefa , Interview).

In der zweiten Hälfte der 70er Jahre begann sich die indigene Bewegung Ecuadors auf die Bewahrung und Belebung ihrer indigenen Kultur zu konzentrieren (Neoindigenismo) und erstmalig spezifisch ethnische Forderungen aufzustellen. Damals wurde mit der Vereinheitlichung des Quichua als Schriftsprache begonnen. Daraus entstand 1986 die Initiative für das Programa Alternativo de la Educación Bilingüe Intercultural de la CONFENIAE (PAEBIC), ein zweisprachiges interkulturelles Erziehungsmodell, welches in acht Schulen der Provinzen Napo und Pastaza erprobt wurde. Mit der Gründung der nationalen Erziehungsbehörde Dirección Nacional de Educación Intercultural Bilingüe (DINEIB) wurde es vom Staat übernommen und ein paralleles zweisprachiges Schulsystem in Pastaza aufgebaut ( Espinoza1986 ) ( Abbildung 19 ).

Die OPIP nahm an dem Programm teil und arbeitet heute mit der Provinzbehörde für zweisprachige Erziehung zusammen. Die Kommission für Erziehung berät und kontrolliert sie in inhaltlichen und didaktischen Fragen und hilft ihr bei der Suche nach Finanzierung zur Ausstattung der Schulen ( Foto 11 ), Erstellung didaktischen Materials und zur Fortbildung der Lehrer ( Box 1 ).

Die Kommission soll darüberhinaus Fortbildungskurse für die Dirigentes und OPIP-Mitarbeiter organisieren, u.a. für das Schreiben von Berichten und Projektanträgen, Buchführung, Informatik, Konfliktmanagement und Menschenrechte (Planungsworkshop OPIP/ ILDIS in Capirona, Februar 1995). Die 1995 gegründete inter-institutionelle Fortbildungsvereinigung Escuela de Capacitación (Fortbildungsschule) versucht, Aus- und Fortbildungsaktivitäten der verschiedenen indigenen Organisationen in Pastaza, der Provinzbehörde für zweisprachige Erziehung und der Entwicklungsorganisationen zu koordinieren, und will ein Konzept für eine indigene Universität Amazoniens in Puyo erstellen.


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Abbildung 19: Schulen in Pastaza ( DirecciónProvincialdeEducación 199 6, eigene Darstellung)

Foto 11: Die erste Schule von Pavacachi (eigene Aufnahme)


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Box 1: Umsetzungsprobleme des zweisprachigen interkulturellen Erziehungssystems

Die Föderationen des Oriente erprobten bei der Einführung der zweisprachigen interkulturellen Erziehung erfolgreich neue Formen der Verhandlungen mit staatlichen Institutionen und eroberten sich über die DINEIB einen neuen Entscheidungsspielraum innerhalb des Staates. In der letzten Regierungsperiode ließ die Unterstützung des Erziehungsministeriums aber deutlich nach, welches die Autonomie der DINEIB heute nicht mehr anerkennt. Die von den Föderationen erstellten Materialien wurden größtenteils nicht verwendet, da das implizierte Weltbild nicht akzeptiert, sondern als Unkenntnis oder Politisierung abgetan wird.

Die OPIP nimmt vorwiegend über den Vorschlag der Lehrer und Direktoren Einfluß auf die Provinzbehörde der DINEIB . Es gibt jedoch wenig didaktische Fachkenntnisse in der Organisation. Die meisten zweisprachigen Lehrer haben keine abgeschlossene Ausbildung und erhalten deshalb kein staatliches Gehalt, sondern lediglich eine ”Bonifikation“ ( Berger1993 ). Die ausgebildeten Lehrer haben Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie zu den zweisprachigen Schulen wechseln. Mit den Lehrern des spanischen Erziehungssystems gibt es fortlaufend Schwierigkeiten, da sie den Arbeitsrhythmus und die Methodik des bilingualen Systems nicht akzeptieren. Kontrollen sind in den Comunidades schwer durchführbar, so daß sehr viel Unterrichtszeit durch ihre Abwesenheit verloren geht ( EBI1991 ).

Das landwirtschaftliche Modellprojekt Nunguli in der Asociación San Jacinto mit der Unterstützung der ecuadorianischen NRO Terra Nuova und das Technologische Zentrum der natürlichen Ressourcen Amazoniens der OPIP in Fatima bei Puyo, genannt das ”Projekt Fatima“, sind dieser Kommission zugeordnet. Das Projekt Fatima domestiziert Wildtiere der Region, wie Tapir<45> ( Foto 12 ), Guatusa ( Foto 13 ), Sajino, Guanta, Pava de Monte, Wasserschwein ( Foto 14 ) und Landschildkröten, die später in Kleintierhaltung zur Subsistenz- und Marktproduktion in den Comunidades gehalten werden sollen. Die Jagd soll langfristig durch Zucht ersetzt werden, um den Populationsrückgang dieser Arten zu verhindern. Ihre Nutzung soll der Rinderhaltung eine ökonomische und ökologische Alternative entgegengesetzen. Das Projekt Fatima, das bereits zwei Umweltpreise gewann, veranstaltet Seminare und


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Schulbesuche und stellt einen der wenigen touristischen Anziehungspunkte in der Nähe von Puyo dar.

Foto 12: Tapir im Projekt Fatima (Aufnahme: Michael Sturm)

Foto 13: Guatusa im Projekt Fatima (Aufnahme: Michael Sturm)


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Foto 14: Wasserschwein im Projekt Fatima (Aufnahme: Michael Sturm)

4.2.6. Transport und Kommunikation

Das wichtigste Transportmittel in den und zwischen den Comunidades sind Kanus ( Foto 15 ). Da die Oberläufe der Flüsse in Pastaza nicht schiffbar sind, ist der Flugverkehr eine wichtige Ergänzung des Transports von Puyo bzw. Shell in die im Wald gelegenen Comunidades ( Foto 16 ). Die Flugabteilung der OPIP besitzt zwei Flugzeuge für je 4-5 Passagiere ( Foto 17 ). Bis 1995 bekam sie jährlich ca. 7.000 US-$ für Ambulanzflüge vom Gesundheitsministerium ( Berger1993 ). Das entsprechende Abkommen zwischen OPIP und Ministerium wurde jedoch aufgrund von Koordinationsproblemen nicht mehr erneuert, so daß finanzierte Ambulanzflüge nun von anderen Gesellschaften geflogen werden müssen.

Als offiziell registrierter sozialer Flugdienst darf die OPIP mit dem Flugbetrieb keine Gewinne erwirtschaften und somit auch keine Touristen transportieren. Daher plante sie, eine kommerzielle Fluglinie aufzubauen, verwarf diese Idee nach einigen Monaten aber wegen organisatorischen und finanziellen Schwierigkeiten wieder.

Formal betreut die Kommission die Wartung der Sprechfunkradios, die das Institut Amazanga (siehe unten) und die italienische NRO Centro para un Apropiado Desarrollo (CAST) in 17 Comunidades, u.a. in den Comunidades Pavacachi und Llanchamacocha und in Comunidades der Asociaciones Curaray und Canelos.des


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ÖTP , installierten. Die hohen Flugkosten für die Techniker, die die Comunidades nicht zahlen wollen, erschweren die Wartung ( Machoa , Dirigente für Transport und Kommunikation der OPIP, Interview).

Die Bereiche Infrastruktur und Wohnen sind 1996 in diese Kommission integriert worden. Sie plant und begleitet u.a. den Bau von Gemeinschaftshäusern in den Comunidades, Schulen, Latrinen, Wasserleitungen, Solarenergieanlagen, Flugpisten, Brücken und Wegen in Zusammenarbeit mit der Provinzverwaltung.

Foto 15: Kanus mit und ohne Außenbordmotoren in den Comunidades (eigene Aufnahme)

4.2.7. Institut Amazanga und Verhandlungen mit Erdölfirmen

Das Institut Amazanga wurde als wissenschaftlich-technischer Zweig der OPIP im Jahr 1992 gegründet, um einen Landnutzungs- und Entwicklungsplan für das Territorium der OPIP zu erarbeiten. Dem Plan Amazanga ( Viteri1992 ) folgten weitere Studien für verschiedene Wassereinzugsgebiete und der Aufbau eines Geographischen Informationssystems ( GIS ). Sie wurden aber nicht abgeschlossen und sind nicht einsehbar.


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Foto 16: Landepiste in Pavacachi (Aufnahme: Harald Schölzel)

Foto 17: Entladen des OPIP-Flugzeugs in Curaray (Aufnahme: Harald Schölzel)


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Das Institut führte Kurse zur Erfassung und Management von natürlichen Ressourcen<46> und über Wirkungen der Erdölindustrie durch. Es elektrifizierte Gesundheitszentren, Schulen und Sprechfunkradiostationen mit fotovoltaischen Zellen.

Amazanga sieht sich selbst als Institut, das Projekte wissenschaftlich vorbereitet und begleitet. Die OPIP erwartet hingegen technische Problemlösungen und Ausarbeitung von konkreten Projekten. Ein wesentliches Problem des Instituts ist seine fehlende Einbettung in die Gesamtorganisation der OPIP, wie das Organigramm der OPIP ( Abbildung 15 ) verdeutlicht.

Das Institut leitet die Verhandlungen der OPIP mit der Erdölindustrie ( Foto 18 ). Die anfängliche Strategie der Erdölfirmen zur Durchsetzung ihrer Interessen bestand in dem Bau von Schulen und anderen Infrastrukturmaßnahmen sowie Projekten als Schenkungen an Comunidades, die in ihrem Konzessionsgebiet liegen. Dies führte zur Abspaltung von drei Comunidades in der Nähe der Förderstelle Villano von der OPIP ( Sawyer1996 ), da die OPIP ihr nicht eine derart sichtbare ”Entwicklung“ bieten konnte.

Da nach ecuadorianischem Recht der Boden unterhalb von 30 cm Tiefe und seine Bodenschätze dem Staat gehören ( Uquillas1993a ), hat die OPIP kein Einspruchsrecht gegen die Anwesenheit der Firmen auf ihrem Gebiet, versucht aber, Comunidades und Weltöffentlichkeit auf die Bedrohung durch die Erdölindustrie für die lokale Bevölkerung aufmerksam zu machen. Die international unterstützte Kampagne Tungui der OPIP veröffentlichte die Bedingungen, unter denen die Erdölfirmen im Oriente arbeiten, und forderte ein fünfzehnjähriges Moratorium für weitere Erdölaktivitäten in der Provinz Pastaza. Sie erreichte, daß die US-amerikanische Firma ARCO und die staatliche ecuadorianische Firma Petroproducción mit der OPIP in Verhandlungen traten und ihre Aktivitäten für das Jahr 1989 paralysiert wurden ( Sawyer1996 ).

Statt Kompensationen zu verhandeln, die den Charakter von Geschenken haben und somit die Abhängigkeit fördern, stellte die OPIP die Forderung nach 2 US-$ für jedes auf ihrem Territorium geförderten Barrel auf ( Villamil1995 ).


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”No pedimos que petroleros pagan a la OPIP, sino que OPIP recibe un porcentaje de 2-3 % de la producción“<47> ( Machoa , Interview).

ARCO ließ sich weder darauf, noch auf ein Moratorium ein. Bisher wurde lediglich ein interinstitutionelles Umweltmonitoringteam<48> zusammengestellt.

Gegen die Vergabe von Konzessionsblöcken auf dem Territorium der OPIP in der achten Ausschreibungsrunde 1994 protestierte sie in Quito mit 150 Demonstranten ( Sawyer1996 ). Seitem stagnieren die Verhandlungen.

Foto 18: Der Präsident der OPIP, Héctor Villamil und der Direktor des Instituts Amazanga, Leonardo Viteri, bei Verhandlungen mit ARCO (Voz de la CONFENIAE , 1994, Nr.11, S.7)


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4.2.8. Integriertes Entwicklungsprojekt Samay

Das von der Europäischen Union finanzierte integrierte indigene Entwicklungsprojekt Samay sollte die OPIP durch den Aufbau eines technischen Unterbaus fördern. Schlechte Erfahrungen mit der Verwaltung des Instituts Amazanga führten zum Aufbau einer parallelen technischen Einheit der OPIP, die von der dänischen NRO Ibis verwaltet wird. Das weitgefaßte Ziel des fünfjährigen Projektes Samay ist die Verbesserung des sozialen und wirtschaftlichen Lebensstandards der indigenen Bevölkerung im Projektgebiet durch Stärkung der indigenen Kultur und der nachhaltigen Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen ( Ibis1994 ; OPIP1994c ). Die Arbeit teilt sich in vier Komponenten auf:

Die Zusammenarbeit mit den Dirigentes erwies sich von Anfang an als problematisch, da sie in dem Projekt mehr eine Finanzierungsinstanz für die OPIP, als ein technisches Entwicklungsprojekt für die Basis sahen. Da nur der Präsident als Vertreter der OPIP an dem Projektsteuerungskomittee (mit Konsensentscheidungen) teilnehmen konnte, identifizierte sich die OPIP nicht mit dem Projekt und verlangte die eigenständige Projektdurchführung für sich. Die gemeinsame Auswahl des Projektpersonals u.a. Meinungsverschiedenheiten zwischen der OPIP und dem Projekt führten im Dezember 1996 und Mai 1997 ( Jovanov1997 ) zu seiner vorläufigen Schließung.


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Zusammenfassung von Kapitel 4

Die OPIP bekam als erste indigene Organisation des Oriente ein Territorium, welches ein Großteil der traditionellen Gebiete ihrer Mitglieder umfaßt, zur Selbstverwaltung vom Staat Ecuador zugewiesen. Neben ihren politischen Aufgaben in den Kommissionen führt sie heute Entwicklungsprojekte durch, die eine Vielzahl von sozialen, kulturellen, ökonomischen und ökologischen Fragen umfassen. Das nächste Kapitel diskutiert den Einfluß der Entwicklungsorganisationen im Prozeß der Aufgabendiversifizierung von Föderationen . Während in diesem Kapitel bereits Schwierigkeiten einzelner Projekte auftraten, werden dort die gemeinsamen Probleme der Entwicklungsprojekte und ihre Hintergründe analysiert und nach den Entwicklungsstrategien der OPIP gefragt.


Fußnoten:
<37>

Asociaciones de Centros Indígenas de Santa Clara, Cabeceras del Río Anzu, Jatun Paccha, Arajuno, San Jacinto de Pinduc, Canelos, Río Bobonaza, Curaray, Río Conambo, Copataza und die Asociación de Centros Shiwiar de Pastaza.

<38>

”Varayuj“ werden die formalen indigenen Vertreter der katholischen Kirche in den Comunidades genannt. Der Varayuj umfaßt sechs verschiedene Ämter ( siehe ).

<39>

Ley Forestal y de Conservación de Areas Naturales y Vida Silvestre Artikel 38.

<40>

”Es ist notwendig, die Provinz als Schutzzone mit offiziellem Schutzstatus zu deklarieren, nicht als Nationalpark. In Nationalparks gibt es niemanden, der sie schützt. Hier aber sind wir, die Comunidades schützen die Natur. Wir wollen, daß die Autoritäten der Provinz sich darum kümmern und sich integrieren“.

<41>

Camari der siehe siehe und Fundación Maquita Cusunchic/Comercializando como Hermanos (MCCH).

<42>

Im folgenden Text wird nur die Unterstützung einer Entwicklungsorganisation genannt, wenn sie einen wesentlichen Teil der finanziellen und technischen Förderung eines Projektes ausmacht. Auf die Nennung der zahlreichen weiteren Förderungen jedes Projektes und jeder Kommission wird verzichtet.

<43>

Über die Rolle der Frau, Kindererziehung, Gesundheit, Hygiene, Ernährung, traditionelle Medizin, Nähen, Kunsthandwerk, Gärten, Kleintierhaltung und Buchführung.

<44>

”Die Indigenen müssen sich wieder selbst schätzen lernen. Aufgrund der kulturellen Entfremdung gibt es keinen Respekt mehr unter uns.“

<45>

Lateinische Namen siehe vorne in Kapitel siehe .

<46>

Z.B. Bodenuntersuchungen, Interpretation von Karten und Luftbildern, Umgang mit GIS, Entwurf von Landnutzungsplänen.

<47>

”Wir fordern nicht, daß die Erdölfirmen an die OPIP zahlen, sondern daß die OPIP einen prozen-tualen Anteil von 2-3 % der Produktion bekommt“.

<48>

Mit je zwei Mitglieder der OPIP, der Asociación de Indígenas Evangélicos de la Región Amazónica (AIEPRA) und der aus den abgespaltenen Comunidades neugegründeten Directiva Intercomunitaria de Comunidades Independientes (DICIP).


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