Guhr, Susanne : Visuell evozierte Flussgeschwindigkeitsänderungen in der A. cerebri posterior bei Normalprobanden und Patienten mit Leitungsverzögerungen im Sehbahnbereich: eine Untersuchung mit der funktionellen transkraniellen Dopplersonographie

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Kapitel 5. Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit werden am Beispiel visuell evozierter Flußgeschwindigkeitsänderungen die Anpassung der zerebralen Hämodynamik an Änderungen der Gehirnaktivität untersucht. Dazu wurde das nichtinvasive Verfahren der transkraniellen Dopplersonographie angewendet.

Ein Ziel der Arbeit war das Erstellen eines Normbereiches für die Amplituden und Latenzen visuell evozierter Geschwindigkeitsänderungen an einer Gruppe von Normalprobanden. Außerdem sollte an einer Gruppe von Patienten, die Latenzverlängerungen in den visuell evozierten Potentialen aufwiesen, die Sensitivität der zeitlichen Auflösung des Dopplerverfahrens geprüft werden.

Die Untersuchungen erfolgten mit einer Stimulationszeit von jeweils 10 s „on“ und „off“ und einer Frequenz von 15 Hz bei konstanter Lichtintensität.

In der Kontrollgruppe (20 gesunde Probanden im Alter von durchschnittlich 35 Jahren) ermittelten wir einen reaktiven Geschwindigkeitsanstieg in der A. cerebri posterior um 15,8 % ± 6,3. Ein signifikanter Rechts/Links-Seitenunterschied trat nicht auf, der absolute Seitenunterschied der reaktiven Geschwindigkeitsanstiege betrug 5,4 % ± 4,7. Der Anstieg der Flussgeschwindigkeit begann nach 1,43 s ± 0,6 bzw. nach 1 s ± 0,6, wenn man nur die Verläufe der Flussantworten berücksichtigt, die mit einem Ansteigen der Flussgeschwindigkeit zu Beginn reagierten. Das initiale Maximum wurde nach 5,6 s ± 1,6 erreicht. 2,86 s ± 0,7 nach Stimulusende begann die Geschwindigkeit wieder abzufallen.

Weder die Werte der Flussgeschwindigkeiten vor und nach Lichtstimulation noch die Latenzwerte unterschieden sich in der Patientengruppe (16 Patienten im Alter von durchschnittlich 38 Jahren, mit einer ein- bzw. beidseitige Verlängerungen der Latenz P100 in den visuell evozierten Potentialen) signifikant von denen der Kontrollgruppe, sofern man alle Flussantwortverläufe berücksichtigt. Werden nur die Kurvenverläufe betrachtet, die mit einem Anstieg der Flussgeschwindigkeit begannen, zeigt sich ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen für die Latenzwerte bis zum Beginn des reaktiven Geschwindigkeitsanstieges. Da die Latenzwerte der Patientengruppe entgegen der Erwartung dabei geringer ausfielen (0,45 s ± 0,5) als die der Kontrollgruppe (1 s ± 0,6) und die Daten auch unter Berücksichtigung tierexperimenteller


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Befunde nicht plausibel erscheinen, kann dafür keine physiologische Erklärung gegeben werden.

Die von uns ermittelten Werte lagen in den Größenordnungen der Ergebnisse anderer Studien mit vergleichbaren Versuchsbedingungen. Auch die unterschiedlichen Flussantwortverläufe mit den verschiedenen Merkmalen wie „overshoot“, „off-Phänomen“ und „spätem undershoot“ wurden von anderen Autoren beschriebenen. Nicht erwähnt wurde aber der Verlauf mit einem Abfall der Geschwindigkeit („initiales undershoot“) zu Beginn der Flussantwort. Diesen Geschwindigkeitsrückgang führen wir nicht auf die visuelle Stimulation zurück, sondern diskutierten eine mögliche Aktivierung von Gebieten, die in die akustische Verarbeitung involviert sind und aus der A. basilaris versorgt werden, da die Lichtstimulation bei unserem Versuchsaufbau mit eine Piepton zu Beginn einher ging.

Die zeitliche Auflösung der Dopplersonographie ist nicht sensitiv genug, um Leitungsverzögerungen in der vorderen Sehbahn, die im Millisekundenbereich liegen, zu erfassen. Sie ist jedoch gut geeignet, um den zeitlichen Verlauf der zerebralen Hämodynamik zu untersuchen und deshalb liegen die Möglichkeiten der klinischen Anwendung des „visuell evozierten Dopplers“ in der Untersuchung von Störungen der neurovaskulären Kopplung bei zentralnervösen Prozessen, wie z.B. in der Verlaufsbeurteilung nach ischämischen Infarkten. Mit diesem Verfahren könnten aber auch nähere Einblicke in das Krankheitsbild des apallischen Syndroms, bei dem eine völlige Störung der neurovaskulären Kopplung anzunehmen ist, gewonnen werden.


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Thu Dec 5 14:06:54 2002