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Humboldt-Universität zu Berlin
Präsident Prof. Dr. Hans Meyer

Dissertation Das Ökotourismusprogramm der Organización de Pueblos Indígenas de Pastaza (OPIP) im Amazonastiefland Ecuadors<BR> Ansätze selbstbestimmter Entwicklung einer indigenen Basisorganisation zur Erlangung des akademischen Grades im Fach Geographie eingereicht an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät II der Humboldt-Universität zu Berlin von Diplom-Geoökologin Susanne Schmall (17.11.1964, Bremen) Dekan Prof. Dr. Bodo Krause Prof. Dr. Ludwig Ellenberg Prof. Dr. Manfred Nitsch Prof. Dr. Jens-Uwe Nagel eingereicht: 5. September, 1998 Datum der Promotion: 23. April, 1999 Abstrakt

Die Organización de Pueblos Indígenas de Pastaza (OPIP) wurde 1979 zur Verteidigung der Landrechte der indigenen Völker der Quichuas, Shiwiars und Záparos der Provinz Pastaza im Amazonastiefland von Ecuador gegründet. Anhand der Einzelfallstudie über die OPIP und des Ökotourismusprogramms der OPIP (ÖTP) wird untersucht, ob es einer indigenen Basisorganisation gelingt, selbstbestimmte Entwicklung bei Wahrung der natürlichen Ressourcen in ihrem Territorium durchzusetzen.

Aufbau und Entwicklung des ÖTP in zwei Comunidades und zwei Asociaciones wurden durch seine Anbindung an die OPIP behindert, da sich politische und sachliche Kriterien bei der Planung sowie politische und programmspezifische Aufgaben der Beteiligten vermischten. Da das ÖTP sich noch um regelmäßige Einkommen und wirtschaftliche Rentabilität bemüht, sind Maßnahmen zum Ressourcenschutz sowie die dafür notwendige partizipative Planung mit den Comunidades und Asociaciones vernachlässigt worden.

Die vorliegende Arbeit kommt zu dem Schluß, daß einkommenschaffende Projekte nicht erfolgreich von indigenen Basisorganisationen als Träger durchgeführt werden können und sie von ihren eigentlichen politischen und entwicklungsstrategischen Aufgaben ablenken. Es gelingt den Organisationen auf diese Weise weder, sich selbst zu finanzieren, noch den Schutz der natürlichen Ressourcen in ihrem Territorium durchzusetzen. Anstatt als Träger von Projekten aufzutreten, sollten sie direkte Kooperationen zwischen Comunidades und Entwicklungsorganisationen vermitteln und deren Erfahrungen zur Formulierung von ökonomischen und ökologischen Leitlinien nutzen. Entwicklungsorganisationen sollten die indigenen Basis-organisationen dementsprechend mit Institutionenförderung, Organisations- und politischer Beratung unterstützen.

Ökotourismus indigene Organisationen Amazonien nachhaltige Entwicklung Abstract

The Organisation of Indigenous People of Pastaza (OPIP) was founded in 1979 to defend the land rights of the indigenous people Quichua, Shiwiar and Záparo in the province of Pastaza in Ecuador‘s Amazonian rainforest. The present case study of the OPIP and its Ecotourism Program answers the question, whether an indigenous grass-roots organisation has the capability to implement self-determined development by conserving the natural resources in its territory.

The organisational and institutional reliance of the Program on the OPIP hindered the development process of the Program in four communities. The OPIP interfered with political criteria in the Program and gave some project staff additional political tasks to their program-related functions. With the quest for economic resource management and the essential participatory project planning with the communities has been neglected.

The author concludes, that income generating projects can not be succesfully implemented by indigenous organisations as the implementation bodies, and that they divert those organisations from their genuine political and strategic development tasks. The organisations neither achieve auto-financing, nor the conservation of natural resources in their territories. Instead of implementing such projects, indigenous organisations should facilitate the direct cooperation between communities and development organisations, and should use their experiences to formulate economic and ecological strategic goals and steps to achieve them. Development organisiations should support indigenous organisations through institutional strengthening as well as organisational and political assistance.

Ecotourism indigenous organisations Amazon rainforest sustainable development Zusammenfassung

Die Organización de Pueblos Indígenas de Pastaza (OPIP) wurde 1979 zur Verteidigung der Landrechte und kulturellen Integrität der indigenen Völker der Quichuas, Shiwiars und Záparos der Provinz Pastaza im Amazonastiefland von Ecuador gegründet. Anhand der Einzelfallstudie über die OPIP und ihr Ökotou-rismusprogramm (ÖTP) wird untersucht, ob es einer indigenen Basisorganisation gelingt, selbstbestimmte Entwicklung bei Wahrung der natürlichen Ressourcen in ihrem Territorium durchzusetzen.

Das ÖTP strebt ökonomische und ökologisch nachhaltige Entwicklung in vier Comunidades im Regenwald an und soll zur Selbstfinanzierung der OPIP beitragen. Die in den Comunidades und Asociaciones gewählten Projektteams gestalteten das touristische Programm vor Ort. Die Koordinierungsstelle in der Provinzhauptstadt Puyo organisierte Planungs- und Ausbildungsworkshops, Logistik, Werbung und Verkauf, bevor die Vermarktung 1997 an einen indigenen Reiseveranstalter abgegeben wurde. Sie wurde dabei vom Deutschen Entwicklungsdienst (DED), der Fiedrich-Ebert-Stiftung und der Europäischen Union unterstützt.

Entscheidende Probleme bei Planung und Durchführung des ÖTP ergaben sich durch die mangelnde Einbeziehung der Comunidades und Asociaciones und die Abhängigkeit des Programms von der OPIP. Die kleinen Comunidades Pavacachi und Llanchamacocha, die nur aus wenigen Familien bestehen, nahmen an den Bauarbeiten der touristischen Infra-struktur teil und wiesen Schutzzonen mit unterschiedlichem Nutzungsgrad aus. In den Asociaciones Curaray und Canelos, die sich aus mehreren Comunidades zusammensetzen, funktionierte das Konzept kommunaler Projektgestaltung dagegen nicht. Interne Konflikte waren zu groß und die ökonomischen Wirkungen zu gering, als daß sie die Motivation zur Mitarbeit der gesamten Asociación wecken konnten. Daher gibt es dort keine Aussicht auf naturschützende Wirkungen des Programms, die sich aus dem Nutzungsverzicht der Mitglieder der Comunidades und Asociaciones bei Jagd und Fischfang für den Verkauf, sowie bei Abholzung und Viehzucht ergeben sollte. Maßnahmen zur ökologischen Verträglichkeit und zum Naturschutz sowie die dafür notwendige partizipative Planung mit den Comunidades und Asociaciones wurden angesichts der Bemühungen, das ÖTP als ein rentabel wirtschaftendes Programm zu gestalten, von Seiten der OPIP, der Koordinierungsstelle und den Entwicklungsorganisationen vernachlässigt.

Das ÖTP stellt bisher keine einkommenschaffende Alternative für Comunidades und Asociaciones dar, da die Besucherzahlen noch zu gering und unzuverlässig sind. Es hat noch nicht die Phase wirtschaftlicher Rentabilität und somit finanzieller Unabhängig-keit von Entwicklungsorganisationen erreicht. Pavacachi und Canelos stiegen wegen mangelnden Vertrauens in die Vermarktung und aus organisationspolitischen Gründen 1997 aus dem ÖTP aus.

Die Dirigentes der OPIP (politischen Führer) verzögerten wichtige Veranstaltungen des ÖTP zugunsten ihrer politischen Arbeit. Auch die Leitung des ÖTP wurde stark von politischen Aufgaben für die Organisation abgelenkt. Die vom Programm erhoffte Dezentralisierung der Entscheidungen von der OPIP zur Basis konnte noch nicht verwirklicht werden.

Projekte wie das ÖTP, die zum einen für die wirtschaftliche Effektivität auf einem kleinen flexiblen Mitarbeiterteam und zum anderen für die Maßnahmen zum Ressourcenschutz auf den gesamten Comunidades und Asociaciones aufbauen müssen, erfordern eine direkte intensive Beratung durch Entwicklungsorganisationen. Sie sollte sich auf wenige Comunidades und nicht auf komplexe Organisationsstrukturen wie Asociaciones konzentrieren.

Aus diesen Ergebnissen wird die Schlußfolgerung gezogen, daß einkommen-schaffende Projekte nicht von der OPIP als Träger realisiert und gesteuert werden sollten. Indigene Basisorganisationen gefährden die Umsetzung und Nachhaltigkeit solcher Projekte und werden selbst von ihren eigentlichen politischen und entwicklungsstrategischen Aufgaben abgelenkt. Es gelingt ihnen nicht, über die Durchführung von einkommenschaffenden Projekten den Schutz der natürlichen Ressourcen in ihrem Territorium durchzusetzen. Sie brachten die Organisationen nicht der Selbstfinanzierung näher, sondern erhöhten vielmehr ihre Abhängigkeit von Entwicklungsorganisationen.

Die vorliegende Arbeit empfiehlt, daß indigene Basisorganisationen statt als Träger von Projekten aufzutreten, direkte Kooperationen zwischen Comunidades und Entwicklungsorganisationen vermitteln sollten. Aufgabe der indigenen Organisationen sollte es sein, die Basis und ihre Projektinteressen politisch zu vertreten, Projekte in den Comunidades lediglich zu begleiten und die gewonnenen Erfahrungen zur Formulierung von Leitlinien zum Ressourcenschutz und ökonomischen Entwicklung zu nutzen. Entwicklungsorganisationen sollten die indigenen Basisorgansiationen entsprechend mit Institutionenförderung, Organi-sations- und politischer Beratung unterstützen.

Resumen

La Organización de Pueblos Indígenas de Pastaza (OPIP) se fundó en 1979 para defender los derechos de la tierra y la integridad cultural de los pueblos indígenas Quichua, Shiwiar y Záparo de la Provincia de Pastaza en la Amazonía Ecuatoriana. El estudio de caso sobre la OPIP y su Programa de Ecoturismo investiga, sí una organización de base indígena puede implementar un desarrollo de autogestión conservando los recursos naturales en su territorio.

El Programa de Ecoturismo aspira un desarrollo económica y ecológicamente sostenible en cuatro comunidades del bosque pluvial y la contribución al auto-financiamiento de la OPIP. Grupos elegidos de las comunidades e asociaciones se han encargado de las actividades turísticas en la selva. La coordinadora en la capital de la provincia Puyo, organizaba los talleres de planificación y capacitación, la logística, promoción y venta, antes de la entrega de estas funciones a una agencia de viaje indígena en 1997. El Programa ha recibido apoyo del Servicio Alemán de Desarrollo (DED), el Instituto Latinoamericano de Investigaciones Sociales (ILDIS) y la Unión Europea.

Los problemas claves de la planificación y implementación del Programa han sido la escasa participación de las comunidades y la dependencia de la OPIP. Las Comunidades de Pavacachi y Llanchamacocha, con sus pocas familias participaron en la construcción de la infraestructura turística, y definieron zonas de protección con usos variables. En las Asociaciones de Curaray y Canelos, que consisten de varias comunidades, el concepto de proyectos comunales no ha funcionado por los conflictos internos e impactos económicos. Las esperanzas económicas no han sido suficientes para despertar la motivación de la mayoría de la asociación a participar en el Programa. Como no existen incentivos para los miembros de las dos asociaciones para reducir las ventas de caza y pesca, la tala del bosque o la ganadería, no se puede esperar impactos positivos para la naturaleza.

Porque todavía no se ha logrado el objectivo principal, que son ingresos significantes, la coordinadora y las organizaciones de desarrollo no han efectuado suficientes esfuerzos para la integración y participación de toda la comunidad u asociación que es indispensable para la implementación de medidas conservacionistas de la naturaleza. El Programa de Ecoturismo ya no es una alternativa económica para las comunidades e asociaciones, porque los números de turistas son pocos e irregulares. No se ha logrado la fase de rentabilidad económica con la independencia de las organizaciones de desarrollo. Pavacachi y Canelos abandonaron el Programa en 1997 por falta de confianza en la comercialización y problemas políticos con la OPIP.

Los dirigentes han seguido postergando reuniones importantes del Programa por sus trabajos políticos. También la coordinadora del Programa de Ecoturismo estaba demasiado involucrada en tareas políticas de la organización. El Programa que aspiraba a la decentralización de las decisiones de la OPIP, no se la ha podido realizar.

Proyectos productivos como el Programa de Ecoturismo, que necesitan por un lado trabajar con grupos pequeños y flexibles para ser económicamente eficiente y por otro involucrar a toda la comunidad para asegurar las medidas ecológicas, requieren asistencia técnica intensiva de organizaciones de desarrollo. Deberían concentrarse a pocas comunidades piloto y evitar estructuras complejas, como las de las asociaciones.

Los resultados conducen a las conclusiones, de que proyectos productivos no deberían ser realizados y controlados por organizaciones indígenas. Estabilizan la implementación y sostenibilidad de dichos proyectos y los dirigentes se desocuparon de sus tareas políticas iniciales. Con la ejecución de proyectos productivos ni logran conservar los recursos naturales en su territorio ni tampoco consiguen el autofinanciamiento, pero en cambio aumentan la dependencia de las organizaciones de desarrollo.

El trabajo presentado recomienda, que las organizaciones indígenas no deberían ejecutar proyectos productivos pero deberían asumir el papel de intermediarios entre la base y las organizaciones de desarrollo. Las tareas de las organizaciones indígenas deberían limitarse a la representación política de la base, a la observación de los proyectos de las comunidades y a la formulación de pautas generales sobre el desarrollo económico y la conservación de la naturaleza según las experiencias obtenidas en estos proyectos. Las organizaciones de desarrollo deberían apoyar a las organizaciones indígenas con financiamiento y asistencia institucional, política y de planificación.

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1Einleitung
Arbeit als Entwicklungshelferin

Im Juni 1994 begann ich meine Arbeit als Entwicklungshelferin des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) für die Organización de Pueblos Indígenas de Pastaza (OPIP) in Puyo. Die OPIP ist eine Basisorganisation, die 136 Comunidades

Spanische Begriffe werden im Glossar erläutert. Der Begriff “Comunidad” wird zusätzlich in Kapitel 1.5 erklärt.

der indigenen Völker der Quichuas, Shiwiars und Záparos in der Provinz Pastaza vertritt und gegen ihre politische, soziale, kulturelle und ökonomische Marginalisierung kämpft. Neben ihrer politischen Funktion führt sie Entwicklungsprojekte zur Verbesserung des Lebensstandards der Mitgliedscomunidades durch. Die Provinz Pastaza liegt im ecuadorianischen Teil des Amazonasbeckens. Diese Region wird in Ecuador “Oriente ” genannt, an den sich im Westen die “Sierra” (Andenregion) und die “Costa ” (Küstenregion) anschließen (Abbildung 1).

Meine Aufgabe als Entwicklungshelferin bestand darin, den Koordinator der neu gegründeten technischen Abteilung (meinen Counterpart), die “Dirigentes(gewählte Führer mit politischen Funktionen) und die Mitarbeiter der OPIP in partizipativen Planungsmethoden auszubilden und gemeinsam mit ihnen und den Comunidades Projektvorschläge zu erarbeiten.

Im ersten halben Jahr lernte ich die verschiedenen Projekte der OPIP kennen und bekam einen Eindruck von ihrem Aufbau und ihren Schwierigkeiten. Ich besuchte die Veranstaltungen der OPIP und nahm an einigen Sitzungen des Rates der OPIP, der aus den Dirigentes zusammengesetzten Führung, teil. Im August 1994 gab ich einen Kurs über partizipative Projektplanung und ihre Methoden, der den Einstieg in die praktische Planungsarbeit darstellen sollte. Gemeinsam mit den Kursteilnehmern erarbeiteten wir einen Arbeitsplan für die ersten Planungsschritte des neuen integrierten Entwicklungsprojektes Samay der OPIP in den Comunidades.

Da sich die konkrete Arbeitsaufnahme dieses Projektes aber noch um neun Monate verzögerte, kam es nie zu einer Zusammenarbeit. Statt dessen entwickelte sich zwischen den drei für die Planung von Entwicklungsprojekten zuständigen Instanzen der OPIP, dem Projekt Samay, der Technischen Abteilung und dem Institut Amazanga eine Konkurrenzsituation durch die sich überschneidenden Aufgabenbereiche. Schließlich wurde die Technische Abteilung wieder geschlossen und

2 meinem Counterpart und mir Anfang 1995 die Aufgabe zugewiesen, ein Öko-tourismusprogramm (ÖTP) in Comunidades der OPIP aufzubauen. Der DED erklärte sich mit der neuen Schwerpunktsetzung einverstanden, so daß wir uns seitdem ausschließlich auf den Ökotourismus als einkommenschaffendes Programm mit ökologischer Zielsetzung konzentrierten.

Mein Counterpart und ich begannen, Informationen über indigene Comunidades, die eigene Ökotourismusprojekte aufgebaut hatten, zu sammeln und regten den Erfahrungsaustausch mit ihnen und den Dirigentes der OPIP an. Wir besuchten die vier Comunidades, die die OPIP für die Teilnahme am ÖTP ausgewählt hatte und veranstalteten die ersten Planungsworkshops. Nachdem wir Finanzierungen für das Programm gefunden hatten, bauten die Comunidades in den Jahren 1995 und 1996 die Infrastruktur ihrer Projekte auf. Wir organisierten Ausbildungsseminare und weitere Planungsveranstaltungen. In Puyo, der Provinzhauptstadt Pastazas mit Sitz der OPIP, entstand das Büro der Koordinierungsstelle des ÖTP.

Zusätzlich zu meiner Arbeit als Entwicklungshelferin begleitete ich das ÖTP und die Geschehnisse in der OPIP als Forscherin in der Rolle der teilnehmenden Beobachterin. Ab November 1996 zog ich mich nach und nach aus dem Programm zurück, um eine Studie über die Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Organisationen des Oriente für den DED zu schreiben (Schmall1997a), bis im Mai 1997 mein Entwicklungshelfervertrag endete. Über den weiteren Verlauf des ÖTP informierten mich der DED und mein Nachfolger.

Forschungsinteresse

Die Diskussion um den Treibhauseffekt machte die Erhaltung des Regenwaldes zu einem Schwerpunktthema der deutschen und internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Die indigene Bevölkerung bekam daher durch ihr Wissen über die nachhaltige Nutzung des natürlichen komplexen Ökosystems eine neue Bedeutung als Schützer des Regenwaldes. Ihre ursprünglich angepaßten Wirtschaftsformen gehen aber zunehmend verloren, da ihr Lebensraum durch Agroindustrie, Holzwirtschaft, Förderung von Rohstoffen und Rodung durch Kleinbauern eingeengt wird und sie moderne

Wann immer das Wort “modern” in dieser Arbeit erwähnt wird, ist damit der Gegensatz zu “traditionell” gemeint und keine Wertung beabsichtigt.

Nutzungsformen übernehmen. Die Vereinten Nationen lenkten die Aufmerksamkeit auf diese Problematik, indem sie die Dekade der Indigene Völker (1994-2004) ausriefen.

3

Abbildung 1: Die ecuadorianische Provinz Pastaza mit dem Anspruchsgebiet der OPIP (eigene Darstellung)

In den europäischen Medien werden indigene Völker als die letzten wahren Ökologen dieser Welt, als friedliche kommunale Gesellschaften, als Eltern mit der tolerantesten Kindererziehung usw. gepriesen. Die Widersprüche und Konflikte, die sich in der OPIP und ihren Comunidades finden lassen, zerschlagen solche von Romantik geprägten Vorstellungen schnell. Das aus der Geschichte entnommene Schwarz-Weiß-Bild mit dem Indigenen als Opfer und dem Weißen als Ausbeuter ist starr und behindert das Verständnis heutiger Entwicklungsprozesse und die Zusammenarbeit zwischen den Kulturen. Ein Beispiel hierfür sind die Verhandlungen der OPIP mit den Erdölkonzernen, die auf ihrem Territorium Öl suchen und fördern. Die OPIP fordert Gewinnanteile der Konzerne, anstatt ihre Existenz zu bekämpfen. Dies stößt auf das Unverständnis vieler Naturschützer, die nun ein Bild mit dem guten Indigenen an der Basis und dem bösen korrumpierten Dirigente, der sich aus Profitstreben gegen seine eigenen Leute stellt, schaffen. Folglich wenden sie sich von den indigenen Organisationen ab und ihrer Basis, den indigenen Comunidades, zu.

Angesichts der erfahrenen Probleme bei der Zusammenarbeit und der beobachteten Mißerfolge von Entwicklungsprojekten diskutierten wir unter Kollegen oft, ob den indigenen Comunidades mehr geholfen wäre, wenn sich die gesamten

4 Entwicklungsorganisationen aus ihrer Region zurückziehen würden. Diese Antwort übersieht die Veränderungen, die im Leben der indigenen Bevölkerung durch den Kontakt zur Außenwelt (von der die Entwicklungsprojekte nur einen kleinen Teil ausmachen) bereits stattfinden und weiterhin stattfinden werden. Greenwood beschreibt zwei Extreme: “To prohibit change is nonsensical, to ratify all change is immoral” (Greenwood1989).

Die indigene Gesellschaft war niemals statisch, sondern hat sich, wie jede andere Gesellschaft auch, weiterentwickelt und an neue Gegebenheiten angepaßt. Ursprüngliche Kultur in den Comunidades ist nur noch eine Wunschvorstellung, ebenso wie die Möglichkeit der Wahl zwischen zwei Kulturen, der traditionellen und der modernen Welt. Nicht “der vermeintliche Dualismus zwischen Tradition und Moderne” (BMZ1995, S.86) bestimmt den Alltag, sondern die Beziehungen zwischen den in den Dörfern neu entstandenen sozialen Schichten. Veränderungen sind von der indigenen Bevölkerung, die ein Recht auf Entwicklung hat, gewollt, nur sollte sie sie selbst steuern können. Die Bildung der indigenen Organisationen ist ein Schritt dazu, der aber nicht reibungslos verläuft. Auch von einer organisierten indigenen Bevölkerung kann nicht erwartet werden, daß sie mit einer Stimme spricht, sondern es gibt wie überall ein Spektrum unterschiedlichster Ansichten.

Das Leben und die Weltanschauung der indigenen Bevölkerung Pastazas ist zu komplex, als daß ich sie zu verstehen mir auch nach drei Jahren anmaßen würde. Die Einschätzung der Organisations- und Arbeitsweise der OPIP, der Wirkung des Ökotourismus auf die Kultur der lokalen Bevölkerung etc. wird bestimmt durch das Vorverständnis der Dinge, welches ich in meinem Kulturkreis erworben habe. Die Sicht der Arbeit ist immer die Sicht des Forschers, also in diesem Fall meine Sicht als Vertreterin einer europäischen Entwicklungsorganisation. Nuscheler spricht von der “eurozentristischen” Sicht, die dem Oberbegriff “Ethnozentrismus” zugeordnet ist, wenn “wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle Verhältnisse, Vorgänge und Normen in anderen Kulturbereichen mittels Maßstäben und Werten des eigenen Kulturbereichs beurteilt werden” (Nuscheler1987, S.63). Das Bewußtsein dieses Sichtweisenproblems kann aber dazu verhelfen, Interpretationen sachlich zu begründen.

Anthropologische Literatur über die traditionelle Lebensweise indigener Völker gibt es viele, über ihre Strategien, einen eigenen selbstbestimmten Platz in der modernen Welt einzunehmen oder sich zu integrieren, bedeutend weniger. Mein Anliegen ist es, mit der vorliegenden Arbeit Entwicklungs- und Naturschutzbemühungen einer indigenen Organisation aufzuzeigen. Anhand der Einzelfallstudie des ÖTP und der Beobachtung anderer Projekte der OPIP und indigener Tourismusprojekte im Oriente

5 werden Tendenzen einkommenschaffender Projekte von indigenen Basisorganisationen mit nachhaltiger Nutzung der natürlichen Ressourcen dargestellt. Ich hoffe damit, indigene Basisorganisationen sowie Entwicklungs- und Naturschutzorganisationen zum Überdenken der Zusammenarbeit im Bereich einkommenschaffende Projekte anzuregen. Hierfür strebe ich die Veröffentlichung der Arbeit in Ecuador an.

Ich beabsichtige mit dieser Arbeit jedoch nicht, Entwicklungstheorien zu diskutieren und zu prüfen, inwieweit sie die Unterentwicklung der betrachteten Region und ihrer Bevölkerung theoretisch begründen oder Modelle für ihre Überwindung darstellen können. Die Entwicklungszusammenarbeit ist Gegenstand vieler interessanter wissenschaftlicher Forschungsarbeiten u.a. Veröffentlichungen (Hirschman1967; Erler1985; Nitsch1986), die vorliegende Arbeit richte ich aber auf die wissenschaftliche Analyse eines Ökotourismusprogramms aus und baue die Arbeit entsprechend auf (siehe unten). Die Entwicklungszusammenarbeit beziehe ich in ihrer Wirkung auf die Entwicklung der indigenen Basisorganisationen (Kapitel 5.1) und als Teil des Fallbeispiels des ÖTP (Kapitel 7 und 8) und der Schlußfolgerungen (Kapitel 9) auf angewandter Ebene ein.

Ziel und Aufbau der Arbeit

In der vorliegenden Arbeit untersuche ich, ob es einer indigenen Basisorganisation gelingt, selbstbestimmte Entwicklung bei Wahrung der natürlichen Ressourcen in ihrem Territorium durchzusetzen. Ich wende die deskriptive qualitative empirische Sozialforschung unter Verzicht auf eine hypothesengeleitete Theoriebildung an (Spöhring1995). Meine auf das Fallbeispiel des ÖTP hin konkretisierte Forschungsfrage lautet:

Gelingt es der OPIP, das ÖTP in den selbstverwalteten Comunidades umzusetzen und dabei die natürlichen Ressourcen zu wahren?

Das Kapitel 2 führt in die Provinz Pastaza als regionales Umfeld der OPIP und das Kapitel 3 in die indigene Bevölkerung des Oriente und der Entstehung ihrer indigenen Organisationen ein. Das Kapitel 4 stellt die OPIP als Einzelfallstudie einer indigenen Organisation mit ihren Zielen und der Arbeit in den Kommissionen und Projekten dar.

Den Schwerpunkt der Analyse lege ich auf einkommenschaffende Entwicklungsprojekte. Sie bewegen sich im Spannungsfeld zwischen ökologischer und ökonomischer Entwicklung, an denen sich der Wille und die tatsächliche Umsetzung des von indigenen Basisorganisationen angestrebten alternativen

6 Entwicklungsweges beobachten lassen. Bevor das Kapitel 5 in der forschungsleitenden Frage, ob die OPIP eine alternative Entwicklung anstrebt, mündet, beschreibe ich den Einfluß, den Entwicklungsorganisationen auf die Veränderung der OPIP von einer politischen Organisation zu einer Entwicklungsagentur haben, und analysiere die Probleme, die bei der Projektdurchführung auftreten.

Da ich durch meine Arbeit als Entwicklungshelferin direkten Zugang zu Informationen bekam, wähle ich das ÖTP als Fallbeispiel für ein einkommenschaffendes Projekt der OPIP aus. Ökotourismus ist als Einkommensquelle im Oriente Ecuadors eine der neuen Hoffnungen und fordert indigene und Entwicklungsorganisationen zu einer kritischen Auseinandersetzung darüber auf, inwieweit er als Instrument des Naturschutzes zur Entwicklung der indigenen Bevölkerung dienen kann. Kapitel 6 definiert den Begriff “Ökotourismus” für die vorliegende Arbeit und beschreibt seine Bedeutung in Ecuador.

Ob das ÖTP für die Comunidades eine einkommenschaffende Alternative unter Erhaltung der natürlichen Ressourcen darstellt, wird in der zweiten forschungsleitenden Frage anhand der Einzelfallstudie des ÖTP untersucht. Hierfür beschreibt Kapitel 7 sein Konzept und analysiert Kapitel 8, ob es die Kriterien des Ökotourismus erfüllt. Welche Schlußfolgerungen sich für einkommenschaffende Projekte der OPIP ergeben, wird in Kapitel 9 diskutiert.

Am Ende eines jeden Kapitels findet der Leser eine kurze Zusammenfassung und Überleitung zum nächsten Kapitel.

Angewandte Methoden

Die Informationen in der Erhebungsphase der vorliegenden Dissertation (Mitte 1994- Anfang 1997) sammelte ich mittels einer Auswahl von Methoden der qualitativen empirischen Sozialforschung: Einzelfallstudie, teilnehmende Beobachtung, informelle Interviews mit Leitfaden, Gruppendiskussionen (Mai1976) sowie der Auswertung von Primär- und Sekundärliteratur. Die angewandten Methoden sind in der Übersicht der Tabelle 1 den einzelnen Kapitel zugeordnet.

Eine Form der qualitativen Erhebung von Informationen und ihrer Interpretation ist die Analyse einer Einzelfallstudie, bei der jede soziale Einheit als ein Ganzes gesehen wird (Goode1956). Dieser holistische Ansatz gibt den betrachteten authentischen Ereignissen einen anschaulichen Charakter (Spöhring1995). Bei der Einzelfallstudie ergibt sich die Schwierigkeit, daß eine Verallgemeinerung der Einzelfallergebnisse auf eine Grundgesamtheit, aus der der Einzelfall ausgewählt

7 wurde, im allgemeinen nicht möglich ist (Aleman1975). Es können aber Grundmuster über Einzelfallstudien hergeleitet werden, wobei die logische Struktur des Verfahrens nicht exakt präzisiert werden kann (Garfinkel1980). Um die am Einzelfall der OPIP und des ÖTP gewonnenen Zusammenhangsvermutungen auf ihre allgemeine Gültigkeit für den Oriente zu prüfen, führte ich informelle Interviews in weiteren indigenen Basisorganisationen durch (siehe unten).

Die teilnehmende Beobachtung gilt als die klassische Erhebungstechnik der Einzelfallstudie (Aleman1975). Sie wird von Friedrichs als “ …die geplante Wahrnehmung des Verhaltens von Personen in ihrer natürlichen Umgebung durch einen Beobachter, der an den Interaktionen teilnimmt und von den anderen Personen als Teil ihres Handlungsfeldes wahrgenommen wird” (Friedrichs1980, S.288) beschrieben. Sie ist besonders für die Exploration des Forschungsthemas, die forschungsleitende Fragebildung und Interpretation von Ereignissen wichtig (Mai1976).

Um dem Problem der selektiven Wahrnehmung und Aufzeichnung des Geschehens zu begegnen, erstellte ich Mitschriften und nachträgliche Protokolle über die Besuche in den Comunidades und die Veranstaltungen des ÖTP, der OPIP und anderer indigener Organisationen (Anhang1).

Die empirische Forschung fordert die systematische Erfassung der erfahrbaren Wirklichkeit in einer Weise, die von der Person des Beobachters und den beteiligten Untersuchungspersonen unabhängig ist. Bei qualitativen Verfahren der Datengewinnung kann eine Subjektunabhängigkeit aber nie ganz erreicht werden und findet ihre Bedeutung mehr als regulative Leitidee (Spöhring1995). Heute wird von der empirisch-orientierten, analytischen Wissenschaftslogik auf das Postulat der Objektivität oftmals verzichtet. Es wird angezweifelt, daß der Forscher sich aus der Gesellschaft herauslösen und gewissermaßen von “außen”, “neutral” den Gegenstand der Forschung betrachten und analysieren kann (Mai1976).

8

Tabelle 1: Die Kapitel mit den angewandten Erhebungsmethoden Kapitel Daten Methoden

1

Einleitung

Sekundärliteratur

2

Die Provinz Pastaza

Sekundärliteratur

3

Indigene Bevölkerung des Oriente

Primär- und Sekundärliteratur, teilnehmende Beobachtung

4

Darstellung der OPIP

Einzelfallstudie, teilnehmende Beobachtung, Primär- und Sekundärliteratur, informelle Interviews zu Kommissionen und Projekten der OPIP

5

Die OPIP als Entwicklungsagentur

Einzelfallstudie, teilnehmende Beobachtung, Primär- und Sekundärliteratur, informelle Interviews zur indigenen Entwicklung und zu einkommenschaffenden Projekten indigener Organisationen, Gruppendiskussion über Probleme der Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Organisationen

6

(Öko-) Tourismus in Ecuador

Primär- und Sekundärliteratur

7

Konzept des ÖTP

Einzelfallstudie, teilnehmende Beobachtung, Primär- und Sekundärliteratur

8

Bewertung des ÖTP anhand ökotouristischer Kriterien

Einzelfallstudie, teilnehmende Beobachtung, Gruppendiskussion, Primär- und Sekundärliteratur, informelle Interviews zum ÖTP u.a. indigenen Tourismusprojekten, Gruppendiskussion über Wirkungen des ÖTP

9

Schlußfolgerungen

Beantwortung der Forschungsfrage

Die informellen Interviews führte ich in nicht-standardisierter Form durch. Während die Themen durch den Gesprächsleitfaden vorstrukturiert waren, lag die Steuerung des Interviews, die Hervorhebung einzelner Aspekte etc. in meinem Ermessen als Interviewerin, so daß ich auf den individuellen Hintergrund und auf die Schwerpunktsetzung des Gesprächspartners eingehen konnte.

In Anhang2 sind die Interviewpartner aufgelistet. Anhang3 (spanisch) und Anhang4 (deutsche Übersetzung) zeigen den Gesprächsleitfaden, den ich für die Interviews verwendete. Während über indigene Entwicklung und einkommenschaffende Projekte mit indigener Bevölkerung im Oriente in allen Interviews mit Vertretern der indigenen Organisationen und der kooperierenden Entwicklungsorganisationen gesprochen wurde (Kapitel 5), befragte ich die Dirigentes und Mitarbeiter der OPIP zusätzlich zu ihrer Arbeit in den Kommissionen und Projekten (Kapitel 4). Die Interviews mit Mitarbeitern und Beratern des ÖTP und anderer indigener Tourismusprojekte konzentrierten sich auf das jeweilige spezifische Projekt (Kapitel 8).

Das informelle Interview eignet sich für die Ermittlung von Informationen über Fakten und Meinungen (Spöhring1995). Es beugt einer eventuell ablehnenden Haltung durch intellektuelle Gesprächspartner vor, die sich durch vorformulierte

9 Fragen eingeschränkt fühlen und kann auf die Heterogenität der Befragten (z.B. ihres Informationsstandes, ihrer Artikulationsfähigkeit) persönlicher eingehen. Eine hohe Gemeinsamkeit in der Kommunikation, die z.B. durch mein Auftreten als Mitarbeiterin im gleichen Arbeitsfeld hergestellt wurde, gibt die Meinungsstruktur der Befragten besser wieder. Ein offenes Interviewkonzept paßt sich an den Erfahrungsbereich, die Sprachgewohnheiten etc. der Befragten an. Ich verwendete zahlreiche frei formulierte Fragen, duldete Abschweifungen und fragte nicht nur Sachinformationen ab, ein Konzept, welches Mai als “weiches Interview” (Mai1976) bezeichnet. Validität innerhalb von qualitativen Interviews strebte ich durch Antwortvergleiche und Nachfragen in den Interviews an. Widersprüchliche und interessante Meinungen von interviewten Personen hob ich in folgenden Interviews besonders heraus und konfrontierte Befragte mit der Meinung vorhergehender Interviewpartner.

Diese Vorteile informeller Interviews entfallen bei formellen Fragebögen. Letztere eignen sich für quantitative Erhebungen, die nicht Anliegen dieser Arbeit sind, da die Ergebnisse bei der geringen Zahl von Mitarbeitern innerhalb der OPIP sowie die Heterogenität der Organisationen und ihrer Projekte durch eine statistische Auswertung nicht an Aussage gewinnen würden.

Zitate aus den Interviews habe ich im Text original in spanischer Sprache gelassen, damit für den Leser mit entsprechenden Sprachkenntnissen nicht der authentische Eindruck verloren geht. In den Fußnoten habe ich sie ins Deutsche übersetzt.

Gruppendiskussionen geben einen verhältnismäßig schnellen und guten Überblick über die Meinungsbildung einer Gruppe zu einem gegebenen Thema. Menschen, die sich bezüglich des Themas in einer vergleichbaren Situation befinden, können sich relativ informell über das Thema austauschen und sich in einer gegenseitigen Wechselbeziehung zu Meinungen und Äußerungen anregen (Mai1976). Im Rahmen einer DED-Fachgruppentagung zur Problematik der Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Basisorganisationen, die ich im April 1996 in Puyo organisierte, moderierte ich Gruppendiskussionen, dessen Ergebnisse in Kapitel 5 einfließen. Die Resultate der Gruppendiskussion über befürchtete Wirkungen des ÖTP in Canelos mit Teilen der Projektteams und der Asociaciones werden in Kapitel 8 wiedergegeben.

Das Studium der Primärliteratur umfaßt Projektplanungsunterlagen, Evaluierungsberichte, Abkommen, Versammlungsprotokolle, Protokolle von Seminaren und Workshops, Strategiepapiere und andere interne Dokumente. Die verwendete

10 Sekundärliteratur bezieht sich vornehmlich auf Ökotourismus, indigene Bevölkerung, indigene Basisorganisationen und Entwicklung Amazoniens.

Begriffsbestimmungen

In dieser Arbeit werden unter dem Begriff “Indigene Völker” ethnische Gruppen verstanden, die sich auf eine gemeinsame Sprache, Geschichte und Kultur berufen und eine enge spirituelle und mythisch begründete Verbindung zu ihrem Land haben (Dömpke1995). “Indigen” bedeutet nach Dömpke “innerhalb einer Abstammung”, “in etwas hineingeboren” (S. 18). Die meisten Definitionen über indigene Völker enthalten Kriterien zur gemeinsamen historischen, kulturellen und rassischen Abstammung, zu kulturellen Charakteristika (Sprache, soziale Organisation, Rechtssystem, Kosmovision/Religion, Technologie und Medizin, Kleidung, Kunst, mündliche Überlieferung etc.), zu traditionellen Territorien, zur politisch/sozialen Dominierung durch andere und zur Selbstdefinition (Hoffmeyer1993). Der Begriff “Völker” wurde von der UN-Arbeitsgruppe über indigene Völker in die “Erklärung der Rechte indigener Völker” von 1991 (Colchester1993) aufgenommen. Ich schließe mich dieser Begriffsverwendung an und vermeide den häufig gebrauchten Begriff “Ethnie”, den die indigene Bewegung Ecuadors als abwertend empfindet, da sie ihn mit ihrem Dasein als Studienobjekte für Anthropologen verbindet. Sie fordert statt dessen die Anerkennung des Begriffes “Nacionalidad” (Chancoso1993; Andrango1993), der im deutschen Sprachgebrauch mit “Nationalität” übersetzt werden und in diesem Zusammenhang verwirren würde.

Der Begriff “Comunidades” wird in dieser Arbeit für indigene Siedlungen der OPIP verwandt, welche sich als indigene Organisationen ersten Grades

Zu den verschiedenen Organisationsgraden der OPIP siehe Kapitel , S.56.

zusammengeschlossen haben. Hiermit folge ich der Terminologie der OPIP. Die Comunidades der OPIP können nicht als “Gemeinden” im deutschen Sinn verstanden werden, “in welchen Selbstverwaltung, hoheitliche Verwaltung und Leistungsverwaltung institutionell zusammengefaßt sind” (Nitsch1985, S.154).

Die Comunidades der OPIP haben in der Mehrheit keine eigene Rechtsperson und können daher nicht mit “Gemeinden” übersetzt werden.

Die Comunidad wählt in einer Vollversammlung alle zwei oder drei Jahre ihre indigene Führung, die i.d.R. aus einem Präsidenten, Vizepräsidenten, Sekretär und fallweise Kassenswart besteht. In derselben Ortschaft kann auch ein großer Anteil an

11 nicht-indigener Bevölkerung siedeln, wie z.T. in der stark kolonisierten Andenfußzone Pastazas. In der genannten Region haben die Siedlungen i.d.R. den Status einer Gemeinde mit eigener Gebietskörperschaft und alle Bevölkerungsteile wählen Gemeindevertreter. Dies ist jedoch nicht in den Comunidades und “Asociaciones” (indigene Organisationen zweiten Grades), die am ÖTP teilnehmen, der Fall. Der Begriff ”Comunidades” meint lediglich den selbstorganisierten Teil der indigenen Bevölkerung. Daher hat ein eventuell vorhandener Siedleranteil an der Bevölkerung keinen Einfluß auf die genannten Entwicklungsprojekte in den Comunidades der OPIP, wie z.B. auf das untersuchte ÖTP.

Mit “kommunalen Projekten” sind in dieser Arbeit Projekte der Comunidades und der Asociaciones gemeint.

Diejenigen indigenen Basisorganisationen, die einen Zusammenschluß aus indigenen Comunidades, Asociaciones, Kooperativen u.a. lokalen indigenen Organisationseinheiten bilden, werden auch als “Föderationen” bezeichnet, was dem spanischen Wort “Federación” entspricht, welches in den Namen der meisten dieser Organisationen enthalten ist. Die OPIP und alle anderen befragten indigenen Organisationen sind Föderationen oder übergeordnete Dachorganisationen.

Unter “einkommenschaffenden Projekten” verstehe ich Projekte, die, unabhängig davon, ob und in welcher Höhe sie in der Startphase eine Anschubfinanzierung von Entwicklungsorganisationen bekommen haben, sich nach einer gewissen Übergangsphase selbst finanzieren und anschließend Gewinne erwirtschaften können. Sie gehören zum Wirtschaftsmodell der nicht-indigenen Welt, welches auf einer arbeitsteiligen Geldwirtschaft aufbaut und sich von der ursprünglichen Subsistenzwirtschaft entfernt hat. In Ecuador werden diese Projekte als “Proyectos productivos” bezeichnet. Da dieser Terminus in der Literatur außerhalb Ecuadors nicht geläufig ist, wird er im folgenden nicht verwendet.

Mit dem Begriff “Entwicklungsorganisationen” fasse ich regionale, nationale und internationale Regierungsorganisationen, Nichtregierungsorganisationen (NRO) und kirchliche Organisationen zusammen, die Entwicklungsprojekte und Selbsthilfeorganisationen in Entwicklungsländern finanziell und/oder durch Beratung fördern. Wenn ich mich auf nur eine der genannten Institutionengruppen beziehe, wird sie im Text explizit genannt.

Den Begriff “Ökotourismus” erläuterte ich ausführlich in Kapitel 6.

12

Zusammenfassung von Kapitel 1

In der vorliegenden Arbeit untersuche ich die Forschungsfrage, ob es der indigenen Basisorganisation Organización de Pueblos Indígenas de Pastaza (OPIP) gelingt, ihr Ökotourismusprogramm (ÖTP) in selbstverwalteten Comunidades umzusetzen und dabei die natürlichen Ressourcen zu wahren. Das zur Beantwortung notwendige Hintergrundwissen (Kapitel 2, 3 und 6) sowie Informationen zur Einzelfallstudie der OPIP (Kapitel 4 und 5) und ihrem ÖTP (Kapitel 7 und 8) erhob ich mit Methoden der qualitativen empirischen Sozialforschung und wertete Primär- und Sekundärliteratur aus. Da ich das ÖTP zweieinhalb Jahre als Entwicklungshelferin des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) beriet, hatte ich einen direkten Zugang zum Forschungsgegenstand als teilnehmende Beobachterin.

&ch1; 31Indigene Bevölkerung des Oriente
Demographische Veränderungen

Die heutigen indigen Völker des Oriente stammen von den Oas (Andoas), Omaguas, Huitotos, Tetetes, Záparos und Coronados ab. Sowohl ihre Bevölkerungszahlen als auch ihre ethnische Zusammensetzung haben sich von der Zeit der Konquista bis heute stark verändert (Tabelle 2).

Tabelle 2: Indigene Bevölkerung zur Zeit der Konquista und heute Indigene Bevölkerung Zur Zeit der Konquista (Mitte des 16. Jahrhunderts) ...und heute

In Amazonien

5-7 Mio.

(Centeno1993)

1 Mio.

(Centeno1993)

Im Oriente

270.000

(CONAIE1989)

122.000

(CAAM1994)

105.000

(CONAIE1989)

85.000-100.000

(Estrella1992)

95.000

(Uquillas1991)

In Pastaza

100.000

(ConcejoProvincialPastaza1988, Bd.1)

24.000

(CAAM1994)

Von den zahlreichen Völkern verschwanden einige ganz. Sie wurden durch eingeschleppte Krankheiten (z.B. Masern, Röteln, Malaria) oder durch inner- und interethnische Kriege ausgerottet und in den von Einwanderern errichteten Plantagen versklavt oder verschleppt. Die Flucht vor diesen Bedrohungen vergrößerte ihre räumliche Mobilität und sie vermischten sich mit Weißen, Mestizen und anderen indigenen Völkern. Kleinere Völker verschwanden durch ihre Adaption an größere.

Im Oriente expandierten vor allem die Völker der Shuars und Quichuas

Im folgenden sind bei der Verwendung des Begriffs “Quichua” die Quichuas des Amazonastieflandes und nicht die Quichuas des Hochlands gemeint.

. Seit dem 19. Jahrhundert kamen die Shuars in die heutige Provinz Pastaza und besetzten neue Gebiete im Napo. Die Quichuas dehnten ihre Siedlungen entlang der Flüsse San Miguel und Putumayo, Napo und Curaray ins Waldesinnere aus (Uquillas1993a). Die Abbildung 11 und Tabelle 3 zeigen den Siedlungsraum und die Größe der heute

32 im Oriente lebenden Völker der Shuars, Achuars, Quichuas, Shiwiars

Die Shiwiars gehören zur Gruppe der Jíbaro aus Peru oder Mayna und werden von der Föderation der Shuars als Shiwiars oder Patukmais bezeichnet. Als eigenes Volk erschienen sie erst in den 80er Jahren in der Literatur ().

, Huaoranis, Sionas, Secoyas und Cofanes

Im Amazonasregenwald außerhalb des Oriente leben ca. weitere 2.000 Achuars in Peru und ca. 200 Cofanes in Kolumbien ().

. Sie machen nur noch ein Drittel der Bevölkerung des Oriente aus.

In den heutigen Grenzen der Provinz Pastaza lebte zur Zeit der Konquista die ethno-linguistische Familie der Záparos. Ihre damalige Bevölkerung wird auf ca. 100.000 Personen geschätzt (ConcejoProvincialPastaza1988, Bd.1). Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert ging sie vermutlich durch Krankheit und Versklavung um 60 bis nahezu 100 % zurück (Sweet1969). Teile der Záparo-Bevölkerung vermischten sich mit den Achuars, deren Jagdterritorien und Fischgründe sie teilten. Heute leben nur noch wenige Záparos, die ihre Sprache nicht mehr an ihre Kinder weitergeben und in der Kultur der Quichuas aufgehen.

Die Quichuas Pastazas, genannt “Canelos Quichua”, formierten sich während der Kolonialepoche und bilden eine Mischung aus den ursprünglichen Bewohnern nördlich des Río Bobonaza, des Hochlands, der “Quijos Quichua”, Záparoanos (Gaye, Záparos) und Jibaroanos (Caninche, Andoa, Achuar) (Oberem1974). Whitten beschreibt ausführlich ihre Ursprünge, Lebensweise und Adaption an die Einwandererkultur (Whitten1987). Die Entwicklung der Quijos Quichua der Provinz Napo unterscheidet sich von der der Canelos Quichua, da letztere stärker durch die Kirche beeinflußt wurden und bereits seit dem 16. Jahrhundert in den Plantagen der Einwanderer dienen mußten.

Die ursprüngliche Sprache der Quijos Quichua ist nicht bekannt. Sie nahmen das Quichua vermutlich bereits vor der Ankunft der Spanier im Napo an (Reeve1988). Auch wenn es archäologische Hinweise für einen präinkaischen Handel zwischen Oriente und Hochland gibt, in der das Quichua des Hochlandes sich als Handelssprache verbreitet haben könnte, waren vermutlich die katholischen Missionen der wichtigste Faktor für seine Einführung in die oberen Amazonasgebiete. Angesichts der Vielfältigkeit der indigenen Sprachen bauten die Jesuiten Übersetzungsschulen in der heutigen Provinz Napo auf, wo Jugendliche der verschiedenen Völker Quichua lernten. So wurde es auch für die Canelos Quichua zur Sprache der Missionsstationen (COICA1996) und außerdem

33 zur Sprache des Handels mit dem Hochland und den nördlichen Nachbarn.

Abbildung 11: Indigene Völker des Oriente (AcciónEcológica1994)

Die indigene Bevölkerung Pastazas, die Canelos Quichua

Im folgenden Text über die Provinz Pastaza werden die Canelos Quichua wieder vereinfachend und dem allgemeinen Sprachgebrauch in Ecuador entsprechend “Quichua” genannt. Im Kontext des Oriente meint “Quichua” den Oberbegriff, umfaßt also sowohl Canelos als auch Quijos Quichua.

, Achuars, Shiwiars, Záparos, Shuars und Huaoranis bewohnen ca. 70 % der Provinzfläche. Die zugewanderten Mestizen mit etwa zwei Dritteln der Bevölkerung der Provinz siedeln fast ausschließlich in der Zone des Andenfußes.

34

Tabelle 3: Völker des Oriente heute Völker Provinzen Personenzahl

Achuar

Morona Santiago und südliches Pastaza

3.600

(VargasL, Dirigente der FINAE, Interview)

3.000

(Valarezo1994)

2.400

(CONAIE1989; Uquillas1991)

Cofán

Sucumbíos

650

(Kimerling1993)

500

(Valarezo1994; Uquillas1991)

460

(CONAIE1989)

Huaorani

Napo und nördliches Pastaza

2.000

(Valarezo1994)

1.580

(Kimerling1993)

1.282

(Smith1993)

1.200

(Uquillas1991)

600

(CONAIE1989)

Quichua

Napo, Sucumbíos und Pastaza

70.000

(Valarezo1994)

60.000

(CONAIE1989)

48.000

(Uquillas1991)

Secoya

Sucumbíos

500

(Valarezo1994)

Shiwiar

Pastaza

2.000

(Valarezo1994)

600

(Kimerling1993)

Shuar

Provinz Zamora Chinchipe, Morona Santiago, südliches Pastaza

42.000

(Uquillas1991)

40.000

(Valarezo1994; CONAIE1989)

Siona

Sucumbíos

250

(Valarezo1994)

Záparo

Pastaza

24

(Valarezo1994)

Traditionelle Wirtschaftsform der Quichuas

Dieser Abschnitt konzentriert sich auf die Quichuas, die den überwiegenden Teil der Mitglieder der OPIP und der Bevölkerung in den Comunidades und Asociaciones des ÖTP stellen.

35 Der “Ayllu”, der durch verwandtschaftliche Beziehungen definiert wurde, bestimmte das traditionelle Zusammenleben der Quichuas. Er umfaßte die engere Familie

Eltern, Großeltern, Geschwister, Tanten, Onkel, Kinder der Schwestern der Mutter und der Brüder des Vaters.

beider Ehepartner (Reeve1988). Jeder Ayllu bezog sich auf einen bestimmten Ort, genannt “Llacta” (Ursprung). Im allgemeinen bestand eine Llacta aus Mitgliedern von zwei oder mehr Ayllus, in der die Großeltern, ihre Kinder und deren angeheiratete Partner und Enkel wohnten. Weitere Mitglieder desselben Ayllus lebten in anderen Llactas.

Die Llactas wurden von den Großeltern oder von einem Schamanen geführt. Landbesitz war kommunal. Nach den Traditionen der Quichuas gab es keinen Privatbesitz, sondern den Familienbesitz der “Chacra” (kleine Felder), des Hauses, der Jagd, des Fischfangs und des Wissens. Auch wenn der Nutzen eines Gebietes über viele Generationen in einem Ayllu blieb und er die wirtschaftliche Einheit darstellte, wurden viele Gebiete mit anderen Ayllus geteilt oder an andere Ayllus abgegeben, wenn sie nicht genutzt wurden (Viteri1992).

Im traditionellen Zusammenleben der Quichuas wurde politische Macht nicht zentralisiert und institutionalisiert. Politische Figuren waren nicht allgemeingültig. Sie entstanden in Momenten der Spannung als Kriegsführer und als spirituelle Führer, deren Macht sich anschließend wieder auflöste. Die religiöse Macht war eng verbunden oder identisch mit der sozialen und politischen Macht (Hoffmeyer1995). Sie ging von den Führern weniger Familien aus. Wichtige Entscheidungen wurden aber im informellen Konsens nach der Diskussion mit den einzelnen Familien getroffen (ChaseSmith1996a).

Die indigenen Comunidades deckten ihren Proteinbedarf durch Fischfang und Jagd

Die meist gejagten Arten waren bzw. sind Tapire (Tapirus terrestris), Wasserschweine (Hydrochaeris hydrochaeris), Hirsche (Mazama americana), Gürteltiere (Dasypus novemcintus), Guatusas (Dasyprocta punctata), Guantas (Aguti paca), Sajinos (Tayassu tajacu), Pavas de Monte (Penelope ortoni), Guatínes (Myoprocta spp.) und diverse Affenarten (z.B. Cebus albifrons; Ateles fusciceps).

. In den Comunidades im Waldesinneren wie Sarayacu jagen die Männer der Familie auch heute ein bis zwei Mal in der Woche und fischen täglich. Der monatliche Konsum an Wildfleisch beträgt dort ca. 19-24 kg pro Familie (Viteri1992).

36 Die indigene Bevölkerung sammelte Pflanzenteile wie Früchte, Samen und Rinden zur Ernährung, medizinischen Verwendung und als Herstellungsmaterialien

Beispiele zur pflanzlichen Nahrung: Früchte der Palmen Chontaduro (Bactris Gasipaes) und Chambira (Astrocaryum Chambira), Pasu (Gustavia macaranensis), Pitón (Grias neuberthii), Anona (Rollinia mucosa), Abio (Chrysophyllum venezuelanense), Caimito (Pouteria caimito), Uva de Monte (Pourouma cecropifolia), Guaba de Bejuco (Inga edulis), Chonta (Bactris gasopaes), Cacao sylvestre (Theobroma spp.), Ungurahua (Jessenia bataua); zu eßbaren Insekten: Ucui (Atta spp.); zu medizinischen Zwecken: Guayusa (Ilex guayusa), María Panga (Pothomorphe peltata), Balsamo (Myroxylon balsamum), Chugchuguazo (Maytenus krukovii), Amarun caspi (Ouratea williamsii); zur Herstellung von Körben: Tallos de Tasahuasca (Bignoniaceae) (; ).

. Nach einer Studie über die Cofanes, Quichuas, Sionas, Secoyas, Shuars und Huaoranis von Lescure et al. werden von der indigenen Bevölkerung heute noch 600 Pflanzenarten genutzt (Lescure1988). Iglesias beschreibt die medizinische Nutzung von 178 Pflanzenarten durch die Quichuas am Río Napo (Iglesias1985).

Der traditionelle Brandrodungsfeldbau der Quichuas war eine Form der Agroforstwirtschaft, die auf Subsistenz ausgerichtet war. Jede Familie hatte i.d.R. vier Chacras, dessen Abstand voneinander nicht mehr als 1,5 km betrug. Für jede Chacra wurde eine Fläche von ca. 0,5 -0,8 ha gerodet, wobei einzelne Bäume, die einen Lebensraum für Wildtiere oder bestimmte Nahrung für die menschliche Versorgung lieferten, als Überhänger stehen gelassen wurden. Die wichtigsten Anbaufrüchte der Chacra waren Cassava, Mais und Kochbananen. Dazwischen befanden sich mindestens 30 weitere Gemüsearten, Fruchtbäume und Heilkräuter

U.a. Camote (Ipomea batatas), Cacao blanco (Theobroma bicolor), Tabak (Nicotinia tabacum), Naranjilla (Solanum quitoense), Zapote (Quaraibea Cordata), Maní de árbol (Caryodendron orinocense), Chirimoya (Annona chirimola), Papaya (Carica Papaya) (; ).

. Nach zweijähriger Nutzung wurde die Fläche der Brache überlassen.

Neun bis zehn Monate im Jahr befand sich die Quichuafamilie in der Purina, d.h. in Gebieten flußabwärts, die dem Ayllu gehörten und für die Landwirtschaft und die Jagd genutzt wurden (Viteri1992). Die Purina erweiterte nicht nur das Nahrungsangebot, sondern verhalf den Reisenden zu seltenen natürlichen Ressourcen wie z.B. Farbstoffen für die Keramik. Sie stärkte die soziale Integration innerhalb des Gebietes des eigenen Volkes sowie der gemeinschaftlich genutzten Gebiete mit den Achuars und Huaoranis (Reeve1988).

Die Keramik der Canelos Quichua ist sehr fein, sowohl in ihren Formen als auch in ihrer Zeichnung. Sie wurde schon in den 70er Jahren in Quito als Andenken an

37 Touristen verkauft und fand in den USA Bewunderung als Kunsthandwerk (Whitten1981). Einige Frauen sind im Besitz von besonderen Fähigkeiten. Sie gehören häufig der Familie eines Schamanen an und drücken ihre Kräfte mittels der Produktion von außergewöhnlicher Keramik aus. “Para hombres y mujeres la Mucahua (Foto 2) y la Tinaja (Foto 3) representan los más altos conocimientos artísticos de su cultura y además demuestran la continuidad del pasado, el presente y el futuro”

“Für Männer und Frauen repräsentieren die Mucahua und die Tinaja (Keramikgefäße für die Chicha) das höchste künstlerische Wissen ihrer Kultur. Außerdem zeigen sie die Kontinuität der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft”.

(Whitten1981, S.211).

Alle wirtschaftlichen Aktivitäten wurden von Familien durchgeführt, die sich im gegenseitigen Austausch innerhalb des Ayllus halfen. Sie luden zur traditionellen “Minga” (Gemeinschaftsarbeit) ein, um z.B. eine neue Chacra zu schlagen, das Haus zu reparieren oder Unterstützung bei der Jagd oder dem Fischfang zu bekommen. Bereits eine Woche vorher fingen die Frauen des Haushaltes an, “Chicha” aus Cassavawurzeln herzustellen. Die Frauen kauten den zerstampften Brei und spuckten ihn in ein großes Gefäß. Der Speichel verhalf dem Getränk zur Gärung, welches mit Wasser vermischt zu allen sozialen Anlässen gereicht wurde (Foto 4). Die Männer waren für das Anbieten von Wildfleisch zuständig.

Die reziproke Ökonomie basierte auf dem zeitlich verschobenen Austausch von Gütern und Dienstleistungen wie die beschriebene Minga. Der Fluß des gegenseitigen Gebens wurde durch die Verpflichtung, etwas zurückzugeben, permanent aufrechterhalten. Voraussetzung für die Rückerstattung der Leistung war in diesem System eine anerkannte moralische Ordnung (ChaseSmith1996b). Die traditionelle Ökonomie zielte nicht auf die Hebung des Lebensstandards oder auf die Akkumulation von Reichtümern ab.

Wirtschaftlicher und kultureller Wandel

“Hoy el indio no quiere ser indio. El indio quiere ser mestizo, el mestizo blanco, el blanco gringo, y el gringo quiere irse a las planetas”

“Heute will der Indio nicht Indio sein. Der Indio will Mestize, der Mestize Weißer, der Weiße Nordamerikaner sein, und die wollen zu den Planeten fliegen”.

(Grefa, Vizepräsident der OPIP, Interview).

Die oben beschriebenen traditionellen Lebensformen habe ich zur Vereinheitlichung des Stils in die Vergangenheitsform gesetzt, was aber nicht bedeutet, daß sie nicht

38 mehr existieren. Die Gesellschaft der Quichuas verbindet heute traditionelle mit modernen Lebensformen, ihre jeweilige Ausprägung wird durch die geographische Lage, Länge und Intensität des Kontakts mit der nicht-indigenen Welt bestimmt.

Foto 2: Mucahua aus Ton zum Servieren der Chicha (Aufnahme: Klaus Kruse)

Sowohl in Bezug auf den Anteil der Einwanderer (64 %) als auch auf den Anteil der Auswanderer (51 %) nimmt Pastaza die erste Stelle in der Statistik Ecuadors ein (Tassi1995a). In vielen indigenen Comunidades wurden zwischen 1974 und 1982 Abwanderungstendenzen festgestellt (z.B. Canelos -7,3 %). Die Migration von Jugendlichen aus ihren Comunidades in die Sierra (Frauen als Haushaltshilfen), die Costa (Männer als Plantagenarbeiter) und in den nördlichen Oriente (Männer für die Erdölindustrie) begann bereits in den 50er Jahren und dehnte sich in den nächsten Dekaden auf die Comunidades im Waldesinneren aus. Viele der Ausgewanderten kehrten später zurück und nahmen ihr traditionelles Leben wieder auf. Sie brachten Güter und auch eine verstärkte Aufnahmefähigkeit für die Elemente aus der weißen Kultur mit. Dies führte u.a. zu einer höheren Bewertung der spanischsprachigen Erziehung, veränderte die Bauweise der Häuser (Foto 5) und verstärkte die landwirtschaftliche Produktion für den Markt.

Während die traditionelle ökonomische Einheit, der Ayllu in einer Llacta, alle lokalen Ressourcen teilte, sind heute nur wenige Niederlassungen identisch mit wirtschaftlichen Einheiten (ChaseSmith1996c). Die meisten Comunidades Pastazas

39 entsprechen einem neuen Typ Niederlassung: Llactas bilden Sektoren innerhalb einer Comunidad, die sich um ein Zentrum (älteste Ansiedlung, Missionsstation oder Flugpiste) als verstreute Niederlassungen gruppieren (Whitten1987; Reeve1988). Zu der ansteigenden Anzahl an Ayllus und Llactas kommen verwaiste Familien, die z.B. von Masernepidemien übrig geblieben sind oder während der Kautschukzeit oder von neuen Siedler vertrieben wurden. Die Formalisierung der Comunidades mit eigener Rechtsperson stellte ein Mittel zur Verteidigung der natürlichen Ressourcen und der Lebensformen gegen eine aggressive Kolonisierung dar. Sie schuf eine neue Verbindung zwischen traditionellem kommunalem Landbesitz und legalisierten individuellen Parzellen, die vor allem zur Marktproduktion genutzt werden. Sie fand aber nur in wenigen Comunidades der OPIP in der Andenfußzone statt.

Die Ökonomie der Geschenke und des Austausches von Nahrung ist noch heute innerhalb der lokalen Familien aktuell, außerhalb aber immer weniger. Individualismus und Anhäufung von Gütern schwächen die für den Austausch notwendige Moral. Die Überschüsse an Nahrungsmitteln werden verkauft. Transaktionen, in denen Geld eine Rolle spielen, werden dominanter (ChaseSmith1996b).

Minga, indem sie die Gruppenbildung zwischen Ayllus als Bedingung zur Kreditvergabe für Fördermaßnahmen und Beratung forderten und sich damit selten an den Interessen der Mitglieder in der Comunidad orientierten (Villaverde, Koordinator von FEPP

Der Fondo Ecuatoriano Populorum Progressio ist eine ecuadorianische .

Lago Agrio, Interview).

Die indigene Bevölkerung in den kolonisierten Randgebieten verwandelte sich zunehmend in Viehbauern, um ihren Landanspruch zu sichern und am Markt teilzuhaben (ConcejoProvincialPastaza1988, Bd.7). Auch in den indigenen Comunidades im Waldesinneren werden Rinder gehalten und über Flugzeug oder mit tagelangen Fußmärschen lebend nach Puyo transportiert. In Sarayacu beispielsweise gibt es durchschnittlich zwei Rinder pro Familie zu ihrer Absicherung gegen wirtschaftliche Notlagen (Viteri1992). Die Quichuas trinken keine Milch, verkaufen sie aber teilweise an die Lehrer und die Mission im Ort.

Die indigene Bevölkerung verkaufte landwirtschaftliche Produkte an Missionen, Militär und Lehrer, seit diese in ihren Comunidades existierten. Männer und Jugendliche stellen heute zusätzlich kommerzielle Güter her, wie z.B. Kanus,

40 Blasrohre, Körbe, Hängematten und gewebte Taschen, um sie innerhalb der indigenen Gruppe gegen Bargeld zu verkaufen (Reeve1988).

Foto 3: Tinaja zur Aufbewahrung der Chicha (eigene Aufnahme)

Keramik wird dagegen nie unter den Quichuas gehandelt, um sie selbst zu benutzen, sondern nur an indigene Zwischenhändler zum Verkauf in die Städte. Produkte von Wildpflanzen aus dem Wald, wie z.B. Sangre de drago (Croton lechleri), Palo de rosa (Cornus peruvianus) und Morete (Mauritia flexuosa), werden noch relativ wenig vermarktet (Reyes1995; Tassi1995a). Weitere Geldquellen in den Comunidades sind die entgeltliche Mitarbeit bei staatlichen Infrastrukturprojekten (z.B. Hängebrücken, Wege, Gemeinschaftshaus der Comunidad, Instandhaltung der Flugpisten) und Lohnarbeit für die Erdölindustrie.

41

Foto 4: Während der Minga bieten die Frauen Chicha an (eigene Aufnahme)

Mit zunehmenden wirtschaftlichen Interessen hat sich das interne Führungssystem gewandelt. Heute führen häufig die Männer eine Llacta an, die sich durch besondere Kenntnisse und Kontakte als Vermittler zur nicht-indigenen Welt auszeichnen (so wie der Schamane der Vermittler zur spirituellen Welt ist). Sie sind häufig Kinder von gemischten Ehen, die in der indigenen Gemeinschaft aufgewachsen sind und über die Eltern Kontakte zur nicht-indigenen Welt bekommen haben (Reeve1988). Diese neue Art Führer nimmt zu, während sich kaum noch Schüler finden lassen, die den langen schwierigen Weg des Lernens und Praktizierens als Schamane auf sich nehmen wollen. Traditionelle Kenntnisse über Medizinalpflanzen werden seltener.

Während die traditionelle Minga auf dem Austausch von Arbeit und sozialen Beziehungen innerhalb des Ayllus und der Llacta basierte, wird heute unter Minga meist dörfliche Gemeinschaftsarbeit verstanden, die die Missionen als obligatorische “Varayuj Minga” zu ihrer Unterstützung einführten. Sie basiert nicht auf dem symmetrischen Austauschsystem der Minga innerhalb der Ayllus (Reeve1988). Entwicklungsorganisationen übernahmen diese kommunale

In Bezug auf die Bevölkerungsdichte lebt der größte Anteil der armen Bevölkerung Ecuadors (35 %) im ländlichen Oriente. Nach dem Weltbankbericht von 1995 (Weltbank1995) können 67 % der Bevölkerung des Oriente keinen Warenkorb mit Lebensmitteln und anderen Produkten zur Deckung des Grundbedarfs erwerben.

42

Dies betrifft vor allem die indigene Bevölkerung. Armut ist aber ein relativer Begriff und Berechnungen zum Warenkorb tendieren dazu, die Bedeutung der Subsistenzwirtschaft als zu gering einzuschätzen. Einige Familien, die Geld verdienen, vernachlässigen die Bewirtschaftung ihrer Chacras. Statt dessen ersetzen sie traditionelle Subsistenzprodukte durch den Zukauf von Nahrungsmitteln, wie z.B. Reis. Der Rückgang der Vielfalt an Arten und Sorten von Nahrungsmittelpflanzen trägt zur Verarmung der traditionellen Systeme bei.

Foto 5: Traditionelle und moderne Bauweise (Dach bzw. Wände) innerhalb eines Wohnhauses (eigene Aufnahme)

Degradierung natürlicher Ressourcen

“Las comunidades adentro todavía son virgenes, están mantenidas, no tocadas por el mundo occidental”

“Die Comunidades im Wald sind noch jungfräulich erhalten geblieben, unberührt von der westlichen Welt.”

(Grefa

Die Funktion des Gesprächspartners und die Organisation, für die er arbeitet, wird nur einmal eingeführt. Bei weiteren mündlichen Mitteilungen und Zitaten derselben Person kann der Leser sie in der Liste der Interviewpartner in nachschauen.

, Interview).

43 Während zuerst die spektakulären Umweltzerstörungen im Oriente durch Kolonisierung, Erdölkonzerne, Agroindustrie (CONFENIAE1985) und Forstwirtschaft ins Auge fallen, tragen auch die Comunidades selbst zur Vernichtung ihrer natürlichen Ressourcen bei. Beispiele hierfür sind die Verwendung von Barbasco

Pflanzengift zum Töten von Fischen.

(Phyllanthus pseudolonami, Lonchocarpus nicou), chemikalischen Giften

Im Oriente werden beispielsweise Thiodan, Pancurol und Methavin angewendet ().

oder Dynamit zum Fischen (Foto 6), die Verwendung von Dünge- und Pflanzenschutzmittel in der Naranjillaproduktion, die Überjagung durch den Handel mit Wildfleisch und lebenden Wildtieren und der Holzeinschlag zum Verkauf.

“Antes los indígenas eran ecologistas, hoy destruyen más que los colonos,”

”Früher waren die Indigenen Ökologen, heute zerstören sie mehr als die Siedler.”

beschreibt Nelson Reiñoso (Reiñoso, Mitarbeiter FEPP Lago Agrio, Interview) die Situation in den nördlichen Orienteprovinzen. Besonders in den kolonisierten Randgebieten mit abnehmender Waldfläche und zunehmender Bevölkerungsdichte geht der Tierbestand spürbar zurück. Dazu tragen u.a. veränderte Jagdtechniken bei (Gewehr statt Blasrohr, Dynamit statt Angelhaken), aber auch die Aufnahme von nicht-traditionellen sozialen und religiösen Festen in den Kalender der Comunidad. Durch sie gibt es vermehrt kommunale Jagdereignisse, die traditionell nur ein Mal im Jahr stattfanden.

Häute, Felle und lebende Tiere für zoologische Gärten, z.B. Weißbartpekari (Tayassu pecari), Wassernutria (Pteronura brasiliensis), Ozelot (Felis pardalis) und Jaguar (Panthera onca), werden über Kolumbien oder Guayaquíl nach Übersee verkauft.

Nach den offiziell registrierten Angaben werden beispielsweise pro Jahr ca. 1.500 Ozelote exportiert, während schätzungsweise 20.000 dieser Tiere im Jahr gejagt werden (Encalada1983). Über das Ausmaß der genannten Gefahren für die Populationsdichte der Tiere in Pastaza gibt es keine qualitativen Untersuchungen.

Das ökologische Verständnis von indigener Bevölkerung und ihr Interesse an Naturschutz können nicht per se idealisiert werden. Indigene sind keine Ökologen durch Geburt (Little1992), der “ökologische edle Wilde” (Redford1990) ist eine Fiktion. Indigene Völker und ihre Verbindung zur natürlichen Umwelt stellen für die westliche Kulturwelt gedanklich eine romantische Ausflucht in eine verlorene Welt

44 dar. Die gemeinsamen Interessen zwischen Indigenen und Naturschutzorganisationen weichen dort auf, wo auch Indigene beginnen, prioritär ökonomischen Interessen nachzugehen.

Einfluß und Verantwortung für die Umwelt haben die Schamanen:

“El shamán de Sarayacu puede atraer y hacer desaparecer a los animales”. “Los shamanes son los más controladores del medio ecológico”

“Der Schaman von Sarayacu kann Tiere erscheinen und verschwinden lassen”. “Schamanen sind die mächtigsten Wächter der Umwelt”.

(Mitglieder der Asociación Canelos im ÖTP-Kurs für touristische Operation, 10.5.1996).
Foto 6: Mit Dynamit gefischte Welse (eigene Aufnahme)

45 Einige Tabus lassen ökologische Hintergründe vermuten, z.B. das Heraufbeschwören von Malaria bei dem Überkonsum von Früchten einer Palme, der Rache des Wächters einer zu stark genutzen Pflanze oder einer Ameiseninvasion in einer zu groß eingeschlagenen Chacra (ChaseSmith1996b).

Die Rahmenbedingungen bestimmten die traditionelle Lebensweise der Quichuas im Oriente: Sie waren semi-seßhaft und zogen weiter, wenn die natürlichen Ressourcen am alten Standort erschöpft waren. Sie lebten nach ihrem Bedarf, da natürliche Ressourcen im Überfluß vorhanden waren. So ist es kein Widerspruch zu ihrer traditionellen Lebensweise, wenn eine große Anzahl Fische im Fluß gleichzeitig getötet oder ein Baum, der voller Früchte ist, zur Ernte gefällt wird.

Der zunehmende zerstörerische Umgang mit der Natur wird häufig mit dem Verlust der traditionellen Wurzeln erklärt. Er scheint jedoch stärker auf den Bevölkerungsanstieg, auf die Stabilisierung der Comunidades an einem Ort, auf den Wunsch nach Einkommen und auf das mangelnde Bewußtsein für die relativ neuen Umweltprobleme, ihre Hintergründe und Auswirkungen zurückzuführen zu sein.

Während sich früher die Quichuafamilien als Semi-Nomaden für einen Zeitraum von ein bis zwei Monaten zur Ernte, für Feste etc. trafen, verbringen sie heute die größte Zeit des Jahres in der Llacta. Sie bietet ein geringes Maß an Medikamenten, den Kindern eine Schule, und es kann über Sprechfunkradio und Flugtransport mit der Außenwelt kommuniziert werden. Während die Chacras traditionell etwa 6-10 Jahre in sandigen Böden und bis zu 25 Jahre in Tal- und Hangböden der Brache überlassen wurde, verkürzte sich die Zeit zur Regenerierung der natürlichen Vegetation in den dicht besiedelten Gebieten stark (Viteri1992).

“Recién en Sarayacu se evita fiestas introducidas y se queda con dos fiestas cada año. Así se evita demasiado caza y pesca”

“Seit kurzer Zeit versucht man in Sarayacu (Asociación der OPIP) eingeführte Feste zu vermeiden und nur zwei Feste jedes Jahr zu feiern. So vermeidet man zu viel Jagd und Fischfang.”

(ViteriL, Direktor des Instituts Amazanga der OPIP, Interview).

46Indigene Föderationen

“Antes nuestra gente vivía por vivir, nadie se preocupó de linderaciones y del futuro”

“Früher lebten unsere Leute um zu leben, niemand kümmerte sich um Landvermessungen und die Zukunft.”

(AlvaradoC, Dirigente der FOIN, Interview).

Seit den 60er bis in die 90er Jahre schlossen sich indigene Comunidades des Oriente als Reaktion auf die Bedrohung ihres Lebensraums zu übergeordneten Basisorganisationen, den Föderationen (Abbildung 12 und Abbildung 13), zusammen. Während die ersten Organisationen der Sierra stark von der Gewerkschaftsbewegung dominiert wurden und den Kampf zur Bildung eines sozialistischen Staates zum Ziel hatten, beeinflußte im Oriente die Kirche die Gründungen der Föderationen. Ein Beispiel hierfür ist die Entstehung der Federación Interprovincial de Centros Shuar (FICSHA) 1964 unter Mitwirkung des Salesianer-Ordens. Sie ist der älteste ethnische Zusammenschluß dieser Art im gesamten Amazonastiefland (ChaseSmith1996c) und in Südamerika (Hoffmeyer1995) und umfaßt die Völker der Shuars und Achuars (bis 1996) der vier Provinzen des Oriente und der Provinz Guayas an der Küste .

Die OPIP dagegen entstand als eine Provinzorganisation, in der sich indigene Comunidades mehrerer Völker der Provinz Pastaza organisierten (Gründungsdaten der Föderationen siehe Tabelle 4). Sie wurde seit Beginn von dem zahlenmäßig überlegenen Volk der Quichuas dominiert. Vor und nach ihr entstanden weitere regionale Quichuaorganisationen, wie die Federación de Organizaciones Indígenas del Napo (FOIN) in Tena, die Federacion de Comunas Unión de Nativos de la Amazonía Ecuatoriana (FECUNAE) in Coca und die Federación de Organizaciones Indígenas de Sucumbíos (FOISE) in Lago Agrio.

Bereits in der ersten Dekade der Existenz der OPIP spalteten sich die Huaoranis und in den 90er Jahren die Achuars ab und bildeten eigene Organisationen. Es entstanden die Organización de la Nacionalidad Huao de la Amazonía Ecuatoriana (ONHAE) und eine Föderation der Achuars von Pastaza. Sie nannte sich Federación Indígena de la Nacionalidad Achuar del Ecuador (FINAE), nachdem sie die von der FICSHA abgespaltenen Achuars der Provinz Morona-Santiago aufgenommen hatte.

47

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Abbildung 12: Föderationen und Dachorganisationen der indigenen Völker des Oriente (Auswahl) (eigene Darstellung)

Die von der Personenzahl her kleinen und verwandten Völker Siona und Secoya gründeten zuerst eine gemeinsame Organisation, die sich anschließend in die Organización de Nacionalidad Indígena Siona del Ecuador (ONISE) und die Organización Indígena Secoya del Ecuador (OISE) teilte. Die Cofanes gründeten die Organización Indígena de la Nacionalidad Cofán del Ecuador (OINCE).

In den 50er Jahren kamen evangelische Sekten in den Oriente, wie das US-amerikanische Instituto Linguistico de Verano (Summer Institute of Linguistics), und veränderten das Leben in den von ihnen beeinflußten Comunidades in einer aggressiveren Weise als die katholischen Missionen. Als Reaktion auf die bestehenden Föderationen unter katholischem Einfluß schlossen sich die von evangelischen Sekten missionierten Comunidades in den Provinzen Morona-Santiago, Napo und Pastaza zu verschiedenen Organisationen zusammen. Ihr Einflußgebiet ist im allgemeinen kleiner und liegt in schwerer zugänglichen Gebieten. Durch die anfänglich enge Verknüpfung mit Sekten blieb ihr Zugang zu Entwicklungshilfegeldern gering. Sie führen daher kaum Entwicklungsprojekte durch und wurden nicht in die Interviews dieser Arbeit einbezogen.

Die Situation der Landrechte, der kulturellen Marginalisierung, Umweltbedrohungen etc. stellt sich in den verschiedenen Provinzen und für die verschiedenen Völker sehr

48 unterschiedlich dar. Der organisatorische Aufbau und die Arbeitsinhalte der Föderationen in den Kommissionen aber ähneln sich (Tabelle 4).

1980 wurde die Confederación de las Nacionalidades Indígenas de la Amazonía Ecuatoriana (CONFENIAE) als regionaler Dachverband der Föderationen des Oriente gegründet. Sie ist Mitglied des nationalen indigenen Dachverbandes Ecuadors, der Confederación de las Nacionalidades Indígenas del Ecuador (CONAIE, Gründung 1986) und der Coordinadora de las Organizaciones Indígenas de la Cuenca Amazónica (COICA, Gründung 1984) (Abbildung 12) Die COICA schließt die regionalen indigenen Amazonasdachverbände aller Amazonas-Anrainerstaaten zusammen und hat die Stärkung der Einheit und Zusammenarbeit zwischen allen indigenen Völkern des Amazonasbeckens zum Ziel. Sie vertritt ihre Mitgliedsorganisationen gegenüber zwischenstaatlichen Instanzen, wie z.B. dem Amazonaskooperationsvertrag der Regierungen der Amazonasländer und internationalen NRO.

Der Dachverband CONFENIAE wird von den großen Völkern der Shuars und Quichuas dominiert. Zur Behauptung ihrer Macht wird der Zusammenschluß der Shuar- und Achuarorganisationen zur Confederación Pan-Shuar und eine gemeinsame Regierung der Quichua-Föderationen diskutiert.

Der Wunsch nach einer stärkeren Koordination und Mitsprache der kleinen Völker wurde in der Bildung des indigenen Amazonasparlaments Parlamento de las Nacionalidades Indígenas de la Amazonía Ecuatoriana im November 1993 ausgedrückt. Es trifft sich alle sechs Monate zur Evaluierung der Arbeit der indigenen Föderationen und Dachverbände.

49

Abbildung 13: Lage der Föderationen des Oriente (Auswahl) (eigene Darstellung)

Tabelle 5 zeigt die Zuordnung in Kategorien von Basisorganisationen, die nach meiner Einschätzung verschiedene Autoren den Föderationen geben würden.

50

Tabelle 4: Übersicht der Föderationen im Oriente (Auswahl) (CONAIE1989; Voz de la CONFENIAE, 1996, Nr.19, S.4-6 u. 14) Födera-tion Gründung

Die Jahreszahl in Klammern gibt jeweils das Gründungsdatum der entsprechenden Vorläuferorganisation an, aus der die aktuelle Organisation hervorgegangen ist.

Völker Comu-nidades Personen (Familien) Kommissionen

FICSHA

(1961) 1964

Shuar

380

60.000

(5.300)

Land; Erziehung; Arbeit; Kommunikation; Gesundheit

FOIN

(1969) 1973

Quichua

143

23.500

(3.880)

.

Kommunikation; Erziehung u. Kultur; Konflikte; Land; Gesundheit; Organisation

OISE

(1972) 1977

Secoya

3

750

(108)

Erziehung; Landwirtschaft u. Viehzucht; Gesundheit; Promotion, Organisation u. Kultur; Tourismus; Land

FOISE

1978

Quichua

40

(279)

Promotion u. Organisation; Erziehung; Gesundheit; Frauen u. Menschenrechte; Gemeindeentwicklung; Land

OPIP

(1979) 1981

Quichua, Shiwiar, Záparo

136

20.000

Land, Gemeindeentwicklung; Natürliche Ressourcen u. Umwelt; politische u. rechtliche Fragen; Erziehung; Frauen und Gesundheit; Transport u. Kommunikation

FECUNAE

(1976) 1984

Quichua

61

(494)

(1.520)

.

Land; Landwirtschaft; Soziales; Erziehung; Frauen; Gesundheit

ONHAE

1990

Huaorani

26

1.600

Land; Gesundheit; Erziehung; Tourismus

FINAE

1995

Achuar

44

3.600

Erziehung; Land; Gesundheit; Promotion u. Organisation

51

Tabelle 5: Kategorisierung der Föderationen als Organisationen des dritten Sektors (Wegener1992) Zuordnung Autor

Mitgliederorganisationen mit unbestimmten multiplen Aufgaben

(Uphoff1986)

Selbsthilfeorganisationen der Sektoren Gesundheit, ländliche Entwicklung, Organisation, Mobilisierung und Politisierung

(Nebelung1988)

Regional arbeitende NRO, die bei der Regierung offiziell registriert sind und überwiegend ausländisch finanziert werden

Selbsthilfeorganisationen mit Wohlfahrts- und entwicklungs-politischen, Mobilisierungs- u. Politisierungsprogrammen

(Jessen1989)

Advocacy NRO mit Konzentration auf Umweltprobleme, Land- und Völkerrechte

(Bowden1990)

Zusammenfassung von Kapitel 3

Die Lebensform der Quichuas befindet sich im Prozeß der Umwandlung. Der Kontakt mit der nicht-indigenen Welt schuf die Nachfrage nach neuen Gütern und somit nach Geld und führte dazu, daß die indigene Bevölkerung zur Zerstörung ihrer natürlichen Ressourcen beiträgt.

Seit den 60er Jahren schlossen sich indigene Basisorganisationen als Reaktion auf die Bedrohung ihres Lebensraums zu Föderationen und Dachverbänden zusammen. Sie forderten von der ecuadorianischen Regierung, ihre traditionellen Gebiete formell anzuerkennen. Heute suchen sie u.a. nach neuen Möglichkeiten zur Schaffung von Einkommen in den Comunidades, welche traditionelle und moderne Elemente vereinen und die natürlichen Ressourcen bewahren sollen. Das ÖTP wird als ein Fallbeispiel herausgegriffen, nachdem die nächsten beiden Kapitel vorerst die OPIP als Einzelfallstudie einer Föderation darstellen.

53Darstellung der OPIP

Mit diesem Kapitel beginnt die Einzelfallstudie der OPIP, deren Ergebnisse mit den Methoden der teilnehmenden Beobachtung, informellen Interviews der Dirigentes und Mitarbeiter der OPIP sowie der kooperierenden Entwicklungsorganisationen gewonnen wurden. Die inhaltliche Beschreibung der Arbeit in den Kommissionen und den Entwicklungsprojekten greift außerdem auf Primärliteratur wie Dokumente der OPIP (OPIP1994a, OPIP1994b, OPIP1995a und OPIP1995b), Projektanträge und -unterlagen zurück.

Ziele und Aufbau

Ein wesentliches Motiv zur Gründung der Federación de Centros Indígenas de Pastaza (FECIP) im Jahr 1979, die sich im zweiten Kongreß im Oktober 1981 zur OPIP umbenannte, war die Notwendigkeit der Verteidigung der traditionellen Landrechte. Den Anlaß dazu gaben katholische Missionare, die 1979 in die Comunidades reisten, um die Aufteilung des Landes für die Kolonisierung zu diskutieren (Reeve1988). Der Zusammenschluß der indigenen Bevölkerung Pastazas folgte damit anderen Föderationen des Oriente, wie der FOIN und der FOISE, die sich bereits in dem Prozeß der juristischen Anerkennung ihrer Comunidades als Voraussetzung zur Legalisierung des Landbesitzes befanden.

Die 1983 in der Generalversammlung verabschiedeten ersten Statuten der OPIP wurden 1984 vom Sozialministerium anerkannt (CONAIE1989). Ihre überarbeitete Version (OPIP1995c) gibt 21 Ziele an, die wie folgt zusammengefaßt werden können:

  • Organisatorischer Aufbau und Stärkung der indigenen Bewegung.
  • Verteidigung der indigenen Kultur und Förderung eines angepaßten Erziehungssystems.
  • Verteidigung der Landrechte.
  • Planung und Realisierung von kommunalen Entwicklungsprojekten im Bereich Produktion, Vermarktung, Gesundheit, Infrastruktur etc. zur Verbesserung des Lebensstandards der Mitglieder.
  • Verteidigung der natürlichen Ressourcen.
  • Erlangen von Unterstützung von nationalen und internationalen Institutionen.

54 Die OPIP umfaßte anfänglich Comunidades aller in Pastaza lebenden indigenen Völker. Nach der Abspaltung der Huaoranis und der Achuars vertritt sie heute noch ca. 20.000 Personen der Quichuas, Shiwiars und Záparos. Die 136 Comunidades als Organisationen ersten Grades ordnen sich elf Asociaciones, den Organisationen zweiten Grades, zu

Asociaciones de Centros Indígenas de Santa Clara, Cabeceras del Río Anzu, Jatun Paccha, Arajuno, San Jacinto de Pinduc, Canelos, Río Bobonaza, Curaray, Río Conambo, Copataza und die Asociación de Centros Shiwiar de Pastaza.

, welche wiederum in der OPIP als Organisation dritten Grades organisiert sind (Abbildung 14). In den Asociaciones werden der Präsident, Vizepräsident, Buchhalter, Sekretär und “Varayuj”

“Varayuj” werden die formalen indigenen Vertreter der katholischen Kirche in den Comunidades genannt. Der Varayuj umfaßt sechs verschiedene Ämter ().

gewählt (Villamil1993).

Einige wenige Comunidades, wie auch die am ÖTP teilnehmenden Comunidades Llanchamacocha und Pavacachi, sind keiner dieser elf Asociaciones zugeordnet, sondern stehen in direkter organisatorischer Verbindung mit der OPIP (Abbildung 14). Hierbei handelt es sich i.a. um neue Siedlungen, die abgelegen von den Zentren der Asociaciones liegen. Sie stellen nicht die Existenz der Asociaciones in Frage, die als organisatorische Zusammenschlüsse Machtblöcke innerhalb der OPIP bilden. Vertreter der Asociaciones wählen alle drei Jahre im Kongreß die Führungsspitze (Dirigentes) der OPIP, wobei die Asociaciones jeweils eine geschlossene Stimme abgeben.

Abbildung 14: Organisationsgrade der OPIP (eigene Darstellung)

Der gewählte Präsident der OPIP, der Vizepräsident und sechs weitere Dirigentes bilden den Rat der OPIP (Consejo de Gobierno). Er tagt regelmäßig und entscheidet

55 über die Belange der Organisation. Die Dirigentes stehen je einer Kommission vor (politische Funktion), denen Entwicklungsprojekte (technische Funktion) zugeordnet sind. Im siebten Kongreß der OPIP im Mai 1996 wurden die damaligen elf Kommissionen auf die in Abbildung 15 dargestellten sechs Kommissionen reduziert. Eine in der OPIP häufiger gewählte Darstellung der Organisation ist in Abbildung 16 zu sehen.

Abbildung 15: Organigramm der OPIP (OPIP-Versammlung in Canelos, August 1996)
Kommissionen und Projekte Natürliche Ressourcen und Land

Nachdem in Pastaza zwischen 1947 und 1973 lediglich in drei Comunidades offizielle Landtitel für Familienparzellen von 40-50 ha vergeben wurden (Reeve1988), begann sich die OPIP in den 80er Jahren dafür einzusetzen, daß den Comunidades ihr Land in den traditionellen Grenzen formal zugesprochen wird (Viteri1992). Zusätzlich forderte sie 1986 die staatliche Landvermessungsbehörde IERAC auf, die eigenständige Grenzziehung der Comunidades zu akzeptieren, weil

56 IERAC die zahlreichen beantragten Vermessung nicht mehr bewältigen konnte. Da die indigene Bevölkerung nicht für Landvermessungen bezahlen mußte, bevorzugte die an Mitteln knappe Behörde die Arbeit für die Siedler (Uquillas1993b).

Abbildung 16: Die Projekte der OPIP (OPIP-Vollversammlung in Unión Base, Oktober 1996)

Im April 1990 wurde nach einer Kampagne der Föderationen im Namen der CONFENIAE ein Territorium für die Huaoranis ausgewiesen (Serrano1993). Im selben Jahr schrieb die OPIP an die ecuadorianische Regierung und beantragte die formelle Anerkennung ihres gesamten traditionellen Gebietes von 2,3 Mio. ha als zusammenhängendes Territorium (Abbildung 17). Der territoriale Anspruch wurde mit der Forderung nach Selbstverwaltung mit traditionellem Recht verbunden (AbyaYala1990). Diese Aktion brachte der OPIP die Anerkennung als politisch präsente Organisation ein. Es gab aber auch Vorwürfe von Regierungsseite, daß die OPIP einen “Staat im Staat” bilden wollte, und von der Seite anderer indigener Organisationen und NRO, daß sie den Dialog zwischen indigener Bewegung und der Regierung gefährden würde (Ruiz1993a; Serrano1993).

57 Ein zweiwöchiger Marsch von Puyo nach Quito im April 1992, an dem ca. 2.000 Indigene und Sympathisanten teilnahmen, verlieh den Forderungen Nachdruck. Die damalige Regierung unter Präsident Rodrigo Borja sprach der OPIP 1,1 Mio. ha zu, womit erstmalig in Ecuador dem Anspruch der indigenen Bevölkerung auf ein selbstzuverwaltendes Territorium nachgegeben wurde. Interne Grenzen sollte die OPIP mit ihren Asociaciones und Comunidades eigenständig festlegen.

Mit den schon vorher legalisierten Parzellen in den Comunidades außerhalb dieses Territoriums umfaßt das gesamte legalisierte Gebiet der OPIP heute etwa 1,9 Mio. ha (Unupi1993b), d.h. 70 % der Provinz Pastaza. Weitere Teile der von der OPIP geforderten Gebiete wurden ihr nicht zugesprochen, sondern vom Staat als militärischer Sicherheitsstreifen zur Grenze nach Peru deklariert bzw. als Nationalpark Yasuní (seit seiner Erweiterung von 1991) belassen (Abbildung 17). In Nationalparks wird die eingeschränkte Nutzung des Waldes durch indigene Ansiedlungen lediglich toleriert

Ley Forestal y de Conservación de Areas Naturales y Vida Silvestre Artikel 38.

(Figueroa1992).

Die OPIP erkennt die Existenz des Parks und des militärischen Sicherheitsstreifens nicht an (VargasE, Dirigente für politische und rechtliche Fragen der OPIP, Interview). Sie will statt dessen die betreffenden Gebiete mit neuen indigenen Siedlungen besetzen, die die dichtbevölkerten Asociaciones Santa Clara und San Jacinto in der Nähe von Puyo entlasten sollen (OPIP-Versammlung in Allishungu, Dezember 1994).

“Hay la necesidad declararse como provincia protegida con estatuto de protección, no como parque nacional. En parques nacionales no hay quíen que protege, aquí estamos nosotros, las comunidades protegen. Queremos que las autoridades de la Provincia se preocupen de eso y se integren”

“Es ist notwendig, die Provinz als Schutzzone mit offiziellem Schutzstatus zu deklarieren, nicht als Nationalpark. In Nationalparks gibt es niemanden, der sie schützt. Hier aber sind wir, die Comunidades schützen die Natur. Wir wollen, daß die Autoritäten der Provinz sich darum kümmern und sich integrieren”.

(ViteriL, Interview)

Zentrale Aufgabe der Kommission seit dem Marsch 1992 ist die Ziehung der Grenzlinien und ihre Kennzeichnung im Gelände sowie die Schlichtung von Landstreitigkeiten zwischen Indigenen untereinander und mit den Siedlern.

58

Abbildung 17: Anspruchsbereich und Territorium der OPIP (eigene Darstellung)
Politische und rechtliche Fragen

Wenn die Comunidades und Asociaciones auftretende Konflikte nicht alleine lösen können, tragen sie sie an die OPIP heran. Es handelt sich häufig um Landfragen, da viele Grenzen für Comunidades und Asociaciones noch nicht festgelegt wurden. Die OPIP strebt darüberhinaus die Anerkennung der Rechtsperson für ihre Comunidades und Asociaciones an, um sich z.B. besser in den Verhandlungen mit der Erdölindustrie verteidigen zu können (VargasE, Interview). Für diese Arbeiten stellte sie zeitweise Rechtsanwälte ein.

Weiterhin soll die Kommission die politische Linie der OPIP definieren und verbreiten. So müssen z.B. Straßenbauvorhaben des Staates durch das OPIP-Territorium verfolgt und diskutiert werden.

Im Jahr 1996 nahm die indigene Bewegung Ecuadors das erste Mal mit einer eigenen Partei Pachakutik an den Wahlen zum Nationalparlament teil. Die OPIP organisierte erfolgreich den Wahlkampf in Pastaza (Foto 7). Der damalige Präsident der OPIP,

59 Héctor Villamil, wurde zusammen mit sieben weiteren Delegierten des Parteibündnisses Pachakutik/Nuevo País aus anderen Provinzen als Abgeordneter ins Nationalparlament gewählt.

Nach dem Beschluß des letzten OPIP-Kongresses im Mai 1996 sollen Arbeiten für die Föderation und Parteipolitik jedoch zukünftig getrennt werden, da zu viel Arbeitszeit und finanzielle Mittel auf Kosten der laufenden Projekte und Aktivitäten der OPIP verlorengingen. Amtierende Dirigentes dürfen sich seitdem nicht mehr an Parteipolitik beteiligen bzw. politische Ämter bekleiden (OPIP1996).

Gemeindeentwicklung

Die Kommission für Gemeindeentwicklung soll die ökonomische Entwicklung in den Comunidades z.B. durch vermehrte Initiativen zur Tierhaltung, Fischzucht und Kunsthandwerkvermarktung fördern. Mit dem Aufbau von einkommenschaffenden Projekten in den Comunidades soll sich ein fairer Handel zwischen indigener und nicht-indigener Bevölkerung entwickeln. Hierzu wurde dem zuständigen Dirigente die umfassende Aufgabe der Erstellung eines lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Vermarktungskonzepts auf Grundlage einer Marktstudie unter Berücksichtigung ökologischer Gesichtspunkte gegeben (OPIP1994a). Das neue Konzept soll die Wiederaufforstung des weichen Balsaholzes (Myroxylon balsamun) für Schnitzarbeiten enthalten und den Handel mit Produkten aus Vogelfedern, Häuten und vom Aussterben bedrohter Arten verbieten. Darüberhinaus werden Wege zum Schutz, zur Kontrolle und zum Handel mit der Artenvielfalt gesucht (Planungsworkshop OPIP/ILDIS in Capirona, Februar 1995).

Ein Teil des Konzepts wird bereits in dem Kunsthandwerkladen Yana Puma der OPIP umgesetzt. Er kauft unter Umgehung von Zwischenhändlern Keramik, geschnitzte Balsaholzvögel u.a. Kunsthandwerk in den Comunidades ein und verkauft sie z.T. an alternative Handelsorganisationen in Ecuador

Camari der und Fundación Maquita Cusunchic/Comercializando como Hermanos (MCCH).

oder direkt ans Ausland weiter. Die OPIP bot den Produzenten in den Comunidades, i.d.R. Frauen, erst einen höheren Preis als die Zwischenhändler, der aber nicht gehalten werden konnte. Die Comunidades ihrerseits produzierten mit niedrigerer Qualität als Siedlerfamilien, von denen Yana Puma zunehmend mehr kaufte.

60

Foto 7: Wahlkampfpropaganda für die Partei Pachakutik in Pastaza (eigene Aufnahme)

In dem Kunsthandwerkladen der OPIP in Puyo werden heute auch Naturmedizin, Bücher über Amazonien und Souvenirs für Touristen verkauft. Der Betrieb wird gemeinsam mit einer Geschäftsfrau aus Puyo geführt, die ihre Erfahrungen an das indigene Personal weitergibt. Der unkontrollierte Zugriff von Dirigentes auf die Einnahmen wird durch diese Zusammenarbeit begrenzt. Yana Puma trägt sich selbst, erwirtschaftet aber kaum Gewinne und leistet geringe und unregelmäßige Abgaben an die OPIP. Trotzdem kritisieren viele Mitglieder der OPIP, daß der Laden von einer nicht-indigenen Besitzerin dominiert wird und kaum mehr den Comunidades als Produzenten nutzt.

Eine weitere Komponente der Gemeindeentwicklung war die Einrichtung von kommunalen Läden in einigen Asociaciones, die vorwiegend Grundnahrungsmittel verkaufen. Viele Mitglieder der Asociaciones verstanden die Läden aber als Gemeinbesitz, in dem die Ware nicht bezahlt werden muß. Zunehmende Schwierigkeiten mit ausstehenden Schulden veranlaßte die OPIP in einer Planungssitzung für das Jahr 1995, die kommunalen Läden wieder zu schließen.

61 Die Schreinerei der OPIP stellte zwölf Jahre lang Bretter, Konstruktionsmaterial und Möbel her und wurde seit ihren Anfängen vom DED unterstützt

Im folgenden Text wird nur die Unterstützung einer Entwicklungsorganisation genannt, wenn sie einen wesentlichen Teil der finanziellen und technischen Förderung eines Projektes ausmacht. Auf die Nennung der zahlreichen weiteren Förderungen jedes Projektes und jeder Kommission wird verzichtet.

. Sie sollte die OPIP finanzieren, Jugendliche aus den Comunidades ausbilden und die nachhaltige Waldwirtschaft in den Comunidades einführen.

Das häufig wechselnde auszubildende Personal schwächte die Rentabilität des Betriebs. Auch wenn viele Jugendliche eine praktische Ausbildung erhielten, konnte diese nie als allgemein anerkannte Ausbildung institutionalisiert werden. Ende 1996 wurde das Konzept des von der OPIP geführten Betriebes aufgegeben und die Schreinerei verpachtet. Die Gründe für das Scheitern der Schreinerei sind in erster Linie in ihrer Abhängigkeit von den Dirigentes der OPIP zu finden. Die Leitung der OPIP entzog ihr für politische Zwecke Gelder, die zur Erhaltung und Investition benötigt worden wären (Kilian; ehemaliger Entwicklungshelfer, Interview; Villamil, ehemaliger Koordinator der Schreinerei, Interview). Weiterhin fehlten andere Finanzierungsmöglichkeiten, da die Schreinerei keine Bankkredite aufnehmen konnte. Die Leitung der OPIP wehrte sich gegen den Erwerb der eigenen Rechtsperson für ihre Projekte, die dafür notwendig gewesen wäre. Darüberhinaus führten ihre Verzögerungen von Personalentscheidungen zu mehrmonatigen Stillegungen des Betriebes. Der Anspruch, Holz nur aus nachhaltigen Bewirtschaftungsystemen der Comunidades zu verarbeiten, hat sich bisher nur in unbeantwortet gebliebenen Projektanträgen niedergeschlagen.

In den Asociaciones Sarayacu, Canelos, Montalvo, Arajuno und Santa Clara wurden über die zwölf Jahre hinweg kleine Schreinereien zur Schaffung von temporären Arbeitsplätzen und Deckung des lokalen Bedarfs aufgebaut. Sie scheiterten an der mangelnden Nachfrage und unzureichenden Managementkenntnissen.

Eine Mechanikerwerkstatt der OPIP, die Reparaturarbeiten an Außenbordmotoren, Funkgeräten etc. für die Comunidades durchführte, hatte ihre Dienstleistungen an die Comunidades nie mit dem Anspruch der Wirtschaftlichkeit verbunden. Daher existierte die Werkstatt nur zu den Zeiten, in denen sie finanziell und technisch durch die schwedische NRO UBV (Technische Kooperation Schweden) unterstützt wurde, und erscheint nicht mehr in dem Organigramm der OPIP von August 1996.

62 Eine geplante Spar- und Kreditkooperative Palati verlor die zugesagte Finanzierung vom Projekt Samay (siehe Kapitel 4.2.8) und wurde vorerst eingestellt. In Diskussion ist weiterhin die Errichtung eines indigenen Marktes und eines Restaurants in Puyo sowie eines Kühlzentrums für Fleisch aus den Comunidades.

Das ÖTP, welches in den Kapiteln 7 und 8 detailliert dargestellt wird, untersteht ebenso der Kommission für Gemeindeentwicklung.

Frauen und Gesundheit

Nach der Gründung der Frauenkommission im Jahr 1990 entstanden in fünf Asociaciones Frauenkomitees. Die Frauen sind traditionell für die Kinder, Hausarbeit und die Chacra zuständig (Foto 8, Foto 9 und Foto 10, Abbildung 18) und leiden unter hoher Arbeitsbelastung und Marginalisierung durch die Männer-dominierte Gesellschaft der Quichuas (Tassi1995b). In ihren Versammlungen betonen sie jedoch ihre Rolle in der indigenen Gesellschaft als aktives Mitglied in allen Aspekten der kommunalen Entwicklung. Die Kommission organisiert Fortbildungsveranstaltungen

Über die Rolle der Frau, Kindererziehung, Gesundheit, Hygiene, Ernährung, traditionelle Medizin, Nähen, Kunsthandwerk, Gärten, Kleintierhaltung und Buchführung.

und nimmt an nationalen und internationalen Tagungen teil.

Familienplanung wird zum Teil in die Seminare über Gesundheit einbezogen, ist jedoch sehr umstritten, da moderne Formen der Empfängnisverhütung als Kontrolle vom Staat zur Reduzierung der indigenen Bevölkerung angesehen werden und nicht der Tradition entsprechen (Frauentreffen der CONFENIAE/CONAIE in Unión Base, August 1994).

Die Kommission für Gesundheit, die 1996 mit der Frauenkommission verbunden wurde, versucht, die medizinische Versorgung in den Comunidades zu verbessern und die traditionelle Medizin zu fördern. In Pastaza gibt es neben den drei staatlichen Krankenhäusern, zwei öffentliche Gesundheitszentren mit Ärzten, 17 Subzentren mit Pflegepersonal (u.a. in Curaray und Canelos) und 16 Gesundheitsstationen mit Hilfspersonal (DirecciónProvincialdeEducación 1996). Das Gesundheitsprogramm der OPIP bildete zusätzlich in 22 Comunidades Hilfskräfte aus und versorgte sie mit Notfallapotheken.

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Foto 8: Eine Quichuafrau aus Curaray in der Kochecke ihres Hauses (eigene Aufnahme)

Abbildung 18: Anzahl Kinder pro Frau in Pastaza (INEC1990, eigene Darstellung)

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Foto 9 und Foto 10: Mädchen werden früh zur Sorge für die jüngeren Geschwister erzogen (eigene Aufnahmen)
65Erziehung

“Los indios tienen que valorar a si mismo. No hay respeto entre nosotros por la aculturación”

“Die Indigenen müssen sich wieder selbst schätzen lernen. Aufgrund der kulturellen Entfremdung gibt es keinen Respekt mehr unter uns.”

(Grefa, Interview).

In der zweiten Hälfte der 70er Jahre begann sich die indigene Bewegung Ecuadors auf die Bewahrung und Belebung ihrer indigenen Kultur zu konzentrieren (Neoindigenismo) und erstmalig spezifisch ethnische Forderungen aufzustellen. Damals wurde mit der Vereinheitlichung des Quichua als Schriftsprache begonnen. Daraus entstand 1986 die Initiative für das Programa Alternativo de la Educación Bilingüe Intercultural de la CONFENIAE (PAEBIC), ein zweisprachiges interkulturelles Erziehungsmodell, welches in acht Schulen der Provinzen Napo und Pastaza erprobt wurde. Mit der Gründung der nationalen Erziehungsbehörde Dirección Nacional de Educación Intercultural Bilingüe (DINEIB) wurde es vom Staat übernommen und ein paralleles zweisprachiges Schulsystem in Pastaza aufgebaut (Espinoza1986) (Abbildung 19).

Die OPIP nahm an dem Programm teil und arbeitet heute mit der Provinzbehörde für zweisprachige Erziehung zusammen. Die Kommission für Erziehung berät und kontrolliert sie in inhaltlichen und didaktischen Fragen und hilft ihr bei der Suche nach Finanzierung zur Ausstattung der Schulen (Foto 11), Erstellung didaktischen Materials und zur Fortbildung der Lehrer (Box 1).

Die Kommission soll darüberhinaus Fortbildungskurse für die Dirigentes und OPIP-Mitarbeiter organisieren, u.a. für das Schreiben von Berichten und Projektanträgen, Buchführung, Informatik, Konfliktmanagement und Menschenrechte (Planungsworkshop OPIP/ILDIS in Capirona, Februar 1995). Die 1995 gegründete inter-institutionelle Fortbildungsvereinigung Escuela de Capacitación (Fortbildungsschule) versucht, Aus- und Fortbildungsaktivitäten der verschiedenen indigenen Organisationen in Pastaza, der Provinzbehörde für zweisprachige Erziehung und der Entwicklungsorganisationen zu koordinieren, und will ein Konzept für eine indigene Universität Amazoniens in Puyo erstellen.

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Abbildung 19: Schulen in Pastaza (DirecciónProvincialdeEducación 1996, eigene Darstellung)

Foto 11: Die erste Schule von Pavacachi (eigene Aufnahme)

67

Box 1: Umsetzungsprobleme des zweisprachigen interkulturellen Erziehungssystems

Die Föderationen des Oriente erprobten bei der Einführung der zweisprachigen interkulturellen Erziehung erfolgreich neue Formen der Verhandlungen mit staatlichen Institutionen und eroberten sich über die DINEIB einen neuen Entscheidungsspielraum innerhalb des Staates. In der letzten Regierungsperiode ließ die Unterstützung des Erziehungsministeriums aber deutlich nach, welches die Autonomie der DINEIB heute nicht mehr anerkennt. Die von den Föderationen erstellten Materialien wurden größtenteils nicht verwendet, da das implizierte Weltbild nicht akzeptiert, sondern als Unkenntnis oder Politisierung abgetan wird.

Die OPIP nimmt vorwiegend über den Vorschlag der Lehrer und Direktoren Einfluß auf die Provinzbehörde der DINEIB. Es gibt jedoch wenig didaktische Fachkenntnisse in der Organisation. Die meisten zweisprachigen Lehrer haben keine abgeschlossene Ausbildung und erhalten deshalb kein staatliches Gehalt, sondern lediglich eine “Bonifikation” (Berger1993). Die ausgebildeten Lehrer haben Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie zu den zweisprachigen Schulen wechseln. Mit den Lehrern des spanischen Erziehungssystems gibt es fortlaufend Schwierigkeiten, da sie den Arbeitsrhythmus und die Methodik des bilingualen Systems nicht akzeptieren. Kontrollen sind in den Comunidades schwer durchführbar, so daß sehr viel Unterrichtszeit durch ihre Abwesenheit verloren geht (EBI1991).

Das landwirtschaftliche Modellprojekt Nunguli in der Asociación San Jacinto mit der Unterstützung der ecuadorianischen NRO Terra Nuova und das Technologische Zentrum der natürlichen Ressourcen Amazoniens der OPIP in Fatima bei Puyo, genannt das “Projekt Fatima”, sind dieser Kommission zugeordnet. Das Projekt Fatima domestiziert Wildtiere der Region, wie Tapir

Lateinische Namen siehe vorne in Kapitel .

(Foto 12), Guatusa (Foto 13), Sajino, Guanta, Pava de Monte, Wasserschwein (Foto 14) und Landschildkröten, die später in Kleintierhaltung zur Subsistenz- und Marktproduktion in den Comunidades gehalten werden sollen. Die Jagd soll langfristig durch Zucht ersetzt werden, um den Populationsrückgang dieser Arten zu verhindern. Ihre Nutzung soll der Rinderhaltung eine ökonomische und ökologische Alternative entgegengesetzen. Das Projekt Fatima, das bereits zwei Umweltpreise gewann, veranstaltet Seminare und

68 Schulbesuche und stellt einen der wenigen touristischen Anziehungspunkte in der Nähe von Puyo dar.

Foto 12: Tapir im Projekt Fatima (Aufnahme: Michael Sturm) Foto 13: Guatusa im Projekt Fatima (Aufnahme: Michael Sturm)

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Foto 14: Wasserschwein im Projekt Fatima (Aufnahme: Michael Sturm)
Transport und Kommunikation

Das wichtigste Transportmittel in den und zwischen den Comunidades sind Kanus (Foto 15). Da die Oberläufe der Flüsse in Pastaza nicht schiffbar sind, ist der Flugverkehr eine wichtige Ergänzung des Transports von Puyo bzw. Shell in die im Wald gelegenen Comunidades (Foto 16). Die Flugabteilung der OPIP besitzt zwei Flugzeuge für je 4-5 Passagiere (Foto 17). Bis 1995 bekam sie jährlich ca. 7.000 US-$ für Ambulanzflüge vom Gesundheitsministerium (Berger1993). Das entsprechende Abkommen zwischen OPIP und Ministerium wurde jedoch aufgrund von Koordinationsproblemen nicht mehr erneuert, so daß finanzierte Ambulanzflüge nun von anderen Gesellschaften geflogen werden müssen.

Als offiziell registrierter sozialer Flugdienst darf die OPIP mit dem Flugbetrieb keine Gewinne erwirtschaften und somit auch keine Touristen transportieren. Daher plante sie, eine kommerzielle Fluglinie aufzubauen, verwarf diese Idee nach einigen Monaten aber wegen organisatorischen und finanziellen Schwierigkeiten wieder.

Formal betreut die Kommission die Wartung der Sprechfunkradios, die das Institut Amazanga (siehe unten) und die italienische NRO Centro para un Apropiado Desarrollo (CAST) in 17 Comunidades, u.a. in den Comunidades Pavacachi und Llanchamacocha und in Comunidades der Asociaciones Curaray und Canelos.des

70 ÖTP, installierten. Die hohen Flugkosten für die Techniker, die die Comunidades nicht zahlen wollen, erschweren die Wartung (Machoa, Dirigente für Transport und Kommunikation der OPIP, Interview).

Die Bereiche Infrastruktur und Wohnen sind 1996 in diese Kommission integriert worden. Sie plant und begleitet u.a. den Bau von Gemeinschaftshäusern in den Comunidades, Schulen, Latrinen, Wasserleitungen, Solarenergieanlagen, Flugpisten, Brücken und Wegen in Zusammenarbeit mit der Provinzverwaltung.

Foto 15: Kanus mit und ohne Außenbordmotoren in den Comunidades (eigene Aufnahme)

Institut Amazanga und Verhandlungen mit Erdölfirmen

Das Institut Amazanga wurde als wissenschaftlich-technischer Zweig der OPIP im Jahr 1992 gegründet, um einen Landnutzungs- und Entwicklungsplan für das Territorium der OPIP zu erarbeiten. Dem Plan Amazanga (Viteri1992) folgten weitere Studien für verschiedene Wassereinzugsgebiete und der Aufbau eines Geographischen Informationssystems (GIS). Sie wurden aber nicht abgeschlossen und sind nicht einsehbar.

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Foto 16: Landepiste in Pavacachi (Aufnahme: Harald Schölzel)

Foto 17: Entladen des OPIP-Flugzeugs in Curaray (Aufnahme: Harald Schölzel)

72 Das Institut führte Kurse zur Erfassung und Management von natürlichen Ressourcen

Z.B. Bodenuntersuchungen, Interpretation von Karten und Luftbildern, Umgang mit GIS, Entwurf von Landnutzungsplänen.

und über Wirkungen der Erdölindustrie durch. Es elektrifizierte Gesundheitszentren, Schulen und Sprechfunkradiostationen mit fotovoltaischen Zellen.

Amazanga sieht sich selbst als Institut, das Projekte wissenschaftlich vorbereitet und begleitet. Die OPIP erwartet hingegen technische Problemlösungen und Ausarbeitung von konkreten Projekten. Ein wesentliches Problem des Instituts ist seine fehlende Einbettung in die Gesamtorganisation der OPIP, wie das Organigramm der OPIP (Abbildung 15) verdeutlicht.

Das Institut leitet die Verhandlungen der OPIP mit der Erdölindustrie (Foto 18). Die anfängliche Strategie der Erdölfirmen zur Durchsetzung ihrer Interessen bestand in dem Bau von Schulen und anderen Infrastrukturmaßnahmen sowie Projekten als Schenkungen an Comunidades, die in ihrem Konzessionsgebiet liegen. Dies führte zur Abspaltung von drei Comunidades in der Nähe der Förderstelle Villano von der OPIP (Sawyer1996), da die OPIP ihr nicht eine derart sichtbare “Entwicklung” bieten konnte.

Da nach ecuadorianischem Recht der Boden unterhalb von 30 cm Tiefe und seine Bodenschätze dem Staat gehören (Uquillas1993a), hat die OPIP kein Einspruchsrecht gegen die Anwesenheit der Firmen auf ihrem Gebiet, versucht aber, Comunidades und Weltöffentlichkeit auf die Bedrohung durch die Erdölindustrie für die lokale Bevölkerung aufmerksam zu machen. Die international unterstützte Kampagne Tungui der OPIP veröffentlichte die Bedingungen, unter denen die Erdölfirmen im Oriente arbeiten, und forderte ein fünfzehnjähriges Moratorium für weitere Erdölaktivitäten in der Provinz Pastaza. Sie erreichte, daß die US-amerikanische Firma ARCO und die staatliche ecuadorianische Firma Petroproducción mit der OPIP in Verhandlungen traten und ihre Aktivitäten für das Jahr 1989 paralysiert wurden (Sawyer1996).

Statt Kompensationen zu verhandeln, die den Charakter von Geschenken haben und somit die Abhängigkeit fördern, stellte die OPIP die Forderung nach 2 US-$ für jedes auf ihrem Territorium geförderten Barrel auf (Villamil1995).

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“No pedimos que petroleros pagan a la OPIP, sino que OPIP recibe un porcentaje de 2-3 % de la producción”

“Wir fordern nicht, daß die Erdölfirmen an die OPIP zahlen, sondern daß die OPIP einen prozen-tualen Anteil von 2-3 % der Produktion bekommt”.

(Machoa, Interview).

ARCO ließ sich weder darauf, noch auf ein Moratorium ein. Bisher wurde lediglich ein interinstitutionelles Umweltmonitoringteam

Mit je zwei Mitglieder der OPIP, der Asociación de Indígenas Evangélicos de la Región Amazónica (AIEPRA) und der aus den abgespaltenen Comunidades neugegründeten Directiva Intercomunitaria de Comunidades Independientes (DICIP).

zusammengestellt.

Gegen die Vergabe von Konzessionsblöcken auf dem Territorium der OPIP in der achten Ausschreibungsrunde 1994 protestierte sie in Quito mit 150 Demonstranten (Sawyer1996). Seitem stagnieren die Verhandlungen.

Foto 18: Der Präsident der OPIP, Héctor Villamil und der Direktor des Instituts Amazanga, Leonardo Viteri, bei Verhandlungen mit ARCO (Voz de la CONFENIAE, 1994, Nr.11, S.7)

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Integriertes Entwicklungsprojekt Samay

Das von der Europäischen Union finanzierte integrierte indigene Entwicklungsprojekt Samay sollte die OPIP durch den Aufbau eines technischen Unterbaus fördern. Schlechte Erfahrungen mit der Verwaltung des Instituts Amazanga führten zum Aufbau einer parallelen technischen Einheit der OPIP, die von der dänischen NRO Ibis verwaltet wird. Das weitgefaßte Ziel des fünfjährigen Projektes Samay ist die Verbesserung des sozialen und wirtschaftlichen Lebensstandards der indigenen Bevölkerung im Projektgebiet durch Stärkung der indigenen Kultur und der nachhaltigen Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen (Ibis1994; OPIP1994c). Die Arbeit teilt sich in vier Komponenten auf:

  • Produktion und Vermarktung (Kleintier- und Geflügelhaltung, Fischzucht, Baumschulen, Agroforstparzellen, Vermarktung von Nichtholzprodukten, Kunsthandwerk etc.)
  • Gesundheit (Forschung zur traditionellen Medizin, Fortbildung von Gesundheitspersonal in den Comunidades in präventiver Medizin, Impfkampagnen etc.)
  • Erziehung und Fortbildung (Erstellung von didaktischem Material, Kurse in Buchhaltung etc.)
  • Kommunale Infrastruktur und Kommunikation (Bau von 5 Gemeinschaftshäusern und 10 Schulen, Installation von 13 Sprechfunkradios und Solarzelleneinheiten, Verbesserung von Wegen etc.)

Die Zusammenarbeit mit den Dirigentes erwies sich von Anfang an als problematisch, da sie in dem Projekt mehr eine Finanzierungsinstanz für die OPIP, als ein technisches Entwicklungsprojekt für die Basis sahen. Da nur der Präsident als Vertreter der OPIP an dem Projektsteuerungskomittee (mit Konsensentscheidungen) teilnehmen konnte, identifizierte sich die OPIP nicht mit dem Projekt und verlangte die eigenständige Projektdurchführung für sich. Die gemeinsame Auswahl des Projektpersonals u.a. Meinungsverschiedenheiten zwischen der OPIP und dem Projekt führten im Dezember 1996 und Mai 1997 (Jovanov1997) zu seiner vorläufigen Schließung.

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Zusammenfassung von Kapitel 4

Die OPIP bekam als erste indigene Organisation des Oriente ein Territorium, welches ein Großteil der traditionellen Gebiete ihrer Mitglieder umfaßt, zur Selbstverwaltung vom Staat Ecuador zugewiesen. Neben ihren politischen Aufgaben in den Kommissionen führt sie heute Entwicklungsprojekte durch, die eine Vielzahl von sozialen, kulturellen, ökonomischen und ökologischen Fragen umfassen. Das nächste Kapitel diskutiert den Einfluß der Entwicklungsorganisationen im Prozeß der Aufgabendiversifizierung von Föderationen. Während in diesem Kapitel bereits Schwierigkeiten einzelner Projekte auftraten, werden dort die gemeinsamen Probleme der Entwicklungsprojekte und ihre Hintergründe analysiert und nach den Entwicklungsstrategien der OPIP gefragt.

&ch2; &ch3; &ch4; &ch5; &ch6; &abb; &bib; &appa; &vita; Aufstellung der veröffentlichten wissenschaftlichen Schriften

Drechsel, P., Schmall, S. und Zech, W. (1989): Mineral nutrition and soil properties in young teak plantations in Benin and Liberia. Mitteilung Deutscher Bodenkundlicher Gesellschaft (1989, Nr. 59/II), S. 691-696

Drechsel, P. und Schmall, S. (1990): Mineral deficiencies and fertilization trials of coastal reforestations in Benin, West Africa. Fertilizer Research (1990, Nr. 23), S. 125-133

Neunhäuser, P., Schmall, S. et al. (1991): Appropiate Land Use Systems for Shifting Cultivators. Technical and institutional proposal for a Rural Community Development Programme based on participatory approach in Kota Marudu District/Sabah (Malaysia). Berlin

Schmall, S. (1997): Provinz Pastaza in Ecuador. Fallstudie 23. In: Ellenberg, L., Scholz, M. u. Beier, B. (1997): Ökotourismus. Reisen zwischen Ökonomie und Ökologie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, S. 241-247

Schmall, S. (1998): . Mythos indigene Entwicklung? In: DED-Brief (1998, Nr. 2, Juni) Minderheiten. Zeitschrift des Deutschen Entwicklungsdienstes, Berlin, S. 40-42

Studien

Sepp, C., Schmall, S. et al. (1992): Aus- und Fortbildung für die Tropenwald-relevante Entwicklungszusammenarbeit. Studie im Auftrag der GTZ. ECO, Oberaula

Schmall, S., Sepp, C. und Speiser, S. (1993): Elemente des BMZ-Operationsplans Tropenwaldprogramm 2000. Studie im Auftrag der GTZ. ECO, Oberaula

Besong, J., Coates, B., Schmall, S. und Sepp, C. (1993): Report on the Project Progress Review for the Project Promotion of Korup National Park, Cameroon. Studie im Auftrag der GTZ. ECO, Oberaula

Schmall, S. und Sepp, S. (1993): Integrated Community Forestry Options for Sabah. Proposals. Studie im Auftrag der GTZ. ECO, Oberaula

Schmall, S. (1995): Systematisierung der in Ecuador angewendeten Methoden und Empfehlungen für die Einstellung einer DED-Methodenberater/in. Studie im Auftrag des DED, Berlin

Schmall, S. (1997): Zusammenarbeit des DED mit indigenen Organisationen des Oriente in Ecuador. Konzeptvorschlag mit Handlungsempfehlungen für den DED. Studie im Auftrag des DED, Berlin

Bani, C., Kalotap, J., Tapisuwe, A., Schmall, S. und Whyte, J. (1998): Vanuatu Benefit Generating and Sustainable Resource Use Directory. FSPI Island Consulting. Studie im Auftrag des WWF South Pacific Program, Suva

Kaly, U., Briguglio, L., McLeod, H., Schmall, S., Pratt, C. and Pal, R. (1999): Environmental Vulnerability Index (EVI) to summarise national environmental vulnerability profiles. SOPAC. Suva, Fiji

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