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5  Diskussion

Die Patienten dieser Studie wurden retrospektiv fortlaufend aus den Jahren 1992 bis 2003 ausgewählt. Der Vorteil der retrospektiven Studie besteht darin, dass man nicht auf das Eintreten bestimmter Ereignisse zu warten braucht, sondern sofort mit der Datenauswertung beginnen kann. Dieser Studientyp hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: Zum Zeitpunkt der Datenerhebung war über die spätere Verwendung der Unterlagen zu Studienzwecken nicht bekannt. Es können auch erhebliche Probleme bei der Datenqualität auftreten, wie unvollständige oder falsche Daten aus Krankenblättern. Werden die Patienten nach zurückliegenden Ereignissen befragt, ist man auf ihr Erinnerungsvermögen angewiesen und kann keineswegs sicher sein, immer richtige Antworten zu erhalten. Retrospektive Studien lassen sich sinnvoll bei der Qualitätskontrolle einsetzen oder um die Häufigkeiten bestimmter Komplikationen zu ermitteln. Oft sind die Ergebnisse aus retrospektiven Studien der Anlass zu einer anschließenden prospektiven Studie.

5.1 Indikation

Schon im Jahr 1979 wurden die ersten Ohrepithesen eingesetzt. In der Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie - Klinische Navigation und Robotik der Charité, Campus Virchow Klinkum in Berlin wurde diese Technik hingegen erst im Jahr 1992 eingeführt. In der vorliegenden Untersuchung stehen die kongenitalen Ohrmissbildungen mit 65,2 % an erster Stelle, was gut mit den Angaben in der Literatur übereinstimmt (23, 24). Das durchschnittliche Behandlungsalter liegt bei 38 Jahren mit einer weiten Spanne von 5 bis 94 Jahren. In der Untersuchung von Jacobsson et al. (30) war das Jahr 34 das durchschnittliche Alter zum Zeitpunkt der Behandlung (Spanne: 6 bis 83 Jahre). Bei Nishimura et al. (64) lag das durchschnittliche Alter zum Zeitpunkt der Implantation bei 35,6 Jahren (Spanne: 17 bis 65 Jahre) und bei Watson et al. (65) bei 18 Jahren (Spanne 8 bis 61 Jahre). Anzumerken bleibt, dass 16 von 20 Patienten jünger als 21 Jahre waren.

5.1.1 Chirurgische Verfahren

5.1.2 Intraoperative Komplikationen und Implantatanzahl

Bei der Implantatinsertion wurden bei den untersuchten Patienten keine intraoperativen Komplikationen beobachtet; bei 8,7% der Patienten kam es allerdings zu postoperativen Wundsheilungstörungen. Nach Angaben von Westin et al. (22) sind zwischen 1979 und 1991 in [Seite 57↓]der Abteilung für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde der Universität Göteborg 309 Implantate im Mastoidbereich eingesetzt worden, bei denen keine intraoperativen Komplikationen beobachtet wurden. Nach Schlegel et al. (54) können intraoperative Kompikationen durch sorgfältige CT-Voruntersuchungen vermieden werden. Die postoperative Hospitalisierungsdauer betrug in der von uns untersuchten Patientengruppe ca. neun Tage, vergleichbare Literaturangaben konnten nicht gefunden werden. In der vorliegenden Untersuchung wurden bei 60,9% der Patienten drei Implantate zwecks Fixierung von Ohrepithesen eingesetzt, die übrigen (39,1%) hatten zwei Implantate erhalten. Im Vergleich dazu behandelten Schwipper et al. (32) 86 Patienten mit implantatverankerten Ohrepithesen. Laut seiner Studie wurden nur in der Anfangsphase bei 22,1% der Patienten je drei Implantate inseriert, in einem Fall mit vorbestrahltem Knochen und primär nicht stabiler Verankerung wurden bei zwei primären liegenden Implantaten zwei nachimplantiert. 76,7% der Patienten wurden hier mit jeweils zwei Implantaten versorgt.

5.2 Operationsart und Einheilungszeit

Die Zweischritt-Chirurgie sollte grundsätzlich als gut dokumentiertes Verfahren in der klinischen Routine empfohlen werden, da eine zu frühe Belastung die Gefahr der Bildung fibrösen Gewebes um die Implantate mit sich bringt (27). Die Einheilphase, also die Zeit, in der die Implantate von Haut bedeckt im Knochen einheilen, beträgt in der vorliegenden Studie durchnittlich 3,9 Monate. Eine Einheilungszeit von drei bis vier Monaten wird von vielen Autoren empfohlen, um eine ungestörte Osseointegration zu gewährleisten (29, 66, 67, 68, 69).

Beim einzeitigen Verfahren ist nur einmal eine Operation erforderlich. Tjellström (70) beschränkt die Anwendung des einzeitigen Verfahrens auf nicht bestrahlte erwachsene Patienten. Der Knochen sollte dicker als 3 mm sein und der chirurgische Eingriff sollte ohne besondere Vorkommnisse verlaufen sein. Die Eingliederung der Epithese erfolgt jedoch auch hier nach einer ausreichenden belastungsfreien Phase. Wie das vorliegende Ergebnis zeigt, liegt die Einheilungsphase von der Implantatinsertion bis zur Eingliederung der Epithesen im Einschritt-Verfahren bei durchschnittlich 3,2 Monaten. Federspil et al. (27) ermittelten, dass auch bei einzeitigen Operationen eine Belastung frühestens nach drei Monaten erfolgen darf. Nach einer vergleichenden Studie von Tjellström und Granström (31) wird bei nicht bestrahlten Patienten mit einzeitiger Implantation im Mastoidbereich eine Schonungsphase von acht Wochen empfohlen.


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In der vorliegenden Untersuchung kam es bei beiden Verfahren zu keinerlei Implantatverlusten. Außerdem zeigten sich in den Operationsverfahren keine Unterschiede bezüglich des Alters oder des Geschlechts der Patienten. Diese Ergebnisse bestätigten die Untersuchung von Tjellström und Granström (31), bei der statistisch gesicherte Daten für das einzeitige und zweizeitige operative Vorgehen vorliegen: Im Mastoidberreich liefert die Einschritt-Chirurgie keine schlechteren Ergebnisse.

5.3 Implantationserfolgsrate

Im kompakten Knochen des Mastoidbereiches ist nach Tjellström (70) die höchste Implantationserfolgsrate zu erzielen. In der vorliegenden Studie hatten 93.6% der 156 eingesezten Implantate eine Länge von 4 mm, wobei das Mastoid für diese Implantatlänge genügend Knochen aufwies. Diese Ergebnisse werden auch durch computertomographische Messungen von Klein et al. (40) bestätigt. Reyes et al. (71) ermittelten in einer retrospektiven Studie, dass bei 65 Patienten alle eingesetzten Implantate eine Länge von 4 mm hatten. Nishimura et al. (64) berichteten 1995 über die Behandlung von 13 Patienten mit implantatverankerten Ohrepithesen: Insgesamt 40 Implantate wurden im Mastoidbereich eingesetzt, 34 davon (85%) waren 3 mm, die übrigen (25%) waren 4 mm lang.

Obwohl zwei der untersuchten Patienten verstorben sind und einer offensichtlich nicht zur Nachkontrolle kam, erscheint es nicht gerechtfertigt, solche Implantate (n = 6) als Misserfolg zu beurteilen. In unserer Studie wurden nur die tatsächlichen Implantatverluste bewertet. Die Implantationserfolgsrate liegt daher bei 100%. Untersuchungen von Tjellström und Granström (31) zeigten drei (2,5%) Implantatverluste von 120 zweizeitig im Mastoid eingebrachten Brånemark®-Titanschrauben sowie vier (2,5%) Verluste bei 161 einzeitig implantierten Schrauben. In einer analogen Untersuchung geben Schwipper et al. (32) vier Verluste von 114 zweizeitig eingebrachten Brånemark®-Implantaten im Mastoidbereich mit einer kumulierten fünf- bzw. siebenjährigen Erfolgesrate von 94,9% an. Höhere Erfolgsraten im Bereich des Mastoids werden auch von anderen Autoren angegeben (64, 68, 72, 73, 74, 75). In der vorliegenden Untersuchung findet sich lediglich ein Fall, bei dem ein Epitec-System® zum Einsatz kam. Zu diesem System können deshalb aufgrund unzureichender Daten keine statistischen Analysen durchgeführt werden können. In der Literatur wurden die Implantationserfolgsraten für dieses System mit 100% angegeben (39).


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Bisher wird für die Auswertung des extraoralen Implantationserfolgs im Vergleich zu den intraoralen dentalen Implantaten nur der Implantatverlust als Kriterium für den Misserfolg verwendet. Für die Zukunft wäre ein Erfolgsscore für Implantate vorstellbar, der von objektiv evaluierbaren klinischen Parametern getragen wird.

Klinische Angaben über den Unterschied zwischen dem Brånmark-System® und dem EO-System® gibt es bisher nicht. In Rahmen einer histomorphometrischen Untersuchung über das Einheilverhalten von schraubenförmigen Implantaten nach Gewindevorschneidung (Brånemark®) und selbstschneidenden Implantaten (ITI) fanden Wiltfang et al. (76) nur geringfügige Unterschiede bei der Quantifizierung des Implantat-Knochen-Kontaktes. Anhand dieser Resultate konnte festgestellt werden, dass beide extraoralen Implantatsysteme bei guten Lageverhältnissen und zweizeitigem Vorgehen empfehlenswert sind, bei eingeschränkten (z. B. nach therapeutischer Bestrahlung) Lageverhältnissen sollten selbstschneidende Schraubenimplantate bevorzugt werden (76).

5.4 Implantatinsertion im bestrahlten Knochen

Eine weitere wichtige Einflussgröße für die Implantationserfolgsrate ist eine eventuelle Bestrahlung im Mastoidbereich, die zu deutlich höheren Implantatverlustraten führt (58, 59, 60, 77). Nach Jacobsson (78) sind die Osteozyten zwar relativ radioresistent, die undifferenzierten mesenchymalen Zellen und die Präosteoblasten können jedoch durch eine Bestrahlung zerstört werden; eine später einsetzende Beeinträchtigung der vaskulären Situation im bestrahlten Gebiet kann auch die Osseointegration bremsen (78). In einem schwedischen Krankengut kam es bei bestrahlten Patienten zu einem Implantatverlust von 14% im Mastoidbereich (60). In dem hier untersuchten Patienten-kollektiv erhielten zwei Patienten vor der Implantation eine Bestrahlung. Obwohl bei ihnen keine Implantatverluste beobachtet werden konnten, reicht die klinische Datenmenge nicht aus, um die Erfolgsrate im bestrahlten Mastoid statistisch zu beurteilen.

5.5 Pflege der Ohrepithesen

Bereits vor der Einführung der modernen Kunststoffe wurden die Vorzüge harter und weicher Materialien diskutiert (79). Für unsere Patientengruppe wurden die Ohrepithesen mittels Silikon mit einer Polymethacrylate-Basis (PMMA-Basis) angefertigt. Die aus Silikon angefertigten weichen Epithesen stellen die optimale Versorgung für die untersuchten Patienten dar (80).


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Bei Silikonepithesen ist die Farbe nach zwei bis drei Jahren weitgehend verblichen, die ehemals feine Randgestaltung ist dann verschwunden (51, 53). In der vorliegenden Untersuchung wurden die Epithesen wegen Farbverlust durchschnittlich nach 2,4 Jahren erneuert. Sander et al. (50) berichteten, dass eine Erneuerung von Silikonepithesen aufgrund von Farbverlust nach etwa 18 Monaten Tragezeit eingeplant wird. Nach Roger et al. (73) liegt die durchschnittlich Tragezeit bei 21 Monaten. Erhöhte Anfälligkeit der Ohrepithesen durch Rauchen konnte in dieser Untersuchung nicht bestätigt werden. Laut Menneking et al. (47) wird Silikon durch Zigarettenrauch schon nach wenigen Monaten verfärbt. Eine sorgfältige Reinigung und Aufbewahrung der Epithese ist immer notwendig, um ihre Haltbarkeit zu verlängern.

5.6 Halt der Ohrepithese

Bei den befragten Patienten zeigte sich eine hohe Zufriedenheit (91,3%) mit dem Halt von implantatverankerten Ohrepithesen. Wir können also feststellen, dass mit der hier verwendeten Suprakonstruktion ein guter Halt der Epithese gewährleistet wird. Dieses Ergebnis wird ebenfalls von vielen Autoren bestätigt (22, 66, 81, 82). In der hier untersuchten Patientengruppe wurde die Stegsuprakonstruktion schon seit 1996 nicht mehr eingesetzt. In jüngerer Zeit stand diese Suprakonstruktion in der Literatur jedoch im Vordergrund (73, 83, 84, 85). Die Reinigungsmöglichkeiten bei Stegsuprakonstruktionen im periimplantären Bereich sind allerdings beschränkt (86, 87, 88). Dagegen bietet die Magnetsuprakonstruktion wesentlich einfachere Reinigungsmöglichkeiten für die Patienten (46, 47, 48). Bei der Stegsurpakonstruktion waren die klinischen Werte der SFFR und der Sondierungstiefe im Vergleich zur Magnetsuprakonstruktion höher, diese Ergebnisse sind jedoch statistisch nicht signifikant. Bonding et al. (89) gehen davon aus, dass die Suprakonstruktion zweifellos einen Einfluss auf die Reinigungsmöglichkeiten hat. In einer Studie von Wazen et al. (67) wurde die Stegsuprakonstruktion eines Patienten wegen einer rezidivierenden Entzündung durch eine Magnetsuprakonstruktion ersetzt, wonach keine Periimplantitis mehr auftrat.

5.7 Behandlung bei Kindern und Jugendlichen

Aufgrund der guten ästhetischen Resultate ist die Behandlung mit implantatverankerten Ohrepithesen bei Kindern und Jugendlichen ebenfalls möglich. Kinder leiden auch schon im jüngsten Alter psychisch weniger, wenn sie frühzeitig ein eigenes festes Ohr besitzen (90). Jedoch stellt das unzureichende Knochenangebot im Mastoidbereich von Kindern immer ein großes Problem dar (90, 91). Die Frage nach dem günstigsten Zeitpunkt für eine [Seite 61↓]Implantatinsertion im Kindesalter ist bis heute noch nicht eindeutig geklärt. Schwipper et al. (32) empfehlen, eine Implantatinsertion nicht vor dem zehnten Lebensjahr vorzunehmen und kleinere Kinder statt dessen vorübergehend mit einer Klebeepithese zu versorgen. Hier ist zu beobachten, dass bei jungen Menschen mehr Spongiosa im Mastoid vorhanden ist. Stevenson et al. (92) berichteten über die Behandlung von zwölf Kindern mit Ohrepithesen und BAHA; davon drei unter zehn Jahren. In der vorliegenden Untersuchung wurden fünf Patienten unter zehn Jahren operiert, die Einheilung verlief bei ihnen sehr zügig und alle Implantate blieben in situ. Bei klinischen Fehlbildungen sollte beachtet werden, dass das Kind zu behandeln ist und nicht seine Eltern, die unter Schuldgefühlen leiden und deswegen unter Umständen ein möglichst frühzeitiges und eher aggressives Vorgehen fordern (93).

5.8 Hautzustand um die Implantate

5.8.1 Periimplantitis und ihre Behandlung

Grundsätzlich ist die periimplantäre Entzündung eine der häufigsten Komplikationen. Die Auswertung der bei den regelmäßigen klinischen Nachkontrollen erhobenen Daten zeigt, dass 26% der Patienten dieser Studie bislang keine Hautreaktionen aufwiesen. Im Gegensatz dazu kam es bei einem Drittel der Patienten von Tjellström (94) mindestens einmal zu einer gewissen Entzündungsreaktion an einem perkutanen Pfeiler. Eine retrospektive Studie von Federspil et al. (24) berichtet von 83 Patienten mit implantatverankerten Ohrepithesen, von denen 64% von keinen Hautproblemen oder nur von minimalen oberflächlichen Entzündungen betroffen waren. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch Portmann et al. (74). Mit 26% lag die Rate in der von uns untersuchten Patientengruppe niedriger als in den anderen genannten Studien, welche sich aber aufgrund unterschiedlicher Kritierien schwer miteinander vergleichen lassen. Außerdem bleiben die von uns erhobenen Daten wegen gelegentlicher Recalltermine und der nicht regelmäßigen Teilnahme der Patienten unvollständig.

Bei der durchgeführten Nachuntersuchung zeigten sich an 22 Implantaten (41,5%) keine Hautreaktionen (Grad 0). Im Vergleich dazu berichtete Tjellström 1990 über keinerlei Hautreaktionen ( Grad 0) bei 94 Patienten an 303 Implantaten, 1985 bei 92,9%, 1987 bei 88,8% und 1989 bei 89,3% (29, 95, 96). Die nachfolgende Tabelle stellt den Ergebnissen der vorliegenden Studie solche vergleichbaren Untersuchungen gegenüber.


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Tabelle 10: Vergleich der beobachteten Hautreaktionen um die Implantate in unterschiedlichen Untersuchungen * Das Graduierungssystem nach Holgers (s. Tabelle 1)

Autoren

Jahre

*Grad 0

Grad 1

Grad 2

Grad 3

Grad 4

Tjellström (96)

1989

89,3%

7,0%

2,7%

0,7%

0,3%

Nishimura (64)

1995

55,1%

32,3%

4,7%

5,5%

2,4%

Tolman (68)

1996

53,8%

34,6%

7,3%

4,0%

0,3%

Portmann (74)

1997

87,2%

2,6%

5,1%

5,1%

0%

Eigene Daten

2003

41,5%

32,1%

18,9%

7,5%

0%

Die von uns ermittelte Rate von Score Grad 0 liegt eher im unteren Bereich. Die untersuchten Patienten mit Hautreaktionen Grad 1 und 2 berichteten über keine Probleme. In 7,5% der Fälle kam es zu einer den Patienten beeinträchtigenden klinisch behandlungsbedürftigen Periimplantitis.

Die meisten periimplantären Entzündungen stellten jedoch im allgemeinen keine Probleme dar und sprachen gut auf eine Lokalbehandlung mit H2O2 bzw. antibakteriellen Salben an. Diese Ergebnisse stimmen mit den bereits erwähnten Studien überein (96, 64, 68, 74). Zur Gesunderhaltung des periimplantären Gewebes ist eine regelmäßige Säuberung und evtl. eine gelegentliche Verwendung einer antibiotischen Salbe an der Hautdurchtrittsstelle notwendig (64, 65, 74, 97). Es ist hier möglich, dass die mechanische Reinigung die Akkumulation der exogen entzündlichen Substanzen reduzieren kann (98). Auch Bonding et al. ermittelten (89), dass die mechanische Reinigung und eine lokale antibakterielle Therapie von großer Bedeutung für die Reduzierung der entzündlichen Hautreaktionen sind.

In der vorliegenden Untersuchung wurde bei 15,2% der Patienten eine Hautausdünnung aufgrund einer nicht zu beherrschenden Entzündung durchgeführt. Eine Hautausdünnung wird bei Patienten mit tiefen Taschen, die zu einer stärkeren Entzündung führen, durchgeführt. Viele Autoren berichteten über eine Lösung dieses Problem entweder durch eine weitere Ausdünnung [Seite 63↓]des subkutanen Gewebes oder durch eine Transplantation von freier haarloser Haut (99, 100). Es ist bekannt, dass die Hautausdünnung mit Epilation der Vermeidung von Gewebebewegung und der Vermeidung von einer Taschenbildung um die Implantate dient. Diese Taschen haben eine entzündungsfördernde Wirkung (23).

5.8.2 Sondierungstiefe und SFFR

Periimplantäre Hauttaschen sind in unserer Studie bei allen untersuchten Implantaten beobachtet worden; gleichwohl spricht dieses Ergebnis für die Notwendigkeit einer stärkeren periimplantären Hautausdünnung. Lö und Mitarbeiter haben in einer Langzeitstudie in der Parodontologie belegt, dass mit der Messung der SFFR intraoral an den Zähnen eine Entzündung zu erkennen ist, bevor klinische Zeichen sichtbar werden (101). In einigen histomorphometrischen Untersuchungen zur periimplantären Haut wurde ebenfalls nachgewiesen, dass entzündliche Zellen ohne das Auftreten von klinischen Entzündungszeichen beobachtet werden können (102, 103). Klein et al. (104) haben die Bestimmung der SFFR bei extraoralen Implantaten zur Beurteilung des Entzündungszustandes erfolgreich getestet. Ein mittlerer Wert der SFFR kann bereits eine initale Periimplantitis anzeigen, weshalb hier eine intensive Pflege sowie regelmäßige Nachkontrollen notwendig sind. In der vorliegenden Untersuchung kann eine starke Korrelation zwischen der SFFR und der Sondierungstiefe festgestellt werden; dies unterstreicht, dass tiefe Taschen immer höhere SFFR-Werte haben. Die meisten Autoren bestimmen die periimplantären Weichteilverhältnisse mittels des Graduierungssystems nach Holgers. Konkrete Angaben zum Vorliegen der SFFR und der Sondierungstiefe bei extraoralen Implantaten finden sich in der Literatur nicht.

In der vorliegenden Untersuchung wurden bei den unteren (am weitesten kaudal gelegenen) Implantaten höhere klinische Werte der SFFR wie auch der Sondierungstiefe gefunden. Dieses Ergebnis weist darauf hin, dass man die unteren periimplantären Weichgewebe genügend ausdünnen sollte, da es bei Bewegungen um die Implantate zum Einreißen der ohnehin fragilen Verbindung (bei tieferen Taschen) zwischen der Haut und der Implantatoberfläche kommen kann. Leider werden in anderen Studien keine Angaben über Hautreaktionen bezüglich der Implantatposition im Bereich des Mastoids vorgenommen, so dass ein Vergleich mit anderen Studien nicht möglich ist. Die Prüfung eines eventuellen Zusammenhangs zwischen der Zufriedenheit der Patienten und der klinischen Parametern ergab keine Korrelationen. Es kann angenommen werden, dass für die untersuchten Patienten das ästhetische Ergebnis [Seite 64↓]überwiegendes Kriterium war und daher leichte Hautreaktionen (Grad 1 oder 2) übersehen oder nicht beachtet wurden.

Obwohl zwischen SFFR und der Sondierungstiefe eine starke Korrelation zu konstatieren ist, erlaubt die Sondierungstiefe allein keine vergleichenden Aussagen über die periimplantäre Situation bei Implantaten. Ausgehend von unseren Ergebnissen wird die Anwendung objektiver klinischer Parameter wie SFFR empfohlen, wodurch genauere Informationen über den Hautzustand erhalten werden können. Knabe et al. (62) ermittelten in einer Studie, dass die SFFR besser als die Sondierungstiefe für die Überprüfung der Exit-site-Infektion bei perkutanen Implantaten geeignet ist. Es sollte jedoch weitere Studien durchgeführt werden, um festzustellen, ob die Messung der SFFR den Ursprung einer möglichen Tascheninfektion vorhersagen kann. Einen Score, aufbauend auf der SFFR, gibt es allerdings bisher noch nicht. Um die SFFR in Beziehung zum Grad der vorliegenden Gewebeentzündung zu setzen, könnten histologische Untersuchungen oder Entzündungsmessungen bei Hauttaschen durchgeführten werden.

5.8.3 Beeinflussung der klinischen Werte

Die Ergebnisse der perimplantären Weichgewebe der vorliegenden Studie entsprechen den guten hygienischen Voraussetzungen in unserer Patientengruppe. Laut Fragebogenerhebung kamen alle befragten Patienten mit der Reinigung gut zurecht. In der vorliegenden Studie traten 60,5% der entzündlichen Hautreaktionen im ersten und zweiten Nachkontrolljahr auf. Diese Tendenz lässt sich auf die intensiven Nachkontrollen während dieser beiden Jahre zurückführen (s. Abb. 9). Reyes et al. (71) zeigten in einer retrospektiven Studie ebenfalls eine geringe Häufigkeit der entzündlichen periimplantären Hautreaktionen bei längeren Nachkontrollzeiten. Ursache mag eine Auffrischung der Pflegeanweisungen und Motivationen der Patienten sein. Nach Abu-Serriah et al. (75) sollte die infektionsanfällige periimplantäre Hautreaktion in regelmäßigen Recallsitzungen kontrolliert werden.

5.8.4 Periimplantäre Schmerzen

45,8% der für die vorliegende Untersuchung befragten Patienten berichteten über gelegentliche periimplantäre Schmerzen, die vermutlich als von der Entzündung abhängig zu betrachten sind. In histologischen Untersuchungen an Implantaten im Mastoidbereich bei Patienten mit chronischen Schmerzen zeigte sich eine Akkumulation von entzündlichen Zellen im Verbundbereich zwischen Haut und Implantaten, besonders unter dem Flansch von Implantaten [Seite 65↓](105, 106). Mylanus et al. (107) untersuchten vier Patienten mit chronischen periimplantären Schmerzen und leichten periimplantären Entzündungen. Nach Entfernung der Abutments und der darauf folgenden lokalen Therapie verminderten sich die Schmerzen jedoch nicht, weshalb die Autoren hier einen psychischen Einflussfaktor in Betracht zogen.

5.9 Ästhetische Ergebnisse

Die ästhetischen Ergebnisse sind ein wichtiger Aspekt zur Beurteilung der implantatverankerten Ohrepithese. Das natürliche Aussehen einer Gesichtsepithese ist für das kosmetische Ergebnis von entscheidender Bedeutung. Alle befragten Patienten sind mit Epithesen von gutem ästhetischen Aussehen versorgt worden, 91,7% der Patienten zeigen sich zufrieden mit ihrer Ohrepithese. Giesel (108) berichtet von 97% unter 32 Patienten, die die Ästhetik ihrer Epithese mit „sehr gut” oder „gut” beurteilten. Auch Schwipper (32) and Bull (8) konnten eine außerordentliche Zufriedenheit der Patienten mit ihrer Epithese nachweisen. 95,8% der von uns befragten Patienten trugen ihre Epithesen täglich, was die hohe Zufriedenheit der Patienten noch unterstreicht. Vergleichbare Zahlen finden sich bei Westin et al. und Proops (109, 110): 95% der Patienten tragen hier täglich ihre Epithesen.

5.10 Schlussfolgerungen

Obwohl mögliche Implantatverluste, wie auch im eigenen Patientengut beobachtet wurde, als Folge unterbliebener Osseointegration beschrieben sind (64), ist die Erfolgsrate der Implantation im Mastoidbereich sehr hoch. Als Nachteile sind eventuelle Probleme der periimplantären Weichteile zu nennen. Trotz Verwendung des Graduierungsystems von Holgers reicht dieser subjektive Parameter jedoch nicht aus, um den Hautzustand genau zu bewerten. Es können zusätzlich objektive Parameter wie die SFFR eingesetzt werden, um genauere und frühzeitigere Informationen über den Hautzustand um die Implantate herum zu erhalten. 91,7% der von uns befragten Patienten zeigten sich zufrieden mit ihrer Ohrepithese. Dieses Resultat zeigt, dass die implantatverankerten Ohrepithesen bei schweren Missbildungen oder Komplettverlust des Ohres einen guten und sicheren Halt aufweisen sowie für die Patienten gute ästhetische Ergebnisse liefern.


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30.05.2005