Schmall, Susanne: Das Ökotourismusprogramm der Organización de Pueblos Indígenas de Pastaza (OPIP) im Amazonastiefland Ecuadors Ansätze selbstbestimmter Entwicklung einer indigenen Basisorganisation

149

Kapitel 9. Schlußfolgerungen

Wie die Darstellung der Einzelfallstudie der OPIP zeigt, gewinnt die Durchführung von einkommenschaffenden Entwicklungsprojekten für die OPIP zunehmend an Bedeutung. Zum einen entspricht sie den Bedürfnissen der Basis nach ökonomischer Verbesserung ihres Lebensstandards, zum anderen gewinnen sie angesichts der zurückgehenden Institutionenförderung auch für die Föderation selbst an Gewicht. Die Verbindung dieser Projekte zur Ökologie treten vor allem bei der Antragstellung auf Entwicklungshilfeförderung in den Vordergrund. Die Wahrung der Ressourcen und der traditionellen Lebensweise ist der OPIP ein Anliegen, das aber im Vergleich zu den ökonomischen Interessen sekundär ist.

Die Comunidades und die OPIP streben die Integration in die Marktwirtschaft mit eigenen indigenen Betrieben und eigenen Vermarktungskanälen an. Wichtiger als die Reflektion über einen ”alternativen Entwicklungsweg“ ist der OPIP die ”selbstbestimmte Entwicklung“. Sie wird mit finanzieller Autonomie gleichgesetzt, die nur verwirklicht werden kann, wenn die Abhängigkeit von Entwicklungsorganisationen geringer wird. Die wachsende Zusammenarbeit im Projektbereich bewirkt jedoch das Gegenteil.

Die Projekte der OPIP leiden unter strukturellen Problemen politischer Basisorganisationen. Die Projektdurchführung ist nicht effizient und sachlich, sondern orientiert sich an politischen Kriterien (z.B. Personalauswahl), den Bedürfnissen der Organisation (z.B. Zugriff auf Projektpersonal und -mittel) und ihren aktuellen Prioritäten (z.B. politische Ereignisse gehen vor Projektarbeit). Dies trifft auch auf das Fallbeispiel des ÖTP zu. Die OPIP wich zudem in den letzten Jahren von ihrer organisationspolitischen Arbeit für ihre Mitglieder ab, weil sie sich zu sehr auf die Beantragung von Projekten und auf die Parteipolitik konzentrierte.

Der Ansatz des ÖTP geht davon aus, daß in einem selbstverwalteten Territorium unter Leitung einer indigenen Organisation Naturschutzmaßnahmen initiiert, umgesetzt und kontrolliert werden können. Da das ÖTP, wie die anderen einkommenschaffenden Projekte der OPIP, nicht das Stadium der wirtschaftlichen Rentabilität und somit der finanziellen Unabhängigkeit erreicht hat, wurden die Ziele des Ressourcen- und Naturschutzes vernachlässigt. Die OPIP hat zudem nicht die Instrumente nationaler Regierungen, Naturschutzmaßnahmen durchzusetzen, da sie weder das Mandat hat, Gesetze zu deklarieren, noch den organisatorischen Aufbau und die finanziellen Mittel, sie zu kontrollieren oder finanzielle Anreize für gewünschtes Umweltverhalten zu geben (wie z.B. Steuervorteile).


150

Aufgrund der Ergebnisse des Fallbeispiels ÖTP innerhalb der Einzelfallstudie OPIP schließe ich, daß es einer indigenen Basisorganisation auf dem Wege der Durchführung von einkommenschaffenden Projekten so nicht gelingt, selbstbestimmte Entwicklung bei Wahrung der natürlichen Ressourcen in ihrem Territorium durchzusetzen. Anhand der aufgezeigten Probleme folgere ich, daß das ÖTP sowie andere einkommenschaffende Projekte nicht erfolgreich von einer Föderation als Träger realisiert und gesteuert werden können. Während die Anbindung an die OPIP zur Erlangung von Finanzierung und technischer Beratung hilfreich war, wirkte ihre Beteiligung im ÖTP anschließend destabilisierend. Die bisherigen Erfahrungen mit Entwicklungsprojekten sollten der OPIP Anlaß geben, ihre Rolle als Föderation zu überdenken und realistisch zu betrachten, was einer politischen Organisation möglich ist.

Ramón et al. und Gregori empfehlen die Durchführung von einkommenschaffenden Projekten für indigene Basisorganisationen und meinen, wenn sich die Föderationen nicht mit dieser Rolle identifizieren, würde die Basis sich auf familiärem oder kommunalem Niveau solche Projekte selbst suchen ( Ramón1992 , Gregori1997 ). Dies kann meiner Meinung nach aber nicht negativ im Sinne von Entwicklung sein und entspricht dem Inhalt der Dezentralisierungsdiskussionen, die in der OPIP von ihren Mitarbeitern begonnen wurde. Auf Kontakte und Kooperationen zwischen Comunidades und anderen Institutionen kann die OPIP im besten Fall beratend einwirken, sie aber nicht unterbinden, wie das Beispiel Pavacachi mit der NRO Imágenes del Nuevo Mundo oder die Kontakte der Comunidades um Villano zur Erdölkompanie ARCO (Kapitel 4.2.7 ) zeigten.

Anstatt als Träger von Projekten aufzutreten, sollten Föderationen eine Vermittlerrolle zwischen Comunidades und Entwicklungsorganisationen wahrnehmen. Sie sollten mit den Comunidades deren Situation analysieren und Bedürfnisse priorisieren helfen, um anschließend Hilfe bei der Formulierung von Projektanträgen zu leisten. Nachdem sie Kontakte zu Entwicklungsorganisationen hergestellt haben, sollten sie die anschließende Zusammenarbeit zwischen diesen und der Basis verfolgen. Die Durchführung der Projekte läge dann allein bei der Basis und den Entwicklungsorganisationen. Beide sollten den für den Bereich zuständigen Dirigentes zur Teilnahme an den partizipativen Planungsitzungen einladen und ihn laufend über die Aktivitäten des Projektes informieren. Auch bei Evaluierungen der Projekterfolge und -mißerfolge sollte er anwesend sein, denn diese konkreten Projekterfahrungen erleichtern der Föderation die Formulierung von Leitlinien und Empfehlungen für weitere Entwicklungsprogramme.


151

Die OPIP kann als Katalysator für Entwicklung wirken, wenn sie Vertreter von Pilotprojekten wie das ÖTP einlädt, Informationen über das Projekt innerhalb der Föderation z.B. auf Versammlungen weiterzugeben, und einen Austausch über Projektinhalte innerhalb der Föderation und mit anderen Föderationen anregt. Dadurch, daß die OPIP konkrete Projekte beobachtet, werden ihr mögliche Interessenkonflikte von Projekt und Staat deutlich, wie im Fall des ÖTP die fehlende Rechtsgrundlage für kommunale Tourismusprojekte. Die politische Vertretung der Projektinteressen über das Projekt hinaus ist Aufgabe der Dirigentes. Weiterhin kann die OPIP Zusammenschlüsse von Projekten zu Interessenverbänden, z.B. aller ökotouristischen Anbieter in Pastaza, fördern und selbst versuchen, Mitglied zu werden, um Projektinteressen zu vertreten und weitere politische Kanäle zu erschließen. Eine stärkere sektorale und regionale Vernetzung kann Ansehen und Macht der OPIP als soziale Kraft stärken.

Der Handel von Gütern, der Besitz von Läden oder verarbeitenden Betrieben lag bisher vorwiegend in der Hand der Siedler und wurde von der indigenen Bevölkerung als deren Sache angesehen. Unsicherheiten über richtiges moralisches Verhalten im Umgang mit Handel und Geld sowie Neid und Eifersucht zwischen den Familien und Comunidades bremsen indigene Initiativen für wirtschaftliche Aktivitäten. Zur Einführung familiärer Unternehmen in den Comunidades fehlt es an Orientierung über neue Handlungsmuster und Ermutigung durch die Föderationen. Hier sollte die OPIP Leitlinien zur ökonomischen Entwicklung erarbeiten und mit der Basis diskutieren.

Die Föderationen können im Sinne der Dezentralisierung die Bildung von Kooperativen oder ähnlichen wirtschaftlichen Zusammenschlüssen fördern, ohne diese als Konkurrenz für die eigene Organisation zu empfinden<90>. Die OPIP sollte ihren Comunidades Informationen bieten, sie über Mechanismen der Marktwirtschaft weiterbilden und politischen Druck ausüben gegen negative Wirkungen der Politik auf die ökonomische Situation der Comunidades. Das gleiche gilt für den Naturschutz. Sie kann Leitlinien erarbeiten, Aufklärungsarbeit leisten, Diskussionen anregen sowie technische und finanzielle Unterstützung zur Umsetzung in den Comunidades vermitteln.


152

”Sí seguimos así destruir la selva se acaba todo. No es cuestión de sancionar, más de educar. Es trabajo de la OPIP a nivel político concientizar a las comunidades“<91> ( Villamil , Interview).

Die Entwicklungsorganisationen sollten einkommenschaffende Projekte direkt mit Familien durchführen und nicht den Umweg über die Föderation gehen. Die Föderationen als größere Organisationseinheiten können trotzdem weiterhin ihren Namen für die Projektbeantragung geben. Die Projektabkommen sollten aber weder sie noch die Comunidades oder Asociaciones als Träger des Projektes deklarieren, sondern die oben genannten Aufgaben für Dirigentes und Entwicklungs-organisationen enthalten. Die Repräsentaten der Comunidaes und Asociaciones sollten an der Analyse der Bedürfnisse der Comunidad durch die Mitglieder der Comunidad teilnehmen und bei der Projektbeantragung sowie der Projektevaluierungen mitwirken.

Internationale Entwicklungsorganisationen könnten vermehrt lokal ansässige NRO unterstützen, die direkt mit den Comunidades zusammenarbeiten. Entwicklungshelfer und andere entsandte Berater können dort mit Counterparts auf der ausschließlich technischen Projektebene zusammenarbeiten. Die lokalen NRO sollten indigenes Personal einstellen, wie z.B. die NRO Ayuda en Acción in Tena und Sucúa oder FEPP in Coca, um den Zugang zu den Comunidades zu erleichtern und Arbeitsplätze für indigenes Personal zu schaffen.

Das Instituto Quichua de Biotecnología Sacha Supai (IQBSS) und die NRO Sacha Causai entstanden als die ersten von den Föderationen unabhängigen indigenen NRO in Pastaza und Napo zur Durchführung von Entwicklungsprojekten. Der erste Präsident der OPIP gründete 1992 die Comunidad Yana Yacu (Mitglied der OPIP) und das indigene IQBSS . Sie wollen gemeinsam angepaßte Technologien zur nachhaltigen Entwicklung im tropischen Regenwald entwickeln und werden dabei vom Klimabündnis finanziell unterstützt. Diese Erfahrungen und Kontakte sollten von der OPIP begleitet werden, um sie für andere Comunidades nutzbar zu machen.

Entwicklungshelfer und andere Berater sollten entsprechend den Empfehlungen für die Rolle der OPIP nicht für Entwicklungsprojekte der Basis eingesetzt werden,


153

sondern nur für Organisationsberatung oder politische Beratung, die mit Institutionenförderung begleitet werden kann.


Fußnoten:
<90>

In der Provinz Napo gibt es bereits indigene Basisorganisationen mit prioritär ökonomischer Zielsetzung, wie das Consorcio de Organizaciones Indígenas de Archidona y Loreto (COICAL) zur Produktion von Naranjilla und die landwirtschaftlichen bzw. handwerklichen Produktionskooperativen Nuestra Señora de Loreto, San Pedro de Rucullacta und die Asociación de Trabajadores Indígenas Autónomos de Mondayacu ( siehe ; siehe , Interview).

<91>

”Wenn wir weiter so den Wald zerstören, bleibt uns nichts. Es ist weniger eine Frage von Sanktionen, als der Erziehung. Es ist die Arbeit der OPIP auf politischem Niveau, die Comunidades entsprechend zu sensibilisieren.“


[Titelseite] [Danksagung] [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [Abkürzungsverzeichnis] [Bibliographie] [Anhang] [Lebenslauf] [Anhang] [Selbständigkeitserklärung]

© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiDi DTD Version 1.1
a subset from ETD-ML Version 1.1
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Fri Jan 28 10:16:17 2000