Guhr, Susanne : Visuell evozierte Flussgeschwindigkeitsänderungen in der A. cerebri posterior bei Normalprobanden und Patienten mit Leitungsverzögerungen im Sehbahnbereich: eine Untersuchung mit der funktionellen transkraniellen Dopplersonographie

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Kapitel 2. Probanden, Material und Methode

2.1 Die Methode des „visuell evozierten Dopplers“

2.1.1 Gerätekonfiguration

Die Untersuchungen erfolgten mit einem gepulsten Dopplergerät (Multidop, MDX 4, Firma DWL) und 2-MHz-Stiftsonden. Neben dem Routineprogramm zur Bestimmung der Blutflussgeschwindigkeiten der intra- und extrakraniellen hirnversorgenden Arterien, ist darin eine Software (TCD 8-Software) mit verschiedenen Funktionen zur Prüfung der intrazerebralen Hämodynamik integriert. Diese beinhalten das Evoked-Flow-Programm, mit dem es möglich ist, einen visuellen Reiz zu generieren, die mittlere Blutflussgeschwindigkeit über einen bestimmten Zeitraum aufzuzeichnen und nach Beendigung der Aufzeichnung zu analysieren. Das Programm übernimmt hierbei Zeitsteuerung und Erstellung des Reizsignals. Eine dabei erzeugte Ausgangsspannung wird als analoges Ausgangssignal benutzt, um über eine angeschlossene externe Box die Lichtquelle einzuschalten. In unserem Fall war dies eine LED-Blitzbrille, die einen Lichtstimulus in Form von roten Flickerlicht erzeugt. Der Untersucher kann die Stimulierungszeit sowie die Frequenz und Intensität des Flickerlichtes selbst bestimmen.
Aus den maximalen systolischen und diastolischen Flussgeschwindigkeiten der eingestellten Gefäße (dargestellt durch die Hüllkurven der Dopplerspektren) werden anhand eines in dem Gerätesystem integrierten standardisierten Algorithmus mittels Fast-Fourier Transformation die mittleren maximalen Blutflussgeschwindigkeiten berechnet, während der Untersuchung gleichzeitig aufgezeichnet und deren relative durchschnittliche Reaktion dargestellt. Die Daten werden gespeichert und können im Off-line-Modus analysiert werden. Eine Averaging-Technik ermöglicht es, die Flussantworten mehrerer Stimulus-Zyklen ereigniskorreliert zu mitteln. Durch eine integrierte „Trackballfunktion“ können dabei geeignete Intervalle ausgesucht und unbrauchbare (artefaktgestört, schwache Signale, etc.) ausgelassen werden. Die so erhaltene Kurve stellt den Mittelwert der Flussantworten mit der doppelten Standardabweichung wahlweise in Absolut- oder Prozentanzeige dar. Mittels Cursorfunktion können die Amplituden der Flussantwort sowie die Latenzen an ausgewählten Punkten bestimmt werden.


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2.1.2 Versuchsaufbau

Alle Patienten und Probanden wurden auf dem Rücken liegend mit bis maximal 30 Grad angehobenem Oberkörper auf einer Untersuchungsliege gelagert, um einen Einfluss der Körperposition auf die Blutflussgeschwindigkeiten auszuschalten [ (25) ]. Die Lage wurde während der Untersuchung nicht gewechselt. Die Messungen erfolgten in einem ruhigen abgedunkelten Untersuchungsraum.

Zur Lichtstimulation benutzten wir eine LED-Blitzbrille, in der pro Auge 16 Licht-emittierende Dioden (LED) eingebaut sind, die rote Lichtblitze erzeugen. Beim Aufsetzen der Brille war zu beachten, dass sie an den Augen lichtundurchlässig abschloss. Die Probanden wurden aufgefordert, während der Zeit der Lichtreizung beide Augen offen zu halten.

Die Ableitung der beiden hinteren Gehirnarterien erfolgte mit zwei selbsthaltenden 2-MHz-Stiftsonden, die an einem Bügel befestigt sind. Dieser wurde am Nasenrücken und an beiden äußeren Gehörgängen fixiert. Nach Aufsuchen und Optimierung eines kräftigen Signals des P2-Abschnittes der A. cerebri posterior mit Darstellung einer störungsfreien Hüllkurve, wurden die beiden Dopplersonden mittels zweier Stellschrauben jeweils arretiert. Somit konnte eine simultane bilaterale Ableitung erfolgen. Da die Beschallungswinkel der beiden Sonden während des gesamten Untersuchungszeitraumes konstant blieben, sind die relativen Änderungen der Blutflussgeschwindigkeit als davon unabhängig zu betrachten. Auch die Parameter Tiefe, Messvolumen und Verstärkung blieben während des Untersuchungsvorganges gleich. Nach einer kurzen Ruhephase zeichneten wir beidseits gleichzeitig die Flussantworten bis maximal 30 Stimulus-Zyklen (ein Zyklus = Stimulus-“On“ + Stimulus-“Off“) auf. Ein Beispiel einer Aufzeichnung eines Untersuchungsvorganges ist in der Abbildung 2 dargestellt.


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Abb. 2: Darstellung der mittleren maximalen Blutflussgeschwindigkeiten in beiden Aa. cerebri posteriores einer Aufzeichnung im oberen Teil der Abbildung. Im unteren Teil ist der Verlauf des Lichtstimulus dargestellt (on/off). Die X-Achse gibt den Zeitverlauf an, die Y-Achse stellt im oberen Teil das Maß der Flussgeschwindigkeit in cm/s dar. Man kann erkennen, dass es ereigniskorreliert zu einem Anstieg und nachfolgendem Abfall der Flussgeschwindigkeiten in beiden Gefäßen kommt.

In vorherigen Studien zur Lichtstimulation wurden die Parameter Blutdruck, Pulsfrequenz, Atemfrequenz und endexpiratorische CO2-Konzentration bestimmt. Dabei zeigte sich, dass während der Messungen keine wesentlichen Veränderungen der Werte dieser Parameter auftraten, so dass man davon ausgehen kann, dass sie die Ergebnisse nicht beeinflussen [ (18) , (93) ]. Da wir einen ähnlichen Versuchsaufbau hatten, erwarteten wir ebenfalls keine Änderungen und Einflüsse diesbezüglich und verzichteten auf eine Bestimmung dieser Werte.

2.1.3 Identifikation der A. cerebri posterior

Zunächst wurde bei allen Probanden eine transkranielle dopplersonographische Untersuchung der Hirnbasisarterien durchgeführt. Damit stellten wir fest, ob ein ausreichendes Knochenfenster zur Verfügung stand und schlossen fassbare pathologische Gefäßveränderungen aus. Nach Anlegen des Bügels mit den daran befestigten Dopplersonden wurde über das hintere transtemporale Knochenfenster zunächst die A. cerebri media aufgesucht. Nach Drehen der Sonde nach dorsal sowie leicht nach kaudal wurde die A. cerebri posterior in ihrem P2-Abschnitt (Signal von der Sonde weg gerichtet) in einer Tiefe von 60-70 mm aufgesucht. Wir wählten den P2-Abschnitt, weil der Blutfluss in diesem Abschnitt direkt an die Aktivierung im


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visuellen Kortex gebunden ist, während der Blutfluss im P1-Segment oft vom Fluss in der A. communicans posterior beeinflusst wird, die diesem Abschnitt nachgeschaltet ist und zum Teil über den Circulus arteriosus Wilisii in die Blutversorgung der vorderen Hirnabschnitte eingebunden ist. Außerdem können von dem Abschnitt kleinere Äste abgehen, deren Versorgungsgebiet nicht in visuelle Prozesse involviert ist und die damit auch den Anstieg der Blutflussgeschwindigkeit bei visueller Stimulation negativ beeinflussen. Zu den Kriterien zur Identifikation der A. cerebri posterior zählen: Beschallungswinkel, Untersuchungstiefe, geringere Strömungsgeschwindigkeit gegenüber der A. cerebri media, Strömungsrichtung (Dopplersignal von der Sonde weg gerichtet), Kompressions- bzw. Oszillationstests der A. carotis communis und der A. vertebralis. Zur Gefäßidentifikation und auch zu den Normwerten liegen bereits viele Studien mehrer Autoren vor [ (2) , (7) , (26) , (81) , (84) , (107) ]. Ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist der starke Anstieg der Strömungsgeschwindigkeit in der A. cerebri posterior im Gegensatz zur A. cerebri media nach visueller Stimulation [ (2) , (107) ]. Valdueza et al. beschrieben, dass es in den meisten Fällen möglich ist, gleichzeitig ein Signal von dem P2-Abschnitt der A. cerebri posterior und von der V. basalis Rosenthal zu erhalten, da diese in dem Abschnitt parallel verlaufen [ (98) , (99) ]. Somit kann auch die Darstellung des Venensignals als Identifikationskriterium dienen. Insbesondere zogen wir die beiden zuletzt genannten Merkmale als verlässliche Kriterien zur Identifikation des P2-Abschnitts der A. cerebri posterior heran. Zeigte sich nach Lichtstimulation kein ausreichender Anstieg der Strömungsgeschwindigkeit, gingen wir von einem anderen Gefäß als der A. cerebri posterior aus. In zehn Fällen gelang es uns nicht den P2-Abschnitt der A. cerebri posterior beidseitig einzustellen, was beispielsweise an einem für die Vorrichtung zu steilen Winkel bei gleichzeitig kleinem Knochenfenster lag. In diesen Fällen wählten wir die A. cerebri media als Gefäß, um die dortige Flussantwort zu ermitteln und mit der im P2-Abschnitt zu vergleichen.

2.1.4 Voruntersuchung zur Stimulusart

In bisherigen Studien zu visuell evozierten Blutflussänderungen sind unterschiedliche Stimuli getestet worden. Dabei hat sich gezeigt, dass das Ausmaß der Blutflussgeschwindigkeitsänderungen auch von der Stimulusart abhängig ist. Kontrastreiche, farbige Bilder bewirken einen stärkeren Anstieg der Strömungsgeschwindigkeit als ein


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einfacher Lichtreiz [ (18) , (75) , (103) ]. Beim Betrachten komplexerer Bilder oder Filme spielt jedoch auch die zusätzliche Aktivierung extrastriataler assoziativer visueller kortikaler Areale eine Rolle [ (77) , (78) , (83) ]. Diese können teilweise außerhalb des Versorgungsgebietes der A. cerebri posterior liegen. Des weiteren hat bei komplexen Reizen die Perzeptionsart (z.B. Blickfixation oder Suchbewegungen) und das Interesse des Betrachters Einfluss auf Adaptationsphänomene, welche wiederum die visuelle Reaktivität beeinflussen. So findet man bei einem einfachen Lichtreiz oder bei Blickfixation auf einen bestimmten Punkt eine geringere Anzahl an Augenbewegungen als beim Betrachten eines komplexen Bildes und damit einhergehend einen geringeren Anstieg in der Strömungsgeschwindigkeit [ (18) ]. Mit zunehmender Komplexität zeigen sich außerdem weniger ausgeprägte Adaptationsphänomene, was sich in einem im Vergleich zu einfachen Reizen geringeren Abfall der Blutflussgeschwindigkeit während der Stimulusphase äußert [ (18) , (75) ]. Ebenso scheinen Interesse, Aufmerksamkeit und Motivation eine Rolle für das Ausmaß der neuronalen Aktivierung und der Durchblutungsänderungen zu spielen. Das wurde bereits in PET-Studien von Risberg et al. [ (83) ] und in TCD-Studien an der A. cerebri media von Droste et al. [ (29) ] beschrieben. Aber auch bei Durchblutungsänderungen im Versorgungsgebiet der A. cerebri posterior treten solche Abhängigkeiten auf, wie Untersuchungen von Wittich [ (109) ] zeigen, der bei komplexen Bildern mit Suchaufgabe raschere und höhere Anstiege der Strömungsgeschwindigkeiten fand als beim freien Betrachten derselben Bilder. Faktoren wie Aufmerksamkeit, Interesse und Motivation sind jedoch kaum normierbar, was bedeutet, dass Stimuli, die dieses erfordern, keine wiederholbaren Untersuchungsbedingungen bieten. Uns erschien deshalb ein durch Zeit, Frequenz und Intensität definierter passiver (keine Konzentration und Aufmerksamkeit erfordernder) Lichtstimulus am geeignetsten. Ebenso ist der Blutflussgeschwindigkeitsanstieg von der Frequenz bei Flickerlichtstimulation oder Schachbrettmusterumkehr und der Dauer des Stimulus abhängig [ (37) , (75) ]. Wir führten deshalb zu Beginn eine Pilotstudie an einer kleinen Zahl Probanden durch, um den Stimulus mit der größtmöglichen Flussantwort herauszufinden. Orientierend an den Angaben der Literatur testeten wir dazu Frequenzen von 5, 10, 15 und 20 Hz jeweils in Kombination mit verschiedenen Stimuluszeiten. Stimulus-„On“-Zeiten und Stimulus-„Off“-Zeiten waren dabei gleich lang und betrugen je 10, 15, und 20 s. Für die Lichtintensität wählten wir die größtmögliche, von den Probanden tolerierte Stufe. Die beste Flussantwort ergab die

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Kombination einer „On“- und „Off“-Zeit von je 10 s bei einer Frequenz von 15 Hz. Bezüglich der Frequenzen waren Gomez et al. zu einem ähnlichen Ergebnis [ (37) ] gekommen. Sie testeten verschiedene Frequenzen bei eine konstanten Stimulationszeit über je 5 min und ermittelten die größtmögliche Flussantwort in einem Frequenzbereich von 10-20 Hz. Wir verwendeten diese von uns ermittelte Kombination mit einer konstanten Lichtintensität für alle weiteren Messungen.

2.2 Die Methode der visuell evozierten Potentiale (VEP)

2.2.1 Technische Voraussetzungen

Die visuell evozierten Potentiale wurden alle in unserem neurophysiologischen Labor abgeleitet. Die Ableitung entsprach dem allgemeinüblichen Standard für VEP-Untersuchungen. Die technische Grundlage der Untersuchungen bildeten die in der Klinikroutine üblichen Geräte wie Verstärker, Mittelwertbildner (Averager), ein Wiedergabemonitor, ein Registriersystem sowie mehrere Kanäle. Für die Stimulation wurde ein Fernsehmonitor, der einen Schachbrettmusterreiz darbietet, verwendet. Dabei kommt es zu einer Reizmusterumkehr, wobei helle und dunkle Areale in frequenzabhängigen, regelmäßigen Abständen vertauscht werden. Diese Stimulationsart wurde durch Halliday et al. 1972 als für die Ableitung der visuell evozierten Potentiale am besten geeignet eingeführt [ (39) ] und hat sich darin bewährt, da festgestellt wurde, dass die Latenzen und Amplituden dabei die geringste Varianz zeigen [ (28 )].

2.2.2 Untersuchungsvorgang

Während der Untersuchung saß der Patient entspannt in einem Stuhl, 1 m vom Monitor entfernt. Die äußeren Bedingungen wurden möglichst konstant gehalten, insbesondere die Hintergrundsleuchtdichte und der Kontrast der Karos zueinander, da sie Einfluss auf die Werte der Latenzen und Amplituden haben [ (28 ), (48) ].

Die Größe des Gesamtfeldes betrug 25 x 19 cm, die Kästchengröße 16 x 16 mm. Die Stimulationsfrequenz, d.h. die Musterumkehr mit dem Austausch der weißen und schwarzen Flächen betrug 1,1 Hz. Diese Art der Stimulation erfordert eine gute Mitarbeit des Patienten, denn er ist aufgefordert, während der ganzen Untersuchung konzentriert auf den roten Fixationspunkt im Zentrum des Bildschirms zu schauen. Die


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Ableitung erfolgte unipolar mit Nadelelektroden, die subkutan platziert wurden. Die differente Elektrode wurde 3-5 cm oberhalb der Protuberantia occipitalis in der Mittellinie angelegt (Oz), die indifferente an der Stirn in einem Abstand von 30% der Nasion-Inion-Entfernung (Fz). Eine Erdungsmanschette wurde am Handgelenk befestigt. Die Aufsummierungszahl lag bei 30 -100 Reizen, die Analysezeit betrug 300 ms. Die gewonnenen Potentiale wurden mit 1µV verstärkt.

Trotz allgemeiner Standards gibt es von Labor zu Labor Unterschiede im Untersuchungsablauf. Deshalb hat jedes Labor eigene Normwerte, da trotz standardisierter Reiz- und Ableitbedingungen diese labortypischen Eigenschaften nicht auszuschalten sind (Raumbeleuchtung, Abstände vom Schachbrett, unterschiedliche Quadrantengrößen usw.). Im Labor der neurologischen Klinik der Charité (Standort Mitte) reicht der Normbereich für die Latenz der P100 bis 112 ms. Die Amplituden werden wie in der Literatur angegeben behandelt. Sie gelten als pathologisch, wenn die Seitendifferenz > 50 % beträgt [ (28 ), (63) ].

2.3 Probanden

Alle an dem Versuch beteiligten Probanden erklärten nach vollständiger Erläuterung der Methode ihr Einverständnis zur Untersuchung und weiteren Auswertung ihrer Daten.

2.3.1 Kontrollgruppe

Wir untersuchten eine Gruppe von 20 Probanden im durchschnittlichen Alter von 35 ± 11 Jahren. Wir nahmen keine weitere Aufteilung in Altersgruppen vor, da vorherige Studien gezeigt hatten, dass eine Altersabhängigkeit sowohl der mittleren Flussgeschwindigkeiten [ (42) , (81) , (84) ] als auch der reaktiven Blutflussantworten [ (75) ] erst ab einem Alter von >60 Jahren signifikant wird. Von den 20 Probanden waren 15 weiblich und 5 männlich. Acht der Probanden waren ohne Zeichen einer Erkrankung der Sehbahn bzw. des Zentralen Nervensystems und hatten noch nie eine VEP-Untersuchung erhalten. Wir gingen davon aus, dass bei ihnen keine Störungen der Überleitungszeit vorlagen. Die übrigen Probanden hatten eine VEP-Untersuchung bekommen, sieben von ihnen unter dem Verdacht auf eine Encephalomyelitis disseminata bzw. andere entzündliche ZNS-Erkrankungen, die übrigen fünf unter dem Verdacht auf ein funktionelles Syndrom. Die Untersuchungen waren nicht älter als


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15 Tage. Die Latenz P100 lag bei allen Probanden beidseits im Normbereich, die Amplituden wiesen keine pathologischen Seitendifferenzen auf. Bei allen gab es anamnestisch keine Hinweise auf eine zerebrovaskuläre Erkrankung, Herzerkrankungen und Gesichtsfeldausfälle.

An 13 Probanden untersuchen wir die A. cerebri posterior in ihrem P2-Segment beidseitig. Bei den übrigen sieben gelang diese Einstellung nur auf einer Seite. In diesen Fällen stellten wir die kontralaterale A. cerebri media ein.

2.3.2 Patientengruppe

Wir untersuchten 16 Patienten im Alter von durchschnittlich 38 ± 11 Jahren. Auch hier führten wir keine weitere Aufteilung in Altersgruppen durch. Zehn der Probanden waren weiblich und sechs männlich. Sieben der Patienten hatten eine bekannte gesicherte Encephalomyelitis disseminata (durch Klinik, MRT, Liquor und VEP), bei sieben bestand der Verdacht auf eine Encephalomyelitis disseminata (Klinik, VEP), eine Patientin hatte ein unklares zerebelläres Syndrom, bei einem Patienten bestand der Verdacht auf eine Neuroborreliose. Alle hatten eine VEP-Untersuchung bekommen, in der sie ein- oder beidseitig verlängerte P100 aufwiesen. Einseitige Verlängerungen bestanden bei sechs Patienten. Pathologische Seitenunterschiede der Amplituden lagen nicht vor. Alle Patienten hatten ebenfalls keine Hinweise auf zerebrovaskuläre oder kardiologische Erkrankungen, Gesichtsfeldausfälle lagen ebenfalls nicht vor. Sechs der Untersuchungen lagen länger als einen Monat und weniger als sechs Monate zurück, eine war neun Monate alt. Die übrigen waren weniger als einen Monat alt. In Studien sind bezüglich des zeitlichen Verlaufes von Latenzverlängerungen nach Abklingen einer Neuritis optici unterschiedliche Angaben gemacht worden. Diener [ (28 )] berichtet von Latenzverkürzungen bei einem geringen Prozentsatz und nur selten bis in den Normbereich nach 1,5 Monaten. Jones [ (47) ] berichtet ebenfalls von Verkürzungen, aber signifikant erst nach einem Zeitraum von durchschnittlich einem Jahr (> sechs Monate bis zwei Jahren). Halliday et al. schreiben dagegen von unveränderten Latenzverlängerungen bzw. Zunahme von diesen [ (40) ]. Wir gingen daher davon aus, dass die Latenzverlängerung der P100, die bei allen Patienten nachweisbar war, immer noch vorlag.


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Wir untersuchten beide Aa. cerebri posteriores in ihren P2-Segmenten bei 13 Patienten. In drei Fällen stellten wir kontralateral die A. cerebri media ein.

2.4 Bestimmung der Messparameter

Mit dem Programm ist es durch die spezielle Averaging-Technik möglich, die Flussgeschwindigkeitsantworten mehrerer Stimuluszyklen zu mitteln. Zeitlicher Referenzpunkt für die Aufsummierung ist der Stimulusbeginn („on“). Durch diese Summierung verbessert sich zum einen das Verhältnis von evozierten zu zufälligen (puls-und atmungsabhängigen etc.) Geschwindigkeitsänderungen, zum anderen können artefaktgestörte Intervalle von vornherein herausgenommen werden. Als Resultat erhält man eine Darstellung der mittleren Flussgeschwindigkeitsänderung über einen Stimuluszyklus von 20 s (10 s „on“ / 10 s „off“) mit der doppelten Standardabweichung. Die so erhaltene Kurve kann in den Absolutwerten der Geschwindigkeit (cm/s) oder in Prozentangaben dargestellt werden. In Abbildung 3 ist eine solche Kurve in Absolutangaben dargestellt. Die doppelte Standardabweichung, die als graues Band die mittlere Flussgeschwindigkeit (dünne Linie) umrahmt, sollte idealerweise - wie in dem gewählten Beispiel - möglichst gering ausfallen.

Abb. 3: Beispiel einer gemittelten Flussantwortkurve über einen Stimuluszyklus von 20 s (X-Achse = Zeit in s). Die ersten 10 s = Stimulus “on“,die folgenden 10 s = Stimulus “off“. Die Reaktion der Flußgeschwindigkeit ist in cm/s angegeben (Y-Achse). Die dünne waagerechte Linie in der Mitte stellt die Ruhegeschwindigkeit dar (= Baseline). Links oben ist angegeben, um welches Gefäß es sich handelt (PCAL = linke A. cerebri posterior) und wieviel Intervalle gemittelt wurden (n = 22).


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Im Durchschnitt werteten wir 10 Stimuluszyklen aus. Mit Hilfe des Cursors bestimmten wir die Latenzen und die Flussgeschwindigkeiten an ausgewählten Punkten. Als Beginn der Antwort auf die visuelle Stimulation sahen wir den Beginn des Anstieges der Flussgeschwindigkeit an und bestimmten bei allen Kurven die Zeit bis zu diesem Punkt (tLat). Des weiteren ermittelten wir die Latenz bis zum ersten Peak (tmax1) und bis zu einem zweiten Peak (tmax2), welcher nach Beendigung des Lichtstimulus den Beginn des schnellen Abfalls der Flussgeschwindigkeit angibt. Da aber andere Flussantwortverläufe als erwartet auftraten, welche mit einem Abfall der Geschwindigkeit begannen, gaben wir in diesen Fällen zusätzlich die Zeit bis zum Beginn des Geschwindigkeitsrückgangs an (tLat*). Außerdem bestimmten wir die mittlere Ruhegeschwindigkeit (vRuhe), die durch das Programm als Baseline dargestellt wurde. In den Fällen, die erwartungsgemäß mit einem Anstieg der Flussgeschwindigkeit begannen, entsprach sie der Geschwindigkeit an dem Messpunkt für tLat. Bei den anderen Verläufen war das an dem Messpunkt tLat*. An demselben Messpunkt wie den der Latenz tmax1 bestimmten wir die mittlere maximale Flussantwort als Reaktion auf das Anschalten des Lichtstimulus (vmax1 = erstes Maximum der Flussantwort). An dem Messpunkt für tmax2 ermittelten wir den Wert für vmax2 (= zweites Maximum der Flussantwort), welcher die Reaktion auf das Ausschalten des Lichtreizes darstellt. Beide Werte (vmax1 und vmax2) bestimmten wir sowohl in Absolutwerten als auch in Prozentangaben, wobei wir zur Auswertung in erster Linie die Prozentangaben verwendeten, da an ihnen das Ausmaß der Flussantwort deutlicher als bei den Absolutwerten zu erkennen ist. In den nachfolgenden Abbildungen 4 und 5 sind diese Messpunkte an einem Beispiel einer Flussantwortkurve in Absolut- und Prozentangaben dargestellt. Es sind jeweils dieselben Messpunkte gewählt und es wird deutlich, dass in der prozentualen Darstellung das Ausmaß der Geschwindigkeitsänderung besser zu erkennen ist.


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Abb. 4: Ein Beispiel einer gemittelten Flussantwortkurve, dargestellt in Absolutwerten (cm/s = Y-Achse). Es sind drei Messpunkte angegeben. Die Werte über dem Fadenkreuz geben die Zeiten an (in s), die Werte rechts neben dem Fadenkreuz entprechen der Flußgeschwindigkeit (in cm/s). Am ersten Punkt sind somit tLat und vRuhe angegeben, am zweiten tmax1 und vmax1 und am dritten tmax2 und vmax2.

Abb. 5: Darstellung der gemittelten Flussantwort aus Abb. 4 in Prozentangaben.

2.5 Statistische Tests

Die statistische Bearbeitung erfolgte mit dem PC-Programm SPSS 4. Zur Analyse von Latenzunterschieden zwischen den beiden Gruppen verwendeten wir den nichtparametrischen U-Test von Mann-Whitney für zwei unverbundene Stichproben. Um die Anstiege der Flussgeschwindigkeiten zwischen beiden Gruppen zu vergleichen, benutzen wir die Varianzanalyse. Die Prüfung auf Seitenunterschiede in den Flussantworten der A. cerebri posterior innerhalb einer Gruppe erfolgte mit dem Wilcoxon-Test für zwei verbundene Stichproben. Zum Vergleich der Geschwindigkeiten der Flussantworten in Bezug auf die Ruhegeschwindigkeiten sowie zum Vergleich der


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Flussantworten der unterschiedlichen Gefäße innerhalb einer Gruppe verwendeten wir ebenfalls den Wilcoxon-Test für zwei verbundene Stichproben. Bei allen Tests wurde eine maximale Irrtumswahrscheinlichkeit von p = 0,05 als Grenze festgelegt. Eine Korrelationsanalyse führten wir zwischen den Amplituden der VEP und denen der Flussantworten durch. Der Korrelationskoeffizient wurde als signifikant von 0 verschieden angesehen, wenn p < 0,05 lag.

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