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3  Material und Methoden

Die vorliegende Arbeit ist eine retrospektive Kohortenstudie, die Bildmaterial und Akten von Patienten der Strahlenklinik (Bereich Radioonkologie) der Charité Berlin aus dem Zeitraum von 1988 bis 1997 auswertet. Alle CT- und MR-Bilder wurden vom Verfasser beurteilt und dann mit einem Referenzradiologen überprüft.

3.1 Erhobene Daten

Erhoben wurden das Alter zum Zeitpunkt der Therapie, Geschlecht, Diagnose und Tumorgrad, Todeszeitpunkt, Bestrahlungstechnik, Therapiezeitraum, Operationen sowie Kortison- und Chemotherapie.
Nach ihrer Lokalisation wurden die Tumoren bezüglich der Höhe ihres Ursprungs in supra- und infratentoriell, nach der Hirnhälfte in links, rechts oder beidseitig sowie nach dem Hirnareal in frontal, parietal, temporal, okzipital, zentral und multifokal eingeteilt.
Für jede radiologische Aufnahme wurde festgehalten: Datum, Technik (CT, MR, mit/ohne Kontrastmittel), Lokalisation, Tumorausdehnung in drei Ebenen, Operationsdefekte, Kontrastmittelanreicherung, Masseneffekte, Hirndruckzeichen und Ödeme. Festgehalten wurde außerdem die Ausdehnung des Primärtumors und seine Lokalisation in bezug auf den Strahlengang, für Rezidive ebenfalls deren Ausdehnung sowie die Lokalisation in bezug auf den Primärtumor und den Strahlengang.

3.1.1 Patienten

In die Untersuchung einbezogen wurden alle Patienten, die im Zeitraum vom 6. 7. 1988 bis zum 25. 6. 1997 im Virchow-Klinikum eine Strahlentherapie zur Behandlung von intrakraniellen Raumforderungen begonnen hatten. Insgesamt wurden die Daten von 227 Patienten erhoben. Aufgrund der Ausschlußkriterien gingen davon jedoch nur 111 Patienten in die Auswertung ein.


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3.1.2  Nachsorge

Die Nachsorge der ausgewerteten Fälle fand nach Abschluß der Strahlentherapie durch regelmäßige Vorstellungen der Patienten in der Ambulanz der Strahlenklinik der Charité Berlin statt. Es wurden alle auf die Strahlenbehandlung folgenden MR- und CT-Bilder bis zur letzten Kontrolluntersuchung begutachtet. Im Mittel betrug die Zeit vom Beginn der Strahlentherapie bis zur letzten begutachteten Kontrolluntersuchung 7,8 Monate (Median: 4,4 Monate). Durchschnittlich wurden pro Patient 3 Aufnahmen (Nativ und Kontrast) ausgewertet.

3.1.3 Ausschlußkriterien

Ausgewertet wurden Patienten, die an einem Tumor der Hirnsubstanz litten und deshalb in dem genannten Zeitraum mit einer externen Strahlentherapie behandelt wurden. Es mußte mindestens ein weiteres CT- oder MR-Bild nach Beginn der Strahlentherapie zur Auswertung verfügbar sein. Bei 59 Patienten lag eine solche Aufnahme nicht vor. Von den Patienten, bei denen CT- oder MR-Bilder nach Therapiebeginn vorhanden waren, war bei 28 Personen die intrakranielle Raumforderung durch die Metastase eines nicht hirneigenen Tumors bedingt. Deshalb wurden sie von der Auswertung ausgeschlossen. Ein B-Zell-Lymphom, ein malignes Melanom, ein Plasmozytom, ein Optikusscheidenmeningeom und ein maligner peripherer Nervenscheidentumor wurden ebenfalls ausgeschlossen. Ferner wurden nicht weiter ausgewertet: 11 Grad II Astrozytome, 7 Oligodendrogliome, zwei Hypophysenadenome, ein Ependymom, ein Pinealoblastom sowie zwei histologisch nicht verifizierte hirneigene Tumoren.

3.2 Vorbehandlung und adjuvante Therapien

Bei allen eingeschlossenen Patienten bestand die histologisch gesicherte Diagnose eines anaplastischen Astrozytoms oder eines Glioblastoms. Bei 6 Patienten (5,4%) war allerdings die Form des chirurgischen Eingriffes (Biopsie, Teilresektion mit makroskopisch sichtbarem Resttumor, Resektion des Tumors makroskopisch im Gesunden) nicht mehr rekonstruierbar. Ein Patient hatte Zytostatika erhalten. 87,4% der Fälle (97 Patienten) erhielten eine supportive Therapie mit Cortikosteroiden. Ein [Seite 29↓]Patient war bereits mit externer Strahlentherapie vorbehandelt. Er erhielt 54 Gy auf den Primärherd und weitere 29 Gy auf einen Sekundärherd im Kleinhirn ein Jahr nach Beginn der ausgewerteten Strahlentherapie. Drei Patienten wurden mit einer stereotaktischen Seedimplantation vorbehandelt. Zwei Patienten erhielten parallel zur Radiatio eine interstitielle Hyperthermiebehandlung.

3.3 Operationen

Bei allen Patienten wurde, meist kurz vor Beginn der Strahlentherapie, entweder eine Biopsie, eine Teilresektion mit makroskopisch sichtbarem Resttumor oder eine komplette Resektion, also eine Resektion, bei der kein makroskopisch sichtbarer Resttumor zurückblieb, durchgeführt. Dies wird im Ergebnisteil ausgeführt.

3.3.1 PE-Verfahren

Für die Biopsien wurden die Patienten mit Hilfe eines stereotaktischen Rahmens stabil fixiert. Die Probeentnahmen fanden unter computertomographischer Kontrolle in lokaler Anästhesie statt.

3.3.2 Operationsverfahren

Die Operationen fanden unter Vollnarkose statt. Zur Fixierung wurde eine Mayfield-Stütze verwendet. Die Resektionen wurden entsprechend der Lokalisation mit einer größtmöglichen Entfernung der makroskopisch sichtbaren Tumormasse durchgeführt.

3.4 Sicherung der Histologie

Bei allen Patienten wurden entweder Biopsate oder Resektate entnommen und in der Pathologischen Abteilung des Universitätsklinikums Benjamin Franklin (vormals UK Steglitz) untersucht und klassifiziert.


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3.5  Externe Strahlentherapie

3.5.1 Technik

3.5.1.1 Geräte

3.5.1.1.1 Dynaray-CH20

Der Dynaray-CH20 ist eine für die Strahlentherapie mit hochenergetischen Photonen oder Elektronen genutzte Linearbeschleuniger-Anlage. Sie erlaubt die Wahl einer festen Röntgenspannung von 8 oder 16 MV und von sieben Elektronenstrahlenenergien zwischen 5 und 20 MeV.

3.5.1.1.2 Brown Boveri 45-MeV-Betatron

Mit diesem Kreisbeschleuniger können sowohl hochenergetische Röntgenstrahlen von 45 MV als auch Elektronenstrahlen im Bereich von 5 bis 35 MeV produziert werden.

3.5.1.1.3 Mevatron (KD 1)

Die mit dem Linearbeschleuniger Mevatron mögliche Röntgenstrahlung kann eine Beschleunigungsspannung von 6 oder von 20 MV haben. Die Dosisleistung beträgt 3 Gy/min +/- 3 % bei einem 10 x 10 cm Feld in 1 m Abstand. Für die Elektronenstrahlung sind Energien von 6, 9, 12, 15 und 18 MeV möglich. Hier beträgt die Dosisleistung 3 Gy/min +/- 3 % bei einem 15 x 15 cm Feld in 1 m Abstand.

3.5.1.1.4 Digitales Mevatron (KD 2)

Dies ist ein digital gesteuerter Elektronen-Linearbeschleuniger, der zwei Röntgenenergien von 6 und 18 MV und 6 Elektronenenergien erzeugen kann. Die Energiestufen sind durch die Einstellungen der Steuerungselektronik fest vorgegeben. Es besteht die Möglichkeit der individuellen Feldanpassung vermittels Multileaf-Kollimator (MLC).


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3.5.1.2  Planungsmethoden

Als Tumorvolumen wurde der radiologisch sichtbare Kontrastmittel anreichernde Bereich definiert.
Bis zum Februar 96 (76 Patienten) wurde mit der zweidimensionalen CT-Planung gearbeitet. Es wurde also nur in einer für das Zielvolumen repräsentativen Ebene, der transversalen Ebene, die Bestrahlungsplanung vorgenommen, gewöhnlich in der Zentralebene. Bestrahlt wurden das makroskopische Tumorvolumen plus 3 cm Sicherheitsabstand, mit einem Dosismaximum von 100 % und 85 % umschließend.
Vom Februar 1996 bis zum März 1997 (24 Patienten) wurde eine dreidimensionale Planung mit dem Helax-3D durchgeführt. Hier liefert eine Serie von CT-Schnitten die räumliche Information zur Erstellung des Patientenmodells. Bestrahlt wurden das Tumorvolumen bzw. das Operationsgebiet plus Resttumor und eine Sicherheitsmarge von 2 bis 2,5 cm. Die Dosis im Zielvolumen lag im Bereich von 95 bis 107 %.
Seit März 1997 (11 Patienten) wurde nach dreidimensionaler Planung mit dem Helax-3D zunächst das Tumorvolumen plus 2,5 cm Sicherheitsabstand bis 60 Gy bestrahlt und mit einem Boost auf das Tumorvolumen plus 0,5 cm Sicherheitsmarge auf 70 Gy aufgesättigt.

3.5.2 Dosis

Bis Februar 1996 wurden hochmaligne Gliome mit höchstens 60 Gy Gesamtherddosis bestrahlt. Patienten, die nach diesem Zeitpunkt eine Therapie begannen, erhielten eine Bestrahlung mit 70 Gy Gesamtherddosis.

3.6 Chemotherapie

Keiner der ausgewerteten Patienten wurde vor Beginn oder während der Strahlenbehandlung mit einer Chemotherapie behandelt. Ein Rezidiv wurde chemotherapeutisch nachbehandelt (s. u.).


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3.7  Rezidivbehandlung

3.7.1 Operative Re-Interventionen

Insgesamt wurden 13 Patienten nach der Strahlentherapie operiert. Bei 12 Patienten (10,4% aller ausgewerteten Patienten) wurde ein operativer Eingriff nach Beginn der Strahlentherapie vorgenommen, bei einem Patienten (0,7% der ausgewerteten Patienten) wurden drei Eingriffe vorgenommen. Bei letzterem handelte es sich um eine Seedexplantation und zwei Biopsien. Von den übrigen Patienten wurden 6 mit Teilresektionen und einer mit der Totalresektion von Rezidivtumoren, zwei mit Shuntimplantationen sowie ein Patient mit einer Abszeßausräumung behandelt. Ferner wurde bei einem Patienten eine Biopsie vorgenommen. Bei einem Patienten konnte die poststrahlentherapeutische Operationsindikation nicht mehr ermittelt werden.

3.7.2 Strahlentherapeutische Rezidivbehandlung

Ein Patient wurde nach dem Rezidiv seines Primärtumors mit einer Radiatio von 20 Gy ein Jahr nach der ersten Strahlentherapie nachbehandelt.

3.7.3 Chemotherapeutische Rezidivbehandlung

Ein Patient (histologische Diagnose: anaplastisches Astrozytom) wurde 8 Monate nach Abschluß der Strahlentherapie mit zwei Zyklen Cisplatin und BCNU behandelt.

3.8 Vorhandene Bildgebung

Bei 25 Patienten (22,5%) waren lediglich CT-Bilder vorhanden. Bei 26 Patienten (23,4%) waren CT- und MR-Bilder vor Beginn der Strahlentherapie vorhanden, danach jedoch nur CT-Bilder. Bei 13 Patienten (11,7 %) waren vor Beginn der Strahlentherapie nur CT-Bilder vorhanden, nach der Strahlentherapie sowohl CT- als auch MR-Bilder. Bei 47 Patienten (42,3%) waren MR-Bilder sowohl vor als auch nach Beginn der Strahlentherapie vorhanden.


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3.9  Rezidivanalyse: Methodik

3.9.1 Vorgehen

Das Ergebnis der Strahlentherapie wurde durch den Vergleich der CT- und MR-Bilder unmittelbar vor Beginn der Strahlentherapie (aber nach der Operation) mit den nach Abschluß der Strahlentherapie aufgenommenen Bildern evaluiert. Die räumliche Ausdehnung des Tumors, also in der überwiegenden Anzahl der Fälle des Kontrastmittel anreichernden Gebietes, wurde in drei Ebenen ausgemessen. Anhand der Folgeuntersuchungen konnte nun festgestellt werden, ob der Tumor eine Größenänderung in einer der drei Ebenen erfuhr. Nur Größenzunahmen von mindestens einem Zentimeter in einer oder mehreren Richtungen wurden als Hinweis auf erneutes Tumorwachstum gewertet. Diese Rezidive wurden sowohl in ihrer Anzahl als auch in ihrer räumlichen Ausdehnung und Lokalisation in bezug auf den Primärherd (zentrales, Rand- oder Fernrezidiv) beurteilt, indem die Bilder nach der Behandlung über die Bilder vor der Behandlung projiziert wurden. In Bild 3.9.1a ist die Übereinanderprojektion von zwei transversalen CT- oder MR-Bildern schematisch dargestellt. Die Ziffer 1 bezeichnet den Umriß des Primärherdes, die Ziffer 2 den nicht deckungsgleichen Umriß des Rezidivs.

Bild 3.9.1a: Übereinanderprojektion der Bildgebung vor der
Behandlung (durchgezogene Linien) mit Primärtumor (1) und
der Bildgebung nach der Behandlung (gestrichelte Linie) mit Rezidiv (2)

Beurteilt wurde insbesondere die Distanz von Rand- und Fernrezidiven zum Primärherd. Auch hier wurde eine Größenzunahme über die Zeit hinweg gefordert [Seite 34↓](siehe oben). Gemessen wurde der Abstand zwischen dem Rand des Primärherdes, welcher dem Rezidiv am nächsten lag, und dem Rand des Rezidivs, welcher dem Primärherd am nächsten lag. Fernerhin wurde die Lage der Rezidive im Verhältnis zum Strahlengang der externen Radiotherapie beurteilt. Hierzu wurden die für die Planung durchgeführten Lokalisationsaufnahmen (Dokumentation der Bestrahlungsfelder) ausgemessen und der Strahlengang maßstabsgerecht (via Projektion) auf Folien übertragen. Diese Folien mit der präzisen Wiedergabe des Strahlenganges wurden dann ebenfalls maßstabsgerecht auf die frühesten Kontrollaufnahmen projiziert, welche nach der Bestrahlung ein Rezidiv erkennen ließen. Entsprechend der räumlichen Beziehung zur auf der Folie festgehaltenen Referenzlinie der 95%-Isodose wurden die auf den Kontrollaufnahmen sichtbaren Rezidive in drei Gruppen eingeteilt (siehe unten). Schließlich wurde die Lage der Primärherde im Verhältnis zum Strahlengang der externen Radiotherapie beurteilt. Hierzu wurden die auf den Folien festgehaltenen Referenzlinien der 95%-Isodose über die letzen Aufnahmen vor Strahlentherapie gelegt und die Primärherde entsprechend ihrer räumlichen Beziehung zur 95%-Isodose in drei Gruppen eingeteilt (siehe unten).
Bild 3.9.1b zeigt die Bestrahlungsplanung eines Patienten mit Glioblastoma multiforme. Die in der zeitgleich zur Bestrahlungsplanung aufgenommenen MR (Bild 3.9.1c) sichtbare Kontrastmittelanreicherung liegt klar innerhalb der Referenzlinien der 95%- Isodose. Nicht im Bereich der Referenzlinien liegt ein zweiter Herd, welcher jedoch nur in der T2-Wichtung (Bild 3.9.1d) in der anderen Hirnhälfte sichtbar wird.

Bild 3.9.1b: Bestrahlungsplanung Pat. Nr. 18


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Bild 3.9.1c: Präoperat. Bildgebung Pat. Nr. 18

Bild 3.9.1d: Präoperative Bildgebung,multilokulärer
Primärtumor Pat. Nr. 18 T2-Wichtung

Bild 3.9.1e: Multilokuläres Rezidiv nach Operation
und Strahlentherapie Pat. Nr. 18


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Die Kontrollaufnahme 4 Monate später (Bild 3.9.1e) zeigt dann hier auch in der T1-Wichtung eine Kontrastmittel anreichernde Läsion. Wie dieses Beispiel zeigt, ermöglicht die retrospektive Bildanalyse eine präzisere Lokalisation aller Primärherde als es zum Zeitpunkt der Bestrahlungsplanung möglich war, da bei der retrospektiven Bildanalyse die weitere Entwicklung der primären Läsionen bekannt ist. Durch Einbeziehung sagittaler MR-Schnittbilder und Vergleich mit Lokalisationsaufnahmen konnten auch dreidimensionale Zuordnungen (in Richtung der Patientenachse) beurteilt werden.

3.9.2 Definitionen in der Beschreibung der Rezidive

Als Rezidiv wurde definiert: die Neuentwicklung einer Raumforderung mit oder ohne Kontrastmittelanreicherung oder die Größenzunahme einer bisher größenkonstanten Läsion. Histologische Bestätigung wurde nicht verlangt.Die Rezidive wurden gemäß dem radiographischen Befund nach zwei Kriterien beurteilt. Zum einen wurden sie nach der Beziehung der Rezidivlokalisation zur Primärläsion in drei Gruppen unterteilt: Zentrale Rezidive (Lokalrezidive), Randrezidive und Fernrezidive. In der Darstellung in Bild 3.9.2a bezeichnet die Ziffer 1 den Primärherd, die Ziffer 2 das darüber projizierte Volumen eines Zentralrezidives. Dieses ist nicht deckungsgleich mit dem Volumen des Primärherdes 1, überschneidet aber dessen Ausdehnungsgebiet. Die Ziffer 3 markiert ein Randrezidiv (Definition siehe unten) und die Ziffer 4 ein Fernrezidiv.

Bild 3.9.2a: Räumliche Beziehung vom
Primärtumor zu Zentral-, Rand- und Fernrezidiven


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Zum anderen wurden die Rezidive nach der Rezidivlokalisation in bezug auf die Dosisverteilung in ebenfalls drei Gruppen unterteilt. Hier wurde danach differenziert, ob die Rezidive vollständig innerhalb der 95%-Isodose, im Randbereich (d. h. von der Referenzlinie durchschnitten wurden) oder ob sie gänzlich außerhalb dieser Referenzlinie lagen. Entsprechend dieser Unterteilung wurden auch die Primärherde in bezug auf die Dosisverteilung unterteilt, also ob sie vollständig innerhalb der 95%-Isodose, im Randbereich oder gänzlich außerhalb der Referenzlinie lagen. Zur Veranschaulichung: in Bild 3.9.2b liegt nur Raumforderung 1 vollständig innerhalb der 95%-Isodose, Raumforderung 2 und Raumforderung 3 liegen nicht mehr vollständig in der 95%-Isodose oder gänzlich außerhalb.

Bild 3.9.2b: Lokalisation der Raumforderungen
im Strahlengang

3.9.2.1 Zentrale Rezidive

Hierunter fallen Größenzunahmen des Kontrastmittel anreichernden Bereiches, welche innerhalb der (ehemaligen) Grenzen des Primärtumors entstehen oder in einer kontinuierlichen Verbindung mit ihnen stehen. Bild 3.9.2.1a zeigt den Primärtumor, Bild 3.9.2.1b das (zentrale) Rezidiv.


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Bild 3.9.2.1a: Präoperative Bildgebung
Pat. Nr. 14

Bild 3.9.2.1b: Rezidiv nach Operation
undStrahlentherapie Pat. Nr. 14

3.9.2.2 Randrezidive

Als Randrezidive werden Größenzunahmen des Kontrastmittel anreichernden Bereiches bezeichnet, die in keiner kontinuierlichen Beziehung zu den Grenzen des Primärtumors stehen, aber nicht mehr als 3 cm von ihnen entfernt ihren Ursprung haben. Bild 3.9.2.2a zeigt den Primärtumor. Die knapp 3 Monate später erfolgte Kontrollaufnahme (Bild 3.9.2.2b) zeigt eine diskrete Kontrastmittelanreicherung dorsal der Primärläsion, welche in der noch einmal 5 Monate später aufgenommenen Aufnahme (Bild 3.9.2.2c) klar als Randrezidiv zu erkennen ist. Zusätzlich erfolgte eine Rezidivierung im Bereich der Primärläsion.


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Bild 3.9.2.2a: Präoperative Bildgebung Pat. Nr. 195

3.9.2.2b: Kontrastmittelanreicherung im
Bereich der Primärläsion nach Operation
und Strahlentherapie Pat. Nr. 195

3.9.2.2c: Zentrales und Randrezidiv im
Bereich der Primärläsion Pat. Nr. 195


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3.9.2.3  Fernrezidive

Als Fernrezidive werden Größenzunahmen eines Kontrastmittel anreichernden Bereiches bezeichnet, die in keiner kontinuierlichen Beziehung zu den Grenzen des Primärtumors stehen und deren Ursprungsort weiter als 3 cm vom Primärtumor entfernt liegt. In Bild 3.9.2.3a ist der Primärtumor im Temporallappen deutlich zu erkennen, in der Kontrollaufnahme 6 Monate später (Bild 3.9.2.3b) sieht man ein hochparietal gelegenes Fernrezidiv.

3.9.2.3a: Präoperative Bildgebung Pat. Nr. 111

3.9.2.3b: Kraniales Fernrezidiv und Zentralrezidiv
Pat. Nr. 111

Entscheidend für die Einordnung eines Rezidivs in eine der drei Gruppen war nicht das Volumen zum Zeitpunkt der maximalen Ausdehnung des Rezidivtumors, sondern es wurde vielmehr versucht, anhand von Aufnahmen, die zeitlich vor der Untersuchung [Seite 41↓]lagen, den Ausgangspunkt des Rezidivtumors zu bestimmen. Dieser, und nicht die Ausdehnung des Rezidivtumors im fortgeschrittenen Stadium, war Grundlage für die Einteilung.

3.10 Definitionen von Rahmenparametern

Die Operationen wurden eingeteilt in Biopsien, Teilresektionen (makroskopisch sichtbare verbleibende Tumoranteile) und komplette Resektionen (makroskopisch im Gesunden vorgenommene Tumorexzisionen). Für die Ausdehnungsparameter Tumorhöhe, -länge und -breite wurden jeweils die maximalen Distanzen zwischen zwei noch durch Kontrastmittelanreicherungen verbundenen Punkten in der entsprechenden Ebene benutzt. Lagen zur Höhenbestimmung nur Computertomographien in zwei Ebenen vor, wurde die Differenz zwischen den am weitesten auseinander liegenden Schnittebenen, die noch eine Kontrastmittelanreicherung erkennen ließen, als Tumorhöhe genommen. Entsprechend wurde das Tumorvolumen definiert als Produkt dieser jeweils maximalen sichtbaren Kontrastmittelanreicherungen in den drei genannten Ebenen (berechnet nach der Ellipsoidformel). Der Tumordurchmesser im Mittel wurde berechnet als die gedrittelte Summe der drei Ausdehnungsparameter. Als multifokal wurde ein Tumorbild definiert, bei dem Tumor an mehr als einer Lokalisation in einem Hirnteil (Groß- oder Kleinhirnhemisphäre, Hirnstamm) nachgewiesen wurde (Bild 3.10).

Bild 3.10: Bildgebung vor Strahlentherapie,
multifokaler Primärtumor Pat. Nr. 75


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Als multilokulär wurde ein Tumorbild bezeichnet, bei dem Tumor an mehr als einer Lokalisation in verschiedenen Hirnteilen nachgewiesen wurde (Bild 3.9.1d). Die Überlebenszeit wurde definiert als die Zeit vom Beginn der Strahlentherapie bis zum Tod des Patienten. Als rezidivfreies Intervall wurde die Zeit zwischen Beginn der Strahlentherapie und Diagnose des ersten Rezidivs oder dem Todeszeitpunkt des Patienten definiert, falls vorher kein auffälliges MR oder CT angefertigt wurde.

3.11 Statistische Auswertung

Ziel der Untersuchung war, die Frage zu beantworten, welche Bedeutung Rand- und Fernrezidive in der strahlentherapeutischen Behandlung von anaplastischen Astrozytomen und Glioblastoma multiforme haben und ob sich hieraus Konsequenzen für die Bestrahlungsplanung ergeben. Deshalb wurden alle Patienten aus dem beschriebenen Kollektiv mit eingeschlossen, sofern sie die oben genannten für die Rezidivanalyse notwendigen Kriterien erfüllten. Leider konnten aufgrund des retrospektiven Charakters der Studie bei vielen Patienten einer oder mehrere der unter 3.1 genannten Faktoren nicht mehr ermittelt werden. Auch war die Bandbreite der durchgeführten Therapien viel größer und die Abstände zwischen den Kontrolluntersuchungen bzw. die verwendete Technik viel heterogener als es für eine prospektive Studie selbstverständlich wäre. Dies schränkt die Aussagefähigkeit der erhobenen Daten insbesondere für die induktive Statistik natürlich stark ein. Die vorliegende Untersuchung konzentriert sich deshalb auf die deskriptive Statistik in der Analyse der erhobenen Daten und hier vor allem auf die Beschreibung der räumlichen Beziehung zwischen Rezidiven und Primärtumoren einerseits sowie zwischen Rezidiven und Strahlengang andererseits, um so für das beschriebene Kollektiv eine Antwort auf die unter 1.3 ausgeführte Fragestellung zu geben.
Die statistische Auswertung erfolgte mit SPSS. Bei der deskriptiven statistischen Analyse wird stets das arithmetische Mittel, die Standardabweichung und die Spannweite angegeben, sowie zusätzlich zur Veranschaulichung bei ausgewählten Analysebereichen der Medianwert.
Für die Univarianzanalysen wurde die Kaplan-Meier-Analyse mit dem Log-Rank Test zur Errechnung von Signifikanzen (p-Wert) verwendet (Janssen und Laatz 1999). Hierbei wurde ein Signifikanzniveau von 0,05 festgelegt.


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10.11.2005