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1.  Einleitung

Warum Wassergeburt ? Die Geburt eines Kindes, in besonderem Maße die des ersten Kindes, bedeutet einen großen Einschnitt in das Leben einer Frau und in das Leben eines Elternpaares.

Die Bedeutung der Geburt als "Life-Event", als einzigartiges Lebens-Ereignis (Kentenich 1998) rückt in der Gesellschaft immer mehr ins Bewusstsein. So entsteht von Seiten der werdenden Eltern die Forderung an die klinische Geburtshilfe, neben der größtmöglichen medizinischen Sicherheit Raum zu gewähren für eine -soweit im klinischen Rahmen mögliche- individuelle Gestaltung der Geburt. Vetter (1996) spricht in diesem Zusammenhang von der "Apparate- zur Mütter-orientierten Medizin".

Der Ort, an dem Kinder zur Welt kommen, wird von Foucault als "Heterotopie" bezeichnet. Dies ist ein Ort des gesellschaftlichen Rückzugs in Krisensituationen (Foucault zitiert nach Barck 1993). Darin kommt zum Ausdruck, dass die Geburt als Krisensituation eine Regression bedeutet. Auch aus psychoanalytischer Sicht regrediert eine Frau unter der Geburt. Hierzu passt die Symbolik des Wassers. Sie steht in der Psychoanalyse für Regression. Eine Studienteilnehmerin fasst dies sehr anschaulich in Worte, indem sie auf die Frage "Warum haben Sie sich zur Wassergeburt entschlossen?" antwortet: "es ist, wie wenn man selbst noch im Fruchtwasser läge".

Zu der beschriebenen Psychodynamik passt auch der Begriff "privacy", der von Odent (1992) verwendet wird. Er bedeutet Rückzugsmöglichkeit und Isolation unter der Geburt, die der Gebärenden ermöglichen, sich auf dieses sehr ursprüngliche und instinktive Ereignis einzulassen. Die Umgebung des Wassers wird in diesem Zusammenhang als Raum gesehen, durch den eine Intimsphäre entsteht, die einen positiven Einfluss auf die Geburtsvorgänge nimmt.

Vielleicht ist der dargestellte psychodynamische Hintergrund mit verantwortlich für die zunehmende Beliebtheit der Wassergeburt. Auch die Beobachtung, dass die Umgebung des Wassers einen begünstigenden Einfluss auf die psychischen und physiologischen Geburtsprozesse ausüben kann, wird hier eine Rolle spielen.

In der vorliegenden Studie sollen die Geburtsmodi Wassergeburt und Bettgeburt in bezug auf geburtshilfliche Parameter miteinander verglichen werden. Anhand dieser Parameter [Seite 8↓]soll auch die Sicherheit von Wassergeburten reflektiert werden. Weiterhin soll untersucht werden, ob die Möglichkeit der Wahl des Geburtsmodus, die wir im Kontext individueller familienorientierter Geburtsgestaltung sehen, einen Einfluss auf das subjektive Geburtserlebnis der Frauen hat. Die informellen und assoziativen Hintergründe - und damit verbundene Erwartungen - zur Wassergeburt sollen erfragt werden.

Als Instrument dient ein Fragebogen, der nach der Geburt von den Eltern oder von der Mutter ausgefüllt wurde.

Die vorliegende Studie soll ein Beitrag zur Diskussion um Wassergeburten sein; einer Diskussion, die sich zwischen den mit diesem Geburtsmodus verbundenen Vorteilen für Mutter und Kind und den Wünschen der werdenden Eltern auf der einen Seite und der medizinischen Sicherheit auf der anderen Seite bewegt.


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11.03.2005