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4  Ergebnisse

4.1 Patientendaten

Unter den 46 Patienten waren 18 Frauen und 28 Männern mit einem Altersdurchschnitt zum Zeitpunkt der Implantation von 38,0 Jahren (Standardabweichung 24,9 Jahre). Der älteste Patient war 96 Jahre alt, der jüngste fünf Jahre. Der Altersverteilungsgipfel liegt in der Gruppe bei 20-39 Jahren, es folgt dann die Gruppe derer mit 1-19 Jahren, darunter sind fünf Patienten unter zehn Jahren. Die Altersverteilung ist in Abb. 11 dargestellt.

Abb. 11: Altersverteilung bei 46 Patienten

Die postoperative Nachkontrolle umfasste bis zu zehn Jahren und ist aus Abb. 12 für alle Patienten ersichtlich. Ein 69-jähriger Patient mit zwei Implantaten war nach der Epithesenherstellung nicht mehr im Recall. Zwei Patienten waren verstorben; einer im Jahre 2000, der andere drei Monate nach der Epithesenherstellung im Jahre 2000.


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Abb. 12: Postoperative Nachkontrolle bei 45 Patienten

Bei 30 Patienten (65,2%) lautete die Diagnose kongenitale Fehlbildung (Dysplasie III. Grades nach Marx), 22 dieser Patienten litten zusätzlich an ein- oder beidseitiger schwerer Schallleitungsschwerhörigkeit. Bei zehn Patienten war das linke, bei zwölf Patienten das rechte Ohr betroffen, in acht Fällen fanden sich bilaterale Fehlbildungen. Das Durchschnittsalter der versorgten Patienten mit kongenitalen Fehlbildungen lag zum Zeitpunkt der Implantation bei 24,4 Jahren (Standardabweichung 13,1 Jahre). Unter ihnen befanden sich vier Patienten, die in anderen Kliniken bereits ein- oder mehrmals mit plastisch-chirurgischen Rekonstruktionsverfahren mit unbefriedigendem ästhetischen Ergebnis behandelt worden waren.

Bei 13 Patienten (28,3%) wurden die Ohrmuscheldefekte durch Tumore oder Entzündungen verursacht; histologisch handelte es sich hierbei um Hämangiome, Basaliome, Plattenepithelkarzinome, maligne Melanome und Chondrodermatitis. Zwei Patienten (4,3%) hatten ihre Ohrmuschel als Folge eines Traumas verloren, bei einem Patienten war der Verlust durch einen Hundebiss verursacht worden, ein anderer hatte neun Jahre zuvor einen schweren [Seite 29↓]Verkehrsunfall erlitten, bei welchem es zu einem traumatischen Ohrmuschelabriss linksseitig gekommen war. Eine 45-jährige Patientin hatte ihre Ohrmuschel als Folge einer Verbrennung verloren. Die detaillierten Zahlen der Diagnose sind in Tabelle 2 zusammengefasst.

Tabelle 2: Diagnosen der Patienten mit Ohrepithesen

Diagnose

 

Zahl der Patienten

Kongenitale Fehlbildungen

 

30

- Goldenhar-Syndrom

 

8

- Franceschetti-Syndrom

 

3

- Thalidomid-Schaden

 

1

- Ursache unbekannt

 

18

Tumorresektion

 

12

- Plattenepithelkarzinom

 

5

- Malignes Melanom

 

1

- Basaliom

 

4

- Hämangiom

 

2

- Entzündung

 

1

- Chondrodermatitis

 

1

Trauma

 

2

Verbrennung

 

1

Alle Patienten mit erworbenen Defekten waren unilateral betroffen, darunter waren bei zehn Patienten die linken Ohren betroffen. Bei einer 36-jährigen Patientin war sechs Jahre zuvor ein Versuch der Rekonstruktion der Ohrmuschel mit Rippenknorpel durchgeführt worden. Zwei weitere Patienten sind vor der Implantation bestrahlt worden. Bei einem dieser beiden Patienten gab es anamnestisch eine Bestrahlung der gesamten Kopfhaut in der Kindheit aus ungeklärter Indikation, der andere war vor 22 Jahren in einer auswärtigen Klinik wegen eines Ohrmuschelbasalioms im Mastoidbereich mit unbekannter Dosis bestrahlt worden.

4.2 Chirurgisches Verfahren

4.2.1 Intra- und postoperative Komplikationen

Bei der stationären Aufnahmeuntersuchung zeigten sich alle Patienten in ausreichendem Gesundheitszustand für die chirurgische Behandlung. Das chirurgische Verfahren der [Seite 30↓]Implantatinsertion verlief bei allen Patienten komplikationslos. Intraoperative Komplikationen wie z. B. eine Verletzung der Dura mater traten bei der Insertion der Implantate nicht auf. Der N. facialis wurde bei keinem Patienten verletzt.

Der postoperative Heilungsverlauf wurde bei vier Patienten (8,7%) durch eine lokale Wundheilungsstörung kompliziert, welche lokale Wundpflegemaßnahmen erforderlich machte. Ein 45-jähriger Patient entwickelte postoperativ ein Wundhämatom mit ausgeprägter Druckschmerzhaftigkeit, welches drainiert wurde. Die durchnittliche Dauer des stationären Aufenthaltes bei dem Verfahren der Implantatinsertion betrug neun Tage (min. drei Tage, max. 33 Tage) (Abb. 13). Bei drei Patienten mit einem Ohrmuscheltumor dauerte der stationäre Aufenthalt länger als 20 Tage, weil diverse Vorbehandlungen, wie z. B. Tumornachresektionen, bei ihnen durchgeführt wurden (s. Seite 28).

Abb. 13: Die Dauer des stationären Aufenthalts für das Verfahren der Implantatinsertion bei 46
Patienten

4.2.2 Implantatinsertion bei den Patienten mit tumorbedingten Ohrmuscheldefekten

Bei drei von den 12 Patienten (25%) mit tumorbedingten Ohrmuscheldefekten wurde die Implantatinsertion zeitgleich mit der Tumorresektion durchgeführt. Bei diesen Patienten wurde [Seite 31↓]eine Entfernung der äußeren Ohrmuschel durchgeführt, zeitgleich wurden die Implantate in das Mastoid inseriert. Alle drei Patienten litten an einem Plattenepithelkarzinom im Bereich der Ohrmuschel. Bei fünf Patienten (41,7%) wurden die Implantate im Intervall, nachdem der Resektionsrand histologisch als tumorfrei bestätigt worden war, inseriert. Bei einer Patientin (8,3%) mit einem Hämangiom der rechtsseitigen Ohrmuschel erfolgte die Ablatio nach Vorbehandlung durch eine Embolisation; danach erfolgte die Insertion der extraoralen Implantate. Bei den übrigen drei Patienten (25%) waren die Tumore schon vor der epithetischen Versorgung in einem auswärtigen Klinikum entfernt worden. Das Durchschnittsalter der Patienten mit tumorbedingten Ohrmuscheldefekten betrug zum Zeitpunkt der Implantation 69,7 Jahre.

4.2.3 Auswahl der Operationsart

Bei 28 Patienten (60,9%) darunter 10 Patienten mit angeborenen Defekten erfolgte eine zweizeitige Operation. Die Einheilphase zwischen Implantatinsertion und Freilegung lag zwischen 2,5 und 8 Monaten (Abb. 14). Die durchschnittliche Einheilphase lag bei 3,9 Monaten. Implantatverluste oder Wundheilungsstörungen wurden während der Einheilungsphase nicht beobachtet.

Bei 18 Patienten (39,1%) erfolgte eine einzeitige Operation. Zwei Patienten litten an tumorbedingten Ohrmuscheldefekten, alle anderen waren von kongenitalen Ohrmuscheldefekten betroffen. Bei ihnen zeigten die Implantate eine gute Primärstablitität, die eine Voraussetzung für eine einzeitige Operation war. Trotzdem wurde eine durchnittliche Einheilungsphase von 3,2 Monaten unter Vermeidung einer Belastung der Implantate bei der einzeitigen Operationstechnik abgewartet (Abb. 15). Das Operationsverfahren war unabhängig von Alter oder Geschlecht der Patienten (Tabelle 3).

Tabelle 3: Übersicht über die Operationstechniken bei 46 Patienten * p > 0,05

 

Zweizeitige Operation

Einzeitige Operation

Anzahl der Patienten

28

18

Durchschnittsalter

41,8 ± 26,7

32,1 ± 21,2 *

Geschlecht (Frauen/Männer)

9/19

9/9 *


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Abb. 14: Einheilungszeit bei 28 Patienten mit zweizeitiger Operationstechnik



Abb. 15: Einheilungszeit bei 18 Patienten mit einzeitiger Operationstechnik


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4.3  Die Implantatdaten

Bei den 46 Patienten wurden insgesamt 156 Implantate und eine Epitec®-Trägerplatte inseriert. 152 Implantate wurden freigelegt, die vier restlichen waren „schlafende“ Implantate und dienten als Reserve für einen eventuellen Implantatverlust. Bei 37 Patienten wurde zur Epithesenverankerung das Brånemark-System® (Fa. Entific Medical System) eingesetzt (Abb. 16). Acht der 133 Brånemark®-Implantate hatten eine Länge von 3 mm; die übrigen von 4 mm. Das EO-System® (Fa. Straumann) wurde erst ab 1996 eingesetzt, bei acht Patienten wurden 23 Implantate dieses Systems inseriert, darunter zwei 2,5 mm lange, die restlichen waren 4 mm lang. Bei einem 60-jährigen Patienten wurde keine ausreichende Knochenstärke für Standardimplantate gefunden, da das Mastoid monocavitär pneumatisiert war. Deshalb wurde eine 8-Loch-Epitec®-Trägerplatte verwendet, die mit drei Schrauben fixiert wurde (Abb. 17).


Abb. 16: Drei Implantate vom Brånemark-System® im Bereich des Mastoids mit aufgebrachten
Verschlussschrauben


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Abb. 17: 60-jähriger Patient: Zustand nach Resektion der rechtseitigen Ohrmuschel wegen eines
malignen Melanoms, eingebrachte 8-Loch-Epitec® -Trägerplatte

Die 152 Implantate und eine Epitec®-Trägerplatte dienten zur Fixation von insgesamt 53 Epithesen bei 46 Patienten (Tabelle 4). Sieben der acht Patienten mit bilateraler kongenitaler Fehlbildung erhielten 14 Ohrepithesen. Einer der Patienten wurde nur linksseitig vorsorgt und auf der rechten Seite eine chirurgische Rekonstruktion durchgeführt. Pro Patient wurden zwischen zwei und acht Implantate einseitig oder beidseitig inseriert, wobei zwei oder drei Implantate als Halteelemente für die Epithese verwendet wurden (Abb. 18).

Tabelle 4: Verteilung der verschiedenen Systeme bei 46 Patienten

Implantattyp

Anzahl der Patienten

Anzahl der Implantate

Brånemark-System®

(Fa. EntificMedical System)

37

133

EO-System®

( Fa. Straumann)

8

23

Epitec-System®

(Fa. Stryker-Leibinger)

1

1 Trägerplatte


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Abb. 18: Die Anzahl der eingesetzten Implantate bei den 45 Patienten * beidseitig

4.4 Die Implantationserfolgsrate

Keine Implantatlockerungen wurden bei den folgenden Nachkontrollen beobachtet. Drei Implantate wurden bei einem 98-jährigen Patienten auf ausdrücklichen Wunsch wegen rezidivierenden Tascheninfektionen und fehlender Hygienecompliance bei deutlich reduziertem Allgemeinzustand fünf Jahre nach der Implantatinsertion entfernt. Dieser Patient verstarb im Jahr 2000. Ein 90-jähriger Patient mit zwei Implantaten war drei Monate nach der Epithesenherstellung verstorben. Ein 69-jähriger Patient mit zwei Implantaten befand sich nach der Epithesenherstellung nicht mehr im Recall. Bei der Auswertung der Implantationserfolgsrate wurden diese drei Patienten nicht mitberücksichtigt. Bei allen anderen 149 Implantaten und der einen Epitec®-Trägerplatte wurde kein Verlust beobachtet. Auch bei den beiden Patienten mit fünf Implantaten, die zuvor bestrahlt worden waren, kam es zu keinen Implantatverlusten. Die Implantationserfolgsrate der beiden Implantatarten (Brånemark® und EO-System®) liegt demnach bei einer durchschnittlichen Liegedauer von drei Jahren und nach einer maximalen Liegedauer von elf Jahren bei 100 % (Tabelle 5 und 6).


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Tabelle 5: Einheilungsquote von 150 Implantaten bei 43 Patienten mit implantatverankerten
Ohrepithesen

Systeme

Anzahl der Patienten

Implantatzahl

Freigelegte Implantate

Implantatverlust

Erfolgsrate der freigelegten Implantate

Brånemark®

35

128

124

0

100 %

EO-System®

7

21

21

0

100 %

Epitec®-Trägerplatte

1

1

1

0

100 %

Insgesamt

43

150

146

0

100 %

Tabelle 6: Einheilungsquote von 150 Implantaten bei 43 Patienten mit implantatverankerten
Ohrepithesen

Operationen

Anzahl der Patienten

Implantatzahl

Freigelegte Implantate

Implantatverlust

Erfolgsrate der freigelegten Implantate

Zweizeitige

25

78

76

0

100 %

Einzeitige

18

72

70

0

100 %

Insgesamt

43

150

146

0

100 %

4.5 Suprakonstruktion

In 31 Fällen wurden die Patienten mit den Ohrepithesen über Magnete (Fa. Steco-system-technik/Hamburg) als Suprakonstruktionen versorgt (Abb. 19). Bei 26 Patienten (56,5%) wurden zwei sphärische Magnete cranial und caudal sowie ein Teleskopmagnet (T-Line) in der Mitte verwendet. In fünf Fällen (10,9%) kamen zwei parallel inserierte Teleskopmagnete zur Anwendung (Abb. 20, Abb. 21). Bei 15 Patienten (32,6%) wurden Stegsuprakonstruktionen zur Befestigung benutzt (Abb. 22). Seit 1997 wurden keine Stegsuprakonstruktionen mehr eingesetzt. Bei einem Patienten wurde die Stegsuprakonstruktion nach vier Jahren wegen des geringen Abstands des Stegs zur Haut und den daraus resultierenden schlechten hygienischen Bedingungen durch eine neue ersetzt. Aus den gleichen Gründen wurden die Stegsuprakonstruktionen bei drei Patienten zugunsten von Magneten ausgetauscht (Abb. 23, [Seite 37↓]Abb. 24). Bei einem Patienten wurde nach sieben Jahren ein „schlafendes“ Implantat von insgesamt drei inserierten Implantaten freigelegt, um drei Magnete (zwei sphärische Magnete und ein Telescopmagnet) einzusetzen. Bei einem beidseitig von einer Ohrmuscheldysplasie betroffenen Patienten wurde die linksseitige Stegsuprakonstruktion nach 3,5 Jahren durch zwei sphärische Magnete und einen Teleskopmagneten ersetzt, wobei auch ein „schlafendes“ Implantat freigelegt wurde; auf der rechten Seite wurde nach 6,5 Jahren die Stegsuprakonstruktion durch zwei Teleskopmagnete ersetzt.

Abb. 19: Ein Teleskopmagnet und zwei sphärische Titanmagnete zur Verankerung einer
Ohrepithese


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Abb. 20: Zwei parallele Teleskopmagnete zur Verankerung einer Ohrepithese



Abb. 21: Dieselbe Patientin mit eingegliederter Silikonohrepithese


[Seite 39↓]


Abb. 22: Stegsuprakonstruktion zur Verankerung einer Ohrepithese

Abb. 23: Haut-/ Weichgewebshypertrophie um die Implantate bei einer Stegsuprakonstruktion




[Seite 40↓]









Abb. 24: Derselbe Patient nach Ersatz der Stegsuprakonstruktion durch zwei Teleskopmagnete


[Seite 41↓]

4.6  Zustand der Epithesen

Sämtliche Epithesen wurden aus Silikon (A-588 Realistic, Firma Factor2) hergestellt. Die bisherige Tragedauer umfasst den Zeitraum von der Anfertigung der Epithese bis zum Ende der Untersuchung am 31. Oktober 2003. Die angefertigten Epithesen wurden bei 19 Patienten (41,3%) wegen Farbveränderungen oder Verlust insgesamt 36-mal erneuert. Ihre durchschnittliche Tragezeit war 2,4 Jahre. Bei den übrigen 26 Patienten (58,7%) wurden bisher keine Erneuerungen durchgeführt, 19 Patienten (73,1%) dieser Gruppe trugen ihre erste Ohrepithese kürzer als drei Jahre. Die durchschnittliche Tragezeit betrug bei allen Patienten 2,7 Jahre, die maximale Tragezeit sieben Jahre (Abb. 25). Der Farbverlust stellte die Hauptursache für eine Neugestaltung dar, da die ehemals feine Randgestaltung defekt bzw. die Epithesenränder eingerissen waren (Abb. 26, Abb. 27). Bei drei Patienten war der Verlust ihrer Epithesen der Grund für eine Neuanfertigung. Bei einem Patienten wurde eine Reparatur der Epithese einige Monate nach der Herstellung durchgeführt.

Abb. 25: Tragezeit der Ohrepithesen bei 45 Patienten und Verteilung der 36
Epithesenwiederholungen bei 19 Patienten


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Die bisherige Tragezeit der Epithesen zeigt bezüglich Geschlecht, Alter und Lebensgewohnheiten (Rauchen) keine Korrelation. Tabelle 7 fasst die Ergebnisse zusammen.

Tabelle 7: Korrelation zwischen Tragezeit und Geschlecht, Alter, Lebensgewohnheiten

  

Geschlecht

Alter

Lebensgewohnheiten

(Rauchen)

 

Korrelation

Koeffizient

0,05

0,12

0,13

Tragezeit

    
 

p- Wert

0,76

0,49

0,44


Abb. 26: Ohrepithese aus Silikon kurz nach der Fertigstellung


[Seite 43↓]


Abb. 27: Derselbe Patient mit deutlicher Farbveränderung nach zwei Jahren

4.7 Periimplantitis

Aus der Dokumentation der Krankenkarte war zu entnehmen, dass bei zwölf Patienten (26%), denen Epithesen eingliedert worden waren, keine Hautreaktionen um die Implantate registriert wurden. Bei den anderen 34 Patienten (74%) wurden insgesamt 42 mal Hautreaktionen (Entzündungen, Blutungen, Schwellungen) registriert und dokumentiert. Abb. 28 stellt die Anzahl der beobachten Hautreaktionen im zeitlichen Ablauf dar: Mit der Zeit nimmt die Häufigkeit der beobachteten Hautreaktionen ab; 60,5% der Hautreaktionen wurden im ersten und zweiten Jahr beobachtet.


[Seite 44↓]

Abb. 28: Verlaufskurve der Anzahl der beobachteten Hautreaktionen bei 34 Patienten

Die meisten Entzündungen sind durch eine Lokalbehandlung mit Antibiotikasalben und einer Reinigung mit dreiprozentiger H2O2-Lösung behoben worden; diese Patienten erhielten zusätzlich neue Pflegeinstruktionen. Bei sieben Patienten (15,2%) war eine lokale Entzündung an tieferen periimplantären Taschen vorhanden (Abb. 29). Obwohl eine intensive Wundbehandlung und Reinigung stattfand, ergab sich keine Verbesserung der periimplantären Situation. Deshalb wurde eine subcutane Hautausdünnung zur Verkleinerung der periimplantären Tasche durchgeführt. Eine perioperative Antibiotikatherapie (Clindamycin® p. o. [per os]) wurde hierbei zusätzlich eingeleitet.


[Seite 45↓]

Abb. 29: Periimplantäre Entzündung mit geröteter und geschwollener Haut sowie Sekretion aus
dem periimplantären Sulcus


[Seite 46↓]

4.8  Nachuntersuchung

Von den 46 Patienten konnten nur 20 mit 53 Implantaten in eine Nachuntersuchung zur Beurteilung der perimplantären Situation eingeschlossen werden. Bei elf Patienten lautete die Diagnose kongenitale Fehlbildung, bei sieben Patienten waren die Ohrmuscheldefekte durch Tumore verursacht. Zwei Patienten hatten ihre Ohrmuschel als Folge eines Traumas verloren. Der Altersdurchschnitt lag bei 47,7 Jahren (Standardabweichung 24,0). Unter den Patienten waren acht Frauen und zwölf Männer. 16 Patienten waren mit einer Magnetsuprakonstruktion, vier mit Stegsuprakonstruktionen versorgt.

4.8.1 Klinische Parameter

Bei den 20 nachuntersuchten Patienten (n = 53 Implantate) wurden die Sondierungstiefe und die Sulcus Fluid Flow Rate (SFFR) gemessen. Die beiden erhobenen Parameter lagen in folgendem Bereich:

Der Mittelwert der Sondierungstiefe betrug bei den Implantaten 2,1 mm (min. 0,5 mm, max. 4,7 mm). Die periimplantären Sondierungstiefen waren bei 51 Implantaten (96,2%) geringer als 4 mm (Abb. 30).

Die Sulcus Fluid Flow Rate (SFFR) betrug im Median 1,8 mm (min. 0 mm, max. 8,2 mm). Bei 49 Implantaten (90,6%) lag die SFFR unter 4 mm. Bei sieben Implantaten betrug die SFFR 0 mm. Die genaue Verteilung ist der Abbildung 31 zu entnehmen.


[Seite 47↓]

Abb. 30: Verteilung der periimplantären Sondierungstiefe bei 53 Implantaten

Abb. 31: Verteilung der SFFR bei 53 Implantaten


[Seite 48↓]

Der Mittelwert der Sondierungstiefe und SFFR bei den unteren (am weitesten kaudal gelegenen) Implantaten (n=20) ist größer als der bei den oberen (n=20) und mittleren (n=10) Implantaten (Abb. 32). Der Unterschied der klinischen Parameter bezüglich der Position der Implantate ist allerdings statistisch nicht signifikant (Abb. 33).


Abb. 32: Definition der Implantatposition


[Seite 49↓]

Abb. 33: Mittelwert der Sondierungstiefe und SFFR bei den Implantaten an unterschiedlichen
Lokalisationen

Implantate (n = 8) mit einer Stegsuprakonstruktion zeigen eine höhere SFFR und Sondierungstiefe als solche bei einer Magnetsuprakonstruktion (n = 45). Der Unterschied ist jedoch statistisch nicht signifikant (Tabelle 8).

Tabelle 8: Mittelwerte der SFFR und der Sondierungstiefe bei 53 Implantaten in
Abhängigkeit von der Suprakonstruktion * p > 0,05

Parameter

Mittelwert bei Magnetsuprakonstruktionen (n = 45)

Mittelwert bei Stegsuprakonstruktionen (n = 8)

SFFR(mm)

1,8

2,1

Sondierungstiefe (mm)

2,0

2,6


[Seite 50↓]

Der Mittelwert der periimplantären entzündlichen Hautreaktionen (Score nach Holgers et al. 1988) betrug bei allen Implantaten 1. Die Überprüfung der Hautreaktion ergab bei 22 Implantaten (41,5%) keine Hautreaktionen nach Holgers (Grad 0), es wurden 17 Implantate (32,1%) mit leichter Rötung (Grad 1) beobachtet. Bei zehn Implantaten (18,9%) konnte eine Rötung mit Sekretion beobachtet werden. Die Patienten mit Hautreaktionen Grad 1 und 2 klagten über keine Beschwerden und fühlten sich nicht beeinträchtigt. Bei vier Implantaten war eine lokale Entzündung um die Implantate herum vorhanden (Grad 3) (Abb. 34).

Abb. 34: Verteilung der periimplantären Hautreaktionen bei 53 Implantaten

Eine Überprüfung auf mögliche lineare Zusammenhänge verschiedener klinischer Parameter mittels Spearman-Korrelation zeigte starke Korrelationen zwischen der Sondierungstiefe und der SFFR (Abb. 35).


[Seite 51↓]

Abb. 35: Verteilung der Werte von SFFR und Sondierungstiefe bei 53 Implantaten
Der Korrelationskoeffizent ist 0,62

4.8.2 Subjektive Beurteilung

24 Patienten (57,1%) haben den Fragenbogen beantwortet (s. Seite 78). 18 der 24 befragten Patienten (75%) kamen zu einer regelmäßigen Implantatnachkontrolle. Alle befragten Patienten reinigten ihre Epithese und das Epithesenlager selber und kamen damit gut zurecht. 19 Patienten (79,2%) reinigten einmal pro Tag, zweimalige Reinigung pro Tag wurde von zwei Patienten berichtet. Ein 45-jähriger Patient reinigte nur „alle paar Tage“. Elf Patienten (45,8%) berichteten von gelegentlich auftretenden Schmerzen oder Missempfindungen während der Handhabung der Epithese oder der Reinigung der periimplantären Haut. Darunter berichteten sieben Patienten (29,2%), dass die Schmerzen durch periimplantäre Entzündungen um die Implantate verursacht würden. Hautreizungen und Juckreiz im Bereich der Auflagefläche der Epithesen wurden von drei Patienten (12,5%) angegeben. Ein Patient berichtete über das Auftreten von Druckschmerzen an einer Stelle bei noch verbliebenen Anteilen des Restohres bei längerem Tragen der Epithese.


[Seite 52↓]Die Analyse der Zufriedenheitsbewertung durch die Patienten ergab für das Verfahren der implantatgetragenen epithetischen Versorgung auf der Skala des deutschen Schulnotensystems bei 95,8% der befragten Patienten (n = 24) äußerst zufriedene, sehr zufriedene oder gute Ergebnisse (Bewertungskriterien 1, 2 und 3). Unzufrieden mit der Implantatversorgung war einer der befragten Patienten (Bewertungskriterium 5). Aus der Krankengeschichte konnte entnommen werden, dass der postoperative Heilungsverlauf bei diesem Patienten durch eine Wundheilungsstörung beidseitig kompliziert war.

Bei der Bewertung der Ohrepithese selber waren 91,7% der befragten Patienten zufrieden (Bewertungskriterien 1, 2 und 3). Die Analyse der Zufriedenheitsbewertung ergab für den Halt und das Aussehen der Epithese gleiche Ergebnisse. Unzufrieden mit dem Halt war ein 17-jähriges Mädchen, welches Angst vor einem Verrutschen der Epithese beim Haarekämmen hatte. Kein Patient war unzufrieden (Bewertungskriterien 5 und 6) mit dem Aussehen seiner Ohrepithese. Alle befragten Patienten fühlten sich beim Tragen der Epithese in der Öffentlichkeit sicher und gaben an, dass die Epithese sie bei Tätigkeiten im Alltagsleben nicht beeinträchtige. Zwei Patienten berichteten über die Angst eines Abrutschens ihrer Ohrepithese während sportlicher Betätigung. Die Zufriedenheitsbewertung der befragten Patienten ist in Abb. 36 und 37 dargestellt.


[Seite 53↓]

Abb. 36: Zufriedenheit der Patienten mit dem Verfahren* und der Ohrepithese (deutsches
Schulnotensystem, n = 24) *Verfahren = Verfahren der implantatgetragenen
epithetischen Versorgung

Abb. 37: Zufriedenheit der Patienten mit Halt und Aussehen der Ohrepithese (deutsches
Schulnotensystem, n = 24)


[Seite 54↓]

Die Korrelationsanalyse nach Spearman ergab bei Gegenüberstellung von klinisch erhobenen Parametern (Taschentiefe und SFFR) mit der Zufriedenheit der Patienten keine statistisch signifikanten Werte (Tabelle 9).

Tabelle 9: Korrelation zwischen klinisch erhobenen Parametern mit der Zufriedenheit der
Patienten

  

SFFR

Sondierungstiefe

Hautreaktion

Spearman's rho

Frage 1

Korrelation Koeffizient

-0,13

-0,21

-0,17

 

p-Wert

0,63

0,41

0,60

Frage 2

Korrelation Koeffizient

-0,21

-0,33

-0,21

 

p-Wert

0,43

0,20

0,52

Frage 3A

Korrelation Koeffizient

-0,10

-0,10

0,28

 

p-Wert

0,72

0,71

0,39

Frage 3B

Korrelation Koeffizient

-0,14

-0,23

-0,13

 

p-Wert

0,60

0,37

0,69

14 Patienten (58,3%) trugen ihre Epithesen über zwölf Stunden am Tag; zwei Patienten (8,3%) trugen sie den ganzen Tag. Die Patientin (4,2%), die mit dem Halt der Ohrepithese unzufrieden war, trug die Epithese täglich weniger als sechs Stunden. Die anderen sieben Patienten (29,2%) trugen ihre Epithese sechs bis zwölf Stunden am Tag.

4.9 Zusammenfassung der Ergebnisse

In der Untersuchung betrafen 62,5% der Indikationen für eine Ohrepithese schwere Missbildungen des äußeren Ohres. Bei 60,8% der Patienten erfolgte eine zweizeitige Operation, bei 39,1% eine einzeitige. Insgesamt wurden 156 Implantate sowie eine Epitec®-Trägerplatte im Bereich des Mastoides eingesetzt. Bisher wurde kein Implantatverlust beobachtet, daher liegt die Implantationserfolgsrate bei 100%. Zwölf Patienten (26%) zeigten während der Nachkontrolle keine entzündlichen Hautreaktionen. Hautausdünnungen waren bei sieben Patienten (15,2%) mit rezidivierender Periimplantitis notwendig.


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In der Nachuntersuchung wurden folgende Ergebnisse erhoben:

Bei 41,5% der Implantate gab es keine Hautreaktion (Grad 0). Eine Hauttasche wurde bei allen Implantaten gefunden. Es bestand eine starke Korrelation zwischen der SFFR und der Sondierungstiefe, d. h. die tiefere periimplantäre Tasche war stärker entzündet. Die klinischen Werte unterschieden sich nicht signifikant bezüglich der Implantatposition und der gewählten Suprakonstruktion.

In der subjektiven Beurteilung befanden 91,7% der befragen Patienten die Ohrepithese als „äußerst zufrieden“ , „sehr zufrieden“ oder „gut“ (Bewertungskriterien 1, 2 und 3). Desgleichen gaben 91,7% der Patienten dem Halt und dem Aussehen der Epithese die Bewertungskriterien 1 bis 3. Keine Korrelationen wurden zwischen der subjektiven Beurteilung und den klinischen Werten gefunden.


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30.05.2005