Schmall, Susanne: Das Ökotourismusprogramm der Organización de Pueblos Indígenas de Pastaza (OPIP) im Amazonastiefland Ecuadors Ansätze selbstbestimmter Entwicklung einer indigenen Basisorganisation

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Kapitel 6. (Öko-) Tourismus in Ecuador

6.1. Begriffsbestimmung ”Ökotourismus“

In den letzten beiden Dekaden sind aus der Kritik an den negativen Wirkungen des konventionellen Tourismus neue Tourismusformen entstanden, die sich als Alternative zum Massentourismus verstehen. Es gibt unterschiedliche Interpretationen von ”alternativem“, ”verantwortlichem“, ”sanftem“ und ”nachhaltigem“ (sustainable) Tourismus sowie ”Natur“- und ”Ökotourismus“ ( Ellenberg1997 ). Da jedoch allgemeingültige Definitionen fehlen und sich die Begriffe je nach Autorenverständnis überschneiden sowie Ober- bzw. Untergruppen miteinander bilden ( BMZ1995 ), wird für die vorliegende Arbeit folgende Interpretation der Begriffe beschrieben und angewandt:

”Sanfter Tourismus“ strebt die Verminderung bzw. Vermeidung der beim konventionellen Tourismus (besonders in Form des Massentourismus) auftretenden negativen sozialen, kulturellen und ökologischen Wirkungen an. Er wird auch als ”verantwortlicher Tourismus“ bezeichnet, ein Begriff, der das Bedürfnis nach einer Form des Tourismus ausdrückt, der von Tourismusplanern, Reiseveranstaltern und Touristen verantwortliches Verhalten gegenüber den sozialen und kulturellen Strukturen der lokalen Bevölkerung und den natürlichen Ressourcen des bereisten Gebietes verlangt.

”Naturtourismus“ wird häufig mit ”Ökotourismus“ gleichgesetzt ( Boo1990 ; Lindberg1991 ). In der vorliegenden Arbeit wird er lediglich durch das Zielgebiet definiert, also als Reisen in naturnahe Gebiete verstanden ( Ziffer1989 ; Drumm1991 ; Brandon1996 ), unabhängig von seinen ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen ( BMZ1995 ).

Beim ”nachhaltigen Tourismus“ wird der Entwicklungsgedanke der Nachhaltigkeit aufgenommen, der in der Diskussion um eine Alternative zur Wachstumsphilosophie bei maximaler Ausbeutung der vorhandenen Ressourcen entstand. Nachhaltiger Tourismus, bekannter in der englischen Sprachanwendung als ”Sustainable Tourism“, fordert die Einbettung der touristischen Aktivität in die nachhaltige Entwicklung der Region mit Partizipation der lokalen Bevölkerung. Er muß die gleichen Kriterien der Umwelt- und Sozialverträglichkeit erfüllen wie der sanfte Tourismus, geht aber in seinen Entwicklungsansprüchen für die lokale Bevölkerung über diesen hinaus.


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Wie Abbildung 23 zeigt, stellt Ökotourismus die Schnittmenge von nachhaltigem Tourismus und Naturtourismus dar. Nachhaltiger Tourismus kann ebenso in Städten stattfinden ( BMZ1995 ), ist in diesem Fall aber kein Ökotourismus. Ökotourismus findet in naturnahen Gebieten unter ökologisch, sozial und kulturell verträglichen Auswirkungen statt. Er soll durch die Partizipation der lokalen Bevölkerung zur Entwicklung der bereisten Region beitragen. Darüberhinaus verbindet Ökotourismus nachhaltige Entwicklung mit Naturschutz ( Boo1990 ), d.h. er muß einen Beitrag zur Erhaltung der natürlichen Ressourcen leisten ( Ceballos1993 ; Ecotourism Society in: IUCN1995 ) sowie Umwelterziehung für Touristen und lokale Bevölkerung beinhalten. Während der sanfte Tourismus lediglich die Vermeidung negativer Umweltwirkungen anstrebt, versucht Ökotourismus also zusätzlich positive Wirkungen auf die natürlichen Ressourcen zu erzielen.

Abbildung 23: Kriterien des Ökotourismus (eigene Darstellung)

Nach Ellenberg et al. ”werden unter Ökotourismus Formen von Naturtourismus verstanden, die in verantwortungsvoller Weise negative Umweltauswirkungen und sozio-kulturelle Veränderungen zu minimieren suchen, zur Finanzierung von Schutzgebieten beitragen und Einkommensmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung schaffen“( Ellenberg1997 , S.56). Die meisten Veröffentlichungen über Ökotourismus (und Naturtourismus) beziehen sich auf offizielle Schutzgebiete (z.B. Boo1990 ; Wesche1993 ). Die Studie des BMZ empfiehlt als Förderkriterium ”Ökotourismus ist wegen des hohen Steuerbedarfs nur dann förderungswürdig, wenn parallel eine Unterschutzstellung erfolgt“( BMZ1995 , S.156). Das dieser Arbeit zugrunde liegende Verständnis von Ökotourismus weicht davon ab, da angenommen wird, daß Ökotourismus auch in nicht offiziell ausgewiesenen Schutzgebieten stattfinden kann. Die naturerhaltende Wirkung des Ökotourismus kann z.B. durch die Einführung einer Landnutzungsplanung auf der Gemeindeebene mit dem Verzicht auf


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umweltzerstörende Aktivitäten (z.B. kommerzielle Jagd und Fischfang) bewirkt werden.

Partizipation wurde von der Weltbank in einer Publikation von 1996 folgendermaßen definiert ”Participation is a process through which stakeholders influence and share control over development initiatives and the decisions and resources which affect them“ ( ESD1996 , xi Preface). Die Partizipation bei Naturschutzmaßnahmen wird unterschiedlich interpretiert. Tritt die lokale Bevölkerung lediglich als Nutznießer der touristischen Aktivität auf, ohne daß sie in Entscheidungen einbezogen wird, spricht Brandon vom ”beneficiary approach“ ( Brandon1993 ), und West and Brechin vom ”hire-the-natives approach“( West1991 ).

Die Ausweisung staatlicher Schutzgebiete wird i.d.R. nicht von der lokalen Bevölkerung initiiert. In seiner Untersuchung der Partizipation indigener Bevölkerung in Biosphärenreservaten stellte Dömpke weltweit in nur 8 Reservaten (von 34, die von indigener Bevölkerung bewohnt sind) Ansätze von Partizipation fest ( Dömpke1995 ). Diese äußerten sich maximal in Form von konsultativen Gremien oder Prozessen. Der Verzicht auf naturzerstörende Aktivitäten als Gegenleistung für Kompensationen und die Umsetzung der Schutzabkommen kann kaum durch die Naturschutzbehörden und ihre i.d.R. zu wenigen Parkwächter kontrolliert werden. In kommunalen Projekten wird dagegen die Selbstkontrolle der Comunidades über ihre natürlichen Ressourcen angestrebt und versucht, sie von vornherein einzubeziehen. Dieser sogenannte ”participatory approach“ will die lokale Bevölkerung als Entscheidungsträger, Manager und Kontrolleur ihrer eigenen Ressourcen stärken ( Brandon1993 ; AzócardeBuglass1995 ).

Ökonomische, ökologische und entwicklungsbetonte Ansätze können im Ökotourismus komplementär zusammengeführt werden. Als ökologischer Ansatz wird Ökotourismus zur Erhaltung der natürlichen Ressourcen, z.B. eines Naturschutzgebietes, eingesetzt. Der Entwicklungsansatz dagegen sieht im Ökotourismus ein Instrument, um nachhaltige lokale Entwicklungen zu fördern. Tourismusanbieter, die das wachsende öffentliche Interesse an der Umwelt erkannt haben, sowie Regierungen von Entwicklungsländern, die ihre natürlichen Ressourcen zur Devisenbeschaffung einsetzen wollen, sehen den ökonomischen Ansatz im Vordergrund. Hier wird ”Ökotourismus“ häufig als Naturtourismus verstanden und kann leicht Opfer des Umweltopportunismus werden, in dem zu Zwecken der Vermarktung dem Status quo ein neues Label gegeben wird ( Rees1990 ).

In den 90er Jahren - der ”Dekade des Ökotourismus“- weist der Ökotourismus in der Tourismusindustrie die größte Wachstumsrate auf ( Cater1994 ), wobei aber keine


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Trennung zum Naturtourismus im oben genannten Sinne gemacht und vermutlich auch Abenteuertourismus mit einbezogen wurde<75>.

6.2. Ökotourismus in Ecuador und im Oriente?

Durch die Kreuzfahrten der ecuadorianischen Reiseagentur Metropolitan Tours zu den Galápagosinseln wurde Ecuador Ende der 60er Jahre erstmalig in den internationalen Tourismus eingebunden. Heute stellt der Tourismus für den Staat die viert-wichtigste Devisenquelle dar ( Abbildung 24 ). Der Anstieg der Besucherzahlen Ecuadors (1994: 481.600, Ceballos1995 ) wird auf 3,8 % pro Jahr geschätzt ( BMZ1995 ).

Abbildung 24: Die wichtigsten Exportprodukte Ecuadors ( ArmasDávila1995 , eigene Darstellung)

Die meisten Touristen besuchen Ecuador im Juli/August und Dezember/Januar, die wenigsten im April/Mai und Oktober/November ( ConcejoProvincialPastaza1991 ). Der größte Anteil der Touristen kommt aus der lateinamerikanischen Region (Grenzverkehr etc.). Durch die Abwertung der Währung und die verbesserte


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touristische Infrastruktur Ecuadors wächst der Markt der nordamerikanischen Touristen, die die zweitgrößte Besuchergruppe darstellen. Dagegen sank der Anteil der europäischen Touristen, weil Ecuador kaum Werbung in Europa macht und die meisten Besucher im Zusammenhang mit einer Perureise kamen, die durch die zunehmende Gewalt in diesem traditionell stärker besuchten Land unattraktiver wurde.

Ecuador gilt, im Vergleich zu seinen Nachbarländern, als billiges und sicheres Reiseland. Diese Einschätzung ist jedoch Konjunkturen unterworfen. So ging zwischen 1980 und 1985 die Gesamtzahl der einreisenden Auslandsgäste u.a. aufgrund der Preissteigerungen in Ecuador zurück ( StatistischesBundesamt1991 ). Auch der Ruf Ecuadors, politisch relativ stabil zu sein, wurde durch den Grenzkonflikt mit Peru (Anfang 1995) und die Absetzung des Präsidenten nach landesweiten Streiks und Demonstrationen (Anfang 1997) gefährdet. Ebenso wie 1981 nach dem Konflikt mit Peru (Guerra de Paquisha) ging während und nach dieser Ereignisse der Besucherstrom zurück ( Muñoz1994 ).

Der größte Teil der aus anderen Kontinenten anreisenden Gäste wählt eine organisierte Rundtour, um sich im Rahmen einer Lateinamerikareise einige Tage in Ecuador aufzuhalten ( BMZ1995 ). Die meisten internationalen Touristen machen, neben kürzeren Besuchen von Hochlandorten und ihren indigenen Märkten, ein oder zwei Ausflüge in Naturschutzgebiete. Während Ecuador in Bezug auf kulturelle Attraktionen hinter anderen lateinamerikanischen Ländern wie Peru, Mexiko und Guatemala zurücksteht, bietet es auf einem relativ kleinen Raum die drei Großlandschaften Costa, Sierra und Oriente. Die Vielfalt an Klima- und Vegetationszonen ist groß: Amazonasregenwald, Bergnebelwald, Küstenregenwald, Mangroven, Trockenwälder, Savannen, Steppen und Páramo.

Nach einer Umfrage bei ecuadorianischen Veranstaltern ( ConcejoProvincialPastaza1991 ) wurden die internationalen Besucher des nördlichen Oriente in konventionelle Touristen (40 %, hauptsächlich aus den USA), in Abenteuertouristen (37 %, hauptsächlich Europäer) und in ökologisch-wissenschaftliche Touristen (23 %, hauptsächlich Europäer) eingestuft. Etwa 2/3 der Touristen, die Ecuador besuchen, sind in erster Linie an der Natur des Landes interessiert ( Muñoz1994 ; Boo1990 ). Die Naturschutzgebiete Ecuadors, die 1993 von ca. 73.000 ausländischen Gästen besucht wurden, bedecken 16 % der Staatsfläche ( Abbildung 25 ). Sie umfassen 21 der 26 von Holdridge ( Holdridge1978 ) in Ecuador identifizierten Lebensräume ( Amend1992 ). Die Galápagosinseln führen die Reihe der internationalen Besucherzahlen an (41 %), gefolgt von Schutzgebieten, die von Quito


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leicht erreichbar sind (zusammen 45 %). Relativ wenig besucht (5 %) werden dagegen die Naturschutzgebiete, die ganz oder teilweise im Oriente liegen.

Die geringen Besucherzahlen in den Naturschutzgebieten des Oriente lassen nicht erkennen, daß er sich nach Galápagos zum zweitwichtigsten Reiseziel entwickelt hat ( Ceballos1995 ). Von den 28.000 Orientebesuchern (1991) reisten 18.000 in die Provinz Napo ( CAAM1994 ), welche nicht nur im ecuadorianischen Vergleich, sondern in ganz Südamerika den besten Straßenzugang in den Regenwald hat ( Wesche1993 ). Die ersten organisierten Reisen in den Oriente wurden Mitte der 70er Jahre zum Hotelschiff Flotel Francisco de Orellana auf dem Río Napo von Metropolitan Tours angeboten. Aus Puerto Misahuallí, östlich von Tena am Río Napo ( Abbildung 26 ), entwickelte sich das größte Tourismuszentrum des Oriente als Ausgangspunkt für Schiffs- und Kanutouren ins Waldesinnere. Von Quito oder aus dem Ausland wird im allgemeinen ein mehrtägiges Angebot gebucht (”Logier- oder Cabaña-Tourismus“, Wesche1993 ). Von den einfachen bis luxuriösen Cabaña s (Hütten für die Touristen) werden Ausflüge in den Regenwald mit Kanu oder zu Fuß und zu den indigenen Comunidades organisiert. Der Rucksacktourist unternimmt dagegen ein- bis sieben-tägige, von Führern begleitete Touren zu wechselnden Stationen im Regenwald, die von Misahuallí, Coca oder Baños ausgehen.

Ecuador war bereits in seinen touristischen Anfängen ein Ziel für Naturreisende. Die Regierung und die ecuadorianische Tourismusindustrie versuchen nun, die nach Galápagos reisenden Naturtouristen zusätzlich für Besuche in Naturgebiete der Anden und des Amazonastieflandes anzuwerben ( Boo1990 ). Die Bedeutung der Schutzgebiete für das Wachstum des Ökotourismussektors schlägt sich aber kaum in der offiziellen Politik nieder. Es werden zwar immer neue Naturschutzgebiete ausgewiesen, aber der Naturschutzbehörde Instituto Ecuatoriano Forestal y de Areas Naturales y de Vida Silvestre (INEFAN) standen 1995 nur ca. 865.000 US-$ zur Verfügung. Davon wurden 24 % für die Galápagosinseln verwendet (von denen die meisten

Einnahmen kamen) und 31 % für Löhne gezahlt. Die Parkwächter, die im Durchschnitt jeweils ein Gebiet von 215 km2 zu überwachen haben, sind überfordert ( Ceballos1995 ). Eine wirkliche Schutzfunktion kann also kaum erwartet werden. Auch die Tatsache, daß von den 95 bei CETUR registrierten Veranstaltern, die fast alle Touren in Naturschutzgebiete durchführen, nur 22 (1994) das dafür obligatorische Patent von INEFAN besaßen ( ArmasDávila1995 ), zeigt, daß zwischen ökotouristischem Anspruch und der Realität noch ein großer Riß klafft. Jegliche Art von Besuchen von Naturschutzgebieten und naturnahen Gebieten werden in Ecuador


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als Ökotourismus bezeichnet ( IUCN1995 ), entsprechen aber lediglich der Definition des Naturtourismus.

Abbildung 25: Naturschutzgebiete Ecuadors ( Kimerling1993 ; AcciónEcológica1994 )

Während die ersten drei Devisenbringer Ecuadors ( Abbildung 24 ) regelmäßig für Schlagzeilen wegen Umweltzerstörung sorgen<76>, birgt Ökotourismus das Potential, naturerhaltend zu wirken. Er weckt in Ecuador das öffentliche Interesse für Naturschutzgebiete und trägt zu ihrer Finanzierung bei. Der Tourismus auf den Galápagosinseln, dem Zugpferd für potentielle Ökotouristen in Ecuador, hat aber die Bezeichnung Ökotourismus nicht mehr verdient. Die touristische Tragfähigkeit der Inseln ist überschritten. Die 1982 von der Parkverwaltung festgelegte Quote von


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25.000 Besuchern pro Jahr wurde 1995 mit 60.000 Touristen bei weitem übertroffen ( Amend1997 ). Ein Boom an Zuwanderern vom Festland (1995: 15.200) führte u.a. zu Trinkwasserknappheit und Problemen mit Müll- und Abwasserentsorgung. Mangroven werden vernichtet, Fischbestände überfischt und Pflanzen und Tiere vom Festland eingeschleppt, die der heimischen Flora und Fauna Konkurrenz machen ( Carrasco1992 ; BMZ1995 ; Amend1997 ).

Zur qualitativen und quantitativen Förderung des Tourismus in Ecuador wurde 1989 die staatliche Tourismusgesellschaft Corporación Ecuatoriana de Turismo (CETUR) gegründet und 1992 zusätzlich ein Ministerium für Information und Tourismus eingerichtet. 17 höhere Bildungseinrichtungen bieten Kurse im Bereich Ökotourismus sowie vier Hochschulen<77> touristische Studiengänge an. Die private Stiftung Fundación Ecuatoriana de Promoción Turística (FEPROTUR) wirbt für den ecuadorianischen Tourismus im Ausland.

Von privater Seite wurde 1990 die Asociación Ecuadoriana de Ecoturismo (ASEC) als erster Interessenverband von Ökotourismusveranstaltern in Lateinamerika gegründet. Seine 36 Mitglieder unterziehen sich freiwillig einer regelmäßigen Prüfung auf Grundlage der von ihnen entwickelten Verhaltensnormen (Código de Etica, ASEC1994 ). In ihnen spiegeln sich die in Kapitel 6.1 genannten Kriterien für Ökotourismus wider.

Die lokale Bevölkerung wird aber mehr als Nutznießer denn als Akteur wahrgenommen. Von den Einnahmen des Hotelschiffs von Metropolitan Tours verbleiben nur ca. 10 % in der Region ( ConcejoProvincialPastaza1991 ). Die Agentur ist Mitglied von ASEC und bestreitet über sein Tochterunternehmen Transturi 75 % des organisierten Tourismus im Oriente.

6.3. Tourismus in Pastaza

Der Tourismus in der Provinz Pastaza befindet sich in seinen Anfängen. Er besteht hauptsächlich aus Individual- und Rucksacktouristen, die Wissenschafts-, Abenteuer- und Fototourismus praktizieren und geringe Ansprüche an die Infrastruktur haben. In Pastaza sind die Oberläufe der Flüsse nicht schiffbar und zu den Unterläufen führen keine Straßen. Das Waldesinnere kann nur über den teuren und organisatorisch aufwendigen Verkehr mit Kleinflugzeugen besucht werden. Wegen dieser


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mangelnden Erschließung blieb aber in Pastaza die größte zusammenhängende Regenwaldfläche Ecuadors erhalten. Die indigenen Comunidades haben, im Vergleich zu den nördlichen Provinzen, mehr von ihrem traditionellen Lebensstil bewahren können. Dies und auch die vorgesehene Einrichtung neuer Naturschutzgebiete kann als zukünftige touristische Attraktion für Pastaza dienen. So liegt im Nationalpark Yasuní, für den es bisher noch keinen Zugang von Pastaza aus gibt, ein großes ökotouristisches Potential.

Von den Besuchern, die 1989 nach Ecuador kamen, fuhren nur 0,7 % in die Provinz Pastaza. Puyo gilt für wenige Touristen als Durchreisestation zwischen Baños und Misahuallí und hat selbst kein attraktives Stadtbild zu bieten ( Foto 19 ). Die Unterbringungs- und Verpflegungsmöglichkeiten dienen bisher vor allem dem Binnentourismus (61 %) für Geschäftsreisende ( ConcejoProvincialPastaza1991 ). Professionelle Führer aus Quito und Baños und einige lokale Führer begleiten die wenigen Dschungeltouren, die von Reisebüros in Baños und zwei kleinen Büros in Puyo angeboten werden. Sie führen u.a. in das private biologische Reservat Hola Vida bei Puyo und zu den Comunidades der Quichuas, Achuars und Huaoranis. Seit zwei Jahren sind Besuche im Wildtierzuchtprojekt Fatima und im botanisch-ethnologischen Park Omaere in Puyo möglich.

geschnitzte und bemalte Figuren aus Balsaholz herstellen. Während indigene Familien die Rohlinge produzieren, haben sich Siedlerfamilien auf die Endarbeiten (Bemalung und Lackierung) spezialisiert. Einige Läden, u.a. auch der Kunsthandwerkladen der OPIP, beliefern den kleinen Markt für durchreisende Touristen. Der größere Teil wird nach Baños, Quito und Guayaquíl und zum Export verkauft.

Die Provinz Pastaza wurde von großen nationalen und internationalen Reiseveranstaltern bisher wenig beachtet, da sie im Vergleich zur nördlichen Provinz Napo nur schwer zugänglich ist. Dies wird sich erwartungsgemäß durch den Ausbau der Straße Baños-Puyo ändern, da Puyo dann von der Sierra schneller (von Quito max. 3 Stunden) und sicherer zu erreichen sein wird. Die Provinz erwartet einen massiven Anstieg von in Quito und im Ausland gebuchten Touren nach Pastaza, sobald die entsprechenden Angebote entwickelt worden sind. Zusätzlich wird auch mit mehr Einzelreisenden, die von Baños einen Abstecher in den Oriente machen, gerechnet.

Zur Förderung des Tourismus in Pastaza entstand das private Komitee Comisión de Promoción y Capacitación del Ecoturismo de la Región Amazónica (COPAZTUR) für Beratung, Ausbildung und Information und eine Niederlassung von CETUR . Die


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Provinzbehörde von Pastaza ließ einen Tourismusplan erstellen ( ConcejoProvincialPastaza1991 ). Statt Empfehlungen zur allgemeinen Tourismusförderung in Pastaza zu geben, schlägt er einige konkrete Tourismusprojekte im einfachen Campingstil vor, die aber noch keine Finanzierungen fanden.

Foto 19: Straßenszene in der Stadtmitte Puyos (eigene Aufnahme)

In und um Puyo leben etwa 400 Werkstätten vom Tourismusgeschäft, die Vögel und andere

6.4. ”Indigener Tourismus“ im Oriente

Seit den Anfängen des Tourismus im Oriente vor ca. 20 Jahren bildete der Besuch von indigenen Comunidades einen wichtigen Anziehungspunkt. Die vorwiegend nicht-indigenen Fremdenführer trafen Absprachen mit indigenen Familien, die den Touristen Verpflegung und Unterbringung boten. Andere indigene Familien stiegen weiter ins Tourismusgeschäft ein, arbeiteten als Kanufahrer, wurden selbst Führer oder begannen, eigene Cabañas zu bauen.

Die meisten Föderationen lehnten den Tourismus bis in die Mitte der 80er Jahre in ihren Gebieten ab ( Wesche1993 ). Die Huaorani-Föderation ONHAE legte beipielsweise Beschwerde bei der Hafenbehörde von Misahuallí ein und klagte über unangekündigte Besuche von Fremdenführern, das Betreten ihrer Häuser, die Belästigung ihrer Frauen, über Jagd und Fischfang mit Gewehren und Dynamit, Müll


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und eingeschleppte Krankheiten. Die Föderationen ONHAE , FINAE und OPIP wollten den Tourismus durch Vergabe von Autorisierungen an Fremdenführer und Agenturen in ihren Gebieten kontrollieren. Die FINAE legte für jede Touristengruppe Abgaben von 100 US-$ an die Organisation und 200 US-$ an die besuchte Comunidad fest ( Smith1993 ). Diese Forderungen wurden aber nie durchgesetzt. Die Comunidades selbst protestierten gegen die Autorisierung, die die Führer verschreckte und letztendlich ihre Verdienste schmälerte.

Seit die Föderationen den Nutzen des Tourismus für ihre Bevölkerung erkannt haben, sprechen sie sich in öffentlichen Foren für eine Form des Tourismus aus, die sie nicht als passiv eingebundene Objekte, sondern als aktiv steuernde Subjekte der Entwicklung erleben ( Colina1993 ; Unupi1993a ; Tapuy1995 ; Borman1995 ). In den 90er Jahren entstanden kommunale indigene Projekte oder Joint Ventures zwischen Reiseagenturen und indigenen Familien bzw. Comunidades , die Wesche als ”indigenen Ökotourismus“ bezeichnet ( Wesche1995 ) ( Abbildung 26 ).


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Abbildung 26: Lage indigener Tourismusprojekte im Oriente (Auswahl) (eigene Darstellung)

Die dritte Spalte der Tabelle 8 gibt an, ob es sich um kommunale Projekte oder Familienaktivitäten handelt und ob die Föderationen (Spalte 2), zu denen die Comunidades (Spalte 1) gehören, beteiligt sind. Auf die genannten Projekte nehme ich in Kapitel 8 als Vergleich zum ÖTP Bezug.


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Tabelle 8: Aufbau indigener Tourismusprojekte im Oriente (Auswahl) (eigene Darstellung)

Projekt Föderation Aufbau

Aguarico-Trecking in Zábalo

OINCE (Cofán)

Joint Venture zwischen 10 Mitgliedern der Comunidad (Operation vor Ort mit Cabaña s, Führern u.a. Angestellten der Comunidad) und Transturi (Vermarktung, Transport, Logistik, Investitionshilfe). Der Führer der Comunidad Zábalo ist gleichzeitig Präsident der OINCE , das Projekt ist aber formal unabhängig von der Föderation ( Wunder1996 ).

Museum der Cofanes in Zábalo

OINCE (Cofán)

Kommunales Museum, regelmäßig besucht von Touristengruppen innerhalb des Programms Flotel Orellana von Transturi

Playas de Cuyabeno

FOISE (Quichua)

Einige Mitglieder der Comunidad sind feste Angestellte von Transturi

Puerto Bolívar

ONISE (Siona)

Selbständige Kanuführer, Angestellte von Neotropis Turis, kommunale Cabaña s

Reserva Kapawi (Asociación Amuntay)

FINAE (Achuar)

1995 vergab die FINAE eine Konzession an die Agentur Conodros. Lokale indigene Angestellte, geplante Übergabe an die lokale Bevölkerung nach 15 Jahren

RICANCIE<78> (Capirona u.a. <79>)

FOIN (Quichua)

1994 konstituierte sich RICANCIE als Netzwerk von 23 kommunalen Projekten in der Provinz Napo. Heute arbeiten 13 Comunidades aktiv im Tourismus ( Rivera1995 ). Formale Abgabenpflicht an die FOIN

San Pablo

OISE (Secoya)

Abkommen zwischen Etnotur (komplette touristische Operation inklusive Cabañas) und der Comunidad (Kanutransport, Verkauf von Kunsthandwerk, kulturelle Darbietungen, Tagesarbeiten in Familienrotation)

Zancudococha

FOISE (Quichua)

Einige Mitglieder der Comunidad sind fest Angestellte von Transturi, einige Tagelöhner. Fonds der Comunidad


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Zusammenfassung von Kapitel 6

Ecuador wurde durch den Nationalpark Galápagos als Reiseland bekannt und hat viele weitere attraktive Naturerlebnisse zu bieten, die alle als ”Ökotourismus“ verkauft werden. I.d.R. handelt es sich lediglich um Naturtourismus, der die Kriterien des Ökotourismus, wie Partizipation und Einkommen der lokalen Bevölkerung nicht erfüllt und auch nicht zum Naturschutz beiträgt.

Der Oriente hat sich zu einem wichtigen Reiseziel entwickelt. Auch der noch wenig besuchten Provinz Pastaza wird nach Abschluß des Straßenbaus in die Sierra eine vielversprechende touristische Zukunft vorausgesagt. Einige Comunidades im Oriente bieten Touren für Touristen an und locken mit authentischen Kulturerlebnissen. Die indigenen Föderationen , die sich anfangs abweisend gegenüber Tourismus in ihren Comunidades zeigten, erkannten das wirtschaftliche Potential, das in Besuchen von indigenen Comunidades im Regenwald steckt. Sie begannen, den ”indigenen Tourismus“ zu fördern, indem sie Abkommen mit Reiseagenturen schlossen oder eigene Tourismusprojekte aufbauten. Ein Beispiel hierfür ist das im nächsten Kapiteln dargestellte ÖTP der OPIP .


Fußnoten:
<75>

Im Sinne dieser Arbeit wird nur der Teil des Abenteuertourismus mit Ökotourismus gleichgesetzt, der die oben genannten Ansprüche für Ökotourismus erfüllt, nicht aber Aktivitäten, die lediglich in der Natur stattfinden (Wildwasserfahrten, Mountainbiketouren etc.).

<76>

Beispiele: Pipelinerisse, überlaufende Erdölentsorgungsseen, Monokultur und Pestizideinsatz in den Bananenplantagen, Abholzung der Mangrovenflächen für die Garnelenzucht.

<77>

Universidad Tecnológica Equinoccial, Pontificia Universidad Católica de Ecuador, Universidad San Francisco in Quito, Escuela Politécnica de Chimborazo in Riobamba.

<78>

Red Indígena de Comunidades del Alto Napo para la Convivencia Intercultural y el Ecoturismo.

<79>

San Ramon de Cuya Loma, Unión Venezia; Río Blanco, Las Galeras, San Pedro de Huambuno, Runashito, Huasila Talag, Shandia, Salazar Aitaca, Mushullacta.


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