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1  Einleitung und Aufgabenstellung

In Deutschland führte die Reduzierung der Milchrindbestände zur Aufgabe der Nutzung großer Grünlandflächen durch das Produktionsverfahren Milchproduktion. Dieses Grünland zu pflegen und für folgende Generationen zu erhalten ist Aufgabe der gesamten Gesellschaft.

Daher ist nach Hochberg (2000) die Aufrechterhaltung einer flächendeckenden Landbewirtschaftung erklärtes Ziel der gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Gemeinschaft. Sklenar (2000) bestimmte die flächendeckende Landbewirtschaftung als wesentliches Ziel der Agrarpolitik in Thüringen. Seine vorrangigen Aufgaben im Boden-, Gewässer- und Ressourcenschutz kann das Grünland nur bei angemessener Nutzung erfüllen (Kerschberger 2000).

Die Mutterkuhhaltung ist neben der Schafhaltung das einzige extensive, tiergebundene Grünlandnutzungsverfahren in Deutschland. Sie gilt nach Meinung von Brehme et al. (1997) heute als am besten geeignete Form der Nutzung extensiver Grünland- und Restgrünlandstandorte sowie zur Offenhaltung und Pflege der Kulturlandschaft und Landschaftspflege.

Der Anspruch an das Produktionsverfahren Mutterkuhhaltung landschaftspflegend zu wirken, die gesellschaftlichen Ansprüche an die Flächennutzung sowie der Trend zur ökologischen Landwirtschaft führten zu einer Extensivierung der Grünlandnutzung. Der mit der Extensivierung einhergehende, weitgehende Verzicht auf mineralische Düngung ist verbunden mit Nährstoffverarmung der Böden, Veränderungen der Pflanzenbestände und damit auch mit Veränderungen der Inhaltsstoffe der auf diesen Böden wachsenden Futtermittel. Weiterhin bedeutet Extensivierung oft die Nutzung von späten Grünland­aufwüchsen, was geringere und schwankende Nährstoffgehalte der Futtermittel bewirkt.

Die entscheidenden Änderungen bei der Nutzung des Grünlandes entwickelten sich wie die Mutterkuhhaltung als Zweig der landwirtschaftlichen Produktion in Deutschland erst während der letzten Jahre. Deshalb sind die unter den Bedingungen der Produktionsstandorte in Deutschland über die Mutterkuhhaltung gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht ausreichend. Es besteht ein wissenschaftlicher Forschungsbedarf für das Produktions­verfahren Mutterkuhhaltung.

Eine weitere Ursache für die bislang mangelnde wissenschaftliche Bearbeitung des Produktionsverfahrens Mutterkuhhaltung ist die weit verbreitete Meinung, als extensives Produktionsverfahren bedürfe die Mutterkuhhaltung keiner intensiven wissenschaftlichen Forschungen. Es ist falsch vorauszusetzen, dass die natürlichen Abläufe des Reproduktionsprozesses einer Fleischrindpopulation ohne wesentliche Einflussnahme gute Produktionsergebnisse in der Mutterkuhhaltung garantieren. Beleg dafür sind die zwischen den einzelnen Betrieben stark schwankenden Fruchtbarkeitsergebnisse der Mutterkühe, Kälberverluste und Körpermassezunahmen der Kälber. Auf Grund der äußerst engen Einkommensgrenzen ist in der Mutterkuhhaltung ein intensives Management nötig. Grundlage für richtige Managemententscheidungen müssen gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse sein.

Auch Erkenntnisse und Kennzahlen aus der Milchviehhaltung können nur bedingt in der Mutterkuhhaltung angewendet werden. Dieses Produktionsverfahren hat andere Produktionsziele. Infolgedessen werden von Mutterkühen auch andere Leistungen gefordert als von Milchkühen. Deshalb kommen in der Mutterkuhhaltung andere Rinderrassen und andere Futtermittel zum Einsatz. Weiterhin werden Mutterkühe, im Gegensatz zu den meisten Milchkühen, zumindest während der gesamten Vegetationsperiode, auf der Weide gehalten und überwiegend mittels natürlichem Deckakt belegt.

Die Forderung nach einer intensiven, eigenständigen Forschung für das Produktionsverfahren Mutterkuhhaltung ist also begründet.


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Im Rahmen dieser Arbeit sollen unter den Bedingungen der ökologischen Landwirtschaft praktische Untersuchungen zu den Reproduktionsleistungen von Mutterkühen und zur Aufzucht von Mutterkuhkälbern angestellt werden.

Reproduktion und Kälberentwicklung

Die Beziehungen zwischen den Reproduktionsergebnissen der Mutterkühe einerseits und Kalbezeitraum, Belegungszeitraum, zeitlichem Abstand der Belegungsperiode p.p. sowie äußeren Einflussfaktoren andererseits sind zu untersuchen.

In Mutterkuhherden wird die Zwischentragezeit reglementiert, indem Zuchtbullen erst nach einer festgelegten Zeit p.p. den Herden zugestellt werden. Vielfach laufen die Bullen auch schon vor und während der Kalbezeit in den Herden mit, wodurch die Zwischentragezeit ausschließlich von den physiologischen Abläufen bei den Kühen p.p. und den Leistungen der Zuchtbullen bestimmt wird. In dieser Arbeit soll herausgearbeitet werden, in welchem Umfang unter Praxisbedingungen der Zeitpunkt der Zustellung des Zuchtbullen im Verhältnis zum Kalbezeitpunkt die Zwischentragezeit beeinflusst, um diesen Zeitpunkt optimieren zu können.

Für Unternehmen mit Mutterkuhhaltung ist die Wahl des günstigsten Kalbe- und Belegungszeitraumes von entscheidender Bedeutung. In dieser Arbeit sollen die Einflüsse unterschiedlicher Kalbe- und Belegungszeiträume auf die Fruchtbarkeit der Mutterkühe unter den speziellen Bedingungen des Untersuchungsbetriebes untersucht werden, um daraus Empfehlungen zur Wahl der günstigsten Kalbeperiode zu erarbeiten.

Ernährung und Kälberentwicklung

Es sollen mit verschiedenen Varianten der Konzentratzufütterung auf das Einzeltier bezogene Erkenntnisse zur Kraftfutteraufnahme durch Mutterkuhkälber und deren Einfluss auf die Lebendmasseentwicklung der Kälber gewonnen werden, um Empfehlungen zur effektiven Fütterung von Mutterkuhkälbern geben zu können. Auf dieser Grundlagen weden Berechnungen zur Wirtschaftlichkeit des Kraftfuttereinsatzes bei Mutterkuhkälbern durchgeführt.

Kälber aus der Winterkalbung zeigen zum Ende des Winters im Stall sowie im Sommer bei nachlassendem Futterangebot auf der Weide bei gleichzeitig zurückgehender Milchleistung der Mutterkühe oft ernährungsbedingte Entwicklungsdepressionen. Das genetische Entwicklungspotential der Kälber wird nicht ausreichend genutzt.

Zur Abhilfe besteht die Möglichkeit, den Kälbern Kraftfutter zuzufüttern. Bei der Zufütterung während des Sommers auf der Weide verursachen große Transportentfernungen zu den Weiden und für die Ausstattung mit entsprechender Fütterungstechnik ungeeignetes Gelände in einer Vielzahl von Unternehmen hohe Kosten. Außerdem sind Schäden, die an der Grasnarbe der Weiden im Bereich der Fütterungsplätze entstehen, erheblich und in landschaftlich sensiblen Gebieten problematisch.

Durch gezielte Konzentratzufütterung während der Stallhaltung könnte einerseits mittels zusätzlichem Nährstoffangebot die Kälberentwicklung im Winter verbessert und andererseits die Vormagenentwicklung der Kälber gefördert werden, da durch die bei Kraftfuttergabe vermehrt im Pansen gebildete Butter- und Propionsäure die Pansenschleimhaut stimuliert und damit deren Entwicklung und das Pansenzottenwachstum vorangetrieben werden. Dadurch könnten die Kälber zum Zeitpunkt des Weideaustriebes pansenphysiologisch in der Lage sein, höhere Mengen an Grundfutter auf der Weide aufzunehmen und zu verwerten, so dass die später nachlassende Milchaufnahme und die damit verbundene Futterumstellung keine oder weniger intensive Entwicklungsdepressionen zur Folge haben und das physiologische Entwicklungspotential der Kälber nutzbarer gemacht wird.

Die Praktikabilität dieses Fütterungsverfahrens ist im Rahmen dieser Arbeit zu untersuchen.


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Bei nachlassender Milchleistung im letzten Laktationsdrittel der Kühe und gleichzeitig schlechtem Grundfutterangebot wird Mutterkuhkälbern oft Kraftfutter zugefüttert. Diese Konzentratfütterung erfolgt meist ad libitum. Die hierbei beobachtete, sehr differenzierte Lebendmasseentwicklung der Kälber lässt auf unterschiedliche Mengen aufgenommenen Kraftfutters schließen.

Im Rahmen dieser Arbeit ist bei Mutterkuhkälbern aus der Sommerabkalbung tierindividuell der Einfluss der aufgenommenen Kraftfuttermenge auf die Lebendmasseentwicklung zu ermitteln und die Effektivität der Kraftfutterverwertung zu untersuchen.


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25.04.2005